VORLESUNGEN
KINDERKRANKHEITEN.
Vorlesungen
über
KINDERKRANKHEITEN.
Ein Handbuch
für
Aerzte und Studirende
von
Dr. Eduard Henoch,
Geh. Medicinalrath| Professor an der Universität und Pirector der Klinik und Poliklinik
für Kinderkrankheiten im Königl. Charite-Krankenhause zu Berlin.
Siebente Auflage.
Berlin 1893.
Verlag von August Hirschwald.
NW. Unter den Liudon
R3 7/
B2>3 H
Vorrede zur ersten Auflage.
Das vorliegende Buch enthält fast ausschliesslich die persönlichen
Erfahrungen, welche ich während einer siebenunddreissigjährigen Praxis
und einer fast unausgesetzten poliklinischen Thätigkeit im Gebiete der
Kinderkrankheiten zu sammeln Gelegenheit hatte. Die im Jahre 1872
mir übertragene Leitung der Kinderklinik in der Königl. Charite setzte
mich in den Stand, nicht nur die bereits sehr grosse Zahl meiner Be-
obachtungen in allen Perioden des Kindesalters auf eine ungewöhnliche
Höhe zu bringen, sondern demselben auch die sichere anatomische Grund-
lage zu geben, welche die poliklinische und Privatpraxis für sich allein
niemals gewähren kann. Nur auf ein so massenhaftes, genau beobach-
tetes, und alle Schichten der grossstädtischen Bevölkerung umfassendes
Material gestützt, konnte ich es wagen, für diese fast gänzlich aus eigener
Erfahrung hervorgegangene Arbeit den Titel „Handbuch für Aerzte und
Studirende" in Anspruch zu nehmen.
Dass die Beobachtungen des einzelnen Arztes trotzdem lückenhaft
bleiben, dass ihm, je älter und erfahrener er wird, immer noch neue,
den früher erlebten theilweise widersprechende Thatsachen entgegentreten,
ist selbstverständlich, und schon aus diesem Grunde wird man nicht
erwarten dürfen, in diesem Buche alles Krankhafte beschrieben oder
auch nur erwähnt zu finden, was bei Kindern überhaupt vorkommen
kann. Ausserdem halte ich es nicht für angemessen, ein Werk über
Kinderkrankheiten mit ermüdenden Wiederholungen von Dingen zu be-
lasten, welche in allen Büchern über allgemeine und specielle Pathologie
und Chirurgie ausführlich abgehandelt werden, und deren Kenntniss ich
schon bei meinen klinischen Zuhörern, noch weit mehr bei meinen
Lesern voraussetzen darf. Nur diejenigen Krankheiten des Kindesalters,
VI Vorrede.
welche sich durch eine überwiegende Frequenz oder durch Eigentümlich-
keit ihrer Erscheinung vor deu gleichen Affectionen der Erwachsenen
auszeichnen, sollen den Gegenstand dieser Arbeit bilden, und deshalb
blieb auch die Variola, welche heutzutage bei Kindern eine Seltenheit
geworden ist, ausgeschlossen. Mein Schweigen über die Vaccination aber
kann ich nur dadurch entschuldigen, dass ich den unzähligen Abhand-
lungen über dieselbe aus eigener Erfahrung nichts Wesentliches hätte
hinzufügen können.
Ueber die Wahl der Vorlesungsform brauche ich heut, wo dieselbe
längst Mode geworden, kein Wort zu verlieren. Ohne ihre Mängel zu
verkennen, halte ich doch die Vortheile dieser Form, die Zwanglosigkeit
und angenehme Leetüre, für überwiegend. Dazu kommt noch der Um-
stand, dass sie die Einschaltung casuistischer Mittheilungen, welche hier
die Stelle von Illustrationen vertreten, bedeutend erleichtert. Gerade
mit dieser zahlreichen Casuistik, welche ich dem Leser biete, hoffe
ich ihm einen Dienst zu leisten, und bitte daher, dieselbe nicht zu über-
schlagen. Ich war stets bemüht, die „Fälle" möglichst kurz zu fassen,
die Hauptpunkte, um die es sich handelt, hervorzuheben, und die un-
erträgliche Breite und Langweiligkeit „exaeter" Krankengeschichten zu
vermeiden.
Dass ich nicht bloss den klinischen Schilderangen, sondern auch
den therapeutischen Empfehlungen nur meine eigene Erfahrung zu
Grunde legte, wird gewiss jeder Arzt billigen, welcher das in den
meisten Compendien beliebte kritiklose und verwirrende Nebeneinander-
stellen vieler Mittel und Methoden zu seinem Schaden kennen gelernt
hat. Die dem Buche beigegebenen Receptformeln, auf welche im Text
durch die Bezeichnung F. ], 2 u. s. w. hingewiesen wird, halte ich für
kein Verbrechen gegen die Wissenschaft. Aeltere Aerzte können sie
entbehren; jüngeren, auf deren Wünsche ich besonders Rücksicht nahm,
werden sie eine willkommene Handhabe für den Anfang ihrer Kinder-
praxis bieten.
Berlin, im Januar 1881.
Der Verfasser.
Vorrede zur siebenten Auflage.
In der Vorrede zur zweiten Auflage dieses Buches, welches zwei Jahre
nach der ersten, im April 1883, erschien, schrieb ich Folgendes: „Auch
waren mir von nah und fern so viele Beweise von Befriedigung und
Anerkennung zugegangen, dass ich, selbst wenn der äussere Erfolg minder
glänzend gewesen wäre, mich nicht veranlasst gefühlt hätte, von dem
Grundplan des Werkes in irgend einer Weise abzugehen. Durch die
Heranziehung vieler experimenteller, anatomischer und chemischer Dinge
kann man freilich einer klinischen Arbeit leicht das bestechende Gepräge
modernster Wissenschaftlichkeit geben. Ich verzichte aber auch in dieser
neuen Auflage auf diese Art der Darstellung, welche überall ihre Hypo-
thesen und Erklärungen bereit hält, und besonders auf den Anfänger
mehr verwirrend als klärend wirkt. Das Gährungsstadium, in welchem
sich ein Theil unserer Hülfswissenschaften jetzt befindet, erfordert dringend
die strengste Sichtung und Kritik, wenigstens für Zwecke, um welche es
sich hier handelt. Mir lag es vor allem daran, dem Leser gegenüber
in vollem Sinne des Wortes wahr zu sein, strenge Selbstkritik, besonders
auch in therapeutischen Dingen, zu üben, weil gerade hier soviel gesündigt
wird, und aus der Fülle selbst beobachteter Thalsachen eine sichere
Grundlage für weitere Studien zu construiren."
Ich kann diese Sätze heut mit gutem Gewissen wiederholen. Die
Thatsache, dass im Jahre 1889 die vierte, 1891 die sechste und schon
im laufenden Jahre die siebente Auflage nothwendig wurde, dass ferner
das Werk in viele Sprachen übersetzt und von der „New Sydenham Society"
VIII Vorrede.
in London in ihre Sammlung aufgenommen worden ist1), beweist, dass
mein Weg der richtige war.
Die fortschreitende Entwickelung der Pädiatrie und die stets wach-
sende Zahl eigener Erfahrungen machten eine Umarbeitung einzelner
Abschnitte und mannichfache Ergänzungen nothwendig, welche ausser
anderen insbesondere die Kapitel über Diphtherie, Anämie und Rachitis
betreffen. Dem letzteren habe ich den sogenannten Scorbut der Kinder
deshalb angeschlossen, weil ich keinen passenderen Platz für diese noch
problematische Affection zu finden wusste. Durch möglichste Kürzung
des minder Wesentlichen und durch Ausscheidung älterer Krankheitsfälle
suchte ich Raum für diese Erweiterungen zu gewinnen, ohne den Umfang
des Werkes erheblich zu vermehren, und aus diesem Grunde wird man
auch ein näheres Eingehen auf drei Gruppen von Untersuchungen ver-
missen, welche im letzten Decennium eine grosse Reihe von Forschern
beschäftigt haben, und denen in den meisten neueren Werken über Pädi-
atrie ein breiterer Raum eingeräumt wird. Sie betreffen die Säuglings-
ernährung, die Pathologie des kindlichen Blutes und die bacteriologischen
Verhältnisse.
Leider sind die Resultate dieser an sich sehr verdienstlichen und
äusserst schwierigen Arbeiten bis jetzt weit hinter der aufgewandten
Mühe zurückgeblieben. Die Praxis hat wenig oder nichts dabei gewonnen,
und sogar anscheinend fest begründete Dinge, wie die Unfehlbarkeit des
Diphtheriebacillus, stehen heut wieder auf etwas schwankendem Boden.
Aber die Hoffnung, dass dieser „Wechsel auf die Zukunft" in nicht zu
ferner Zeit eingelöst werden wird, wollen wir nicht aufgeben.
') Lectures on Children's diseases. A Handbook for practitioners and
students by Dr. E. Iienoch. Translated Crom the 4. edition by .1. Thpmson.
Vol. I and II. London 1889.
Berlin, im Juli 1893.
Der Verfasser.
Inhalts-Verzeichniss.
Einleitung und Untersuohungsmethode
Seite
1
Erster Abschnitt.
Krankheiten der Neugeborenen.
Icterus neonatorum . .
Trismus s Tetanus neonatorum . .
Cephalhämatom . .
Hämatom des Sternocleidomastoideus
Anschwellung der Brustdrüsen
Erysipelas neonatorum . .
Sclerema neonatorum . .
Pemphigus neonatorum . . .
Aphthen des Gaumens . .
Melaena neonatorum . .
21
2G
32
35
37
39
45
51
5G
59
Zweiter Abschnitt.
Krankheiten des Säugrlingrsalters.
I. Die atrophischen Zustände der Kinder
IL Der Soor . ...
III. Die hereditäre Syphilis . . ....
Die Syphilis des späteren Kindesalters .
IV. Die Dyspepsie der Säuglinge . .
V. Die Coryza der Säuglinge .... . . .
VI. Der Retropharyngealabscess .... . .
VII. Die Dentition und ihre Erscheinungen
G3
78
84
111
114
130
134
142
Dritter Abschnitt.
Krankheiten des Nervensystems.
I. Die Convulsionen der Kinder
Epilepsie ... •
II. Der Stimmritzenkrampf
149
162
165
Inhalts-Verzeicbniss.
III.
IV.
V.
VI.
VJJ.
VIII.
IX.
X.
XI.
xn.
xm.
XIV.
XV.
XVI.
XVII.
xvrii.
XIX.
Die idiopathischen Contracturen . . . . .
Tremor .
Der Niekkrampf, Spasmus nutans
Der Veitstanz, Chorea minor . . •
Chorea electrica ... ....
Die hysterischen Affectionen der Kinder . .
Chorea magna. ... . ■
Das nächtliche Aufschrecken. Pavor noeturnus
Peripherische Lähmungen
Paralyse des N. facialis . . •
Paralyse des Plexus brachialis . . .
Die spinale Kinderlähmung . ...
Andere Krankheiten des Rückenmarks .
Die Pseudohypertrophie der Muskeln . . . .
Die Haemorrhagie des Gehirns ....
Die Tuberculose des Gehirns . . . •
Gesclrwülste des Gehirns . .
Die cerebrale Kinderlähmung . . ....
Der chronische Wasserkopf, Hydrocephalus chronicus
Die Hyperämie des Gehirns. Thrombose der Sinus
Die tuberculose Meningitis . . . .
Die purulente Meningitis ...
Neuralgien . ...
Migräne . . . .... ...
Seite
174
176
177
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224
22G
22G
230
232
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248
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257
2G9
273
279
291
297
315
32G
32G
Vierter Abschnitt.
Kraiikheiteu der Respirationsorgane.
I. Die Entzündung der Nasenschleimhaut, Rhinitis ...
II. Der Pseudocroup . . .
III. Die Atelectase der Lunge .... . . .
IV. Die entzündlichen Affectionen des Kehlkopfes und der Luftröhre
V. Die Bronchitis und Bronchopneumonie . . ...
VI. Die „fibrinöse" Pneumonie . . ... ....
VII. Die chronische Pneumonie
VIII. Die Pleuritis .
IX. Die Tuberculose der Lunge .... . . ....
X. Der Lungenbrand
XI. Der Keuchhusten
331
333
336
340
355
374
388
392
40G
421
424
Fünfter Abschnitt.
Krankheiten der Circnlationsorgane.
J. Die angeborene Cyanose
11. Die Entzündungen der Herzhäute und des Herzmuskels
441
446
Tnhalts-Verzeichniss.
XI
I.
II.
in.
IV.
v.
vi.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
XV.
XVI.
XVII.
XVIII.
XIX.
Sechster Abschnitt.
Krankheiten der Verdanungsorgane.
Die entzündliehen Affeetionen der Mundschleimhaut
Der Mundbrand, Noma . ...
Die entzündlichen Affeetionen des Pharynx .
Hypertrophie der Mandeln .
Die contagiöse Parotitis
Die Entzündung des Bodens der Mundhöhle
Die Verengerung der Speiseröhre . .
Die Krankheiten des Magens ... . .
Dyspepsia gastrica ... . . .
Cardialgie
Der Brechdurchfall . . .
Der Darmcatarrh
Die Ruhr, Dysenterie . . •
Die Stuhlverstopfung .
Die Darmeinschiebung . .
Die Mastdarmpolypen . .
Der Mastdarmvorfall . . .
Die Entozoen . . . .
Die acute und chronische Peritonitis
Die Tubereulose der Unterleibsorgane
Die Krankheiten der Leber . . .
Die Krankheiten der Milz ....
Die Geschwülste der Bauchhöhle
Seile
462
469
470
478
480
483
484
488
489
494
497
505
513
519
525
530
533
537
550
559
573
584
589
Siebenter Abschnitt.
Krankheiten der uropoetischen Organe.
I Die entzündlichen Affeetionen ... ....
II. Störungen der Harnexcretion . . .
III. Krankheiten der äusseren Genitalien ....
Achter Abschnitt.
Die Infectionskrankheiteu.
I. Das Scharlachfieber ....
IL Die Masern ...
III. Die Windpocken
IV. Die Diphtherie
V. Der Typhus abdominalis
Febris intermittens
595
G31
G40
652
698
722
728
778
815
Neunter Abschnitt.
Constitutiouelle Krankheiten.
I. Der Rheumatismus .... ......
11. Die Anämie ...
817
826
XII Inbalts-Verzeiehniss.
Seite
III. Die Purpura . . 330
IV. Die Scrophulosis .... 841
V. Die Rachitis . ... 355
Zehnter A b s c h n i 1 1.
Die Krankheiten der Haut.
I. Erythem und Intertrigo. . . • . • 879
II. Lichen-Strophulus und Prurigo . . .... . . . . 883
HI. Eczema und Impetigo 88G
IV. Ecthyma .... 894
V. Ahseesse des subcutanen Gewebes ... . . 896
Receptformeln . . . 899
Register 903
Einleitung und Untersiichungsmethode.
M. H.! Die Kinderheilkunde wird in der Regel als eine Specialität
betrachtet. Ich halte diese Auffassung für nicht zutreffend, weil alle
Krankheiten der Kinder mit wenigen Ausnahmen auch bei Erwachsenen
vorkommen. Wenn trotzdem ein Specialstudium aus diesen Krankheiten
gemacht, besondere Kliniken für dieselben eingerichtet werden und eine
reiche pädiatrische Literatur vorhanden ist, so liegt der Grund dafür
darin, dass
1) ein grosser Theil der betreffenden Krankheiten bei Kindern un-
gleich häufiger und in prägnanterer Weise, als im späteren Alter beob-
achtet wird (acute Exantheme, Keuchhusten, Dyspepsie, Meningitis tuber-
culosa u. s. w.), und
2) die ärztliche Untersuchung des kranken Kindes eine Ge-
wandtheit erfordert, welche man trotz aller Geschicklichkeit in der
Untersuchung Erwachsener nur durch fleissige Uebung an Kindern er-
werben kann.
Dazu kommt noch der wichtige Umstand, dass insbesondere der
angehende Arzt, dessen Thätigkeit sich fast immer zunächst in den
unteren kinderreichen Volksschichten bewegt, gleich beim Eintritt in die
Praxis vorwiegend kranke Kinder zu behandeln hat. Dieser Umstand,
der früher nicht so gewürdigt wurde, wie er es verdient, kommt mehr
und mehr zum Bewusstsein der Betheiligten. Wenigstens glaube ich
dies aus der stets wachsenden Zahl junger Aerzte, welche meine Klinik
besuchen, schliessen zu dürfen. Um so auffallender erscheint die Haltung
unserer Facultäten, welche die Kinderheilkunde noch immer als eine
nebensächliche Disciplin betrachten und, hinter den längst durchbrochenen
Wällen veralteter Satzungen geborgen, der Pädiatrik das Recht eines
eigenen Lehrstuhls bestreiten. l)
') Vergl. meinen Aufsatz ,,Ueber den Unterricht in der Kinderheilkunde.
Klinisches Jahrbuch. II. 1890.
Henoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 1
2 Einleitung und Untersuchungsmethode.
Selbst das eifrigste Studium der Kinderkrankheiten und die reichste
Erfahrung wird Ihnen schmerzliche Täuschungen in Bezug auf therapeu-
tische Erfolge nicht ersparen. Leider sind die Lebensbedingungen des
frühen Kindesalters der Art, dass auch die rationellste und aufopferndste
Behandlung seiner Krankheiten in erschreckend vielen Fällen wirkungslos
bleibt. Von jeher hat die überaus grosse Mortalität dieser Lebens-
periode die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt und die all-
gemeine Theilnahme auf sich gelenkt, ohne dass es bisher gelungen
wäre, dieser furchtbaren Thatsache auf erfolgreiche Weise entgegenzu-
treten. Die Statistik giebt uns unwiderlegbare Beweise dafür in die
Hand, dass die Sterblichkeit der Kinder in den ersten Lebensmonaten
am stärksten ist, während des ganzen ersten Jahres noch immer die der
späteren Jahre um mehr als das Doppelte übertrifft, nach dem zweiten
Jahr allmälig abnimmt, und erst nach den fünften die gewöhnlichen Ver-
hältnisse erreicht. Von 1000 Geborenen stirbt etwa der fünfte Theil im
ersten Lebensjahr, während die allgemeine Mortalität der Bevölkerung
sich etwa wie 25:1000 verhält Meine eigenen Erfahrungen in der
Kinderklinik des Charite- Krankenhauses ergeben für Kinder im ersten
Halbjahr des Lebens eine Mortalität von 76V2 pOt., in den ersten zwei
Jahren etwa von 67 pOt. Es ergiebt sich daraus, dass junge Kinder,
besonders kranke Säuglinge, in eigentlichen Krankenhäusern gar keine
Aufnahme finden sollten, sondern nur in Anstalten, welche eine zweck-
mässige Ernährung durch Ammen zu bieten im Stande sind (sogen.
Findelanstalten). Pium desiderium!
Die enorme Mortalität der beiden ersten Lebensjahre, zumal der
ersten sechs Monate, bei welcher freilich noch der elende Zustand der
meisten aufgenommenen Kinder und die Hospitalluft in Anschlag zu
bringen sind, erklärt sich theils aus der naturgemässen Entwickelung
des Kindes, theils aus äusserlichen Verhältnissen. Mit der Geburt ist
die Entwickelung des kindlichen Körpers keineswegs abgeschlossen, viel-
mehr vollziehen sich nach derselben, ganz abgesehen vom Wachsthum,
noch wichtige Veränderungen im Organismus. Ich erinnere Sie an die
Schliessung der fötalen Kanäle des Kreislaufs, die Scheidung der grauen
und weissen Gehirnsubstanz, die Entwickelung des Darmdrüsensystems,
den Durchbruch der Zähne, das Wachsthum der Knochen, Processe,
welche an sich schon geeignet sind, pathologische Veränderungen in den
betreffenden Organen hervorzurufen. Während nun die Kinder der be-
vorzugten Klassen unter der sorglichen Pflege liebender Eltern diese be-
drohlichen Vorgänge leichter überstehen, sehen wir unter der Ungunst
der äusseren Lebensverhältnisse in den armen Volksschichten zahlreiche
Einleitung und Untersuchungsmethodo. 3
verderbliche Einflüsse sich geltend machen, welche die normale Ent-
wickelung in pathologische Bahnen lenken. Die verdorbene Luft
enger, überfüllter Wohnräume, die mehr oder minder unangemessene,
dem kindlichen Magen widerstrebende Ernährungsweise, der Einfluss
der Kälte, des Hungers, die mangelnde Pflege der Mutter, die nur
allzu oft durch die einer gewissenlosen Fremden ersetzt werden soll, —
alle diese Momente wirken zusammen, den normalen Entwickelungsgang
aufzuhalten und jene jammervollen Krankheitsbilder zu schaffen, die uns
in den Sprechstunden der Armenärzte, in den Polikliniken, in den Kinder-
stationen der Krankenhäuser entgegenstarren. Viele dieser unglücklichen
Geschöpfe tragen von einer kranken Mutter her den Keim des Todes in
sich und fallen schon in den ersten Tagen nach der Geburt als Opfer
angeborener Lebensssch wache; viele andere gehen an ererbter Syphilis
zu Grunde; die meisten werden atrophisch, durch anhaltende Diar-
rhoe heruntergebracht, oder durch wiederholte Bronchialcatarrhe mit
secundären Anschwellungen der Bronchialdrüsen, schliesslich durch käsige
Degenerationen und allgemeine Tuberculose decimirt. Ein grosser
Theil dieser Kinder ist unehelich geboren, und nicht wenige Mütter
überweisen, wie ich aus eigener Erfahrung versichern kann, das ihnen
lästig gewordene Kind dem Krankenhause, nicht, um es geheilt wieder-
zusehen, sondern in der leider gerechtfertigten Hoffnung, auf immer von
ihm befreit zu werden. Von den in meine Abtheilung aufgenommenen
Kindern dieser Art starb ein grosser Theil noch am Tage der Aufnahme.
Diesen socialen Mißständen gegenüber bleiben unsere ärztlichen Be-
mühungen nur allzu häufig machtlos, ja dem Erfahrenen sinkt überhaupt
schon von vornherein der Muth, etwas zu unternehmen. Das ungelöste
und kaum lösbare Problem, die eigentlich causale Indication, bleibt hier
die Hebung der bezeichneten Misstände, gegen welche die Medicin als
solche ohnmächtig ist1). —
Wir beschäftigen uns zunächst mit der ärztlichen Untersuchung,
welche, zumal während der ersten Lebensjahre, wesentlich von der der
Erwachsenen abweicht. Erschwerend wirkt schon der Mangel der Spiache
oder die Unfähigkeit der Kinder, dem Arzte genügende Auskunft zu
geben. In der Privatpraxis können die Mütter dafür eintreten, während
man im Krankenhause oft ohne Beihülfe der Angehörigen und ohne
') Wie segensreich für diese Verhältnisse die in grossartigem Maasstabe ge-
troffene Einrichtung von Findelanstalten mit Äussenpflege werden kann, lehrt
der treffliche Bericht von Epstein über die Resultate der böhmischen Findelanstalt
während der Jahre 1880-1894 im Archiv f. Kinderheilk., VII., Heft 2 und desselben
Autors Vortrag auf dem 10. intern, med. Congress.
4 Einleitung und Untersuchungsmethode.
anamnestische Data auf die rein objeetive Untersuchung, wie beim kranken
Thier, beschränkt ist. Die Schwierigkeit steigert sich durch die Aengst-
lichkeit und das Widerstreben dem Arzte gegenüber. Während Sie bei
der Untersuchung Erwachsener am besten thun, unbekümmert um die
Zwischenreden des Kranken regelmässig ein Organsystem nach dem
anderen zu exploriren und mit der Anamnese abzuschliessen, werden Sie
dies Princip im Kindesalter nicht selten preisgeben müssen, weil die
Widersetzlichkeit des kleinen Patienten Sie nöthigen kann, jeden gün-
stigen Augenblick zur Besichtigung oder Auscultation von Theilen zu
benutzen, die eben nur während eines ruhigen Intervalls gut zu unter-
suchen sind, z. B. die Rachenorgane oder das Herz. Auf diese Weise
bekommt das Krankenexamen etwas Springendes, Unregelmässiges, welches
dem Ungeübten die schliessliche Uebersicht der erhaltenen Resultate er-
schweren kann. Andererseits aber wird die Zusammenfassung des Krank-
heitsbildes zur Diagnose erleichtert durch die bei Kindern weit einfachere
Anamnese. Ueber das Benehmen des Untersuchers dem Kinde gegen-
über lassen sich keine bestimmten Regeln aufstellen. Mag es auch
richtig sein, dass manche Acrzte Kindern sympathischer sind, als andere,
so wird auch der von ihrer Zuneigung am meisten Getragene oft genug
in den Fall kommen, durch ihr Schreien und Toben während der Unter-
suchung erheblich gestört zu werden. Man überwindet diesen Widerstand
je nach dem Charakter und der jedesmaligen Stimmung der Kinder mit
Güte oder mit Gewalt, im Anfange der Praxis meistens mit verwirrender
Schwierigkeif, die sich aber mit der fortschreitenden Uebung immer
mehr verliert und schliesslich kaum noch störend erscheint. Viele Kinder
lassen sich durch Erregen der Aufmerksamkeit, Vorhalten einer Uhr,
eines Spielzeuges, einer brennenden Kerze, eines Stethoscops, mit welchem
sie spielen, während der Untersuchung leidlich beruhigen, und für be-
sonders wichtige Fälle haben wir in der Chloroformirung ein Mittel,
jeden Widerstand brechen und in aller Ruhe untersuchen zu können, so
namentlich in Fällen, wo es sich um die Exploration der Bauchhöhle,
der Harnblase, des Mastdarms oder schmerzhafter Gelenkaffectionen
handelt.
Kleine Kinder in den ersten Lebensjahren werden am besten in der
Weise untersucht, dass sie auf dem Schoosse der Mutter oder Wärterin
das Gesicht dem Fenster zugewendet, dem Arzte gegenübersitzen. Wenn
es irgend angeht, lasse ich auch fiebernde Kinder aus dem Bette nehmen
und in die bezeichnete Stellung bringen, welche durch die Mitthäti^keit
der Pflegerin, die das Kind stützt und festhält, und durch die volle Be-
leuchtung wesentliche Hülfe gewährt. Nicht selten widerstrebt aber das
Einleitung und Untersuchungsmethode. 5
Kind den Händen, die es halten wollen, bewegt und windet sich hin
und her, und bereitet dadurch gerade der Percussion und Auscultation
die grössten Schwierigkeiten. Man hat daher versucht mit einem Ste-
thoscop, dessen Röhre durch einen Gummischlauch gebildet wird, diesen
Bewegungen zu folgen, und dies gelingt allerdings leichter, als mit
einem soliden Instrument; ich habe indess nach vielen Versuchen jene
Stethoscope aufgegeben, weil sie oft störende Nebengeräusche erzeugten,
und empfehle Ihnen nur unser gewöhnliches Stethoscop, dessen unteres
Ende Sie während der Untersuchung immer zwischen den Fingern
haben müssen, einmal um sicher zu sein, dass es sich überall im Con-
tact mit der Brustwand befindet, dann aber auch, um nicht mit dem
Kopf einen zu gewaltsamen Druck auf den Thorax auszuüben, welcher
sofort Schreien hervorruft. Ein Gummirand, um diesen Druck zu mildern,
ist für das untere Ende zu empfehlen, muss aber öfters erneuert werden,
weil er im abgebrauchten Zustande knarrende Nebengeräusche hervor-
bringt. Bei sehr unruhigen Kindern kann man besser mit dem un-
bewaffneten Ohr auscultiren, welches auch stärkeren Bewegungen der
Patienten mit Leichtigkeit folgt, wenn nur der Qntersucher, den Thorax
des Kindes umfassend, seinen Kopf anhaltend im Contact mit demselben
erhält. Viele Aerzte glauben mit der Untersuchung der Rückenfläche
ihre Pflicht erfüllt zu haben; ich fordere Sie dringend auf, in keinem
Fall die Vorder- und Seitenfläche zu vernachlässigen. Nicht selten fand
ich die Zeichen einer Pneumonie unterhalb der Clavicula, während hinten
alles normal war, und der zungenförmige Fortsatz der linken Lunge,
welcher sich über das Pericardium legt, liess mich oft feine Rassel-
geräusche hören, die an anderen Stellen des Thorax noch gar nicht oder
weit undeutlicher wahrgenommen wurden. Die Vorderfläche mögen Sie
in sitzender oder liegender Stellung, letzteres besonders bei sehr jungen
Kindern, untersuchen; die Rückenfläche aber nur im Sitzen oder in der
Seitenlage, niemals in der Bauchlage. Durch die Compression des
Abdomens müssen in diesem Fall die Baucheingeweide und das Zwerch-
fell aufwärts gedrängt und der Thoraxraum beschränkt werden, was bei
einer bereits vorhandenen Erkrankung der Athmungsorgane die Dyspnoe
bis zur Asphyxie steigern kann.
Die Percussion erregt bei vielen Kindern mehr Unbehagen, als
die Auscultation, und das durch erstere hervorgerufene Geschrei beein-
trächtigt in hohem Grade die Klarheit der Resultate. Ausserdem hat
jede schiefe Körperhaltung, jede Muskelaction bei den Bewegungen des
Thorax eine leichte Veränderung des Schalls zur Folge, und Sie be-
greifen daher, mit wie grosser Sorgfalt man bei unruhigen Kindern in
6 Einleitung und Untersuchungsmethode.
der Beurtheilung der Schalldifferenzen zu Werke gehen muss. Unendlich
oft glaubte ich bei der ersten Untersuchung eine Verschiedenheit des
Schalls an den beiden Thoraxhälften zu finden, während die wiederholte
Percussion, wenn der Thorax ganz ruhig und gerade gestellt wurde, mich
über die Täuschung aufklärte. In zweifelhaften Fällen bleibt uns die
Auscultalion als die beste Controlle. Versäumen Sie übrigens nie, die
Percussion während beider Respirationsacte vorzunehmen, zumal bei
schreienden Kindern, weil hier die percutirten Theile während des
Schreiens mehr oder weniger luftleer sind und demgemäss einen matten
und leeren Schall geben, der während der Inspiration verschwindet.
Ganz besonders ist dies, wie schon Vogel bemerkte, am unteren Theil
der rechten Rückenfläche der Fall, wo die durch Schreien und Pressen
aufwärts gedrängte Leber den Schall dämpfen und Täuschungen veran-
lassen kann. Bei dieser Untersuchung wird unsere Geduld oft stark in
Anspruch genommen, indem es recht schwer werden kann, die seltenen,
das Geschrei unterbrechenden Inspirationen rasch zur Percussion zu be-
nutzen. Dabei haben kleine Kinder noch die Gewohnheit, besonders
während der Auscultation den Athem so lange als möglich anzuhalten,
und mit Ungeduld, ja mit Aerger wartet der Arzt auf einen Athemzug.
Jedenfalls ist dies ein günstiges Zeichen, weil ernstere Affectionen der
Athmungsorgane ein längeres Anhalten der Respiration überhaupt nicht
gestatten. Der Auscultation schadet übrigens das Geschrei viel weniger
als der Percussion; im Gegentheil finde ich während der das Schreien
unterbrechenden tiefen Inspirationen die in den Lungen stattfindenden
Geräusche deutlicher hörbar, als im ruhigen Zustande. Ich gebe mir
daher auch nie besondere Mühe, ein schreiendes Kind vor dem Auscultiren
zu beruhigen, und empfehle nur der Umgebung absolutes Stillschweigen.
Bei der Percussion rathe ich Ihnen, möglichst leise zu klopfen.
Die Resonanzverhältnisse des kindlichen Thorax sind wegen der Elasti-
cität seiner Wandungen so günstige, dass jede starke Percussion durch
Erregung von Mitschwingungen entfernterer Partien einen sonoren vollen
Schall auch über Theilen ergeben kann, die nicht mehr lufthaltig sind
und demgemäss nur bei leisem Klopfen einen matten leeren Schall
geben. Ich benutze zur Percussion der Kinder ein kleines Plessimeter
von Elfenbein und einen gewöhnlichen Hammer; nur bei grosser Mager-
keit (eingesunkenen Intercostalräumen) und beim Percutiren der Supra-
claviculargegend muss das Plessimeter mit dem untergelegten Finger der
linken Hand vertauscht werden1).
') Vergl. Sahli, Die topographische Percussion im Kindesalter, Bern 1882
Einleitung und Untersuchungsmethode. 7
Um die Frequenz der Respiration zu beurtheilen, müssen Sie
das Kind iu einem möglichst ruhigen Zustande untersuchen, am besten
wo es angeht, während des Schlafes. Jede Aufregung (Geschrei u. s. w.)
trübt die Resultate. Indem Sie Ihre Hand behutsam auf den Thorax
oder den Unterleib des Kindes legen und mit der anderen Hand die
Secundenuhr halten, sind Sie im Stande, die Zahl der respiratorischen
Hebungen und Senkungen auf dem Zifferblatt abzulesen. Im wachen
Zustande wird auch bei nicht schreienden Kindern diese Untersuchung
häufig durch das oben erwähnte Anhalten des Athems gestört, wobei
dann Pausen der Respiration mit rasch aufeinander folgenden kurzen
Athemzügen abwechseln. Aus diesem Grunde ist es durchaus nicht
leicht, die normale Ziffer der Athembewegungen für ein bestimmtes
Lebensalter anzugeben, woraus sich die sehr verschiedenen Angaben der
Autoren erklären lassen. Im Allgemeinen steht fest, dass sie bei Neu-
geborenen 32 — 40 in der Minute beträgt, später etwa auf 30 herunter-
geht, aber auch bei Kindern bis zum 7. oder 8. Lebensjahre noch
grösser ist, als bei Erwachsenen, und zwar um so grösser, je jünger die
Kinder sind, entsprechend der Frequenz des Pulses. Die Herz-
action des Kindes ist an und für sich schon rascher, durch jeden psychi-
schen Eindruck im hohen Grade erregbar, und besonders die Furcht vor
dem ihm mehr oder weniger fremden Arzte steigert die Zahl der Pulse
oft in einem Grade, dass die Zählung für die Diagnose ganz werth-
los wird. Das beste Beispiel für diesen Einfluss geben uns Kinder, die
an Icterus leiden. Die für Erwachsene charakteristische Verlangsamung
des Pulses habe ich hier im kindlichen Alter bis etwa zum 7. Jahr
nur ausnahmsweise beobachtet und suche den Grund dafür in der er-
wähnten Erregbarkeit des Herznervensystems, welche den hemmenden
Einfluss der Gallensäuren compensirt. Eine richtige Zählung des Pulses
kann, zumal bei kleinen Kindern, auch nur im Schlafe vorgenommen
werden, und gelingt auch oft, sobald man sich nur recht still verhält
und die Spitze des Zeigefingers sanft auf die Radialarterie legt. Man
hat dabei aber zu beachten, dass der Puls auch bei vollkommen ge-
sunden Kindern während des Schlafes zuweilen etwas unregelmässig
ist, was durchaus nichts Beunruhigendes hat. Ebenso wenig hat die
Unregelmässigkeit, selbst die Verlangsamung des Pulses, welche in der
Mir scheinen die praktischen Resultate dieser mühsamen Untersuchungen der auf-
gewendeten Arbeit nicht zu entsprechen, zumal in Betreff der Percussion des Thorax.
Ich glaube vielmehr, dass hier die Controllirung der Percussionsresultate durch die
Auscultation für die Diagnose werthvoller ist, als alle aufgestellten Regeln, die
nur zu oft durch zufällige Nebenumstände Ausnahmen erleiden dürften.
8 Einleitung und Untersuchungsmethode.
Reconvalescenzperiode stark fieberhafter Krankheiten (Pneumonie,
Typhus, Masern u. s. w.) mitunter wochenlang beobachtet wird, eine
wesentlishe Bedeutung, wenn ihre Ursache auch nicht klar vorliegt.
Durch Zählungen im wachen Zustande lassen sich, abgesehen von ein-
zelnen Ausnahmsfällen und von schon älteren Kindern, nie zuverlässige
Resultate erhalten, und daraus erklärt es sich wieder, dass die von den
verschiedenen Autoren erhaltenen Ziffern so erheblich von einander ab-
weichen.
Im Durchschnitt glaube ich für die ersten Lebensmonate eine Fre-
quenz von 120—140, für das zweite Jahr von 100 — 120 als die nor-
male betrachten zu müssen, worauf dann eine allmälige Abnahme er-
folgt. Bei Kindern von 3 — 6 Jahren überschreitet die Pulszahl immer
noch 90, und erst nach der zweiten Dentition nähert sie sich mehr und
mehr den Verhältnissen der Erwachsenen. Ich wiederhole, dass man
gerade im Kindesalter aus den schon angegebenen Gründen mit solchen
Durchschnittsberechnungen für die Praxis wenig oder nichts gewinnt.
Nur unter ganz bestimmten Umständen bekommt hier die Zahl der
Pulse eine diagnostische oder prognostische Bedeutung, so die Verlang-
samung derselben im Beginn, die colossale Beschleunigung am Schlüsse
der tuberculösen Meningitis, die enorme Frequenz im Scharlachfieber.
Im Allgemeinen erschien mir immer der Rhythmus und die Qualität
des Pulses von weit grösserer Bedeutung. Die Ungleichheit und Un-
regelmässigkeit der Schläge in der ersten Periode der Meningitis
tuberculosa, das Klein werden und allmälige Schwinden der Puls-
welle in schweren Krankheiten, zumal infectiöser Natur — das sind
Momente von einschneidender Bedeutung, auf welche ich im Laufe dieser
Vorlesungen oft zurückkommen werde. Dasselbe gilt von dem Ver-
hältnisse des Pulses zur Respiration, welches im Normalzustande
3V2— 4:1 ist. Wird dies dauernd gestört, kommen z. B. 40—60
Athemzüge auf 120—140 Pulse, so dürfen Sie mit Sicherheit eine Er-
krankung der respiratorischen Organe annehmen. Indess auch hier muss
der Arzt auf Ausnahmen gefasst sein. Rachitische Kinder mit mehr
oder weniger deformirtem Thorax athmen immer rascher als gesunde.
Auch nervöse Erregung kann diese Wirkung haben; ich habe bei kleinen
Kindern in der ersten Dentitionsperiode ein paarmal eine Athemfrequenz
von 60 — 90 beobachtet, welche Monate anhielt, bei sonst ungestörtem
Wohlbefinden, und allmälig mit dem Ende der Zahnung der normalen
Frequenz Platz machte. Hier konnte nur von einer reflectorischen Er-
regung des respiratorischen Oentrums die Rede sein. Auch im Verlauf
des Keuchhustens und der Bronchialdrüsentuberculose kommen solche
Einleitung und Untersuchungsmethode. 9
Erscheinungen vorübergehend vor. Von grosser Bedeutung aber ist es,
wenn die Athemzüge nicht bloss rascher und oberflächlicher, sondern
gleichzeitig mühsamer erscheinen, wenn gewisse Hülfsmuskeln in
Thätigkeit treten und die Exspiration stöhnend wird. Nur selten
werden Sie unter diesen Umständen bei der physikalischen Unter-
suchung die Befunde einer Bronchitis, Pneumonie, Pleuritis u. s. w. ver-
missen.
Bedenklich bleibt immer die laryngoscopische Untersuchung.
Während bei sehr jungen Kindern von dieser kaum die Rede sein kann,
findet der Arzt auch bei älteren, wenn nicht immer, doch in der
Regel einen nur schwer zu überwindenden Widerstand. Durch anästhesirende
Bepinselung des Pharynx- und Larynxeingangs mit einer Cocainlösung
(5 — 10 proc.) kann man sich die Einführung des Spiegels erleichtern;
aber wenn es auch gelingt, ihn richtig einzuführen und in der erforder-
lichen Lage festzuhalten, so wird seine Fläche durch das beim Schreien,
Husten oder Würgen aus den Rachentheilen aufwärts geschleuderte Se-
cret bald in einer Weise getrübt, dass kein deutliches Bild zu gewinnen
ist. Obwohl ich nicht in Abrede stellen will, dass die Exploration unter
günstigen Verhältnissen gelingt, so muss ich doch dabei beharren, dass
sie in einer weit grösseren Zahl von Fällen keine oder nur unsichere
Resultate ergiebt. Weit unzuverlässiger sind die Schlüsse, welche ältere
Autoren aus dem Charakter des Geschreis ziehen wollten. Nur der
Heiserkeit desselben oder seiner Ersetzung durch schmerzliches Wimmern
kann ich eine praktische Bedeutung zuerkennen. Dass Neugeborene
beim Schreien keine Thränen vergiessen, wird Ihnen bekannt sein; es
muss also die Secretion der Thränendrüsen um diese Zeit noch ebenso
mangelhaft sein, wie diejenige der Speicheldrüsen, wovon später die
Rede sein wird.
Die Untersuchung der Mund- und Rachenhöhle bietet bei einiger
Uebung nur selten Schwierigkeiten dar. Oeffnet das Kind, wenn man
es dazu auffordert, nicht von selbst den Mund, so thut man am besten,
mit dem Zeigefinger die kindliche Unterlippe über den unteren Kiefer-
rand zu schieben und gegen denselben anzudrücken, wobei auch die Ge-
fahr des Beissens für den Arzt vermieden wird. Denn jeder Versuch
dazu muss dem Kinde, dessen Lippe sich zwischen dem drückenden
Finger und den Zähnen befindet, schmerzhaft werden. Der Widerstand,
welchen die eigensinnig geschlossenen Kiefer dieser Manipulation ent-
gegensetzen, wird bei einiger Beharrlichkeit meistens rasch überwunden,
zumal wenn man durch Zusammendrücken der Nasenlöcher das Kind
nöthigt, durch den Mund Athem zu holen. Sobald man mit dem Finger
10 Einleitung und Untersiichungsruethode.
über die untere Zahnreihe hinaus ist, öffnet das Kind gewöhnlich den
Mund hinreichend, um die Mund- und Rachenhöhle gut übersehen zu
können. Im entgegengesetzten Fall kann man dies durch Benutzung
eines Zungenspatels erreichen. Vor Allem sorge man dabei für gute Be-
leuchtung der Rachenhöhle, entweder durch helles Tageslicht, oder, wo
dies nicht zu haben ist, durch eine kleine Kerze, deren Flamme man
vor einem mit derselben Hand gefassten blanken Lötfei festhält. Mit
dieser einfachen, einen Reflexspiegel ersetzenden und überall schnell zu
beschaffenden Vorrichtung erzielt man eine vortreffliche Beleuchtung,
deren ich mich häufig bediene. Immerhin aber werden Sie es oft mit
Kindern zu thun bekommen, welche allen Versuchen den Mund zu öffnen,
einen so hartnäckigen Widerstand entgegensetzen, dass man schliesslich
ganz davon abstehen oder durch gewaltsames Auseinanderschrauben der
Kiefer zum Ziel zu gelangen suchen muss. —
Um nun die erhaltenen Untersuchungsresultate für die Diagnose ver-
wcrthbar zu machen, müssen Sie die Kenntniss derjenigen Momente sich
aneignen, durch welche sich gewisse Befunde im kindlichen Alter, und
zwar im gesunden Zustande, von den gleichen bei Erwachsenen
unterscheiden, damit Sie nicht, was sonst leicht geschehen könnte, in die
Lage kommen, normale Verhältnisse als pathologische anzusprechen.
Zunächst mache ich Sie auf die Differenzen aufmerksam , welche der
Charakter des normalen Athemgeräusches in den verschiedenen Lebens-
altern darbietet. In den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt
ist das Geräusch noch ziemlich schwach, weil die kurze oberflächliche
Respiration nicht ausreicht, die Luft kräftig durch die Bronchien zu
treiben, und aus demselben Grunde giebt aucli die Percussion in diesem
Alter am ganzen Thorax einen minder sonoren Schall. Aber schon von
der Mitte des ersten Jahres an beginnt das Athmungsgeräusch jene
Eigenschaften anzunehmen, die man auch unter gewissen Umständen bei
Erwachsenen findet und mit dem Namen des puerilen Athemgeräusches
zu bezeichnen pflegt. Dasselbe hat einen scharfen, fast blasenden Cha-
racter, die Inspiration ist fast allein hörbar, die Exspiration im völlig
ruhigem Zustande wenig oder gar nicht, während sie bei Aufregungen
deutlicher hörbar wird ')• Das scharfe puerile Athmen steigert sich
') Dabei will ich erwähnen, dass vorübergehend hei ganz gesunden Kindern
allein durch Aengstlichkeit jener Rhythmus entstehen kann, welcher für die re-
spiratorischen Krankheiten der Kinder bezeichnend ist, nämlich das Ueberwiegen einer
verlängerten stöhnenden Exspiration über der ganz kurzen, wie ein Nachhall darauf
folgenden Inspiration.
Einleitung und Untersuchungsmethode. 11
noch in den Fällen, wo der Thorax durch rachitische Deformation
verengt wird, und es wäre daher denkbar, dass auch bei gesunden Kin-
dern die relative Enge des Brustraums durch leichte Compression der
inspiratorisch sich ausdehnenden Lunge jenen rauhen blasenden Charakter
begründet1).
Die krankhaften Geräusche, welche von den Lungen oder der
Pleura ausgehen, sind im Allgemeinen von denen der Erwachsenen nicht
verschieden. Nur findet man mittel- und besonders feinblasige Rassel-
geräusche häufiger, nicht selten mit der Eigenthümlichkeit, dass sie
beim Exspiriren vorherrschen, während die Inspiration fast rein erscheinen
kann. Der Typus der Respiration ist bei jungen Kindern bis zum dritten
Jahr überwiegend der abdominale. Zwerchfell und Bauchmuskeln
arbeiten auffallend stark, wodurch schon im gesunden Zustande durch
leichte Einziehung des Epigastriums und der unteren Rippen eine An-
deutung jenes pathologischen Befundes entsteht, den wir bei wichtigen
respiratorischen Erkrankungen in weit stärkerem Maasse entwickelt finden.
Unregelmässigkeit des Athems im wachen Zustande, selbst kleine
Pausen dürfen nicht beunruhigen: beides kommt bei kleinen Kindern
nicht selten vor. Mit dem relativ engen Thorax contrastirt der volu-
minöse Unterleib, der von besorgten Müttern so oft als krankhaft
angesehen, in der That aber nur durch die relative Enge des Thorax
und durch Gasbildung im Darmkanal bedingt wird.
Unter den Befunden, welche die Untersuchung des Kopfes ergiebt,
verdient zunächst ein auscultatorisches Phänomen erwähnt zu werden.
Bei ruhigen Kindern mit noch offener grosser Fontanelle, d. h. also im
Durchschnitt während der beiden ersten Lebensjahre, vernimmt man
durch das auf die grosse Fontanelle applicirte Ohr oder Stethoscop
häufig ein mit der Herzsystole isochronisches, mehr oder weniger lautes
blasendes Geräusch. Da auch das Athemgeräusch und alle durch
Stöhnen, Kauen und Schlucken hervorgebrachte Laute auf der Fonta-
nelle wahrgenommen werden, so muss man, zumal bei sehr schnell
athmenden Kindern, während des Auscultirens die Hand am Pulse haben,
um sich vor Irrthümern zu bewahren. Bei grösserer Uebung ist man aber
bald im Stande, auch ohne diese Vorsichtsmaasregel das systolische
Blasen ohne Mühe neben dem Athmungsgeräusche zu hören und beide
von einander zu unterscheiden. Nur sehr selten hörte ich das Blasen
auch auf der schon geschlossenen Fontanelle und an anderen Stellen
') Vergl. eine complicirtere Erklärung bei Sabatier, etude sur Pauscultation
du poumon chez les enfants. Paris 1863.
12 Einleitung und Untersuchungsmethode.
des Schädels, wie denn auch Andere dasselbe an den hinteren und seit-
lichen Fontanellen, und bei geschlossenem Schädel in der Richtung der
Art. meningea media, ja sogar auf den Process. spinosi der Nacken-
wirbel wahrnahmen. Während die ersten Entdecker dieses Geräusches,
die Amerikaner Fisher (1833) und Whitney (1843) demselben stets
eine pathologische Bedeutung, besonders für eine Reihe von Gehirnkrank-
heiten, zuerkannten, betonten Hennig und Wirthgen das physiolo-
gische Vorkommen des Geräusches von der 22. oder 23. Lebenswoche
an bis zum knöchernen Schluss der Fontanellen. Nach dem Resultat
meiner eigenen zahlreichen Untersuchungen') stimme ich mit der An-
sicht dieser Autoren darin überein, dass das Geräusch zwar auch bei
gesunden Kindern mit noch offener Fontanelle nicht ganz selten vor-
kommt, vorzugsweise aber bei anämischen und rachitischen2),
vielleicht aus dem Grunde, weil bei diesen Kindern die Fontanellen und
Nähte weit länger offen bleiben, als es sonst der Fall ist. Welche Ur-
sachen dem systolischen Schädelgeräusche zu Grunde liegen, ist bis heut
unentschieden. Jedenfalls halte ich es in klinischer Beziehung für
interesselos und für die Diagnose kaum verwerthbar. Bemerkenswerth
ist, dass das Geräusch bei vermerthem intracaniellem Druck, z. B. bei
starkem Hydrocephalus verschwindet.
Wichtiger sind für uns die Verhältnisse der Fontanellen und
Suturen3). Beim normalen neugeborenen Kinde finden Sie die letzteren
durch eine fibröse, mitunter leistenartig vorspringende Zwischensubstanz
geschlossen, sämmtliche Fontanellen aber noch häutig, so dass der Finger
im Stande ist, die Pulsationen der basalen Arterien, welche durch
die Gehirnsubstanz fortgeleitet werden, auf der vorderen Fontanelle zu
fühlen, und zwar am deutlichsten dann, wenn das Gehirn durch stär-
keren Druck die häutige Fontanelle über das Niveau der umgebenden
Knochenränder emporhebt. Die pralle, elastische, pulsirende Beschaffen-
heit der vorderen Fontanelle ist daher für die Praxis ein werth volles
Zeichen des vermehrten intracraniellen Druckes, der aber in sehr hohen
') Beitr. zur Kinderheilk. Berlin, 1861. S. 170.
2) Diese Ansicht verficht auch Roger, welcher ebenfalls Hunderte von Kindern
auf dies Geräusch untersucht hat (Recherches cliniques sur les maladies de Fenfance.
T. II. Paris, 1883. p. 261). Vergl. auch Rohde, Die grosse Fontanelle in physio-
logischer und pathologischer Beziehung. Inaug.-Diss. Halle 1886, und Winckler
(üeber die Pulsation und das systol. Geräusch der Fontanelle Inauff -Diss Halle
1891).
3) Hochsinger, Studien über die kl in. Verhältn. der Stirnfontanolle Wiener
Klinik. Juli u. Aug. 1892.
Einleitung und Untersuchungsmethode. 13
Graden (Hydrocephalus) die Pulsation aufhebt. Andererseits verkündet
das Einsinken der Fontanelle unter dem Niveau der Umgebung
einen anämischen, collabirten Zustand des Gehirns, wie er häufig
bei atrophischen Kindern oder am Schluss erschöpfender Krankheiten
(Diarrhoe, Brechdurchfall) vorkommt. Unter diesen Umständen findet
man auch nicht selten eine Verschiebung der Stirn- und Schläfenbein-
ränder unter die der Scheitelbeine, so lange die Suturen noch häutig
sind und eine solche Verschiebung gestatten. Während nun die beiden
seitlichen und hinteren Fontanellen schon in den ersten Monaten nach
der Geburt durch Ossifikation sich schliessen, bleibt die vordere grosse
Fontanelle noch offen (etwa l'/2 - 2'/2 Otm. im sagittalen Durchmesser).
Dass sie, wie man annahm, während der ersten sechs Monate noch an
Umfang zunimmt, wurde von Kassowitz widerlegt, der vielmehr eine
von der Geburt an stets fortschreitende Verkleinerung fand. Der voll-
ständige Schluss erfolgt gegen den 15. bis 18. Lebensmonat. Doch sind
die Fälle nicht ganz selten, in welchen die Fontanelle noch bis in's
dritte Jahr hinein eine mit der Fingerspitze zu bedeckende häutige Stelle
zeigt, die man dann nicht ohne weiteres als eine krankhafte Erscheinung
ansehen darf. Alle sonstigen Abweichungen aber, insbesondere ein
grösseres und noch länger sich hinziehendes Offenbleiben der grossen
oder kleinen Fontanellen, Auseinanderklaffen der Suturen, ungewöhnliche
Eindrückbarkeit der Knochenränder müssen als pathologische aufge-
fasst werden und sollen später bei der Betrachtung der Kachitis berück-
sichtigt werden. Dasselbe gilt von einigen Anomalien der Kopfform, die
mit gewissen Krankheiten (Rachitis, Hydrocephalus) in Connex stehen,
während die individuellen Verschiedenheiten der Schädelform, welche
nicht durch Krankheiten, sondern nur durch Anomalie des Knochen-
wachsthums bedingt sind (Asymmetrie, Schiefstellung der Medianlinie,
Dolichocephalus u. s. w.), das klinische Interesse nur dann in Anspruch
nehmen dürften, wenn sich gleichzeitig Symptome eines Cerebralleidens
(Hemiplegie, Contracturen , Zurückbleiben der Intelligenz) nachweisen
lassen. Als eine Hauptdifferenz von Erwachsenen müssen Sie immer die
Thatsache festhalten, dass bei Kindern in den beiden ersten Lebens-
jahren der Umfang des Schädelgewölbes denjenigen des Gesichts ganz
unverhältnissmässig überwiegt, so dass das Verhältniss etwa wie 6 : 1
(bei Neugeborenen sogar 8 : 1), bei Erwachsenen wie 21/, : 1 angegeben
wird. Man hat dies wohl zu beachten, um die Aengstlichkeit vieler
Mütter, welche ihre Kinder für hydrocephalisch halten, beruhigen zu
können, ganz besonders in Fällen, wo das erwähnte Missverhältniss durch
rachitische Weichheit und Verdickung der Schädelknochen noch erheb-
14 Einleitung und Untersuchungsmethode.
lieh gesteigert wird. Unter diesen Umständen lernen manche Kinder erst
ungewöhnlich spät ihren Kopf ohne Unterstützung aufrecht zu halten,
was im ganz gesunden Zustando oft schon im dritten Lebensmonate
möglich ist. Gerade in dieser Beziehung giebt es aber zahlreiche Aus-
nahmen, welche hauptsächlich durch die grössere oder geringere Kraft der
Musculatur, zumal der Nackenmuskeln, bedingt werden. Man darf des-
halb, auch wenn ein Kind den Kopf nach dem 5. oder 6. Monate nicht
gut aufrecht halten kann, sondern immer noch einer Unterstützung be-
darf, nicht gleich eine angeborene cerebrale Erkrankung annehmen, wenn
nicht andere Zeichen, Mangel der intellectuellen Entwickelung, starrer
Blick, Nystagmus, ungeschicktes Greifen mit den Händen, völlige Apa-
thie, solche Annahme rechtfertigen. —
Bei der Untersuchung der Mundhöhle wird Ihnen bei neugeborenen
Kindern die dunkelrothe Farbe der Schleimhaut auffallen, welche erst
nach einigen Wochen langsam schwindet und als eine normale Erschei-
nung zu betrachten ist. Mit dieser Hyperämie verbindet sich ein ge-
wisser Grad von Trockenheit, weil die Secretion des Mundspeichels
noch nicht in der Weise stattfindet, wie bei älteren Kindern und Er-
wachsenen. Genaue Untersuchungen ergaben ziemlich übereinstimmend,
dass Mundspeichel zwar von der Geburt an vorhanden ist, aber nur in
so geringer Menge; dass seine zuckerbildende Kraft wenig oder gar nicht
in Betracht kommt. Erst gegen das Ende des 2. Monats nimmt die
Speichelsecretion merklich zu; nach Zweifel beginnt sie in den Sub-
maxillardrüsen und im Pankreas überhaupt erst um diese Zeit, während
die Parotis schon bei Neugeborenen ptyalinhaltig ist. Die mangelhafte
Speichelsecretion ist auch die Ursache, dass die Mundschleimhaut der
Säuglinge in den ersten Monaten, wenn sie nicht sorgfältig gewaschen
wird, bei der Untersuchung mit Lakmuspapier fast immer etwas sauer,
selbst nach dem Auswaschen noch neutral, nur selten alkalisch gefunden
wird. Wir werden später sehen, wie wichtig diese Umstände für die
Ernährungsweise der Kinder werden können.
Bei sehr vielen Neugeborenen sieht man in der Raphe des harten
Gaumens hirsekorn- bis stecknadelkopfgrosse, runde und ovale, weiss-
gelbliche, über der Schleimhaut nur wenig prominirende Knötch en, ent-
weder vereinzelt oder mehrere hintereinander, die mitunter von einem
schmalen rothen Saum umgeben sind. Diese Knötchen finden sich in
den ersten 4—6 Wochen des Lebens sehr häufig und haben durchaus
keine pathologische Bedeutung. Während Bohn sie als verstopfte
Schleimfollikel, ähnlich den Milien der äusseren Haut, Guyon und
Einleitung und Untersuchungsmethode. 15
Thierry als Epidermoidcysten, und Moldenhauer ') als solide, vom
Epithel in die Schleimhaut hineingewucherte Zapfen und als sich ent-
wickelnde Drüsenschläuche betrachteten, ergaben die Untersuchungen von
Epstein2), dass man es hier mit epithelgefüllten Spalträumen, welche
nach der Vereinigung der beiden Gaumenhälften zurückbleiben, zu
thun hat.
In Betreff der Zunge haben Sie zu beachten, dass sie bei Säug-
lingen sehr oft mit einem dünnen weisslichen Belag versehen ist, zumal
nach dem Saugen (Milchfärbung), und dass sie bei vielen Kindern
ein eigenthümliches „landkartenartiges" Ansehen darbietet, d. h.
der Zungenrücken zeigt vielfach gewundene oder zackige, weisslich graue
Figuren, deren Ränder meistens etwas gewulstet sind und mit dem Roth
der normalen Partien contrastiren. Diese Beschaffenheit der Zunge
hängt von einer oberflächlichen Irritation der Schleimhaut mit copiöser
partieller Epithelabstossung ab, kommt sehr oft bei völlig gesunden
Kindern vor, hat daher durchaus keinen diagnostischen Werth, insbeson-
dere mit hereditärer Syphilis nichts zu schaffen3).
Was die Untersuchung des Herzens betrifft, so müssen Sie daran
denken, dass bei mageren Kindern, und zwar in der zweiten Kindheit
mehr als in den ersten beiden Jahren, die Bewegungen des normalen
Herzens oft im 4. und b. Intercostalraum undulirend sichtbar sind und
die Rippen stärker gehoben werden, als im späteren Alter. Auch fühlt
man den Spitzenstoss gewöhnlich etwas nach aussen von der Mam-
millariinie, später in der Mammillarlinie selbst, ohne dass eine Ver-
grösserung des Organs vorliegt4). Rachitische Abflachung der seitlichen
Thoraxwand begünstigt diese Erscheinungen, welche theils von einer durch
Hochstand des Zwerchfells bedingten, mehr horizontalen Lagerung
des Herzens, theils von den Wachsthumsverhältnissen der Rippen abzu-
hängen scheinen. .Der Auscultation können die rasche Aufeinanderfolge
der Herzschläge, das Geschrei der Kinder und das Athemgeräusch grosse
Schwierigkeit bereiten, so dass ein sicheres Urtheil über die Reinheit
der Töne, und auch über die percussorischen Verhältnisse nicht immer
sofort möglich ist. Fast alle abnormen Geräusche im Herzen der Kinder
deuten auf Klappenfehler, wenigstens bis zum 4. oder 5. Lebensjahre;
') Archiv f. Gynäkologie. Bd. VII Heft 2.
2) Ueber die Epithelperlen in der Mundhöhle u. s. w. Zeitschr. f. Heilkunde.
1. Bd. Prag, 1880.
3) Guinon, De la desquamation epitheliale etc. Revue mensuello des mal. de
l'enfance. Sept., 1887.
4) v. Starck, Die Lage des Spitzenstosses u. s. w. Stuttgart 1889.
16 Einleitung und Untersuchungsmethode.
hier gehören accidentelle (Fieber — oder anämische) Geräusche zu den
Ausnahmen. Klappengeräusche sind oft am unteren Theil der Rücken-
fläche, zumal links, ebenso deutlich zu hören, wie vorn. Als beachtens-
wert hebe ich hervor, dass durch stärkeren Druck des auscultirenden
Ohrs auf das Stethoskop die weichen Rippenknorpel nach innen gepresst
und der erste Herzton dadurch unrein, selbst etwas blasend werden
kann1). Im Allgemeinen kommen diastolisch^ Geräusche bei Kindern,
zumal bis zum 6. Jahre, nur ausnahmsweise vor.
Ueber den Werth der Thermometrie im Kindesalter brauche ich
kein Wort zu verlieren; in einem Alter, wo alles noch weit mehr auf
objective Untersuchung ankommt, als späterhin, ist diese Methode nicht
hoch genug anzuschlagen. Leider ist jedoch nur die Hospital- und Privat-
praxis zu ihrer vollständigen Verwerthung geeignet, während in der Poli-
klinik und in den Sprechstunden der Armenärzte eine vertrauenswürdige
Messung wegen der Häufung der Kranken und des nicht genügenden Per-
sonals kaum durchführbar ist. Unter diesen Umständen muss man sich,
abgesehen von besonders wichtigen Fällen, mit der Abschätzung der Tempe-
ratur durch die aufgelegte Hand begnügen, und in Betreff des weiteren
Fieberverlaufs auf die Angaben der Mütter verlassen, die wenigstens
die Zeit der Exacerbationen meistens richtig angeben. Die Messung in
der Achselhöhle muss mindestens 10 — 15 Minuten fortgesetzt werden,
dauert daher doppelt so lange, als die im Mastdarm, bei welcher jedoch
zu bedenken ist, dass durch eine plötzliche Bewegung des Kindes ein
Abbrechen des Thermometers im Rectum möglich ist. Sonst wird aller-
dings bei der Messung im Rectum viel Zeit erspart, und ich gebe ihr daher
in der Privatpraxis, wo jedes einzelne Kind dabei genau beaufsichtigt
werden kann, den Vorzug. Uebrigens sind die Temperaturverhältnisse bei
Kindern und Erwachsenen die gleichen; nur in den ersten 3 — 4 Lebens-
monaten geht die Wärmeproduction mit geringerer Energie vorsieh,
so dass in gewissen Fällen von mangelhafter Ernährung, erschöpfenden
Säfteverlusten oder insufficienter Lungenthätigkeit die Temperatur unge-
wöhnlich tief, auf 30" C und noch tiefer heruntergehen kann. Diese
Eigenthümlichkeit giebt sich auch darin kund, dass sonst hochfebrile
Krankheiten, z. B. Pneumonie und Meningitis, in dem bezeichneten Alter
mit normaler oder gar subnormaler Temperatur verlaufen können, wovon
ich mich im Säuglingssaal meiner Klinik überzeugt habe. Deshalb braucht
') Hoch singer (Die Auscultation des kindl. Herzens, Wien 1890) hebt hervor,
dass bis zum 4. oder 5. Jahre der jambische Rhythmus (oi) an den arteriellen Ostien
nicht zu constatiren ist, vielmehr auch hier der ersto Ton mehr accentuirt erscheint.
Einleitung und Untersuchungsmethode. 17
man aber noch keine eigene Krankheit unter dem Namen „Algor pro-
gressivus" aufzustellen, wie es Hervieux gethan hat, da diese enorme
Abkühlung bei den verschiedensten Zuständen auftreten kann, welche
nur den schliesslichen Ausgang in Erschöpfung mit einander gemein
haben.
Schwierig ist bei Neugeborenen und Säuglingen die Untersuchung
des Urins, weil dieser immer in die Windeln entleert wird, und die
Abschätzung seiner Menge und Farbe aus der Betrachtung der letzteren
sehr unsicher ist. Nun kann es aber schon in diesem Alter nothwendig
werden, den Urin auf Ei weiss, selbst auf Zucker zu untersuchen, und
man muss dann den Urin entweder in besonderen Apparaten, bei kleinen
Mädchen in gut gereinigten, vor den Genitalien applicirten Schwämmen,
bei Knaben in Condoms oder Gummiblasen, die um den Penis befestigt
werden, auffangen, oder durch die Einführung eines Katheters in die
Blase zu gewinnen suchen, was wir in der Klinik vorzogen1). Der Arzt
begnügt sich in der Regel mit der Abschätzung der Urinmenge des Neu-
geborenen aus den Windeln. Die Nässe derselben giebt ihm einen Mass-
stab für die Menge der aufgenommenen Nahrung, und aus der vermin-
derten Menge des Secrets schliesst er mit Recht auf ungenügende
Nahrungsaufnahme oder mangelhafte Resorption der aufgenommenen Nah-
rung. Erst in neuerer Zeit wurde der Urin der Neugeborenen einer sorg-
fältigen Untersuchung unterworfen2), deren Resultate aber nicht durch-
weg übereinstimmen. Für den Arzt ist besonders die Thatsache inter-
essant, dass Martin und Rüge, so wie Cruse, während der ersten
10 Tage nach der Geburt im Urin zuwoilen eine geringe Menge von Al-
bumen fanden, entweder nur vorübergehend oder auch während mehrerer
Tage, und geneigt sind, diesen Befund mit der Ausstossung der in den
Harnkanälchen vorkommenden harnsauren Infarcte, von denen später
die Rede sein wird, in Verbindung zu bringen. Bei Kindern, die über
10 Tage alt waren, fand Cruse3) niemals Albumen, wohl aber eine
grössere Menge von Mucin im Harn, welches zu Täuschungen Anlass
geben kann '). Auch reducirende Substanzen finden sich nicht selten im
') Vergl. Hirsch sprung, Jahrbuch f. Kinderkrankh. XIX. S. 205.
2) Parrot u. Robin, Comptes rendus. Bd. 82. No. 1. — Dohrn, Monats-
schrift f. Geburtsk. Bd. 29. — Martin u. Rüge, Ueber das Verhalten von Harn
und Nieren der Neugeborenen. Stuttgart, 1875. — Cruse, Jahrbuch f. Kinderkrank-
heiten. 1877. XI. S. 393. — Camerer, Ibid. 1880. XV. S. 161. - Schiff,
Ibid. 1893. XXXV. S. 21.
3) Cruse, Jahrb. f. Kinderkrankh. 1878. XIII. S. 71.
4) Hofmeier (Virch. Arch., Bd. 89, II. 3) macht den Gewichtsverlust in den
Heuoch, Vorlesuugen über Kinderkrankheiten, i. Aufl. 2
18 Einleitung und Untersuchungsmethode.
Säuglingsharn, während Zucker nur bei Dyspepsie bisweilen auftritt und
wohl als Product gestörter Assimilation aufzufassen ist').
Auch die Faeces können bei Neugeborenen und Säuglingen nur mit
Urin vermischt in den Windeln untersucht werden. Im normalen Zu-
stande sind sie, wenigstens bei Brustkindern, und so lange Bouillon und
Fleischnahrung vollkommen ausgeschlossen ist, fast geruchlos, geben
eine schwach saure Reaction, haben etwa die Farbe und Consistenz von
Rühreiern und erfolgen 2— 5 mal täglich. Abweichungen von dieser
Regel, zumal etwas häufigere Entleerungen, sind noch nicht als krank-
haft zu betrachten, so lange die Consistenz nicht flüssiger, der Geruch
nicht foetide wird. Bei manchen Kindern ist die Färbung der Faeces
auch im Normalzustande nicht eigelb, sondern mehr in's Bräunliche
spielend. Lässt man die Windeln längere Zeit liegen, so wird die gelbe
Farbe oft grünlich, und man muss daher, um ein sicheres Urtheil zu
gewinnen, die Faeces immer möglichst frisch untersuchen2). Im Um-
kreise der letzteren sieht man einen durch den Urin veranlassten nassen
farblosen Hof in den Windeln. Ich mache Sie schon hier darauf auf-
merksam, dass es Diarrhöen giebt, bei denen zuerst ziemlich normal
aussehende Faeces entleert werden, auf welche aber eine mehr oder
weniger copiöse Ausspritzung seröser Flüssigkeit aus dem Mastdarm folgt.
Die durch letztere entstehende Durchnässung der Windeln kann nun zu
Irrthümern verleiten, indem man sie für urinös und die Faeces für nor-
male hält. Ich würde dies nicht erwähnen, wenn mir solche Fälle
nicht wiederholt vorgekommen wären, in welchen bei zunehmendem Col-
laps die erwähnte Beschaffenheit der Windeln, d. h. in der Mitte ziem-
lich gut verdaute Faeces und rings um diese ein blasser, scheinbar uri-
nöser Hof bestand. Durch eigene Beobachtung überzeugte ich mich, dass
jedesmal nach der Entleerung der breiigen Faeces dünne trübe Flüssig-
eren Lebenstagen und den damit Hand in Hand gehenden Eiweisszerfall für die
Vermehrung der Urinmenge, des Harnstoffs und der Harnsäure verantwortlich. Auch
er bringt die Albuminurie der ersten Tage mit den harnsauren Infarcten in Zusam-
menhang, während Ribbert (Ibid., Bd. 98, H. 3) in dem Albumengehalt des ersten
Urins nur eine Fortsetzung der in allen Embryonen-Nieren stattfindenden Eiweiss-
transsudation durch die noch nicht vollständig entwickelten Glomeruli sieht.
') Grosz, Jahrbuch f. Kinderheilk. Bd. 34. S. 83.
2) Ueber die Ursache der grünen Färbung sind die Ansichten getheilt. Gegen
die gewöhnliche Ansicht, dass eine vermehrte Säurebildung oder der Sauerstoff
der Luft das Gallenbraun in Biliverdin überführt, spricht sich Pfeiffer (Jahrb. f.
Kindcrkr. XXVIII. S. 1G4) aus, der im Gegentheil Alkalescenz des Darminhalts,
welche auch die Bacterienentwickelung fördere, dafür verantwortlich macht. Hayem
u, A. beschreiben einen besonderen grünfärbenden Bacillus.
Einleitung und Untersuchungsmethode. 19
keit mit Heftigkeit aus dem Anus hervorspritzte, dass also in der That
Diarrhoe stattfand, welche den Kräfteverfall erklärte1).
Dass die mikroskopische Untersuchung der Faeces im kindlichen
Alter wichtige Aufschlüsse ergeben kann, ist unbestreitbar; ich erinnere
nur an den Befund von unverdauten Stärkekörnern, von Wurmeiern,
Bakterien, Fremdkörpern. Aber diese Untersuchung erfordert, wenn sie
Vertrauen verdienen soll, Uebung und Zeit, und wird daher meiner
Ueberzeugung nach trotz der sehr beherzigenswerthen Empfehlung von
Raudnitz2) schwerlich Allgemeingut der praktischen Aerzte werden.
Schliesslich komme ich auf die Schmerzäusserungen kleiner
Kinder, welche fast nur im Schreien bestehen. Dies Geschrei von dem
zu unterscheiden, welches der Ausdruck des Hungers oder irgend eines
unerfindlichen Unbehagens ist, bildet keine leichte Aufgabe, und zwar
nicht bloss für den Anfänger. Ich halte es für ganz nutzlos, Sie hier
mit einer Schilderung der verschiedenen Modifikationen des Geschreis
aufzuhalten. Für die Praxis kommt dabei gar nichts heraus. Ob ein
Kind kräftig schreit oder nur wimmert, das hört ein Jeder und kann
danach die dem Kinde zu Gebote stehenden Kräfte beurtheilen; ebenso
ob die Stimme klar ist oder einen heiseren Klang angenommen hat.
Starkes andauerndes Schreien, welches keinen Hustenanfall erregt, ist
bei Affectionen der Athmungsorgane immer ein günstiges Zeichen, weil
es einen verhältnissmässig geringen Reizungszustand der respiratorischen
Schleimhaut anzeigt. Anfälle von heftigem Schreien mit starken Be-
wegungen der unteren Extremitäten, besonders Anziehen derselben gegen
den Unterleib, deuten bei Säuglingen meistens auf Colikschmerzen. Aber
trotz dieser und mancher anderen Erfahrungssätze bleibt es oft recht
schwierig zu beurtheilen, ob das Geschrei des Kindes in der That irgend
ein Leiden bedeutet oder einen anderen Grund hat, zumal die Gegen-
wart des Arztes allein schon hinreicht, viele Kinder lebhaft zu beun-
ruhigen und zum anhaltenden Schreien zu bewegen. In so zweifelhaften
Fällen, wo ein Druck nicht bloss auf den scheinbar leidenden Theil,
sondern auf jede andere Körperstelle das Geschrei hervorruft oder ver-
stärkt, kann man nur zum Ziel gelangen, wenn es gelingt, das Kind
') Die zuerst von Uffelmann angestellten Untersuchungen des Milchkothes
aufBacterien sind durch Escherich in erweitertem Maasstab und mit Erfolg
wieder aufgenommen worden (Die Darmbacterien des Säuglings u. s. w. Stuttgart,
1886;. Danach ist die Zahl der Bacterien im Milchkoth eine relativ geringe, auf zwei
Arten beschränkte, und eine eigentliche Fäulniss im Colon nicht vorhanden, womit
auch die Geruchlosigkeit des normalen Milchkothes übereinstimmt.
2) Prager med. Wochenschr. 1892. No. 1.
2*
20 Einleitung und üntersuehungsmethode.
völlig zu beruhigen und dann die Untersuchung von neuem zu beginnen.
Kann man dabei die Aufmerksamkeit des Kindes gleichzeitig durch
Spielzeug, durch eine vorgehaltene Uhr oder durch die Wendung des
Auges gegen das helle Tageslicht (am Fenster) vom Orte der Unter-
suchung ablenken, so gelingt es oft, aber nicht immer, den wirklich gegen
Druck empfindlichen Theil herauszufinden. Immer wird man gut thun,
Kinder, die ohne deutlichen Grund heftig schreien und nicht zu beruhigen
sind, bei entblösstem Körper zu untersuchen. Auf diese Weise fand
ich wiederholt in Mücken- und Flohstichen die Ursache der gewaltigen
Aufregung.
Für die Beurtheilung des Zustandes von Neugeborenen und Säug-
lingen empfehle ich Ihnen noch, die Haltung der Hände während des
Schlafes zu beobachten. Gesunde Kinder dieses Alters schlafen bekannt-
lich mit derartig flectirten Armen, dass die Hände ganz nach oben ge-
richtet und in der Höhe des Halses oder Unterkiefers gehalten werden.
Diese Stellung, vielleicht eine Erinnerung an das Uterinleben, verändert
sich im Fall einer ernstlichen Krankheit und kann somit als ein be-
ruhigendes Moment betrachtet werden. Bei dieser Gelegenheit bemerke
ich, dass gesunde Kinder im Schlafe zwar meistens die Augen fest ge-
schlossen haben, dass aber doch bei nicht wenigen ein geringes Klaffen
der Lidspalte beobachtet wird. Man muss sich im einzelnen Fall nach
diesem Umstände erkundigen, der, wie wir später sehen werden, auch
eine pathologische Bedeutung haben kann.
Krankheiten der Neugeborenen. 21
Erster Abschnitt.
Krankheiten der Neugeborenen.
Das Säuglingsalter erstreckt sich von der Geburt bis gegen den
9. Monat, wo die Entwickelung der Zähne das Eade desselben bezeichnet.
Mit Recht trennt man von dieser Periode den Beginn derselben, d. h. etwa
die ersten 4 — 6 Lebenswochen ab, während welcher man das Kind als
ein „Neugeborenes" zu bezeichnen pflegt, denn dieser ersten Periode
gehört in der That eine Reihe krankhafter Zustände an, welche später
entweder gar nicht, oder doch weit seltener und in veränderter Form vor-
kommen, Zustände, welche zum Theil mit den Vorgängen der Geburt und
mit der plötzlichen Versetzung des Kindes aus dem mütterlichen Schooss
in das Luftleben zusammenhängen.
Gesunde Neugeborene bieten in den ersten Tagen nach der Geburt
eine durch Hyperämie bedingte, mehr oder minder intensive rothe Farbe
der gesammten Haut und der sichtbaren Schleimhäute dar. Bei vielen
Kindern geht diese Farbe, allmälig erblassend, etwa nach einer Woche
in die normale über; bei anderen erfolgt dieser Uebergang durch
einen Zwischenzustand, indem die rothe Farbe zunächst einer mehr
oder weniger gesättigten gelben Platz macht, welche man mit dem
Namen des
1. Icterus neonatorum
(Gelbsucht der Neugeborenen) bezeichnet. Sie bemerken die gelbe Fär-
bung meistens schon am zweiten oder dritten Tage nach der Geburt,
seliener ganz gleichmässig verbreitet, als an einzelnen Theilen, besonders
an der Stirn, um den Mund herum, am Rumpfe stärker entwickelt als
an den Extremitäten. Je mehr die eben erwähnte Rothe erblasst, aber
auch beim Fingerdruck auf die hyperämische Haut, um so deutlicher und
allgemeiner tritt die gelbe Färbung hervor, die oft einen Stich in's Orange-
farbige hat, nicht sehr intensiv ist, mehrere Tage zu bestehen, dann
allmälig abzunehmen und im Verlaufe von 8 — 14 Tagen der normalen
Hautfarbe Platz zu machen pflegt.
Wenn Sie sich bei der Untersuchung solcher Kinder der Symptome
erinnern, welche Ihnen der Icterus des späteren Lebensalters darzubieten
22 Krankheiten der Neugeborenen.
pflegt, so werden Sie auffallende Unterschiede finden. Die Windeln zeigen
eine Durchnässung mit blassem Urin, die Faeces sind gelb oder bräun-
lich, wie im Normalzustande; die Sclera des A.uges aber, welche wegen
des energischen Zukneifens der Augenlider oft schwer zu sehen ist, zeigt
in allen Fällen eine schwache gelbe Färbung, und auch die durch Finger-
druck auf das rothe Zahnfleisch momentan erzeugte blasse Druckstelle
zeigt, wenn auch mitunter nur schwach, den gelben Schimmer, den wir
beim Icterus älterer Personen zu sehen gewohnt sind. Ausser der gelben
Hautfärbung bestehen keine krankhaften Erscheinungen, vielmehr gehen
alle Functionen gut von Statten, und binnen 8—14 Tagen ist Alles vor-
über, natürlich abgesehen von den Fällen, in welchen Complicationen mit
ernsteren Krankheiten bestehen. Diese Unschädlichkeit des Icterus neona-
torum und seine ungemeine Frequenz waren die Ursache, dass man ihn
nicht als eine Krankheit, sondern mehr als einen physiologischen Zustand
betrachten wollte.
Dass es sich hier in der That um eine biliöse Färbung handelt,
geht schon daraus hervor, dass nicht die Haut allein gelb gefärbt ist,
sondern auch die Sclera, die Schleimhäute und ein Theil der inneren
Organe. Ich selbst habe mich bei Sectionen wiederholt von dieser That-
sache überzeugt, und Orth1) beschreibt einen Fall, wo sogar das Ge-
hirn, welches sonst beim Icterus wenig oder gar nicht gefärbt zu sein
pflegt, intensiv gelb erschien. Es kann also keinem Zweifel unterliegen,
dass die Färbung der Gewebe durch ein Pigment bedingt ist, welches
mit dem der Galle wenigstens äusserlich übereinstimmt. Die Unter-
suchungen von Orth gaben dieser Anschauung eine neue Stütze. Die
schon früher geraachten Beobachtungen von krystallinischem Pigment
im Blute und in verschiedenen Organen Neugeborener wurden von ihm,
wenigstens nach dem Tode, bestätigt, und zwar in der Weise, dass ein
solches Pigment nur bei bestehendem allgemeinen oder schon im Ver-
schwinden begriffenen Icterus vorkommt2). Das Pigment, welches in
Form von rothen rhombischen Täfelchen und Säulchen oder von büschel-
förmig vereinigten Nadeln sehr reichlich im Blute, in den Nieren, der
Leber und vielen anderen Organen vorkommt, ergab die mikrochemischen
Charaktere des Bilirubins, und Orth steht daher nicht an, die Krystalle
als Bilirubin zu betrachten, welches sich nach dem Tode aus dem
») Virchow's Archiv. Bd. 63.
2) Unter 37 Fällen fand Orth das Pigment 32 mal bei Icterischen, und auch
in den übrigen 2 Fällen liess sich das frühere Vorhandensein der Gelbsucht nicht
absolut in Abrede stellen.
Icterus neonatorum 23
vorher im Blutplasma gelösten Gallenfarbstoffe bilde. Freilich
bleibt dabei die Frage ungelöst, auf welche Weise der Gallenfarbstoff
in's Blut gelangt ist, und gerade in dieser Frage stehen sich die Mei-
nungen streitend gegenüber. Während die Einen den Icterus als einen
hämatogenen durch Bildung von gelbem Pigment im Blute selbst
entstehen lassen, nehmen Andere einen hepatogenen Ursprung, analog
dem gewöhnlichen Stauungsicterus, an. Wenn ich nun auch wiederholt
bei Sectionen gesehen habe, dass man kleine Schleimpfröpfe aus dem
Ductus choledochus herauspressen konnte, so sprechen doch während des
Lebens der gallige Darminhalt und der normal gefärbte Urin dafür, dass
jene Pfropfe nicht ausreichend sind, um beträchtliche Gallenretention und
Resorption in der Leber zu bedingen. Andererseits aber findet man
vielfach den Ductus choledochus und hepaticus ganz frei von hemmen-
den Schleimpfröpfen, und aus diesem Grunde hat die hämatogene Auf-
fassung des Icterus neonatorum sich viele Anhänger erworben. Nur fehlt
auch hier der Nachweis der Ursache, welche eine so bedeutende Ab-
scheidung von gelbem Pigment im Blute bedingt. Man hat dazu einen
sehr reichlichen Untergang rother Körperchen im Blute und ein ent-
sprechendes Freiwerden von Blutfarbstoff, aus welchem Hämato'idin und
Bilirubin hervorgehen, für erforderlich gehalten. Das Blut der Neuge-
borenen ist überhaupt schon relativ reicher an rothen Blutkörperchen,
als das älterer Kinder, und Hayem, Helot u A. haben auch das Zu-
grundegehen massenhafter durch die Nabelschnur in den Kindeskörper
gelangter Blutkörperchen durch Zählung nachgewiesen. Darauf beruht
die besonders von Porak1) vertretene Ansicht, dass eine langsame,
erst nach dem Aufhören der Pulsation erfolgende Unterbindung des
Nabelstrangs durch die grössere Blutmenge, welche dann noch aus
der Placenta in den Kreislauf des Neugeborenen gelangt, einen massen-
hafteren Zerfall rother Körperchen, reichlichere Bildung von Pigment im
Blute und demgemäss Icterus zur Folge haben soll. Andere2) schreiben
dem in den ersten Lebenstagen erfolgenden reichlichen Eiweissverbrauch,
welcher einen stärkeren Zerfall rother Blutkörperchen bedinge, diese
Wirkung zu, wobei dann noch eine Insutficienz der Leberzellen und
der Galiengänge den gesteigerten Ansprüchen gegenüber in Betracht ge-
zogen wird3).
1) Porak, Considerations sur l'ictere des nouveaux-nes. Paris, 1878. —
Schücking, Berl. klin. Wochenschr. 1879. No. 39.
2) Ho fm ei er, Die Gelbsacht der Neugeborenen. Zeitschr. f. Geburtsh. u. s. w.
Bd. 8. H. 2.
3) Hartmann, Ueber den Icterus neonatorum, lnaug. Diss. Berlin, 1883.
24 Krankheiten der Neugeborenen.
Diesen hämatogenen Anschauungen gegenüber gewann die Resorpiions-
theorie durch die Arbeit von Gruse1) festeren Boden. Derselbe fand
schon die Farbe des forgfältig aufgefangenen Urins gelber als im Normal-
zustande und constatirte ferner, dass die zuerst von Virchow beschrie-
benen gelben Körperchen2), welche constant im Urin icterischer Neuge-
borener entweder in Epithelzellen eingebettet, oder frei umherschwimmend,
oder von hyalinen Cylindern umschlossen gefunden werden, durch die
mikrochemische Reaction sich als wirkliches Gallenpigment ausweisen.
Auch will er in allen Fällen von intensivem Icterus gelöstes Gallen-
pigment im Urin durch Schütteln mit Chloroform nachgewiesen haben,
was früheren Untersuchern nicht gelungen war. Dazu kam, dass Birch-
Hirschfeld3), wenn auch nicht im Urin, doch im Serum des Herz-
beutels immer Gallenpigment und einmal auch Gallensäuren4) nach-
weisen konnte, was als eine starke Stütze der hepatogenen Theorie zu
betrachten ist. Die gallige Färbung der Faeces soll von der Tage lang
dauernden Ausscheidung des Meconium abhängen. Auch die Unter-
suchungen von Silbermann5) sprechen für die hepatogene Natur des
Icterus, wenn auch die anatomische Grundlage, Compression der kleinsten
Gallengänge durch venöse Hyperämie und interstitielles Oedem, nicht
sicher begründet ist6).
Sind wir somit über die eigentliche Ursache des Icterus neonatorum
noch nicht völlig im Klaren, so wissen wir doch, dass seine Ent-
wickelung durch Frühgeburt, Schwäche der Neugeborenen, ungünstige
Verhältnisse bei und nach der Geburt, Einwirkung der Kälte, Atelectase
des Lungengewebes, mangelhafte Respiration, schlechte Luft begünstigt
wird, woraus sich sein häufiges Vorkommen in Gebärhäusern und
Findelanstalten und bei Kindern von geringem Gewicht erklärt. Von
einer Behandlung ist kaum die Rede, da die Affection von selbst
heilt. Gute Pflege und Sorge für Stuhlgang, wenn derselbe mangelt,
reichen aus.
Häufig c|omplicirt sich aber der Icterus mit anderen, weit erheb-
licheren krankhaften Zuständen, welche an sich schon geeignet sind,
einen tödtlichen Ausgang herbeizuführen. Viele dieser Kinder sind in
') Archiv f. Kinderheilk. I. 1880. S. 353.
2) Violet, Virchow's Archiv. Bd. 80.
3) Die Entstehung der Gelbsucht neugeborener Kinder. Virch. Arch. Bd. 87.
Heft 3. — S. auch B. Schulze, Ebendas. Bd. 81. Heft 1.
4) Halberstam, Inaug.-Diss. Dorpat, 1886.
s) Archiv f. Kinderheilk. VIII. Heft 6.
6j Vergl. auch Quincke, Archiv f. experim. Pathologie u. Pharmacie. Bd. 19.
Icterus neonatorum. 25
höchstem Grade elend, mager und lebensschwach zur Welt gekommen,
zeigen starke Soorentwickelung im Munde und am Gaumen, leiden an
Erbrechen und Diarrhoe. Auch unter diesen Umständen konnte ich eine
gelbe Färbung, also Gallengehalt des Erbrochenen, wiederholt constatiren.
Die ungünstigste, glücklicherweise seltene Oomplication ist jedenfalls die
mit Sclerema neonatorum.
Von dem gewöhnlichen Icterus neonatorum hat man nun eine andere,
viel bedenklichere Form von Gelbsucht zu unterscheiden, welche in
verhältnissmässig seltenen Fällen bei Neugeborenen vorkommt, und die
Folge einer Obliteration oder eines angeborenen Mangels der aus-
führenden Gallengänge ist. Während meiner ganzen Praxis sind mir
höchstens drei Fälle dieser Art begegnet, von denen nur zwei zur Section
gelangten.
Ein 4 Monate altes Kind litt seit der Geburt an Gelbsucht mit völlig
trocknen, fast milchweissen Darmausleerungen und dunklem gallenhaltigem
Urin. Man konnte den linken Leberlappen im Epigastrium deutlich fühlen. Trotz
aller angewandten Mittel blieb die Gelbsucht nicht nur bestehen, sondern die Haut-
farbe wurde immer grünlicher, und das Kind ging 5 Wochen nach seiner ersten Vor-
stellung, skelettartig abgezehrt, zu Grunde. Bei der Section fanden wir die Leber
mindestens um den dritten Theil kleiner, als sie sonst in diesem Alter zu sein
pflegt; beide Lappen gleich gross, der linke abgeplattet, bis ans linke Hypochon-
drium reichend, massig consistent und durch und durch von olivengrüner Farbe. Die
Gallenblase war nur rudimentär vorhanden, von den Gallengängen aber keine Spur
aufzufinden, auch die Mündung des Ductus choledochus im Duodenum nicht zu er-
kennen.
Sie finden in diesem Fall also nicht nur während des Lebens,
sondern auch nach dem Tode alle Erscheinungen eines durch Gallen-
stauung innerhalb der Leber erzeugten Icterus, besonders auch die be-
kannte Volumsverminderung der anfangs geschwollenen Leber, welche
durch Schrumpfung neugebildeten Bindegewebes und Zerfall von Leber-
zellen herbeigeführt wird. Die beiden anderen Fälle kamen leider nicht
zur Section.
Wir sind über die Genese dieser Gelbsucht in so fern noch nicht
ganz im Klaren, als auch einige Fälle beobachtet sind, in denen bei
gleichen Symptomen im Leben die Section dennoch eine Durchgängig-
keit der Gallengänge ergab'). Zuweilen waren die Gänge nur abnorm
eng oder partiell obliterirt, während die Gallenblase verkümmert erschien,
') Vergl. E. Gessner, Ueber congenitalen Verschluss der grossen Gallengänge.
Inaug.-Diss. Halle, 1886, u. bes. Thompson, Congenital obliteration of tho Bileducts.
Edinburgh 1892.
26 Krankheiten der Neugeborenen.
auch wohl ganz fehlte, und die Leber im Zustande biliärer Cirrhose war
(Bindegewebsneubildung und erweiterte, mit Galle überfüllte Gallen-
kanälchen). Bemerkenswerth ist das Vorkommen dieser Erkrankung
bei zwei oder mehreren Kindern derselben Familie, während Syphilis der
Eltern nur selten nachzuweisen war1). Einige Befunde sprechen dafür,
dass eine foetale peritonitische Aifection an der Leberpforte die erste
Ursache der Affection sein kann, die fast durchweg in wenigen (bis 8) Monaten
letal verlief, meist durch enorme Atrophie, mit oder ohne Blutungen aus
dem Darm, dem Nabel, auf der Haut. Nur wenige Fälle von Heilung
werden in der Literatur berichtet, und vielleicht gehört in diese Kate-
gorie auch der folgende im Juli 1875 von mir beobachtete Fall, in wel-
chem freilich nur ein frühes, noch rückbildungsfähiges Stadium des Lei-
dens angenommen werden müsste.
Ein 14 Tage altes Kind litt seit etwa 10 Tagen an Gelbsucht, die iu den letzten
Tagen plötzlich erheblich zugenommen hatte. Der Stuhlgang war dunkel gefärbt,
schwärzlich braun, schmierig und sparsam; die Urinflecken in den Windeln
gelbgrünlich gerändert. Dabei starke Sooientwicklung bis in den Pharynx hinein,
livide Farbe der Schleimhäute, zunehmender Verfall trotz einer vortrefflichen Amme
und reichlichen Trinkens. Auffallend waren sehr zahlreiche, auf der grünlich gelben
Haut des Nackens, Rückens und der Extremitäten zerstreute miliare rothe Flecke,
die auf Fingerdruck nicht schwanden, hie und da etwas prominirten, und später unter
leichter Desquamation verschwanden. Unter dem Gebrauch eines Chinadecocts mit
Salzsäure, Auswaschungen des Mundes mit einer Lösung von Chlorkali, und aroma-
tischer Bäder genas das Kind wider Erwarten und ist seitdem zu einem kräftigen
Knaben herangewachsen.
II. Trismus s. Tetanus neonatorum.
Sind auch die Erscheinungen dieser Krankheit im Wesentlichen
denen des Starrkrampfes der Erwachsenen gleich, so werden sie doch
durch das zarte Alter mehr oder weniger modificirt. Am häufigsten be-
ginnt sie zwischen dem 5. und 9. Tage nach der Geburt, doch sah
ich ein paar Mal erst am 20. Tage die ersten Symptome auftreten. Die
früheste Erscheinung ist in der Kegel Schwierigkeit oder Unmöglichkeit
des Saugens; jeder Versuch, die Brustwarze oder Saugflasche in den Mund
zu nehmen, ruft starre Oontraction der Kaumuskeln und des Muse, orbi-
cularis oris hervor, wodurch das Saugen unmöglich wird. Auch die
übrigen Gesichtsmuskeln nehmen an der Oontractur Theil, und das
Antlitz wird dann in hohem Grade entstellt. Anfangs treten diese Er-
') Auf die syphilitische Lebererkrankung kleiner Kinder komme ich später
zui ück.
Trismus neonatorum. 27
scheinungen nur anfalls weise, und zwar bei jedem Saugversuche auf,
während es noch gelingen kann, dem Kinde mittelst eines Theelöffels
Milch einzuflössen , aber schon nach wenigen Stunden pflegen sich die
Symptome schnell zu steigern. Die Anfälle erfolgen nun auch spontan,
ohne deutliche Veranlassung, wobei sich die Stirn in Querfalten legt, die
Augenbrauen runzeln, die Lider fest schliessen, die Lippen rüsselförmig
zuspitzen und mit radiären Falten umgeben. Bald nehmen auch die
Schlundmuskeln Theil, das Schlucken eingeflösster Milch wird durch
Contractur derselben verhindert, häufig unter Hinzutreten von Er-
stickungserscheinungen, mit cyanotischem Gesicht und Stillstand der
Athembewegungen, welche auch in den Intervallen der Anfälle äusserst
schnell und oberflächlich zu sein pflegen. Versucht man den Finger in
den Mund einzuführen, so stösst man auf die in Folge starrer Contrac-
tur der Massetcren und Temporalmuskeln fest aufeinander gepressten
Kiefer, und der Versuch, diesen Widerstand zu überwinden, hat ge-
wöhnlich den Eintritt oder die Steigerung der geschilderten krampf-
haften Erscheinungen zur Folge. Nur in den wenigsten Fällen aber
finden Sie diese auf die bereits erwähnten Muskelpartien beschränkt;
meistens gesellt sich Rigidität der Nacken- und Rückenmuskeln hinzu,
mit Rückwärtsbeugung des Kopfes und völliger Steifigkeit der Wirbel-
säule, die sich besonders dann zeigt, wenn Sie das Kind mit einer Hand
um die Mitte des Körpers fassen und in horizontaler Schwebe hallen.
Auch die Muskeln der oberen und unteren Extremitäten nehmen mehr
oder weniger Antheil. Arme und Beine sind extendirt, ihre Muskeln,
wie die des Bauches, hart und unnachgiebig, eine gewaltsame Flexion
kaum möglich. Alle diese spastischen Symptome zeigen zwar Inter-
missionen oder wenigstens Remissionen, werden aber, je weiter die
Krankheit vorrückt, immer persistenter und lassen sich häufig, aber keines-
wegs constant, durch Betastung, Ernährungsversuche, Klystiere, erheb-
lich steigern oder hervorrufen. Auch Tremor und kurze convulsivische
Erschütterungen, welche gleich elektrischen Strömen Rumpf und Glieder
durchzucken, werden nicht selten beobachtet.
Unter diesen Umständen wird die Ernährung durch die Brust oder
Saugflasche eine Unmöglichkeit; nur in einem Falle sah ich das Kind
noch auf der Höhe der Krankheit an der Flasche saugen, freilich nicht
in ausreichender Weise.
Im Verein mit den geschilderten, unzweifelhaft schmerzhaften
Contractionen der Muskeln muss das Daniederliegen der Ernährung
einen rasch zunehmenden Verfall herbeiführen. Die Temperatur bleibt
entweder normal oder zeigt nur massige Erhebungen auf 38,5 — 39°, und
28 Krankheiten der Neugeborenen.
in vielen Fällen wird dieser Grad im ganzen Verlauf der Krankheit wenig
oder gar nicht überschritten. Zuweilen aber steigt die Temperatur ziemlich
schnell, erreicht 40 bis 41 und darüber, wie in manchen Fällen von
Tetanus der Erwachsenen. Im Allgemeinen zeigt die Krankheit einen
stetig progressiven Charakter, doch kommt es mitunter spontan oder in
Folge angewendeter Mittel zu einer scheinbaren, trügerischen Besserung
der Symptome, auf welche meistens schon nach kurzer Zeit eine neue
Steigerung der Contracturen zu folgen pflegt. Schliesslich verfällt das
Kind in Betäubung, der jagende Puls wird unfühlbar, Hände und Füsse
werden kühl, und der Tod erfolgt entweder an Erschöpfung oder durch
Asphyxie in Folge tetanischer Contractur der inspiratorischen Muskeln,
nach einer je nach der Intensität des Verlaufs wechselnden Dauer der
Krankheit von 24 oder 36 Stunden bis zu 9 Tagen.
Der weitaus grösste Theil der vom Trismus befallenen Neugeborenen
geht zu Grunde. Sie haben daher von Anfang an eine schlechte Pro-
gnose zu stellen. Völlige Genesung ist indess keineswegs ausgeschlossen
und mir selbst sind ein paar solcher Fälle vorgekommen. Wie bei Er-
wachsenen scheinen auch hier die mit hoher Temperatur einhergehenden
Fälle eine besonders ungünstige Prognose zu geben, wenn auch bei
niedrigem Thermometerstande (37,1 — 37,8 während des ganzen Verlaufs)
der letale Ausgang häufig genug ist. Bei günstigem Ausgang erfolgt
die Besserung immer allmälig, nie mit einem Schlag; die Starre der
Muskeln, die spastischen Steigerungen verschwinden langsam, und in
zwei von mir selbst beobachteten Fällen konnte ich noch nach drei
Wochen Rigidität der Extremitätenmuskeln, welche der Extension oder
Flexion einen federnden Widerstand entgegensetzte, wahrnehmen. Bei
einem dritten Kinde war im Beginn der vierten Woche immer noch
leichte Rückenstarre und Kieferklemme beim Einführen des Fingers in
den Mund zu constatiren, wobei das Kind aber gut an der Flasche
saugte. Alle diese Fälle gehörten indess auch während ihrer Acme
nicht zu den schlimmsten, die Temperatur überschritt die Norm nur um
einige Zehntel, und dem einen dieser Kinder, welches in der Poliklinik
behandelt wurde, konnte schon nach den ersten zwei Tagen mit einem
durch die Kieferspalte gezwängten Theelöffei etwas Milch eingeflösst werden.
Wie bei Erwachsenen ergiebt auch beim Neugeborenen die anato-
mische Untersuchung keine charakteristischen Resultate. Blutextravasate
im Wirbelkanal sind wohl nur als Folgen der durch die gehemmte Respi-
ration gesetzten venösen Stauung, nicht als Ursache der Krankheit zu be-
trachten. Aus demselben Grunde werden Sie auch kleine Hämorrhagien
zwischen den Meningen des Gehirns und auf den serösen Membranen nicht
Trismus neonatorum. 29
selten antreffen. Die Centralorgane selbst erscheinen, abgesehen von einer
mehr oder minder starken venösen Hyperämie und deren Folgen (Oedem,
miliare Blutungen), normal. Dass es sich beim Tetanus überhaupt um
eine erhöhte Reflexthätigkeit des Rückenmarks handelt, ist unzweifelhaft,
wenn auch die Erregung und Steigerung der spastischen Erscheinungen
durch jede Reizung sensibler Nerven (Pulsfühlen, Betastung u. s. w.)
nicht in allen Fällen gleich ausgesprochen ist. Auch beim Trismus
neonatorum ist diese Erscheinung bald mehr, bald weniger entwickelt,
und wird um so begreiflicher, als in diesem Alter auch schon im ge-
sunden Zustande der Refleximpuls ein überwiegender ist. Nach den an
neugeborenen Thieren angestellten Experimenten von Soltmann sollen
in der ersten Zeit des Lebens überhaupt alle Bewegungen ohne den
Einfluss des Willens nur auf refiectorischem Wege zu Stande kommen,
und alle die Reflexaction hemmenden Centra im Gehirn und Rücken-
marke noch fehlen. Daraus würde sich dann die enorme Häufigkeit
reflectirter Krämpfe bei diesen Kindern im Vergleich mit dem späteren
Lebensalter erklären lassen, nicht aber die Ursache, welche dieser un-
gebändigten Reflexaction gerade die eigenthümliche und bedrohliche Form
des Trismus aufprägt. Eine in unserer Zeit gefundene Ursache des Starr-
krampfes, der Tetanusbacillus und sein Stoffwechselproduct, scheint
auch hier eine Rolle zu spielen (Beumer1). Auf irgend eine
Weise, durch unreine Hände, Verbandstoffe, gelangen diese Bacillen
in die offene Nabclwunde, und entfalten von hier aus ihre verderb-
lichen Wirkungen. Was man früher als Ursache des Trismus neo-
natorum ansah, traumatische Einflüsse (zumal solche, die den Nabel
treffen, rituelle Beschneidung u. s. w ), ferner thermische Schädlich-
keiten (Erkältung durch zu frühzeitiges Austragen bei strenger Kälte,
zu heisse Bäder) wird jetzt in Abrede gestellt, obwohl Thatsachen be-
richtet werden, welche mit der rein bacillären Anschauung nicht recht
vereinbar scheinen. Dahin gehören die Fälle von Trismus, welche
durch Hebammen, die des Temperatursinns ermangelten und dem Neu-
geborenen Bäder ohne Zuhülfenahme des Thermometers bereiteten, ver-
anlasst wurden, z. B. in Elbing, wo in der Praxis der beschäftigsten
Hebamme Trismus Jahre lang vorkam und Hunderte von Neugeborenen
hinraffte. Schliesslich ergab sich, dass die Hebamme ein Badewasser
von 33° von einem 2 8 gradigen nicht unterscheiden konnte, und erst die
l) Beumer, Berl. Klin. Wochenschr. J887. No. 31. — Peiper, Centralbl. f.
klin. Med. 1887. No. 42. — Deutsche med.* Wochenschr. 1889. S. 217. - Deut-
sches Archiv f. klin. Med. Bd. 47. — Kitasato, Bagin sky, Berl. klin. Wochenschr.
1891. No. 7.
30 Krankheiten der Neugeborenen.
Anwendung des Badethermometers machte dieser „Epidemie" von Tris-
mus ein Ende '). Auch die Entstehung desselben durch verdorbene Luft
(Thrandunst in Island, Gebärhaus in Dublin, aus welchem der Trismus
durch gute Ventilationsvorrichtungfn vertrieben worden sein soll), ferner
das epidemische Auftreten auf einigen westindischen Inseln, ist mit der
bacillären Entstehungsweise schwer zu vereinbaren. Es wäre also mög-
lich, dass neben der infectiösen Form noch eine äusserlich sehr ähnliche
besteht, welche auf anderem Wege zu Stande kommt. Die Therapie
ist in den meisten Fällen erfolglos. Wissen wir ja doch, dass dieselbe
Krankheit, wenn sie das weit resistentere spätere Lebensalter befällt,
zu den gefahrvollsten gehört, die wir kennen. Das einzige Mittel, unter
dessen Gebrauch ich zwei Fälle von Trismus neonatorum genesen sah,
ist das Chloralhydrat, welches ich zu 0,06 stündlich verordnete.
Kann das Mittel nicht geschluckt werden, so wende man es im Klysma
0,1 stündlich an. In anderen Fällen blieb dasselbe ebenso erfolglos,
wie die Einathmungen von Chloroform, welche nur ein momentanes Auf-
hören der Kiefersperre bewirkten. Vom Opium (Tinct. thebaic. gtt. 1,
2 stündlich) beobachtete ich nur vorübergehenden Erfolg, so lange die
Narcose anhielt. Mit ihrem Aufhören begann auch der Tetanus von
neuem. Ebenso wenig Wirkung sah ich vom Extr. Calabar. , welches
ich ein paar Mal zu 0,005 3 — 4mal täglich hypodermatisch anwendete
(0,05 auf 10,0 Wasser, eine Spritze voll zu injiciren), während Andere
(Monti) von diesem Mittel Gutes gesehen haben wollen. Bei den
äusserst ungünstigen Erfolgen jeder Therapie in dieser Krankheit muss
um so mehr Werth auf eine sorgfältige Prophylaxe gelegt werden, d. h.
auf die möglichst vollständige Antisepsis der Nabelwunde und Abhal-
tung aller auf das Hautneryensystem reizend wirkenden Einflüsse (kalter
Luft, zu heisser Bäder).
Abgesehen vom Trismus kommen convulsivische Anfälle, auch solche
mit tetanischem Charakter, partielle und allgemeine, bei Neugebore-
nen vor, welche zwar äusserlich durch starre Contractur vieler Mus-
keln dem eigentlichen Tetanus gleichen, von diesem aber ganz zu tren-
nen sind. Ich werde auf diese Dinge an einer anderen Stelle (bei den
Blutungen in der Schädelhöhle) zurückkommen, will aber hier bemerken,
dass der unter dem Namen „Encephalitis und Myelitis intersti-
tialis" von Virchow1) beschriebene Zustand des Gehirns und Rücken-
') Bohn, Jahrbuch f. Kinderheilk* 1876. IX. S. 307.
2) Archiv 1867. Bd. 38. S. 129. 1868. Bd. 44. S. 472. - Klin. Wochenschr.
1883. Oot., Nov.
Trismus neonatorum. 31
marks, den er bei tödtgcborenen oder bald nach der Geburt unter dem
Einflüsse infectiöser Krankheiten, der Syphilis, aber auch ohne deutliche
Ursache gestorbenen Kindern beobachtete, für diese Erscheinungen
nicht verantwortlich zu machen ist. Es handelt sich dabei wesentlich
um eine Wucherung und fettige Infiltration der Neurogliazellen, die mit-
unter schon macroscopisch in Form kleiner gelber oder hortensiafarbiger
weicher Flecken erkennbar ist. Diese von Hayem und Parrot bestä-
tigten, aber nicht direct als entzündliche gedeuteten Befunde wurden
indess von Jastrowitz1) in einer auf 65 Fällen basirten Arbeit dahin
gedeutet, dass die Neurogliazellen, besonders in gewissen Partien des
Mittelhirns und in den Hintersträngen der Medulla in jedem Foetus eine
physiologische Verfettung zeigen, die bis zum 7. Monat des Intrauterin-
lebens ihr Maximum erreicht, sich dann vermindert und bald nach der
Geburt verschwindet. Als krankhaft betrachtet Jastrowitz die Ver-
fettung nur dann, wenn sie über die normale Zeit hinaus dauert,
oder andere Gehirntheile als die weisse Substanz des Centrums ergreift,
z. B. die grossen Hirnganglien, die graue Substanz der Windungen, die
Kerne der Gehirn- und Rückenmarksnerven. Die ätiologischen Verhält-
nisse dieser unvollständigen Fettresorption bleiben freilich im Dunkeln2).
Bis jetzt aber haben diese Befunde nur ein anatomisches Interesse; ihre
Beziehung zu bestimmten klinischen Symptomen bei Neugeborenen ist
noch nicht constatirt, und auch die im 2. — 5. Monate vorkommende und
als Folge einer solchen „Encephalitis" beschriebene Keratitis ulcerosa3)
ist keineswegs als solche sichergestellt.
Dasselbe gilt von gewissen macroscopischen Veränderungen, welche
man in der Schädelhöhle Neugeborener zuweilen findet, Oedem, Hyper-
ämie und kleine Ecchymosen der Pia. Vergleicht man die Fälle, in
denen solche Befunde bei der Section notirt werden, klinisch mit
einander, so findet man durchaus keine charakteristischen Symptome,
oft aber ein aligemeines Krankheitsbild, welches man als das der „an-
geborenen Lebensschwäche" bezeichnen kann. Mehr oder minder
hochgradige Atrophie, graugelbliches Hautcolorit, äusserste Schwäche und
Apathie, klägliches Wimmern statt des normalen Geschreis, oberflächliche
schnelle Respiration, cyanotischer Anflug der extremen Körpertheile,
Sinken der Temperatur — das sind die Symptome, welche diese un-
') Arch. f. Psych, u. Nervenkrankh. 1872. Bd. 2 u. 3.
2) Kramer, Ueber das Vorkommen von Körnchenzellen im Gehirn Neugebore-
ner. Dissert. Berlin, 1885,
2) Graefe und Hirschberg, Arch. f. Ophth. Bd. 12. S. 250 und Berl. Hin.
Wochenschr. 1868. S. 324.
32 Krankheiten der Neugeborenen.
glücklichen Geschöpfe bald nach der Geburt darzubieten pflegen, unter
denen sie schon in den ersten Tagen oder Wochen ihres Lebens erliegen.
Das Loos der Meisten ist leider, in schlechte Pflege oder in ein Kinder-
krankenhaus zu kommen, wo ihnen das Notwendigste, die natürliche
Ernährung, mangelt. Meine Abtheilung in der Charite hat das ganze
Jahr hindurch eine Anzahl solcher Kinder aufzuweisen, welche allen
Bemühungen zum Trotz collabiren und durch progressiv zunehmende Herz-
schwäche, oft auch unter klonischen oder tetanischen Oonvulsionen
zu Grunde gehen. Die unter solchen Verhältnissen gefundenen Oedeme,
Hyperämien und kleinen Blutextravasate der Pia sind meiner Ansicht
nach nur durch venöse Stauung in Folge der Herzschwäche und der fast
immer vorhandenen Lungenatelectase bedingt, keineswegs als active Pro-
cesse, also auch nicht als Ursachen terminaler convulsivischer Erschei-
nungen zu betrachten.
III. Cephalhämatom.
Ihre Hülfe wird oft von besorgten Müttern wegen einer Geschwulst
am Kopfe des Neugeborenen in Anspruch genommen werden, die unter
dem Namen des Cephalhämatoms (Kopfblutgeschwulst) beruht, und
durch den Druck, welchen der Schädel des Foetus beim Durchtritt durch
den Beckenausgang erleidet, zu entstehen scheint, wobei die Geburt nicht
besonders schwer zu sein braucht. Auch hei Steisslagen wurde ein
Cephalhämatom beobachtet. In vielen Fällen wirkt der Druck nur auf
die Kopfhaut und das subcutane und subaponeurotische Bindegewebe,
und es kommt dann zu einem serös-blutigen Erguss in dasselbe, mit
Bildung einer massigen teigigen Geschwulst, dem sogenannten Caput
succedaneum. Wirkt der Druck aber tiefer oder länger auf das Pericra-
nium selbst ein, so erfolgt die Blutung zwischen diesem und den be-
treffenden Schädelknochen. In der Regel sind es die Scheitelbeine,
besonders das rechte, welche bei der gewöhnlichen Lage des Kindes am
häufigsten dem Drucke während der Geburt ausgesetzt sind. Das aus
den Gefässen sich entleerende Blut hebt allmälig das Pericranium vom
Knochen ab und bildet eine fluctuirende Geschwulst, welche nicht so-
fort ihr Maximum erreicht, sondern, da die Blutung langsam fortdauert,
allmälig sich vergrössert und gewöhnlich erst am dritten Tage stationär
wird. Nicht selten nimmt dann der Tumor das ganze Scheitelbein ein,
erstreckt sich aber nicht über dasselbe hinaus, weil die Nähte der
Schädelknochen, an welchen das Pericranium besonders fest haftet, der
weiteren Ausbreitung eine Grenze setzen. Ein doppelseitiges Cephal-
hämatom ist mir selbst bisher nur zweimal vorgekommen, bei einem
Cephalhämatom. 33
dreiwöchentlichen Kinde, welches auf beiden Scheitelbeinen eine Blut-
geschwulst, und zwar beide von verschiedener Grösse, zeigte, und bei
einem vierjährigen hydrocephalischen Knaben, welcher zweimal rasch
hintereinander auf den Kopf gefallen war.
Bei der Untersuchung finden Sie eine mehr oder minder pralle,
deutlich fluetuirende Geschwulst, häufiger auf dem rechten, als auf dem
linken Scheitelbein oder gar auf anderen Schädelknochen, die bedeckende
Haut normal gefärbt, seltener bläulich durchschimmernd oder selbst hä-
morrhagisch infiltrirt. Auch bei starker Füllung gelingt es, durch einen
raschen Stoss mit der Fingerspitze den unterliegenden Knochen durch-
zufühlen, und schon in den ersten Tagen macht sich rings um den
Tumor ein harter, etwas vorspringender Eand bemerkbar, welcher, zu-
mal bei geringem Umfange der Geschwulst, als der Rand einer im Schädel-
knochen befindlichen Lücke täuschen kann. Das Cephalhämatom scheint
dem Neugeborenen kaum ein Unbehagen zu verursachen. Nur der Druck
ruft bei starker Spannung der Weichtheile Schreien hervor. Das
Wohlbefinden ist ungestört'), und die Resorption des ergossenen
Blutes geht in der Regel rasch vor sich, wozu besonders der Umstand
beiträgt, dass in diesen Geschwülsten das Blut sehr lange, bis über
4 Wochen, sich wenigstens theilweise flüssig erhält. Schon nach einer
Woche ist die Geschwulst erheblich verkleinert, der Knochen deutlich
durchzufühlen; je nach dem Umfange des Tumors vergehen 2 bis 4 Wo-
chen bis zur völligen Resorption. Während dieser Zeil können Sie den
erwähnten harten Ring um den Tumor immer noch wahrnehmen, nur
wird er mit der Verkleinerung des letzteren immer euger, und in vielen
Fällen, wo der Resorptionsprocess längere Zeit in Anspruch nimmt,
fühlen Sie beim Druck auf die mehr und mehr dem unterliegenden
Knochen sich wieder nähernden und anlegenden Weichtheile ein Knittern,
als ob Sie auf Pergament drückten, bis schliesslich die Resorption beendet
ist und das Pericranium dem Knochen fest anliegt. Die Ursache des
Ringes ist die von der inneren Fläche des abgehobenen Periosts dauernd
vor sich gehende Knochenbildung, welche zunächst da am reichlichsten
ist, wo Periost und Knochen noch aneinander grenzen, d. h. also am Rande
des Tumors. Im weiteren Verlaufe werden auf der inneren Fläche des ab-
gehobenen Periosts Knochenplättchen gebildet, welche dem Untersucher
l) Hochgradige Anämie und Schwäche mit starker Abnahme der rothen Blut-
körperchen, deren Menge nach der Heilung erheblich zunahm, beobachtete
Schneider bei einem doppelseitigen Cephalhämatom (Prager med. Wochenschr.
1889. No. 40).
Henoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 3
34 Krankheiten der Neugeborenen.
das erwähnte knitternde Gefühl geben und eine Art Schale um den
Rest des Blutergusses darstellen ').
Cephalhämatome von ganz gleicher Art wie bei Neugeborenen können
auch später durch traumatische Einflüsse zu Stande kommen. Ich
beobachtete solche bei älteren Kindern in Folge eiues heftigen Anpralls
gegen einen Laternenpfahl, eines Falles auf den Hinterkopf, hie und da auch
ohne deutliche Ursache. Die Geschwulst sass auf dem Scheitel- oder
Hinterhauptsbein, und zwar bedeckte sie letzteres in seinem ganzen Um-
fange. Auch hier wurde noch eine allmälige Vergrösserung des Tu-
mors beobachtet, ja bei einem 8jährigen Knaben entstand eine 'Woche
nach dem Fall, als das Cephalhämatom schon vollständig entwickelt
war, noch eine nachträgliche, mit starker Schwellung einhergehende Blu-
tung im subcutanen Bindegewebe der Stirn und Augenlider. Eine Woche
später war von dieser nur noch eine grünlichgelbe Pigmentirung übrig,
während das collossale Cephalhämatom auf dem Os occipitis nach 14 tä-
gigem Bestände bis auf eine kaum markstückgrosse, flache, von einem
harten Knochenwall umgebene Stelle resorbirt war.
Die Behandlung sollte nach meiner Erfahrung eine rein exspec-
tative sein. In früherer Zeit habe ich oft genug Incisionen gemacht,
das Blut entleert und einen Druckverband durch Heftpflasterstreifen
applicirt. Es ging auch dabei meistens gut, doch konnte ich nicht
immer die Eiterung verhüten, und wiederholt kamen Fälle vor, die
von anderen Aerzten mit Einschnitten behandelt waren und klaffende
eiternde Wunden mitbrachten. Mag nun auch diese Gefahr jetzt durch
die Antisepsis erheblich vermindert werden, so sehe ich doch keinen
Grund, eine Geschwulst zu öffnen, die ich nach einigen Wochen immer
auf dem Wege der Resorption vollständig schwinden sah. Ich rathe
daher nur dann zur Incision, wenn der Tumor spontan in Eiterung
übergeht und aufzubrechen droht, ein Ausgang, der indess sehr selten,
von mir selbst noch nie beobachtet worden ist. Unter allen Umständen
wird man gut thun, den Tumor durch eine weiche Bedeckung ('Watte)
gegen äussere Insulte möglichst zu schützen.
Nur der gänzlich Unerfahrene könnte ein Cephalhämatom mit der
angeborenen Encephalo- oder Meningocele, dem Vorfalle des Ge-
hirns, oder der von Flüssigkeit ausgedehnten Gehirnhäute durch eine an-
geborene Lücke der Schädelknochen, verwechseln. Die scheinbar oder
wirklich fluetuirende Beschaffenheit einer solchen Geschwulst und der
rings um dieselbe fühlbare harte Rand der Knochenlücke machen zwar
-) Virchow, Geschwülste. I. S. HO.
Hämatom des Stemocleidomastoideus. 35
eine Täuschung möglich. Der Unterschied liegt aber schon darin, dass
der Hirnbruch in der Regel an einer Stelle vorkommt, welche vom Cephal-
hämatom des Neugeborenen meistens verschont wird, nämlich am Hinter-
hauptbein, seltener an der Glabella oder am Scheitelbein. Auch das
Volumen der Encephalocele ist in der Regel ein kleineres '), und die
aufgelegte Hand kann beim Hirnbruch eine vom Gehirninhalt herrührende
Pulsation, sowie eine respiratorische Hebung und Senkung wahrnehmen,
was beim Cephalhämatom nie stattfindet. Auch kann man bei diesem
durch einen raschen Stoss des Fingers fast immer den unter der Flüssig-
keit liegenden Knochen wahrnehmen, während dies bei Encephalo- und
Meningocele nie der Fall sein kann. Dasselbe gilt von der sogen. Me-
ningocele spuria, bei welcher es sich um penetrirende, bei oder nach
der Geburt entstandene Spalten der Schädelknochen, meistens Fracturen,
handelt, durch welche Cerebrospinalflüssigkeit nach aussen unter das
Pericranium getreten ist2). In zweifelhaften Fällen, und diese dürften
wohl äusserst selten sein , mag man sich durch eine Probepunction Ge-
wissheit verschaffen.
IV. Haematom des Stemocleidomastoideus.
Es werden Ihnen zuweilen Kinder in den ersten Lebensmonaten
vorgestellt werden, welche an dem einen oder anderen Seitentheile des
Halses, sehr selten doppelseitig , entsprechend dem vorderen Abschnitte
des Musculus stemocleidomastoideus, eine harte, rundliche oder strang-
förniig höckerige Geschwulst darbieten. Das Volumen derselben ist
verschieden, etwa taubeneigross, mitunter aber viel grösser, so dass ich
einen grossen Theil des vorderen Muskelrandes hart und knotig fand,
von wo dann strangförmige Ausläufer in die benachbarte Muskelpartie
hineinzogen. Zuweilen kommen auch zwei bis drei von einander isolirte
Härten im Muskelrande vor. Im Allgemeinen ist die obere Hälfte des
Muskels häufiger befallen, als die untere. Bisweilen fand ich fast seine
ganze vordere Hälfte von oben bis unten cartilaginös hart. Der rechte
Muskel wird unverhältnissmässig oft befallen, denn ich zähle unter
38 eigenen Fällen 31 rechts- und nur 7 linksseitige.
Das jüngste dieser Kinder war 2 Wochen, die meisten waren schon
4—6 Wochen alt; nur 4 standen im Alter von 3, 5 und 12 Monaten.
') Sehr grosse, z. B. kindskopfgrosse Meningocelen (vergl. einen von mir beob-
achteten Fall dieser Art in den Charite'-Annalen, Bd. 1, S. 569) sind meistens ge-
stielt und, gegen das Licht gehalten, etwas transparent.
2) Henoch, Ueber Schädellücken im frühen Kindesalter. Berl. klin. Wochen-
schrift. 1888. No. 29.
3*
36 Krankheiten der Neugeborenen.
Beschwerden machte die Geschwulst niemals, und war meistens zufällig
beim Waschen des Kindes entdeckt worden. Seltener wurde die Mutter
dadurch aufmerksam, dass der Kopf des Kindes beim Liegen nicht ge-
rade gehalten wurde, sondern immer eine Neigung nach der einen Seite,
am häufigsten nach rechts zeigte. Diese Haltung war aber keineswegs
immer vorhanden und schien mir um so seltener zu sein, je jünger das
betreffende Kind war.
Die Natur der Geschwulst wird uns klar, wenn wir hören, dass
fast alle damit behafteten Kinder eine anomale Geburtslage hatten,
welche entweder den Act verlängerte oder Kunsthülfe erforderte. Unter
meinen 38 Fällen sind 26 Steissgeburten, in denen die Entbindung
künstlich zu Ende geführt worden war. Von den übrigen 12 Fällen
waren 9 in der normalen Lage geboren, aber in allen wurde ausdrück-
lich betont, dass, weil die Schultern des Kindes sich nicht entwickeln
wollten, die Geburt ungewöhnlich lange gedauert und eine starke Traction
erfordert habe. In einem Falle waren, um das asphyktisch geborene
Kind zu beleben, gewaltsame Schwenkungen desselben vorgenommen
worden. Es unterliegt daher keinem Zweifel, dass die Ursache in einer
Zerrung und partiellen Zerreissung des Muskels während oder nach der
Geburt zu suchen ist, dass es sich um einen Bluterguss im Muskelge-
webe (Hämatom) und eine denselben abkapselnde und zu einer binde-
gewebigen Schwiele führende Myositis handelt, was auch durch Sec-
tionen (Skrzeczka, Taylor) festgestellt ist. Der mechanische Ein-
griff hatte unter diesen Umständen mitunter noch andere Folgen, in
einem meiner Fälle Fractur des Oberarms, in einem anderen läh-
mungsartige Schwäche der rechten unteren Extremität, deren oberer
Theil (Nates) gleich nach der Geburt eine starke Sugillation gezeigt
hatte1)-
Die Geschwulst nimmt, so weit meine Beobachtung reicht, immer
einen günstigen Verlauf, indem sie sich allmälig verkleinert und schliess-
lich eine mehr oder minder grosse harte Schwiele im Muskel zurüek-
lässt, welche die Function wenig oder gar nicht beeinträchtigt. Noch
bei einem '/Jährigen Kinde fand ich den Muskelrand schwielig hart,
den Kopf aber nur leicht nach rechts geneigt. Eiterung habe ich nie-
') Bei einem Neugoborenen zeigte sich an der linken Halsseite, dicht unter dem
Proc. mastoideus, eine wallnussgrosse gangränöse Höhle, welche durch Ausstossung
eines schwarzen Schorfes entstanden war. Ein im Becken erlittener Druck während
der langen Geburtsarbeit war hier die Ursache eines Blutergusses geworden, welcher
durch Necrose eliminirt wurde. Hier war der Muskel verschont geblieben und nur
das überliegende Gewebe (Haut, Bindegewebe und Fascie) betroffen worden.
Anschwellung der Brustdrüsen. 37
mals gesehen; dass aber eine ernstliche Functionsstörung möglich ist
lässt sich nicht bestreiten, und ich habe alle Ursache, diesen Ursprung
für das Caput obstipum eines 6jährigen Mädchens anzunehmen, wel-
ches auf die ersten Wochen des Lebens zurückgeführt wurde. Auch bei
einem 7jährigen Knaben, welcher bereits vor 3 Jahren mit partiellem
Erfolg operirt worden war, beruhte der Schiefhals auf einem nach einer
Steissgeburt entstandenen Hämatom, dessen narbige Schrumpfung in dem
vorderen Muskelbauche noch deutlich erkennbar war. Leider kamen mir
fast alle meine Fälle später aus dem Gesicht, nur wenige sah ich bei
einer anderen Gelegenheit wieder, z. B. ein C Wochen altes Kind, bei
dem ich die am 31. März zuerst untersuchte Geschwulst am 25. October,
wenn auch erheblich verkleinert, noch deutlich fühlen konnte. Die
Naturheilung durch Schwielenbildung macht übrigens jede Behandlung
überflüssig. Wollen Sie Jodkalisalbe auf den Tumor einreiben lassen,
so thun Sie damit höchstens der besorgten Mutter einen Gefallen und
sichern sich die weitere Beobachtung, zumal in der Armenpraxis.
V. Anschwellung der Brustdrüsen.
An der Stelle einer oder auch beider Mammae finden Sie eine
kugelige oder stumpf konische, ziemlich harte Geschwulst, etwa vom
Umfang eines Taubeneies oder einer kleinen Wallnuss, von normaler
Hautfarbe. Druck scheint empfindlich, da er das Kind in der Regel
zum Schreien bringt. Fassen Sie die Basis der Geschwulst zwischen zwei
Finger und drücken den Tumor, der auf seiner Spitze ein seichtes
trichterförmiges Grübchen zeigt, von beiden Seiten her massig zusammen,
so sehen Sie aus dem letzteren einen opalisirenden weisslichen Tropfen
herausquellen, welcher unter dem Microscop Fettkügelchen und grössere
aus diesen bestehende Oonglomerate aufweist.
Um die Bildung dieser Tumoren zu verstehen, muss man sich daran
erinnern, dass bei allen Neugeborenen, sowohl bei gesunden wie kran-
ken1), und zwar sowohl bei Knaben wie bei Mädchen, etwa am 4. Tage
nach der Geburt eine milchartige Secretion der Brustdrüse beginnt, welche
bis zum 9. Tage, gewöhnlich von einer leichten Schwellung der Mamma
begleitet, sich steigert und dann allmälig abnimmt, so dass in der Regel
am 20. Tage nach der Geburt nichts mehr davon währzunehmen ist.
Ich fand aber bei einem Kinde noch am Ende der 4. Lebenswoche beide
Mammae stark geschwollen , knotig und milchhaltig. Die Flüssigkeit
') Variot, Gaa. med. 1890. 40. behauptet dies gegen üuillot,der bei schwach
geborenen und kranken Kindern die Secretion vermisst haben will (Arch. gen. 1853).
38 Krankheiten der Neugeborenen.
entspricht chemisch und mikroskopisch ziemlich genau der Frauenmilch,
zumal dem Colostrum. Die über ihre Bildungsweise und die anatomischen
Verhältnisse der Brustdrüsen Neugeborener angestellten Untersuchungen')
ergaben keine rechte Uebereinstimmung. Während Epstein den Proeess
mit der lebhaften Zellenproduction und Desquamation der Epithelien in
Zusammenhang bringt, welche während des Foetallebens auch in anderen
als Einstülpungen der Haut zu betrachtenden Theilen, besonders in den
Talgdrüsen, stattfindet und in der Form des Hautsmegma, der Sebor-
rhoe, der Milien zu Tage tritt, sieht Ozerny darin den Abschluss der
embryonalen Entwickelung der Milchdrüse, und betrachtet die Oolostrum-
körperchen als lymphoide Zellen, welche durch das Epithel in das
Lumen der Milchkanäle eindringen, die unverbrauchten Milchkügelchen
aufnehmen, zurückbilden und in die Lymphwege abführen.
Wie nun beim Weibe die secernirende Mamma der Sitz krankhafter
Vorgänge werden kann, so auch beim Neugeborenen. Man braucht dazu
nicht mit Bouchut einen Puerperalzustand der letzteren anzunehmen,
von dem sonst absolut nichts zu bemerken ist; der rein locale Proeess
kann sich vielmehr zu entzündlicher Höhe steigern, zunächst mit stär-
kerer Anschwellung der Drüsen , die aber in Folge der Invasion von
Eitercoccen durch die kleine Oeffnung mit Abscessbildung enden
kann. Dann röthet sich die kleine Geschwulst, wird sehr empfindlich,
fluetuirt und ergiesst spontan oder beim Einschnitt Eiter. Da ich diesen
Ausgang ein paar Mal durch zu starke und wiederholte Compression des
Tumors, mit welcher besonders die Hebammen rasch bei der Hand sind,
zu Stande kommen sah, so hüte ich mich seitdem vor jeder Misshand-
lung derselben und lasse ihn nur mit ölgetränkter Watte bedecken, wo-
bei sich recht ansehnliche Schwellungen überraschend schnell zurück-
bildeten. Erfolgt trotzdem Röthung und Eiterbildung, so mögen Sie den
Aufbruch des Abscesses durch warme Oataplasmen und Incision be-
fördern. Guillot beobachtete drei Todesfälle durch Complicationen,
und Bouchut in einem Falle beträchtliche Unterminirung des Pectoral-
muskels, welche mit dem Tode endete. Mir selbst ist ein schlimmer
Ausgang bisher nur einmal vorgekommen (Eitersenkung und Gangrän der
Haut über dem Pectoralis bei einem elenden atrophischen Kinde). Dass
es auch zu ganz circumscripten Eiterungen in der Drüse kommen
kann, beweist der Fall eines Kindes, bei welchem die zwischen den
Fingern com primirte, sehr massig geschwollene Mamma oben einige Eiter-
') Sinety, Gaz. m6d. No. 17. 1875. — Epstein, Centralzeitung f. Kinder-
krankh. Bd. 2. No. 4. S. 53. — Czerny, Pädiatr. Arbeiten. Festschr. Berlin 1890.
Erysipelas neonatorum. 39
tropfen und weiter unten Colostrum aussickern liess. In einigen Fällen
beobachtete ich ein successives Erkranken beider Mammae.
VI. Erysipelas neonatorum.
Man war vielfach geneigt, der Rose der Neugeborenen jede Selbst-
ständigkeit abzusprechen und sie immer als eine Begleiterscheinung des
als „puerperale Infection" beschriebenen Zustandes zu betrachten1).
Aus meinen Erfahrungen darf ich aber schliessen, dass das Erysipelas
keineswegs immer als ein Symptom von Puerperalinfection anzusehen
ist. Wie es bei Erwachsenen bald als Symptom böser Infectionskrank-
heiten, der Pyämie, Septicämie, des Typhus u. s. w. auftritt, bald als
zunächst locale, von einer Verletzung ausgehende Krankheit parasitärer
Natur, so glaube ich auch beim Erysipelas neonatorum zwei Formen
unterscheiden zu müssen. Die eine und zwar die schlimmste ist an
jene puerperale Infection dor Neugeborenen gebunden, deren Er-
scheinungen in ihrer mannigfachen Form sich hier mit denen des Ery-
sipelas verbinden, schneller "Verfall, hohe Temperatur (bis 41°), Icterus,
Erbrechen und Durchfall, Entzündungen verschiedener seröser Mem-
branen (Pleura, Peritoneum, Gelenke), Convulsionen, Sopor. Diese
Form ist es, welche bei den Kindern von Frauen vorkommt, die an
Puerperalfieber leiden oder bereits an demselben zu Grunde gegangen
sind; in grösserer Verbreitung tritt sie daher in Gebäranstalten auf, in
denen Epidemien von Puerperalfieber unter den Wöchnerinnen herrschen.
Die zweite Form hat mit dieser puerperalen Infection nichts zu
schaffen, wenigstens lässt sich ein Zusammenhang mit einer mütter-
lichen Erkrankung dieser Art nicht nachweisen. Irgendwo 'am Körper
besteht eine Verletzung, sei sie auch noch so unbedeutend, welche
der Ausgangspunkt der Rose wird. Es entwickelt sich ein Erysipelas
traumaticum mit der bekannten Tendenz zum Wandern.
Wie zu manchen Zeiten, besonders in Krankenhäusern, die ver-
schiedensten Wunden leicht zum Erysipelas Anlass geben, während dies
zu anderen Zeiten nur selten oder gar nicht geschieht, so zeigen auch
die am Körper des Neugeborenen befindlichen Traumen unter der Ein-
wirkung einer verdorbenen Luft, der Unreinlichkeit und infectiöser Ein-
flüsse eine besondere Neigung, Ausgangspunkte des Erysipelas zu werden.
Deshalb begegnet man diesem weit seltener in der Privatpraxis unter
günstigen Familienverhältnissen, als unter den Armen. Aber auch bei
der besten Pflege und den günstigsten Lebensbedingungen kann das Ery-
») v. Hecker, Archiv f. Gynäcol. Bd. X. H. 3. S. 533. 1876.
40 Krankheiten der Neugeborenen.
sipelas sich entwickeln. Als Beispiel will ich nur den Fall eines jüdi-
schen Knaben aus sehr wohlhabender Familie anführen, bei welchem ich
die Rose nach der Beschneidung vom Penis ausgehen sah; allmälig
wanderte sie über den ganzen Körper, hatte nach 14 Tagen einen um-
schriebenen Brand am Scrotum, dann einen colossalen Abscess am
Rücken zur Folge, und führte schliesslich unter allgemeinem Collaps,
Icterus und peritonitischen Symptomen zum Tode. Von einer Puerperal-
infection konnte hier keine Rede sein.
Auch die zweite Form des Erysipelas kann schon in den ersten
Tagen nach der Geburt beginnen. Mitunter geschieht dies indess viel
später. So sah ich bei dem Kinde einer noch nicht ganz 16 jähri-
gen Mutter, welches auf den Boden gefallen war, die Rose erst am
15. Tage nach der Geburt auftreten. Häufig giebt ein wunder Nabel
den ersten Anlass, ebenso oft aber bilden die Genitalien und der Anus
den Ausgangspunkt. In diesen Fällen handelt es sich, abgesehen von der
rituellen Beschneidung, weniger um wirkliche Wunden, als um rothe Ex-
coriationen, die sich auf intertriginösen Hautpartien durch den Contact des
Urins und derFaeces beimangelhafter Reinlichkeit bilden. Auch andere Par-
tien der Hautoberfläche können die Eingangspforte der Erysipelcoccen wer-
den, sobald nur wunde Stellen an denselben vorhanden sind, doch geschieht
dies ungleich seltener. Am häufigsten werden Sie daher die Rose zu-
erst am Nabel oder noch tiefer in der Schamgegend, an der Wurzel des
Penis, als eine mehr oder minder lebhafte Hautröthe und ziemlich resi-
stente Schwellung wahrnehmen, welche mit scharfen, über dem Niveau
der angrenzenden normalen Haut etwas prominirenden Rändern ab-
schliesst und sich heiss anfühlt. Druck, welcher die Röthe momentan
vermindert, aber nicht ganz verschwinden lässt, ist dem Kinde schmerz-
haft. Eine Beschränkung auf die ursprünglich ergriffene Hautpartie
ist selten ; fast immer schieben sich die wallartigen Ränder nach ver-
schiedenen Richtungen hin allmälig weiter vor , mitunter gleichzeitig
nach allen Seiten, häufiger nach der einen mehr als nach der anderen, in
welchem Falle die Wanderung eine ganz ungleichmässige werden kann.
So geschieht es z. B. häufig, dass die Ausbreitung nach unten die vor-
wiegende ist, dass die Ober-, dann die Unterschenkel bis zu den Füssen
von der Rose überzogen werden, während das Niveau des Nabels nach
oben hin zunächst nicht überschritten wird. Aber auch in diesen Fällen
sehen wir nicht selten die Wanderung nach oben plötzlich vom Anus her
beginnen , und das Erysipel über die Nates und den Rücken hin die
obere Körperhälfte gewinnen. Auf diesem Wege kann es überall still-
stehen , oft aber durchwandert es die gesammte Hautoberiläche , selbst
Erysipilas neonutorum. 41
das Gesicht und die Kopfhaut. Ueberall, wo es erscheint, ist die Haut
hell- oder duukelroth, oft glänzend, etwas geschwollen, selbst von derber
Härte, so dass der Fingerdruck kaum eine seichte Grube bilden kann. An
den oberen und unteren Extremitäten wird die Infiltration der Haut bis-
weilen so stark, dass es mir in einzelnen Fällen kaum möglich war, sie
in den Gelenken zu bewegen. Im Allgemeinen aber pflegen Röthe und
Spannung an den später befallenen Theilen nicht mehr den hohen Grad
wie an den Ausgangsstellen darzubieten, wobei auch der wallartig auf-
geworfene Rand sich allmälig immer weniger markirt. An manchen
Stellen können dabei Bläschen oder mit .gelblichem Serum gefüllte
grössere Blasen, wie beim Erysipelas bullosum älterer Individuen, auf-
schiessen. Oedematöse Anschwellung der Haut und des unterliegenden
Gewebes zeigt sich an den schlafferen Hautpartien am stärksten, so dass
Penis, Scrotum, Vulva, Augenlider, Hände und Füsse nicht nur ge-
röthet, sondern erheblich tumescirt erscheinen. Linien, die mit dem
Fingernagel oder einem stumpfen Gegenstand auf der rothen Haut ge-
zogen werden, bleiben als weisse Streifen lange sichtbar, in einem meiner
Fälle über eine Viertelstunde. Wie bei jeder Wanderrose sehen wir auch
hier während des allmäligen Fortschreitens der Röthe die früher be-
fallenen Hautpartien erblassen, und daher kommt es, dass bisweilen
Brust und Hals nebst den Unterschenkeln noch blühend roth erscheinen,
während die dazwischen liegenden Theile ihre normale", Farbe1 wieder
angenommen haben, was indess nicht ausschliesst, dass letztere noch
einmal, gleichsam rückläufig, vom Erysipel ergriffen werden. So sah
ich bei einem fünfwöchentlichen Kinde, welches seit 3 Wochen an einem
den ganzen Körper fast bis zum Nacken überziehenden Erysipelas litt,
dasselbe plötzlich noch einmal das Scrotum befallen. Im Stadium der
Abnahme, wenn die Wanderung aufgehört hat, findet man daher nicht
selten ungleichmässig verbreitete, nicht mehr continuirliche, sondern viel-
fach isolirte inselförmige Röthungcn, theils auf der Brust, theils auf dem
Rücken oder den Extremitäten, zwischen welchen die Haut normal ge-
färbt, mehr oder weniger ödematös und mit desquamirten Epidermis-
fetzen oder Blasenresten bedeckt erscheint. Nach völliger Erblassung
bleibt bisweilen auch ein über die ganze Haut verbreitetes Oedem zu-
rück, und in Fällen, welche dem Arzt erst in diesem Stadium zugeführt
werden, können Zweifel über die Natur des Oedems entstehen, welche
nur durch die Geschichte der Krankheit und durch die gleichzeitig vor-
handenen Spuren von Desquamation gelöst werden.
In allen Fällen besteht ein remittirendes Fieber, wobei die Abend-
temperatur auf 39—41° steigen kann, die Morgentemperatur etwa 1°
42 Krankheiten der Neugeborenen.
weniger beträgt. Der Puls ist äusserst schnell (bis 170 und mehr) und
klein, der Athera entsprechend beschleunigt und oberflächlich. Viele
Kinder verweigern schon frühzeitig die Nahrung, besonders die Brust,
während sie mittelst des Theelöffels noch Milch zu sich nehmen. Andere
sah ich an der Brust fast so gut wie im gesunden Zustande trinken.
Mit dem Stillstand des Erysipels geht das Fieber meistens schnell zu-
rück und das Kind erholt sich mehr oder minder rasch. Im entgegen-
gesetzten Fall aber, wenn die Rose ihre Wanderung über die Hautober-
fläche weiter und weiter fortsetzt, treten leicht unter andauerndem Fieber
Oomplicationen mit krankhaften Zuständen innerer Theile hinzu, welche
dem Leben ein Ziel setzen, besonders mit copiöser Diarrhoe, Pneu-
monie und Peritonitis. Letztere beobachtete ich auch in zwei nicht
puerperalen Fällen, mit sehr bedeutender Ausdehnung, Spannung und
Empfindlichkeit des Unterleibs und mit häufigem Erbrechen. Wahr-
scheinlich setzt sich der Process von der Bauchhaut aus durch den
in solchen Fällen meistens wunden und geschwollenen Nabel auf das
Peritoneum fort. Auch abgesehen von diesen Oomplicationen kann das
hohe Fieber die Kräfte so erschöpfen, dass ein letaler Ausgang unter
den Symptomen des Collaps eintritt. Dennoch sollte man nie den Muth
verlieren, da selbst in Fällen ausgedehnter Wanderung der Rose die
Kinder nach wochenlangem Leiden mit dem Leben davonkommen und
gänzlich genesen können, während andere nach glücklicher Ueberstehung
des Erysipels noch einer Abscedirung undNecrose der Hautdecke
zum Opfer fallen. Ich habe diese Ausgänge wiederholt am Scrotum
beobachtet, zuweilen auch an den Malleolen, am Rücken (bei einem
Kinde war fast der dritte Theil desselben der Sitz einer collossalen
Eiterbildung), am Arm und am äusseren Ohr. Kleinere Nekrosen dieser
Art können durch Abstossung heilen.
Bei einem 3 Wochen alten Kinde hatte sich vor 12 Tagen vom Nabel aus ein
Erysipel über den grössten Theil der Haut nach oben und unten ausgebreitet. Als
Residuum bestand auf der linken Seite des Scrotum ein Abscess, nach dessen Auf-
bruch ein mit Fetzen abgestorbenen Bindegewebes tief eindringender Substanzverlust
vom Umfang eines Zweimarkstücks zuiückblieb. Penis und untere Extremitäten waren
ödematös, auf der linken Wange bestand noch ausgedehnte rothe Infiltration. Unter
dem Gebrauch warmer Cataplasmen stiess sich binnen vier Tagen das brandige Ge-
webe des Scrotum los, während das Erysipel, von welchem bis auf die erwähnte
Wangenpartie an den oberen Körpertheilen nichts mehr zu bemerken war, plötzlich
die linke obere Extremität vom Ellenbogen bis zu den Fingern von neuem überzog
und am Ellenbogen einen umfänglichen Abscess zur Folge hatte, den ich eine Woche
später öffnete. Schliesslich erfolgte völlige Genesung.
Auch in diesem Falle zeigte sich die oben erwähnte Thatsache, dass
nach der scheinbar vollendeten Wanderung der Krankheit einzelne Par-
Erysipelas neonatorum. 43
tien der Haut, hier die des linken Vorderarms, plötzlich von neuem
hefallen werden, ohne dass sich eine Continuität mit einem noch be-
stehenden Herde oder eine Verletzung an dem neu ergriffenen Theile
nachweisen lässt.
Die Therapie ist so gut wie ohnmächtig. Im Beginn, wo sich die
Rose meistens auf die Nabel- oder Schamgegend beschränkt, kann man
den Versuch machen, durch grosse in Bleiwasser getauchte Fomente den
entzündlichen Process zu mildern. Innerliche Mittel sind, abgesehen von
leichten Purgantien, wenn der Stuhlgang mangelt, gänzlich nutzlos.
Beginnt nun die Rose ihre Wanderung, so ist kein Mittel im Stande,
dieser Ausbreitung sicher Schranken zu ziehen. Es bleibt nichts weiter
übrig, als die Anwendung tonisirender Mittel und des Weins, von welchen
ich indess auch keinen wesentlichen Erfolg gesehen habe. Alles kommt
darauf an, ob das Erysipel stillsteht oder seine Wanderung fortsetzt, in
welchem Fall ich zu keinem Mittel Vertrauen hege. Injectionen von
Carbolsäure (1 — 2:100) in das benachbarte gesunde Gewebe leisteten
nichts und seheinen mir wegen der Gefahr der Intoxication bei so klei-
nen Kindern bedenklich. Pinselungen mit absolutem Alkohol habe ich
hier noch nicht versucht, weil sie mir bei der Wanderrose älterer Kin-
der sehr unzuverlässige Resultate ergaben. Complicationen müssen ihrer
Natur nach behandelt werden, führen aber in diesem zarten Alter bei
weit verbreiteter Rose fast immer den Tod herbei. Abscesse lasse man
cataplasmiren, öffne sie, sobald deutliche Fluctuation vorhanden ist, und
lege einen antiseptischen Verband auf.
Um nicht noch einmal auf diesen Gegenstand zurückzukommen,
will ich gleich einige Worte über das Erysipelas des Säuglings-
und späteren Kindesalters anknüpfen. Auch hier findet man bei
genauer Untersuchung fast immer eine wunde Stelle als Eingangspforte
der inficirenden Bacterien. Als solche fand ich am häufigsten die Vac-
cine, Eczeme der Kopfhaut, Excoriationen an den Genitalien oder
am Anus in Folge der an diesen Stellen vorkommenden Intertrigo, Diph-
theritis der Vulva, grosse Ecthymapusteln, endlich bei älteren Kindern,
zumal scrophulösen, chronische Rhinitis mit Excoriationen der Nasen-
schleimhaut. Nichts ist häufiger, als ein habituelles, d. h. jedes Jahr
ein oder selbst mehrere Mal eintretendes Erysipel unter den letzt-
erwähnten Umständen, wobei sich aus den wunden und borkigen Nasen-
löchern die Rose nach beiden Seiten hin wie mit rothen Schmetterlings-
flügeln über die Wangen auszubreiten, diese aber nicht zu überschreiten
pflegt. Nur einmal, bei einem 5 Monate alten Kinde, sah ich das Ery-
sipel von Otitis media ausgehen, welche durch die Section con-
44 Krankheiten der Neugeborenen.
statirt wurde. Nicht immer gelingt es aber trotz sorgfältiger Nach-
forschung, eine wunde Stelle am Ausgangspunkte aufzufinden.
So sah ich bei einem 1 5 Monate alten Kinde von der rechten grossen Scham-
lippe aus, an welcher nicht die geringste llautveiletzung bestand, ein Erysipel sich
entwickeln, welches unter lebhaftem Fieber 10 Tage lang mit einem wallartigen
Rande über die rechte untere Extremität wanderte und in blasseren Flecken sprung-
weise, d. h. mit frei bleibenden Intervallen, bis zum inneren Knöchel herabstieg,
während auch auf der Haut des Bauches hie und da rothe Inseln bemerkbar wurden.
Der Versuch, durch aufgestrichenes Collodium eine Grenze zu ziehen, misslang voll-
ständig; vielmehr dauerte die Wanderung etwa 22 Tage, worauf Heilung eintrat. —
Bei einem 21 /-Jährigen Kinde hatte sich zum dritten Mal seit 7 Monaten die Rose
vom Anus aus über beide Nates mit reichlicher Blasenbildung verbreitet, ohne dass
am After die geringste Wundstelle bemerkbar war. — Bei einem 5 Monate alten Kinde
schien das Erysipel aus der Vagina heraus sich zu entwickeln, welche in diesem
zarten Alter schon der Sitz eines Fluor albus war; die Wanderung erstreckte sich
nach unten und oben über den ganzen Körper und endete unter Hinzutritt von Diar-
rhoe und Pneumonie tödtlich. — Den Ausgang von einer an der rechten Seite des
Halses befindlichen Incisions wunde beobachtete ich bei einem 3 Monate alten
Säugling. Von der Wunde aus schob sich das Erysipel mit wallartig aufgeworfenem
Rande unter Fieber (39—40°) über das rechte Ohr, die Wange und beide Augenlider,
dann über Stirn und Kopfhaut bis in den Nacken, wo es nach einer Woche aufhörte.
Compressen von eiskaltem Bleiwasser, später ein Eisbeutel auf den Kopf, inner-
lich Chinin (0,03 2 stündlich) bildeten die Behandlung.
Geht das Erysipel von einem Eczema capitis aus, so bleibt es
leicht unter den Haaren und Borken der Kopfhaut verborgen und ver-
räth sich nur durch das begleitende Fieber, dessen Grund erst erkannt
wird, wenn die Rose die Haargrenze überschreitet und auf der Stirn, im
Nacken oder in der Umgebung der Ohren sichtbar wird. In solchen
Fällen kommt es bisweilen zu Nachschüben oder vielmehr zu Wan-
derungen nach verschiedenen Seiten des Eczems, z. B. anfangs über den
Stirnrand und später noch einmal gegen die Schläfe hin, wobei jede
Ausstrahlung durch einen neuen Fiebersturm eingeleitet wird.
Knabe von 4 Jahren, mit Eczema capitis, besonders linkerseits, im Sep-
tember 1873 in die Klinik aufgenommen. In der Nacht vom 26. und 27. September
Fieber, Unruhe, Kopfschmerz. Am 27. Fortdauer dieser Symptome ohne deutliche
locale Ursache. Temp. 39,7, Abends 39,9. Am folgenden Tage Röthe und Schwel-
lung der linken Kopfhälfte, die Haargrenze überschreitend und bis an die Schläfen-
gegend sich ausdehnend, Anorexie, dick belegte Zunge. Brechmittel. Temp. Abends
40,6. In den nächsten Tagen nimmt das Erysipel allmälig an Intensität ab, die Röthe
wird mehr fleckig, die Empfindlichkeit geringer, das Fieber sinkt, und am 1. October
ist die Temperatur 37,5, vom Erysipel nur noch multiple Bläschenbildung am
Stirnrande sichtbar. Da beginnt am Abend des 11. Oct. das Fieber von neuem, er-
reicht am folgenden Tage Morgens und Abends 40,5, und wiederum erscheint ein
Erysipelas neonatorum. 45
Erysipel vom Eczem ausgehend und um 3 Ctm. die Haargrenze überschreitend.
Unter Anwendung eines Eisbeutels auf die rothe Partie bleibt die Rose stationär,
verblasst schon am nächsten Tage, und der Knabe ist am 14. bereits ohne Fieber, so
dass wir schon nach wenigen Tagen die Behandlung des 'Kopfeczems in Angriff
nehmen konnten.
Unter den Wunden sah ich besonders die behufs der Tracheoto-
mie bei Diphtherie gemachten und selbst diphtheritisch belegten Inci-
sionen den Ausgangspunkt eines Erysipelas migrans bilden, welches bis-
weilen auf den Thorax, ja bis zum Epigastrium wanderte. Bei einem
Säugling mit Hydrocele nahm es von kleinen mit einer Insectennadel
gemachten Einstichen ins Scrotum seinen Ausgang. Scrotum und
Schamgegend bis zum Nabel hinauf wurden tief roth, hart und ge-
schwollen, es erfolgte partielle Nekrose des Scrotum, und das Kind ging
im Collaps zu Grunde. Nicht selten entwickelte sich Erysipelas in Folge
der Vaccination, selten schon in den ersten Tagen (Früherysipel), ge-
wöhnlich erst am Ende der ersten, in der zweiten Woche oder noch
später, wenn die Impfpocken schon Schorfe gebildet hatten. In der
Regel wird nur der eine Arm befallen, und man hat dann eine Wande-
rung der Rose über den Körper im Allgemeinen weniger zu besorgen als
da, wo beide Arme erysipelatös werden. In einem Falle sah ich die
Rose aufwärts sich bis zur Auricula verbreiten, wobei das angeschwollene
dunkelrothe äussere Ohr sich mit Blasen bedeckte. Hier ist es oft nicht
möglich zu unterscheiden, ob man es mit der gewöhnlichen, nur das
Maas überschreitenden Areola der Impfpocken oder mit einem sich auf
den Oberarm beschränkenden Erysipel zu thun hat. Zu manchen Zeiten,
besonders aber in gewissen Localitäten (Findelhäusern), kann das Impf-
erysipel in epidemischer Verbreitung auftreten, wobei es gleichgültig ist,
Ob animalische oder humanisirte Lymphe benutzt wurde. Die Behand-
lung aller dieser Erysipelasformen stimmt mit der (S. 43) erwähnten
durchaus überein. Pinselungen mit absolutem Alkohol um die Wanderung
zu beschränken, erwiesen sich als unzuverlässig.
VI. Sclerema neonatorum.
Das Charakteristische dieser gefährlichen Krankheit, deren Vor-
kommen sich grösstentheils auf Entbindungsanstalten und Findeihäuser
beschränkt, und auch hier zu den Seltenheiten zählt, liegt in der Härte
und Starrheit, welche die Hautdecken des Neugeborenen dem Fingerdruck
an einem grossen Theile des Körpers darbieten. In den höchsten Graden
fühlt man eine pralle Härte, als ob der Körper gefroren wäre, aber
nicht ganz gleichmässig an allen Stellen. Eine mehr oder minder be-
46 Krankheiten der Neugeborenen.
deutende Abnahme der Temperatur geht damit Hand in Hand. Die
befallenen Kinder sind lebensschwach, zu früh geboren, atrophisch, und
gehen sämmtlich zu Grunde.
Dies sind die kurzen Züge eines Leidens, über welches bis auf die
neueste Zeit eine Verwirrung der Ansichten herrschte, wie kaum über
eine andere Krankheit. Die Seltenheit und die unklare Schilderung bei
den meisten Fachschriftstellern bewirkten, dass nicht nur die Anschau-
ungen über das Wesen der Krankheit auseinandergehen, sondern Viele
überhaupt gar keine bestimmte Vorstellung davon haben, was sie sich
unter dem Namen Sclerem denken sollen.
Das Verdienst, in diese Verwirrung Klarheit gebracht zu haben,
gebührt, wie ich glaube, vorzugsweise Parrot, welcher an der Pariser
Findelanstalt reiche Gelegenheit hatte, die Krankheiten der Neugebore-
nen zu studiren. In seinem Werk über die „Athrepsie" l) weist er nach,
dass zwei von einander ganz verschiedene krankhafte Zustände, die wirk-
liche Verhärtung und das Oedem der Neugeborenen, sehr oft mit ein-
ander verwechselt und zu einem unklaren Bilde verschmolzen worden
sind. Er erklärt die Verwirrung daraus, dass der von Underwood
eingeführte Name „Zellgewebsverhärtung" (Sclerem) später von
Andry auf das im Pariser Findelhause häufig beobachtete Oedem der
Neugeborenen übertragen worden sei.
1) Die eigentliche Verhärtung (Sclerema) kommt ausschliess-
li ch bei stark atrophischen Neugeborenen vor, besonders dann, wenn
die Atrophie alsbald nach der Geburt Kinder von mittlerer Körperfülle
befällt. Während die Haut bei Atrophischen sonst weite Falten um die
Glieder bildet, wird sie hier stark gespannt, glatt, verliert ihre Weich-
heit und lässt sich schliesslich nicht mehr von den unterliegenden Theilen
abheben, mit denen sie anscheinend fest verbunden ist. Diese Veränderung
der Hautdecken pflegt von den unteren Extremitäten auszugehen, sich
über die Lumbaigegend und den Rücken nach oben zu verbreiten, und
kann schliesslich den ganzen Körper, selbst das Gesicht befallen. Span-
nung und lederartige Härte der Haut nehmen täglich zu. Alle weichen
Theile erscheinen starr wie Holz oder Stein, der Fingerdruck hinter-
lässt keine Grube, die Farbe ist schmutzig gelb, an den extremen Theilen
leicht cyanotisch. Unter diesen Umständen werden die Glieder immo-
bil, liegen anhaltend gestreckt, nur die schwachen Bewegungen des
Thorax, vielleicht noch der Gesichtsmuskeln, unterscheiden den Zustand
von einer Leichenstarre. Hebt man das Kind durch Umgreifen des
') Clinique des nouveaux-nes. Paris, 1877. p. 116.
Sclerema neonatorum. 47
Nackens in die Höhe, so kann man es wie einen starren Körper hori-
zontal in der Luft schwebend erhalten, ähnlich wie beim Trismus neona-
torum, mit welchem das Sclerem besonders in den Fällen verwechselt
werden kann, wo durch die Theilnahme der Lippen und Wangen der
Mund geschlossen und das Saugen verhindert wird. Auch wo dies nicht
der Fall ist, wird man, wenn auch nicht an Trismus, doch an tetanische
Contractionen der gesammten Musculatur denken können. Ich erinnere
mich zweier Kinder dieser Art, welche Wochen lang im starren Zustande
und im höchsten Grade abgezehrt auf meiner Klinik lagen, dabei noch
im Stande waren, etwas zu saugen oder aus dem Löffel Milch zu sich
zu nehmen, und schliesslich unter stetem Sinken der Temperatur bis auf
30,0 resp. 28,5° starben. Bei der Section wurden Gehirn und Rücken-
mark, auf die wir unsere Untersuchung speciell richteten, absolut nor-
mal gefunden, während die Hautdecken die Erscheinungen des Sclerems
darboten. In anderen Fällen fand ich dasselbe nicht so allgemein ver-
breitet, sondern auf die Gegend der Waden, der Adductoren des Ober-
schenkels, der Nates, der Wangen oder auch der Vorder- und Oberarme
beschränkt, wobei nicht nur die aufgelegte Hand, sondern auch der in
die Mundhöhle eingeführte Finger die Abnahme der Temperatur con-
statirte. Die meisten von mir beobachteten Fälle waren mehr oder
weniger icterisch.
Die Sectionen ergeben starke Atrophie und Verdichtung der
Haut und des Rete Malpighi, dessen Zellen kaum sichtbar sind und eine
compacte Masse mit undeutlichen Oontouren bilden. Im Unterhautfett-
gewebe sind die Bindegcwebsstränge zahlreicher und dicker, das Fett
beträchtlich geschwunden, die Fettzellen selbst verkleinert mit deutlich
sichtbarem Kern; ein grosser Theii der Fettzellen ist, wie bei jeder Atrophie,
ihres Fettinhaltes fast oder gänzlich beraubt uud zu eiförmigen Zellen
geschrumpft, welche Aehnlichkeit mit den Epidermiszellen des Rete Mal-
pighi haben. Die Blutgefässe, besonders die der Hautpapillen, sind
dergestalt verengt, dass man ihr Lumen nicht unterscheiden kann. Es
handelt sich also um eine Vertrocknung und Verdichtung der
Haut, mit Atrophie des Fettzellgewebes.
2) Ein verschiedenes Bild bietet die zweite Form, welche das
Oedem der Neugeborenen darstellt. Während beim Sclerem die
atrophische starre Haut fest an den unterliegenden Theilen haftet, findet
beim Oedem gerade das Gegentheil statt, indem sie durch ödematöse
Infiltration des subcutanen Bindegewebes abgehoben und ausgedehnt
wird. Wir finden hier alle klinischen Erscheinungen des Oedems, wie
sie in jedem Lebensalter vorkommen. Am häufigsten verbreitet sich
48 Krankheiten der Neugeborenen.
die Anschwellung von den Unterschenkeln aus über die untere Körper-
hälfte, den Penis, das Scrotum oder die äusseren Schamlippen, wobei
die Waden zuweilen früher als die Füsse befallen werden. Seltener
nehmen auch der Rumpf, die oberen Extremitäten und die Wangen
Theil; meistens befällt die Anschwellung nur partiell die Hand- und
Fussrücken. Die von Oedem befallenen Theile fühlen sich, je nach dem
Grade der Infiltration und der dadurch bewirkten Spannung der Haut,
teigig oder hart an. Bei hohem Grade können also die betreffenden
Theile sehr hart erscheinen und dem Fingerdrucke wenig oder gar nicht
nachgeben, gerade wie bei hochgradigen Oedemen des späteren Lebens-
alters. Die Haut ist dann glänzend, während sie bei geringeren Graden
des Oedems matt, meistens röthlich oder gelblich, zuweilen hie und da
bläulich marmorirt erscheint. Bei sehr starker Spannung der Haut kann
auch hier eine gewisse Starre der Glieder und der Gesichtszüge mit Er-
schwerung der Beweglichkeit eintreten, die aber ebensowenig, wie die
Resistenz der Haut, jemals den Grad von Härte, wie beim Sclerem, er-
reicht. Die Körpertemperatur pflegt auch beim Oedem mehr oder weniger,
ja bei ungünstigem Ausgang auf 30° oder noch weiter herunterzugehen.
Bei der Section findett man Infiltration des subcutanen Bindegewebes mit se-
röser gelblicher Flüssigkeit, während das Fett zu einer gelbröthlichen oder
bräunlichen körnigen Masse verdichtet erscheint. So ist denn auch das
anatomische Bild grundverschieden vom Sclerem, wo beim Einschneiden
der Hautdecken nicht ein Tropfen Flüssigkeit ausfliesst und das Fett-
gewebe bis auf wenige Rudimente verkümmert ist.
Trotz aller dieser Verschiedenheiten bestehen doch zwischen beiden
Formen gewisse Aehnlichkeiten, welche aber nicht die Hautaffection,
sondern die begleitenden Erscheinungen betreffen. Gemeinsam ist beiden
der zunehmende Schwächezustand, die Kleinheit des Pulses, das Schwin-
den des zweiten Herztons, das Sinken der Temperatur, von welchem
schon oben die Rede war. Ich selbst habe '28, 5n in der Achselhöhle,
Andere haben schliesslich nur 22° gemessen. Aeussere Wärme bewirkt
unter diesen Umständen entweder keine oder nur schnell vorübergehende
Erwärmung. Die Stimme wird schwach und wimmernd, der Athem
langsam, unterbrochen, oder häufig, oberflächlich und stöhnend in Folge
einer coraplicirenden Pneumonie, welche unter diesen Umständen die ge-
sunkene Temperatur in der Regel nicht mehr in die Höhe zu treiben
vermag. Die Kinder liegen dann in einem apathischen, somnolenten Zu-
stande, und manche zeigen schliesslich partielle oder allgemeine Zuck-
ungen. Viele leiden auch an mehr oder minder bedeutenden Durch-
fällen, welche den Schwächezustand steigern. Je nach dem Vorwiegen
Scierema neonatorum. 49
dieser oder jener Erscheinungen wird man auch in der Leiche ver-
schiedene Complicationen antreffen , vor allem Bronchitis , Pneumonie,
mehr oder weniger ausgebreitete Lungenatelektase, Pleuritis, Enteritis in
verschiedenen Graden, Hyperämie und kleine Hämorrhagien der Hirn-
häute und anderer Theile. In einem meiner Fälle wurde Gastritis hae-
morrhagica gefunden. Dass noch eine Anzahl anderer Complicationen,
z. B. Icterus, Krankheiten des Nabels, pyämisch-puerperale Zustände u a.
stattfinden können, begreift sich leicht, wenn man das Lebensalter der
kleinen Patienten bedenkt.
Die Pathogenese des Oedema neonatorum kann eine ebenso ver-
schiedene sein, wie diejenige des Oedems späterer Lebensalter. In einem
Theil der Fälle ist, wie schon (S. 41) erwähnt wurde, ein vorausge-
gangenes Erysipelas neonatorum die Ursache, und nur auf diese
Fälle passen die von einigen Autoren geschilderten dunklen Röthungen
der Genitalgegend oder anderer Hautpartien, die hie und da gefundenen
eiterigen Infiltrationen des Bindegewebes und die partiellen Nekrosen.
In anderen Fällen ist das Oedem als Product hochgradiger Herz-
schwäche, foetaler Myocarditis1), oder ausgedehnter Lungen-
atelektase zu betrachten, in deren Folge Stauungsoedem zu Stande
kommt. Mitunter liegt auch ein nephritischer Process dem Oedem
zu Grunde, wofür schon Elsässer'2) Beispiele anführte. Ich selbst be-
obachtete folgenden Fall:
Kind von 4 Wochen, aufgenommen am 24. März 1874. Intertrigo in allen llaut-
falten, starkes pralles Oedem des Gesichts und aller Extremitäten. Puls 13ü. Tem-
peratur 36,5. Der mühsam erhaltene Urin ist trübe, albuminös und äusserst sparsam.
Am 27. starko Dyspnoe, Cyanose. Puls 144—160. Temp. 38,4. Respirationsorgane
anscheinend intact. Tod am 29. Die Section ergab Nephritis parenehymatosa,
Hydrops der Pleura, des Pericardium und Peritoneum, kleine Hämorrhagien auf dem
serösen Ueberzuge des Herzens, Verdichtung des linken Unterlappens.
Sie sehen, dass dem Sclerem und Oedem der Neugeborenen wenig-
stens ein pathogenetisches Moment gemeinsam zukommt, hochgradige
Schwäche, mag sie nun angeboren oder durch gleich nach der
Geburt einwirkende Ursachen erworben sein. Mit der herabgesetzten
Energie des Herzmuskels, der bisweilen fettig entartet gefunden wurde,
dem gestörten Blutlauf, der schwachen Respiration, der Atelektase des
Lungengewebes und der Störung des notwendigen Stoffwechsels hängt
') Dahin gehört z. B. der von Demme (19. Jahresbericht, S. 75) als „Sclerom"
beschriebene Fall.
') Archiv f. physiol. Heilk. XI. 3. 1852.
Henoch, Vorlesungen über Kitiderkianklnilcii. 4
50 Krankheiten der Neugeborenen.
das enorme Sinken der Temperatur zusammen, welches vielleicht
jene eigentümliche, dem festen Hammeltalg ähnliche Veränderung des
subcutanen Fettgewebes herbeiführt, die man bei nicht sehr abgezehrten
Kindern antrifft. Es scheint mir keineswegs nothwendig, deshalb eine
eigene Abart der Krankheit als „Verhärtung des Fettgewebes" auf-
zustellen.
Aus dieser Pathogenese erklärt es sich, dass Sie das Sclerem aus-
schliesslich , das Oedem vorzugsweise bei Kindern beobachten, welche
zu früh geboren, oder welche von vornherein den ungünstigsten Lebens-
bedingungen, der Kälte, schlechter Luft und elender Nahrung
ausgesetzt sind. Daher sind besonders uneheliche Findelkinder, zumal
während der kalten Jahreszeit, diesen Zuständen unterworfen, während
die Privatpraxis, selbst die poliklinische, weit seltener Gelegenheit
zur Beobachtung derselben bietet. Alle anderen angeführten Ursachen
sind hypothetisch. Bei der Gemeinsamkeit gewisser ätiologischer Ver-
hältnisse, die einerseits Sclerem, andererseits Stauungsödem hervorbringen
können, ist es verständlich, dass auch Fälle vorkommen, in welchen
beide Formen gleichzeitig oder wenigstens successiv in einem und dem-
selben Individuum auftreten, eine Thatsache, welche die bei den meisten
Autoren herrschende Verwirrung noch gesteigert hat. Parrot beschreibt
ein lehrreiches Beispiel dieser Art. Das zuerst nur Oedeme darbietende
neugeborene Kind wird unter dem Einflüsse der Atrophie durch Resorp-
tion des Oedems immer magerer, und während noch am Oberkörper
oedematöse Schwellung sichtbar ist, beginnt an den unteren Extremitäten
und am Rücken schon das eigentliche Sclerem.
Nach Allem, was ich Ihnen über das letztere gesagt, werden Sie
seine Unheilbarkeit begreifen. Die Kinder gehen im äussersten Collaps
zu Grunde, nicht immer schnell, da ich selbst zwei Fälle 2—3 Wochen
lang in meiner Klinik beobachten konnte. Etwas günstiger gestaltet sich
die Prognose des Oedems, wenn eben die Ursache heilbar ist. So stellt
sich das Oedem nach Erysipelas im Ganzen als das günstigste dar, ob-
wohl auch hier Todesfälle nicht selten sind. Durchweg schlimm gestaltet
sich die Prognose aller passiven Oedeme, welche als Ausdruck hoch-
gradiger Herzschwäche, einer Lungenatelektase oder Nephritis betrachtet
werden müssen. In allen diesen Fällen gehören Heilungen zu den Aus-
nahmen, und die Behandlung kann sich nur auf diätetische und hygie-
nische Maasregeln beschränken. Dass für eine gute Amme Sorge zu
tragen ist und das Kind, wenn es nicht mehr saugen kann, mit abge-
zogener Ammen- oder guter Kuhmilch ernährt werden muss, ist Haupt-
bedingung, welcher sich die Sorge für künstliche Erwärmung des er-
Sclerema neonatorum. 51
kaltenden Körpers anschliesst, Einhüllungen des Körpers in Wolle, Frot-
tirungen mit erwärmtem Flanell, Wärmflaschen, warme aromatische Bäder
(Canaillen, Calmus). Im Moskauer Findelhause bedient man sich zu
solchen Zwecken metallischer Wiegen mit doppelten Wänden, die mit
warmem Wasser gefüllt werden1). Innerlich mag man versuchen, die
sinkende Energie des Herzens durch kleine Gaben von Wein (10—15
Tropfen Tokayerwein stündlich) zu erhalten, wird aber von allen diesen
Maasregeln kaum einen Erfolg erwarten dürfen. —
Die Verwirrung, welche in den Anschauungen über die „Verhärtung
und das Oedem des Zellgewebes" bis auf die neueste Zeit sich geltend
machte, wurde noch dadurch gesteigert, däss man die bei älteren Kin-
dern und Erwachsenen vorkommende Sclerodermie mit dem Sclerem *
der Neugeborenen in Beziehung brachte. Die Sclerodermie hat indess
mit dem letzteren nichts gemein, ist vielmehr in ihrem Gesammtbilde
und Verlauf ganz verschieden. Ich muss Sie in Betreff dieser Krank-
heit auf die Werke über Dermatologie verweisen. Auch bei Kindern
ist sie wiederholt, theilweisc mit glücklichem Ausgang, beobachtet
worden2).
VII. Pemphigus neonatorum.
In Bezug auf Zahl, Form, Sitz und Füllung der Blasen bietet diese
Hautkrankheit zwar mannigfache Abweichungen dar; es genügt aber,
zwei Formen, den einfachen (acuten) und den syphilitischen Pem-
phigus zu unterscheiden.
Die erste Form, den Pemphigus simplex s. acutus, will ich
Ihnen zunächst durch einige Beispiele veranschaulichen.
Das Kind eines Arztes, gesund geboren, im März 1873 von mir beobachtet, be-
kam vom 9. Lebenstage an einen Pemphigusausschlag, der sich successiv, doch ohne
bestimmte Ordnung, am Halse, im Nacken, am Rumpf und an den Extremitäten ent-
wickelte. Nur die Hände und Füsse blieben verschont. Die Blasen erreichten die
Grösse eines Zweimarkstücks, waren aber theilweise nur erbsen- bis haselnussgross,
halbkugelig, ziemlich prall mit gelblichem Serum gefüllt und standen an einigen
Stellen dichter, an anderen durch grössere Intervalle getrennt. Ihre Gesammtzahl
betrug wohl 30 bis 40. Die dazwischen liegende Haut zeigte eine lebhafte Röthe.
Im Laufe der nächsten Tage trübte sich der Inhalt, doch nicht in allen Blasen. Die
') Clementowsky, Oesterr. Jahrb. f. Päd. 1873. I. S. 7.
2) Cruse, Oesterr. Zeitschr. f. Päd. 1876. II. S. 189. — Jahrb. f. Kinder-
heilkunde. XI. 1877. S. 318. — Ebendas. XIII. 1876. S. 36. — Silbermann,
Jahrb. f. Kiuderheilk. XV. 1880.
52 Krankheiten der Neugeborenen.
Bildung derselben dauerte im Ganzen 1 2 Tage, während welcher das Kind , abge-
sehen von einem massigen Trachealcatarrh, sich vollkommen wohl befand. Alle
Functionen waren normal und die Temperatur der Haut, die übrigens nicht gemessen
wurde, schien kaum erhöht zu sein. Nachdem schon viele Blasen theils geplatzt,
theils zu dünnen Krusten eingetrocknet waren, hörte am 12. Tago die Neubildung
derselben auf, die rothe Haut erblasste, und nach einer Woche waren von dem gan-
zen Leiden nur rothe überhäutete, von einem weisslichen Epidermisring umgebene
Flecke übrig. Das Kind blieb seitdem von jedem Rückfall verschont.
Ein 14 Tage altes Kind, zu welchem ich am 8. Januar 1874 gerufen wurde,
normal geboren, dessen Vater vor 12 Jahren einen Schanker gehabt hatte, seitdem
aber durchaus gesund geblieben war, bekam am 9. Tage nach der Geburt inmitten
eines völligen Wohlbefindens plötzlich Pemphigus. Unter leichter Wärmeerhöhung
brachen successiv am ganzen Körper Blasen hervor, welche von der Grösse eines
halben Markstücks bis zu der eines Thalers und darüber variirten, halbkugelig, durch-
sichtig gelblich und bald mehr, bald weniger prall gefüllt waren. Auch das Gesicht
blieb nicht verschont, und besonders auf der Stirn confluirten die benachbarten Blasen
zu ganz colossalen Erhebungen der Epidermis. Die Haut des Körpers erschien stark
geröthet. Fusssohlen und Handflächen blieben auch hier verschont, nur in der linken
Palma bildete sich eine Blase. Dabei ungestörtes Wohlbefinden; Mundschleimhaut
frei; Saugen ungehindert. Die Blasenbildung, die in successiven Schüben erfolgte,
dauerte etwa 10 Tage, und die Abheilung erfolgte wie im ersten Fall, so dass nach
mehreren Tagen dünne trockne, von einem Epidermisring umgebene Schorfe die
Stellen der Blasen bezeichneten, nach deren Abblätterung die Haut noch längere Zeit
geröthet blieb. Syphilitische Erscheinungen sind bei diesem Kinde in der Folge nie
beobachtet worden.
Bei einem 3 wöchentlichen Kinde (Poliklinik) erreichten die zahlreichen Blasen
nur die Grösse eines halben Markstücks; viele blieben bedeutend kleiner, kaum
erbsengross, und auf der gerötheten Haut schössen hie und da auch kleinere Bläs-
chen auf. Auch hier völlige Euphorie und Heilung binnen 14 Tagen
Bei einem 14tägigen Knaben (Poliklinik) war ebenfalls der ganze Körper mit
zahlreichen Pemphigusblasen bedeckt, die zum Theil einen trüben eiterähnlichen In-
halt zeigten. Ganz besonders grosse Blasen hatten sich auf der behaarten Kopfhaut
entwickelt. Inguinaldrüsen etwas angeschwollen, sonst völlige Euphorie. Heilung.
Ich glaube, diese Beispiele werden genügen, um Ihnen das Bild
und den Verlauf der Krankheit klar zu machen. Sie beobachten hier
rapide Entwickelung des Ausschlags bei ganz gesunden Kindern in der
zweiten Lebenswoche, mitunter schon vom zweiten Lebenstage an, acuten
Verlauf in etwa 14 Tagen und günstigen Ausgang. Nur selten fand
ich eine Theilnahme der Mundschleimhaut, z. B. bei einem 2tägigen
Kinde ausgedehnte Blasenbildung auf der Schleimhaut der Lippen und
des harten Gaumens, deren Epithel in Form grosser Fetzen von dem
blutenden Corium abgehoben erschien.
Einzig in seiner Art war der Fall eines Kindos zweier taubstummer Personen,
welches, übrigens wohlgebildet, mit grossen sanguinolenten Pemphigusblasen auf
Pemphigus neonatorum. 53
den Lippen und der Zunge zur Welt kam, am übrigen Körper aber nur vereinzelte
Blasen darbot. So lange ich das Kind beobachtete (etwa 3 Jahre) dauerten diese
Eruptionen, besonders auf der Zunge und am Gaumen, fort, wobei aber die Intervalle
immer länger wurden, und das Kind vortrefflich gedieh. Schliesslich kam es nur
noch höchst selten zu spärlichon Blasenbildungen. Also ein Fall von Pemphigus
congenitus, der noch dadurch an Interesso gewinnt, dass der Bruder des Vaters
an chronischem Pemphigus leiden sollte1).
Sehr oft erweckte die grosse Zahl der Blasen und die Röthe der
Haut, zumal in so zartem Alter, die Befürchtung, dass es hier zu ähn-
lichen Complicationen kommen könne , wie bei ausgedehnten Verbren-
nungen der Haut, aber meine Besorgnisse waren nur selten gerecht-
fertigt. Fast alle diese Kinder genasen. Abgesehen von grosser Unruhe
und starkem Jucken bei der Abheilung, welches man deutlich an den
Bewegungen der Kinder erkannte, boten sie keine krankhaften Erschei-
nungen dar. Fieber ist nicht immer vorhanden, erreichte aber bis-
weilen 40°. Der glückliche Ausgang ist jedoch keineswegs constant.
Zufällige Complicationen mit entzündlichen Zuständen innerer Organe,
Convulsionen , plötzlicher Collaps, wie bei starken Verbrennungen, also
vorzugsweise bei sehr ausgedehnter, mehr als den dritten Theil der
Hautoberfläche einnehmender Blasenbildung, oder eine auf die Krankheit
folgende Furunculosis sind wiederholt auch von mir selbst als Todes-
ursache beobachtet worden. In einzelnen Epidemien betrug die Mortalität
12,50 und mehr Procent. Als wichtige Thatsache hebe ich hervor, dass
in dieser Form die Fusssohlen und Handteller entweder gänzlich
oder beinahe frei bleiben oder, wie ich es ein paar Mal erlebte, Blasen
von enormer Ausdehnung, welche die Hälfte der Sohle oder der Vola
einnehmen, darbieten, ganz verschieden von den kleinen, schlaffen, eitri-
gen Blasen des Pemphigus syphiliticus. In einzelnen Fällen blieb auch
die Gesichts- und Kopfhaut von Ausschlag versehont.
Die ursächlichen Verhältnisse sind dunkel. Die Krankheit kam
in Entbindungsanstalten bisweilen in endemischer Form vor. Dahin
gehört z. B. die von Ahlfeld'') in Leipzig beobachtete Endemie, welche
binnen zwei Monaten 25 Kinder von ganz verschiedener Körperconstitu-
tion, die fast alle von gesunden Müttern geboren waren, zwischen dem
2. und 14. Tage nach der Geburt befiel. Auch hier blieben Handteller
und Fusssohlen immer verschont, während die Finger bisweilen stark
afficirt wurden. Ahlfeld spricht sich für die contagiöse oder wenigstens
') Von 2 „angeborenen" Fällen berichtet auch Wickhaus, Virchow-
Hirsch Jahresb. 1884, IL
') Aren. f. Gynäcol. V. Bd. I. S. 150.
54 Krankheiten der Neugeborenen.
miasmatische Natur der Krankheit aus, ohne indess stricte Beweise bei-
bringen zu können. Koch1) nimmt eine Uebertragung des Contagiums
durch die Hebamme an, weil er im Zeitraum von drei Monaten 8 Fälle
beobachtete, welche sämmtlich aus der Praxis einer und derselben Hebamme
stammten, und ergänzt diese Beobachtungen durch einen späteren Bericht2),
in welchem wiederum 23 Fälle von Pemphigus aus der Praxis derselben
Hebamme angeführt werden, während unter 200 Neugeborenen, die von
anderen Hebammen gepflegt wurden, kein einziger Fall vorkam. Aehn-
liche Erfahrungen machten Palmer, Zechmeister3), Neseman4) und
Pott5). Einige dieser Autoren beobachteten auch den Uebergang des
Ausschlags auf Erwachsene, und Koch führt an, dass es ihm gelungen
sei, „neben vielen negativen Resultaten" einmal durch Ueberimpfung des
Blaseninhalts auf seinen Arm nach etwa 60 Stunden eine Blase zu pro-
duciren. Auch Vidal und Blombergr') berichten einige gelungene Impfver-
suche. DievonMoldenhauer1) beschriebene Epidemie in Leipzig und Um-
gegend (dieselbe, welche Ahlfeld beobachtete) erlosch nach strenger
Isolirung der Erkrankten. In neuester Zeit hat man das Oontagium in
Form vonBactericn zu finden geglaubt, welche mit dem Staphylococcus aureus
und albus identisch zu sein scheinen und deren Culturen auf der Haut
Blasen erzeugten6).
Die epidemische oder endemische Ausbreitung des Pemphigus
neonatorum, wie sie von den genannten Autoren und schon früher von
Hervieux, Abegg, Olshausen, Klemm11) u. A. beschrieben wurde,
ist mir in meinem Wirkungskreise noch nicht begegnet. Ich hatte es
immer nur mit sporadischen Fällen zu thun (nur einmal beobachtete
ich Pemphigus bei zwei 12 Tage alten Zwillingsschwestern) , und kann
versichern, dass in keinem derselben eine Uebertragung der Krankheit
von dem Kinde auf das Wartepersonal oder die Umgebung stattgefunden
hat. Diese Beobachtung haben sicher auch viele Andere gemacht.
') Jahrb. f. Kinderheilk. 1873. S. 413.
2) Ebendas. 1875. S. 425.
3) Württemb. med. Correspondenzbl. No. 40. 1880. - Münchener med Wochen-
schrift. 1887. No. 38.
4J Zeitschr. f. Med.-Beamte. April u. Mai 1889.
5) Bodenstab, Beitrag zur Aetiol. des Pemph. neonat. Diss. Halle 1890.
6) Gaz. med. No. 29. 1876. — Jahrb. f. Kinderheilk. XXII. S. 248.
') Arch. f. Gynäkol. VI. 1874. S. 369.
fi) Cf. Ziehl, Wiener Wochenschr. 1883. No. 51. — Colrat, Revue de
med. 1884. No. 12. — Strelitz, Archiv f. Kinderheilk. Bd. 11 S. 7 und Bd. 15
S. 101. — Almquist (Zeitschr. f. Hygiene. Bd. X. S. 253).
s) Oesterr. Jahrb. f. Päd. 1872. II. Anal. p. 205.
Pemphigus neonatorum. 55
ßohn1) bringt den Pemphigus mit der Exfoliation der Epidermis, welche
um den dritten Tag zu beginnen pflegt und durchschnittlich mit dem
Schluss der ersten Woche beendet ist, in Beziehung. Er glaubt, dass
während dieser Zeit jede Reizung der Haut, z. B. schon durch Kleidungs-
stücke, besonders aber durch Bäder, im Stande sei, die physiologische
Action in eine pathologische in Form von Blasenbildung umzuwandeln,
und warnt mit Recht vor der Abschätzung der Badetemperatur mittelst
der Hand ohne Zuhülfenahme des Thermometers. Bohn beruft sich auf
einen Fall von Pemphigus, der auf diese Weise durch Bäder von 31°,
welche eine des Temperatursinns beraubte Hebamme auf 28° taxirt
hatte, entstanden war und nach der Einführung kühlerer Bäder schnell
aufhörte. In ähnlicher Weise spricht sich Dohrn2) aus und schreibt der
Haut der Neugeborenen die Eigenschaft zu, auf mechanische, chemische
oder thermische Reize mit Eruption von Blasen zu antworten. Der,
wenn auch nur sehr vereinzelt beobachtete Uebergang auf die Umge-
bung, und das immer wieder vorkommende Auftreten des Pemphigus in
epidemischer Weise sind aber keineswegs zu übersehen und machen die
infectiöse Natur der Krankheit wahrscheinlich.
Die Behandlung ist äusserst einfach. Ich beschränke mich auf laue
Bäder (26 — 27°) mit Zusatz von Kleie oder Leim, und halte den hie
und da empfohlenen Zusatz von Sublimat für überflüssig. —
Der Pemphigus syphiliticus unterscheidet sich von dem acuten
besonders dadurch, dass er mit Vorliebe dünne Hautstellen, Hals-, Achsel-
und Leistengegenden, besonders aber die Fusssohlen und Handflächen
befällt, welche wie wir oben sahen, von jenem fast immer verschont
bleiben. Bei einem 8 Tage alten Kinde war auch die Nasenspitze der
Sitz einer solchen Blase. Die auf einer lividen Macula sich erhebenden
Blasen sind meistens nur halb gefüllt, schlaff, übersteigen selten den
Umfang einer Erbse oder Haselnuss. Dabei erscheint ihr Inhalt
minder klar, purulent oder etwas blutig gefärbt. Im Allgemeinen pflegt
auch die Zahl der Blasen eine viel geringere zu sein. Neugeborene
bringen bisweilen die Spuren dieses Ausschlags , der sie schon
während des Foetallebens befallen, in Gestalt geplatzter Blasen oder
daraus hervorgegangener oberflächlicher Ulcerationen mit auf die Welt,
was dann sofort zur Annahme hereditärer Syphilis Anlass giebt. In
der That kann diese Ausschlagsform als eins der frühzeitigsten Symptome der
Lues gelten.
!) Jahrb. f. Kinderheilk. 1876. IX. S. 304.
2) Aren. f. Gynäkol. IX. S. 3.
5G Krankheiten der Neugeborenen.
Bei einem Kinde von 6 Monaten hatte die Blasenbildung gleich nach der Ge-
burt begonnen und in den letzten Monaten dergestalt zugenommen, dass nunmehr an
vielen Stellen des Körpers, auch im Gesicht und am Hinterkopfe theils frische Blasen,
theils Excoriationen und Schorfe sichtbar waren.
Die schmutzige Hautfarbe, die chronische Rhinitis, schliesslich breite Condylome
um den Anus gaben den Beweis, dass es sich hier um Syphilis handelte.
Ein 6 Tage altes Mädchen, aufgenommen am 15. April 1879, sehr atrophisch,
zeigte Pemphigusblasen am ganzen Körper, besonders reichlich in den Fusssohlen
und Handflächen, auch unter den Nägeln. Dabei Rhinitis , Schorfbildung an den
Nasenlöchern und Lippen, Axillar- und Inguinaldrüsen geschwollen. Section. Osteo-
chondritis syphilitica universalis, mehrfache kleine Abscesse in der Thymus.
Mädchen von 14 Tagen, schlecht genährt (13. Dec. 1881). Volae und Plantae
mit frischen trüben Blasen und runden Excoriationen, die von einem Epidermisring
umsäumt waren (geplatzten Blasen), bedeckt; einzelne auch auf dem Hand- und
Fussrücken, an den Fingern und Zehen. Dabei Rhinitis, Intertrigo der Aftergegend.
Kind von 3 Wochen mit Coryza, Roseola und Pemphigus der Handflächen und
Fusssohlen, der schon 6 Tage nach der Geburt entstanden war.
Soll man nun diese Blasenbildung, welche sich auch durch einen
unbegrenzten chronischen Verlauf von der ersten Form unterscheidet,
durchweg für ein Anzeichen von Lues betrachten, oder mit Caillault')
nur als den Ausdruck einer tief wurzelnden Cachexie, welche man
bei den Kindern der Armen, zumal atrophischen und lebensschwachen,
so häufig beobachtet? Ich bekenne offen, dass ich diese Anschauung
früher getheilt, nach neueren vielfachen Erfahrungen aber verlassen
habe. In allen von mir in den letzten Jahren untersuchten Fällen
dieses Pemphigus handelte es sich um Syphilis, deren speeifische Be-
handlung aber bei dem elenden Zustande der Kinder nur ausnahmsweise
den Tod abzuwenden vermag.
VIII. Aphthen des Gaumens.
An einer früheren Stelle (S. 14) machte ich Sie auf milienartige
Knötchen der Gaumenschleimhaut aufmerksam, welche bei vielen Neu-
geborenen in den ersten 3 Monaten des Lebens angetroffen werden.
Jenseits derselben habe ich sie nur selten, bei Kindern von 5,
9 und 12 Monaten gesehen. Sehr häufig finden Sie auch, wenn Sie
die Rachenhöhle nach der nicht immer leichten Niederdrückung der
Zunge untersuchen, auf jeder Seite des Gaumengewölbes, gerade im
Niveau der Apophysis pterygoidea und unmittelbar hinter dem Arcus
alveolaris des Oberkiefers, wo der Knochen durch die dünne Schleimhaut
') Tratte prat. des maladies de la peau chez les enfants. Paris, 1859.
Aphthen des Gaumens. 57
durchschimmert, eine runde oder ovale weissgelbliche, von einem rothen
Saum umgebene Scheibe, meist symmetrisch auf beiden Seiten, zuweilen
auf einer Seite etwas grösser als auf der anderen, hie und da auch von
semmelförmiger Gestalt, welche durch Confluenz zweier Scheiben ent-
standen ist. Nur ausnahmsweise sieht man eine kleine Scheibe auch
neben der Gaumenraphe, dann aber fast immer im Niveau der seitlichen
Scheiben. Ihr grösster Durchmesser übertrifft nur selten einen Genti-
meter. Man findet diese Scheiben, welche bei Berührung mit dem Spatel
leicht bluten, oft bei ganz gesunden Kindern. Allmälig verlieren sie
ihre graugelbliche Farbe, werden roth und verschwinden, ohne eine Spur
zu hinterlassen. Nur bei atrophischen und cachektischen Kindern
sah ich sie bisweilen an Umfang und Tiefe zunehmen und in wirkliche
Ulcerationen übergehen, die bis auf den Knochen dringen können. In
solchen Fällen sieht man oft gleichzeitig die Mund- und Gaumenschleim-
haut mit Soor bedeckt, und die Kinder gehen in Folge ihres Allgemein-
leidens oder eintretender Complicationen zu Grunde.
Diese symmetrischen „Aphthen" waren zwar schon früher, beson-
ders von französischen Kinderärzten erwähnt worden, dann aber in Ver-
gessenheit gerathcn, welcher sie erst Bednar') wieder entriss. Vor
allem halten Sie fest, dass sie mit Syphilis hereditaria absolut
nichts zu schaffen haben; noch immer kommen mir Fälle vor, in denen
Aerzte, welche diese Dinge nicht kennen, eine solche Diagnose gestellt
hatten. Wo Gaumenaphthen mit Lues zusammen auftreten, hat man sie
immer nur als eine zufällige Complication zu betrachten. Ebenso falsch
ist die Annahme, dass die Aphthen aus der Ulceration der S. 15 er-
wähnten milienartigen Knötchen am Gaumen hervorgehen, welche immer
nur in der Raphe sitzen, während die Aphthen gerade die Seitentheile
des Gaumens einnehmen. Allerdings kommen auch in der Raphe bis-
weilen oberflächliche längliche Ulcerationen vor, die unseren Aphthen
ähnlich sehen, nur statt der runden eine längliche Form haben. Sonst
aber haben alle in der Raphe und am Gaumengewölbe überhaupt vor-
kommenden Geschwüre mit den „Aphthen' nichts gemein. Insbesondere
bei atrophischen, elenden Kindern kommen mitunter scharf gerandete,
rundliche, wcissgelbe und graue, selbst bis auf den Knochen dringende Ulcera
vor, deren von Parrot angenommene syphilitische Natur ich für alle
Fälle nicht zugeben kann. Eher schienen sie mir mit der hochgradigen
Cachexie in Zusammenhang zu stehen, da alle charakteristischen Sym-
ptome der Lues dabei fehlen können.
') Die Krankh. d. Neugeb. u. Säuglinge. Wien, 1850. I. S. 105.
58 Krankheiten der Neugeborenen.
Bei den eigentlichen Gaumenaphthen handelt es sich anatomisch
um eine durch Abstossung des Epithels gebildete seichte Erosion mit
Anschwellung und Kernwucherung der Schleimhaut1). Ich war immer
der Ansicht, dass dieser Process durch einen mechanischen Act, näm-
lich durch die Reibung und den Druck des Zungenrückens beim Saugen
hervorgebracht wird, und kann mich in dieser Ansicht auch nicht durch
den Einwand wankend machen lassen, dass die Schleimhaut an den be-
treffenden Gaumenpartien ebenso dick und verschiebbar sei, wie an allen
anderen. Wenn Epstein und Andere2) behaupten, dass eine gewaltsame
und zu häufige Reinigung des Mundes durch den mechanischen In-
sult die Aphthen erzeuge, so scheint mir doch der fast immer ganz
symmetrische Sitz der Aphthen gegen diese Annahme zu sprechen,
besonders aber eine am 11. Nov. 1891 von mir in der Poliklinik ge-
machte Beobachtung. Hier fanden sich nämlich an den gewöhnlichen
Stellen zwei symmetrische flache Blasen, offenbar das früheste Sta-
dium der Aphthen, welches uns sonst immer entgeht. Wäre ein starkes
Reiben daran schuld, so hätte das Epithel zunächst verloren gehen
müssen und eine Abhebung desselben wäre unmöglich gewesen. Trotz-
dem muss ich rathen, dass man sich bei der Reinigung der Mund-
höhle jedes zu rauhen Eingriffs enthalten möge, denn in einigen
Fällen konnte ich in der That in Folge starken Reibens eine unge-
wöhnliche Ausdehnung der Aphthen beobachten. Es kann dadurch
ein Krankheitsbild entstehen, welches mit einem diphtheritischen Belag
Aehnlichkeit hat.
Dies geschah z. B. bei zwei in den ersten Lebenswochen stehenden Kindern,
bei denen ursprünglich zwei Aphthen an den Seiten des Gaumens bestanden, sich
aber allniälig dergestalt ausgebreitet hatten, dass sie schliesslich mit einander con-
lluirten, und der ganze hintere Theil des Gaumengewölbes von einer zusammenhän
genden, gelblich grauen Schicht überzogen war, welche mit einer scharfen Linio
oberhalb der Uvula abschnitt Diese selbst und die Mandeln waren indess normal,
und dieser Umstand, wie die geschilderte Entwickelung, war für mich hinreichend,
die in dem einen Falle gestellte Diagnose „Diphtheritis" zu entkräften. In der That
verschwand die ganze Affection innerhalb 10 Tagen, ohne einen Substanzverlust zu
hinterlassen.
Eine Behandlung der Aphthen ist kaum nöthig. Nur bei unge-
') Parrot, 1. c. p. 207.
-) Prager med. Wochenschr. 1884. No. 13. — Fischl, ibid. 1886. No. 41.
— Baumann, Berl. klin. Wochenschr. 1891. No. 34. — Neumann, Deutsche
med. Wochenschr. 1892. No. 22.
Melaena neonatorum. 59
wohnlicher Ausdehnung empfehle ich, sie mit einer Lösung von Zinc.
sulphur. oder Argent. nitr. (1 : 50) zu bepinseln ').
IX. Melaena neonatorum.
Diese seltene Affection, von welcher ich selbst nur 14 Fälle beob-
achtet habe, charakterisirt sich durch Blutungen aus dem Magen und
Darmkanal, welche in der Regel zwischen dem ersten und siebenten
Tage nach der Geburt, selten später eintreten und oft einen tödtlichen
Ausgang nehmen. Bisweilen findet nur ein oder ein paar Mal Erbrechen
dunklen Blutes statt, worauf trotz anfänglicher starker Erschöpfung die
Kinder sich allmälig wieder erholen. In anderen Fällen kehrt das Blut-
brechen häufig wieder, es treten schwärzliche Blutentleerungen aus dem
After hinzu, welche die Windeln durchtränken. Blutbrechen kann aber
auch ganz fehlen, und es kommt nur zu rasch aufeinanderfolgenden
Stühlen, die Anfangs noch Meconium oder Koth enthalten, später aber
fast nur aus flüssigem und coagulirtem Blute bestehen. Dabei ergiebt
die Untersuchung des Unterleibs nichts Abnormes. Gewöhnlich tritt
schon binnen 24 — 48 Stunden in Folge der massenhaften Blutungen ca-
daveröse Blässe, Kühle der Haut, Schwinden des Pulses und der Tod
ein; nur der kleinere Theil erholt sich wieder, nachdem die Blutung
aufgehört hat. Die Mortalität schwankt bei den verschiedenen Autoren
zwischen 35 und 60 pCt.
Die Ansichten über die Entstehung der Melaena sind je nach den
anatomischen Befunden der Autoren verschieden. Hyperämie der Ali-
mentarschleimhaut, welche schon im normalen Zustande während der
ersten Lebenstage besteht und durch eine Störung der venösen Oircula-
tion, z. B. durch Asphyxie des Neugeborenen, Atelektase der Lunge,
angeborene Fehler des Herzens, Anschwellung der Leber uud Milz ge-
steigert werden sollte, zu frühzeitige Unterbindung des Nabelstrangs,
endlich kleine rundliche Ulceraüonen der Magen- und Darmschleimhaut
wurden von den verschiedenen Autoren beschuldigt. Ueber die Bildungs-
weise der letzteren 2) gehen die Meinungen auseinander. Während einige
denselben einen entzündlichen Ursprung zuschreiben, lassen Andere sie
aus einer Verschwärung der Follikel, aus einer Fettentartung der kleinen
') Die auf den Aphthen gefundenen Bacterien halte ich nicht für ätiologisch
bedeutsam, vielmehr für zufällige Ansiedelungen (S. E. Fränkol, Centralbl. f. klin.
Med. 1891. 29 und Deutsche med. Wochenschr. 1892. 217).
2) Parrot, 1. c. p. 247.
60 Krankheiten der Neugeborenen.
Arterien oder gar aus centralen Anlässen im Gehirn') hervorgehen.
Dass auch Blutergüsse zwischen der Schleimhaut und Muskelhaut des
Magens, mit Ruptur der ersteren, Anlass geben können, scheint aus dem
Falle von Ritter2) hervorzugehen, während Landau3), gestützt auf
einen Fall von Duodenalgeschwür mit Thrombose der Nabelvene, das
Geschwür durch Thromben, welche aus dem Ductus Botalli oder aus der
Nabelvene in die kleinen Arterien der Magenschleimhaut hineingetrieben
werden und Nekrose der betreffenden Partie herbeiführen, zu Stande
kommen lässt. Dabei soll die Anätzung der ausser Oiroulation gesetzten
Schleimhautpartie durch den sauren Magensaft eine fördernde Rolle
spielen. Asphyxie und unvollkommene Entwickelung der Respiration
sollen insofern von Bedeutung sein, als sie Stagnation der Blutsäule
und Thrombenbiidung in der Nabelvenc begünstigen. Dass man endlich
die Ulcerationen auch als parasitäre, durch Micrococcen veranlasste be-
trachtet hat (Rehn4), ist jetzt fast selbstverständlich.
Sie sehen, wie verschieden die Ansichten über die Pathogenese sich
gestalten, und schon daraus müssen Sie den Schluss ziehen, dass die
Affection ein Symptom verschiedener anatomischer Vorgänge sein kann,
so gut wie Melaena späterer Lebensalter. Vor allem steht fest, dass
sich bei Neugeborenen kleine Ulcera der Magenschleimhaut ziemlich oft
linden, während Melaena im Ganzen selten zur Beobachtung kommt, und
dass gerade in Fällen, wo multiple Geschwüre bei der Section gefunden
wurden, weder Blutbiechen noch blutige Stühle während des Lebens
bestanden hatten. Dies ist um so auffallender, als der Inhalt des
Magens, wie ich selbst in solchen Fällen gesehen, blutig erscheinen,
auch dis kleinen Schleimhautgeschwüre mit einer schwärzlich gefärbten
Schleimlage bedeckt sein können, ohne dass im Leben jemals blutige
Ausleerungen stattgefunden hahen. Will man also auch für einzelne
Fälle von Melaena Geschwüre im Magen oder Darmkanal gelten lassen
[mir selbst ist ein solcher Fall bekannt, in welchem zwei Geschwüre im
Duodenum gefunden wurden3)], so gilt dies doch keineswegs für die
') Pomorski, Deutsche med. Wochenschr. 1888. No. 37. — Arch. f. Kinder-
heilk. XIV. 165.
2) Aerztl. Mittheil, aus Baden. 1882. No. 3.
3) Ueber Melaena der Neugeborenen u. s. w. Breslau 1874.
4) Centralzeit. f. Kinderkrankh. 1878. S. 227.
5) Veit (Deutsche med. Wochenschr. 1881. No. 00). Derselbe betrifft freilich
ein schon 7 Wochen altes Kind, welches nur kleine Mengen kaffeesatzartiger Flüssig-
keit ausgewürgt, aber nie wirkliches Blutbrechen oder blutigen Stuhlgang gehabt
hatte. S. auch zwei Fälle vonNieberding (Centralbl. f. Gynäkol. 17. 1888) und
v. Zczschwitz (Münch. med. Wochenschr. 29. 1888).
Melaena neonatorum. 61
Majorität. Kling') fand in 6 tödtlich verlaufenen Fällen nur zweimal
Magen- und Duodenalgeschwüre, in allen übrigen nicht. Land au 's
Fall von Duodenalgeschwür und die Erfahrung, dass Darmblutungen
durch Embolie der Arteria mesenterica zu Stande kommen können2),
fordert jedenfalls dazu auf, in allen Fällen von Melaena Neugeborener
die Magen- und Darmarterien nach dieser Richtung hin zu untersuchen.
Andererseits wird man auch ohne Ulcerationen Hämorrhagien für
möglich halten müssen, wenn in Folge gehemmter Respiration der venöse
Druck stark erhöht wird, was Landau selbst zugiebt, und Epstein's
Versuche beweisen, der bei Thieren durch Athmungssuspension Blut-
extravasate in der Magenschleimhaut erzeugte3). Dass endlich auch
Fälle von Darmblutungen mit einer hämorrhagischen Diathese, ins-
besondere mit »Puerporal-Infection« zusammenhängen können, sei hier
nur erwähnt, weil die Blutung dann nur ein Glied in der grossen Kette
anderer localer und allgemeiner Krankheitserscheinungen bildet. Inter-
essant sind zwei von Rilliet4) mitgetheilte Fälle copiöser Darmblutung
bei Zwillingen, welche fast gleichzeitig befallen, bis auf den äussersten
Grad erschöpft wurden, trotzdem aber genasen und später von Blutungen
ganz verschont blieben.
Diese Fälle, denen sich andere (Rahn-Escher, Silbermann5)
anschliessen, zeigen, dass nicht blos leichte, in denen nur ein paar Mal
Blutbrechen stattfand, sondern auch sehr schwere, in denen schon die Sym-
ptome des Verfalls, allgemeine Kälte, Schwinden des Pulses, Aufwärts-
rollen der Augäpfel eingetreten waren, noch einer Heilung fähig sind.
Man muss daher auch unter den anscheinend ungünstigsten Umständen
immer noch versuchen, die erschöpfenden Blutungen zu hemmen. Kalte
Fomentationen des Unterleibs oder das Auflegen eines Eisbeutels
auf denselben, während gleichzeitig Arme und Beine mit erwärmtem
Flanell umwickelt werden, sind zu empfehlen. Als Nahrung eignet
sich, wenn die Kinder nicht die Brust nehmen können, in Eis gekühlte
Milch, welche theelöffel weise eingeflösst wird. Bei starkem Blutbrechen
ist diese Ernährungsweise dem Saugen an der Brust überhaupt vorzu-
ziehen, weil bei diesem der Magen leicht überfüllt und Anlass zum Er-
') Ueber Molaena neonatorum. Inaug.-Diss. München, 1875.
2) Klob (Zeitschr. der Gesellsch. der Wiener Aerzte. 1859) beobachtete schon
bei einem 8 Tage alten Kinde Thrombose der Art. mesenterica mit Blutaustritt in
die Darmschleimhaut.
3) Aroh. f. experim. Pathol. II.
4) Gaz. med. No, 53. 1848.
5) Jahrb. f. Kinderheilk. 1877. XI. S. 378.
6*2 Krankheiten der Neugeborenen.
brechen gegeben wird. Unter den Arzneimitteln ist Liquor ferri ses-
quichlorati, gtt. 1 pro dosi stündlich in einem Theelöffel Haferschleim,
zu empfehlen. Bei dieser Behandlung sah ich in 4 Fällen binnen
wenigen Tagen Heilung eintreten '). Die anderen verliefen letal oder ent-
zogen sich -weiterer Beobachtung. Auch Ergotin 0,03—0,05 pro dosi
innerlich oder subcutan injicirt kann versucht werden, während Klystiere
nicht zu empfehlen sind, weil sie nicht bis in die höheren Darmtheile
hinaufgelangen, vielmehr leicht Stuhldrang und neue Blutungen erzeugen,
wie es z. B. in dem ersten Falle von Rilliet geschah. Prophylaktisch
warnt Landau vor zu früher Unterbindung des Nabelstrangs, die immer
erst dann vorzunehmen sei, wenn die Respiration vollständig hergestellt
ist und die Kinder kräftig schreien.
Schliesslich sei noch bemerkt, dass Neugeborene bisweilen etwas
Blut nach oben oder unten entleeren, welches entweder aus wunden
Brustwarzen oder bei einer im Munde und Rachen vorgenommenen Ope-
ration verschluckt worden ist. Auch aus der Nase und den angrenzenden
Theilen kann dieses Blut stammen. Seine Menge ist aber immer nur
gering und eine Verwechselung mit wirklicher Melaena kaum möglich.
Ganz isolirt steht der folgende Fall:
Kind von 5 Tagen, aufgenommen am 1. Oot. 1882. Vom 3. Lebenstage an
wiederholtes Blutbrechen und schwarze blutige Stühle. Kind dürftig, welk anämisch;
Extremitäten kühl. Anusöffnung mit blutigen Fäces bedeckt. Puls unfühlbar, Tem-
peratur 31,0. Nimmt keine Nahrung. Abends Tod. Section. Allgemeine Anämie.
Milz normal. Unmittelbar über der Cardia ein den ganzen Oesophagus umgeben-
des Ringgeschwür von 4 Ctm. Länge. Die Submucosa liegt frei, ist geschwollen,
grauweiss infiltrirt. Das Ulcus ist nach oben scharf abgeschnitten. Sonst alles normal.
Ueber die Entstehung und Natur dieses Oesophagealgeschwürs blieben
wir im Dunkeln.
') Auch Tross (Deutsche med. Wochenschr. 1888. S. 432) theilt einen auf
diese Weise glücklich geheilten Fall mit.
Atrophie. 63
Zweiter Abschnitt.
Krankheiten des Säuglingsalters.
I. Die Atrophie der Kinder.
In keiner anderen Lebensperiode spielt die Art der Ernährung
eine so bedeutende Rolle, wie in der, welche die Zeit von der Geburt
bis zur Vollendung des ersten Lebensjahres umfasst. Nach den Unter-
suchungen von Baginsky1) soll die Drüsenzahl in der ganzen Darm-
wand von der Fötalperiode an bis zu den späteren Altersstufen immer
zunehmen und in demselben Maasse auch der Ausbau des Drüsensystems
gefördert werden, während das Lymphgefässsystem des Darms stets an
Mächtigkeit abnimmt. Deshalb sollen sehr junge Kinder weniger im
Stande sein, Substanzen zu assimiliren, deren Verarbeitung erhebliche
chemische Leistungen (von Seiten des Drüsensystems) erfordert, um so
leichter aber die Milch, welche an und für sich schon leicht resorbirbar
ist. Jedenfalls weist die Natur das neugeborene Kind auf die Brust der
Mutter an. Eine Reihe von Hindernissen kann sich aber der Erfüllung
der notwendigen Lebensbedingung entgegenstellen. Krankheiten der
Mutter, ärmliche Verhältnisse, welche diese zwingen, ausserhalb des
Hauses zu arbeiten, unentwickelter Zustand der Brustwarzen gehören zu
den häufigsten und entschuldbaren Hindernissen, während eine andere
Reihe von Müttern, welche meistens den höheren Klassen der Ge-
sellschaft angehören, die vermeintliche Pflicht gegen diese mit ihrer
natürlichen Bestimmung nicht vereinigen kann und die letztere verab-
säumt. Unter diesen Verhältnissen ist wenigstens der Ersatz der Mutter
durch eine gemiethetc Amme möglich; anders verhält es sich in den
armen Volksschichten, wo an das Halten einer Amme der Kosten wegen
nie zu denken ist, und statt der natürlichen die künstliche Ernährung
eingeleitet werden muss. Jch stelle nun keineswegs in Abrede, dass
diese, wenn sie nur sorgfältig und zweckmässig geleitet wird, in sehr
') Untersuchungen über den Darmkanal des menschlichen Kindes. Virchow's
Archiv. Bd. 89. 1882.
64 Krankheiten des Säuglingsalters.
vielen Fällen ganz befriedigende Resultate gicbt. Jeder Tag bringt
uns Beispiele von Kindern, die unter diesen Verhältnissen sich kräftig
entwickelt haben. Um aber dies Resultat zu erreichen, muss die Sorge
und Gewissenhaftigkeit der Mütter oder Pflegerinnen eine weit grössere
sein, als bei der natürlichen Ernährung; nicht nur das Material der
Nahrung, sondern auch die gehörige Zeiteintheilung spielt hier eine
Rolle, und beides ist in der Armenpraxis nur selten in der Weise zu
erreichen, wie es für das Gedeihen des Kindes nothwendig wäre. Sorge
für die Existenz, uneheliche Geburt, Leichtsinn und Unverstand, thörichter
Aberglaube — alle diese Momente treten hier störend dazwischen, und
so erklärt es sich, dass Sie unter den Säuglingen der ärmeren Volks-
klassen das enorme Ueberwiegen von Ernährungsstörungen und in deren
Folge jene colossale Mortalität beobachten, von welcher schon (S. 2)
die Rede war. Doch nicht die mangelhafte und unzweckmässige Er-
nährung allein ist hier anzuklagen; in zweiter Reihe, obwohl immer
noch sehr einflussreich, steht die verdorbene Luft, welche diese Kin-
der in den dicht bevölkerten und mit Emanationen aller Art gefüllten
Wohnräumen einathmen, die Unmöglichkeit, sie regelmässig an die
frische Luft zu bringen, der Mangel an Reinlichkeit und die Vernach-
lässigung der ersten Stadien von Krankheiten, welche die Kinder
treffen. So entwickeln sich krankhafte Zustände, welche wir unter dem
Namen »Atrophie« zusammenfassen. Das Bild dieses Krankheitszu-
standes, welches zu jeder Zeit des Säuglingsalters, auch schon bei Neu-
geborenen, in seiner schrecklichsten Gestalt zur Erscheinung kommen
kann, wechselt je nach dem Stadium, in welchem man dasselbe zu
sehen bekommt Das erste Zeichen ist das Stehenbleiben der Entwicke-
lung, was allerdings nur durch genaue, allwöchentlich wiederholte Wä-
gungen der Kinder constatirt werden kann1). Bald aber wird auch
ohne dies Verfahren der Rückschritt offenbar, das Fettgewebe schwindet
mehr und mehr, die Haut im Gesicht und am ganzen Körper wird
schlaff, faltig, gelblich gefärbt, zeigt kleienförmige Desquamation der
Epidermis. In diesem Stadium können die Functionen der Organe, ins-
besondere die des Verdauungskanals, noch ganz oder nahezu intact sein,
und eine zweckmässige Ernährung und Pflege ist im Stande, den drohen-
1) Das Durchschnittsgewicht des Neugeborenen beträgt etwa 3300,0; die täg-
liche Zunahme im I.Monat etwa 25—35,0 (abgesehen von den ersten 3— 4 Lebens-
tagen, in welchen das Gewicht meistens um 200,0 abnimmt). Bis zum Ende des
ersten Monats hat sich das Gewicht etwa um '/3 gesteigert, im 5. Monat verdoppelt,
im 12. Monat verdreifacht. Entwöhnung, Zahnung, noch mehr krankhafte Zustände,
bedingen einen Stillstand der Gewichtszunahme.
Atrophie. 65
den Verfall aufzuhalten und zum Guten zu wenden. In der Majorität
der Fälle aber ist die Möglichkeit einer solchen Wendung durch die ärm-
lichen Verhältnisse ausgeschlossen, Functionsstörungen der Verdauungs-
organe, besonders Erbrechen und Diarrhoe, gesellen sich hinzu, und es
kommt schliesslich zur Entwickelung jenes höchsten Grades, der jede
Hoffnung ausschliesst und dem Arzte nur eine traurige Resignation
übrig lässt.
Aus den zurückgeschlagenen Tüchern, mit welchen die Mutter ihr
Kind verhüllt, schaut ein gelblich bleiches, nach unten spitz zulaufen-
des Antlitz mit markirten Knochenvorsprüngen und zahlreichen Längs-
und Querfalten, besonders um Nase und Mund herum und auf der Stirn,
die sich bei jeder Bewegung der Gesichtsmuskeln noch tiefer ausprägen.
Die Augen sind weit geöffnet, starr blickend, oder mit mattem Ausdruck
halb geschlossen, das Bild völliger Indolenz, welche von Zeit zu Zeit
durch schmerzliches Verziehen der gerunzelten Züge, durch schwaches
Geschrei oder heiseres Wimmern unterbrochen wird. Die Bewegungen
sind langsam oder fehlen ganz. Und doch ist das Antlitz nur das Vor-
spiel zu den Schrecken, welche die Untersuchung des entblössten Kör-
pers darbietet, und welche mit Rücksicht auf die häuslichen Verhält-
nisse, denen sie entstammen, einen wahrhaft tragischen Eindruck hervor-
bringen können. Die welke erdfahle Haut hängt lappenartig an und
über den Knochen, welche zumal die Schulterblätter, Wirbel, Rippen,
Darmbeine, die Umrisse des Skeletts deutlich markiren. Am Halse und
Unterleibe bildet die Haut grosse Falten, welche in Folge des Verlustes
der Cohtractilität ihre Form längere Zeit behalten, als ob sie aus Teig
geknetet wären. Das Fettgewebe scheint gänzlich geschwunden zu sein,
die Muskeln, z. B. die Gastrocnemii und Adductoren des Oberschenkels,
fühlen sich wie dünne welke Stränge an. Nicht selten ist die Haut an
den Genitalien, am After, an den Fersen erythematös geröthet, und an
verschiedenen Stellen, selbst auf dem behaarten Kopf, der Sitz grösserer
oder kleinerer Abscesse und furuneulöser Bildungen. Die Schleimhaut
des Mundes und Gaumens zeigt häufig einen mehr oder weniger ausge-
dehnten Soorbelag.
In allen Fällen von Atrophie bei Säuglingen oder künstlich aufge-
fütterten Kindern haben Sie daran zu denken, dass die mangelhafte Er-
nährung der Gewebe aus verschiedenen Ursachen hervorgehen kann,
und eine vollständige Abhandlung über die kindliche Atrophie müsste
daher einen grossen Theil der Pädiatrik umfassen. Selbst dann,
wenn alle Umstände für eine einfache, d. h. eine durch fehler-
hafte und ungenügende Nahrung entstandene Atrophie sprechen, hat
Hcnocti, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 5
66 Krankheiten des Säuglingsalters.
man sich doch immer zu fragen, ob nicht noch andere Ursachen gleich-
zeitig wirksam sein können, und zu diesen zähle ich in erster Reihe die
Tuberculose. Da ich später noch Gelegenheit haben werde, auf diese
verwüstende Krankheit näher einzugehen, so bemerke ich hier nur, dass
gerade in den ersten Lebensjahren die Tuberculose durch gleichzeitige
Erkrankung vieler zur Blutbereitung in innigster Beziehung stehender
Organe, der Lungen, der lymphatischen Drüsen, der Milz u. s. w. Er-
scheinungen hervorbringt, welche von denen späterer Lebensalter wesent-
lich abweichen, indem die localen Organsymptome gegen die allgemeine
Beeinträchtigung der Nutrition zurücktreten. Nur der sichere Nachweis
einer hereditären Anlage des Kindes zu Tuberculose, und die physikali-
schen Erscheinungen einer Verdichtung des Lungengewebes können hier
maasgebend für die Diagnose sein, da Rassel geräusche verschiedener Art
in Folge begleitender Katarrhe auch bei jeder einfachen Atrophie hör-
bar sein können, und eine vorhandene Diarrhoe ebensogut von einem
chronischen Darmcatarrh und seinen Folgen, wie von einer Darmtuber-
culose abhängen kann. Wenn auch im Allgemeinen die einfache
Atrophie im Säuglingsalter häufiger vorkommt , als die tuberculose , so
können doch im speciellen Fall oft nur wiederholte Beobachtung
und der Verlauf des Leidens die Diagnose feststellen, und Rilliet
und ßarthez1) haben gewiss Recht mit ihrem Ausspruch: „Ni les
symptümes generaux, ni les symptomes locaux ne peuvent offrir la
lumiere süffisante; le traitement seul est la pierre de touche du
diagnostic."2)
Dem eben entworfenen Gesammtbilde der Atrophie habe ich noch
einzelne ergänzende Züge hinzuzufügen. Sehr oft zeigen sich frühzeitig
Störungen der Verdauung, häufiges Erbrechen sofort oder einige Zeit
nach der Nahrungsaufnahme, krankhafte Veränderungen der Faeces,
die häufiger entleert werden, als im normalen Zustande, dünnflüssiger
sind, und statt ihrer eiergelben gebundenen Beschaffenheit gelbe oder
grünliche Klümpchen und Streifen zeigen. Dabei nimmt die Harnsecre-
tion gewöhnlich ab, so dass die Windeln des Kindes trocken, oder wenig-
stens bedeutend weniger von Urin durchnässt erscheinen, als dies bei
einem gesunden Kinde der Fall sein soll, eine Erscheinung, welche
grösstenteils von dem verminderten Appetit des Kindes abhängt. Das-
selbe nimmt weniger Nahrung zu sich, sträubt sich gegen das Einführen
■) I. c. II. p. 377.
2) Injectionen von Tuborculin habe ich als diagnostisches Mittel unter diesen
Umständen nicht versucht, und habe diese Unterlassung wohl nicht zu bereuen.
Atrophie. 67
der Saugflasche, oder trinkt zwar von Durst getrieben häufiger als sonst,
aber immer nur wenig, so dass die Menge der genossenen Milch und
demgemäss auch die des Urins hinter der normalen zurückbleibt. Nur
selten findet Polyurie statt, und der mit Mühe gewonnene Urin ent-
hält auch wohl Spuren von Albumen und eine reducirende Substanz
(S. 17)') Dabei zeigt das Kind verdriessliche Stimmung, schreit viel und
schläft weniger als sonst. Mit dem Fortschritt der Krankheit werden
die anfangs nur wenig veränderten Stühle immer dünnflüssiger, schmutzig
grün, flockig und sehr übelriechend. Selten wird das Gegentheil, nor-
maler oder verminderter Stuhlgang, beobachtet. Der Appetit geht
verloren, selbst die Kraft, an der Flasche oder an der Brustwarze zu
saugen, fehlt dem Kinde, dem man nur noch mittelst eines Löffels ge-
ringe Mengen von Milch einflössen kann. Die Respirationsorgane zeigen,
wenn nicht Complicationen vorhanden sind, keine physikalische Ab-
normität; nur wird die Athmung oberflächlich und schwach, wie die
Herzaction, welche im letzten Stadium auf 60 oder noch weniger Pulsa-
tionen in der Minute herabgehen kann. Die Temperatur des Körpers
kann schliesslich bis auf 35,0 und darunter sinken, und der in die Mund-
höhle des Kindes eingeführte Finger fühlt eine unheimliche Kühle. In
Folge der Herzschwäche zeigt die bis dahin schmutzig-gelbliche Haut
an ihren extremen Theilen (Lippen, Finger, Zehen, Nägel) leichte Cyanose.
Unter diesen Umständen sehen wir auch die grosse Fontanelle am
Schädel sich unter das Niveau der umgebenden Knochen vertiefen, wo-
durch eine 2 — 3 Mm. tiefe Einsenkung entsteht. Dabei kann sich der
Umfang der Fontanelle durch Uebereinanderschieben der Schädelknochen
mehr oder weniger vermindern, was, wie schon erwähnt wurde, von der
Volumsverminderung des Gehirns und der daraus folgenden Spannungs-
abnahme der Schädelkapsel abhängt. Die halb geschlossenen Augen-
lider, welche schliesslich kaum noch eine Nickbewegung zeigen, ver-
vollständigen das Bild des letalen Collapses, der oft fast unbemerkt ein-
tritt, weil in den letzten Tagen der Zustand des Kindes schon ein
todtenähnlicher sein kann, mit unfühlbarem Pulse, kühler Haut, seltenen
und äusserst schwachen Athembewegungen. Bei Neugeborenen kann
während der letzten Periode noch jener Zustand von Rigidität sich ein-
stellen, den ich (S. 46) als eigentliches Sclerem beschrieben habe.
') Andere Veränderungen des Urins in Bezug auf den Gehalt an Harnstoff, Se-
dimenten, Fett u. s. w. haben für die Stoffwechsellehre grössere Bedeutung als für
die ärztliche Praxis. Nur sehr selten wurde ein grösserer Gehalt an Zucker (selbst
bis zu 7 pCt.), also ein wahrer Diabetes mellitus constatirt.
2) Gaz. med. 1886. No. 25.
5*
68 Krankheiten des Säuglingsaltors.
Ueber die Dauer der Atrophie lassen sich keine bestimmten An-
gaben machen, weil sich diese nach den Verhältnissen, dem ursprüng-
lichen Kräftezustande des Kindes, den Mitteln der Ernährung, welche zu
Gebot stehen, und besonders nach den eintretenden Oomplicatibnen
richtet. So sehen wir Neugeborene oft schon in den ersten Wochen
des Lebens unter den beschriebenen Symptomen zu Grunde gehen,
während ältere Kinder ihr elendes Dasein viele Monate lang fristen
können, und erst einer Steigerung der Diarrhoe oder einer hinzutretenden
acuten Lungenaffection erliegen. Die Bronchopneumonie ist unter
diesen Verhältnissen eine der häufigsten Todesursachen, und nicht selten
die Folge von Verschlucken, zumal bei anhaltender Rückenlage. Gerade
bei hochgradiger Schwäche kann eine unvorsichtige Ernährung, zumal
die schlechte Gewohnheit, die Kinder mit der Saugflasche im Munde
unbeaufsichtigt liegen zu lassen, Aspiration von Milch in die Luftwege
und dadurch eine Schluckpneumonie zur Folge haben, wenn nicht der
Tod rapide durch Asphyxie eintritt. Dasselbe kann geschehen, wenn
die Kinder in der Rückenlage, besonders während des Schlafes, Magen-
inhalt in die Mundhöhle regurgitiren. Mir selbst sind leider solche
Fälle in der Klinik, wo es beim besten Willen nicht möglich ist, jedes
einzelne Kind anhaltend zu beaufsichtigen, ein paar Mal begegnet, und
Parrot (1. c. p. 67) führt einige asphyktische Todesfälle an, nach
welchen Chymus in den Lungen, und durch die chemische Einwirkung
desselben Malacie des Lungenparenchyms und des angrenzenden Dia-
phragma gefunden wurde.
Die Sectionen der an einfacher Atrophie gestorbenen Kinder er-
gaben constant eine fast vollständige Aufzehrung des unter der Haut
und in der Umgebung innerer Organe vorhandenen Fettes, Verdünnung
und Blässe der Muskeln, und hochgradige Anämie aller Theile1). Viel-
fache Atelektasen des Lungengewebes in Folge der geschwächten
Inspirationskraft finden sich häufig. Unter den Complicationen sind
Bronchopneumonie, Catarrh und folliculäre Entzündung des Darmkanals
die gewöhnlichsten. Als Folgen der im letzten Stadium der Krankheit
hochgradigen Schwäche des Herzmuskels findet man Stauungen im
Venensystem und Thrombosen, besonders der Sinus Durae matris und
') Nach den Untersuchungen von Ohlmüller (Ueber die Abnahme der ein-
zelnen Organe bei an Atrophie gestorbenen Kindern. Inaug.-Diss. München, 1882)
kommt der Fettverlust hauptsächlich auf Kosten des Unterliautfettgewebes, der Ei-
weissverlust auf Kosten der Musculatur (excl. Herz), während das Gehirn ganz ver-
schont bleibt, auch Herz und Leber sich ziemlich in statu quo erhalten.
Atrophie. 69
der Nierenvenen. Solche Thromben können schon während des Lebens
krankhafte Erscheinungen veranlassen, auf welche ich an einer anderen
Stelle zurückkommen werde.
Die Beurtheüung der Gefahr, in welcher sich atrophische Kinder
befinden, hängt wesentlich von dem Grade der Krankheit und von der
Möglichkeit, das kranke Kind in bessere Lebensbedingungen zu ver-
setzen, ab. Ist die Atrophie noch nicht zu weit fortgeschritten, keine
erhebliche Complication vorhanden, jeder Verdacht einer Tuberculose
auszuschliessen, und haben Sie die Mittel in Händen, dem vernach-
lässigten Kinde gute Nahrung und Pflege zu gewähren, so mögen Sie
immerhin noch eine günstige Prognose stellen. Es ist erstaunlich, wie
schnell in solchen Fällen die Körperfülle und die Kräfte zunehmen, und
das hinsiechende, greisenhaft aussehende Kind sich in einen vollen,
blühenden Säugling verwandeln kann. Dagegen dürfen Sie sich in der
Armenpraxis kaum Hoffnung machen, Erfolge zu erreichen, und zwar
um so weniger, je jünger die Kinder sind. Aus diesem Grunde sind
die Neugeborenen am meisten gefährdet; sie liefern die meisten Todes-
fälle, und die feinere pathologische Anatomie der Krankheit beruht vor-
zugsweise auf den Sectionsresultaten aus den ersten Wochen und Monaten
des Lebens1).
Indem ich mich nun zur Behandlung der Atrophie wende, ver-
kenne ich nicht die Schwierigkeiten, welche sich der vollständigen Be-
wältigung dieser Aufgabe entgegenstellen Wollte ich derselben in ihrem
ganzen Umfange gerecht werden, so würde dies bei weitem die mir ge-
steckten Grenzen überschreiten. In der That müsste ich Ihnen die
ganze Behandlung und Pflege des gesunden Kindes von der Geburt an
bis zur Entwöhnung auseinandersetzen, weil alle Fehler, welche in diesem
Zeitraum in Bezug auf Ernährung, Peinlichkeit, Bekleidung u. s. w. be-
gangen werden, sich zunächst in dem Ernährungszustande des kleinen
Wesens reflectiren. Ich würde ferner in das sociale Gebiet und in das
') So sehr man auch das Verdienst anerkennen muss, welches sich Parrot
um diese Dinge erwoiben hat, liegt doch in seinen Arbeiten meiner Ansicht nach
keine Berechtigung, eine neue Krankheitsspecies unter dem Namen „Athrepsie" der
Neugeborenen zu beschreiben. Dieselbe ist eben nichts weiter, als unsere „Atrophie",
und der rapide Verlauf hängt nur von dem zarten Alter und den elenden Verhält-
nissen ab, in denen Parrot's Patienten sich befanden. Daraus erklärt sich die Ein-
seitigkeit seiner Auffassung, welche eine Reihe von pathologischen Erscheinungen,
die entweder mit der Atrophie gar nichts zu. thun haben, wie Trismus, oder die auch
bei niolit atrophischen Kindern vorkommen, wie Soor, unter den Symptomen der
„Athrepsie" aufführt.
70 Krankheiten des Säuglingsalters.
der öffentlichen Gesundheitspflege eindringen müssen, weil nur von um-
fassenden, das Wohl der armen Volksschichten im Allgemeinen fördern-
den Maasregeln des Staates und der Gemeinde, die Beseitigung oder
wenigstens die Linderung von Uebelsländen erwartet werden kann, unter
deren Einflüssen die Atrophie vorzugsweise sich ausbildet, die Ver-
besserung der Wohnräume, die Schaffung von Luft und Licht für die
erste Lebenszeit, die Möglichkeit für die Mütter, ihre Kinder selbst zu
nähren und zu pflegen, sie nicht fremden Händen anvertrauen zu müssen,
welche für kärglichen Lohn entweder Versäumung der übernommenen
Pflicht oder gar noch schlimmere Dienstleistungen bieten, die, wenn
man ihre Abscheulichkeit beweisen könnte, der Schärfe des Strafgesetzes
unterliegen würden. Die humanen Bestrebungen unserer Zeit, die viel-
fache Theilnahme, welche das Loos der unglücklichen kleinen Geschöpfe
gefunden, haben allerdings das Institut der »Engelmacherinnen«, welches
ich eben berührte, mehr und mehr verdrängt. Findelhäuser, Krippen,
Kinderschutzvereine sind an vielen Orten, zum Theil mit Munificenz,
errichtet worden und ihre segensreiche Wirksamkeit ist nicht gering
anzuschlagen. Aber das Alles ist doch bei weitem nicht im Stande,
dem Pauperismus und seinen Folgezuständen im Grossen beizukommen,
und so bleibt die Lösung unserer scheinbar beschränkten Aufgabe, d. h.
die Behandlung der kindlichen Atrophie, eng verbunden mit der Lösung
des grossen socialen Problems. Sie werden sich in der Praxis bald
überzeugen, dass die Behandlung unter den geschilderten Verhältnissen
nur geringe Erfolge aufzuweisen hat, dass alle Ihre Anordnungen an
der Unmöglichkeit der Ausführung oder am bösen Willen der Umgebung
scheitern, und dass Sie sich daran gewöhnen müssen, alljährlich eine
grosse Anzahl solcher Kinder verkümmern und ins Grab sinken zu
sehen, ohne die Sache ändern zu können. Am traurigsten stellt sich
das Ergebniss in den Anstalten heraus, in welchen eine grössere Zahl
atrophischer Kinder gleichzeitig untergebracht ist, in den Krankenhäusern
und Kinderasylen aller Art; nur Findelhäuser, welche dem Zerstreuungs-
system huldigen, d h. den grössten Theil ihrer Insassen aufs Land in
Pflege geben, können bessere Resultate erzielen.
Bei dieser Sachlage muss ich mich auf die Erörterung desjenigen
Moments beschränken, welches allerdings in erster Reihe steht und am
besten noch vom rein ärztlichen Standpunkt aus in Angriff genommen
werden kann, nämlich die Ernährung. Ueber die natürliche Er-
nährung durch die Mutter- oder Ammenbrust habe ich nur wenig zu
sagen. Da ich Ihnen hier keine Vorträge über Diätetik der Kinder,
Atrophie. 71
sondern über ihre Krankheiten halte, so kann ich auf die Physiologie
der Ernährung, auf die Beschaffenheit der Muttermilch, die Wahl der
Ammen u. s. w. nicht näher eingehen. Alle diese Dinge kommen für
mich nur in ihrer Beziehung zu pathologischen Zuständen in Betracht,
und da muss ich Ihnen denn zunächst bemerken, dass auch bei der
natürlichen Ernährungsweise die Kinder atrophisch werden können,
wenn die genossene Milch anhaltend dyspeptische Störungen, d. h. Er-
brechen oder Diarrhoe erzeugt, wodurch die Resorption der für die
normale Ernährung nothwendigen Chylusmenge Einbusse erleiden muss.
Andererseits kommen bisweilen Fälle vor, wo die Milch einer Amme
gerade dem Kinde, welches sie säugen soll, nicht zusagt, dasselbe vielmehr
anhaltend an Verdauungstörungen leidet, oder auch, ohne dass letztere
einen erheblichen Grad erreichen, in seiner Entwickelung nicht vorwärts
kommt. Dieselbe Amme säugt dann nach ihrer Entlassung ein anderes
Kind mit dem besten Erfolge, so dass man nicht eine etwa vorhandene
anomale Beschaffenheit der Milch, vielmehr eine eigentümliche Idio-
synkrasie des ersten Kindes annehmen muss, welches, nachdem es eine
andere Amme erhalten, ebenfalls prächtig gedeihen kann. Auch beim
Selbststillen der Mutter kommen mitunter wunderliche Dinge vor; so
beobachtet man, -dass eine Mutter, welche bereits ein oder mehrere
Kinder mit bestem Erfolge gesäugt hat, ein später geborenes Kind von
der Brust absetzen muss, weil ihre Milch gerade diesem nicht bekommt,
ohne dass man irgend eine Ursache dafür auffinden kann. Bemcrkenswerth
ist noch, dass Säuglinge im Allgemeinen es gut vertragen, wenn ihnen
neben der Muttermilch ein paar Mal täglich und allenfalls noch in der
Nacht gute verdünnte Kuhmilch aus der Saugflasche gereicht wird,
ein Verfahren, welches ich übrigens nur beim Selbststiilen der Mutter,
nicht aber einer Amme gegenüber für gerechtfertigt halte. Auch der
Eintritt der Menstruation oder der Schwangerschaft ') bei den Säugenden
wirkt in vielen Fällen nicht störend ein, muss aber immer vorsichtig
machen. Hier wird allein die Erfahrung entscheiden. Treten beim
Säuglinge Verdauungsstörungen, Erbrechen oder Diarrhoe ein, und zwar
nicht nur in vorübergehender Weise, sondern immer wiederkehrend,
zeigt die Zunahme des Körpergewichts einen Stillstand oder nimmt das-
selbe gar ab, so darf man nicht zögern, einen Wechsel der Säugenden
vorzunehmen. Um aber die Gewichtsabnahme frühzeitig zu erkennen,
') Poirier (These. Paris 1890) fand trotz eingetretener Gravidität die Säug-
linge in 74 pCt. gesund; nur 19,6 pCt. vertrugen die Milch nicht mehr.
72 Krankheiten das Säuglingsalters.
muss man allwöchentlich wenigstens einmal eine sorgfältige Wägung des
Kindes vornehmen, deren Resultate allerdings mit grosser Vorsicht in
Bezug auf einflussreiche Nebenumstände (wie Kleidungsstücke, Füllung
des Magens oder Darmkanals, der Blase) zu bcurtheilen sind. Diese
Wägungen sind im Allgemeinen nur in Anstalten oder in der Privat-
praxis anwendbar; in dem weitaus grössten Theil der Fälle von Alrophie,
welcher gerade in die poliklinische oder Armenpraxis fällt, werden Sie
in der Regel ohne dieselbe mit Ihren eigenen sinnlichen Wahrnehmungen
auskommen müssen.
Die Erscheinungen am Kinde selbst, Dyspepsie und beginnende
Atrophie, sind für mich weit bedeutungsvoller, als alle Methoden, durch
welche man die gute oder schlechte Beschaffenheit der Frauenmilch zu
beurtheilen versucht hat. Das Microscop giebt allerdings Aufschluss
über Zahl, Form und Grösse der Milchkügelcben, und es ist gewiss er-
wünscht, wenn man diese in recht vollkommener Bildung und Menge
vorfindet. Aber die Resultate dieser Untersuchungen, mögen sie von
noch so geübten Beobachtern herrühren, stimmen in Bezug auf den Ein-
fluss, welchen diese oder jene microscopische Abweichung auf das Ver-
halten des Kindes ausübt, keineswegs mit einander überein. Noch
schwieriger gestaltet sich die chemische Untersuchung, welche nur die
wenigsten Aerzte in ausreichender Weise selbstständig vorzunehmen im
Stande sein dürften. Auch stehen die Resultate der Untersuchung durch-
aus nicht immer im Einklang mit der klinischen Beobachtung, da z. B.
ein übermässiger Fettgehalt der Milch bei dem einen Kinde Dyspepsie
erregt, von einem anderen gut vertragen wird. Ich rathe daher, vor
allem das Verhalten des Kindes zum Maasstab für die Beur-
theilung der Milch zu machen, gerade wie Sie bei der Wahl einer
Amme sich am besten durch die Beschaffenheit ihres eigenen Säuglings
leiten lassen. Ich halte dies für den einzig richtigen praktischen Weg.
Sie können allerdings auf diesem Wege dahin kommen, ein und dasselbe
Kind von drei oder noch mehr Ammen säugen zu lassen, dürfen sich
aber durch alle Schwierigkeiten und durch die sich wiederholende Un-
bequemlichkeit einer Ammeninspection nicht abschrecken lassen. Schliess-
lich wird doch der Erfolg und das Bewusstsein der Pflichterfüllung Ihre
Bemühungen krönen. Erwähnt sei noch, dass auch die ungenügende
Menge der Frauenmilch weniger durch Betastung und Ausspritzung der
Mammae sich erkennen lässt, als durch die Trockenheit der Windeln
und das anhaltende Schreien des Säuglings nach dem Saugen, der
nach gehöriger Sättigung in ruhigen Schlaf verfallen soll. Im All-
Atrophie. 73
gemeinen pflegt die Menge der Milch vom Beginn des 8. Monats nach
der Entbindung an zu sinken ').
Ungleich schwieriger ist die Lage in der grossen Majorität der
Fälle, wo aus den wiederholt angegebenen Gründen die natürliche Er-
nährung überhaupt nicht möglich und der atrophirende Säugling auf die
Saugflasche angewiesen ist. Es ist unglaublich, mit welchen Surro-
gaten die Kinder der Armen gefüttert werden; die tägliche Erfahrung
in der Poliklinik liefert immer neue Beweise für den Unverstand und
die Rohheit der betreffenden Personen. Dünner Haferschleim, allein
oder mit etwas Milch vermischt, Abkochungen von Mehlen aller Art,
bilden die elende Nahrung vieler Säuglinge von ihren ersten Lebenstagen
an. Und selbst diese wird ihnen nicht einmal regelmässig und nach dem
Bedürfnisse des Hungers gereicht, weil die Mütter oder Pflegerinnen keine
Zeit oder Lust haben, sich diesen Pflichten zu unterziehen. An einer
früheren Stelle (S. 14) habe ich Sie bereits auf die Geringfügigkeit der
Speichelsecretion in den ersten Lebensmonaten hingewiesen, woraus sich
ergiebt, dass während dieser Zeit, also etwa bis zur 10. Woche, absolut
keine Nahrung gereicht werden sollte, welche aus Amylaceen
besteht, weil alle diese Stoffe eine zur Umwandelung in Zucker ge-
nügende Menge Speichel erfordern. Kann man sich also darüber wun-
dern, dass bei einer solchen Diät von Anfang an der Grund zu Dyspepsien
gelegt, Magen und Darm mit unverdauten Massen überbürdet werden,
Gasauf treibung des letzteren und Diarrhoe entstehen? ganz abgesehen
von dem geringen Nährwerth, welcher jenen Substanzen im Vergleich
zur Frauenmilch zukommt. Wo diese nicht zu beschaffen ist, haben Sie
als einzig passendes Surrogat die Kuhmilch für die ersten drei
Lebensmonate zu empfehlen. Freilich stimmt diese nicht vollkommen
mit der Frauenmilch überein, da sie mehr Käsestoff und weniger Zucker
als diese enthält, der noch dazu mehr zur sauren Gährung neigen und
die Milch daher leichter sauer lassen werden soll, als die Frauenmilch.
Der Fettgehalt der Frauenmilch ist zwar grossen Schwankungen
unterworfen, steht aber meistens hinter dem der Kuhmilch zurück. Ein
schwerwiegender Unterschied liegt auch in der Thatsache, dass das Oa-
sei'n der Frauenmilch leichter durch künstlichen Magensaft und Säuren
gelöst wird, als das der Kuhmilch, und dass letzteres bei der Gerinnung
derbe, schwer lösliche zusammenhängende Coagula bildet, während die
») Pfeiffer, Jahrb. f. Kinderheilk. XX. H. 4. 1883.
74 Krankheiten des Säuglingsalters.
Frauenmilch in losen kleinen Flocken gerinnt1). Sie begreifen, wie
wichtig dieser Unterschied für den kindlichen Magen sein muss. Die
lockeren Gerinnungen der Frauenmilch im Magen werden durch das
Pepsin und die Salzsäure des Magensaftes viel leichter angegriffen und
gelöst werden, als die der Kuhmilch, und die Fäces der mit letzterer
ernährten Kinder müssen daher mehr unverdauten Käsestoff und wegen
des grösseren Fettgehaltes der Milch auch mehr Fett enthalten, als die
der Brustkinder. Diesem Uebelstande können wir nicht nach Wunsch
abhelfen, auch nicht durch die vielfach empfohlenen Zusätze von Ger-
sten- oder Haferschleim, Gummi arabicum u. s. w., während wir andere
minder erhebliche Verschiedenheiten durch passende Verdünnung der
Milch allenfalls compensiren können. Im Allgemeinen nehmen Sie
während der ersten drei Monate das Verhältniss von 1 Th. Milch zu
3 Th. Wasser, im zweiten Vierteljahr 1 : 2, im dritten halb und halb.
Vom 9. Monat an können Sie 2 : 1 oder ganz unverdünnte Milch geben,
die, sowie das Wasser, stets abgekocht sein muss, um die darin ent-
haltenen Gährungskeime möglichst zu vernichten. Denn auch darin
liegt ein wichtiger Unterschied, dass die Kuhmilch immer sehr viele
Gährungserreger oder deren toxische Producte enthält, die im Stall,
beim Melken, von den Excrernenten der Kühe u. s. w.2) in dieselbe
hineingelangen, während die Frauenmilch zwar nicht immer, wie man
früher annahm, ganz bacterienfrei ist, aber doch nur eine geringe Zahl
von Keimen enthält, die für Mutler und Kind sich unschädlich erwiesen3).
Aus diesem Grunde ist das energische Abkochen der Kuhmilch eine
Notwendigkeit, mag dies nun in einem gewöhnlichen Kochtopf, oder
noch besser in einem der Sterilisirungsapparate geschehen, wie sie von
Soxhlet, Escherich u. A. construirt worden sind. Selbstverständlich
muss die Milch an und für sich schon von guter Beschaffenheit sein.
In der Beschaffung unverfälschter frischer Kuhmilch liegt vor
allem das Heil der atrophischen Kinder der Armen, und diesem Punkte
sollten die Gemeinden, denen an dem Gedeihen der heranwachsenden
Generation gelegen ist, mehr Aufmerksamkeit zuwenden, als es bis jetzt
1) Vergl. Escherich, Beitr. zur künstl. Ernährung. Jahrb. f. Kinderheilk.
Bd. 32. 1891. S. 1. — Monti, Archiv f. Kinderheilk. Bd. 13. 1. — v. Szontagh,
Ungar. Arch. f. Med. 1892, schiebt die Schuld der dickeren unlöslichen Coagula in
der Kuhmilch auf ihren Gehalt an Nuclei'n.
2) Einen „rothen Sprosspilz", der aus den hölzernen Milchgefässen stammte,
beobachtete Demme, Pädiatr. Arbeiten. Festschr. Berlin 1890.
3) Colin und Neumann, Virchow's Archiv. Bd. 126. 1891. — Palleske,
Ueber den Keimgehalt der Milch gesunder Wöchnerinnen. Dissert. Berlin 1892.
Atrophie. 75
geschieht. Damit lässt sich weit mehr ausrichten, als mit allen in
neuester Zeit empfohlenen Methoden, die Milch fabrikmässig zu con-
serviren und zu sterilisiren, die trotz aller Bemühungen doch immer
noch unvollkommen bleiben1). Man bedenke wohl, dass bei der künst-
lichen Ernährung hauptsächlich die armen Volksklassen in Betracht
kommen, welche auch die geringste Verteuerung nicht vertragen
können, und dass von allen Surrogaten der Frauenmilch die frische
Kuhmilch immer noch das billigste bleibt2). Die Milch der Eselin,
welche chemisch der Frauenmilch am nächsten steht, ist jedenfalls das
theuerste Ersatzmittel der letzteren; um so mehr verdient der in Paris3)
mit Erfolg gemachte Versuch Anerkennung, Eselsmilch zur Ernährung
der Säuglinge in den ersten 6 — 8 Wochen zu verwenden.
Da aber die allgemeine Anwendung der Eselsmilch an unüberwind-
lichen Schwierigkeiten scheitern wird, so bildet nicht nur für die ersten
Monate, sondern für das ganze Säuglingsalter Kuhmilch das beste
Surrogat für die natürliche Ernährung4). Andere Substanzen statt
derselben zu reichen, halte ich nur dann für zulässig, wenn entweder
gute Milch auf keine Weise beschafft werden kann, oder wenn sie den
Kindern nicht bekommt, d. h. wenn ihr Gcnuss anhaltend Erbrechen
oder Diarrhoe erzeugt. Im Allgemeinen kommt dies nicht häufig vor,
und man kann, worauf ich später zurückkommen werde, diesem Uebel-
stande oft dadurch abhelfen, dass man die Milch, nachdem sie abge-
kocht ist, kalt werden und in diesem Zustande trinken lässt. Dennoch
bleibt immer eine Reihe von Fällen übrig, in welchen auch kalte Milch,
wahrscheinlich wegen der Unverdaulichkeit der festen zusammenhängen-
den Gerinnsel, nicht vertragen wird, und wir sind dann in Ermangelung
einer Amme auf andere Surrogate angewiesen. Die condensirte
') Vergl. Cnyrim, Ueber die Production von Kinder- und Kuhmilch in städti-
schen Milchkuranstalten. Deutsche Vicrteljahrsschr. f. öffentl. Gesundheitspflege. XI.
1879. — Kor mann, Jahrb. f. Kindorheilk. N. F. XIV. S. 238 und XV. S. 300. —
Referate über „Neuere Beiträge zur Ernährungsfrago der Kinder" im Arch. f. Kinder-
heilkunde. Stuttgart, 1881. 11. S. 170. — Biedert, Kinderernährung im Säuglings-
alter. Stuttgart, 1880. — Strub, über Milchsterilisation. Inaug. Diss. Jena 1890.
— Soxleth, Deutsche Vierteljahrsschr. f. öffentl. Gesundheitspflege. Bd. 24. H. 1.
2) Hoff mann, Jahrb. f. Kinderheilk. XVI. 1880. S. 143.
3) Tarnier und Parrot, Union med. 1882. p. 101.
4) Der sehr geringe Eisengehalt der Milch bestimmt Bunge (Zeitschr. für
physiol. Chemie. Bd. 16. 1892) zu der Ansicht, dass nach Ablauf der Säuglings-
periode die Milchnahrung nicht mehr die vorherrschende sein darf (dafür bes. Ei-
dotter). Die praktische Erfahrung steht indess mit dieser Ansicht nicht im
Einklang.
76 Krankheiten des Säuglingsalters.
Schweizermilch ist anscheinend das nächstliegende und beste.
Bringt man etwas davon unter das Microscop, so sieht man das Ge-
sichtsfeld völlig von Milchzuckerkrystallen bedeckt, die aber wie durch
einen Zauberschlag verschwinden, sobald man etwas Wasser an das Ob-
jectglas bringt. Man sieht dann nur noch massenhafte, wohlerhaltene
Milchkügelchen. Obwohl ich nun in einzelnen Fällen condensirte Milch
mit Vortheil Monate lang anwenden sah, kann ich doch dieser Nähr-
methode nicht das Wort reden, weil der starke Zusatz von Rohrzucker,
welcher zur Conservirung der Milch nöthig ist, leicht saure Gährung
und Diarrhoe erzeugt. In neuester Zeit hat man zwar den Zucker-
zusatz erheblich zu beschränken gelernt, um dadurch die nachtheiligen
Folgen der condensirten Milch zu vermeiden, doch habe ich selbst mich
noch nicht veranlasst gesehen, diese theueren Präparate anzuwenden1).
Unter den vielfachen künstlichen Surrogaten hat sich seit vielen
Jahren das in Vevey verfertigte Nestle'sche Mehl einen besonderen
Ruf erworben und erfreut sich grosser Verbreitung. Es besteht aus
Weizenmehl, Eigelb, condensirter Milch und Zucker in dem Verhältniss,
dass auf 1000 Theile 20 Theile stickstoffhaltiger Substanzen und
7 Theile Salze kommen Gewöhnlich lässt man einen Essl. Mehl mit
9—10 Essl. Wasser abkochen und die Flüssigkeit aus der Saugflasche
trinken. Ich muss Sie aber darauf hinweisen, dass das Nestle'sche
Mehl unter Umständen verderben und dann sehr nachtheilig werden
kann. Unter anderen sah ich bei einem Kinde, welches keine Kuhmilch
vertrug, und bei dem ich der zunehmenden Atrophie wegen consultirt
wurde, trotz des schon Wochen lang gegebenen Ncstle'sehen Mehls und
trotz der verschiedensten Mittel eine hartnäckige Diarrhoe, welche die
Atrophie natürlich steigerte, fortbestehen. Ich entdeckte nun, dass das
in einer Blechbüchse enthaltene Mehl nicht, wie es sein soll, nach Zwie-
back, sondern abscheulich nach altem Käse roch und Hess sofort eine
andere frische Büchse holen, deren Inhalt nun sehr gut vertragen wurde.
Nach meiner Erfahrung kann ich das Nestle'sche Mehl von der 10. bis
12. Lebenswoche an, aber nicht früher, als geeignetes Nährmittel
empfehlen , bin aber keineswegs für diese Substanz ausschliesslich
eingenommen. Ich glaube vielmehr nach den von mir angestellten Ver-
suchen anderen ähnlichen Kindermehlen, (besonders dem Rado-
man n 'sehen) einen gleichen Werth zusprechen zu dürfen. Das Lucra-
') Ilagenbach (Corresponcfenz-Blatt der Schweizer Aerzte. 1883. No. 1) und
Banze (Archiv f. Kinderlieillc. IV. S. 212) empfehlen diese Arten von condensirter
Milch (Helvetia, Romanshorner Milch, 1 : 10 bis 1:6 Gerstenschleim).
Atrophie. 77
tive des Geschäfts macht es übrigens wahrscheinlich, dass die Welt noch
mit immer neuen Präparaten dieser Art beglückt werden wird, welche
sich in dem Bestreben , der Zusammensetzung der Frauenmilch so nahe
als möglich zu kommen, gegenseitig den Rang ablaufen.
Unter den sonst noch gerühmten Surrogaten der Muttermilch nenne
ich hier nur noch die Liebig'sche Suppe und das von Biedert') em-
pfohlene Eahmgemenge. Von der ersteren, die einst so gepriesen wurde,
ist man ganz zurückgekommen, weil schon die Bereitung viel zu um-
ständlich ist, um in der Armenpraxis, welche ja bei der künstlichen
Auffütterung vorzugsweise in Betracht kommt, allgemeine Anwendung
zu finden. Dasselbe gilt von dem Biedert'schen Rahmgemenge, wel-
ches ich in meiner Klinik bei einer Reihe atrophischer Kinder beharr-
lich anwenden liess, ohne mich indcss davon überzeugen zu können,
dass es mehr leistete, als die Ernährung mit Kuhmilch oder Nestle-'
schem Mehl. Das von Biedert empfohlene „künstliche" Rahmge-
menge, welches den Gebrauch erleichtert, wurde zwar von Monti3)
u. A. gerühmt; auch hier aber ist der Preis für die Verhältnisse, in
welchen es vorzugsweise gebraucht wird, zu bedeutend.
Ein vortreffliches Unterstützungsmittel für die Ernährung atrophi-
scher Säuglinge ist der Wein, besonders der unverfälschte Tokayer-
wein. Ob andere Weinsorten, wie Xeres und Malaga, die auch vielfach
gegeben werden, als gleichwertig zu betrachten sind, lasse ich dahin-
gestellt. Ich ziehe immer den altbewährten Ungarwein, von dem mein
unvergesslicher Lehrer Romberg zu sagen pflegte, dass er nicht blos
ein „lac senile", sondern auch ein „lac infantile'' sei, allen anderen
Sorten vor. In den ersten Lebensmonaten gebe man 20 bis 25 Tropfen
drei- bis viermal täglich, rein oder in einem Theelöffel Wasser; später
kann man die Dosis bis auf ein paar Theelöffel und mehr pro die stei-
gern. Gleichzeitig lasse man täglich ein laues Wasserbad von 27 bis
28° R nehmen, dem man bei zunehmender Schwäche aromatische Auf-
güsse (am besten ein paar Hände voll Chamillen und Calmus mit
heissem Wasser infundirt) zusetzen mag. Gut gelüftete Krankenzimmer,
strenge Reinlichkeit, pünktliche Sorgfalt in der Pflege — alles das sind
und bleiben leider zu oft pia desideria, welche nur in der Minderzahl
der Fälle zu erfüllen sind.
Von Arzneimitteln haben Sie bei der Atrophie nichts zu erwarten.
Nur bei deutlich erkennbaren Complicationen mit Affectionen der Re-
1) Virchow's Archiv. Bd. CO. Heft 3 u. 4.
2) Archiv f. Kinderheilk. Bd. II.
78 Krankheiten des Säuglingsalters.
spirationsorgane oder des Darmkanals besteht eine Indication zur An-
wendung derselben, wobei indess bemerkt werden muss, dass leichtere
dyspeptische Erscheinungen (Erbrechen, anomale übelriechende schlecht
verdaute Stühle) sich auch ohne Anwendung von Arzneimitteln in Folge
zweckmässiger Ernährung bessern können.
II. Der Soor.
Je jünger die Kinder sind, um so häufiger begegnen Sie dieser,
auch unter dem Namen „Schwämmchen" bekannten Affection der Mund-
und Rachenhöhle, am häufigsten daher bei Neugeborenen und in den
ersten Monaten des Lebens. Aber auch die zweite Hälfte des ersten
Jahres wird oft davon betroffen, ja unter gewissen Umständen werden
Sie den Soor noch viel später, selbst bei Erwachsenen beobachten. Das
Bild der Krankheit wechselt je nach den Graden und den Verhältnissen,
unter denen es sich Ihnen darbietet.
Erster Grad. Auf der Schleimhaut der Lippen, Zunge und
Wangen, besonders in den Falten zwischen Lippen und Zahnfleisch und
zwischen Wangen und Alveolarrand finden Sie vereinzelte weisse, leicht
prominirende Punkte und Fleckchen, welche zwar mit dem Spatel leicht
abstreifbar sind, aber, wenn man Gewalt dabei anwendet, einen Bluts-
tropfen hinterlassen. Die Schleimhaut ist dabei nicht verändert und
kein anderes Leiden vorhanden. Diese Form kommt bisweilen bei
vollkommen gesunden Kindern vor, wenn die nothwendige Rein-
haltung des Mundes verabsäumt wird. Mitunter ist es auf den ersten
Blick nicht leicht zu bestimmen, ob man wirklichen Soor oder nur
Milchreste vor sich hat, da beides fast gleich aussieht; der Unterschied
zeigt sich aber, wenn man mit dem Spatel über die Fleckchen hin-
streicht, wodurch die locker aufliegenden Milchreste sogleich entfernt
werden, während der Soor der Schleimhaut fester anhaftet.
Zweiter Grad. Die ganze Mundschleimhaut bis in den Pharynx
hinein ist dunkelroth, purpurfarbig und auffallend trocken. Auf der-
selben sieht man überall, besonders aber auf der Zunge, den Wangen,
den Lippen und am harten Gaumen zahlreiche weisse Punkte und Fleck-
chen von rundlicher oder unregelmässiger Gestalt, welche hie und da,
zumal in den erwähnten Falten und auf der Zunge, zu grösseren Plaques
confluiren. Die Mundhöhle scheint dabei empfindlich zu sein, da die
Kinder oft das Gesicht schmerzhaft beim Saugen verziehen oder letzteres
gänzlich verweigern. Bei noch stärkerer Entwickelung findet man Zunge,
Wangen und harten Gaumen von einer weissen membranartigen Decke
überzogen, während an den Lippen, am Zahnfleisch und weiter hinten
Soor. 79
am Gaumensegel und auf den Mandeln Soorflecke in grosser Zahl sicht-
bar sind. Diese hohen Grade kommen nur bei atrophischen oder
durch schwere Erkrankungen (Diarrhoe, Cholerine) erschöpften
Kindern vor, und daraus erklärt sich der Umstand, dass die anfangs
dunkelrothe Schleimhaut in Folge der zunehmenden Anämie allmälig er-
blasst, und der Soor schliesslich auf einer ganz blassen, in's Livide
spielenden Schleimhaut haftet, wobei er minder deutlich hervortritt als
früher, so lange die Schleimhaut noch stark bluthaltig war. Dazu
kommt, dass er unter diesen Umständen seine milchweisse Farbe mehr
und mehr verliert, oft schmutzig grau oder gelblich erscheint,
letzteres besonders in Folge galliger Färbung durch erbrochene Massen.
Man muss dann schon genauer hinsehen, um die Krankheit in ihrer
ganzen Ausdehnung zu erkennen. Je länger sie bestanden, um so fester
haftet der Soor an der Schleimhaut. Unter den zahlreichen Fällen
dieser Art gedenke ich namentlich eines vier Monate alten, stark colla-
birten Kindes mit Syphilis hereditaria und Pneumonie des rechten Unter-
lappens, bei welchem die ganz blasse Mundschleimhaut bis in den Pha-
rynx hinein mit perlgrauen Soorflecken überzogen war , die so fest
wurzelten , dass sie nur gewaltsam und unter Blutung mit einer
Pincette abzulösen waren. Neugeborene dieser Art bieten oft gleich-
zeitig die oben (S. 57) erwähnten Ulcerationen am harten Gaumen dar.
— Bringt man ein Stückchen Soor gut zerzupft unter das Microscop, so
sieht man als Hauptbestandtheil desselben eine Menge Pilzfäden und
Sporen. Mit dieser Entdeckung des Schweden Berg im Jahre 1842
fielen alle früheren Deutungen der Krankheit als einer entzündlich-
exsudativen. Wir können sie nur als eine parasitäre betrachten. Die
Pilzfäden erscheinen als lange, gerade, oder nach verschiedenen Rich-
tungen gebogene, durchsichtige, scharf contourirte, etwa 50 — 60 Mm.
breite Cylinder, welche aus mehreren aneinander gefügten Gliedern be-
stehen. Die reifen Fäden zeigen fast alle einen oder mehrere gleich
beschaffene Aeste, welche vom Stammfaden da ausgehen, wo die An-
einanderfügung der Glieder durch Scheidewände markirt ist. Das Innere
der Fäden enthält gewöhnlich einige moleculäre Körnchen, auch wohl
einzelne ovale Körperchen, wahrscheinlich sich entwickelnde Sporen. Um
den Ursprung der Fäden herum sieht man immer Haufen rundlicher oder
ovaler Sporen1) Ausserdem zeigt das Microscop zahlreiche Epithelial-
') Ueber die Botanik des Soor sind die Ansichten der Autoren noch getheilt.
Der von Grawitz (Deutsche Zoitschr. f. practischeMed. 1877. No. 20) angegriffene
Name ,,01'dium albicans" wird wohl aufzugeben sein. (Vergl. Plaut (Beitr. zur
System. Stellung des Soorpilzes. Leipzig, 1885), Stumpf (Münchener med. Wochen-
80 Krankheiten des Säaglingsalters.
zellen, Fettkügelchen und rothe Blutkörperchen, die beim Abziehen des
Soor von der Schleimhaut hineingerathen sind. Das ist alles, was der
Soor klinisch darbietet. Alle Symptome, die man ihm sonst zu-
schrieb, Diarrhoe, Erbrechen, Verfall, gehöien nicht dem Soor, sondern
der Gründkrankheit an, in deren Gefolge er auftritt.
Der Soor beschränkt sich keineswegs auf die Schleimhautpartien,
welche der Untersuchung zugänglich sind, sondern kommt, wie die
Sectionen zeigen, auch noch weiter abwärts nicht selten vor, zumal in
den tieferen Partien des Pharynx und häufig im Oesophagus,
namentlich in den beiden unteren Dritttheilen, wo er entweder in ähn-
licher Weise wie in der Mundhöhle auftritt, oder einen mehr oder min-
der vollständigen, durch die vorspringenden Falten der Schleimhaut ein
rindenförmiges Ansehen darbietenden Cylinder bildet. In der Regel ist
der Soor der Speiseröhre nicht rein weiss, sondern perlgrau oder gelblich,
und schneidet dicht oberhalb der Oardia mit einer scharfen Linie ab.
Auf der Schleimhaut des Magens fand ich ihn nur in einem Fall, und
zwar in Form sehr vereinzelter, etwas prominirender Plaques, bekenne
aber offen, dass eine so genaue Untersuchung des Magens, wie sie hier
nothwendig ist, nicht immer stattfand, uud eine grosse Zahl unserer atro-
phischen Kinder mit Soor im Munde überhaupt nicht zur Section kam.
Ich bemerke dies deshalb, weil Parrot1) den Soor des Magens durch-
aus nicht selten beobachtet hat. Um ihn zu erkennen, muss man zu-
nächst die dichte Schleimschicht, welche ihn bedeckt, durch einen
Wasserstrahl entfernen, worauf der Soor in Form kleiner isolirter oder
beisammenstehender Wärzchen, die theilweise nur durch die Loupe er-
kennbar sind, zum Vorschein kommt. Die grösseren Häufchen zeigen
oft eine centrale Delle und bekommen dadurch, wie durch ihre nicht
selten gelbe Farbe, Aehnlichkeit mit einer Favusborke. Am häufigsten
soll man Soor auf der hinteren Magenwand längs der kleinen Curvatur
und in der Nähe der Oardia finden. Die Adhärenz an der Schleimhaut
ist hier so bedeutend, dass es schwer hält, den Soor durch Ueberspülen
von Wasser oder durch Abkratzen zu entfernen. Ueber den Magen
hinaus kommt Soor nur selten vor. Die ohne Hülfe des Microscops
angestellten Beobachtungen von Valleix und Seux sind nicht ent-
schritt 1885. S.627), Baginsky (Verein f. innere Med. 30. Nov. 1885), Klemperer
(Centralblatt f. klin. Med. 1885. No. 50), Plaut, Neue Beitr. zur System. Stellung
des Soorpilzes in der Botanik. Leipzig 1887. Der letztere hält den Pilz identisch
mit der auf faulem Holz, in frischem Kuhmist und an süssen Früchten wuchernden
„Monilia Candida".
') 1 c p. 223.
Soor. 81
scheidend, wohl aber die von ßobin und Parrot, von denen der er-
stere Soor im Dünndarme, der letztere zweimal im Ooecum nachwies.
Für diesen Theil, wie für den Magen, scheint die Acidität der Contenta,
als ein die Vegetation des Soorpilzes förderndes Moment, in Betracht zu
kommen. Jedenfalls muss in allen diesen Fällen ein Herabgelangen der
Soorkeime oder Fäden vom Pharynx oder Oesophagus her angenommen
werden. Bemerkenswerth ist, dass der Soor, auch wenn er im Pharynx
noch so stark entwickelt ist, sich doch fast nie in die hintere Partie der
Nasenhöhle hinein erstreckt, ebensowenig in Fällen, wo Gaumenspalten
vorhanden sind , wo also eine directe Communication zwischen Mund-
und Nasenhöhle besteht; wohl aber findet man ihn bisweilen auf der
Schleimhaut der Glottis in Form kleiner Häufchen oder Streifen. Da
dies die einzige Stelle der respiratorischen Schleimhaut ist, welche von
Soor befallen wird, so wird man wohl Berg und Lelut darin bei-
pflichten müssen, dass nicht das Flimmer-, sondern nur das Pflaster-
epithelium den geeigneten Boden für die Entwickelung der Pilze abgiebt.
In den Lungen fand man Soor nur in vereinzelten Fällen, wahrschein-
lich durch Aspiration von Soorkeimen aus dem Pharynx her entwickelt
(Parrot, Birch-Hirschfeld).
Untersucht man die Beziehungen des Soorpilzes zu der unterliegen-
den Schleimhaut genauer, so ergiebt sich, dass ein Theil der Pilze ober-
flächlich zwischen den Epithelialzellen liegt , ein anderer tiefer in das
Gewebe dringt, so dass man deutlich die Fäden perpendiculär in die
Schleimhaut eintreten sieht (Wagner1), Parrot). Diese Thatsache er-
klärt auch den bisweilen bedeutenden Widerstand, welchem man beim
Versuche Soorflecke abzulösen, begegnet. Dass die Pilze durch den Blut-
strom auch in andere Theile des Gefässsystems übertragen werden
können, scheint aus einzelnen Beobachtungen von Zenker und Ribbert'),
in welchen sie im Gehirn gefunden wurden, hervorzugehen.
Auf einer vollkommen gesunden Mundschleimhaut scheint Soorent-
wickelung nicht vorzukommen oder wenigstens nie zu erheblicher Aus-
dehnung zu gelangen. Selbst in den Fällen unseres ersten Grades muss
wohl eine partielle Reizung der Mucosa durch Reste von Milch, die sich
zersetzen und der Entwickelung der Keime einen günstigen Boden be-
reiten, angenommen werden. Deutlicher sieht man dies in den weit
häufigeren Fällen des zweiten Grades. Hier geht immer Trockenheit
und dunkle Röthe der Mundschleimhaut voraus, die Zunge wird durch
') Jahrb. f. Kinderheilk. 1868. I. S. 58.
2) Berliner klin. Wochenschr. 1879. S. 618.
Hcnoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl.
82 Krankheiten des Säuglingsalters.
Vorspringen der Papillen rauh, und an diesen Stellen beginnt zunächst
die Pilzbildung, welche durch den Mangel an Alkalescenz der Mucosa
gefördert wird. Auf diese Beziehung machte ich Sie schon früher auf-
merksam; die ausserordentliche Geringfügigkeit der Speichelsecretion in
den ersten Monaten muss die Säurebildung im Munde und die Trocken-
heit der Schleimhaut begünstigen. Die Culturversuche von Kehrer1),
nach denen gerade der Speichel ein vorzügliches Nährmittel für den
Soorpilz sein soll , können diese Ansicht nicht erschüttern. Vor allem
aber fördert Atrophie und Schwäche des Kindes die Keimung der
Sporen, und ich kann Ihnen zum Beweise dieser Thatsache die von
Delafond2) angestellten Thierversuche anführen, dem es nie gelang,
Soor auf die Mundschleimhaut eines gesunden wohlgenährten Schafes
mit reichlicher Speichelsecretion durch Impfung zu übertragen, während
dies sofort geschah, wenn. er das Thier vorher durch Hunger schwächte,
oder wenn er ein bereits krankes Thier zu dem Impfversuche wählte.
Auch die Thatsache, dass ganz ähnliche Sooreruptionen, wie bei atro-
phischen oder durch Krankheit erschöpften Säuglingen, im späteren
Lebensalter im letzten Stadium der Phthisis und in schweren Fällen
von Typhus nicht selten vorkommen, stimmt damit überein. Unter an-
deren fand ich bei einem 13jährigen, an einem schweren Abdominal-
typhus gestorbenen Mädchen nicht bloss den Pharynx, sondern auch den
Oesophagus bis zur Cardia mit einem Soorüberzug bekleidet, welcher
durch seine schmutzig graue Farbe bei der Schwierigkeit, den Pharynx
genau zu untersuchen, während der letzten Lebenstage als „Diphtherie"
imponirt hatte. So mag überhaupt mancher Fall von „diphtherischer
Complication" des Typhus, der nicht zur Scction kommt, auf einer Täu-
schung durch Soor des Pharynx beruhen, und zwar um so mehr, als der
Soor hie und da auch bei Kindern die Mundschleimhaut verschont und
nur den Gaumen und Pharynx befällt.
Die Sporen gelangen wohl vorzugsweise mit den Nahrungsmitteln
(Milch und anderen Flüssigkeiten) oder mit der cingeathmeten Luft auf
die Mundschleimhaut, aber auch eine directe Uebertragung durch die
Flasche, wenn deren Saugpfropfen nicht täglich wiederholt auf das Sorg-
fältigste gereinigt wird, ist möglich und kann bei einem und demselben Kinde
immer wieder neue Sooreruptionen herbeiführen. Achten Sie daher wohl
darauf, dass namentlich die Gummipfropfen der Sauguaschen fleissig ab-
gewaschen, in Wasser gelegt und auch auf ihrer Innenseite mit einer
') Ueber den Soorpilz. Heidelberg, 1883.
2) Gaz. hebdomad. 1858. p. 909.
Soor. 83
kleinen Bürste täglich gereinigt werden. Ob "der Soor aus dem Munde
des Kindes auf die Brustwarze der säugenden Mutter oder Amme über-
gehen kann, ist eine Frage, über welche die Ansichten keineswegs über-
einstimmen. Wenn auch Seux') unter mehr als 1600 Fällen von Soor
nicht ein einziges Mal den Uebergang desselben auf die Brustwarze der
Amme beobachtet haben will, so sprechen sich doch andere, besonders
Mignot2), auf einzelne Beobachtungen gestützt, für eine solche Mög-
lichkeit aus, zumal wenn die Brustwarzen wund werden, und Dela-
fond fand bei den oben erwähnten Impfversuchen an Schafen, dass die
Pilze durch ein soorkrankes Schaf auf die Warze des Mutterschafes
übertragen werden können. Man muss daher unter allen Umständen die
Säugende auf die Möglichkeit einer solchen Uebertragung aufmerksam
machen und ihr die grösste Reinlichkeit, besonders häufiges Waschen der
Warze mit alkalischen Flüssigkeiten zur Pflicht machen.
In den seltenen Fällen, wo man diagnostische Zweifel hegt, ent-
scheidet das Microscop durch den Befund der charakteristischen Pilzfäden
und Sporen. Dass Reste von Milchgerinnungen auf der Schleimhaut durch die
Möglichkeit, sie einfach abzuwischen, sich leicht vom Soor unterscheiden
lassen, erwähnte ich bereits. Es giebt aber noch einen Zustand, der
von Unkundigen mitunter als Soor gemissdeutet wird, nämlich eine
membranartige Epithelialabstossung auf der Schleimhaut der Zunge und
besonders des Zahnfleisches in der Form dünner grauweisser Auflage-
rungen. Das Microscop weist hier sofort den Irrthum nach, indem es
nur Epithelzellen und eine amorphe körnige Masse, aber keine Soor-
elemente erkennen lässt. In einzelnen Fällen sieht man diese Epithcl-
häutchen ausschliesslich unter der Zunge, wo sie einen zusammen-
gerollten milchweissen queren Strang bilden.
Ich fand dies bei zwei Säuglingen, von denen der eine blühend und voll, der
andere atrophisch war, vielfache Abscesse der Haut und einen Decubitus am Ellen-
bogen darbot. Zähne waren bei beiden Kindern noch nicht vorhanden, die Mund-
schleimhaut aber war durchweg geröthet und blutete leicht bei Berührung. Die
weisse Auflagerung unter der Zunge Hess sich ziemlich leicht abheben; nur am Fre-
nulum haftete sie etwas fester und hinterliess hier einen Blutstropfen. Unter dem
Microscop konnte ich nur Fettkügelchen (wohl Milchreste), Epithelzellen und eine
amorphe Bindemasse, aber keine Spur von Soorelementen erkennen, und ich denke
mir, dass die in l'"olge der Schleimhauthyperämie reichlichere Epithelialabstossung
durch das wiederholte Hinübergleiten der unteren Zungenfläche über den Alveolar-
rand beim Saugen jene zusammengerollte Strangform angenommen hatte.
') Recherches sur les maladies des enfants nouveau-nes. Paris, 1855. p. 29.
2) Traite de quelques maladies pendant le premier ige. Paris, 1859. p. 223.
6*
g4 Krankheiten des Säuglingsalters.
Dass die locale Behandlung nur in den Fällen unseres ersten
Grades Erfolg verspricht, leuchtet ein. Hier genügt meistens schon eine
mechanische Abreibung. Die Wärterin muss mit dem mit feiner Lein-
wand umwickelten und in frisches Wasser getauchten Finger die Soor-
flecken dreist abreiben, auch wenn dabei eine kleine Blutung erfolgen
sollte. Sobald neue Eruptionen sichtbar werden, wiederhole man dies
Verfahren und reinige nach jedem Saugen die Mundhöhle sorgfältig auf
dieselbe Weise. Man wird dann sehr bald der Affection Herr werden.
Ganz anders liegt die Sache in Fällen des zweiten Grades, bei atrophi-
schen und erschöpften Kindern. Auch hier wird es Ihnen zwar bald ge-
lingen, durch mechanische Reinigung den Soor zu entfernen, und zwar
noch besser, wenn Sie behufs der Alkalisirung der sauren Mundreaction
den mit Linnen umwickelten Finger nicht in reines Wasser, sondern in
eine alkalische Lösung tauchen (z. B. Kali chloricum, Borsäure, Borax
oder Natron benzoicum 5:100 Wasser, eine Messerspitze Kochsalz in
einem Glase Wasser gelöst). Die alte praktische Erfahrung steht hier
in directem Widerspruch mit den Kehrer'schen Versuchen, nach denen
die genannten Mittel das Wachsthum der Soorpilze gerade begünstigen
sollen. Immer bleibt das Allgemeinbefinden, welches die Soorentwicke-
lung begünstigt, die Hauptsache, und deshalb werden Sie auch in diesen
Fällen immer neue Recidive jor sich gehen sehen. Unter diesen
Umständen wandte ich wiederholt Bestreichungen der gesammten Mund-
schleimhaut mit einer Lösung von Argentum nitricum (1 — 3 Th. in
100 Wasser) mit Vortheil an, nachdem zunächst eine Abreibung statt-
gefunden hatte.
III. Die hereditäre Syphilis.
Bei der grossen Mannigfaltigkeit der Symptome scheint es mir
zweckmässig, zunächst das Bild der Krankheit so zu schildern, wie es
sich am häufigsten darbietet, die Varietäten aber und die seltener vor-
kommenden Zustände erst in zweiter Reihe zu erörtern.
Gewöhnlich stehen die Ihnen zugeführten Kinder im zweiten oder
dritten Monate des Lebens und sind, je nachdem sie von der Mutter
gesäugt oder aufgepäppelt werden, besser oder schlechter ernährt. Ein
hoher Grad von Atrophie gehört keineswegs zu den nothwendigen Attri-
buten der infantilen Lues, denn eine Reihe von Kindern, die mir vor-
kamen, besonders Brustkinder, erfreute sich einer normalen Körperfülle
und einer gesunden Hautfarbe, während fast alle künstlich genährten
mehr oder weniger atrophisch waren. Hohe Grade von Atrophie ver-
Syphilis. 85
danken aber nicht der Syphilis allein, sondern den gleichzeitig einwirken,
den Factoren, Hunger, Elend aller Art, ihren Ursprung.
Eins der frühesten Symptome ist ein schnüffelndes Geräusch
beim Athmen, welches durch Anschwellung der Nasenschleimhaut be-
dingt und von den Müttern als Stockschnupfen bezeichnet wird. Weiter-
hin zeigt sich bald Verstopfung der Nasenlöcher durch gelbliche oder
bräunliche Borken, und ein serös-schleimiger, zuweilen mit etwas Blut
gemischter Ausfluss (Ooryza syphilitica), wobei die Nase äusserlich
etwas anschwellen kann. Diese in ihren Graden verschiedene Coryza
halte ich für eins der constantesten Symptome der Krankheit, wel-
ches entweder den übrigen Erscheinungen vorausgeht, oder sie fast
immer begleitet, nur ausnahmsweise fehlt. Bald gesellen sich dazu rothe,
in's Bräunliche spielende, runde oder unregelmässige Flecke von der
Grösse eines Fünf- oder Zehnpfennigstücks, anfangs noch vereinzelt, be-
sonders in der Gegend der Augenbrauen, des Kinns, der Naso-labial-
falten, in der Umgebung des Anus und auf den Flächen der Hände und
Füsse (Roseola syphilitica). Viele Flecke zeigen kleieförmige Ab-
schilferung der Epidermis oder bedecken sich mit grösseren Schuppen;
andere, in manchen Fällen nahezu alle, bieten von der Seite gesehen,
eine glänzende, wie lackirte Fläche. Die am Kinn und auf den Hinter-
backen sitzenden Flecke werden durch die wiederholte Reizung der
Mundsecrete, des Urins und der Faeces allmälig macerirt und nach Ab-
stossung der Epidermis in rothe nässende Excoriationen verwandelt,
deren specifische Bedeutung nicht ohne weiteres erkennbar ist, vielmehr
durch ein in ihrer Umgebung stattfindendes Erythem (Intertrigo) ver-
dunkelt werden kann. Immerhin aber sind die Localitäten, an denen
sich diese Excoriationen zeigen, die dabei noch unversehrt bestehenden
Flecke und die Coryza ausreichend, um den Verdacht der Syphilis und
die Einleitung einer specifischen Cur zu rechtfertigen.
Geschieht dies nicht , so macht der weitere Fortschritt der Krank-
heit bald jeden Zweifel schwinden. Die Flecke verbreiten sich nun-
mehr über einen grossen Theil des Körpers, besonders über die Stirn,
die ganze den Mund umgebende Hautpartie und die Extremitäten, und
fliessen an vielen Stellen zu grösseren, düsterrothen, gelbbräunlichen,
mehr oder weniger desquamirenden Flatschen zusammen, welche hie und
da mit dünnen, durch Vertrocknung nässender Excoriationen entstandenen
Schorfen bedeckt sind. Handflächen und Fusssohlen sind meistens
diffus geröthet, mit Fetzen abgestossener Epidermis bedeckt, und beson-
ders die Fersen zeigen glänzende Röthe und Spannung. Dazu gesellen
sich weissliche Excoriationen der Mundwinkel, Risse und Spalten der
86 Krankheiten des Säuglingsalters.
Lippenschleimhaut (Rhagaden), welche beim Saugen und Schreien
leicht bluten, und im Verein mit den die Augenbrauen bedeckenden
Schorfen und der Coryza ein Gesammtbild darstellen, welches selbst von
Mindergeübten kaum zu verkennen ist, und auch ohne Geständniss
der Eltern die Diagnose der Syphilis gestattet. In vielen Fällen wird
das charakteristische Bild noch durch Ausfallen der Haare, besonders
der Augenbrauen und selbst der Wimpern, gesteigert. Trousseau's
Beobachtung eines der Lues infantilis eigenthümlichen bräunlichen Haut-
colorits kann ich nur für eine Reihe von Fällen, welche atrophische
Kinder betrafen , bestätigen, während ich bei vielen anderen gut ge-
nährten Kindern einen ebenso weissen Teint wie im gesunden Zustande
beobachtete.
Sie dürfen nun nicht erwarten, dass alle Züge dieses Krankheits-
bildes durchweg so prägnant entwickelt sind, wie ich es eben schilderte.
Häufig ist nur ein Theil derselben vorhanden, andere fehlen oder sind
nur schwach angedeutet. So fand ich z. B. die Genitalien und die
Analgegend bisweilen ganz frei von Exanthem, während die oberen
Körpertheile, sogar nur das Gesicht, exquisit befallen waren. Auch die
Abweichungen von diesem Grundbilde der Krankheit sind durchaus nicht
selten. Statt der Roseola sah ich oft dunkelrothe runde Papeln auf
den Fusssohlen, den unteren Extremitäten und um den Anus herum,
oder stellenweise, besonders auf der Glabella, über den Augenbrauen,
aber auch auf den Wangen, den Nates , düsterrothe, infiltrirte, mit
dünnen weisslichen Schuppen bedeckte, zuweilen figurirte Flecke, welche
theils an Psoriasis, theils an condylomatöse Bildungen streiften; hie
und da, aber immer nur bei Kindern in den ersten Lebenswochen, die
Ueberrcste von Blasen (S. 56) in Form rother, von einem trockenen
Epidermisring umzogener Flecke oder Excoriationen, zuweilen auch noch
frische, meistens schlaffe, mit trübem eitrigen Inhalt gefüllte Blasen an
den Fusssohlen und Handtellern. Iu manchen Fällen, zumal bei sehr
jungen Kindern, fand ich neben den Zeichen der Lues fast die ganze
Haut diffus geröthet und mit grossen Lamellen gelblicher, mit Sebum
vermischter Epidermis bedeckt. Am seltensten kamen mir bläschen-
artige und nässende (eczematöse) Ausschlagsformen als Ausdruck der
Lues vor, auch schien es mir, als wären diese meistens durch Misshand-
lung der papulösen und fleckigen Exantheme, besonders durch Kratzen
oder den Contact reizender Se- oder Excrete zu Staude gekommen. Bei
einem 6 Wochen alten Kinde erwies sich ein neben reichlicher Roseola
an vielen Körpertheilen entwickeltes feinblasiges Eczem nur als Product
sehr reichlicher Schweisse, hatte also mit der Syphilis selbst nichts zu
Syphilis. 87
schaffen. Häufig sah ich aus den oben beschriebenen Excoriationen in
der Umgebung des Anus, am Scrotum, aber auch an anderen Haut-
stellen, z. B. in den Augenbrauen, um den Nabel herum, tiefer dringende,
mit Schorfen bedeckte Geschwüre hervorgehen, wie auch die oft gleich-
zeitig vorhandene Intertrigo der Inguinalgegenden, eine Tendenz zur
Bildung weisslicbgrauer, von einem infiltrirten rothen Saum umgebener
Ulcerationen zeigte. Dagegen konnte ich mich von der Richtigkeit der
Ansicht1), dass nurdasCondylomalatum (dieSchleimpapel) zur Annahme
der Lues congenita berechtigt, nicht überzeugen, kann vielmehr ver-
sichern, dass in einer ansehnlichen Zahl von Fällen trotz der genauesten
Untersuchung nirgends eine solche Hautaffection von uns gefunden wurde.
Keinesfalls halte ich die Schleimpapel für ein frühes Symptom; denn
abgesehen von einzelnen Ausnahmefällen, beobachtete ich condylomatöse
Bildungen immer erst in einem späteren Stadium, bei Kindern, die
bereits einige Monate alt waren oder an einem Recidiv der Syphilis
litten. Unter diesen Verhältnissen kamen Schleimpapeln allerdings
häufig genug vor, besonders an den Mundwinkeln, auf der Zunge, in der
Kinngrube, in den Inguinalfalten, rings um den Anus, auf dem Scrotum
und der Vulva, mitunter auch auf der inneren obersten Partie der Ober-
schenkel, am seltensten an den Nasenflügeln und den äusseren Augen-
winkeln, also meistens an Stellen, wo Hautfalten aneinander Hegen,
Druck und Secrete reizend einwirken. Ihr Aussehen war dasselbe, wie
bei Erwachsenen, und ihre Tendenz zur Maceration durch Secrete (Mund-
flüssigkeit, Urin, Faeces, Schweiss) sehr ausgesprochen, wobei dann nach
Abstossung der Epidermis die Condylome allmälig in eine weissgraue
rissige Ulceration zerfielen. In einzelnen Fällen bildeten sie zusammen-
hängende Massen, welche namentlich den grossen Schamlippen ein
knotiges, an Elephantiasis erinnerndes Ansehen gaben. Auch Onychie
mit Verdickung und krallenförmiger Deformität der Nägel, welche end-
lich durch Eiterung des Nagelbettes abgestossen wurden, kam oft zur
Beobachtung.
Neben diesen Affectionen der äusseren Haut können nun auch die
Schleimhäute krankhafte Erscheinungen darbieten. Abgesehen von
der fast constanten Coryza, beobachtete ich Conjunctivitis mit eiterigem
Secret (niemals aber Iritis, die überhaupt zu den seltensten Erschei-
nungen der Lues hereditaria zu gehören scheint), Fluor albus, hie und
da auch Röthe und Anschwellung der Urethralmündung mit Schmerzen
beim Urinlassen. Auf dem Zungenrücken kommen, wie schon erwähnt,
') Caillault, Tratte prat. des maladies de lapeau chez lea enfants. Paris, 1859.
88 Krankheiten des Säuglingsalters.
condylomatöse oder besser gesagt gummöse, harte, dunkler gefärbte Ein-
sprengungen vor, besonders im hinteren Theil, und auch die Mandeln
sind bisweilen der Sitz flacher, aus Condylomen hervorgegangener
Ulcerationen. Ich kann aber diese Mund- und Rachenaffectionen nicht
als häufig betrachten, da in der grossen Mehrzahl meiner Fälle die
betreffenden Theile nichts Krankhaftes darboten, und ich warne Sie
nochmals davor, die früher (S. 57) erwähnten Gaumenaphthen Neu-
geborener als etwas Syphilitisches zu betrachten. Mitunter verbindet
sich mit der Hautsyphilis der Kinder eine Veränderung der Stimme,
mehr oder minder starke Heiserkeit, die sich ausnahmsweise bis
zur völligen Aphonie steigern kann. In dem folgenden Falle bildete
der Verlust der Stimme sogar fast das einzige nachweisbare Symptom
der Lues:
Carl C. , 5 Monate alt, am 14. März in meiner Poliklinik vorgestellt, litt seit
2 Monaten an Heiserkeit, in der letzten Zeit an vollständiger Aphonie. Man sah
das Kind schreien, aber man hörte kaum etwas davon. Kein Hasten, normaler Athem.
Im Pharynx und an der Epiglottis nichts Abnormes. Specularuntersuchung des Kehl-
kopfs (Waidenburg versuchte dieselbe) ohne Resultat. Das Kind war gesund,
wohlgenährt und blühend, zeigte aber um den After herum bräunliche Narben.
Weitere Nachforschung ergab, dass es im Alter von 2 Monaten an starkor Coryza
und einem maculösen abschilfernden Ausschlage gelitten hatte, welcher durch Calo-
mel beseitigt worden war. Diagnose: Syphilitischer Affect der Stimmbänder. Ich
verordnete Mercur. solub. Hahnem. 0,007, 2mal täglich. Schon am 23., also nach
9 Tagen, war die Stimme freier, bis zum 18. April völlig normal. Nachkur mit Syr.
ferri jodati. Bis zum December kein Recidiv.
Ueber die Art der Kehlkopfaffection in diesem Falle wage ich kein
Urtheil. Fälle von Perichondritis des Kehldeckels oder von Caries des
Schildknorpels, wie sie hie und da beschrieben werden, kenne ich aus
eigener Erfahrung nicht1). Ebensowenig kam mir die iu neuerer Zeit
mehrfach erwähnte Darmsyphilis Neugeborener zu Gesicht. Es han-
delt sich dabei um gummöse, zum Theil ringförmig das Dünndarmlumen
umfassende und verengende, meist den Pey er'schen Plaques entsprechende
Indurationen der Muskel- und Schleimhaut, theilweise auch um condylo-
matöse Wucherungen und Ulcerationen der letzteren, um Zelleninflltration
der feineren Arterien, die bis zur Obliteration fortschreiten und anämische
Nekrose herbeifuhren soll2). Eine klinische Bedeutung scheint diesen
') Vergl. Strauss, Archiv f. Kinderheilk. XIV. 312.
2) Oser, Archiv für Dermat. u. Syphilis. 1871. S. 1. — Jürgens, Jahrb. f.
Kinderheilk. 1881. XVII. S. 12G. — Mracok, Vierteljahrsschr. f. Dermatol. und
Syphilis. 1883. S. 209.
Syphilis. 89
Befunden vorläufig nicht zuzukommen; ein Fall von Schwimmer1)
(Heilung einer Diarrhoe unter specifischer Cur) kann nicht als beweis-
kräftig gelten.
Kleine, erbsengrosse, bewegliche Anschwellungen der Lymphdrüsen
lassen sich bei genauer Untersuchung häufig, wenn auch nicht constant
nachweisen, bisweilen nur vereinzelt hinter den Ohren, am unteren Ende
des Oberarms, oder mehr conglomerirt in den Cervical-, Achsel- und
lnguinalsträngen. Diese Drüsenknoten gehörten immer zu den hart-
näckigsten Erscheinungen und bestanden auch nach der Heilung der
Krankheit oft noch weiter fort, wobei es allerdings zweifelhaft blieb, ob
dieselben nicht eine zufällige, von anderen Ursachen abhängige Com-
plication bildeten. Auffallend ist es, dass Bednar die Lymphdrüsen-
anschwellungen für ausserordentlich selten hält und persönlich nur ein-
mal beobachtet haben will.
Syphilitische Affectionen des Knochensystems wurden in früherer
Zeit für selten gehalten. Man beschrieb nur vereinzelte Fälle von Zer-
störung der Nasenknochen (des Vomer und der Muscheln), von Periostosen
am Oberschenkel und anderen Röhrenknochen, wusste aber nicht, dass
das Knochensystem bei der hereditären Lues fast constant betheiligt ist.
Schon 1861 beschrieb ich folgenden Fall2).
Anna B., 2 Monate alt, atrophisch, obwohl von der Mutter gesäugt, am 4. April
in meiner Poliklinik vorgestellt, weil sie seit 14 Tagen die Arme nicht mehr be-
wegte. Beide obere Extremitäten lagen schlaff und immobil, auch wenn das Kind
die Beine und den Rumpf nach verschiedenen Richtungen bewegte. Nicht einmal an
den Fingern war eine leise Bewegung wahrzunehmen. Der linke Arm fiel, wenn
man ihn aufhob und wieder losliess, wie der einer Leiche ohne alle Resistenz her-
unter, während sich im rechten unter gleichen Umständen noch ein schwacher Rest
von Widerstand kundgab. Sensibilität und Temperatur beider Arme normal. Die
beiden Condylen und das ganze untere Dritttheil des linken Humerus
stark angeschwollen und an der inneren Seite desselben eine erbsengrosse, be-
wegliche Drüse nachweisbar. Cervical-, Axillar- und Inguinaldriisen zum Theil ge-
schwollen und hart; die Fusssohlen, besonders die Fersen roth, glänzend, leicht des
quamirend. Nase verstopft, Athem schnüffelnd, bisweilen ein geringer, blutig eiteriger
Ausfluss. Die Mutter gestand, während ihrer Schwangerschaft wiederholt am Halse
und an einem Hautausschlag gelitten zu haben und bot eine bedeutende Alopecie
dar. Thor.: Merc. solub. Hahnem. 0,015 2mal täglich, Einreibungen von Ung. Kali
jodati in die angeschwollene Partie. Schon nach 8 Tagen, am IL, war die Auf-
treibung des Knochens verscliwunden, der Schnupfen geringer, die Arme in sehr ge-
ringem Grade beweglich. Unter dem Fortgebrauch der Mittel nebst Kamillenbädern
und Tokayerwein erfolgte rasche Besserung, am 16. war die Beweglichkeit der Arme
') Archiv f. Dermatol. u. Syphilis. 1873. No. 2.
2) Beiträge zur Kinderhoilk. Berlin, 1861. S. 192.
90 Krankheiten des Säuglingsalters.
wiedor ganz normal, der Schnupfen verschwunden, und es wurde nun der Mercur mit
dem Syrnp. ferri jodati (2mal täglich b gtt.) vertauscht. Am 22. Mai fand ich sämmt-
liche luetische Erscheinungen geheilt, die Atrophie aber noch fortbestehend. Weitorer
Verlauf unbekannt.
Ganz ähnlich verhielten sich die folgenden Fälle.
Kind von 6 Wochen, am 14. Februar in der Poliklinik vorgestellt mit
bräunlicher Hautfarbe, ziemlich gut mit der Flasche ernährt. Seit 3 Wochen Coryza,
Rhagaden an den Lippen und Onychie an allen Fingern und Zehon. Sämmtliche
Nägel stark verdickt, deform und in ihrem Bette bereits losgelöst, die letzten Pha-
langen mit Epidermislamellen bedeckt. Starke Dosqamation der Fusssohlon, weniger
der Handflächen. Der linke Arm seit einer Woche schlaff herabhängend, wird
nicht mehr bewegt. Das untere Dritttheil des Humerus stark ge-
schwollen, empfindlich. Der rechte Hoden etwas dicker und derber als der linke.
Alle Functionen normal. Ther. : Calomel 0,01 2 mal täglich. Am 26. die Beweglich-
keit dos Armes kehrt zurück, die Anschwellung um die Hälfte vermindert, Rhagaden
und Coryza beinahe geheilt. Die Nägel fast alle abgestossen; unter denselben
wachsen die neuen Nägel herauf. Fortsetzung der Kur.
Kind von 8 Monaten, am 20. Mai mit einem Recidiv der Syphilis in
die Poliklinik gebracht. Papulöses und fleckiges Exanthem am Kinn und der Ober-
lippe, starkes Schnüffeln, Coryza Anschwellung der unteren Epiphyse des
rechten H umerus mit erschwerter Beweglichkeit desselben und Schmerz
beim Druck. Der linke Arm normal. Mercurielle Behandlung. Weiterer Verlauf un-
bekannt.
Während hier immer nur das untere Ende des Humerus der Sitz
einer syphilitischen Periostitis und Ostitis war, zeigen die folgenden
Fälle, dass auch andere Röhrenknochen von derselben Affection befallen
werden können.
Kind von 10 Wochen, vorgestellt am 28. Novbr.. mit Coryza, borkiger Ver-
stopfung der Nasenlöcher und glänzend rolhen, flach gedellten Papeln um den Anus
und auf den Nates. Empfindliche Anschwellung der unteren Epiphyse des Radius
und der Ulna linkerseits, sowie der mittleren Phalanx des linken Mittelfingers,
der 1. und 2. Phalanx des rechten Mittelfingeis. Mercurielle Behandlung. 27. De-
cember. Mit Ausnahme der Epiphysenschwellung ist fast alles geheilt. Fingerpha-
langen beinahe normal. Fortsetzung der Kur.
Kind von 3 Monaten, am 7. Juni in die Poliklinik gebracht. Gut genährt
und blühend. Intertrigo mit Erosionen um Anus und Genitalien. Coryza fast seit der
Geburt mit eiterigem Ausfluss und Borken an den Nasenlöchern. Seit 4 Wochen An-
schwellung der oberen Epiphysen der rechtsseitigen Vorderarmknochen, em-
pfindlich beim Druck. Gelenk frei. Rechter Arm schlaft hängend, wird nur sehr
wenig bewegt. Alle anderen Knochen anscheinend normal. Mercurielle Kur. Ende
Juni bedeutende Besserung. Weiterer Verlauf unbekannt.
Kind von 12 Wochen. Coryza, Anschwellung beider unteren Epiphysen
des Radius und der Ulna, am stärksten linkerseits. Beide Armo unbeweglich.
Syphilis. 91
Roseola am ganzen Körper, Rhagaden der Vola manus und Abschuppung der Fuss-
sohlen. Vorlauf unbekannt.
Kind von 3 Monaten. Von der Mutter gut genährt. Anschwellung der
Epiphysen an allen Extremitäten. Völlige Unbe weglichkeit der Arme,
Schlaffheit der Beine. Keine anderen luetischen Symptome. Mercurielle Kur. Schon
nach 6 Tagen Beweglichkeit der Arme gebessert, bald auch Abschwellung der Epi-
physen. Aus der Kur weggeblieben.
Sie sehen, dass nicht bloss die verschiedenen Röhrenknochen an
ihren Epiphysen Anschwellungen darbieten können, sondern auch die
Phalangen der Finger, welche letztere dann vollkommen das Bild
der Osteomyelitis scrophulosa (Spina ventosa) zeigen, d. h. eine harte,
anfangs mit normal gefärbter und verschiebbarer Haut bedeckte An-
schwellung, die im Laufe der Zeit sich röthet, mit kleinen fisteiförmigen
Oeffnungen aufbricht, und nach jahrelanger Eiterung schliesslich mit
einer trichterförmigen Narbe heilt. Ich habe ausser in dem S. 90 er-
wähnten Fall diese Form noch ein paar Mal, besonders bei Rocidiven
der hereditären Lues im ersten und zweiten Lebensjahre beobachtet, aber
immer nur an den Fingern, nie an den Zehen. Bei einem 4 Wochen
alten Kinde, welches ausser Coryza keine luetischen Symptome darbot,
bestand ansehnliche Schwellung der Mittelphalanx des rechten dritten
Fingers, gleichzeitig Anschwellung der oberen Epiphysen des linken
Humerus und Radius, und Paralyse des linken Arms, an welchem nur
die Finger bewegt wurden, während ein 6 Monate altes Kind neben an-
deren syphilitischen Symptomen Anschwellungen der ersten Phalangen
dreier Finger bei durchaus normalen Epiphysen der Vorderarmknochen
darbot. Auch andere Autoren ') haben sich mit dieser „Dactylitis" be-
schäftigt, die immerhin als eine verhältnissmässig seltene betrachtet
werden muss. Dennoch dürfen Sie in den Fällen von Spina ventosa,
welche Ihnen künftig vorkommen werden, nicht vergessen, dass diese
Affection nicht bloss eine scrophulöse, sondern auch eine hereditärsyphi-
litische sein kann. Andererseits muss ich davor warnen, die Epiphysen-
schwellungen, besonders an den unteren Enden des Radius und der Ulna,
selbst wenn andere verdächtige Symptome vorhanden sind, nun gleich
für syphilitische zu erklären, zumal bei älteren Kindern, die das erste
Halbjahr bereits überschritten haben, weil hier schon Rachitis zu Grunde
liegen kann. In diesen Fällen bleiben die Schwellungen der Epiphysen
') Taylor,Syphilitic lesions of the osseous System. New- York, 1875. — Lewin,
Charite-Annalen. Jahrg. IV.
92 Krankheiten des Säuglingsalters.
durch die Mercurialkur unberührt, während die eigentlich syphilitischen
Symptome verschwinden:
Kind von 7 Monaten, vorgestellt am 29. Januar, gut genährt, blass. Coryza
seit der Geburt. 8 Wochen nach derselben fleckiges Exanthem, durch Bäder (?) ge-
heilt, aber immer wiederkehrend. Jetzt spärliche Roseola im Gesicht, auf dem Kopf,
an den Händen und Füssen. Zahlreiche Condylome auf der inneren Fläche des rechten
Oberschenkels, um den Anus, am Scrotum und auf den Nates. Seit einigen
Wochen starke Schwellung der unteren Epiphysen der Vorderarmknochen beiderseits.
Schädelsuturen noch klaffend, mit sehr weichen Rändern, Epiphysenschwellung an
der Grenze der knöchernen und knorpeligen Theile der Rippen. Mercurielle Behand-
lung. Am 17. Februar alles geheilt bis auf die Schwellungen der Epiphysen, welche
unverändert sind.
Suchen Sie also in solchen Fällen immer sorgfältig zu erforschen,
ob nicht eine Combination von Rachitis und Syphilis stattfindet. Im
Allgemeinen sind die in den ersten Lebensmonaten vorkommenden
Schwellungen der Epiphysen unter den genannten Umständen eher als
syphilitische zu betrachten, als später. Einen Unterschied in der Form
der Anschwellung (Taylor charakterisirt die syphilitische durch einen
„plötzlichen, steilen" Beginn) kann ich nicht als stichhaltig betrachten;
wohl aber die von mir wiederholt beobachtete Thatsache, dass die Epi-
physenanschwellung bei Lues auch einseitig auftreten kann, was bei
Rachitis nie der Fall ist.
In den meisten der eben mitgetheilten Fälle wird Ihnen eine er-
schwerte Beweglichkeit oder gänzliche Immobilität der oberen
Extremitäten aufgefallen sein, welche auch bewirkt, dass die aufgehobenen
und wieder losgelassenen Arme wie todte schwere Körper niederfielen
(syphilitische Pseudoparalyse). Der erste Autor, welcher diese Er-
scheinung gebührend würdigte, war meines Wissens Bednar1), unter
dessen 68 tabellarisch zusammengestellten Fällen von Syphilis heredi-
taria die Parese der Arme 16 mal, die der Beine 1 mal, die aller
Extremitäten 2 mal notirt ist. Seine Beschreibung stimmt mit den in
unseren Fällen wahrgenommenen Symptomen überein. Bednar scheint
geneigt, obwohl er es nirgends geradezu ausspricht, diese Parese als
eine myopathische Affection aufzufassen und lediglich von einem
schlaffen Zustande der Musculatur herzuleiten. Ich bin nicht in der
Lage, eine genügende Erklärung dieser Paralysen zu geben. Um eine
centrale Affection handelt es sioh dabei wohl nicht, aber auch die An-
sicht, dass man es mit einer durch Schmerz bedingten Immobilität zu
') Krankheiten der Neugeborenen u. s. w. Wien, 1853. IV. S. 227.
Syphilis. 93
thun habe, wird dadurch zweifelhaft, dass ich in nicht wenigen Fällen
dieser Art durch passive Bewegungen der betreffenden Extremität ebenso
wenig, wio durch Druck, Schmerzäusserungen hervorrufen konnte. So
viel steht fest, dass in allen meinen Fällen mit der Abnahme der
Knochenanschwellung auch die Beweglichkeit der Extremität bald wieder-
kehrte. Freilich könnte man dagegen geltend machen, dass Bednar
in keinem seiner Fälle von Parese eine Epiphysenanschwellung erwähnt,
dass in meinem ersten Fall auch der von Anschwellung freie Arm pa-
retisch war, und dass ich andererseits wiederholt Lähmung des einen
Arms beobachtet habe, während doch die Epiphysen beiderseits stark
geschwollen waren. Ja ich kann selbst ein paar Fälle anführen, wo
die Parese ohne jede nachweisbare Knochenaffection bestand:
Kind von 6 Wochen, mit gelbrother, etwas desquamirender Roseola auf den
Armen und Beinen, im Gesicht und am Rumpf, dunkelrothen, glänzenden, desqua-
mirenden Fusssohlen und Handflächen, Coryza und Conjunctivitis. Beide Arme
lagen vollkommen schlaff da, nur die Finger zeigten einige leise Bewegungen.
Nirgends eine Knochenanschwellung. Die in der Universitätspoliklinik am lO.Juli
1860 begonnene Mercurialkur hatte schon bis zum IG. ein Schwinden des Ausschlags
und eine bessere Beweglichkeit der oberen Extremitäten erzielt.
Kind von 3 Monaten, am 15. Januar in meiner Poliklinik vorgestellt. Die
Mutter hat bereits 4mal abortirt. Arme und Beine fast von Geburt an unbeweg-
lich und schlaff daliegend. Coryza mit Schnüffeln und Ausfluss, einzelne Roseola-
flecke im Gesicht und um den Anus. Keine Anschwellungen der Knochen. Mercurial-
kur. Am 4. Febr. Coryza und Flecke geheilt, Arme werden gut bewegt, Beine eben-
falls, lassen sich aber in den Kniegelenken wegen eines Widerstandos der Flexoren
nicht vollkommen strecken. Fortsetzung der Kur.
Kind von 6 Wochen. Coryza, Fusssohlen rotb, glänzend, desquamirend, Ro-
seola um den After. Epiphysen nicht geschwollen. Seit 8 Tagen Arme schlaff, im-
mobil; jede passive Bewegung ruft Geschrei hervor. Verlauf unbekannt.
Kind von 8 Wochen, leichte Roseola, Intertrigo ulcerosa, Rhagaden der
Unterlippe, Coryza. Beide Arme paralytisch, schlaff; Epiphysen nicht ge-
schwollen. Weggeblieben.
Die Deutung dieser „Pseudoparalysen", welche mit Vorliebe die
oberen Extremitäten treffen1), mögen sie nun mit oder ohne Anschwel-
lung der Epiphysen verlaufen, ist daher vorläufig noch unsicher; ins-
besondere ist ihr Zusammenhang mit den von Wegner2) gefundenen
Knochenveränderungen nicht erwiesen. Bei syphilitischen Neugeborenen
und jungen Kindern findet man nämlich fast constant an den Röhren-
') Ein angeborener Fall dieser Art ist von Vicarelli (Revue mens. Mars
1892. 142) mitgetheilt.
2) Virchow's Archiv. Bd. 50. S. 305.
94 Krankheiten des Säuglingsalters.
knochen, und zwar an der Uebergangsstelle der Diaphyse in den Knorpel
der Epiphyse einen krankhaften Process, welcher auf excessiver Wuche-
rung der Knorpelzellen und retardirter Ossification der schon verkalkten
Substanz beruht. Gefässneubildung im Knochen soll dabei gar nicht
oder nur sehr unvollkommen stattfinden, und in Folge der mangelhaften
Ernährung sollen die Zellen durch Schrumpfung und Fettmetamorphose
langsam untergehen. Auf Durchschnitten giebt sich dieser Process
durch eine an der Grenze des Epiphysenknorpels verlaufende
schmale, gelbliche oder orangefarbige, etwas zackige Linie
kund, welche durch die abgestorbene Substanz gebildet wird, nunmehr
Dia- und Epiphyse trennt und durch eine „entzündlich suppurative Com-
plication" zur völligen Ablösung der Epiphyse führen kann. Der ganze
Vorgang tritt immer multipel auf, besonders häufig am unteren Ende
des Fernur, an den Unterschenkel- und Vorderarmknochen und an den
Rippen, mitunter an allen Röhrenknochen. Dabei geht die Verknöche-
rung des Epiphysenknorpels unregelmässig von Statten, und die im ge-
sunden Knochen reihenweise geordneten Knorpelzellen sind theilweise
verwirrt oder gänzlich aufgelöst, durch kleinzellige Gruppen ersetzt.
Diese Beobachtungen wurden von Waldeyer und Köbner1) bestätigt,
nur betrachten sie, wie auch Taylor, die gelbe Zone nicht als eine
durch Gefässmangel bedingte Nekrobiose, sondern als einen gummösen,
durch massenhafte Zellenneubildung bedingten Process, welcher durch
Oompression der Gefässe das Absterben des intermediären Gewebes und
damit die Trennung der Epi- und Diaphyse zur Folge habe. Mag nun
diese oder jene Deutung die richtige sein2), so bleibt uns immer die
klinisch wichtige Thatsache, dass es sich an der Epiphysengrenze um
einen krankhaften Vorgang handelt, der zwar nur in dem kleinsten
Theil der Fälle während des Lebens erkennbare Symptome hervor-
ruft (Anschwellung, Schmerz, Immobilität), dessen Einfluss auf die Be-
wegungen der betreffenden Extremitäten aber auch da nicht unterschätzt
werden darf, wo diese Symptome fehlen. Eine während des Lebens
schon nachweisbare Ablösung der Epiphyse kommt nur ausnahmsweise
vor, und zeigt sich dann durch abnorme Beweglichkeit an der Grenze
der Epiphyse und eine ungewöhnliche „Schlottrigkeit" der Hand (Köb-
ner und Waldeyer). Ich selbst konnte nur in einem Falle Crcpitation
') Virchow's Archiv. Bd. 55.
2) Nach Haab und Veraguth (Virchow's Archiv. Bd. 84. Heft 2) soll es
sich hauptsächlich um einen entzündlichen Vorgang im Knorpel handeln, wodurch
dieser spaltförmig zerklüftet wird.
Syphilis. 95
an der betreffenden Stelle nachweisen1) Ucbrigens kommt die geschil-
derte Veränderung an den Epiphysengrenzen nicht immer gleichmässig
vor. Bei einem zweimonatlichen Kinde, dessen Vorderarmepiphysen schon
während des Lebens deutlich geschwollen waren, fand ich sie gut ent-
wickelt nur an diesen, an den anderen Knochen schwach angedeutet, bei
einem Kinde von 30 Tagen an allen untersuchten Knochen nur schwach
sichtbar2). Vielleicht hatte hier die seit 20 Tagen mit Erfolg gebrauchte
Mercurialkur (alle Ausschläge waren bereits geheilt) auch auf die Knochen
günstig gewirkt.
Eine Theilnahmc der Gelenke, sei es mit oder ohne Vermittelung
der Epiphysenerkrankung habe ich selbst noch nie mit Sicherheit beob-
achtet. Dagegen wollen andere Autoren3) eiterige Gelenkentzündungen
oder periarticuläre Abscesse im Gefolge hereditärer Lues gesehen haben.
Ohne die Richtigkeit dieser Beobachtungen in Abrede zu stellen, kann
ich doch nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass es sich, wenigstens in
einem Theil derselben, auch um zufällige Complicationen von heredi-
tärer Lues mit Gelenkentzündung handeln konnte. Auch die subacute
Form der hereditär syphilitischen Gelenkaffection, von welcher Somma4)
6 Fälle beschreibt, ist mir bis jetzt nur in einem, noch dazu nicht ganz
zuverlässigen Falle vorgekommen.
Bouchut und Parrot5) fanden auch die Diaphysen der Röhren-
knochen oft ungewöhnlich dicht und hart, mit periostitischen Auflage-
rungen besetzt, und Wegner sah in seltenen Fällen eine gummöse
') Troisier, Union med. 1883. No. 104 und Kremer, Beitr. zur syphil.
Epiphysenlösung. Dissert. Berlin, 1884, besehreiben solche Fälle.
-j Nach Köbner und Waldeyer sind aber selbst in den Fällen, wo macro-
scopische Alterationen der Epiphysen fehlen, dieselben durch das Microscop sicher zu
erkennen. — Lomer (Zeitschr. f. Geburtsh. u. Gynäcol. X. H. 2. 1884) verraisste
sie unter 43 macerirten Früchten in 13 Fällen, von denen einige unzweifelhaft sy-
philitisch waren.
3) Güterbock, v. Langenbeck's Archiv. XXIII. Heft 2 u. XXXI. Heft 2. —
Schüller, Ebendas. XVIII. Heft 2. — Parrot. — Houbner, Virchow's Archiv.
Bd. 84. 1881. — Min. Wochenschr. 1884. S. 548.
4) Su di nna forma morbosa articolare per sifilido ereditaria. Napoli 18S2. Die
Charaktere derselben sind nach Somma sehr frühzeitiges Auftreten, Cachexie, Ge-
schrei bei Bewegung, Fieber bis 39", multiple Gelenkanschwellungen (besonders des
Kniegelenks) mit leichter Röthe und Wärmeerhöhung. Dauer 18 Tage bis 2'/2 Mo-
nate. Heilung durch speeifische Kur (Einreibung von Ung. merc. und Jodkali) mög-
lich. Die Sectionen ergaben in 2 Fällen Entzündung der Synovialkapsel, serös-puru-
entes Exsudat in der Höhle, Nekrose des Knorpels, Hyperämie und Rarefnction des
anliegenden Knochens. Auch Gummata werden erwähnt.
5) Archiv f. Kinderheilk. II. S. 433.
96 Krankheiten des Säuglingsalters.
Perioslitis auf der inneren Seite der Schädelknochen oder kleine gummöse
Knoten des Pericranium. Nicht ganz sicher erscheint mir der folgende
Fall von Knochenleiden, welcher das Stern um betraf:
Im October 1878 wurde ein gesund und blühend aussehendes Kind von 9 Wochen
in die Poliklinik gebracht. Alle Zeichen von Syphilis fehlten. In der Gegend des
Process. ensiformis sterni bestand eine markstückgrosse graubelogte Wundfläche, in
deren Mitte eine fistulöse Oeffnung, aus welcher bei der Exspiration nebst Eiter einige
Luftblasen hervordrangen, welche offenbar von aussen in den Kanal eingedrungen
waren. Die Sonde traf auf den rauhen entblössten Knochen (Sternum). Nach Aus-
sage der Mutter hatte sich eine Wochenach der Geburt ein Abscess gebildet, welcher
geöffnet worden war. Erst am 21. Februar 1879 sah ich das Kind wieder. Nach
Ausstossung eines Knochenstiicks war die Fistel vollständig geheilt; es bestanden
nunmehr aber Coryza, Rhagaden der Lippen und Mundwinkel, Roseolaflecke und
Erosionen um den Anus und an den Genitalien.
Soll man die Necrose des Brustbeins in der That als eine syphi-
litische betrachten? es wäre dies der erste und einzige von mir beob-
achtete Fall|, in welchem ein specifisches Knochenleiden bald nach der
Geburt auftrat , allen anderen Symptomen der Krankheit Monate lang
vorausging und ohne specifische Behandlung heilte.
Die infantile Syphilis beschränkt ihre Einwirkung nicht auf die
Haut, die Schleimhäute und das Knochensystem. Vielmehr können, wie
bei Erwachsenen, auch noch andere Organe ergriffen werden, unter denen
Hoden und Leber als diejenigen zu bezeichnen sind, deren Theilnahme
an der Krankheit nicht blos anatomisch, sondern auch klinisch nachge-
wiesen werden kann. Die Erkrankung der Hoden war bis auf die
neueste Zeit so gut wie unbekannt. Hennig und Taylor erwähnen
sie nur flüchtig und erst Despres1) beschrieb genauer 3 Fälle bei
Kindern von 7 Monaten bis zu 3 Jahren, deren einer von Cornil secirt
wurde und eine Hypertrophie der Albuginea nebst interstitieller Orchitis
und Epididymitis ergab. Mir selbst sind seit dem Jahre 1874 minde-
stens 20 Fälle vorgekommen, welche ich zum Theil schon früher'-) mit-
theilte. Versäumen Sie daher nicht, in jedem Falle von infantiler Lues
die Genitalien zu untersuchen. Der Hoden erscheint dabei mehroder weniger
vergrössert, hart und derb, auch wohl uneben oder höckerig. Das
Volumen wechselte von Haselnuss- bis Kastaniengrösse. Beide Hoden
fand ich 4 mal, ebenso oft den linken allein, 3 mal den rechten allein
befallen. Das jüngste Kind war 3 Monate, das älteste, von einem
') Bullet, de la soc. chir. 1875.
-) Deutsche Zeitschr. f. prakt. Med. 1877. No. 11,
Syphilis. 97
Recidiv der Lues befallene, 2'/2 Jahre alt. Zur Section kam nur
ein Fall:
Knabe von 2'/2 Jahren, Ende September 1876 mit breiten Condylomen am
Anus und Psoriasis syphilitica in die Klinik gebracht, ß eide Hoden bedeutend
vergrössert und knotig. Schmiercur (täglich 1,0 Ung. einer.). Nach der 30. Ein-
reibung sind alle krankhaften Erscheinungen verschwunden; nur die Hoden unver-
ändert. Tod am 25. December an Brechdurchfall Section: Beide Hoden sehr gross
und deib. Das Microscop ergab eine ausgedehnte interstitielle Bindegewebshyper-
trophie im Hoden, am stärksten im Corpus Highmori. Gummata nirgends nachweisbar.
Es handelte sich also in diesem, wie in dem Falle von Despres
und in den späteren Beobachtungen von Hutiuel '), um interstitielle
Orchitis, zum Theil auch Epididymitis, die, wenn sie bis zur fibroiden
Neubildung fortgeschritten ist, wohl jeder Cur widerstehen wird. Nur
in einem früheren Stadium dürfen Sie noch eine Rückbildung, wenn
auch nicht immer eine vollständige, erwarten, wovon ich mich in vier
Fällen überzeugt habe. In ganz ähnlicher Weise wie die Hoden kann
auch die Leber von interstitieller Entzündung mit oder ohne Bildung
von Gummiknoten befallen werden, welche in einem Theil der Fälle erst
bei der Section erkannt wird2):
Mädchen von 7 Tagen, unehelich in der Charite geboren. Vater syphili-
tisch. Roseola und Psoriasis der Handflächen und Fusssohlen, der Ober- und Unter-
schenkel und der Nates, hochgradige Atrophie, keine Anschwellung der Lober.
Tod an Erschöpfung am 25. Nov. 1875. Section: Interstitielle Hepatitis.
Leber etwas vergrössert, sehr derb, glatt. Acini nicht sichtbar. Parenchym überall
von weisslichen, aus Bindegewebe bestehenden Streifen durchzogen. Corticalsubstanz
der Nieren äusserst derb. Magenfundus aussen und innen hämorrhagisch, Schleim-
haut mit einer membranartig zusammenhängenden Schicht blutigen Schleims über-
zogen. An verschiedenen Röhrenknochen die gelbe Epiphysenzone ; am rechten Hu-
merus periostitische Auflagerungen. Alle Diaphysen enorm hart.
Während in diesem Falle die interstitielle Hepatitis erst auf dem
Sectionstisch erkennbar war, und auch der blutige Catarrh des Magen-
fundus, wohl eine Folge der Stauung in der Pfortader, symptomlos blieb,
macht sich in anderen Fällen Anschwellung der Leber bemerkbar?
welche die Diagnose gestattet.
Felix L., 3 Monate alt, bekam im Alter von 6 Wochen einen sich allmälig
über den ganzen Körper verbreitenden maculösen Ausschlag Stellenweise schössen
erbsengrosse, mit trübem Inhalt gefüllte Blasen auf, am Scrotum und in der Um-
') Revue mensuelle. 2. 1878.
2) Vergl. v. Bärensprung, Die hereditäre Syphilis. Berlin 1864.
Hcnoch. Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Auil. 7
98 Krankheiten des Säuglingsalters.
gebung des Anus bildete sich Intertrigo, seit etwa 4 Wochen auch Coryza und Heiser-
keit. Am 15. März constatirtc ich neben den gewöhnlichen Symptomen der
hereditären Lues eine bedeutende Anschwellung der Leber. Diese reichte bis
zum Niveau des Nabels herab, wo ihr scharfer Rand leicht durchzufühlen und bei
jeder Inspiiation durch die atrophischen Bauchdecken hindurch sichtbar war. Ober-
fläche glatt, nicht empfindlich. Die Leberdämpfung ging nach links unmittelbar in
die der Milz über. Die Mercurialbehandlung blieb erfolglos, die Atrophie nahm zu,
und am 25. erfolgte der Tod. Bei der Section fand sich eine ansehnlich ver-
grösserte, mit vielen weisslichgelben, mehr oder minder umfänglichen Herden und
Streifen durchsetzte Leber, welche bei der von Prof. Klebs vorgenommenen micro-
scopischen Untersuchung die Erscheinungen der interstitiellen Hepatitis darbot. Milz
und Nieren macroscopisch normal.
Kind von 9 Wochen. Seit der Geburt massiger Icterus mit Färbung der
Sclera und der Schleimhäute. Faeces und Urin gallehaltig. Leber prominirend, glatt.
Keine Zeichen von Lues, zunehmende Atrophie. Behandlung mit Calomel ohne Wir-
kung. Tod nach 2Wochenim Collaps. Section: Leber sehr gross, dick, olivengrün,
derb. Acini durch weisse Bindegewebsstränge, deren Massenhaftigkeit besonders micro-
scopisch nachweisbar ist, von einander getrennt (Hepatitis interstitialis). Magen- und
Darmschleimhaut stellenweise blutig suffundirt. An allen Rippenepiphysen die cha-
rakteristische syphilitische Zone. Sonst nirgends Zeichen von Lues. — Bald da-
rauf kam mir ein identisiher Fall vor, der noch deshalb bemerkenswerth ist, weil
dieselbe Mutter schon drei Kinder an dieser mit Icterus verbundenen Leberaffection
verloren hatte.
An einer früheren Stelle (S. 25) wurde bereits der Fälle von inter-
stitieller Hepatitis und Obliteration der Gallengänge gedacht, welche als
congenitale betrachtet werden müssen. Ich wiederhole hier, dass Lues
nur in einem kleinen Theil dieser Fälle bestimmt nachweisbar war,
während in den eben mitgetheilten und in manchen anderen1) die syphi-
litische Basis unzweifelhaft war.
Icterus pflegt in diesen Fällen nur in massigem Grade oder auch
gar nicht vorhanden zu sein, kann aber auch einen hohen Grad er-
reichen und ein grünliches Colorit darbieten, wenn die Schwielenbildung
nicht nur das interstitielle Gewebe, sondern auch die Porta hepatis
betrifft. Auch Ascites, der doch bei interstitieller Hepatitis (Cirrhose) ein
häufiges Symptom bildet, fehlt hier fast immer; umso bemerkenswerter
ist ein Fall von Depasse'2), in welchem die Flüssigkeit in der Bauch-
') Vergl. den Fall von Beck (Prag. med. Wochenschr. 1884. 26.): 8monat-
licher Foetus, Schwielenbildung in der Leber, an den Gallengängen, der Gallen-
blase und im Pancreas, mit miliaren gummösen Herden, interstitieller Orchitis und
Epididymitis. — de Ruyter, Einige Fälle von Syphilis congenita. Dissert. Berlin,
1885. — P. Meyer, Aus der Kinderpoliklinik der K. Charite zu Berlin. Berlin. klin.
Wochenschr. 1886. No. 16.
-) Kevue mens. Aoüt. 1886. p. 360.
Syphilis. 99
höhle mit dem Scheidenkanal des Scrotum communicirte und durch drei-
malige Punction (einmal des Scrotum) entleert wurde. Der Fall ist
auch durch den Erfolg der specifischen Cur, die sonst nichts zu leisten
pflegt, ausgezeichnet, wenn auch noch im 8. Lebensjahre das Volumen
der Leber ansehnlich vermehrt erschien. Immerhin gehören die Fälle,
in denen die luetische Erkrankung der Leber klinisch, also vor der
Section, mit Sicherheit nachweisbar ist, meiner Erfahrung nach zur
Minorität.
Auch die Milz soll häufig in Form einer Hyperplasie, Induration
und Perisplenitis adhaesiva an der hereditären Lues Theil nehmen, und
ich selbst habe mehr oder minder umfängliche Tumoren derselben bei
solchen Kindern beobachtet, einmal schon bei einem 6 Wochen alten,
sehr atrophischen, ferner bei einem 2 Monate alten, mit Roseola und
fühlbarem Lebertumor behafteten Kinde. Man vergesse aber nicht, dass
die Milz auch bei nicht syphilitischen Säuglingen nicht selten hyper-
trophisch gefunden wird, und daher auch eine zufällige Combination von
Lues und Milztumor in manchen Fällen stattfinden mag'). Auch in den
Nieren, den Nebennieren, dem Pancreas, kommen interstitielle
Bindegewebswucherungen vor, welche aber ebensowenig ein klinisches
Interesse darbieten , wie die gummösen Knoten und interstitiellen Ent-
zündungen, die bisweilen in der Thymusdrüse, in den Lungen und
selbst im Herzen gefunden werden. Thymusabscesse, auf welche
P. Dubois besonderen Werth legte, sah ich 2 mal in Form kaum
erbsengrosser multipler Eiteiherde, und zwar bei Kindern, die schon in
der ersten Lebenswoche zu Grunde gingen und gleichzeitig viel-
fache Pemphigusblasen , besonders in den Hand- und Fussflächen,
darboten.
Die Theilnahme der Nervencentra, besonders des Gehirns und
seiner Gefässe an der Syphilis, welche in unserer Zeit vielfaches Inte-
resse erregt hat, scheint nach meinen Erfahrungen bei Erwachsenen weit
häufiger vorzukommen als bei Kindern. In vereinzelten Fällen beob-
achtete ich Contractu ren, welche durch eine specifische Cur gebessert
oder geheilt wurden. Der erste Fall dieser Art'-) betraf einen 14 Monate
alten Knaben (24. November 1867):
Die Untersuchung ergab Contractur des rechten Arms im Ellenbogengelenk,
der rechtsseitigen Finger, und beider unteren Extremitäten in den Kniegelenken.
Stehen, Sitzen, Greifen mit der rechten Hand unmöglich. Biceps brachii und die
') Haslund, Archiv f. Kinderheilk. IV. S. 297.
2) Beitrage zur Kinderheilk. N. F. Berlin, 1868. S. 421.
100 Krankheiten des Säuglingsalters.
Flexoren der Unterschenkel straff gespannt; jeder Versuch, die Theile zu strecken,
erregt heftiges Geschrei. Gleichzeitig bestanden Papeln um den Anus und auf dem
Scrotum, Excoriation der Nasenflügel und Mundwinkel, Coryza, Anschwellung der
Clavicular- und Axillardrüsen. Die Anamnese ergab, dass das Kind Monate lang an
starker Coryza, an „Blasenausschlag" und Geschwüren, und im Alter von 3 Wochen
mehrere Tage an epilepliformen Krämpfen gelitten hatte, worauf die Contracturen
sich allmälig entwickelt haben sollten. Nachdem das Kind einen Monat lang Mercur
genommen hatte, konnte es am 23. Dec. die rechte Hand öffnen, auch das Knie etwas
flectiren. Bis zum 3. Febr. 1868 allmälige Besserung. Am 27 Uebergang zum Jod-
kali. Am 30. März fing das Kind an zu laufen und den rechten Arm zu gebrauchen.
Weiterer Verlauf unbekannt.
Der Einfluss der antisyphilitischen Behandlung ist hier unverkenn-
bar. Dennoch fragt es sich, ob die Contracturen in der That als eine
centrale Affection, welche dann mit den früher überstandenen Krämpfen
in Verbindung zu bringen wäre, oder als eine interstitielle Myositis,
wie sie auch bei syphilitischen Erwachsenen vorkommt, betrachtet wer-
den sollen. Dass die letztere auch bei hereditärer Syphilis vorkommen
kann, scheint mir durch folgenden Fall bewiesen zu werden:
Bei einem 4 Monate alten syphilitischen Kinde bestand starre Contractur
und Härte der an der hinteren Partie beider Oberschenkel liegenden Flexoren
des Unterschenkels, wodurch die Beine anhaltend in halber Beugung gehalten
wurden. Streckung der Unterschenkel im Knie war nur theilweise möglich. Der
mehrwöchentliche Gebrauch des Quecksilbers bewirkte vollständige Heilung, zuerst
der Hauteruptionen, schliesslich auch der Contracturen.
Eigentliche cerebrale Symptome konnte ich bei der Syphilis
infantilis nicht beobachten, weder die von Somma1) beschriebene chro-
nische Meningitis , noch Lähmungen einzelner oder mehrerer Extremi-
täten, noch convulsivische Anfälle, und wenn solche Dinge auch vor-
kamen, war es doch immer zweifelhaft, ob man Lues wirklich für
dieselben verantwortlich machen durfte. Dahin gehört auch der fol-
gende Fall:
Bei einem 2jährigen Kinde (am 6. November 1877 in die Kinderabtheilung auf-
genommen) bestand neben Spina ventosa ein ungewöhnliches psychisches Wesen, ein
Wechsel von Altklugheit und Stumpfsinn, ohne irgend eine Motilitätsstörung. Nach
dem an Diphtherie erfolgten Tode ergab die Section unter der Pia und an ver-
schiedenen Stellen der Gehirnsubstanz, auch im kleinen Gehirn, mehrere höckerige,
kirschgrosse Tumoren, die in der Peripherie grau durchscheinend, im Centrum theils
verfettet, theils verkalkt waren. Ein ähnlicher Herd fand sich im oberen Theile der
linken Niere. Da in keinem Theile Tuberkel vorkamen, aber auf beiden Schien-
') Clinica pediatrica di Napoli. 1877.
Syphilis. 101
beinen periosteale Auflagerungen gefunden wurden, liegt es nahe, die Gehirn-
tumoren als syphilitische Gummata zu betrachten, wofür sie auch nach der Unter-
suchung im pathologischen Institut der Charite erklärt wurden ').
In neuester Zeit haben Fischl3) und Kohts3) eine grosse Reihe
in der Literatur zerstreuter Fälle gesammelt und eigene hinzugefügt, in
welchen die verschiedensten Cerebralsymptome, Epilepsie, Contracturen,
Lähmungen, geistige Störungen, und die dabei gefundenen anatomischen
Veränderungen (gummöse Meningitis cerebralis und spinalis, Sclerose,
Endarteritis), von hereditärer Syphilis abgeleitet werden. Ich will die
Richtigkeit dieser Schlüsse nicht bestreiten , kann mir aber nicht er-
klären, dass ich selbst trotz der grossen Zahl hereditär syphilitischer
Kinder, welche mir zugehen, cerebrale oder spinale Symptome, die man
zweifellos auf Lues beziehen könnte, so gut wie gar nicht beobachten
konnte. Insbesondere ist mir der behauptete Zusammenhang von chro-
nischem Hydrocephalus mit Lues hereditaria sehr zweifelhaft. Von einer
specifischen Behandlung habe ich wenigstens nie den geringsten Vortheil
gesehen.
Im Gefässsystem Neugeborener fand man bisweilen Verände-
rungen, die an die „luetischen Erkrankungen" der Hirngefässe erinnern;
so schildert Schütz4) die kleinen Arterien der Nieren und der Haut
als stark verengt, ihre Wandungen durch Hypertrophie der Muskelhaut
und Adventitia bedeutend verdickt, und leitet davon die vielfachen
kleinen Ecchymosen her, welche sich bei diesem Kinde (einer Früh-
geburt) auf der Haut, im Unterhautzellgewebe, in den Muskeln, den Nieren
und anderen Theilen vorfanden. Ob aber diese Gefässveränderungen in
der That durch Syphilis bedingt sind, ist nach den Untersuchungen von
Fischl5) zweifelhaft, welcher diesen Befund an den kleinen Arterien
der Neugeborenen als den normalen betrachtet und ihm jede Beziehung
zu Blutungen abspricht, während Mracek6) bei Kindern mit Syphilis
„haemorrhagica'' an den kleinen und mittleren venösen Gefässen die
Wandungen durch Kernwucherung verdickt, das Lumen verengt, selbst
geschlossen gefunden haben will. Bei dieser ungewissen Sachlage kann
') Vergl. Siemerling, Congenitale Hirn- und Rückenmarkssyphilis. Archiv
f. Psych. Bd. 20. Heft 1.
2) Zeitschr. f. Heilk. XI. 1890.
3) Pädiatr. Arbeiten. Festschr. Berlin, 1890.
4) Prager med. Wochenschr. 1878. No. 45, 46.
3) Archiv d. Kinderheilk. VIII.
6) Jahrb. f. Kinderheilk. XXVII. S. 191.
102 Krankheiten des Säuglingsalters.
man der von Behrend') versuchten Aufstellung einer „hämorrhagi-
schen" Form der Syphilis neonatorum kaum eine sichere anatomische
Grundlage zuerkennen. Weit eher glaube ich für diese Fälle eine Com-
bination der Lues mit septischen Vorgängen annehmen zu dürfen, die
zumal bei elenden, vielfach mit Ulcerationen behafteten Kindern in Folge
einer „Mischinfection" eintreten können.
Verlauf und Ausgang der hereditären Syphilis werden nach
meiner Erfahrung weniger durch die Art der Symptome, als durch den
Ernährungszustand der Erkrankten bestimmt. Syphilitische Säug-
linge, welche sich einer natürlichen Ernährung durch die Mutter oder
Amme zu erfreuen haben, gedeihen bei einer speeifischen Cur meistens
gut und bieten die besten Aussichten auf vollständige Wiederherstellung.
Dagegen halte ich alle künstlich ernährten Kinder, besonders
die von Geburt an schwachen und atrophischen für sehr ge-
fährdet, die letzteren sogar immer für verloren. Während ich in der
Privatpraxis, und selbst in der Poliklinik, von einer sehr grossen Zahl
syphilitischer Kinder nur einzelne durch zufällige Oomplicationen ver-
loren habe, sah ich in der Kinderabtheilung der Oharite fast alle
Fälle, und dies waren ausnahmslos hochgradig atrophische, zu Grunde
gehen. Der Tod erfolgt nicht selten ganz plötzlich, was schon von
Trousseau hervorgehoben wurde, meiner Ansicht nach aber durchaus
nichts besonderes ist, da plötzliche Todesfälle bei atrophischen Kindern
überhaupt ziemlich oft vorkommen. Unter günstigen Verhältnissen nimmt
die Krankheit oft überraschend schnell eine glückliche Wendung.
Man ist erstaunt, Ausschläge, Condylome, Knochenanschwellungen unter dem
Einflüsse des Quecksilbers schon nach 5 — G Tagen sich vermindern und
nach wenigen Wochen gänzlich verschwinden zu sehen. Aber ich warne
Sie vorderüeberschäizungdesErfolgs. Recidi vegehörenhierzudenhäufigen
Erscheinungen, und gerade in Polikliniken, wo die Kinder schon nach
dem ersten Schwinden der Symptome so oft der weiteren Beobachtung
entzogen werden, hat man Gelegenheit, sich von dieser Thatsache zu
überzeugen :
Kind von 6 Wochen, am 7. Januar mit vielen Symptomen der Syphilis
vorgestellt. Heilung Ende Februar durch Mercur. Wieder vorgestellt am 10. April
mit einem seit 3 Tagen bestehenden Recidiv. Heilung am 28. Recidiv am 18. Juni.
') Vierteljahrsschr. f. Dermatologie und Syphilis. 1884. Ich bemerke nur, dass
unter Bohrend's Fällen sich zwei befinden, in welchen Milztumor und Purpura be-
standen, was auch ohne Lues oft beisammen vorkommt. Vergl. auch Petersen,
Ebendas. 1883. S. 509.
Syphilis. 103
Knabe von 2 Jahren, geboren von einer syphilitischen Mutter, deren sämmt-
liohe Kinder inficirt waren. Lues infantilis im zweiten Lebensmonat. Einige Wochen
später in der Poliklinik an Erosionen der Mundwinkel uud der Zunge behandelt. Am
15. Mai Recidiv; seit 8 Wochen Condylome am Anus und auf dem Zungen-
rücken, der hinten dunkelroth hart infiltrirt, vorn mit grauweisser Schicht bedeckt
erscheint. Ende Juni Heilung durch Mercur. Am 14. November Recidiv der
Condylome am After. Am 9. Januar abermals Recidiv, welches eine neue Be-
handlung erfordert.
Mädchen von 5 Jahren, mit breiten Condylomen am Anus und Anschwellung
der Inguinaldrüsen. Erster Ausbruch der Lues im Alter von 5 Wochen, zweiter zu
1 1/2 Jahren, dritter am Ende des 5. Lebensjahrs.
Man sollte daher die Behandlung auch nach dem Verschwinden aller
Symptome nicht sofort abbrechen, sondern immer noch wenigstens einige
Wochen fortführen, obwohl auch dann die Gefahr eines Recidivs nicht
beseitigt ist. In den meisten Fällen gelingt es aber, die Krankheit
innerhalb des ersten oder wenigstens des zweiten Jahres vollständig zu
heilen, und ich verfüge über eine genügende Zahl von Beobachtungen
aus der Privatpraxis, um behaupten zu dürfen, dass die Sache damit für
immer abgethan war. Dennoch müssen Sie immer auf das Wieder-
aufflammen der Krankheit auch noch in den späteren Kinder-
jahren gefasst sein, und es können dann Zweifel darüber entstehen, ob
man es mit einem Recidiv der hereditären Lues, oder mit einer direc-
ten Ansteckung, oder endlich mit der sogenannten „Syphilis tarda"
zu thun hat, worauf ich später zurückkommen werde. Aber selbst in
den Fällen, wo die Krankheit schon von vornherein durch eine aus-
dauernde Behandlung gründlich geheilt wurde, bleibt doch nicht selten
eine Störung im Organismus zurück, welche zur Entwickelung von Ra-
chitis disponirt. Ich sah diese Krankheit nach der Heilung der Sy-
philis hereditaria bei Kindern auftreten, welche sich in den günstigsten
Lebensverhältnissen befanden und mit der grössten Sorgfalt gepflegt
wurden, muss aber schon hier gegen die unbegreifliche Ansicht Par-
rot's Front machen, welcher die Rachitis durchweg als eine Folge der
Syphilis betrachtet.
So leicht nun in den meisten Fällen die Diagnose der infantilen
Syphilis ist, ebenso schwer ist es oft, ihren Ursprung mit Sicherheit
nachzuweisen. Mit äusserst seltenen Ausnahmen müssen alle Fälle,
welche sich bereits innerhalb der beiden ersten Lebensmonate ent-
wickeln, als hereditäre betrachtet werden. Ich führte bereits an
(S. 55), dass die ererbte Lues schon in den ersten Lebenstagen in
der Form des Pemphigus zur Erscheinung kommen kann, und in
mehreren oben mitgetheilten Fällen sahen wir schon in den ersten
104 Krankheiten des Säuglingsalters.
Wochen auch andere syphilitische Hautaffectionen und Ooryza auftreten.
Häufiger aber bieten die Kinder in den ersten i bis 6 Wochen keine
auffallenden Erscheinungen dar, und erst nach Ablauf dieser Zeit ma-
chen sich Symptome bemerkbar. Jenseits des zweiten oder gar des
dritten Monats ist die erste Entwicklung selten1), und bei noch spä-
teren Terminen bleibt es immer zweifelhaft, ob nicht ein Recidiv oder
directe Uebcrtragung der Krankheit vorliegt. Die letztere lässt sich
freilich nicht leicht feststellen, und besonders unter Umständen, welche
Geständnisse von Seiten der Eltern erschweren oder verbieten, wird oft
der Versuch gemacht, den Arzt von dem Gedanken der Erblichkeit ab-
zubringen, ihn durch falsche Vorspiegelungen einer syphilitischen Amme
oder Wärterin, die das Kind angesteckt habe, zu täuschen. Die
Möglichkeit einer solchen Infection will ich keineswegs in Abrede stellen;
doch ist von den Fällen dieser Art, die mir selbst vorkamen, kein ein-
ziger so sicher gestellt, dass ich den hereditären Ursprung absolut aus-
schliessen konnte. Wohl aber beobachtete ich directe Uebertragungen
der Lues auf Säuglinge in armen Familien durch syphilitische Frauen-
zimmer, welche die Wohnung derselben theilten und mit den Kindern
viel verkehrten, vielleicht auch durch Schwämme und andere gemein-
sam benutzte Toilettengegenstände. Dagegen ist die früher oft ange-
nommene Infection des Kindes während der Geburt durch die syphili-
tisch erkrankten Genitalien der Mutter (Syphilis adnata) sehr zweifel-
haft, z. B. der Fall Trousseau's, welcher einen „indurirten Schan-
ker" an den Nates eines Kindes von dem Contact mit der ulcerirten
Vulva der Mutter herleitete. Ich selbst habe einen Fall dieser Art eben-
sowenig gesehen, wie eine Ansteckung durch die Vaccination, welche
in unserer Zeit als „Syphilis vaccinalis" viel Staub aufgewirbelt hat.
Dass durch die Einimpfung von Vaccine, die von einem syphilitischen
Kinde stammt, mag nun etwas Blut damit vermischt sein (Viennois)
oder nicht, eine Uebertragung der Krankheit möglich sei, wird man
wohl nicht mehr bestreiten können, nachdem die Contagiosität der se-
eundären Lues überhaupt sicher gestellt ist, und es lässt sich auch
nicht leugnen, dass manche der von den Autoren mitgetheilten Fälle
von Impfsyphilis beweiskräftig erscheinen. Trotzdem ist die Sache noch
nicht spruchreif, und ich selbst kann hier um so weniger ein Urtheil
abgeben, als mir, wie ich schon sagte, noch kein einziger wohlcon-
statirter Fall vorgekommen ist, wohl aber viele, wo nach der Vaccina-
') Roger fand unter 249 Fällen die ersten Symptome 118 mal im eisten, 217 mal
vor dem Ende des dritten Monats, aber nur 32 mal nach demselben.
Syphilis. 105
tion Geschwüre an den Impfstellen und verschiedene Ausschläge auf-
traten, welche dem ungeübten oder oberflächlich Untersuchenden leicht
als Syphilis imponiren konnten, mit dieser Krankheit aber gar nichts
zu thun hatten. Ich bin von der Häufigkeit dieser Irrthümer fest über-
zeugt, und berufe mich noch auf die Arbeit von Joukoffsky1), wel-
cher 57 Kinder, die von 1 1 syphilitischen Impflingen abgeimpft wurden,
absolut frei von der Krankheit bleiben sah. Auch erinnere ich daran,
dass die Lues eine regelmässige Entwickelung der Vaccine zwar nicht
hindert, dass aber eine bis dahin latente Syphilis durch Verletzungen,
also auch durch die Impfung, manifest werden und dadurch fälschlich
die Annahme einer Uebertragung durch die Lymphe entstehen kann.
Noch weniger fürchte ich die Uebertragung durch die Milch einer sy-
philitischen Amme, falls nur ihre Brustwarze gesund ist. Trotzdem ver-
steht es sich von selbst, dass Sie ebenso wenig eine verdächtige
Amme wählen, als die Vaccinelymphe eines Kindes benutzen werden,
welches nachweislich Erscheinungen von Lues darbietet oder darge-
boten hat.
Abgesehen von einzelnen Ausnahmen ist also die ganze Summe der
in den ersten Monaten sich entwickelnden Fälle von Syphilis als here-
ditär zu betrachten. Mit besonderem Eifer hat man seit langer Zeit
das Studium dieser Erblichkeit betrieben2), und wenn trotzdem bis auf
den heutigen Tag noch keine Einigkeit unter den Autoren erzielt ist,
vielmehr die Ansichten in vielen Punkten von einander abweichen, so
beweist dies nur , wie schwer es ist , sich Klarheit über Dinge zu
verschaffen, die ihrem Wesen nach nur durch offene Geständnisse der
Betheiligten sicher gestellt werden können. Jeder Tag aber bringt uns
neue Beispiele dafür, dass gerade in Bezug auf Syphilis die letzteren
nur selten volles Vertrauen verdienen, und dass der Arzt trotz der sorg-
fältigsten Nachforschung hier argen Täuschungen ausgesetzt ist. Fälle,
in welchen nicht nur die Diagnose der Lues hereditaria unzweifelhaft
war, sondern auch die Sectioti die vollste Bestätigung gab, und trotz-
dem beide Eltern beharrlich leugneten, jemals syphilitisch gewesen zu
sein , sind mir selbst wiederholt vorgekommen. Mit Sicherheit wissen
wir, dass die Vererbung der Lues sowohl von väterlicher, wie von mütter-
licher Seite her erfolgen kann. Der Vater überträgt die Krankheit un-
mittelbar durch den Samen, mit welchem er die Frau schwängert, die
') Oesterr. Jahrb. f. Pädiatrik. V. 2. S. 139.
2) Köbuer, Klinische und experimentelle Mittheilungen aus der Dermatologie
und Syphilidologie. Erlangen, 1864. — Kassowitz, Ueber Vererbung und Ueber-
tragung der Syphilis. Jahrb. f. Kinderheilk. XXI. 1884. S. 53.
106 Krankheiten des Säuglingsalters.
Mutter durch die Eizelle, aus welcher sich der Foetus entwickelt').
Die Eltern müssen also secundär syphilitisch sein; primäre Affectionen
könnten nur insofern inficirend auf das Kind wirken, als sie die Ent-
wickelung secundärer Erscheinungen bei der Mutter während der
Schwangerschaft herbeiführen, eine Quelle der hereditären Lues,
welche von manchen Autoren, z. B. Kassowitz, in Abrede gestellt
wird. Ob diese Ansicht aber richtig, ob nicht vielmehr eine Infection
des Foetus durch das ernährende Blut der nachträglich syphilitisch ge-
wordenen Mutter möglich ist, halte ich noch keineswegs für ausgemacht,
vielmehr letzteres für sehr wahrscheinlich. Diejenigen, welche eine
solche Uebertragung durch das Blut, also eine Durchgängigkeit der
Placenta für das Virus leugnen, sprechen sich natürlich auch gegen die
Möglichkeit aus, dass eine von Syphilis freie Mutter durch das Blut
ihres von väterlicher Seite her luetischen Foetus angesteckt werden
könne2), andere halten dies allerdings für möglich, besonders Hutchin-
son und Fournier, welche sich auf die Erfahrung berufen, dass
Frauen, die mit syphilitischen Männern verheirathet sind, nicht selten
erst dann angesteckt werden, wenn sie concipiren, nicht aber solange
die Ehe unfruchtbar bleibt; auch einige Beobachtungen von Behrend3)
scheinen dafür zu sprechen, dass eine solche „Placentarinfection" vor-
kommt, aber keineswegs nothwendig eintreten muss. Wie dem auch sei,
so viel ist sicher, dass syphilitische Mütter ungemein häufig abor-
tiren oder nicht lebensfähige Früchte zu früh zur Welt bringen, deren
oft macerirte und abgelöste Epidermis irrthümlicher Weise für das Pro-
duct eines foetalen Pemphigus gehalten wird. Diese Neigung zur Früh-
geburt, welche auf einer Endometritis decidualis, Verdickung der Pla-
centa, oder auf umgrenzten gummösen Wucherungen derselben (Virchow),
vielleicht auch auf Atherom oder Endarteritis syphilitica der Nabelvene
(Winkel) beruht, ist in diagnostischer Beziehung bedeutsam, inso-
fern sie in zweifelhaften Fällen von Lues hereditaria die Wagschale zu
Gunsten derselben belastet.
Durch die Länge der Zeit, und besonders durch wiederholte spe-
eifische Curen kann eine Abschwächung und temporäre Heilung der
Krankheit bei den Eltern erfolgen, wodurch sich die Thatsache erklärt,
') Die von Kassowitz und Hochsinger beschriebenen Streptococcen in
den Capillargefässen (Wiener med. Blätter. 1886. 1—4.) werden von den meisten
Sachverständigen als nicht pathogen angesehen.
2) Dohrn, Deutsche med. Wochenschr. 1892. No. 37.
3) Berliner klin. Wochenschr. 1881. S. 107.
Syphilis. 107
dass im Anfange solcher Ehen die Neigung zum Abortiren am stärksten
ist, allmälig aber mehr und mehr schwindet, dass feiner die zuerst ge-
borenen Kinder besonders heftig befallen zu werden pflegen, die später
folgenden gesund bleiben können. Nicht selten beobachtet man auch
eine Alternation gesunder und syphilitischer Kinder, die nur daraus zu
erklären ist, dass die Lues der Eltern von Zeit zu Zeit wieder manifest
wird, zu anderen Zeiten in einem Zustande von Latenz verharrt, wel-
cher die Gesundheit des Foetus nicht zu gefährden braucht. Auf diese
Weise kann die Vererbung sehr lange bestehen bleiben; Kassowitz
schätzt sie auf 10 bis 14 Jahre, aber der folgende von mir beobachtete
Fall lehrt, dass sogar 20 Jahre darüber hingehen können:
Der Vater des betreffenden Kindes war als Bräutigam mit einem noch nicht
völlig geheilten Schanker in die Ehe getreten. Das erste Kind, welches ein Jahr
nach der Hochzeit geboren wurde, soll wiederholt an Anschwellungen der Schien-
beine gelitten habon, und ich selbst hatte Gelegenheit, bei diesem Kinde, als es zu
einem jungen Mädchen von 17 Jahren herangewachsen war, noch eine umfangreiche
Periostose am linken Humerus zu beobachten. Die Mutter selbst litt während der
uunmehr 20jährigen Ehe wiederholt an verdächtigen Anginen und hartnäckigen Ge-
schwüren in der Umgebung der Kniegelenke, welche immer durch Jodkali undDecoct.
Zitmanni beseitigt werden mussten. Während dieser langen Zeit gebar sie noch
zwei völlig gesunde Kinder, abortirte dann aber mehrere Mal, bis sie im
20. Jahr der Ehe wieder von einem Knaben entbunden wurde, welcher 14 Tage
nach der Geburt von den ausgeprägten Erscheinungen der hereditären Syphilis be-
fallen wurde und einer längeren Mercurialbehandlung unterworfen werden musste.
Später wurde er in hohem Grade rachitisch, litt vielfach an Convulsionen und Glottis-
krampf, wuchs aber schliesslich, Dank einer vortrefflichen Pflege, zu einem gesunden
Jüngling heran.
Ob es möglich sei, an der Form der infantilen Lues ihren väter-
lichen oder mütterlichen Ursprung zu erkennen, bezweifle ich. Die An-
sicht von Bärensprung, Hecker und Keysei1), dass die interne
Syphilis, besonders die Affection der Leber, die Vererbung von väter-
licher Seite her constatire, scheint mir mit Rücksicht auf die unüber-
windlichen Schwierigkeiten, welche sich hier einer sicheren Anamnese
entgegenstellen, keineswegs sicher zu sein. —
Ich komme nun zur Behandlung. Meine Erfahrungen in diesem
Gebiet fasse ich in dem kurzen Satze zusammen: das einzige sichere
Heilmittel der infantilen Syphilis ist das Quecksilber. Die
Wirkung desselben ist, wie ich schon oben bemerkte, oft geradezu er-
staunlich und durch ihre Schnelligkeit in hohem Grade überraschend.
»j Bayer, ärztl. Intelligenz-Blatt. 1876. No. 21.
108 Krankheiten des Säuglingsalters.
Weder Jodkali, noch Jodeisen, die von Manchen empfohlen wurden,
halten einen Vergleich mit dem Mercur aus. Von den Präparaten ziehe
ich Calomel und Hydrargyrum oxydul. nigrum, in Dosen von
0,01 bis 0,015 früh und Abends gegeben, allen anderen vor. Letzteres
bewirkt bisweilen, zumal im Beginn der Cur, Erbrechen. Jede andere
Einverleibung des Quecksilbers, etwa durch Mercurialisirung der Amme
oder gar eines milchgebenden Thieres halte ich für unstatthaft, und
zwar um so mehr, als der Uebergang des Quecksilbers in die Milch
keineswegs zweifellos ist. Wenigstens zeigten die in dieser Richtung
unternommenen Versuche von Kahler1^, dass die Milch dreier einer
Schmiercur unterworfener Mütter vollkommen frei von Quecksilber war. Ein-
reibungen mit grauer Salbe oder subcutane Injectionen von Sublimat
können nur da in Betracht kommen, wo ausgebreitete syphilitische Haut-
ausschläge nicht vorhanden sind, oder wo intestinale Complicationen
(Diarrhoe, Erbrechen) den inneren Gebrauch des Mercur verbieten. Alle
Kinder, bei denen ich die Inunctionscur mit grauer Salbe in Gebrauch
zog, waren schon über das zweite Lebensjahr hinaus und litten an
Syphilis recidiva, welche sich im Allgemeinen mehr durch condylomatöse
Bildungen als durch ausgebreitete Exantheme charakterisirt (Einrei-
bung von 1,0 bis 2,0 Unguent. einer, täglich). Auch Sublimatein-
spritzungen machte ich in diesen Fällen mit gutem Erfolg, worauf ich
bei der Betrachtung der Syphilis älterer Kinder zurückkommen werde.
Von Bädern mit Sublimat (1,0 auf ein Bad) sah ich in zahlreichen
Versuchen keine constante Wirkung, und empfehle sie daher nur für
Fälle, welche durch vorgeschrittene Atrophie, Erbrechen oder Diarrhoe die
innerliche Anwendung des Mercur bedenklich erscheinen lassen.
Condylomatöse Wucherungen wurden mit Calomel bepudert oder,
wenn sie bereits geschwürig waren, mit einer Auflösung von Lapis in-
fern. (0,5:15 Wasser) täglich gepinselt. Letzteres empfehle ich auch
für die Nasenschleimhaut, falls die Coryza hartnäckig den inneren Mit-
teln widersteht; in den meisten Fällen reicht die interne Cur zur Hei-
lung aus.
Die eminente Wichtigkeit der natürlichen Ernährung für syphili-
tische Säuglinge wurde schon oben erwähnt. Jede künstliche Ernährung
bleibt hier bedenklich, wenn sie auch leider in vielen Fällen nicht zu
umgehen ist und, sobald es sich um kräftige Kinder handelt, auch gut
vertragen werden kann2). Ist die Mutter selbst syphilitisch, so darf sie
') Aerztl. Correspondenzbl. 1875. No. 23.
2) Im „Hospice des enfants-assistes" zu Paris sind auf Parrot's Anregung
Versuche mit der Ernährung syphilitischer Kinder durch Eselsmilch , und zwar
Syphilis. 109
auch ihren kranken Säugling ohne Bedenken nähren. Anders verhält
sich die Sache, wenn an der Mutter absolut keine Zeichen der Krank-
heit wahrzunehmen sind , und auch jede vorausgegangene syphilitische
Affection in Abrede gestellt wird. Unter diesen Umständen dürfte das
Selbstnähren nur dann zu gestatten sein, wenn Lippen und Mundhöhle
des Kindes keine krankhaften Erscheinungen (Rhagaden, Condylome) dar-
bieten. Dasselbe gilt von der Amme, da es keinem Zweifel unterliegt,
dass ein solches Kind die Syphilis auf die wund gewordene Brustwarze
einer gesunden Amme übertragen, dass speeifische Geschwüre an der
Mamma und weiterhin seeundäre Erscheinungen sich auf diesem Wege
entwickeln können. Selbst das Secret der Ooryza muss als ein beim
Saugen an der Mamma nicht unbedenkliches Moment betrachtet werden.
Allerdings lassen sich die Beobachtungen von Günsburg1) gegen eine
solche Ansteckung geltend machen, indem derselbe von 31 Ammen sy-
philitischer Kinder (eine Amme nährte sogar 1 1 solcher Kinder zwei
Jahre hintereinander) nicht eine einzige erkranken sah und daraus
schliesst, dass die hereditäre Lues auf die Säugende nie übergehe, dass
vielmehr alle Fälle, in welchen dies geschehen sein soll, durch er-
worbene Syphilis der Kinder zu erklären seien. Ich halte diese etwas
gezwungene Deutung gegenüber den Beobachtungen von Infection ge-
sunder Ammen durch zweifellos hereditär syphilitische Kinder für sehr
problematisch, und rathe daher zur Vorsicht. Meiner Ansicht nach ist
der Arzt verpflichtet, der Amme die Möglichkeit einer Infection vorzu-
stellen. Es bleibt ihr dann überlassen, ob sie, bewogen durch reich-
liche Entschädigung, sich dieser Gefahr aussetzen will oder nicht. Wenn
auch bei dieser Gelegenheit die bedenklichsten Familiengeheimnisse
zu Tage treten können, und der Arzt sich einer Indiscretion schuldig
macht, so glaube ich doch, dass alle diese Gründe uns nicht veranlassen
dürfen, eine gesunde Amme ohne ihr Wissen der syphilitischen Infection
auszusetzen Auch ist es ja nicht nöthig, vor der Amme den Namen
Syphilis auszusprechen; es wird genügen, wenn man ihr vorstellt, dass
es sich um einen ansteckenden Hautausschlag handelt. Die Ammen
gehen fast immer auf die Anerbietungen ein, und bleiben auch in den
meisten Fällen frei von Syphilis. Wenigstens hatte ich selbst noch
keine Gelegenheit, eine auf diesem Wege entstandene Infection der
Amme zu beobachten, obwohl mehrere der betreffenden Brustkinder im
durch directes Saugen an der Mamma der Eselin, gemacht worden, deren Resultate
die der künstlichen Ernährung bei weitem übertreffen. Vergl.Wins, L'allaitement ä
la' nourricerie de l'hospice des enfants-assiste's. These. Paris, 1885.
>) Oesterr. Jahrb. f. Kinderheilk. 1872. II. S. 169.
110 Krankheiten des Säuglingsalters.
hohen Grade hereditär syphilitisch waren. Die grösste Reinlichkeit, be-
sonders die sorgsamste Beobachtung jeder an der Mamma entstehenden
Excoriation, ist dabei der Amme zur Pflicht zu machen. Durch Rha-
gaden der Lippen und hochgradige Coryza kann dem Kinde zwar das
Saugen erschwert werden, doch sah ich daraus nie eine Gefahr für die
Ernährung erwachsen.
Schliesslich noch ein paar Worte über das Verhalten des Arztes
den Eltern gegenüber. Während in der Armen- und poliklinischen Praxis
der unumwundene Ausspruch des Arztes, dass das Kind syphilitisch sei,
fast niemals böse Folgen hat, kann diese Erklärung in den höheren
Gesellschaftsklassen ernste Familienereignisse nach sich ziehen. Ich
rathe daher, falls Sie nicht spontane Geständnisse bekommen, und
wenn Sie der völligen Unschuld der Mutter sicher sind, nur den Vater
ins Vertrauen zu ziehen. Glücklicher Weise ist das Bild der Krankheit
charakteristisch genug, um auch ohne Geständnisse der Eltern
die Diagnose stellen und die passende Behandlung einleiten zu können.
Dennoch bleibt die Constatirung des Gesundheitszustandes der Eltern
immer ein eminent wichtiges Moment, weil nur durch ausreichende spe-
cifische Behandlung derselben verhütet werden kann, dass die noch fol-
genden Sprösslinge der Ehe ebenfalls syphilitisch werden.
In manchen Fällen ist selbst der erfahrene Arzt nicht im Stande,
sofort mit Sicherheit die Diagnose der Syphilis zu stellen. Hier wäre
es also unbesonnen, durch halbe Redensarten und Fragen die Eltern in
Aufregung zu versetzen. Man bemerkt z. B. eine intertriginöse Röthe
um den Anus und die Genitalien, inmitten derselben hie und da ober-
flächliche runde Excoriationen. Die Intertrigo verbreitet sich allmälig
trotz aller Reinlichkeit über die untere Partie des Rückens oder über
den grössten Theil des Rumpfes, und die geröthete Haut bedeckt sich
mit gelblich weissen Lamellen, die aus abgestossenen, mit Sebum ver-
mischten Epidermiszellen bestehen. Oder es bilden sich in den inter-
triginösen Hautfalten, besonders in den lnguinalgegenden, längliche, mit
grauweissem Belag versehene, in die Tiefe dringende Ulcerationen. Zu-
fällig können auch Coryza oder rothe Flecke an verschiedenen Stellen
hinzutreten und die Diagnose noch schwankender machen. In den meisten
Fällen dieser Art werden Sie durch das Frei bleiben der Lippen und
Mundwinkel vor Irrthümern bewahrt bleiben; keinesfalls aber wird es
schaden, wenn Sie, um Ihr ärztliches Gewissen zu beruhigen, die Mer-
curialbehandlung einleiten, wobei es sich dann bald herausstellen wird,
ob in der That Syphilis vorliegt. —
Syphilis. 1 1 1
Ich schliesse dies Capitel mit einigen Bemerkungen über die Sy-
philis des späteren Kindesalters.
Die 44 Fälle, welche ich dieser Schilderung zu Grunde lege, be-
fanden sich in dem Alter von 2 bis 14 Jahren und betrafen mit Ausnahme
von 8 sämmtlich Mädchen. Die Anamnese ergab nur in 6 Fällen mit
Sicherheit, dass die syphilitischen Erscheinungen als Recidive einer
bereits in den ersten Lebensmonaten zum Vorschein gekommenen Lues
hereditaria zu betrachten waren; in allen anderen Fällen Hess sich
ein solcher Zusammenhang mit Bestimmtheit nicht nachweisen, und es
blieb daher zweifelhaft, ob man es mit einer hereditären oder mit einer
durch spätere Ansteckung erworbenen Form zu thun hatte. Ich ziehe
das Geständniss dieses Zweifels jedenfalls der Annahme der sogenannten
Syphilis tarda vor, d. h. einer Form, welche, obwohl hereditär,
doch erst im späteren Kindesalter, im 8. bis 12 Jahre und gar noch
später, zum ersten Mal in die Erscheinung treten soll. Dass eine Sy-
philis »tarda« vorkommt, will ich keineswegs in Abrede stellen, weil
gewissenhafte Beobachter sich in diesem Sinne aussprechen; mir per-
sönlich aber ist ein über jedem Zweifel erhabener Fall von
Syphilis tarda noch niemals begegnet. Ich würde als einen sol-
chen nur denjenigen anerkennen, in welchem ich selbst durch fortge-
gesetzte Beobachtung von der Geburt an den Mangel aller syphiliti-
schen Symptome in der ersten Lebenszeit, und die Lues der Eltern con-
statiren, aber auch jede spätere Infection mit Sicherheit ausschliessen
könnte. Die Aussagen der Eltern sind fast immer unzuverlässig, oft
auch mit Absicht lügnerisch.
Bei 9 Mädchen zwischen 3 und 12 Jahren konnten die Symptome
mit voller Bestimmtheit auf ein Stuprum oder wenigstens auf einen
Versuch desselben zurückgeführt werden, wobei die Angabe des ältesten
(12jährigen) Kindes, sie sei im Schlaf auf einer Treppe von einem Mann
überfallen worden, bei dem äusserst frechen Benehmen der Patientin
bedenklich erschien. Nur in zwei Fällen ergab die Untersuchung ein
zerrissenes Hymen; sonst war es immer intact, so dass eine vollständige
Immissio penis nicht zu Stande gekommen sein konnte; wohl aber war
die ganze Umgebung des Hymen bis zur inneren Fläche der Labien
öfters geröthet und empfindlich, auch mehr oder weniger Fluor albus
vorhanden1). — Bei zwei Geschwistern von 9 und 11 Jahren sollte die
') Bei 3 Mädchen von 4, 6 und 12 Jahren beobachtete ich in Folge eines ver-
suchten Stuprum zwar keine Lues, wohl aber eine mehr oder minder bedeutende Ent-
zündung des Introitus mit Fluor albus und zahlreiche spitze Condylome an den
Labien.
112 Krankheiten des Säuglingsalters.
Krankheit durch eine syphilitische Kinderwärterin entstanden sein.
Im Alter von 2 Jahren war das eine dieser Mädchen von letzterer an-
gesteckt worden und hatte dann die Lues auf die Schwester , welche
anhaltend mit ihr zusammen war, übertragen. Da die Glaubwürdigkeit
der Eltern hier unzweifelhaft war, so enthält dieser Fall wiederum eine
dringende Warnung zur Vorsicht bei der Wahl von Dienstboten und Kin-
derpflegerinnen. Auch durch den Verkehr mit hereditär syphilitischen
Kindern, mit öffentlichen Dirnen, welche von unbemittelten Familien
Zimmer abgemiethet hatten, mit syphilitischen Eltern oder Geschwistern
sah ich 2- bis 11jährige Kinder syphilitisch werden. Die Quelle
der Infection in allen solchen Fällen liegt theils in den Liebkosungen
der Kinder, theils in dem gemeinschaftlichen Gebrauch von Schwämmen
und anderen Gegenständen der Toilette und des häuslichen Bedarfs, oder
in dem Zusammenschlafen mit syphilitischen Personen.
Die Erscheinungen, mit welchen die Lues des späteren Kindes-
alters auftritt, unterscheiden sich im Wesentlichen nicht von derjenigen
der Erwachsenen. Bemerkenswerth scheint mir das Vorherrschen der
condylomatösen Formen. Wenn ich keineswegs mit Violet1) darin
übereinstimmen kann, dass syphilitische Exantheme unter diesen Um-
ständen nie vorkommen sollen, so muss ich diesem Autor doch darin Recht
geben, das die breiten Condylome auf der Haut und den Schleimhäuten
die weitaus häufigste Erscheinungsform in diesem Alter bilden. Die
Schleimpapclen zeigten sich in mehr oder minder dichten Massen, nicht
selten theilweise an ihrer Oberfläche macerirt und ulcerös, rings um den
Anus und auf den grossen Labien, wo sie bisweilen knollige, ringförmige,
die ganze Schamlippe entstellende Massen bildeten. Bei drei Mädchen
von 12 und 13 Jahren sah ich einen förmlichen Doppelbogen breiter
zusammengedrängter Condylome, der sich von der Commissur der grossen
Schamlippen über diese hinweg bis zum Anus und seitlich bis in die
Schenkelbeugen erstreckte. Auch die innere Fläche der Oberschenkel,
die Nates, die Hautfalten zwischen Hals und Brust, selbst das äussere
Blatt des Präputium waren bisweilen der Sitz dieser Neubildungen,
neben welchen auch sehr häufig an den Mundwinkeln, auf der Schleim-
haut der Mandeln und des angrenzenden Gaumens, seltener der Wangen,
weissliche, theilweise erodirte, von Spalten (Rhagaden) zerklüftete con-
dylomatöse Wucherungen erschienen. Auch die Ober- und Unterlippe
waren hie und da Sitz der Rhagaden mit infiltrirter Umgebung. Häufig
zeigten sich gummöse Veränderungen des Zungenrückens als runde
') Syphilis infantile. Paris, 1874.
Syphilis. 113
oder mehr gradlinig umgrenzte, kleinere oder grössere Infiltrationen
der Schleimhaut, welche sich durch dunklere Farbe und grössere Resi-
stenz von der Umgebung deutlich absetzten, bisweilen auch das Niveau
etwas überragten, und in diesem relativ seltenen Fall an ihrem hervor-
ragendsten Theil weisslich getrübt oder erodirt erschienen. Auffallend
war die fast gleichmässige gummöse Affection der Zunge bei zwei
Schwestern von 9 und 11 Jahren.
Die relative Seltenheit syphilitischer Exantheme wurde bereits
erwähnt. Dass sie aber vorkommen, beweisen mehrere Fälle, in welchen
eine fein schuppige Roseola der Stirn, der behaarten Kopfhaut, des
Rumpfes und der Extremitäten, Psoriasis palmaris und plantaris beob-
achtet wurden. Bei einem 6jährigen und einem 4jährigen Mädchen be-
stand neben Condylomen der Uvula, Fharynxgeschwüren und einem
Gumma der Zunge, eine fast über den ganzen Körper verbreitete Psoriasis
guttata, ebenso bei einem 7jährigen Knaben, welcher gleichzeitig Condy-
lome am Anus, auf den Mandeln und der Gaumenraphe darbot. Kleine
bewegliche Anschwellungen der Lymphdrüsen fanden sich in der
Regel, und in mehreren Fällen waren sogar die meisten äusserlich fühl-
baren Drüsen (die cervicalen , submentalen, occipitalen, cubitalen und
inguinalen) deutlich geschwollen. Ein paar Mal fand auch ein beträcht-
licher Haarschwund auf der Kopfhaut statt. Affectionen des Knochen-
systems hatte ich öfters zu beobachten Gelegenheit.
Ein 12jähriges Mädchen, vorgestellt am 26. Juni 1879, klagte seit einem
.Tahre über heftige Schmerzen im rechten Oberarm, besonders während der Nacht.
Das Os humeri um das Doppelte geschwollen, am meisten in der Mitte, uneben und
kantig, gegen Druck sehr empfindlich. Im Alter von 3. Jahren syphilitische Infection,
später Affectionen im Halse (?). Einzelne Drüsen im Nacken und in den Achsel-
höhlen geschwollen. Schon früher behandelt, aber immer Recidive. Weiterer Verlauf
nicht bekannt.
Mädchen von 11 Jahren, vorgestellt am S.November 1874. Seit l1/2 Jahren
sehr empfindliche bedeutende Anftreibung der rechten Tibia und heftige nächtliche
Schmerzen. Drüsen unter dem Kiefer geschwollen, sonst keine syphilitischen Sym-
ptome. Jodkali. Am 25. schon bedeutende Besserung. Am 20. Juli 1875 keine Spur
des früheren Leidens mehr wahrzunehmen. Im Laufe der folgenden Jahre (das Mäd-
chen wurde wegen einer Insuffizienz der Mitralklappe poliklinisch behandelt) wieder-
holte kleine Recidive, welche den erneuten Gebrauch des .Jodkali erforderten.
Knabe von 7 Jahren, am 15. Febr. 1876 vorgestellt, von einer luetischen
Mutter stammend. Seit 8 Wochen allmälige Entwickeluug einer nunmehr taubenei-
grossen kaum empfindlichen, ziemlich spitzen Exostose an der Spina mentalis,
welche bereits zu einem Abscess der überliogenden Bedeckungen geführt hatte.
Schwellung der Nasenbeine, Stockschnupfen, Drüsenschwellungen. Schon früher
wiederholt syphilitische Symptome. Aus der Cur fortgeblieben.
Elenoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 1. Aufl. g
114 Krankheiten des Säuglingsalters.
Bedeutende Defecte in der Rachenhöhle, vollständige Zerstörung der
Uvula, Adhäsion des Gaumensegels an der hinteren Pharynxwand, ulce-
röse Destruction der Nasenscheidewand und des harten Gaumens konnte
ich nur ausnahmsweise beobachten. Den von Hutchinson stark be-
tonten Symptomencomplex, eigenthümliche Beschaffenheit der Zähne
(kurze, schmale, auseinanderstehende und gekerbte obere Incisoren),
Keratitis und Taubheit, möchte ich um so weniger als sicheres Zeichen
einer tardiven Syphilis betrachten, als gerade solche Schneidezähne sich
auch bei Kindern finden, welche von Lues absolut frei sind1). Ebenso
erscheint mir die weitere Ausführung dieses Gegenstandes von Parrot2)
äusserst zweifelhaft; ich würde die von ihm beschriebenen Form Ver-
änderungen der Zähne weit eher als rachitische betrachten. Syphiliti-
sche Caries der Schädelknochen und Gummabildung im Gehirn habe
ich selbst nie beobachtet3), wohl aber wiederholt amyloide Degeneration
der Leber und Nieren, wovon später die Rede sein wird.
Die Behandlung war durchweg eine mercurielle, abgesehen von
den seltenen Fällen, in welchem lediglich eine Knochenaffection bestand.
Hier versuchten wir zunächst Jödkali (2:120), welches die Schmerzen
schnell linderte, auch eine Abschwellung der Knochen bewirkte, aber fast
nie vor Recidiven schützte. Sonst wendeten wir von vornherein Queck-
silber an, entweder in Form der Schmiercur mit Unguent einer.
(1,0 bis 2,0 täglich), von welchen im Durchschnitt 25,0 bis 60,0 ver-
rieben wurden, oder der Sublimatinjectionen (0,004 bis 0,005 pro
die), welche etwa 14 Tage lang fortgesetzt wurden und nur einmal, bei
einem 4jährigen Knaben, mercurielle Stomatitis massigen Grades zur
Folge hatten. Ein paar Mal versuchten wir auch Injectionen von
Hydrargyr. oxydat. flavum (1,0 mit Gm. arab. 0,25 und Aq. dest.
10,0 emulgirt, täglich \:., Spritze) mit Erfolg, doch kann ich ihnen
keinen Vorzug vor dem Sublimat einräumen. Gegen breite Condylome
wurde gleichzeitig Aetzung mit Argent. nitr. oder Bestreuung mit Calo-
mel erfolgreich verwendet.
IV. Die Dyspepsie der Säuglinge.
Ein Symptom, welches zwar pathologisch erscheint, aber so häufig
vorkommt, dass man es kaum als solches betrachten kann, ist das Er-
') Diese Ansicht theilt auch Hochsinger, Beitr. zur Kinderheilk. Wien 1890.
S. 157.
2) Gaz. des höp. 1881. No. 74, 78, 80.
3) Vergl. Demme, 20. Jahresbericht u. s. w. S. 80.
Dyspepsie. 115
brechen oder Speien der Säuglinge in Folge von Ueberladung des
Magens durch zu hastiges Saugen, sei es an der Brust oder Flasche.
Des Ucberschusses von Milch entledigt sich der Magen durch Regurgi-
tation ohne erhebliche Würgebewegungen. Je nachdem diese sofort
nach dem Saugen oder einige Minuten später eintritt, stürzt die
Milch entweder ungeronnen oder häufiger mit Oaseingerinnseln ver-
mischt (gekäst) wieder aus dem Munde. Dieser Vorgang kann sich
jedesmal nach dem Saugen wiederholen oder auch seltener eintreten, je
nach der Menge der Nahrung, welche das Kind zu sich nimmt. Durch
Bewegungen, z. B. durch Wiegen des Kindes auf den Armen u. a,, wird
der Vorgang befördert, der, wie gesagt, bei zahllosen Kindern vorkommt
und durch rasche Entleerung überschüssiger Nahrungsmengen die Ent-
wickelang dyspeptischer Zustände verhütet. Begünstigt wird die Re-
gurgitation durch gewisse dem Magen des Säuglings (etwa bis zum
10 Monat) zukommende Eigentümlichkeiten, durch die mehr verticale
Lage, die im Vergleich mit dem späteren Lebensalter noch geringe Ent-
wicklung des Fundus und der grossen Curvatur, wodurch eine relativ
geringere Capacität des Magens bedingt wird. So lange daher die Kin-
der bei diesem „Erbrechen" und „Speien" sonst gesund bleiben und gut
gedeihen, hat man keinen Grund ärztlich einzugreifen. Man beruhige die
besorgten Mütter, gebe ihnen den Rath, dem Kinde seltener und minder
lange die Brust oder Flasche zu reichen, lasse das Kind nach dem Sau-
gen ruhig in's Bett legen und vermeide besonders alle schaukelnden Be-
wegungen. Der Erfolg wird dann nicht lange auf sich warten lassen,
wozu auch die weitere normale Entwickelung des Magens das ihrige
beiträgt1).
Ein anfangs als einfaches „Speien" auftretendes Erbrechen gewinnt
aber ernstere Bedeutung, wenn die Wägung ein Stehenbleiben des Wachs-
thums andeutet, und das Aeussere des Kindes durch die beginnenden Züge
der Atrophie bekundet, dass es sich um mehr als ein blosses Regurgi-
tiren überschüssiger Milch handelt. Unter diesen Umständen tritt das
Erbrechen auch nach dem Genüsse verhältnissmässig geringer Quan-
titäten von Milch auf, ja die Kinder bequemen sich erst nach vielen
Bemühungen seitens der Umgebung zu einem kurzen Saugen, und den-
l) Uf feimann (Handb. der privaten u. öffentl. Hygiene des Kindes. Leipzig,
1881. S.233) theilt einen Fall von Erbrechen eines Säuglings mit, welches durch
Ausspüleu der Saugflasche mit Bleischrot erzeugt wurde. Die betreffende Milch ent-
hielt Bloi und Spuren von Arsenik. In hartnäckigen Fällen hat man also auch an
solche Anlässe zu denken.
8*
116 Krankheiten des Säuglingsalters.
noch erfolgt unmittelbar darauf oder nach einiger Zeit Erbrechen un-
geronnener oder wenig gekäster Milch. In solchen Fällen kann der Arzt
Tage lang in dem ängstlichen Zweifel verharren, ob es sich um einen
dyspeptischen Zustand oder um ein beginnendes Cerebralleiden, be-
sonders um tuberculöse Meningitis handelt. Ich behalte mir vor, bei der
Schilderung dieser Krankheit darauf zurückzukommen, und will hier nur
anführen, dass das dyspeptische Erbrechen häufig durch Ructus vor-
her verkündet und begleitet wird, welche eine in diesem Alter unge-
wöhnliche Gasbildung im Magen bekunden, und einen säuerlichen oder
fötiden Geruch haben können. In der Regel ist die erbrochene Milch
mit mehr oder weniger zähem Schleim vermischt. Die Stuhlgänge
können in den ersten Tagen oder selbst Wochen dieses Zustandes, den
ich als Dyspepsia gastrica bezeichne, ihre normale Beschaffenheit
nahezu beibehalten, höchstens eine grünliche oder braune Farbe darbieten,
meistens aber zeigen sie schleimige Beimischungen und einen unge-
wöhnlich fötiden Geruch. Die Frequenz derselben braucht dabei nicht
vermehrt zu sein. In der Regel leiden diese Kinder viel an Blähungen, und
ehe diese abgehen, zeigt sich oft meteoristische Auftreibung des Unter-
leibs, zumal in der Gegend des Colon transversum.
In einer anderen Reihe von Fällen (Dyspepsia intestinalis)
fehlt das Erbrechen entweder gänzlich oder spielt wegen seiner Selten-
heit eine untergeordnete Rolle. Die dyspeptischen Erscheinungen machen
sich vielmehr von Anfang an in der Sphäre des Darmkanals geltend.
Viele Kinder schreien anfallsweise mit grosser Heftigkeit , krümmen
sich zusammen, verdrehen die Augen, zeigen auch wohl blitzartige Con-
tracturen oder convulsivische Erschütterungen der Arme und Beine und
werden erst wieder ruhig, wenn einige laut schallende Flatus abgegangen
sind [Colica flatulenta]1). Die Stühle, welche anfangs die eben ge-
schilderte Beschaffeneheit darboten, werden bald frequenter und dünn-
flüssiger, enthalten gelb oder grünlich gefärbte unverdaute Flocken und
Klümpchen, welche aus Case'm, Kalksalzen und Fett bestehen, mehr
oder weniger zähen Schleim, haben eine grünliche, selbst spinatgrüne
Färbung (S. 18 Anmerk.) und einen widrigen, ammoniakalischen Ge-
ruch. In 24 Stunden können 15 bis 20 solcher Stühle erfolgen, ge
wohnlich aber ist ihre Zahl, wenigstens im Beginn des Leidens, eine ge-
') Dass Säuglinge auch Colik durch andere Ursachen, z. B. durch Bleiver-
giftung, bekommen können, zeigen ein paar von Loewy (Wien. med. Presse. 1883)
mitgetheilte Fälle. Die Ursachen waren Bleischminke der Amme, Bleiwasserfomente
auf die wunden Brustwarzen, und ein in der Saugflasche liegender Bleistöpsel.
Dyspepsie. 117
ringere. Der Appetit ist vermindert, die Zunge bald rein, bald grauweiss
belegt, die Urinsecretion sparsam.
Sobald, die geschilderten Symptome sich bei einem Säuglinge be-
merkbar machen, haben Sie zunächst an die Nahrung des Kindes zu
denken , weil diese erfahrungsgemäss fast immer die Ursache jener
Störungen bildet. Selbstverständlich sind künstlich mit Kuhmilch
aufgefütterte Kinder am häufigsten der Dyspepsie unterworfen. Bei
fast allen gepäppelten Kindern sind die Stühle überhaupt schon massen-
hafter, trockener, heller und etwas übelriechend, reagiren auch oft, statt
sauer, neutral oder alkalisch, was Biedert1) von dem stärkeren Gehalt
an Casern und dessen beginnender Zersetzung herleitet. Schlechte Be-
schaffenheit oder Verfälschung der Kuhmilch, noch häufiger unzweck-
mässige Ernährung mit mehligen Surrogaten zu einer Zeit, in welcher
die ungenügende Speichelsecretion deren Anwendung verbietet (S. 73)
steigern diese Uebelstände. Besonders mögen Sie auf die vielfach ge-
brauchten Saugflaschen Acht geben, deren Saugpfropfen durch einen
engen Gummischlauch mit dem Inneren der Flasche communicirt. Durch
mangelhafte Reinigung dieses Schlauches, in welchem dann gährende
Milchreste haften bleiben, wird die vom Kinde gesaugte, den Schlauch
passirende Milch mit Gährungserregern versetzt und die Ursache dys-
peptischer Störungen. Wir haben in der Poliklinik diese Thatsache so
häufig beobachtet, dass ich, falls nicht die Garantie sorgfältigster Reini-
gung gegeben werden kann, jene Saugflaschen absolut verwerfe. — Aber
auch Brustkinder bleiben keineswegs verschont; eine, wenn auch che-
misch oder physikalisch nicht nachweisbare Alteration der Mutter- oder
Ammenmilch, sei es durch Geinüthsaffecte, durch übermässige körper-
liche Anstrengung, Mangel an Nahrung, Eintritt der Menstruation, kann
erfahrungsgemäss Dyspepsie beim Kinde hervorbringen. Als schlagen-
des Beispiel führe ich ein viermonatliches Kind an, welches bei seiner
Amme prächtig gedieh, bis dieselbe eine suppurative Tonsillitis bekam,
welche ihr die grössten Schmerzen bereitete und den Schlaf raubte.
Sofort bekam das Kind Durchfall, täglich 5 — 6 dünne grüne foetide
Stühle, bis die Ruptur des Mandelabscesses erfolgte. Von diesem Tage
an verschwand auch die Dyspepsie des Kindes. Dass im Volke bei der
Ernährung der Kinder die unglaublichsten Missgriffe begangen werden,
die in den gebildeten Klassen nur ausnahmsweise vorkommen, erwähnte
ich bereits. Kleine Kinder, welche an der Brust oder mit der Flasche
ernährt werden, essen oft schon nach den ersten 5 bis 6 Monaten vieles
') Jahrb. f. Kinderheilk. XXVI11. S. 352.
118 Krankheiten des Säuglingsalters.
mit, was die Familie geniesst; Kartoffeln in verschiedener Form, Kohl,
Hülsenfrüchte, Aepfel, Weintrauben, Pflaumen werden ihnen häufig bei-
gebracht, auch fehlt es mir nicht an Fällen, wo Wurst, Pfannkuchen
u. dgl. m. als Nahrungsmittel dienten. Unter diesen Umständen kann
man sich nicht darüber wundern, dass Dyspepsie zu den häufigsten Er-
krankungen der Säuglinge, zumal in den niederen Ständen gehört, be-
sonders zur Zeit der Entwöhnung, mag diese nun erst am Ende des
ersten Jahres oder wegen zwingender Umstände (Ausbleiben der Milch-
absonderung, Krankheit) schon ein paar Monate nach der Geburt statt-
finden (Diarrhoea ablactatorum).
Was geht nun dabei im Magen und Darmkanal vor? Die Beant-
wortung dieser Frage war eine verschiedene je nach der Zeit, in wel-
cher sie aufgeworfen wurde. Die alte Ansicht von „Säurebildung"
in den Verdauungsorganen, die man auf den säuerlichen Mundgeruch und
auf die „saure ' Beschaffenheit der grünen Stühle stützte, machte, als die
pathologische Anatomie in den Vordergrund unserer Wissenschaft trat,
der anatomischen Erklärung Platz, dass ein „Catarrh" der Magen- und
Darmschleimhaut die Ursache der dyspeptischon Erscheinungen bilde.
Später kam man wieder auf die chemische Anschauung zurück, welche
meiner Ansieht nach auch die richtige ist. Es handelt sich hier in der
Hauptsache um Gährungs- und Fäulnissprocesse des Magen- und
Darminhalts, welche unter dem Einflüsse gewisser Bacterien, die mit
der Milch in den Magen gelangen und besonders auf den Zucker der-
selben gährend einwirken, zu Stande kommen1). Bei künstlicher Er-
nährung wird dies um so leichter geschehen, weil hier auf der Höhe
der Verdauung freie Salzsäure im Magen fehlt, wobei eine grössere Zahl
von Bacterien der Vernichtung entgeht2). Andererseits muss man zugeben,
dass auch durch directe Reizung unpassender Nahrungsmittel zunächst
ein catarrhalischer Zustand der Magenschleimhaut mit reichlicher Schleim-
absonderung sich bilden kann, welcher die Gährungsvorgänge begünstigt.
Unter diesen Verhältnissen kommt es zur Production abnormer Mengen
von Milch-, schliesslich von Butter- und anderen Fettsäuren, ein Pro-
cess, der sich über den Magen hinaus auf die Oontenta des Darmkanals
fortsetzen und hier unter dem Einfluss der Bacterien des Colon weitere
Fortschritte machen kann. Der säuerliche Geruch aus dem Munde, die
Schleiramassen im Erbrochenen, welches meistens sauer riecht, die foe-
tiden Ausleerungen, die Schärfe derselben, welche leicht Erytheme um
') Escherich, Die Darmbacterien des Säuglings. 1886. S. 116.
2) Escherich, Münchener med. Wochenschr. 1889. No. 46.
Dyspepsie. 119
den Anus hervorruft, die Flatulenz und der Abgang foetider Gase durch
den Anus, sowie die aus dem Magen entleerten Ructus — alle diese
Erscheinungen bilden den klinischen Ausdruck des anomalen chemischen
Processes. Von der microscopischen Untersuchung des Erbrochenen und
der Stühle will ich hier ganz absehen, weil es trotz vieler, zum Theil
anerkennenswerther Untersuchungen noch nicht gelungen ist, die Formen
der Microorganismen, auf die es hier speciell ankommt, mit Bestimmt-
heit festzustellen. Auch halte ich für den praktischen Arzt diese
schwierige und zeitraubende Untersuchung entbehrlich, da die klinischen
und ätiologischen Verhältnisse für die Diagnose ausreichend sind. Oft
kommt es zu einer durch Auge und Palpation deutlich erkennbaren Er-
weiterung des Magens, wobei ich stinkende Ructus, und in den er-
brochenen Milch- und Schleimmassen buttergelbe Fettfiocken beobachtete.
Die in diesen Fällen oft versuchte, immer leicht gelingende Ein-
führung einer einfachen Magenpumpe (Nelaton'scher Catheter) entleerte
ebenfalls solche Massen und hatte jedes Mal rasches Einsinken
der zuvor stark ausgedehnten Magengegend zur Folge. Diese Gährungs-
processe sind übrigens keineswegs dem Säuglingsalter ausschliesslich
eigen. Auch später, oft genug noch bei Erwachsenen, sehen wir durch
Ueberladung des Magens mit quantitativ und qualitativ schädlichen Speisen
und Getränken ähnliche Vorgänge zu Stande kommen, die unter dem
Namen Status gastricus, biliosus, saburralis, Diarrhoea stercoralis u. s. w.
beschrieben sind. Während aber bei älteren Kindern und Erwachsenen
der krankhafte Process mit der Entleerung der gährenden Massen nach
oben und unten sein Ende zu erreichen pflegt und deshalb fast immer
in acuter Form auftritt, kommt dieser rasche Abschluss bei Säuglingen
nur dann vor, wenn die Diät sofort in normaler Weise regulirt
wird. Beschränkung der Nahrung durch seltenere Darreichung der
Brust, Ersatz derselben durch abgekochtes Wasser, Ernährung mit Ei-
weisswasser genügen oft, um binnen wenigen Tagen das Uebel zu be-
seitigen. Leider sind aber die Verhältnisse sehr häufig nicht geeignet,
die Kinder vor neuen Anfällen derselben Art zu bewahren. Nur zu oft
werden die dyspeptischen Erscheinungen längere Zeit nicht beachtet und
im Volke gewöhnlich auf die Zahnentwickelung geschoben, mit welcher
sie gar nichts zu thun haben. Ohne Hülfe eines Arztes versucht
man sie durch mehlige Nahrungsmittel (Haferschleim, Mehlsuppen
u. s. w.) zu beseitigen, und verschlimmert dadurch die Sache. So dauern
denn die anomalen foetiden Ausleerungen, oft auch das Erbrechen, Wo-
chen lang fort, und die Folge davon ist mehr und mehr zunehmende
Atrophie, wie ich sie früher (S. 65) geschildert habe. Der Verlauf
120 Krankheiten des Säuglingsalters.
wird hier vorzugsweise durch die Möglichkeit einer zweckmässiger. Er-
nährung und Behandlung bestimmt. Monate lang kann ein Wechsel
zwischen Besserung und Verschlimmerung stattfinden, je nachdem die
Anordnungen des Arztes mehr oder weniger befolgt werden, und zu dem
ursprünglich chemischen Processe gesellt sich früher oder später ein
anatomischer, indem der fortdauernde reizende Contact der gährenden
Contenta eine catarrhalische Affection der Schleimhaut zur Folge
hat. Die Section ergiebt dann stellenweise Hyperämie und Wulstung
der Mucosa, wobei die solitären Follikel und Peyer'schen Plaques mehr
als gewöhnlich über dem Niveau der Schleimhaut hervortreten, also die
Erscheinungen des chronischen Darmkatarrhs, auf welche ich
später näher eingehen werde, bei deren Beurtheilung im vorliegenden
Fall aber immer der Standpunkt festzuhalten ist, dass es sich hier nicht
um eine primäre Erkrankung der Schleimhaut handelt, diese vielmehr
als eine in Folge chemischer Processe secundär entstandene aufgefasst
werden muss. Mitunter ist übrigens die Veränderung der Schleimhaut
trotz einer Monaten langen Dauer der Krankheit, wenigstens
macr oscopisch, höchst unbedeutend und nur bei sorgfältiger
Untersuchung nachweisbar.
Eine besondere Art von Dyspepsie wurde von Demme') und
Biedert2) unter dem Namen Fettdiarrhoe beschrieben. Sie soll
sich durch den copiösen Abgang gallenarmer, fettglänzender, selbst as-
bestähnlicher Stühle charakterisiren, deren chemische und microscopische
Untersuchung einen sehr erhöhten Fettgehalt (40 bis 67 pOt. der
Trockensubstanz) nachweist Dieser Zustand, welcher sowohl bei natür-
licher, wie bei künstlicher Ernährung vorkommen, und wenn er chro-
nisch wird, zu Atrophie führen soll, wird von Biedert auf einen
Duodenalcat^rrh bezogen, welcher den Eintritt der fettverdauenden Se-
crete (Galle und Pancreassaft) in den Darmkanal erschwert, so dass der
grösste Theil des genossenen Fettes in unverdautem Zustande wieder ab-
geht, und die Ernährung wesentlich geschädigt wird. Ich selbst bin, ob-
wohl ich die beschriebenen fettreichen Stühle mehrfach beobachtet habe,
doch nicht in der Lage, die Berechtigung, diese „Fettdiarrhoe" als eine
besondere Form von Dyspepsie zu betrachten, anzuerkennen, auch
scheint mir der Mangel des Icterus in allen diesen Fällen für die Bie-
dert'sche Auffassung nicht günstig zu sein. In der That sind die schon
früher (von Uf fei mann) gegen diese vorgebrachten Bedenken durch
') Jabresber. des Jenner'schen Kinderspitals von 1874, 1877, 1880, 1882.
2) Jahrb. f. Kinderheilk. XII., XIV. u. s. w.
Dyspepsie. ] 2 1
Untersuchungen1) über den schwankenden, mitunter excessiven Fettge-
halt der Faeces gesunder, oder an Diarrhoe und fieberhaften Affec-
tionen leidender Säuglinge bestätigt worden. —
Tritt die Dyspepsie der Säuglinge von vorn herein acut auf, so
geschieht dies zuweilen mit so stürmischen Erscheinungen, dass sich
schon nach wenigen Tagen ein bedenklicher, selbst tödtlicher Erschöpfungs-
zustand ausbilden kann. Das Krankheitsbild ist dann sehr ähnlich dem,
welches Sie später bei der Schilderung der infantilen Cholera kennen
lernen werden, doch kommen die Fälle, welche ich hier im Sinn habe,
immer sporadisch, auch mitten im Winter vor, also zu einer Zeit, in
welcher die eigentliche Cholera nicht aufzutreten pflegt. Auch lässt
sich fast immer ein Diätfehler gröberer Art als Ursache nachweisen,
sogar in wohlhabenden Familien, wo den kleinen Kindern durch zärt-
liche Verwandte oder dunh das Hauspersonal in wohlwollendster Ab-
sicht unverdauliche Leckerbissen beigebracht werden. Stürmisches Er-
brechen, profuse, rasch aufeinander folgende , dünne, stinkende Aus-
leerungen, die allmälig immer heller und farbloser werden, enormer
Durst, verändertes Gesicht, besonders Einsinken der Augen, kühle Tem-
peratur der Haut, Schwinden des Pulses und Depression der Fontanelle,
selbst Convulsionen, finden sich hier wie bei der Cholera, wo diese
Symptome durch einen epidemischen, wahrscheinlich infectiösen Einfluss
zu Stande kommen. Die Ursache des raschen Collapses liegt wohl in
den stürmischen serösen Entleerungen nach oben und unten, welche
durch den Reiz der gährenden Massen auf die Schleimhaut und durch
die gesteigerte Peristaltik bedingt werden. Diese enormen Wasserver-
lustc erklären einerseits die rasche Resorption der Parenchymsäfte, wo-
durch Verfall der Gesichtszüge und Einsinken der' Fontanelle verursacht
werden, andererseits die hochgradige Schwäche des Herzens, welche in
der Apathie und Somnolenz (arterielle Anämie und venöse Hyperämie
des Gehirns), in dem Schwinden des Pulses und dem Sinken der Tem-
peratur ihren Ausdruck findet. Solche Fälle können auch tödtlich
werden, doch gestaltet sich ihre Prognose erfahrungsgemäss im Allge-
meinen günstig, weil nach der stürmischen Ausstossung der deletären
Darmcontenta die Affection meistens aufhört und die gesunkenen Kräfte
sich wieder heben. Im Fall eines tödlichen Ausgangs ergeben die Sec-
tionen macroscopisch höchstens leichte catarrhalische Veränderungen
der Magen- und Darmschleimhaut, zuweilen nur eine der allgemeinen
») Tschernoff, Ebendas. XXII. S. 1. — Kramsztyk. Ebend. S. 270.
122 Krankheiten des Säuglingsalters.
Anämie entsprechende enorme Blässe derselben, mit leichter Schwellung
der Follikel.
Unter diesen Verhältnissen müssen Sie auch darauf gefasst sein,
jene eigenthümliche Veränderung des Magens anzutreffen, welche unter
dem Namen der „gallertartigen Magenerweichung, Gastro-
malacie" die Aerzte viele Jahre lang beschäftigt hat. Der geringste
Grad, welchen man ziemlich oft findet, besteht in breiartiger Weichheit
der Schleimhaut des Fundus, auch wohl der hinteren Magenwand, die
sich mit dem Scalpelstiel wie eine dicke Gummilösung abstreifen lässt.
Es sind also gerade solche Partien betroffen, welche bei der gewöhn-
lichen Lage der Leichen am stärksten der Einwirkung der Magencon-
tenta ausgesetzt sind. Seltener greift die Erweichung durch alle Häute
des Magens hindurch, welche dann an der betreffenden Stelle in eine
graue, röthliche oder schwarzbraune halbdurchsichtige Gallerte verwan-
delt sind, die einen Geruch nach Buttersäure hat und das Lakmuspapier
röthet, Meistens wird sie noch durch den serösen Ueberzug zusammen-
gehalten, doch kann auch dieser vor der Section einreissen, und man
findet dann an der Stelle des Fundus nur noch einzelne, mit den
gallertigen Massen und dem Mageninhalte vermischte Reste der Serosa.
Von Entzündung ist nirgends eine Spur wahrzunehmen; das Micröscop
ergiebt in den erweichten Partien nur eine schleimartige, von Epithel-
zelien durchsetzte Substanz, und einzelne noch intacte, mit dunklen
Gerinnseln angefüllte Blutgefässe. Die alte Frage, ob die Gastromalacie
eine wirkliche Krankheit oder nur eine nach dem Tode entstandene che-
mische Veränderung des Magens sei, ist heut unzweifelhaft zu Gunsten
der letzten Ansicht entschieden. Es handelt sich hier um eine post-
mortale Selbst Verdauung der Magenwand durch die Contenta, welche
also nur da erwartet werden kann, wo noch Nahrungsmittel genossen
worden und der Tod während der Digestion erfolgt ist. Daraus erklärt
sich, dass mitunter nicht nur der Magenfundus, sondern auch die an-
grenzenden Organe, Milz, linke Niere, Netz, Zwerchfell, selbst der untere
Lappen der linken Lunge, mehr oder weniger verdaut und erweicht an-
getroffen werden. Dass man früher diese Alteration als eine krank-
hafte betrachtet und mit einem bestimmten Symptomencomplex ausge-
stattet hat, der mit unserer acuten Dyspepsie oder Cholera vollständig
übereinstimmt, erklärt sich eben daraus, dass gerade bei diesen Krank-
heiten anomale Gährungsvorgänge der Magencontenta die Hauptrolle
spielen, und daher nach dem Tode die deletäre Einwirkung derselben
auf die Wandung leichter eintreten wird, als bei anderen krankhaften
Zuständen. — ■
Dyspepsie. ] 23
Die verderblichen Folgen, welche wir aus einer in ihren Anfängen
vernachlässigten Dyspepsie hervorgehen sahen, machen uns eine früh-
zeitige und ernstliche Behandlung zur Pflicht, die freilich nur da mit
guten Aussichten erfüllt werden kann, wo die Lebensverhältnisse der
kleinen Patienten günstig sind und unsere Verordnungen sorgfältig be-
folgt werden. Bei den Kindern der Armen kommt unsere Hülfe oft zu
spät, und selbst wenn sie rechtzeitig erbeten wird, stösst sie auf schwer
zu beseitigende, vorzugsweise in dem Mangel angemessener Nahrung be-
gründete Hindernisse.
In acuten Fällen treten Sie oft erst dann an das Krankenbett, wenn
die Natur durch massenhafte Entleerungen nach oben und unten die
schädlichen Contenta aus dem Verdauungskanal bereits entfernt hat. Sie
finden das Kind nur noch erschöpft, und haben dann nichts weiter zu
thun, als die Regulirung der Diät zu überwachen. Haben Sie ein
Brustkind vor sich, so muss zunächst, wenn nicht ein entschiedener
Diätfehler nachweisbar ist, die Möglichkeit einer schädlichen Verände-
rung der Milch ins Auge gefasst werden. Gemüthsaffecte und Ueberan-
strengung der Säugenden verändern die Milch nur vorübergehend, und
das Kind kann daher wieder an die Brust angelegt werden, sobald die
dyspeptischen Ausleerungen aufgehört haben. Man hüte sich aber be-
sonders vor Ueberfütterung, die nur zu oft an den dyspeptischen Zu-
fällen schuld ist. Schon die Muttermilch bedarf zu ihrer Verdauung
mindestens 2 Stunden, die Kuhmilch wohl noch mehr, und diese Inter-
valle müssen daher genau innegehalten werden, bevor das Kind wieder Nah-
rung bekommt1). Leider stösst man in der Praxis hier oft auf unver-
ständigen Trotz, aber die Untersuchungen von Biedert2), welcher nach-
wies, dass die Menge der aufgenommenen Nahrung in den ersten Monaten,
zumal bei Päppelkindern, das eigentliche Nahrungsbedürfniss oft weit
übersteigt, fordern dringend dazu auf, dem Unverstände des Publicums
energisch zu begegnen, d. h. die Nahrungsmenge herabzusetzen3). Ich
habe unter diesen Umständen schon bei gesunden Säuglingen collaps-
1) Epstein (Archiv f. Kinderheilk. IV.) und Leo (Berliner klin. Wochenschr.
1888. No.49) fanden zwar bei ihren Magenausspülungen den Magen gesunder mehr-
wöchentlicher Kinder, welche 30—70 Grm. Muttermilch getrunken hatten, meistens
schon nach 1 — 1 '/^Stunden leer; doch kann mich dies nicht bestimmen, von der oben
empfohlenen Praxis abzuweichen.
2) Jahrb. f. Kinderheilk. XVII. S. 251, 288. XIX. S. 291.
3) Durch überreichliches Trinken wird auch die Urinmenge gesteigert; es
entsteht Polyurie, welche hartnäckige Intertrigo der Genital- und Analgegend
herbeiführen kann.
1 '24 Krankheiten des Sä aglingsalters.
artige Zufälle, Erblassen, ohnmachtähnliche Erscheinungen beobachtet,
die nach dem Ausbrechen der überschüssigen Milch rasch verschwanden.
Um so nothwendiger ist die Beschränkung bei vorhandener Dyspepsie.
Man thut daher immer gut, 24 bis 36 Stunden lang die Brust ganz zu
entziehen oder seltener als gewöhnlich nehmen zu lassen, und dafür
etwas dünnen Hafer- oder Gerstenschleim, noch besser Eiweisswasser (2 Ei-
weiss auf ein Liter Wasser, auch wohl mit etwas Zucker oder Cognac)
zu geben. Sollte der Eintritt der Menstruation bei der Amme jedes Mal
Dyspepsie des Kindes erzeugen, so bleibt nichts weiter übrig, als Wechsel
der Amme oder Entwöhnung. In der Majorität der Fälle habe ich in-
dess keine üble Einwirkung der Menses auf die Milch beobachtet, und
mich daher nur selten veranlasst gesehen, aus diesem Grunde eine
Amme fortzuschicken. Aehnlich verhält es sich mit acuten krankhaften
Zuständen der Säugenden, die, wie ich an einem Beispiel zeigte (S. 117),
dyspeptische Zustände hervorrufen können, aber dies keineswegs immer
thun. Nur wo die acute Krankheit der Säugenden voraussichtlich eine
kurze und leichte ist, darf man das in Folge derselben an Dyspepsie
leidende Kind während dieser Zeit mit künstlicher Nahrung hinhalten;
im entgegengesetzten Falle müssen Sie eine Ersatzamme zu beschafi'en
suchen. Handelt es sich aber von vornherein um ein Päppelkind,
so werden Sie, nachdem der Anfall vorüber ist, die gewohnte Nahrung,
wenn Sie diese für angemessen halten, vorsichtig wieder versuchen.
Treten dennoch Recidive ein, so muss natürlich ein Wechsel der Er-
nährung vorgenommen werden, und in diesem Falle kommt zunächst die
Frage in Betracht, ob man nun statt der bisher von Anfang an oder
seit längerer Zeit geübten künstlichen Auffütterung eine Amme nehmen
soll. Gestatten es die Verhältnisse der Eltern, so muss man unbedingt
dazu rathen. Man begegnet zwar dabei manchen Schwierigkeiten, weil
die Kinder die gewohnte Saugflasche, aus welcher ihnen die Milch mühe-
los in den Mund lief, dem ungewohnten Saugen an der Mamma vor-
ziehen und dies oft entschieden verweigern Dennoch gelingt es meistens,
wenn man nur Geduld hat, diese Schwierigkeit zu überwinden. Ja, ich
sah Kinder von 3—4 Monaten, die von Geburt an künstlich gefüttert
waren, sich noch ohne viele Umstände an die Ammenbrust gewöhnen.
Freilich ist die Sache damit nicht immer abgethan, denn auch die Milch
der Amme kann aus verschiedenen Gründen (S. 117) dem Kinde nicht
zusagen und dyspeptische Symptome verursachen, so dass man abermals
zu einem Ammenwechsel genöthigt wird, und die Fälle, wo ein solches
Kind drei oder mehr Ammen nach einander bekommt, bis endlich die
passende gefunden ist, gehören nicht zu den Seltenheiten.
Dyspepsie. 125
Die leitenden Grundsätze für die diätetische Behandlung der in-
fantilen Dyspepsie lassen sich nur ganz im Allgemeinen angeben, weil
Ihnen öfters Fälle begegnen werden, welche sich diesen Regeln aus un-
erklärlichen Ursachen nicht anpassen lassen und in anderer Weise be-
handelt werden müssen. So kamen mir zuweilen Dyspepsien vor, welche
trotz mehrfachen Ammenwechsels fortbestanden und erst aufhörten, so-
bald die Kinder entwöhnt wurden. Andere, welche überhaupt nur
künstlich aufgefüttert wurden, reagirten gerade gegen die Kuhmilch,
die ich immer als das beste Surrogat befrachte (S. 73), durch dyspep-
tische Zufälle, so dass man sie weglassen und durch andere Nährmittel
(S. 76) ersetzen musste. Indessen ist die Befürchtung vieler Aerzte,
dass gute Kuhmilch unter diesen Umständen nicht vertragen wird, wenn
auch sehr verbreitet, doch im Allgemeinen nicht gerechtfertigt. Ich
rathe Ihnen, sich hier weniger durch theoretische Bedenken, als
durch die Praxis leiten zu lassen, und immer erst wiederholte Experi-
mente mit der Kuhmilch zu machen, bevor Sie zu Surrogaten übergehen.
Wie häufig wurden mir kleine Kinder mit Dyspepsie zugeführt, die aus
Scheu vor der Kuhmilch nur mit Haferschleim und dünner Mehlsuppe
gefüttert und dabei immer mehr atrophirt waren! Ich kehrte dreist
zur Milch zurück, und oft sah ich dann die Stühle und das Allgemein-
befinden sich von Tag zu Tag bessern. Die Erfahrung lehrte mich
aber, dass unter diesen Verhältnissen oft kalte Milch viel besser
als warme vertragen wird: man lasse sie daher nach dem Ab-
kochen erkalten, bei acuter Dyspepsie sogar in Eis stellen, und gebe
sie den Kindern in dieser Temperatur zu trinken. Die meisten nehmen
sie willig, viele sogar mit Begierde, und der Augenblick, in welchem
sie die kalte Milch zurückweisen und sich wieder mit Vorliebe der er-
wärmten zuneigen, war mir immer ein günstiges Vorzeichen der begin-
nenden Heilung. So lange aber dyspeptisches Erbrechen besteht, wird
man gut thun, die kalte Milch nur löffelweise dem Kinde zu geben,
weil das Trinken aus der Flasche leicht Ueberladung des Magens und
Erbrechen bedingt.
Kind von lOMonaten, seit ß Wochen entwöhnt, seit 1 '/2Wochen an Diarrhoe
leidend, gegen welche Salzsäure mit wechselndem Erfolg gebraucht war. Am 19. De-
cembor plötzliche Steigerung, zahlreiche dünnbreiige, hellgelbe Ausleerungen, sel-
tenes Erbrechen, lebhafte Unruhe, geringer Verfall der Gesichtszüge, normaler,
aber beim Druck empfindlicher Unterleib. Statt der Milch war in den letzten Tagen
nur Kalbsbrühe gegeben worden, doch weder diese, noch kleine Dosen Opium, noch
Calomel wirkten günstig. Vielmehr erfolgten innerhalb 24 Stunden wohl gegen
20 Ausleerungen und häufiges Erbrechen, dabei starke Hitze und unstillbarer Durst.
1 "26 Krankheiten des Säuglingsalters.
Milch mit Arrow root am 22. gegeben, hatte wiederholtes Erbrechen und noch stärkere
Diarrhoe zur Folge. Von nun an Hess ich von Stunde zu Stunde ein paar Kinder-
löffel in Bis gekühlter Milch und zur Stillung des Durstes öfters kleine Eis-
stückchen und eiskaltes Wasser mit wenig Zucker versetzt reichen. Als Medicament
wurde nur Mandelemulsion, ebenfalls in Eis gekühlt, theelöffelweise verordnet.
Am folgenden Tage bereits entschiedene Besserung; Ruhe und mehrstündiger
Schlaf, Puls und Temperatur normal, Durst bedeutend geringer; Erbrechen hatte nur
noch einmal nach starkem Schreien stattgefunden und die drei erfolgten Aus-
leerungen waren durchaus normal. Am 24. völlige Reconvalescenz, wobei das
Kind die bisher mit Gier genommene kalte Milch verweigerte und sich wieder der
gewohnten lauen, mit Arrow root versetzten Milch geneigt zeigte. Eine noch fort-
bestehende Anorexie mit dickem weisslichem Zungenbelag wich binnen einer Woche
dem Gebrauch kleiner Dosen Tinct. rhei aquosa
Kind H., 1 Jahr alt, seit der vor 14 Tagen erfolgten Entwöhnung an dyspep-
tischer Diarrhoe leidend. Am 12. November fand ich dasselbe stark collabirt,
kühl, mit kaum fühlbarem Puls. Milch und alle anderen Getränke wurden sofort
ausgebrochen, täglich 12 bis 15 dünne, bräunliche, stinkende Ausleerungen. Verord-
nung: eiskalte Milch löffelweise zugeben, 2 Kamillenbäder täglich, Magister. Bis-
muthi 0,05 2stündlich. Am 14. kein Erbrechen mehr, kalte Milch gierig genommen,
wird gut vertragen. Nur noch 6 bis 7 faulig riechende Ausleerungen täglich.
Dagegen Creosot gtt. 4 auf 50,0 Wasser, 2 stündlich einen Theelöffel. Heilung
nach 4 Tagen.
Diese Beispiele, die mir in grosser Anzahl zur Verfügung stehen,
enthalten gewiss eine Aufforderung, bei acuter Dyspepsie der Säuglinge
immer eiskalte Milch als Nährmittel zu versuchen. Doch hat die Milch
auch in dieser Form nicht immer einen günstigen Erfolg, und man
ist dann genöthigt, statt derselben andere Getränke, Eiweisswasser,
Brühe, Gerstenschleim, Abkochungen von Salep, Arrow root oder Kin-
dermehl zu verabreichen. Bei unstillbarem Erbrechen liegt auch der
Versuch nahe, die Ernährung per rectum vorzunehmen, und ich habe
dies durch Klystiere von Pepton (etwa ein Theelöffel voll auf eine halbe
Tasse Fleischbrühe) versucht, indess keinen Erfolg davon gesehen, wahr-
scheinlich, weil die gleichzeitig sehr rege peristaltische Darmbewegung
durch die Klystiere noch gesteigert wurde, welche fast unverändert alsbald
wieder ausgestossen wurden. Ueber die innerliche Anwendung der Pep-
tone, die von Escherich gerühmt wird, besitze ich keine Erfahrung.
Die von Epstein1) u. A. bei Dyspepsie junger Kinder empfohlenen
Magenausspülungen, welche (S. 119) meistens leicht ausführbar sind,
halte ich, (auch bei älteren Kindern, zumal wenn der Magen deutlich
') „Ueber Magenausspülungen bei Säuglingen." Archiv f. Kinderheilk. IV. —
Jahrb. f. Kinderheilk. XXVII. S, 113. - Lorey, Ebendas. XXVI. S.44, -Ehring,
Ebendas. XXVII. S. 258.
Dyspepsie. 127
ausgedehnt und ein Diätfehler zu constatiren ist), immer des Versuchs
werth. Dass die Heilung oft ohne Magenausspülungen gelingt, ist
sicher; keinesfalls aher können diese schädlich wirken, und dürften
durch rasche Wegschaffung gährender Ingesta den günstigen Ausgang be-
schleunigen. Doch hüte man sich vor einer Ueberschätzung dieser
Therapie. In manchen Fällen genügte auch uns zwar eine einzige Aus-
spülung, um hartnäckiges Erbrechen zu sistiren; häufiger aber führten
auch wiederholte Ausspülungen nicht zum erwünschten Ziele, woran aller-
dings auch der elende Zustand der meisten in unserer Säuglingsabthei-
lung befindlichen Kinder die Schuld tragen mochte.
Was die medicaraentöse Behandlung betrifft, so empfehle ich in
frischen Fällen von Dyspepsie, die nicht über eine Woche alt sind,
mögen sie sich nun durch Erbrechen, Diarrhoe oder durch beides kund-
geben, als erstes Mittel Calomel (je nach dem Alter der Kinder in
der Dosis von 0,005 bis 0,01 3stündlich mit Pulv. gummös. 0,5
[F. 2]). Die Wirkung dieses Mittels ist wahrscheinlich eine antifermen-
tative, ohne dass sich über die Art derselben etwas bestimmtes sagen
liesse. Die Ansicht, nach welcher sich Calomel durch das Chlornatrium
des Magen- und Darminhaits in Sublimat umwandeln soll, ist nur in so-
weit richtig , als diese Umwandelung sehr allmälig und überhaupt
nur dann stattfindet, wenn grosse Mengen Calomel lange im Darm
verweilen. Beides trifft aber für unseren Fall nicht zu. Halten wir
uns daher an die praktisch festgestellte therapeutische Wirkung!
Nachlass des Erbrechens, Verbesserung der Stühle (Abnahme des Foe-
tors und breiigere Beschaffenheit derselben) treten häufig schon am
zweiten oder dritten Tage des Gebrauchs hervor, und in einer Reihe von
Fällen bedarf es dann keines anderen Mittels. Vielleicht muss die,
wenn auch nur geringe abführende Wirkung, welche selbst so kleine
Calomeldosen bei Säuglingen haben, als günstige Nebenwirkung auf-
gefasst werden, weil es in den betreffenden Fällen doch zunächst darauf
ankommt, die anomalen Darmcontenta so schnell als möglich aus dem
Organismus zu entfernen. Hat die Affection schon eine Woche oder
länger bestanden, so darf man sich vom Calomel nicht mehr so günstige
Erfolge versprechen, wie in frischen Fällen, doch ist das Mittel auch
dann noch zu versuchen. Wenigstens habe ich nie eine nachtheüige
Wirkung desselben beobachtet').
Dem Calomel zunächst steht die Salzsäure (F. 3), welche Sie
auch in nicht mehr ganz frischen Fällen mit Erfolg anwenden können.
') Vergl. über die Wirkung des Calomel auf Gährungsprocesse u. s. w. Wassi-
lieff, Zeitsohr. f. physiol. Chemie. VI. S. 112.
128 Krankheiten des Säuglingsalters.
Sie wirkt, wie die Versuche von Schottin1) ergeben, gährungswidrig.
Er zeigte an gährenden in einer Brütmaschine befindlichen Flüssigkeiten,
dass sowohl Milch- und Buttersäuregährung durch Zusatz von Schwefel-
säure sofort sistirt wird und erst wieder beginnt, nachdem die Säure
durch ein Alkali abgestumpft ist. „Die Salzsäure wirkt entschieden
noch günstiger, weil sie daneben noch die Proteinsubstanzen im Magen
zu lösen und für den ausfallenden Magensaft zu vicariren vermag2)."
In frischen Fällen dürfen Sie keinen Zusatz von Opium machen, dessen
verstopfende Wirkung sich durch Gasauftreibung der Därme zu rächen
pflegt. Sind aber mehrere Tage verstrichen, ohne dass nach der Entleerung
der schädlichen Oontenta noch ein Reizzustand der Schleimhaut und ver-
mehrte Peristaltik fortbesteht, so ist der Zusatz von Tinctura the-
baica (etwa 3—4 gtt. zu der Mixtur) zu empfehlen.
Die Erfolge, welche ich mit Calomel und Salzsäure erzielte und
schon früher3) veröffentlichte, haben seitdem durch zahllose Fälle Be-
stätigung erhalten. Von vielen Aerzten werden aber der Säure alkali-
sche Mittel, zumal Natrum bicar bonicum, vorgezogen. Wenn dies
nun auch die Säure der gährenden Magencontenta momentan zu neu-
tralisiren vermag, so wird es doch dem Gährungsprocess selbst kaum
etwas anhaben; ich kann daher weder diesem, noch anderen alkalischen
Mitteln, z. B. Natron benzoicum4), das Wort reden. Wo Calomel und
Salzsäure im Stich lassen, empfehle ich Creosot, zumal in Fällen, wo
das Erbrechen vorherrscht; aber auch da, wo nach dem Vorübergehen
stürmischer Erscheinungen noch stinkende dünne Sedes fortdauerten,
gegen welche Salzsäure erfolglos blieb, zeigte dieses Mittel sich wirksam,
sobald es nur in ausreichender Dosis (je nach dem Alter 1/4 — '/2 Tropfen
2 stündlich) gegeben wurde (F. 4). Die folgenden Fälle zeigen, dass
man auch stärkere Gaben nicht zu scheuen braucht.
Knabe von 7 Monaten, Päppellrind. Seit einigen Tagen Erbrechen der Milch,
theils flüssig, theils geronnen, mit säuerlichem Geruch. Dabei häufige dünne, weiss-
') Köhler, Handb. der physiol. Therapeutik. Göttingen, 1876. S. 882.
-) Wenn Moncorvo (Sur les troubles dyspeptiques etc. Paris, 1889) behauptet,
dass der ausgeheberte Mageninhalt solcher Kinder meistens eine ungenügende Menge,
oder gar keine Salzsäure enthalte, so ist dem entgegen zu halten, dass nach den
Untersuchungen von Leo (Berl. Hin. Wochcnschr. 1888. S. 981) und Heubner
(Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. 32. S. 27. 1891) auch bei gesunden Säuglingen freie
Salzsäure im Mageninhalte sehr häufig nicht nachzuweisen ist, weil sie von der
Milch in Boschlag genommen wird.
3) Beiträge zur Kinderheilk. N. F. S:"293.
4) Eschorich, Centralbl. f. Bacteriologie u. s. w. 11. 1887. No. 21.
Dyspepsie. 129
bierähnliche, sauer riechende Stühle. Salzsäure allein und mit Opiumtinctur versetzt
ohne Wirkung. Ich versuchte nun Creosot gtt. 8, Aq. comraun. 45,0, Syrup. simpl.
15,0 2stündlich 1 Theelöffel. Nach 2 Tagen Aufhören des Vomitus, aber Fortdauer
der Diarrhoe, die später durch kleine Dosen Opium gestillt wurde.
Mädchen von 6 Wochen, Päppelkind. Seit 24 Stunden Diarrhoe und Er-
brechen nach jedesmaligem Trinken. Das Erbrochene riecht stark sauer. Creosot
gtt. 4 auf 60.0 2stündl. 1 Theelöffel. Nach 4 Tagen nur noch 1 bis 2 normale
Stühle täglich, kein Erbrechen mehr.
Ausser mit den genannten Mitteln machte ich noch Versuche mit
anderen , denen antifermentative Wirkungen zugeschrieben werden,
Ohloralhydrat 1,0 und mehr auf 100,0) Carbolsäure, Aqua
chlorica, Resorcin und Naphthalin. Von allen diesen Mitteln bin
ich zurückgekommen, weil sie den Erwartungen durchaus nicht ent-
sprachen. Dasselbe gilt von dem viel empfohlenen Pepsin, wohl des-
halb, weil wir nicht im Stande sind, die Indication desselben im ein-
zelnen Falle genau festzustellen. Das Mittel kann doch nur da helfen,
wo die dyspeptische Gährung durch verminderte Secretion des Magen-
safts oder Abnahme seines Pepsingehalts erzeugt wird. Diese Verände-
rungen aber lassen sich nur durch Ausheberung und chemische Unter-
suchung des Mageninhalts, und auch dann nur annähernd beurtheilen,
ein Verfahren, was in der täglichen Praxis meistens gar nicht durch-
führbar ist. Unter diesen Umständen bleibt also die Anwendung des
Pepsins gegen infantile Dyspepsie immer ein Experiment, welches man
von vorn herein oder nach der fruchtlosen Anwendung anderer Mittel
anstellen kann, dessen Erfolg aber als ein glücklicher Zufallzu betrachten
ist. Ich verordnete Pepsin entweder rein (0,06 -0,1)? oder mit Salzsäure
versetzt (F. 5) in der Form der in den Apotheken käuflichen Pepsin-
essenz. Das Mittel muss immer eine halbe Stunde vor oder nach dem
Genüsse der Nahrung genommen werden.
Richard K., 10 Wochen alt, Päppelkind, schlecht genährt, am 7. December
vorgestellt. Seit einigen Tagen kein Schlaf, häufige Coliken, täglich 10 bis 12
dünne, grüne, den After wundmachende Stühle, geringer Meteorismus, kein Er-
brechen, kein Fieber. Calomel ohne Erfolg gebraucht. Pepsin (0,06 3— 4mal täg-
lich) bewirkt nach 12 Dosen Heilung. Am 13. April von neuem wegen Erbrechens
nach jedem Nahrungsgenuss in die Poliklinik gebracht. Dasselbe besteht schon seit
einigen Wochen, Soor im Munde. Pepsin 0,06 4 mal täglich. Schon am 16. bedeuten-
der Nachlass des Erbrechens, am 23. Heilung.
Mädchen von 15 Wochen, am 6. Mai vorgestellt, Päppelkind. Seit 4Wochen
Erbrechen, besonders häufig nach dem Genuss der Milch, und Diarrhoe. Grosse Un-
ruhe, massige Atrophie, viel Durst, Stühle sehr foetide. Pepsin 0,06 4mal täglich.
Am 14. Heilung. Täglich 3 normale Stühle.
Knabe von 6 Wochen, Brustkind, am 19. Januar vorgestellt. Unmittelbar nach
Henocli. Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 9
1 30 Krankheiten des Säuglingsalters.
jedem Trinken starkes Erbrechen, häufige grüne stinkende Ausleerungen. Calomel
ohne Wirkung. Am 24. Pepsin 1,0, Aq. dest., Syr. simpl. ana 15,0, Acidi hydro-
chlor. gtt. 10 2stündl. 1 Theelöffel. Am 27. Erbrechen viel seltenerund erst 10 bis
15 Minuten nach dem Saugen. Stühle besser. Pepsin auf 1,5 gesteigert. Am 31. Heilung.
Unter gewissen Umständen hat also auch Pepsin Erfolge aufzu-
weisen, und man kann bei dar Dyspepsie, wie Sie sehen, dahin kommen,
alle von der Erfahrung erprobten Mittel nacheinander zu versuchen.
In dem einen Fall wird dies, in dem anderen jenes Medicament sich
wirksamer zeigen, ohne dass wir im Stande sind, die Gründe dieser Ver-
schiedenheiten aufzufinden. Den bereits genannten reihen sich noch
mehrere Mittel an, von denen bei der Schilderung der „Diarrhoe"
weiter die Rede sein wird, besonders das Bismuthum subnitricum.
Der Zeitpunkt, in welchem die Beimischung von Schleimfetzen in den
Stühlen anzeigt, dass die chemischen Vorgänge die Darmschleimhaut
in einen catarrhalischen Zustand zu versetzen beginnen, scheint mir vor-
zugsweise zur Anwendung dieses Mittels geeignet. Kindern im ersten
Jahre kann man dreist 0,05 bis 0,2 Magist. Bismuthi 5 mal täglich
geben, und bei wochenlanger Dauer sah ich von einem Zusatz von Extr.
Opii aquos. (0,002) eine gesteigerte Wirkung. Auch später, wenn die
Symptome des chronischen Intestinalcatarrhs immer mehr in den Vor-
dergrund treten, bildet Wismuth eins unserer zuverlässigsten Mittel. Das
Argentum nitricum (0,05: 100) leistet in manchen Fällen dyspeptischer
Diarrhöe ebenfalls gute Dienste, ist daher bei grosser Hartnäckigkeit
derselben immer des Versuchs werth. Nach erfolgter Heilung empfehle
ich als Tonicum für die Verdauung das Rheum, welches in Form der
Tinetura rhei vinosa (je nach dem Alter 5 bis 15 gtt. 3 bis 4mal
täglich) Wochen lang fortgebraucht werden muss.
V. Die Coryza der Säuglinge.
Die grosse Empfindlichkeit der kindlichen Nasenschleimhaut des
Neugeborenen zeigt sich bald nach der Geburt und in den ersten
Lebenswochen dadurch , dass der Contact der atmosphärischen Luft
häufiges reflectorisches Niesen hervorruft. Eine Erkältung, welche das
Kind z. B. beim unvorsichtigen Waschen oder Baden trifft, erzeugt daher
leicht Schnupfen mit schnüffelndem Athem und serös-schleimiger Ab-
sonderung, welche bei nicht sorgfältiger Reinhaltung an den Nasen-
löchern zu gelbbräunlichen Borken vertrocknet und den Lufteintritt be-
einträchtigt. Nach dem, was ich früher (S. 85) mittheilte, werden Sie
es begreiflich finden, dass in allen solchen Fällen ein Verdacht auf Sy-
philis hereditaria sich dem Arzte aufdrängt, und zwar um so mehr,
Coryza. 131
als Coryza allen anderen Erscheinungen der Lues vorausgehen kann.
Aus diesem Grunde sind wir verpflichtet, bei jeder Coryza, die sich in
die Länge zieht, Kind und Eltern in dieser Beziehung zu untersuchen,
um bei einer Bestätigung des Verdachts sofort die specifische Behand-
lung einleiten zu können.
Obwohl nun die syphilitische Coryza dieselben Gefahren mit sich
führen kann, wie jeder gewöhnliche, nicht specifische Schnupfen der
Säuglinge, geschieht dies doch nur selten. In den meisten Fällen bildet
sie nur ein Glied in der Kette der anderen Erscheinungen, ohne eine
vorwiegende Bedeutung in Anspruch zu nehmen. Weit häufiger sehen
wir bei der einfachen, durch Erkältung entstandenen Coryza Sym-
ptome auftreten, welche in mehrfacher Hinsicht verderblich werden
können. Die Gefahr, von welcher das Kind bedroht wird, liegt zunächst
darin, dass der Schnupfen sich in diesem Alter mit grosser Schnellig-
keit nach unten auf die Schleimhaut des Kehlkopfs, der Trachea und
Bronchien ausbreiten kann. Heiserkeit des Geschreis, Husten, Fieber,
Dyspnoe entwickeln sich nicht selten binnen wenigen Tagen , und die
Untersuchung ergiebt dann eine mehr oder weniger diffuse Bronchitis
und Bronchopneumonie. Andererseits kann die catarrhalische Wulstung
der Nasenschleimhaut, welche die ohnehin schon enge Nasenhöhle des
Kindes erheblich stenosirt, mehr oder weniger hochgradige Dyspnoe
zur Folge haben, welche jedem mit Coryza combinirten Tracheal- und
Bronchi alcatarrh ein beunruhigendes Gepräge giebt, ohne dass die Aus-
cultation und Percussion die Befürchtung rechtfertigen. Aber auch in
Fällen von ganz reiner uncomplicirter Coryza kommt es bisweilen zu
plötzlichen Anfällen von Dyspnoe, welche den eilig citirten, mit dem
früheren Zustande des Kindes nicht bekannten Arzt in Verlegenheit
setzen. Bouchut beschreibt asphyktische Symptome, welche dadurch
entstehen sollen, dass das Kind in der Unmöglichkeit, durch die ver-
stopfte Nase Luft zu holen, nunmehr durch den Mund mit einer solchen
Gewalt athmet, dass die Zunge durch Aspiration plötzlich nach hinten
geschnellt und mit der unteren Fläche ihrer Spitze gegen den harten
Gaumen gepresst wird, wodurch der Eintritt der Luft in den Rachen-
raum verhindert werden muss. Diese Aspiration der Zunge durch ge-
waltsames Einathmen1), welche besonders da zu fürchten sein soll, wo
das Zungenbändchen sehr lang und schlaff ist, kam mir selbst nur
zweimal vor, zuerst in einem heftigen Anfall von Spasmus glottidis,
') Kussmaul und Honsell, Henle's und Pf euffer's Zeitschrift. 3. Reihe.
XXIII. S. 230. 1865.
9*
132 Krankheitendes Säuglingsalters.
wobei ich nur mühsam mit dem Zeigefinger über die fest gegen den
Gaumen gepresste, nach oben umgeschlagene Zunge bis zur Wurzel ge-
langen und diese mit Gewalt nach vorn ziehen konnte, dann bei einem
10 Monate alten Kinde mit Coryza. Wir beseitigten hier die drohenden
Stickanfälle dadurch, dass wir einen Catgutfaden durch die Zungenspitze
führten und damit die Zunge nach vorn über den Unterkiefer zogen.
Jedenfalls kann die Dyspnoe in sehr acuten Fällen von Coryza einen
hohen Grad erreichen, der sogar zu Verwechselungen mit Croup Anlass
giebt1).
Im März 1861 wurde ich zu einem 7 Wochen alten Kinde gerufen, bei welchem
seit etwa anderthalb Stunden heftige Stickanfälle eingetreten waren. Nach der
Aussage der erschreckten Eltern war das Kind noch vor einigen Stunden vollkommen
wohl geweser und bei starkem Ostwind ausgetragen worden, hatte aber fast unmittel-
bar nach der Rückkehr ohne jede Veranlassung, namentlich ohne zu saugen, die An-
fälle bekommen. Da der Sturm bei meiner Ankunft vorüber war, dachte ich an An-
fälle von Glottiskrampf und Hess, um dieselben kennen zu lernen, das Kind an die
Brust legen. Sofort erfolgte ein neuer gewaltiger Anfall, fast ebenso intensiv wie
beim Croup. Mit dem Ausdruck höchster Angst in dem cyanotischen Gesicht, offenem
Munde und gewaltsamer Action aller inspiratorischen Muskeln schnappte das Kind
nach Lult, wobei jedesmal ein pfeifendes Geräusch gehört wurde, welches deutlich
aus der Nase stammte. Rachenhöhle vollkommen frei. Nach einigen Minuten all-
mäligerNachlass, bald auchSchlaf, während dessen In- und Esspiration von Schnüffeln
begleitet waren. Der untere Theil der Nase etwas angeschwollen. Ich liess das Kind
in den nächsten 12 Stunden nur mittelst des Löffels ernähren, fleissig warme Oel-
einreibungen in den Nasenrücken machen und gab 2 stündlich Calomel 0,015. Am
nächsten Tage hatte sich ein schleimig- eitriger Ausfluss aus der Nase ein-
gestellt, welcher nach einigen Tagen wieder verschwand.
In Fällen dieser Art, die immerhin zu den seltenen gehören, ist
besonders die jähe Entwickelung der catarrhalischen Schleimhautwulstuug
bemerkenswert}), analog derjenigen, welche auch bei Erwachsenen im
Verlauf eines starken Schnupfens, besonders in liegender Stellung wäh-
rend der Nacht, so häufig eintritt und das Athemholen durch die Nase
beeinträchtigt. Auch hier erlischt mit der gesteigerten Wulstung die
Secretion und in der Regel bringt erst das Aufrichten in eine sitzende
Stellung Erleichterung, wie es wohl jeder an sich selbst erfahren hat.
Auch bei dem erwähnten Kinde wurde die Dyspnoe am besten durch
Herumtragen des kleinen Patienten mit aufgerichtetem Oberkörper ge-
lindert. Meiner Ansicht nach sind diese Fälle von acuter Coryza dem
sogenannten Pseudocroup, und gewissen sehr acut auftretenden An-
') In einem von Hassing (Jahrb. f.Kinderheilk. XXIII. S. 466) mitgetheilten
Falle von Coryza syphilitica musste die Tracheotomie gemacht werden.
Coryza. 133
fällen von Bronchialcatarrh, auf welche ich später zurückkommen
werde, analog. Nach neueren Erfahrungen wäre es auch denkbar, dass
die catarrhalische Reizung der Nasenschleimhaut reflectorisch eine spas-
tische Oontractur der Bronchialmuskeln auslöst, welche zu so heftigen
Symptomen Anlass geben kann. — Eine zweite Gefahr liegt in der Be-
hinderung des Saugens. Das Kind, welches während dieses Actes auf
die Nasenathmung angewiesen ist, vermag dies nicht mehr und muss die
Warze oder den Saugpfropfen häufig loslassen, um durch den Mund in-
spiriren zu können, wodurch mit der Zeit die Ernährung ernstlich be-
einträchtigt wird. Aus demselben Grunde sieht man bei dieser Coryza
gerade während des Saugens heftige dyspnoetische Anfälle entstehen.
Die Coryza befällt fast immer beide Nasenhöhlen zu gleicher Zeit ;
nur selten findet man sie auf eine Seite beschränkt.
So beobachtete ich im Juni 1874 ein acht Wochen altes Kind, welches früher
vollkommen gesund, zumal der Lues in keiner Weise verdächtig war, aber seit etwa
14 Tagen an einem gelblichen serösen Ausfiuss aus der rechten Nasenhöhle litt, wäh-
rend die linke vollkommen intact war. Seitlicher Druck auf die rechte Nasenhälfte
förderte den Ausfiuss. Dabei bestand schnüffelnder Athem und Dyspnoe während des
Saugens, so dass das Kind die Warze oft fahren lassen musste. Auspinselung der
rechten Nasenhöhle mit einer Solut. argenti nitrici führte binnen 14 Tagen Hei-
lung herbei.
Die angeführten Beispiele -enthalten zugleich alles, was ich Ihnen
über die Behandlung der Coryza zu sagen habe. Vor allem erheischt
die Ernährung des Kindes Ihre Sorgfalt, Wird das Saugen durch Dyspnoe
verhindert, so muss man die der Mamma künstlich entzogene Milch oder
Kuhmilch mittelst eines Löffels einflössen, womit ich selbst noch immer
ausgekommen bin. In einem Fall von Kussmaul musste das 6 Monate
alte Kind wegen der oben erwähnten Aspiration der Zunge eine volle
Woche mit der Schlundsonde ernährt werden. Zum inneren Gebrauch
empfehle ich zunächst Calomel zu 0,01—0,015 zweistündlich, auch da,
wo kein Verdacht auf Syphilis vorliegt. In den leichteren Fällen
haben Sie nichts weiter zu thun, als das Lumen der Nasenlöcher durch
Einpinseln von Oel und Entfernung der Borken frei zu halten. Bei mehr
chronischem Verlauf sind Auspinselungen der Nase mit einer Lösung von
Lapis infernalis (1 : 50) in den meisten Fällen hülfreich.
Von der diphtherischen Coryza, welche während des Säuglings-
alters keineswegs selten vorkommt, wird später die Rede sein. Ich
bemerke hier nur, dass mit Rücksicht auf diese eine tägliche Unter-
suchung des Pharynx bei jeder Coryza eines jungen Kindes unerläss-
1 34 Krankheiten des Säuglingsalters.
lieh ist, wenn man sich nicht bedenklichen Ueberraschungen aussetzen
will.
VI. Der Retropharyngealabscess.
Dass diese Krankheit vielen Aerzten noch so gut wie unbekannt
ist, liegt zunächst in ihrem immerhin seltenen Vorkommen. Ich selbst
verfüge nur über etwa 70 Fälle. Der erste Fall, welcher sich dem
Arzte darbietet, wird daher leicht verkannt, sichert aber gegen spätere
Irrthümer; das Bild der Krankheit ist ihm unvergesslich eingeprägt, und
die Erinnerung an das einmal Erlebte erleichtert die Diagnose.
Es handelt sich hier um einen ziemlich schleichend sich entwickeln-
den Abscess in dem zwischen Halswirbelsäule und Pharynx befindlichen
Bindegewebe, mit allmäliger Bildung einer Geschwulst, welche, mehr
oder weniger in die Pharynxhöhle hereinragend, Störungen der Deglu-
tilion und bald auch der Respiration zur Folge hat.
Den ersten Fall dieser Krankheit beobachtete ich im Jahre 18501)
und verdanke dessen Diagnose nur dem Umstände, dass ich zufällig-
einige Tage vorher zwei von Fleming im Dublin Journal, Febr. 1850,
veröffentlichte Fälle dieser Art gelesen hatte. Fast alle meine Fälle
betrafen Kinder, welche das erste Lebensjahr noch nicht oder nur um
ein Geringes überschritten hatten; die meisten waren sogar noch jünger,
das jüngste Kind erst 4 Monate alt. Nur zweimal betraf die Affection
Kinder von resp. "2 und 31,', Jahren, welche zufällig an einem und dem-
selben Tage in die Poliklinik kamen Die Krankheit ist in ihren An-
fängen dunkel; Weinerlichkeit, Unruhe, häufige Verweigerung des Sau-
gens sind die ersten Symptome, aus denen sich keine Diagnose fest-
stellen lässt. Zwar ist zu vermuthen, dass von Anfang an Schmerzen
beim Schlucken vorhanden sein müssen, aber die Dysphagie ist ein
Symptom, welches bei so kleinen Kindern, die noch nicht klagen können,
im Anfange nicht zu ermitteln ist. Nur die schmerzhafte Verziehung
der Gesichtszüge während des Trinkens kann Verdacht erwecken, fehlt
aber nicht selten auch nach völliger Entwickelung des Tumors, ebenso
wie die Regurgitation der genossenen Flüssigkeiten. Das erste wirklich
verdächtige Zeichen bleibt für mich immer ein schnarchender Ton beim
Athmen, besonders während des Schlafes, und gerade dies Symptom lässt
den Ungeübten das Leiden oft als Schnupfen auffassen, der zuweilen,
keineswegs aber immer, dasselbe begleitet. Die Inspection des Pharynx
') Casper's Wochenschr. 22. Juni 1850. — Andere Fälle s. in Romberg
und Henoch, Klinische Wahrnehmungen u. s. w. Berlin, 1851. S. 120.
Retropharyngealabscess. 135
ergiebt in der Regel nichts, höchstens eine durch Schleim verdeckte
Wulstung und Röthe der Rachenschleimhaut, und man beruhigt sich
dann bei der Annahme einer catarrhalischen Schwellung der Choanen.
In der Regel vergehen l'/2 bis 2 Wochen und mehr, ehe der Abscess
durch seine Volumszunahme die Athmung ernstlich beeinträchtigt. Zunächst
wird der Schlaf gestört. Das Kind athmet mit offenem Munde, wacht
häufig auf und „schnappt" nach Luft. Allmälig aber beginnt eine neue
Reihe von Erscheinungen, welche geeignet ist, den mit der Krankheit
nicht vertrauten Arzt unter der Maske eines Larynxcatarrhs oder gar
eines Croup zu täuschen. Die Respiration wird mühsam, die inspira-
torischen Hülfsmuskeln arbeiten energisch, und jede In- und Exspiration
ist von einem schnarchenden Geräusch begleitet. Beim Versuch zu trinken
entstehen Anfälle von Suffocation, oft wird die Flüssigkeit aus Nase
und Mund regurgitirt. Das ängstliche Gesicht kann in den höchsten
Graden der Krankheit cyanotischen Anflug zeigen. Bedeutungsvoll schien
mir früher der normale Klang der Stimme und Mangel des Hustens, weil
ich darin einen wesentlichen Unterschied vom Croup zu finden glaubte.
Spätere Erfahrungen belehrten mich aber, dass dies keineswegs constant
ist, dass vielmehr Fälle vorkommen, in welchen durch einen begleitenden
Catarrh des Larynx Heiserkeit und Husten entstehen. Um so dringen-
der wird daher die Pflicht der örtlichen Untersuchung. In vielen
Fällen von Retropharyngealabscess sieht man schon äusserlich auf einer
oder beiden Seiten der oberen Halsgegend eine diffuse Schwellung, und
fühlt auch mehrere angeschwollene Lymphdrüsen, welche durch ihre
oberflächliche Lage sofort den Eindruck machen, als wären sie durch
einen Druck von innen nach aussen gedrängt worden. Die Venae jugu-
lares externae sind häufig stark turgescirend. Alle diese Symptome
haben indess noch nichts Charakteristisches; die sichere Diagnose
beruht einzig und allein auf der Localuntersuchung des Pha-
rynx mittelst des über die Zunge in den Rachen geführten Fingers.
Bei Kindern, welche bereits Zähne haben , ist diese Untersuchung
schwieriger, weil sie oft in den eingeführten Finger beissen, und ich
pflege dann den letzteren durch einen Blechring zu schützen. Auch
müssen Sie darauf gefasst sein, bei hochgradiger Dyspnoe durch die locale
Untersuchung nicht nur asphy kusche Erscheinungen, sondern, wie Fle-
ming beobachtete, sogar Convulsionen zu erregen. Dennoch ist es mir
noch jedesmal ohne grosse Mühe gelungen, den Abscess als eine im
Rachen von der Wirbelsäule her prominirende Geschwulst deutlich zu
fühlen, entweder im oberen Theil so, dass ich gleich hinter dem Velum
auf die Geschwulst stiess, oder was unerwünschter ist, tiefer unten, im
] 36 Krankheiten des Säuglingsalters.
Niveau der Epiglottis oder noch tiefer. Die Geschwulst ist meistens
halbkugelig rund, seltener oval, deutlich fluctuirend, Taubenei- bis Wall-
nussgross, und sitzt entweder in der Medianlinie oder mehr seitlich. Hat
man sie einmal gefühlt, so ist man der Diagnose sicher, denn andere
lluctuirende Geschwülste mit den geschilderten Symptomen und einem
acuten Verlauf kommen in der betreffenden Gegend bei so jungen Kin-
dern nur ausnahmsweise vor1). Mit der Diagnose ist aber auch die
Therapie gegeben. Ich empfehle Ihnen , dringend, sobald Sie Fluctua-
tion deutlich constatirt haben, mit der Incision der Geschwulst keinen
Augenblick zu zögern. Denn wenn auch die dyspnoetischen Erschei-
nungen, welche durch die Behinderung des Lufteintritts in den Larynx
entstehen, noch nicht einen momentan bedrohlichen Grad erreicht haben
sollten, sind Sie doch nicht sicher, dass der Tumor sich unerwartet
spontan öffnet, und sein Inhalt theilweise durch Aspiration in den La-
rynx gelangt. Ich selbst erlebte es, dass ein College, welcher den be-
treffenden Fall behufs einer klinischen Vorstellung bis zum nächsten
Tage „conserviren" wollte, diese Verzögerung mit dem plötzlichen Er-
stickungstode des Kindes während der Nacht bezahlen musste. Solche
Fälle, oder der von Noll mitgetheilte, wo der Abscess 7 Tage, nach-
dem man ihn entdeckt , noch nicht eröffnet war und schliesslich durch
Ruptur in den Oesophagus und Eitersenkung letal endete, müssen als
warnende Beispiele aufgestellt werden.
Es giebt nur ein Heilmittel, die rasche Incision. Ich habe sie in
allen mir bisher vorgekommenen Fällen mit einem geraden, oder bei
tiefer Lage des Abscesses mit einem gekrümmten Bistouri (Tenotom)
vorgenommen, welches bis nahe zur Spitze mit Papier oder Heftpflaster
umwickelt wurde. Mit dem Zeigefinger der linken Hand, den man bei
mit Zähnen versehenen Kindern durch einen Blechring vor Bissen
schützen mag, drückt man die Zunge des Kindes, dessen Kopf von dem
Assistenten oder der Wärterin festgehalten wird und sich in aufrechter
Stellung befinden muss, dergestalt nieder, dass die Spitze des Fingers
die zu eröffnende Geschwulst berührt und deutlich fühlt. Man benutzt
nun den Finger als Leitungssonde, führt das Messer vorsichtig längs
desselben bis an seine Spitze, also bis an den Tumor, sticht dreist in
denselben hinein, wobei sich die Rachenhöhle sofort mit gelbem Eiter
füllt, auch ein Theil desselben aus den Nasenlöchern stürzt, und er-
') Vergl. z. B. den Fall eines Lipoms hinter dem Pharynx (Taylor, Lancet.
1876. II. p. 685) oder den eines Abscesses zwischen Zunge und Kehldeckel
(Pauly, Klin. Wochenschr. No. "22. 1877).
Retropharyngealabscess. 137
weitert beim Herausziehendes Messers die kleine Wunde. Um das Aus-
werfen des Eiters zu erleichtern, bringe man den Kopf des Kindes sofort
in eine nach vom geneigte Lage. Mit der gelungenen Ineision ist in
den meisten Fällen alles zu Ende; ein schnellerer überraschenderer
Wechsel lässt sich kaum denken, als der Uebergang von der hoch-
gradigsten Dyspnoe, welche den baldigen Tod in Aussicht zu stellen
schien, zur vollständigen Euphorie. Fast immer sah ich die Athem-
noth wie durch einen Zauberschlag verschwinden , die äussere An-
schwellung am Halse rasch einsinken, die Turgescenz der Jugular-
venen abnehmen, und schon nach wenigen Minuten blickt das anscheinend
verlorene Kind behaglich um sich und nimmt gern die lange ver-
weigerte Brust.
Indess ist die Sache doch nicht constant so rasch und ohne
Zwischenfälle abgethan. In mehreren Fällen boten sich mir grössere
Schwierigkeiten dar, welche vorzugsweise in der tiefen Lage des Ab-
scesses ihren Grund hatten. Ich konnte ihn dann nur mühsam mit der
Spitze des Zeigefingers noch erreichen und das gekrümrate Bistouri so
tief hinabsenken. Besonders bei sehr jungen Kindern mit sehr enger
Mund- und Bachenhöhle fand ich dies öfters recht schwierig, indem bei
den wiederholten Versuchen der Operation durch den übei den Larynx
hinweggeführten Finger starke Suffocationsanfälle bedingt wurden1). Dann
stockt der Athem, die Kinder werden bläulich, verdrehen die Augen, der
Puls wird unregelmässig, klein — und es bleibt nichts übrig, als den
Finger schnell herauszuziehen und die Respiration wieder herzustellen.
Dennoch stand ich niemals ab, den Versuch zu erneuern und war auch
stets so glücklich, das Ziel zu erreichen, ausser in einem Fall, wo der
Abscess so tief hinter dem untersten Theil des Pharynx sass, dass ich
von vornherein am Erfolg verzweifelte. Nur für die Operation dieser
sehr tief liegenden Retropharyngeal- und Retrooesophagealabscesse em-
pfiehlt sich daher ein cachirtes Pharyngotom. Die leichtere Ein-
führung, die geringere Besorgniss vor Verletzung anderer Mund- und
Rachentheile, die Möglichkeit, das Instrument in eine grössere Tiefe zu
führen, sichern für die bezeichnete Art von Abscessen dem Pharyngo-
tom den Vorrang. Wiederholt beobachtete ich, dass die einmalige
Incision des Abscesses nicht genügte. Derselbe hatte sich vielmehr,
wahrscheinlich in Folge einer zu kleinen Oeffnung, schon am nächsten
Tage wieder gefüllt, die Krankheitssymptome waren von neuem ein-
getreten, und es musste nun eine zweite Operation vorgenommen wer-
') Einen solchen Fall theilte ich bereits in meinen „Beiträgen zur Kinderheil-
kunde" (N. F. Berlin, 1868. S. 269) mit.
138 Krankheiten des Säuglingsalters.
den, welche fast immer zur Heilung ausreichte. Nur in einem Fall war
ich gezwungen, den Abscess dreimal zu öffnen, bemerke aber, dass ich
mich beim zweiten Mal statt des Bistouris meines Fingernagels be-
dient hatte, eine hie und da empfohlene Methode, welcher ich nicht das
Wort reden kann. Nach der Incision rathe ich, laue Wassereinsprit-
zungen in die Nasen- und Rachenhöhle zu machen, um Blut und Eiter
auszuspülen. Die Gefahr einer Aspiration dieser Flüssigkeiten während
der Operation ist zwar nicht ganz auszuschliessen1), aber in keinem
meiner Fälle vorgekommen; ebensowenig habe ich jemals durch Hinein-
gelangen von Milch in die Incisionswunde üble Folgen beobachtet.
Ich stimme vollkommen mit Bokai jun. überein2), welcher sich ent-
schieden gegen die in neuester Zeit empfohlene Incision des Abscesses
von aussen erklärt. Weder er noch sein Vater, noch ich selbst, haben
jemals septische Symptome nach der Eröffnung von der Rachenhöhle
her gesehen, obwohl gerade hier von einer Asepsis bei der Operation
kaum die Rede sein kann. Ueberdies ist die schichtweise Incision von
aussen immer eine ernste Operation, die nicht jedem Arzte, zumal im
Augenblick der Gefahr, überlassen werden kann. Indicirt ist sie nur bei
drohendem Durchbruch des Abscesses nach aussen.
Wird die Operation nicht rechtzeitig vorgenommen, so kann es zur
spontanen Ruptur während des Schlafes mit Aspiration von Eiter in die
Luftwege und zu tödtlicher Suffocation, oder auch, wie ich es einmal
erlebte, zur raschen Entwickelung einer letalen Pneumonie kommen.
Andererseits kann sich der Eiter hinter dem Pharynx oder Oesophagus
bis in's Mediastinum herabsenken, und der Tod erfolgt dann schliess-
lich an Erschöpfung durch die ausgedehnte Suppuration. Bisweilen ver-
breitet sich die Eiterung seitlich zwischen den Muskeln hindurch , bis
unter die äusseren Theile des Halses:
Ein mageres schwächliches Kind von 10 Monaten wurde am 2. April in meine
Poliklinik gebracht. Seit etwa 14 Tagen sollte es nicht gehörig schlucken können;
dabei bestand schnarchender, zum Theil rasselnder Athem copiöse Schleimabsonde-
rung im Rachen und diffuse Schwellung beider Submaxillargegenden, in welchen
man ein paar bis zur Wallnussgrösse geschwollene Lymphdrüsen fühlte. Venen am
Schläfenbein ungewöhnlich turgescirend. Der eingeführte Finger stösst im Niveau
der Epiglottis auf einen lluctuirenden, wallnussgrossen, von hinten in den Pharynx-
raum hereinragenden Tumor, den ich sofort incidirte. Reichlicher Eitererguss. In
den nächsten Tagen entschiedene Besserung aller Symptome, aber der Eiterausfluss
') Ein paar Fälle dieser Art, welche durch „Schluckpneumonie" tödlich wur-
den, s, bei Temoin, Revue mens. Avril 1887. p. 172.
-) Pädiatr. Arbeiten. Festsch. Berlin 1890.
Retropharyngealabscess. 139
aus der Wunde fortdauernd, die äussere Anschwellung wenig vermindert, Drüsen-
tumoren unverändert. Am 9. konnte ich beiderseits an den Seitentheilen der
oberen Halspartie eine grosse fluctuirende Anschwellung constatiren, von
denen die linke sofort, die rechte am 11. geöffnet wurde, nachdem das Kind in die
Charite aufgenommen war. Beide Incisionen entleerten enorme Eitermengen, aber die
Wunden schlössen sich nicht, die Eiterung dauerte innen und aussen fort, Abmage-
rung und Collaps machten täglich Fortschritte. Tod am 19. Die Section ergab
hinter dem Pharynx bis zur Speiseröhre herab einen grossen Eiterherd, welcher sich
nach beiden Seiten bis in die Submaxillargegenden hinein erstreckte und hier nach
aussen geöffnet worden war. Ausserdem beschränkte Bronchopneumonie, Hyperplasie
der Mesenterialdrüsen, kleine Tuberkel in der Leber. Wirbelsäule normal ').
Bei einem 4 monatlichen Kinde wurde der auch nach aussen prominirende Ab-
scess hinter dem rechten Sternooleidomastoideus incidirt, wobei 2Esslöffel Eiter aus*
flössen. Trotzdem ging das Kind am folgenden Tage durch Larynx- und Lungenoedem
unter Orthopnoe und Cyanose zu Grunde.
Den Durchbruch des Abscesses in den Pharynx hatte ich nur
einmal zu beobachten Gelegenheit:
Mageies blasses Kind von 15 Monaten, am 10. Januar in meiner Poliklinik
vorgestellt. Seit etwa 8 Tagen völlige Aphonie, vorher schon längere Zeit Husten
und Heiserkeit. Athem schnarchend, besonders im Schlaf, Röthe und Schleiman-
häufung im Pharynx, ein Tumor weder innen noch aussen nachweisbar. Catarrh der
Bronchien, dyspnoetische Athmung, Absetzen beim Saugen, keine Dysphagie, massiges
Fieber. Tod am 14. unter Athembeschwerden. Section: bei der Trennung des Kehl
kopfs vom Zungenbein stürzte eine grosse Menge gelben Eiters hervor, als dessen
Quelle ein mindestens erbsengrosses Loch in der hinteren Pharynxwand erschien.
Dasselbe halte ganz das Ansehen eines runden Magengeschwürs und befand sich ge-
rade am Uebergange des Pharynx in den Oesophagus Aus diesem Loch quoll noch
fortwährend Eiter hervor. Nach dem Abpräpariren des Schlundes ergab sich zwischen
diesem und der Wirbelsäule ein ausgedehnter Eiterherd, der sich vom Epistropheus
bis an den 6 Cervicalwirbel erstreckte. In dieser ganzen Strecke bestanden nur noch
nekrotische Reste von Bindegewebe. Die Wirbelsäule zeigte keine krankhafte Ver-
änderung. Auf und unter den Stimmbändern sassen kleine gefranzte Massen, welche
sich als Tuberkel auswiesen. Dabei käsige Entartung der Bronchialdrüsen 'und Tu-
berculose der Lungen.
Dieser Fall zeigt, dass, wenn der Retropharyngealabscess sich in
den Pharynx öffnet, die Diagnose unmöglich werden kann, weil dann
der Eiter durch die Rupturstelle grösstenteils in den Schlund abfliesst,
verschluckt wird, und daher weder äusserlich noch im Pharynx eine
Geschwulst zu Stande zu kommen braucht.
') In solchen Fällen kann es auch durch den Druck des Eiters auf die Gegend
des Foramen stylomastoideum zu einer Paralyse des N. facialis kommen
(Bokai).
140 Krankheiten des Säuglingsalters.
Seltener als die retropharyngealen sind nach meiner Erfahrung die-
jenigen Abscesse, welche sich an einer Seitenwand des Pharynx, zwi-
schen diesem und den Weichtheilen des Halses bilden, und daher einen
iluctuirenden Tumor an der rechten oder linken Seitenwand hinter und
unter der Tonsille bilden. In zwei Fällen erfolgte Ruptur des Abscesses
in den äusseren Gehörgang, die gewiss zu den seltensten Ereig-
nissen gehört.
Am 10. April 1874 consultirte mich ein befreundeter College wegen eines Hals-
leidens, an welchem sein 15 Monate altes Kind seit mehreren Tagen erkrankt war.
Die Hauptsymptome waren Verlust der Laune, Dysphagie, Schreien beim Versuch zu
schlucken, massiges Fieber, schnarchender Athem im Schlaf. Die linke Mandel etwas
geschwollen und stark geröthet; dicht hinter und unter derselben sah und fühlte
man an der Seitenwand des Pharynx einen rothen iluctuirenden Tumor vom Umfang
einer halben Wallnuss. Auch äusserlich unter dem Proc. mastoideus zeigte sich eine
diffuse Anschwellung. Respirationsbeschwerden nicht bemerkbar. Als ich am 12. be-
hufs der lncision des Abscesses die Untersuchung wiederholte und dabei einen stär-
keren Druck auf die Geschwulst ausübte, stürzte plötzlich ein Strom gelben, mit
Blutstreifen vermischten Eiters aus dem linken Ohr, worauf der Tumor sofort ver-
schwunden war und jeder operative Eingriff aufgegeben wurde. Am 13. dauerte der
Eiterabfiuss aus dem Ohr in massigem Grade fort, besonders beim Druck unterhalb
des Proc. mastoideus. Das Kind war vollkommen wohl, schlief ohne Schnarchen, die
Mandel fast normal, vom Tumor keine Spur mehr wahrnehmbar. Störungen des Ge-
hörs sind nicht zurückgeblieben.
Da die Kinderfrau angab, sie habe schon Tags zuvor etwas Eiter-
ausfluss aus dem Ohr bemerkt, so ist wohl als sicher anzunehmen, dass
der an der Seitenwand des Pharynx befindliche Abscess sich durch das
lockere Bindegewebe allmälig einen Weg bis zum Meatus auditorius ge-
bahnt und diesen siebförmig durchbohrt hatte. Durch die Compression
des Tumors wurde die Ruptur dann plötzlich eine vollständige. Ganz
analog verlief der zweite (Mai 1881) in der Poliklinik beobachtete Fall.
Einen ähnlichen beschreibt auch Bokai1), nur war hier der Abscess
bereits von innen geöffnet worden, hatte sich dann wieder gefüllt, und
entleerte sich beim Druck nunmehr zugleich aus dem linken Ohr, worauf
Heilung erfolgte.
Selten öffnen sich -phlegmonöse Abscesse des Halsbindegewebes in
den Pharynx, was ich bei einem 5jährigen Knaben beobachtete, der am 1 1. April
1881 mit einer enormen, vom rechten Kieferwinkel bis zur Scapula und vorn bis zur
zweiten Rippe sich erstreckenden harten Infiltration aufgenommen wurde. Scharlach
oder Diphtherie waren auszuschliessen. Pharynx geröthet, die rechte Wand desselben
') Jahrb. f. Kinderheilk. X. 1876. S. 151.
Retropharyngealabscess. 141
einwärts gedrängt, Uvula nach links verschoben. Dysphagie, starke Speichelsecretion.
Temp. Ab. 40,1, Am 12. spontane Ruptur des Abscesses in den Pharynx, Aus-
würgen von stinkendem Eiter, Blut- und Gewebsfetzen. Temp. normal. Den 13.
wegen Fluctuation Einschnitt am Halse und Entleerung stinkenden Eiters. Drainage.
Am 25. Heilung. — In zwei anderen Fällen sah ich eine im Gefolge des Schar-
lach entwickelte Phlegmone submaxillaris, noch bevor eine Incision gemacht
wurde, in den Pharynx durchbrechen, wovon bei der Scarlatina noch die Rede sein
wird1) —
Mit wenigen Ausnahmen gehörten alle von mir beobachtete Fälle
zu den idiopathischen Abscessen, d. h. zu denen, welche bei ge-
sunden Kindern, unabhängig von einer anderen Krankheit, zu Stande
kommen. Einzelne waren wohl etwas atrophisch, boten aber an keinem
anderen Körpertheil Abscesse dar. Von einem Leiden der Halswirbel-
säule war ebenso wenig die Rede, wie von einer AllgemeinkraDkheit,
unter deren Einfluss der Abscess sich hätte entwickeln können. Ueber
die Aetiologie aller dieser Fälle sind wir noch nicht im Klaren; die An-
nahme Bokai's und Anderer, dass die Entzündung und Eiterung des
retropharyngealen Bindegewebes ursprünglich von den vor der Wirbel-
säule liegenden Lymphdrüsen ausgehe, hat vieles für sich, und es würde
dann irgend eine Affection im Gebiete der zu diesen Drüsen führenden
Lymphgefässe (Nase, Rachen u. s. w.) den Ausgangspunkt bilden. Mir
selbst kam ein Fall bei einem 3jährigen Kinde vor, welches deut-
liche Narben scrophulöser Drüsenabscesse in beiden Submaxillargegenden
zeigte, doch halte ich diese nicht für ausreichend, um mit absoluter Sicher-
heit den Abscess von Adenitis retropharyngealis herzuleiten.
Den Ausgang der Abscessbildung von Spondylitis der Hals-
wirbel beobachtete ich nur zweimal. Bei einem 1 '/Jährigen Kinde,
welches seit Anfang December erschwerte und schmerzhafte Bewegung
und auffallend steife Haltung des Kopfes zeigte, fand ich am 5. April 1875
diese Erscheinungen bedeutend gesteigert, ausserdem aber Beschwerden
beim Schlucken, erschwerten und schnarchenden Athem während des
Schlafes und einen wallnussgrossen tief liegenden Abscess an der hinteren
Pharynxwand. Derselbe wurde noch an demselben Tage ineidirt und
eine beträchtliche Menge Eiter entleert. Die Diagnose der Wirbelcaries
wurde später durch das Erscheinen von Congestionsabscessen am Rücken
und Halse, durch Lähmung der Arme und Parese der unteren Extremi-
täten bestätigt. Ganz ähnlich verlief ein zweiter in der Poliklinik be-
obachteter Fall.
') Aehnliche Fälle beschreiben Bokai und Lewandowsky (Klinische Wochen-
schrift. 1882. No. 8).
142 Krankheiten des Säuglingsalters.
VII. Die Dentition und ihre Erscheinungen.
Das Hervorbrechen der ersten Zähne bezeichnet noch keineswegs
den Zeitpunkt, in welchem die ausschliessliche Ernährung mit Flüssig-
keiten einer consistenteren Nahrung Platz machen darf. In der Regel
brechen die ersten Zähne zwischen dem 7. und 9. Lebensmonat hervor,
und doch ist es allgemein üblich, die Mutter- oder Ammenbrust minde-
stens bis zum Ende des 9. Monats, meistens noch etwas länger fortzu-
geben, selbst wenn die Kinder bereits Schneidezähne besitzen. Dabei kam
die Säugende freilich durch das Beissen des Kindes in die Brustwarze
beeinträchtigt werden, und dass dadurch zufällig auch für das Kind un-
angenehme Folgen entstehen können, lehrt der von mir beobachtete Fall
eines 1jährigen gesunden Kindes, welches, durch den plötzlichen Auf-
schrei der gebissenen Mutter erschreckt, zusammen zuckte und sofort in
Convulsionen verfiel.
Jeder Arzt weiss aus Erfahrung, dass die verschiedensten Beschwer-
den der Säuglinge, sogar derer, welche das erste Semester des Lebens
noch nicht überschritten haben, von den Angehörigen auf die »Zähne«
bezogen werden. Aberglaube und Indolenz reichen sich hier die Hand,
zumal in der Armenpraxis, um allerlei Unheil, das oft nur schwer wie-
der gut zu machen ist, zu stiften. Jede Diarrhoe, jeder Krampfanfall,
die bei solchen Kindern auftreten, werden von den »Zähnen« abhängig
gemacht, und demzufolge vernachlässigt oder gar als heilsam angesehen,
und ärztliche Hilfe wird oft erst zu einer Zeit nachgesucht , wo sie zu
spät kommt. Dieser alten, im Publicum trotz aller Belehrung noch
immer in vollster Blüthe stehenden Tradition setzt nun ein grosser Theil
der jetzigen Aerzte die entschiedenste Negation entgegen. Die Zahnung,
so lautet ihre Ansicht, sei ein physiologischer Vorgang, der keine krank-
haften Erscheinungen machen könne. Alles, was man früher als solche
betrachtete, sei Täuschung durch zufällige, neben der Dentition einher-
gehende Krankheiten, welche mit dieser nicht das Geringste zu thun
hätten. Es fragt sich aber doch, ob diese Ansicht, als deren entschiedenster
Vertreter Kassowitz erscheint1), durchweg berechtigt ist. In vollster
Anerkennung des Verdienstes, welches sie sich in Bezug auf die Be-
schränkung der »Zahnkrankheiten« erworben hat, kann ich doch einige
Bedenken nicht unterdrücken. Wir wissen, dass der Zahndurchbruch
dadurch zu Stande kommt, dass die wachsende Zahnwurzel die bereits
') Vorlesungen über Kinderkrankheiten im Alter der Zahnung. Leipzig und
Wien 1892.
Dentition. 143
fertige Krone allraälig vorschiebt und nach der Durchbrechung des über-
liegenden, durch den zunehmenden Druck immer mehr verdünnten Zahn-
fleisches aus der Alveole heraustreibt. Ist es nun so ganz undenkbar,
dass dieser langsam vor sich gehende Process einen Reiz oder Druck
auf die Dentalzweige des Trigeminus ausübt und reflectorische Er-
scheinungen zur Folge haben kann, welche nicht bloss im Gebiete der
motorischen, sondern auch in dem der Gefässnerven auftreten?
Ich glaube doch diese Frage bejahen zu dürfen, und beziehe mich spe-
ciell auf einzelne von Tordeus1) und auch von mir beobachtete Fälle,
in denen partielles Oedem, Röthung oder cyanotische Färbung der
Hände, Füsse, Ohren u. s. w. anfallsweise auftrat, und mit dem Durch-
bruch einer Zahngruppe verschwand. Auch halte ich es für zu
weit gehend, jede Möglichkeit einer durch Zahnreiz bedingten Krampf-
form zu leugnen, und werde Ihnen später Fälle von partiellen Kräm-
pfen der Hals- und Nackenmuskeln mittheilen, die mit dem Durch brucheiner
Zahngruppe zusammenhingen. Die unbestreitbare Thatsache, dass hart-
näckiges Erbrechen, Diarrhoe, spastischer Husten, Eczem des Gesichts,
welche Tage oder Wochenlang der Behandlung Trotz boten, mit einem
Mal verschwinden, sobald ein oder ein paar Zähne aus der Alveole her-
vorgetreten sind, lässt sich auch nur durch den von den Dentalästen
des Quintus ausgehenden Reflex auf die Peristaltik, den Vagus oder die
Gefässnerven erklären Man sollte sich davor hüten, die Ansichten
unserer ärztlichen Vorfahren mit jener Ueberhebung, welche bei einem
Theil der jüngeren Schule Mode geworden ist, ganz über Bord zu werfen,
und ohne ausreichende praktische Erfahrung Principien aufzustellen,
die immer erst das Resultat eines langen ärztlichen Lebens und sehr
zahlreicher eigner Beobachtungen sein dürfen. Thatsache ist, dass ein
grosser Theil der zahnenden Kinder während des Durchbruchs einer Gruppe
verstimmt ist, viel schreit (wahrscheinlich in Folge von Schmerzen), un-
ruhig schläft, in der Gewichtszunahme zurückbleibt2) , welkere Haut,
blasses Colorit, durch harnsaure Salze milchig getrübten Urin, und sogar
leichte Fieberbewegungen darbietet.
Obwohl das Erscheinen der ersten Zähne im Durchschnitt zwischen
dem 6. und 9. Lebensmonate stattfindet, fehlt es doch nicht an Bei-
spielen einer viel früher vor sich gehenden Zahnung, und ich selbst
sah mitunter einen oder zwei Schneidezähne schon am Ende des zweiten
') Journal de med. de Bruxelles, 5. Sept. 1890.
') Dehio, Jahrb. f. Kinderheilk. XX. 1883. S. 64. — Staege, Ebendas.
S. 425.
144 Krankheiteades Säuglingsalters.
oder dritten Monats hervorbrechen. Häufiger erleidet der Process eine
Verspätung, und selbst bei Kindern, welche vollständig gesund sind>
insbesondere keine Spur von Rachitis darbieten, sieht man bisweilen den
ersten Zahn erst im 10. oder 11. Monat erscheinen. Auch wird Ihnen
bereits eine Anomalie bekannt geworden sein, welche bei gewissen his-
torischen Persönlichkeiten als Vorbote eines energischen, gewaltthätigen
Charakters betrachtet wurde, ich meine die mit auf die Welt ge-
brachten Zähne. Nach dem, was ich selbst beobachtete, kann man
zwei Formen derselben unterscheiden. Bei der ersten sieht man einen
oder zwei spitze, mehr oder minder hakenförmige Zähne, welche nur in
einer Duplicatur des Zahnfleisches eingebettet, von Anfang an lose
und leicht beweglich sind. In der Regel hat man es mit den beiden
mittleren Incisoren des Unterkiefers zu thun, die bei einem 5 Wochen
alten Kinde fast von normaler Form, nur mit sägeartig geriffelter
Schneide erschienen. Solche Zähne habe ich stets mit einer Pincette
ohne Mühe entfernt, weil sie gewöhnlich die Brustwarzen der Säugenden
und die untere Fläche der Zunge verletzen, an welcher sich eine oder
zwei den Zähnen entsprechende Ulcerationen bilden können. Nur in
einem Fall, wo diese Geschwüre unter Bepinselung mit Solut. Zinci sul-
phur. (2 pCt.) heilten, wurden die Zähne allmälig fester, und ich Hess
sie daher sitzen, weiss aber nicht, was schliesslich daraus geworden ist.
Bei der zweiten Form fand ich wirkliche in der Alveole festsitzende
Zähne, welche sich indess von den normalen, später hervortretenden
durch rauhe Oberfläche und gelbliche Farbe, also durch Defect des
Schmelzes unterscheiden. Diese Zähne erfordern behufs ihrer Ent-
fernung eine grössere Gewalt, und ich rathe Ihnen, so lange sie nicht
lose geworden sind, sie lieber unangetastet zu lassen. Sobald dies aber
geschieht , halte ich es für geboten , sie auszuziehen , weil ich dann
immer einen krankhaften Process in der Alveole beobachtet habe,
der erst nach der Entfernung des Zahnes heilen kann. Die folgenden
Fälle mögen Ihnen als Beispiele dienen:
Mädchen von 3 Monaten, am 2. April in die Poliklinik gebracht. Im linken
Oberkiefer hatte schon bei der Geburt ein Zahn gesessen, welcher am 5. Tage ex-
trahirt worden war. Bald darauf Anschwellung der linken Wange. Die Unter-
suchung ergab bedeutende Verdickung des linken Oberkiefers, fistulöse Oeffnungen
am Alveolarrande, aus welchen Eiter aussickerte, Eiterausfiuss aus der linken Nasen-
höhle und aus einer unter dem Augenhöhlenrande befindlichen Fistel. Der Eiter war
in hohem Grade übelriechend. Fluctuirender Abscess in der Gegend des linken Joch-
bogens. Am 20. Ausstossung mehrerer nekrotischer Knochenstückchen aus dem Al-
veolarrande, später künstliche Entfernung eines grösseren Sequesters. Weiterer Ver-
lauf unbekannt.
Dentition. 145
Mädchen von 5 Monaten. Nach der gewaltsamen Extraction eines im linken
Oberkiefer mit auf die Welt gebrachten Zahns hatte sich eine schmerzhafte
Anschwellung der linken Wange gebildet. Bei der Untersuchung fand sich der
Oberkiefer verdickt, empfindlich, fistulöse Oeffnungen am linken Alveolarrande und
Eiterausfluss aus der linken Nasenhöhle. Aus der Behandlung fortgeblieben.
Knabe von 2 Monaten, am 4. Januar vorgestellt. Die ganze linke Hälfte
des Unterkiefers stark geschwollen, gegen Druck sehr empfindlich, das Zahnfleisch
dunkelroth und gewulstet. Druck unter dem Kiefer bewirkte Eitererguss in die
Mundhöhle, die übrigens auch spontan erfolgte. In der Gegend des ersten Back-
zahns zeigte sich im Zahnfleisch eine kleine Oeffnung als Quelle des Eiters, und die
in dieselbe eingeführte Sonde stiess auf einen harten Widerstand. Die Anamnese
ergab, dass der erste linke Schneidezahn schon im Alter von 6 Wochen
hervorgetreten war, und zwar gleichzeitig mit der Anschwellung und Eiterung. Bei
der zweiten Vorstellung des Kindes am 15. war auch der erste Backzahn aus der
erwähnten Oeffnung völlig zu Tage getreten. Beide Zähne sassen ziemlich lose im
Kiefer und sollten extrahirt werden. Leider wurde das Kind der ferneren Beobach-
tung entzogen.
Kind von 13 Tagen. Am 4. Lebenstage ohne Ursache erkrankt. Der untere
Alveolarrand geschwollen, roth, mit Eiter bedeckt, welcher beim Druck wie aus
einem Schwämme quillt. In den letzten Tagen sind die beiden mittleren unteren
Schneidezähne hervorgetrieben und extrahirt worden, mit Hinterlassung zweier
eiternder Lücken. Die Zähne bestanden nur aus einer nach unten zugespitzten Krone,
ohne Wurzeln.
Die beiden letzten Fälle, in welchen es sich nicht sowohl um an-
geborene Zähne, als um eine sehr frühzeitige Dentition handelt, scheinen
mir auf den ganzen Vorgang Licht zu werfen. Sie machen es wahr-
scheinlich, dass eine Periostitis des Alveolarrandes, sei es im Ober-
oder Unterkiefer, durch Schwellung und Exsudation innerhalb der Alveole die
Zahnkrone nach aussen drängt. Ich halte demnach die Periostitis für das
Primäre, nicht, wie ich früher annahm, für ein Product der gewaltsamen
Extraction des Zahns, und glaube auch die beiden ersten Fälle in glei-
cher Weise auffassen zu müssen. Wodurch das vor oder bald nach der
Geburt entstandene Knochenleiden veranlasst wurde, muss ich dahin ge-
stellt sein lassen; jedenfalls konnte Syphilis hereditaria in allen vier
Fällen mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Die Extraction der be-
treffenden Zähne dürfte also unter diesen Umständen nicht nur unbe-
denklich, sondern sogar nothwendig sein, um die Alveole von dem rei-
zenden Fremdkörper zu befreien. Samelsohn1), welcher einen Fall
von Periostitis der Augenhöhle bei einem 14 Tage alten Kinde beob-
achtete, sucht die Ursache der Erkrankung, die mit einer enormen
Protrusion des Bulbus einherging, in dem vorzeitig zum Durchbruch
') Centralzeitung f. Kinderheilk. I. 1878. S. 190.
Hen och, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 10
146 Krankheiten des Säuglingsalters.
drängenden ersten Backzahn, nach dessen Extraction der ganze Process
glücklich verlief. Der Zahn zeigte eine gut entwickelte Krone und den
Beginn der Wurzelbildung. Ich glaube aber , dass nicht der „vorzeitig
zum Durchbruch drängende Zahn" als Ursache des Processes anzusehen
war, sondern dass die Periostitis des Oberkiefers den Zahn vorzeitig
herausdrängte. In ähnlicher Weise sehen wir in 3 von Klementowsky')
mitgetheilten Fällen schon bei Kindern in den ersten Tagen und Mona-
ten des Lebens durch nekrotisirende Entzündung des Zahnfleisches und
Periosts Blosslegung der Alveole, Hervortreten und Ausfallen der Zähne
bedingt werden.
Auch der zu normaler Zeit vor sich gehende Dentitionsprocess
kann von verschiedenen localen Krankheitserscheinungen begleitet wer-
den, welche als Producte der Zahnreizung betrachtet werden müssen.
Häufig beobachtet man Röthung der Mundschleimhaut, besonders des
Zahnfleisches, welches hie und da mit kleinen Häutchen abgestossenen
Epitheliums bedeckt ist, und stark vermehrte Speichelsecretion. Jede
Berührung des Zahnfleisches ist dann empfindlich, ruft auch wohl kleine
Blutungen hervor. In anderen Fällen beschränken sich die entzündlichen
Erscheinungen auf die unmittelbare Umgebung der durchbrechenden
Zähne, welche dunkel geröthet und zum Theil oberflächlich ulcerirt er-
scheint, oder der Sitz kleiner, öfters reeidivirender Abscesse wird. Auch
kommt es bisweilen zu multipler Entwickelung gelblich grauer Plaques
auf der Zunge und anderen Theilen der Schleimhaut (Stomatitis aph-
thosa). Unter den vollständig entwickelten Zähnen sind es besonders
die beiden mittleren Incisoren des Unterkiefers, welche durch ihre
schneidige Schärfe die untere Fläche der Zunge beim Saugen, oder auch
bei starkem Husten verletzen und kleine Ulcerationen derselben er-
zeugen. Ja bei einem 8 Monate alten, ganz gesunden, insbesondere
nicht hustenden Kinde fand ich durch die schneidige Schärfe der bei-
den mittleren Incisoren das Frenulum linguae bis auf einen kleinen Rest
durch ein gelblich graues, leicht blutendes Geschwür zerstört, welches,
ganz ähnlich dem beim Keuchhusten vorkommenden, durch das fort-
währende Hinübergleiten der unteren Zungenfläche über die Zähne beim
Saugen entstanden war. Alle diese localen Symptome aber sind doch
im Verhältniss zu der grossen Majorität der Fälle, in denen die Denti-
tion ohne jede Störung im Munde vor sich geht, selten, gerade so
wie Störungen entfernter Organe, die ebenfalls in den meisten
Fällen vermisst werden, doch unter gewissen Umständen, zumal bei ner-
') Centralzeitung f. Kinderheilk. II. 1879. S. 186.
Dentition. 147
vösen, zu Reflexactionen besonders disponirton Kindern auftreten können.
Mag man nun diese Ansicht theilen oder nicht, so ist man jetzt wohl
darüber einig, dass jeder Versuch, den Durchbruch des Zahns zu er-
leichtern und dadurch die von der „erschwerten" Zahnung abhängigen
Erscheinungen zu beseitigen, nutzlos ist. Das englische Verfahren, das
Zahnfleisch bis auf den durchbrechenden Zahn mit dem Bistouri zu sca-
rificiren, habe ich früher oft genug ausgeführt, um mich von seiner
Erfolglosigkeit zu überzeugen. Ich sah dabei weder den Zahn früher
zum Vorschein kommen, noch etwa stattfindende spastische Zufälle, zu-
mal Glottiskrampf, irgendwie beeinflusst werden. Ja, diese früher so
vielfach gerühmte Methode kann durch die sich bildende Narbe den
Widerstand, welcher sich dem Durchbruch des Zahns entgegenstellt, eher
noch erhöhen. Der einzige Nutzen, den man von der kleinen Operation
erwarten darf, ist bei starker Hyperämie des Zahnfleisches die Blutent-
leerung, welche indess unter solchen Umständen leicht excessiv werden
kann. Aus allen diesen Gründen habe ich seit vielen Jahren die Scari-
fication vollständig aufgegeben.
Der Durchbruch der 20 Milchzähne, die ein Kind haben muss,
erfolgt in gewissen Abschnitten, welche durch eine Pause von einander
getrennt werden. Wie ich schon bemerkte, brechen zwischen dem 6.
und 9. Monat, häufig später, selten früher, die beiden mittleren unteren
Schneidezähne zuerst hervor, auf welche dann nach mehreren (6 — 8)
Wochen die beiden mittleren oberen Incisoren folgen. Zunächst kommen
dann die beiden seitlichen oberen und nach einigen Wochen die seit-
lichen unteren Incisoren, deren Durchbruch unter normalen Verhältnissen
bis zum Ende des ersten Jahres beendet zu sein pflegt. Abweichungen
von dieser Ordnung, wobei z. B. die oberen Incisoren den Reigen er-
öffnen, und dann erst die unteren erscheinen, kommen nicht ganz selten
vor. Die Gruppe der 4 vorderen Backzähne pflegt zwischen dem
15. bis 18. Monat zu erscheinen, viel seltener entwickeln sich diese,
wenigstens zum Theil, vor der vollendeten Eruption der seitlichen In-
cisoren. Zwischen dem 18. und 20. Monat erfolgt in der Regel der
Durchbruch der die Lücke zwischen den Back- und Schneidezähnen aus-
füllenden 4 Eck- oder Augenzähne, und den Beschluss machen nach
der längsten (bisweilen mehrere Monate betragenden) Pause die 4 hin-
teren Backzähne, welche zwischen dem 20. und 26. Monat hervor-
brechen. Damit ist der Process der ersten Dentition beendet. Dies
alles gilt aber nur für gesunde Kinder. Durch eine schlechte Consti-
tution, zumal Rachitis, wird die Zahnung sehr häufig retardirt, sodass
die ersten Incisoren erst am Schluss des ersten Jahres, oder noch später
10*
148 Krankheiten des Säuglingsalters.
zum Vorschein kommen, und durch längere Pausen zwischen den ein-
zelnen Gruppen der ganze Vorgang bis weit ins 3. Lebensjahr hinge-
zogen werden kann. Eine der seltensten Anomalien zeigte ein 5jähriges,
nicht rachitisches Kind, bei welchem die beiden äusseren oberen Inci-
soren erst im 4. und 5 Lebensjahre zum Vorschein gekommen waren.
Auf alle möglichen Abnormitäten der ersten Dentition kann ich hier
nicht eingehen. Erwähnt sei nur noch die bisweilen vorkommende
Doppelbildung, die z. B. in einem meiner Fälle den rechten Eckzahn
betraf. Statt eines einzigen, waren zwei Eckzähne, ein fast normaler
vorderer und ein etwas schief nach hinten stehender vorhanden, welcher
zugleich kleiner und spitzer erschien. — Im Alter von 4'/2 bis 6 Jahren
beginnt in der Regel die zweite Dentition mit dem Erscheinen der
ersten bleibenden Backzähne, meistens der oberen, worauf erst das
Ausfallen der Milchzähne zu beginnen pflegt. Schmerzhafte Empfindun-
gen und Speichelfluss können diesen Vorgang begleiten '). —
') Troitzky, Revue mens. Juli— Sept. 1890.
Krankheiten des Nervensystems. 149
Dritter Abschnitt.
Krankheiten des Nervensystems.
I. Die Convulsionen.
Die Neuropathologie verdankt einen grossen und wichtigen Theil
ihres Materials dem Kindesalter. Die Disposition des kindlichen Nerven-
systems zu Erkrankungen kommt indess nicht allen Theilen desselben
in gleicher Weise zu. Während von den Centralorganen vorzugsweise
das Gehirn zahlreichen Erkrankungen unterliegt, wird das Rückenmark,
abgesehen von den angeborenen Affectionen desselben (Spina bifida) und
der myelitischen Kinderlähmung, weit seltener afficirt. Von den „Neu-
rosen" treten diejenigen der Sensibilität (Neuralgien und Anaesthesien)
ganz in den Hintergrund gegen die Störungen der Bewegungssphäre, zu-
mal die Convulsionen, welche eins der häufigsten Leiden des Kindes-
alters von der Geburt an bis etwa zum Ablauf des 3. Lebensjahrs bil-
den. Der Versuch Soltmann's, die ausserordentliche Tendenz des
kindlichen Organismus zu krampfhaften Zuständen dadurch zu erklären,
dass seine Experimente in der ersten Lebenszeit junger Thiere bis zum
10. Tage das Fehlen der Reflexhemmungscentra im Gehirn und Rücken-
mark ergaben1), kann doch für die grosse Neigung zu Krämpfen, die
noch bei älteren Kindern im zweiten und dritten Jahre stattfindet, keine
Geltung haben. Freilich ist zuzugeben, dass die Disposition zu reflecto-
rischen Krämpfen gerade bei ganz jungen Kindern am stärksten hervor-
tritt, die bei jedem plötzlichen Geräusch, bei unvermutheter Berührung
zusammenzucken, bei heftigem Schreien plötzlich durch Glottiskrampf
apnoetisch werden. Und wie häufig bewirkt hier eine einfache Indi-
gestion durch den vom Magen und Darmkanal ausgehenden Reflexreiz
allgemeine Convulsionen, welche unter gleichen Umständen bei Erwachse-
nen kaum jemals beobachtet werden!
Das Bild der Convulsionen (Eclampsia infantilis) weicht von
dem des epileptischen Insults in keiner Weise ab. Gewöhnlich beginnt
der Anfall mit Verdrehen der Augen nach oben oder nach der Seite,
') Vergl. dagegen die Versuche von Tarchan off, (Centralbl. f. Kinderheilk.
II. 1879. S. 1 83). Lemoine, Marcacci und Paneth (Biolog. Centralbl. 2 1886)
150 Krankheiten des Nervensystems.
auch mit unheimlicher Starrheit des Blickes, wobei schon das Bewusst-
sein schwindet. Zuckungen der Gesichtsmuskeln, bisweilen nur einseitig
mit Verziehung des Mundwinkels, schliessen sich an, die Kiefer sind
durch Trismus geschlossen oder werden durch Krampf der Pterygoidei
unter Zähneknirschen seitlich an einander verschoben. Auch Kaubewe-
gungen werden bisweilen beobachtet. Tetanische Starre der Extremitäten,
die von kurzen, wie durch elektrische Strömungen erregten Zuckungen
mehr oder weniger häufig unterbrochen wird, fehlt selten. Die Finger
sind meistens stark flectirt, lassen sich nur schwer strecken, die Füsse
in Dorsalflexion oder in der Form des Pes equinus, je nachdem Strecker
oder Beuger vorzugsweise von der krampfhaften Starre ergriffen sind.
Auch die Rumpfmuskeln nehmen Theil; Retroversion oder Hin- und
Herschleudern des Kopfes, Contraction der Athemmuskeln mit beängsti-
genden Pausen der Respiration, abwechselnd mit sehr schnellen ober-
flächlichen Athembewegungen, Härte der Bauchmusculatur, unwillkür-
liche Austreibung von Urin und Faeces sind, wenn nicht constante, doch
häufige Begleiter. Schon nach wenigen Secunden bekommt das ent-
stellte Antlitz um Nase und Mund herum einen bläulichen (cyanotischen)
Schimmer und durch die gewaltsame Action der Zunge, Kau- und Wan-
genmusculatur wird der Mundspeichel in Form eines seifenartigen
Schaums aus der Lippenfuge getrieben, der bei alteren, mit Zähnen ver-
sehenen Kindern durch Zerbeissen der Zunge nicht selten mit etwas Blut
vermischt ist. Diese Erscheinungen, welche die Eltern in Schrecken
versetzen, dauern in der Regel nur wenige Minuten, die Zuckungen nehmen
dann an Intensität und Häufigkeit allmälig ab, die starren Glieder lösen
sich, das Gesicht wird ruhiger und wieder besser gefärbt, und nur
schwache, das betäubt daliegende Kind von Zeit zu Zeit durchfahrende
Zuckungen erinnern schliesslich noch an den abgelaufenen Sturm, wie
die fernen Blitze und leisen Donner eines abziehenden Gewitters. Oft
aber ist diese Ruhe nur eine temporäre und täuschende. Noch ehe das
Kind aus der Betäubung erwacht ist, beginnt der Anfall mit neuer
Wuth, und so können sich die Krämpfe drei- bis viermal wiederholen,
wobei in den Intervallen der soporöse Zustand, völlige Bewusst- und
Empfindungslosigkeit fortbestehen. Die Fortdauer der Reflexsensibilität
kann hier leicht täuschen, denn die Berührung der Conjunctiva löst oft
eine Contraction des Orbicularmuskels, das Anspritzen kalten Wassers
eine Reflexzuckung aus; in vielen Fällen aber fehlt diese Erscheinung,
und ich konnte dann die Fingerspitze auf die Conjunctiva bulbi legen,
ohne die geringste Wirkung auf den Augenschliessmuskel zu beobachten.
Man darf diesen Mangel der Reflexsonsibilität nicht sofort als ein tödt-
Convulsionen. 151
Hohes Zeichen betrachten, wie es von mancher Seite geschieht, da ich
eine Anzahl solcher Kinder, welche diese Erscheinung darboten, genesen
sah. Weit bedeutsamer ist die Dauer des Paroxysmus. Die nur von
kurzen soporösen Pausen unterbrochenen Anfälle können sich Stunden
lang hinziehen, und Sie begreifen, dass unter diesen Umständen die
Hemmung der Respiration, die venöse Stauung im Gehirn, schliesslich
auch die völlige Erschöpfung der Kräfte dem Leben Gefahr drohen
können. Aber selbst dann ist der letale Ausgang durchaus nicht immer
zu befürchten, und jeder Arzt wird sich solcher Fälle erinnern, die trotz
vielstündiger, Tage und selbst Wochen lang sich immer wiederholender
Convulsionen mit vollständiger Genesung endeten.
Leichtere, auf wenige Minuten beschränkte Anfälle sind häufig schon
vorüber, wenn der eilig hinzugerufene Arzt erscheint. Er findet das
Kind in der Regel noch in einem soporösen Zustande, der unmerklich
in Schlaf übergeht, welcher mehrere Stunden, ja die ganze Nacht dauern
kann, und aus welchem das Kind in vielen Fällen scheinbar gesund,
als ob nichts vorgefallen wäre, erwacht. Dennoch sei man immer auf
der Hut. Ein Eclampsieanfall bleibt selten solitär; früher oder später
muss man auf eine Wiederholung gefasst sein, und die Fälle, in wel-
chen täglich oder alle paar Tage die schreckliche Scene sich wieder-
holt, gehören nicht zu den Seltenheiten. In vielen anderen Fällen aber
vergehen Wochen und Monate, bevor ein neuer Anfall sich einstellt.
Wenn Sie ein solches Kind noch mitten im convulsivischen Anfall
finden, so bleibt Ihnen keine Zeit, sich ausführlich nach der Entstehung
des Uebels bei der erschreckten Umgebung zu erkundigen. Man ver-
langt von Ihnen vor allem rasche Beseitigung der Krämpfe. Die eau-
sale Indication muss hier zunächst der vitalen Platz machen, und ich
kenne kein Mittel, welches die letztere sicherer erfüllt, als Einath-
mung von Chloroform. Halten Sie sich nicht mit anderen Dingen,
wie Chloralhydrat, abführende Klystiere, kalte Umschläge, Ansetzen von
Blutegeln an den Kopf u. s. w. auf, sondern überall, wo es darauf an-
kommt, einen das mittlere Maass, also etwa 5 Minuten überschreitenden
Anfall zu unterdrücken, wenden Sie sofort Chloroform an. Ein Thee-
löffel davon auf ein Schnupftuch gegossen und in der Art vor die Nase
des Kindes gehalten, dass noch eine Luftschicht dazwischen bleibt, ist
oft schon genügend. Schon nach wenigen Athemzügen beruhigt sich die
krampfhafte Erregung, und man kann die Inhalationen dreist bis zum
völligen Nachlassen der Convulsionen fortsetzen. Selbstverständlich
muss man während dieser Zeit Puls und Athem genau beobachten, um
nöthigenfalls das Verfahren sofort unterbrechen zu können. Doch habo
152 Krankheiten des Nervensystems.
ich selbst noch niemals eine unangenehme Wirkung erlebt, obwohl ich
die Inhalationen in vielen Fällen von Eclampsie, selbst bei ganz kleinen,
wenige Monate alten Kindern in Gebrauch zog. Bei einem Kinde, wel-
ches über 40 Anfälle im Laufe eines Tages hatte, liess ich jedesmal,
sobald ein neuer Anfall sich ankündete, Chloroform einathmen; stets
reichten ein paar Athemzüge hin, um die Zuckungen rasch zu beseitigen,
und am nächsten Tage, nach einer gut durchschlafenen Nacht, war das
Kind, abgesehen von einer grossen Ermattung, vollkommen wohl. Ich
wagte es sogar, die Angehörigen selbst mit der Anwendung des Chloro-
forms bekannt zu machen, liess diese selbstständig damit vorgehen, so-
bald neue Anfälle eintraten, und habe dies Vertrauen bis jetzt nicht zu
bereuen gehabt. In der That ist es unmöglich, wenn der Arzt nicht
den ganzen Tag bei dem Kinde sitzen kann, in jedem Augenblick sach-
verständige Hülfe bei der Hand zu haben, und es bleibt daher nur
übrig, den Versuch mit den Angehörigen, noch besser mit einer guten
Wärterin zu wagen. Cyanotische Färbung des Gesichts in Folge der
Convulsioneu war mir nie eine Contraindication gegen das Chloroform;
sie verschwand immer, sobald das Mittel zu wirken begann. Ebenso
wenig hielt mich eine Bronchopneumonie, in deren Verlaufe Convulsionen
eintraten, ab, das Chloroform anzuwenden. Die Krämpfe hörten bald
auf, während die Lungenaffection ihren weiteren Verlauf nahm. Chloro
form ist aber kein absolut sicheres Mittel gegen den eclamptischen
Anfall. Abgesehen davon, dass es überhaupt nur palliativ wirkt und
die Wiederholung der Convulsionen nicht zu hindern vermag, fand ich
es auch in einzelnen heftigen Fällen so gut wie unwirksam; die durch
die Inhalationen erzeugten Pausen dauerten kaum ein paar Minuten und
der Anfall endete schliesslich durch Erschöpfung letal. Man hat sich
sogar vor der Anwendung des Mittels zu hüten, wenn man das Kind
bereits collabirt, mit einem sehr kleinen rapiden Pulse und kühl wer-
denden Extremitäten vorfindet. Solche Fälle bilden aber immer eine
kleine Minorität und können der warmen Empfehlung der Inhalationen
keinen Eintrag thun').
Sobald der Eclampsieanfall, entweder spontan oder unter Beihülfe
von Chloroforminhalationen sein Ende erreicht hat, tritt die Frage nach
der Ursache der Krankheit an Sie heran, denn nur durch die Erfüllung
') Die von Parry, Blaud, Trousseau u. A. empfohlene Compression der
Carotiden, welche ich selbst wiederholt versuchte (Beiträge zur Kinderheilk. N. V.
Berlin 1878. S. 97), ergab mir viel zu unsichere Resultate, um noch ernstlich in
Betracht zu kommen.
Convulsionen. 153
der causalen Indication sind Sie im Stande, die Wiederkehr der Anfälle
zu verhüten. Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, auf die Patho-
genese des epileptiformen Anfalls überhaupt einzugehen; nur daran
möchte ich erinnern, dass auf experimentellem Wege eine dreifache Ent-
stehungsweise der Anfälle sicher nachgewiesen ist, Anämie des Gehirns
durch Contraction der kleinsten Hirnarterien (Kussmaul und Tenner),
halbseitige Durchschneidung des Rückenmarks oder des Ischiadicus mit
darauf folgender Reizung der betreffenden Gesichtshälfte (Brown-
Sequard), und Schläge auf den Kopf, welche kleine Blutextravasate
in der Medulla oblongata zur Folge hatten (Westphal). Für die Pa-
thogenese der infantilen Convulsionen lässt sich meiner Ansicht nach
die erste und dritte Versuchsreihe verwerthen. Es fehlt einerseits nicht
an Beispielen, wo ein heftiger Fall oder Schlag auf den Kopf epilepti-
forme Anfälle, sogar mit habitueller Wiederholung, bei Kindern zur Folge
hatte, und ich selbst habe solche Fälle beobachtet. Andererseits kann
Anämie des Gehirns in Folge von Herzschwäche bei erschöpfenden
Krankheiten (Inanitionskrämpfe), oder spastische Contraction der kleinen
Hirnarterien mit Ischämie da angenommen werden, wo es sich um eine
Reflcxreizung oder um einen Fieberanfall handelt, der mit Convulsionen
auftritt. Mit diesen Deutungen scheint mir indess die Pathogenese der
Eclampsic keineswegs erschöpft zu sein, abgesehen von toxischen Ein-
flüssen verschiedenster Art, erinnere ich daran, dass während des Anfalls
häufig vermehrte Spannung, Prominenz und lebhafte Pulsation der
grossen Fontanelle beobachtet werden, Erscheinungen, welche eher auf
vermehrte Blutfülle, als auf Anämie des Gehirns hindeuten.
Wenden wir uns nun zu der durch ärztliche Erfahrung festgestellten
Aetiologie der Eclampsie, so drängt sich in jedem Fall die zunächst
für die Prognose entscheidende Frage auf, ob die Convulsionen von einer
materiellen Erkrankung des Gehirns ausgehen oder nicht, eine
Frage, welche Sie, zumal wenn Ihnen das Kind noch unbekannt ist,
nicht sofort entscheiden können. Man hat die Halbseitigkeit der
Convulsionen zu Gunsten eines cerebralen Ursprungs geltend gemacht,
und ich gebe zu, dass dies im Allgemeinen richtig ist, wenn bei Wieder-
holung der Anfälle immer nur eine und dieselbe Hälfte des Kör-
pers ergriffen wird, die andere frei bleibt. Man darf dabei aber nicht
übersehen, dass zuweilen auch doppelseitige Convulsionen bei nur ein-
seitiger Affection des Gehirns vorkommen z. B. bei Tuberkeln, und dass
andererseits auch halbseitige Krämpfe in Fällen beobachtet wurden, in
denen kein wirkliches Cerebralleiden vorlag. Wiederholt sah ich die
ersten Anfälle sich auf eine Seite des Gesichts oder eine Körperhälfte
154 Krankheiten des Nervensystems.
beschränken, oder den Paroxysmus nur aus einer Eotation des Kopfes
mit Verdrehen der Augen und Zuckungen eines Arms bestehen, und
die Krämpfe erst später auch auf der anderen Körperhälfte auftreten.
Bei einem 8jährigen Kinde, welches an Darminvagination zu Grunde
ging, befielen die am Todestage auftretenden Convulsionen ausschliess-
lich die rechte Gesichts- und Körperhälfte. Trotzdem bleibt die Halb-
seitigkeit der Krämpfe immer ein bedeutsames Symptom, welches uns
auffordert, den Zustand des Kindes während der krampffreien Zeit
gründlich auf eine Gehirnaffection zu prüfen und eine genaue Anamnese
anzustellen. Manche Gehirnkrankheiten, z. B. Tuberkel und Geschwülste,
können sehr lange, selbst viele Monate, sich nur durch periodische
Eclampsieanfälle verrathen, welche dann leicht für »idiopathische« ge-
halten werden, bis plötzlich Hemiplegie oder Sopor den Irrthum auf-
klären. Die Entscheidung ist oft schwer, und ich mache Sie besonders
darauf aufmerksam, dass auch bei Reflexkrämpfen, zumal kleiner Kin-
der, in den Intervallen häufig Erscheinungen sich zeigen, welche be-
denklich erscheinen können, blasses Aussehen, Apathie, Aufhören des
Lächelns, häufiges Zusammenschrecken, verstärkte Pulsation der Fon-
tanelle, leichte Fieberbewegungen. Der vorsichtige Arzt wird hier immer
gut thun, mit dem Urtheil zurückzuhalten, bis die weitere Beobachtung,
das Ausbleiben ernsterer Oerebralsymptome, Beruhigung gewährt. In
einzelnen Fällen, bei sehr gehäuften 'convulsivischen Paroxysmen (ich
habe im Laufe mehrerer Wochen hunderte beobachtet) sah ich die psy-
chische Entwickelung bedeutend zurückbleiben, auch bei Kindern, die
vor der Eclampsie geistig normal zu sein schienen. In einem dieser
Fälle trat sogar völliger Blödsinn ein. Der Mangel an Sectionsbefunden
legt mir aber Zurückhaltung im Urtheil über die Natur solcher Fälle
auf, da die Möglichkeit, dass hier schon vorher eine Anomalie des
Centralorgans bestand, nicht ausgeschlossen werden kann.
Bei allen Convulsionen, welche sich mehr oder minder häufig
wiederholen, empfehle ich Ihnen, zunächst das Knochensystem des
Kindes zu untersuchen. Meiner Erfahrung nach wird die Tendenz zu
Convulsionen durch keine andere Ursache in so hohem Grade befördert,
wie durch Rachitis. Durch zahllose Fälle belehrt, pflege ich bei
jedem Kinde, welches wegen Eclampsie in meine Behandlung kommt,
alsbald die Epiphysen der Rippen, der Vorderarmknochen und den
Schädel zu untersuchen. Bei den meisten Kindern zwischen dem 6 Le-
bensmonat und der Mitte des 3. Lebensjahrs fand ich dann mehr oder
weniger entwickelte Zeichen von Rachitis. Sehr oft sind gleichzeitig
Convulsionen. 155
Anfälle von Stiramritzenkrampf vorhanden, welche entweder die
Krämpfe eröffnen, oder mit diesen abwechseln; seltener fehlte der Glottis-
krampf ganz und die Eclampsie bestand für sich allein. Worin die Dis-
position der rachitischen Kinder zu Krämpfen begründet ist, bleibt dahin-
gestellt; eine mangelhafte Ernährung der Nervencentra dafür verantwort-
lich zu machen, wäre voreilig, da Eclampsie ebenso gut bei wohlge-
nährten Rachitischen, wie bei Atrophischen vorkommt. Auch eine von
den blutreichen Schädelknochen auf die Rindensubstanz übergreifende
Hyperämie ist anatomisch nicht sicher constatirt. Jedenfalls muss man
gerade bei solchen Kindern auf Wiederholungen der Anfälle gefasst
sein, für welche fast niemals bestimmte Gelegenheitsursachen aufzufinden
sind.
Meiner Ansicht nach spielt die Rachitis hier eine weit einfiuss-
reichere Rolle, als die Dentition, die man so gern für die in dem
betreffenden Lebensalter vorkommenden Krämpfe verantwortlich macht.
Mit demselben Recht könnte man die Rachitis selbst von der Zahnung
herleiten, was doch keinem Vernünftigen einfallen wird. Nur selten
beobachten wir Convulsionen bei zahnenden Kindern, die
nicht rachitisch sind, es müssten denn ganz bestimmte Re-
flexanlässe nachweisbar sein. Zu diesen kann freilich, wie ich
früher (S. 143) bemerkte, auch ein Zahndurchbruch gehören, aber diese
Fälle sind jedenfalls sehr selten und schwer zu beweisen, und die
Neigung vieler Mütter, die Convulsionen ihrer Kinder als »Zahnkrämpfe"
zu bezeichnen, darf Sie nie von der genauen Erforschung anderer, viel
häufiger einwirkender Anlässe ablenken. Unter diesen nehmen Reiz-
zustände der Verdauungsorgane unstreitig die erste Stelle ein.
Schon bei Dyspepsie der Säuglinge sehen wir, meistens wohl durch Re-
flex, convulsivische Anfälle zu Stande kommen; ungeschickte künstliche
Ernährung, zumal Ueberfütterung, kann die Quelle der heftigsten
eclamptischen Zufälle werden. Auch die Fälle von Säuglingen, bei denen
bald nach einem heftigen Gemüthsaffect oder nach Alkoholmissbrauch
der Mutter oder Amme Eclampsie eintritt, gehören hierher, weil dabei
nur an eine den kindlichen Digestionsorganen nachtheilige Veränderung
der Milch gedacht werden kann. Selbst im späteren Kindesalter, bis
gegen die zweite Dentition hin, kÖDnen durch Ueberladung des Magens
und Darmkanals mit qualitativ und quantitativ schädlichen Stoffen con-
vulsivische Anfälle hervorgebracht werden. Aus der grossen Reihe der
von mir beobachteten Fälle dieser Art mögen die folgenden als Beispiele
dienen:
1 56 Krankheiten des Nervensystems.
Kind von 3'/2 Jahren. Mittags reichlicher Genuss von Gurkensalat und
Pflaumen. Abends Eclampsieanfälle, die mit soporösen Pausen etwa 2 Stunden
dauerten. Kalte Fomentationen des Kopfes, Klystiere , nach Aufhören des Sopor ein
Brechmittel. Heilung.
Kind von 2 Jahren, gesund, erkrankt am 3. October mit Frost, in der Nacht
starke Hitze. Am 4. um 9 und 12 Uhr Eclampsieanfall. Nach demselben vollstän-
dige Anorexie, gelb belegte Zunge, Uebelkeit. Brechmittel, später Infus. Sennae
Heilung.
Kind von 2 Jahren, genoss am 17. März reichlich Sauerkohl, worauf bedeu-
tender Meteorismus und ungewöhnliche Schläfrigkeit folgten. Beides bestand am 18.
Morgens fort; plötzlich Uebelkeit, Erbrechen und um 1 1 Uhr heftige Eclampsieanfälle,
die mit kurzen Unterbrechungen bis 2 Uhr dauerten. Durch zwei Klystiere wurden
ein paar harte Scybala entleert. Um 2','., Uhr fand ich das Kind noch völlig be-
wusstlos, die Augen fest geschlossen, schwer zu öffnen, die Kiefer aufeinander ge-
presst, Respiration röchelnd, unregelmässig, von Zeit zu Zeit noch leichte Zuckungen
der Extremitäten, Puls 120. sehr voll. Ther. Sinapismus im Nacken, kalte Fomen-
tationen des Kopfes, 4 Blutegel hinter den Ohren, Calomel 0,00 2stündlich. 6 Uhr:
starke Nachblutung, Bewusstsein zurückgekehrt, das Kind hat Urin gelassen und zn
essen verlangt, seit einer halben Stunde ruhiger Schlaf. Keine Oeffnung. Infus.
Sennae comp. 50,0. Am 19. nach starken Ausleerungen völliges Wohlbefinden;
Krämpfe kehren nicht wieder.
Knabe von 6 Jahren, am 30. Oct. aufgenommen. Nach einer vorausgegan-
genen Diarrhoe Krampfanfälle, welche sich seit 24 Stunden oft wiederholen mit
soporösen Intervallen. Bewusstlosigkeit vollständig, Papillen weit und träge. P. 124,
klein und unregelmässig Zungo stark belegt. T. 37,0. Wassereingiessungen in den
Darm, Eisbeutel auf den Kopf. 31. Bewusstsein und Sprache kehren wieder, keine
Convulsionen mehr. Noch wiederholtes Erbrechen und Entleerungen foetider Stuhle.
Abführmittel. Vom 2. November an völlig gesund.
Hier dauerte nach dem Aufhören der Convulsionen der Sopor noch
über 24 Stunden fort, und gerade solche Fälle können durch den Ver-
dacht, dass es sich um Meningitis handele, nicht nur dem Anfänger
in der Praxis äusserst beunruhigend erscheinen, sondern auch dem Er-
fahrenen Bedenken erregen. So erging es mir selbst und einem Collegen,
mit welchem ich den folgenden Fall behandelte:
Knabe R., 5'/2 Jahre alt, in Folge diätetischer Fehler schon wiederholt von
Kopfschmerz und Erbrechen befallen, sonst völlig gesund, bekommt im Decbr. 1884
nach einer Uelerladung des Magens alsbald heftiges Erbrechen, Fieber und am näch-
sten Tage drei starke epileptif orme Anfälle, denen tieferSopor folgte. Derselbe
dauert ununterbrochen beinahe drei Tage, mit Fieber, aber regelmässigem Pulse
und ohne Wiederholung der Convulsionen. Trotz mancher Bedenken lag doch der
Verdacht einer Meningitis so nahe, dass wir mit blutigen Schröpfköpfen im Nacken,
Eiskappe, Einreibungen von grauer Salbe, Calomel, Infus. Sennae comp, mit Syr.
spin. cerv. vorzugehen nicht säumten. Die in's Bett entleerten Stühle waren
immer äusserst stinkend und enthielten zahlreiche Scybala. Nach drei Tagen erwacht
Couvulsionen. 157
der Knabe, sieht sich intelligent um, erkennt seine Umgebung, ist aber völlig apha-
sisch, ohne Paralyse irgend eines Körpertheils. Kein Fieber mehr. Erst nach
einigen Tagen spricht er mit Mühe, als ob ihm das Gedächtniss fehlte, einzelne
Worte. Dabei immer noch belegte ZuDge und wenig Appetit (Acid. muriat.). Nach
etwa 10 Tagen völlige Heilung.
Schneller und günstiger war der Verlauf in dem folgenden Fall,
der zugleich veranschaulicht, dass unter solchen Umständen die Convul-
sionen ganz fehlen, und statt derselben nur Somnolenz, Aphasie u. s. w.
auftreten können:
Im October 1882 wurde ich wegen eines 6jährigen Knaben consultirt, wel-
cher Tags zuvor reichliche Mengen von rohem Obst, Kuchen u. s. w. zu sich
genommen und in der darauf folgenden Nacht von profuser Diarrhoe befallen
worden war. Die reichlichen Ausleerungen halbverdauter Massen erfolgten un-
willkürlich im Halbschlaf. Gegen Morgen Fieber, Umnebelung des Bewusst-
seins, Aphasie, starrer Blick; Mittags Zunahme dieser Erscheinungen in dem
Grade, dass der Verdacht eines Hirnleidens rege wurde. Nach Calomel noch mehrere
grüne, schleimige Stühle. Abends Wiederkehr der Perccption und der Sprache. Am
nächsten Tage nach ruhigem Schlaf völlige Genesung bis auf einen gastrischen
Zungenbelag.
In sehr seltenen Fällen kann auch das Bewusstsein ganz frei
bleiben und nur die Sprache in der Form von Aphasie beeinträchtigt
werden :
Am 12. Juli 1882 wurde ein 3jähriger Knabe in die Poliklinik gebracht,
welcher nach Aussage der erschreckten Mutter bis vor einer Stunde vollkommen ge-
sund war, seitdem aber kein Wort mehr sprechen konnte. In der That war
es unmöglich, das Kind zum Sprechen zu bringen; nur beim Kneifen brachte es das
Wort ,,Au" schwach heraus. Der Blick war ungewöhnlich starr, sonst nichts krank-
haftes aufzufinden. Nach einer halben Stunde erfolgte plötzlich starkes Erbrechen,
wobei mehrere fast ganz erhaltene Kirschen entleert wurden, und unmittelbar darauf
stellte sich die Sprache völlig wieder her ').
Fälle, wie diese rein aphasischen, dürften wohl nur durch einen
Reflex vom Magen aus zu erklären sein, während für die complicir-
teren (Convulsionen, Sopor u. s. w.) auch die von Senator2) angeregte
„Selbstinfection" des Organismus durch im Darmkanal gebildete giftige
Producte (Ptomaine) in Betracht gezogen werden kann3).
') Einen analogen Fall beobachtete Siegmund (Berl. klin. Wochenschr.
1883. S. 335).
2) Klin. Wochenschr. 1868. No. 24. — Zeitschr. f. klin. Med. VII. H. 3.
3) Die Ansicht, dass es sich dabei um Aceton handele, scheint nach den
Untersuchungen von Baginsky (Archiv f. Kinderheilk. IX. l.)nicht richtig zu sein.
158 Krankheiten des Nervensystems.
Sie ersehen aus den mitgeth eilten Fällen zugleich die Art der Be-
handlung. Emetica und Purgantia, Calomel, Ol. ricini, Infus.
Sennae comp. u. a. (Formel 6 und 7) bilden hier den Heilapparat, wel-
cher die Materia peccans aus dem Magen- und Darmkanal schnell ent-
fernt1). Bei stärkerer Auftreibung und Spannung des Unterleibs thun
Sie gut, schon während der Dauer der cerebralen Symptome ein Kly-
stier von Milch und Honig (2 : 1) oder auch Eingiessungen von kühlem
Wasser zu geben, um den Darm schnell zu entleeren. Blutentleerungen
sind im Allgemeinen nicht zu empfehlen Wenn ich sie in einzelnen
der erwähnten Fälle anwendete, so geschah dies entweder aus Besorg-
niss, dass es sich doch um Meningitis handeln könne, oder bei unzwei-
felhafter Diagnose mit Rücksicht auf die enorm lange Dauer der
Convulsionen (z. B. von 11 bis 2 Uhr im 3. Fall), wobei eine bedeu-
tende venöse Stauung im Gehirn und in den Meningen vorausgesetzt
werden musste. Um die schlimmen Folgen derselben möglichst zu ver-
hüten, Hess ich einige Blutegel appliciren, und empfehle dies Ver-
fahren für analoge Fälle, die keineswegs selten sind.
Bei einem 1 '/^jährigen Kinde, welches reichlich Kohlrüben gegessen hatte,
traten Abends Convulsionen ein, welche mit kurzen Unterbrechungen bis zum
Morgen anhielten, worauf spontan starkes Erbrechen und Diarrhoe folgten. Bei
einem 4jährigen Knaben dauerten die durch soporöse Intervalle verbundenen Anfälle
24 Stunden und erregten ernstliche Besorgnisse.
Ein paar Blutegel am Kopf, kalte Fomentationen oder eine Eisblase
auf demselben sind als prophylaktische Mittel unter diesen Umständen
zu empfehlen, doch immer nur bei robusten Kindern und ohne Nach-
blutung. Im Allgemeinen kommt man mit der Application eines Eis-
beutels aus.
Die alte Tradition, dass auch Helminthen (Spulwürmer, Oxyuren
und Taenia) häufige Anlässe der Convulsionen bilden, spukt noch immer
in den Köpfen der Mütter und selbst vieler. Aerzte. Ich will die Mög-
lichkeit dieser Beziehung um so weniger in Abrede stellen, als es
auch an einzelnen Beobachtungen dieser Art aus jüngster Zeit nicht
fehlt, aber meine persönliche Erfahrung lässt mich hier völlig im Stich.
Ich habe niemals einen Fall von Eclampsie beobachtet, den ich mit
') Zu der von Corby (Hirsch und Virchow's Jahresb. f. 1878. II. S. 626)
ompfohlenen Einführung einer Magenpumpe, um Gas und Flüssigkeiten zu ent-
leeren und allenfalls ein Brechmittel zu injiciren, fand ich mich bis jetzt noch nicht
veranlasst, würde aber bei nachweisbar starker Ausdehnung des Magens nicht an-
stehen, dies Verfahren anzuwenden.
Convulsionen. 150
Sicherheit auf den Reiz von Würmern zurückführen konnte, gebe aber
gern zu, dass der Gebrauch anthelminthischer Mittel für solche Kinder
zu empfehlen ist, bei denen schon früher das Vorhandensein von Wür-
mern irgend einer Art nachgewiesen wurde. Ebenso wenig war es mir
vergönnt, als Reflexanlass der Eclampsie Fremdkörper im Ohr, in der
Haut, in der Nasenhöhle, oder Anomalien der Genitalien (Cryp-
torchie) nachzuweisen, wovon Andere berichten, werde Ihnen aber später
einen Fall mittheilen, in welchem der Reiz kleiner Concremente in den
uropoütischen Organen den Convulsionen zu Grunde lag. Es wird
daher in dunkelen Fällen immer gut sein, an alle diese Möglichkeiten
zu denken ').
Besonders hat man darauf zu achten, ob ein fieberhafter Zu-
stand den Anfällen vorausgeht und auch nach denselben fortdauert.
Auch in den Fällen dyspeptischer Convulsionen, von welchen eben die
Rede war, kann Fieber vorhanden sein; niemals aber dürfen Sie unter
diesen Umständen die Untersuchung anderer Organe verabsäumen, deren
acute Erkrankungen im Kindesalter nicht selten mit Fieber und heftigen
Convulsionen beginnen. In erster Reihe -nenne ich hier die fibrinöse
Pneumonie, nächstdem die Pleuritis und Enteritis, und werde bei
der Betrachtung dieser Krankheiten Ihnen Beispiele eines solchen Be-
ginns mittheilen. Hier sei nur bemerkt, dass die Diagnose einer auf
diese Weise beginnenden Pneumonie zunächst schwer, oft unmöglich ist,
weil die physikalische Untersuchung der Brust in diesem frühen Sta-
dium noch keine wesentlichen Abnormitäten ergiebt, so dass man ein
paar Tage in Ungewissheit darüber bleiben kann, ob man es nicht mit
einer acut entzündlichen Krankheit des Gehirns zu thun hat. Sobald
aber die Symptome der respiratorischen Krankheit in den Vordergrund
treten, pflegen sich die cerebralen zurückzuziehen, und man erkennt
dann, dass letztere eben nur die Einleitung der Pneumonie bildeten.
Auf welche Weise die Convulsionen in solchen Fällen zu Stande kom-
men, ist nicht klar. Man könnte ebensogut einen von den Lungen, der
Pleura, dem Darm ausgehenden Reflexreiz, wie das heftige Fieber
beschuldigen, welches bei reizbaren Kindern schon allein hinreicht, um
Convulsionen zu erzeugen. Bei zwei Kindern von 6 und 8 Jahren,
') Demme (Jahrb. des Berner Kinderspitals. 1879) beobachtete einen 7jäh-
rigen Knaben, dessen Anfälle nach der Entfernung eines Mastdarmpolypen ver-
schwanden. Der am Tage vor der Operation gemachte Versuch, den Polypen mit der
Spitze des Zeigefingers zu extrahiren, bewirkte einen 3 Minuten dauernden epilep-
tischen Anfall.
160 Krankheiten des Nervensystems.
welche unter starkem Fieber von einfacher Angina tonsillaris be-
fallen wurden, sah ich am ersten Tage wiederholte Eclampsieanfälle
auftreten, welche die Umgebung und mich selbst beunruhigten, aber
schon am folgenden Tage mit dem Fieber zugleich auf Nimmerwieder-
kehr verschwanden, ja in dem einen dieser Fälle sollte dies, wie die
Eltern angaben, schon ein paar Mal vorgekommen sein '). Wenn also
schon leichte Localaffectionen, sobald sie von intensivem Fieber einge-
leitet werden, in ihrem Beginn Eclampsie mit sich bringen können, so
liegt es nahe, nur das Fieber dafür verantwortlich zu machen. Bedenkt
man, dass der Fieberfrost selbst eine convulsivische Erscheinung ist,
so wird man in der Steigerung desselben zu wirklichen Krampfan fällen
bei sehr reizbaren Naturen nichts Auffälliges finden. Ob die Convul-
sionen, welche zuweilen im Initialstadium der Pneumonie und anderer
acuter Infectionskrankheiten (Masern, Pocken, Scharlach) vor-
kommen, in dieselbe Categorie gehören, oder von der Wirkung des im
Blute circulirenden Infectionsstoffes auf das Gehirn abhängen, ähnlich
wie es bei Urämie und manchen acuten Vergiftungen der Fall ist,
lässt sich noch nicht entscheiden. Unter diesen Verhältnissen können
die Krämpfe nur eine symptomatische Berücksichtigung finden durch
eine auf den Kopf applicirte Eiskappe, kühle Bäder von 25—22° R.,
ausleerende Klystiere und Chloroformeinathmungen. Man muss eben ab-
warten, was aus dem convulsivischen Initialstadium sich entwickeln wird,
und danach die weitere Behandlung einrichten.
Zu den acuten Krankheiten, welche mit heftigen Convulsionen auf-
treten können, gehört gerade bei Kindern auch das Wechselfieber.
In der Regel ist es nur der erste Anfall, welcher auf diese Weise ein-
setzt und dann leicht als Eclampsie imponirt, bis die weiteren gewöhn-
lichen Intermittensanfälle den Irrthum aufklären. Seltener zeigt schon
der erste oder zweite Anfall dieser lntermittensform einen perniciösen
Charakter, wie in dem folgenden von mir beobachteten Falle2):
Ein 9jähriges gesundes Mädchen klagte am Freitag vor Pfingsten 1871 um
lOUhr Morgens zuerst über Doppeltsehen, bald darauf über kalte Händo, wozu
sich bald psychische Störungen gesellten. Das Kind erkannte die Umgebung nicht
mehr, verwechselte die Personen und verfiel gegen 1 Uhr in einen convulsivischen
Anfall, der nach der Beschreibung vollkommen epileptiform war. Derselbe dauerte
abwechselnd mit Coma etwa eine Stunde, dann trat Schlaf ein , nach welchem das
1) Faure (de l'expectation et du regime dans les maladies aegues des onfants.
Paris 1866. p. 12) berichtet einen gleichen Fall aus der Klinik von Barthez.
2) Borl. Win. Wochenschr. 1873. No. 26.
Convulsionen. 161
Kind, abgesehen von leichten Kopfschmerzen, gesund erschien. Da es nie zuvor einen
solchen Anfall überstanden hatte, Epilepsie in der ganzen Familie nicht vorkam, und
auch eine Indigestion entschieden in Abrede gestellt wurde, so dachte ich um so
mehr an Intermittens, als die Familie am Kanal wohnte, wo Malariakrankheiten nicht
zu den Seltenheiten gehören. Der nächste Tag verlief durchaus normal, am Sonntag
Nachmittag 4 Uhr aber, also nach dem Tertiantypus, erneuerte sich der Anfall. Ich
war selbst zugegen, als das Kind anfing, irre zu reden; es erkannte plötzlich seine
Umgebung nicht mehr und verwechselte die Personen, die Hände waren kühl, in den
freien Intervallen, die sich bemerkbar machten, wurde über Schwindel und Doppelt-
sehen geklagt. "Nach einer Stunde erfolgte ein heftiger epileptiformer Anfall, der
noch um 6 Uhr ungeschwächt fortdauerte ; ich fand jetzt das Kind cyanotisch, den
Puls klein und sehr frequent, und da ich Bedenken trug, unter diesen Umständen
Chloroform anzuwenden, machte ich zunächst eine Injection von Morph, acet. 0,01,
liess aber bald darauf, ermuthigt durch die Theilnahme eines bewährten Collegen,
auch noch Chloroform einathmen. Schon die ersten Athemzüge genügten, um die
Convulsionen zu sistiren. Das Kind wurde ruhig, die Cyanose schwand, und es trat
ein lOstündiger ruhiger Schlaf ein, aus welchem das Kind gesund erwachte.
Da ich nunmehr überzeugt war, eine Intermittens perniciosa vor mir zu haben,
verordnete ich, um den dritten Anfall womöglich zu verhüten, sofort Chinin, sulphur.
0,3 alle 3 Stunden (1,5 am ersten Tage), am zweiten Tage 2 stündlich 0,18, am
darauf folgenden 0,12, so dass in der ersten Woche nach dem Anfall etwa 6,0 Chinin
verbraucht waren. Das Resultat war, dass kein Anfall wieder eintrat; nur am Dienstag
Mittag bekam das Kind Kopfschmerzen, Schwindel, und fing an zu zittern, doch
dauerte dieser Zustand nur etwa 20 Minuten. Seit dieser Zeit habe ich die jetzt er-
wachsene Kranke häufig genug gesehen, um ihre vollständige Gesundheit verbürgen
zu können. —
Ausser den bisher geschilderten Ursachen können auch psychische
Anlässe bei Kindern mit reizbarem Nervensystem einen Krampfanfall
erzeugen, besonders plötzlicher Schreck. So manchen Fall, in welchem
nach einem Sturz auf den Kopf Convulsionen eintraten, möchte ich mehr
auf den Schreck, als auf das Trauma selbst zurückführen. Unter diesen
Umständen bleibt es nicht immer bei einem Anfall, vielmehr kann
sich derselbe mehrfach wiederholen.
So wurde am 5. Januar 1878 ein schon erwähntes 1 jähriges Kind in die
Poliklinik gebracht, welches vollkommen gesund gewesen, und in dessen Familie von
Epilepsie nichts bekannt war. Vor 5 Monaten biss das Kind während des Saugens
mit seinen früh entwickelten zwei Schneidezähnen die Mutter in die Mamma und ver-
fiel, als letztere heftig aufschrie, nach einem Zusammenfahren des ganzen Körpers
sofort in starke Convulsionen, welche sich seitdem noch 4 Mal ohne Ursache und
ohne dass eine rachitische Anlage bemerkbar war, wiederholt hatten.
Solche Fälle werden freilich immer die Befürchtung anregen, dass
die Krankheit habituell werden und sich zu Epilepsie ausbilden könne.
Die Erfahrung lehrt in der That, dass diese sehr häufig schon im frühen
Ueno cli, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 11
162 Krankheiten des Nervensystems.
Kindesalter beginnt. Wer wollte also mit Sicherheit vorher bestimmen,
ob convulsivische Anfälle, zumal solche, bei denen sich keine Ursache
nachweisen lässt, nur eine transitorische Bedeutung haben öder den Be-
ginn habitueller Epilepsie anzeigen! Eine Continuität der Anfälle findet
hier nicht immer statt, vielmehr können die im frühen Kindesalter ein-
getretenen Convulsionen Jahre lange Pausen machen und sich erst im
reiferen Alter wieder einstellen. So beobachtete ich einen 12jährigen
Knaben, welcher im zweiten und dritten Jahre an epileptiformcn An-
fällen gelitten hatte, bis zum 11. Jahre verschont geblieben und
dann wiederum von Epilepsie befallen worden war. Als Aura des An-
falls erschien hier Benommenheit des Sensoriums, in welchem Zustande
er noch bis auf die Strasse herunterstieg, dann aber niederstürzte und
in Convulsionen verfiel. Die diagnostischen Kriterien für eingewurzelte
Epilepsie, Verminderung der psychischen Energie, Verlust des Gedächt-
nisses, Alteration des Charakters sind, abgesehen von den mit epilepti-
schen Anfällen einhergehenden angeborenen Atrophien des Gehirns, im
Anfange des Leidens bei Kindern nicht zu erwarten, können daher zur
Unterscheidung einer transitorischen Eclampsie von beginnender Epilepsie
nicht verwerthet werden. Unter den Fällen von wirklicher Epilepsie,
welche ich im Kindesalter sich entwickeln sah, scheinen mir die fol-
genden der Erwähnung werth:
Bei einem 10jährigen Knaben, welcher nach einer im zweiten Jahre über-
standenen „Gehirnentzündung" Hallucinationen, besonders die häufig wieder-
kehrende Erscheinung eines Schafes zurückbehalten hatte, waren mit dem Ende des
3. Jahres die epileptischen Anfälle mit dem Gefühl von Schwindel als Aura auf-
getreten.
In zwei anderen Fällen waren die Anfälle resp. 4 Wochen und 2 Monate nach
einer Kopfverletzung fStoss gegen einen Baum und Quetschung durch ein Wagen-
rad) eingetreten; beide Kinder klagten über häufige Kopfschmerzen, waren geistig
etwas zurückgeblieben, und im zweiten Falle ging Uebelkeit als Aura den Anfällen
voraus.
Bei einem 3jährigen Kinde hatten sich seit einem Jahre epileptische Anfälle
nach einem Fall eingestellt, wobei unglücklicher Weise eine Stricknadel unter dem
Kinn eingedrungen war und den Boden der Mundhöhle durchbohrt hatte.
Ein 3jähriges Kind bekam den ersten Anfall wenige Stunden nach dem Anblick
der Leiche eines geliebten Bruders.
Ein 13jähriges blühendes Mädchen hatte im ersten Lebensjahre einen Krampf-
anfall überstanden, der sich im dritten und zwölften Jahre wiederholte. Erst zu
5 Jahren lernte sie sprechen. Seit dem 7. Jahre bestehen Anfälle eines eigenthüm-
lichen Krampfes im Halse, nämlich das Gefühl einer Strangulation des Larynx, stoss-
Epilepsie. 163
weise, rasch aufeinander folgende Exspirationen mit starrem Blick und leichter Be-
nommenheit des Kopfes. Jeder Anfall endet mit heftigen Palpitationen des Herzens
nach einer Dauer von wenigen Secunden. Mitunter treten 10 bis 12 solcher Anfälle
an einem Tage auf, während sonst auch einige Wochen ohne Anfall vergehen können.
Intelligenz und Gedächtniss schwach; häufig tritt unmotivirtes Lachen ein. Oft
Schmerz im Nacken. Keine Molimina menstrualia bemerkbar. Nach starkem Nasen-
bluten sollen die beschriebenen Anfälle einige Zeit cessirt haben. Oertliche Blut-
entleerungen im Nacken und Purgantia blieben ohne Erfolg, vielmehr traten statt
jener Anfälle bald vollständige epileptische Paroxysmen auf, denen Erbrechen
und die Halskrämpfe als Aura vorausgingen. Man hatte also die letzteren , welche
etwa 6 Jahre bestanden hatten, nur als Abortivanfälle, als eine Aura in der Sphäre
des Vagus zu deuten.
Ein 12 jähriges Mädchen litt seit 5 Jahren an Epilepsie. Aura jedes Anfalls
war Ohrensausen, besonders auf dem rechten Ohr, welches sie aus dem Schlaf
weckte. Die Anfälle traten nur bei Nacht auf.
Bei einem seit mehreren Jahren epileptischen Knaben von 14 Jahren bestand
als Aura der Anfälle Nictitation beider Augenlider und Nickbewegung des
Kopfes. Vor dem Eintritt der Epilepsie hatte diese Aura als selbstständige Krank-
heit in Anfällen bestanden, die mitunter stundenlang dauerten.
Ein 3jähriges Kind, dessen Bruder blödsinnig ist, litt seit einigen Monaten an
epileptischen Anfällen, deren Aura darin bestand, dass das Kind mitten im Spiel
plötzlich mit starrem Blick, anscheinend blind, gerade auf einen Punkt hin lief und
dann bewusstlos unter Zuckungen in den Augenmuskeln und Armen zusammenbrach.
Ein 1] jähriges Mädchen, in dessen Familie Manie und Epilepsie erblich sind,
hatte vor 9 Monaten nach einem heftigen Schreck angefangen, Nachts aus dem Schlaf
zu phantasiren und laut zu singen. Später gesellten sich dazu schmerzhafte Zuckungen
der Beine, allmälig auch der Arme, des Gesichts und der Augen. Schliesslich kam
es zu vollständigen epileptischen Anfällen, bei Tage und bei Nacht, aber bisher noch
nie im Freien. Geistige Anstrengung, kleine Strafen bewirkten leicht einen Anfall.
Nachts litt sie oft an Hoisshunger und verschlang dann gierig die Speisen, ohne
rechtes Bewusstsein davon zu haben. ,
Bei einem 12jährigen gesunden Mädchen ohne erbliche Anlage hatten seit etwa
6 Monaten 5 epileptische Anfälle stattgefunden, und zwar nur bei geschlossenen
Augen, z. B. beim Waschen oder beim Einschlafen. Es erfolgten dann zuerst
Zuckungen beider Arme, seltener der Beine, und diese Aura konnten wir auch in
der Klinik hervorrufen, sobald wir Pat. die Augen schliessen Hessen. Mit dem Oeffnen
derselben verschwand auch die Aura, die immer mit Tremor der Augenlider begann.
War hier der Ausfall des Lichtreizes für das Gehirn bedeutsam? "Weiterer Verlauf
nicht bekannt.
Ich halte es für überflüssig, auf die Epilepsie, welche von derjenigen
der Erwachsenen in keiner Weise abweicht, hier näher einzugehen. Die
mitgetheilten Fälle, die nur zum Theil erblicher Natur sind, zeigen
Ihnen besonders die verschiedenen Arten von „Aura", welche bisweilen
11*
164 Krankheiten des Nervensystems.
Jahre lang als eine scheinbar selbstständige Affection bestand und
erst später durch die Entwickelung vollständiger Anfälle ihre eigentliche
Natur bekundete.
Als trophiscke (oder vasomotorische) Aura beobachtete ich zweimal eine Stun-
den lang dem Anfall vorausgehende Wärme und Röthe des Gesichts, der Ohren und
Lippen. In einem Fall trat diese Erscheinung nur einseitig, bald rechts, bald links
auf, verbunden mit dünnem Schweiss und Erweiterung der betreffendenPupille(Uals-
sympathicus), und zwar sowohl unmittelbar vor dem Anfall, wie auch selbstständig,
ohne dass es zu diesem kam.
Man hat daher in allen Fällen, wo derartige Nervensymptome,
seien es nun Zuckungen einzelner Glieder, des Kopfes, der Augen, oder
Hallucinationen, psychische oder trophische Anomalien, bei sonst ge-
sunden Kindern auftreten, daran zu denken, dass es sich um Vorboten
von Epilepsie handeln kann. Bisweilen beobachtete ich auch Delirien,
nicht bloss nach den Anfällen, sondern auch in den Intervallen, seltener
„somnambule" Erscheinungen, wie Aufstehen aus dem Bett, Nieder-
kauern unter dem Tisch, Klettern auf hohe Möbel, alles im Halbschlaf
mit erloschenem oder nur theilweise erhaltenem Bewusstsein, unaufhalt-
samen Trieb im Zimmer herumzuspringen, zu klettern, laut zu singen.
Mitunter erreichten die Delirien einen so hohen Grad, dass sie als „Ex-
stase" bezeichnet werden konnten, z. B. bei einem 11jährigen Mädchen,
welches in den Intervallen ganz stupide erschien und fortwährend das
Wort „Was" wiederholte. Nicht selten werden auch ohnmachtähn-
liche Anfälle beobachtet, plötzliches oder durch ängstliche Unruhe an-
gekündigtes Niedersinken, mit gänzlichem oder theilweisem Schwinden
des Bewusstseins, stierem Blick, schlaffen oder etwas rigiden Extremi-
täten. Die Unterscheidung aller dieser Zustände von „hysterischen"
Affecten, von welchen bald die Rede sein wird, ist oft schwer, im An-
fange meistens unmöglich; erst der weitere Verlauf entscheidet1). —
Schliesslich noch einige therapeutische Bemerkungen, da die
früheren (S. 158) sich nur auf Fälle bezogen, in denen eine bestimmte
causale Indication vorlag. Leider giebt es viele Convulsionen, deren
nächste Ursache nicht aufzufinden ist, und dazu gehören besonders die,
welche bei rachitischen Kindern mit oder ohne Glottiskrampf so häufig
') üeber den Einfluss der Trunksucht der Eltern oder des übermässigen Ge-
nusses von Alkohol seitens der Kinder auf die Entstehung von Epilepsie und psy-
chischem Zurückbleiben bei letzteren vergl. Demme, 22. Jahresbericht des Jenner-
schen Kinderspitals. Bern, 1885, und Klin. Mittheil, aus dem Gebiete der Kinder-
heilk. Bern 1890. S. 21.
Epilepsie. 165
vorkommen. Wo die convulsivischen Zufälle nur selten und in leichter
Form eintreten, bin ich immer dafür, ohne Rücksicht auf dieselben die
Behandlung der Rachitis mit Eisen, Leberthran, lauen Bädern mit Salz
oder Malzabkochung einzuleiten. Wenn die Convulsionen sich aber so
häufig und intensiv wiederholen, dass sie wenigstens für den Augenblick
das Hauptleiden bilden und zunächst eine therapeutische Berücksichtigung
erheischen, da muss ich Ihnen offen bekennen, dass unsere Kunst sich
keiner grossen Erfolge zu rühmen hat. Ein sicheres Mittel, die Wie-
derkehr der Anfälle zu verhüten, kenne ich nicht, und deshalb werden
Sie mir wohl erlassen, den seit Jahrhunderten empfohlenen Wust un-
wirksamer Medicamente hier von neuem aufzutischen. Viele Aerzte
schwören noch heut auf die Zinkpräparate, (Flores Zinci, Zincum
sulphur. und valerianicum). Nach meinen Erfahrungen kann ich aber
diesen Mitteln keinen Vorzug vor vielen anderen obsolet gewordenen
einräumen, und habe sie in der That, ebenso wie Asa foetida und Moschus
längst aufgegeben. Von grösserer Bedeutung scheinen mir Brömkali
und Chloralhydrat zu sein. Ich bin weit davon entfernt, diesen eine
specifische Wirkung zuzutrauen, und es fehlt mir auch leider nicht an
Beispielen, in welchen sie wenig oder gar nichts leisteten. Andererseits
kann man ihnen eine das erregte Nervensystem beruhigende Wirkung
nicht absprechen, und sie sind daher immer eines Versuches werth. Ich
verordne Kai. bromatum je nach dem Alter der Kinder zu 0,3 bis 1,0
3 mal täglich (F. 8); Chloralhydrat innerlich zu 1,0 bis 2,0 auf 100,0
oder in Klystierform 0,2 bis 0,5 pr. dosi (F. 9). Bei diesen Dosen
pflegt auch im kindlichen Alter keine schlafmachende Wirkung einzu-
treten, die übrigens unter solchen Umständen nicht zu fürchten wäre,
weil die zur Eclampsie neigenden Kinder eher schlaflos oder wenigstens
unruhig und schreckhaft zu sein pflegen-. Bei sehr grosser Unruhe,
Schlaflosigkeit und sich rasch hinter einander wiederholenden Krämpfen
kann es daher nöthig werden, Ohloral in voller Dosis (1,0) oder selbst
Morphium (0,005 — 0,01) zu verordnen.
II. Der Stimmritzenkrampf.
Unter den krampfhaften Alfectionen des Kindesalters, welche ein
beschränktes Nervengebiet betreffen, aber die Tendenz zeigen, in jedem
Augenblick aus einer partiellen eine allgemeine zu werden, steht der
„Stimmritzenkrämpf" oben an. Er kommt im Allgemeinen häufiger bei
Knaben als bei Mädchen vor, und befällt fast ausschliesslich das Alter
zwischen dem 6. und 24. Lebensmonate. Jenseits desselben habe ich
den Glottiskrampf fast nie beobachtet, wohl aber bisweilen vor dem
166 Krankheiten des Nervensystems.
6. Lebensmonate, bei Kindern von 5 bis 6 Wochen, oder schon in den
ersten Lebenstagen. Im Volke wird die Krankheit gewöhnlich mit dem
Namen „innere Krämpfe" oder „Wegbleiben" bezeichnet.
In der That können Sie schon bei einem gesunden Kinde, welches
mitten im heftigsten Schreien und Toben plötzlich „wegbleibt", d. h.
mit zurückgebogenern Kopf, dunkelrothem, etwas cyanotischem Gesicht,
stockendem Athem und starr gestreckten Extremitäten daliegt, viele
Züge der Affection wahrnehmen. Das Uebermaass des Schreiens, ver-
bunden mit der leidenschaftlichen Erregung, scheint hier einen Krampf
gewisser Athemmuskeln zu erzeugen, der in der Regel nach wenigen
Secunden vorübergeht, und sein Analogon in anderen durch üeber-
anstrengung der betreffenden Muskeln bedingten Krämpfen findet
(Schreibe-, Schuster-, Melkerkrämpfe u. s. w.). Im krankhaften Zu-
stande ist ein solcher Anlass zur Erzeugung des Krampfes zwar nicht
nothwendig, denn oft genug sehen wir die Anfälle inmitten völliger Ruhe,
ja gerade beim Erwachen aus dem Schlaf eintreten; immerhin aber
wirkt auch hier jede respiratorische Anstrengung, zumal Schreien,
ebenso begünstigend ein, wie psychische Einflüsse, Aerger und Schreck.
Um den Anfall klinisch zu demonstriren, pflege ich das Kind durch einen
Druck auf den Larynx zum Schreien zu bringen, und der Erfolg bleibt
nur selten aus.
Die einfachste Form besteht in einem momentanen Wegbleiben des
Athems, einer nur wenige Secunden dauernden Apnoe, auf welche ein
paar giemende oder pfeifende Inspirationen folgen. Zwischen
diesen und dem höchsten Grade liegen zahlreiche Abstufungen, welche
sich nicht alle beschreiben lassen. Gemeinsam ist ihnen das plötzliche
Stocken der Respiration; das Kind wirft sich gewaltsam hinten über,
sein Antlitz ist bleich, um Mund und Nasenflügel etwas bläulich gefärbt,
die Arme und Beine sind oft extendirt, die Finger in die Hohihand ein-
geschlagen, die Zehen flectirt oder extendirt. Die Wiederkehr der Respi-
ration verräth sich durch mühsame, erst schwach, dann lauter pfeifende
Athemzüge, womit der Anfall nach einer Dauer von wenigen Secunden
sein Ende erreicht. Der Eintritt des „Giemens" bezeichnet also schon
den Nachlass des Paroxysmus, insofern es der durch die noch verengte
Glottis streichenden Luft seinen Ursprung verdankt; so lange der Krampf
auf seiner Höhe verharrt, findet überhaupt gar keine Athmung statt,
und es kann also auch kein „Giemen" entstehen. Daher sind diejenigen
Anfälle am meisten zu fürchten, bei denen die Apnoe sich über die ge-
wöhnliche Zeit hinauszieht und kein pfeifender Ton gehört wird. Hier
.kann der völlige Stillstand der Respiration fast blitzartig durch Asphyxie
Convulsionen. 167
tödtlich werden, und dieser Umstand muss in prognostischer Hinsicht
von vorne herein ins Auge gefasst werden. Denn Wochen lang kann
ein Kind an leichten, schnell vorübergehenden Anfällen leiden, welche
kaum Bedenken erregen, bis plötzlich ein Anfall eintritt, welcher augen-
blicklichen Tod zur Folge hat. Seien Sie also in Ihrer Praxis auf der
Hut, und machen Sie in jedem, scheinbar noch so leichten Falle von
Stimmritzenkrampf die Angehörigen mit der Möglichkeit eines schlim-
men Ausgangs bekannt.
Auch die weitere Ausdehnung der convulsivischen Erregung darf
nicht übersehen werden. Der Name „Stimmritzenkrampf" hat sich ein-
mal eingebürgert, ist aber streng genommen keineswegs richtig. Denn
mag auch in den leichteren Graden der ganze Anfall in einer mehr
oder minder flüchtigen Contractur der Musculi arytaenoidei bestehen,
also nur in der Sphäre des N. recurrens sich abspielen, so sieht man
doch häufig die spastische Erregung zunächst auf andere Gebiete des
respiratorischen Systems (Brustmuskeln, Zwerchfell) übergreifen, wodurch
Unregelmässigkeiten des Athmungsrhythmus, z. B. rasch aufeinander
folgende Inspirationen ohne merkliche Exspiration, oder vollständige
Apnoe bedingt werden. Weiterhin nehmen oft genug die Augennerven
Theil (Aufwärtsrollen der Bulbi), und die im Anfall so häufig beobach-
teten Contractionen der Finger- und Zehenmuskeln, oder gar der
Flexoren des Vorderarms (Carpopedalcontractionen) geben Zeugniss von
der über immer weitere Bahnen sich ausbreitenden Erregung. Selbst
trismusartige Contractionen der Masseteren und Temporalmuskeln konnte
ich während der Anfälle ein paar Mal beobachten, und es fehlt dann
nur noch das Erlöschen der Sensibilität und des Bewusstseins, um den
Anfall zu einem eclamptischen zu stempeln. So weit sich bei der Kürze
der Paroxysmen und dem zarten Alter ein Urtheil über diese Dinge
fällen lässt, glaube ich in der That, bei schweren Anfällen des Glottis-
krampfes eine schnell vorübergehende Pause des Bewusstseins annehmen
zu müssen. Jedenfalls kommen Fälle vor, in denen die Kinder 10 bis
15 Minuten nach dem Anfall wie betäubt daliegen. Daher kann es
auch nicht auffallend erscheinen, dass diese Anfälle sehr häufig mit
eclamptischen Paroxysmen alterniren, oder dass nicht selten der
Glottiskrampf die Scene eröffnet und rasch in allgemeine Convulsionen
übergeht. Zuweilen beobachtete ich auch eine Fortdauer der erwähnten
Finger- und Zehencontracturen während der Intervalle der Anfälle. Die
Combination des Spasmus glottidis mit Eclampsie ist so häufig, dass ich
schon in einer früheren Arbeit unter 61 Fällen 46 als solche bezeichnen
konnte, in welchen beide Affectionen gleichzeitig bestanden, während
168 Krankheiten des Nervensystems.
nur 15 den Stimmritzenkrampf allein darboten. Seit jener Zeit hat sich
die Zahl meiner Beobachtungen enorm vermehrt, aber das angegebene
Verhältniss blieb stets dasselbe, und ich pflege daher die Eltern immer
darauf vorzubereiten, dass plötzlich allgemeine Convulsionen ausbrechen
können.
Wenn ich trotz alledem den Namen „Stimmritzenkrampf' für das
ganze Krankheitsbild beizubehalten rathe, so geschieht dies deshalb, weil
eben dieser Spasmus hier im Vordergrunde steht und von ihm allein
die Gefahr ausgeht. In jüngster Zeit will man den Glottiskrampf nur
als Theilerscheinung der sogenannten Tetanie auffassen und stützt sich
dabei vorzugsweise darauf, dass die Muskeln und Nerven, z. B. der
Facialis, gegen mechanische Reize (Klopfen) wie gegen die Electricität
ungewöhnlich lebhaft reagiren, dass ferner ein Druck auf das untere
Dritttheil des Sulcus bicipitalis internus des Oberarms Contracturen im
Gebiete des N. radialis und medianus auslöst (Trousseau'sches Phä-
nomen)1). Dass diese Erscheinungen häufig vorhanden sind, bestreite ich
nicht, wenn auch die Beobachtung derselben nicht immer leicht ist, und
nur in ruhigem Zustande der Kinder gelingt. Ich sehe aber in diesen
Dingen eben nur Symptome einer erhöhten Nervenerregbarkeit, die zum
Theil auch bei sonst gesunden oder an anderen Krankheiten leidenden
Kindern auftreten können. Keinesfalls finde ich darin einen Grund für
die Confundirung der Krankheit mit der dunkeln „Tetanie" der Er-
wachsenen.
Noch weniger kann ich mich damit einverstanden erklären, dass
man die Beziehungen des Glottiskrampfes zur Rachitis in Abrede
stellen will. Diese schon für die Eclampsie (S. 154) hervorgehobene
Beziehung besteht auch für den Glottiskrampf in so entschiedener Weise,
dass ich in jedem Falle zuerst die Kopfknochen, Rippen- und Extremi-
tätenepiphysen untersuche. Nur selten vermisse ich rachitische Ver-
änderungen derselben. Schon bei kleinen Kindern von 3 — 4 Monaten,
die an Spasmus glottidis litten, fand ich oft die Schädelnähte klaffend,
ihre Umgebung weich und eindrückbar, die Epiphysen der Rippen deut-
lich geschwollen. Nach meinen Erfahrungen kann ich behaupten, dass
mindestens zwei Dritttheile aller an Glottiskrampf leidenden Kin-
der rachitisch sind, und muss daher in diesem Zusammentreffen mehr
als eine Zufälligkeit sehen. Daraus erklärt sich auch die Familien-
') Escherich, Wiener Min. Wochenschr. 1890. No. 40. — Ganghofnor,
Zeitschr. f. Heilk. Bd. 12. 1891. — Loos, Wiener kl in. Wochenschr. 1891. No. 49.
und „die Tetanie der Kinder." Leipzig 1892.
Spasmus glottidis. 169
anläge zum Glottiskrampf, die zuweilen beobachtet wird. Nur aus-
nahmsweise beschränkte sich die Rachitis auf die Schädelknochen, deren
Ossificatiou dann beträchtlich zurückgeblieben war, z. B. bei einem
7 Monate alten, früher syphilitischen elenden Knaben in der Weise, dass
der voluminöse Kopf, die klaffenden Nähte und Fontanellen, combinirt
mit den häufigen Anfällen von Glottiskrampf und Eclampsie an chro-
nischen Hydrocephalus denken Hessen, eine Befürchtung, welche sich
durch die vollständige Heilung des Patienten als grundlos erwies. Als
Elsässer sein Buch über den „weichen Hinterkopf" schrieb, worauf
ich bei der Rachitis näher eingehen werde, Hess er sich durch die Weich-
heit und partielle Usur der Schädelknochen, besonders des Hinterhaupt-
und der Scheitelbeine bestimmen, den Spasmus glottidis (von ihm „Te-
tanus apnoicus" genannt), von dieser Craniotabes abhängig zu machen.
Beim Liegen der Kinder sollte das Gehirn durch die erweichten Knochen
nicht genügend gegen Druck geschützt sein. Ich kann versichern, dass
ich Hunderte von Fällen auf „Craniotabes" untersucht, diese aber nur
selten in der von Elsässer beschriebenen Form gefunden habe. Jeden-
falls haben wir sie als eine rachitische Erscheinung aufzufassen, und nur
von diesem Standpunkte aus ist ihr Zusammenhang mit Spasmus glot-
tidis zu beurtheilen. Es ist unglaublich, wie enorm die Frequenz der
Anfälle, welche im Allgemeinen grossen Schwankungen unterliegt, bei
rachitischen Kindern werden kann. Im Laufe eines Tages erfolgten nicht
selten 20, 30 und mehr Anfälle; jeder Schreck, jeder Versuch zu trin-
ken, jedes Geschrei ruft sie hervor, und gerade bei so hochgradiger
Reizbarkeit hat man jeden Augenblick das Hinzutreten allgemeiner Con-
vulsionen zu fürchten. Zieht sich dieser Zustand mit abwechselnder
Besserung und Verschlimmerung, aber doch ohne längere vollständige
Pausen, Wochen und Monate lang hin, so kann völlige Erschöpfung ein-
treten, welcher das Kind schliesslich erliegt.
Ein 1 jähriger Knabe, sehr anämisch und rachitisch, litt, als ich ihn im
Decbr. 1869 zuerst sah, schon seit zwei Monaten an Anfällen von Spasmus glotti-
dis, welche später mit Eclampsie alternirten. In den letzten Wochen war die letztere
stark in den Vordergrund getreten, so dass mitunter 15 bis 16 Anfälle von Convul-
sionen innerhalb 24 Stunden erfolgten. Das Kind collabirte sichtlich. Die verschie-
densten Mittel, auch Kreuzschnitte ins Zahnfleisch, die ich dem behandelnden Arzte
noch concedirte, blieben ohne allen Erfolg; nur ausnahmsweise kamen Pausen von
12 bis 18 Stunden vor. Von Mitte December bis Ende März wurden über
600 Eclampsieanfälle, alternirend mit Spasmus glottidis, beobachtet. Auch der
constante Strom blieb wirkungslos, und das Kind ging Anfangs Mai im Collaps zu
Grunde, nachdem der erste Schneidezahn durchgebrochen war.
1 70 Krankheiten der Nervensystems.
In anderen Fällen, aber relativ selten, wird der Tod plötzlich
durch Apnoe' herbeigeführt, mitten in völligem Wohlbefinden, ähnlich wie
bei Individuen, in deren Glottis ein fremder Körper eingedrungen ist.
Auch hier hat man die schon (S. 131) erwähnte Aspiration und Auf-
wärtsrollung der Zunge gegen den harten Gaumen beschuldigt, und ich
will nicht in Abrede stellen, dass die gewaltsamen Inspirationen, welche
zumal beim Nachlassen des Krampfes eintreten, diesen Vorgang möglich
machen.
Ein rachitisches, an Spasmus glottidis leidendes 1 jähriges Kind, welches sich
in meiner Klinik befand, wurde von mir wegen eines Bronchialcatarrhs an der
Rückenfläche auscultirt und dabei von der Wärterin stark nach vorn übergebogen.
Plötzlich trat ein so heftiger Anfall von Apnoe ein, dass das Kind sofort stark cyano-
tisch wurde. Kalte Wasseranspritzungen bewirkten den Eintritt der Respiration, aber
trotz der pfeifenden mühsamen Athemzüge drohte der Zustand jeden Augenblick-
letal zu enden. Ich führte schnell meinen Finger in den Mund des Kindes und fand
die mit der umgerollten Spitze hart an den Gaumen gedrückte Zunge so stark nach
hinten gezogen, dass ich mir gewaltsam Bahn brechen musste, um über die Zungen-
wurzel zu kommen. Ich zog diese nun rasch nach vorn, und sofort stellte sich die
Respiration in normaler Weise wieder her.
Solche Fälle gaben Anlass, die Aspiration der Zunge überhaupt
als die Ursache der Apnoe beim Glottiskrampf zu betrachten, eine ganz
unberechtigte Ansicht, denn in den meisten Fällen fand ich bei der
Untersuchung der Mundhöhle die Zunge in völlig normaler Lage. Die
Aspiration derselben ist daher gewiss nur eine zufällige und seltene
Complication, welche indess nicht übersehen werden darf, weil sie, wie
der eben erwähnte Fall lehrt, in therapeutischer Hinsicht eine Rolle
spielen kann.
In einer dritten Reihe von Fällen endlich wird der Tod durch einen
heftigen, in die Länge gezogeneu Eclampsieanfall oder durch dessen
Folgen herbeigeführt. Die Sectionen, welche ich in mehreren Fällen
dieser Art zu machen Gelegenheit hatte, ergaben constant starke venöse
Hyperämie der Pia, meistens auch der Gebirnsubstanz, Oedem der Pia,
auch serösen Erguss in den Ventrikeln. Ich betrachte aber diese Be-
funde nur als Folgen der venösen Stauung, die während der eclampti-
schen Anfälle zu Stande kommt, denn am stärksten ausgeprägt fand ich
sie immer da, wo zum Spasmus glottidis und der Eclampsie noch ein drittes
stauungsbeförderndes Moment hinzukam, nämlich der Keuchhusten.
Ich beobachtete diese Complication nicht ganz selten, und zwar gesellte
sie sich entweder den bereits längere Zeit bestehenden Krampfanfällen
hinzu, oder der Keuchhusten eröffnete die Scene, und erst in seinem
Spasmus glottidis, 171
Abnahmestadium entwickelte sich Glottiskrampf. Die Complication ist
natürlich eine zufällige, da der Keuchhusten nur durch eine speci-
fische Infection entstehen kann, aber die Verbindung beider Krankheiten
mit einander begünstigt in hohem Grade das Auftreten allgemeiner
Convulsionen und begründet meiner Erfahrung nach eine ungünstige
Prognose.
Auf die Unklarheit der Beziehungen zwischen Eachitis und Spasmus
glottidis brauche ich nach dem, was früher darüber gesagt wurde (S. 168),
nicht zurückzukommen. Die Thatsache steht fest, ihre Deutung fehlt,
und alle Versuche dazu sind gezwungen und anfechtbar '). Schlecht ge-
nährte, schwächliche Kinder, besonders also die der Armen, werden
zwar vorzugsweise heimgesucht, doch bleiben auch gut entwickelte,
scheinbar blühende keineswegs verschont. Bei einmal gegebener Dis-
position kommt der Krampf spontan oder durch reflectorische Hei-
zungen zum Ausbruch. Der Durchbruch der Zähne (S. 143) wird
sicher sehr überschätzt, doch gehe ich nicht so weit, ihn gänzlich
abzuleugnen. Auch Anomalien der Verdauung, Diarrhoe, und beson-
ders Verstopfung sind zuweilen von Einfluss.
E. R., 11 Monate alt, Mitte März entwöhnt. Wenige Tage darauf dysp op-
tische Diarrhoe und zugleich Anfälle von Spasmus glottidis mit fast
continuirlichen, auch in den Intervallen fortdauernden Contractionen der Finger und
Zehen. Heftiges Schreien, Verlust der Laune. Auch im Schlaf häufige Anfälle.
Nach lauen Bädern und kleinen Calomeldosen tritt Verstopfung ein, so dass Kly-
stiere nöthig werden. Am 28. stark belegte Zunge, Anorexie, abermals stinkende
Durchfälle, mit welchen die bereits sehr verminderten Anfälle des Gloltiskrampfes
von neuem heftig auftreten. Nach Acid. muriat. schnelle Besserung. Ernährung mit
Nestle'schem Mehl, welches gut vertragen und von nun an dauernd gereicht wird.
Nach 4Wochen Heilung bis auf leichte rachitische Knochenveränderungen.
Unter den Reflexanlässen muss auch der Einfluss der Kälte und
des Catarrhs der oberen Luftwege als hervorragend bezeichnet werden,
wofür schon das Ueberwiegen der Krankheit in der kühlen Jahres-
zeit spricht. Von jeher habe ich in den Monaten Januar bis incl.
April die weitaus grösste Zahl der Fälle beobachtet, und ich warne da-
') In wie weit die Versuche von Krause, Semon und Horsley, welche
durch Reizung des Gyrus praecentralis bei Affen partiellen oder totalen Glottisver-
schluss, sogar doppelseitig bei nur einseitiger Reizung, bewirkten, für den Spasmus
glottidis verwerthbar sind, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls bleibt die Annahme
von Kassowitz (Beitr. zur Kinderheilk. N.F. I. S. 165), dass es sich hier um die
Reizung gewisser Rindencentra durch die hyperämischen Schädelknochen handele,
vorläufig eine Hypothese.
172 Krankheiten der Nervensystems.
her die Mütter dringend davor, die zum Stimmritzenkrampf disponirten
Kinder der kalten Luft auszusetzen. Ein Recidiv der schon verschwun-
denen Krankheit kann sofort die Folge sein, besonders, wenn sich
Catarrh des Larynx und der Trachea entwickelt. In diesen Fällen
bekommt das „Giemen" der Inspiration einen rauhen heiseren
Klang, welcher sich aus der catarrhalischen Affection der Stimmritze
erklärt.
Alle diese, und vielleicht noch andere minder klar vorliegende An-
lässe können auch bei Kindern, welche keine rachitischen Ver-
änderungen darbieten, Glottiskrampf erzeugen, aber so weit meine
Erfahrung reicht, sind diese Fälle unendlich seltener, als die mit Rachitis
complicirten. Die in dem betreffenden Alter an und für sich schon be-
stehende erhöhte Reflexerregbarkeit scheint durch Rachitis gesteigert zu
werden. Alles, was man sonst über die Aetiologie des Glottiskrampfes
geschrieben, ist hypothetisch oder geradezu falsch, namentlich die An-
sicht, dass die Krankheit von einer Vergrösserung der Uvula und be-
sonders der Thymusdrüse herrühre (Asthma thymicum). Weder bei der
Section, noch durch Percussion während des Lebens konnte ich jemals
eine solche nachweisen, und durch Friedleben's Untersuchungen ist
es wohl unzweifelhaft geworden, dass man öfters normale Thymusdrüsen
für hypertrophische gehalten hat. Andererseits sind Fälle von starker
Vergrösserung der Thymus bekannt, in denen während des Lebens nie-
mals Glottiskrampf stattgefunden hatte ')• In der That können unter
solchen Verhältnissen durch Compression der Trachea, des Vagus, selbst
des Herzens, stenotische und asthmatische Symptome auftreten, schwer-
lich aber wirkliche Anfälle von Glottiskrampf mit absolut freien In-
tervallen. —
Die Aussichten für die Behandlung des Spasmus glottidis sind
nicht gerade günstig. Sie kennen nun die Gefahren, auf welche Sie von
vorn herein die Angehörigen vorzubereiten haben. Andererseits können
Sie diese damit beruhigen, dass die Majorität der Fälle, wenn auch
erst nach Monate langer, durch wiederholte Recidive bedingter Dauer,
schliesslich mit Genesung endet. Dieses Resultat wird, wie ich glaube,
') Demme, 26. Bericht d. Jenner'schen Kinderspitals. 1889. — Scheele,
Zeitschr. t. klin. Med. Bd. 17. Supplement. — Jacobi, Contributions to the ana-
tomy etc. of the thymus gland. Philadelphia, 1888. — Pott, Jahrb. f. Kinderheil-
kunde. Bd. 34. 118. — Die hie und da mitgetheilten, durch wirkliche Hypertrophie
der Thymus „bedingten" Todesfälle sind meiner Ansicht nach weit eher durch Com-
pression der Trachea, des Vagus, selbst des Herzens, als durch Glottiskrampf zu
erklären.
Spasmus glottidis. 173
vorzugsweise durch eine Verbesserung des gestörten Allgemeinbefin-
dens, also der rachitischen Anlage, erzielt, und ich pflege daher auf
dies Moment mein Augenmerk zu richten, wenn nicht die allzu häufige
Wiederkehr der Anfälle zunächst ein Einschreiten erfordert. In Bezug
auf das letztere kann ich nur wiederholen, was ich Ihnen bereits
S. 1G5 bei der Eclampsie mittheilte. Weder Bromkali, noch Chlo-
ralhydrat gaben mir zuverlässige Resultate. Ist auch der Erfolg im
Beginn der Cur bisweilen überraschend, so fehlt ihm doch die Nachhal-
tigkeit, und man müss trotz des Fortgebrauchs der Mittel immer auf
Recidive gefasst sein. Vom Zink sah ich auch hier keine Wirkung und
halte die gerühmten Erfolge desselben für Täuschungen. In einigen
Fällen schien mir Moschus beruhigend und die Frequenz der Anfälle
mildernd zu wirken, in anderen blieb er absolut wirkungslos. Ich gab
in der Regel Tinct. Moschi 10 gtt. ein- bis zweistündlich. Wo es aber
darauf ankommt, der enormen Häufigkeit der Anfälle und der daraus her-
vorgehenden Erschöpfung des Kindes ein möglichst rasches Ziel zu
setzen, wende ich unbedenklich Morphium an (F. 10). Sobald Ruhe
und Schläfrigkeit eintritt, setze man das Mittel aus, um nicht toxische
Erscheinungen zu bekommen; aber bei gehöriger Ueberwachung sah ich
diese niemals eintreten und hatte wiederholt die Freude, durch dies
Mittel Kinder, welche man fast verloren gab, dauernd zu beruhigen und
der drohenden Todesgefahr zu entreissen. Von der vielfach behaupteten
raschen Wirkung des Phosphors konnte ich mich nicht überzeugen,
weil Besserungen und selbst temporäre Pausen des Krampfes auch ohne
jede Therapie vorkommen. Was die Behandlung des einzelnen An-
falls betrifft, so wird man nur ausnahmsweise dazu Gelegenheit haben,
weil, bevor der Arzt hinzukommt, der Anfall entweder vorüber oder das
Kind erstickt ist. Aus diesem Grunde ist auch die Empfehlung der
Tracheotomie für den Nothfall illusorisch. Wohl aber sollte man die
Angehörigen darüber belehren, wie sie sich im Anfalle zu benehmen
haben. Anspritzung von kaltem Wasser auf Gesicht und Brust können
die gefahrdrohende Apnoe sofort unterbrechen und sind immer zu ver-
suchen, ebenso wie das schon S. 170 empfohlene Hervorziehen der
Zunge. Schwieriger ist schon die künstliche Respiration, welche ebenso,
wie die Faradisirung des Phrenicus, nur von Sachverständigen ausführ-
bar ist.
Die therapeutische Berücksichtigung der Reflexreize steht, wo nicht
die symptomatische Cur eine augenblickliche Notwendigkeit ist, in
erster Reihe; Schutz vor kalter Luft, Behandlung eines etwa vorhan-
denen Catarrhs, Purgantia bei Verstopfung, antidyspeptischc Mittel, wo
]74 Krankheiten des Nervensystems.
es sich um Dyspepsie handelt. Scarification des Zahnfleisches ist, wie
ich schon oben bemerkte, absolut wirkungslos. Vor allem aber em-
pfehle ich Ihnen die Behandlung der zu Grunde liegenden Disposition
durch antirachitische Mittel, reine warme Luft, Malz- und Salzbäder,
Eisen und Leberthran, wovon bei der Rachitis ausführlicher die Rede
sein wird.
III. Die idiopathischen Oontracturen.
Sie werden sich erinnern, dass während der Anfälle des
Glottiskrampfes häufig spastische Oontracturen der Finger und Zehen
beobachtet werden, welche zuweilen noch in den Intervallen fortdauern.
Solche Oontracturen, die ich ebenso wenig, wie den Stimmritzenkrampf
mit der Tetanie der Erwachsenen identificire (S. 168), können nun auch
unabhängig von diesem auftreten und sich auf weitere Gebiete des
Muskelsystems ausdehnen. Die Verhältnisse, unter denen sie vorkommen,
sind im Allgemeinen dieselben, wie bei den eclamptischen Anfällen:
nicht selten alterniren sie mit diesen und mit Spasmus glottidis, wo-
bei sie entweder nur flüchtig sind, oder viele Stunden, selbst Tage lang
anhalten können. Am häufigsten finden wir Finger und Zehen in die
Vola und Planta flectirt, seltener extendirt, zuweilen aber auch die
Hand-, Fuss- oder Ellenbogengelenke mitbetheiligt, so dass der. Vorder-
arm gegen den Humerus, die Hand gegen den Vorderarm, der Fuss
nach oben oder gegen die Planta flectirt erscheint. Dass die Contractur
schmerzhaft ist, scheint das Schreien der Kinder zu bekunden, zumal
wenn man versucht, die contrahirten starren Muskeln zu strecken. In
den Fällen, wo diese viele Stunden, Tage oder gar Wochen lang anhielt,
beobachtete ich nicht selten Oedem oder cyanotische Färbung der
Hand- und Fussrücken, welche von dem Druck der starren Muskeln auf
die intermusculären Venen abzuleiten sind. Wirkliche Ecchymosen, wie
Bouchut beschreibt, kamen mir nur in einem Falle vor. Im Anfang
traten die Oontracturen meistens paroxysmenweise auf, wurden aber im
weiteren Verlauf oft mehr oder minder anhaltend. Im Schlafe trat
meistens Erschlaffung ein; nur selten sah ich, wie Bouchut, die Oon-
tracturen während desselben fortdauern. Der Umstand, dass diese fast
immer doppelseitig sind, kann, wie bei den Convulsionen (S. 153),
für ihre nervöse harmlose Natur geltend gemacht werden; ein halb-
seitiges Auftreten dagegen muss den Verdacht einer Erkrankung der
gegenüberliegenden Gehirnhälfte erwecken; besonders als Symptom der
Hirntuberkel kamen mir halbseitige Oontracturen vor, welche dann
oft mit Paralyse und Tremor verbunden waren.
Contracturen. 175
In einzelnen Fällen sah ich Contracturen der Finger und Zehen
während des Durchbruchs der seitlichen oberen Schneidezähne eine
Woche lang fast anhaltend fortdauern, nach dem Durchbruch aber so-
fort verschwinden. Ob dies mehr als Zufall war, kann ich nicht ent-
scheiden. Sicherer ist die Abhängigkeit von dyspeptischen Zustän-
den, gerade wie bei der Eclampsie (S. 155), Meteorismus, lehmigen
harten Fäces, dyspeptischer Diarrhoe. Starre Flexion der oberen und
besonders der unteren Extremitäten sah ich bei einem 4 Monate alten
an Erbrechen und Diarrhoe leidenden Kinde, dessen Section Enteritis
follicularis und hämorrhagische Gastritis nachwies. Die Literatur ist
nicht arm an solchen Fällen1). Weit seltener bilden die üropoeti-
schen Organe die Reflexstätte 2) :
Kind von 5 Monaten, an der Brust genährt, mager, soll von Geburt an vor jeder
Urinausleerang stark geschrieen haben. Am 10. Oct. 1861 zuerst untersucht. Vor
14 Tagen Eclampsieanfall, der sich nach einer Woche wiederholte. Schon seit
dem ersten Anfall blieben die Zehen beider Füsse in anhaltender Plantar-
flexion, nach dem zweiten wurden die Finger und Kniegelenke von ähnlichen
Contracturen befallen. Starrheit der betreffenden Flexoren, Streckversuche sehr
schwierig. Auch Hals- und Nackenmuskeln zeigen Rigidität mit erschwerter
Bewegung des Kopfes. Seit drei Wochen zeigen sich auf den mit stark pigmentirtem
Urin getränkten Windeln runde, stocknadelkopfgrosse Bröckel, die als harnsaure Con-
cretionen erkannt werden. An verschiedenen Körperstellen Purpurallecke auf
der Haut, welche unmittelbar nach denConvulsionen aufgetreten sein sollen. Am 17.
nach lauen Malzbädern und Abgang von noch 3 ähnlichen Steinchen bedeutender
Nachlass der Contracturen, aber wiederholto Zuckungen in den oberen und unteren
Extremitäten. Oedem der unteren Augenlider, des linken Beins und Fusses , neue
Purpuraflecke von Groschengrösse auf Kopf und Thorax. Erst am 21. Novbr. sah
ich das Kind wieder und fand von den früheren Zufällen keine Spur mehr. Dieselben
waren auch nach 2'/, Jahren, wo das Kind mir wieder vorgestellt wurde, nicht
wiedergekehrt. Die Behandlung hatte nur in Malzbädern und kleinen Dosen Eisen
bestanden.
Hier finden Sie also in Folge der anhaltenden Contracturen die
kleinen Ecchymosen und partiellen Oedeme, welche ich vorher erwähnte.
Convulsionen eröffneten die Scene, worauf alsbald sich auch Contracturen
bemerkbar machten. Sie sehen also, dass beide Erscheinungen die gleiche
Bedeutung hatten, und in der That wird die Differenz vorzugsweise durch
') Koppe, Zur Lehre von der Arthrogryposis des Säuglingsalters. Archiv f.
Kinderheilk. Bd. II. 140. Dahin gehören auchFälle von Riegel bei einem Erwach-
senen (Centralbl. 1874. No. 12), in welchem durch eine erfolgreich durchgeführte
Bandwurmcur Heilung erzielt wurde, von Müller und Paliard (Dtsch. med.
Wochenschr. 1889. S. 136, 137), und Baginsky (Archiv f. Kinderheilk. Vü.).
2) Siehe meine Beiträge zur Kinderheilk. N. F. Berlin, 1878. S. 357.
1 76 Krankheiten des Nervensystems.
die Fortdauer des Bewusstseins in dem einen, und durch das Schwinden
desselben im anderen Falle begründet. Denken wir uns die Pause des
Bewusstseins bedingt durch die spastische Theilnahme der kleinen Hirn-
arterien, deren Folge arterielle Anämie des Gehirns sein muss, so hätte
man eben nur diesen Factor auszuschalten, und der Unterschied zwischen
Eclampsieanfällen und unseren Oontracturen wäre so gut wie aufgehoben,
da die tonische Form der letzteren auch in den convulsivischen An-
fällen nicht selten vorkommt. Die mitunter sehr lange Dauer der Oon-
tracturen begründet nur eine scheinbare Verschiedenheit, da, wie wir
sahen, auch eclamptische Anfälle, durch kurze Pausen eines soporösen
Zustandes von einander getrennt, sich Tage lang hinziehen können. Aus
diesen Gründen betrachte ich die Oontracturen in ihrem Wesen als
identisch mit den Convulsionen, als eine Art von Abortivform der-
selben, und kann in Betreff ihrer Aetiologie und Behandlung nur auf
das bei der Eclampsie Gesagte verweisen. Damit stimmt auch die That-
sache überein, dass die Oontracturen, ebenso wie die letztere, besonders
häufig, bei rachitischen Kindern beobachtet werden, wodurch eine
Familienanlage bedingt werden kann. Drei Geschwister, welche alle
im zweiten Lebensjahre an Oontracturen litten, waren sämmtlich rachi-
tisch. Wie die Eclampsie, treten auch die Oontracturen bisweilen mit
einem intermittirenden Typus auf.
Bei einem 3 jährigen Mädchen traten 14 Tage lang allabendlich gegen 7 Uhr
starre Oontracturen aller vier Extremitäten ein, wobei die Arme im Ellenbogengelenk
stark flectirt, die Beine gegen den Unterleib angezogen und die Füsse in der Form
des Pes varus erschienen. Die von dunkler Röthe des Gesichts und lebhaftem Ge-
schrei begleiteten Anfälle dauerten 2 Stunden, worauf das Kind einschlief und bis
zum folgenden Abend vollkommen wohl war. Chinin beseitigte die Anfälle in kurzer
Zeit. In einem anderen Fall (G jähriger Knabe), trat seit mehreren Tagen täglich
um 3 Uhr Nachmittags eine allmälig sich steigernde, schliesslich ganz starre Con-
tractur des rechten Stern ocl ei dorn astoideus mit Caput obstipum auf, welche bis
zum Abend dauerte und dann verschwand, um erst am nächsten Nachmittag wieder-
zukehren. Auch hier brachte der Gebrauch des Chinins schnelle Heilung1). —
Bei dieser Gelegenheit gestatten Sie mir, noch einige Worte über
eine seltene convulsivische Erscheinung im kindlichen Alter, den Tre-
mor, hinzuzufügen. Während dieser bei Erwachsenen theils als selbst-
ständiges Leiden (Tremor senilis, potatorum, mercurialis u. s. w ), theils
als Begleiter wichtiger Centralkrankheiten (Paralysis agitans, Sclerose
') Analoge Fälle von Caput obstipum intermittens werden von Folliet und
Simon (Revue mens. Fevr. 1883) mitgetheilt.
Contracturen. 177
des Rückenmarks) häufig beobachtet wird, fand ich ihn im Kindesalter
nur beim Typhus und bei anderen schweren Infectionskrankheiten, be-
sonders aber in gelähmten oder contrahirten Gliedern bei Tuberculose
des Gehirns, bei Meningitis basilaris und anderen Gehirnkrankheiten').
Nur einmal hatte ich Gelegenheit, allgemeinen Tremor ohne schwere
Begleiterscheinungen und mit günstigem Ausgange zu beobachten:
Am 5. Februar wurde ein früher gesundes, wohlgenährtes Kind von 15 Mo-
naten in die Poliklinik gebracht, welches vor 4 Wochen an Lungenentzündung ge-
litten haben sollte. Erst seit etwa 14 Tagen bestand anhaltendes Zittern
der Hände, Füsse und des Kopfes, der gewöhnlich etwas retrahirt war, aber
leicht nach vorn und seitlich bewegt werden konnte. Das Kind schrie häufig und
anhaltend, als ob es Schmerz empfände, und auch das Geschrei bestand, analog dem
Zittern der Extremitäten, nicht aus continuirlichen, sondern aus meckernden
Tönen. Seit dem Beginn dieses Zustandes hatte das Kind das Stehen verlernt, war
aber im Stande, mit den zitternden Händchen Spielzeug zu fassen und zu halten.
Dabei vollständige Euphorie und normale Function aller Organe. Nach der Auf-
nahme in die Kinderstation bestand der Zustand zunächst unverändert fort. Am 18.
zeigte sich Abnahme des Zitterns und schon am 20. völlige Heilung. Die Behand-
lung bestand in der Darreichung von Chloralh^drat (1,0 : 120).
Die Ursache des Zitterns in diesem Falle blieb bei dem sonst un-
getrübten Gesundheitszustande des Kindes dunkel. Die Annahme eines
von der Dentition ausgehenden refiectorischen Ursprungs wäre gewagt,
da während der Dauer unserer Beobachtung kein Zahndurchbruch vor-
kam. Es wäre zwar denkbar, dass das Emporwachsen des Zahns eine
Zeitlang die Alveolarnerven reizt, und dann Reflexerscheinungen her-
vorruft, das weitere Vorschieben aber, noch ehe der Zahn zu Tage ge-
treten ist, die Nerven wieder von dem Drucke befreit. Doch entbehrt
diese Annahme, wie ich gern zugebe, jeder thatsächlichen Begründung.
IV. Der Nickkrampf, Spasmus nutans,
Meine ersten Beobachtungen dieser Form wurden schon im Jahre
1851 2) publicirt.
Dieselbon betrafen Kinder von resp. 6 ffnd 8 Monaten, mit anhaltenden wiegen-
') Einen interessanten Fall von allgemeinem Tremor bei einem 4 Monate alten
Kinde, welcher bis zum Schlüsse des 11. Monats dauerte und mit Zurückbleiben der
geistigen Entwickelung verbunden war, theilt Demme mit (19. Jahresber. S. 36).
2) Romberg und Henoch, Klinische Wahrnehmungen und Beobachtungen.
Berlin, 1851. S. 57.
Henoch., Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 1. Aurt. 12
178 Krankheiten des Nervensystems.
den Bewegungen des Kopfes nach vorn und hinten, welche den Kindern das Ansehen
der bekannten chinesischen Pagoden gaben. In dem einen Fall war bisweilen auch
Aufwärtsrollen der Augen damit verbunden. Während des Schlafes hörten die
Bewegungen auf, im wachen Zustande nur auf kurze Zeit, wenn man die Aufmerk-
samkeit des Kindes auf irgend eine Weise fixirte. Gewaltsame Hemmung durch Fest-
halten des Kopfes erregte lebhafte Unruhe und Weinen. Der Mund war heiss, die
Speichelsecretion profus. In beiden Fällen blieb die Behandlung erfolglos; erst nach
3monatlicher, resp. mehrwöchentlicher Dauer brachte der Durchbruch von Zähnen
(im ersten Fall des ersten Schneidezahns) sofortige Heilung.
Ungefähr um dieselbe Zeit wurden von Faber und Ebert1) ähn-
liche Fälle beschrieben, und bei der einmal angeregten Aufmerksamkeit
der Aerzte ergab es sich bald, dass die Affection keineswegs selten ist.
Von den seit jener Zeit von mir beobachteten, sehr zahlreichen Fällen
dieser Art theile ich Ihnen folgende mit.
Kind von 9 Monaten. Im wachen Zustande seit mehreren Wochen fast an-
haltende Nickbewegungen des Kopfes mit leichter Rotation nach rechts, vollständige
Pause im Schlaf. Mit den Nickbewegungen combinirt sich anhaltender Nystagmus
des rechten Auges, wobei die Schwingung nach innen die stärkere ist. Nach einigen
Wochen Nachlass der Kopfbewegungen in Folge eines Zahndurchbruchs, während Ny-
stagmus fortdauert.
1 jähriges Kind. Dieselben Erscheinungen wie im vorigen Fall, nur besteht
statt des Nystagmus Strabismus convergens des rechten Auges. Nach einer Pause,
welche dem Durchbruche zweier Zähne folgte, Wiedereintritt der Affection, nachdem
das Kind einen Brechdurchfall und Bronchialcatarrh durchgemacht hatte. Heilung
nach 14 Tagen spontan.
Kind von 6 Monaten. Sonst gesund. Seit 3 bis 4 Wochen besteht der Krampf,
anfangs intermittirend, jetzt fast anhaltend, nur im Schlaf vollständige Pause. Die
Bewegungen finden nach vorn statt, nickend, mit einer leichten Rotation des Kopfes
von rechts nach links verbunden. Augenmuskeln nicht betbeiligt. Beide mittleren
Schneidezähne der unteren Zahnreihe schimmern durch das Zahnfleisch. Weiterer
Verlauf unbekannt.
Kind von 10 Monaten, gesund, mit zwei Zähnen. Seit 3 Monaten bestehen
anhaltend rotirende Kopfbewegungen von einer Seite zur anderen, verbunden mit
leichtem Wiegen nach vorn, Pause im Schlaf. Fesselt man die Aufmerksamkeit des
Kindes durch einen vorgehaltenen Gegenstand, oder hält man den Kopf gewaltsam
fest, so hören zwar die Kopfbewegungan auf, es tritt aber dann sofort Nystagmus
beider Augen auf. Verlauf unbekannt.
Ijähriger Knabe, mit 7 Zähnen. Seit etwa 14 Tagen häufige schwache ro-
tatorische Bewegungen des Kopfes von rechts nach links mit leichtem Nicken ver-
bunden. Dabei fast anhaltend Nystagmus des linken Auges. Sonst gesund. Nach
einigen Wochen spontane Heilung.
') Annalen der Charite. I. 1850.
Spasmus nutans. 179
Mädchen von 10 Monaten, gesund. Seit 14 Tagen Spasmus nutans mit
leichter Rotation des Kopfes nach rechts. Bewegungen fast anhaltend, nur im Schlaf
Pause. Sobald man den Kopf fesselt, hören die Bewegungen auf, und es tritt leich-
ter Nystagmus des rechten Auges ein, der sonst nicht stattfindet. Zwei Schneide-
zähne im Unterkiefer, die oberen im Durchbruch begriffen. Verlauf unbekannt.
Kind von 9 Monaten, rachitisch, früher schon mit Eclampsie und Glottis-
krampf behaftet, jetzt gesund, mit normaler Zahnentwickelung (2 Schneidezähne).
Die Nickbewegungen beschränkten sich hier nicht auf den Kopf, sondern betrafen
den ganzen Oberkörper, traten in Anfällen mehrmals täglich auf und waren so
heftig, dass der Kopf bisweilen fast bis zu den Knieen niedergebeugt wurde. Krampf-
hafte Bewegungen der Augen begleiteten zuweilen den Anfall. Nach 14 Tagen Ab-
nahme der Intensität und Frequenz der Anfälle. Weiterer Verlauf nicht bekannt.
Alle diese Fälle zeigen, dass die den Spasmus nutans charakteri-
sirenden Zwangsbewegungen sich fast niemals auf den eigentlichen Kopf-
nicker (Sternocleidomastoideus) beschränken, sondern neben diesem auch
noch die Rotatoren des Kopfes in Anspruch nehmen. Nickbewegung
und mehr oder weniger deutliche Rotation, meistens constant nach einer
und derselben Seite, sind fast immer miteinander verbunden, ja in den
meisten Fällen fand ich die rotirende Bewegung bei weitem präva-
lirend, die nickende nur angedeutet. Dazu kamen bei fast allen
Kindern krampfhafte Bewegungen der Augenmuskeln, meistens Ny-
stagmus, selten Strabismus oder Rollbewegungen, gewöhnlich auf
beiden Augen, seltener auf das Auge derjenigen Seite beschränkt, nach
welcher der Kopf rotirt wurde. Die Bewegungen sind meistens fast per-
manent, seltener treten sie anfallsweisc auf, pausiren aber immer während
des Schlafes. Durch Festhalten des Kopfes oder Erregung der Auf-
merksamkeit kann man in der Regel die Nick- und Drehbewegungen
momentan hemmen, wobei aber der Nystagmus stärker wird, oder wenn
er nicht vorhanden war, erst auftritt. Nur in dem letzten meiner Fälle
nahmen auch die Rumpfmuskeln Antheil, wodurch der ganze Oberkörper
nach Art einer Pagode sich rhythmisch vornüber bewegte.
Dass bei einem kleinen Theil dieser Kinder der Refiexreiz von der
Dentition ausging, wird durch das Verschwinden der spastischen Er-
scheinungen nach erfolgtem Zahndurchbruche wahrscheinlich gemacht.
Auch das Alter der kleinen Patienten (alle befanden sich zwischen 6
und 15 Monaten) lässt sich dafür anführen. Das älteste Kind, welches
ich am Spasmus nutans behandelte, stand in der Mitte des dritten Jahres,
hatte aber noch keine hinteren Backzähne. Einmal beobachtete ich den
Krampf gleichzeitig bei Zwillingen im Alter von 15 Monaten. Für einen
anderen Theil meiner Fälle, welcher sich der weiteren Beobachtung ent-
zog, kann ich freilich die Dentition nicht als zweifellos hinstellen und
12*
180 Krankheiten des Nervensystems.
muss annehmen, dass auch andere Reflexreize den Spasmus nutans ebenso
gut erregen können, wie die Zahnung. Die Ansicht von Kassowitz,
dass Eachitis die Ursache sei, bestreite ich; ich habe den Krampf auch
bei Kindern beobachtet, die keine Spur dieser Krankheit darboten. Bei
der enormen Häufigkeit der Rachitis in Polikliniken ist es selbstver-
ständlich, dass auch bei Kindern mit Spasmus nutans oft Symptome der-
selben gefunden werden. — Interessant ist die häufige Combination mit
Nystagmus, welche auch von anderen Beobachtern erwähnt wird und
darauf hindeutet, dass die Wurzelherde des Accessorius Willisii und der
obersten Spinalnerven, welche die betreffenden Hals- und Nackenmuskeln
versorgen, in naher Beziehung zu denen der Augennerven (Oculomotorius)
stehen. Auch einige Fälle, welche ältere Individuen betreffen, bestätigen
dies Zusammentreffen.
Am 26. März 1879 erschien in der Klinik ein 12jähriger Knabe, welcher seit
seinem 2. Lebensjahre in Folge von Cerebrospinalmeningitis taubstumm war. Seine
Intelligenz war intact, ein Talent zum Zeichnen sogar in eminentem Grade entwickelt.
Bei diesem Knaben bestanden fast anhaltende, nach links rotirende, mit einem leichten
Nicken verbundene Kopfbewegungen, verbunden mit permanentem Nystagmus,
welcher bedeutend zunahm, sobald man den Kopf festzuhalten suchte. Die Gesund-
heit war übrigens ungestört, und ich bin, zumal da der Knabe nicht wiederkam, nicht
im Stande, eine Vermuthung über die Ursache jener Erscheinungen, die mit denen
des Spasmus nutans äusserlich übereinstimmten, auszusprechen. — Aehnlich verhielt
sich ein 9jähriger Knabe, bei welchem überdies noch Sprachstörungen bestanden,
ohne dass eine Ursache dieser Zustände aufzufinden war. — Endlich beobachtete ich
bei einem 10jährigen, sonst gesunden Knaben sehr häufige, alle paar Minuten erfol-
gende Rotationsbewegungen des Kopfes mit Schiefstellung desselben nach rechts,
welche stets mit Verdrehen der Bulbi nach oben verbunden waren und vor l1/, Jahren
in Folge eines Schrecks entstanden sein sollten. Beharrliche Anwendung der Electri-
cität und Aufenthalt in der Klinik wirkte hier günstig, wenn auch nicht vollständig
heilend.
Von der refiectorischen Form des Spasmus nutans muss man also
eine zweite, bedenklichere unterscheiden, die einen centralen Ursprung
zu haben scheint. Besonders einige von englischen Autoren (Newnham,
Willshire) herrührende Schilderungen beziehen sich auf Fälle, in
welchen Störungen der Intelligenz und epileptische Zufälle sich mit
Nickbewegungen, nicht nur des Kopfes, sondei'n auch des ganzen Ober-
körpers verbanden. Letztere traten entweder in Anfällen auf, wobei
die wiegenden Körperbewegungen wohl 50— 100 mal in der Minute er-
folgten, oder waren mehr permanent, dann aber minder intensiv. Der
Ausgang war durchweg tödtlich, doch fehlen meines Wissens sichere
Sectionsresullate. Ich selbst beobachtete nur einen Fall ähnlicher Art,
Spasmus nutans. 181
in welchem die krankhaften Bewegungen einige Tage nach einem Fall
auf den Hinterkopf eingetreten sein sollten, und der Tod plötzlich er-
folgte; die Section wurde leider verweigert1). Auch die nicht selten
vorkommenden Fälle von schwach- oder blödsinnigen Kindern, die
ein häufiges Vornüberfallen des Oberkörpers mit Ausspreitzung
der Arme und leichtem Verdrehen der Augen zeigen, möchte ich hierher
rechnen. Sie ersehen daraus, dass nicht alle Fälle von Spasmus nutans
auf gleiche Weise zu beurtheilen sind, und ich werde noch Gelegenheit
haben, Ihnen Beispiele anzuführen, in denen diese Form als ein Glied
in der Kette jener spastischen Erscheinungen vorkam, die man unter
dem Namen „Chorea magna" zusammenzufassen pflegt. —
Aus den oben mitgetheilten Fällen ergiebt sich, dass die Behand-
lung der reflectorischen Form exspectativ sein kann. Wollen Sie
die gegen Convulsionen überhaupt empfohlenen Mittel (S. 165) versuchen,
so mögen Sie es thun, dabei aber wohl bedenken, dass dieselben keinen
Erfolg versprechen, bevor nicht die Quelle der Reflexreizung, welche in
der Regel verborgen bleibt, versiegt ist'-).
Beiläufig sei erwähnt, dass ich mehr oder weniger anhaltende
Wiegebewegungen des Oberkörpers bei kleinen Kindern wiederholt
als Ausdruck onanistischer Reizung beobachtet habe. Diese Bewe-
gungen sind also willkürliche und haben mit Spasmus nutans nichts zu
schaffen. — Die sonst noch bei Kindern vorkommenden partiellen
Krämpfe, seien es solche der Nacken-, der Extremitäten- oder der
Gesichtsmuskeln, letztere besonders reflectorisch in Begleitung von Augen-
krankheiten auftretend, stimmen mit denen der Erwachsenen überein.
Auch hier möchte ich den Einfluss der Dentition nicht ganz von der
Hand weisen. So beobachtete ich bei einem Kinde zweimal hinterein-
ander und zwar jedesmal während des Durchbruchs einer Zahngruppe,
Conjunctivitis palpebralis mit heftigem Schliesskrampf beider Augenlider
(die Augen wurden nur in der Dunkelheit geöffnet), welche zwei bis
drei Wochen dauerte; bei zwei anderen krampfhafte Flexion der einen
unteren Extremität im Kniegelenke, welche stundenlang dauerte, und dann
spurlos verschwand, ohne dass im Knie- oder Hüftgelenk etwas Krankhaftes
') Vergl. Hochhalt, Jahrb. f. Kinderheilk. XIII. S. 99.
2) Caille. (Transact. of the americ.pediatr. society I. 237) empfiehlt Abschluss
des Lichtes durch Verbinden der Augen, weil er den Nystagmus als das Pri-
märe betrachtet. — lladden , Lancet, Juni 1890 suchte die Ursache in dem Ver-
folgen der Gegenstände mit dem Blick und der Kopfhaltung, deren Harmonie erst
nach dem 4. Lebensmonate sich herstellen soll (?).
1 82 Krankheiten des Nervensystems.
nachzuweisen war. Ueber eine sehr seltene Krampfform seien mir noch
einige Worte gestattet, weil sie mir in dieser Weise bei Erwachsenen
noch nicht vorgekommen ist; ich meine Lachkrämpfe, welche ich in
3 Fällen, in denen der Reflexreiz vom Darmkanal ausging, zu beob-
achten Gelegenheit hatte. Die beiden ersten, schon früher1) beschriebe-
nen, betrafen merkwürdiger Weise die Kinder zweier Schwestern.
Kind von 4 Wochen, an der Brust, seit 8 Tagen massige Diarrhoe, vor
einigen Tagen plötzliche Zackungen der Gesichts- und Rumpfmuskeln, wobei das
Kind zum Schiecken der Mutter hell auflachte. Dauer der Anfällo etwa 5 Mi-
nuten, Wiederholung 3 — 4mal täglich. In den Intervallen oft gewaltsames Drängen
mit dunkler Röthe des Gesichts und Stöhnen, doch ohne Schreien. Infus, ipecac.
(0,12) 100 mit Tinct. theb. gtt. II. beseitigte binnen 7 Tagen diese Erscheinungen.
Kind von 18 Tagen, Säugling, Obstruction, lebhafte Unruhe, Schreien,
Anziehen der Beine, Aufwärtsrollen der Bulbi, Zusammenkneifen der Hände mit
hellem Auflachen. Meteorismus des Unterleibs. Nach lauen Bädern, Oeleinrei-
bungen und Ol. ricini reichliche Stühle. Schwinden aller Zufälle. Recidiv nach
einem halben Jahre. Heilung durch dieselbe Behandlung.
Dazu kommt noch ein dritter Fall:
Kind von 3 Monaten, Diarrhoe seit einer Woche, zugleich fast allnächtlich
Zücken in den Augen und Händen, häufig auch bei Tage lautes Auflachen, da- .
zwischen bisweilen giemende Inspiration. Na<h Stillung der Diarrhoe hören die
Lachlaute auf, während die Zuckungen noch mitunter wiederkehrten. Schliesslich
Heilung.
V. Der Veitstanz, Chorea minor.
Die Chorea ist wohl die häufigste aller Neurosen, welche das kind-
liche Alter vom Beginn der zweiten Dentition, also etwa vom
6. Jahre an, bis gegen die Pubertät hin heimsuchen. Ungleich seltener
kommt sie vor dieser Zeit vor, doch habe ich selbst mehrere Fälle bei
4- und 5jährigen Kindern, zwei sogar bei 3jährigen Mädchen beob-
achtet. Erwachsene werden nur selten befallen, vorzugsweise Schwan-
gere, worauf ich hier nicht näher eingehe. Die Zahl der erkrankten
Mädchen überwiegt bedeutend die der Knaben.
Die Erscheinungen der Chorea sind so eigenthümlich, dass der,
welcher sie einmal gesehen hat, sie kaum mit einer anderen convulsi-
vischen Affection verwechseln wird. In völlig ausgebildeten Fällen finden
wir den ganzen Körper des Kindes in anhaltender Unruhe und Bewegung,
welche an die zappelnde Action eines „Hampelmanns" erinnert und
') Beitr. zur Kinderheilk. N. F. 1868. S. 85.
Chorea. 183
nicht ohne Komik ist. Am intensivsten sind in der Regel die Ex-
tremitäten ergriffen. Arme und Hände können kaum einen Augenblick
ruhig gehalten werden, zeigen vielmehr fortwährende zappelnde Bewe-
gungen und wunderliche Verdrehungen, während die Schultern sich bald
heben, bald senken, der Kopf seitlich herabgezogen, mehr oder weniger
rotirt wird. Auch die Gesichtsmuskeln nehmen Theil, die Augen schliessen
und öffnen sich abwechselnd, die Stirn wird gerunzelt und schnell wieder
geglättet, die Mundwinkel nach der einen oder anderen Seite hin ver-
zogen, die Lippen bisweilen rüsselartig gerundet. Dabei können die
unteren Extremitäten den Körper noch stützen und tragen; oft aber ist
auch hier das Zappeln und Schlenkern so stark, dass das Gehen mehr
oder weniger erschwert wird, und die Kinder vielfach straucheln und
fallen. In schweren Fällen ist nicht nur Gehen und Stehen, sondern
auch Sitzen nicht mehr möglich. Lässt man die Zunge herausstrecken,
so geschieht dies mit einem Ruck; ebenso rasch schnellt sie wieder in
den Mund zurück, zeigt aber, wenn die Kinder im Stande sind, sie
einige Secunden lang herauszustrecken, wurmförmige Bewegungen. Durch
die Theilnahme der Zungenmusculatur wird die Sprache stammelnd und
undeutlich, oft bis zu vollständiger Aphasie. Trotz aller Anstrengung,
wobei die Muskelbewegungen im Gesicht und auch am übrigen Körper
sich bedeutend steigern, sind die Kinder dann nicht im Stande, ein Wort
herauszubringen, und gerade diese Erscheinung pflegt die Eltern am
meisten zu ängstigen. Die vielfach kund gegebene Befürchtung, dass
das Kind stumm bleiben könnte, ist indess nie gerechtfertigt; Sie dürfen
mit Zuversicht die völlige Wiederherstellung der Sprache in Aussicht
stellen. Die Reflexe, besonders die Patellarreflexe, fand ich öfters
gesteigert, bei einem 8- und einem 11jährigen Mädchen in dem Grade,
dass schon leises Klopfen auf die Sehne förmliche Zuckungen im Qua-
driceps auslöste.
Dies für eine grosse Zahl von Fällen passende Krankheitsbild zeigt
nun vielfache Abweichungen, sowohl in Bezug auf den Grad, wie auf
die Verbreitung der krampfhaften Bewegungen. Sehr häufig erreichen
diese nicht die geschilderte Intensität, bleiben vielmehr im ganzen Ver-
lauf der Krankheit verhältnissmässig schwach und werden nur störender,
sobald die Patienten aus dem ruhigen Zustande in den der Bewegung
übergehen. Auch nehmen nicht immer alle Theile gleichmässig Antheil,
ganze Muskelgebiete können vielmehr verschont bleiben. Zwischen
diesem geringen Grade der Krankheit und ihrer stärksten Entwickelung
findet man nun eine Reihe von Stufen, in denen eine sich immer ver-
stärkende Intensität und Dauer der spastischen Bewegungen bemerkbar
184 Krankheiten des Nervensystems.
ist, bis endlich in den höchsten Graden die Energie und Permanenz der-
selben eine so bedeutende wird, dass fast alle Muskeln vom Gesicht bis
zu den Füssen herab ununterbrochen eine Reihenfolge der grotesl<esten
Bewegungen ausführen, welche dem Körper kaum einen Augenblick Ruhe
lassen, ihn nach den verschiedensten Richtungen hin schleudern, gegen
die Kanten der Bettstelle werfen und an vielen Stellen Contusionen ver-
ursachen können. Ich sah solche Kinder mit blauen Flecken bedeckt,
schliesslich sogar aus dem Bette geschleudert werden, und musste das
letztere oft mit Kissen auspolstern, um ernste Verletzungen zu verhüten.
In einem Falle bildete sich ein grosser Abscess über dem linken Schul-
terblatt, welcher incidirt werden musste. Audi das Essen, Trinken und
Schlucken kann erschwert sein, wobei ein Theil des Genossenen wieder
ausgestossen wird. Bisswunden an den Lippen sah ich nur ausnahms-
weise In heftigen Fällen bleibt auch die Gruppe der Augenmuskeln
nicht verschont, so dass die Bulbi in rollende Bewegung geralhen; da-
gegen konnte ich die von einigen Autoren ') erwähnte abwechselnde Er-
weiterung und Verengerung der Pupillen, welche unabhängig vom Ein-
flüsse des Lichtes auftreten und mit Abschwächung des Sehvermögens
während der Dilatation verbunden sein soll, nicht sicher beobachten.
Wohl aber werden bisweilen die respiratorischen und Kaumuskeln in
Form von Aufseufzen, Schluchzen, Zähneknirschen in Mitleidenschaft ge-
zogen, und Urin und Fäces unwillkürlich ausgestossen.
In vielen Fällen finden Sie die Bewegungen auf der einen Hälfte
des Körpers stärker als auf der anderen, oder die Krankheit tritt über-
haupt nur halbseitig auf, während die andere Seite völlig verschont
bleibt (Hemichorea). Diese Beschränkung zeigt sich entweder nur im
Beginn oder bleibt dauernd bis ans Ende der Krankheit. Nur die Muskel-
bündel der Zunge zeigen auch bei Hemichorea auf beiden Seiten deut-
liche Bewegungen, was aus der vielfachen Kreuzung derselben zu erklären
ist. Die Befürchtungen, welche sich an die Halbseitigkeit der Convul-
sionen und Contracturen (S. 153) knüpften, gelten nach meiner Erfahrung
nicht für Hemichorea, welcher ich im Allgemeinen keine ernstere Be-
deutung beilege, als der doppelseitigen.
Die Ohoreabewegungen sind, selbst in den heftigsten Fällen, fast
niemals vollkommen gleichmässig, vielmehr wechselt ihre Intensität von
Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Oft glaubt man schon an ent-
schiedene Besserung, und plötzlich nimmt die Krankheit wieder eine
') Cadet de Gassicourt, Tratte clinique des maladies de Penfance. T. II.
p. 215. Paris, 1882.
Chorea. 185
schlimme Wendung. Steigernd wirkt unter allen Umständen jede
intendirte Bewegung; der Versuch zu schreiben, kleine Gegenstände
zu fassen, die Arme über den Kopf zu heben u. s. w. bewirkt eine
erhebliche Zunahme, ja selbst das Fixiren des Blickes auf einen Gegen-
stand kann, wie ich in einem durch Theilnahme der Augenmuskeln aus-
gezeichneten Falle beobachtete, dieselbe Wirkung haben. Daher sind
solche Kinder zu allen Beschäftigungen, welche die Finger in Anspruch
nehmen, Schreiben, Nähen, Clavierspielen u. s. w. meistens ganz unfähig.
Die beim Schreibversuch herumgeschleuderte Feder beschmutzt das Pa-
pier mit Tintenflecken. In intensiven Fällen bewirkt schon jeder Ver-
such zu sprechen, sich aufzurichten, die gewaltigste Steigerung, und selbst
passive Bewegungen, der Versuch die Kinder aus der Horizontallage auf-
zurichten u. s. w. ruft die heftigsten Zuckungen hervor. Viele sind nicht
im Stande, allein zu essen, müssen gefüttert werden, weil sie den Löffel
nicht festhalten, oder nur auf einem Umwege bis an den Mund bringen
können und dabei den Inhalt verschütten. Jede mimische Erregung,
z. B. Lachen, ruft wenigstens in den höheren Graden der Krankheit so-
fort lebhaftes Grimassenspiel, oft auch Steigerung alier Bewegungen
hervor. Steigernd wirkt oft auch die Verlegenheit, das Bewusstsein be-
obachtet zu werden, während Einzelne gerade unter diesen Umständen
die Muskelunruhe mehr als sonst beherrschen. Fast immer bewirkt
aber der ruhige Schlaf eine vollständige Pause; selbst die
heftigsten Bewegungen hören dann auf, und erst beim Erwachen beginnt
die Action von neuem. Nur selten beobachtete ich eine wenn auch nur
geringo Fortdauer im Schlaf; die Kinder warfen sich unruhig hin und
her, zeigten auch wohl leichte zappelnde Bewegungen, doch können
solche Ausnahmefälle, deren Bedingungen mir nicht klar sind, der allge-
meinen Regel keinen Eintrag thun. Vor allem muss der Schlaf ruhig
und tief sein; ist er dies nicht, vielmehr gestört, so können allerdings
die Bewegungen während desselben fortdauern, und es ergiebt sich daraus
die therapeutische Indication, dem Kinde ruhige Nächte zu verschaffen,
um die Bewegungen wenigstens für eine Reihe von Stunden zu sistiren.
Anfälle von Angst, Beklemmung mit unregelmässiger Herzaction, die bei
einem 1 1 jährigen Mädchen im ersten Schlaf eintraten, ohne dass eine
Abnormität am Herzen nachweisbar war, steigerten während ihrer halb-
stündigen Dauer die Choreabewegungen, verzögerten aber nicht die Hei-
lung. Merkwürdig war immer der Mangel der Ermüdung trotz der den
ganzen Tag andauernden heftigen Bewegungen. Man denke sich diese
nur willkürlich mit solcher Ausdauer und Intensität ausgeführt, und man
wird zugeben, dass dies entweder gar nicht möglich sei oder die Kräfte
186 Krankheiten des Nervensystems.
gänzlich erschöpfen müsse. In einigen intensiven Fällen , wo es uns
gelang, Teraperaturmessungen vorzunehmen (der Thermometer ist dabei
immer in Gefahr, zerbrochen zu werden), konnten wir keine Steigerung
der Wärme trotz der andauernden heftigen Muskelbewegungen con-
statiren.
Dies sind die Hauptzüge, welche das Krankheitsbild der Chorea
zusammensetzen. Alles andere, was sonst noch beschrieben ist, halte
ich weder für charakteristisch, noch überhaupt für sicher. Dahin gehört
z. B. die Empfindlichkeit der Proc. spinosi einiger Halswirbel, besonders
der obersten, gegen Druck, ferner die Möglichkeit, durch Compression
gewisser Nervenpartien, des Plexus brachialis oder des N. cruralis, die
krampfhaften Bewegungen zu steigern. Die meisten Kinder befinden sich,
abgesehen von diesen, vollkommen wohl; ihre Functionen sind in bester
Ordnung, und wenn auch ein Thcil der Kranken bleich und schwächlich
aussieht, so ist dies doch keineswegs constant. Sensible Störungen
treten fast niemals hervor; zwei Fälle, in denen ich bei 11 und 12 jäh-
rigen Mädchen neben Hemichorea Anästhesie resp. Analgesie der
betreffenden Körperhälfte und Veränderung des psychischen Seins beob-
achtete, trugen ein so hysterisches Gepräge, dass ich sie nicht zur
gewöhnlichen Chorea, sondern zu der von Trousseau als »Chorec
hysterique« beschriebenen Form rechnen möchte, welche nur einen Theil
der Erscheinung mit der Chorea gemein hat1). Ueber Schwäche eines
oder des anderen Arms wird bisweilen geklagt, doch sah ich nie voll-
ständige Paralyse; immer konnten die von mir gewünschten Bewegungen
wenigstens bis zu einem gewissen Grade ausgeführt werden; nur selten
zeigte sich Parese, besonders eines Arms, in einem Falle so erheblich,
dass das Kind Tage lang die andere Hand zur Hülfe nehmen musste,
um die paretische Extremität zu heben. Bei einem anderen Kinde konnte
der rechte Arm Wochen lang nur mühsam bis zur Horizontale erhoben
werden, und der Druck der rechten Hand war schwach, obwohl gerade
die rechte Körperhälfte geringere Choreabewegungen zeigte, als die linke.
Solche Paresen, deren Ursache noch unbekannt und deren Prognose
günstig ist, kommen, wie gesagt, nur selten vor2), und wenn manche
l) Den ersten meiner Fälle s. Klin. Wochenschr , 1883, S. 802. Auch Oppen-
heim und Thomsen (Archiv f. Psychiatrie. XV. H. 3) sahen bei einem Knaben
nach einer heftigen Gemüthsbewegung Chorea mit vollständiger llemianästhesie auf-
treten.
-) Olli ve, Des paralysies chez les choreiques. These. 1884. — Bouchaud,
Revue mens. Janv. 1889. — Cadet, Ibid. Oct. 1889.
Chorea. 187
Mütter den Krankheitszustand als »Lähmung« bezeichnen, so geschieht
dies nur deshalb, weil ihnen besonders die durch die Choreabewegung
bedingte Unfähigkeit, Hand und Arm in normaler Weise zu gebrauchen,
imponirt. Dagegen fand ich öfter das psychische Wesen verändert;
die Kinder werden reizbar, weinerlich, heftig, schnell wechselnd in ihrer
Stimmung, aber nur selten kommt es zu einer wirklichen psychischen
Störung, welche sich vorzugsweise durch exstaüsche Delirien kennzeichnet.
Ich erinnere mich eines ausgesprochenen Falles dieser Art bei einem
10 jährigen Mädchen, welches seit vielen Wochen an Chorea mittlerer
Intensität leidend, Anfälle von Exstase darbot, in denen sie sich als
eine »Prinzessin« geberdete, von ihrer Umgebung Dienstleistungen aller
Art verlangte und darauf bezügliche Reden hielt. Mit der Chorea ver-
schwand zugleich der abnorme geistige Zustand. Bei einem 8 jährigen
Mädchen, welches im Verlauf eines acuten Gelenkrheumatismus Chorea
bekam, gesellten sich Delirien, Unbcsinnlichkeit, Schreien und Toben
hinzu, doch kommen diese Symptome bekanntlich auch ohne Chorea bis-
weilen beim Rheumatismus vor. Verlust des Gedächtnisses, Stumpfsinn,
partielle Anästhesie, von denen einzelne Autoren sprechen, habe ich selbst
nicht beobachtet.
Der Verlauf ist fast immer langwierig, auf viele Wochen, oft auf
mehrere Monate ausgedehnt. In der Regel wird die erste Entwickelung
als eine sehr allmälige, kaum merkliche bezeichnet. Unstete Bewegun-
gen der einen Hand, Verziehung der Gesichtsmuskeln eröffnen die Scene,
und nicht selten werden Schulkinder von unerfahrenen Lehrern deshalb
und wegen der vielen »Tintenklekse« gezüchtigt. Mit Blutstriemen auf
den Händen, die von Schlägen mit einem Kantel herrührten, kam ein
armes Mädchen dieser Art in meine Klinik. Allmälig steigert sich nun
die Intensität und Ausdehnung der Bewegungen, bis sie etwa nach 4 bis
5 Wochen ihre Höhe erreichen und dann langsam wieder abnehmen, so
dass einige Monate bis zur völligen Heilung verstreichen. In seltenen
Fällen dauerte die Krankheit, mochte sie nun primär oder als Recidiv
auftreten, mit abwechselnder Besserung und Verschlimmerung 9 Monate
und länger, ohne Complicationen darzubieten. Im Allgemeinen neigen
die Fälle mit langsamer Entwickelung und von mittlerer Intensität zu
einem mehr chronischen Verlauf, während ich solche, die stürmisch auf-
traten und die höchsten Grade der- Krankheit darboten, mitunter binnen
6 Wochen glücklich enden sah. Fälle von »jahrelanger« Dauer erregen
immer den Verdacht, dass es sich um etwas anderes handelt, als um
die gewöhnliche Chorea minor.
188 Krankheiten des Nervensystems.
Von zwei Fällen dieser Art betraf der eine (Dec. 1880) einen 7jährigen Knaben,
welcher schon vom Beginn des 2. Lebensjahrs an erkrankt sein sollte, während
der andere (Nov 1881), einen 8jährigen Knaben betreffend, bereits 4 Jahre dauerte
und nach einem Typhus entstanden sein sollte. Schon die Entstehung der Krankheit
in einem sehr frühen Alter war hier abweichend, dann aber besonders der Um-
stand, dass gerade die Intention der Bewegung, welche bei der gewöhnlichen Chorea
die Muskelunruhe verstärkt, in beiden Fällen die Bewegung fesselte. Dasselbe ge-
schah in den Fällen von hysterischer Chorea, deren ich S. 186 gedachte.
Ein tödtlieher Ausgang erfolgte nur sehr selten nach äusserst
stürmischem Verlauf, meistens in einem, unter den heftigsten, mit
Delirien verbundenen krampfhaften Bewegungen sich ausbildenden Coma.
Unter allen Choreakranken, welche ich beobachtete, sah ich diesen Aus-
gang doch nur in vier Fällen, von denen zwei mit Herzklappenfehlern
complicirt waren, eintreten.
Ein lOjähriges anämisches Mädchen litt seit 10 Wochen an einer immer inten-
siver sich gestaltenden Chorea. Zunahme besonders seit 4 Wochen. Stürmische an-
haltende Bewegungen, welche zum steten Aufenthalt im Bette nöthigten. Im Schlaf
völlige Pause. Seit etwa 3 Wochen Benommenheit des Sensoriums, grosse Apathie,
Unmöglichkeit aufrecht zu sitzen , wobei Kopf und Oberkörper hin- und her-
schwanken, Abnahme des Gesichts- und Gehörsinns, paralytische Dysphagie, so
dass die Ernährung mittelst der Schlundsonde nöthig war. Choreabewegungen in
den letzten Tagen nur noch massig fortdauernd. Puls äusserst klein, 50 bis 60 in
der Minute; am Herzen nichts Abnormes wahrzunehmen. Stuhlverstopfung, enorme
Abmagerung. Alle Mittel erfolglos. Tod im Collaps nach einer Woche. Section nicht
gestattet.
Das letztere war leider auch bei einem zweiten Kinde der Fall,
während in zwei Fällen Endocarditis der Klappen theils frischen, theils
alten Datums, einmal auch Pericarditis gefunden wurde. An den Central-
organen des Nervensystems ist bis jetzt nichts Charakteristisches
constatirt worden. Die in neuester Zeit beschriebenen microscopischen
Veränderungen der grossen Ganglienzellen, des Rückenmarks und der
peripheren Nerven bedürfen noch der Bestätigung ').
Fälle von Unheilbarkeit der Chorea sind mir, wohlverstanden im
Kindesalter, ausser den eben genannten tödtlichen und den S. 187 er-
wähnten, welche nicht als Beispiele der gewöhnlichen Chorea betrachtet
werden können, nicht vorgekommen. Die Verwechselung mit anderen
') Ein von Nauwerck (Ueber Chorea. Jena. 1886) beschriebener Fall, in
welchem microscopische Entzündungsherde (in Form von perivasculären Anhäu-
fungen kleiner Kundzellen) im verlängerten Mark und im weissen Marklager des
Grosshirns, ferner kleine Blutungen und partielle Degeneration der Nervenfasern im
Kückenmarke gefunden wurden, steht vereinzelt.
Chorea. 189
Zuständen, auf welche ich bald kommen werde, hat meiner Ansicht nach
zur Annahme ungeheilt gebliebener Fälle viel beigetragen. Insbesondere
glaube ich alle Fälle, die von Geburt an oder seit den ersten Lebens-
jahren bestehen sollen, oder solche, in denen die Chorea höchstens
kurze Pausen von wenigen Monaten macht, dann von neuem auftritt,
Jahrelang in wechselnder Intensität fortbesteht, sich mit Hemiparesen
oder partiellen Contracturen, auch wohl mit geistiger Schwäche ver-
bindet, hier ausschliessen zu müssen. Wohl aber zeichnet sich die Krank-
heit durch eine ungewöhnliche Neigung zu Recidiven aus, und ich rathe
Ihnen daher, in jedem Falle die Eltern darauf vorzubereiten, dass früher
oder später Rückfälle eintreten können, welche ebenso heftig und ebenso
lange dauern können, wie der erste Anfall, in der Regel aber milder
und rascher verlaufen. Das Intervall, welches zwischen dem ersten
Anfall der Chorea und dem Recidiv liegt, variirte in meinen Fällen
zwischen drei Monaten und zwei Jahren. Mehrfache Recidive kamen
wiederholt vor:
Mädchen von 9 Jahren, Chorea im Sommer 1844, Recidive im Februar und
November 1846, im November 1847 und 1848, im September 1849, endlich im De-
cember 1850; also im Ganzen 6 Recidive binnen 6 Jahren. Im Januar 1848 acuter
Gelenkrheumatismus, worauf im November beim 5. Recidiv Insufficienz der Mitral-
klappe constatirt wurde.
Mädchen von 13 Jahren, am 10. Februar 1874 vorgestellt. Vor 4 Jahren zum
ersten Mal Chorea. Nach einem Jahre heftiges Recidiv. Anfangs Februar 1 874 der
dritte Anfall.
Mädchen von 13 Jahren, am 13. Mai 1874 vorgestellt. Erster Anfall vor
3 Jahren, seitdem jährlich ein Recidiv. Dauer immer 3 bis 5 Monate.
Mädchen von 10 Jahren, am 31. Mai 1S75 vorgestellt. Vor 2 Jahren Chorea.
Erstes Recidiv vom November 1874 bis Februar 1875. Zweites Recidiv seit einigen
Tagen.
Mädchen von 10 Jahren. Seit dem vollendeten 6. Jahre nach einem heftigen
Schreck Chorea, welche etwa 3 Monate anhält, einige Monate aufhört und dann wieder
eintritt. Fat. soll daher seit 4 Jahren fast ebenso lange an Chorea gelitten haben, als
davon befreit gewesen sein.
Vorläufig sei bemerkt, dass die Beziehung der Chorea zum Rheu-
matismus, von welcher bald die Rede sein wird, für die Entstehung der
Recidive nicht immer in Betracht kommt. Nur der erste der eben
mitgetheüten Fälle könnte an einen solchen Einfluss denken lassen,
während in den vier anderen von einer rheumatischen Erkrankung nie
die Rede war. Wodurch die Neigung zu Rückfällen, die ja auch anderen
Nervenkrankheiten, zumal convulsivischen, zukommt, bedingt wird, ist
190 Krankheiten des Nervensystems.
unbekannt und wird es auch bleiben, solange wir überhaupt noch keine
klare Einsicht in das Wesen und den Sitz der Krankheit gewonnen
haben.
Diese Einsicht ist uns bis jetzt versagt, obwohl es an Hypothesen
und auch an experimentellen Deutungen nicht fehlt. Schon beim ersten
Anblick der Ohoreabewegungen wird Ihnen der Unterschied derselben
von anderen convulsivischen Krankheiten, z. B. Eclampsie oder Tetanus,
in die Augen fallen. Während letztere entweder starre Contracturen
oder ruckweise erfolgende, wie durch elektrische Entladung bewirkte
Zuckungen darbieten, beobachten Sie bei Chorea nur solche Bewegungen,
welche auch im normalen Zustande ausgeführt werden, Flexion und
Extension, Adduction und Abduction, Pronation und Supination; nur
finden alle diese Bewegungen unwillkürlich und mit grosser Hast statt.
Es sind also, wie Romberg hervorhob, immer combinirte oder coor-
dinirte Muskelactionen, welche an Intensität zunehmen, sobald die Pa-
tienten irgend eine Muskelgruppe zu einem bestimmten Zweck in Action
setzen wollen, und gerade diese Unfähigkeit, eine Reihe von Mitbe-
wegungen zu verhindern, bildet den Hauptzug in dem Bilde der
Chorea. Dass aber das »Coordinationscentrum« wirklich der Sitz der
Krankheit ist, lässt sich bis jetzt nicht beweisen, ja man ist nicht ein-
mal darüber einig, ob die Chorea vom Gehirn oder vom Rückenmarke
ausgeht. Frühere Versuche lehren allerdings, dass decapitirte Thiere
noch combinirte Bewegungen ausführen können '), und auch die Experi-
mente von Chauveau, Legros und Onimus2) lassen sich für den Sitz
der Krankheit im Rückenmarke, und zwar in den Nervenzellen der
Hinterhörner oder in den Fasern, welche diese Zellen mit den motorischen
verbinden, geltend machen; andererseits spricht die Theilnahme der Ge-
sichtsmuskeln und die Combination mit psychischen Zuständen (Delirien,
Exstase u. s. w.), die Form der Hemichorea, und der unverkennbare Ein-
fluss [isychischer Ursachen für eine Affection des Gehirns. Ich vertrete
schon seit Jahren die Ansicht, dass die Chorea, wie die Epilepsie, über-
haupt keine Krankheitseinheit, sondern nur eine Erscheinungs-
form ist, dass man daher am besten thäte, den Namen »Chorea« auf
die bestimmte, mit wenigen Ausnahmen dem Kindesalter eigenthümliche
Neurose zu beschränken, sonst aber nur von »choreaartigen Bewegungen«
zu sprechen, die unter diesen oder jenen Umständen auftreten können.
Zu diesen gehören unzweifelhaft auch Erkrankungen der Centralorgane,
') Romberg, Lohrb. d. Nervenkrankh. I. S. 509.
-) Journal de l'anatomie et de physiologie. No. 1. 1870.
Chorea. 191
und zwar besonders des Gehirns. In einigen Fällen von Tuberculose
desselben beobachtete ich in Verbindung mit Hemiplegie oder mit par-
tieller Lähmung eines Arms fast anhaltende automatische Bewegungen
desselben, welche denen der Chorea sehr ähnlich waren. In diese Cate-
gorie gehören die »postparalytische« Hemichorea in hemiplegischen und
anästhetischen Gliedern, und die mit den Choreabewegungen verwandte
»Athetose«. Als Beispiel der letzteren diene der folgende Fall.
Mädchen von 8 Jahren Vor 1 '/., Jahren Fall auf den linken Arm (?) mit
schnell vorübergehender Betäubung. Vier Wochen darauf Beginn der Krankheit, die
seitdem fast ununterbrochen fortdauert. Die Finger der linken Hand, vielwenigor die
Zehen des linken Fusses, werden abwechselnd gestreckt, gebeugt, gespreizt, die
Daumen eingeschlagen und abducirt, das Handgelenk flectirt und ulnarwärts adducirt.
Extension der Hand nur momentan möglich. Jeder Versuch, die athetotischen Bewe-
gungen zu hemmen, wirkt steigernd, und es treten dann auch Contractionen der
Armmuskeln ein, wobei der linke Oberarm nach aussen rotirt und die Schulter nach
oben gezogen wird. Auch im linken Facialis bisweilen Zuckungen. Im tiefen Schlaf
völlige Pause der Bewegungen. Motilität, Kraft und elektrische Erregbarkeit intact.
Der galvanische Strom wirkt langsam mildernd. Ungeheilt entlassen.
Oft sind auch bei Erwachsenen, viel seltener bei Kindern, Fälle von
chronischer, auf viele Jahre ausgedehnter Chorea beobachtet worden,
bei deren Section man verschiedenartige Alterationen des Gehirns oder
des Rückenmarks antraf, z. B. Sclerose im Halstheil des letzteren bei
einem an angeborener Chorea leidenden 14jährigen Mädchen [Eisen-
lohr1)]. Alle diese Fälle müssen von unserer Chorea minor abgetrennt
werden.
In der unendlich grösseren Zahl der Fälle von Kinderchorea ist
wohl eine materielle Erkrankung der Centralorgane auszuschliessen,
was schon aus dem fast immer glücklichen Ausgange der Krankheit
hervorgeht. Vorläufig bleibt nur übrig, die Chorea als „Neurose« aufzu-
fassen, die wahrscheinlich von einem Erregungszustande des Coordinations-
centrums ausgeht. Die Ursache bleibt uns freilich sehr häufig ver-
borgen. Ein paar Fälle, in denen der Vater, die Tante, an Chorea
wiederholt gelitten haben sollten, erschienen mir nicht beweiskräftig.
Ein Theil der Kinder ist sonst gesund, auch die Blutmischung anscheinend
normal. In vielen Fällen besteht aber Anämie mit Blässe der Haut
und Schleimhäute, Venengeräuschen am Halse und allgemeiner Schwäche.
Schreck oder Furcht, also psychische Eindrücke, gaben wiederholt
Anlass zur Entwickelung der Chorea:
') Centralbl. f. Nervenheilk. 1880.
192 Krankheiten des Nervensystems.
Ein 12jähriges Mädchen wurde durch das Anspringen eines Hundes so erschreckt,
dass sie ein paar Tage beinahe sprachlos war. Gleich darauf trat Chorea ein. Bei
einem 11jährigen Mädchen nach einem Schreck, den ein in die Wohnung tretender
fremder Mann ihr verursachte. Ein 12 jähriges Mädchen bekam Chorea nach dem
ersten Seebade, welches sie nur mit Widerstreben und grosser Furcht genommen
hatte. Ein lOjähriges Mädchen, welches, im Closet sitzend, durch einen die Thür
aufreissenden Knaben heftig erschreckt worden war, zeigte schon am nächsten Morgen
die ersten Choreabewegungen. Ein anderes Mädchen, an Wirbelcaries leidend, war
durch das Aufhängen in der Schwebe behufs Anlegung des Sayre'schen Gipscorsets
in hohem Grade geängstigt worden, und bekam noch an demselben Abend Chorea.
Bei einem 5jährigen Mädchen zeigten sich die ersten Bewegungen am Tage nach
dem Sedanfeste, wobei es durch den starken Kanonendonner heftig erschreckt worden
war, während ein 4j ähriges Kind wenige Tage nach dem Verlust eines Geldstückes
die ersten Zuckungen zeigte. Nach einem Schlag, einem Fall sah ich wiederholt die
Krankheit auftreten, und schreibe dem Schreck hier eine grössere Bedeutung zu,
als dem nicht erheblichen Trauma. Geistige Ueberanstrengung in der Schule
konnte ich niemals mit Sicherheit als Ursache constatiren, weit eher Furcht vor
dem Lehrer oder eine von demselben erhaltene Züchtigung.
Als eine häufige Ursache muss auch der Rheumatismus in seinen
verschiedenen Formen bezeichnet werden. Die von Bouteille, See,
Hughes, Bright u. A. veröffentlichten Beobachtungen dieser Art er-
regten bei uns Anfangs nicht die verdiente Aufmerksamkeit, und erst
allmälig lernte man ihre Richtigkeit würdigen. Schon in den Jahren 1846,
1851 und 18681) veröffentlichte ich selbst Fälle von rheumatischer Chorea,
und hatte seitdem vielfache Gelegenheit, mich von ihrer Häufigkeit
zu überzeugen2). Am häufigsten ist es der acute Gelenkrheumatis-
mus, in dessen Abnahme- oder Reconvalescenzstadium sich Chorea ent-
wickelt, und ich rathe Ihnen, bei solchen Kindern sich immer darauf
gefasst zu machen. Nur selten beobachtete ich Chorea schon im Acme-
stadium der Polyarthritis, wobei durch die anhaltenden Bewegungen der
afficirten Gelenke die heftigsten Schmerzen entstehen; die Kinder schreien
und toben und können in einen Zustand gewaltiger psj^chischer Erregung
verfallen. Zuweilen sieht man auch ein Alterniren beider Affectionen,
z. B. in einem Falle von Roger, wo 6 Anfälle von acutem Rheuma-
') Romberg und Henoch, Klinische Ergebnisse. S. 20. — Dieselben,
Klioische Wahrnehmungen und Beobachtungen. S. 60. — Henoch, Beiträge zur
Kinderheilk. N. F. S. 105.
2) P. Meyer (Klin. Wochonschr. 1890. No. 28) fand unter 121 in meiner
Poliklinik beobachteten Fällen nur 1 1 (also etwa 7 pCt ), welche sicher durch Rheu-
matismus bedingt waren, während von 75 auf meiner Abtheilung' in den letzten Jahren
vorgekommenen Fällen 18 zweifellos in diese Kategorie gehörten. Ungleich grösser
stellt sich das Verhiiltniss in der grundlegenden Arbeit von Roger (Arch. gen. 1866.
Deo. n. ff.).
Chorea. 193
tismus und 5 Anfälle von Chorea gezählt wurden. Aber auch anscheinend
leichte rheumatische Zustände können Chorea in ihrem Gefolge haben,
wandernde Schmerzen mit leichten Anschwellungen einzelner Gelenke,
welche nur ein paar Tage bestehen, kaum von Fieber begleitet sind,
oder auch nur Schmerzen im Rücken, in den Waden, in verschiedenen
Gelenken ohne jede Anschwellung und ohne Fieber. Wiederholt beob-
achtete ich, dass das Wiederauftauchen solcher Affectionen im Verlaufe
der Chorea die schon in der Abnahme begriffenen Bewegungen von neuem
steigerte. Es kommen sogar Fälle vor, in denen ein ganz beschränktes
rheumatisches Leiden, z. B. Caput obstipum, Chorea zur Folge hat. Bei
einem 14 jährigen Knaben mit He mi Chorea dextra waren auch die vor-
ausgehenden Schmerzen und Anschwellungen lediglich auf die Hand- und
Fussgelenke der rechten Körperhälfte beschränkt gewesen, was aber
keineswegs constant ist. Seltener eröffnet e Chorea die Scene und der
Rheumatismus machte sich erst später bemerkbar, z. B. in einem der bei
Gelegenheit der Recidive (S. 189) mitgetheilten Fälle, wo erst nach dem
vierten Choreaanfall acuter Gelenkrheumatismus mit Endocarditis eintrat.
Dasselbe beobachtete ich in folgenden Fällen.
Bei einem 12jährigen Mädchen, welches inmitten völliger Gesundheit von Chorea
befallen worden, traten während ihres fast 3 Monate währenden Verlaufs wieder-
holt schmerzhafte Anschwellungen der Fass- und Handgelenke und vage Glieder-
schmerzen auf.
Ein I2jähriges Mädchen, aufgenommen in die Klinik am 18. December 1872
mit Chorea, wurde Anfangs Februar geheilt entlassen. Von Rheumatismus wurde nie
eine Spur bemerkt, auch das Herz vollkommen normal gefunden. Im November 1875
wurde sie von acutem Gelenkrheumatismus befallen, worauf im December ein heftiges
Recidiv der Chorea eintrat. Bei der Untersuchung in der Poliklinik wurde nunmehr
lnsufficienz der Mitralklappe constatirt.
Bei einem 10jährigen, mit Chorea im October 1875 aufgenommenen Knaben,
der nie zuvor an Rheumatismus gelitten hatte , traten im Beginn der dritten Woche
seines Spitalaufenthalts schmerzhafte Anschwellungen beider Fussgelenke, begleitet
von Fieber (39,5) auf, zu denen sich bald auch ein systolisches Geräusch an der
Mitralis gesellte.
Ein lOjähriges Mädchen bekam Chorea zum ersten Mal um Weihnachten 1883
ohne erkennbare Ursache. Zweiter Anfall December 1889, gleich darauf acuter Ge-
lenkrheumatismus. Im Februar 1890 Recidiv des letzteren, und nach demselben wie-
derum Chorea. Aufnahme in der Klinik. Untersuchung ergiebt systolische Geräusche
an beiden Orificien der linken Herzhälfte. Hypertrophie und Dilatation, Cyanose,
Fieber bis 39,6. Schon nach wenigen Tagen Tod. Section bestätigt die Diagnose,
alte und frische verrucöse Endocarditis mitralis et aortica. Pericarditis sero-
fibrinosa.
Henocb, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 13
194 Krankheiten des Nervensystems.
Die Zahl dieser Fälle könnte ich aus meinen Journalen leicht ver-
mehren, und besonders auch solche mittheilen, welche mit Chorea be-
haftet in die Klinik eintraten, am Herzen nichts Abnormes darboten,
aber während ihres Aufenthaltes im Krankenhause von rheumatischen
Affectionen, bisweilen sogar fieberlosen, befallen wurden, in deren Gefolge
dann mit einem Mal ein systolisches Geräusch an der Mitralklappe auf-
trat. Hie und da blieben auch die rheumatischen Processe gänzlich aus,
und das Herzgeräusch kam trotzdem, scheinbar ohne Ursache, zu Stande1).
Ich habe es mir daher zur Pflicht gemacht, in jedem Falle von Chorea
das Herz wiederholt genau zu untersuchen, und fand oft genug Klappen-
fehler und ihre Folgen, welche sich noch durch kein subjectives Symptom,
nicht einmal durch Palpitationen verriethen. Aus der grossen Zahl dieser
Fälle schliesse ich nun, dass Chorea die erste und zunächst einzige
Aeusserung des Rheumatismus sein kann, dessen bekanntere Manifesta-
tionen, Gelenkaffection und Endocarditis, erst im weiteren Verlaufe sich
bemerkbar machen, dass ferner Chorea und Endocarditis gleichzeitig oder
successiv als rheumatische Affectionen auftreten können, wenn auch die
Gelenkaffection nur unbedeutend, fieberlos erscheint, oder sogar ganz
ausfällt.
Ich kann daher der Ansicht, dass in solchen Fällen die Endocarditis
und ihre Folgen die Ursache der Chorea seien, nicht beitreten, leite
vielmehr beide von einer gemeinsamen Quelle, dem Rheumatismus her,
der in unbekannter Weise auf das Gehirn, wahrscheinlich das Coordi-
nationscentrum, reizend einwirkt2). Wenn man behauptet, die Chorea sei
die Folge embolischer Vorgänge, die von den erkrankten Herzklappen
ausgehend, sich in den grossen Hirnganglien abspielen, so wird diese
Ansicht schon durch die nicht seltenen Fälle von Chorea widerlegt, die
im Gefolge von Rheumatismus auftreten, ohne dass die Untersuchung
irgend eine Abnormität am Herzen nachweisen kann. Selbst bei Kindern,
welche schon wiederholte Anfälle von acutem Gelenkrheumatismus mit
nachfolgender Chorea überstanden hatten, fand ich das Herz bisweilen
ganz normal. Soll man da immer annehmen, dass es sich um eine Endo-
carditis ohne physikalische Symptome gehandelt habe? Die Möglichkeit,
dass es sich so verhält, muss ich zwar zugeben, glaube aber, dass embo-
lische Processe im Corpus striatum und Umgegend noch andere Folgen
') An die Erzeugung dauernder Geräusche durch choreatische Zuckungen der
Papillarmuskeln glaube ich nicht. Auch „anämische" Geräusche im Herzen sind
bei Kindern problematisch (S. 16).
2) Die aetiologische Bedeutung von Baoterien (z. B. Pianese, Revue mens.
Mars 1892 p. 146) ist bisjetzt kaum mehr als Vermuthung.
Chorea. 195
haben und schwerlich so rasch in vollständige Heilung übergehen würden,
wie man es in fast allen solchen Ohoreafällen beobachtet. Dies wird
wohl jeder Arzt, der viele Kinder zu behandeln hat, zugeben. Dass Fälle
von Chorea vorkommen, in denen ein abnormes Geräusch am Herzen,
auch wohl schon Hypertrophie nachweisbar ist, aber bei der Anamnese
jede rheumatische Affecüon in Abrede gestellt wird, ist eine Thatsache,
die ich selbst oft genug beobachtet habe. Die Erklärung dafür ist nach
dem, was ich eben erörtert habe, nicht schwer, ganz abgesehen davon,
dass die Aussagen der Angehörigen, zumal in den niederen Ständen, oft
unzuverlässig sind ').
Viel seltener als nach Rheumatismus, kommt Chorea als Folgeübel
acuter Infectionskrankheiten vor. So sah ich sie bei zwei Mädchen
einige Wochen nach den Masern, bei drei Kindern zwei bis acht Wochen
nach Diphtherie, bei zwei Kindern gleich nach dem Scharlachfieber
auftreten. Ein 7 jähriges Mädchen, welches schon einmal Chorea über-
standen hatte, bekam im Blüthestadium des Scharlach ein Recidiv.
Von besonderem Interesse ist der folgende Fall:
Am 2. Februar 1876 wurde ich bei einem 3jährigen Knaben consultirt, welcher
schon in der ersten Woche des Scharlach an schmerzhaften Anschwellungen der
Fuss , Knie- und vieler Fingergelenke gelitten hatte. Wenige Tage darauf ent-
wickelte sich intensive Chorea, welche, als ich das Kind sah, bereits anderthalb
Wochen dauerte. Die Untersuchung ergab ein lautes systolisches Geräusch an der
Herzspitze, sehr stürmische Herzaction, lebhaftes, Abends exacerbirendes Fieber.
Am Ende der 3. Woche hämorrhagische Nephritis mit tödtlichem Ausgange durch
Lungenödem. Früher hatte der Knabe nie an Chorea gelitten, auch ein ganz nor-
males Herz gehabt.
Dieser Fall könnte denen zur Stütze dienen, welche die Endocarditis
an und für sich als Ursache der Chorea ansehen, und mir selbst erregte er
Bedenken, weil es sich hier gar nicht um Polyarthritis rheumatica, son-
dern um Synovitis scarlatinosa handelte. Ob hier der Scharlachprocess
an und für sich, oder in der That embolische Vorgänge die Chorea
verschuldeten, muss bei dem Mangel der Section dahin gestellt bleiben2).
Man würde dann die »choreatischen Bewegungen« (s. S. 190) als den
Ausdruck centraler Processe, nicht als eigentliche Chorea minor zu be-
trachten haben.
') Vergl. Fiedler, Jahresber. der Gesellsch. f. Natur- und Heilk. in Dresden.
1891.
2) Vergl. Litten, Beiträge zur Aetiologie der Chorea. Charit6 - Annalen.
Jahrg. XI. S. 14.
13*
196 Krankheiten des Nervensystems.
Eine durch Reflexreiz hervorgerufene Chorea, welche man der
Chorea gravidarum an die Seite stellen könnte, ist mir im kindliehen
Alter noch nicht vorgekommen. Wurm oder Genitalreiz1) werden häufiger
angenommen, als thatsächlich begründet; mir wenigstens ist es noch nie-
mals gelungen, durch Anthelminthica, auch wenn sie Würmer abtrieben,
oder durch Operation einer Phimose Chorea zu heilen.
Wie wirken nun intercurrente Krankheiten auf die Chorea
ein? Diese Frage ist in verschiedener Weise beantwortet worden, und
die folgenden Fälle beweisen, dass sich in der That nichts sicheres dar-
über sagen lässt.
Knabe von 9 Jahren, am 27. Jan. aufgenommen mit Chorea, deren Dauer un-
bekannt ist. Herz normal, aber Puls unregelmässig und aussetzend. Am 6. Fe-
bruar durch eine Indigestion starltes Fieber bis zu 41,0 mit Colik. Brechmittel.
Am folgenden Tage 37,8, aber Chorea sehr intensiv. In den nächsten Tagen Ent-
wickelung einer acuten linksseitigen Pleuritis; schon am 10. Februar bedeutender
Nachlass der Choreabewegungen; Puls immer langsam und nnregelmässig. Den
2. März Chorea beinahe ganz verschwunden. — Vom 17. Mai an Recidiv. Puls
immer 68, etwas unregelmässig. Pleuritisches Exsudat fast resorbirt. Heilung nach
vierzehn Tagen.
Knabe von 13 Jahren (10. Februar). Seit 8 Tagen Chorea dextra ohne Ur-
sache. Kein Rheumatismus, Herz normal, überhaupt völlig gesund. Trotz der An-
wendung der bewährtesten Mittel Fortdauer bis Ende Mai. wo eine Abnahme bemerk-
bar wird. Am 1. Juni durch einen Fall Lux ati o h um er i im Ellenbogengelenk. Un-
mittelbar nach der sehr schmerzhaften Einrenkung ist die Chorea völlig und für
immer verschwunden. — Im folgenden Herbst acuter Rheumatismus mit Endocarditis,
aber ohne Recidiv der Chorea.
Knabe von 7 Jahren, in der Klinik an Chorea behandelt. Systolisches Geräusch
an der Mitralklappe. Eine Angina tonsillaris, mit 40,0 Temp. verlaufend, bleibt
ohne jeden Einfluss.
Mädchen von 10 Jahren, in der Klinik an Chorea behandelt, ausserdem tuber-
culös. Weder eine intercurrente Angina diphtheritica (39,4 bis 40° Temp.),
noch die darauffolgenden Masern beeinflussen in irgend einer Weise den Verlauf der
Chorea. Dasselbe beobachtete ich bei 5 Kindern, welches während der Chorea von
Scharlach befallen wurden; die Chorea blieb dabei entweder unverändert, oder
steigerte sich noch, besonders während der hochfebrilen Nächte.
Fieberhafte Krankheiten kürzen also keineswegs, wie Einige be-
haupten, den Verlauf der Krankheit constant ab. Auffallend bleibt das
schnelle Verschwinden in Folge der Luxation, doch muss hier bedacht
') Leonard (Arch. of pediatr. 1890. No. 76): Eiterretention hinter dem Prä-
putium der Clitoris. Heilung durch Incision).
Chorea. 197
werden, dass die Chorea nach einer 4 monatlichen Dauer überhaupt schon
in der Abnahme war und wahrscheinlich auch spontan um diese Zeit
erloschen sein würde. Diese Naturheilung der Krankheit nach einer
im Durchschnitt etwa dreimonatlichen Dauer trübt auch die Beurtheilung
der angewendeten Therapie, und fordert zur strengsten Kritik der
empfohlenen zahlreichen Mittel auf. Zu einer gewissen Zeit scheinen diese
alle zu helfen, weil die Krankheit eben spontan zu Ende geht, und Sie
werden es deshalb gerechtfertigt finden, wenn ich hier auf Mittel, denen
ich absolut keinen Werth beilegen kann, nicht näher eingehe. Leider muss
ich die Frage, ob es ein den Verlauf der Chorea sicher abkürzendes
Mittel giebt, entschieden verneinen. Allerdings steht für mich der Ar-
senik, den ich nach Romberg's Empfehlung seit dem Beginn meiner
Praxis anwende, noch immer in erster Reihe, aber auch dies Mittel
zeigt keine constanten Wirkungen; öfters sah ich trotz seines beharr-
lichen Gebrauchs die Krankheit Monate lang fortbestehen, während in
der Majorität der Fälle eine mildernde Wirkung bald bemerkbar wurde,
und viele mit diesem Mittel behandelte Fälle auch in verhältnissmässig
kurzer Zeit (5 bis 6 Wochen) günstig verliefen. Arsenik passt nach
meinen Erfahrungen für alle Fälle von Chorea, also auch für die rheu-
matische, wenn nicht eine Contraindication durch Magen- oder Darm-
leiden vorliegt. Gerade bei Anämischen schien er mir besonders em-
pfehlenswerth. Ich lasse die Solut. arsen. Fowleri zu 2 bis 3 Tropfen
(F. 11) 3 mal täglich etwa eine Stunde nach dem Frühstück, Mittag-
und Abendbrod nehmen, und sah bei dieser Anwendungsweise nur ganz
ausnahmsweise Uebelkeit oder Diarrhoe entstehen, welche Aussetzen des
Mittels geboten. Die meisten Kinder vertrugen Arsenik viele Wochen
lang vortrefflich, und ich halte daher alle ausgesprochenen Befürchtungen
und Mahnungen für Märchen, die von Unerfahrenen ersonnen sind. Auch
habe ich bis jetzt weder Zoster nach Arsenikgebrauch noch bräunliche
Pigmentirung der Haut') beobachtet. Ueber die hypodermatische An-
wendung des Arseniks fehlt mir die Erfahrung2), doch würde ich in
>) Bokai, Jahr. f. Kinderheilk. XXI. S. 411. — Guaita, Ibidem. XXIII.
S. 216. — Marshall, Lancet. 14. Juni 1890. — 0. Wyss (Correspondenzbl. für
Schweizer Aerzte. XX. 1890) fand in 2 Fällen bräunliches Pigment in den Papillen
und den Lymphbahnen der Cutis.
2) Garin, Archiv f. Kinderheilk. I. S. 335. Injection von 4 — 5 Tropfen Sol.
Fowl. jeden 3. oder 4. Tag, oder selbst täglich. Frische Fälle sollen nach etwa
18 Injectionen geheilt worden sein. — Frühwald, Jahrb. f. Kinderheilk. XXIV.
S. 42 empfiehlt Sol. Fowl., Aq. dest. ana, täglich 1 Theilstrich zu injiciren und täg-
lich um 1 Theilstrich zu steigen bis zu 8— 10'fheilstrichen, dann wieder in derselben
Weise herabzugehen.
198 Krankheiten des Nervensystems.
Fällen, wo der Magen das Mittel nicht verträgt, von derselben Gebrauch
machen. Ein Zusatz von Opium (etwa 1,0 Tinct. theb. auf die oben
empfohlene Mischung) schien mir in einigen sehr heftigen Fällen die
Wirkung zu steigern. Wo die Fowler'sche Solution versagte, sah ich
öfters vom Gebrauch des Acid. arsenicosum (0,0005 bis 0,002 pro
die in Pillenform, F. 1 1 a.) unerwartet schnelle Wirkung.
Sollten wegen Schlaflosigkeit auch bei Nacht anhaltende heftige
Bewegungen stattfinden, so empfehle ich Abends 0,5 bis 1,5 Chloral-
hydrat zu reichen. Mehreren an heftiger Chorea leidenden Kindern
gaben wir diese Dosis sogar ein paar Mal täglich, worauf bald Schlaf
und Abnahme der gewaltigen Bewegungen erfolgte, zuweilen aber als
Chloralwirkung ein dem Scharlach ähnliches fieberhaftes Erythem oder
auch ein fieberloses Erythema gyratum über einen grossen Theil des
Körpers ausbrach. Das Chloral passt indess immer nur für diese Ver-
hältnisse zur Einleitung der Cur, und muss, nachdem grössere Ruhe und
Schlaf erzielt ist, dem Arsenik Platz machen.
Von den vielen sonst noch empfohlenen Mitteln haben Sie meiner
Erfahrung nach keine günstige Wirkung zu erwarten, auch nicht von
grossen Dosen des Bromkali oder vom Strychnin, welches ich nach
Trousseau's Vorgang sowohl innerlich, wie hypodermatisch (0,002 bis
0,003 täglich) versuchte. War auch die Wirkung des letzteren in einem
Fall überraschend, so überzeugte ich mich doch bald, dass dies nur
scheinbar und zufällig war. Ebensowenig kann ich Zerstäubungen
von Aether längs der Wirbelsäule, Schwefelbäder (Kali sulphurat.
50,0 bis 100,0 auf ein Bad), oder den constanten Strom, von denen
Andere Rühmens machen, als besonders wirksam empfehlen1).
Geistige Anstrengungen sind während der Dauer der Chorea mög-
lichst zu vermeiden; der Schulbesuch muss deshalb und aus Rücksicht
auf die Mitschüler eingestellt werden, da diese nur zu sehr geneigt sind,
') Einige neuere Mittel, salicylsaures Natron, Hyoscyamin, fand ich mich nicht
veranlasst, anzuwenden, weil die Erfahrungen über dieselben zu widersprechend
lauten. Ein Versuch mit dem Eserin (Physostigmin), den wir bei einem 12jährigen
Mädchen machten, hatte trotz der kleinen Dosis (ein halbes Milligr. subcutan)
schon nach 15 Minuten die beunruhigendsten Vergiftungssymptome (Collaps, Er-
brechen, profuse Schweisse, unfühlbaren Puls) zur Folge, die auf Reizmittel nur
langsam wichen. Aehnliches, nur in etwas geringerem Grade, ereignete sich in einem
zweiten Veisuch bei einem jüngeren Knaben.— Antipyrin wird von Leg roux und
Dupre (Revue mens. Mars, 1888 u. 1891, sowie von Moncorvo (Do l'antipyrine etc.
Paris. 1888) sehr gerühmt, und zwar in Dosen bis zu 8,0 pro die. In mehreren hef-
tigen Fällen bin ich auch bis zu 6,0 pro die gestiegen, zwar ohne Schaden, aber auch
ohne jede Wirkung auf die Chorea.
Chorea. 199
an den Choreakranken ihren Spott zu üben. Uebertragung der Krank-
heit auf andere Kinder habe ich nie beobachten können, während die
Möglichkeit derselben durch Nachahmungstrieb, zumal in Schulen und
Instituten, von Anderen behauptet wird. In heftigen Fällen haben Sie
die Kinder im Bette zu halten und dasselbe mit Kissen auszupolstern,
um Contusionen zu verhüten. Die Schnelligkeit der Erfolge in der
Klinik im Vergleich mit der Privatpraxis beruhte vielleicht auf dem
längeren ununterbrochenen Aufenthalt im Bette. Nahrhafte Diät, reine
Luft, kalte Abreibungen in den Morgenstunden, insofern sie den
Kindern nicht zuwider sind, sonst lieber laue Bäder, passende Gym-
nastik, zur Nachcur endlich die Eisenpräparate (F. 12) sind zu
empfehlen. —
Eine Krankheitsform, welche öfters mit Chorea verwechselt und als
solche bezeichnet wird, aber, abgesehen von dem weit selteneren Vor-
kommen, sich durch ihre Erscheinungen von dieser wesentlich unter-
scheidet, ist die bereits in einer früheren Arbeit unter dem Namen »Chorea
electrica«1) von mir beschriebene Affection. Hier bemerken Sie nie-
mals die hastigen, coordinirten, durch intendirte Muskelaction gesteigerten
Bewegungen, welche das Wesen der Chorea begründen; vielmehr treten
nur von Zeit zu Zeit blitzartige Zuckungen, besonders in den Muskeln
des Nackens und der Schultern (Sternocleidomastoidei, Levatores anguli
scapulae, Pectorales, Cucullaris), aber auch in anderen Theilen auf,
welche mit den durch einen massigen Inductionsstrom erregten die grösste
Aehnlichkeit haben, in der Regel auch nur schwach und so schnell vor-
übergehend sind, dass bisweilen eine aufmerksame Beobachtung dazu
gehört, um sie überhaupt zu sehen. Zu den in der eben erwähnten
Arbeit mitgetheilten Fällen sind seitdem noch viele hinzugekommen, welche
mit jenen durchaus übereinstimmen. Im Ganzen verfüge ich über mindestens
30 solcher Fälle, die sowohl bei Knaben wie bei Mädchen, sämmtlich
im Alter zwischen 9 und 15 Jahren, vorkamen. Bei entblösstem Körper
kann man das rasche Zucken der einzelnen Muskeln besonders deutlich
sehen und fühlen, und die herausgestreckte Zunge zeigt bisweilen ähnliche
wurmförmige Bewegungen wie in der gewöhnlichen Chorea. Jede Zuckung
dauert nur einen Augenblick, die Intervalle aber sind sehr verschieden;
mitunter vergehen nur einige Secunden bis zum Eintritt der nächsten, in
') Beiträge zur Kinderheilk. N. F. S. 113. — Hennig, Lehrb. d. Krankli. d.
Kindes. 3. Aufl. 1864. S. 343. — Trousseau (Clinique etc. II.) scheint mit
seinem „Tic non douloureux" analoge Fälle bezeichnet zu haben.
200 Krankheiten der Nervensystems.
anderen Fällen mehrere Minuten, besonders wenn die Aufmerksamkeit
der Patienten anderweitig in Anspruch genommen wird. Dabei ist die
Sprache ungestört, ebenso Schreiben, Nähen u. s. w. ungehindert, wenn
diese Actionen nicht gerade durch eine Zuckung des Arms unterbrochen
werden. Die eine Hälfte des Körpers ist mitunter stärker befallen als
die andere; bei einem 15jährigen Mädchen beschränkten sich die Zuck-
ungen nur auf die rechte Körper- und Gesichtshälfte, und wiederholten
sich hier so häufig, dass sie das Schreiben und Arbeiten mit der rechten
Hand beeinträchtigten. Dabei blieb die Motilität vollkommen normal,
und auch andere krankhafte Erscheinungen fehlten, abgesehen von einer
zuweilen beobachteten Unregelmässigkeit der Herzaction. Nur in einem
Falle dauerten die Zuckungen, obwohl schwächer und seltener, auch
während des Schlafes fort, in allen übrigen trat völlige Pause, wie bei
Chorea, ein. Bei einem 11jährigen Knaben verbanden sich die Zuckun-
gen des Kopfes, wobei das Gesicht nach oben und links geworfen wurde,
zuweilen mit Nictitatio beider Augen und Zucken des linken Ohrs, wobei
sich herausstellte, dass dieser Knabe schon vor einem Jahr ein paar
Wochen an doppelseitigem Krampf der Augenschliessmuskeln gelitten
hatte. Mitunter wurde auch der Musculus frontooccipitalis von blitzartigen
Zuckungen befallen. Bei einem 10 jährigen Knaben, dessen ganzer Körper
durch blitzartige Zuckungen erschüttert wurde, während der Kopf fast
verschont blieb, erfolgte zugleich mit jedem convulsivischen Ruck eine
krampfhafte, von schlürfendem Geräusch begleitete Inspiration, welche
auf Theiinahme des Zwerchfells, vielleicht auch der Glottis, hindeutete,
während ein 12 jähriges Mädchen während der Zuckungen sehr. häufig
einen oder ein paar unarticulirte Töne ausstiess (Stimmkrampf). Die
psychische Energie war nie beeinträchtigt, eben so wenig die Sprache,
welche höchstens im Moment der Erschütterung unterbrochen wurde.
Die Anamnese ergab, dass in einem Fall epileptische Krämpfe bis
vor zwei Jahren stattgefunden hatten, nach deren Verschwinden die er-
wähnten Zuckungen eintraten. In zwei anderen Fällen waren reissende
Gliederschmerzen und acuter Gelenkrheumatismus, bei einem 14 jährigen
Mädchen heftige Schreikrämpfe vorausgegangen. Ein 1 1 jähriges Mädchen
sollte die Affection nach einem Fall auf den Kopf, während sie auf
Stelzen ging, bekommen haben. Schreck, z. B. durch gewaltsames Zu-
schlagen einer Thür, durch den Anblick eines Erhängten, wurde drei Mal
als Ursache angegeben. Oft aber konnte ich gar keine anamnestischen
Momente von Bedeutung auffinden und war dann zuerst versucht, das
Ganze als Folge einer schlechten Angewöhnung zu betrachten. Ich
Chorea. 20 1
glaube daher, dass auch diese Zuckungen, wie Chorea und Epilepsie, nur
die Form darstellen, in welcher sich verschiedenartige directe oder re-
flectorische Reizzustände der Nervencentra äussern können. So kann es
kommen, dass in einzelnen Fällen überraschende Combinationen krampf-
hafter Erscheinungen, am häufigsten mit Blepharospasmus (anhaltenden
Blinzelbewegungen) auftreten.
Am 6. März 1879 erschien in meiner Poliklinik ein lOjähriger Knabe, welcher
seit dem Ende seines 3. Lebensjahres, also 7 Jahre lang, an folgenden Erscheinungen
litt. Die linke Körperhälfte, besonders der Arm, bot fast anhaltende choreaartige
Bewegungen dar, aber neben denselben zuckte der Arm auch von Zeit zu Zeit
ruckweise zusammen, ganz wie im epileptiformen Anfall. Früher war auch die
linke Gosichtshälfte befallen gewesen, was jetzt nicht mehr der Fall war. Auch die
untere Extremität war ruhiger geworden. Im Schlaf vollständige Pause. Mit den
Fingern der linken Hand kann er nichts greifen i wohl aber alles festhalten. Intelli-
genz und sonstiger Gesundheitszustand durchaus normal. Elektricität soll früher
günstig gewirkt haben. Aus der Cur weggeblieben.
Wir finden hier eine Combination wirklicher Choreabewegungen mit
klonischen Zuckungen, deren Pathogenese völlig dunkel ist.1) An dem
Namen »Chorea electrica« hänge ich übrigens durchaus nicht, da er nur
die Erscheinungsweise bezeichnen sollte. Ich habe also nichts dagegen,
wenn man, wie Einige vorschlugen, die Bezeichnung »Paramyoclonus«
wählen öder die Affection in die Gruppe der »Maladie des tics« ein-
reihen will, zu welcher der letzt erwähnte mit dem Ausstossen unarti-
culirter Töne verbundene Fall den Uebergang bildet. Für die Deutung
des Wesens der Krankheit wird damit leider nichts gewonnen. Die
Therapie lässt viel zu wünschen übrig. Nur einmal sah ich vom
Bromkali entschiedene Wirkung, auch bei einem Recidiv, welches in
Folge einer fieberhaften Gastrose sich einstellte. In allen übrigen Fällen
hatte ich weder von diesem, noch von irgend einem anderen Mittel Er-
folg zu verzeichnen. Arsenik, Atropin, Strychnininjectionen, Extr.
Calabar — alles blieb wirkungslos. Am meisten würde ich noch zur
beharrlichen Anwendung des galvanischen Stroms rathen, da
dieser in einzelnen Fällen unzweifelhaft günstig wirkte, viermal sogar
Heilung herbeiführte, deren Bestand ich freilich nicht garantiren
kann.2) —
Schliesslich sei noch erwähnt, dass bei manchen Kindern, zumal bei
1) Leroux (Revue mens. etc. Aoüt 1891) will drei Fälle als Ausläufer der
gewöhnlichen Chorea beobachtet haben, die sämmtlich geheilt wurden.
-) Auch Cadet de Gassicourt (1. c. p. 256) rühmt die Wirkung der Elek-
tricität. und zwar des inducirten Stroms, während Bergeron von dem Gebrauche
202 Krankheiten des Nervensystems.
Knaben zwischen 7 und 12 Jahren, mehr oder minder starke zuckende
Bewegungen der Gesichtsmuskeln, besonders Zusammenkneifen der Augen-
lider beobachtet werden, zu denen sich auch unstäte Bewegungen der
Finger und Hände gesellen können. Der Verdacht von Chorea drängt
sich hier den Eltern und dem Arzte auf, doch habe ich den Uebergang
in diese Krankheit noch nie beobachtet, wenn auch die verdächtigen
Grimassen u. s. w. viele Monate in wechselnder Intensität bestanden.
Meistens sind die betreffenden Kinder stark »nervös« veranlagt, mehr
oder weniger anämisch. Das Ganze sieht mehr wie eine Angewohnheit
aus, der man mit einiger Strenge und Selbstbeherrschung schliesslich
Herr wird. Ueber den Zusammenhang dieses Zustandes mit Affectionen
der Nasenhöhle und über den günstigen Einfluss der Localbehandlung
(Jacobi1) fehlt mir eigene Erfahrung.
VI. Die hysterischen Affectionen der Kinder.
Aus der Pathologie der Erwachsenen ist Ihnen bekannt, dass die
nervösen Erscheinungen, welche wir unter dem Namen »Hysterie« zu-
sammen zu fassen pflegen, diese Bezeichnung, die ihre Abhängigkeit vom
Genitalsysteme des Weibes in sich schliesst, sehr oft nicht verdienen.
Sie wissen, dass bei vielen Frauen dieser Art die sorgfältigste Unter-
suchung der Geschlechtsorgane keine Abnormität erkennen lässt, dass
sogar ganz ähnliche Symptome, wenn auch viel seltener, beim männlichen
Geschlecht beobachtet werden. Sie werden nun sehen, dass auch das
kindliche Alter keineswegs von ihnen verschont bleibt2). Ich weiss
in der That nicht, mit welchem passenderen Namen ich die zum Theil
wunderbaren Erscheinungen, um die es sich hier handelt, bezeichnen
soll, und zu meiner Entschuldigung kann ich mich darauf berufen, dass
des Tartar. stibiat. (0,05 auf einmal gegeben), d. h. also von einem Brechmittel,
gute Wirkung gesehen haben will. — Berland, These. Paris, 1880. — Tordeus,
Journal med. de Bruxelles. 1880. — Remak (Berl. klin. Wochenschr. 1881. No.
21—23) heilte einen von mir beobachteten Fall durch eine 9 Monate lang fortgesetzte
galvanische Behandlung; einen zweiten, der schon ein paar Jahre bestand, M. Meier
nach 33 galvanischen Sitzungen.
') Pädiatr. Arbeiten. Festschr. Berlin 1890.
2) Vergl. Smidt, Ueber das Vorkommen von Hysterie bei Kindern. Jahrb. f.
Kinderheilk. XV. 1880. 1. — Peugniez, De Physterie caez les enfants. These.
Paris, 1885, eine aus der Charcot'schen Schule hervorgegangene, an Gasuistik sehr
reiche Arbeit. — Riesenfeld, Ueber Hysterie bei Kindern. Dissert. Kiel, 1887.—
Duvoisin, Jahrb. f. Kinderheilk. XXIX. 287. — Jolly, Berliner klin. Wochen-
schrift. 1892. No. 34.
Hysterie. 203
wir auch über das Wesen der Hysterie Erwachsener so gut wie nichts
wissen, und dass man sich begnügen muss, einen Complex der verschie-
densten nervösen Symptome, motorischer, sensibler, psychischer, ja selbst
trophischer, die sich in stets wechselnden Verschlingungen combiniren
und mit einander alterniren können, als den Ausdruck derselben zu be-
trachten. Der Ausgangspunkt und der innere Zusammenhang der Er-
scheinungen bleibt uns dabei unbekannt, und die beliebte Annahme einer
erhöhten Reflexerregbarkeit, einer »nervösen« Disposition, einer »Neura-
sthenie«, ist nicht geeignet, die Lücke zu verdecken.
Ganz dasselbe finden wir nun auch bei Kindern, bei Knaben so
gut wie bei Mädchen, wenn auch die letzteren im Allgemeinen häufiger
befallen werden. Ich weiss recht gut, dass die folgende Schilderung
aus dem Grunde angefochten werden kann, weil sie eine Reihe krank-
hafter Zustände, welche gewöhnlich als von einander verschiedene Affec-
tionen abgehandelt werden, in einem Rahmen zusammenfasst, wie Chorea
magna, Catalepsie, Stimmkrämpfe und manches Andere. Ich gebe auch zu,
dass ich dabei im Unrecht sein kann, aber zu meiner Rechtfertigung
lässt sich, wie ich glaube, der Umstand geltend machen, dass in der
Praxis Uebergänge der einen Form in die andere und Combinationen
derselben nicht selten vorkommen, so dass man leicht in Verlegenheit
geräth, mit welchem Namen man den vorliegenden Fall bezeichnen soll.
Der praktische Arzt, welcher selbst viel gesehen hat, wird diese Auf-
fassung verstehen und würdigen, und darauf gebe ich mehr, als auf den
Widerspruch des Theoretikers. Bei der grossen Mannigfaltigkeit und
dem vielfachen Wechsel der Erscheinungen in einem und demselben Falle,
halte ich es für unmöglich, ein allgemeines umfassendes Bild der »hyste-
rischen« Zustände im Kindesalter zu entwerfen. Ich will daher versuchen,
Ihnen in kurzen Zügen gewisse Categorien vorzuführen, und dadurch die
Verschiedenheit der Formen zu veranschaulichen.
Die erste Reihe umfasst die Fälle, in denen psychische Sym-
ptome1) prävaliren, vollständige oder unvollständige Pausen des Be-
wusstseins, Anfälle von Schlafsucht, die ganz plötzlich hereinbrechen und
stundenlang dauern können, Hallucinationen, Delirien, Pavor nocturnus
oder diurnus. Auch die unter dem Namen »Catalepsie« beschriebenen
') Von den eigentlichen Psychosen der Kinder ist hier nicht die Rede. Eigene
Erfahrungen über dieselben stehen mir nicht in ausreichender Menge zu Gebote. Die
von mir beobachteten Fälle (meist Zustände der Exaltation, seltener der Depression)
waren fast alle Nachkrankheiten acuter, besonders infectiöser Krankheiten, des
Typhus, der Masern, des Scharlach, und nahmen nach kürzerer oder längerer Dauer,
mit einer einzigen Ausnahme, einen günstigen Verlauf,
204 Krankheiten des Nervensystems.
Erscheinungen gehören in diese Categorie. Das Bewusstsein ist plötzlich
verloren oder wenigstens erheblich abgeschwächt, die Kinder bleiben mit
stierem Blick oder mit nach oben gerollten Augäpfeln sitzen oder stehen,
sinken auch zuweilen um, wenn man sie nicht stützt; seltener waren sie
im Stande, in halbbewusstem Zustande, wie im Traum, noch herumzu-
gehen, wobei sie bisweilen unverständliche Worte vor sich hin murmelten.
Eine kleine Patientin dieser Art ging, auf der Strasse befallen, direct in
ein Kellerfenster hinein. In anderen Fällen sind die Augen geschlossen,
der Gesichtsausdruck unverändert, die Farbe bleich, aber die normale
Beschaffenheit des Pulses und Herzschlags, die unveränderte Temperatur
unterscheiden den Zustand von der Ohnmacht. Nach wenigen Secunden,
höchstens einigen Minuten, ist alles vorüber, das Wohlbefinden wieder-
hergestellt. Manche wissen gar nichts davon, dass sie einen solchen
Anfall gehabt haben, andere erinnern sich noch des Beginns desselben
oder hatten ihr Bewusstsein nur zum Theil verloren, ohne indess sprechen
zu können, so dass sie wie im Halbschlummer alles, was in ihrer Um-
gebung geschah, sahen und hörten. Nach dem Anfall fahren sie meistens
in der unterbrochenen Beschäftigung fort, als ob nichts vorgefallen sei.
Nur ausnahmsweise fand ich im Anfall jene Steigerung des Muskel-
tonus, welche als »wachsartige Biegsamkeit der Glieder« bekannt ist,
wobei letztere in jeder ihnen gegebenen Stellung verharren. Die Anfälle
treten fast immer sehr unregelmässig auf, mitunter 5 bis 6 mal und noch
mehr an einem Tage, zu anderen Zeiten nur alle paar Tage oder Wochen,
ohne dass sich bestimmte Ursachen nachweisen lassen. Das Peinliche
für den Arzt liegt hier vorzugsweise darin, dass er nie ganz sicher vor
der Ausartung dieser Zufälle in epileptische sein kann, obwohl dies
in der Regel nicht geschieht. Wenn man auch in der Klinik und
Poliklinik nicht immer im Stande ist, den schliesslichen Ausgang zu be-
urtheilen, und deshalb auch mir viele derartige Fälle entgangen sind, so
hatte ich doch in der Privatpraxis öfter Gelegenheit, mich von dem end-
lichen günstigen Ausgange zu überzeugen, worüber freilich viele Monate
mit wechselnder Besserung und Verschlimmerung hingingen. Ich pflege
daher immer eine gute Prognose zu stellen, wenn nicht etwa hereditäre
Anlage zur Epilepsie besteht, oder wirkliche epileptische Anfälle bereits
stattgefunden haben.
Dies war z. B. bei einem 10jährigen Mädchen der Fall, welches vor 6 Jahren
mehrere epileptische Paroxysmen überstanden hatte. Erst vor 3 Monaten war wiederum
ein solcher eingetreten, und seitdem erfolgten alle 2 bis 3 Wochen Anfälle, welche
sich durch Kribbeln in den Händen und Füssen ankündigten und nur in einer psy-
chischen Alteration, Umhergehen in einem bewusstlosen Zustande, Delirien und Hallu-
Hysterie. 205
cinationen bestanden. Obwohl hier durchaus keine Convnlsionen bemerkbar waren,
ist doch die epileptische Natur dieses Zustandes, der jeden Augenblick wirklichen
Paroxysmen Platz inachen kann, sehr wahrscheinlich ').
Selbst das Hinzutreten convulsivischer Erscheinungen darf nicht
gleich beunruhigen. In einigen Fällen, wo am Tage wiederholt die eben
beschriebenen Anfälle, Pausen des Bewusstseins mit unverständlichem
Sprechen, starrem, in's Leere gerichteten Blick eintraten, wurden in der
Nacht Delirien mit leichten Zuckungen verschiedener Körpertheile beob-
achtet, wobei manche Kinder aufrecht im Bette sassen, ohne das Bewusst-
sein ihres Zustandes zu haben. Dass aber auch bei Tage eine solche
Complication vorkommt, lehren einige der folgenden Fälle:
Mädchen von 12 Jahren, aufgenommen am 1. November 1881, abgesehen
von einer im 6. Jahre überstandenen Pneumonie immer gesund. Seit dem August
Anfälle von Palpitationen und Stiche in der Herzgegend. Fast unmittelbar nach
einem heftigen Schreck durch einen Knaben, der sie schlagen wollte, machten diese
Symptome tobsüchtigen Anfällen Platz: Schreien und Toben mit geballten Fäusten,
Stampfen mit den Füssen, wildes Umherschauen. Jeder Schreck, selbst die Stimme
des Knaben und seiner Angehörigen, rief die Anfälle hervor. Intervalle ganz frei.
Etwa 14 Tage vor der Aufnahme in die Klinik verschwanden diese Anfälle plötzlich,
und es trat nun eine dritte Phase der Krankheit ein, charakterisirt durch Anfälle von
äusserster Apathie und eine Art von Traumleben: Umhergehen ohne Bewusst-
sein, wobei sie nichts sah und hörte, Starren in die Ferne, kraftloses Umsinken, von
Zeit zu Zeit heftige Lach- und Weinkrämpfe, Nictitation der Augenlider,
Zittern des rechten Arms. Anfälle mehrmals täglich, Intervalle frei. Schlaf und
Allgemeinbefinden ungestört. Ruhe im Bett (ein paar Wochen lang), täglich laue
Bäder von halbstündiger Dauer. Abnahme und schliessliche Heilung, welche im März
1882 noch fortbestand. Menses noch nicht eingetreten.
Ein 9j ähriger Knabe aus vollkommen gesunder Familie wurde im August
18C5 während des Gebrauchs von Soolbädern plötzlich von Schwindel befallen. Ende
Januar 1866 erfolgte der erste der gleich zu beschreibenden Anfälle, welche sich im
April und August wiederholton. Plötzlich, ohne Ursachen und ohne Vorboten, klagte
Pat. über Schwindel, welcher mitunter so heftig war, dass er niederfiel; der Blick
wurde stier, der Kopf heiss, es traten Delirien ein, weiche durch stets gleichartige
Hallucinationon herbeigeführt zu werden schienen. Von allen Seiten her sah er
grosse „Schränke" und bewaffnete Männer auf sich eindringen, und zeigte dabei in
den Händen leichte Zuckungen. Ein solcher Anfall dauerte zwei bis drei Tage,
freilich nicht permanent, sondern unterbrochen von Intervallen eines ruhigeren Zu-
standes, in welchen aber das Bewusstsein nie vollkommen klar war. Das Aufhören
des Anfalls erfolgte plötzlich, und der Knabe gab dann sofort an, dass nun alles
vorüber sei. Mit Ausnahmo von Kopfschmerzen befand er sich in den freien Zeiten
vollkommen wohl, alle Organe functionirten auf normale Weise. Ich Hess ein paar
1) Vergl. einon ähnlichen zweifelhaften Fall, den ich in den „Charite-Annalen",
IX., S. 616 mitgetheilt habe.
206 Krankheiten des Nervensystems.
Monate lang Bromkali nehmen. In der Nacht vom 23. zum 24. December, also nach
einer Pause von 4 Monaten, trat wiederum ein Anfall ein, welcher die am 26. aus-
brechenden Masern einleitete. Seitdem ist kein Anfall wieder beobachtet worden, auch
die Kopfschmerzen sind längst verschwunden, und aus dem Knaben ist jetzt ein ge-
sunder Offizier geworden.
13jähriger Knabe, Keconvalescent von Perityphlitis. October 1883 auf-
genommen. Vor 3 Wochen wiederholte allgemeine Zuckungen mit halbem Bewusst-
sein. Seitdem nur leichtere, partielle Zuckungen, Verdrehen der Augen, Kopf-
schmerzen, plötzliche Anfälle eines somnambulen Zustandes mit Hallucinationen,
in die Hände klatschen. Sonst gesund. Allmälige Besserung. Nach zwei Monaten
gesund entlassen.
8jähriges Mädchen (aufgenommen den 27. Novbr. 1879), seit einem Jahre
Anfälle von Globus hyster., die mit einer vom Nabel nach dem Halse aufsteigenden
Aura begannen. Verdrehen der Augen, halbbewusstloses Umsinken, Hallucinationen
verschiedener Art, mehrmals täglich eintretend. Dabei grosse Unruhe, hastige Sprache,
Farben Wechsel und ein erotischer Zug, welcher sich durch eine gewisse Coquettorie
und durch die an den Unterarzt wiederholt gerichtete Bitte, sie zu küssen und den
Unterleib stark zu drücken, kundgab.
12jähriges Mädchen, schon zweimal Chorea überstanden, seit 3 Monaten
täglich ein paar Mal, aber auch in 3 — ßtägigen Intervallen, besonders nach jedem
Gemüthsaffec t Schmerzanfälle in der Stirn, worauf bald religiöse Phantasien
und Hallucinationen folgen. Sie spricht dabei von Gott, sieht einen Engel herab-
schweben, nennt ihre Mutter Eva, singt religiöse Verse, dazwischen auch wohl ein
weltliches Lied, erkennt die Angehörigen nicht, zeigt einen starren, ins Leere ge-
richteten Blick. Von diesen, etwa 15 — 20 Minuten andauernden Anfällen bleibt keine
Erinnerung. Intervalle frei. Nach einigen Wochen verschwanden diese Anfälle; dafür
traten, eingeleitet und begleitet von Schmerzen auf dem Scheitel, Zuckungen des
Gesichts und der oberen Extremitäten ein, mit Erhaltung des Bewusstseins. aber mit
aufgehobener Sprache. Die Drohung, das Kind auf's Land zur Grossmutter zu bringen,
wirkte schnell. Die Anfälle verminderten sich und blieben nach wenigen Tagen
gänzlich aus.
9jähriges Mädchen, den 8. Juli 1881 aufgenommen. Immer sehr schreck-
haft gewesen. Vor 9 Wochen vom Lehrer durch Schläge auf die Hände bestraft, die
anschwollen und schmerzten. Bald darauf „Nervenfieber" (?). Seitdem ist das Sen-
sorium immer noch etwas benommen, Antworten langsam und unklar, bisweilen auch
cataleptische Anfälle mit Starre und Aphasie. Grosse Schwäche und Blässe. Organe
und Functionen normal. Sprache schwerfällig. Vor dem Sprechen öffnet sie erst den
Mund weit, spricht mühsam und undeutlich. Gedächtniss gut. Motilität schwach,
kann weder stehen noch gehen. Haut an vielen Stellen hyperästhetisch. Enuresis
nocturna, zuweilen auch diurna. Anwendung des Inductionsstroms auf die Wir-
belsäule. Den 1 1. kann sie schon mit leichter Unterstützung gehen. Den 12. bis-
weilen Delirien, besonders will sie Schlangen zum Fenster hereinkriechen sehen.
Kalte Begiessungen. Den 17. alles normal. Den 30. gesund entlassen. —
In der zweiten Gategorie prävaliren statt der psychischen diecon-
vulsivischcn Erscheinungen. Mitunter beschränkten sich diese auf
Hysterie. 207
eine bestimmte Nervensphäre, traten z. B. bei einem 8 jährigen anämi.
sehen Mädchen in der Form heftiger Anfälle von Singultus auf, welche
eine bis zwei Wochen dauerten und nur während des Schlafes pausirten:
häufiger trafen sie die stimmerzeugenden Organe, oder zogen alle
Muskeln des Körpers mehr oder weniger in ihr Bereich, mitunter in Form,
blitzartiger Zuckungen, welche den Oberkörper vom Bett emporschnellen.
In der Erhaltung oder wenigstens in der nicht vollständigen Aufhebung
des Bewusstseins und der Sinnesfunctionen, sowie in der häufigen
Combination mit Wein- und Schreikrämpfen, liegt für mich vorzugs-
weise das Wesen dieser allgemeinen Anfälle, welche man zum Unter-
schiede von den wirklich epileptischen mit dem Namen »Hystero-
Epilepsie« bezeichnet hat. Eins dieser Kinder, dem während der Con-
vulsionen mit Strafe gedroht wurde, bat um Schonung, erzählte auch
dabei, dass es über einen Holzklotz gefallen sei. Charakteristisch ist
auch hier wieder der nicht seltene Umschlag des Schreikrampfes in mehr
oder weniger vollständige Aphasie.
Anna H., 9jährig, am 31. December 1878 vorgestellt, aus gesunder Familie,
hatte nur im 4. Lebensjahre drei Krampfanfälle (?) überstanden. Seit etwa 3 Wochen
stösst sie in unregelmässigen Intervallen, etwa alle 5—15 Minuten, plötzlich einen
Ton aus, welcher mit dem Brüllen eines wilden Thieres zu vergleichen ist. Wäh-
rend des Schlafes vollständige Pause. Versucht sie zu husten, so tritt statt dessen
sofort der brüllende Ton ein. Sonst vollkommen gesund. Arsenik, Chloral, Bromkali
ohne Erfolg. Heilung durch Application des galvanischen Stroms nach wenigen
Sitzungen. — Auch bei einem 8jährigen Knaben, welcher seit einigen Wochen
an so heftigen Anfällen von Schreikrämpfen litt, dass man das Schreien aus der
zwei Treppen hochgelegenen Wohnung auf der Strasse hören konnte, bewirkte die
Anwendung der Elektricität schnelle Heilung.
Ein I2jähriges anämisches Mädchen klagte über anhaltende Trockenheit im
Halse, so dass sie immer trinken musste. Urin normal. Wurde der Durst nicht sofort
befriedigt, so erfolgten alsbald Wein und Schreikrämpfe, welche einige Minuten
anhielten. Bei einem 1 2jährigen gesunden Mädchen beobachtete ich Anfälle von
heftiger Dyspnoe mit lautem Schreien, welche nach einigen Minuten in schla-
gende Bewegungen der Arme und Beine übergingen. In anderen Fällen (Mädchen
von 10, 12 und 13 Jahren) bestanden heftige spastische Hnstenanfälle mit inspi-
ratorischem Pfeifen, stundenlang dauernd, durch mehrere Zimmer hörbar, ohne andere
begleitende Symptome, als höchstens Druck in der Magen- und Larynxgegend.
Während nun in diesen und ähnlichen Fällen nur Stimmkrämpfe
bestanden, erschienen diese bei anderen Kindern entweder als Vorläufer
oder als Begleiter der „Chorea electrica" (S. 199), näherten sich also
der unter dem Namen „Maladie des tics" beschriebenen Krankheit. In
anderen Fällen verbinden sich die Stimmkrämpfe mit Convulsionen
oder mit paralytischen Symptomen, und die folgenden Beobachtungen
208 Krankheiten des Nervensystems.
lehren, dass auch im Kindesalter jener plötzliche Umschlag der ner-
vösen Erscheinungen von einem Extrem ins andere vorkommen kann,
den wir bei hysterischen Frauen so häufig beobachten.
9j ähr iges Mädchen. Seit etwa 5 Monaten, sowohl bei Tage wie bei Nacht,
täglich mehrere Anfälle. Beginn mit lautem Stöhnen oder Grunzen, dann Ro-
tation des Kopfes nach rechts oder links, so dass sie über ihre Schulter sieht, und
dabei ängstlich klagt, es stehe Jemand hinter ihr. Bewusstsein umnebelt. Beim
starken Anfassen kommt sie sofort wieder zu sich. Sonst völlig gesund. Verlauf un-
bekannt.
Knabe von 10 Jahren, am 15. März 1879 in meiner Sprechstunde vorgestellt.
Seit dem dritten Jahre ohne erkennbare Ursache kurzes, aber gewaltsames Zu-
sammenzucken des ganzen Oberkörpers mit Vorwärtsschleudern und Schütteln des
Kopfes. Diese Anfälle, welche mitunter alle paar Minuten , oft auch in längeren
Intervallen auftreten, verbinden sich jedesmal mit einem gurrenden oder glucksenden
Ton (Stimmkrampf). Verlegenheit steigert die Frequenz und Intensität dieser An-
fälle, während Bewegung im Freien, Spielen, sie fast ganz aufhebt. Im Schlaf
völlige Pause. Seit 7 Jahren waren diese Krämpfe nie völlig ausgeblieben, nur mit-
unter milder und seltener geworden. Sonst alles normal. Familie ohne neurotische
Disposition. Die auf meinen Rath von M. Meyer über ein Jahr lang beharrlich fort-
gesetzte Anwendung des galvanischen Stroms bewirkte schliesslich eine ungeahnte
Besserung. Die Anfälle waren bis auf geringe Spuren, und besonders die Stimm-
krämpfe gänzlich verschwunden. Doch bestand noch immer eine grosse Neigung zu
Recidiven ').
Marie S., 1 1 jährig, litt seit Neujahr 1 878 an dyspeptischen Beschwerden. Ende
Fobruar 1879 traten Anfälle von Ructus auf, welche sich 3 Wochen lang sehr häufig
wiederholten, mitunter sogar den ganzen Tag fortdauerten, Mitte März aber plötzlich
aufhörten. An ihre Stelle trat nun der Zustand, wegen dessen ich consultirt wurde.
Das zarte, blasse, abgemagerte Kind lag in einer Sophaecke mit weinerlichem, schmerz-
lichem Gesichtsausdruck, und stiess bei jeder Exspiration einen halb wimmern-
den, halb quäkenden Ton aus, ohne eine Thräne zu vergiessen. Nur sehr selten
verschwand dieser Stimmkrampf, denn als solchen fasste ich den Zustand auf, nach-
dem einige Ructus vorausgegangen waren, und während dieser kurzen Pause nahmen
auch die Gesichtszüge sofort einen ruhigen, heiteren Ausdruck an, woraus auf eine
Combination des Stimmkrampfes mit einem ähnlichen Zustande der mimischen Mus-
keln zu schliessen war. Die Anwendung des galvanischen Stroms blieb hier ebenso
wirkungslos wie Chloral und der wegen der Dyspepsie verordnete Emser Brunnen.
Am 26. März verschwand die letztere plötzlich, die Zunge wurde rein, der Appetit
vortrefflich, während der übrige Zustand unverändert blieb. Durch Einathmungen
von Chloroform Hess sich zwar schnell ein völliges Pausiren des Stimmkrampfes er-
zielen, auch schon bei schwacher Narcose; aber nach 8— 10 Minuten trat er in alter
Weise von neuem ein. Nur im Schlaf pausirte der Krampf immer vollständig, und
die geplagten Eltern konnten sich dann von den depriinirendenEindrücken des ganzen
Tages erholen. Anfangs April veränderte der Ton plötzlich seinen Charakter; er
') M. Meyer, Die Elektricität in ihrer Anwendung auf pract. Medicin. 4. Aufl.
1883. S. 386.
Hysterie. 209
wurde mehr zu einem dumpfen Stöhnen, und gleichzeitig verlor das Gesicht seinen
weinerlichen Ausdruck, die Züge wurden natürlich und vermochten seit langer Zeit
wieder zu lächeln. Dagegen war die Sprache schwer, und nur mit Mühe Hessen
sich einige Worte aus dem Kinde herauslocken. Die Application eines kalten Schwam-
mes imNacken, welche wir mehrmals täglich 15— 20Minuten lang vornehmen Hessen,
hatte gar keinen Erfolg, vielmehr dauerte der etwas veränderte Stimmkrampf fast un-
unterbrochen (abgesehen von der Nacht) foit, und dazu gesellte sich nun paraly-
tische Schwäche der gesammten Musculatur, welche es dem Kinde unmög-
lich machte, den Kopf frei zu halten und auch nur einen Schritt allein zu gehen.
Bei jedem Versuch dazu schlotterten die Beine wie bei Ataktischen. Auffallend
war dabei die Beharrlichkeit, mit welcher das Kind den ganzen Tag, auf dem Sopba
liegend, Papierpuppen mit der Scheere ausschnitt. Strychnininjectionen in den Nacken
(0,002 täglich) und Eisenwässer blieben ohne rechte Wirkung. Zwar vermochte sie
bald etwas besser zu gehen, sonst aber blieb der Zustand unverändert, die Sprache
war fast gänzlich aufgehoben, und jeder Versuch, zu sprechen, brachte, wie bei
heftig Stotternden, Facialiskrämpfe hervor. Auch ein intercurrenter fieberhafter
Catarrh blieb ohne Einfluss, der Husten nahm aber bald einen metallischen, krampf-
haften Ton an. Am 18. April war das Kind plötzlich wieder im Stande, wenn auch
nur flüsternd, zu sprechen, ohne Unterstützung etwas zu gehen und den Kopf
aufrecht zu tragen. Der Stimmkrampf wurde nun täglich schwächer und war bis
zum 1. Mai gänzlich verschwunden, die Sprache laut und deutlich, das Gehen viel
besser und das Aussehen sehr günstig verändert. Nur der spastische Husten be-
stand in der Weise fort, dass alle paar Minuten eine keuchende Inspiration eintrat,
auf welche ein einziger krächzender oder mehr pfeifender Hustenstoss folgte. Nur
während des Schlafes hörte auch dieser Husten gänzlich auf. Unter dem Fortgebrauch
der Strychnininjectionen (0,002 pro die) besserte sich bis zum 29. auch der Husten,
und abgesehen von den hin und wieder noch eintretondenRuetus konnte die Genesung
eine vollständige genannt werden. Ein nach einigen Monaten eintretendes schwäche-
res Recidiv hatte denselben günstigen Ausgang.
Knabe M., 9jährig, litt im Winter und Frühling 1883 viol an Migraine, mit-
unter Tage lang. Blass, sonst gesund. Im Mai 1884 schlief er Vormittags ein und
war trotz aller Bemühungen nicht zu erwecken. Dagegen wurde er beim Vor-
halten von Salmiakgeist sofort wach. Nach einigen Tagen wiederholten sich die An-
fälle öfters, immerwährend des Einschlafens. Unter stetem schweinsartigem
Grunzen zog sich der ganze Körper wie im Emprosthotonus zusammen und
schob sich convulsivisch unaufhaltsam im Bette abwärts, so dats man ihn immer
wieder nach oben bringen musste. Vorhalten von Salmiakgeist unterbrach den An-
fall sofort; derselbe trat aber gleich von neuem ein und dauerte 1 — 2 Stunden. Auch
spontanes Niesen oder Husten unterbrach momentan den Anfall. Laue Bäder mit
kalten Begiessungen und eine Kaltwassercur in Elgersburg bewirkten dauernde
Heilung, nachdem die Anfälle mit abnehmender Frequenz und Intensität sich mehrere
Wochen lang wiederholt hatten.
Nicht nur die vocalen, sondern auch andere respiratorische Muskeln
können den Sitz des Krampfes bilden, der dann in Form asthmatischer
Anfälle mit schnellen, oberflächlichen oder tiefen, die inspiratorischen
Hülfsmuskeln betheiligenden Athemzügen auftritt. Solche Anfälle treten
Henoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. y±
210 Krankheiten des Nervensystems.
auch während der Nacht ein, und können sich mit Palpitationen und
Hyperästhesie der Praecordialgegend verbinden, so dass sie den Eindruck
einer Herzkrankheit machen. Auch hier kommt der üebergang in psy-
chische Alteration (Delirien, Hallucinationen), in Zuckungen der Gesichts-,
Augen-, und Extremitätenmuskeln vor, mit Intervallen, die vollkommen
frei sind von allen krankhaften Störungen, insbesondere bei der physi-
kalischen Untersuchung keine Abnormität der betreffenden Organe er-
kennen lassen.
10 jähriges Mädchen, von einem ., nervösen" Vater abstammend. Erster
Anfall am 31. Decbr. 1883; von da bis 30. Januar 1884 4 Anfälle, und zwar immer
am Sonntag. Die Anfälle bestehen in einer Zusammenziehung des Pharynx mit
Athemnoth, rascher oberflächlicher Respiration und Unmöglichkeit zu sprechen. Nur
unarticulirte Laute werden ausgestossen. Sinne und Bewusstsein normal, aber
Schmerz im Hinterhaupt oder in der Schläfe, der auch in den Intervallen öfters auf-
tritt. Dauer 1 — 2 Stunden. Nach dem Anfall bisweilen Uebelkeit und Erbrechen.
Alle Organe bei der Untersuchung normal. Allmälige Abnahme, nach einigen Monaten
völlige Heilung.
12jähriges, noch nicht menstruirtes, normal entwickeltes Mädchen, völlig
gesund. Seit einigen Wochen Klagen über Kopfschmerzen. Am Morgen des 8. Febr.
1882, nach einer guten Nacht, plötzlich wiederholte Anfälle von Zuckungen der
oberen Extremitäten mit Erhaltung des Bewusstseins. Nachmittags gesellten sich
dazu heftiges Schreien und Toben, Aufspringen im Bett, Delirien, in denen sie
stets einen waldigen Berg ersteigen wollte, Nichterkennen der Umgebung. Nach
8 Uhr plötzliche Pause und ruhige Nacht. Am nächsten Morgen noch ein paar
kleinere Anfälle derselben Art. Dann ein ungetrübtes Intervall von 10 Tagen, worauf
plötzlich während einer Spazierfahrt ohne jeden Grund inspiratorische Krämpfe
(mühsames rasches Athmen mit rauher, fast croupaler Inspiration und mit verzerrten
Zügen) eintraten, welche in der Nacht cessirten, in den nächsten Tagen sich mehr-
fach wiederholten, dann aber von Parese der unteren Extremitäten (Unmöglichkeit
zu gehen) abgelöst wurden. Am 4. März plötzlich kann sie laufen und bleibt von nun
an vollkommen gesund. —
Am überraschendsten, und daher leicht als Simulation betrachtet,
erscheinen die Fälle der dritten Reihe, in welchen die Krämpfe anfalls-
weise als coordinirte Bewegungen (Springen, Klettern, Laufen u. s. w.;,
entweder in unregelmässigen Intervallen, oder nach einem bestimmten
Typus auftreten. In der Regel machen sich während dieser Anfälle
auch psychische Alterationen, grosse Aufregung, Schreien, Hallucina-
tionen, Delirien bemerkbar, während in den Intervallen meistens ver-
ändertes geistiges Wesen, grosse Reizbarkeit, ungewöhnliche Heiterkeit
oder häufiger Hang zum Weinen beobachtet werden. Doch können die
Erscheinungen des Intervalls auch fehlen, und das Kind befindet sich
dann ausserhalb der Anfälle absolut wohl. Man pflegt diesen Zustand
Hysterie. 2 1 1
mit dem Namen Chorea magna (grosser Veitstanz) zu bezeichnen, und
er verdient dies in der That mehr als die Chorea minor, weil dieser
Name zuerst einer am Ende des 14. Jahrhunderts in Schwaben herrschen-
den, durch exstatische Symptome und Tanzwuth charakterisirten Epidemie
beigelegt wurde, gegen welche Pilgerfahrten zu einer dem heiligen Veit
geweihten Capelle in der Nähe von Ulm als Heilmittel empfohlen wurden.
Sydenham übertrug dann den Namen »Veitstanz« auf unsere gewöhn-
liche Chorea.
Den ausgeprägtesten Fall von »Chorea magna«, der mir vorgekom-
men, beschrieb ich schon vor vielen Jahren1). Das Ungewöhnliche des-
selben lag schon in seiner langen Dauer, welche vom Auftreten der
ersten Anfälle bis zur vollständigen Heilung fünf Jahre betrug. Eine
solche Hartnäckigkeit der Krankheit, mit so wechselnden Erscheinungen,
habe ich seitdem nie wieder beobachtet. Die verschiedensten Aeusse-
rungen veränderter Nerventhätigkeit waren hier in einem Krankheitsbilde
verschmolzen, psychische Verstimmung, Hallucinationen und Delirien,
Spring- und Laufkrämpfe, Opisthotonus, Choreabewegungen, partielle
Hyperaesthesie der Kopfhaut, und eine Art von Hellsehen, welches die
Patientin in den Stand setzte, die Zahl und den Wechsel der Zwangs-
bewegungen genau vorauszubestimmen, was ich unter solchen Ver-
hältnissen wiederholt beobachtet habe. Anders verhielt es sich mit den
Springkrämpfen eines 8 jährigen Mädchens, welche durch einen Druck
aufs Knie sistirt wurden, nachdem man ihr gesagt, dass dies der Fall
sein würde (die heut so viel besprochene »Suggestion«).
Durch Dauerhaftigkeit und Mannigfaltigkeit derErscheinungen zeichnet
sich auch der folgende Fall aus.
Knabe von 9'/4 Jahren. Vor einem Jahre Intermittens, später Krampf des
Muse, orbio. palpebr. Am 28. August 1882 fiel er auf dem Schulwege plötzlich zu
Boden und musste nach Hause getragen werden. Wiederholung dos Aufalls am 4.,
15., 19. und 22. September. Er knickte dabei zusammen, sass oder lag zusammen-
gekauert da mit intactem Bewusstsein, konnte aber wegen heftiger Schmerzen keine
Bewegung des Kopfes und der Extremitäten vornehmen. Contracturen nicht vor-
handen. Dauer etwa 20 Minuten, dann springt er auf und spielt weiter, als ob nichts
passirt wäre. In den Intervallen gesund, kann aber nicht still sitzen, rückt auf
dem Stuhl hin und her, macht choreaartige Bewegungen und zeigt Hyper-
ästhesie der rechten Rückenseite, wo sich Anfangs October eine Herpesgruppe
von der Grösse eines Zweimarkstücks entwickelte. Im October nahmen die Anfälle
an Frequenz zu, traten täglich ohne Anlass zu verschiedenen Tageszeiten ein und
') S. Romberg undHenoch: Klinische Wahrnehmungen und Beobachtungen.
Berlin, 1851. S. 77 und die erste und zweite Auflage dieses Buches, welche auf
S. 199 die ausführliche Krankengeschichte onthält.
H*
212 Krankheiten des Nervensystems.
änderten ihren Charakter. Nach einem kurzen Vorstadium, wobei der Knabe still
wurde und starr blickte, knickte er zusammen wie vorher, konnte aber auch nach dem
Anfall nicht ordentlich gehen, musste sich vielmehr auf Tisch, Stühle u. s.w.
stützen und die Beine nachschleppen. Dauer V2— 1 Stunde, bisweilen mit Aphasie
und krampfhaften heiseren Hustenstössen verbunden. Die Parese der Beine
schwindet gewöhnlich schnell nach einigen schrillen, dem Spasmus glottidis ähn-
lichen Inspirationen, und in den Intervallen ist die Beweglichkeit in jeder Beziehung
normal. Im November machten alle diese Zustände einem somnambulen Zustande
Platz, vielfaches Schlafen bei Tage mit heftigen, den Schwimmbewegungen ähn-
lichen Muskelactionen, Umherwerfen aller ihm zugänglichen Gegenstände, die er
nachher wieder in sein Bett packt, ohne etwas davon zu wissen u. s. w. In den
Intervallen völliges Wohlbefinden, guto Laune und stundenlange Spaziergänge. Im
December alle krankhaften Erscheinungen verschwunden, scheinbare Hei-
lung bis zum 8. Januar 1883, wo er plötzlich nach dem Stuhlgang im Closet bleich
und sprachlos niederfiel und bis zum nächsten Mittag nicht gehen konnte. Als
Ursache wurde Schreck durch Verschlucken einer Stecknadel beschuldigt. Weitere
Folgen blieben aus; der Knabe befand sich wohl, brachte einige Monate im Harz zu,
klagte aber vom September an über häufige Anfälle von Kopfschmerzen mit leichten
Zuckungen und verlor seine gute Laune. Erst im Januar 1884 gesellten sich wieder
ernstere Symptome hinzu, ohnmachtähnliche Zustände und Zusammenknicken fast
nach jedem Stuhlgange, selbst nach dem Urinlassen, und mit schmerzhaften, von den
Knien bis zu den Füssen herabziehenden Empfindungen, krampfhafte Steifigkeit der
Finger beim Versuch, Gegenstände zu fassen, und unruhiger Schlaf bei sonst unge-
störtem Wohlbefinden. Auch diese Zufälle verschwanden nach kurzer Zeit, und seit
dieser Zeit ist, soviel ich erfahren konnte, der Knabe gesund geblieben. Im Ganzen
waren hier also unter wechselnden, sich in allen Sphären des Nervensystems abspie-
lenden Erscheinungen und mit theilweise langen Intervallen fast völliger Euphorie
wohl 1 '/, Jahre vergangen.
Dass in allen solchen Fällen an Simulation gedacht wurde, ist
begreiflich; aber die sorgfältig fortgesetzte Beobachtung entkräftete den
Verdacht vollständig. Auch ist es absolut unmöglich, dass die Kräfte
der Kinder zu dieser Art von Simulation ausgereicht hätten. Gerade in
der enormen Leistungsfähigkeit der Muskeln, welche die normale
um vieles übertrifft, finde ich einen wesentlichen Charakterzug dieser
wunderbaren Affectionen , den ich auch in anderen Fällen mit Erstaunen
wiederfand.
Bei einem 8jährigen, bis vor 3 Monaten völlig gesunden Knaben begann
das Leiden mit einer etwa 6 Wochen anhaltenden nervösen Unruhe, die allmälig in
Anfälle von Chorea magna überging. Diese traten anfangs nur in der Nacht, später
auch bei Tage auf. Nach einer Aura, die in einem drückenden Schmerz über dem
rechten Auge bestand, begann der Knabe unaufhaltsam zu laufen, zu springen,
zu stampfen, wobei er von Zoit zu Zeit durchdringendes Geschrei ausstiess. Das
Bewusstsein war während des Anfalls getrübt, aber nicht erloschen. Derselbe
endete nach einigen Minuten mit einem heftigen Zittern und Schütteln des ganzen
Körpers, worauf der Knabe wie aus einem schweren Traum erwachte. Unwillkür-
Hysterie. 213
licher Urinabgang war nicht selten damit verbunden. Ursache und weiterer Verlauf
unbekannt.
Ein 1 3j ährige s anämisches Mädchen, welches ich noch mit Romberg zu-
sammen behandelte, bot während des Vormittags durchaus keine krankhaften Erschei-
nungen dar. Zwischen 3 und 6 Uhr aber traten täglich Anfälle auf, in welchen bei
gänzlich verändertem psychischen Wesen Spasmus nutans (S. \Sl) die Hauptrolle
spielte. Wohl 40—50 Mal in der Minute erfolgten Nick- und Wiegebewegungen des
Kopfes und gesammten Oberkörpers, und zwar so anhaltend, mit kurzen Pausen
stundenlang hintereinander, dass man die Möglichkeit solcher Muskelleistung kaum
begreifen konnte. Gegen 6 Uhr Ende des Anfalls. Dauer der Krankheit mindestens
4 Wochen, worauf noch allerlei andere hysterische Symptome, enorme Schwäche,
Globus, Empfindlichkeit der Kopfhaut u. s. w. zurückblieben. Mit der Entwickelung
der Menses trat schliesslich völlige Heilung ein. Als gesunde Frau und Mutter sah
ich die Patientin später wieder.
Ein 9j ähriges Mädchen, bis auf wiederholte Anginen gesund, wurde mir
am 22. Novbr. 1878 vorgeführt. Schon vor einem Jahre sollte sie 4 „Anfälle" mit
Verziehen des Mundes, aber mit Erhaltung des Bewusstseins überstanden haben.
Anfangs October, eine halbe Stunde nach einer Aetzung der Mandeln mit Höllenstein,
bekam sie einen „Anfall", wobei sie mit äusserst schneller, dyspnoetischer und von
stenotischem Geräusch begleiteter Respiration wiederholt senkrecht in die Höhe
sprang. Dauer nur ein paar Secunden. Solcher Anfälle sollten seitdem wohl
Tausend eingetreten sein, aber nur bei Tage. Bromkali und Chinin waren erfolglos
geblieben.
Emil S. , lOj ährig, mit über 100 Exostosen fast an allen Knochen behaftet,
welche sich seit dem 9. Lebensmonat entwickelt hatten, litt schon seit einigen Jahren
bisweilen an Anfällen von Migraine mit Erbrechen. Er war heftig und reizbar, dabei
fleissig und ehrgeizig in der Schule. Am 4. Mai 1869 Morgens bis Mittag Anfall
von Kopfschmerz. Um 2 Uhr plötzlich wieder Steigerung desselben, Röthe des Ge-
sichts, Zuckungen des ganzen Körpers, beissende Bewegungen der Kiefer, Rollen der
Augen, leichte Trübung des Sensoriums ('Verwechselung der Personen). Alle Be-
wegungen auffallend hastig und gewaltsam. Dauer des Anfalls l'/2 Stunden, worauf
vollständige Ruhe und Appetit eintrat. Von 5— 7'/2 Uhr Abends ein zweiter noch
heftigerer Anfall. Grosse Empfindlichkeit der oberen Nackengegend gegen Druck.
Nacht ruhig, Schlaf ohne Zucken. Am folgenden Tage zwischen 6 Uhr früh und
3 Uhr Nachmittags 4 ähnliche Anfälle, wobei Patient mit grosser Gewalt sich aus
seinem Bett in das neben ihm stehende sprungweise hinüberwälzte. Dann vollstän-
dige Pause und Euphorie bis zum nächsten Morgen, an welchem früh 7 Uhr ein ganz
leichter und rasch vorübergehender Anfall eintritt. Seitdem ist das Uebel nicht
wiedergekehrt, und der Knabe, wovon ich mich wiederholt überzeugte, zu einem ge-
sunden Mann herangewachsen.
Bei einem 12jährigen gesunden Knaben (November 1870) begann das
Leiden mit enormer Hyperästhesie der ganz en vorderen Brust wand. Die
Region, welche durch die Schlüsselbeine und den unteren Thoraxrand, seitlich durch
die Axillarlinien begrenzt wird, war so empfindlich, dass schon leise Berührungen
kaum ertragen wurden. Nach ungefähr 4 Wochen verschwand diese Hyperästhesie
plötzlich und machte gewaltigen Anfällen eines spastischen Hustens Platz, in
214 Krankheiten des Nervensystems.
welchen, ähnlich wie bei Tnssis convulsiva, die lang gezogenen Inspirationen von
pfeifendorn Geräusch (Spasmus glottidis) begleitet waren. Während dieser mit
Erstickungsangst verbundenen Anfälle, welche in unregelmässigen Intervallen täglich
ein paar Mal eintraten und von mir selbst wiederholt beobachtet wurden, sprang der
Knabe so gewaltsam in dio Höhe, dass er nur mit Mühe bewältigt werden konnte.
Von allen Mitteln wirkten nur Morphiuminjectionen lindernd. In den Intervallen
Euphorie, abgesehen von ungewöhnlicher Reizbarkeit des Charakters. Nach 6 Wochen
plötzliches Verschwinden aller krankhaften Erscheinungen, welche später noch
einmal ein kurzes Recidiv machten, um dann nicht mehr wiederzukehren. Curge-
brauch in Bad Landeck.
Dieser Fall zeichnet sich dadurch aus, dass er den Beginn der
Krankheit mit einer Sensibilitätsneurose veranschaulicht, welche ich
in dieser Form nur zweimal beobachtet habe. Besonders der Umstand,
dass die Hyperaesthesie doppelseitig war und sich nicht auf das Gebiet
eines oder mehrerer bestimmter Nerven beschränkte, vielmehr die ganze
Vorder- und einen Theil der Seitenpartie des Thorax einnahm, ist be-
merkenswerth.
Zu dieser Reihe müssen wir auch die S. 186 erwähnten seltenen
Fälle rechnen, in denen sich rhythmische, choreatische Bewegungen
mit halbseitiger Anaesthesic combiniren, welche überraschend schnell
wieder verschwinden oder auf der anderen Körperhälfte auftreten kann
(Transfert). Ich will nicht in Abrede stellen, dass partielle Anaesthesien
oder Analgesien, so wie Beschränkungen des Gesichtsfeldes (Hemianopsie
u. s. w.), bei den verschiedensten hysterischen Affectionen der Kinder
häufiger vorkommen mögen, als ich bisher annahm, weil ich viele Fälle
auf diesen Punkt entweder nicht untersucht habe, oder weil diese Unter-
suchung bei Kindern oft schwierig und trügerisch ist '). Nur in einzelnen
Fällen konnte ich mich von einer halbseitigen Anaesthesie deutlich über-
zeugen, z. B. bei zwei 11- und 12 jährigen Mädchen, denen man den
linken Nasenknorpel und die Haut der linken Körperhälfte mit einer
Nadel durchstossen konnte, ohne dass sie es fühlten. Bei einem 10 jäh-
rigen Mädchen beobachtete ich an beiden unteren Extremitäten mit
Ausschluss der Fusssohlen Anaesthesie, welche etwa 5 Ctm. oberhalb der
Patellae scharf abschnitt und mit Abschwächung des Muskelgefühls und
verzögerter Empfiadung thermischer Reize verbunden war. —
') Vergl. die Mittbeilung von Barlow (Brit. med.Journ. Dec. 3. 1881 ,,Ueber
hysterische Analgesie bei Kindern". B. empfiehlt zur Untersuchung besonders den
galvanischen Strom. Die S. 202 erwähnte These von Peugniez enthält eine
Reihe von Fällen, in welchen bei Kindern von 10—15 Jahren Anästhesien der
Haut und der Sinnesorgane ganz in derselben Weise, wie boi Erwachsenen, beob-
achtet wurden.
Hysterie. 215
Die vierte Oategorie umfasst die nach meiner Erfahrung seltensten
Fälle, in welchen neuralgische oder trophische Störungen die
Hauptrolle spielen.
Gotthelf K., G'/o Jahre alt, am 2. Mai 1878 untersucht. Blühender gesunder
Knabe, vor 4 Wochen Masern mit normalem Verlauf. Vor 14 Tagen soll ihm beim
Balgen ein anderer Knabe auf den Leib gefallen sein. Eine Woche darauf begannen
Schmerzanfälle im Unterleibe, die sich immer mehr steigerten. Ihr Sitz war
der ganze Leib, auch die seitlichen Theile, die Intensität enorm, so dass der Knabe
laut schrie und sich gewaltsam im Bett herumwälzte. Allmälig wurde das Toben,
Schreien und Wälzen so prävalirend, dass die Schmerzen dagegen zurücktraten.
Die Frequenz der Anfälle nahm täglich zu, nur kurze Pausen einer vollständigen
Euphorie unterbrachen dieselben. Temp. 38 — 38,5. Puls etwas frequenter, belegte
Zunge, Foetor oris. Urin reichlich, dunkel, normal. Stuhl regelmässig, Anorexie.
Im Unterleibe nichts Abnormes, dagegen enorme Hyperästhesie der Haut des
Abdomens und der ganzen Vorderfläche des Thorax, so dass das Aufheben
einer Hautfalte schon heftige Schmerzen hervorrief. Therapie. Laue Kleiebäder.
Acid. muriaticum, Abends Morphium. Am nächsten Tage (3. Mai) Abnahme der An-
fälle an Frequenz und Intensität. Seit 24 Stunden beinahe kein Urin gelassen, ausser
beim Stuhlgang. Hyperästhesie unverändert, besteht nun auch im Gesicht im Ge-
biet des I. Astes beider N. trigemini. Vom 4. an rasche Abnahme der Hyperästhesie
und der Schmerzanfälle, reichliche Urin- undFäcesentleerungen, reine Zunge. Appetit,
kein Fieber. Am 8. vollständige Heilung.
Bei einem 12jährigen, seit kurzem menstruirten Mädchen (23. April 1879),
bestanden seit 14 Tagen heftige Anfälle von Cardialgie, welche täglich eintraten,
Stunden lang dauerten und mit einem ununterbrochenen, das ganze Haus in Auf-
regung versetzenden Schreien und Toben verbunden waren. Alles sonst normal,
nur weinerliche Stimmung und enorme nervöse Reizbarkeit. Morphium wirkte auch
hier schnell beruhigend.
Mädchen von 11 Jahren, ungewöhnlich früh entwickelt, doch noch nicht
menstruirt, geboren von einer an Phthisis verstorbenen Mutter. Im September 1878
wurde ich wegen häufiger Anfälle von Kopfschmerzen, zu denen sich in den Abend-
stunden oft Vomituritionen gesellten, consultirt. Im Februar 1879 sah ich sie wieder.
Seit 10 Tagen trat regelmässig einen Abend um den anderen gegen 8'/2 Uhr unter
allgemeiner Unruhe starkes Würgen mit Blutbrechen ein, wodurch etwa ein
halber Tassenkopf schwärzlich rothen Blutes mit vielem Schleim vermischt entleert
wurde. Der Anfall dauerte etwa eine halbe Stunde und trat nie bei Tage ein.
Empfindungen in der Gegend der rechten Mamma veranlassten, dass ich mit dem
behandelnden Arzt wiederholt die Lunge untersuchte, aber nie wurde etwas ver-
dächtiges dabei gefunden. In den letzten 4 Tagen war das Blutbrechen allabend-
lich um dieselbe Zeit gegen 8'/2Uhr aufgetreten. Der Stuhlgang enthielt niemals
Blut, auch wurde das Essen vertragen, ohne je Magenschmerzen zu erregen. Weder
Chinin in grossen Dosen (1,0), noch die gegen ein Magenleiden gerichteten Mittel,
Eisblase, Opium, Milchdiät, Liquor ferri sesquichlor., Ergotin hatten den geringsten
Erfolg.
Das eigenthümliche Wesen des Mädchens, die vorzeitig entwickelte Jungfräulich-
keit, der Hang, das Bett nicht zu verlassen, und der Umstand, dass der Vater selbst
216 Krankheiten des Nervensystems.
gestand, das Mädchen sei von Kindheit auf enorm verwöhnt worden , erweckten bei
mir den Verdacht, dass es sich hier entweder nur um Simulation oder um
Hysterie handele. Für erstere lag kein Grund vor und die Untersuchung der
Zähne, der Rachenhöhle, Zunge u. s. w., ergab nichts, was als eine Quelle des aus-
gebrochenen Blutes hätte angesehen werden können. Auch hatte der behandelnde
Arzt den abendlichen Anfall persönlich überwacht und die Ueberzeugung gewonnen,
dass keine Simulation vorlag. So blieb nur übrig, an Hysterie zu denken, und ich
wurde in dieser Annahme noch dadurch bestärkt, dass am 12. um 2 Uhr Nachmittags
nach einem Gemüthsaffect das Blutbrechen zum ersten Mal auch bei Tage ein-
trat. Wir Hessen daher das Kind das Bett verlassen, täglich ausfahren, und riethen,
alle Arzneien wegzulassen und sich um die Sache überhaupt nicht zu bekümmern.
Mitte Mai traf ich Vater und Tochter auf einem Spaziergang, und crsterer theilte
mir mit, dass seit meinem letzten Besuch der Anfall nicht mehr eingetreten sei und
das Mädchen sich vollkommen wohl befinde. Während des ganzen Sommers dauerte
diese Euphorie auf dem Lande fort; nur höchst selten, und immer nur nach Ge-
müthsaffecten zeigten sich Spuren von Blutbrechen. Nach der Rückkehr in die llei-
math trat im October derselbe Symptomencomplex in den Abendstunden wieder auf,
aber nicht so regelmässig als früher. Die von dem behandelnden Arzt verordneten
Ergotininjectionen wirkten offenbar psychisch, denn schon die Androhung, die-
selben zu wiederholen, halten später, wenn sich Spuren des Blutbrechens wieder
zeigten, z. B. im August 1880, die Folge, dass sofort völlige Euphorie eintrat.
Ich habe nur dies eine Mal Blutbrechen als Begleiter hysterischer
Affectionen gesehen; in einem zweiten Fall wurde mir nur davon be-
richtet. Wohl aber sind bei Erwachsenen solche Fälle beobachtet worden').
Da ich unter ähnlichen Verhältnissen bei einer Hysterischen Bluthusten
ohne nachweisbare Lungenerkrankung beobachtet habe, halte ich auch
das Auftreten von Hämatemesis für möglich. Die Deutung des Vorgangs
ist freilich schwer und kann zunächst nur eine hypothetische bleiben.
Wenn ich an die plötzliche Röthe des Gesichts bei gewissen Gemüths-
affecten und an den Fall eines epileptischen Kindes denke, dessen Anfälle
jedesmal mit einer allgemeinen starken Röthe der gesammten Haut als
Aura begannen, so glaube ich annehmen zu dürfen, dass in Folge eines
die gefässerweiternden Nerven der Lunge oder des Magens betreffenden
Reizes, Hyperämien uud Blutungen in diesen Theilen zu Stande kommen
können. Das typische Erscheinen des Blutbrechens in uuserem Fall
ist nicht überraschend, da in einigen zuvor mitgetheilten Fällen auch die
convulsivischen Erscheinungen in exquisit typischer Weise auftraten.
Dahin gehört auch der Fall eines 9jährigen Knaben, der seine »hyste-
') Vergl. Rathery, Contribution ä l'etude des hemorrhagies survenant dans
le cours de l'Hysterie. Union med. 1880. No. 32, 35. — Lancereaux, Hemorrhagies
neuropathiques. Ibid. No. 56.
Hysterie. 217
rischen« Convulsionen regelmässig um 12 Uhr Mittags und 5 Uhr Nach-
mittags bekam, wobei jeder Verdacht auf Simulation ausgeschlossen war.
Die mitgetheilten Beobachtungen genügen, um Ihnen ein allgemeines
Bild dieser merkwürdigen Zustände in ihren verschiedenen Formen zu
bieten. Alle Modificationen sind freilich damit nicht erschöpft, und ich
könnte Ihnen noch mannigfache Abweichungen und Combinationen schil-
dern, Fälle von Aphonie, Aphasie, Globus, Singultus, Dysphagie. Ebenso
weist die Literatur Beobachtungen von Gelenkneuralgien, Ovarialschmerz
von partiellen Hyper- und Anaesthesien auf, die sich von den bei Er-
wachsenen gemachten nicht unterscheiden '). Bei einem 10 jährigen Knaben
sah ich z. B. allgemeine Zuckungen und Opisthotonus jedesmal bei Be-
rührung des Leibes, zumal der hypogastrischen Gegend, aber auch spontan
eintreten. Das Wunderbare, Unbegreifliche regt natürlich immer wieder
den Verdacht der Simulation an, und in der That kann man auch im
kindlichen Alter nicht vorsichtig genug in dieser Beziehung sein 2). Mir
selbst kamen nicht selten solche Fälle vor, unter anderen der eines
12 jährigen Mädchens (25. Februar 1879), welches seit zwei Jahren an
cataleptischen Anfällen litt und in der letzten Zeit wohl 4 — 5 mal täglich
von diesen heimgesucht wurde, von dem Augenblick an aber, wo sie in die
Kinderstation aufgenommen wurde, bis zu ihrer Entlassung, also minde-
stens 2 Wochen lang, nicht einen einzigen Anfall hatte. Aber abge-
sehen davon, dass Fälle dieser Art meiner Ansicht nach nicht ohne
Weiteres als böswillige Simulation, sondern als Ausdruck der »hysteri-
schen« Nervenverstimmung aufzufassen sind, kann ich versichern, dass
in allen oben mitgetheilten Beobachtungen der Verdacht der Simulation
absolut auszuschliessen war. Ebenso verhält es sich mit vielen analogen
Fällen anderer Autoren, und ich kann daher dem Ausspruche Roger's
»pour les praticiens experts en pathologie infantile, toute neurose dite
par imitation est une neurose par Simulation« nicht durchweg bei-
stimmen. Das vollständige Fausiren der Anfälle des eben erwähnten
Kindes während seines Aufenthaltes im Krankenhause kann um so
weniger als Beweis für Simulation gelten, als es thatsächlich feststeht,
dass radicale Veränderungen der umgebenden Verhältnisse nicht selten
') Einen merkwürdigen Fall von scybalösern Kotherbrechen im Anfall
beschreibt Ro senstein. Berl. Win. Wochenschr. 1882. S. 522. — Sehr interessant
sind auch die in „Pädiatr. Arbeiten". Festschr. Berlin 1890 publicirten Beobach-
tungen von Soltmann, nach denen neuropathisch afficirte Kinder (hysterische, chorea-
tische, epileptische u. s. w.), wenn man sie auffordeit, mit der linken Hand zu
schreiben, dies von rechts nach links thun, also „Spiegelschrift" zeigen.
2) S. Abelin, Centralzeitung f. Kinderheilk. 1878. S. 257.
218 Krankheiten des Nervensystems.
eine temporäre oder selbst dauernde Besserung dieser »nervösen« Zu-
stände herbeiführen.
Zuweilen tritt die Aehnlichkeit mit Hysterie der Erwachsenen
noch frappanter auf, z. B. in folgendem Falle:
Am 5. Novbr. 1876 erschien in der Poliklinik ein 11 jähriges Mädchen, welches
vom seinem 1. Jahre an in Folge doppelseitiger Keratitis und Atrophia bulbi völlig
blind war. Bis vor 2'/2 Jahren gesund, wurde sie in die Schule geschickt, wo sie
mit äusserstem Fleiss lernte und sich ungewöhnlich anstrengte. Bald darauf bekam
sie Anfälle von Kopfschmerzen mit Erbrechen, so dass sie die Schule verlassen
musste. Mit um so grösserem Eifer trieb sie nun Musik, zu welcher sie entschiedenes
Talent hatte, und spielte täglich über drei Stunden Klavier, natürlich nur nach dem
Gehör. Seit einigen Monaten klagte sie über blitzartig eintretende Stiche in der
Stirn, Schwindel bis zum Umfallen, abwechselnd mit heftigen Colikschmerzen um
den Nabel, und mit Anfällen einer raschen dyspnoetischen Respiration. Alle diese
Zufälle traten täglich zu wiederholten Malen ein, und zwar sofort, wenn man mit
dem Kinde davon sprach. Dabei war ihr psychisches Wesen durchaus nicht dem
Alter entsprechend, vielmehr frühreif, ungemein geschwätzig und ausführlich in der
Schilderung ihrer Krankheit. Auffallend und komisch war besonders der Umstand,
dass sie der Mutter stets die letzten Worte ihrer Reden genau nachsprach. Dabei
schlief sie l2Stunden hintereinander, ohne dass eine Spur jener nervösen Symptome
sie belästigte. Uebrigens völlige Euphorie, und von einer Pubertätsentwickelung noch
nichts zu bemerken. Weiterer Verlauf unbekannt.
Hysterische Paralyse der unteren Extremitäten hatte ich bei
Kindern, besonders bei jungen Mädchen von 11 — 14 Jahren ein paar Mal
zu beobachten Gelegenheit, und zwar noch stärker entwickelt, wie in den
S. 209 und S. 210 mitgetheillen Fällen. Mitunter waren heftige, Wochen-
lang anhaltende Schreikrämpfe oder andere hysterische Zufälle voraus-
gegangen, nach deren Verschwinden die Lähmung in derselben Weise wie
bei Erwachsenen eingetreten war. Im Liegen und Sitzen konnten die
Beine fast ebenso gut wie im Normalzustande bewegt werden, die
Function der Sphincteren war intact, und auch die Sensibilität mit Aus-
nahme einzelner Fälle, so wie die Patellarrefloxe und die electrische
Erregbarkeit, ungestört. Aber die Kinder behaupteten hartnäckig, nicht
stehen und gehen zu können, und beim Versuch dazu versagte die Kraft;
die Patienten sanken zu Boden, wenn man sie nicht stützte. Der Ver-
dacht einer Medullarkrankheit konnte bald zurückgewiesen werden, und
in der That schwanden die Lähmungen nach einigen Wochen von selbst
oder in Folge psychischer Eindrücke, machten aber bisweilen anderen
nervösen Symptomen Platz '). In einem Falle verbanden sich mit anderen
') Vergl. Riegel (Zeitschr. f. klin. Med. VI. H. 5), welcher 5 Fälle solcher
Paralysen mit Contracturen u. s. w. mittheilt.
Hysterie. 219
nervösen Symptomen Anfälle von Paralyse der Nackenmuskeln, so dass
der Kopf auf die Brust sank und nur mit grosser Mühe nach einiger Zeit
activ aufgerichtet werden konnte, wobei jedesmal Aufwärtsrollen der
Bulbi stattfand. Gerade bei diesen hysterischen Paralysen hat man
vorzugsweise an Simulation zu denken, welche ich in einzelnen
Fällen durch Anwendung des elektrischen Pinsels, ja schon durch die
Androhung des Glüheisens schnell entlarvte. —
Nicht minder dunkel, als die Pathogenese aller dieser äusserlich
verschiedenen, ihrem Wesen nach aber identischen Zustände, sind ihre
aetiologischen Verhältnisse. Ganz bestimmte Ursachen habe ich
fast in keinem Falle auffinden können. Psychische Anlässe, zumal
Schreck, sind nicht abzuleugnen, besonders als Ursache von E-ecidiven.
Ein 9jähriges Mädchen, deren Krankheit am Tage nach einer in der Schule er-
littenen öffentlichen Züchtigung eingetreten war, bekam einen heftigen hysterischen
Krampfanfall, der Wochenlang ausgeblieben war, plötzlich während meines Vortrags
über ihre Krankheit, dem sie beiwohnte.
Bei einem 11jährigen Knaben entwickelten sich fast unmittelbar nach einer in
der Schule öffentlich erhaltenen Züchtigung Ilallucinationcn, Delirien, Anfälle von
ZuckuDgen mit Erhaltung des Eewusstseins und Aphasie, paralytische Schwäche der
Nackenmuskeln, alles mit vollkommen freien Intervallen, aber Monate langer Dauer.
Ein 11 jähriges Mädchen bekam hysterische Anfälle (Angst, Zittern, Schluchzen,
Weinkrämpfe u. s. w.), ein paar Tage, nachdem sie Abends auf der Strasse von einem
Manne gewaltsam festgehalten worden war, wobei ihr Mantel zerrissen wurde.
Im Allgemeinen disponirt das weibliche Geschlecht und die Zeit
der Pubertätsentwickelung, und man hat daher alle diese Affectionen,
zumal Chorea magna, mit dieser in Beziehung gebracht. Da aber auch
Knaben und jüngere Kinder zwischen 7 und 11 Jahren keineswegs von
den beschriebenen Zufällen verschont bleiben, so müssen ausser jenen
Entwickelungsformen noch andere aetiologische Momente wirksam sein
können. Es liegt nahe, diese zunächst in Heizungen des Genitalsystems
zu suchen, und so hört man denn Onanie vielfach als eine Hauptursache
der nervösen Störungen bezeichnen1). Ich will nun keineswegs in Abrede
stellen, dass bei stark ausgebildeter »nervöser Prädisposition« dieses Laster,
beharrlich betrieben, aetiologisch bedeutsam werden kann, aber bei seiner,
grossen Verbreitung müsste man doch die Fälle, um welche es sich hier
handelt, weit häufiger beobachten, als es thatsächlich geschieht. Dass
') Jacobi, On masturbation and hysteria in young children. American Journ.
of obstetrics etc. VIII , 4.; IX., 3. 1876. — Hirschsprung, Jahrb. f. Kinderheilk.
XX1I1. 460.
220 Krankheiten des Nervensystems.
man diese Ursache in der Praxis scharf ins Auge fasst, ist jedenfalls
gerechtfertigt. Sie werden es kaum glauben, dass manche Kinder schon
im zweiten Lebensjahre, ja noch früher onaniren, entweder durch wirk-
lich Manipulation oder durch Aneinanderreihen der Oberschenkel, wobei
deutliche Erectionen des kleinen Penis zu Stande kommen, oft auch
durch das schon erwähnte rhythmische Wiegen des Oberkörpers in sitzen-
der Stellung (S. 181). In diesem Alter ist das Uebel durch scharfe
Ueberwachung noch am leichtesten zu beseitigen, schwerer bei älteren
Kindern, welche oft jeden unbewachten Augenblick benutzen, dem Laster
zu fröhnen. Ich erinnere mich unter anderen eines 8 jährigen Mädchens,
welches sich, wenn es die Hände zu brauchen Anstand nahm, durch das
Reiben der Genitalien an der Kante des Stuhls, auf welchem sie sass,
in gewaltige Aufregung versetzte, von welcher die glühenden Wangen,
die glänzenden Augen, die rasche Athmung Zeugniss gaben. Nicht immer
ist aber die Diagnose so leicht, und es bedarf dann sorgfältiger Beob-
achtung, zumal vor dem Einschlafen, um die Kinder in flagrante zu
überraschen. Ein paar Flecke in der Wäsche sind keineswegs genügende
Indicien für eine sichere Diagnose. Ich habe mich nun in allen Fällen
von hysterischen Affectionen und Chorea magna bemüht, gerade über
diesen Punkt ins Klare zu kommen, aber in keinem einzigen Falle
die absolute Gewissheit erhalten, dass die Ursache in Masturbation zu
suchen sei. Immer musste man sich mit der Möglichkeit oder Wahr-
scheinlichkeit behelfen, die ja in der Aetiologie überhaupt schon eine
viel zu grosse Rolle spielen. Trotzdem werden Sie gut thun, an Onanie
zu denken und, wo diese in der That nachweisbar ist, sie möglichst
zu unterdrücken suchen, denn mag sie auch für sich allein nicht gerade
die Veranlassung zur Krankheit bilden, so wird sie doch immer durch
Ueberreizung des Nervensystems den Boden für die Entwickelung der-
selben vorbereiten und die Heilung verzögern können. Wie bedenklich
eine solche Ueberreizung werden kann, lehrt z. B. der folgende Fall:
Carl A. , 7 Jahre alt, aufgenommen in die Kinderstation am 8. Januar 1873,
onanirt seit seinem 5 Jahre, angeregt durch das lange fortgesetzte Zusammenschlagen
mit einer Verwandten, welche ihr Spiel mit ihm getrieben hatte. Allmälig zunehmende
Erschlaffung, Enuresis nocturna, schlaflose Nächte, und seit 14 Tagen Unfähigkeit
zu gehen. Ohne sich festzuhalten, kann er weder sitzen, noch stehen, noch gehen.
Auch gestützt goräth er alsbald ins Schwanken, klagt über Schwindel und zeigt beim
Gohversuch deutliche Ataxie, ähnlich wie bei Tabes dorsalis. Beim Schliessen der
Augen bedeutende Zunahme dieser Erscheinungen. Im Bett alle Bewegungen der
Beine frei, wenn auch weniger energisch, als im Normalzustande. Sensibilität intact,
die von den Fusssohlen ausgelösten Reflexbewegungen aber minder kräftig und lang-
samer erfolgend. Urin und Stuhl nur mit Mühe zurückzuhalten, mitunter unwillkür-
Hysterie. 221
lieh erfolgend. Anämie und massige Abmagerung. Therapie: täglich ein lau-
warmes Bad von 10 Minuten Dauer mit kalter Brause über Kopf und Kücken,
strengste Beaufsichtigung des Patienten und Verhütung jedes onanistischen Ver-
suchs. Schon am 23. bedeutende Besserung des Gehens, Auf hören der Enuresis. Am
31. kaum noch ein geringes Schwanken beim Gehen bemerkbar. Mitte Februar völlige
Genesung.
Der überaus schnelle günstige Verlauf dieses Falles, welcher anfangs
das bei einem Kinde mir sonst nie vorgekommene Bild einer vorgeschrit-
tenen Tabes darbot, beweist, dass keine Degeneration, sondern nur eine
functionelle Störung vorlag, dass also durch fortgesetzte Reizung der
Genitalnerven bei Kindern Paresen der unteren Extremitäten mit atak-
tischen Erscheinungen, Abnahme des Muskelsinas und verminderter
Energie der Sphincteren, zu Stande kommen können, ähnlich den hyste-
rischen Lähmungen der Frauen, welche durch krankhafte Zustände der
Sexualorgane, oder auch ohne solche durch allgemeine das Nervensystem
deprimirende Einflüsse bedingt werden, und unter günstigen Umständen
ebenso glücklich verlaufen. In dieselbe Categorie gehören auch die Pa-
resen und Ataxien der unteren Extremitäten, welche hie und da bei
Kindern mit hochgradiger Phimose und davon herrührender Genital-
reizung beobachtet und durch die Operation geheilt wurden ').
Die meisten Kinder, welche die eine oder die andere Form unserer
»hysterischen Zustände« darboten, waren von zarter Constitution, mager,
mehr oder weniger anämisch; nur die Minorität zeigte normale Ernährungs-
verhältnisse. Fast immer Hess sich in der Erziehung eine wunde Stelle
nachweisen, welche der späteren Neurose einen günstigen Boden bereitete.
Kinder, die mit ungewöhnlicher Sorgfalt und Verzärtelung erzogen werden,
um welche sich der ganze Hausstand »dreht«, die umgeben sind von
äusserst nachsichtigen, allen ihren Launen nachgebenden Persönlichkeiten,
deren leiseste Klagen mit übertriebener Aengstlichkeit aufgefasst und
behandelt werden, sind vorzugsweise jenen wunderlichen Krankheiten
ausgesetzt. Unter diesen Umständen kommt es bisweilen auch zu einer
Art von Hypochondrie, die ich besonders bei einem 8 jährigen sehr
verzogenen, zarten Knaben beobachtete. Mit peinlicher Angst achtete
er auf sein Befinden, untersuchte seine Zunge, jeden Fleck, der sich am
Körper zeigte u. s. w. Bei einer solchen, oft schon durch Heredität,
oder wenigstens durch eine neuropathische Belastung der Familie
geschaffenen Anlage , kann durch alle auf das Nervensystem stark wirken-
') Oesterr. Jahrb f. Pädiatrik. VII. 1876. 1. Heft. Annal. S. 128. — Arch.
f. Kinderheük. VIII. S. 460. — Revue mens. Juli 188S. p. 304.
222 Krankheiten des Nervensystems.
den Reize, Gemüthsaffecte jeder Art, selbst freudige (z. B. bei einem
10jährigen Mädchen eine besonders gute Oensur in der Schule), über-
grosse geistige Anstrengung, Ehrgeiz beim Lernen, schlechte Behandlung
seitens der Eltern, endlich durch Nachahmungstrieb die Krankheit
zur vollen Entwickelung gebracht werden. Alle Fälle von Chorea magna
und minor, von Krämpfen und psychischen Alterationen, welche in einer
gewissen Verbreitung (in Schulen) beobachtet worden sind, gehören in
diese Kategorie.
Aus den von mir mitgetheilten Fällen werden Sie bereits ersehen
haben, dass eine medicamentöse Behandlung wenig Erfolg verspricht.
Ich kenne kein Mittel, welches mir wirkliche Dienste geleistet hätte,
mit Ausnahme des Chloralhydrats (1,5—1,0 pro dosi), und des Morphiums
(auch als subcutane Injection zu 0,005 bis 0,01 pro dosi), von denen
ich palliativen Nutzen zur Beseitigung heftiger spastischer Erscheinungen
beobachtete. Auch die bei Schrei- und anderen Stimmkrämpfen von mir
versuchten Chloroformeinathmungen wirkten immer nur vorübergehend.
In vielen Fällen, z. B. bei Lauf- und Springkrämpfen, sind aber auch
diese Mittel während der Paroxysmen schwer oder gar nicht anwendbar,
oder versagen die Wirkung. Man muss dann den Anfall ruhig ablaufen
lassen und nur dafür Sorge tragen, dass die Kranken sich durch die
Art und Intensität ihrer Bewegungen keine Verletzung zuziehen. Mit-
unter kann man durch einen plötzlichen heftigen Eindruck, z. B. durch
AfFusion des Gesichts mit kaltem Wasser, durch laute und rauhe An-
sprache, den Anfall unterbrechen. Doch gelingt dies keineswegs immer.
Ebenso wenig sind wir im Stande, den Verlauf der Krankheit im Ganzen
durch Medicamente abzukürzen. Selbst wenn der Typus der Anfälle auf
das deutlichste ausgesprochen war, sah ich weder von Chinin noch von
Arsenik irgend einen Erfolg. Bei der Häufigkeit einer anämischen Grund-
lage thut man immer noch am besten, die Kinder mit kleinen Dosen
Eisen zu behandeln oder auch Arsenik, wie bei Chorea, zu geben,
weil diese Mittel, in kleinen Dosen längere Zeit fortgesetzt, einen günsti-
gen Einlluss auf anämische Constitutionen ausüben. Lauwarme beruhigende
Bäder mit Seife oder Bolus alba (50,0 bis 100,0 auf ein Bad) möglichst
lang (l :, Stunde lang) fortgesetzt, gute Nahrung, Genuss der frischen
Luft sind zu empfehlen, aber leider nicht immer zu beschaffen. Bei
Stimmkrämpfen ist der galvanische Strom zu versuchen; er bringt
mitunter schnelle Heilung, während er in anderen Fällen nichts leistet
oder gar verschlimmert. Nicht selten wirken alle Manipulationen dieser
Art, Elektrisiren, Einführung einer Schlundsonde, subcutane Injection,
ja schon die laryngoscopische Untersuchung, und besonders die Andro-
Hysterie. 223
hung, diese Maassnahmen zu wiederholen, wunderbar schnell, offenbar nur
psychisch. Dahin gehört auch die jetzt beliebte Hypnose und »Sug-
gestion«,über die ichkeine ausreichenden Erfahrungen besitze. Man hüte sich
aber, an eine rasche Besserung übermässige Hoffnungen zu knüpfen,
welche durch plötzliche Wiederzunahme der Symptome bald Lügen ge-
straft werden. Glücklicher Weise kann man die Angehörigen von vorn-
herein über den Ausgang beruhigen, und zwar möchte ich behaupten,
dass, je wunderbarer und unbegreiflicher die Symptome sich
gestalten, je mehr sich ein Wechsel derselben vollzieht, um
so sicherer der glückliche Ausgang zu prognosticiren ist.
Daher können Sie Fälle von Chorea magna, von Stimmkrämpfen und
hysterischen Paralysen immer am günstigsten beurtheilen, während die
kataleptische Form (unsere erste Categorie) mit Rücksicht auf die Mög-
lichkeit einer epileptischen Umwandelung immer Bedenken aufkommen
lässt (S. 203). Jedenfalls rathe ich, die Angehörigen auf ganz uner-
wartete Umschläge der Erscheinungen vorzubereiten; wo heut Paralyse
besteht, kann diese in wenigen Tagen einer convulsi vischen Affection,
einer Sensibilitätsneurose, einer psychischen Alteration Platz machen,
und dies geschieht bisweilen schon inmitten eines Anfalls.
Nach der Heilung werden Sie gut thun, die tonisirende Behandlung
noch weiter fortzusetzen, und wo es die Verhältnisse erlauben, entweder
eisenhaltige Bäder oder laue indifferente Thermalbäder in frischer Berg-
und Waldluft gebrauchen zu lassen. Unter den letzteren empfehle ich
besonders die Thermen von Schlangenbad im Taunus, Landeck in Schle-
sien, Johannisbad in Böhmen; unter den ersteren, die bei vorwaltender
Anämie am Platze sind, Schwalbach, Pyrmont, Driburg, Flinsberg, in
der Schweiz die hochgelegenen Quellen von Tarasp und St. Moritz.
Ich zweifle nicht, dass durch eine Bade- und Luftcur dieser Art die
Wiederkehr der in Rede stehenden Affectionen verhütet, ihr Verlauf im
Ganzen daher abgekürzt werden kann. Unter günstigen Lebensverhält-
nissen wird, glaube ich, ein auf eine Reihe von Jahren ausgedehnter
Verlauf, wie ihn z. B. unser Fall S. 211 aufweist, kaum vorkommen.
Bei grosser Hartnäckigkeit des Uebels bleibt indess nichts weiter übrig,
als das Kind aus der gewohnten Umgebung des Elternhauses in eine
ihm völlig ungewohnte, sei es in eine Krankenanstalt oder in eine
fremde Familie, zu versetzen. Mit dem Wechsel des Aufenthalts ist es
nicht abgethan, wenn nicht auch die Gesellschaft der Mutter oder der
gewohnten Pflegerin dem Kinde entzogen wird. Der Schulbesuch ist
selbstverständlich während der Dauer der Krankheit zu untersagen , und
auch nach der Heilung ist jede geistige Ueberanstrengung zu vermeiden.
224 Krankheiten des Nervensystems.
Bei Mädchen in der Entwickclungsperiode erfordern die eintretenden
Menses besonders Ruhe und Pflege. Unser Fall S. 211 lehrt, dass mit
der vollständigen Ausbildung der Pubertät auch ungewöhnlich chronische
Zustände dieser Art ein glückliches Ende erreichen können.
VII. Nächtliches Aufschrecken, Pavor nocturnus.
Mit diesem Namen bezeichnet man einen Zustand, welcher durch
den Schrecken, den er den Eltern einflösst, oft genug die Nachtruhe des
Arztes stört. Mitten im tiefen Schlaf, besonders häufig in den ersten
Standen nach dem Einschlafen, fahren die Kinder plötzlich empor,
schreien heftig und anhaltend, greifen mit den Händen in die Luft, oder
sitzen mit stierem Blick und ängstlichem Gesichtsausdruck im Bett, un-
verständliche oder schwer deutbare Worte vor sich hinsprechend. Viele
zittern an allen Gliedern, werfen sich entsetzt in die Arme der erschreckten
Mutter oder Wärterin, umklammern diese, ohne sie deutlich zu erkennen,
rufen auch wohl nach Licht, und nur mit Mühe gelingt es, sie zu be-
ruhigen. Nach kurzer Pause wiederholt sich die Scene, nicht selten
mehrere Male hintereinander, so dass eine halbe Stunde und mehr ver-
gehen kann, bis völlige Ruhe eintritt und das erschöpfte Kind wieder
einschläft. In der Regel verläuft nun der übrige Theil der Nacht im
ruhigen Schlaf, und beim Erwachen weiss das Kind nichts von den
Vorfällen der Nacht, erinnert sich auch nicht des Arztes, der vor seinem
Bette gesessen. Solche Anfälle wiederholen sich in unregelmässigen Inter-
vallen, bald allnächtlich, bald nur ein paar Mal in der Woche oder noch
seltener. Zwei Anfälle in einer und derselben Nacht gehören zu den Aus-
nahmen. Am Tage bieten die Kinder durchaus keine Erscheinungen dar,
welche sich zu den nächtlichen Paroxysmen in Beziehung bringen lassen;
nur zweimal hatte ich Gelegenheit, solche Anfälle auch am Tage zu be-
obachten, wenn die betreffenden Kranken auf dem Sopha eingeschlafen
waren. Die Dauer dieses die Umgebung der Kinder in Unruhe ver-
setzenden Zustandes ist unbestimmt; während mitunter das Ganze mit
wenigen Anfällen abgethan ist, wiederholen sich diese bei anderen Kindern
viele Wochen, ja Monate lang, verschwinden aber schliesslich, ohne üble
Folgen zu hinterlassen. Bei einem 7 jährigen anämischen Mädchen, welches
sonst ganz gesund war, bestanden die Anfälle schon zwei Jahre lang,
mit Unterbrechungen von höchstens acht Tagen, hatten aber seit dem
Schulbesuch an Frequenz noch zugenommen.
Wenn ich diese Affection hier unmittelbar auf die »hysterischen«
Zustände folgen lasse, so geschieht dies keineswegs aus dem Grunde,
weil ich eine nahe Verwandtschaft beider annehme. Sah ich auch den
Pavor uocturnus. 225
Pavor noeturnus in einzelnen Fällen bei Kindern auftreten, die durch
eine zu »hysterischer« Verstimmung disponirende Erziehung verzärtelt
und überreizt waren, und gleichzeitig an Kopfschmerzen, Palpitationen,
ohnmachtähnlichen Zufällen u. s. w. litten, so war dies doch eben so
selten, wie das Auftreten des Pavor im Gefolge von wirklicher Epilepsie,
was ich bei einem 10 jährigen Mädchen beobachtete. Nachdem hier vor
3 Jahren mehrere epileptische Anfälle mit 8- bis lOtägigem Intervall
stattgefunden hatten, pausirten diese bis zum Januar 1882, wo plötz-
lich wieder mehrere Anfälle erfolgten, welche sich im Februar mit Hal-
lucinationen und Schreien combinirten, im März spontan verschwanden
und Anfällen des Pavor noeturnus, welche mitunter zweimal in einer
Nacht eintraten, Platz machten. Als Vorläufer und Begleiter wirklicher
Psychosen ist mir der Pavor noch nicht begegnet, was vielleicht von
der geringen Zahl kindlicher Geisteskranken abhängt, die mir selbst
vorgekommen sind.
Im Allgemeinen trifft man den Pavor fast ausschliesslich bei jungen
Kindern bis gegen die zweite Dentition hin, während die »hysterischen«
Zustände erst nach dieser Periode vorzukommen pflegen. Auch ist von
der Veränderung des psychischen Wesens, welche bei den letzteren fast
nie fehlt, hier nichts wahrzunehmen. Das ganze Leiden beschränkt sich
vielmehr auf die beschriebenen nächtlichen Anfälle, und mir kam es stets
so vor, als ob ein schwerer ängstlicher Traum die Kinder aus dem Schlafe
schreckte und in den halbwachen Zustand noch hinüberspielce. Dass
Traumbilder, Hallucinationen, hier eine Rolle spielen, geht schon daraus
hervor, dass die Kinder diese oft bestimmt bezeichnen; ich hörte sie
sagen, man möge die Kette wegnehmen, Thiere vertreiben, sie würden
überfahren u. s. w. Andere wollen aus dem Bette springen, in ein be-
nachbartes Zimmer fliehen, um dem Schrecken zu entgehen. Ein 4 jähri-
ger Knabe, welcher durch eine Biene heftig erschreckt worden war,
bekam schon in der darauf folgenden Nacht einen Anfall von Pavor, in
welchem er fortwährend von einem »Fisch« phantasirte, der ihn bedrohte.
Dies wiederholte sich ein paar Nächte hintereinander und schliesslich
wollte das Kind das Schlafzimmer gar nicht mehr betreten. Je reger
die Phantisie des Kindes, je mehr sie durch die beliebten Schauerge-
schichten der Kinderfrauen oder durch Erschrecken von Seiten anderer
Kinder, Einsperren in dunkle Räume u. s. w. gereizt wird, um so leichter
tritt der Pavor ein und darin liegt gewiss eine Warnung, die von der
Umgebung der Kinder beherzigt werden sollte.
Unter den seltenen Fällen von Pavor diurnus, die ich gesehen, betraf einer
den 7jährigen Sohn eines Schauspielers, ein nervöses, anämisches, verzärteltes Kind.
Henoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 15
226 Krankheiten des Nervensystems.
Seit einigen Monaten bestanden wohl 10—20 Anfälle täglich, aber niemals in der
Nacht, in denen das Kind sich Augen und Ohren zuhielt, anhaltend schrie „ich
fürchte mich" und die Mutter umklammerte. Dauer nur wenige Secunden. Sonst ge-
sund, insbesondere keine anderen hysterischen Symptome. Bei einem 6jährigen
„nervösen" Kinde, welches seit 7 Monaten mit etwa Htägigen Intervallen an Pavor
noct. litt, traten zuweilen auch bei Tage Anfälle mit Hallucinationen auf. Beide
Fälle konnten leider nicht verfolgt werden.
Die Ansicht, dass Störungen der Verdauung meistens zu Grunde
liegen sollen, kann ich nicht theilen. Mit voller Sicherheit konnte ich
nur selten dyspeptische Affectionen nachweisen, deren Beseitigung auch
den Pavor rasch zum Verschwinden brachte, z. B. bei einem 8jährigen
Knaben, der während eines Magencatarrhs 5 Nächte hintereinander
Anfälle von Pavor hatte. Dagegen boten die meisten Fälle durch-
aus keine Störung der Digestionsorgane dar, und ebenso wenig konnte
ich in den Respirations- oder Circulationsorganen krankhafte Zustände
constatiren '), insbesondere fehlten in meinen Fällen die „adenoiden Wuche-
rungen" des Nasenrachenraums, welche hie und da als Ursache be-
schuldigt wurden. Eine Familiendisposition ist in manchen Fällen
unleugbar; Kinder nervöser Eltern werden mit Vorliebe befallen. Da
es aber meistens unmöglich war, die Ursachen nachzuweisen, so be-
schränkte ich mich darauf, jede Erregung der kindlichen Phantasie durch
abendliche Erzählungen zu untersagen, und vor dem Schlafengehen eine
Dosis Kali bromatum (0,5 bis 1,0) zu verordnen, welches eine beruhi-
gende Wirkung auszuüben schien. Morphium und Chloral habe ich noch
nicht versucht, würde mich aber nicht bedenken, diese Mittel in inten-
siven Fällen anzuwenden.
VIII. Peripherische Lähmungen.
Unter den Nerven, welche am häufigsten von einer peripherischen
Paralyse betroffen werden, nimmt bei Kindern, wie bei Erwachsenen,
der Gesichtsnerv eine hervorragende Stelle ein. Die Paralyse des Ner-
vus facialis kann schon im frühesten Kindesalter, gleich nach der
Geburt, auftreten, so dass beim Schreien der Mund nach der gesunden
Seite hin verzogen wird, oft auch das Auge der gelähmten Seite nicht
ganz geschlossen werden kann. Es kommt darauf an, ob der lähmende
Anlass die Labial- und Palpebralzweige des Facialis gleichzeitig traf oder
letztere verschonte. Dieser Anlass ist der Druck der Geburtszange
während der Entbindung, welcher in solchen Fällen mitunter eine kleine
') Silbermann, Jahrb. f. Kinderheilk. XX. S. 2G6.
Paralyse des Facialis. 227
Ecchyrnose in der Parotisgcgend hinterlässt. Bei den Hebammen und
den Eltern des Neugeborenen erregt das Verziehen des Mundes in der
Regel grossen Schrecken, da es als Zeichen von »Schlagfluss« betrachtet wird.
Sie können aber die Besorgten mit der Versicherung beruhigen,
dass die Lähmung wahrscheinlich binnen wenigen Wochen verschwinden
wird, sobald das vorhandene Blutextravasat resorbirt ist oder der Nerv
sich von den Folgen der Compression erholt haben wird. Ich sage
„wahrscheinlich", denn mit absoluter Sicherheit dürfen Sie den glück-
lichen Ausgang nicht verbürgen. In einzelnen Fällen ist nämlich der
Druck so intensiv und nachhaltig gewesen, dass degenerative Processe
im Facialis entstehen, welche sich nicht immer ausgleichen, sondern eine
permanente Paralyse bedingen. Ich selbst beobachtete dies zweimal bei
einem 12V2-und einem 13jährigen Mädchen, und Parrot und Troisier')
lieferten dafür den anatomischen Beweis.
Weit seltener kommt eine angeborene Lähmung des Facialis vor,
welche mit dem Zangendrucke nichts zu thun hat. Ich sah sie nur ein-
mal bei einem 10jährigen Knaben, welcher ohne Kunsthilfe geboren
worden und gleich nach der Geburt Paralyse des linken Gesichtsnerven
dargeboten hatte. Sämmtliche Zweige, auch die linke Hälfte des Gau-
mensegels, waren gelähmt, und das Gehör auf dem linken Ohr aufge-
hoben, ohne dass jemals eine Erkrankung des letzteren stattgefunden
hatte. Eine längere galvanische Behandlung blieb erfolglos. Aehnliche
congenitaie Fälle werden in der Literatur hie und da berichtet , doch
sind ihre anatomischen Ursachen nicht genügend aufgeklärt-).
Die im späteren Kindesalter vorkommenden halbseitigen Gesichts-
lähmungen entsprechen durchaus denen der Erwachsenen. Zur Wahr-
nehmung der Erscheinungen thut man immer gut, die Gesichtszüge durch
einen Affect in Bewegung zu versetzen. Während der Ruhe sehen Sie
im Gesicht des Kindes keine auffallende Veränderung; erst beim Weinen,
Schreien, Lachen tritt die Asymetrie der beiden Hälften deutlich her-
vor. Schwierigkeiten macht beim Kinde oft die Inspection des Gau-
mensegels, bei welcher man sich dann mit einem raschen Blick be-
gnügen muss. Auch die Ursachen stimmen mit denen der Facial-
lähmung Erwachsener überein. Der rheumatische Anlass wird auch
hier häufiger angenommen , als bewiesen , doch gehören die Fälle , in
') Note sur Panatomie pathologique de la paralysie faciale des nouveau-nes.
Arch. de Tocologie. Aout, 1876.
') Stephan, Revue de med. Paris, 1887. p. 548. — Bernhardt, Neurolog.
Centrbl. 1890. No. 14.
15*
228 Krankheiten des Nervensystems.
denen die Einwirkung kalter Zugluft, besonders bei schwitzender Haut,
sich evident als Ursache nachweisen lässt, nicht zu den Seltenheiten.
Bisweilen sah ich Narben von Abscessen oder Drüsenanschwel-
lungen hinter und unter dem Ohr, in der Gegend des Foramen stylo-
mastoideum, durch ihren Druck auf den austretenden Stamm des Facialis
Lähmung erzeugen.
Kind von 2 Jahren, mit vollständiger Paralyse aller Gesichtszweige des
linken Facialis. In der Umgebung des Foramen stylomastoid. ein tief dringender
sinuöser, von den Lymphdrüsen ausgegangener Abscess. Nach Oeffnung desselben
bleibt eine erhebliche Schwellung und Infiltration des Bindegewebes zurück. Vom
25. Febr. an Bepinselung mit Jodtinctur; am 7. März bedeutende Verkleinerung
der Geschwulst, Lähmung unverändert. Fortsetzung des Pinseins und auch innerlich
Jod (0,05) mit lodkali (1,2), Aq. dest. 90, Syr. simpl. 30, 4 Mal täglich ein Kinder-
löffel. Anfangs April vollständige Heilung.
Solche Fälle beobachtete ich schon bei sehr zarten Kindern, z. B. bei zwei
Kindern von resp. 5 und 11 Monaten. Bei diesem waren vor, hinter und unter dem
rechten Ohre Drüsentumoren mit diffuser Schwellung des Bindegewebes nachweisbar,
während im ersten Falle nur bei sorgfältiger Untersuchung eine tiefliegende Härte
unter dem Process. mastoideus gefühlt werden konnte. Bei einem 4jährigen Kinde
entstand Lähmung der Labial- und Nasaläste des linken Facialis durch den Druck
eines in der Reconvalescenz des Ileotyphus sich entwickelnden grossen Abscesses
vor dem Ohre. Die Lähmung verschwand fast plötzlich, als der Abscess den äusse-
ren Gehörgang durchbrach und sich durch diesen enileerte. Bei einem 4 wöchentlichen
Säugling war die Lähmung sämmtlicher Gesichtszweige des linken Facialis durch
gangränöse Zerstörung des Nerven am Foramen stylomastoideum (in Folge von
Noma des Ohrs) bedingt worden.
Als häufigste Ursache der Facialparalyse im Kindesalter müssen
wir aber Caries des Felsenbeins betrachten, welche den Nerven-
stamm im Canalis Fallopii zei stört. Die zahlreichen Fälle dieser Art,
welche ich beobachtete, stimmen alle darin überein, dass stets sämmt-
liche Gesichtszweige des Nerven gelähmt waren, während die halb-
seitige Paralyse des Gaumensegels nicht immer vorhanden war. Die
Uvula stand vielmehr oft vollkommen gerade, und die Gaumenbewe-
gung war auf beiden Seiten gleichmässig, denn nicht nur der Schief-
stand der Uvula, sondern auch der Stillstand der einen Hälfte des Velum
beim Athmen und Phoniren, wodurch eine Verziehung des Segels nach
der anderen Seite hin stattfindet, ist hier zu beachten. Wo dies Sym-
ptom fehlt, kann man schliessen, dass die Destruction des Fallopischen
Canals nur diesseits des Abganges des Nerv, petrosus superfic. major
stattgefunden hat. Taubheit auf dem befallenen Ohr ist bei kleinen
Kindern schwer oder garnicht nachweisbar; um so deutlicher spricht die
stets vorhandene, zuweilen mit Blutung verbundene Otorrhoe, mit wel-
Paralyse des Facialis. 229
eher nicht sehen kleine und grössere Knoehensequester, auch wohl die
sauber präparirten Gehörknöchelchen aus dem Meatus auditorius ent-
leert werden. Empfindliche Anschwellung des Schläfenheins hinter dem
Ohr , Röthung und fistulöse Oeffnungen können den in der Tiefe zer-
störenden Process verkünden. Diese Ursache der Lähmung kann schon
in sehr frühem Alter vorkommen. Ich sah sie bereits im dritten und
fünften Monate beginnen , und entweder unter dem Allgemeinbilde tu-
berculöser Atrophie bald tödten, oder Jahre lang dauern, bis schliess-
lich durch Complicationen, besonders Tuberculose des Gehirns oder
anderer Organe, Meningitis oder Sinusthrombose, der Tod herbeigeführt
wurde. Je länger die Paralyse besteht, um so atrophischer werden
die Gesichtsmuskeln, welche ich bei einem Kinde zu dünnen bräunlich-
gelben Streifen verschrumpft fand. Die Sectionen ergaben eine ausge-
dehnte cariöse oder cariös- gangränöse Zerstörung des Felsenbeins, die
bisweilen bis an die Dura reichte. Aber selbst da, wo dicht unter
dieser eine cariöse Höhle sich befand, war die Membran selbst gewöhnlich
intact, höchstens etwas dunkler gefärbt, so dass an einen Dnrchbruch in
die Schädelhöhle noch nicht zu denken war. Dagegen fand ich wieder-
holt Pachymeningitis und partielle purulente Arachnitis. Aus dem Meatus
auditor. externus Hess sich zuweilen ein langer Sequester extrahiren,
worauf man nach Entfernung des äusseren Ohrs in eine umfängliche, den
grössten Theil des Felsenbeins einnehmende Höhle hineinblickte; in ein-
zelnen Fällen konnte man auch schon während des Lebens entweder
aus dem Meatus oder aus einer in der Pars mästoidea befindlichen Fistel-
öffnung nekrotische Knochenstücke herausziehen. Die hinter der Ohr-
muschel befindlichen Abscesse und Fisteln communicirten mit dem Innern
des cariösen Knochens. Bei einem 3jährigen äusserst cachektischen und
anämischen Knaben war das äussere Ohr durch einen halbmondförmigen
gangränösen Spalt fast gänzlich vom Kopfe getrennt, und wir konnten
einen Sequester von 2 Ctm. Länge und 1 Ctm. Breite aus der Tiefe
entfernen.
Fast alle Kinder, welche diese Paralyse darboten, waren gleichzeitig
tuberculös und gingen früher oder später zu Grunde. In einem Falle
fanden sich auf der Dura der betreffenden mittleren Schädelgrube viele
hirse- bis hanfkorngrosse Knötchen. Seltener kam die Caries durch eine
einfache vernachlässigte Otitis media zu Stande, besonders als Nach-
krankheit des Scharlachfiebers, und ich empfehle Ihnen, bei allen
von Scarlatina genesenden Kindern etwa zurückbleibende Otorrhöen sorg-
fältig zu überwachen. Einige Fälle lehrten mich, dass der vom Mittel-
ohr auf den Knochen übergreifende Destructionsprocess überraschend
230 Krankheiten des Nervensystems.
schnell verlaufen, ja schon wenige Wochen nach dem Ablauf des
Scharlachfiebers zu Oaries des Felsenbeins mit Facialparalyse führen
kann. —
Die bei Kindern seltener vorkommenden peripherischen Lähmungen
anderer Cerebralnerven bieten hier eben so wenig etwas Charakteristi-
sches dar, wie die durch locale Anlässe bedingten Paralysen der Spinalner-
ven. Unter diesen soll nur eine, welche bei der Geburt entsteht,
wegen dieser Ursache hier in Betracht gezogen werden. Nicht bloss auf
den Nerv, facialis, sondern auch auf den Plexus brachialis kann der
Druck der Zange so stark einwirken, dass dadurch Lähmungen einzelner
oder mehrerer Muskelgruppen des betreffenden Arms zu Stande kommen.
Roger') beschreibt einen Fall, in welchem gleich nach der Geburt der
Facialis und der eine Arm gleichzeitig gelähmt waren, der Eindruck
der Zange über der Clavicula noch deutlich sichtbar war, und nach dem
bald erfolgten Tode sowohl in der Umgebung des Foramen stylomastoi-
deura, wie des Plexus brachialis, Blutergüsse gefunden wurden. In eioem
meiner Fälle, welcher durch Atrophie letal endete, wurden von Herrn
Dr. Oppenheim degenerative Vorgänge im Plexus brachialis mikros-
kopisch nachgewiesen. Dieselbe Wirkung, wie der Zangendruck, können
auch andere geburtshülfliche Handgriffe hervorbringen, erschwerte Extrac-
tionen, starke Zerrungen des Arms, wobei bisweilen gleichzeitig Luxa-
tion oder Fractur des Humerus beobachtet wurde. Auch Hämatom des
Sternocleidomastoideus (S. 35) kann unter diesen Verhältnissen gleich-
zeitig vorhanden sein. Diese »oongenitale« oder eigentlich »artifi-
cielle" Paralyse der oberen Extremität kann, wie die des Facialis, ent-
weder vorübergehen, oder wenn durch den lähmenden Anlass degenera-
tive Vorgänge der Armnerven eingeleitet wurden, viele Jahre, ja das
ganze Leben hindurch bestehen, auch mit Störungen der Sensibilität ver-
bunden sein. So bestand bei einem 5jährigen Kinde gleichzeitig
Anaesthesie an der Ulnarseite des Vorderarms. Je nach dem Sitze
der Lähmung in den verschiedenen Muskeln nimmt der Arm durch
die Contraction der Antagonisten verschiedene Stellungen an; am
häufigsten hängt er schlaff dicht am Rumpf herab und wird
durch das Ueberwiegen der Muse, pectorales, subscapularis und latissi-
mus dorsi über den gelähmten Infraspinatus unter starker Pronations-
stellung der Hand nach innen gerollt. Deltoideus, Biceps, Brachialis
anticus und Supinator longus sind in der Regel gleichzeitig gelähmt,
seltener auch andere Muskeln (Serratus, Subscapularis u. s. w.). Die
') Journ. f. Kinderln-ankh. 1864. S. 405.
Paralyse des Facialis. 231
faradische Erregbarkeit der gelähmten Muskeln schwindet rasch, es tritt
Entartungsreaction, bald auch Atrophie der betreffenden Extremität ein,
an welcher, wie ich wiederholt beobachtete, auch die Knochen Theil
nehmen, so dass die Scapula, die Knochen des Arms und der Hand
schliesslich verkürzt sind und die ganze Extremität verkümmert erscheint.
Häufig ist die Temperatur der Extremität herabgesetzt und die Hautfarbe
cyanotisch. Selbst Verkleinerung der Radialarterie wird erwähnt1). Die
Behandlung hat nur in der ersten Zeit der Krankheit noch auf Er-
folg zu rechnen. Die beharrliche Anwendung der Elektricität kann nur
so lange noch hülfreich werden, als die Nerven nicht fettig degenerirt
und die Muskeln noch reactionsfähig sind. Später hat man weder
von diesem noch von irgend einem anderen Mittel etwas zu erwarten.
Durch übermässige Dehnung des Plexus brachialis können auch
im späteren Kindesalter, wie bei Erwachsenen, Paralysen oder wenigstens
Paresen der oberen Extremität entstehen, welche mitunter Wochen und
Monate lang dauern. Ich beobachtete z. B. Parese des linken Arms bei
einem kleinen Mädchen, weiches beim Anziehen des Mäntelchens eine
heftige Zerrung des Arms nach hinten und aussen erlitten hatte. Die
Bewegung der Extremität, besonders nach oben und aussen, war äusserst
beschränkt, und es dauerte mehrere Wochen, bis nach beharrlicher An-
wendung von reizenden Frictionen und schliesslich der Elektricität, die
Function des Deltoideus vollständig retablirt war. Solche Fälle können,
wenn die Ursache nicht klar vorliegt, zu lebhafter Beunruhigung Anlass
geben, indem nicht nur die Eltern, sondern auch der gewissenhafte Arzt
den Verdacht eines cerebralen Ursprungs der Lähmung nicht los werden
können, bis die Besserung entschieden hervortritt. Dasselbe gilt von den
Paresen und Paralysen einer oberen oder unteren Extremität, welche bis-
weilen bei Kindern nach heftigen eclamptischen Anfällen einige
Tage lang zurückbleiben. Hier ist es nicht möglich, von vorn herein
zu bestimmen, ob es sich nur um eine vorübergehende Motilitätsstörung
oder um ein Cerebralleiden handelt, da, wie wir bald sehen werden,
ernste Gehirnkrankheiten, zumal Tuberkel, sich nicht selten durch plötz-
lich auftretende Convulsionen und zurückbleibende Paralysen ankündigen,
welche nach einiger Zeit wieder schwinden, unerwartet wiederkehren,
oder durch den Ausbruch von Meningitis tuberculosa ihre wahre Natur
documentiren. Ich rathe Ihnen daher, in der Diagnose aller partiellen
Lähmungen, deren peripherischer Anlass nicht über jedem Zweifel er-
haben ist, immer zurückhaltend zu sein und die Möglichkeit eines cen-
') d'Astras, Revue mens. Oct. 1892.
232 Krankheiten des Nervensystems.
tralen Leidens auch dann nicht ausser Acht zu lassen, wenn noch kein
weiteres Symptom eines solchen vorhanden sein sollte. Von den durch
Neuritis bedingten Lähmungen, welche bei Kindern fast ausschliesslich
in Folge infectiöser Krankheiten auftreten, wird bei der Diphtherie
und beim Typhus noch die Rede sein. Eine neuritische Paralyse des
linken Oberarms nach Influenza hatte ich nur in einem Falle zu be-
obachten Gelegenheit. —
Nicht unerwähnt darf es bleiben, dass man bei allen peripherischen
Lähmungen der oberen Extremität, zumal den oben geschilderten, durch
ein Trauma bedingten, an Luxation oder Subluxation des Schulter-
oder Vorderarmgelenks, und an Fracturen der Knochen zu denken
und daraufhin genau zu untersuchen hat. Ich würde dies nicht erwäh-
nen, wenn ich nicht in der Poliklinik öfters erlebt hätte, dass diese
Laesionen von unaufmerksamen Aerzten als Paresen gedeutet worden
waren.
IX. Die spinale Kinderlähmung.
Diese Krankheit, welche früher, bevor man ihre anatomischen Ver-
hältnisse kannte, unter dem Namen „essentielle Paralyse" beschrieben
wurde, verdient wegen ihrer Frequenz und der schweren Folgen, welche
sie für das ganze Leben der Kinder haben kann, Ihr besonderes Inter-
esse. Fast alle Fälle, welche Sie zu sehen bekommen, betreffen Kinder
von l'/o bis zu 4 Jahren, nur einmal betraf sie einen 10 jährigen Knaben,
der erst vor einem Jahre erkrankt sein sollte. Die Eltern geben an,
dass das Kind seit einigen Wochen, Monaten oder Jahren einen Arm,
ein Bein oder auch mehrere Glieder nicht mehr bewegen könne. Bei
der Untersuchung finden Sie in einem Theil der Fälle die betreffende
Extremität in der That bewegungslos; das Kind macht nicht den ge-
ringsten Versuch, mit der Hand etwas zu fassen oder auf dem Fusse
zu stehen. Das ganze Glied ist schlaff, wie das einer Puppe, so
dass Sie es ohne Widerstand hin- und herschleudern können. Dagegen
ist die Sensibilität fast immer vollständig intact. In anderen Fällen
zeigt die Paralyse bereits eine Abnahme; gewisse Bewegungen des
Gliedes können ausgeführt werden, andere sind absolut unmöglich. So
wird z. B. der Vorderarm im Ellenbogengelenk ziemlich gut fleotirt und
extendirt, während die Bewegungen des Oberarms nach aussen und oben,
die Pronation und Supination der Hand gar nicht oder nur in sehr
beschränktem Maasse möglich sind'). Dabei befindet sich das Kind
') Näheros übor die Legalisation der Paralyse in gewissen Muskelgruppen und
Paralysis infantitis. 233
gewöhnlich vollkommen wohl, alle Functionen sind in bester Ordnung,
das Aussehen meistens vortrefflich. Ueber Störungen des Blasen- und
Mastdarraschliessmuskels wird nur ausnahmsweise geklagt. Die Ent-
stehung des Leidens wird von den Angehörigen fast durchweg in ähn-
licher Weise geschildert, wie in den folgenden Fällen, die ich als Bei-
spiele anführe:
Am 20. Juli 1874 wurde ein 4jähriges Mädchen in meine Sprechstunde ge-
bracht. Von jeher gesund, erkrankte sie im Septr. 1872, also vor etwa 10 Monaten,
plötzlich mit heftigem Fieber , wobei die Temperatur bis auf 41° heraufging,
klagte dabei über Kopfschmerz und war schläfrig; sonst keine localen Sym-
ptome. Nach zwei Tagen Aufhören des Fiebers; beim Versuch aufzustehen bemerkte
man Lähmung beider unteren Extremitäten und des rechten Arms. Nach
Ablauf von 3 — 4 Tagen stellte sich die Kraft in den Beinen wieder her; das
Kind kann nun gehen, aber der Arm bleibt gelähmt und zeigt bei der Unter-
suchung die charakteristischen Erscheinungen, von denen gleich die Rede sein wird.
Kind von 1 1/2 Jahren, in der Poliklinik vorgestellt am 15. Oct. 1881. Vor
3 Wochen mehrtägiges Fieber. Darauf Paralyse aller vier Extremitäten.
Bei der Vorstellung sind die Bewegungen der Arme schon wieder beinahe normal,
die Paraplegie aber noch unverändert. Eine Woche später wird auch das linke Bein
schon leidlich bewegt, während das rechte völlig paralysirt ist. Sensibilität durch-
aus normal.
Dies ist der gewöhnliche Verlauf. Inmitten völliger Gesundheit
werden die Kinder von Fieber, bisweilen mit sehr hoher Temperatur,
befallen, klagen dabei, wenn sie alt genug sind, über Kopfschmerzen
und sind etwas somnolent; seltener liegen sie in einem wirklich soporösen,
halb bewussten Zustande, aus welchem sie nur schwer aufzurütteln sind,
oder zeigen gar Zuckungen und Contracturen. Noch seltener eröffnen
convulsivische Anfälle die Scene, die sich in einem meiner Fälle wohl 7
bis 8 Mal in einer Nacht wiederholten. Nach einigen Tagen, selten
schon nach wenigen Stunden oder erst nach einer Woche, geht dieser
Zustand vorüber, und die Eltern sehen nun zu ihrem Schrecken, dass
einzelne oder mehrere Glieder nicht mehr bewegt werden können. In
anderen Fällen soll das fieberhafte Vorstadium gefehlt, die Lähmung
ohne alle Vorläufer plötzlich, am Morgen nach einer gut durchschlafenen
Nacht eingetreten sein. Auch Erbrechen wurde bisweilen als einziges Pro-
drom angegeben. Ohne diese Art des Eintritts leugnen zu wollen, glaube ich
doch, dass die Angehörigen, zumal in den niederen Ständen, voraus-
gehende leichtere Störungen nicht selten übersehen. Was nun die Para-
deren Beziehung zu entsprechenden Herden im Rückenmarke s. bei E. Remak, Arch.
f Psychiatrie u. Nervenkrankh. IX. Heft 3.
234 Krankheiten des Nervensystems.
lyse betrifft, so sind entweder beide Beine und ein Arm, oder eine obere
und eine untere Extremität auf verschiedenen Seiten, selten Arm und
Bein derselben Seite in hcmiplektischer Form, noch seltener beide Arme,
häufiger beide unteren, oder gar alle vier Extremitäten befallen. Oft
beschränkt sich auch die Lähmung von vornherein auf ein einzelnes
Glied. Das Charakteristische liegt darin, dass die Lähmung fast immer
gleich im Beginn auf ihrer Acme steht; was sie bringen kann,
bringt sie entweder sofort, ähnlich wie die apoplektische Lähmung der
Erwachsenen, oder wenigstens in den ersten 24—48 Stunden, und zeigt
von da ab entschiedene Tendenz zur Besserung. Nur ausnahmsweise
wurde mir berichtet, dass die Paralyse in den ersten Wochen nach
ihrer Entstehung noch zugenommen, oder von einer unteren Extremität
erst nach einigen Tagen auf die andere übergegangen sei, was schon von
Duchenne beobachtet wurde. Die Wiederherstellung der Motilität geht
häufig, wie in den eben mitgetheilten Fällen, rasch von Statten; schon
nach einigen Tagen oder nach einer Woche ist ein oder das andere Glied
wieder funetionsfähig, oder es können einzelne Muskelgruppen eines
Gliedes wieder bewegt werden, während andere gelähmt bleiben. An
der oberen Extremität sind besonders die Schulter- und Oberarmmuskeln
befallen, seltener die des Vorderarms, so dass Hand und Finger meistens
beweglich sind, während an den unteren Extremitäten vorzugsweise die
vom N. peroneus versorgten Unterschenkelmuskeln, am Oberschenkel der
Muse, quadrieeps gelähmt erscheinen. Nach einigen Wochen ist die
Lähmung oft nur noch auf einzelne Muskelgruppen eines Arms oder eines
Beins beschränkt, in welchen sie dann aber eine traurige Beharrlichkeit
zu zeigen pflegt. Nach vielen Monaten, nach Jahren, ist der Zustand
dann noch immer unverändert und bleibt es nicht selten für das ganze
Leben; doch können die paralytischen Erscheinungen Monate lang be-
stehen und erst dann auf überraschende Weise sich bessern:
Kind von 2 Jahren, vorgestellt in der Poliklinik am 17. März 18»2. Vor
7 Monaten einige Tage lang Fieber und allgemeines Unwohlsein. Darauf Paralyse
der Nackenmuskeln und aller vier Extremitäten. Nach einigen Wochen kann der Kopf
wieder gehalten werden, aber die Lähmung der oberen und unteren Extremitäten be-
steht 3 Monate lang fast unverändert fort, so dass das Kind nichts greifon und das
Bett nicht verlassen kann. Erst nach dieser Zeit schwindet unter elektrischer Be-
handlung die Paralyse des rechten Arms und linken Beins, schliesslich auch die der
rechten unteren Extremität und des linken Vorderarms, so dass bei der Vorstellung
in der Klinik nur noch Lähmung und Atrophie des linken Oberarms, zumal des Del-
toideus, zu constatiren ist.
Sobald die Paralyse einige Wochen oder gar Monate bestanden
Paralysis infantilis. 235
hat, gesellt sich zu ihr eine Reihe von Erscheinungen, welche als
charakteristische gelten müssen und die Diagnose ausser Zweifel setzen.
Diese Erscheinungen sind: rasch zunehmende Atrophie der gelähmten
Extremitäten, Abnahme der Temperatur und der elektro-muscu-
lären Erregbarkeit. Das gelähmte Glied nimmt in Folge der Muskel-
atrophie an Umfang mehr und mehr ab; ganz besonders schwindet die
Partie des Deltoideus und der Schultermuskeln, so dass man zwischen
Acromion und Oberarmkopf leicht eingehen kann und die Schulter, von
hinten gesehen, im Vergleich mit der gesunden, stark abgeflacht er-
scheint. Aber auch die Extremität im Ganzen wird atrophisch, alle
Muskeln sind welk und dünn und die Gelenkbänder auffallend schlaff,
wodurch das betreffende Glied etwas länger, als das gesunde, erscheinen
kann. Es sind sogar Subluxationen, oder wirkliche Luxationen, z. B.
des Caput femoris auf den absteigenden Schambeinast beobachtet worden1).
Bei sehr fettleibigen Kindern kann die Atrophie der Muskeln durch das
überliegende Fett geringer erscheinen, als sie thatsächlich ist. Schon
die aufgelegte Hand nimmt die kühlere Temperatur der gelähmten
Extremität, verglichen mit der gesunden, deutlich wahr, und durch
zweckmässig construirte Thermometer war man im Stande, diese Ab-
nahme, die bis 1° C. betragen kann, zu messen. Zuweilen erschien die
Haut nicht bloss kühler, sondern auch cyanotisch gefärbt. Sehr charak-
teristisch ist das Verhalten der Muskeln gegen den elektrischen Strom.
Ueber die im Eintrittsstadium der Krankheit von Einigen (Benedikt)
beobachtete gesteigerte faradische und galvanische Reaction besitze ich
keine Erfahrungen. Ist aber erst Lähmung vorhanden, so erlischt die
Reaction fast ebenso schnell, wie bei peripherischen Lähmungen, be-
sonders früh gegen den faradischen Strom, während der galvanische
noch wirkt oder gar eine erhöhte Reaction auslösen kann (Entartungs-
reaction). Bisweilen schon am 5. Tage nach dem Eintritt der Paralyse,
häufiger erst nach einer Woche, ziehen sich die Muskeln theilweise nur
schwach , theilweise gar nicht mehr auf den faradischen Reiz zusammen,
immer ein schlimmes Zeichen, da die Muskeln, welche schon einige
Wochen nach dem Beginn der Krankheit keine Reaction mehr zeigen,
meistens für das ganze Leben funetionsunfähig bleiben. Je weiter die
Muskelentartung fortschreitet, um so schwächer wird auch die Reaction
gegen den galvanischen Strom, bis sie schliesslich vollständig erlischt2).
») Kare wski, Deutsche med. Wochenschr. 1889. S. 108.
2) Seligmüller, Gerhardt's Handb. d. Kinderkrankheiten. V. Abth. 1.
2. Hälfte. S. 68.
236 Krankheiten des Nervensystems.
Der Plantarreflex (beim Kitzeln der Fusssohle) ist in der Regel nicht
vorhanden , ebensowenig der Patellarreflex (Kniephänomen), doch hat man
dabei zu beachten, dass der letztere auch bei gesunden Kindern wegen
ihres Widerstrebens , besonders wegen der Spannung der Beine schwerer
zu beobachten ist, oft nur beim Beklopfen eines beschränkten Theils der
Sehne eintritt, vielleicht überhaupt häufiger vermisst wird, als bei Er-
wachsenen ').
Neben der Atrophie der Muskeln wird auch ein Zurückbleiben des
Knochenwachsthums beobachtet, wodurch die Extremität gegen die
gesunde verkürzt erscheinen kann. Diese Hemmung der Knochenentwicke-
lung hält nicht immer gleichen Schritt mit dem Grade und der Ausdeh-
nung der Paralyse und der Muskelatrophie; letztere können vielmehr
sehr ausgesprochen sein und das Glied doch kaum verkürzt erscheinen,
während in anderen Fällen, wo Lähmung und Atrophie nur beschränkt
auftreten, das Knochenwachsthum erheblich gehemmt sein kann.
Am 17. Nov. 1890 stellte ich meinen Zuhörern einen 6jährigen Knaben vor,
der vor 4 Jahren eine infantile Lähmung der linken unteren Extremität bekommeu
hatte. Obwohl sich die Motilität in erfreulicher Weise wiederhergestellt hatte, der
Knabe auch ganz leidlich gehen konnte, war doch das linke Bein erheblich atrophirt
und verkürzt, der Fuss bedeutend kürzer und schmaler, als der rechte. Diese That-
sache macht Charcot für den directen Einfluss der centralen Erkrankung auf die
Nutrition des Knochensystems geltend.
Wird die Lähmung innerhalb 10 — 12 Monaten, von ihrem Beginn
an gerechnet, nicht geheilt, so ist überhaupt nur wenig Hoffnung mehr
vorhanden, dass dies überhaupt noch geschehen wird. Um diese Zeit
pflegt sich dann eine neue Reihe von Erscheinungen zu entwickeln. Da
nämlich die Lähmung und Atrophie nicht alle Muskeln einer Extremität
gleichmässig, sondern fast immer nur einzelne Muskeln und Muskel-
gruppen betrifft, so müssen die Antagonisten derselben, welche ihre
Contractilität nicht eingebüsst haben, durch ihr Ueberge wicht Defor-
') Eulenburg, (Deutsche Zeitschr. f. prakt. Med. 1878. No. 31 und Neurol.
Centralbl. No. 8. 1882) fand unter 124 Kindern zwischen 1—5 Jahren das Knie-
phänomen in 5,G5pCt. beiderseitig, in 2,42 pCt. einseitig fehlend. S. auch Haase,
Beitr. zur Statistik der Reflexe bei Kindern. Diss. Greifswald, 1882. Bloch (Arch.
f. Psychiatrie u. Nervonkrankh. XII. 1882) und Faragö (Arch. f. Kinderheilk VIII.
S. 385). Pelizaeus (Archiv f. Psychiatrie. XIV. H. 2) sah unter 2403 Kindern nur
eins, bei dem es niemals gelang, den Patellarreflex zu erzielen, während Zeising
(Ueber das Kniephänomen u. s. w. Diss. Halle, 1887) denselben bei gesunden Kin-
dern nur in 1,4 pCt. der Fälle vermisste, wohl aber öfters undeutlich oder stark ab-
geschwächt fand (im Ganzen etwa in 11 pCt.)
Paralysis infantilis. 237
mitäten herbeiführen, die sich bei der grossen Mehrzahl als Pes cquinus
darstellen, aber auch in der Form des Pes varus, der Klumphand und
anderer abnormer Stellungen der oberen oder unteren Extremität auf-
treten können. Die Erklärung der Deformitäten durch die Antagonisten
war bis auf die neueste Zeit die allgemein angenommene, und hat auch
heute noch zahlreiche Anhänger. Hüter und Volkmann suchten an
ihre Stelle eine mechanische zu setzen, nach welcher die Deformitäten
lediglich durch die Stellung der Glieder und durch ihre eigene Schwer-
kraft zu Stande kommen sollen, während Andere (Hitzig) die Binde-
gewebsschrumpfung der in ihrer Nutrition beeinträchtigten Muskeln zur
Erklärung mit heranziehen. Jedenfalls ist mit dem Eintritt der Deformi-
täten die Krankheit als eine abgeschlossene zu betrachten; es handelt
sich dann nur noch um eine Verkrüppelung, mit welcher die Be-
troffenen das ganze Leben hindurch bis ins höchste Alter sich fort-
schleppen müssen.
Die anatomischen Untersuchungen, zu denen Cornil, Laborde
und Charcot in der Pariser Salpetriere 1863 und 1864 die erste An-
regung gaben, beweisen, dass die früheren Ansichten über das Wesen
der Krankheit, als einer „essentiellen" oder peripherischen Nerven- oder
Muskelailection unrichtig waren. Sie haben vielmehr die Vermuthung
Heine's, welcher das Rückenmark als den eigentlichen Ausgangspunkt
bezeichnete, durchaus bestätigt. Fast alle anatomischen Beobachtungen
rühren freilich aus den späteren Stadien der Krankheit, meistens sogar
von Erwachsenen und alten Leuten her, welche ihre Kinderlähmung bis
ins höhere Alter verschleppt hatten. Aber aus allen Beobachtungen
geht doch unzweifelhaft hervor, dass es sich hier um einen entzünd-
lichen Process in der grauen Substanz der Vorderhörner des
Rückenmarks handelt, der sich bis in die vorderen Seitenstränge
hinein erstrecken kann. Ausnahmsweise wurden auch geringe Verände-
rungen in den Hinterhörnern gefunden. Je nach dem Sitze der Lähmung
findet man entweder im oberen oder unteren Theil der Medulla be-
schränkte myelitische Herde, besonders in der Hals- und Lenden-
anschwellung. In relativ noch frischen Fällen, wie sie von Roger und
Daniaschino ') boschrieben wurden (die Lähmung hatte hier nur 2 und
resp. 5 Monate bestanden), hatten diese Herde eine Höhe von etwa 1
bis l'/2 Ctm., und die grösste Breite von 1—2 Mm. in ihrer Mitte, zeigten
weichere Consistenz, röthere Farbe und ergaben unter dem Microscop
eine Vermehrung des Capillargefässnetzes, Verdickung der Gefässwände
») Gaz. med. 1871.
238 Krankheiten des Nervensystems.
mit profuser Kernbildung in denselben und sehr zahlreiche Körnchenzellen.
Die multipolaren Ganglienzellen der Vorderhörner und die austre-
tenden motorischen Wurzelfasern waren atrophisch, und eine geringe
Sclerose der weissen Vorder- und Seitenstränge nachweisbar. Ganz ähn-
lich verhielt sich der Fall von Roth1), welcher 11 Monate gedauert
hatte; nur griff der Herd rechterseits nicht nur in den Vorderseitenstrang,
sondern auch in das Hinterhorn über. Besonders wichtig ist ein von
Archambault und Damaschino mitgetheilter Fall2), weil derselbe
schon am 26. Tage nach dem Beginn zur Section kam:
Paralyse des linken Beins. Sensibilität normal, alle Reflexe erloschen. Pa-
rese des rechten Arms; Nackenlähmung; faradische Reaction ganz erloschen. Tod
an Masern und Bronchopneumonie. Section: in den grauen Vorderhörnen der Cer-
vical- und Lumbaipartie mehrere sehr kleine ErweichuDgsherde, Gefässe mit Blut
überfüllt, vielfache Körnchenzellen, Ganglienzellen sehr atrophisch. In den vorderen
Nervenwurzeln und in ihren Ursprüngen aus den grauen Vorderhörnern und weissen
Vordersträngen fehlt die Myelinscheide und der Axencylinder. Die Nervenröhren sind
theils leer, theils enthalten sie durch Osmiumsäure sich schwarz färbendes Myelin,
ganz wie in durchschnittenen Nerven.
Je älter das Leiden ist, um so mehr tritt die Erscheinung, auf
welche Charcot ein besonderes Gewicht legt, nämlich die Atrophie
der multipolaren Ganglienzellen, in den Vordergrund, verbunden
mit Sclerose der grauen Vorderhörner und Atrophie der austretenden
motorischen Wurzelfasern: in veralteten Fällen, besonders wenn die Sec-
tion erst im höheren Alter gemacht wird, kann es zu diffuser Atro-
phie der Vorderhörner und der weissen Substanz der Vorderseitenstränge,
mit Schwund der grossen Ganglienzellen und reichlicher Entwicklung
von Corpora amylacea (Charcot, Leyden3), ja selbst zu einer Ent-
wicklungshemmung und Verkümmerung der der gelähmten Seite gegen-
überliegenden motorischen Partie der Gehirnrinde kommen4).
Was den Muskelschwund betrifft, welcher in dieser Krankheit
eine so bedeutende Rolle spielt, so scheint schon frühzeitig ein Theil
der Primitivbündel einfach zu atrophiren, ohne eine fettige Degeneration
einzugehen (Damaschino, Volkmann und Steudener). Die Fettan-
häufung in den Sarcolemmaschläuchen tritt erst in einer späteren Zeit
') Virchow's Archiv. 1873. Bd. 58. S. 263. S. a. F. Schultze, Neurol.
Central«. I. No. 19.
2) Revue mens, des maladies d'enfance. Fevr. 1883.
3) Klinik der Rückenmarkskrankh. Berlin, 1875.
4) Rumpf, Arch. f. Psychiatrie. Heft 2. — Sander, Oeuvres cornpl. de
Charcot. T. IV. Paris, 1887. p. 38.
Paralysis infantilis. 239
an der Stelle der schwindenden Primitivbündel und gleichzeitig auch in
den Interstitiell derselben auf, bisweilen in solcher Menge, dass die
Atrophie der Muskeln dadurch maskirt wird, und das Volumen derselben
normal oder sogar vermehrt erscheint, Die Fettbildung ist indess
keineswegs constant; sie kann in einzelnen Muskeln vorhanden sein, in
anderen fast ganz fehlen, wobei dann das interstitielle Bindegewebe mehr
oder weniger hypertrophirt erscheint. Nach diesen Verschiedenheiten
richtet sich auch das macroscopische Verhalten der Muskeln, die ent-
weder dünn, blassröthlich, gelblich, oder voluminös, dann aber fast ganz
in Fett umgewandelt erscheinen. Bei allgemeiner Abmagerung schwindet
auch das Fett, und die Atrophie der Muskeln tritt dann um so deut-
licher hervor. Auch die Nervenwurzeln und Nervenstämme der ge-
lähmten Theile wurden nicht selten atrophisch gefunden, erschienen dann
verdünnt und grau, während in anderen Fällen die Verdickung ihrer
Scheide und die Zunahme des interstitiellen Bindegewebes und Fettes die
Atrophie verdeckt1).
Nach den geschilderten Befunden unterliegt es also keinem Zweifel,
dass die spinale Kinderlähmung einem herdweise auftretenden myelitischen
Processe, welcher vorzugsweise die graue Substanz der Vorderhörner, zu-
mal der Hals- und Lendenanschwellung, befällt, ihre Entstehung ver-
dankt2). Mit der Zeit kann, wie bereits bemerkt wurde, auch ein Ueber-
greifen des Processes auf die Vorderseitenstränge, und zwar in diffuser
Form nach oben und unten stattfinden. In einzelnen Fällen wurde auch
eine Theilnahme der grauen Substanz des Hinterhorns beobachtet, woraus
sich wohl die Thatsache erklärt, dass bisweilen auch Störungen der
Sensibilität (Anästhesie, Schmerzen) beobachtet wurden. Mir
selbst kam ein Fall dieser Art vor, in welchem der grösste Theil des
gelähmten Beins gleichzeitig unempfindlich war, während bei einem anderen
2jährigen Kinde die Krankheit vor 3 Wochen mit einem 4 tägigen Fieber
und lebhaften Schmerzen im linken Arm begonnen hatte, welcher dann
am 5. Tage total gelähmt, aber nicht anaesthetisch war. Diese sen-
siblen Störungen, besonders in der ersten Zeit der Krankheit, wurden
schon früher erwähnt, aber wohl deshalb weniger beachtet, weil sie, zu-
mal bei kleinen Kindern, die nicht sprechen können, sehr schwer zu
') Vergl. über die Muskel- und Nervenveränderungen Eisenlohr, Deutsches
Archiv f. klin. Med. XXVI. p. 543.
2) Kussmaul schlug deshalb vor, die Krankheit Poliomyelitis acuta anterior
zu nennen.
240 Krankheiton des Nervensystems.
constatiren sind'). Eine Theilnahme der Sphincteren der Blase und
des Mastdarms wurde nur ausnahmsweise beobachtet. Die Nacken-
muskeln aber sah ich wiederholt befallen, so bei einem 3jährigen Kinde,
welches nach einem 2 tägigen febrilen Initialstadium plötzlich Paralyse
der rechten Oberextremität und der rechtsseitigen Nackenmuskeln darbot,
so dass der Kopf nicht mehr aufrecht gehalten werden konnte, hin und
her schwankte, und im Liegen nur nach links bewegt werden konnte.
Diese Lähmung verlor sich schon nach einer Woche, während die des
Arms fortbestand und sich bald mit Atrophie des Deltoideus und der
Schultermuskeln, und mit Temperaturabnahme verband.
Alle Autoren negiren die Theiinahme des Gehirns. Leyden2) be-
merkt ausdrücklich, dass der Facialis, Hypoglossus und die Augennerven
niemals betheiligt gefunden wurden; nur in einem Falle will er einen
kleinen sclerotischen Herd in der Medulla oblongata gefunden haben, der
während des Lebens keine Symptome bedingt hatte. Um so wichtiger
erscheint mir die folgende Beobachtung:
Bertha M., 2\2 Jahre alt, am 1. Mai 1876 in meine Poliklinik gebracht. Vor
drei Wochen plötzlich Fieber mit Erbrechen und anhaltender Somnolenz. Dauer
desselben zwei Tage. Schon am zweiten Tage Schwäche der rechten Hand bemerk-
bar, am Tage darauf Lähmung des ganzen rechten Arms. Somnolenz hält noch drei
Tage an, dann Wohlbefinden, aber Paralyse des rechten Arms und eines Theils des
linken Facialis. Letztere war am Tage der Untersuchung noch nicht völlig be-
seitigt. Das linke Auge biieb beim Schreien und Weinen noch halb geöffnet und der
Mund wurde etwas nach rechts verzogen. Der rechte Arm schlaff herabhängend,
Oberarm gänzlich immobil, Vorderarm im Ellenbogengelenk beweglich, an der Hand
nur die Adduction des Daumens möglich. Die linksseitigen Gesichtsmuskeln reagirten
gegen den faradischen Strom normal, während an der rechten oberen Extremität
nur der Flexor und Adductor pollici^ und einzelne Finger sich contrahirten, alle
übrigen Muskeln nur sehr schwache oder gar keine Reaction zeigten. Galvanischer
Strom wegen Mangels eines Apparats nicht versucht. Sensibilität, Volumen und
Temperatur normal. Vom Mai bis Ende October wurde fast täglich der faradische
Strom auf die Armmusculatur applicirt und schliesslich bedeutende Besserung er-
zielt. Die Flexion des Ellenbogen- und Handgelenks, die Bewegung des Daumens,
des 4. und 5. Fingers fast normal, dagegen die Erhebung des Arms nach aussen und
hinten unmöglich. Deltoideus und Schultermuskulatur stark atrophisch, und die
ganze rechte Extremität kühler als die linke, der 2. und 3. Finger in starrer Flexion,
spontan nicht zu strecken. Der Facialis war ohne elektrische Behandlung schon
Mitte Mai wieder vollständig funetionsfähig geworden. Erst am 28. April 1879 sah
ich das Kind wieder, welches noch beinahe ein Jahr lang elektrisirt worden war und
erhebliche Fortschritte gemacht hatte, so dass nunmehr auch der Arm nach hinten
') Laurent, Syraptümes premonitoires de la paralysie spinale aigui.i. These
de Paris. 1887.
-) 1. o. II. p. 555.
Paralysis infantilis. 241
und aussen bewegt werden konnte. Die Atrophie war noch unverändert und die
rechte Hand auffallend kleiner als die linke.
Die Charaktere der spinalen Kinderlähmung sind hier deutlich aus-
gesprochen, und die Theilnahme des Facialis bildete daher eine
bisher kaum beschriebene Ausnahme1). Ich muss annehmen, dass sich
von vornherein gleichzeitig mit dem myelitischen Herde, der wohl im
rechten Vorderhorn der Cervicalanschwellung zu suchen ist, ein be-
schränkter encephalitischer Herd im Wurzelgebiete des linken
Facialis entwickelt hat. Letzterer bildete sich nach wenigen Wochen
zurück, während der myelitische Process weiter fortbestand und zur
theilweisen Atrophie der grossen Ganglienzellen führte. Erwägt man,
dass andere Medullaraffectionen, z. B. die multiple Sclerose, sich durch-
aus nicht selten mit analogen Veränderungen des Gehirns combiniren,
so ist in der That nicht abzusehen, warum bei der infantilen Spinal-
lähmung nicht dasselbe vorkommen sollte, und das Auftreten von Sopor
und Convulsionen in manchen Fällen des fieberhaften Initialstadiums
spricht in der That dafür, dass die Theilnahme des Gehirns öfter statt-
finden mag, als man anzunehmen pflegt.
Ein zweiter ähnlicher Fall kam mir am 21. Nov. 1890 in der Poliklinik bei
einem einjährigen Kinde vor. Vor 5 Tagen gesund ins Bett gelegt. Nacht unruhig,
Fieber. Am nächsten Morgen allgemeine Lähmung der Extremitäten und der Nacken-
muskeln, Mund nach links verzogen (beim Schreien). In den nächsten Tagen rasche
Wiederherstellung der Motilität der unteren Extremitäten, die gut bewegt werden.
Aber völlige schlaffe Paralyse des linken Oberarms und des rechten Facialis
bleibt zurück (auch das Auge kann nicht gut geschlossen werden). Der rechte Ober-
arm (besonders der Deltoideus) ebenfalls noch schwer beweglich. Patellar- und
Cremasterreflex erloschen. Sensibilität normal.
Von nicht geringem Interesse in dieser Beziehung sind die von
Meli in auf dem internat. med. Congresse2) zu Berlin gemachten Mit-
theilungen über eine epidemische Häufung von (44) Fällen infantiler
Paralyse, die zum Theil mit Lähmungen cerebraler Nerven (Facialis,
Abducens, Oculomotorius, Hypoglossus) einhergingen, zum Theil tödtlich
endeten, und dann bei der Section in den Wurzelkernen dieser Nerven
degenerative Processe darboten. Eine Bestätigung meiner eben ausge-
sprochenen Ansicht, dass ein Uebergreifen des meistens nur die graue
') Einen an den meinigen erinnernden Fall theilt Seligmüller (Jahrb. f.
Kinderheilk. XII. 1878. S. 348) mit.
2) Verhandl. d. 10. intern, med. Oongr. Bd. II. Abth. 6. S. 37.
Henoeh, Vorlegungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. [Q
242 Krankheiten des Nervensystems.
Medullarsubstanz befallenden Processes auf die Wurzelherde cerebraler
Nerven stattfinden kann. —
Die Erscheinungen der spinalen Kinderlähmung sind so prägnant
und charakteristisch, dass eine Verwechselung mit anderen centralen
Paralysen so gut wie ausgeschlossen ist. Das febrile Initialstadium,
die plötzlich eintretende Paralyse, die fast nie progressiv, sondern
immer regressiv ist, und von einer Anfangs grösseren Ausdehnung
rasch auf ein beschränkteres Gebiet zurückgeht, die fast constante Inte-
grität der sensiblen Sphäre und der Sphincteren, die schnell verschwin-
dende Reaction der Muskeln gegen den faradischen Strom, die früh-
zeitige Atrophie und Temperaturabnahme, schliesslich die Deformi-
tät — das Alles findet man in diesem Verein bei keiner anderen Krankheit
wieder. Dennoch drängt sich die Frage auf, ob in der That alle Fälle,
welche die klinischen Charaktere der spinalen Kinderlähmung dar-
bieten, durch jene disseminirten myelitischen Herde, wie sie zuvor ge-
schildert wurden, bedingt sind, denn es lässt sich nicht in Abrede stellen,
dass peripherische Lähmungen einzelner Glieder, eines Arms, einer
unteren Extremität, sich klinisch ganz ähnlich verhalten können, wie
die uns beschäftigende centrale Affection. Durch traumatische Ein-
wirkungen, Zerrung oder Compression der Nervenstämme (S. 230), Luxa-
tion des Schultergelenks, können Paralysen entstehen, welche nach
kurzer Zeit mit Atrophie der Musculatur und Abnahme der Reaction gegen
die faradische Elektricität einhergehen, ganz so wie peripherische Läh-
mungen des Facialis. Schon Duchenne machte auf die angeborene Lu-
xatio hümeri als eine in der Erscheinung ähnliche Affection aufmerksam.
Eins aber fehlt allen diesen Paralysen, nämlich das febrile und bis-
weilen mit cerebralen Symptomen verlaufende Initialstadium, welches, bei
der spinalen Kinderlähmung doch nur selten ganz vermisst wird. Schon
vor vielen Jahren beschrieb Kennedy Lähmungen, die bei vollkommen
gesunden Kindern urplötzlich ohne alle Vorboten entstehen, mitunter
so, dass die Kinder gesund zu Bette gehen und am Morgen mit Lähmung
einer unteren oder oberen Extremität erwachen, die zwar in der Regel
nach kürzerer oder längerer Zeit wieder schwindet (temporäre Para-
lyse), aber auch denselben Verlauf nehmen kann, wie unsere spinale
Kinderlähmung. Man suchte in solchen Fällen nach localen Anlässen,
beschuldigte den Druck des Kopfes auf die Armnerven während des
Schlafes, Erkältung, Reflexreiz von der Dentition aus, aber meistens
ohne rechte Begründung. Besonders die von den englischen Autoren
angeklagte Zahnung konnte ich in keinem einzigen Fall als Ursache
solcher Lähmungen constatiren. Die Kennedy'schen Paralysen scheinen
Paralysis infantilis. 243
mir daher verschiedenen Ursprungs zu sein, und nur theilweise der spi-
nalen Kinderlähmung anzugehören. Ein Zweifel in der Diagnose kann
überhaupt nur 'da aufkommen, wo es sich um eine mit Atrophie der
Muskeln und Unempfindlichkeit derselben gegen den elektrischen Strom
verbundene Lähmung eines einzelnen Gliedes handelt, denn in Fällen
von ausgedehnter Paralyse ist an ihrem spinalen Ursprung nicht zu zweifeln.
Eine Verwechselung mit der bald zu beschreibenden „cerebralen Kinder-
lähmung" ist durch die bei dieser fast nie fehlende Theilnahme von
Oerebralnerven , durch intellectuelle Störungen und das elektrische Ver-
halten so gut wie ausgeschlossen.
Nicht unerwähnt will ich lassen, dass hie und da einfache Atrophien
einer Extremität mit etwas kühlerer Temperatur vorkommen, welche auf
den ersten Blick an spinale Kinderlähmung denken lassen, bei denen
aber die Muskelkraft kaum oder gar nicht beeinträchtigt ist, und die
Elektricität in normaler Weise einwirkt, also Lähmung gar nicht vor-
handen ist. Solche Atrophien können auf einem Fehler der ersten Bil-
dung beruhen, z. B. bei einem 7jährigen, stets gesunden aber links-
händigen Mädchen, dessen rechte Hand, linker Ober- und Unterschenkel
von jeher in massigem Grade atrophisch waren, ohne dass die Kraft
gelitten hatte, ohne dass überhaupt jemals krankhafte Erscheinungen
von Seiten des Nervensystems stattgefunden hatten. In solchen Fällen
zeigen alle Gewebe, Knochen, Muskeln, Fett in der betreffenden Ex-
tremität eine schwächere Entwickelung, als in dem entsprechenden nor-
malen Gliede. In einem anderen Falle, welcher ein 7 Monate altes
Kind betraf, war die Atrophie des linken Unterschenkels und Fusses die
Folge einer spiraligen Umschlingung desselben durch die Nabelschnur.
Auch hier hatten die Motilität und die elektromusculäre Contractilität
in keiner Weise gelitten. In einzelnen Fällen wurde eine solche Atrophie
erst zufällig in der Klinik entdeckt.
Von den Ursachen der spinalen Kinderlähmung wissen wir so gut
wie nichts. Nur in einem kleinen Theil der Fälle gelang es, eine neu-
ropathische Belastung der Familie nachzuweisen. Auch epidemisches
Auftreten der Krankheit wurde beobachtet (Cordier, Mellin1) und die
Krankheit demgemäss als eine infectiöse betrachtet, wofür jedoch der
bacteriologische Beweis fehlt. Mir selbst sind Fälle dieser Art noch
nicht begegnet, und mein erster Eindruck, dass die interessante, von
Mellin beobachtete Epidemie wegen der ganz ungewöhnlichen Häufung
der Fälle und der enorm häufigen Verbreitung der Paralyse auf cere-
1) C. o. Congressverhandl.
16"
244 Krankheiten des Nervensystems.
brale Nerven der wahren spinalen Kinderlähmung nicht beizuordnen sei,
ist durch die scheinbare Identität der anatomischen Befunde nicht er-
schüttert worden. — Die Krankheit tritt in der Regel ganz plötzlich,
inmitten ungetrübter Gesundheit auf, und es gelingt trotz der genauesten
Nachforschung fast nie, ein Gelegenheitsmoment nachzuweisen. In einem
meiner Fälle wurde ein Sturz ins Wasser als Ursache angegeben. Bis-
weilen beobachtete man ähnliche Symptome nach lnfectionskrank-
heiten (Scharlach, Masern, Pocken, Typhus, Pneumonie), meistens mit
Ausgang in Genesung, doch kann auch Atrophie im weiteren Verlaufe
sich hinzugesellen. Es muss aber vorläufig dahingestellt bleiben, ob die
anatomischen Verhältnisse dieser Fälle denen der spinalen Kinderlähmung
in der That entsprechen. Dass die letztere mit allen ihren Symptomen,
obwohl viel seltener, auch bei Erwachsenen vorkommt, sei hier beiläufig
erwähnt.
In der Regel wird der Arzt erst dann citirt, wenn die Krankheit
schon Wochenlang bestanden hat. Wird man schon im acuten Initial-
stadium hinzugerufen, so weiss man natürlich nie, ob sich aus diesem
eine spinale Lähmung entwickeln wird, weil die Symptome nur die eines
mehr oder weniger hohen Fiebers mit oder ohne Oerebralerscheinungen
sind. Sind diese vorhanden, so mag man eine Eiskappe auf den Kopf
appliciren, in sehr intensiven Fällen einige Blutegel hinter den Ohren
oder an den Schläfen appliciren, und innerlich Purgantia, Calomel (0,03
bis 0,05 3 stündlich) oder Infus. Sennae comp. u. s. w. verordnen. Ist
aber die Paralyse einmal ausgebildet, so lehrt die Erfahrung, dass nur
eine möglichst frühzeitige und consequent fortgeführte elektrische Cur
die Rückbildung derselben fördern und Atrophie verhüten kann. Wenn
Einige behaupten, dass die Elektricität überhaupt nicht viel leiste, oder
dass, wenn sie nach Jahresfrist noch keinen Erfolg gehabt habe, dann
überhaupt jede Hoffnung aufzugeben sei, so stehen dieser Ansicht die
grossen Erfolge Duchenne's und anderer gegenüber, welche auch nach
dieser Zeit durch beharrliche Fortsetzung der Cur noch Resultate erzielt
haben, und der oben (S. 240) mitgetheilte Fall giebt einen neuen Beweis
dafür. Man kann daher nur den Rath geben, consequent zu sein.
Aber gerade an dieser Consequenz fehlt es vielen Eltern und wohl auch
vielen Aerzten. Schon eine bis zwei Wochen nach dem Beginn der
Krankheit kann man die elektrische Behandlung beginnen. Mit Recht
empfiehlt man für diese frühe Zeit den galvanischen Strom, weil der
faradische zu reizend und schmerzhaft für die Kinder ist, überdies die
Reaction gegen diesen schon sehr vermindert oder erloschen sein kann,
während der erstere noch deutlich einwirkt. Nach Duchenne's reichen
Paralysis infantilis. 245
Erfahrungen, die sich allerdings nur auf den faradischen Strom beziehen,
soll die Behandlung im Anfang sehr vorsichtig sein, mit schwachen
Strömen beginnen, nur 3 mal wöchentlich stattfinden und jedesmal nicht
länger als 5 bis höchstens 10 Minuten dauern. Im späteren Stadium
passt der faradische Strom ebenso gut, vielleicht noch besser als der
constante, weil es dann darauf ankommt, durch einen kräftigen Reiz
die noch nicht entarteten Muskelfasern anzuregen und ihre Nutrition zu
fördern. Ich wiederhole, dass die Behandlung in widerstrebenden Fällen
Jahre lang mit eingeschobenen Pausen fortgesetzt werden muss, bevor
man sie als hoffnungslos aufgiebt. Dabei ist Massage und Gymnastik
zu empfehlen, welche, in passender Weise angewendet, durch stete
Uebung der noch nisht völlig entarteten Muskeln die Function derselben
gleichzeitig mit ihrer Ernährung zu kräftigen vermag. In den späteren
Stadien kommt noch die Orthopädie und Chirurgie als wichtiges
Hülfsmittei in der Form von Apparaten und Operationen (Tenotomie,
Arthrodese) in Betracht, welche einerseits die Deformitäten zu verhüten,
die atrophischen Muskeln zu stützen, andererseits die Contracturen der
Antagonisten und die durch Schlottergelenke verursachten Bewegungs-
störungen zu ermässigen trachten. Gerade die veralteten Fälle von
Kinderlähmung liefern ein ansehnliches Material in die orthopädischen
Institute, und Heine7 s berühmtes Werk1), welches so viel für die
richtige Anschauung der spinalen Kinderlähmung leistete, ist ja selbst
die Frucht orthopädischer Beobachtungen. Die Anfertigung der Apparate
muss, ebenso wie die Gymnastik, dem vorliegenden einzelnen Falle
angepasst werden, und meistens wird hier die Erfahrung eines bewährten
Orthopäden und eines geschickten Mechanikers dem behandelnden Arzte
mit Rath und That an die Hand gehen müssen. In den niederen Ständen
erlebte ich es ein paar Mal, dass intelligente Väter aus eigener Initiative
Apparate construirten, welche trotz ihrer Einfachheit und Billigkeit doch
den Anforderungen ziemlich entsprachen.
Ist auch die Wiederkehr der Reaction gegen den elektrischen Strom
stets ein günstiges Zeichen, so lehrt doch die Erfahrung, dass mitunter
diese Reaction (gegen beide Stromesarten) noch fehlt, wenn schon die
ersten Spuren willkürlicher Bewegung sich bemerkbar machen, und
man muss dann mit der Anwendung der Elektricität um so beharrlicher
fortfahren. Andere Mittel kann ich Ihnen nicht empfehlen. Von der
Anwendung des Jodkali sah ich weder im Anfange noch später Erfolg,
ebensowenig von den hie und da empfohlenen Injectionen von Strychnin
') Spinale Kinderlähmung. Monographie. 2. Aufl. Stuttgart, 1860.
246 Krankheiten des Nervensystems.
(0,002—0,003 täglich). Wenn die Verhältnisse günstig sind, lasse man
solche Kinder die gute Jahreszeit in frischer Luft zubringen, und Sool-
oder Eisenbäder nehmen, welche durch starken Kohlensäuregehalt reizend
auf die Motilität einwirken, wenn überhaupt noch normale Musculatur
vorhanden ist. Aber weder Rehme und Nauheim, noch Schwalbach,
Pyrmont oder Driburg, noch endlich die gerühmten Akratothermen
(Gastein, Wiidbad, Ragaz u. a.) werden, abgesehen von der günstigen
Allgemein Wirkung, irgend etwas leisten, wenn der Fall veraltet, die
Ganglienzellen atrophisch geworden und die Musculatur verschrumpft
und verfettet ist. Unter diesen Umständen hilft überhaupt nichts mehr,
und die Kranken müssen sich mit ihren deformirten Gliedern als Krüppel
durch das Leben schleppen. Dass aber der vernarbte myelitische Herd
zu neuen spinalen Affectionen im Jünglingsalter oder noch später
disponirt, wird durch eine Reihe von Beobachtungen wahrscheinlich ge-
macht ')• —
Die „spinale Kinderlähmung" ist die einzige Krankheit des Rücken-
marks, welche das Kindesalter mit besonderer Vorliebe und charakte-
ristischen Erscheinungen befällt. Unter den übrigen spinalen Erkrankungen
spielt nur noch die in Folge von Spondylitis auftretende Paraplegie
wegen ihrer Frequenz im Kindesalter eine Rolle, unterscheidet sich aber
in keiner Weise von der gleichen Erkrankung Erwachsener. Ich habe
daher keine Veranlassung, mich weiter mit derselben zu beschäftigen.
Dass bei Kindern auch noch andere Krankheiten des Rückenmarks,
entzündliche Processe, Hämorrhagien , Tuberkel, selbst Tumoren ver-
schiedener Art vorkommen und Lähmungen veranlassen können, ist
sicher, wenn dies auch weit seltener als bei Erwachsenen geschieht.
Etwas Eigenthümliches , Charakteristisches aber bieten diese Zustände
bei Kindern nicht dar; ihre Erscheinungen sind dieselben, und ihre spe-
cielle Diagnose ist in den meisten Fällen ebenso schwierig, ja unmöglich,
wie im späteren Alter. Besonders sind es zwei Krankheiten, welche in
neuester Zeit auch in Bezug auf das Kindesalter Interesse erregten, die
multiple Sclerose und die „spastische Spinalparalyse". Die
erstere ist bei Kindern wiederholt durch die Section constatirt worden,
und wir verdanken besonders Friedreich die Kenntniss einer Sclerose
der Hinterstränge in ihrer ganzen Längsausdehnung, bisweilen auch mit
Betheiligung der Seiten- und Vorderstränge, die sich auf hereditärer
Basis, vorzugsweise um die Pubertätszeit, entwickelt, sich klinisch durch
') Sattler, Contribution ä l'etude clinique de quelques accidents spinaux etc.
These. Paris, 1888.
Paralysis infantilis. 247
ataktische Bewegungsstörung, zunächst der unteren Extremitäten, später
auch durch Störungen der Sprache, Augenmuskellähmungen, Nystagmus,
Fehlen der Reflexe kennzeichnet, und einen enorm langsamen, über
30 Jahre ausgedehnten Verlauf nehmen kann. Die spastische Spinal-
paralyse ist bekanntlich auch bei Erwachsenen immer noch nicht viel
mehr, als ein Symptomencomplex, welchem keine ganz bestimmte ana-
tomische Alteration entspricht, meistens aber eine sclerosirende Degene-
ration der Vorderseitenstränge zu Grunde liegt. Solche Fälle, die sich
durch chronische, selbst von Geburt an bestehende Parese beider unteren
Extremitäten, selten der oberen, besonders aber durch Contractur ein-
zelner Muskelgruppen charakterisiren, sind mir durchaus nicht selten bei
Kindern vorgekommen. Zumal beim Versuch zu stehen oder zu gehen,
erregt das Aufsetzen der Fusssohlen auf den Boden häufig Zittern, be-
sonders aber starre Contractur der Wadenmuskeln mit Pesequinusstellung
der Füsse. Das Kind kann also nur, wenn es gestützt oder geführt
wird, mit steifen Beinen auf den etwas einwärts gekehrten Fussspitzen
mühselig gehen. Meistens besteht auch eine starke Contractur der Ad-
ductoren der Oberschenkel, so dass diese kreuzweise übereinander-
geschlagen und jede Bewegung unmöglich gemacht wird. Diese Con-
tractur besteht auch im ruhenden Zustande fort und verhindert sowohl
das active wie passive Auseinanderspreitzen der Oberschenkel. Der
Patellarsehnenreflex ist immer gesteigert, die elektromuskuläre Contracti-
lität, die Sensibilität, und die Kraft der Sphincteren nicht vermindert,
auch keine Atrophie bemerkbar1). Leider entgingen alle meine Fälle
der weiteren Beobachtung und blieben anatomisch unvollständig. Ebenso
wenig sind die von Seeligmüller2), Förster3), Maydl4), und *
d'Heilly5) mitgetheilten Fälle dieser Art geeignet, Licht über das
dunkle Gebiet zu verbreiten. Die von diesen Autoren und auch von mir
') Seeligmüller (Gerhardt's Handb. der Kinderkrankh. V. Abtheilung 1.
2. Hälfte. S. 167) beobachtete zwar 5 mit Atrophie der Muskeln und Symptomen
der Bulbärparalyse verbundene Fälle („amyotrophische Spinalparalyse"), doch fehlt
in allen die anatomische Bestätigung der Diagnose.
2) Deutsche med. Wochenschr. 1876. No. 16 u. 17. — Jahrb. f. Kinderheilk.
XII. 1878.
3) Jahrb. f. Kinderheilk. XV. S. 261.
4) Rupprecht, Ueber angeborene Gliederstarre und spastische Contractur.
Volkmann's Sammlung klin. Vorträge. 198. — Maydl, Einige Fälle von spastischer
cerebrospinaler Paralyse bei Kindern. Wien, 1882.
5) d'Heilly, Revue mens, des maladies de l'enfance. Dec. 1884. — Naef,
Die spast. Spinalparalyse im Kindesalter. Zürich, 1895. — Feer, Ueber angeb. spast.
Gliederstarre. Basel 1890.
248 Krankheiten des Nervensystems.
selbst öfters, aber keineswegs immer beobachtete Complication mit ge-
ringer psychischer Entwicklung, selbst mit Idiotismus, stotternder oder
stossweise erfolgender Sprache, krampfhaften Verzerrungen des Gesichts
und Nystagmus, lässt indess darauf schliessen, dass auch das Gehirn
theilnehmen oder gar der Ausgangspunkt einer solchen Symptomenreihe
sein kann. In einem dieser Fälle, welcher ein erst 7 Monate altes Kind
betraf, hatte die Mutter im 5. Schwangerschaftsmonate durch den Tod
ihres ersten Kindes eine heftige lange anhaltende Gemüthsbewegung er-
litten. In allen anderen Fällen blieb die Aetiologie dunkel. Ganz ähn-
liche Erscheinungen können übrigens auch durch Alterationen der cere-
bralen Eindensubstanz bedingt werden, von denen aus secundäre De-
generation der Faserzüge bis ins Rückenmark herab Platz greifen und
microscopisch nachgewiesen werden kann. Auch sah ich in einigen
Fällen von tuberculöser Garies der Wirbelsäule die davon abhängige
Parese oder vollständige Paralyse der unteren Extremitäten mit Rigidität
der betreffenden Muskeln, besonders auch der Adductores femoris auf-
treten', welche der „spastischen Spinalparalyse" nichts nachgab.
Eine erfolgreiche Cur der letzteren giebt es nicht. Allenfalls ge-
lingt es in einem Theil der Fälle durch Tenotomie und Orthopädie mehr
oder weniger erhebliche Besserung des Gehens zu erzielen.
X. Die Pseudohypertrophie der Muskeln.
Diese zuerst von Duchenne1) erwähnte, aber erst von Griesinger2)
anatomisch genau beschriebene Krankheit beginnt constant in den Kinder-
Jahren, kann sich aber bis in das jugendliche oder erwachsene Alter
hinziehen. Im völlig entwickelten Zustande ist das Bild sehr
charakteristisch. Während die Muskeln der Waden, der Nates und Ober-
schenkel, besonders die ersteren, ungewöhnliches Volumen, oft auch
auffallende Derbheit darbieten, sind die Rücken-, Brust-, Arm- und
Schultermuskeln atrophisch, schlaff, aber nicht durchweg, denn bei
näherer Untersuchung findet man auch im Deltoideus, Biceps und Triceps
brachii hie und da knollige Verdickungen. Auch die Recti abdominis,
die Lenden- und Rückenmuskeln, der Biceps, sind zuweilen verdickt,
wenn auch nicht in dem Grade wie die der unteren Extremitäten. In
einzelnen Fällen, z. B. in einem von Bergeron beobachteten, waten
sogar sämmtliche Muskeln, mit Ausnahme der Pectorales und Sterno-
mastoidei, hypertrophisch und gaben dem Kinde ein atlethisches An-
^ Electrisation localisee. 2. edit. p. 353. — Arch. g6n. Janv.-Mai 1868.
2) Arch. d. Heilkunde. 1865. VI. S. I.
Pseudohypertrophie der Muskeln. 249
sehen. Sehr eigentümlich ist dabei der Gang der Kranken. Sie gehen
breitbeinig, watschelnd, und der in Pesequinusstellung befindliche Fuss
berührt nur mit der Spitze den Boden. Durch die verminderte Kraft
der Wirbelstrecker geräth Patient dabei in Gefahr, nach vorn zu fallen,
und begegnet derselben durch gewaltsames Biegen des Oberkörpers nach
hinten, wobei die Lordose der Lumbalwirbel viel stärker als im Normal-
zustande, geradezu sattelförmig hervortritt. Lassen Sie den Kranken
sich auf den Boden niederlegen und wieder aufstehen, so bemerken Sie,
dass er bei diesem Act, wie man zu sagen pflegt, „an sich selbst her-
aufklettert". Er bringt sich nämlich zuerst in eine Stellung, welche
ihm gestattet, die Hände als Hebel zum Aufrichten zu gebrauchen, und
bewerkstelligt dies schliesslich dadurch, dass er die Hände erst fast auf
den Boden, dann auf die Oberschenkel stützt und damit den Oberkörper
in die Höhe richtet. Im letzten Stadium, wo die Schwäche der oberen
Extremitäten den höchsten Grad erreicht, ist daher dies Aufrichten nicht
mehr möglich. Ich hatte bis jetzt nur in 13 Fällen Gelegenheit, die
Krankheit genau zu beobachten, aber in keinem einzigen fehlte diese
eigenthümliche Art des Aufstehens. Ueberhaupt sind alle Bewegungen
plump, ungeschickt, schwerfällig, und werden, je mehr die Krankheit
fortschreitet, um so kraftloser. Die elektromusculäre Erregbarkeit ist
zunächst erhalten, nimmt aber, je weiter die Krankheit fortschreitet,
mehr und mehr ab. Dabei kann das Fettgewebe, zumal an den unteren
Extremitäten , noch gut erhalten sein , schwindet aber beim schliesslichen
Eintritt eines marastischen Zustandes. Die atrophischen Muskeln der
oberen Körpertheile zeigen bisweilen fibrilläre Zuckungen, ähnlich wie
bei der progressiven Muskelatrophie der Erwachsenen. Die Haut der
unteren Extremitäten ist nicht selten in Folge von venöser Stauung
marmorirt und kühler, zu vermehrter Schweisssecretion geneigt. Viele
dieser Kranken sind geistig schwach, haben eine schwerfällige Sprache.
In einzelnen Fällen werden auch Volumszunahme der Zunge und fibrilläre
Zuckungen ihrer Muskelbündel beobachtet.
Die Entwickelung der Krankheit lässt sich, wie schon bemerkt
wurde, immer auf die mittleren Kinderjahre zurückführen; von einzelnen
wurde sogar ausdrücklich angegeben, dass sie schon in früher Kindheit
durch die Schwerfälligkeit ihrer Bewegungen aufgefallen wären. Die
meisten Patienten bekommt man freilich erst in einem späteren Stadium,
wenn sie 7 — 10 Jahre alt geworden sind, manche auch noch später
zu sehen. Die Diagnose wird erst sicher, wenn sich die Volumszunahme
der Wadenmusculatur ausgebildet hat; in dem früheren Stadium, wo
diese noch fehlt, und nur die motorische Schwäche der unteren Extre-
250 Krankheiten des Nervensystems.
mitäten , der eigenthümliche Gang und das oben erwähnte charakteristische
Aufrichten aus der liegenden Stellung bemerkbar sind, kann man die
Entwickelung der Krankheit nur vermuthen, doch ist schon in diesem
ersten Stadium die Diagnose durch Untersuchung eines Muskelstückchens
wiederholt festgestellt worden l). Das Befinden kann sonst ungestört
bleiben. Die Beobachtung von Demme, welcher bei einem 10jährigen
Knaben einen langsamen Puls (44—60 Schi.) und einen nicht unbedeu-
tenden, aber inconstanten Zuckergehalt des Harns fand, steht bis jetzt
vereinzelt2). Bleibt das Wohlbefinden ungestört, so kann sich die Krank-
heit 10—20 Jahre hinziehen, wobei sie öfters einen Stillstand, wohl nie-
mals aber einen wirklichen Heilungsvorgang zeigt. Unterliegen die Kranken
nicht einer zufälligen Oomplication , so macht in der Regel zunehmende
Atrophie und Schwäche der Respirationsmuskeln oder ein marastischer
Zustand dem Leben ein Ende.
Der anatomische Vorgang in den Muskeln ist dem, welchen
wir von der spinalen Kinderlähmung und der progressiven Muskelatrophie
her kennen, sehr ähnlich. Es handelt sich hier wesentlich um Volums-
verminderung und Schwinden der Muskelfibrillen, welche in den scheinbar
hypertrophischen Partien (Waden und Oberschenkel) durch interstitielle
Fettbildung und durch Bindegewebe ersetzt werden (Atrophia musculorum
adiposa). Partiell können diese Compensationen auch in den atrophischen
Muskeln der oberen Körpertheile (Deltoideus u. s. w.) in der Form der
erwähnten Knoten auftreten; nur sparsam finden sich dazwischen auch
hypertrophische Primitivbündel. Wodurch aber diese Atrophie bedingt
wird, ob durch den Druck einer primären Bindegewebsbildung zwischen
den Muskelbündeln, was Charcot und Duchenne für wahrscheinlich
halten (Paralyse myosclerosique), oder auf andere Weise, lässt sich bis
jetzt nicht bestimmen. Auch die hie und da beschriebenen Veränderungen
der Medulla (Befund einer reichlichen feinkörnigen Substanz und vieler
Corpora amylacea, besonders in den Seitensträngen, ausgedehnter Schwund
der grossen Ganglienzellen in den grauen Vorderhörnern) sind keineswegs
als constant oder wesentlich zu betrachten, und ebensowenig boten die
anatomischen Untersuchungen der peripherischen Nerven und des Sym-
pathicus etwas Beständiges dar, wenn auch hie und da neuritische Ver-
änderungen beschrieben werden. Nur die Störungen der Motilität be-
stimmten mich daher, diese Affection den Nervenkrankheiten anzu-
schliessen, welche vom rein anatomischen Standpunkte mehr als pri-
') Bourdel, Revue mens, des malad, de l'enfance. Fevr. 1885. p. 54.
2) 15. Jahresber. d. Berner Kinderspitals. 1877.
Pseudohypertrophie der Muskeln. 251
mär es Muskelleiden zu betrachten ist'). Ich schliesse mich der
Ansicht derjenigen Autoren an (Seidel, Erb2), welche diese Krankheit
für nahezu identisch mit der infantilen, juvenilen oder hereditären
Muskelatrophie erklären, die von der progressiven Form der Erwachsenen
darin abweicht, dass sie nicht, wie bei diesen, zuerst in den Muse,
interossei der Hand und in den Daumenmuskeln, sondern in den Muskeln
des Rückens und der unteren Extremitäten, zuweilen aber auch in den
Gesichtsmuskeln beginnt3). Erb hält die Verschiedenheiten der eben er-
wähnten kindlichen Affectionen, die alle darin übereinstimmen, dass
Entartungsreaction (und fibrilläre Zuckungen?) fehlen, für untergeordnet,
und fasst sie daher alle unter der Bezeichnung „Dystrophia muscularis
progressiva" zusammen.
Der fortschreitenden Atrophie der Muskelfibrillen, welche schliess-
lich viele Sarcolemmaschläuche ganz leer erscheinen lässt, entspricht die
allmälige Verminderung der elektrischen Oontractilität, die ebenso gut
in den geschwundenen wie in den verdickten Muskeln bemerkbar ist.
Dagegen bleibt die Sensibilität der Haut intact, ja von Steidel und
Wagner wurde sogar ein längeres Haften der Tasteindrücke als im
Normalzustande constatirt. Der Patellarreflex vermindert sich erst mit
dem zunehmenden Schwinden der Muskelsubstanz, kann also im Beginn
der Krankheit und namentlich, so lange der Quadriceps femoris noch
wenig verändert ist, erhalten sein. Späterhin fand ich ihn völlig er-
loschen.
Bemerkenswerth ist, dass mit wenigen Ausnahmen, z. B. den von
Lutz4) beschriebenen beiden Mädchen zwischen 20 — 30 Jahren, alle
Fälle bei Knaben vorkamen, mitunter bei mehreren Kindern einer
und derselben Familie. Abgesehen von dieser unerklärbaren (hereditären?)
Disposition sind alle sonst angeführten Ursachen, schlechte Lebensverhält-
nisse, scrophulöse und rachitische Cachexie, unsicher. Leider kann ich
Ihnen auch über den Erfolg der Therapie nur ungünstiges mittheilen.
Innere Medication hilft hier ebenso wenig, wie die von Griesinger
empfohlene Compression der Waden durch Bindeneinwickelung, welche
') Vergl. Krieger, Deutsches Arch. f. klin. Med. XXII. Heft. 2.
2) Erb, Deutsches Arch. f. klin. Med. XXXIV. H. 5 u. 6. Buss, Klin.
Wochenschr. 1887. No. 4. — Erb, Volkmann's klin. Vortr. N. F. 2. 1890.
3) 0. Heubner, Ein paradoxer Fall von infantiler progressiver Muskelatrophie.
Leipzig 1887. — Auch die von Hoffmann und Ganghofner (Prager med. Wochen-
schrift. 1891. No. 49, 50) beschriebene progressive neurale Muskelatrophie scheint
in diese Kategorie zu gehören.
4) Hirsch- Virchow, Jahresbericht 1886. II. S. 261; 1867. II. S. 293.
252 Krankheiten des Nervensystems.
höchstens die compensatorische Fettbildung beeinträchtigen, auf die Muskel-
atrophie aber kaum günstig einwirken kann. Immerhin bleibt die
Elektricität, zunächst die galvanische, eines Versuchs werth. In einem
Falle, welcher alle Symptome der beginnenden Krankheit darbot, in
welchem aber keine Excision und Untersuchung eines Muskelstückchens
stattfand, sah ich durch dieses Mittel nach 5 — 6 Wochen alle Symptome
schwinden, weiss aber nicht, was aus dem Kinde schliesslich geworden
ist. Auch Duchenne berichtet von zwei Heilungen.
XI. Die Haemorrhagie des Gehirns.
Wenn bei einem Erwachsenen inmitten einer scheinbar ungestörten
Gesundheit plötzlich halbseitige Lähmung eintritt, wobei das Bewusst-
sein mehr oder weniger getrübt, selten intact ist, so denkt man immer
zunächst an einen Bluterguss im Gehirn oder an einen embolischen
Process. Anders liegt die Sache bei Kindern, weil hier die beiden ge-
nannten Vorgänge, besonders der erstere, verhältnissmässig selten vor-
kommen. Bei ihnen sind plötzlich oder nach vorausgegangenen Convul-
sionen rasch auftretende Hemiplegien viel häufiger die Folgen eines
acuten encephalitischen Processes oder eines schon längere Zeit beste-
henden Gehirnleidens, besonders der Tuberculose.
Die Seltenheit der Gehirnblutung im Kindesalter ist vorzugsweise
darauf zurückzuführen, dass die häufigsten Ursachen derselben im spä-
teren Alter, nämlich Sclerose und aneurysmatische Erweiterung der
kleinen Hirnarterien hier so gut wie gar nicht vorkommen. Die erfah-
rensten Kinderärzte, denen ein sehr grosses Material zu Gebote stand,
Guersant, Becquerel, Billard, Rilliet und Barthez, bekennen
sämmtlich, nur vereinzelte Fälle von reiner Gehirnblutung beobachtet
zu haben, wohlverstanden solche, welche klinisch erkennbar waren,
denn kleine capilläre Apoplexien habe ich selbst oft genug im Gefolge
von Gehirntuberkeln, von Meningitis tuberculosa, von Thrombose der
Sinus und in anderen Krankheiten angetroffen, ohne dass entsprechende
Symptome während des Lebens vorhanden waren. Ich selbst habe bis
jetzt grössere Blutherde im Kindergehirn nur in einer Anzahl von Fällen
gesehen, in denen Fracturen der Schädelknochen stattgefunden hatten
und auf welche ich bei der Schilderung der Meningitis zurückkommen
werde. Da ich nur die Autopsie für entscheidend halte, kann ich einige
früher1) von mir erwähnte Fälle, weil sie nicht bis zu Ende beobachtet
wurden, nicht als vollgültige betrachten. Dasselbe gilt von den folgen-
') Beiträge zur Kinderheilk. N. F. S. 62.
Apoplektische Zustände. 253
den, wenn auch die Diagnose der Apoplexia sanguinea sehr wahrschein-
lich ist.
Knabe von 7 Jahren, fiel während der Mahlzeit unter Portbestand des Be-
wusstseins plötzlich vom Stuhl und war sofort auf der rechten Körperhälfte
gelähmt. Später progressive Abnahme der Paralyse, welche ich 10 Monate lang
verfolgen konnte. Die untere Extremität besserte sich rascher und entschiedener als
die obere, an welcher die starre Contraction der Fingerflexoren der Hand eine klauen-
förmige Gestalt verlieh und sie fast leistungsuniahig machte. Eintauchen der Hand
in warmes Wasser beseitigte die Contractur, und die Extensoren agirten dann ziem-
lich frei. Anfangs war auch Aphasie vorhanden, die sich nach 10 Monaton so weit
verlor, dass der Knabe ein paar Worte sprechen konnte. Die herausgestreckte Zunge
zeigte deutlich eine Neigung nach der gelähmten Seite. Sensibilität und Intelligenz
völlig normal, ebenso die Circulationsorgane, soweit es sich durch die Untersuchung
feststellen Hess. Ausgang unbekannt.
Aehnlich verlief der Fall eines 1 V,jährigen Kindes, welches ganz gesund
an einem heissen Sommertage plötzlich, als es in seinem Wägelchen sass, bewusstlos
wurde und sofort Hemiplegie der rechten Körper- und Gesichtshälfte darbot. Im
Laufe der Zeit, nach etwa l'/2 Jahren, hatte sich durch elektrische Behandlung die
Motilität des Beins fast ganz hergestellt, während der Arm noch partielle Paresen
darbot. Der Facialis war bald nach dem Anfall wieder normal geworden. Reizungs-
erscheinungen in den gelähmten Theilen fanden niemals statt, und das Allgemein-
befinden blieb stets ein durchaus günstiges.
Während in diesen Fällen die Ursache der Krankheit unbekannt
blieb, sah ich bei einem 3jährigen Kinde, welches an sehr intensivem
Keuchhusten litt, unmittelbar nach einem besonders heftigen Anfall
Convulsionen und Sopor auftreten, welche 9 Stunden anhielten und He-
miplegie der linken Seite hinterliessen. Diese dauerte noch mehrere
Wochen fort, Arm und Bein waren schlaff, ganz unbeweglich, der Fa-
cialis intact. Auch von anderen Autoren l) werden ähnliche Beobach-
tungen mit günstigem Ausgange mitgetheilt, und mit Rücksicht auf die
beim Keuchhusten so häufig erfolgenden Blutungen in dem Binde-
gewebe der Augenlider, der Conjunctiva, aus der Nase, selbst aus den
Ohren, kann man fast mit Sicherheit annehmen, dass es sich hier um
Gehirnblutung handelte.
Eine durch traumatischen Einfluss entstandene Hämorrhagie glaube
ich in dem folgenden Fall annehmen zu müssen.
Knabe von 4 Jahren. Am 7. Aug. Sturz von einer etwa 12Fuss hohen Brücke
») Pinlayson, Jahrb. f. Kinderheilk. X. 400. — Oesterr. Zeitschr. 1876. II.
S. 138. — Casin (Gaz. des hop. 37. 1881) fand unter ähnlichen Verhältnissen
180 Grm. flüssigen Blutes zwischen Knochen und Dura über der linken Fossa occi
pitalis. (Cephalhaematoma intern um).
254 Krankheiten des Nervensystems.
auf die Schienen der Eisenbahn. Bewusstlosigkeit und Blutung aus Mund und Nase;
zu Hause gebracht wiederholtes mit Blut vermischtes Erbrechen. Am 8. Aufnahme
in die Klinik bei freiem Sensorium. Ecchymose hinter dem rechten Ohr. Ptosis in-
completa rechts, starke Erweiterung und Trägheit der rechten Pupille und Pa-
rese des rechten Arms. P. etwas unregelmässig, 80—92. T. 36,7. Vom 5. Tage
an fortschreitende Besserung. Ptosis und Parese des Arms schwinden nach 8 Tagen.
Differenz der Pupillen noch am 24. bemerkbar. Beim Verlassen des Bettes an diesem
Tage auch Nachschleppen des rechten Beins. Am 31. gänzlich geheilt entlassen.
Therapie: Eiskappe auf den Kopf, wiederholte Gaben von Ricinusöl.
Auch bei Purpura haemorrhagica sah man in einzelnen Fällen
Apoplexie bei Kindern zu Stande kommen. Mauthner theilt einen
solchen Fall mit Section mit; ich selbst verfüge nur über eine Beob-
achtung, welcher indess die Bestätigung durch die Section fehlt:
Kind von 7 Jahren, vor 4 Jahren Scharlach mit nachfolgender Wassersucht.
Seit einem Jahre Morbus maculosus mit wiederholten Blutungen aus Mund, Nase,
Ohren, Augen, Darm und Nieren. Dabei grosse Schwäche, Appetitverlust, Milz nicht
vergrössert. Nach 9 tägiger Behandlung plötzlich heftige Convulsionen und So-
por, bald darauf Hemiplegia sinistra mit Lähmung des Facialis. Abends
Tod. Section verweigert.
Ob hier das Extravasat, an dem wohl nicht zu zweifeln ist, in der
Hirnsubstanz selbst, wie in dem Falle Mauthner's, oder zwischen den
Hirnhäuten stattfand, muss dahingestellt bleiben. Dass letzteres der
Fall sein kann, lehrt unter anderen eine englische Beobachtung1), in
welcher bei einem an Purpura leidenden und im Sopor gestorbenen
Knaben ein Bluterguss zwischen Dura und Arachnoidea gefunden wurde.
Auch in folgendem Falle, in welchem nur Aphasie bestand, scheint
mir die Annahme einer beschränkten Gehirnblutung gerechtfertigt.
Am 29. Mai 1878 wurde ich in der Nähe Berlins bei einem 3jäbrigen Knaben
consultirt, welcher seit 10 Wochen, eine dreiwöchentliche Pause abgerechnet, an
Febris intermittens gelitten hatte. Vor 14 Tagen, gerade einen Tag nachdem der
Knabe durch einen Fall auf den Kopf eine Gehirnerschütterung erlitten, hatte der
letzte Anfall stattgefunden. Um eine beabsichtigte Uebersiedelung auf's Land nicht
zu verschieben, musste der Knabe während des Hitzestadiums die Eisenbabn-
fahrt antreten und wurde im Waggon von eclamptischen Convulsionen befallen,
welche fast ohne Unterbrechung 7 Stunden dauerten. Beim Erwachen aus dem so-
porösen Zustande zeigte sich sofort eine starke Beeinträchtigung der Sprache,
we che nach 24 Stunden in vollständige Aphasie überging. Anfangs bestand noch
Kopfschmerz und erhöhte Temperatur des Kopfes, die sich indess nach Eisfomenten
un d Calomelgebrauch bald verloren. Mit Ausnahme der Aphasie vollkommene
Euphorie; paralytische Symptome nirgends bemerkbar. Gerade am Tage meines Be-
suchs hatte der Knabe zum ersten Mal das Wort „auf" ausgesprochen, doch konnte
er auf meine Fragen, obwohl Sinne und Intelligenz durchaus intact waren, keine
') Journ. f. Kinderkrankh. IV. S. 318.
Apoplektische Zustände. 255
Antwort geben, sondern nur durch Zeichen andeuten, was er meinte. Die beruhi-
gende Versicherung einer baldigen Heilung , welche ich den Eltern gab, bestätigte
sich rasch; schon nach wenigen Tagen stellte sich das Sprachvermögen allmälig
wieder her, und nach 1 4 Tagen war die Genesung eine vollständige.
Bedenkt man das Zusammentreffen verschiedener, eine vermehrte
Blutfülle des Gehirns begünstigender Umstände in diesem Falle, die
vorausgegangene Gehirnerschütterung, die aufregende Fahrt auf der
Eisenbahn während des Hitzestadiums der Intermittens, so liegt es nahe,
eine in Folge starker Hyperämie entstandene Blutung anzunehmen,
deren Sitz mit Wahrscheinlichkeit in der Gegend der linken Stirnwin-
dungen zu suchen ist. Der Mangel anderer Paralysen lässt sich gegen
diese Annahme nicht geltend machen, da es nicht an Beispielen fehlt,
in denen kleine, durch die Section bestätigte Blutextravasate im Gehirn
sich nur durch ganz partielle Lähmungen, z. B. des Facialis, kundge-
geben hatten.
Dass die präsumirte Hirnblutung in diesem, wie in anderen eben
mitgetheilten Fällen, sich zunächst durch heftige Convulsionen kund-
gab, kann um so weniger überraschen, als diese überhaupt bei jungen
Kindern häufiger als bei Erwachsenen Hämorrhagien des Gehirns be-
gleiten. Die oben erwähnten kleinen Blutextravasate, die sich in Form
dicht beisammen stehender rother Flecke oder auch bis erbsengrosser
Herde im Gewebe der Pia und in der Hirnrinde, seltener in anderen
Theilen des Oentralorgans vorfinden, haben während des Lebens oft kein
anderes Zeichen als Convulsionen, welche indess zur Stellung einer
sicheren Diagnose nicht ausreichen. Es gilt dies sowohl von den ca-
pillären Blutungen des Gehirns und der Pia, welche bei asphyktischen
Neugeborenen und noch in den ersten Wochen des Lebens beobachtet
werden, wie von denen, die man in capülärer oder fleckiger Form bei
älteren Kindern im Gefolge von schweren Allgemeinkrankheiten (Typhus,
Diphtherie, Scharlach, Influenza'), oder von Hirnaffectionen (besonders
Tuberkulose des Gehirns und Meningitis tuberculosa) findet. Alle diese
Hämorrhagien sind kaum diagnosticirbar, weil ihre Symptome sich von
denen der Grundkrankheit nicht loslösen lassen , häufig auch ganz fehlen.
Wiederholt fand ich namentlich bei Meningitis tuberculosa Extravasate
in der Pia, mehrmals auch in der Substanz des Gehirns, z. B. in den
Commissuren des dritten Ventrikels, ohne irgend eine entsprechende Ver-
änderung der gewöhnlichen Symptome2). Ich halte es daher für nutzlos,
') Kohts, Therapeut. Monatshefte. Deo. 1890.
2) Parrot fand unter 34 Fällen solcher Haemorrhagien bei Neugeborenen 29
256 Krankheiten des Nervensystems.
bei diesen klinisch kaum verwerthbaren Befunden länger zu verweilen.
Die älteren französischen Pädiatriker (Legendre, Rilliet und Barthez
u. A.) sprechen viel von „Blutungen im Sacke der Arachnoidea" die mit
noeningitischen Symptomen auftreten sollten. Wir wissen jetzt, dass die
meisten dieser Fälle nicht reine Blutungen darstellen, sondern als Folgen
von Pachymeningitis, d.h. einer mit Blutextravasaten einhergehenden
Entzündung der inneren Fläche der Dura zu betrachten sind , auf welche
ich bei der Schilderung des chronischen Hydrocephalus zurückkommen
werde. Man kann jedoch auch das Vorkommen wirklicher Blutungen
zwischen Dura und Arachnoidea, und im Maschengewebe der Pia nicht
in Abrede stellen, deren Ursachen fast immer traumatischer Natur
sind, gewaltsame Contusionen des Schädels durch Fall oder Schläge, bei
Neugeborenen Impressionen und Fissuren der Schädelknochen während
oder gleich nach der Geburt. Diese Hämorrhagien können, wenn sie
eine gewisse Ausdehnung und Mächtigkeit erreichen, ernste Symptome,
starre Contracturen, Convulsionen, Paralysen und Störungen der Intelli-
genz zur Folge haben. Dahin glaube ich auch den folgenden Fall rechnen
zu dürfen.
Kind von 4 Tagen, aufgenommen am 10. Mai 1891. Dauer der Geburt über
10 Stunden; dieselbe erfolgt in der 2. Schädellage, wobei das rechte Sohädelbein das
Promontorium passiren muss. Schon am Tage darauf Zuckungen des linken Arms,
Beins und der linken Gesichtshälfte, welche durch Druck auf die mittlere Partie der
rechtsseitigen Sutura coronalis willkürlich hervorgerufen werden konnten. Nach der
Aufnahme Fortdauer der Zuckungen, deren Dauer von wenigen Secunden bis 10 Mi-
nuten schwankte. In den Intervallen Schlaf; kein Fieber. Vom Abend des 17. keine
Zuckung mehr. Am 20. geheilt entlassen.
Hier hatte vermuthlich ein fortgesetzter Druck auf das rechte
Scheitelbein während der Geburt eine später ausgeglichene Impression
desselben und ein Blutextravasat zwischen Dura und Gehirnoberfläche
herbeigeführt, welches die linksseitigen Zuckungen zur Folge hatte. Der
Sitz des Extravasats über den motorischen Rindencentren, in der Um-
gebung der Rolando'schen Furche, wurde hier klinisch, wie durch ein
Experiment, durch den Druck auf die entsprechende Region der rechten
Coronalnaht nachgewiesen. Die Heilung ging durch Resorption des
Blutes rasch vor sich. —
Häufiger als durch Blutextra vasäte, kommen apoplektische Symptome
bei Kindern auf embolischem Wege zu Stande. Ich selbst habe nur
(also 85pCt.) ohne alle Symptome, nur 3 mal fanden Convulsionen, 2 mal Coma und
Contracturen statt.
Gehirntuberkel. 257
4 Fälle dieser Art sieher beobachtet, d. h. durch die Autopsie bestätigt,
doch hat die Literatur eine ganze Anzahl von Fällen aufzuweisen, in
welchen unter den bekannten Symptomen Gerinnsel aus dem linken
Herzen oder den Lungenvenen durch den Blutstrom in die Carotis und
ihre Aeste, zumal in die Arteria fossae Sylvii hineingetrieben wurden;
und mehr oder weniger ausgedehnte Erweichungsherde in der von dieser
versorgten Gehirnpartie zur Folge hatten. Da in solchen Fällen in Folge
von Ischämie der betreffenden Hirntheile zunächst Lähmung entsteht,
«o begegnen wir hier denselben diagnostischen Schwierigkeiten, wie im
späteren Alter. Die Entscheidung, ob es sich um Embolie oder Hämor-
rhagie handelt, ist nur dann möglich, wenn wir im Stande sind, durch
die Untersuchung des Herzens (Endocarditis, Klappenfehler) einen Anhalt
für die Diagnose zu gewinnen. Findet man am Herzen kein abnormes
Geräusch, so ist freilich damit die Möglichkeit einer Embolie keineswegs
ausgeschlossen, da der Thrombus, welcher den Ausgangspunkt des Em-
bolus bildet, nicht immer an den Herzklappen haftet, sondern auch
zwischen den Trabekeln des linken Ventrikels, im linken Vorhof, selbst
in den Lungenvenen seinen Sitz haben und aus diesen in das linke
Herz und die Aorta hineingelangen kann.
Ein solcher Fall wurde im August 1877 in meiner Klinik beobachtet. Er betraf
einen an chronischer Pneumonie und käsiger Entartung der Bronchialdrüsen leiden-
den 2'/2jährigen Knaben, bei welchem sich plötzlich eine mit Contractur verbundene
Hemiplegia dextra einstellte. Nach dem Tode fanden wir Embolie der linken Arteria
fossae Sylvii mit ausgedehnter Erweichung der betreffenden Hemisphäre des Gehirns,
und als Quelle des Embolus nicht das Herz, welches ganz normal war, sondern einen
mit Thromben angefüllten Hauptast der rechten Vena pulmonalis.
In einem anderen Fall, auf welchen ich später zurückkommen werde , kam es
während des Collapsstadiurns der Diphtherie zu linksseitiger Hemiplegie, als deren
Grund die Section Thrombusbildung im linken Vorhof und eine von diesem ausge-
gangene Embolie der einen Arteria fossae Sylvii ergab.
Solche Thromben kommen nicht selten erst während der Agone
durch die Abnahme der Triebkraft des Herzens zu Stande. Bei einem
9jährigen tuberculösen Mädchen fand ich neben speckhäutigen Gerinnseln
in beiden Herzhöhlen einen Hauptast der Art. pulmonalis dextra, beide
Art. vertebrales und die rechte Art. fossae Sylvii durch Embolie ver-
stopft, ohne weitere Veränderungen der Gehirnsubstanz.
XII. Die Tuberculose des Gehirns.
Unter den chronischen Hirnaffectionen, welche das Kindesalter be-
treffen, nimmt die Tuberculose an Häufigkeit entschieden die erste Stelle
Henoch, Vorlosungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 17
258 Krankheiten der Nervensystems.
ein. Schon bei Kindern von sehr zartem Alter kommt sie vor, und die
Angabe von Rilliet und Barthez, Hirntuberkel nie vor dem dritten
Lebensjahre beobachtet zu haben, erklärt sich wohl daraus, dass die
Autoren in ihrem Krankenhause nur über zwei Jahre alte Kinder zu
sehen bekamen. Unter 16 Fällen meiner Beobachtung befinden sich
aber 14 im Alter zwischen neun Monaten und zwei Jahren, und
sogar bei einem 11 Wochen alten Kinde fand ich neben miliarer Tuber-
culose vieler Organe einen Solitärtuberkel vom Umfang einer halben
Haselnuss im rechten Schläfenlappen. Demrne fand schon bei dem erst
23 Tage alten Kinde einer tuberculösen Mutter einen haselnussgrossen
Tuberkel im kleinen Gehirn1).
Die Diagnose wird hier durch einen eigenthümlichen Oomplex von
Symptomen und Verhältnissen unterstützt. Zunächst sind die betreffenden
Kinder fast niemals völlig gesund, tragen vielmehr meistens die Spuren
der Scrophulose oder Tuberculose an sich; eczematöse Ausschläge, Augen-
entzündungen, Otorrhoe, Anschwellungen der Lymphdrüsen, osteomyeliti-
sche Processe an den Finger- und Zehenphalangen oder an anderen
Knochen; besonders Caries des Felsenbeins habe ich wiederholt im Verein
mit Hirntuberkeln angetroffen. Freilich sind diese Zustände nicht immer
in dem Augenblick, wo die Cerebralsymptome sich einstellen, noch vor-
handen; man erfährt aber, dass die Kinder früher an denselben gelitten
haben, dass man ihre Spuren noch nachweisen kann, dass Geschwister
an „Lungen- oder Drüsen krankheiten" zu Grunde gegangen sind. Man
begreift also, dass die Diagnose im Krankenhause, wo man die Kinder
oft ohne jede Anamnese in Behandlung bekommt, grössere Schwierig-
keiten darbieten wird, als in der Poliklinik oder Privatpraxis. Nur
selten wird man bei der sorgfältigen Ausforschung der Angehörigen die
Antwort bekommen, dass das Kind stets vollkommen frei von allen
„scrophulösen" Erscheinungen gewesen sei.
Auf einer solchen Basis kommt es nun in einer Reihe von Fällen
plötzlich zu einem epileptiformen Anfall, der sich in unbestimmten
Intervallen wiederholen kann. Bei Kindern, die im Alter der ersten
Dentition stehen und noch dazu rachitisch sind, ist es kaum möglich,
diese Krämpfe von den weit unschuldigeren, welche wir früher (S. 149)
besprochen, zu unterscheiden, und man achte deshalb sorgfältig auf
das Befinden in den Intervallen, die viele Monate dauern können.
Jedes cerebrale Symptom während derselben wird für die Diagnose be-
deutsam. Schon kleine Kinder, besonders aber ältere, klagen häufig
') 17. Jahresber. d. Berner Kiuderspitals.
Gehirntuberkel. 259
über Kopfschmerz, welcher in Anfällen, ähnlich der Migräne, auftritt,
sich nicht selten mit Erbrechen verbindet und die Kinder zwingt, ent-
weder still zu liegen, oder den Kopf mit der Hand zu stützen. Bei
anderen macht sich Strabismus, meistens auf einem Auge, bemerkbar
der in der Armenpraxis oft gar nicht beachtet oder auf eine schlechte
Angewöhnung geschoben wird. Plötzlich tritt nach einem convulsivischen
Anfall, mitunter auch ohne einen solchen, Paralyse eines Gliedes,
oder Hemiplegie mit oder ohne Theilnahme des Facialis und der
Augennerven ein. "Wie bei allen centralen Paralysen des Facialis pflegen
auch hier nur einzelne Aeste, besonders die der Lippen, gelähmt zu
sein, während die Lähmung des N. oculomotorius sich durch Ptosis,
Strabismus divergens und Erweiterung der Pupille, die des Abducens
durch Schielen nach innen und Unmöglichkeit, den Augapfel nach aussen zu
stellen, kund giebt. Auch diese Lähmungen können nach einigen Tagen
oder Wochen vorübergehen, und der Unkundige ist dann geneigt, sie nur
als Residuen eines epileptiformen Anfalls zu betrachten, bis die Scene sich
wiederholt und dann leicht einen rasch tödtlichen Verlauf nimmt.
Martha M.') 2 Jahre alt, rachitisch und scrophulös; wiederholte Krampf-
anfälle, kann den Kopf nicht aufrecht halten, verdriessliche Stimmung. Am 29. Juni
1864 wiederum Krampfanfall, ausschliesslich auf der linken Körperhälfte, welche
unmittelbar darauf gelähmt ist. Cerebralnerven und Sensibilität normal. Ich
diagnosticirte Tuberculose der rechten Hemisphäre und Hyperämie der Umgebung.
Calomel 0,03 2 stündlich und 4 Blotegel am Kopf applicirt. Schon am 1, Juli bedeu-
tende Besserung, am 8. Lähmung ganz verschwunden. Am 26. wiederum heftige
Convulsionen der linken Seite, 3 Stunden andauernd, mit darauf folgendem Sopor, aber
ohne Paralyse. Am 10. October Wiederholung des Anfalls mit östündiger Dauer,
ein kurzer Anfall im folgenden Februar und ein sehr heftiger am 30. März mit
tödtlichem Ausgang im Sopor.
Section: Starke Hyperämie der Pia, besonders links, stellenweise kleine
Ecchymosen. Etwas Serum in den Ventrikeln. Im hinteren Lappen der rechten
Hemisphäre mitten im Mark ein erbsengrosser graugelber Tuberkel, von einer dünnen
Bindegewebskapsel umgeben. Keine Meningitis tuberculosa. Miliartuberculose der
Pleura und käsige Schwellung der Bronchialdrüsen.
Ich mache Sie besonders auf die schon früher (S. 153) erwähnte
Halbseitigkeit der Convulsionen aufmerksam, welche um so mehr
berechtigte, ein ernstes Leiden in der gegenüberliegenden Hemisphäre
anzunehmen, als Paralyse auf derselben Seite zurückblieb, welche der
Sitz der Convulsionen war. Dieser Fall bietet zugleich ein Beispiel des
sogenannten Solitärtuberkels dar, denn nirgends sonst im Gehirn
l) Beiträge zur Kinderheilk. N. F. S. 64.
17*
260 Krankheiten des Nervensystems.
fand sich ein ähnliches Gebilde vor. Sie dürfen aber daraus nicht etwa
schliessen, dass nur bei Solitärtuberkeln oder bei der auf eine Hirn-
hälfte beschränkten Tuberculose halbseitige Convulsionen und Hemi-
plegien vorkommen, was man allerdings erwarten sollte. Der folgende
Fall zeigt vielmehr, dass auch die tuberculose Erkrankung beider
Hemisphären mit Hemiplegie einhergehen kann.
Otto A., 2'/2 Jahre alt, am 24. Oot. in meine Klinik aufgenommen. Vor einem
Jahre ein convulsivischer Anfall. Vor 4 Tagen plötzlich Hemiplegia sinistra
mit Theilnahme des linken Facialis. In den nächsten Tagen Entwickelang einer
tubercalösen Meningitis. Tod am 30.
Section: Vielfache Adhäsionen zwischen Dura und Pia mater. In der Rinden-
substanz beider Hemisphären vielfache hasel- bis wallnussgrosse Tuberkel
(6 in der rechten, 4 in der linken Hemisphäre) und ein ebenso grosser im hinteren
Theil der linken Hälfte des Cerebellum. Meningitis tuberculosa.
Sie sehen, dass hier nur die Tuberkel der rechten Hemisphäre
Lähmung der gegenüberliegenden Körperhälfte zur Folge hatten, die der
linken aber, obwohl die anatomische Untersuchung scheinbar genau das-
selbe ergab, wie rechterseits , keinen Einfluss auf die Motilität ausübten.
Wir berühren hier einen wichtigen Punkt in der Pathologie der Hirn-
tuberkel, nämlich ihre Latenz. Wie in dem eben erwähnten Falle die
Tuberkel der linken Hemisphäre sich durch kein Symptom während
des Lebens verriethen, so kann auch eine noch ausgedehntere Gehirn-
tuberculose während des Lebens völlig latent bleiben, und erst bei der
Section zufällig gefunden werden. Ja ich möchte nach meinen Erfahrun-
gen behaupten, dass multiple Tuberkel weit mehr zu dieser Latenz
neigen, als solitäre. Als Beispiele mögen folgende, von mir beob-
achtete Fälle dienen:
Knabe von 4 Jahren mit Phthisis pulmonum. Cerebralsymptome nie beob-
achtet. Tod an einer schnell verlaufenen Meningitis basilaris. Section: Ausser
der letzteren ein taubeneigrosser Tuberkel auf der Convexität des rechten Vorder-
lappens, ein ebenso grosser an der Vorderfläche des rechten Corpus striatum, endlich
eine pomeranzengrosse, weiche, innen zerklüftete und leicht adhärente Tuberkelmasso
zwischen dem kleinen Gehirn und dem Tentorium cerebelli ').
Kind von 14 Monaten. Caries des rechten Felsenbeins mit Paralyse des
rechten Facialis und vielfachen Drüsenschwellungen. Cerebralsymptome niemals
beobachtet. Phthisis. Tod durch Ruptur einer kleinen Spitzencaverne und Pneumo-
thorax. Die Section ergab an der Oberfläche des rechten Stirnlappens eine vielfach
zerklüftete und erweichte wallnussgrosse Tuberkelmasse, eine noch umfangreichere
auf der Oberfläche des Hinterlappens, eine dritte ebenso voluminöse in der Peripherie
') Beiträge. N. F. G7.
Gehirntuberkel. 261
des letzteren nahe der Basis. Auch auf der Oberfläche der linken Hemisphäre mul-
tiple umfangreiche Tuberkel, in ihrem Innern vielfache mit Detritus und erbsengrossen
kalkigen Concretionen gefüllte Höhlen. Der linke Lappen des Cerebellum fast ganz
in eine weiche käsige Masse verwandelt ').
Kind von 2 Jahren, aufgenommen am 17. April mit Caries an der rechten
oberen und unteren Extremität. Anämie und Abmagerung, sonst keine auffallenden
Erscheinungen. Vom 29. an Entwickelung einer Meningitis tuberculosa. Tod am
5. Mai. Section: Im Vermis cerebelli, hineinragend in beide Hemisphären des-
selben, ein wallnussgrosser tuberculöser Herd, in seiner Umgebung zahlreiche frische
Tuberkel. In beiden Hinterlappen des Gehirns je ein mandel- bis haselnussgrosser
Knoten2).
ljähriges Kind, aufgenommen am 28. Septbr. Früher immer gesund.
Vor 10 Tagen erkrankt mit wiederholten Convulsionen, denen rasch linksseitige
Hemiparese folgte. Bei der Aufnahme alle Symptome der Meningitis tuberculosa im
letzten Stadium (Sopor, erweiterte, nicht mehr reagirende Pupillen, 160 sehr kleine
Pulse u. s. w.). Dabei häufige Zuckungen der linken Gesichtshälfte, Hemiparese und
Steifigkeit der linksseitigen Extremitäten. Unterleib gespannt, aufgetrieben. Tod
am 8. Oct. uuter starker Temperatursteigerung (41,2). Section. Pia auf der Con-
vexität links an einer zehnmarkstückgrossen Stelle dicht vor der Centralfurche käsig
infiltrirt. Der Käseknoten erstreckt sich einige Millimeter in die graue Substanz der
Hirnrinde hinein. Im ganzen übrigen Gehirn kein Tuberkel. Ausgedehnte Meningitis
tub. der Basis und Convexität mit acutem Hydrocephalus. Ausserdem käsige Degene-
ration der Bronchialdrüsen, Miliartuberculose der linken Lunge, der Leber und Milz
und chronische adhäsive Peritonitis tuberculosa3).
ljähriges rachitisches Kind, aufgenommen am 10. Juni mit allen Symptomen
der Meningitis tuberculosa. Soll immer gesund gewesen sein Beginn vor 8 Tagen
mit wiederholten Convulsioneu. Keine Paralyse, aber fast anhaltende, choreaartige
Bewegungen des rechten Arms und Beins (Beugen und Strecken, Proniren und Su-
piniren, Hin- und Herwerfen). Tod am 26. Section: Tuberculose der Lungen und
Pleura, Leber, Milz, Nieren, des Bauchfells, Knochenmarks, käsige Degeneration der
BronchiaLlrüsen, käsige Herde in der linken Lunge, Miliartuberkel der Dura mater
basalis, Meningitis tuberculosa und haselnussgrosser Tuberkel im mittleren Theil des
linken Thalamus opticus.
2j ähriges Kind mit multipler Spina ventosa beider Hände und Füsse. Am
1 1 . Nov. Auskratzung des linken Fussrückens. Bis dahin niemals Cerebralsymptome.
Schon am 12. Fieber bis 39,3. In der folgenden Nacht epileptiforme Krämpfe bes.
') Journ. f. Kinderkrankh. VIII. 1847. S. 166.
2) Charite-Annalen. Jahrg. IV. S. 498.
3) Die auffallende Thatsacbe, dass hier die paralytischen und convulsivischen
Erscheinungen auf derselben Seite stattfanden, auf welcher der Rindentuberkel
seinen Sitz hatte, bedarf zu ihrer Erklärung wohl nicht der Annahme einer unvoll-
ständigen Kreuzung der Pyramidenfasern. Meiner Ansicht nach hatte der Solitärtu-
berkel, der ganz latent bestand, mit jenen Symptomen überhaupt nichts zu thun;
diese können vielmehr im Verlaufe jeder tuberculösen Meningitis auftreten, auch
wenn gar keine Tuberkel in der Gehirnsubstanz vorhanden sind.
262 Krankheiten des Nervensystems.
rechtsseitig. Somnolenz. Den 14. T. 40,6. P. 170, minimal. Tod am 15. Section:
Tuberkel im kleinen Gehirn, in der rechten Grosshirnhälfte und im Falx, massiger
Erguss in den Ventrikeln, Tuberculose der Bronchialdrüsen, Nieren und Milz.
In diesen und anderen ähnlichen Fällen bestand immer gleichzeitig
weit vorgeschrittene Tuberculose und Verkäsung anderer Organe,
und gerade unter diesen Verhältnissen kommt die Latenz der Hirntuberkel
am häufigsten vor. Ich unterschreibe daher noch heute den Satz, den
ich schon 18G8 ') aufstellte, dass bei Kindern, welche' an ausgedehnter
tuberculöser Entartung der Lymphdrüsen, der Lungen, der Unterleibs-
organe oder der Knochen leiden, und unter den Erscheinungen einer nor-
mal, häufiger aber anomal verlaufenden Meningitis tuberculosa zu Grunde
gehen, auch Tuberculose des grossen oder kleinen Gehirns mit Wahr-
scheinlichkeit angenommen werden kann , sollte sich diese auch niemals
durch ein bestimmtes Symptom kundgegeben haben. Die Wahrscheinlich-
keit ist um so grösser, wenn unter den cariösen Knochen sich das
Felsenbein befindet. —
Das Auftreten der Hirntuberculose mit wiederholten epileptiformen
Anfällen und sich anschliessender Hemiplegie ist nur eine von
den Formen, unter welchen sich die Krankheit offenbart. In einer an-
deren Reihe von Fällen entwickelt sich allmälig halbseitige Parese,
die sich mehr und mehr steigert, oft mit Tremor oder Contractur
einer oder beider Extremitäten verbunden; oder die Krankheit beginnt
mit Strabismus, partiellen Contracturen, sei es der Extremitäten
oder der Nackenmuskeln, Anfällen von Kopfschmerz mit Erbrechen;
momentanen Pausen des Bewusstseins ohne begleitende paralytische
Erscheinungen, Aphasie, Hallucinationen des Gehörs. In einem Falle
(Tuberkel im rechten Schläfenlappen) hatten während des Lebens fast
anhaltende Krämpfe im Gebiete des linken N. facialis und zwar in den
Labial- und Palpebralästen stattgefunden. Erst nach vielen Monaten
oder selbst Jahren, in welchen der Zustand viele Schwankungen zeigt,
bilden heftige Convulsionen oder Meningitis tuberculosa den tödtlichen
Schluss. Die folgenden in meiner Klinik beobachteten, aus vielen an-
deren ausgewählten Fälle 2) werden Ihnen diese Form besser veranschau-
lichen, als eine detaillirte Beschreibung.
Carl Seh., 3 Jahre alt, aufgenommen am 15. Januar, mager und blass. Be-
ginn der Krankheit vor 7 Monaten mit Tremor der rechten Hand, 2 Monate später
Parese der ganzen rechten Körperhälfte und des Facialis dexter. Seit etwa 2 Monaten
') Beiträge. N. F. 69.
2) Charite-Annalen. Jahrg. IV. 492 ff.
Gehirntuberkel. 263
fast anhaltende Contractur des rechten Arms im Ellenbogengelenk. Bei der Auf-
nahme starre Contracturen aller vier Extremitäten , rechtsseitige Lähmung und Tre-
mor der linken Hand. Entwickelung einer Meningitis tuberculosa. Tod am 21.
Section: Nussgrosser tuberculöser Herd am hinteren Umfang der rechten Hemi-
sphäre des Cerebellum. An der Convexität des linken Stirnlappens ein l'/2 Ctm. im
Durchmesser haltender käsiger Herd, welcher den ganzen Gyrus bis in die Marksub-
stanz hinein durchsetzt. Hydrocephalus internus. Am hinteren Theil des linken Cor-
pus striatum dicht unter dem Ependym drei erbsengrosse Tuberkel. Beide Sehhügel
in ihrem oberen Theil in eine höckerige käsige Masse umgewandelt.
Wilhelm J., 2 Jahre alt, seit 6 Monaten hustend und abmagernd, rachitisch,
aufgenommen am 3. April. Anhaltendes Zittern, öfter auch stärkeres Zucken des
rechten Arms und der rechten Gesichtshälfte, wobei der Mund nach oben
und rechts verzogen wird. Paralyse nicht bemerkbar. Sensibilität anscheinend nor-
mal. In den Lungen Verdichtungssymptome. Nach einigen Tagen Zunahme des
Tremor, an dem auch der Kopf und die rechte Unterextremität Theil nehmen.
Auch die Brust- und Bauchmuskeln, sowie der Cremaster der rechten Seite
zeigen deutlich in kurzen Intervallen sich wiederholende Zuckungen. Leichte Parese
des rechten Arms. Am 6. April anhaltende Contractur des rechten Daumens, am
7. Nystagmus des rechten Auges. Tod unter hohem Fieber und Collaps. —
Section: Oedem der Pia, besonders auf der Convexität der linken Hemisphäre, wo
vielfache miliare Tuberkel eingebettet sind. Dicht vor der Rolando'schen Furche in
der Mitte ein gelber haselnussgrosser Tuberkel der Rindensubstanz mit massig er-
weichter Umgebung. Phthisis pulmonum u. s. w.
Die Dauer der Krankheit, so weit wir sie überhaupt zu beurtheilen
vermögen, ist sehr verschieden; in einem Theil der Fälle vergehen, von
dem ersten Auftreten der Symptome an gerechnet, bis zum tödtlichen
Ende viele Monate und selbst Jahre, während in änderen erst verhältniss-
mässig kurze Zeit vor dem Tode die ersten Symptome beobachtet werden,
so dass man hier eine Latenz der Krankheit bis zu ihrem letzten Stadium
annehmen muss. Häufig sah ich die erste Manifestation der Hirntuberkel,
z. B. convulsivische Anfälle mit oder ohne Hemiplegie, fast unmittelbar
in die Symptome der Meningitis tuberculosa übergehen, welche dann
den letalen Schluss bildete und sich in der Regel durch einen unge-
wöhnlich stürmischen Verlauf auszeichnete. Andere gehen in einem
abnorm langen und heftigen Anfall von Gonvulsionen oder durch den
Fortschritt der gleichzeitigen Tuberculose anderer Organe ohne Meningitis
zu Grunde. —
Die mitgetheilten Krankengeschichten geben bereits ein Bild der
anatomisch-pathologischen Verhältnisse. Am häufigsten erscheinen
die Hirntuberkel in der Form erbsen- bis haselnussgrosser, grau-gelber,
käsiger Knoten von rundlicher oder höckeriger Form, welche vorzugs-
weise die graue Substanz, die Rindenschicht, die grossen Hirnganglien,
den Pons Varoli und das kleine Gehirn zu ihrem Sitz wählen, aber auch
264 Krankheiten des Nervensystems.
die weisse Marksubstanz, Vierhügel, Hirnschenkel u. s. w. keineswegs
verschonen. Die Tuberkel der Rindensubstanz, welche unmittelbar unter
der Arachnoidea und Pia liegen, lassen sich kaum von denen unter-
scheiden, die in den Hirnhäuten selbst ihren Ausgangspunkt haben und
sich von hier aus in die Rindensubstänz einsenken, was in klinischer
Beziehung auf dasselbe herauskommt. In beiden Fällen findet man die
über den Rindentuberkeln liegende Arachnoidea und Dura oft miteinander
verwachsen, so dass beim Abziehen der Dura ein Stück des Tuberkels
an dieser hängen bleibt. Mitunter ist das Volumen der Knoten weit
beträchtlicher; ich selbst habe wallnussgrosse und noch grössere beob-
achtet, welche dann auf dem Durchschnitt in der Regel nicht mehr
homogen käsig erschienen, sondern Klüfte und Höhlungen enthielten, die
mit einer molkigen Flüssigkeit gefüllt waren. Bei einem Kinde fand
ich an der äusseren Fläche des rechten Thalamus sogar eine hühnerei-
grosse, innen zerklüftete Tuberkelmasse, in anderen Fällen eine diffuse
käsige Entartung der Rindenschicht, oder käsige (Jmwandelung einer
ganzen Hemisphäre des kleinen Gehirns. Verkalkungen von Hirn-
tuberkeln gehören nicht zu den häufigen Erscheinungen, ich selbst beob-
achtete sie nur in zwei Fällen, deren einer bereits (S. 260) erwähnt
wurde. Im zweiten Fall enthielt ein Tuberkelknoten des kleinen Gehirns
harte verkalkte Partien.
An den umfangreicheren Tuberkeln lässt sich bei genauer Unter-
suchung in der Regel erkennen, dass sie aus der Confiuenz benachbarter
kleinerer Knoten hervorgegangen sind. Ihr Inneres ist, abgesehen von
den erwähnten Klüften, theils derb und homogen, theils körnig und
bröckelig. Die äusserste Schicht bildet oft eine schmale, grauweiss
durchscheinende Zone, in welcher man zahlreiche miliare Knötchen
nachweisen kann, durch deren Confiuenz, zum Theil auch wohl durch
verkäsende chronische Encephalitis, die grösseren Knoten zu Stande
kommen. Kleinere Tuberkel sind nicht selten durch eine dünne Binde-
gewebshülle abgekapselt, während die grösseren sich gewöhnlich mehr
diffus verhalten, und in einer stark vascularisirten, durchfeuchteten, er-
weichten Hirnsubstanz eingebettet sind. Die Zahl der Hirntuberkel ist
sehr verschieden; am seltensten findet man nur einen (Solitärtuberkel),
meistens mehrere in verschiedenen Hirntheilen zerstreute, mitunter sogar
viele (ein Dutzend und mehr), wofür ich oben Beispiele mittheilte. In
den meisten Fällen findet man auch die Erscheinungen der letalen Me-
ningitis tuberculosa und Serumanhäufung in den Ventrikeln, von denen
später die Rede sein wird, nicht selten auch kleine Ecchymosen in der
Pia oder Hirnsubstanz. Wiederholt beobachtete ich, dass in der un^-
Gehirntuberkel. 265
mittelbaren Umgebung käsiger Knoten, zumal an der Convexität, die
Anhäufung miliarer Tuberkel in der Pia am prägnantesten war. Mehr
oder minder fortgeschrittene Tuberculose und Verkäsung anderer Organe
begleitet meistens, keineswegs aber constant. In dem schon (S. 260)
erwähnten Falle, wo fast ein Dutzend grosser Tuberkel im Gehirn ge-
funden wurde, waren nur in der rechten Lunge einzelne miliare Knötchen
nachweisbar, alle anderen Organe aber, selbst die Bronchialdrüsen, durch-
aus intact.
Die Frage, ob wir im Stande sind, aus den Symptomen den Sitz
der Tuberkel in diesem oder jenem Hirntheile zu diagnosticiren, gehört,
streng genommen, nicht hierher, da die Verhältnisse hier ebenso liegen
wie bei Erwachsenen. Ich verweise Sie daher auf eine in dem VI. Jahr-
gange der Charite-Annalen von mir veröffentlichte Arbeit, aus welcher
hervorgeht, dass trotz der in neuester Zeit gewonnenen experimentellen
und klinischen Erfahrungen die Localdiagnose der Tuberkel noch auf
schwachen Füssen steht, wofür schon ihre Latenz (S. 260) den Beweis
liefert. Allerdings stehen mir drei Fälle zu Gebot, in welchen ein Solitär-
tuberkel des einen Frontallappens Reizungs- und Lähmungserscheinungen
auf der gegenüberliegenden Körperhälfte zur Folge hatte, und man kann
daraus mit Sicherheit schliessen, dass diese Symptome durch die aus-
schliessliche Erkrankung der erwähnten Windungen bedingt werden
können. Ich sage absichtlich „können", denn eine Notwendigkeit
liegt nicht vor. Genau dieselben Störungen, Hemiplegie und Contracturen,
sah ich oft genug in Fällen, deren Section jene Rindenpartien ganz intact
ergab, während andere Theile des Gehirns oder das Cerebellum Sitz
der Tuberkel waren. Wenn schon die Multiplicität der letzteren in
vielen Fällen alle Bemühungen, zu einer Localdiagnose zu gelangen, zu
Schanden machen muss, so bieten doch sogar die Solitärtuberkel oft
Erscheinungen dar, welche mit den Resultaten der Hirnexperimente im
Widerspruch stehen. Ich rathe Ihnen daher, in der Localdiagnose die
grösste Reserve zu beobachten und besonders die „psychomotorischen
Rindencentra", welche jetzt eine so grosse Rolle spielen, nicht zu über-
schätzen, wenn Sie sich nicht argen Täuschungen am Sectionstische aus-
setzen wollen. Es wäre eine vergebliche Mühe, wollte ich hier auf einige
Fälle von Solitärtuberkeln näher eingehen, welche dazu benutzt worden
sind, Schlüsse auf die Functionen dieses oder jenes Hirntheils zu ziehen,
da wir hier vielfach auf bedenkliche Widersprüche stossen würden ').
Ich will mich hier nur auf den S. 261 mitgetheilten Fall von Solitär-
1) Vergl. einen Fall von Ewald, Berl. klin. Wochenschr. 1891. No. 10.
266 Krankheiten des Nervensystems.
tuberkel des linken Thalamus beziehen, der mit choreatischen Bewe-
gungen der rechten Körperhälfte verlief. Ganz abgesehen davon, dass
diese erst während der terminalen Meningitis eintraten, und nach meiner
Erfahrung auf diese zurückzuführen sind, habe ich auch Fälle von Tuber-
culose der Sehhügel beobachtet, in denen jene Bewegungen absolut
fehlten. Einer derselben mag hier eine Stelle finden:
Hedwig F., 4jährig, aufgenommen am 24. April. Gesund bis Mitte Februar.
Nach einem Fall auf die Stirn kränkelnd. Nach 14Tagen Strabismus int. sinister,
häufiges Erbrechen, Schwindel. Später Retroversio capitis und Contrac-
turen im Hüft- und Kniegelenk, die sich in der Chloroformnarcose lösen, mitunter
auch spontan schwinden. Kopfschmerzen, Somnolenz. Im Mai kurze epilepti-
forme Anfälle. 1. Juni. Geringe Ptosis links, zunehmende Amblyopie mit
Nystagmus. 14. Juni. Auf beiden Augen wird Neuroretinitis constatirt. Am
5. August beginnt Meningitis tuberculosa. Tod am 9. unter hoher, agonaler Tem-
peratur (40,0 bis 41,2).
Section: Meningitis tub. basil., Hydrocephalus acutus. Der linke Thalamus
opticus geröthet und höckerig, der rechte glatt. Beide Thalami enthalten mehrere
von einer graurothen durchscheinenden Zone umgebene käsige Knoten, deren einer
im linken Thalamus haselnussgross ist und bis an die Oberfläche reicht. Im Wurm
des kleinen Gehirns ein innen erweichter Käseknoten von der Grösse einer kleinen
Wallnuss, auch in beiden Hälften des Cerebellum ein haselnussgrosser Tuberkel.
Medulla normal.
Dagegen beobachtete ich choreatische Bewegungen in einem Fall,
in welchem die Centralganglien des Gehirns ganz intact, und nur der
Pedunculus cerebelli ad p. Sitz des Tuberkels war.
2jähriges Kind; aufgenommen am 6. August, wohlgenährt. Vor 8 Monaten
Scharlach. Bald darauf choreatische Bewegungen der linken Seite. Leichter
Strabismus convergens links, Tremor der Zunge beim Ausstrecken, Contractur des
linken Arms im Ellenbogen-, des linken Beins im Kniegelenk. Athetose-Bewe-
gungen der Finger und des Fusses linkerseits. Im Schlaf hören sie auf, finden aber
im Wachen ununterbrochen statt. Beide linksseitige Extremitäten paralvtisch; Cer-
vicaldrüsen geschwollen, theilweise vereitert. Auch im linken Orbicularis palpebr.
finden im Wachen andauernd zuckende Bewegungen statt. Vom 29. Sept. an Fieber,
Erbrechen, zunehmender Sopor. Am 30. Tod bei 40,5 Tcmp.
Section: Haselnussgrosser Solitärtuberkel im rechten Pedunculus cerebelli
ad pontem.
Mehr als andere Hirntheile schien mir die Partie des Pons und
der Corpora quadrigemina durch die gleichzeitige oder successive
Affection mehrerer Nerven, deren Wurzelgebiet sich bis in diese Region
verfolgen lässt, eine Localdiagnose zu gestatten. Gleichzeitige Lähmung
eines oder beider Oculomotorii, der Optici, des Facialis oder Abducens,
Gehirntuberkel. 267
und ataktischer Gang, welche entweder das Hauptkrankheitsbild dar-
stellen oder der Hemiplegie vorausgehen, werfen ein schweres Gewicht
zu Gunsten dieser Localdiagnose in die Wagschale, und ich verweise Sie
in dieser Beziehung auf einige von mir und Anderen mitgetheilte Beob-
achtungen über Tuberculose der Vierhügel resp. des Pons1). Ich füge
hier noch einen Fall von Tuberculose des Pedunculus cerebri hinzu,
in welchem, ebenso wie bei Tumoren des Pons, durch basalen Druck auf
den benachbarten Oculomotorius Lähmung dieses Nerven neben ge-
kreuzter Lähmung der Extremitäten zu Stande kam.
Max Seh., 3jährig, aufgenommen am 2G.März, von gesunden Eltern stammend,
scrophulös, seit längerer Zeit kränkelnd. Seit 6 Wochen Tremor der linken
Hand, der sich allmälig auf den ganzen Arm ausdehnte und mit Contractur des-
selben im Ellenbogengelenke verband. Seit 6 Wochen auch Tremor des linken Beins.
Derselbe verstärkt sich beim Versuch zu greifen, hört aber im Schlafe auf. Finger
flectirt. Keine Paralyse. Dabei Ptosis des rechten Augenlids, bedeutende Er-
weiterung der rechten Papille und Strabismus divergens, so dass der rechte Bulbus
nach aussen gerichtet und nicht über die Mittellinie hinaus nach innen gebracht
werden kann. N. facialis intact. Nachdem er in der Klinik Scharlach glücklich
durchgemacht, wird der Knabe Mitte April immer apathischer, theilnahmslos, be-
kommt vom 25. an auch Ptosis, Mydriasis und Strabismus divergens auf dem linken
Auge, und geht am 8. Mai an Masern und Bronchopneumonie zu Grunde.
Section: Im rechten Grosshirnschenkel ein kirschgrosser derber Tuberkel,
der in den dritten Ventrikel hereinragt. An der Basis ist der rechte Oculomotorius
durch den Druck des Tuberkels abgeplattet, verdünnt und grau entfärbt. In der
linken Lungenspitze eine wallnussgrosse Höhle, in welcher sich ein dicker halb-
gelöster käsiger Pfropf befindet. Bronchopneumonie, Laryngitis. Sonst nirgends
Tuberkel.
Einer nicht seltenen Folgekrankheit der Hirntuberkel, nämlich des
Hydrocephalus chronicus, will ich noch mit einigen Worten ge-
denken. Man nimmt an, dass besonders Tuberkelknoten, welche im
Mittelwurme des kleinen Gehirns oder zwischen diesem und dem Tento-
rium cerebelli lagern, durch Druck auf die Vena magna Galeni und
ihre Hauptäste Stauung und Ausschwitzung in den Ventrikeln herbei-
führen, die sich schon während des Lebens durch Volumszunahme
des Kopfes und Auseinanderdrängung der bereits geschlossenen
Nähte und Fontanellen kund geben kann. Ich habe dies wiederholt be-
obachtet, z. B. bei einem 3 jährigen Kinde, welches nicht zur Section
kam, und bei einem 4 jährigen Knaben, dessen Suturen und Fontanellen seit
9 Monaten wieder auseinandergewichen und fluetuirend geworden waren.
') Beitr. z. Kinderheilk. N. F. S. 72. — Charit6-Annalen. IV. — Nothnagel,
Zeitschr. f. klin. Med. Bd. 14. —
268 Krankheiten der Nervensystems.
Die Section ergab einen enormen Hydrocephalus ventricularis , massigen
Erguss zwischen Dura und Arachnoidea und tuberculöse Entartung des
linken Lobus des kleinen Gehirns. Ganz ähnlich ist der folgende Fall:
Clara G., 3 Jahre alt, früher gesund. Seit einem halben Jahre allmälig
zunehmende Vergrösserung des Kopfes, zu welcher eine langsam sich steigernde
rechtsseitige Hemiplegie hinzutrat. Letztere jetzt nicht mehr so stark, als
früher, so dass namentlich der rechte Arm ziemlich brauchbar ist. Seit 7 Wochen
besteht Tussis convulsiva. Aufnahme in die Klinik am 4. Januar 1879. Kopf
hydrocephalisch, Umfang 54 Ctm., Fontanelle weit offen und in die Nähte ein-
greifend, prall und elastisch. Augen etwas vorgewölbt. Somnolenz. Starke Keuch-
hustenanfälle, diffuser Bronchialcatarrh, remittirendes Fieber, welches bis zu dem am
15. erfolgten Tode an Intensität zunahm. Temp. zuletzt 40,6, Puls 160 und etwas
unregelmässig. Section: Sehr bedeutender Hydrocephalus ventriculorum chronicus
mit Compression der Hirnsubstanz, Abflachung der Windungen und starker Ausdeh-
nung des Schädels. Der Abstand zwischen beiden Tubera parietalia beträgt l5Ctm ,
die Nähte enorm breit, sehr stark gezackt, an einzelnen Stellen auseinandergedrängt,
fibrös. Die linke Hemisphäre des kleinen Gehirns fast ganz in eine homogene gelb-
weisse Käsemasse umgewandelt, welche von einem schmalen Saume normaler Hirn-
substanz umgeben ist.
Ohne Zweifel bestand die Tuberkelmasse schon seit längerer Zeit
latent, bevor sie Hemiparese und durch den wachsenden Druck auf die
Venen Stauung bedingte. Die Mittellage des Knotens in der Richtung
der Vena magna ist demnach nicht unbedingt nothwendig, denn auch
jede rechts oder links von derselben liegende Geschwulst kann durch
den vermehrten Seitendruck Stauung im Gebiete der benachbarten Venen
herbeiführen, die sich ja durch den Augenspiegel bei den verschiedensten
Hirntumoren nachweisen lässt. Dennoch wäre zu bedenken, ob die
mechanische Auffassung des chronischen Hydrocephalus als Folge der
Venencompression für alle solche Fälle die allein berechtigte ist, oder ob
nicht auch ein von der überkleidenden Pia ausgehender und durch die
Tela chorioidea auf das Ependyma ventriculorum übertragener Reiz-
zustand als Ursache der serösen Ausschwitzung mit in Anschlag zu
bringen ist.
Von einer wirksamen Behandlung der Hirntuberkel kann selbst-
verständlich nicht die Rede sein. Durch kein Mittel ist man im Stande,
die käsigen Knoten aus dem Gehirn wegzuschaffen. Wohl aber muss die
Möglichkeit der Naturheilung, zumal eines Solitärtubcrkels, durch
Abkapselung oder Verkalkung zugegeben werden, und Sie mögen daher,
wenn auch nur mit schwacher Aussicht auf Erfolg, immer den Versuch
machen, diesen Vorgang durch eine tonisirende Therapie (Jodeisen, Leber-
thran, Lipanin, Salzbäder, frische Luft, nahrhafte Kost) möglichst zu
Gehirntuberkel. 269
fördern. Eine temporäre Besserung (Verschwinden der Paralyse, langes
Aussetzen der Convulsionen u. s. w.) darf, wie viele der mitgetheilten
Fälle zeigen, noch nicht zur Annahme einer gelungenen Heilung ver-
leiten, welcher auch die meistens begleitende Tuberculose anderer Organe
störend in den Weg tritt. Ganz hoffnungslos wird aber der Fall, sobald
sich die ersten sicheren Zeichen der Meningitis tuberculosa entwickeln.
Epileptiforme Anfälle mit oder ohne fieberhafte Erscheinungen, die sich
plötzlich im Verlaufe der Krankheit einstellen und Sopor, auch wohl
partielle Lähmungen hinterlassen, sind zwar immer verdächtig, weil die
tuberculose Meningitis gerade unter diesen Umständen nicht selten mit
diesen Anzeichen beginnt, doch bedenke man, dass diese auch durch
plötzliche Hyperämie oder beschränkte Encephalitis in unmittelbarer
Umgebung von Tuberkeln entstehen können, und verfehle daher nicht,
einige Blutegel an den Kopf, Eisumschläge und Purgirmittel (F. 7) zu
verordnen. Unter dieser Behandlung erfolgt dann bisweilen eine Rück-
bildung der drohenden Symptome, bis nach einiger Zeit ein neuer Anfall
oder Meningitis tuberculosa dem Leben ein Ende machen.
XIII. Geschwülste des Gehirns.
Ueber die im Gehirn der Kinder vorkommenden Geschwülste habe
ich Ihnen nur wenig mitzutheilen, da sie in allen Beziehungen denen
der späteren Lebensalter gleichen. Am häufigsten werden die verschie-
denen Formen des Sarcoms beobachtet, welche entweder in der Sub-
stanz des Gehirns, zumal im Pons Varoli und dessen Umgebung,
oder von den Schädelknochen aus sich entwickeln und allmälig in das
Gehirn hinein wuchern. Mir selbst steht eine Reihe von Fällen dieser
Art mit Section zu Gebot, während andere wegen des Mangels der
Leichenöffnung unvollständig blieben.
Alice G , 6Jahre alt, in die Klinik aufgenommen am 16. Juli1). Seit einigen
Monaten heftige Kopfschmerzen, besonders in der linken Stirngegend, seit
6 Wochen doppelseitige Amaurose, welche binnen wenigen Tagen zu Stande
kam. Die Untersuchung ergab: Ptosis incompleta links, vol'ständige Immobilität
des linken Auges mit weiter reactionsloser Pupille. Rechtes Auge gut beweglich,
Pupille ebenfalls erweitert. Neuroretinitis auf beiden Augen. Zuweilen Schmerz in
der linken Nasenhöhle, graue eiterige Secretion aus derselben. Euphorie bis zum
24., wo das Kind von schwerem Scharlach befallen wurde. Tod am 2. August.
Section: Ein Myxosarcom von der Grösse einer halben Faust, von den Knochen der
mittleren Schädelgrube ausgehend, füllte diese vollständig aus, war nach Durch-
brechung der Lamina cribrosa in den obersten Theil der linken Nasenhöhle herein-
') Charite'-Annalen. Jahrg. I. S. 561.
270 Krankheiten des Nervensystems.
gewuchert, und umfasste das Chiasma opticum und sämmtliche linksseitige Augon-
nerven. Gehirn und Meningen normal, nur wenig nach oben gedrängt.
Die Section erklärt die Amaurose beider Augen, die Paralyse sämrut-
licher Muskeln des linken, und die eiterige Secretion aus der linken
Nasenhöhle. Bemerkenswerth ist das Fehlen aller paralytischen Sym-
ptome an den Extremitäten trotz der Compression der Gehirnsubstanz
von der Basis her.
Anton H., Ujährig, am 26. Juni in die Klinik gebracht1), früher gesund,
nur hin und wieder Kopfschmerz. Vor 6 Jahren Aufregung und Erkältung bei
einer Feuersbrunst. Eine Woche später unvollkommene Ptosis rechts und schwan-
kender Gang, Zunahme der Kopfschmerzen. Bei der Untersuchung ergab sich
Ptosis rechterseits, massige Erweiterung beider Pupillen, stupider Gesichtsausdruck,
grosse Unruhe, häufige rotatorische Bewegung des Kopfes, besonders von rechts nach
links. Obere Extremitäten gebrauchsfähig, wenn auch schwächer. Gehen ohne Stütze
unmöglich; unter beiden Achseln gehalten, vermag er sich mühsam in ataktischer
Weise fortzuschleppen. Im Liegen werden die unteren Extremitäten gut bewegt. Am
rechten Bein stellenweise Verminderung der Sensibilität. Sprache lallend, kaum
verständlich, Schlucken erschwert, Sehvermögen intact, Sensorium frei. P. 54 — 84.
Nach einigen Tagen Sprache noch undeutlicher, Kopfbewegungen stärker, Sensorium
benommen. Am 4. Juli plötzlich Bewusstlosigkeit und Asphyxie. Künstliche Respi-
ration und Faradisation hatton, obwohl 2 Stunden lang beharrlich fortgesetzt, immer
nur vorübergehenden Erfolg (Hebung des Pulses und Verminderung der Cyanose).
Tod am Nachmittag. Section: Dura stark gespannt, Gehirn abgeplattet. In der
Region des Pons Varoli eine grosse unförmliche Geschwulst vom Umfang eines
Hodens, die Brücke und das linke Crus cerebelli ad p. umfassend, röthlich grau,
weich; in ihrem Innern eine kirschkerngrosse, mit schwammiger schwefelgelber Masse
gefüllte Höhle. Hydrocephalus chronicus der Ventrikel. Der Tumor erweist sich unter
dem Microscop als grosszelliges Sarcom, dessen Ausläufer bis in die Grosshirnschenkei
verfolgt werden konnten.
Anna D., 11 Jahre alt, am 4. Mai in die Klinik aufgenommen, immer gesund
bis auf eine vor 4 Jahren überstandene Pneumonie. Seit längerer Zeit(?) zunehmende
Unsicherheit des Ganges, seit April d. J. Schielen auf dem rechten Auge, Schwindel,
Uebelkeit, zuweilen Erbrechen. Bei der Untersuchung erschien der Gang in hohem
Grade unsicher, schwankend, besonders bei geschlossenen Augen. Motilität und
Sensibilität aller vier Extremitäten fast intact. Lähmung des linken Abducens
mit Strabismus intornus und Unmöglichkeit, das Auge nach aussen zu bringen. Pu-
pillen normal. Sensorium frei, aber grosse Apathie und Stumpfheit. Sprache na-
sal, undeutlich; Flüssigkeit beim Trinken bisweilen aus der Nase wieder ausge-
stossen; Velum schlaff, beim Athmen und Phoniren nur wenig bewegt. In den
nächsten Tagen Vomitus, sehr erschwerter Stuhlgang, Retentio urinae (durch Ein-
führung des Catheters gehoben), Sprache undeutlicher, Schlucken täglich schwerer.
Am 8. auch der rechte Abducens gelähmt. Intelligenz stets abnehmend, Somno-
') 1. c. S. 562 und Scheibe; Inaug.-Dissert. über Hirngeschwülste im Kindes-
alter. Berlin, 1873.
Gehirntuberkel. 271
lenz. P. gewöhnlich 80—100, bisweilen auf 64 und darunter sinkend und unregel-
mässig. Vom 24. an völlige Theilnahmslosigkeit ; wegen Unfähigkeit zu schlucken
ernährende Klystiere; Verfall der Kräfte. Tod den 29. an Oedema pulmonum. Mit
Rücksicht auf den vorigen Fall hatte ich auch hier die Diagnose auf einen Tumor
des Pons Varoli gestellt. — Section: Pons um das Doppelte, Medulla obl. besonders
rechts ebenfalls, aber nur in geringem Grade vergrössert. Pons weich, stellenweise
fluctuirend. Auf dem Durchschnitte mehrere bohnen- bis kirschgrosse Tumoren von
markiger Beschaffenheit und grauröthlicher Farbe, diffus in die Umgebung über-
gehend. Die Untersuchung ergab die sarcomatöse Natur derselben. Sonst nirgends
Abnormitäten.
Die beiden letzten Fälle dürfen wegen der Uebereinstimmung einer
Reihe von Symptomen (doppelseitige Abducenslähmung, Paralyse der
Gaumenmusculatur mit erschwertem Schlucken und undeutlicher Sprache,
Ataxie der unteren Extremitäten) eine Bedeutung für die Diagnose der
Ponserkrankungen in Anspruch nehmen. Wenn auch die meisten Fälle
von Gehirntumoren eine allmälige, selbst recht langsame Entwickelung
der Symptome zeigen, so kommt doch, wie ich schon früher be-
merkte, auch eine plötzliche Manifestation in Form von epileptiformen
Anfällen, von Hemiplegie, von Lähmung eines oder mehrerer Hirnnerven
nicht ganz selten vor. Der Tumor bestand bis zu diesem Augenblick latent,
und erregt erst dann plötzlich gefährliche Symptome, wenn er durch
den wachsenden Druck die umgebende Gehirnsubstanz über das gewohnte
Maass hinaus comprimirt, oder vom Knochen ausgehend, auf die Me-
ningen und das Gehirn übergreift.
Kind von 3 Jahren, gesund. Plötzlich rechtsseitige Hemiparese, auch
des Facialis, zu welcher sich partielle Lähmungen des linken Abducens, Oculomo-
torius und Trigeminus hinzugesellten. Die Section ergab ein Sarcom des linken Fel-
senbeins, welches haselnuss- bis taubeneigross cystenförmig neben der Sella turcica
sich hervorwölbte, die Arachnoidea und die linke Hälfte des Pons fast in ihrer gan-
zen Dicke mitergriffen hatte.
Von besonderem Interesse wegen eines am Schädel hörbaren
Geräusches ist der folgende Fall1).
Carl S., ßjährig, früher gesund, kam am 19. December in die Poliklinik. Seit
Pfingsten wiederholte Anfälle von Erbrechen, zumal nach einem Stoss gegen die
Stirn Ende October. Von da an heftige Kopfschmerzen. Am 20. Nov. wurde zu-
erst von den Eltern ein lautes piependes Geräusch am Kopfe wahrgenommen.
Schwäche zunehmend. Die Untersuchung ergab vollständige Paralyse dos rechten
Facialis (auch der Gaumenäste), schwerfällige nasale Sprache, erschwertes Schlucken,
Parese des rechten Abducens mit Strabismus convergens, beiderseitige Stauungspa-
') P. Meyer, Charite-Annalen. Bd. 14.
272 Krankheiten des Nervensystems.
pille. Sonst niohts Abnormes. Man hört über dem ganzen Schädel, besonders stark
in der linken Schläfengegend ein lautes ., piependes" systolisches Geräusch, welches
vom Knaben selbst wahrgenommen wird. Am 2. Januar verschwand es,
während Apathie und Kopfschmerzen zunahmen, Urin und Stuhl unwillkürlich
abgingen; am 8. Januar leichte doppelseitige Convulsionen. Geräusch wieder über
der rechten Schläfe schwach hörbar, verschwand aber bald gänzlich. Unter den
Zeichen zunehmenden Uirndruckes und völliger Amaurose allmäliger Verfall. Tod
im April.
Section: Alle Schädelnähte klaffend, mit membranösem Verschluss. Knochen
und Dura stellenweise verwachsen. Starker Hydrocephalus ventricularis. Bin Glio-
sarcom von der Grösse eines kleinen Apfels, sehr gefässreich, nimmt vom Boden
des 4. Ventrikels (Rautengrube) seinen Ausgang.
Das während des Lebens hörbare, zuletzt aber verschwundene systo-
lische Geräusch im Schädel wurde weder durch ein Aneurysma, noch
durch Compression einer grösseren Hirnarterie erklärt. Es bleibt nur
übrig, seinen Sitz in dem äusserst gefässreichen Gliom selbst zu suchen
und sein Verschwinden von dem Sinken der Herzenergie abzuleiten.
Auch das Vorkommen gummöser Tumoren im Gehirn von Kin-
dern wird hie und da erwähnt, und in der That lässt sich kein Grund
absehen, warum gerade diese syphilitische Manifestation das Kindesalter
verschonen sollte. Nur möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass
die Unterscheidung dieser Geschwülste von Tuberkeln, selbst die micro-
scopische, oft sehr schwer ist, dass daher mancher Gehirntuberkel als
Gumma passirt sein mag und umgekehrt. Selbst die Tuberkelbacillen
können nicht als ganz sichere Kriterien für solche Fälle betrachtet
werden, da sie in alten käsigen Herden zu Grunde gehen, andererseits
aber auch in syphilitischen Producten ähnliche Bacillen gefunden worden
sind. In solchen Fällen entscheidet daher die käsige Beschaffenheit
anderer Organe, zumal der Lungen und Bronchialdrüsen, zu Gunsten
der Tuberkel. Wenn nicht gleichzeitig sichere Zeichen von Lues vor-
handen sind, und die völlige Abwesenheit von Tuberkeln in anderen
Organen durch eine sorgfältige Section constatirt ist, würde ich mich
gerade bei Kindern hüten, Gummata im Gehirn anatomisch zu diagnosti-
ciren, weil eben in diesem Alter die Tuberculose so enorm überwiegt.
Mir selbst ist bisher nur ein, wie ich glaube, sicherer Fall begegnet,
welcher schon oben (S. 101) mitgetheilt wurde.
Andere Geschwulstformen, Medullarsarcome, Echinococcen, Cysti-
cerken (letztere habe ich wiederholt bei Sectionen gesehen, ohne dass
im Leben irgend ein Oerebralsymptom beobachtet worden war), bieten
ebenso wenig etwas für das Kindesalter Charakteristisches dar, wie die
encephalitischen Herderkrankungen, die mit Erweichung oder
Cerobrale KinderLähmung. 273
Abscessbildung enden. Die Verhältnisse liegen hier genau so wie bei
Erwachsenen. Abscesse des Gehirns werden bei Kindern nicht ganz
selten beobachtet, besonders nach traumatischen Einflüssen. Ausser-
dem kommt hier noch die grössere Frequenz der Otitis media und der
Caries des Felsenbeins in Betracht, deren Tendenz, Abscesse im
Gehirn zu erzeugen, festgestellt ist. Meine persönlichen Erfahrungen
beziehen sich zwar nur auf die schon erwähnte Combination von Gehirn-
tuberkeln mit dem erwähnten Knochenleiden, doch mache ich darauf
aufmerksam, dass mancher Abscess dieser Art eigentlich nur erweichte
Tuberkelmasse gewesen sein mag. Bei einem 12 jährigen scrophulösen
Mädchen beobachtete ich einen colossalen Hirnabscess, welcher fast den
ganzen Vorderlappen der rechten Hemisphäre einnahm, in Verbindung
mit Caries der Lamina cribrosa des Siebbeins. In diesem Fall hatten
viele Wochen lang gewaltige neuralgische Schmerzanfälle in der Begion
des Nerv, supraorbitalis dexter bestanden, deren Linderung nur durch
Morphiuminjectionen möglich war, während die Intervalle fast ganz frei
von krankhaften Erscheinungen waren, und nur der Druck auf den
Orbitalrand, besonders nach der Nasenseite hin, Schmerz erregte. Ganz
plötzlich traten heftige epileptische Krämpfe, Sopor und Hemiplegie
auf, welche nach wenigen Tagen mit dem Tode endeten '). Sie ersehen
daraus, dass die Krankheiten der Nasenhöhle (chronische Bhinitis) bei
Kindern, zumal scrophulösen, mit nicht geringerer Sorgfalt behandelt
werden sollten, als diejenigen des Ohrs, deren gefährliche Ausgänge
längst gewürdigt sind.
XIV. Die cerebrale Kinderlähmung.
Wie die spinale kann auch die cerebrale Paralyse sich bis in ein
höheres Lebensalter hinziehen und erst in diesem zur Beobachtung des
Arztes gelangen. Weit häufiger aber geschieht dies noch im Kindesalter,
und zwar schon in den ersten Lebensjahren. Die betreffenden Kinder
bieten das Bild einer mehr oder weniger vollständigen Hemiplegie,
mit oder ohne Theilnahme des Facialis und anderer Hirnnerven dar.
Die obere Extremität ist in ihren Bewegungen meistens erheblicher be-
einträchtigt, als die untere, welche oft noch zum Gehen benutzt, aber
nachgeschleppt wird. Die Lähmung ist entweder angeboren, macht
sich also schon gleich nach der Geburt bemerklich, oder entsteht in der
ersten Lebenszeit, etwa im Alter von 3 — 12 Monaten oder noch später,
nach Angabe der Eltern meistens nach einer ,, Gehirnentzündung",
') Eulenburg, Berl. klin. Wochenschr. 1882. No. 15.
H e ii o c h , Vorlesungen über Kinderkrankheiten, 18
274 Krankheiten des Nervensystems.
d. h. nach einem Tage oder Wochen langen fieberhaften soporösen
Vorstadium und mehr oder minder heftigen Convulsionen, die, wie
wir oben (S. 233) sahen, der spinalen Kinderlähmung nur ausnahms-
weise vorausgehen. Mit der Zeit aber bilden sich auch bei der in Rede
stehenden cerebralen Form allmälig Contracturen und Atrophie der
gelähmten Theile aus, welche schliesslich nicht nur kühler, magerer und
welker als die gesunden, sondern auch kürzer und verkümmert erscheinen.
Den Unterschied von der spinalen Kinderlähmung bildet nächst der halb-
seitigen Erscheinungsform der lange Fortbestand der Reflexe und
der elektrischen Contractilität in den gelähmten Muskeln, welche erst
erlischt, wenn die Atrophie derselben bis zum äussersten Grade fortge-
schritten, d. h. kein normales Muskelgewebe mehr vorhanden ist. Fast
immer kommt aber die Atrophie hier nur sehr langsam, erst nach
mehrjähriger Dauer zu Stande, und erreicht selten die hohen Grade,
welche die spinale Paralyse so häufig darbietet. Dennoch habe ich in
vielen Fällen Verkürzung der betreffenden Extremität, verminderte Di-
mensionen der Hand und der Finger beobachtet1). Sensible Störungen
kommen auch hier selten vor. Bei einem 7 jährigen Knaben, welcher
die Krankheit im Alter von 18 Monaten bekommen hatte, sollte Anfangs
Anaesthesie des gelähmten Arms vorhanden gewesen sein , welche später
verschwand. Auch hier, wie in der spinalen Form, kommt es bisweilen
zum Herabsinken des Humeruskopfes aus der Gelenkgrube, so dass man
zwischen dieser und dem Gelenkkopfe mitdemFinger eingehen kann. Oefters
zeigte die gelähmte obere Extremität choreaartige, atheto tische Bewe-
gungen der Finger, zumal bei intendirten Muskelactionen. Auch Stö-
rungen der Sprache und der Intelligenz, welche alle Zwischenstufen
vom leichten Stumpfsinn bis zum völligen Idiotismus darbieten können,
sind nicht selten, und oft gesellen sich epileptiforme Anfälle hinzu,
welche das Bild der Krankheit vervollständigen. Wie bereits erwähnt,
können zwar solche Kinder, die ihren Angehörigen zur Last fallen, ein Alter
von 20 und mehr Jahren erreichen, die meisten aber sterben früher, in
einem convulsivischen Anfall, im Sopor oder durch zufällige Oompli-
cationen.
Die Unheilbarkeit dieses Zustandes ist in seinen anatomischen
Verhältnissen begründet. Es handelt sich hier am häufigsten um
1) Vergl, Seeligmüller, Jahrb. f. Kinderheilk. N. F. XII. S. 35G. —
Förster, Ibid. XV. S. 268. — Osler, The cerebral paralysies of children. London.
1889. — Giboteau, Note sur le deyeloppement des fonetions cerebrales et sur les
paralysies d'origine cerebrale chez les enfants. Paris, 1889. — Freud u. Rie, Klin.
Studie über die halbseit. Cerebrallähmung der Kinder. Wien 1891.
Cerebrale Kinderlähmung. '275
Atrophie oder um vollständigen Mangel einzelner Hirnpartien, entweder
einzelner Windungen einer Hemisphäre oder eines halben oder ganzen
Lappens, der grossen Hirnganglien u. s. w., welcher durch Anhäufung
von Serum, oft auch gleichzeitig durch Verdickung der Schädelknochen
ersetzt wird. Einen der exquisitesten Fälle dieser Art beschrieb ich
schon in meiner Inauguraldissertation'),
Mädchen von 19 Jahren, gesund geboren, im Alter von 3 Monaten Convul-
sionen, nach welchen rechtsseitige Hemiplegie zurückbleibt. Später Atrophie der be-
treffenden beiden Extremitäten bis zur Verkümmerung. Sensibilität normal. Cerebral-
nerven frei von Lähmung. Flexionsstellung der Finger. Intelligenz fast auf dem
Stande des Idiotismus bei einsilbiger, doch ungehinderter Sprache. Tod an Phthisis.
Section: Linke Schädelhöhle i/i Zoll schmaler als die rechte, linkes Stirnbein ver-
dickt. Der mittlere obere Theil der linken Hemisphäre fehlt ganz und ist durch eine
mit Serum gefüllte Cyste ersetzt, welche bis an den Seitenventrikel reicht. Dieser
ist stark erweitert und mit Serum angefüllt. Corpus striatum und Thalamus opticus
bis auf die Hälfte des normalen Volumens geschrumpft. Die Atrophie setzt sich
zum Theil in gekreuzter Richtung dergestalt fort, dass der Tractus opticus, die Emi-
nentia mammillaris, das Crus cerebri, der Pons links und die Pyramide der rechten
Seite erheblich dünner erscheinen , namentlich von der Pyramide kaum der vierte
Theil übrig ist.
In solchen Fällen findet man eine durch secundäre (regressive)
Degeneration bedingte Atrophie der Pyramidenfaserzüge, die, von der
atrophischen Hirnpartie ausgehend, sich in gekreuzter Richtung bis in
die gegenüberliegende Hälfte des Rückenmarks verfolgen lässt. Ueber
die Entstehung des Leidens hat man lange Zeit gestritten. Jetzt dürfen
wir wohl annehmen, dass es sich, wenn auch nicht immer um eine
„Polioencephalitis" (Strümpell), doch um einen encephalitischen
Process handelt, der mit mehr oder weniger Bluterguss verbunden, die
befallene Gehirnpartie zertrümmert. Dieser Process kann entweder schon
während des Foetuslebens beginnen, oder erst später, meistens im ersten
bis dritten Lebensjahre sich entwickeln. Mit der Zeit kommt es dann
zu einer reactiven Entzündung der nächsten Umgebung und zu cysten-
artiger Abkapselung der zertrümmerten Gehirnmasse, welche allmälig
verfettet, resorbirt wird, und an deren Stelle schliesslich eine mit mehr
oder weniger klarem Serum gefüllte Cyste zurückbleibt2). In vielen
Fällen findet man zwar mehr oder weniger von dieser Form abweichende
Veränderungen, deren Entwickelung indess auf dieselbe Weise gedeutet
werden muss.
') Henoch, De atrophia cerebri. Berolini, 1842.
-) Kund rat, Die Porencephalie. Eine anatomische Studie. Graz, 1882.
18*
276 Krankheiten des Nervensystems.
Elisabeth R., 12 Jahre alt, in die Klinik aufgenommen am 8. Januar 1879,
leidet seit ihrer frühen Kindheit an unregelmässig sich wiederholenden epilepti-
formen Krämpfen, mitunter 3 — 5mal an einem Tage, dann wieder Wochen lang
pausirend. Dabei besteht, so lange sie denken kann, rechtsseitige Lähmung,
besonders des Arms. Die Aufnahme erfolgte wegen Phthisis pulmonalis. Die in
der Klinik beobachteten Anfälle waren entschieden epileptischer Art und betrafen
vorzugsweise die rechtsseitigen (gelähmten) Extremitäten, den Kopf, die
Augen und den rechten Facialis. Der gelähmte rechte Arm war nur in sehr be-
schränkter Weise brauchbar, massig atrophirt und im Ellenbogengelenke leicht flec-
tirt. Nach dem am 25. erfolgten Tode ergab die Section starkes Oedem der. Pia
mater an der Convexität beider Hemisphären, alle Gyri linkerseits sehr klein und
schmal, Sulci sehr tief. In den Furchen zwischen der zweiten und dritten Stirnwin-
dung, sowie in der Centralfurche ist die Pia verdickt und nur sehr schwer abzulösen.
Die betreffenden äusserst schmalen Gyri zeigen eine Depression und rostbraune
Farbe, welche offenbar von früheren Hämorrhagien herrührt, Rechterseits alles nor-
mal. Die erwähnte grubenförmige Depression ist von seröser Flüssigkeit, welche
von der Arachnoidea überspannt wird, ausgefüllt.
Hier scheint sich ein ursprünglicher Bildungsfehler (Kleinheit säramt-
licher Gyri der linken Convexität) mit einer hämorrhagischen Meningo-
Encephalitis an der bezeichneten Stelle combinirt zu haben. Durch den
Druck des Exsudats entstand Atrophie und Depression der Frontal-
windungen, welche allmälig durch Serum ersetzt wurde. Sowohl in
diesem wie auch in dem nächst folgenden Falle sehen wir durch die
Affection der vorderen Rindenpartie Lähmungs- und Reizuugserscheinungen
auf der gegenüberliegenden Körperhälfte entstehen, während im dritten
Falle bei gleichen Symptomen Schläfen- und Parietallappen weit mehr
betheiligt erscheinen, als die vordere Partie.
Margarethe G., öjährig, in die Klinik aufgenommen am 11. Juli 1875, ge-
sund bis zum Alter von 1 '/, Jahren. Um diese Zeit heftige Erschütterung durch
Achsenbruch bei einer Spazierfahrt. Einige Tage darauf nach einem lauen Bade
plötzlich linksseitige Hemiplegie. Mit der Zeit Besserung bei guter geistiger
Entwickelung. Erst seit dem Frühjahr 1875 Störung der Sprache, indem Worte,
die vorher schon geläufig gesprochen wurden, nicht mehr herauszubringen waren;
dabei Veränderung des Charakters, Zerstörungssucht, grosse Heftigkeit. Gang un-
sicher und schwankend. Die Hemiplegie bestand jetzt nur noch in einer geringeren
Energie der linksseitigen Extremitäten, welche atrophisch sind. Tod am 24. Sep-
tember durch Diphtherie. — Section: Pia mater rechts entsprechend der oberen
Frontalwindung beträchtlich verdickt, weisslich und undurchsichtig, adhärirt an
dieser Stelle äusserst fest an der Hirnsubstanz, welche atrophisch und sehr derb er-
scheint. Die ganze rechte obere Frontalwindung stark atrophirt; etwas we-
niger, aber immer noch merkbar atrophisch ist auch der übrige Theil des Stirn-
lappens. Die verkleinerte Windung ist zugleich eigenthümlich durchscheinend und
intensiv hellroth, bis auf das hintere Drittel, welches stark uneben und weisslich ge-
färbt erscheint. Sonst alles normal.
Cerebrale Kinderlähmung. 277
Georg St., 5 Jahre alt, aufgenommen am 23. Juli 1877. Vor 3 Jahren „Ge-
hirnentzündung", nach welchor sich allmälig Aphasie, Stumpfsinn und rechtsseitige
Hemiplegie einstellten. In den beiden folgenden Jahren wiederholte epileptische An-
fälle, bisweilen 3— 4 mal in einem Tage. Kind kräftig, gutgenährt. Stupider Ge-
sichtsausdruck, Strabismus divergens rechts. Sensorium benommen. Pat. antwortet
nur mit unarticulirten Lauten, ohne die Frage verstanden zu haben. Sprache aufge-
hoben, Gehör und Sehvermögen intact. Hemiplegia dextra mit starrer Contractur
derFlexoren, die nur schwer zu überwinden ist. Faradische Erregbarkeit der Flexoron
erhalten, die der Extensoren abgeschwächt. Analgesie der gelähmten Theile (gegen
Nadelstiche). Gang unsicher, taumelnd; das rechte Bein wird nachgeschleppt, tritt
nur mit der Spitze auf. Rechter Arm welk, magerer, Umfang 1,5 Ctm. geringer, als
der des linken. Stuhl und Urin werden ins Bett entleert. Kein Fieber. Am 5. Aug.
Scharlach, am 13. doppelseitige Bronchopneumonie, am 20. Tod.
Section. Partielle Synostose der Sutura coron. und sagitt., innere Fläche der
Schädelknochen zeigt hie und da eine sehr dünne, weisse Verdickung, namentlich am
Stirnbein. Dura besonders links sehr schlaff, breite Falten bildend, beiderseits viel-
fach mit der Pia verwachsen. Pia rechterseits stark geröthet, sehr gefässreich, hie
und da verdickt. Die linke Hemisphäre auffallend verkleinert, Pia überall fibrös
verdickt. Besonders atrophisch erscheint der Schläfenlappen, über welchem die
Pia und die unmittelbar unter ihr liegende Rindensubstanz ödematös infiltrirt und
grauröthlich durchscheinend ist, fast wie ein mit Wasser gefüllter Schlauch. Pia der
Basis, besonders in der Foss. Sylvii verdickt. Gefässe intact; Ventrikel, zumal der
linke, durch Serum stark ausgedehnt, ihre Wandung stark verdickt, mit warziger
Oberfläche. Bei genauerer Untersuchung zeigt sich, dass die Atropnie sich vom
Schläfenlappen nach hinten auf einen beträchtlichen Theil des Parietallappens
und nach vorn auf die untersten Theile beider Central Windungen erstreckt. Beim
Einschnitt in diese Theile zeigt sich auch ein beträchtlicher Schwund der betreffen-
den weissen Substanz. Die Uirnsubstanz ist hier röthlich grau, zäh, stark vascu-
larisirt, von blassen härtlichen Herden durchsetzt (Sclerose). Rechte Hemisphäre
bis auf die Atrophie einer Stelle dos Parietallappens intact. —
Viel seltener, als die bisher beschriebenen Fälle kommen solche
mit doppelseitiger Atrophie der Gehirnsubstanz vor, wodurch krank-
hafte Erscheinungen auf beiden Seiten des Körpers entstehen können.
Ein 6jähriger Knabe '), aufgenommen am 20. Juli 1874, hatte im 6. Lebens-
monate Masern überstanden. Bald darauf „Krämpfe", welche sich acht Tage
hintereinander häufig wiederholten, dann immer seltener wurden und zuletzt nur
noch sehr selten auftraten. Gleich nach dem ersten Krampfanfall soll sich das jetzige
Leiden entwickelt haben. Eine wirkliche Paralyse war nirgends bemerkbar, wohl
aber eine weit verbreitete Rigidität der Muskeln. In liegender Stellung erschienen
beide unteren Extremitäten starr, mit geringer Beugung im Kniegelenk, jede Flexion
oder Extension wegen der Spannung der Beuge- und Streckmuskeln nur schwer zu
bewirken. Die oberen Extremitäten, besonders die rechte, im Ellenbogengelenk flec-
tirt, Extension sehr schwer, vom Kranken allein nicht ausführbar. Sobald der Knabe
') Charite-Annalen. Jahrg. I. S. 567.
278 Krankheiten des Nervensystems.
auf die Füsse gestellt und zum Gehen aufgefordert wurde, trat augenblicklich eine
starre Contraction der Wadenmuskeln ein mit Pes equinusstellung des Fnsses und
gleichzeitiger starker Dorsalflexion der Zehen, so dass Stehen und Gehen absolut
unmöglich war. Auch in den Hand- und Fingergelenken geringe Contractur; beim
Greifen von Gegenständen unzweckmässige choreaartige Bewegungen bemerkbar.
Sprache stotternd, mühsam, schwerverständlich, die geistige Energie sehr abge-
schwächt, sonst alles normal. Tod durch Diphtherie am 12. — Section: Verkür-
zung des rechten Arms um 2V2 Ctm. von der Achsel bis zum Proc. styloid. radii,
mit Atrophie der Musculatur. Das Schädeldach zeigt leichte Asymmetrie, indem
das rechte Scheitelbein stärker gewölbt und grösser als das linke, und der schräge
Durchmesser (von vorn links nach hinten rechts) grösser als der entsprechende der
anderen Seite ist. Dura normal. Pia auf den Frontallappen zu beiden Seiten der
Incisura magna verdickt, trübe, und durch eine klare Flüssigkeit blasenartig abge-
hoben, nach deren Entleerung die betreffende Hirnpartie eingesunken erscheint. Die
erste und zum Theil auch die zweite Frontalwindung beiderseits atrophisch, Gyri
kaum V3 so breit, als die normalen, sehr weich, auf dem Durchschnitt gleichmässig
grauröthlich. Auch der anstossende Theil des Markes ebenso beschaffen und atrophisch.
Die dritte Frontalwindung nur in geringem Maasse betheiligt, Insula normal. Corpus
callosum, Fornix und Septum pellucid. erheblich atrophirt. Seitenventrikel stark er-
weitert, mit Serum angefüllt, besonders die Vorderhörner, welche einen grösseren
Raum einnehmen, als Seitenkammern und Hinterhörner zusammen. Ependyma aller
Ventrikel stark verdickt, derb, fein höckerig. Sonst keine Abnormität.
Mancher Fall von „spastischer Spinalparalyse", welcher nicht zur
Section kam, mag auf solchen doppelseitigen Defecten der Gehirnsubstanz
beruhen, besonders solche, die mit geschwächter oder ganz zerstörter
Intelligenz einhergehen (S. 248).
Die microscopische Untersuchung der atrophischen Gyri in diesen
Fällen ergiebt einen sclerotischen Process, d. h. Zertrümmerung und
schliesslich Schwund der eigentlichen Nervenelemente, an deren Stelle
eine interstitielle Wucherung der Neuroglia, Fettkörnchenzellen und mehr
oder minder zahlreiche Corpora amylacea treten. Oft giebt eine durch
Haematoidinkrystaile bedingte röthliche Pigmentirung noch Kunde von
stattgehabten hämorrhagischen Vorgängen. Die sclerotischen Atrophien
stellen dann die letzten Ausläufer foetaler oder in frühester Kindheit
entwickelter encephalitisch- hämorrhagischer Processe dar, zu welchen
noch eine exsudative Entzündung der bekleidenden Pia als comprimi-
rendes Element hinzutreten kann. Dass unter solchen Verhältnissen die
Prognose absolut schlecht, die Therapie machtlos sein muss, lehren
die mitgetheilten und viele andere Fälle. "Will man durchaus etwas
thun, um den Ansprüchen der Eltern gerecht zu werden, so bleibt nur
die Anwendung der Elektricität übrig, welche hier vielleicht noch besser
als in der spinalen Kinderlähmung die Muskelatrophie aufzuhalten ver-
mag. Auch Frictionen der Glieder, anregende Bäder, Gymnastik, sind
Hydrocephalus chronicus. 279
hier wie dort am Platz. Die Muthlosigkeit des Arztes tritt aber wegen
der gleichzeitigen Beeinträchtigung der Intelligenz, die bis zum Idiotis-
mus steigen kann, hier früher ein, und das unglückliehe Kind bleibt
schliesslich als eine Last der Familie seinem Schicksal überlassen. —
Dass sclerotische Herde (Sclerose en plaques) ausser in der Cortical-
schicht auch in anderen Hirnpartien bei Kindern auftreten können, ist
Thatsache'), wenn sie auch selten vorkommt, und von mir selbst nur
in einem Fall auf dem Leichentische beobachtet worden ist. Der grösste
Theil der von den Autoren mitgetheilten Fälle schwebt in der Luft,
weil die Sectionsbefunde fehlen. In den beschriebenen Symptomen finde
ich nichts Charakteristisches, wenigstens nichts, was nicht auch bei an-
deren chronischen Hirnkrankheiten der Kinder (Tuberkeln, Geschwülsten,
chronischer Meningitis, Porencephalie) beobachtet worden wäre. Die von
Moncorvo angenommene Beziehung zur Syphilis entbehrt noch des
sicheren Beweises.
XV. Der chronische Wasserkopf, Hydrocephalus chronicus.
Das Hauptsymptom dieser Krankheit ist die mehr oder weniger
rasche Volumszunahme des Kopfes, welche durch den wachsenden Druck
einer die Gehirnventrikel, seltener den Kaum zwischen Dura und Arach-
noidea füllenden Flüssigkeit bedingt wird. Geringe Grade, in welchen
die Vergrösserung des Kopfes fehlt, sind unserer Diagnose nicht zu-
gänglich. Mehr als 100 Grm Serum können sich in den erweiterten Ge-
hirnhöhlen von Kindern finden, die an verschiedenen cachektischen, be-
sonders tuberculösen Krankheiten gestorben sind, ohne dass während des
Lebens irgend ein Zeichen den Befund vermuthen Hess. Von diesen
Fällen ist hier nicht die Rede.
Andererseits darf ein ungewöhnlich grosses Volumen des Kopfes
für sich allein nicht sofort zu Annahme von Hydrocephalus verleiten.
Oft genug wurden mir Kinder vorgestellt, welche von Aerzten zum
Schrecken der Eltern für hydrocephalisch erklärt worden waren, weil
ihr Kopf sehr voluminös, die Fontanellen und Nähte noch nicht ge-
schlossen waren, und doch konnte ich den Eltern bald die beruhigende
Versicherung geben, dass ihre Besorgnisse unbegründet seien, dass kein
') ten Cate Hoedemaker, Deutsches Archiv f. klin. Med. XXIII. p. 443. —
Förster, 1. c. p. 272. — Pierre Marie, Revue de med. 1883. No. 7. — Mon-
corvo, Contributions ä l'e'tude de la sclerose multiloculaire chez les enfants. Paris,
1884. — Richardiere, Sclerose encephalique primitive de l'enfance. Paris, 1885. —
Käst, Archiv f. Psychiatrie. XVIII. H. 2. — Unger, Ueber multiple inselförmige
Sclerose etc. Leipzig u. Wien, 1887.
280 Krankheiten des Nervensystems.
Hydrocephalus, sondern nur ein rachitischer Schädelbau vorlag, welcher
die Aerzte irre geleitet hatte. Ich gebe zu, dass die Diagnose mitunter
schwer ist, wenn man eben nur die Grösse und die gehemmte Ossification
des Schädels in Betracht zieht, aber die sorgfältige Beobachtung der
Intelligenz, der Bewegungen, des Blickes wird bald die Entscheidung
bringen. Nur da, wo eine Combination von Rachitis mit Hydrocephalus
stattfindet, wird man eine Zeit lang in der Diagnose schwankend sein
können.
Die meisten Kinder mit Hydrocephalus chronicus kommen schon im
ersten Halbjahre des Lebens zur ärztlichen Behandlung, weil die stete
Zunahme des Kopfumfanges, mit welcher das Wachsthum des übrigen
Körpers nicht gleichen Schritt hält, die Aufmerksamkeit der Angehörigen
erweckt. Die Volumszunahme ist Anfangs nicht sehr erheblich, so dass
man versucht sein kann, sie überhaupt in Abrede zu stellen, und eine
Täuschung der Mutter durch die im früheren Kindesalter stets vorhandene
Präpönderanz des Kopfumfanges anzunehmen; bald aber entscheidet die
Messung, welche mit einem Centimetermaass in der Art vorgenommen
wird, dass man 1) die Circumferenz des Kopfes (Glabella und Tuber
occipitale als Mittelpunkte angenommen'), 2) den Querdurchmesser (von
einem Proc. mastoid. über den Scheitel hinweg zum anderen), und 3)
den Längsdurchmesser (von der Nasenwurzel über den Scheitel zum
Tuber occipitale) bestimmt. Man kann dann von Zeit zu Zeit eine Zu-
nahme der Maasse um 1 Ctm. und mehr nachweisen. Die meisten
hydrocephalischen Schädel zeichnen sich durch starke Prominenz des
Stirnbeins und seitliches Herausdrängen der Scheitelbeine aus, welches
besonders deutlich wird, wenn man den Schädel von oben betrachtet;
nur ausnahmsweise kam mir die dolichocephalische Form, d. h. Ver-
längerung des Längsdurchmessers und seitliche Abflachung des Schädels
in Verbindung mit Hydrocephalie vor. Oft sieht man die subcutanen
Venen des Kopfes zu blauen Strängen erweitert. Die Betastung des
Schädels ergiebt in der Regel eine mangelhafte Ossification; alle
Fontanellen, besonders die grosse, sind weit geöffnet, die Suturen klaffend,
so dass man die fibröse zwischen den Knochen ausgespannte Membran
durch den Druck des Gehirn wassers vorgewölbt, elastisch, mehr oder
weniger deutlich fluctuirend fühlt. Mitunter, aber nur in hochgradigen
') Bei Neugeborenen beträgt der Kopfunifang im Durchschnitt 39—40 Ctm.,
von 6—12 Monaton etwa 40—45 Ctm. und nimmt nun allmälig bis 50 Ctm. zu,
welche er etwa im 12. Jahr erreicht (Steffen). Bei Hydrocephalus chron. aber
kann der Kopfumfang schon im 3. bis 5. Lebensjahre 55—70 Ctm. betragen.
Hydrocephalus chronicus. 281
congenitalen oder sehr früh entstandenen Fällen, wo die Knochenbildung
noch äusserst mangelhaft war, konnte ich inmitten der fluctuirenden
Membran, welche die Schädelknochen mit einander verband, zerstreute
Knochenkerne fühlen; einmal war die Membran dicht über der Schuppe
des Hinterhauptbeins sogar zu einem wallnussgrossen runden Divertikel
herausgestülpt, welches, wie die Probepunction ergab, mit Flüssigkeit
gefüllt war (Meningocele). Die Annahme, dass hier gleichzeitig Hydro-
cephalus externus, d. h. Wasseransammelung unter der Dura bestand,
wurde durch die Section bestätigt.
Nur selten (5 mal) kam mir eine vollständige Ossification oder
gar ungewöhnliche Verdickung des äusserst voluminösen Schädels vor,
die sich zweimal vorzugsweise in der Gegend der Schläfenbeine kund-
gab und dem Schädel ein auffallend in die Breite gezogenes Aussehen
verlieh.
In Folge der bedeutenden Volumszunahme wird der Kopf allmälig
so schwer, dass die Kinder ihn nicht aufrecht tragen können. Ohne
Stütze folgt er dem Gesetz der Schwere, schwankt hin und her. Der
mächtige Schädelumfang contrastirt mit der Kleinheit des Gesichts,
welches durch zunehmende Abmagerung noch kleiner und fast dreieckig
sich gestaltet. Auffallend ist dabei der eigenthümlich starre Blick, oder
die schon von den alten Aerzten hervorgehobene Stellung der Bulb;
nach unten, wobei die Iris zur Hälfte vom unteren Augenlide bedeckt
und ein grosser Theil des oberen Scleraabschnittes anhaltend sichtbar
sein kann. Dass diese (übrigens nicht ganz constante) Augenstellung
durch Abwärtsdrängung der Orbitalplatte des Stirnbeins entstehen soll,
wie vielfach angenommen wird, ist unwahrscheinlich, weil in diesem
Falle zunächst eine Raumbeschränkung der Augenhöhle und dadurch
Exophthalmus entstehen muss. In der That findet man einen gewissen
Grad des letzteren nicht selten, und überzeugt sich dann durch Palpation,
dass die knöcherne Decke der Orbita pergamentartig verdünnt ist, wie
sie denn auch bei der Section in einem äusserst stumpfen Winkel zur
Frontalplatte des-Stirnbeins erscheint. Dies ist indess keineswegs con-
stant, denn ich fand bei zwei Kindern, deren Augensteilung gewiss eine
Herabdrückung der Orbitalplatte annehmen Hess, diese bei der Section
in ganz normaler Lage. Die Drehung des Bulbus nach unten scheint
vielmehr durch partielle Paralyse des Ocuiomotorius, nämlich derjenigen
Zweige bedingt zu werden, welche den Rectus superior versorgen, wobei der
Inferior das Uebergewicht erhält. Denn häufig kommen auch Lähmungen
anderer Zweige desselben Nerven vor, welche statt des Schielens nach
unten Strabismus divergens oder andere abnorme Augenstellungen, auch
282 Krankheiten des Nervensystems.
mehr oder weniger entwickelte Ptosis zu Stande bringen. Nur selten
weicht der Blick und die Stellung der Bulbi von der normalen in keiner
Weise ab. Der Augenspiegel ergiebt meistens, keineswegs immer, Druck-
atrophie der Papilla N. optici, und Venenectasie der Retina durch die
in Folge der Compression entstehende Erschwerung des Blutrückflusses
im Sinus cavernosus. In den meisten Fällen bleibt die Entwickelung
der Intelligenz weit hinter der normalen zurück. Die Kinder sind im
hohen Grade apathisch , scheinen weder deutlich zu sehen noch zu hören,
kennen ihre Umgebung nicht und bieten oft das Bild des vollständigen
Idiotismus dar, wobei Speichel aus dem halbgeöffneten Munde rinnt und
die Haut der Unterlippe und des Kinns macerirt. Dies ist indess keines-
wegs immer der Fall; man ist mitunter erstaunt über den Grad von
Intelligenz und Sinnesenergie, welcher selbst in sehr entwickelten Fällen
von Hydrocephalus noch erhalten sein kann.
Ein l'/,jähriges Kind mit sehr hochgradigem Wasserkopf erkannte seine Um-
gebung, rief „Papa" und ,,Mama" und folgte mit den Augen allen vorgehaltenen
Gegenständen. Noch einige Wochen vor dem Tode, der unter heftigen Convulsionen
erfolgte, war das Sehvermögen erhalten, das Kind sprach wie zuvor und kannte seine
Mutter, welche es anlächelte.
Ein 3jähriger Knabe mit colossalem (75 0tm. Umfang) aber bis auf eine kleine
Stelle verknöchertem Schädel, konnte zwar sitzen und den Kopf aufrecht halten,
aber weder stehen noch gehen; dabei war er ziemlich intelligent, sprach sogar fran-
zösisch und deutsch.
Solche Fälle enthalten eine Warnung, bei der Diagnose des chro-
nischen Hydrocephalus nicht zu grossen Werth auf ein gänzliches Zu-
rückbleiben der Intelligenz zu legen.
Die Motilität der oberen Extremitäten ist in der Regel nicht
wesentlich beeinträchtigt, allenfalls bemerkt man, dass die Kinder beim
Versuch, einen Gegenstand zu fassen, unangemessene oder choreaartige
Bewegungen machen. Dagegen ist oft Paraplegie vorhanden; beide
Beine sind gelähmt oder wenigstens unfähig den Körper zu tragen. Von
Stehen, Gehen ist keine Rede, oft nicht einmal von einem ungestützten
Sitzen, und viele Kinder kreuzen, wenn man sie auf die Füsse stellen
will, in Folge spastischer Rigidität der Muse, adduetores femoris die
Beine, ohne einen Schritt zu versuchen. Auch von dieser Regel giebt
es aber Ausnahmen, in welchen die Beweglichkeit der unteren Extremi-
täten fast vollständig erhalten ist. Convulsivische Zufälle verschie-
dener Art, Spasmus glottidis, Verdrehen der Augen, Nystagmus, Zu-
sammenzucken des Körpers mit der Neigung vornüber zu fallen, endlich
allgemeine epileptiforme Anfälle oder Contracturen gesellen sich häufig
Hydrocephalus chronicus. 283
hinzu. Dabei können alle animalischen Functionen, Athmung, Oirculation
und Verdauung, sich Jahre lang durchaus normal verhalten, wobei aber
doch die Ernährung beträchtlich leidet, und die Kinder schliesslich in
einen atrophischen Zustand verfallen, mit welchem das Volumen des
Kopfes um so auffallender contrastirt. Bei einem 6 Monate alten Kinde
entstand durch das anhaltende Liegen des schweren Kopfes auf der
rechten Seite ein umfangreicher Decubitus des rechten Scheitelbeins und
Ohrs. Wenn nun auch viele Kinder schon während der ersten Lebens-
jahre durch Atrophie oder in einem convulsivischen Anfall zu Grunde
gehen, so müssen Sie doch die Prognose der Krankheitsdauer vorsichtig
stellen. Anscheinend verzweifelte Fälle erreichen nicht selten ein Alter
von 5—6 Jahren und darüber, und es fehlt nicht an Beispielen, in
denen die Krankheit sich bis in die Jünglingsjahre und noch länger
hinzog. Nur ausnahmsweise wurde schliesslich Durchbruch des Wassers
in den Raum zwischen Dura und Arachnoidea, oder selbst durch die
Schädeldecke nach aussen beobachtet. Ich selbst habe diesen Ausgang
niemals gesehen.
Die Section ergiebt zunächst eine durch den Druck des aus-
gedehnten Gehirns bewirkte, mehr oder minder starke Verdünnung der
Schädelknochen, welche oft schon bei Lebzeiten durch Palpation erkenn-
bar ist. Bei einem 9 Monate alten Kinde, dessen Intelligenz nicht we-
sentlich zurückgeblieben war und welches nirgends eine Spur von Paralyse
zeigte, fand ich die Verdünnung und das Schwinden der Diploe bis zur
Transparenz fortgeschritten, so dass man nach dem Abziehen der
Kopfhaut durch die Knochen hindurch deutlich die Farbe und Blutgefässe
der Dura sehen konnte. Fontanellen und Nähte erscheinen weit klaffend,
die Diastase der letzteren durch fingerbreite fibröse Membranen, welche
eingesprengte Knochenkerne enthalten, geschlossen. Das grosse Gehirn
besteht aus zwei mehr oder minder schlaffen schwappenden Säcken, den
enorm erweiterten, mit heller Flüssigkeit gefüllten Seitenventrikeln,
welche von der verdichteten, mitunter nur wenige Centimeter dicken
Gehirnmasse schalenartig umgeben sind. Die Menge der Flüssigkeit be-
trägt im Durchschnitt 250 — 500 Gr., kann aber bis auf 1200 Gr. und
mehr steigen. Eiweiss ist in derselben meistens nur in äusserst geringer
Menge oder gar nicht enthalten. An der umgebenden Schale, zu welcher
die Masse der Hemisphären comprimirt ist, sieht man noch die Grenzen
der grauen und weissen Substanz. Sowohl die Gyri, wie die grossen
Hirnganglien sind durch den Druck abgeflacht. Auch der 3. und 4. Ven-
trikel sind häufig erweitert und mit Flüssigkeit gefüllt, selbst den Ventr.
septi pellucidi sah ich wiederholt an der hydropischen Dilatation Theii
*284 Krankheiten des Nervensystems.
nehmen. Fast immer findet man die Centralgebilde (Corpus callosum,
Fornix u. s. w.) ungewöhnlich fest, sobald nur das Gehirn möglichst
frisch untersucht wird. Das Ependyma ventriculorum zeigt meistens eine
fein granulirte Oberfläche, erscheint wie bestäubt mit äusserst kleinen,
grau durchscheinenden Körnchen, welche sich microscopisch als Hyper-
plasie des Ependyma ausweisen. Nur selten finden sich Fetzen fibri-
nösen Exsudats, welche das Foramen Monroi verlegen und dadurch die
Communication der Höhlen untereinander verhindern können, oder ent-
zündliche Verdickungen der Plexus chorioidei. Die Grade der beschrie-
benen Veränderungen sind sehr verschieden; insbesondere bietet die Er-
weiterung der Ventrikel und die Dicke der comprimirten Hemisphären-
masse grosse Differenzen dar. Als Beispiel einer selten hochgradigen
Entwickelung mag der folgende Fall dienen:
Anna L\, 3 Monate alt, aufgenommen mit Hydrocephalus chronicus. Ernäh-
rung leidlich. Circumferenz des Kopfes 45, Längsdurchmesser 25, Qaerdurchmesser
27 Ctm. Bulbi abwärts gerichtet. Nervöse Störungen nicht bemerkbar, das Kind
nimmt in normaler Weise die Flasche, schreit viel und kräftig, und weicht in seinem
ganzen Verhalten von dem eines gesunden Kindes nicht ab. Nach einigen Wochen
Collaps und Bronchopneumonie. — Section: Nach Entfernung des sehr dünnen
dolichocephalischen Schädeldachs und Einschneiden der Dura mater blickt man
in eine mit Wasser vollständig gefüllte Schädelhöhle, in deren unterstem
Grunde ein länglicher Klumpen als Rest dos Gehirns sichtbar ist. Bei
näherer Untersuchung eigiebt sich, dass die Hemisphären des grossen Gehirns fast
gänzlich verschwunden sind. Unter der normal erhaltenen Dura mater zeigen sich
nur stellenweise papierdünne Platten, Leisten und Streifen mit einem an die Pia er-
innernden Ueberzuge, die einzigen Reste der verschwundenen Hemisphären, deren
Raum eine den ganzen Schädel füllende klare wässerige Flüssigkeit einnimmt. Der
auf dem Schädelgrunde befindliche unförmliche Klumpen besteht aus dem Rest der
grossen Hirnganglien, an welche sich das Cerebellum und das Rückenmark in nor-
maler Weise anschliessen. Diese Theile, wie die Hirnnerven und Gefässe, sind völlig
intact.
Obwohl bei diesem Kinde die Oompression der Hemisphärenmasse
fast bis zum völligen Schwunde derselben gediehen war, sehen wir doch
alle Functionen in normaler Weise vor sich gehen, und das ganze Ver-
halten von dem eines gesunden Kindes gleichen Alters in keiner Weise
abweichen. Dasselbe Sectionsresultat ergab ein zweiter Fall, bei wel-
chem ebenso wenig eine Beeinträchtigung der Motilität beobachtet wor-
den war. Von einem »psycho-motorischen Centrum« war hier
gewiss keine Rede mehr; die Fälle sprechen daher für die Ansicht, dass
die Actionen der Neugeborenen als unwillkürliche (reflectorische, auto-
matische) aufgefasst werden müssen. —
Hydrocephalus chronicus. 285
Ueber die Pathogenese sind wir nicht durchweg im Klaren. Dass
der Hydrocephalus in einer Reihe von Fällen angeboren ist, also schon
im Fötusleben sich entwickelt, steht fest; er kann unter diesen Um-
ständen ein ernstes Geburtshinderniss abgeben, welches auf operativem
Wege beseitigt werden muss. In diesen Fällen findet man bisweilen
gleichzeitig verschiedene Hemmungsbildüngen, Defecte des Balkens, des
Fornix, Spina bifida, Klumpfiisse u. s. w. Weit häufiger aber kommen
Kinder scheiobar gesund zur Welt, und erst einige Monate nach der Ge-
burt fällt die ungewöhnliche Volumszunahme des Schädels den Ange-
hörigen auf. Was geht nun hier vor? Die körnige, hyperplastische
Beschaffenheit des Ependyma, welches sich bisweilen sogar in derben
Streifen von der Ventrikelwand abziehen lässt, spricht für einen schlei-
chend verlaufenden entzündlichen Zustand des Ependyma, welcher ent-
weder schon im Fötusleben oder erst einige Zeit nach der Geburt be-
ginnt, und zwar so unmerklich, dass die Ausdehnung des Kopfes durch
den stets zunehmenden Druck der Ventrikelflüssigkeit das erste Zeichen
der Krankheit bildet1). Die Annahme einer chronischen Entzündung des
Ependyma passt aber nicht für alle Fälle, weil auch die granulirte Be-
schaffenheit desselben und damit jeder Anhalt für einen irritativen Vor-
gang innerhalb der Ventrikel fehlen kann. Ebenso werden compri-
mirende Anlässe (Tumoren), von welchen oben (S. 267,) die Rede war,
nur in dem kleinsten Theil der Fälle, am seltensten in den congenitalen
oder sehr frühzeitig entstehenden angetroffen. Es bleibt dann nur übrig,
sich mit der unbefriedigenden Annahme eines »Bildungsfehlers«, einer
excessiven »Secretion von Oerebrospinalflüssigkeit« zu behelfen. Die
Anhänger der entzündlichen Theorie pflegen sich auf die immerhin nicht
häufigen Fälle von Hydrocephalus zu stützen, welche sich bei älteren
Kindern, etwa vom 4. Lebensmonat an, nach vorausgegangenen menin-
gitischen Erscheinungen entwickeln können. Wie Andere, habe auch
ich solche Fälle beobachtet, die aber nur dann Beweiskraft haben, wenn
durch die Section der Sitz des Wassers in den Ventrikeln und die Ver-
änderung des Ependyma nachgewiesen ist. Geschieht dies nicht, so
bleibt man im Zweifel, ob es sich in der That um Hydrops ventricu-
lorum oder um eine Anhäufung von Flüssigkeit zwischen den Hirnhäuten
(Hydrocephalus meningealis, s. externus) handelt.
') Eine Beziehung zur Syphilis hereditaria, welche hie und da angenommen
wird, kann ich nicht finden; wenigstens sah ich in vereinzelten Fällen von Hydro-
cephalus chronicus, in denen Lues constatirt werden konnte, von der specifischen Be-
handlung nicht den geringsten Erfolg (Sandoz, Revue mens. Januar, 1887. p. 42;
d'Artros, ibid. Nov. Dec. 1891; Heller, Deutsche med. Wochenschr. 1892. No.26).
286 Krankheiten der Nervensystems.
Französische Autoren (Legendre, Rilliet-ßarthez u. A.) betrach-
ten diese meningeale Form, wie ich schon (S. 256) bemerkte, als das
zweite Stadium einer Hämorrhagie im »Sacke der Arachnoidea«. Nach
unserer jetzigen Auffassung handelt es sich hier aber gar nicht um eine
primäre Hämorrhagie, sondern um einenmit Blutextravasaten einherge-
henden entzündlichen Process auf der inneren Fläche der Dura
(Pachymeningitis), welcher in verschiedener Intensität und Ausdehnung,
wenn auch minder häufig wie bei alten Leuten, doch auch bei Kindern
nicht selten vorkommt. Mehr oder weniger dicke fibrinöse, blutig ge-
färbte Auflagerungen auf der inneren Fläche der Dura und auf der
Arachnoidea, sowohl an der Oonvexität, wie an der Basis, mit grösserer
oder geringerer Ansammelung röthlichen Serums zwischen Dura und
Arachnoidea habe ich unter verschiedenen Verhältnissen gefunden, ohne
dass während des Lebens ein bestimmter Symptomencomplex vorhanden
gewesen war. Es waren eben nur die bekannten meningitischen Sym-
ptome, Somnolenz, Strabismus, Pupillenerweiterung, Nackenstarre, Auf-
schreien, Krämpfe beobachtet worden, und dass auch diese, selbst in
hochgradigen Fällen, fehlen können, ist durch die Erfahrung bewiesen ').
An dieser Stelle haben wir es nur mit den hydrocephalischen Er-
scheinungen zu thun, welche durch die zunehmende Menge seröser
Flüssigkeit im intermeningealen Räume und deren Druck auf die Schädel-
kapsel bedingt werden können.
Otto R., 10 Monate alt, äusserst atrophisch und anämisch, aufgenommen den
5. September 1883 mit beträchtlichem Hydrocephalus chronicus (sehr grossem Kopf,
weit offener Fontanelle und klaffenden Suturen, zurückgebliebener Intelligenz) und
Rachitis. Tod am 15. September.
Section. Schädeldach auffallend gross, namentlich die beiden Scheitelbeine,
welche der Grösse eines 2 — 3jährigen Kindes entsprechen. Beim Durchsägen fliessen
etwa 300,0 klarer gelbröthlicher Flüssigkeit aus dem Schädelraum ab, ohne dass
das Gehirn selbst im Mindesten verletzt wurde. Bei Abnahme des Schädeldachs zeigt
sich zwischen Dura und Pia eine dritte Haut, welche mit Ausnahme der hinteren
Schädelgruben das ganze Gehirn umgiebt, und sich als eine durchscheinende farblose,
nur wenig vascularisirte Membran von der Innenfläche der Dura abheben lässt. Pia
überall dünn und zart, hie und da mit der Pseudomembran vorwachsen. Gefässe
blutleer. Das Gehirn füllt den Schädelraum nicht aus, erscheint vielmehr nach Ab-
laufen des Exsudats an der Oonvexität um mehrere Centimeter vom Knochen ab-
liegend. Ventrikel mittelweit, leer. Gehirn sehr anämisch , sonst unverändert. Alle
anderen Organe normal, bis auf rachitische Knochenveränderungen und Perisplenitis
adhäsiva.
') Moses, Jahrb. f. Kinderheilk. 1873. VI. Rilliet et Barthez, 1. c. u. A.
Hydrocephalus chronicus. 287
In diesem Falle wurde der pachymeningitische Ursprung des
Hydrocephalus durch die Section (Pseudomembran, blutig gefärbtes
Serum) sicher nachgewiesen. Auch bei einem 6 Monate alten Mädchen
mit stark hydrocephalischem Schädel, unentwickelter Intelligenz und
Contracturen der Augen- und Extremitätenmuskeln, ergab die Section
»Pachymeningitis pseudomembranacea haemorrhagica« mit fibröser Ver-
dickung der Arachnoidea und Pia. In einem dritten Falle wurde der
meningeale Hydrocephalus durch die Punction sicher gestellt, durch
welche schon nach Durchbohrung der überspannenden Hautdecke und
Dura ein röthliches eiweissreiches Serum entleert wurde.
Anatomisch nicht constatirt , aber sehr wahrscheinlich, war die Affection in
zwei Fällen, bei einem 4jährigen Knaben mit ganz verknöchertem, 65 Ctm. Um-
fang bietendem Schädel, ziemlich guter Sprache und Sinnesenergie, der weder sitzen
noch gehen konnte, und eine starre Contractur der Adductores femoris mit gekreuzter
Stellung der Beine darbot. Die Krankheit sollte sich nach einem Fall im 7. Lebens-
monat unter meningitischen Erscheinungen (Convulsionen, Sopor u. s.w.) allmälig
entwickelt haben.
Bei einem 6jährigen Kinde, welches, gesund geboren, im Alter von 2 Mo-
naten von meningitischen Symptomen (Krämpfe, Sopor u. s. w.) befallen wurde
und bald darauf eine rapide Zunahme des Kopfes zeigte. Dieser war nunmehr gut
verknöchert, aber auffallend umfangreich, die Intelligenz und Sprache leidlich, der
Blick normal, Gehen und Stehen aber ohne fremde Hülfe nicht möglich.
Auch den folgenden Fall, welcher vollständig geheilt wurde,
glaube ich zu der pachymeningitischen Form des Hydrocephalus rechnen
zu dürfen1).
Paul W., 3 Jahre und 2 Monate alt, am 14. Februar 1861 zuerst vorgestellt,
früher gesund. Seit 8 Wochen Klagen über Kopf- und Nackenschmerzen, Neigung
zu Retroversio capitis, abendliches unregelmässiges Fieber, Blässe und Abmagerung.
Die Untersuchung ergab: Unmöglichkeit den Kopf aufrecht zu halten, Retroversion
desselben, Nackenschmerz bei Druck und Bewegung, Stirnschmerzon. Gehen und
Stehen unmöglich, aber keine Paralyse. Anorexie und Obstruction. Nachmittags
massiges Fieber, Puls 96 — 100, regelmässig. Antiphlogose (Blutegel und Einreibun-
gen von Unguent. mercur. in Hinterhaupt und Nacken) bewirkte bis zum 19. eine
bessere Kopfhaltung; aber schon am 20. neue Steigerung mit Erbrechen, heftigem
Stirn- und Nackenschmerz und starker Retroversion des Kopfes (Calomel 0,03 3 mal
täglich). Die Schmerzen exacerbirten besonders zwischen 11—3 Uhr Nachmittags,
gleichzeitig mit dem Fieber (Vesicator von Thalergrösse am Hinterhaupt). Geringe
Besserung durch Chinin, während Erbrechen, Zähneknirschen im Schlaf und ein ge-
wisser Grad von Incontinentia urinae neu hinzutraten. Erst am 22. März waren Fieber
und Schmerzanfälle gänzlich verschwunden, und der Kopf konnte besser nach vorn
') Beitr. zur Kinderheilk. N. F. S. 28.
288 Krankheiten des Nervensystems.
bewegt werden, erschien aber nun stark vergrössert, und die Untersuchung ergab
eine Diastase der Scheitelbeine. Diese Erscheinungen nahmen täglich zu, so
dass am 26. das Kind genöthigt war, statt seiner Mütze diejenige des Vaters
zu tragen. Sutura sagittalis klaffend und leicht eindrückbar, wobei die
Mutter bemerkte, dass dieselbe, wie die anderen Nähte, schon im 2. Lebensjahre fest
geschlossen war. Schwache Pulsation an der ehemaligen Fontanelle. Intelligenz ganz
normal, der rechte Arm schwächer als der linke, welcher fast ausschliesslich ge-
braucht wurde. Puls regelmässig. (Calomel 0,015 2mal täglich und Ung. mercur.
0,6 täglich in die Kopfhaut einzureiben.) Nach 21 Tagen (16. April) Durchmesser
des Kopfes unverändert, derselbe wird aber gut aufrecht getragen und nicht mehr
retrovertirt. Der rechte Arm wieder gut beweglich. Allgemeinbefinden ungestört.
(Behandlung auf dieselbe Weise noch 4 Wochen fortgesetzt, dann Ol. jeeoris 2mal
täglich 1 Kinderlöffel.) Mitte Mai fing das Kind an zu laufen, und am 1 1 . Juni war
bis auf die Volumszunahme des Kopfes jede Spur der Krankheit verschwunden. Die
Suturen zeigten bereits wieder beginnende Verknöcherung. Im Mai 1863, also
2'/4 Jahr nach dem Beginn der Krankheit, sab ich das Kind vollkommen gesund
wieder; die Schädelnähte waren sämmtlich wieder ossificirt.
Hier war noch im 3. Lebensjahre, bei schon vollendeter Ossifikation
der Nähte und Fontanellen, der verstärkte intracranielle Druek im Stande,
diese wieder auseinander zu drängen. Dieselbe Erscheinung, nur
beschränkt auf die Sutura coronalis, beobachtete ich bei einem 7jähri-
gen Knaben, dessen Hydrocephalus sich mit erheblicher Zunahme des
Kopfumfangs nach einem Fall vor Jahren entwickelt hatte. Schon
Goelis, Rilliet und ßarthez u. A., sprechen von diesem jedenfalls
seltenen Ereigniss, welches dadurch, dass es das Gehirn von einem
Theil des Druckes entlastet, den Eintritt schwerster Cerebralsymptome
verhüten kann. Immerhin zeigt unser Fall, dass selbst bei massen-
hafter Flüssigkeitsanhäufung noch Resorption und schliesslich Heilung
möglich ist, wenn eben der Ursprung der Krankheit ein »meningitischer«
war. Hätte hier ein Hydrocephalus internus vorgelegen, so wäre es
mir unverständlich, wie der leere Raum, welcher nach der Resorption
einer so beträchtlichen Flüssigkeitsmenge entstehen musste, ausgefüllt
werden konnte. Die zu einer dichten Schale comprimirte Hirnsubstanz
würde sich schwerlich wieder zu dem früheren Volumen ausgedehnt ha-
ben, während nach der Resorption der unter der Dura befindlichen
Flüssigkeit die Wiederausdehnung des nur von aussen comprimirten Ge-
hirns viel leichter stattfand. Die Verknöcherung der ligamentösen
Nahtsubstanz erfolgte dann allmälig, theils von den Rändern her, theils
durch Schaltknochen. Aehnlich verhielt sich eine 9 jährige Russin mit
vortrefflicher Intelligenz, deren Kopf nach einer im zweiten Jahr über-
standenen Meningitis sich stark vergrössert hatte, schliesslich aber voll-
kommen ossiffieirte.
Hydrocephalus chronicus. 289
Leider ist die Unterscheidung des meningealen Hydrocephalus
von dem ventriculären nur dann mit einiger Sicherheit möglich, wenn
die Anamnese genügende Auskunft über die Entwicklung des Leidens
giebt. Alles andere kann trügen, besonders die geringere Beeinträchti-
gung der Sinne und der Intelligenz, die auch bei sehr beträchtlichem ven-
triculäen Erguss bisweilen unser Erstaunen erregt. Am meisten ver-
lasse ich mich noch auf das Resultat der Punction. Schon nach dem
Durchstechen einer sehr dünnen Schicht ergiebt diesse sofort Flüssigkeit,
die wenigstens längere Zeit hindurch Eiweissgehalt und röthliche Färbung
darbietet. Aber bevor man zur Punction schreitet, wird man doch
immer versuchen, die Resorption der Flüssigkeit anzubahnen, durch
Mercurialien in kleinen Dosen, Einreibungen des Unguent. einer, in Kopf
und Nacken (1,0 pro die), Aufpinselungen von Jodtinctur oder Jodoform-
collodium (1:15). Auch Jodkali (F. 13), lange Zeit fortgebraucht, ist
hier am Platz. Dagegen halte ich den Hydrocephalus chronicus ven-
tricularis für unheilbar. Die Erfolge, welche Goelis mit seinen
Mercurialeinreibungen erzielt haben will, erscheinen mir nach dem, was
ich selbst erfahren, äusserst zweifelhaft und auf Täuschungen beruhend.
Man lese nur seinen 4. Fall1), welcher nach einer 30tägigen Cur völlig
geheilt worden sein soll, aber sicherlich gar kein Hydrocephalus, son-
dern eine diphtherische Lähmung war. Mir wenigstens hat weder die
Goelis'sche Methode, noch ein anderes Mittel oder Verfahren irgend
etwas geleistet. Die Compression des Kopfes durch immer straffer an-
gezogene Pllasterstreifen widerrathe ich als gefährlich, und die Punction
habe ich immer vergeblich unternommen. Wo die letztere geholfen ha-
ben soll, und dies sind leider nur Ausnahmsfälle, da kann aus den oben
erörterten Gründen wohl nur Hydrocephalus externus bestanden ha-
ben2). Wer Neigung zum Operiren hat, der möge diese immerhin be-
friedigen, da die Gefahr der Meningitis bei guter Antisepsis dabei nicht
allzugross ist, aber man wird gut thun, von vornherein auf einen radi-
calen Erfolg zu verzichten. In 5 Fällen, in denen wir die Punction vor-
nahmen, blieb diese absolut unwirksam.
Gustav P., 3 Monate alt, in die Klinik aufgenommen am 13. Juli. Einige
') Prakt. Abhandl. über die vorzüglicheren Krankheiten des kindlichen Alters.
II. S. 214.
2) Rehn, Ueber einfache chron. Hydrocephalie im ersten Kindesalter. Ver-
handlungen d. Congresses f. innere Med. IV. — Dass die von Quincke (Berl. klin.
Wochenschr. 1891. No. 38) empfohlene Lumbalpunction Nachahmerfinden wird,
bezweifle ich.
Henoch. Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. je)
290 Kranlthoiten des Nervensystems.
Wochen nach der Geburt Zunahme des Kopfes, Zuckungen der Augenmuskeln. Jetzt
deutlicher Hydrocephalus. Kopfumfang 4072Ctm., Längsdurchmesser 24Ctm., Quer-
durchmesser 23 Ctm. Am 18. Punction des rechten Seitenventrikels mit der Pravaz-
schen Spritze und Entleerung von 30,0 einer schwach albuminhaltigen Flüssigkeit.
Gleich darauf Druckverband mit Heftpflasterstreifen. Bis zum 21. keine Folgesym-
ptome. An diesem Tage die zweite Punction; Einführung einer Probe-Canüle von
mittlerem Caliber, 2'/2 Ctm- von der Mittellinie entfernt am seitlichen Winkel der
grossen Fontanelle bis in den linken Seitenventrikel, und Aspiration mit dem Dieu-
lafoy'schen Apparat. Entleerung von 120,0 Flüssigkeit. In der darauf folgenden
Nacht Convulsionen. Den 22. Tod. — Section: Hydrocephalus chronicus inter-
nus, auch zwischen Dura und Pia Flüssigkeit. Vom Stichkanal nichts mehr wahrzu-
nehmen. Keine Meningitis. —
Einjähriges Kind, aufgenommen am 21. Juni mit (congenitalem) Hydro-
cephalus chronicus und Rachitis, Kopfumfang 59, Durchmesser 21 Ctm. Auf den
Wunsch der Eltern werden in der Sutura coron., etwa 3 Finger breit nach rechts oder
links von der Mittellinie mit der Dieulafoy'schen Spritze 6 Punctionen gemacht.
1. Punction am 23. Juni. Entleerung von 100,0 klarer Flüssigkeit, die (nach
der Untersuchung von Prof. Salkowsky) neutral reagirt, beim Kochen klar bleibt,
sich aber in heissem Zustande mit Essigsäure und Kochsalz versetzt trübt und Spuren
von Albumen zeigt, und keine Zuckerreaction giebt. Abends 3 Stunden lang Con-
vulsionen. Temp. bis 39,7. Fieber, Contracturen , Tremor dauert 9 Tage. Dann
Wohlbefinden.
2. Punction den 6. Juli. 200,0 entleert. Fontanelle sinkt bedeutend ein.
3. Punction den 12. Juli. 200,0 entleert. Durch den Troicart werden 50,0
der Flüssigkeit mit 1,0 Tinct. Jodi versetzt, injicirt. Euphorie bis auf leichte Starre
der Glieder.
Drei folgende Punctionen am 19. Juli, 1. und 9. August; immer Entleerung
von 250,0 bis 300,0. Einspritzung von Jodtinctur wie oben. Keine cerebralen Sym-
ptome. Kopfumfang unverändert. Vom 15. an Bronchopneumonie und Diarrhoe. Den
29. Tod. Section verweigert. —
Man ersieht hieraus, welche Eingriffe das Gehirn und seine Ven-
trikel vertragen können. In einem Falle (4jähriger Knabe) waren in
Paris sogar 22 Punctionen gemacht worden, ohne Erfolg zu erzielen. Ich
halte die Operation daher für eine chirurgische Spielerei; nur wo man
Ursache hat, einen pachymeningitischen Ursprung zu vermuthen, sollte
man sie versuchen, sonst nur dann, wenn die Eltern mit Entschiedenheit
darauf dringen.
Am Schlüsse dieses Capitels mögen noch einige Worte über den
acuten Hydrocephalus Platz finden, welcher früher eine grosse Rolle
in der Pädiatrik spielte. Die weitaus grösste Zahl aller unter diesem
lJ Einen ähnlichen erfolglosen Fall mit 22 Punctionen berichtet Thomson,
Arch. of pediatr. Ort. 1892.
Hyperämie des Gehirns. 291
Namen beschriebenen Fälle gehört der Meningitis tuberculosa, nur
ein kleiner Theil einer die Basis cerebri befallenden einfachen Menin-
gitis an, welche sich durch die Plexus chorioidei auf die Ventrikel fort-
setzt. Zieht man diese Fälle ab, so bleiben nur wenige, in denen man
von einer acuten Ausschwitzung in den Ventrikeln oder zwischen den
Meningen im klinischen Sinne reden kann. Allerdings findet man bei
den Sectionen vieler Kinder seröse Ergüsse mit massiger Erweiterung
der Höhlen, die, wenn man nach den Symptomen urtheilen darf, erst
seit kurzer Zeit, binnen wenigen Tagen oder noch rascher zu Stande
gekommen sind, vorzugsweise bei Kindern mit acuter Miliartuberculose,
Morbus Brightii und Scharlachswassersucht. Sicher zu diagnosticiren
sind aber solche Fälle nicht, weil ganz dieselben Symptome auch ohne
Wasserbildung in den Ventrikeln durch ein unter denselben Verhält-
nissen häufig vorkommendes Oedem der Pia oder des Gehirns selbst
bedingt werden können. Sopor, Convulsionen , letaler Ausgang
in wenigen Stunden oder Tagen, dies alles ist noch nicht dazu ange-
tban, ein eigenes Krankheitsbild zu begründen, wie es z. B. Goelismit
seinem »Wasserschlag« (Hydrocephalus acutissimus) versucht hat. Ge-
stehen wir lieber, dass hier unserem Wissen, wenigstens bis jetzt, eine
Grenze gezogen ist, dass wir acute seröse Ausschwitzungen im Central-
organ, sei es in den Ventrikeln, zwischen den Häuten, in der Pia oder
in der Substanz, zwar aus den Verhältnissen, in welchen die Kranken
zu Grunde gehen, vermuthen, niemals aber mit Sicherheit klinisch diag-
nosticiren können.
XVI. Hyperämie des Gehirns. Thrombose der Sinus.
Die Sectionen lehren, dass der Blutgehalt des kindlichen Gehirns
ein sehr wechselnder ist, dass zwischen einer geringen Füllung der Pia-
gefässe, einer blassen anämischen Farbe der grauen Substanz, bis zur
feinsten Injection des Gefässnetzes und zahlreichen Blutpunkten der
Hirndurchschnitte vielfache Nuancen liegen. Der Versuch, die ver-
schiedenen Füllungszustände des Gefässsystems mit bestimmten Sym-
ptomen in Beziehung zu bringen, ist aber ein vergeblicher. Man kann
nur darüber lächeln, wenn einige Autoren so weit gehen, die Hyperämie
der Pia von derjenigen des Gehirns klinisch unterscheiden zu wollen.
Auch daran hat man zu denken, dass Hyperämien eben so gut die
Folgen, wie die Ursachen tödtlicher Oerebralerscheinungen, z. B. sehr
heftiger, in die Länge gezogener eclamptischer Convulsionen sein können,
indem die begleitenden Ilespirationshindernisse Stauung in den Cere-
bralvenen herbeiführen, welche mit Oedem der Pia oder des Gehirns,
19*
292 Krankheiten des Nervensystems.
und mit serösem Transsudat zwischen Dura und Arachnoidea ab-
schliessen kann.
Hyperämie des Gehirns und seiner Häute kann, wie jede andere,
entweder durch einen verstärkten Andrang von den Arterien her, oder
durch eine Stauuog des venösen Blutes zu Stande kommen. Die erste
Art dürfen wir erwarten bei Hypertrophie des linken Herzventrikels
und als Vorstadium entzündlicher Processe (Meningitis). Auch locale
Keizungsherde (Tuberkel oder Geschwülste) scheinen durch Erregung von
Hyperämie in ihrer unmittelbaren Umgebung von Zeit zu Zeit drohende
Symptome (Fieber, Erbrechen, Somnolenz, Convulsionen) erzeugen zu
können, welche sich spontan oder unter antiphlogistischer Behandlung
wieder zurückbilden, schliesslich aber auch zu entzündlich-hämorrhagischer
Erweichung oder zu abkapselnder Bindegewebs Wucherung führen können.
So weit stehen wir auf dem festen Boden der pathologischen Anatomie.
Nun treffen wir aber in der Praxis nicht selten auf Fälle, die man unter
Berücksichtigung aller Verhältnisse kaum anders als durch ar-
terielle Gehirnhyperämie erklären kann, wenn auch ihre Entstehungsweise
nicht immer klar vorliegt und der anatomische Nachweis durch die Ge-
nesung vereitelt wird. Unter den Anlässen, welche hier in Betracht
kommen, ist wohl der traumatische, insbesondere ein Fall oder
Schlag auf den Kopf, der häufigste. Ich meine hier nicht die un-
mittelbar nach dem Fall eintretende Betäubung, das Erbrechen u. s. w.,
Symptome, welche man gewöhnlich als »Commotio cerebri« beschreibt,
deren Pathogenese aber noch unbekannt ist. In den Fällen, welche ich
im Sinn habe '), befinden sich die Kinder vielmehr gleich nach dem Trauma
vollkommen wohl, und erst nach einigen Stunden oder Tagen treten
Kopfschmerz, Apathie, Somnolenz, Gähnen, Farbenwechsel, nächtliche Un-
ruhe, Anorexie, wiederholtes Erbrechen und Fieber ein, wobei der Puls
auf 140 — 160 in der Minute steigt und sogar unregelmässig werden
kann. Eins dieser Kinder litt dabei an nächtlichen Angstanfällen, so
dass es aus dem Bette stieg und nach Licht rief, wahrscheinlich in
Folge ängstlicher Träume, welche sich noch einige Wochen nach der
Genesung wiederholten. Der rasche Eintritt dieser Symptome nach der
traumatischen Einwirkung auf den Schädel, vor allem aber der schnelle
Erfolg der antiphlogistischen Behandlung unterstützen hier die
Diagnose. Schon die Application einiger Blutegel hinter den Ohren,
deren Stiche ich, um zu grossen Blutverlust zu vermeiden, nicht nach-
bluten liess, genügte, um die Symptome erheblich zu mildern. Die
') Beitr. zur Kinderheilk. N. F. S. 2.
Hyperämie des Gehirns. 293
blutscheue Therapie, welche in unserer Zeit Platz gegriffen hat, ist
hier nicht am Platz. Man kann durch die Emissaria Santorini Blut
direct aus der Schädelhöhle entziehen und darf damit nicht zögern, weil
die Vernachlässigung der Prodromalsymptome Meningitis zur Folge haben
kann. Gleichzeitig applicire man eine Eiskappe auf den Kopf und gebe
innerlich Calomel oder Inf. Sennae comp, und Syrup. spin. cerv. (F. 7),
um reichliche Ausleerungen zu erzielen. Unter dieser Behandlung er-
folgte schon nach 36—48 Stunden völlige Genesung.
In anderen Fällen eröffnen Erscheinungen von »Commotio cerebri"
die Scene, denen sich dann hyperämische Symptome anschliessen.
Knabe von 9 Jahren, bleibt nach einem Sturz auf's Hinterhaupt von einem
Wagen herab 24 Stunden bewusstlos. Keine Wunde bemerkbar. Augen starr nach
rechts gerichtet, Pupillen reactionslos. Kein Fieber, Temp. 36,8°- Puls klein, 100,
unregelmässig, wiederholtes Erbrechen. Nach 24 Stunden noch Kopfschmerz,
öfters Erbrechen und unregelmässiger Puls, sonst Euphorie. Diese Symptome dauern
eine volle Woche und machen dann einem ungetrübten Wohlbefinden Platz. The-
rapie: 4 Blutegel hinter dem Ohr, Eiskappe, Calomel.
Knabe von 6 Jahren, nach einem Fall von hoher Treppe am 29. April Be-
wusstlosigkeit und Erbrechen, welche die Nacht hindurch fortdauern. Am nächsten
Morgen Rückkehr des Bewusstseins, aber Apathie und Sehen von Doppelbildern.
Oedem, Ecchymosen und Hautabschürfungen in der rechten Gesichtshälfte, auf dem
rechten Scheitelbein ein ansehnliches Cephalhämatom. Puls 84, etwas unrogel-
mässig, selten Vomitus, sonst Euphorie. Oonsequente Application einer Eiskappe,
wiederholte Abführmittel. Bis zum 12. Mai Heilung, nur noch leichte Verdickung an
der Stelle des Cephalhämatoms.
In diesem Falle glaubte ich wegen der starken Blutung aus den
Gefässen des Pericranium von einer Blutentziehung absehen zu dürfen.
Diese muss überhaupt unterbleiben, so lange die eigentlichen Sym-
ptome der Commotio cerebri (Bewusstlosigkeit, grosse Blässe, kleiner
Puls, Kühle der Haut) fortdauern.
Erwägt man, dass Symptome von Hirnhyperämie nach einem Fall
auf den Kopf nur bei einer relativ geringen Zahl von Kindern ein-
treten, während die meisten ganz frei bleiben oder mit einer vorüber-
gehenden Betäubung davon kommen, so sollte man annehmen, dass
neben der Intensität der Commotion noch eine individuelle Disposition
zur Erweiterung der kleinen Gefässe eine Eolle spielt. In der That
handelt es sich iu einem Theil meiner Fälle um Kinder, welche kurz
vorher Keuchhusten oder eine chronische Pneumonie überstanden hatten,
oder aus tuberculöser Familie stammten. Auch die Beschaffenheit des
Schädels muss mit in Anschlag gebracht werden; kleine Kinder mit
noch häutigen Fontanellen und Nähten entgehen im Allgemeinen den
294 Krankheiten des Nervensystems.
schlimmen Polgen einer Oommotion eher, als ältere, deren Schädelkno-
chen in ihrer ganzen Ausdehnung bereits verknöchert sind.
In einer Reihe von Fällen sieht man Symptome von Hyperämie des
Gehirns auch ganz unabhängig von traumatischen Einflüssen auftreten, be-
sonders im Alter der ersten Dentition; Fieber, Somnolenz, abwechselnd
mit grosser Unruhe, Verlust der Laune, Apathie, häufiges Zusammen-
zucken, Unfähigkeit den Kopf aufrecht zu tragen, erhöhte Tempera-
tur desselben, gespannte und lebhaft pulsirende Fontanelle, auch wohl
Erbrechen. Ich führe dies nur als Thatsache an, ohne die Abhängig-
keit dieser Symptome von der Dentition beweisen zu können, erinnere
aber daran, dass gleichzeitig oft Hyperämie der Mundschleimhaut, ver-
mehrte Speichelsecretion, Erytheme und Papeln der Gesichtshaut und
Catarrhe der Conjunctiva beobachtet werden. Abführmittel, (kleine Dosen
Calomel) und kalte Fomentationen des Kopfes genügen hier meistens,
um die Erscheinungen binnen wenigen Tagen zu beseitigen. Doch kommt
man nicht immer so leicht zum Ziel. Jeder Arzt hat Fälle erlebt, in
welchen die Symptome sich allmälig verschlimmerten, und durch den
Hinzutritt von Zuckungen, Eetroversion des Kopfes und Sopor einen me-
ningitischen Charakter annahmen.
Endlich müssen noch übermässige Geistesanstrengungen der
Kinder als Quelle von Gehirnhyperämie bezeichnet werden, welche in
einer Ueberreizung des in der Entwickelung begriffenen Organs ihre Er-
klärung findet. Wenn auch unter diesen Verhältnissen die früher be-
trachteten hysterischen Symptome und neuralgische Kopfschmerzen
häufiger aufzutreten pflegen, so fehlt es doch nicht an Beispielen, wo
nach ungewöhnlicher Geistesanstrengung hyperämische Symptome sich
geltend machten. Schon früher ') beschrieb ich den Fall eines 9jährigen
Knaben, der nach einem solchen Anlass heftige Kopfschmerzen, Licht-
scheu, Schwindel, Anorexie, Uebelkeit, Aufseufzen, Verstopfung, Nacken-
schmerzen, intermittirenden Puls und Schwanken beim Gehen darbot.
Während Brechmittel und Chinin ganz wirkungslos blieben, erfolgte
nach der Application von 5 Blutegeln, einer Eiskappe auf den Kopf und
wiederholter Abführmittel schnelle Besserung.
Die zweite Form der Hirnhyperämie wird durch mechanische
Stauung im venösen System des Centralorgans bedingt. Herzfehler mit
Erweiterung des rechten Ventrikels, Compression der grossen Venen-
stämme durch angeschwollene Drüsen innerhalb des Thorax oder am
Halse, Thrombose der Sinus Durae matris, heftige und frequente Keuch-
') Beitr. N. F. S. 8.
Hyperämie des Gehirns. 295
hustenanfälle und hochgradige Herzschwäche durch erschöpfende Krank-
heiten kommen hier vorzugsweise in Betracht. In den Fällen der letzten
Art wird während des Lebens gewöhnlich Anämie des Gehirns als
Grund der Krankheitserscheinungen angenommen. In der That ist der
geschwächte Herzmuskel nicht im Stande, so viel arterielles Blut wie
im normalen Zustande in die kleinen Hirnarterien zu treiben, aber die
daraus resultirende Verlangsamung der Circulation bewirkt eine venöse
Stauung, welche schliesslich zu Oedem der Pia und zu seröser Trans-
sudaten in den Ventrikeln führen kann. Das von Marshall Hall unter
dem Namen „Hydrocephaloid" entworfene Krankheitsbild setzt sich
daher aus den Erscheinungen arterieller Anämie und venöser Hyperämie
des Gehirns zusammen, und charakterisirt sich durch zunehmende Apathie
und Somnolenz, halbgeschlossene Augen, Abflachung oder Einsenkung
der grossen Fontanelle, Trübung der Cornea durch Schleimflocken und
Gewebsvertrocknung, grosse Schwäche des Pulses und Sinken der Tem-
peratur, besonders an den extremen Körpertheilen. Besonders geben
starke Diarrhöen, noch mehr acut auftretende Brechdurchfälle zur Ent-
wickelung dieses Symptomencomplexes Anlass:
Kind von G Monaten. Diarrhoe seit beinahe 3 Monaten, aufgenommen am
3. October im äussersten Collaps, somnolent, wachsbleich, mit eingesunkenen starren,
zeitweise emporrolleiiden Augen, fadenförmigem Puls; in den nächsten Tagen trotz
der stimulirenden Behandlung Sinken der Temperatur auf 36,0, fast unfühlbarer
Puls, Trübung beider Hornhäuto , Sopor. Tod am 5. October. — Section:
Schwellung der Peyer'schen Plaques, Catarrh und Verdickung der Dickdarmschleim-
haut, besonders im Colon descendons und Rectum mit zahlreichen follicnlären Ge-
schwüren. Fettleber und Fettdegeneration der Nierenepithelien. Herz und Lungen
normal. Alle venösen Gefässe der Pia enorm überfüllt, Pia ödematös. Ge-
hirndurchschnitt mit zahlreichen Blutpunkten. Alle Sinus vollkommen frei.
Die Behandlung solcher Fälle, die enorm häufig sind, muss also
dahin streben, das Sinken der Herzenergie und damit die venöse Stauung
im Gehirn aufzuhalten, die Circulation möglichst schnell wieder in Gang
zu bringen. Wiederholte Gaben von Wein (ein Löffel Ungarwein, Port-
wein oder Sherry 1 — 2 stündlich), warme durch Zusatz von Senfmehl
geschärfte Bäder (28° R.), während derselben Fomentationen oder Be-
spülung des Kopfes mit kühlem Wasser finden hier ihre Anwendung.
Selbstverständlich hat man die etwa noch fortbestehende Quelle des
Collapses, also meistens die Diarrhoe, durch entsprechende Mittel zu
behandeln. In vielen Fällen hat diese aber bereits aufgehört, wenn die
Cerebralsymptome sich bemerkbar machen, und man kann dann sofort
durch stimulirende Mittel die Energie des Herzens zu heben versuchen.
296 Krankheiten des Nervensystems.
Unter diesen Mitteln steht nach meinen Erfahrungen der Oampher in
erster Reihe (je nach dem Alter zu 0,05 — 0,2 2 stündlich in Pulver oder
Emulsion, oder in Form subcutaner Injectionen, F. 14). Gelingt es
diesem oder dem Weine nicht, die Herzkraft über Bord zu halten, so
verspreche ich mir von anderen Mitteln z. B. Coffein, Moschus, Ammo-
niumpräparaten, keinen Erfolg mehr. Milch und starke Bouillon , Eigelb
in Wein geschlagen, müssen in kurzen Pausen dem Kinde eingeflösst
werden. Immerhin bleibt die Prognose in hohem Grade bedenklich, und
eine grosse Zahl dieser Kinder geht ungeachtet aller Bemühungen im
Sopor, oft auch unter Oonvulsionen zu Grunde.
Die Verlangsamung des venösen Blutstroms führt unter diesen Um-
ständen nicht selten zur völligen Stagnation und Gerinnung des Blutes
in den grossen Sinus der Dura mater, zur „marantischen" Thrombose.
Man findet am häufigsten den Sinus longitudinalis, seltener auch andere
Blutleiter mit mehr oder weniger entfärbten derben Thromben gefüllt,
welche sich in die einmündenden Venen mehr oder weniger weit ver-
folgen lassen, und die venöse Stauung im Gehirn und der Pia, sowie
die Gefahr capillärer Hämorrhagien und oedematöser Infiltration der Pia
und der angrenzenden Hirnsubstanz erheblich steigern. Dieselbe Wirkung
hat natürlich auch jede andere Sinusthrombose, sei es, dass sie in einer
Compression des Sinus selbst oder der Jugularvenen, oder in einer von
den benachbarten Schädelknochen sich fortsetzenden Entzündung
begründet ist. Vor allem sind der Sinus petrosus und transversus dem
Einflüsse des cariösen Felsenbeins, in dessen Nähe sie liegen, ausgesetzt,
und ihre Thromben können sich weit in die Jugularvene hereinerstrecken.
Bemerkenswerth ist, dass dabei die freie Fläche der Dura selbst dem
Anschein nach ganz normal bleiben kann. Es bleibt also nur die An-
nahme übrig, dass die Sinusthrombose durch die Hereinwucherung oder
Einschwemmung kleiner Thromben von den Knochenvenen her entsteht.
Mädchen von 9 Jahren. Seit dem 1. Lebensjahre rechts Otitis media, Per-
foration des Trommelfells, durch welches man eine rothe pulsirende, mit Eiter be-
deckte Fläche erblickt. Heftige anhaltende Kopfschmerzen, kein Fieber, Ausspülung
des Ohrs in der Chloroformnarcose. In der Nacht vom 4. zum 5. Februar plötzlich
grosse Unruhe, Delirien, Geschrei. Den 5. Sopor. P. 1 16, regelmässig, T. 38,5. Am
nächsten Tage derselbe Zustand fortdauernd, Zuckungen der rechten Extremitäten.
P. 132, klein, tiefes Coma. T. 38,0. R. 60. Copiöser Schweiss. Tod. - Section:
Starkes Oedem des Gehirns. Pia normal. Sinus transversus und Sinus
petrosus inf. dexter thrombosirt. Das rechte Felsenbein cariös. Die Caries
dringt bis dicht unter die Dura mater, an welcher Stelle sich ein erbsengrosser Ab-
scess befindet. Dura selbst völlig intact. Nephritis parenchymatosa. Im
Meningitis tubercnlosa. 297
Ileum eine etwa 3/4 Meter lange Strecke dunkelroth mit diphtheritischem Belag.
Leber fettig.
In ähnlicher Weise deutet man auch die Sinusthrombosen, welche
bisweilen in Folge stark eiternder eezematöser Kopfausschläge beobachtet
wurden (Fortleitung der Thrombose durch die Emissaria Santorini).
Man hat sich viele Mühe gegeben, die Diagnose der Sinusthrom-
bosen zu sichern. Gerhardt und Huguenin legen für die Thrombose
des Sinus transversus oder des Anfangsstücks der Jugularis interna be-
sonderen Werth darauf, dass die äussere Jugularvene, weil sie ihren
Inhalt nun leichter in die blutleere Jugularis interna ergiessen kann, auf
dieser Seite weniger gefüllt erscheint, als auf der gesunden. Bei Throm-
bose des Sinus cavernosus soll Stauung in der Vena ophthalmica, und
dadurch venöse Hyperämie des Augenhintergrundes, leichter Exophthalmus
und Oedem des oberen Augenlids oder der ganzen Gesichtshälfte zu
Stande kommen. Obwohl ich auf die angegebenen Zeichen aufmerksam
war, konnte ich mich doch von ihrer Sicherheit nicht überzeugen, schon
aus dem Grunde, weil, was Gerhardt selbst zugiebt, die Halsvenen
überhaupt nicht immer jenen Grad von Turgescenz besitzen, der zur
Wahrnehmung der Differenz nöthig ist. Trotzdem ist die genaue Unter-
suchung der Hals- und Augenvenen, und die sorgfältige Beachtung eines
halbseitigen Gesichtsoedems in allen Fällen, welche der Sinusthrombose
verdächtig sind, gewiss zu empfehlen. Die Thrombose der Sinus ist
auch noch aus dem Grunde von Bedeutung, weil von ihr aus eine Throm-
bose der Arteria pulmonalis mit ihren Folgen (hämorrhagischer In-
farct) durch Embolie zu Stande kommen kann. Die Diagnose dieser
Embolie ist aber bei einem Kinde unter den betreffenden Verhältnissen,
d.h. beim Vorhandensein verschiedenartiger Cerebralstörungen, so schwierig,
dass man sie nur auf dem Sectionstisch stellen, während des Lebens
aber höchstens eine Vermuthung aussprechen kann. Von einer wirksamen
Therapie kann unter solchen Umständen wohl keine Rede sein, da
selbst im Fall einer sicher gestellten Diagnose niemand daran denken
könnte, die Thrombose zu beseitigen.
XVII. Die tuberculöse Meningitis.
Die Krankheit ist eine der häufigsten und hoffnungslosesten, welche
das Kindesalter treffen können. Mit ihrer Diagnose fällen Sie zugleich
das Todesurtheil, und wenn der Arzt in zweifelhaften Fällen sich be-
müht, zu einer festen Diagnose zu gelangen, so denkt er dabei nicht
sowohl an therapeutische Erfolge, als vielmehr an die Gewissheit des
298 Krankheiten des Nervensystems.
traurigen Ausgangs, auf welchen er die Angehörigen des Kindes vor-
zubereiten hat. Vergleicht man die in älteren Schriften über den
„Hydrocephalus acutus" raitgetheilten, verhältnissmässig zahlreichen
Erfolge ihrer Autoren mit den unserigen, so erkennt man bald, dass
man früher unter jenem Collectivnamen eine Reihe ganz verschiedener
Krankheitszustände (einfache Hyperämien des Gehirns, Meningitis, Typhus)
beschrieben und behandelt hat. Heute aber, wo unsere Diagnose eine
bestimmtere geworden , und wir den Begriff des acuten Hydrocephalus
fast ganz auf die Meningitis tuberculosa beschränken, können wir nur
mit Lächeln auf therapeutische Empfehlungen zurückblicken, welche zu
ihrer Zeit in hohen Ehren standen. Die Unheilbarkeit der Krankheit
ist schon in dem Zusatz „tuberculosa" ausgesprochen. Die Meningitis,
welche auf diesem Boden wurzelt, tödtet eben durch ihre Combination
mit den Tuberkeln der Pia und vieler anderer Organe. Sie ist keine
locale, sondern vielmehr eine über viele wichtige Theile ausgebreitete
Krankheit, mit einem Wort eine terminale Form der Tuberculose.
Die Schilderung der Krankheit ist wegen der vielfachen Abweichungen
ihres Verlaufs schwierig, und ich darf kaum hoffen, Ihnen ein alle
Möglichkeiten des Verlaufes umfassendes Bild vorführen zu können. Am
zweckmässigsten ist es wohl zunächst die häufigste „klassische" Form der
Krankheit, wie man sie nennen möchte, zu schildern, und die Varietäten
später anzuschliessen.
In vielen Fällen geht dem Ausbruche der Krankheit ein Prodromal-
stadium voraus, welches Wochen- selbst Monatelang dauern kann. Die
Kinder werden mager und welk, ohne dass die Mütter, welche es be-
sonders beim Waschen der Kleinen bemerken, eine Erklärung dafür
finden. Das Allgemeinbefinden kann dabei ungetrübt sein, während
nicht selten ungleicher Appetit, Mattigkeit, wechselnde Laune, unregel-
mässige Fieberbewegungen , Kopfschmerzen, Erbrechen, also unbestimmte
Symptome vorkommen, welche der Arzt trotz sorgfältiger Untersuchung
nicht sicher zu deuten vermag. Diese Prodrome bekunden die langsam
vor sich gehende Entwickelung von Tuborkeln in verschiedenen Organen,
und die Anamnese hat daher immer eine erbliche Anlage zu Tuber-
culose ins Auge zu fassen, deren Nachweis als ein lichter Punkt in dem
Dunkel der Erscheinungen gelten wird. Man darf aber nicht vergessen,
dass eine Familienanlage zu Tuberculose keineswegs nothwendig ist,
dass vielmehr in Folge von langwierigen Catarrhen, Keuchhusten, Masern,
Typhus oder wiederholten Diarrhöen Hyperplasien und Verkäsungen
der Bronchial- resp. Mesentcrialdrüsen bestehen können, welche schliess-
lich den Infectionsherd für Miliartuberculose bilden. Ebenso können
Meningitis tuberculosa. 299
käsige Processe in peripherischen Lymphdrüsen oder in den Knochen
(Spondylitis, Osteomyelitis) einflussreich werden. Wir müssen diese
Thatsachen als die Resultate unzähliger sicherer Erfahrungen vom ärzt-
lichen Standpunkt aus festhalten. Dass ausserdem die Invasion der
Tuberkelbacillen vom Darm und von den Lungen her erfolgen und
schliesslich zu Meningealtuberculose führen kann, ist nicht zu bezweifeln;
auch die Haut (Eczem) und die Nase, deren Lymphräume durch das
Siebbein hindurch mit denen der Meningen communiciren, verdienen hier
beachtet zu werden '). Uebrigens sind die oben erwähnten Prodromal-
symptome durchaus nicht constant; trotz genauer Nachforschung er-
hielt ich von den Müttern oft genug die Antwort, ihre Kinder seien
bis zum wirklichen Ausbruch der Krankheit völlig gesund gewesen, und
das blühende wohlgenährte Aussehen sprach für die Richtigkeit dieser
Aussage.
Der Ausbruch der Krankheit erfolgt fast plötzlich mit Klagen über
Kopfschmerzen, zumal in der Stirn, und mit Erbrechen, welches
sich in den ersten Tagen gewöhnlich mehrfach wiederholt, bisweilen nach
jedem Genuss von Getränk und Nahrungsmitteln. Man hat diesem
Erbrechen bestimmte Charaktere zugeschrieben, welche ich nicht be-
stätigen kann; ich sah dasselbe sowohl in aufrechter wie in horizontaler
Stellung, bald sturzweise, bald mit Vomituritionen erfolgen, und kann
daher in der Art des cerebralen Erbrechens keinen wesentlichen Unter-
schied von dem rein gastrischen erkennen. Grade um diese Diagnose
handelt es sich aber zunächst. Die Erscheinungen der ersten halben
oder ganzen Woche sind in sehr vielen Fällen denen einer leichten
Febris gastrica oder eines beginnenden Typhus so ähnlich, dass selbst
erfahrene Aerzte, welche schon viele solche Kinder sterben sahen, vor
Täuschungen nicht sicher sind. Allgemeine Apathie, Verlust der Spiel-
laune, Klagen über den Kopf, Neigung ihn stets anzulehnen, überhaupt
zu liegen, mehr oder weniger belegte Zunge, Appetitverlust mit Er-
brechen und Verstopfung, unregelmässige Fieberbewegungen — alle diese
Symptome sind zweideutiger Art. In einem Falle beobachtete ich sogar
auf dem Unterleibe eine sparsame, aber unzweifelhafte Roseolaeruption.
Selbst die eigenthümliche Erscheinung, dass die Kinder mit auffallender
Beharrlichkeit an den Lippen zupfen , in die Nase bohren oder die Augen
') Vergl. den Fall von Demme (Klin. Wochenschr. 1886. No. 15), in welchem
eine tuberculöse Ozaena mit bacillenhaltigem Ausfluss der Meningitis lange voraus-
ging, ohne hereditäre Anlage, und ohne dass irgendwo ein käsiger Herd gefunden
wurde.
300 Krankheiten des Nervensystems.
reiben, kommt im Beginn der Meningitis ebenso gut vor , wie bei gastri-
schen Zuständen und bei Typhus. So lange Sie daber Ihrer Sacbe nicht
ganz sicher sind , müssen Sie sich hüten , die Eltern mit der Versicherung
zu beruhigen, dass alles nur von einem „verdorbenen Magen" herrübre,
wozu der Ungeübte sich leicht verleiten lässt. Man halte vielmehr die
Möglichkeit der Cerebralkrankheit offen, denn die Eltern verzeihen dem
Arzte die falsche Prognose niemals, auch wenn er sich später hinter
der Ausrede verschanzt, die „Gastrose" sei schliesslich in Meningitis
übergegangen!
Die Ungewissheit dauert indess, wenigstens für den erfahrenen Arzt,
meistens nur einige Tage. Spätestens am Ende der ersten Woche pfle-
gen deutlichere Anzeichen des drohenden Sturms aufzutreten, auf welche
Sie Ihre Aufmerksamkeit um diese Zeit zu richten haben. Dahin rechne
ich besonders ein öfter wiederkehrendes tiefes Aufseufzen, welches
mich fast nie getäuscht bat, und die charakteristische Veränderung des
Pulses, beides wohl durch Reizung der Vagusursprünge an der Basis
cerebri bedingt. Dei Puls wird langsam und unregelmässig, auch
wohl ungleich in der Stärke der einzelnen Schläge. Diese Erschei-
nung ist für mich unter den geschilderten Verhältnissen fast ent-
scheidend, selbst wenn sie nur vorübergehend bemerkbar sein sollte.
Kaum in einer anderen Krankheit der Kinder bietet der Puls eine so
wechselnde Beschaffenheit dar, wie in dieser. Im Laufe eines Tages
ändert sich die Ziffer häufig und erheblich; geringe Bewegungen genügen,
eine Zunahme um 20 und mehr Schläge zu erzeugen, während die
schwankende Temperatur, auf welche ich gleich zurückkommen werde,
ohne Einfluss auf den Puls bleibt. Die Frequenz schwankt vielfach zwi-
schen 96 und 120, geht aber oft auf 80, 72 und tiefer herab.
So wichtig aber auch dies Symptom ist, muss man doch immer
daran denken, dass es auch bei unschuldigen gastrischen Affectionen
durch reflectorische Vagusreizung zu Stande kommen kann.
Bei einem 9j ährigen Knaben, welchen ich an einer Anfangs fieberhaften
Indigestion behandelte, sank der Puls am Tage nach dem Gebrauch eines Brech-
mittels auch im wachen Zustande und in sitzender Stellung von 120 auf 80, in den
nächsten Tagen sogar auf 52 bis 48 Schläge, und zeigte dabei erhebliche Inter-
missionen. Fortdauernder Stirnschmerz, Schläfrigkeit, Indolenz beunruhigten mich
lebhaft, doch erfolgte beim Gebrauch einer Sol. natr. bicarbon. mit Tinct. rhei aq.
nach einer Woche völlige Heilung der Gastrose, womit auch der Puls seine normale
Frequenz und Regelmässigkeit wieder annahm.
5j ähriges Mädchen, Magencatarrh im Gefolge von Masern, Diarrhoe. Puls
76—84, nach wenigen Schlägen immer aussetzend, besonders in liegender Stellung,
Meningitis tubcrculosa. 301
oft wechselnd. Verlust der Laune, kein Fieber. Dauer etwa eine Woche, dann Eupho-
rie, P. 96—100, regelmässig.
7jähriges Mädchen, 24stündiges Fieber bis 39,6, dabei wiederholt Vomitus
und Diarrhoe, Herpes an der Oberlippe. Der Puls wurde hier nach der Entfieberung
bei einer Frequenz von 88—96 so unregelmässig, dass er nach jedem dritten oder
vierten Schlag aussetzte, eine Erscheinung, welche mit abnehmender Intensität 9 Tage
dauerte und dann plötzlich verschwand.
Auch in der Reconvalescenz von acuten Krankheiten, besonders
Pneumonie, Typhus, Diphtherie, habe ich Unregelmässigkeit des Pulses,
zumal in sitzender oder aufrechter Stellung häufig beobachtet, wie ich
glaube, in Folge gewisser parenchymatöser Veränderungen, welche bei
diesen Krankheiten im Myocardium vor sich gehen.
Unerklärt blieb die Verlangsamung und stete Unregelmässigkeit des Pulses (60
bis 82 in der Minute) bei einem 3jährigen Knaber, der eine Reihe dunkler nervöser
Symptome darbot, Apathie, Kau- und Blinzelbewegungen, Unvermögen oder Verweige-
rung des Sprechens und Laufens, cataleptische Gliederstarre und verminderte Sensi-
bilität gegen Nadelstiche. Pupillen und Reflexe normal. Behandlung mit lauen
Bädern und kalten Allusionen. Allmälige Besserung; besonders wenn das Kind un-
beobachtet war, spielte es und ging auch ganz leidlich. Nach 7 Monaten gesund ent-
lassen, P. 96 — 116, fast immer regelmässig. Am Herzen Hess sich hier niemals etwas
Abnormes nachweisen, und auch die anfangs gehegte Befürchtung einer sich ent-
wickelnden tuberculösen Meningitis hat sich durch den Verlauf als falsch erwiesen.
Mitunter fehlt auch bei Meningitis die Verlangsamung und man
beobachtet nur Unregelmässigkeit des Pulses, wofür ich schon früher')
einige Beispiele mittheilte. Die von Rilliet und Barthez hervorge-
hobene starke Spannung des langsamen Pulses (Pulsus tardus) halte ich
nicht gerade für charakteristisch, habe sie aber wiederholt, und zwar
auf der noch offenen grossen Fontanelle ebenso wie an der Radialis, beob-
achtet. Die Verlangsamung und Unregelmässigkeit des Pulses pflegt
sich mehrere Tage, höchstens bis zur Mitte der zweiten Woche hinzu-
ziehen und dann einer zunehmenden Frequenz mit regelmässigem Rhyth-
mus Platz zu machen.
Während dieser Zeit steigert sich allmälig die Intensität der früher
beschriebenen Symptome. Der Kopfschmerz ist nur selten so heftig,
dass die Kinder wimmern und die Hände gegen die Stirn pressen; viele
klagen fast gar nicht über den Kopf, vielmehr über Schmerz in den
Ohren, am Halse, im Unterleibe, im Knie, oder an anderen Theilen,
ohne dass die Untersuchung etwas Abnormes ergiebt. Ist Kopfschmerz
vorhanden, so wird er durch Husten in der Regel gesteigert. Zuweilen
') Beiträge zur Kinderheilk. N. F. S. 51.
302 Krankheiten des Nervensystems.
scheint auch Schwindel vorzukommen, indem die Kinder selbst im
Sitzen und Liegen zu fallen glauben und die Umstehenden bitten, sie
fest zu halten. Apathie und Somnolenz nehmen langsam zu, zuweilen
durch Unruhe, lautes Aufschreien, auch wohl durch leichte Delirien
unterbrochen. Ein 5 jähriges Kind kratzte und biss um sich, sprang aus
dem Bett, schlug nach dem dargebotenen Trinkbecher. Im Allgemeinen
aber kann man die Kinder noch aus ihrer Somnolenz leicht erwecken, und
findet dann das Sensorium klar, so dass sie auf Fragen antworten und
auf Verlangen die Zunge zeigen. Erlöschen der kindlichen Wider-
spenstigkeit, Gleichgültigkeit gegen den sonst mit Geschrei empfangenen
Arzt und seine Manipulationen, Enuresis, sind immer böse Zeichen,
können sogar in zweifelhaften Fällen diagnostische Bedeutung gewinnen.
Bemerkenswerth ist auch in dieser Zeit der Einfluss auf gewisse secre-
torische und trophische Vorgänge. Stark eiternde Eczeme auf dem
Kopf oder an anderen Theilen trocknen nicht selten ein, die reichliche
Secretion der Nasenschleimhaut versiegt, früher bestandene Diarrhöen
hören auf, und ein paar Mal sah ich bedeutende, seit längerer Zeit be-
stehende Anschwellungen der Cervicaldrüsen unter dem Einflüsse der
Meningitis im Laufe weniger Tage zurückgehen.
Etwa von der Mitte der zweiten Woche an, auch wohl schon etwas
früher, machen sich bei vielen, keineswegs aber bei allen Kranken Rei-
zungssymptome einzelner Cerebral nerven, welche von der entzünd-
lichen Irritation an der Basis direct getroffen werden, bemerkbar, am
häufigsten Strabismus convergens und Knirschen mit den Zähnen. Ob
die um dieselbe Zeit beginnenden Kaubewegungen, die etwas Charak-
teristisches für die Krankheit haben, durch Reizung der Portio minor
des Trigeminus zu deuten sind , scheint mir zweifelhaft, weil man in
diesem Fall eher Trismus erwarten sollte, der in der That bisweilen
vorkommt. Mir scheinen die Wangen und besonders die Lippen bei
diesen Bewegungen viel mehr betheiligt zu sein, als die Kaumuskeln.
Leichte Retroversion des Kopfes wird bisweilen schon jetzt beob-
achtet. Die Farbe des Gesichts wechselt durch das Aufflammen einer
flüchtigen Röthe. Ganz allmälig steigert sich der somnolente Zustand
zum Sopor; immer schwerer lässt sich das Kind erwecken, bis es
schliesslich in völliger Bewusstlosigkoit ohne jede Reaction auf Anrufen
daliegt, mit halbgeschlossenen Augen, das eine Bein in der Regel lang
gestreckt, das andere im Knie llectirt, die Hände an den bisweilen im
Zustande der Erection befindlichen Genitalien, von Zeit zu Zeit tief auf-
seufzend oder auch ein durchdringendes Geschrei ausstossend (der be-
rüchtigte, aber keineswegs constante »cri hydrencephalique«). Um diese
Meningitis taberculosa. 303
Zeit erweitern sich die Pupillen, oft eine mehr als die andere, reagiren
träge oder gar nicht mehr auf den Lichtreiz; auf der Conjunctiva
bulbi zeigen sich bündeiförmige gegen die Cornea hinziehende Gefäss-
injectionen und Schleimfetzen, allmälig auch Trübungen der Hornhaut,
besonders des unteren Segments, welches von den halbgeschlossenen Li-
dern nicht bedeckt und wegen des fehlenden Lidschlags anhaltend
der Luft ausgesetzt ist. Wie die Reflexsensibilität der Conjunctiva,
erlischt auch die der Haut, so dass z. B. leises Streichen über die innere
Partie des Oberschenkels keine Zusammenziehung des Cremaster mehr
zur Folge hat. Automatische Bewegungen der Hände nach dem Kopf,
pendelnde Schwingungen einer oberen oder unteren Extremität, starre
Contractur der Nacken- und Kaumuskeln, welche das Einflössen von
Getränk erschweren, treten hinzu. Bei genauerer Untersuchung findet
man auch nicht selten Rigidität oder Lähmung der einen oder ande-
ren Körperhälfte; wo letztere vorhanden ist, fällt das aufgehobene Glied
wie das einer Leiche ohne Resistenz nieder und liegt bewegungslos,
während das der anderen Seite oft, wie bei Chorea, hin- und herge-
worfen wird. Die bis jetzt meistens vorhandene, den Abführmitteln schwer
nachgebende Stuhlverstopfung macht in diesem letzten Stadium der Krank-
heit oft unwillkürlichen dünnen Ausleerungen Platz. Der Unterleib sinkt
in der Nabelgegend immer mehr ein, so dass er schliesslich ein mul-
denförmiges Ansehen mit vorspringendem Rippenrande und Darmbein-
kamm bekommt, und die Wirbelsäule, sowie multiple in den Ausbuch-
tungen des Colons festliegende harte Scybala in Form runder beweglicher
Knoten leicht durchfühlen lässt. Harnverhaltung wird bisweilen in dem
Grade beobachtet, dass der Katheter eingeführt werden muss. Die Puls-
frequenz nimmt etwa von der Mitte der zweiten Woche an dauernd zu,
und der regelmässige Rhythmus stellt sich wieder her; die Frequenz
steigt allmälig bis 180, 200 Schläge und darüber, die immer kleiner
und schwerer fühlbar werden, während die Respiration, welche schon
früher durch das erwähnte seufzende Inspirium ihre Theilnahme bekundet
hatte, in den letzten 24—48 Stunden oder schon früher das Cheyne-
Stokes'sche Phänomen, entweder in seiner bekannten klassischen, oder
in einer etwas abweichenden Form darbieten kann. So sah ich nach
einer Respirationspause von 7+ Minute Dauer zuerst eine tiefseufzende
Inspiration eintreten, auf welche 2 — 3 oberflächliche Athemzüge und
dann wieder eine Pause folgten. Daher kann die Zahl der Athemzüge
in der Minute nur 7—5 betragen, und diese Seltenheit der Respiration
im Verein mit äusserster Schwäche des Herzens (180 — 200 kaum fühl-
bare Pulse) erklärt die um diese Zeit oft eintretende cyanotische Ver-
304- Krankheiten des Nervensystems.
färbung der Gesichtshaut, der sichtbaren Schleimhäute, der Finger- und
Zehenspitzen. In vielen Fällen erscheint das Gesicht in den letzten
Tagen dunkelroth, und ein profuser Schweiss bedeckt Stirn und Wangen
in hellen Tropfen; dagegen konnte ich die von einigen Autoren er-
wähnten Hautausschläge (Erytheme und Papeln) nur selten beobachten,
z. B. bei einem 2jährigen Kinde, welches in den letzten Tagen ein über
den ganzen Körper verbreitetes Erythema annulare darbot. Die Pu-
pillen werden bisweilen so starr und weit, dass nur ein schmaler Saum
der Iris sichtbar bleibt. Der Augenspiegel zeigt starke Füllung der
Retinalvenen und eine etwas prominirende , verschwommene Pupille.
Dazu gesellen sich in den letzten 24—48 Stunden sehr häufig epilepti-
forme Convulsionen, welche entweder in heftigen Paroxysmen
das gesammte Muskelsystem des Körpers befallen, oder nur einseitig
auftreten, mitunter sich auf die Gesichtsmuskeln oder auf schwache
Zuckungen der Glieder beschränken. In manchen Fällen kommt es
auch nur zu starren Oontracturen der Extremitäten, der Nacken- und
Rückenmuskeln, oder zu Tremor, welcher bei den im Coma noch statt-
findenden Bewegungen der Hände am deutlichsten hervortritt. Sie wer-
den immer gut thun, die Eltern auf den Eintritt terminaler Convulsionen
vorzubereiten, auch wenn während des ganzen Verlaufs der Krankheit
keine spastischen Erscheinungen beobachtet wurden. Nur selten ver-
misste ich diese gänzlich. Immer aber ist, gleichviel ob mit oder
ohne Convulsionen, die Agonie eine ungewöhnlich lange, auf mehrere
Tage ausgedehnte und für die Eltern um so schmerzlicher, als bis-
weilen mitten in diesem letzten hoffnungslosen Stadium überraschende
und unerklärliche Zeichen scheinbarer Besserung aufleuchten. Das
bewusstlose soporöse Kind zeigt plötzlich wieder erwachende Sinnes-
thätigkeit, wendet den Kopf nach der rufenden Mutter, öffnet die Au-
gen, nimmt wieder Nahrung zu sich, vermag sogar sich wieder aufzu-
richten, nach vorgehaltenem Spielzeug zu greifen. Ich habe mich von
der Richtigkeit dieser alten Beobachtung selbst ein paar Mal überzeugt,
und warne Sie vor der Ueberschätzung dieser lichten Momente. Nach
wenigen Stunden verfällt das Kind wieder in den früheren Zustand, und
geht unter Convulsionen oder im tiefen Sopor zu Grunde, in der
Regel 14 Tage bis 3 Wochen nach dem Auftreten des ersten Er-
brechens.
Es bleibt noch übrig, die Fieberverhältnisse einer kurzer Er-
örterung zu unterziehen. Meine eigenen Untersuchungen ') bestätigen die
') Charite-Annalen. Jahrg. IV. S. 505.
Meningitis tuberculosa.
305
Thatsache, dass die Meningitis tuberculosa keine charakteristische
Fiebercurve besitzt, dass vielmehr während des ganzen Verlaufs
sehr erhebliche Schwankungen vorkommen, wobei fast immer die
abendliche Temperatur die der Morgenstunden mehr oder weniger über-
steigt, selten derselben gleich, nur ausnahmsweise etwas niedriger er-
scheint. Die Temperatur hält sich dabei immer auf einem mittleren
Stande, überschreitet selten 39,0, und erreicht diese Höhe in vielen
Fällen kaum an einzelnen Tagen. Ja, ich habe Fälle beobachtet, in
welchen die Temperatur während der ganzen Krankheit oder wenigstens
mehrere Tage lang, die normale gar nicht oder nur sehr wenig über-
schritt. Dagegen erhebt sich die Wärme, wenn auch nicht constant,
doch in der Majorität der Fälle am vorletzten oder letzten Tage der
Krankheit rapide zu bedeutender Höhe, bis auf 40 und
selbst 42,0, dauert in dieser Höhe fast immer bis zum Tode an
und fällt nur selten kurz vor demselben auf 38 — 39°- Postmortale
Messungen (man fand eine halbe Stunde nach dem Tode im Anus 41,7)
habe ich bis jetzt nicht angestellt l). Diese plötzliche präagonale und
agonale Temperatursteigerung kann wohl kaum als gewöhnliche Fieber-
exacerbation aulgefasst werden, weil das Fieber während des ganzen
') Ich gebe einige Curven als Beispiele :
Louise S., 1 Jahr alt, aufgenommen am 29. Septbr. 1878.
M.
A.
29. Septbi
•. 38,0
38,5
30. „
37,6
38,5
1. Octbr.
37,6
38,2
2- „
38,0
38,0
3. „
37,6
37,6
I., 4 Jahre alt, aufgenommen ai
M.
A.
6. April
38,5
7. „
37,5
38,0
8. „
37,2
36,8
9. „
38,4
38,5
10. „
36,8
37,5
11. „
38,0
38,1
M.
A.
4. Octbr.
38,1
39,0
5. „
38,1
38,9
6. „
38,8
39
7. „
40
41
8. „
41,2
Tod.
il 1878.
M.
A.
12. April
38,2
38,6
13. „
38,5 11
Ubr 39,2
4
,, 39,8
6
„ 40,3
9
„ 41,8 Tod
Bei einem 2jährigen, am 16. Juli 1881 aufgenommenen Kinde war nur am 16.
und 17. Abends eine Temperatur von 38,2 zu constatiren. Von da ab bis zum 27.
Temperatur immer normal oder gar subnormal. Am Abend des 27. plötzlich Tempe-
ratur 40,2 (bei 180 P.) und am 28. (dem Todestage) 42,0.
Diese Beispiele mögen genügen; sehr viele meiner Fälle bieten analoge Ver-
hältnisse dar.
Henoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl.
20
306 Krankheiten des Nervensystems.
Verlaufs nur eine untergeordnete Rolle spielt, und man daher nicht an-
nehmen kann, dass es sich gerade zuletzt, wo die Symptome des Col-
lapses, der Herzlähmung (bis 200 kleine Pulse) auftreten, plötzlich zu
einem so hohen Grade steigern sollte. Ebenso wenig dürften die
terminalen Krämpfe oder zufällige Oomplicationen mit Entzündungen der
Respirationsorgane dafür verantwortlich zu machen sein, wofür ich in
meiner Arbeit (1. c. S. 510) genügende Beweise beigebracht zu haben
glaube. Ein paar Mal beobachtete ich schon einige Tage vor dem Tode
heftige Convulsionen bei einer Temperatur von 38,2, während diese am
letzten Tage bei 40,0 und darüber ganz fehlten, und gerade in einigen
Fällen, wo die Section frische Pneumonie nachwies, sah ich die ter-
minale Temperaturerhebung fehlen, während sonst acute Affectionen des
Respirationsapparats nicht gefunden wurden und dennoch die agonale
Steigerung der Körperwärme stattfand. Ich kann diese Erscheinung,
welche nicht allein bei Meningitis tuberculosa, sondern auch bei anderen
Cerebralkrankheiten zuweilen vorkommt, nur durch die Annahme einer
Paralyse des moderir enden Wärmecentrums erklären, welches an
der Grenze des Gehirns und Rückenmarks seinen Sitz haben soll. Wird
dasselbe gelähmt, so muss eben die Körperwärme, die nun nicht mehr
gehemmt wird, eine über das gewohnte Maass hinausgehende Höhe er-
reichen. Die weiteren Ausführungen dieses Gegenstandes finden Sie in
meiner oben citirten Arbeit, wo ich auch die meiner Ansicht zur Stütze
dienenden experimentellen Ergebnisse zusammengestellt habe. Seltener
kommt es schliesslich zu einer abnorm niedrigen Temperatur von
36 — 28,001), welche dann durch Lähmung des Wärme erzeugenden
Centrums zu erklären wäre. —
Dass ich bei der Schilderung des Krankheitsverlaufs die übliche
Eintheilung desselben in gewisse Stadien nicht berücksichtigt habe, ge-
schah aus dem Grunde, weil ich alle diese Versuche, mögen sie auf
anatomischen oder klinischen Principien beruhen, für misslungen halte.
Allenfalls liesse sich ein Stadium der Reizung und eins der Lähmung
unterscheiden. Aber auch diese Eintheilung hat keineswegs eine voll-
gültige Berechtigung, denn oft genug treten sogenannte Reizphänomene,
z.B. Convulsionen, erst im letzten Stadium auf. Erwägt man nun noch
die zahlreichen Varietäten, auf welche ich gleich kommen werde, so
') Gnändinger, Jahrb. f. Kinderheilk. XV. 1880. S. 459. — Turin, Jahrb.
f. Kinderheilk. XVI. 1880. p. 24. — Loeb, Deutsches Ärch. f. klin. Med. 1883.
S. 443. — Balaban, Ueber den Gang der Temperatur bei Meningitis tub. u. s. w.
Heidelberg, 1884. — Bokai, Jahrb. f. Kinderheilk. XXI. S. 440.
. Meningitis tuberculosa. 307
erscheint jede Einteilung in Stadien illusorisch und wird am besten
ganz aufgegeben.
Die Abweichungen vom normalen Verlauf sind in der That hier
so zahlreich, dass die Sicherheit der Diagnose, falls man eben nur nach
der Schablone urtheilen wollte , ernstlich gefährdet werden kann. Selbst
Aerzte, welche die Meningitis gründlich zu kennen glauben, begegnen
immer wieder neuen Verlaufsweisen und ungewöhnlichen Erscheinungen,
welche verwirrend wirken und sich anatomisch nicht erklären lassen.
Bisweilen fand ich 10 — 12 Tage lang ein dem Kindertyphus ganz
ähnliches Krankheitsbild. Andere stiessen Tag und Nacht fast ununter-
brochen ein gellendes, die Eltern in Verzweiflung bringendes Geschrei
aus, und verfielen dann plötzlich in Sopor. Das mit Recht ge fürchtete
initiale Erbrechen kann vollständig fehlen, während es in anderen
Fällen mit grösster Heftigkeit 9—10 Tage und länger fortdauert, und
zwar mit so unbedeutenden anderweitigen Hirnsymptomen, dass sie dem
Arzte, welcher das Kind ein- oder höchstens zweimal täglich sieht, völlig
entgehen. Ich sah ein solches Kind, so oft ich zu ihm kam, aufrecht
im Bette sitzen, anscheinend an Allem theilnehmend und eifrig mit dem
Betrachten von Bilderbüchern beschäftigt. Das Auge war klar, keine
Neigung zur Somnolenz vorhanden, nur das hartnäckige Erbrechen be-
unruhigte. Aber die ungleiche und unregelmässige Beschaffenheit des
Pulses stützte die Diagnose, welche sich auch bald bestätigte. Bei so
hartnäckigem Erbrechen klagen die Kinder oft über Schmerzen in der
Magengegend, welche den Arzt noch mehr in die Irre führen und in der
Annahme einer Dyspepsie bestärken, bis nach einiger Zeit plötzlich
Somnolenz, Strabismus, Ptosis und Convulsionen den Irrthum in unlieb-
samer Weise aufklären. Auch hartnäckige Stuhlverstopfung, welche
man in der Regel zu bekämpfen hat, ist kein zuverlässiges Symptom.
Wiederholt kamen mir Fälle vor, welche mit Erbrechen und Diarrhoe
begannen und daher für Cholera infantilis gehalten wurden, bis nach
24—36 Stunden Obstructio alvi eintrat, während das Erbrechen ver-
schwand oder fortdauerte. Mitunter sah ich auch eine schon länger
bestehende, durch folliculäre oder tuberculöse Darmgeschwüre bedingte
Diarrhoe trotz der Entwickelung der Meningitis fortdauern. Statt der
gewöhnlichen Muldenform beobachtete ich zuweilen eine mehr oder weniger
starke meteoristische Auftreibung des Unterleibs, welcher meistens eine
complicirende Peritonitis chronica tuberculosa zu Grunde lag. Auch die
für den Puls geltende Regel (massige Beschleunigung in den ersten
Tagen, darauf Verlangsamung und Unregelmässigkeit, schliesslich zu-
nehmende Frequenz und Regelmässigkeit der Schläge) hat nur für die
20*
308 Krankheiten des Nervensystems.
Majorität der Fälle Gültigkeit. Schon oben (S. 300) machte ich Sie
auf die wechselnde Beschaffenheit des Pulses aufmerksam und füge noch
hinzu, dass ich in mehreren Fällen gerade im letzten Stadium, wo be-
reits epileptiforme Oonvulsionen eingetreten waren, doch nur eine Fre-
quenz von 70 bis 96 Schlägen constatirte. Bei einem 2 jährigen Kinde
bildete eine starke Verminderung der Urinsecretion ein paar Wochen
lang das einzige prodromale Symptom. Das Kind liess nur alle
24 Stunden einmal normalen Urin, ohne dass die Blase ausgedehnt war.
Aber zunehmende Apathie und Somnolenz bestimmten mich zur Diagnose
der Meningitis, die durch den weiteren Verlauf und die Section bestätigt
wurde.
Nach Legendre, Rilliet und Barthez soll das Krankheitsbild
eine wesentliche Modification erleiden, je nachdem die Meningitis ein
scheinbar gesundes oder ein bereits mit vorgeschrittener Phthisis behaf-
tetes Kind befällt. Nur im ersten Falle soll der oben geschilderte
„klassische" Verlauf vorkommen, im zweiten aber die Krankheit weit
stürmischer, mit viel rascherer Succession der Symptome, ähnlich der
Meningitis simplex auftreten. In der That hatte ich wiederholt
Gelegenheit, diese Angabe zu bestätigen, glaube aber trotzdem nicht an
die Gültigkeit derselben für alle Fälle.
Anna H., 3 Jahre alt, am 2. October vorgestellt; seit August Diarrhoe.
Schwäche und Anämie, zunehmende Atrophie, Husten, in der linken Fossa supra-
spinata Dämpfung mit klingendem Rasseln und Bronchophonie, Fieber, Eczem an
vielen Theilen des Körpers. Am 24. Novbr. plötzlich epileptische Oonvul-
sionen, Abends Erbrechen, Aufhören der Diarrhoe, frequenter unregelmässiger Puls.
Das Eczem verschwand rapide. Schon in den nächsten Tagen Somnolenz, So-
por, wiederholte Oonvulsionen. Tod am 28., also schon am 5. Tage nach dem
Eintritt der ersten Cerebralsymptome. Section: Meningitis basilaris tuberculosa,
Hydrocephalus internus, enorme Tuberculose beider Lungen, Caverne im linken Ober-
lappen, folliculäre Enteritis u. s. w.
Am häufigsten sah ich diesen stürmischen, durch epileptiforme Oon-
vulsionen eingeleiteten Verlauf in Fällen, welche mit Tuberculose
der Gehirnsubstanz selbst complicirt waren, ja wiederholt konnte
ich daraus diese Complication vermuthen, wenn mir auch der frühere
Zustand des Kindes nicht bekannt war. Mehrere Fälle der Art finden
Sie in meiner Arbeit über Gehirntuberculose1) zusammengestellt. Aus-
nahmen von dieser Regel sind aber, wie ich schon bemerkte, nicht
selten, indem einerseits bei bedeutender Tuberculose des Gehirns oder
') Charite-Annalen. IV. S. 489.
Meningitis tubercalosa. 309
vorgeschrittener Phthisis die Krankheit ihren gewöhnlichen Gang nimmt,
andererseits auch da, wo eigentliche phthisische Destructionen noch fehlen,
ungewöhnlich stürmisch verlaufen kann1). Ganz besonders kommt dieser,
der purulenten Meningitis ähnliche Verlauf bei kleinen Kindern im
1. oder 2. Lebensjahre vor, z. B. in dem folgenden Fall, in welchem
der ganze Process sich innerhalb 6 Tagen abspielte:
Carl M., 9 Monate alt, aufgenommen am 18. März, gesund, erkrankt vor zwei
Tagen mit Vorweigern der Brost, Erbrechen und Fieber. Somnolenz und völlige
Apathie. Temp. 38,4 bis 38,8; Puls 132, regelmässig. Am 19. und 20. Zunahme
der Somnolenz, Puls 156, Augen oft starr, nach oben gedreht, fast anhaltendos con-
vulsivisches Zittern der oberen Extremitäten. In den Lungen nur Catarrh nachweis-
bar. Am 21. Puls 200, Temp. 41,2. Starre Extension und Tremor der Arme,
froquonte Respiration und Stöhnen. Tod am 22. bei 41,2 Temperatur und unfühl-
barem Pulse.
Section: Pia nahe am Snlcus longitudinalis graugolb, trübe, mit sehr dicht
stehenden miliaren Knötchen besetzt, noch stärker an der Basis, besonders in den
Sylvischen Gruben. Ventrikel durch reichliches klares Serum ausgedehnt. Gehirn
leicht ödematös. Miliartuberculose beider Lungen, der Leber und Milz. Bronchial-,
Tracheal- und Mesenterialdrüsen verkäst. —
Wir sind nicht im Stande, die Abweichungen des Krankheitsver-
laufs durch die pathologische Anatomie genügend zu erklären. Da
die Sectionsresultate scheinbar dieselben bleiben, mag die Krankheit normal
oder anomal verlaufen, so müssen die Differenzen in sehr feinen Structur-
veränderungen bestehen, welche bald diesen, bald jenen Hirntheil betreffen,
bis jetzt aber nicht mit Sicherheit constatirt sind. Dafür sprechen z. B.
die Beobachtungen von Ren du2), welcher in einer Reihe von Fällen die
Arteria fossae Sylvii in Folge der umgebenden Entzündung und Tuber-
culosc thrombosirt, und in ihrem Stromgebiete (Corpus striatum u. s. w.)
kleine Erweichungsherde fand, mit welchen er die im Leben beobachteten
Paralysen in Verbindung bringt. Ich selbst fand in mehreren Fällen,
welche sich durch einen ungewöhnlich stürmischen, an die einfache
Meningitis erinnernden Verlauf auszeichneten, die entzündlichen Producte
an der Convexität der Hemisphäre stärker angehäuft, als an der sonst
bevorzugten Basis , die sogar bei einem dieser Kinder fast ganz verschont
blieb, und schon hieraus geht hervor, dass man die Bezeichnungen
Meningitis tuberculosa und basilaris nicht als gleichbedeutend nehmen
darf. Aber darin allein kann die Abweichung des Verlaufs nicht liegen,
') S. meine Beiträge zur Kinderheilk. N. F. S. 44.
2) Recherchos clin. et anat. sur les paralysies liees ä la meningite tuberculeuse.
Paris, 1874.
310 Krankheiten des Nervensystems.
weil ich auch in gewöhnlichen, langsamer ablaufenden Fällen die Con-
vexität oft genug in derselben Weise befallen fand.
Tn der grossen Mehrzahl bildet allerdings die Affection der Basis
cerebri das Charakteristische der Krankheit. Hier sieht man, in dem
Räume zwischen Chiasma opticum und Medulla oblongata, eine trübe,
grünlich graue, sulzige, mitunter auch partiell eiterige Infiltration der
Pia, welche die abtretenden Cerebralnerven umgiebt und directe Reizungs-
und Lähmungserscheinungen derselben zur Folge haben kann. In die
Umgebung, besonders in die Fossae Sylvii hinein, zieht sich ein trübes
ödematöses Infiltrat, und hier findet man auch vorzugsweise mehr oder
minder zahlreiche graue oder graugelbe, stecknadelkopfgrosse oder
kleinere Miliartuberkel eingebettet, welche sich am deutlichsten zeigen,
wenn man die Pia sorgfältig aus den Furchen herauszieht. Je nachdem
diese Tuberkel frischer oder älter sind, erscheinen sie platt und weich,
oder härter und prominenter. Aehnliche, oft recht zahlreiche Miliar-
tuberkel der Pia trifft man auch in den Plexus chorioidei der Ventrikel,
auf der Convexität und der inneren Fläche der Hemisphäre, wobei die
Pia durch seröse Infiltration oft stark getrübt erscheint, und längs der
grösseren Venen Streifen einer graugelblichen, puriformen oder käsigen
Masse bemerkbar sind. Nur selten traf ich kleine miliare Knötchen
auch auf der Innenfläche der Dura. Alle diese Knötchen enthalten
Tuberkelbacillen. Das Gefässsystem der Pia ist in der Regel mehr oder
weniger injicirt, und beim Herausziehen derselben aus den Furchen bleiben
leicht kleine Partikel stark adhärenter und erweichter Rindensubstanz an
derselben hängen. Hie und da findet man wohl auch streifenartige Ad-
häsionen zwischen Arachnoidea und Dura, oder Anhäufung von Serum
zwischen beiden Häuten, und blutige Suffusionen der Pia. Die Gehirn-
substanz selbst ist meistens anämisch, selten hyperämisch ; die Ventrikel
sind durch Anhäufung seröser Flüssigkeit bedeutend ausgedehnt, ihre
Wandungen, wie die Centralgebilde des Gehirns (Corpus callosum, Fornix,
Septum) häufig, aber keineswegs immer, stark erweicht oder in eine
rahmartige, im Ventrikelwasser flottirende Masse zerfliessend. In ein-
zelnen Fällen fand ich kleine Ecchymosen, besonders in der Umgebung
des dritten Ventrikels. Diese Befunde sind jedoch insofern nicht con-
stant, als die seröse Anhäufung in den Ventrikeln und die Erweiterung
derselben auch fehlen kann, die tuberculöse Meningitis also nicht not-
wendig mit einem „acuten Hydrocephalus" verbunden zu sein braucht.
In diesem Falle fehlt auch die rahmartige Erweichung der Ventrikel-
umgebung, welche überhaupt nur als cadaveröse Erscheinung in Folge
der Maceration durch das angesammelte Serum zu betrachten ist.
Meningitis tuberculosa. 311
Bisweilen findet man zwar entzündliche Erscheinungen in der Pia
der Basis und auch wohl der Oonvexität, diffuse Trübung und Verdickung,
Oedem oder sulziges Exsudat mit oder ohne Hydrocephalus der Ventrikel,
— aber nirgends miliare Knötchen der Pia, während diese in anderen
Organen Milz, Leber, Lungen sehr verbreitet sein können. Rilliet
und Barthez, welche 11 Fälle dieser Art beobachteten, rechnen sie
ebenfalls zur tuberculösen Meningitis, weil die Gegenwart von Miliar-
tuberkeln in anderen Organen und die Eigenthümlichkeit der entzünd-
lichen Producte sie als solche charakterisiren sollen. Wenn diese An-
nahme berechtigt ist, so würde daraus hervorgehen, dass die Meningitis
auch ohne den Reiz der Tuberkelbacillen selbst, etwa durch ein von
diesen producirtes Toxin, zu Stande kommen kann. Umgekehrt fehlt es
nicht an Fällen von acuter Tuberculose, in welchen trotz zahlreicher
Miliartuberkel der Pia doch keine entzündlichen Erscheinungen an
dieser wahrzunehmen sind.
Beschränkung der Tuberkel auf die Pia mit Ausschluss aller an-
deren Organe habe ich selbst nur einmal gesehen, und wenn auch
solche Beobachtungen von anderen Autoren, z. B. von Bouchut, mit-
getheilt werden, so drängt sich uns dabei immer der Verdacht einer
nicht ganz erschöpfenden Autopsie auf. Ich will hier nur daran erinnern,
dass wir wiederholt Tuberkel im Knochenmarke fanden, welche von
älteren Beobachtern ohne Zweifel übersehen worden sind. Nur aus-
nahmsweise beschränkte sich die Tuberculose auf ein oder das
andere Organ. So fand ich bei einem 2 '/4 jährigen Kinde mit zahlreichen
Hirntuberkeln und Meningitis tuberculosa nur noch vereinzelte miliare
Knötchen in der rechten Lunge, bei einem 2 jährigen Kinde mit tuber-
culöser Meningitis der Basis und Oonvexität nur einzelne käsige Herde
in den Mesenterialdrüsen, bei einem 9 Monate alten Kinde nur einen
haselnussgrossen käsigen Herd in einer Bronchialdrüse, bei einem
11 jährigen Knaben nur eine haselnussgrosse, indurirte und kleine Kreide-
stückchen enthaltende Bronchialdrüse, alle anderen Organe aber völlig
normal. Ungleich häufiger trifft man in einer ganzen Reihe anderer
Körpertheile gleichzeitig tuberculose Veränderungen, am constantesten
mehr oder minder ausgedehnte käsige Degeneration der Bronchialdrüsen,
ferner Tuberculose und käsige Processe in den Mesenterial- und anderen
Lymphdrüsen, im Gehirn, in den Lungen, der Pleura, dem Peritoneum,
der Milz, Leber, den Nieren, in den Wirbeln oder anderen Knochen,
selbst in den Hoden und in den Genitalien kleiner Mädchen. Eine Zeit-
lang erregte die Theilnahme der Chorioidea lebhaftes Interesse, weil
man, als die Thatsache durch Cohnheim und v. Graefe bekannt wurde,
312 Krankheiten des Nervensystems.
ein absolut sicheres Kriterium für die Diagnose der Meningitis und der
acuten Miliartuberculose überhaupt gefunden zu haben glaubte. Die
ophthalmoscopische Untersuchung wurde demnach als der wichtigste
klinische Act in dieser Krankheit hingestellt, und der Befund einzelner
oder mehrerer grauweisser Körnchen und Fleckchen im Augenhintergrunde
in allen diagnostisch zweifelhaften Fällen als ausschlaggebend betrachtet.
Das letztere hat nun allerdings seine Richtigkeit, und ich selbst konnte
mich öfters von der Wichtigkeit dieser Exploration überzeugen, welche
schon längere Zeit vor dem Auftreten ernster Cerebralsymptome, noch
in jenem Vorstadium unbestimmten Kränkeins, Chorioideältuberkel nach-
wies und damit den ganzen Ernst der Lage verkündete. Leider ist aber
die Ohorioidea, wie sich später herausstellte, durchaus nicht constant
betheiligt '), wovon ich mich auch bei den Sectionen überzeugte, und wir
dürfen deshalb einen negativen Befund im Auge keineswegs als Beweis
gegen Meningitis auffassen, während der positive Befund allerdings volle
diagnostische Bedeutung beanspruchen darf. Auch die Pia des Rücken-
markes zeigt bisweilen Tuberkeleruptionen und entzündliche Producte.
Bei einem 8 jährigen Knaben fanden wir die Arachnoidea spinalis auf der
hinteren Seite bis zur Lendenanschwellung herab stark verdickt, mit
Eiter infiltrirt, macroscopisch aber frei von Tuberkeln. Wahrscheinlich
würde die Frequenz dieser Complication steigen, wenn man sich die Mühe
nehmen wollte, bei jeder Secüon die Rückgratshöhle zu öffnen2). Die
Annahme aber, dass das Auftreten heftiger Gonvulsionen, Contracturen
oder Hyperästhesien nur von der Theilnahme der Rückenmarkshäute ab-
hänge, ist nicht begründet, denn gerade in einem Fall, welcher sich
durch das Vorwiegen convulsivischer Symptome auszeichnete, erschien
das Rückenmark bei der Autopsie völlig normal. — Kothansammelungen
im Dickdarm fanden sich bisweilen in beträchtlichem Maasse; bei einem
4 jährigen Kinde war das ganze Coecum vor und hinter der Valvula
Bauh. von einem 4 Otm. langen Kothpfropf ausgefüllt. —
In Betreff der Aetiologie habe ich nur wenig hinzuzufügen. Ich
') Heinz el, (Jahrb. f. Kinderheilk. VII. 1875. S. 355) fand unter 31 Fällen
von Meningitis tub. basil. niemals Chorioideältuberkel, weder im Leben noch nach
dem Tode, wohl aber 15mal Neuroretinitis und St auungspapille, letztere
wahrscheinlich durch den Druck von den hydrocephalischen Ventrikeln her bedingt. —
Moncy (Lancct. XIX. 1883. Vol. II.) fand in 42 Fällen von Meningitis tnb. nur
12 mal Tuberkel der Chorioidea bei der Section.
') F. Schultze hat in 3 Fällen von Meningitis tub. basil , welche allerdings
Erwachsene betreffen, diese spinalen Veränderungen microscopisch genau unter
sucht (Berl. klin. Wochenschr. 1876. No. 1 u. 2).
Meningitis tuberculosa. 313
habe die Krankheit schon in sehr früher Lebensperiode, z.B. bei einem
erst 11 Wochen alten Kinde und oft genug bei Kindern von 8—9 Mo-
naten beobachtet und durch die Section bestätigt. Mit dem Alter der
zweiten Zahnung nimmt die Disposition entschieden ab. Sind auch Kinder
mit hereditärer Disposition zu Tuberculose, oder solche, die an scro-
phulösen Affectionen, Phthisis, chronischen Knochenvereiterungen leiden,
der Krankheit am meisten unterworfen, so werden Sie doch nicht selten
blühende, scheinbar gesunde Kinder zum Opfer fallen sehen. Erst die
Entdeckung der Tuberkelbacillen eröffnete uns die Einsicht in das
Zustandekommen dieser Fälle durch directe Infection, deren sicherer
Nachweis allerdings nur selten möglich ist. Im Allgemeinen sind alle
Wege, auf denen die Bacillen in den Organismus gelangen können, auch
für die Entstehung der Meningitis tuberculosa bedeutsam (Respirations-
und Digestionsschleimhaut, äussere Haut). Dabei bleibt aber immer
die durch unzählige Beobachtungen erhärtete Thatsache bestehen, dass
die bacilläre Infection der Pia bei scheinbar ganz blühenden Kindern
von sehr beschränkten käsig -tuberculösen Herden in den Lymph-,
Mesenterial- oder Bronchialdrüsen ausgehen kann, die viele Monate,
selbst Jahre lang bestanden haben, ohne sich durch irgend ein Symptom
zu verrathen.
Die Annahme einer traumatischen Ursache, besonders eines Falls
auf den Kopf, zu welcher die Eltern stets geneigt sind, ist unter diesen
Verhältnissen meistens eine Täuschung, und beruht nur auf einem zu-
fälligen Zusammentreffen. Doch lässt sich nicht in Abrede stellen, dass
gerade bei Kindern mit tuberculöser Disposition eine Commotion des Ge-
hirns leichter, als bei anderen, hyperämische Zustände mit ihren Folgen
nach sich ziehen kann (S. 293).
Ueber die Erfolge der Therapie kann ich leider nur Ungünstiges
mittheilen. Alle Aerzte, die es mit der Diagnose Ernst nehmen, werden
mir darin beistimmen, dass sie jeden Fall von Meningitis tuberculosa
von vorn herein verloren geben und sich in dieser Prognose nicht täu-
schen. Vereinzelte in der Literatur mitgetheilte Heilungen sind deshalb
mit der grössten Reserve zu beurtheilen. Freilich lässt sich die Mög-
lichkeit einer Heilung nicht in Abrede stellen. Bedenkt man, dass
bei tuberculösen Individuen noch nicht jede Pleuritis oder Peritonitis letal
verläuft, dass ferner die Gefahr der Krankheit nicht direct von den
miliaren Tuberkeln der Pia ausgeht, die ja ganz latent bestehen können,
so wird man die enorme Letalität nur von der gleichzeitigen Tuberculose
vieler anderen Organe, und von den localen Veränderungen ableiten
dürfen, welche das Gehirn sowohl durch die Theilnahme der unter der
314 Krankheiten des Nervensystems.
Pia liegenden grauen Substanz, wie durch den wachsenden Druck von
den erweiterten Ventrikeln her erleidet. Ist es einmal so weit gekommen,
so kann an eine Wiederherstellung nicht mehr gedacht werden. Dagegen
halte ich es nicht für ganz unmöglich, im Beginn von Fällen, in denen
die Miliartuberculose nicht allgemein, sondern nur beschränkt auftritt,
bei rechtzeitiger Therapie noch Heilung herbeizuführen, da es hier zu-
nächst darauf ankommt, die beginnende Entzündung der Pia zurückzu-
bilden und eine stärkere bis in die graue Hirnschicht dringende Exsuda-
tion zu verhüten. Dass dieser Versuch fast niemals gelingt, ist eine
Thatsache, aber ich glaube, dass es sich doch immer verlohnt, ihn zu
machen, wenn nicht etwa vorgeschrittene Phthisis oder die Zeichen von
Tuberculose des Gehirns selbst denselben von vorn herein als einen ver-
geblichen erscheinen lassen.
Ich habe früher1) einige Fälle mitgetheilt, welche die Erscheinungen
der ersten Periode der Meningitis tuberculosa darboten, und durch eine
energische Antiphlogose geheilt wurden. Einer dieser Fälle, ein l3/4 jäh-
riges Kind betreffend, endete durch einen zweiten Anfall von Meningitis drei
Jahre nach der ersten Erkrankung tödtlich, nachdem ein Bruder an der-
selben Krankheit zu Grunde gegangen war, und gerade dieser Umstand
schien mir für die Richtigkeit der Diagnose zu sprechen. Auch Rilliet
und Barthez berichten zwei Fälle, in denen ein paar Jahre nach der
Heilung des ersten Anfalls der Tod durch ein Becidiv herbeigeführt
wurde, und bei der Section die alte und frische Tuberkeleruption in der
Pia deutlich unterschieden werden konnte. Ebenso beschreibt Politzer2)
den Fall eines Kindes, welches drei Jahre zuvor Basilarmeningitis über-
standen hatte, abgesehen von anhaltender Magerkeit völlig genesen war,
und bei der Section neben frischer Basilarmeningitis ein obsoletes schwie-
liges Exsudat am Pons darbot. Obwohl also auf Grund solcher Aus-
nahmefälle selbst nach gelungener Heilung immer eia letales Recidiv
früher oder später zu fürchten ist, sollte diese Befürchtung den Arzt
doch nicht zu einer rein passiven Haltung veranlassen. Ich rathe daher
im Beginn je nach dem Alter 3 — 4 Blutegel hinter den Ohren zu
appliciren, eine Eiskappe auf den Kopf zu legen, und Calomel 0,05
2 stündlich zu geben , bei nicht reichlichen Ausleerungen daneben noch
Inf. Sennae comp, mit Syrup. Spinae cervinae. Dabei lasse man Unguent.
einer (1,0) ein paar Mal täglich in Hals und Nacken einreiben. Wenn
ich auch von dieser Therapie seit etwa 18 Jahren keinen Erfolg gesehen
') Beitr. zur Kinderheük. Berlin, 1861. S. 13 u. N. F. 1868. S. 55.
2) Jahrb. f. Kinderheük. 1863. VI. S. 40.
Meningitis tuberculosa. 315
habe, so halte ich mich doch zum Versuch verpflichtet, und schaden
wird sie gewiss nicht in einer Krankheit, welche, sich selbst überlassen,
sicher zum Tode führt. Der Versuch dieser Behandlung ist freilich nur
in den ersten Tagen der Krankheit zu machen, später ist er zu wider-
rathen. Von den früher empfohlenen schmerzhaften Einreibungen des
Unguent. tartar. stibiati in den Kopf bin ich ebenso zurückgekommen,
wie von Blasenpflastern im Nacken, und das von mir in unzähligen
Fällen beharrlich angewendete Jodkali hatte eben so wenig einen Erfolg
aufzuweisen, wie die Bepinselungen der Kopf- und Nackenhaut mit Jodo-
formcollodium. Vor der Behandlung mit Tuberculin-Injectionen habe ich
auf Grund einer bedenklichen Erfahrung schon zu einer Zeit gewarnt,
als diese Methode in hohen Ehren stand. •
XVIII. Die purulente Meningitis.
Die Frequenz dieser Entzündung, mag sie nun die Häute des Ge-
hirns allein oder zugleich die des Rückenmarkes befallen, tritt gegen
die tuberculöse Form erheblich zurück. Nur die Aerzte, welche Ge-
legenheit hatten, die epidemische Meningitis cerebro-spinalis zu be-
obachten, gebieten über ein umfassendes Krankenmaterial; unter den
gewöhnlichen Verhältnissen wird die Zahl der Beobachtungen immer nur
eine beschränkte bleiben.
Anatomisch charakterisirt sich die Krankheit durch das Fehlen
aller tuberculösen Bildungen sowohl im Gehirn und seinen Häuten, wie
in den übrigen Organen, was natürlich nicht ausschliesst, dass auch ein
tuberculöses Individuum zufällig, z. B. in Folge einer Schädelfractur,
von purulenter Meningitis befallen werden kann. Abgesehen von diesen
und einigen anderen, z. B. durch Pyämie bedingten Fällen, nimmt jede
Meningitis bei Tuberculösen die anatomischen und klinischen Charaktere
an, welche Sie eben kennen gelernt haben, und selbst das Fehlen der
Miliartuberkel in der Pia soll dieser Regel keinen Abbruch thun (S. 311).
Die Meningitis purulenta befällt die Convexität der Hemisphären weit
häufiger und intensiver, als die tuberculöse, erstreckt sich aber auch
nicht selten auf die Basis, und über die Medulla oblongata mehr oder
weniger tief in den Wirbelkanal hinein (Meningitis cerebro-spinalis).
Von der Basis her kann die serös-eiterige Infiltration auch das retro-
bulbäre Gewebe ergreifen und Exophthalmus veranlassen. Neben be-
deutender Hyperämie der Pia, kleineren und grösseren Ecchymosen und
partiellen Verwachsungen der Dura und Pia, finden Sie das Gewebe der
letzteren mit gelbem oder gelblichgrauem Eiter infiltrirt, welcher theils
dem Laufe der grösseren Blutgefässe folgt, theils schichtenartig ausge-
316 Krankheiten des Nervensystems.
breitet ist, auch in verschiedener Menge frei zwischen Pia und Dura
enthalten sein kann. Die graue Corticalschicht des Gehirns ist vielfach
mit der Pia verwachsen, durch seröse Imbibiiion peripherisch erweicht,
partiell hyperämisch und von capillären Hämorrhagien durchsetzt. Die
Ventrikel sind in der Regel leer, keineswegs aber constant; bisweilen
fand ich sie durch trübes, von purulenten Streifen durchzogenes Serum
ausgedehnt, wobei das aufgelockerte Ependyma keine wesentlichen Ver-
änderungen darbot. Bei einem 2 Monate alten Kinde waren sowohl die
Seiten- wie der 4. Ventrikel mit dünnem gelbem Eiter gefüllt und stark
dilatirt. Nimmt das Rückenmark Theil, so findet man eiterige Infiltra-
tion der Pia und des lockeren Maschengewebes der Arachnoidea, am
stärksten und ausgedehntesten an der hinteren Fläche des Rückenmarkes.
Auch die innere Seite der Dura, sowohl des Schädels wie des Spinal-
kanals, zeigt in vielen Fällen Injection und blutig eiterigen Beschlag
(Pachymeningitis). Alle diese Erscheinungen kommen den epidemischen
infectiösen1), wie den sporadischen Fällen gleichmässig zu.
Mir selbst bot sich bisher keine Gelegenheit dar, die epidemische
Form in grösserer Ausdehnung zu beobachten, wenn auch zu manchen
Zeiten in Berlin die Fälle so schnell aufeinander folgten, dass ich sie,
zusammengehalten mit den gleichzeitigen Beobachtungen anderer Colle-
gen, immerhin als Beispiele einer Miniaturepidemie betrachten konnte.
Zwei rasch hintereinander im Sommer 1885 auf meine Abtheilung ge-
kommene Fälle, von denen der eine tödtlich endete, betrafen sogar
Geschwister. Im Allgemeinen kamen sporadische Fälle ebenso
häufig vor. So weit meine Erfahrung reicht, ist das Kriterium eines
stürmischen Verlaufs, welches man früher für diese Meningitis im
Gegensatz zur tuberculösen geltend machte, durchaus kein sicheres, da
es, wie wir sehen werden, nicht an Fällen fehlt, welche ebenso lange,
ja noch weit länger dauern, als die tuberculösen, und auch die klini-
schen Erscheinungen können in Bezug auf Intensität und Oombination
so verschieden sein, dass es unmöglich ist, ein allgemein gültiges Krank-
heitsbild zu entwerfen.
Als Cardinalsymptome der Krankheit, welche sich wie ein rother
Faden durch den Wechsel der Erscheinungen hindurchziehen, sind fol-
gende hervorzuheben: Kopfschmerz bei älteren Kindern, die überhaupt
') Ueber den Befund speeifischer Baoterien im Eiter der Meningitis sind
die Angaben der Autoren verschieden. Manche sprechen von Micrococcen, andere
(A. Fränkel) von einer dem Pneumoniecoccus identischen Form. Die in einem
meiner Fälle im pathologischen Institut mit dem Eiter angestellten Culturversuche
fielen durchaus negativ aus (s.Weichselbaum, Fortschr.d.Med. 1887. No.18u.19).
Puraletito Meningitis. 317
schon klagen können; Erbrechen, Starrheit der Nacken- oder seitlichen
Halsmuskeln, Contracturen der Extremitäten, Oonvulsionen, Delirien,
Sopor, mehr oder minder hohes Fieber. Aber aus dieser Reihe können
einzelne oder mehrere fehlen, oder nur so schwach angedeutet sein, dass
sie leicht übersehen werden. Wechselnd ist auch ihre Succession. In
einer Reihe von Fällen treten von vornherein stürmische Hirnsymptome,
Delirien, Sopor, Erbrechen, Convulsionen und Genickstarre auf, und
machen sofort die Diagnose unzweifelhaft.
Ein 5j ähriges Mädchen wurde inmitten völliger Gesundheit ohne nachweis-
bare Ursache plötzlich von heftigen Kopfschmerzen und Erbrechen befallen.
Schon nach 3 Stunden allgemeine epileptiforme Krämpfe und tiefer Sopor, die
Krämpfe setzten etwa 12 Stunden aus, während der Sopor fortdauerte; dabei hohes
Fieber. Dann Wiederbeginn der Convulsionen, die bis zum Tode, 48 Stunden nach
dem Anfange der Krankheit fortdauern. Section: Die ganze convexe Fläche des
Gehirns mit einem gelben in die Pia infiltrirten purulenten Exsudat überzogen,
welches auf den Vorderlappen eine zusammenhängende Schicht bildet, weiter hin dem
Laufe der Gefässe folgt und tief in alle Sulci eindringt. Auch an der Basis eiterige
Infiltration in der Umgebung der Nn. optici und oculomotorii. Ventrikel leer. Die
übrigen Organe gesund.
Bei einem 1 '/2 jährigen Knaben traten am frühen Morgen plötzlich Er-
brechen und allgemeine Convulsionen auf, welche bis 5 Uhr Nachmittags dauer-
ten, dann 5 volle Tage, welche mit hohem Fieber und Sopor verliefen, pausirten
und am Tage vor dem Tode (dem sechsten der Krankheit) wieder ausbrachen.
Je jünger die Kinder, um so häufiger ist dieser Beginn mit Con-
vulsionen, die sich Schlag auf Schlag wiederholen, rasch mit Sopor ver-
binden und schon nach wenigen Tagen mit dem Tode enden. In anderen
Fällen aber bildet schon in diesem zarten Alter eine enorm hohe
Temperatur die Haupterscheinung und lässt, bis schliesslich unver-
kennbare Cerebralsymptome auftreten, an Typhus denken.
Agnes W., das 8 Monate alte gesunde Kind eines Collegen, erkrankte am
8. März mit starkem Erbrochen. Das Kind war blass, nahm ungern die Brust und
war gegen seine sonstige Gewohnheit sehr still, zeigte aber am folgenden Tage noch
nichts wesentlich Krankhaftes; es lachte und sprang auf dem Arm des Vaters fast
so lustig wie früher. Am 10. und 11. fiel wiederum die Apathie des Kindes und
erhöhte Wärme auf, und die Messung ergab am Abend 40,8, so dass man den Aus-
bruch von Scharlach erwartete. In den vier folgenden Tagen bis zum 15. bildete
nun das hohe Fieber die einzige erhebliche Krankheitserscheinung. Die Messun-
gen ergaben:
M.
A.
am 12.
März
40,0
41,0
„ 13.
3)
40,4
41,8
„ 14.
))
40;6
40,2
„ 15.
))
40,1
38,8
318 Krankheiten des Nervensystems.
Das Sinken der Temperatur in den beiden letzten Tagen wurde durch zwei
kalte Einwickelungen, zwei Dosen Chinin (0,2 und 0,4) und schliesslich durch ein
Bad von 30° C. erzielt. Die Diagnose schwankte zwischen Typhus und Meningitis.
Erst am 16., also 8Tage nach dem Eintritt des Erbrechens, zeigte sich eine massige
Starre der Nackenmuskeln mit Wendung des Kopfes nach links und leichter
Contraction des rechten Arms im Ellenbogengelenk. Weder durch anhaltende
Eisfomentationen des Kopfes, noch durch zweimal täglich wiederholte kalte Bäder und
Klystiere von Chininlösung (0,5) gelang es die hohe Temperatur herabzusetzen;
diese schwankte stets zwischen 40,0—41,4, und ging erst in den beiden letzten
Tagen temporär auf 38,5 herab. Puls zwischen 130 bis 160, immer regelmässig.
Als nun am 18. das Genick wieder leichter beweglich und die Milz bei der Palpa-
tion stark vergrössert erschien, das Kind auch trotz des andauernden hohen Fiebers
auf Anrufen reagirte und nach der vorgehaltenen Uhr griff, wurden wir in der An-
nahme einer Meningitis wieder schwankend, bis am 19. mit erneutem Erbrechen auch
die Genickstarre und die Contractur des rechten Arms wieder eintraten und damit die
Diagnose sicher wurde. Aber erst am 21. Abends kam es zu Zuckungen des gan-
zen Körpers mit dunkelrothem Gesicht und starkem Schweissausbrucb. In der Nacht
häufiges Aufschreien und wiederholtes Erbrechen. Am folgenden Tage 3 Uhr Nach-
mittags ein halbstündiger epileptiformer Anfall, später lebhafte Kau- und
Saugbewegungen, Strabismus convergens, Injection der Augen. Die Convulsionen
wiederholten sich am 23. von 3 — 6 Uhr Nachmittags und traten 10 Uhr Abends von
neuem ein, um bis zum 24. 3 Uhr Nachmittags, wo der Tod erfolgte, fortzudauern.
Puls schliesslich 200, fadenförmig. Section. Sehr intensive Meningitis cerebrospi-
nalis. Etwa 1 Esslöffel freien Eiters auf der Hirnoberfläche, eiteriges Exsudat von
1 Ctm. Dicke zwischen den Maschen der Pia, encephalitische Erweichung von 1 Ctm.
in die graue Hirnsubstanz hineinreichend. Ventrikel leer. Milz um das Dreifacho
vergrössert. Alle anderen Organe normal.
In diesem Falle sehen wir Convulsionen erst am 13. Tage der
Krankheit auftreten, nachdem vorher sehr hohes Fieber, massige Genick-
starre, Contractur des rechten Oberarms und palpabler Milztumor be-
standen hatten. Nicht immer verläuft aber die Krankheit mit so hohen
Temperaturen, wie es hier der Fall war. Vielmehr kann der Verlauf
dem der tuberculösen Meningitis, wenigstens eine Zeitlang so ähnlich
sein, das die Diagnose schwankend wird.
Bei einem 9 Monate alten rachitischen Kinde fand 14 Tage lang Erbrechen
nach jeder Mahlzeit statt, ehe Geni ckstarre sich bemerkbar machte. Dabei Fieber,
Puls 152, regelmässig, fast anhaltendes Geschrei, Contracturen der Finger, während
der 5 letzten Tage anhaltender Sopor und fast ununterbrochene epileptiforme Con-
vulsionen. Dabei von Neuem Erbrechen, Einsinken der Fontanelle, Erweiterung
und Starre der Pupillen; Puls klein und unzählbar schnell, Athmen unregelmässig.
Tod nach 3 wöchentlichem Verlauf. Die Section ergab Meningitis purulenta der
Convexität und Basis, welche sich auf die Pia des Cervicalmarks fortsetzte. Ventrikel
dilatirt, mit trübem Serum und Eiter angefüllt. Sonst alle Organe normal. Nir-
gends Tuberkel.
Purulente Meningitis. 319
Auch der folgende Fall imponirte als tuberculöse Meningitis trotz
des Beginns mit einem Krampfanfall, der auf Complication mit Gehirn-
tuberkel bezogen wurde:
Max Th., 7 Monate alt, rachitisch, aufgenommen am 11. Juni. Nach längerem
Husten yor zwei Wochen plötzlich ein epileptiformer Anfall, seitdem eine bald
mehr bald weniger markirte Retroversion des Kopfes. Kopf und Wirbelsäule
bilden einen spitzen Winkel, ersterer kann nicht nach vorn gebeugt werden. Dabei
grosse Apathie, linksseitiger Strabismus convergens, rechte Pupille etwas erweitert,
gut reagirend. Doppelseitige Otorrhoe, besonders rechts. Catarrh der grossen Bron-
chien. Diese Symptome bestanden fast drei Wochen lang unverändert fort;
Apathie und Somnolenz täglich zunehmend, enorme Macies. In den letzten Tagen
Sopor, pericorneale Gefässinjection, Schleimfetzen im Conjunctivalsack, Temp. immer
nur 38—38,5. Tod am 29. in Sopor ohne Krämpfe.
Section: In keinem Organ Tuberkel. Massige Meningitis purulenta basi-
laris, starke Erweiterung der Seiten- und des 4. Ventrikels, welche mit dünnem gel-
bem Eiter gefüllt sind. Ependyma aufgelockert. Gehirn anämisch, um die Ventrikel
herum eine hyperämische Zone. Auf beiden Ohren Otitis media purulenta, mit
jauchiger Infiltration der umgebenden Knochensubstanz.
Hier mag die basale Meningitis von der Otitis media ihren Aus-
gang genommen und sich längs der Plexus chorioidei in die Ventrikel
verbreitet haben. Die Dauer der Krankheit betrug im Ganzen fünf
Wochen. Oonvulsionen fanden nur einmal, im Beginn der Krankheit
statt. Sie können aber auch während des ganzen Verlaufs voll-
ständig fehlen, und an ihre Stelle treten dann Oontracturen,
entweder nur der Nacken- und Rückenmuskelu , oder auch der
Extremitäten, meistens der unteren, welche der Extension einen mehr
oder weniger starren Widerstand entgegensetzen. Bei einem 19 jährigen
Knaben bestand dabei eine sehr schmerzhafte Anschwellung des linken
Hand- und rechten Kniegelenks, welche unter dem Gebrauche von
Mercurialeinreibungen sich langsam zurückbildete.
Ernst P., 7 Jahre alt, aufgenommen mit Catarrh der grossen Bronchien und
typhösen Symptomen. Coma, trockene, rothe, bald braun werdende Zunge, schwärz-
liche Lippen; Milz- und Leberumfang normal. Temp. 39—39,5, später 38,8. Vom
6. Tage nach der Aufnahme an Nackenstarre und starre Flexion der unte-
ron Extremitäten, Erweiterung der linken Pupille, häufiges lautes Aufschreien,
später Flexion aller Finger und Supinat ionsstellung der Hände. Temp.
von 36,6—38,2 schwankend. Am 12. Tage Besserung, Zunge feuchter, Tremor der
Beine, Sensorium und Appetit zurückkehrend. In den beiden folgenden Tagen wieder
Verschlimmerung. Temp. normal. Vom 16. Tage an Sensorium ganz klar,
Temp. 38,5—39. Am 22. Tage verschwinden alle spastischen Erscheinungen.
Euphorie. Fieberlosigkeit. Puls während der ganzen Krankheit zwischen 104-132
schwankend, nur einmal Puls 46 bei 36,8 Temp.
320 Krankheiten des Nervensystems.
Otto K., 7 Jahre alt, aufgenommen mit gastrischen Symptomen, Kopf- und
Leibschmerzen und äusserst gespannten Bauchdecken. Vom 3. bis 7. Tage heftige
Delirien, Somnolenz, völlige Apathie, Temp. normal. Vom 7. Tage entschiedene
Besserung, Sensorium klarer bis zum 11., wo wieder Verschlimmerung ein-
trat und über heftigen Nackenschmerz geklagt wird. Massige Genickstarre und
Contractur der Adductoren der Oberschenkel. Temp. 36,5 mit 60—64 Pulsen
bis zum 12. Abends. Bei fortdauernder Steigerung aller Symptome, beträchtlicher
Hyperaesthesie der unteren Extremitäten, wiederholtem Erbrechen, starken Rücken-
und Kreuzschmerzen, steigert sich gleichzeitig die Temperatur auf 39,7—40,4 mit
110—142 Pulsen, bis am 14. alle Erscheinungen abnehmen und gleichzeitig Temp.
und Puls allmälig zum Normalstand zurückkehren.
Die Behandlung bestand in beiden Fällen in der wiederholten Application
von Blutegeln am Kopf und blutigen Schröpfköpfen längs der Wirbelsäule , lauen
Bädern (im ersten Fall mit kalter Bespülung des Kopfos und Rückens), Einreibungen
mit grauer Salbe; innerlich Calomel und Abführmittel.
Gottfried Sp., 7jährig, seit 3 Tagen krank. Aufgenommen am 23. Mai mit
heftigen Kopfschmerzen, darauf Schmerzen im Halse und linken Knie, Somno-
lenz, leichten Delirien, hochgradiger Genickstarre und Steifigkeit der Wirbel-
säule, die beim Aufrichten zunimmt. Pupillen normal. Temp. 38,2. Puls 100, der
bald auf 84 zurückgeht und unregelmässig wird. Leichte Flexion scontractur
der unteren Extremitäten, keine Hyperästhesie. Therapie: 12 blutige Schröpfköpfe,
Ung. einer. 1,0 3 mal täglich einzureiben; Calomel 0,03 dreistündlich. Am 24. noch-
mals 8 blutige Schröpfköpfe. Den 25. Herpes labialis. Temp. 38,4—39,5. Somno-
lenz mit freien Intervallen abwechselnd. Den 26. Besserung der Contracturen, Puls
120, regelmässiger. Temp. 38,5. Das von Kernig1) beschriebene Symptom deutlich
zu beobachten, und in abnehmender Stärke bis in die Reconvalescenz zu verfolgon,
am 6. Juni ganz verschwunden. Vom 3. Juni an fieberlos, massige Genickstarre ver-
schwindet erst am 9. In der letzten Zeit Jodkali. Geheilt entlassen.
In diesem und in mehreren anderen Fällen war das von Kernig
angegebene Symptom zu beobachten, welches darin besteht, dass, wenn
selbst in ruhiger Rückenlage keine Rigidität der unteren Extremitäten
vorhanden ist, diese doch sofort eintritt, wenn man die Patienten im Bett
aufrichtet, überhaupt sobald man, auch in der Seitenlage, die Ober-
schenkel in einen rechten oder gar spitzen Winkel zum Rumpfe bringt.
Es erfolgt dann eine Flexionscontractur in den Kniegelenken, welche
der Extension starren Widerstand entgegensetzt, aber verschwindet, so-
bald Patient in die horizontale Lage zurückgebracht wird. Für patho-
gnomonisch kann ich dies Symptom aber nicht erklären, da es gerade
in einem schweren, durch die Section bestätigten Falle fehlte (wenig-
stens so lange er sich in klinischer Beobachtung befunden hatte), über-
dies auch bei anderen Cerebralaffectionen vorkommen kann. Sehr deut-
lich war es z. B. in einem Falle von Meningitis tuberculosa, der mit
') Berl. Hin. Wochenschr. 1884. No. 52. — Bull, Ebend. 1885. No. 47.
Purulente Meningitis. 3'21
eiteriger Arachnitis spinalis complicirt war. Ich stimme mit Bull darin
überein, dass man schon bei gesunden Menschen eine Andeutung dieses
Phänomens wahrnehmen kann, besonders wenn man den Oberschenkel
in einen spitzen Winkel zum Rumpfe bringt1).
Aus den mitgetheilten Fällen ersieht man, wie verschieden der
Verlauf der Meningitis sein kann. Dazu kommt noch eine protrahirte
Form, welche durch lange Dauer und wechselnde Intensität der
Erscheinungen den Arzt, zumal den unerfahrenen, irre führen kann. Ge-
wöhnlich ist der Verlauf der folgende. Die bis dahin gesunden Kinder
erkranken plötzlich mit mehr oder minder intensivem Fieber, dessen
Exacerbationen in den Mittags- oder Abendstunden zwischen 39,5 und
40,2 schwanken. Von Anfang an besteht heftiger Kopfschmerz, meist in
der Stirn, den selbst kleine Kinder oft durch Greifen nach dem Kopfe,
Stöhnen und Wimmern zu erkennen geben. Erbrechen findet oft,
aber nicht immer statt. Constant ist Genickstarre, mit Retroversion
oder seitlicher Schiefstellung des Kopfes (Caput obstipum spasticum),
die bei einem Knaben so stark und anhaltend war, dass das rechte Ohr,
auf welchem er stets lag, von Decubitus ergriffen wurde. Jede passive
Kopfbewegung ruft Schmerzäusserungen hervor. Seltener zeigt sich auch
in den Extremitäten, zumal den unteren, Rigidität der Muskeln mit
erschwerter activer und passiver Bewegung. Hyperaesthesie dieser Par-
tien war fast nie deutlich zu constatiren, fehlte auch in einem Theil der
früher geschilderten Fälle. Der Patellarreflex war in mehreren Fällen,
die genau darauf untersucht werden konnten, wohl erhalten. — Nach
ungefähr 1 1/2 bis 2 Wochen lässt das Fieber nach, kann sogar temporär
ganz verschwinden, und die nun beginnende Euphorie scheint zu den besten
Hoffnungen zu berechtigen. Nur die Nackenstarre, die, wenn auch
im gemässigten Grade fortbesteht, zeigt, dass die Heilung noch nicht
vollendet ist. In der That beginnt nach einem Intervall von einem bis
zu mehreren Tagen das Fieber von neuem, das Allgemeinbefinden wird
') Durch Herrn Collegen Dr. Sachs in Brieg wurde ich brieflich auf folgende
Bemerkung von Landois hingewiesen: „Die vom Tuber ischii entspringenden langen
Beuger des Unterschenkels sind zu kurz, um bei spitzwinkliger Beugung im Hüft-
gelenke volle Streckung im Kniegelenk zu gestatten". Ausführlicher spricht sich
Henke (Handatlas u. s. w. Berlin, 18S8. I. S. 175) über diesen Gegenstand aus.
Die drei Muskeln, auf die es hier ankommt, Semitendinosus, Semimembranosus und
Biceps sind stark gefiedert und enthalten sehr viele kurze Fasern , sind daher einer
solchen Dehnung, wie sie bei activer gleichzeitiger Beugung der Hüfte und Streckung
des Knies eintreten müsste, durchaus nicht fähig. Auch in der Leiche ist dies nicht
möglich. — Vielleicht ist der Widerstand der Muskeln bei der Meningitis in Folge
einor Steigerung des Tonus noch stärker, als im gesunden Zustande.
Henoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. ÄnQ. 21
322 Krankheiten des Nervensystems.
wieder schlechter, Kopfschmerz und Nackencontractur treten deutlicher
hervor, ohne dass sich eine Ursache dieser Steigerung auffinden lässt.
Solche Remissionen und Exacerbationen können sich nun mehrfach wieder-
holen; die Kinder werden dabei immer magerer und schwächer, und
schon glaubt der Arzt an Tuberculose des Gehirns oder der Halswirbel,
bis nach einem Verlauf von 7, 10 und mehr Wochen endlich Genesung
erfolgt. Einen tödtlichen Ausgang habe ich wenigstens nicht beob-
achtet, wohl aber dann, wenn die Krankheit ohne die charakteristischen
Remissionen, mit fast gleichbleibender Intensität der Symptome sich eine
Reihe von Wochen hingezogen hatte ').
DieGenesung ist leider nicht immer eine vollständige. Taubheit
oder Amaurose, bei jungen Kindern auch Taubstummheit, können
für immer zurückbleiben. Man bezieht diese Sinnesstörungen auf neu-
ritische Veränderungen, welche von der Fortleitung der Entzündung auf
den Opticus und Acusticus abhängen sollen. Neuere Beobachtungen
machen es wahrscheinlich, dass die Fortpflanzung auch durch die in das
Felsenbein eindringenden Stränge der Dura zur Spongiosa des Knochens,
und von hier auf die Bogengänge des Labyrinths stattfinden kann, in
welcher es dann zu einer hämorrhagischen Entzündung kommt2). Kinder,
welche in sehr zartem Alter vor der Entwickelung der Sprache in Folge
von Meningitis taub werden, bleiben stumm, weil zum Erlernen der
Sprache das Gehör unentbehrlich ist. In einzelnen Fällen trat Amau-
rose oder Taubheit schon während der Krankheit als eine nach
wenigen Tagen vorübergehende Erscheinung auf. — Bei einem
8jährigen Mädchen bestand noch 2 Monate nach der Heilung die Con-
tractur der rechtsseitigen Nackenmuskeln (Caput obstipum) unver-
ändert fort. —
Unter den Ursachen der Meningitis spielen nächst dem epidemi-
schen Einfluss, auf welchen ich bald zurückkommen werde, Ver-
letzungen und Krankheiten der Schädelknochen eine Haupt-
rolle. Schon nach einer starken Commotion des Gehirns durch Schlag
oder Fall können, wie oben bemerkt (S. 292), Symptome von Hyperämie
des Gehirns auftreten und sich bis zu meningitischen steigern. Viel ge-
fährlicher sind Fissuren und Fracturen der Schädelknochen, welche
neben Meningitis noch mehr oder minder starke Blutungen innerhalb der
Schädelhöhle zur Folge haben.
Max E., öjährig, am 1. Juli aufgenommen, war vor 3 Tagen aus dem Fenster
■) S. meine Arbeit über diese Form in den Charite-Annalen. XI. Berlin, 1886.
2) Lucae, Virchow's Archiv. Bd. 88. 1882. S. 556.
Purulente Meningitis. 323
einer hohen Parterrewohnung mit dem Kopf auf die Strasse gefallen. Sensorium
benommen, rechte Pupille enger als die linke, Harnblase bis zum Nabel ausge-
dehnt. Der Kopf ist nach rechts gewendet und Drehung nach links wird ängstlich
vermieden und abgewehrt. T. 39,8. Puls 120, regelmässig, R. 30. Entleerung der
Blase durch den Catheter, Blutegel und Eisblase auf den Kopf, Purgantia. Am
folgenden Tage lebhafte Delirien, heftige Schmerzen beim Schlucken trotz
der Benommenheit, bei normalem Pharynx. Vom 3. Juli an völlige Somnolenz, doch
Geschrei beim Aufrichten. Massige Genickstarre, leichte Zuckungen der Arme,
zunehmende Pulsfrequenz bis zur Unzählbarkeit. Am 4. Abend Tod im Sopor.
Temp. den 2. Juli 39,6. 39,8.
„ „ 3. „ 40,1. 40,5.
„ „ 4. „ 41,5. 40,3.
Section. Starke Hyperämie und auf der Convexität ausgedehnte purulente In-
filtration der Pia, besonders links. Fossae Sylvii verklebt; in der Pia, besonders links,
an diesen Stellen grössere eiterige Plaques. In den Knochen der linken Schädelbasis
drei Sprünge, welche das Stirnbein, den grossen und kleinen Keilbeinflügel und das
Schläfenbein durchziehen. Zwischen Dura und Knochen, diesen Fracturen ent-
sprechend, Blutextravasate.
Bemerkenswert}! ist hier das Fehlen erheblicher Motilitätsstörungen,
die sich auf leichte Zuckungen der Arme und geringe Contractur der
Nackenmuskeln beschränkten. Die Schmerzen beim Schlucken glaube
ich auf die Action der Muse, pterygopharyngeus und stylopharyngeus,
welche einen Zug auf die zerbrochene Schädelbasis ausübten, zurück-
führen zu dürfen. Auch in diesem Falle finden wir die anhaltend hohe
bis 41,5 steigende Temperatur.
Auch in Folge chronischer Krankheiten der Schädelknochen
kann Meningitis entstehen, doch ist mir selbst trotz der vielen Fälle
von Caries des Felsenbeins, welche ich beobachtete, purulente Menin-
gitis nur selten bei der Section vorgekommen, häufiger die (S. 296) er-
wähnte Thrombose des angrenzenden Sinus, mit eiterigem Zerfall und
pyämischen Erscheinungen, oder die unter dem Namen Pachymenin-
gitis bekannte hämorrhagische Entzündung der inneren Durafläche, von
welcher oben (S. 256, 286) die Rede war. In diese Categorie ge-
hören auch die Fälle von Meningitis, welche sich nach einem die Gehirn-
oder Rückenmarkshäute direct treffenden Trauma, z. B. einem opera-
tiven Eingriff, entwickeln, was mir selbst nach der Punction einer
grossen Hydromeningocele am Hinterhaupte, und nach der Incision einer
Spina bifida lumbalis begegnete.
Dieser Fall betraf ein 2 Monate altes Kind mit einem Defect des Kreuzbeins
und der 3 unteren Lumbalwirbel. Die Geschwulst zeigte bereits Gangrän der be-
deckenden Haut, bei deren Excision der Sack geöffnet wurde und zwei Esslöffel Se-
rum entleerte. Es wurde eine Naht und ein Jodoformverband angelegt. Nach zwei
21*
324 Krankheiten des Nervensystems.
Tagen erfolgte unter Zuckungen der unteren Extremitäten und einigen allgemeinen
Krampfanfällen der Tod, und die Section ergab eitrig-fibrinöse Infiltration der ganzen
Pia mater spinalis bis zur Basis des Gehirns herauf. Die Temperatur war hier wäh-
rend der Krankheit auf 34,3 gesunken, wieder ein Beweis dafür, dass in der ersten
Lebenszeit selbst heftige Entzündungen mit subnormalerTemperatur verlaufen können
(S. 17). Auch bei einem 6 Monate alten Kinde sah ich eine purulente Meningitis der
Convexität und Basis, welche durch die Section constatirt wurde, durchweg mit einer
Temperatur von 37,8—37,9 verlaufen. Erst am Todestage erreichte sie 39,t.
Secundär entwickelt sich Meningitis bisweilen im Verlaufe verschie-
dener acuter Krankheiten, Pneumonie, acuter Exantheme, Nephri-
tis, Pyämie und Septicämie, zumal bei Neugeborenen. In der Regel
sind hier die Symptome mit denen der Grundkrankheit so complicirt,
dass eine bestimmte Diagnose schwierig oder unmöglich ist. Jedenfalls
gehört die Complication von Scharlach oder Pneumonie mit Meningitis
zu den Seltenheiten, und die cerebralen Symptome, welche bei diesen
und anderen infectiösen Krankheiten auftreten', sind, wie wir später
sehen werden, entweder nur als Folgen der beträchtlichen Wärme-
erhöhung, oder der Virulenz der Krankheit zu betrachten. Auch
durch Otitis media, oder selbst externa, sollen cerebrale Symptome,
Kopfschmerz, Erbrechen, selbst Convulsionen entstehen können, welche
zur falschen Diagnose von Meningitis verleiten, bis plötzlich starker
Eiterausfluss aus dem Ohr erfolgt, und damit die gefährlichen Symptome
verschwinden. Man wird daher in verdächtigen Fällen diese Möglichkeit
im Auge zu behalten, den äusseren Gehörgang und das Trommelfell genau
zu untersuchen haben. Ein Druck auf den Tragus leicht dann oft schon
hin, das Kind zum Schreien zu bringen. Nach meinen Erfahrungen sind
aber die Fälle, in welchen eine Otitis in der That Meningitis vortäuscht,
immer sehr problematisch, vielmehr handelt es sich dann meistens um
eine vom Mittelohr und Felsenbein ausgehende wirkliche Meningitis.
Trotzdem will ich die Möglichkeit, dass es sich auch um sogenannte „con-
sensuclle" Cerebral Symptome handeln könne, nicht bestreiten, wie denn
ähnliche Erscheinungen auch durch Rhinitis veranlasst werden können.
Zweimal, bei einem 3 jährigen Knaben und einem 4 jährigen Mädchen, be-
obachtete ich nach einem Fall auf die Nase neben localen Erscheinungen
(Anschwellung, Empfindlichkeit der äusseren Nase, erschwertem Athem-
holen) heftige Stirnschmerzen, lebhaftes Fieber und Unruhe, nächtliche
Delirien, welche mit der Ruptur des Abscesses und Ausfluss von Blut
und Eiter aus der Nase ihr Ende erreichten.
In einem Theil von Fällen ist man nun nicht im Stande, eine der
genannten Ursachen nachzuweisen. Die Meningitis entsteht vielmehr
Purulente Meningitis. 325
scheinbar spontan, inmitten völliger Gesundheit, und diese Fälle sind
es, bei denen sich der Gedanke an einen infectiösen Ursprung auf-
drängt. Der Beweis für eine solche Annahme ist freilich nur dann
möglich, wenn gleichzeitig in derselben Familie, oder wenigstens in der
Nachbarschaft, eine oder mehrere analoge Erkrankungen stattgefunden
haben oder gleichzeitig bestehen. Solche Fälle sind mir besonders im
Sommer 1879 und 1885 wiederholt vorgekommen; zumal die letzteren
kamen fast alle aus einer und derselben Stadtgegend in die Klinik. Dass
wir über das Wesen des Infectionsstoffes trotz der bacteriologischen
Forschungen noch im Unklaren sind, wurde bereits oben (S. 316) er-
wähnt. In klinischer Beziehung will ich noch bemerken, dass ich gerade
in dieser Form einen protrahirten, von grossen Remissionen unterbrochenen
Verlauf beobachtet habe. Nach dem Verschwinden der eigentlichen Cere-
bralsymptome kann noch Tage und Wochen lang ein bis 39,5 ansteigendes
Fieber mit starken matinalen Nachlässen oder vollständigen Intermissionen
zurückbleiben, ähnlich wie beim Abdominaltyphus. In einem Falle sah
ich nach scheinbar völliger Heilung den Tod durch Inanition und zu-
nehmenden Collaps erfolgen, gegen welchen alle Reizmittel und Tonica
unwirksam blieben. —
Bei der Behandlung richte man sich nach dem Stadium der
Krankheit und dem Kräftezustande des Patienten. Im Beginn der
Krankheit ist die Antiphlogose im vollen Umfang indicirt, während im
weiteren Verlauf von derselben abzusehen ist und eher Reizmittel am
Platze sind. Allerdings ist der Zeitpunkt dieses Uebergangs schwer zu
bestimmen, und der ^praktische Takt" des Arztes wird hier mehr zur
Geltung kommen, als theoretische Dogmen.
Bei kleinen, schlecht genährten, anämischen oder durch Krankheit
herabgekommenen Kindern werden überhaupt nur trockene Schröpfköpfe
in Anwendung kommen, höchstens je nach dem Alter 2—3 Blutegel,
deren Stiche man niemals nachbluten lässt, während ältere kräftige
Kinder 6—10 Blutegel oder eine gleiche Zahl blutiger Schröpf-
köpfe im Nacken oder auch am Rücken erfordern. Unter diesen Ver-
hältnissen habe ich die Blutcntleerung sogar wiederholt, wenn Exa-
cerbationen eintraten und die Kräfte es erlaubten. Ich warne Sie vor
der jetzt so verbreiteten Energielosigkeit, welche lieber die Hände in
den Schooss legt, als einen Blutegel ansetzt. Gleichzeitig applicire man
dauernd, so lange keine Collapssymptome vorhanden sind, eine Eiskappe
auf den Kopf, lasse Ung. einer, mercur. (3 stündlich 0,5 — 1,0) in Nacken,
Rücken, Arme und Schenkel einreiben, und gebe innerlich Calomel
326 Krankheiten des Nervensystems.
0,015—0,03 2 stündlich. Die beliebten Antipyretica, Chinin, salicyl-
saures Natron, Antipyrin, kalte Bäder, kalte Einwickelungen, leisten hier
nichts, setzen kaum die hohe Temperatur herab. Bei lebhafter Unruhe
oder heftigen Convulsionen kann man Morphiuminjectionen (zu 0,002 bis
0,005), Chloralhydrat (F. 9), laue Bäder (25—26°) mit kalter Bespülung
des Kopfes versuchen. Nach dem Ablauf der acuten Periode empfehle
ich Jodkalium (F. 13). Während des fortgesetzten Gebrauchs dieses
Mittels sah ich wiederholt die Kinder aus dem soporösen Zustande all-
mälig erwachen, die Oontracturen verschwinden und schliesslich Gene-
sung zu Stande kommen. Dagegen widerstanden die zurückgebliebenen
Sinnesstörungen (Taubheit, Verlust der Sprache, Amaurose) fast immer
jeder Behandlungsweise.
Diese Behandlung gilt für jede Form der Meningitis, also auch für
die infectiöse. Ein specifisches Mittel besitzen wir hier ebenso wenig,
wie gegen die meisten anderen Infectionskrankheiten , die Behandlung
kann daher nur eine symptomatische sein. Nur sei man hier mit Rück-
sicht auf den Infectionszustand mit der Antiphlogose noch vorsichtiger,
als in den Fällen, wo ein Trauma oder andere Ursachen der Krankheit
vorliegen.
XIX. Neuralgien.
Weit seltener als bei Erwachsenen werden Ihnen im Kindesalter
Störungen der Sensibilität begegnen. Anästhesien, Hyperästhesien,
Neuralgien gehören hier immer zu den Ausnahmefällen, stimmen aber
mit den im späteren Lebensalter auftretenden so überein, dass ich auf
ein näheres Eingehen verzichten kann. Anästhesien zumal sind selbst
bei älteren Kindern schwer zu beurtheilen, weil die Furcht vor der
Nadeluntersuchung, auch bei verbundenen Augen, die Resultate der Ex-
ploration in hohem Grade trüben kann. Bei wichtigen chronischen
Krankheiten der Centralorgane (Tumoren, Tuberkeln, Sclerosen) war es
mir daher nie möglich, zu so sicheren Abgrenzungen anästhetischer Ge-
biete zu gelangen, wie bei Erwachsenen. Unter den Neuralgien verdient
im Kindesalter nur die Golica flatulenta, von welcher schon früher
(S. 116) die Rede war, und die Hemicranie (Migräne) eine besondere
Erwähnung.
Die Migräne kommt bei Kindern häufig und mit nahezu denselben
Symptomen vor, wie bei Erwachsenen. Auf Grund langer Erfahrung
möchte ich behaupten, dass seit etwa 30 Jahren die Frequenz dieser
Fälle sich erheblich gesteigert hat, und die Ursache dieser Zunahme
Migräne. 327
sehe ich in den übermässigen Anforderungen, welche die jetzige
Pädagogik an das kindliche Gehirn stellt. Die stets wachsende Aus-
dehnung unserer Stadt, welche den Genuss der frischen Luft immer mehr
erschwert, die geistige Anstrengung in den überfüllten Schulräumen, die
karg zugemessenen Mussestunden, welche noch durch häusliche Arbeiten
und Musikunterricht verkümmert werden, — dies alles in Verbindung
mit einer oft ererbten oder durch unzweckmässige Erziehung erwor-
benen Nervosität erscheint mir als die Ursache der Kopfschmerzen, welche
wir bei Kindern beiderlei Geschlechts etwa vom 7. Jahre an so häufig
beobachten.
Jedenfalls spielt dabei die erbliche Anlage eine grosse Rolle.
Sehr oft bekam ich Kinder wegen Migräne in Behandlung, bei welchen sich
die Heredität, sei es von väterlicher oder mütterlicher Seite her, be-
stimmt nachweisen liess. Das jüngste dieser Kinder stand sogar erst im
Alter von 2'/2 Jahren, und litt alle 5 bis 6 Wochen an Schmerzanfällen
über dem linken Auge, welche nach etwa halbstündiger Dauer auf-
hörten, nachdem Erbrechen, seltener Stuhlgang erfolgt war. Unter
diesen Umständen können auch mehrere Kinder derselben Familie mit
diesem Leiden behaftet sein.
Zwei Geschwister von 10 und 8 Jahren litten schon seit einigen Jahren an
ausgebildeten Anfällen von Migräne, Stirnschmerz mit Uebelkeit und Erbrechen,
Photophobie, Aufsuchen dankler stiller Räume. In dem einen Fall während der
Schmerzen exstatischo Aufregung und grosse Empfindlichkeit der Haare beim Kämmen,
die auch in den Intervallen nicht ganz verschwand. Anfälle alle paar Monate ein-
tretend, Dauer 2—4 Tage. Vater stark an Migräne leidend.
Anämie, welche schon bei kleinen Kindern häufig ist, besonders
aber nach dem Alter der zweiten Dentition sich entwickelt, begünstigt
die Migräne, die dann oft mit Schwindel verbunden auftritt. Auch bei
den hysterischen Zuständen, welche ich früher (S. 202) schilderte,
wird oft über nervösen Kopfschmerz geklagt. In einzelnen Fällen blieben
auch nach dem Verschwinden solcher Zustände (Anfälle von Hallucina-
tionen, Zuckungen u. s. w.) noch längere Zeit Kopfschmerzen mit dem
Charakter der Migräne zurück. Dagegen kommt das weibliche Ge-
nitalsystem, dessen Affectionen im späteren Alter so häufig zu Kopf-
schmerzen Anlass geben, bei Kindern kaum in Betracht, und deshalb
scheint mir der folgende Fall, allerdings der einzige, den ich beobachtet
habe, bemerkenswerth:
Ein 7jähriges Mädchen litt seit 8 Monaten an Anfällen von Migräne.
328 Krankheiten des Nervensystems.
Heftige Schmerzen in Stirn und Schläfe, Uebelkeit, enorme Abspannung, Lichtscheu.
Dauer ein paar Stunden. Wiederkehr unregelmässig. Dabei unruhiger Schlaf mit
häufigem Zusammenzucken des Körpers. Ebenso lange besteht Fluor albus, In-
troitus vaginae stark geröthet, Hymen normal. Ther. Fomentationen mit Bleiwasser,
Injection von Zinc. sulphur. (0,5 auf 200,0) in dieVagina. Innerlich Chinin, später
Bromkali. Nach verschiedenen Schwankungen schwanden alle krankhaften Erschei-
nungen, bis nach Jahresfrist Fluor albus und mit ihm die Migräneanfälle wieder
auftraten. Weiterer Verlauf unbekannt.
In solchen Fällen muss man auch daran denken, dass sowohl Fluor
als Kopfschmerzen von einer Quelle, d. h. von Onanie herrühren
können, doch wird man darüber nur selten ein sicheres Urtheil gewinnen.
Auch eine Beziehung der Migräne zu Helminthiasis wird häufiger an-
genommen, als sie in der That besteht. Jedenfalls wird man gut thun,
auf diesen Punkt seine Aufmerksamkeit zu richten, da ich in ein-
zelnen Fällen nach dem wiederholten Abgange von Spulwürmern die
Kopfschmerzen auf längere Zeit verschwinden sah. Die Untersuchung
des Sehvermögens (auf Asthenopie und Hypermetropie), so wie der
Nasenhöhle (chronische Schwellung der Muscheln u. s. w.) sollte in
hartnäckigen Fällen nicht versäumt werden, weil neuere Erfahrungen für
die Möglichkeit eines Zusammenhangs dieser Zustände mit der Migräne
sprechen.1).
Im Allgemeinen fand ich den Sitz der Migräne bei Kindern nicht so
oft halbseitig, wie bei Erwachsenen, häufiger in der Mitte der Stirn.
Die Dauer der Anfälle schwankte zwischen wenigen Stunden und zwei
Tagen , wobei die zwischenliegenden Nächte oft durch Unruhe, Hitzegefühl
und Sprechen aus dem Schlafe gestört waren. Erbrechen, Scheu vor
hellem Licht und Geräusch waren häufig, seltener allgemeines Zittern
und rasche Respirationsbewegungen, wie in den beschriebenen hysteri-
schen Anfällen. Die Intervalle waren ganz unregelmässig, betrugen mit-
unter nur wenige Tage, in anderen Fällen mehrere Wochen. Unter den
Gelegenheitsanlässen war keiner häufiger, als die Atmosphäre und die
geistige Anstrengung der Schule, so dass viele Kinder aus derselben
nach Hause geschickt werden mussten. Auch Gemüthsaffecte jeder Art,
Furcht vor Strafe, Scheltreden, sah ich sofort den Anfall hervorrufen.
Aus den gewohnten Verhältnissen herausgenommen, auf dem Lande,
in Badeorten, blieben sie meistens vor den Anfällen ganz verschont,
') Blache, Revue mens. Avril 1883. — Sommerbrodt, Berl. klin. Wochen-
schrift 1885. No. 10.
Migräne. 329
welche nach der Rückkehr in die Heimath sich bald wieder einzustellen
pflegten.
Selbst bei der sorg fälligsten Untersuchung und Beobachtung bleibt
der gewissenhafte Arzt nicht selten im Zweifel, ob er es mit Migräne
oder mit einem durch eine Gehirnkrankheit (Tuberkel, Tumor) be-
dingten Kopfschmerz zu thun hat. Dass diese Affectionen sich längere
Zeit nur durch Kopfschmerzen kund geben können, welche alle Charaktere
der Migräne an sich tragen, erwähnte ich bereits früher (S. 259), und
die Diagnose kann daher nur durch eine längere Zeit fortgesetzte Be-
obachtung der Intervalle und durch die genaue Erforschung der oben
geschilderten ätiologischen Verhältnisse festgestellt werden.
Nach der Natur dieser letzteren wird sich auch die Behandlung
■zu richten haben. Während wir gegen die erbliche Anlage machtlos
sind, müssen wir um so entschiedener gegen den Einfluss geistiger
Ueberanstrengung ankämpfen. Ich verkenne nicht die Schwierigkeiten,
welche sich uns hier entgegenstellen. Nur unter sehr günstigen Ver-
hältnissen können wir die Kinder gänzlich aus der Schule nehmen und
durch Privatlehrer unterrichten lassen, um dadurch mehr Zeit für körper-
liche Uebungen und für den Genuss frischer Luft zu gewinnen. Wieder-
holt sah ich gute Erfolge, wenn ich die Kinder aus den Stadtgymnasien
herausnehmen und in Gymnasien oder Pensionaten auf dem Lande, im
Gebirge, weiter ausbilden liess. Aber die Majorität der kleinen Patienten
klebt leider an der Scholle, und die Behandlung ist dann um so schwie-
riger, als nicht bloss die Lehrer, sondern auch viele ehrgeizige Väter
den ärztlichen Rathschlägen ihr Veto entgegensetzen. Es bleibt dann
nur übrig, die häuslichen Arbeiten einzuschränken, für regelmässige
Mussestunden zu sorgen und die Ferien möglichst zu verlängern. Die
in neuester Zeit erlassenen Ministerialrescripte, welche eine Beschränkung
der kindlichen Geistesarbeit erstreben, sind daher mit Dank anzuerkennen;
von der Befolgung derselben Seitens des Lehrpersonals dürfen wir weit
mehr erwarten, als von der ärztlichen Therapie. Die zur Kräftigung des
Nervensystems viel empfohlenen, fast traditionellen kalten Abreibungen
nach dem Aufstehen aus dem Bette leisteten mir hier wenig oder gar
nichts, mehr noch kalte 'Bäder und Schwimmübungen. Bei Anä-
mischen sind Eisen und Arsenik zu empfehlen. Specifische Mittel
kenne ich nicht. Chinin (3 mal täglich 0,05—0,1), Antipyrin (1,0
2 mal täglich), Kali bromatüm (0,5—1,0 2 mal täglich), welche ich
in zahlreichen Fällen versuchte, gaben sehr wechselnde, höchstens
temporär mildernde Resultate. Aufenthalt an der See, im Berg-
wälde, geistige Ruhe wirken besser als alle Medicamente, wenn
330 Krankheiten des Nervensystems.
auch meistens nicht radical. Die in unserer Zeit eingeführten Perien-
colonien sind daher für die ärmeren Volksklassen auch in dieser Be-
ziehung eine unschätzbare Wohlthat. Immer hat man auch daran zu
denken, dass Simulation im Spiel sein kann und die Schmerzen er-
heblich übertrieben werden, um aus der Schule herauszukommen. Bei
Verdacht oder Gewissheit der Onanie wirkt meiner Erfahrung nach
eine ernste Vorstellung der Gefahren, welche man absichtlich übertreiben
mag, auf herangewachsene Kinder weit mehr als Strafe.
Rhinitis. 331
Vierter Abschnitt.
Krankheiten der Respirationsorgane.
I. Die Entzündung der Nasenschleimhaut. Rhinitis1).
Die Schleimhaut der Nasenhöhle, des Kehlkopfes und der Luftröhre
ist besonders bei Kindern der niederen Volksklassen, welche sich ohne
Aufsicht den Unbilden des Wetters auszusetzen pflegen, sehr häufig ca-
tarrhalischen Affectionen unterworfen. In ihrer Erscheinung sind sie
denen der Erwachsenen ganz ähnlich: Anschwellung und Verstopfung
der Nase, später vermehrte Secretion purulenten Schleims, Niesen, ca-
tarrhalische Theilnahme der Conjunctiva, Heiserkeit, rauher oder bellen-
der hohler Husten mit oder ohne Fieberbewegungen. Nächst den atmo-
sphärischen Einflüssen sind es besonders die Masern, zu deren con-
stanten Prodromen jener Oatarrh gehört, und zur Zeit einer Masernepi-
demie können Sie in der That aus dem Auftreten desselben bei einem
bis dahin verschont gebliebenen Kinde mit Wahrscheinlichkeit auf den
bevorstehenden Ausbruch des Exanthems schliessen. Jeder Catarrh des
obersten Theils der Respirationsschleimhaut ist aber bei kleinen Kindern
viel ernster zu nehmen, als im späteren Lebensalter, weil die Erfahrung
lehrt, dass selbst ein leichter Schnupfen in kurzer Zeit zu stenotischen Er-
scheinungen im Larynxeingange Anlass geben, oder sich rapide bis in
die tieferen Bronchialverzweigungen ausbreiten kann. Säuglinge mit
Schnupfen oder leichtem Larynx- und Trachealcatarrh sollen deshalb
nicht in's Freie gebracht, sondern vor rauher Luft sorfältig geschützt
werden.
Intensivere Entzündungserscheinungen auf der Nasenschleimhaut, als
bei den Masern, sehen wir häufig im Verlaufe des Scharlachfiebers
und der Diphtherie auftreten, meistens secundär sich zu einer be-
reits bestehenden »diphtheritischen« Affection des Pharynx hinzu-
gesellend. Aus der mehr oder minder geschwollenen, auch wohl gerö-
theten Nase fliesst dann ein jauchig-eiteriges Secret über die Oberlippe,
welche gleich den Nasenlöchern durch den Contact geröthet und ex-
i) Vergl. die Schilderung der Coryza neonatorum und syphilitica S. 130
und S. 85.
332 Krankheiten der Respirationsorgane.
coriirt wird. Die Umgebung der Nase bis zu den Augenlidern herauf
ist in schweren Fällen oedematös geschwollen, die Conjunctiva injicirt,
das Auge durch Obstruction des Ductus naso-lacrimalis stark thränend.
Es gelingt aber nur selten, die »diphtheritischen« Auflagerungen der
Nasenschleimhaut zu sehen, weil diese fast immer vermöge ihres hohenSitzes
sich selbst beim Auseinanderbiegen der Nasenflügel dem Blick entziehen.
Seltener reichen die Auflagerungen so weit abwärts, dass sie dem Blicke zu-
gänglich sind, worauf ich später zurückkommen werde. Noch schwieriger,
meistens sogar unmöglich, ist in diesem Alter die Untersuchung des Nasen-
rachenraums mittelst des Spiegels. Die Anschwellung der Schleimhaut
kann so bedeutend sein, dass das Athemholen beeinträchtigt, und ein
schnarchender Ton, besonders während des Schlafes, erzeugt wird. Im
Allgemeinen ist die Rhinitis, sowohl bei Scharlach wie bei Diphtherie,
ein böses Zeichen, doch kommt sie auch in leichteren Graden beider
Krankheiten vor, ohne eine schlimme Wirkung auszuüben. Dass die
Diphtherie auch mit einer Affection der Nasenhöhlen beginnen kann,
werden wir später sehen. Die Frage, ob es überhaupt eine einfache
Rhinitis pseudomembranosa giebt, oder ob diese stets als eine diph-
therische zu betrachten sei, wird jetzt vielfach discutirt. Derselben
Frage werden wir beim Croup begegnen und ich behalte mir vor, dort
näher darauf einzugehen. Die bacteriologische Untersuchung, d. h. der
Nachweis von Diphtheriebacillen in den Pseudomembranen, hat gewiss einen
grossen Werth; ob sie aber das allein und unbedingt entscheidende
Moment abgiebt, möchte ich nicht annehmen. Thatsächlich sind Fälle
von Rhinitis pseudomembranosa beobachtet worden, in denen die Bacillen
fehlten1), die also als einfache idiopathische zu betrachten waren. Ich
selbst habe nur einen Fall gesehen, welcher die Tochter unseres un-
vergesslichen Traube betraf, und durch die sorgfältigste Beobachtung des
Vaters von Interesse war.
Das 8jährige, sonst gesunde Mädchen erkrankte unter den Erscheinungen eines
von massigem Fieber begleiteten Schnupfens. Auffallendes Schnarchen im
Schlaf und häufige Klagen über ein das Athmen erschwerendes Hinderniss in der
Gegend der Nasenwurzel deuteten auf eine erheblichero Stenose des Nasenkanals,
als sie sonst bei einfacher Coryza vorzukommen pflegt. Die von Traube selbst
vorgenommene Spiegelexploration ergab im Pharynx und an der Epiglottis nur
catarrhalische Röthe. Nach Ablauf einiger Tage schnaubte das Kind mit grosser
Anstrengung eine zähe weisse Masse von der Länge eines Fingergliedes
aus, welche bei der Behandlung mit Essigsäure aufquoll. Nach einigen Tagen er-
folgte abermals die Ausstossung einer bedeutend kleineren Masse, worauf alle Be-
') Stark, Beil. klin. Wochenschr. 1892. No. 42.
Pseudocroup. 333
sohwerden sofort nachliessen. Die Behandlung war fast exspectativ gewesen (Bett-
ruhe und ein paar Dosen Calomel).
Ob es sich in diesem Fall um eine auf die Nasenhöhle beschränkt
gebliebene Diphtherie oder, wie ich glaube, um eine einfache pseudo-
membranöse Rhinitis handelte, ist unsicher. Die Beobachtung lag noch
vor der bacteriologischen Periode l).
Eine chronische Rhinitis findet sich sehr häufig bei scrophulö-
sen Kindern in Verbindung mit anderen Symptomen dieser Cachexie,
Kopfausschlägen, Augenentzündungen, Otorrhoe, Eczemen im Gesicht
und Hyperplasien der Cervicaldrüsen. Anschwellung der äusseren
Nase, schnüffelnder und schnarchender Athem, Aussickern eines serös-
purulenten Secrets aus den excoriirten Nasenlöchern , Röthung und
Schwellung der Oberlippe gehören hier zu den häufigsten Erscheinungen.
Nicht selten giebt diese Rhinitis zu wiederholten Anfällen von Erysi-
pelas Anlass, welches aus den Nasenlöchern herauskriechend sich in
fiügelförmiger Gestalt über eine oder beide Wangen verbreitet (S. 43).
Aber auch ohne scrophulöse Anlage kann chronische Rhinitis nach
Masern, Scharlach, selbst nach einem heftig auftretenden Schnupfen
zurückbleiben. Abgesehen von der Anwendung antiscrophulöser Mittel,
auf welche ich später zurückkommen werde, Hess ich in solchen Fällen
die Nase täglich mit einer Lösung von Argent. nitricum (1:50) aus-
pinseln, und sah davon meistens gute Erfolge. Auch Einpinseiungen
von Jodoform in Pulver- oder Salbenform erwiesen sich nützlich.
Beiläufig sei auch der Rhinitis gedacht, welche durch Fremdkör-
per (Bohnen, Erbsen u. s. w.) in der Nase erzeugt werden kann, und
die, zunächst wenigstens, einseitig zu sein pflegt. —
Bei sehr vielen Kindern besteht eine grosse Neigung zu catarrh-
alischen Affectionen des Kehlkopfes, welche besonders schnell
sich entwickeln, wenn sie von Schnupfen befallen werden. Unter
diesen Umständen muss man beim Eintritt auch der leichtesten
Coryza auf die gleich zu beschreibenden Anfälle gefasst sein, die
wegen ihrer Aehnlichkeit mit Croup als
II. Der Pseudocroup
bezeichnet werden. Wenn Sie erfahren, ein Kind habe schon 4—5 Mal
die »Bräune« überstanden, so können Sie immer sicher sein, dass es
sich um diese Affection, nicht um wirklichen Croup handelt. Wenn auch
l) Bischofswerder (Arch. f. Kinderheilk. X. S. 127). — Stamm, ibid.
XIV. S. 157.
334 Krankheiten der Respirationsorgane.
meistens ohne Gefahr, gehört doch der Pseudocroup zu den beun-
ruhigenden und für den Arzt unbequemsten Krankheiten, weil er be-
sonders die nächtliche Ruhe desselben zu stören pflegt.
Die Krankheit beginnt immer plötzlich, meistens nach einer kurz
zuvor entstandenen leichten Coryza (Schnüffeln, Niesen), fast immer
in der Nacht, oft schon bald nach dem ersten Einschlafen. Mit einem
hohlen oder rauhen, dem croupösen ganz ähnlichen und die Angehörigen
erschreckenden Hustenanfall fahren die Kinder aus dem Schlaf empor.
Nicht bloss der Husten, sondern fast noch mehr die ihn unterbrechenden
tiefen Inspirationen sind von einem croupalen sägeartigen Geräusch be-
gleitet, und dasselbe hört man auch zwischen dem Weinen und Schreien,
welches sich bei kleinen Kindern in diesem Zustande einzustellen pflegt.
Das Geschrei selbst kann dabei normal , aber auch etwas heiser
klingen. Während des Anfalls sitzen die Kinder mit ängstlichem Aus-
druck und gerötheten Wangen aufrecht im Bett, athmen mühsam und
geräuschvoll, sind äusserst unruhig, greifen auch wohl öfter nach dem
Halse. Die Haut ist heiss, oft mit Schweiss bedeckt, der Puls be-
schleunigt. Ein solcher Anfall dauert in der Regel nur einige Minuten,
aber auch nach demselben bleibt der Athem etwas geräuschvoll und
frequenter, als im Normalzustande. Der hinzugerufene Arzt findet das
Kind gewöhnlich wieder in einem verhältnissmässig ruhigen Zustande,
oder gar schlafend, die respiratorischen Hülfsmuskeln beim Athmen wenig
oder gar nicht betheiligt, höchstens die Nasenflügel sich leise hebend
und senkend , und kann schon hieraus den beruhigenden Schluss
ziehen, dass das Athmungshinderniss kein ernstliches und der ächte
Croup für den Augenblick wenigstens nicht vorhanden ist. Wer aber
einige Zeit am Bette des Kindes wartet, kann leicht die Wiederholung
des Anfalls erleben; wenigstens pflegen die aus dem Schlaf erwachenden
Kinder wieder mit croupalem Klang zu husten und beim Weinen oder
Schluchzen langgezogene rauhe Inspirationen hören zu lassen. Auch Druck
auf Larynx und Trachea pflegt sofort einen Hustenstoss herbeizuführen.
Am nächsten Tage befinden sich viele Kinder in der Regel wieder ganz
wohl; nur ein hin und wieder eintretender rauher oder bellender Husten
erinnert noch an den nächtlichen Sturm. Bei anderen aber wiederholt
sich dieselbe Scene in der folgenden Nacht, und ich pflege daher die
Eltern immer auf diese Möglichkeit vorzubereiten. Damit ist aber in
den meisten Fällen die Sache zu Ende1), und es bleibt nur noch ein
') Fälle, wie ein von Monti beobachteter, in welchem 12 Nächte hinterein-
ander ein Anfall eintrat, gehören zu den Ausnahmen. (Ueber Croup und Diphtheritis
Wien u. Leipzig, 1884. S. 18.)
Pseudocroup. 335
gewöhnlicher loser Husten zurück, der sich 8 — 14 Tage lang hinziehen
kann. Wie Sie sehen, ist Gefahr bei diesem Verlaufe nicht zu besorgen;
das Lästige des Zustandes liegt nur darin, dass er sich so häufig
wiederholt. Es giebt Kinder, welche im Laufe eines Jahrs mehr-
fach befallen werden und trotz der Gewohnheit bleibt der Croupton
des Anfalls immer so schreckensvoll für die Eltern, dass nur wenige
so besonnen sind, die Nachtruhe ihres Arztes nicht immer wieder zu
stören.
Die Untersuchung der Rachenhöhle ergiebt beim Pseudocroup höch-
stens eine leichte catarrhalische Röthe und Schwellung. Mittelst des
Kehlkopfspiegels konnte man im Larynx eine Schwellung der unteren
und inneren Partie der Stimmbänder (subchordales entzündliches Oedem)
nachweisen, die sich rasch nach oben verbreitet, aber auch in wenigen
Stunden zurückbilden kann '). Es scheint sich hier um einen von der
Nasenhöhle aus in den Larynx absteigenden Catarrh zu handeln, bei
welchem, wie bei jedem Schnupfen, besonders während des Schlafes eine
vermehrte Schwellung stattfindet, und das jähe Erwachen mit Athemnoth,
Angstgefühl und rauhem Husten zur Folge hat. Durch warmes Getränk
(Zuckerwasser, Milch) pflegt die Trockenheit des Hustens und Athems
vermindert zu werden, und mit dem Eintritt einer reichlicheren catarrha-
lischen Secretion verschwindet der beunruhigende Charakter. Der Arzt
thut daher gewiss gut, in solchen Fällen nicht sofort eine zu grosse
Energie zu entwickeln, sondern mehr exspeetativ zu verfahren. Ich
lasse fleissig warmes Wasser oder Milch trinken, hydropathische Um-
schläge, auch wohl warme Cataplasmen um den Hals appliciren, unter
allen Umständen aber die Kinder ein paar Tage im Bett halten, bis der
nachfolgende lose Catarrh sich entwickelt hat. Empfehlenswerth ist
auch die anhaltende Application einer Speckscheibe auf die vordere Hals-
partie, wodurch leichtes Erythem oder kleine Pusteln erzeugt zu werden
pflegen. In der grossen Majorität der Fälle kam ich mit dieser Therapie
aus, und halte daher die Gewohnheit, in jedem solcher Fälle gleich ein
Brechmittel zu verordnen, für verwerflich. In Familien, wo der Pseu-
docroup so zu sagen endemisch ist, ein Fall, der nicht selten vor-
kommt, pflegen die Mütter Brechmittel vorräthig zu halten, um sie noch
vor Ankunft des Arztes anwenden zu können. Ich muss mich entschie-
den gegen diesen Missbrauch erklären, welcher die Kinder unnützer Weise
schwächt. Die Wiederholung der Anfälle zu verhüten, giebt es kein
') Rauchfuss und Delhio, Jahrb. f. Kinderheillr. XX.
336 Krankheiten der Respirationsorgane.
Mittel1)- Abhärtung hilft gar nichts, weit mehr sorgfältiges Behüten
vor Erkältung. Viele leiden schon seit ihrem 9. oder 10. Lebensmonat
an diesen Anfällen von „Bräune", welche mit den Jahren seltener und
milder werden, und gegen das 6. oder 7. Lebensjahr von selbst zu ver-
schwinden pflegen. Solche Kinder müssen, besonders wenn sie Schnupfen
bekommen, vor rauher Luft sorgfältig geschützt und im Zimmer ge-
halten werden, was freilich den Pseudocroup auch nicht immer verhütet.
Ganz ähnliche Zufälle eröffnen bisweilen die Scene bei der Entwicke-
lung der Masern und des Keuchhustens. Beide Krankheiten, beson-
ders die Masern, können mit Pseudocroup beginnen, welcher dann in
den gewöhnlichen Catarrh übergeht.
Nach dieser Schilderung könnten Sie den Pseudocroup constant für
eine leichte ungefährliche Affection halten. Wenn nun auch die grosse
Majorität der Fälle auf diese Weise verläuft, so dürfen Sie sich doch nie
in Sicherheit wiegen lassen und nicht versäumen, das Kind noch in den
nächsten Tagen nach dem ersten nächtlichen Anfall zu beobachten.
Obwohl nur selten, sah ich doch hin und wieder einen durch Auswurf
von Pseudomembranen oder durch die Section constatirten Croup 36 bis
48 Stunden nach einem Anfall von Pseudocroup sich entwickeln, und
diese Möglichkeit legt Ihnen in jedem Falle des letzteren die Pflicht
auf, die Kinder bis zum Eintritt des losen Catarrhs, d. h. so lange der
Husten noch einen leicht croupalen Beiklang hat, oder so lange bei
forcirten Inspirationen ein rauhes Geräusch hörbar ist, consequent im
Zimmer zu halten.
III. Die Atelektase der Lunge.
Für alle respiratorischen Krankheiten der Kinder ist die vorwiegende
Tendenz der kindlichen Lunge zum „Collaps" von einschneidender Be-
deutung. Diese unter dem Namen „Atelektase" bekannte Eigenschaft
besteht darin, dass die Lungenalveolen die Neigung haben, luftleer zu
werden und derartig zusammenzufallen, dass ihre Wandungen sich berühren.
Bei den Sectionen der meisten an Krankheiten der Respirationsorgane
gestorbenen Kinder, aber auch nach vielen anderen mit Erschöpfung ein-
hergehenden Zuständen, und zwar um so häufiger, je jünger die Kinder
waren, finden Sie an der Aussenfläche der Lungen, besonders an den
vorderen Rändern, am unteren und inneren Rande des Unterlappens, und
an der über dem Pericardium lagernden Lingula, scharf umschriebene
') üeber das von Monti empfohlene Jodkali (1— 2proo. Lösung) besitze ich
keine Erfahrung.
Atelektase. 337
blaurothe oder stahlblaue, etwas unter dem Niveau deprimirte Partien
von verschiedener Grösse, bald nur peripherisch, vereinzelt und klein,
bald ausgedehnter und zu langen Streifen, oder thalergrossen und noch
umfangreicheren Herden zusammengeflossen. Auf dem Durchschnitt er-
scheinen sie derb, nicht knisternd, lassen keine Luftbläschen, sondern
nur etwas blutige Flüssigkeit austreten, und sinken im Wasser zu Boden.
Die Schnittfläche ist glatt und lässt deutlich die bindegewebigen Septa
der Lobuli in Form weisser Streifen erkennen. Lange Zeit hielt man
diese Lungenpartien für pneumonische Herde, mit welchen sie doch nichts
weiter als die „Verdichtung" des Parenchyms gemein haben. Erst durch
das einfache von Legendre und Bailly angegebene Verfahren, durch
einen Tubus Luft in den zuführenden Bronchus einzublasen, erkannte
man die Natur der in Rede stehenden Veränderung. Denn während
das Lufteinblasen auf pneumonische Verdichtungen ohne Einfluss bleibt,
blähen sich die collabirten atelektatischen Partien auf und nehmen eine
hellrothe Farbe an.
Als Ursachen der Atelektase kann man mit Bestimmtheit zwei
Momente bezeichnen, in erster Reihe die Herabsetzung der Inspirations-
kraft, welche die Luft nicht bis in die Alveolen zu treiben vermag, und
zweitens die Anfüllung der Bronchien mit Schleim, welcher den Durch-
tritt der Luft erschwert. Sobald diese nicht mehr in die Alveolen hin-
eingelangen kann, wird die in den letzteren noch enthaltene Luft durch
das circulirende Blut absorbirt, worauf die Alveolen collabiren1). Am
häufigsten und ausgedehntesten werden Sie also die Atelektase da finden,
wo beide vorher genannte Momente vereint wirken, also in allen erschöp-
fenden und mit Bronchialcatarrh einhergehenden Krankheiten. Aus
diesem Grunde trifft man Atelektase unter ähnlichen Verhältnissen
auch bei Erwachsenen, z. B. im Typhus, im Allgemeinen aber seltener
und minder ausgedehnt als bei kleinen Kindern, deren inspiratorische
Energie schon im normalen Zustande verhältnissmässig gering ist. Be-
sonders rachitische Kinder mit verengtem Thorax sind der Atelektase
ausgesetzt, weil hier zu den bereits erwähnten Ursachen (Schwäche der
Inspiration und Bronchialcatarrh) noch eine dritte, nämlich die Raum-
beengung des Thorax, welche mechanisch die volle Ausdehnung der
Lunge erschwert, hinzukommt. Aber auch bei den Stenosen des Larynx,
der Luftröhre, der grossen und kleinen Bronchien, sei es durch entzünd-
liche und narbige Processe, durch hineingelangte fremde Körper, oder
durch Compression der Luftwege, entwickeln sich multiple Atelektasen
') Lichtheim, Arch. f. exper. Path. X. S. 54.
Henoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 22
338 Krankheiten der Respirationsorgane.
der Lunge in Folge erschwerter Luftzufuhr zu den Alveolen und der im
weiteren Verlaufe der Krankheit immer mehr sinkenden inspiratorischen
Energie.
So oft man nun auch Lungenatelektase in den Leichen der Kinder
findet, ebenso selten ist man im Stande, sie im Leben zu diagnosti-
ciren. Diese Schwierigkeit ist um so mehr zu bedauern, als das Hin-
zutreten der Atelektase zu den Krankheiten, in deren Gefolge sie auftritt,
keineswegs gleichgültig ist. Wenn auch die Annahme, nach welcher in
den atelektatischen Partien in Folge des mangelnden Luftdrucks auf die
Gefässe leicht Hyperämie des Gewebes mit ihren Folgen, und schliess-
lich Bronchopneumonie sich entwickeln soll, nicht bewiesen ist, vielmehr
durch einige experimentelle Thatsachen zweifelhaft gemacht wird '), so
wird man doch immer die durch multiple Atelektasen erhöhte Insuffi-
cienz der Lunge als ein die Prognose wesentlich trübendes Moment be-
trachten müssen. Die Schwierigkeit der Diagnose liegt darin, dass die
im Parenchym zerstreuten Atelektasen durchaus keine physikalischen
Symptome hervorrufen, vielmehr durch lufthaltige Partien und bronchi-
tische Geräusche maskirt werden, und dass selbst ausgedehnte, z. ß,
einen grossen Theil des Unterlappens befallende Atelektasen eben nur
Verdichtungserscheinungen (matten Schall, Bronchialathmen u. s. w.)
bedingen, welche sich in keiner Weise von denen der pneumonischen
Verdichtung unterscheiden. Nur der Mangel des Fiebers würde ent-
scheidend für Atelektase sein, wenn man nicht wüsste, dass bei kleinen
sehr herabgekommenen Kindern auch Pneumonien ohne Temperatur-
erhöhung vorkommen, und dass andererseits Atelektasen auch häufig
im Gefolge fieberhafter Krankheiten (Bronchitis, Croup, Typhus)
sich ausbilden. Aus diesen Gründen kann, wie ich glaube, von einer
sicheren Diagnose der Atelektase nur selten die Rede sein, mehr von
einer Wahrscheiniichkeitsdiagnose, deren Motive aus der anatomischen
Erfahrung, d. h. aus dem häufigen Befunde der Affection bei gewissen
Krankheiten und bei Erschöpfungszuständen der Kinder, entnommen
werden.
Anders verhält es sich mit der angeborenen Atelektase, welche
durch die Arbeit von Jörg-) früher bekannt war, als die, mit welcher
wir uns eben beschäftigten. Es handelt sich hier um das Verharren
eines grösseren oder kleineren Theils der Lungen im fötalen Zustande.
') Traube, Beitr. zur exporiment. Pathologie u. Physiologie. Heft 1. 1846.
Experiment 63.
2) Die Fötuslunge im geborenen Kinde u. s. w. Grimma, 1835.
Atelektase. 339
Die betreffenden Theile haben überhaupt noch nicht geathmet, und sind
daher wie in der Fötuslunge dicht, stahlblau, schwerer als Wasser,
also in demselben Zustande, welchen wir bereits als einen durch
Schwäche der Inspiration oder durch Abschneidung der Luftzufuhr zu
den Alveolen erworbenen kennen lernten. Aus diesem Grunde pflegte
man auch diese Form der Atelektase als eine Rückkehr des Lungen-
gewebes zum „fötalen Zustande" zu bezeichnen. Im Allgemeinen gelten
für die angeborene Atelektase ganz ähnliche Ursachen wie für die erste
Form, besonders eine stockende oder sehr schwache Athmung, wie sie
asphyktischen oder zu früh geborenen lebensschwachen Kindern zukommt.
Daher haben die Geburtshelfer am häufigsten Gelegenheit, diese Affection
zu beobachten, welche den Aerzten, selbst in Kinderhospitälern, nur
selten vorkommt. In der Regel ist die angeborene Atelektase weit aus-
gedehnter als die später entstandene, und giebt dann nicht nur zu phy-
sikalischen Verdichtungssymptomen, sondern durch die Störung im
kleinen Kreislaufe zu Stauungen in der Lungenarterie und im gesammten
Venensystem mit cyanotischer Verfärbung Anlass. Selbst die Schlies-
sung der fötalen Circulationswege, zumal des Foramen ovale, kann
durch diese Stauung des Venenblutes beeinträchtigt werden. Neugeborene
dieser Art können in Folge der Atelektase und der ihr zu Grunde
liegenden Lebensschwäche bald sterben, während es in Fällen, wo die
Verdichtung nicht beide Lungen in grosser Ausdehnung betrifft und
die Verhältnisse sonst günstig liegen (ausreichende Pflege, Wahl einer
guten Amme), gelingt, unter Hebung des allgemeinen Kräftezustandes
die atelektatischen Lungenpartien allmälig der Luft zugänglich zu
machen.
So wurde mir im Mai 1880 ein 3 Wochen altes, zu früh geborenes, äusserst
schwach zur Welt gekommenes Kind vorgestellt, welches in der ersten Woche cyano-
tisch gewesen und mehrere heftige dyspnoetische Anfälle überstanden hatte. Die
rechte Rückenüäche war fast von oben bis unten in dem Raum zwischen Wirbelsäule
und Scapula gedämpft, das normale Athemgeräusch daselbst fehlte, und dafür waren
Rasselgeräusche hörbar, während links alles normal erschien. Fieber war nie vor-
handen gewesen. Bei guter Ernährung durch eine passende Amme, Wein, und dem
Gebrauch von Kamillenbädern hatte sich das Kind gut entwickelt; der Percussions-
schall war zur Zeit meiner Untersuchung nur noch wenig von dem der anderen Seite
verschieden, das vesiculäre Athmen noch schwach, aber deutlich hörbar. Im October
konnte nur noch ein leichter Bronchialcatarrh bei dem gut genährten Kinde nachge-
wiesen werden.
Ich glaube, diesen Fall als congenitale Atelektase eines grossen
Theils des rechten Unterlappens auffassen zu müssen, da die Erschei-
nungen von der Geburt an bestanden, niemals Fieber vorhanden war,
22*
340 Krankheiten der Respirationsorgane.
und gute Nahrung und Pflege hinreichten, um die drohenden Erschei-
nungen allmälig zu bannen. Dagegen sehen wir in dem folgenden unter
der Einwirkung ungünstiger Lebensverhältnisse den tödtlichen Ausgang
eintreten:
Kind von 6 Wochen, von einer unbekannten Mutter bei strengster Winter-
kälte auf einem Hausflur ausgesetzt, am 8. Januar in die Klinik aufgenommen.
Sehr kleines und mageres Kind, oyanotische Färbung der Lippen und Augenlider,
Turgescenz der Kopf- und Gesichtsvenen, Athembewegung äusserst schwach und
oberflächlich, statt des Geschreis nur klägliches Wimmern. Percussionsschall überall
etwas dumpfer als im Normalzustande, aber nirgends entschieden matt. Athem-
geräusch sehr schwach hörbar, ohne Rasseln. Herztöne normal. Saugen aus der
Flasche wegen Schwäche unmöglich, so dass das Kind mit dem Löffel gefüttert wer-
den muss. Soor im Munde und Rachen. Temperatur subnormal 36,2. Trotz guter
Milch, Wein und bester Pflege nur geringe Besserung; mit zunehmender Kraft der
Inspiration schwindet die Cyanose, kehrt aber immer zurück, wenn die Athembewe-
gungen wieder erlahmen. Tod am 16. Februar im Collaps.
Section. Herz normal; alle Fötalwege geschlossen. Soor des Oesophagus.
Harnsaurer Niereninfarct. Sonst alles normal bis auf die Lungen. Beide untere
Lappen grösstentheils atelektatisch, doch so, dass immer noch lufthaltige
Partien zwischen den verdichteten sichtbar waren. Auch in den anderen Lappen zer-
streute atelektatische Herde. Bronchien normal.
IV. Die entzündlichen Affectionen des Kehlkopfes und der
Luftröhre.
Der acute Catarrh der obersten Respirationswege entwickelt sich
entweder aus einem pseudoeroupösen Anfall oder allmälig mit zu-
nehmender Heiserkeit und rauhem oder bellendem Husten. Bei manchen
Kindern nimmt jeder Husten, auch wenn er Wochenlang dauert, einen
hohlen metallischen Klang an, wobei aber andere Zeichen einer Larynx-
affection, insbesondere Veränderungen der Stimme fehlen können. Diese
Eigenthümlichkeit muss bei der Beurtheilung des einzelnen Falls mit in
Anschlag gebracht werden, weil sie zu unbegründeter Beunruhigung An-
lass geben kann, üeberhaupt ist der hohle metallische Hustenklang
weniger zu fürchten, als der rauhe, heisere, welcher in Verbindung
mit mehr oder weniger belegter Stimme immer besorgnisserregend ist.
Uebt man unter diesen Umständen einen massigen Druck mit dem Finger
auf Trachea oder Larynx aus, so verziehen die Kinder nicht nur schmerz-
haft das Gesicht, sondern husten auch gewöhnlich mit jenem rauhen
heiseren Klange, den wir als croupösen zu bezeichnen pflegen. Die
Inspiration wird besonders während dos Weinens und Schreiens, also bei
Laryngitis. 341
verstärktem Athembedürfniss, von einem mehr oder weniger lauten
Stridor begleitet, wobei die Respiration noch vollkommen ruhig, ohne
Spur von Dyspnoe sein kann. In den ersten Tagen nach einem über-
standenen Pseudocroup wurde ich öfters schnell wieder gerufen, weil
plötzlich von neuem heftige laryngeale Symptome aufgetreten seien, und
fand dann fast immer, dass üble Laune des Kindes, Schreien und Toben
daran Schuld waren. Sobald die Agitation aufhörte, beruhigten sich auch
schnell die drohenden Erscheinungen, und es ist daher rathsam, die Eltern
auf den Eintritt und das Ungefährliche dieser Exacerbationen vorzubereiten,
welche nur insofern bedeutsam sind, als sie uns den Fortbestand eines,
wenn auch in der Rückbildung begriffenen catarrhalischen Zustandes im
Kehlkopfe anzeigen. Zu diesen localen Symptomen gesellt sich oft
Appetitmangel, schleimiger Zungenbelag, auch wohl massiges Fieber mit
abendlicher Exacerbation. Immer erfordern solche Fälle die volle Auf-
merksamkeit des Arztes, weil man nie voraussagen kann, ob nicht schon
in den nächsten Stunden das Krankheitsbild sich drohender gestal-
ten wird.
Unter diesen Umständen kommt nun das Brechmittel (F. 6), vor
dessen Missbrauch bei Pseudocroup ich Sie oben warnte, zu seinem
Recht. Nachdem es seine Schuldigkeit gethaa, mögen Sie eine Mixtura
solvens (F. 15) und hydropathische Umschläge um den Hals verordnen.
Das Kind muss im Bette bleiben, bis der Husten jede Spur von crou-
pösemBeiklang verloren hat, die Inspirationen absolut geräuschlos geworden
sind. Bei dieser Behandlung pflegt der Catarrh sich binnen wenigen
Tagen zu lösen; der Husten wird locker, rasselnd, die Heiserkeit
schwindet, und nach 8—14 Tagen ist in der Regel Alles vorüber. Den-
noch sei man immer auf die Möglichkeit einer Steigerung gefasst, welche
trotz aufmerksamster Pflege eintreten kann, meistens aber die Folge
einer Vernachlässigung ist, und daher vorzugsweise in der Armenpraxis
beobachtet wird. Dann können die bis dahin nur dem Eingeweihten
bedenklich erscheinenden Symptome binnen wenigen Stunden eine das
Leben gefährdende Höhe erreichen, entweder durch eine rasch zuneh-
mende catarrhalische Schwellung, oder durch fibrinöse Aus-
schwitzung auf der entzündeten Schleimhaut, oder endlich durch
serös-purulente Infiltration der Ligamenta aryepiglottica und ihrer
Umgebung. Alle diese anatomischen Abnormitäten bringen nahezu das
gleiche klinische Bild, das der acuten Larynxstenose, hervor.
Zu den bisher geschilderten Symptomen, Heiserkeit, rauhem Husten,
Empfindlichkeit des Larynx und der Trachea gegen Druck, geräusch-
voller In- und Exspiration, tritt nun plötzlich Dyspnoe, Action der
342 Krankheiten der Respirationsorgane.
Nasenflügel, Mitbewegung des Kopfes beim Athmen, zunehmende Ein-
ziehung des Jugulum, des Epigastrium, endlich der ganzen unteren Thorax-
partie während der Inspiration. Dabei ist die Frequenz der Athem-
bewegungen kaum erhöht, überschreitet selbst in schweren Fällen
nur selten die Zahl von 24 bis 30 in der Minute. Die einzelnen In-
und Exspirationen, welche von einem unheimlichen sägeartigen Geräusch
begleitet werden, sind aber ungewöhnlich verlängert'). Bei alle-
dem kann die allgemeine Euphorie des Kindes ziemlich ungestört
bleiben. Ein 4 jähriges Mädchen erkrankte am 30. März mit Pseudocroup.
Trotz eines Brechmittels steigerten sich die Symptome, und als sie am
1. April in die Poliklinik kam, war hochgradigste Dyspnoe, Crouphusten
und sägeartiges Geräusch beim Athmen vollkommen ausgebildet, wobei
aber das Kind immer noch im Zimmer umherging und spielte.
Der Auswurf dichotomisch verzweigter Pseudomembranen und die Section
bestätigten bald, dass es sich hier um wirklichen Croup handelte. Der
rauhe Beiklang, welcher die Inspiration, oft auch die Exspiration be-
gleitet, lässt sich am besten mit dem Doppelgeräusch einer holzschnei-
denden Säge vergleichen. Seine Intensität ist nicht zu allen Zeiten die-
selbe, minder stark oder wohl auf kurze Zeit ganz schwindend nach dem
Erbrechen, am stärksten während des Schlafes, wo er schon dem in's
Zimmer tretenden Arzt unheiikündend entgegentönt.
Im weiteren Verlaufe nehmen, wenn die Behandlung erfolglos bleibt,
die Symptome der Stenose von Stunde zu Stunde zu. Als wollte es das
Hinderniss des Athmens entfernen, greift das Kind oft nach dem Halse,
biegt den Kopf gewaltsam nach hinten. Die bisher noch gute Gesichts-
farbe wird bleich und cyanotisch, die Augen sind ängstlich, hülfeflehend
auf die Umstehenden gerichtet, auf Stirn und Wangen stehen oft helle
Schweisstropfen, wobei aber die Haut nicht mehr warm, vielmehr an
der Nasenspitze und den Wangen meistens kühler erscheint. Mit der
Dyspnoe nimmt auch die Heiserkeit der Stimme rasch zu und steigert
sich bis zu völliger Aphonie, wobei auch der bisher rauh klingende
Husten immer tonloser wird und schliesslich fast erlischt, wenigstens
mehr sieht-, als hörbar ist. Das Fieber spielt im Verlaufe dieser
Krankheit keine erhebliche Rolle. Wenn es auch selten ganz fehlt, so
schwankt doch die Temperatur meistens zwischen 38,5 und 40,0 mit
Remission in den Morgenstunden, während die Pulsfrequenz durch die
stete Unruhe des Kindes auf 144 und mehr erhöht wird.
') Ueber die Deutung dieser Erscheinung vergl. Cohnheim, Vorlesungen
über allgemeine Pathologie. II. Berlin, 1880. S. 168.
Laryngitis. 343
Der geschilderte Symptomencomplex gestattet, wie ich schon be-
merkte, nur die Diagnose einer acuten Larynxstenose. Wodurch diese
bedingt wird, lässt sich nicht sofort entscheiden. Vor Allem müssen
Sie die Rachenhöhle genau untersuchen, um sich von der Gegenwart
oder Abwesenheit diphtheri tischer Auflagerungen auf der Schleim-
haut zu überzeugen. Finden Sie diese, so ist die diphtherische Natur
der Stenose so gut wie sicher; finden Sie aber keine Auflagerungen, so
dürfen Sie doch nicht gleich einen diphtherischen Group in Abrede stellen,
weil, wie wir später sehen werden, die Auflagerungen in der Rachenhöhle
sich während des Lebens unseren Blicken entziehen oder schon abge-
stossen sein können. Wo es gelingt, den Kehlkopfspiegel mit Erfolg
anzuwenden, da werden wir allerdings eine klarere Einsicht in das Wesen
der Krankheit gewinnen, aber bei den Schwierigkeiten dieser Unter-
suchung im Kindesalter (S. 9) dürfen Sie von ihr nur selten Erfolg
erwarten. Kann man mit Sicherheit den diphtherischen Process aus-
schliessen, so handelt es sich entweder um eine einfache oder eine
pseudomembranöse (fibrinöse) Laryngitis, denn es ist sicher, dass
die hochgradigste Dyspnoe, überhaupt alle Symptome des Croup, durch
eine acute, nur mit starker Anschwellung der Kehlkopfschleimhaut,
ohne irgend eine fibrinöse Exsudation einhergehende Laryngitis erzeugt
werden können. Solche Fälle sind natürlich durch antiphlogistische Be-
handlung eher zu besiegen, als die pseudomembranöse Form.
Marie F., öjährig, gesund, bekam in der Nacht zum 7. December (zur Zeit
einer Masernepidemie) einen heftigen Anfall von Pseudocroup. Am folgenden Tage
Euphorie bis ein Uhr Mittags, wo plötzlich ein so drohender Symptomoncomplex auf-
trat, dass ich schleunigst gerufen wurde. Sägeartiges Geräusch beim Athmen, cya-
notisches, mit Schweiss bedecktes Gesicht, zurückgebogener Kopf, gewaltsame Action
aller inspiratorischen Hülfsmuskeln, Emporrollen der Bulbi zwischen den halb-
geöffneten Lidern, kurzer, rauher, von einem pfeifenden Geräusch begleiteter Husten,
welcher durch Druck auf den Larynx sofort geweckt wurde, Heiserkeit der Stimme.
Im Rachen nichts Abnormes; Trinken ohne Beschwerde möglieb. Das vesiculäre
Athmen, durch den lauten, aus dem Larvnx herabtönenden Stridor völlig verdeckt,
nur an der Lungenwurzel Khonchus sonorus wahrnehmbar. Puls 120. Haut heiss
und schwitzend. Ich verordnete 6 Blutegel oberhalb des Manubrium sterni ohne
Nachblutung, innerlich Tartar. stibiat. (0,12 auf Aq. dest. 100,0 2stündlich
1 Kinderlöffel). Da bis 5 Uhr Nachmittags noch kein Erbrechen erfolgt, gab ich
ein Brechmittel aus Pulv. rad. ipecac. und Tart. emet. in voller Dosis, worauf
wiederholtes Erbrechen eintrat. Um 8 Uhr fand ich das Kind etwas ruhiger auf dem
Schoosse der Mutter sitzend, den Stridor vermindert, die Stimme reiner, die Haut
reichlich schwitzend. Ich liess die Lösung des Brechweinsteins weiter nehmen und
ein Vesicator auf den Kehlkopf appliciren. Nach einer ruhigen Nacht fand ich am
9. den Stridor beim Athmen beinahe ganz verschwunden, die Respiration ruhig, den
Husten vermindert. Nach jedem Löffel der Arznei war Erbrechen, aber kein Stuhl-
344 Krankheiten der Respirationsorgane.
gang erfolgt; das Vesicator hatte eine grosse Blase gezogen, welche geöffnet und
mit Unguent. cinereum verbunden wurde. Gegen 2 Uhr Nachmittags erfolgte
bei der Application eines Klystiers, gegen welche sich das Kind heftig sträubte, eine
neue Exacerbation der Larynxsymptome, die sich indess in der Ruhe bald wieder
verlor. Von nun an rasche Besserung, Uebergang in einen losen Husten, welchen
etwa bis zum 15. unter dem Gebrauch einer Mixtura solvens verschwand
Sie haben hier ein Beispiel für die schon erwähnte Entwicklung
der Laryngitis aus einem Pseudocroup, und zugleich für die Wirksam-
keit einer energischen Antiphlogose, welche ich in so heftigen
Fällen dringend empfehle. Lassen Sie unverzüglich 2 — 6 Blutegel je
nach dem Alter auf die vordere Halspartie appliciren, am besten dicht
über dem Manubrium sterni, um einerseits die Gegend des Larynx für
anderweitige äussere Mittel frei zu halten, andererseits um im Falle
starker Blutung eine feste Unterlage behufs Compression der Blutegel-
stiche zu gewinnen. Das früher beliebte Nachbluten ist zu verwerfen,
die Blutung vielmehr nach dem Abfallen der Blutegel sofort zu stillen.
Die Anwendung kalter Compressen oder eines Eisbeutels auf den Kehl-
kopf halte ich nicht für ausreichend. Wiederholt war ich Zeuge, dass
schon während der Blutentleerung die Athembeschwerden erheblich
nachliessen. Die nach reichlicher Blutung vielleicht zurückbleibende
Schwäche und temporäre Anämie darf Sie nicht zurückschrecken, denn
Sie werden weit eher mit diesenFolgezuständen fertig, als mit der drohenden
entzündlichen Stenose. Nach der Blutentleerung gebe ich ein Brech-
mittel oder Tartarus emeticus in dosi refr. (F. 16), welcher, wie auch
die eben mitgetheilte Krankengeschichte lehrt, keineswegs immer Er-
brechen oder Durchfälle bewirkt. Bei sorgfältiger Beobachtung, wenn
der Brechweinstein, sobald Diarrhoe oder zu starkes Erbrechen eintritt,
sofort ausgesetzt wird, habe ich niemals üble Folgen gesehen, während
in der Armenpraxis, wo man das Mittel oft unvorsichtigen Händen an-
vertrauen muss, allerdings bedenkliche Coliapserscheinungen eintreten
können. Hier ist es also vorzuziehen, statt des fortgesetzten Gebrauchs
des Tartar. stibiatus lieber ein volles Emeticum zu geben, dessen Wir-
kung sich leichter beschränken lässt. Einreibungen der grauen Queck-
silbersalbe (1,0 2-3 täglich) in die Seitentheile des Halses, schliess-
lich ein Vesicans auf den Kehlkopf, dessen Wundfläche ich mit Unguent.
einer, verbinden lasse, vervollständigen den für die höheren Grade des
acuten Larynxcatarrhs zu empfehlenden Heilapparat. Das auffallend
schnelle Verschwinden der drohenden Symptome in Fällen, wie der
oben mitgetheilte und der folgende, beweist, dass es sich in der
Thal nur um entzündliche Wulstung der Schleimhaut gehandelt haben kann:
Laryngitis. 345
Paul B., 2 Jahre alt, am 17. Ootbr. Abends mit hochgradiger Dyspnoe auf-
genommen. Gesicht cyanotisch, Augen hervorstehend, ängstlich; Inspiration lang-
gezogen und sägeartig, Action aller respiratorischen Hülfsmuskeln, Crouphusten, be-
sonders stark in der Nacht. Tonsillen geschwollen, ohne Auflagerungen, starke
Heiserkeit der Stimme. Epiglottis dem Gefühl nach normal. Puls 1G0, Temp. 39,2.
Dauer der Symptome seit zwei Tagen. Brechmittel. Schon am folgenden Tage
waren Cyanose und Athembeschwerden beinahe verschwunden, Patient sass spielend
im Bett, Husten und Inspiration noch croupal. Temp. 38,8. Tartar. stibiat. (0,1
auf 120,0), Ung. einer. 3,0 pro die einzureiben. Am nächsten Tage fieberfrei. Wegen
der noch bestehenden Heiserkeit und des rauhen Geräusches bei forcirter Inspiration
Vesicans auf den Larynx. Entlassung am 24. October.
Denkt man an die lästige Verengerung der Nasenhöhle, welche bei
jedem starken Schnupfen plötzlich durch verstärkte Schwellung der Mu-
cosa, insbesondere während der Nacht, zu Stande kommen kann, so wird
man es begreiflich finden, wie in gleicher Weise, nur mit viel drohen-
deren Symptomen, bei Catarrh des Larynx und der Trachea sehr schnell
eine Anschwellung der Schleimhaut entstehen kann, welche sich unter
zweckmässiger Behandlung fast ebenso schnell wieder zurückbildet. Sie
kann aber auch trotz aller Bemühungen tödtlich werden, wenn eine
serös-purulente Infiltration der Stimmbänder, der Epiglottis und ihrer
Falten (das sogenannte Oedema glottidis, besser Laryngitis sub-
mueosa) sich hinzugesellt und Erstickungsgefahr herbeiführt. Nicht
allein die Fälle von acutem Larynxcatarrh, Croup oder Geschwüren des
Kehlkopfes sind von dieser Gefahr bedroht, sondern auch bei intensiver
Pharyngitis, bei Mandelabscessen und tief dringenden Phlegmonen des
Bindegewebes am Halse kam dieser Ausgang erfolgen. In England wurde
auch die Verbrühung des Schlundes und des Larynxeinganges mit kochen-
dem Wasser, welches die Kinder durch Saugen an der Ausgussröhre des
Theekessels aspiriren, als Ursache der submueösen Laryngitis beob-
achtet, wovon ich selbst noch kein Beispiel gesehen habe. Jedenfalls
erreichen mit dem Eintritt des »Glottisoedems« die stenotischen Erschei-
nungen einen so hohen Grad, dass Erstickung in jedem Augenblick zu
besorgen ist. Bisweilen kann man auch mit dem tief eingeführten
Finger die stark geschwollene Epiglottis fühlen, sogar hinter der Zunge
aufragend sehen. Zur Rettung des Lebens bleibt dann die schleunige
Ausführung der Tracheotomie das einzige Mittel.
Die Gefahr der acuten Laryngitis bei Kindern liegt aber vor allem
in der Tendenz zu fibrinöser Exsudation auf der entzündeten Schleim-
haut. Während in der bisher betrachteten Form die Autopsie nur eine
mehr oder weniger dunkle Röthe und Wulstung der Schleimhaut, ober-
flächliche Erosionen derselben und eine serös-purulente Infiltration der ge-
346 Krankheiten der Respirationsorgane.
schwollenen Epiglottis und ihrer Nachbarschaft , zumal der Ligam.
aryepiglottica und der Stimmbänder, ergiebt, finden wir dann auf der
Schleimhaut des Kehlkopfes und der Luftröhre inselförmig auf-
sitzende Fetzen, oder grössere zusammenhängende Pseudomembranen von
grau- oder gelblich weisser Farbe, entweder von llorartiger Zartheit oder
bis zu V" und darüber dick, und dann aus mehreren übereinander ge-
lagerten Schichten bestehend, deren äusserste, d h. der Schleimhaut
zunächst anliegende, als die jüngste, am wenigsten consistent zu sein
pflegt. Diese Membran, welche microscopisch aus einem äusserst
feinen Fibrinnetz und zahlreichen jungen Zellen (Epithelien, Eiter-
körperchen) besteht, reicht oft weit in die Trachea herein, bis an die
Bifurcation, oder noch über dieselbe hinaus bis in die grossen und
mittleren Bronchien, und stellt dann cylindrische Abgüsse dieser Köhren
dar, welche man, da sie nicht adhärent sind, sondern locker aufliegen,
leicht aus den letzteren herausziehen kann. Nach der Entfernung der
Pseudomembran findet man die Schleimhaut mehr oder weniger ge-
röthet und gewulstet, selten blass und ohne Spur von Vascularisa-
tion. Bronchitis und Bronchopneumonie sind fast stete Begleiter, ebenso
Emphysem der oberen, und vielfache Atelektase zumal der unteren
Lappen.
Indem ich hier den Croup als die höchste Entwickelung der acuten
Laryngitis ansehe, befinde ich mich im Widerspruch mit der Ansicht
der meisten neueren Autoren, welche den Croup unter allen Um-
ständen als einen diphtherischen betrachten, jede andere Entstehung
desselben leugnen. Ich gebe zu, dass seit der epi- und endemischen
Verbreitung der Diphtherie der Croup viel häufiger geworden ist, sehe
aber darin keinen Grund, jede andere Entstehungsweise desselben in
Abrede zu stellen. Wir wissen aus Experimenten, dass man bei Kanin-
chen und Hunden durch verschiedene auf die Trachealschleimhaut ap-
plicirte Caustica, so wie durch Einathmen heisser Wasserdämpfe mittelst
einer in die geöffnete Luftröhre eingebrachten Canüle, exquisiten Tracheal-
croup erzeugen kann. Ein.specifiscb.es Virus ist daher zur Production
von Pseudomembranen durchaus nicht erforderlich, und der diphtherische
Infectionsstoff ist, wenn auch in unserer Zeit der häufigste, so doch
keineswegs die einzige Ursache der fibrinösen Laryngitis. Weigert und
Cohnheim nehmen an, dass nachdem das beim Catarrh zunächst
noch intacte Epithel ertödtet und durch Secret weggeschwemmt ist, das
von der entzündeten Schleimhaut abgesonderte fibrinöse Exsudat gerinne
und damit die Croupmembran bilde. Dann wäre es begreiflich, dass
jeder intensive Larynxcatarrh sich zum Croup steigern kann, und in
Laryngitis. 347
der That sehen wir bei den Masern, einer Krankheit, bei welcher von
Anfang an immer Oatarrh des Larynx und der Trachea vorhanden ist,
bisweilen schon frühzeitig diese Steigerung eintreten. Ich habe mehrere
Fälle dieser Art beobachtet, von denen der folgende hier eine Stelle
finden mag.
Knabe von 3 Jahren, aufgenommen am 29. Mai mit ausbrechenden Ma-
sern. Exanthem im Gesicht entwickelt; Puls 150, Temp. Mg. 39,5, Ab. 40,5;
starker Catarrh des Larynx; rauher, fast aphonischer Husten, Stimme heiser. Bei
der sorgfältigsten Untersuchung Hess sich nichts weiter nachweisen, als eine fleckige
Röthe des Gaumens und einfache Angina. Therapie: Blutegel über dem Manubr.
sterni, Tartar. stibiat. Am folgenden Tage bedeutende Besserung. Puls 116, Temp.
38,4, Resp. 32. Nur die Heiserkeit war noch unverändert, und beim Husten noch
ein laryngealer Klang hörbar. So vergingen 4 fieberfreie Tage, während welcher
die erwähnten Larynxsymptome fortbestanden. Plötzlich am Abend des 5. Juni
Temp. wieder 38,5, am nächsten Morgen 39,5. Seit der Nacht um 12 Uhr vollständig
entwickelter Croup, so dass Mittags während der Klinik die Tracheotomie ge-
macht werden musste. Aus der geöffneten Luftröhre konnten wir einen langen, bis
in die Bifurcation herabreichenden Exsudat cy linder herausziehen. Auch später
wurden noch Fetzen ausgehustet. Am 10. Tage Entfernung der Canüle. Vollständige
Heilung.
Schon früher theilte ich Fälle mit, welche die Existenz eines pri-
mären, entzündlichen, von Diphtherie unabhängigen Croup beweisen
sollten, wo bei der Section Larynx- und Trachealcroup ohne die ge-
ringste Veränderung der Rachenhöhle gefunden wurde. Seit jener
Zeit habe ich wiederholt solche Fälle beobachtet, ganz abgesehen von
den zahlreicheren, die wegen des Mangels der Section nicht als vollgültig
betrachtet werden können, weil die Möglichkeit vorliegt, dass die Diph-
therie an Stellen ihren Sitz hatte, welche sich unseren Blicken entzogen.
Dagegen wird man wohl die folgenden Fälle als hierher gehörend aner-
kennen müssen.
Max R., 1 1/2 Jahr alt, aufgenommen am 4. April mit Rachitis und leichtem
Bronchialcatarrh. In den nächsten Tagen weitere Verbreitung des letzteren, hinten
und vorn beiderseits Rhonchus mucosus. In der Nacht vom 9. bis 10. plötzlich crou-
pale Respiration und heiserer rauher Husten. Am 1 1 . Vormittags vollständiger Croup.
Im Pharynx keine Spur von Diphtherie sichtbar. Ueber den Lungen hört man das
von oben fortgeleitete croupöse Geräusch, daneben noch scharfes Athmen und hinten
Rhonchus sibilans. Temp. 39,0, Puls 144, Resp. 42. Trotz starker Brechmittel stei-
gern sich die Erscheinungen bis zum folgenden Tage. Temp. dauernd 40,4—40,9,
Resp. 48, grosse Mattigkeit und Somnolenz. Tod am 12. Section: Pharynx frei.
Croup des Larynx und der Trachea, Oedema glottidis. Bronchopneumouia
duplex; Rachitis.
348 Krankheiten der Respirationsorgane.
Solche Fälle, welche mit Bronchialcatarrh beginnen und plötz-
lich in Tracheo - Laryngitis fibrinosa übergehen , werden unter dem
Namen »des aufsteigenden Croup« beschrieben. Ich habe diese Art
der Entwickelung vorzugsweise bei kleinen Kindern in den ersten Jahren,
ein paar Mal im Verlaufe des Keuchhustens und des mit ihm verbundenen
diffusen Bronchialcatarrhs beobachtet. Die Tracheotomie bleibt unter
diesen Umständen wegen ausgedehnter Bronchitis und multipler Broncho-
pneumonie fast immer erfolglos.
Ernst G., 4 Jahre alt, aufgenommen am 21. März, soll vor 8 Tagen mit einem
Pseudocroupanfall erkrankt und seitdem noch nichtganzgesund gewesen sein. Gestern
Mittag plötzlich Dyspnoe, die sich rasch steigert. Bei der Aufnahme bereits Cyanose
und collabirtes Aussehen, alle Symptome des Croup ausgeprägt, im Pharynx nur
Röthe und geringe Schwellung. Sofort Tracheotomie und Kalkwasserinhalationen,
worauf nach einigen Stunden Pseudomembranen ausgehustet wurden. Unter diesen
befand sich ein Cylinder, welcher einen vollständigen Abguss der Trachea und des
Anfangstheils beider Bronchien darstellte. Darauf Abnahme der Dyspnoe, aber Stei-
gerung des Collapses und Fortbestand der Cyanose. Abends Puls 168, Resp. 54.
Tod in der Nacht. Section: Pharynx frei. Croup des Larynx und der
Trachea bis in die grossen Bronchien. Bronchopneumonia duplex. Endo-
carditis chronica fibrosa aortica, Hypertrophia ventriculi sinistri.
Elise W., 3l/4 Jahr alt, aufgenommen am 6. November mit Lues hereditaria
recidiva. Heilung durch Sublimatinjectionen bis zum 1. üecember. Am 6. Heiser-
keit, rauher Husten, Röthe des Pharynx, kein Fieber. Trotz Blutegeln, Brechmittel
und Mercurialeinreibungen steigern sich die Erscheinungen so rapide, dass am 7. die
Tracheotomie ausgeführt werden muss. Nach derselben Inhalationen von Kalk-
wasserdämpfen. In den nächsten Tagen unter remittirenden Fieberbewegungen
(Abends bis 39,6) und Steigerung der Respirationsfrequenz bis auf 60, schliesslich
72 in der Minute, Entwickelung einer doppelseitigen Bronchopneumonie mit starken
Rasselgeräuschen, wechselnder Dämpfung des Percussionsschalls. Tod am 18 , also
11 Tage nach der Tracheotomie. Section: Pharynx vollständig normal.
Croup des Larynx und des obersten Theils der Trachea, in Heilung begriffen.
Ausgebreitete Bronchitis und Bronchopneumonie.
Anna S., 2jährig, am 28. Februar mit Laryngitis aufgenommen. Dauer 2 bis
3 Tage. Pharynx ganz normal. Wegen nachweisbarer diffuser Bronchitis keine
Tracheotomie. Tod am 2. März. Section: Diffuse Bronchitis, Bronchopneumonie.
Pharynx nur leicht geröthet, völlig glatt und rein. Croup des Larynx und
der Trachea bis zur Theilung der letzteren.
Ella S. , 6 Monate alt, seit einigen Monaten an Trachealeatarrh leidend,
aufgenommen am 15. März mit beginnendem Croup. Steigerung der Symptome,
Tracheotomie am 19. Fieber (40°) und Dyspnoe nach derselben fortdauernd. Tod
am folgenden Tage. Section: Pharynx ganz normal. Croup des Kehlkopfes.
Bronchitis und multiple bronchopneumonische Herde. Käsige Degeneration der
Bronchialdrüsen und eines Theils des linken Oberlappens.
Dass es also einen Larynx- und Trachealcroup ohne Betheiligung
Laryngitis. 349
des Rachens giebt, steht fest. Nur über die Deutung können Zweifel
aufkommen. Fast alle neueren Autoren betrachten nämlich auch solche
Fälle stets als diphtherische, leugnen also absolut das Vorkommen einer
rein entzündlichen Laryngitis pseudomembranacea. Ich will nun die
Möglichkeit, dass Diphtherie primär im Larynx und in der Trachea auf-
treten kann, keineswegs in Abrede stellen, weil ich ihren Beginn an den
Lippen und an der Vulva selbst beobachtet habe; immerhin liegt die
Sache dort etwas anders, weil die infectiösen Keime um in den Kehl-
kopf zu gelangen, dochzunächst den Pharynx passiren müssen und es schwer
zu begreifen ist , dass dieser dabei ganz intact bleiben sollte.
Wichtiger ist der bacteriologische Befund, da man in den Pseudomem-
branen des Larynx, auch wenn der Riehen ganz intact war, Diphtherie-
bacillen nachgewiesen, in Reinculturen gezüchtet und sogar mit Erfolg
verimpft hat '). Auch in meiner Klinik sind mehrere Fälle dieser Art
beobachtet worden; ich selbst habe die Culturen gesehen, und dieselben
äusserlich mit den Diphtheriebacillen vollkommen identisch gefunden
Ob aber in solchen Fällen Tage oder Wochen zuvor nicht doch eine
Rachendiphtherie bestanden hat, scheint mir keineswegs sicher. Und
kann man die Möglichkeit, dass ein ursprünglich rein entzündlicher
Croup in einem mit diphtherischen Kindern belegten Saal Diphtherie-
bacillen aufnehmen kann, absolut leugnen? Jedenfalls muss ich aber
für die klinischenThatsachen mindestens dasselbe, wenn nicht ein höheres
Recht in Anspruch nehmen, wie für die bacteriologischen, die doch noch
keineswegs über jedem Zweifel erhaben sind. Und der klinische Ver-
lauf ist eben beim reinen Croup entschieden ein anderer, als beim
diphtherischen. Die rasche Entwickelung aus einem Laryngealca-
tarrh, der Mangel aller infectiösen Symptome, der starken submaxillaren
Drüsenschwellungen, der paralytischen Nachkrankheiten, die besseren Re-
sultate der Tracheotomie, unterscheiden ihn wesentlich. So lange nicht
der Nachweis geliefert wird, dass Pseudomembranen einzig und allein
durch den diphtherischen lnfectionsstoff zu Stande kommen können, werde
ich daher bei dem Glauben an eine idiopathische Laryngitis pseudomem-
branosa beharren2) und mich auch durch solche Fälle nicht irre machen
lassen, in denen ein einfacher Croup zu diphtherischen Erkrankungen in
der Umgebung des Kranken Anlass gegeben haben soll3), weil hier an-
dere Infectionsquellen nie mit Sicherheit auszuschliessen sind.
Die klinischen Erscheinungen des Croup stellen den höchsten
') S. z. B. E. Fränkel, Deutsche med. Wochenschr. 1892. No. 24.
2) S. auch Gläser, Zeitschr. f. ldin. Med. Bd. 21. H. 3 u. 4.
3) Z. B. Demme's 24. med. Bericht. 1887. S. 14.
350 Krankheiten der Respirationsorgane.
Grad der acuten Larynxstenose dar, welche von Stunde zu Stunde an
Intensität zunimmt, und in letalen Fällen eine Dauer von 24 bis 96
Stunden zu haben pflegt. Mögen auch während dieser Zeit kurze Re-
missionen, gewöhnlich in Folge eines künstlich erregten Erbrechens ein-
treten, so sind sie doch fast immer trügerisch; der Sturm beginnt bald
von neuem, und eine stete Progression zum Schlimmeren ist unverkenn-
bar. In vielen Fällen wird der stetig fortschreitende Verlauf von Zeit
zu Zeit noch durch Anfälle äusserster Erstickungsnoth unter-
brochen; das keuchende Kind wirft sich gewaltsam hinten über, der
Athem stockt, das Gesicht ist cyanotisch, die kleinen Hände balleu sich
convulsivisch und der Tod scheint nahe, aber nach einigen Secunden
dringt die Luft mühsam mit pfeifendem Ton wieder in den Larynx ein
und das frühere Bild stellt sich wieder her, bis ein neuer ähnlicher An-
fall erfolgt. Vielleicht handelt es sich hier um Anfälle von Spasmus
glottidis, welche reflectorisch von der entzündeten Schleimhaut her aus-
gelöst werden. In diesem Stadium ist das sägeartige Geräusch beim
Athmen oft schon vor der Thür des Krankenzimmers hörbar, während
der Crouphusten mit der zunehmenden Aphonie immer seltener und
klangloser wird. Die Unruhe der Kinder steigert sich enorm; sie ver-
langen aus dem Bett auf den Arm, dann wieder zurück ins Bett, ihr
ängstliches Auge sucht flehend Hülfe bei der Umgebung, und nur kurze
Schlummerperioden, in welchen das Larynxgeräusch seinen höchsten
Grad erreicht, unterbrechen den qualvollen Zustand. Die Untersuchung
der Lungen ergiebt wegen des von oben her Alles übertönenden Säge-
geräusches meistens kein Resultat, höchstens trockene oder feuchte
Rhonchi an verschiedenen Stellen, selten Dämpfungen des Percussions-
schalls, welche eine Theilnahme des Lungengewebes verrathen. Wo dies
der Fall ist, da nimmt auch die Zahl der Athembewegungen, die
beim nicht eomplicirten Croup, wie wir oben sahen, die normale bleibt
oder kaum gesteigert ist, erheblich zu, steigt auf 50 bis 70 und mehr
in der Minute, und schon diese Erscheinung genügt, um eine compli-
cirende diffuse Bronchitis und Bronchopneumonie zu diagnosticiren, sollte
auch die locale Untersuchung ohne Resultat bleiben. In Folge der
Asphyxie kann auch etwas Ei weiss im Urin gefunden werden, welches
nach dem Aufhören der Orthopnoeanfälle oder nach der Tracheotomie
schwindet und mit der Zunahme der Athemnoth wiederkehrt. Dieser
Befund, ein Product der mechanischen Venenstauung in den Nieren, darf
also nicht ohne Weiteres für die Annahme einer Diphtherie geltend ge-
macht werden.
Während dieses stürmischen Verlaufs kommt es nicht selten unter
Laryngitis 351
grossen Qualen zum Aushusten oder Auswürgen pseudomembra-
nöser Fetzen und Röhren, welche als das einzig zuverlässige
diagnostische Criterium des wahren Croup zu befrachten sind,
denn alle anderen Symptome können, wie ich schon sagte, auch durch
die höchsten Grade der einfachen Laryngitis, zumal durch „Glottis-
oedem" hervorgebracht werden. Man erkennt die Natur dieser Auswurf-
stoffe am besten, wenn man sie im Wasser flottiren lässt. Man sieht
dann kleine oder grössere weisse, an den Rändern ausgezackte
Fetzen, oder vollständige Cylinder, welche oft in dichotomische Ver-
ästelung oder in mehrfache dendritische Verzweigungen auslaufen, und
dadurch bekunden, dass sie nicht bloss einen Abguss der Trachea,
sondern auch der grossen und mittleren Bronchien darstellen. Der Aus-
wurf dieser Fetzen oder Cylinder kommt etwa in der Hälfte aller Fälle
vor. Nicht selten werden sie von den besorgten Müttern aus der Mund-
höhle des der Erstickung nahen Kindes mit den Fingern herausgezogen.
Unmittelbar nach dem Auswurf, zumal grösserer röhriger Stücke, macht
sich immer eine Erleichterung bemerkbar. Man traue indess diesen Re-
missionen nicht, denn meistens enden gerade solche Fälle mit dem Tode.
Namentlich beweist der Auswurf dendritischer Exsudate, dass der Pro-
cess tief in die Bronchien herabreicht, und kleine dichotomisch ver-
zweigte Cylinder lassen keinen Zweifel an dem Bestehen eines die mitt-
leren und kleineren Zweige betreffenden Bronchialcroups, haben also
unter allen Umständen eine prognostisch ungünstige Bedeutung; denn
je tiefer der Croup in die Luftröhrenäste herabsteigt, um so sicherer
ist sein letaler Verlauf. Ausserdem hat man die schnelle Wieder-
erzeugung der ausgeworfenen Exsudate zu bedenken, welche schon
binnen wenigen Stunden erfolgen kann und die Orthopnoe sofort wieder
hervorruft:
Anna B., 7jährig, wurde am 6. November plötzlich heiser, bekam Schnupfen,
etwas Husten und leichtes Fieber. Am folgenden Tage leichtes stenotisches Ge-
räusch beim Athmen. Brechmittel ohne Wirkung. Am 8. vollständig entwickelter
Croup mit durchaus normaler Beschaffenheit des Pharynx. Anwendung von Blutegeln
und Brochweinstein. Am 9. früh Aushusten eines über 4 Ctm. langen, unten
mit zwei kleinen dichotomisch verästelten Fetzen versehenen Cylinders, worauf Er-
leichterung eintritt. Das Stenosengoräusch bedeutend schwächer, Husten und Stimme
klanglos. Resp. 28, Puls 132. Unguent. einer 2,0 2 stündlich einzureiben, Vesicans
auf den Larynx. Trotzdem bereits von Mittag an enorme Steigerung der Croup
Symptome, Cyanoso, Erstickungsnoth. Schon um 6 Uhr Abends, also nach kaum
10 Stunden, wiederum Aushusten eines Cylinders von der Länge der Trachea mit
darauf folgender grosser Erleichterung. Nacht ruhiger, auch am folgenden Tage
scheinbare Besserung. Resp. 24, Puls 132. Nachmittags neue Exacerbationen, Tod
352 Krankheiten der Respirationsorgane.
in der Nacht. Die Tracheotomie war wegen der Länge und Beschaffenheit der aus-
gehusteten Cylinder, welche einen Bronchialcroup anzeigten, unterlassen worden. — .
Die Fieberverhältnisse beim Croup haben nichts Charakteristi-
sches. In der Regel hält sich das Fieber auf einem mittleren Grade
mit abendlichen Exacerbationen bis 39,5, während die Morgentemperatur
38—38,5 beträgt. Doch fehlt es nicht an Fällen (z. B. der oben S. 347
mitgetheilte) mit weit höherer, bis 40° und darüber steigender Tempe-
ratur. Die entzündliche Theilnahme des Lungengewebes schien mir in
dieser Beziehung besonders einflussreich zu sein. Der anfangs kräftige
Puls wird im weiteren Verlauf immer schwächer, im letzten Stadium
oft unregelmässig und aussetzend, besonders während der Inspiration,
wobei die Cyanose den höchsten Grad erreicht, Gesicht, Hände und Füsse
sich mit kühlem Schweiss bedecken. Schliesslich verfällt das Kind in
Folge der gehemmten Respiration und der daraus folgenden Kohlensäure-
vergiftung in einen somnolenten Zustand mit halb geschlossenen Augen-
lidern, die Athembewegungen werden immer oberflächlicher, das Stenosen-
geräusch schwächer, und das Kind stirbt im Collaps, bisweilen unter
convulsivischen Zuckungen der Gesichts- oder anderer Muskeln. Die von
Bouchut hervorgehobene Anästhesie erklärt sich wohl durch den in der
letzten Zeit eintretenden somnolenten Zustand.
Die Annahme, dass Croup ohne Tracheotomie unheilbar sei, ist
keineswegs richtig. Wenn auch nicht gerade oft, so kommen doch hin
und wieder Fälle vor, in welchen die drohendsten Croupsymptome ohne
operativen Eingriff unter einer zweckmässigen Behandlung sich allmälig
zurückbilden und schliesslich heilen, obwohl der Auswurf pseudomembra-
nöser Fetzen jeden Zweifel an der croupösen Natur des Leidens beseitigt
hatte. Aber selbst nach dem Verschwinden der drohenden Symptome
stosse man nicht gleich in die Siegestrompete. Durch die lange Störung
des Respirationsprocesses können auch nach der Heilung noch bedenk-
liche Störungen der Gehirnthätigkeit zurückbleiben, sei es, dass das
Blut die zur Ernährung des Gehirns erforderliche Beschaffenheit nicht
schnell genug wiedergewinnt, sei es, dass eine venöse Stauung in den
Hirnvenen, und weiterhin Oedem der Pia oder seröse Transsudation in
den Ventrikeln die Folge war. Man kann nicht leugnen, dass die kräftige
Antiphlogose, mit welcher man dieser gefährlichen Krankheit, beson-
ders früher, zu Leibe ging (Blutegel, wiederholte Brechmittel, Mercu-
rialien) in Verbindung mit der Anorexie und dem dadurch bedington
Nahrungsmangel das ihrige dazubeitragen kann, eine solche Schwäche
und Anämie zu erzeugen.
Laryngitis. 353
Ich selbst war Zeuge, wie bei einem 3jährigen Knaben, welcher durch eine
sehr energische Behandlung zwar bedeutend gebessert worden, aber im höchsten
Grade erschöpft war, unmittelbar nach der Anwendung eines Brechmittels, welches
am Abend des 4. Tages wegen eines plötzlichen Suffocationsanfalls gegeben wurde,
tiefer Schlaf eintrat, der von den Eltern mit Freude begrüsst wurde. Bei meinem
Besuch fand ich das kurz zuvor noch sehr unruhige und sägeartig athmende Kind
regungslos in seinem Bettchen; der Athem war fast unhörbar, ungewöhnlich langsam.
Aber ein Griff an den Puls liess mich erkennen, dass hier kein gesunder Schlaf,
vielmehr Sopor stattfand. Der Puls war fadenförmig, kaum fühlbar, unregelmässig
und ungleich; alle extremen Körpertheile kühl, die Augenlider halb geschlossen.
Selbst starke Geräusche dicht vor den Ohren des Kindes waren nicht im Stande,
dasselbe zum Bewusstsein zu bringen, und es bedurfte der von 7 bis 11 Uhr Nachts
unausgesetzten Anwendung stimulirender Mittel, um diesen gefahrdrohenden Inani-
tionszustand des Gehirns zu beseitigen. Senfteige im Nacken, Rücken und an den
Waden, Fomentationen der Hände und Füsse mit Senfaufguss, Ammon. carbon. 0,15
2stündlich, Einflössen von Wein, schliesslich Eisüberschläge über den Kopf, die ich
nur einige Secunden liegen liess, aber oft, .wiederholte, hatten schliesslich einen un-
erwarteten Erfolg, und mit der Wiederkehr der Hirnthätigkeit waren merkwürdiger
Weise auch alle Croupsymptome bis auf geringe Heiserkeit dauernd verschwunden. —
Für die Behandlung des Croup gelten zunächst dieselben Regeln,
welche ich bereits oben in Betreff des acuten Larynxcatarrhs aufstellte.
Wenn örtliche Blutentleerungen, Brechmittel, Tartar. sübiatus in refr.
dosi, energische Anwendung der Mercurialien und Application eines Vesi-
cans auf die Larynxgegend nicht schnell Besserung herbeiführen, die
Symptome vielmehr anhaltend zunehmen, und der Eintritt von Orthopnoe-
anfällen den höchsten Grad der Krankheit bekundet, so hat man von
pharmaceutischen Mitteln überhaupt nichts mehr zu erwarten. Das Ver-
trauen, welches man dem Brechmittel in dieser Krankheit früher zu
schenken 'pflegte, ist nicht gerechtfertigt. Auch versagt es oft seine
Wirkung. Bei einem mit Maserncroup behafteten Kinde wurde an einem
Tage früh und Abends ein volles Brechmittel (Ipecacuanh. 2,0, Tartar.
emet. 0,03, Aq. dest. 30,0, Oxymel. scillit. 15,0) gegeben, ohne auch
nur ein einziges Mal Erbrechen zu bewirken. Das früher vielgerühmte
Cuprum sulphuricum (zu 0,03 bis 0,1 alle 10 Minuten), dem, abge-
sehen von dem nauseösen Effect, kein „specifischer" Einfluss auf den
Croup zukommt, ist jetzt mit Recht so gut wie aufgegeben. Besonders
muss ich die Wiederholung der Emetica bei einem ohnehin schon er-
schöpften Kinde, gerade weil die häufige Wiederkehr der Erstickungs-
anfälle leicht dazu verführt, entschieden widerrathen, weil sie, ohne
zu nützen, die Inanition aufs Aeusserste steigern und, wie in dem
oben mitgetheilten Falle, Hirnanämie zur Folge haben kann. Wohl
aber empfehle ich Ihnen, croupkranke Kinder nicht anhaltend im Bette
He noch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 23
354 Krankheiten der Respirationsorgane.
liegen, vielmehr öfters in halbsitzender Stellung auf dem Arm umher-
tragen zu lassen, was temporär erleichternd wirkt. Dabei flösse man
recht oft Brühe, Milch und Wein ein, um dem Sinken der Kräfte ent-
gegen zu arbeiten, sei aber dabei vorsichtig, weil die croupkranken Kinder
sich beim Trinken leicht verschlucken und dann sofort heftige Stick-
anfalle bekommen.
Der Eintritt des ersten drohenden Stickanfalls, ja schon die
andauernde gewaltsame Einziehung der unteren Thoraxpartie
beim Inspiriren ist für mich das Signal zur Tracheotomie. Diese
Einziehung, welche theils in Folge der energischen Action des Zwerch-
fells, theils in Folge der Luftverdünnung in den Lungen und des da-
durch aufgehobenen Gleichgewichts zwischen dem intra- und extra-
thoracischen Druck eintritt, halte ich für besonders wichtig. Längeres
Warten mit der Operation steigert nur die Erschöpfung, die Gefahr der
Kohlensäurevergiftung und der sich entwickelnden Bronchopneumonie.
Wir operirten daher je nach den Umständen schon am 2. und 3. Tage
der Krankheit, worauf ich bei der Diphtherie zurückkommen werde. Nach
meiner Erfahrung sind die Aussichten für den Erfolg der Tracheotomie
beim einfachen primären Croup weit günstiger, als beim diphtheri-
schen, weil man es bei jenem nur mit einer localen fibrinösen Entzün-
dung, hier aber mit einer allgemeinen Infectionskrankheit zu thun hat.
Von 37 entzündlichen (nicht diphtherischen) in der Klinik operirten
Croupfällen wurden 25 geheilt, und schon in dieser Thatsache liegt
für mich der Beweis für die Existenz eines einfachen entzünd-
lichen Croup, der nichts mit Diphtherie zu thun hat. Weder die
Expectoration von Pseudomembranen, noch der Nachweis einer Bron-
chitis oder Pneumonie bedingt für mich eine Gegenanzeige, seitdem
ich mehrere trotz dieser Complication operirte Kinder glücklich durch-
kommen sah. Weil aber die Operation nur den Zweck erfüllt, der
Luft den Eintritt in die Lungen zu eröffnen, so wird man immer wohl
thun, auch nach derselben noch die Mercurialbehandlung in massigem
Grade fortzusetzen, und durch Einathmung warmer Wasserdämpfe die
Abstossung etwa noch auf der Schleimhaut liegender Pseudomembranen
zu befördern.
In unserer Zeit hat die zuerst von Bouchut versuchte, von O'Dwyer
weiter ausgebildete Intubation des Larynx sich zahlreiche Anhänger
erworben. Ich selbst habe dies Verfahren, auf welches ich hier nicht
näher eingehen will, bis jetzt nicht geübt, weil die Erfolge, selbst
nach dem Geständniss seiner eifrigsten Verfechter, die der Tracheotomie
Laryngitis. 355
wenig oder gar nicht übertreffen, oft sie nicht einmal erreichen1), die
letztere auch nicht selten noch vorgenommen werden musste, wo die
Intubation erfolglos geblieben war. Im Allgemeinen sprechen sich die
deutschen Chirurgen fast einstimmig gegen diese aus, während die
Laryngologen und Pädiatriker günstiger darüber urtheilen2). Selbst die
eifrigsten Verfechter der Intubation geben aber zu, dass sie sich für die
Privatpraxis nicht eignet und den Hospitälern vorbehalten bleiben soll.
Ob das neue Verfahren sich erhalten, insbesondere so populär werden
wird, wie die Tracheotomie , scheint mir deshalb trotz des von vielen
Seiten kund gegebenen Enthusiasmus, sehr zweifelhaft.
V. Die Bronchitis und Bronchopneumonie.
Zu den häufigsten Erkrankungen des Kindesalters, und zwar nicht
nur in der Armenpraxis, wo Kälte und Feuchtigkeit eine ätiologisch be-
deutsame Rolle spielen, sondern auch unter günstigen Lebensverhältnissen,
gehören die Oatarrhe, welche sich von der Bifurcation der Trachea aus
über die Schleimhaut der 'grossen und mittleren Bronchien verbreiten.
Das Alter der ersten Dentition wird am häufigsten befallen, und diese
selbst von vielen Aerzten als Ursache des Catarrhs betrachtet. Dass
dieser Einfluss überschätzt wird, bemerkte ich bereits früher, kann aber
nicht in Abrede stellen, dass bei manchen Kindern der Durchbruch jeder
Zahngruppe von Catarrh begleitet wird. Vielleicht spielt auch die vor-
wiegende Frequenz der Rachitis in diesem Alter eine Rolle; denn
gerade rachitische Kinder zeigen eine grosse Tendenz zu Bronchial-
catarrhen, und sollten aus später zu erörternden Gründen mit besonderer
Sorgfalt vor ihnen behütet werden.
Bei sehr jungen Kindern, schon in den ersten Monaten des Le-
bens, begegnen wir häufig einer eigenthümlichen Form des Tracheal- und
Bronchialcatarrhs. Sie leiden nämlich an einem häufigen krächzenden
1) Brown (Transact. of the American pediatric section. II. 1891. p. 196) hat
unter 350 Fällen 100, also 28pCt. Heilungen; Bokai (Jahrb. f. Kinderheilk. 1893.
XXXV. 1.) unter 212 Fällen des diphtherischen Croup 30 pCt., unter 67 Fällen von
Croup ohne Rachendiphtherie 47 pCt. Heilungen.
2) Vergl. ,, Intubation of larynx." Medical record. New-York,Juni u.Juli 1887. —
Ranke, Ganghofener, Jahrb. f. Kinderheilk. XXX. S. 298, 328. — Ranke,
Münchener med. Wochenschr. 1890. No. 36, 37. 1891. No. 40 u. Pädiatr. Arbeiten.
Festschr. Berlin 1890. — Widerhofer, ibidem. — Escherisch, Wiener klin.
Wochenschr. 1891. No. 7 — 8. — Schwalbe, Deutsche med. Wochenschr. 1891.
No. 14. — Ar on so n, Arbeiten aus dem K. Friedr. Kinderkrankenhause. Stuttgart 1891.
— Ranke, Bokai', Verhandl. d. 9. Versamml. d. Gesellsch. f. Kinderheilk. Wies-
baden 1892. — Beer, Deutsche Zeitschr. f. Chirurgie. 1892. 2. Dec.
23*
356 Krankheiten der Respirationsorgane.
Husten, welcher durch Druck auf die Bifurcationsstelle der Luftröhre
geweckt wird, noch öfter an einem die In- und Exspiration fast stetig
begleitenden Stertor, der von den Müttern als „Vollsein" oder „Rö-
cheln auf der Brust" bezeichnet wird. Das Geräusch ist bisweilen
so stark, dass es die Eltern beunruhigt, und es kommt auf die Menge
des Secrets an, ob der Stertor rasselnd oder mehr trocken, dem croupalen
Geräusch ähnlich erscheint. Nach einem Hustenstoss wird er jedesmal
schwächer, verschwindet auch wohl ganz, kehrt aber bald wieder. Die
physikalische Untersuchung ergiebt grossblasiges Rasseln oder Schnurren,
besonders zwischen den Schulterblättern, unmittelbar nach dem Husten
gewöhnlich nur rauhes Athmen, welches nach einiger Zeit wieder dem
Rasseln Platz macht. Dabei können sich die kleinen Patienten ganz
wohl befinden, Fieber ist nie vorhanden, der Appetit gut. Aetiologisch
konnte ich mitunter feststellen, dass eine Erkältung unmittelbar oder
bald nach der Geburt, ein zu kühles Bad, ein kaltes Zimmer, Austragen
bei schlechtem Wetter, den ersten Grund zu dem Oatarrh legte, welcher
sich immer durch grosse Hartnäckigkeit auszeichnete. Viele Wochen,
ja Monate vergingen bis zur Heilung, und jede neue Erkältung ruft eine
Steigerung, selbst unter Hinzutritt von Fieber, hervor. Mit wenigen
Ausnahmen kamen alle Fälle in der poliklinischen Praxis vor, und die
geringere Sorgfalt der Mütter in diesen Verhältnissen erklärt wohl die
Hartnäckigkeit des Oatarrhs. Zuweilen trat die Affection jedesmal wäh-
rend des Durchbruchs einer Zahngruppe auf, dauerte Wochen lang
und verschwand, sobald die betreffenden Zähne erschienen waren. Bei
der Behandlung kommt es hauptsächlich darauf an, die Kinder vor
dem Einfluss der Kälte und Feuchtigkeit zu schützen und gleichzeitig
reine Luft einathmen zu lassen, Bedingungen, die eben nur in gut
situirten Familien zu erfüllen sind. Von Arzneimitteln sah ich kaum
einen Erfolg, eher noch von wiederholten kleinen Vesicantien über dem
Manubrium sterni, welche ich indess gleich nach der Blasenbildung zu-
heilen liess. Wer innere Mittel nicht entbehren kann, mag kleine Dosen
Sulphur. aurat. (0,01 4 — 5 mal täglich) versuchen.
Der Tracheal- und Bronchialcatarrh der Kinder bis etwa zum fünften
Lebensjahre weicht von dem der Erwachsenen nur darin ab, dass in
jener Periode die Tendenz zu einer raschen und gefährlichen Ver-
breitung bis in die kleineren Bronchien viel grösser ist, weshalb
jeder Catarrh eine sorgfältigere Pflege erfordert. Das sonst so lobens-
werthe Streben vieler Mütter, ihren Kindern möglichst viel frische Luft
zu verschaffen, verleitet sie oft, auch hustende Kinder bei schlechtem
Wetter ins Freie zu bringen, und kann nicht ernst genug zurückgewiesen
Bronchopneumonie. 357
werden. In der Regel bieten dann die Kinder Tage oder Wochen lang
nur die Erscheinungen des einfachen Oatarrhs dar, bis eine neue Erkäl-
tung entweder laryngitische Zustände oder eine Steigerung zu Bronchitis
hervorruft. Man erfährt dann gewöhnlich, der Husten sei plötzlich
stärker, der Athem kürzer, die Exspiration stöhnend, die Haut heiss ge-
worden, und kann dann schon vor der localen Untersuchung die Dia-
gnose auf Bronchitis oder Bronchopneumonie stellen.
So verschieden die Grade dieser Krankheiten und so mannigfach die
Uebergänge des einen in den anderen auch sein mögen, immer bildet
der Husten eins der wichtigsten Symptome. Vielen Kindern scheint er
Schmerz zu machen, was sie durch Weinen und schmerzliches Verziehen
des Gesichts bekunden. Der Husten ist häufig, kurz und trocken, wird
durch Schreien verstärkt und hervorgerufen. Kinder, welche längere
Zeit schreien können, ohne zu husten, leiden sicher nicht an
Bronchitis. In den höheren Graden kommt es mitunter zu heftigen
Anfällen mit dunkler Gesichtsröthe , welche an Tussis convulsiva erinnern.
Sputa werden von Kindern fast nie ausgeworfen, vielmehr selbst bei
reichlicher Secretion verschluckt. Dabei fesselt die Art der Respira-
' tion die Aufmerksamkeit. Die Zahl der Athemzüge überschreitet die
normale in verschiedenen Graden, je nachdem die Entzündung mehr
oder minder tief in die Bronchialverzweigungen herabsteigt. Eine Zahl
von 40 — 50 Athemzügen ist für junge Kinder immer noch massig, und
bekundet den Sitz der Krankheit in den grossen und mittleren Bronchien,
während die Theilnahme der kleinen und feinsten Aeste sofort 60—80,
ja noch mehr Athemzüge in der Minute hervorruft. Wenn also ein an
Oatarrh leidendes Kind, wie dies häufig geschieht, während des Aus-
cultirens den Athem anhält und den Arzt warten lässt, so ist dies
immer ein günstiges Zeichen. Je schneller die Athmung, um so
kürzer und oberflächlicher wird sie; die auxiliären Inspirationsmuskeln
(Nasenflügel, Scaleni) arbeiten sichtbar, bei jedem Athemzüge bewegt
sich auch der Kopf, und sowohl im Jugulum, wie an der unteren Thorax-
partie zeigt sich eine inspiratorische Einziehung. Dabei wird jede Exspi-
ration von Stöhnen begleitet (vergl. S. 9), ein werthvolles Symptom
für die Diagnose ernster respiratorischer Erkrankungen. Oft hört man
schon in einiger Entfernung vom Thorax giemende Geräusche beim
Athmen, fast immer aber bei der Auscultation Pfeifen, Schnurren, oder
feuchte, gross-, mittel- und kleinblasige Rasselgeräusche, welche ent-
weder auf die Rückenfläche, zumal ihre untere Partie beschränkt, oder
auch über die vordere und seitliche Fläche verbreitet sind. Auf die
Verbreitung allein kommt es dabei weniger an, als auf die Art der
358 Krankheiten der Respirationsorgane.
Geräusche. Man kann, z. B. fast im ganzen Umfange des Thorax Rhon-
chus sibilans oder Schnurren hören, ohne dass erhebliche Athemnoth
stattfindet, weil eben nur die grossen oder mittleren Bronchien ergriffen
sind, während ein fein- oder selbst mittel blasiges Rasseln, welches nicht
nur hinten, sondern auch vorn in grösserer Ausdehnung gehört wird,
ernstliche Bedenken hervorruft. Mitunter wird nur die In- oder die Ex-
spiration von Rasselgeräuschen begleitet, während in anderen Fällen
beide Actionen diese Erscheinungen darbieten. Der Percussionsschall
bleibt zunächst normal. Mit den localen Symptomen verbindet sich
Fieber von verschiedener Intensität, wobei die Temperatur zwischen
38,0 und 39,5 schwankt, in den Abendstunden 40,0 erreichen kann.
Auch da, wo eine thermometrische Untersuchung nicht möglich ist, z. B.
in der poliklinischen Praxis, lassen sich die Angaben der Mütter, die
gerade das „Brennen der Haut" bei ihren Kindern genau zu beobachten
pflegen, meistens gut verwerthen. Auf die Pulsfrequenz, welche zwischen
120 bis 180 schwankt, lege ich keinen besonderen Werth, mehr auf
die Qualität des Pulses, welche bei günstigem Verlauf der Krankheit
keine Abnormität darzubieten pflegt. Von grösserer Bedeutung ist das
verschobene Verhältniss zwischen Puls- und Respirations-
frequenz, indem nicht mehr 3 bis 4 Pulsschläge auf einen Athem-
zug, wie im Normalzustande kommen, sondern die Zahl der letzteren
sich unverhältnissmässig steigert, z. B. 60 — 70 Respirationen bei 144 Puls-
schlägen (S. 9). Die übrigen Functionen können in den leichteren Graden
intact bleiben; doch beobachtete ich häufig Diarrhoe, besonders zur Zeit
epidemisch herrschender Darmcatarrhe. Bei steigernder Intensität leidet
natürlich auch der Appetit; Säuglinge werden durch die Dyspnoe beim
Saugen gestört, indem sie nach wenigen Zügen die Warze wieder
loslassen müssen, um Luft zu schöpfen Dieser Umstand erschien
mir als ein so charakteristisches Zeichen für die höhere Intensität
der Krankheit, dass ich Ihnen rathe, das Kind in Ihrer Gegenwart an
die Brust legen zu lassen, um sich von der Art des Saugens zu überzeugen.
Aus den eben geschilderten Symptomen, zumal den physikalischen,
können Sie mit Sicherheit immer nur auf acute, mehr oder weniger diffuse
Bronchitis schliessen. Ob dabei noch eine Affection des Lungengewebes
selbst, d. h. Bronchopneumonie stattfindet, können Sie nicht mit
Bestimmtheit diagnosticiren, ebenso wenig aber in Abrede stellen.
Die Erklärung dafür liegt in den anatomischen Verhältnissen, deren
Hauptzüge folgende sind.
Die Schleimhaut der Bronchien erscheint in verschiedener Ausdeh-
nung, oft bis in die kleinen Verästelungen, gleichmässig oder streifig
Bronchopneumonie. 359
geröthet, aufgelockert, verdickt, mitunter hie und da erodirt; das Lumen,
zumal in den unteren Lappen, mit einem zähen, gelblichweissen, schlei-
migen Secret angefüllt, nach längerer Dauer der Krankheit in verschie-
dener Ausdehnung auch massig erweitert. In einer Reihe von Fällen
kommt es zu einer mehr oder weniger extensiven Entzündung der feinsten
Aeste (Bronchitis capillaris), wobei aus der Schnittfläche der be-
treffenden Lungenlappen an vielen Punkten, welche die Durchschnitts-
flächen feinster Bronchialröhren bezeichnen, eiteriges Secret wie aus
einem Schwamm herausquillt. Unter diesen Umständen geht die Ent-
zündung an vielen Stellen auf die letzten Endigungen der feinsten
Bronchiolen und auf die Lungenalveolen über, welche als hirsekorngrosse
weissgelbliche Granulationen tuberkelähnlich unter der Pulmonalpleura
sichtbar werden können, und beim Einstich einen Tropfen eiteriger Flüs-
sigkeit aussickern lassen (Bronchite vesiculaire der Franzosen). Weit
häufiger kommen bronchopneumonische Herde zu Stande, welche
zunächst, entsprechend dem Gebiete der entzündeten kleinen Bronchien,
eine lobuläre Form annehmen. Nach der Ausdehnung der Bronchitis
richtet sich daher auch die Zahl dieser Herde, welche am häufigsten
in den unteren Lungenlappen ihren Sitz haben, und in Form von derb
anzufühlenden, erbsen- bis bohnen- und haselnussgrossen Verdichtungen
von rothbrauner oder mehr ins Graue spielender Farbe erscheinen.
Anfangs durch Zwischenräume lufthaltigen und hyperämischen Paren-
chyms von einander getrennt, rücken sie bei grosser Zahl immer mehr
an einander, und confluiren schliesslich zu ausgedehnten Verdichtungen.
Diese erstrecken sich mit Vorliebe in keilförmiger Gestalt von der Basis
beider Unterlappen aufwärts, kommen aber auch oft genug in den oberen
Lappen und besonders in der das Pericardium überlagernden Lingula des
linken Oberlappens vor, können auch schliesslich einen ganzen Lappen,
ja den grössten Theil einer Lunge befallen. Die Durchschnittsfläche
dieser Herde oder ausgedehnten Verdichtungen, welche herausgeschnitten
im Wasser untersinken, lässt beim Druck nur eine geringe Meng
Flüssigkeit aussickern, und die microscopische Untersuchung ergiebt
dass die Alveolen mit einer aus verfetteten Epithelien und zahlreichen
grösseren und kleineren iymphoiden Zellen bestehenden Masse angefüllt
sind, welche ebenfalls verfetten und dann eine graugelbliche Färbung
der verdichteten Partie bedingen können. Nach neueren Untersuchungen
ist auch fibrinöses Exsudat, wenn auch in geringer Menge, fast immer
darin nachweisbar'). Bacteriologisch ist nicht nur das Vorkommen
') Cadet de Gassicourt, Traite clinique des maladies de l'enfance. I. Paris.
1880. S. 152.
360 Krankheiten der Respirationsorgane.
zahlreicher Streptococcen, sondern auch der Fränkel'schen Pneumonie-
coccen in den Alveolen constatirt l). Hyperämie der umspinnenden
Capiliaren und Zellenwucherung im interstitiellen Bindegewebe fehlen
niemals. Emphysem der Lungenränder oder anderer intact gebliebener
Partien, und Atelektasen finden sich gewöhnlich, oft auch mehr oder
minder verbreitete Pleuritis und Schwellung der Tracheal- und Bronchial-
drüsen.
Aus diesen Verhältnissen ergiebt sich, dass die aus einer Bronchitis
hervorgehende „catarrhalische" oder Bronchopneumonie physi-
kalisch nur dann diagnosticirt werden kann, wenn die beschriebenen
Herde so zahlreich oder confluirend sind, dass das intermediäre lufthal-
tige Parenchym nicht mehr im Stande ist, die Symptome der Verdich-
tung zu maskiren. So lange die Herde noch inselförmig im Parenchym
verstreut liegen, werden Sie immer nur Erscheinungen von Bronchitis
wahrnehmen, also ein mehr oder weniger verbreitetes mittel- und klein-
blasiges Rasseln, welches bei Bronchitis capillaris fast überall hörbar
ist, wo Sie nur das Ohr an die Brust legen. Erst wenn die Verdich-
tung sich über eine grössere Lungenpartie verbreitet, bekommen Sie
auch eine entsprechende Dämpfung des Percussionsschalls, kleinblasiges
klingendes Rasseln, Bronchialathmen und Bronchophonie, zunächst ge-
wöhnlich an beiden Seiten der Wirbelsäule von der Lungenbasis bis ge-
gen die Spina scapulae herauf, nicht selten aber auch in der Gegend
der Lungenspitzen, und vorzugsweise in der Lingula des linken Ober-
lappens. Oft konnte ich über dem Herzen feines klingendes Rasseln
früher wahrnehmen, als an anderen Stellen des Thorax. Bemerkcnswerth
ist, dass klingendes Rasseln und diffuse Bronchophonie in diesen Fällen
auch ohne deutliche Dämpfung des Percussionsschalls bestehen können;
dieser bleibt vielmehr normal oder bekommt einen tympanitischen Klang,
was sich daraus erklären lässt, dass an der Peripherie der Lunge noch
immer lufthaltiges Parenchym in hinreichender Menge vorhanden ist,
während die Auscultation bereits die aus grösserer Tiefe klingenden Ver-
dichtungsphänomene wahrnehmen kann. Man muss daher möglichst
leise percutiren (S. 16), weil bei starkem Anklopfen eine schon vor-
handene leichte Dämpfung durch den überwiegenden Schall der lufthal-
tigen Schichten verdeckt werden kann. Da nun aus zahlreichen Sectionen
sich ergiebt, dass bei jeder ausgebreiteten Bronchitis während der ersten
Kinderjahre auch mehr oder minder zahlreiche bronchopneumonische Herde
2) Neumann und Qneissner (Jahrb. f. Kinderheilk. XXX. S. 233, 277). —
Thaon, Revue mens. Fevr. 1886. p. 93. — Mirinesou, Ibid. Fevr. et Mars 1891.
Bronchopneumonie. 36 1
vorhanden sind, so darf man annehmen, dass selbst der Mangel aller
physikalischen Verdichtungssymptome das Vorhandensein der in lobu-
lären Herden auftretenden Bronchopneumonie in solchen Fällen nicht
ausschliesst, während da, wo diese Symptome, seien es auch nur die
auscultatorischen, wahrnehmbar sind, immer ausgedehnte conflui-
rende Verdichtungen diagnosticirt werden können.
In manchen Fällen kann man aber trotz sehr intensiver dyspnoeti-
scher Erscheinungen gar keine oder nur äusserst spärliche Rasselgeräusche
wahrnehmen; bei normaler Percussion hört man vielmehr im ganzen
Umfange des Thorax nur rauhes verschärftes Atherngeräusch oder
statt desselben Rhonchus sibilans. Diese Erscheinungen können all-
mälig feuchten Rasselgeräuschen, die eine reichlichere Secretion bekun-
den, Platz machen, aber auch bis zum Tode fortdauern.
Das auffallendste Beispiel der ersten Art bot mir ein 1 1 Monate altes Kind,
welches bei 72 dyspnoiitischen Athemzügen, 160 sehr kleinen Pulsen und normaler
Percussion, überall rauhes Athmungsgeräusch hören Hess; nur rechts hinten an der
Basis bestand sparsames, feinblasiges Hasseln. Dieser Zustand dauerte trotz einer
durch feuchte Einwickelungen des Thorax erzeugten copiösen Diaphorese volle drei
Tage, worauf die Resp. auf 56, der Puls auf 130 sank, der Husten häufiger und
loser wurde, und bald darauf auch Stertor und verbreitetes Schleimrasseln sich ein-
stellten. Ein schnell tödtlicher Fall dieser Art betraf ebenfalls ein 11 Monate altes
Kind, welches ir.it Husten erkrankt war, zwei Tage darauf alle Erscheinungen eines
hochgradigen acuten Lungenleidens darbot, und am ganzen Thorax ein ungewöhnlich
scharfes Athemgeräusch, nur hie und da etwas spärliches Rasseln hören liess. Nach
dem Tode fand ich in beiden Lungen mehrfache, leicht aufzublasende atelektatische
Herde, und die in dieselben eintretenden kleinen Bronchien mit purulentem Schleim
angefüllt. Sonst waren alle Luftröhrenäste völlig frei von Secret, aber die
Schleimhaut von der Bifurcation bis in die kleinsten Aesto herab stark geröthet und
aufgelockert.
Auch ohne schleimig-purulente Secretion kann also die Bronchitis
durch starke hyperämische Wulstung der Schleimhaut und Verengerung
des Bronchiallumens das Leben bedrohen ').
Je tiefer die Entzündung in die feinen Bronchialverästelungen ein-
dringt, je mehr lobuläre bronchopneumonische Herde und je ausgedehn-
tere Verdichtungen sich bilden, um so mehr muss der Athmungsprocess
und die Oxydation des Blutes beeinträchtigt werden. Alle Anstrengungen
der Inspirationsmuskeln reichen nicht aus, um die Luft durch die mit
purulentem Schleim angefüllten kleinen Bionchien bis in die Alveolen
zu treiben, woraus sich der Befund vielfacher atelektatischer Lungen-
') Vergl. Rilliet et Barthez, I. c. I. p. 451.
362 Krankheiten der Respirationsorgane.
partien in solchen Fällen erklärt. Mit der Insufficienz der Lunge wächst
die Frequenz der Athembewegungen (ich konnte bisweilen über 100 in
der Minute zählen), die aber wegen ihrer Oberflächlichkeit nicht im
Stande sind, die mangelnde Tiefe zu ersetzen. Häufig wird die Athmung
auch unregelmässig, so dass z. B. 10 — 15 Respirationen äusserst rasch
auf einander folgen, und dann immer eine kleine Pause eintritt, welche
an das Cheyne-Stokes'sche Phänomen erinnert1). Die venöse Stau-
ung, eine natürliche Folge der Lungenverdichtung und der daraus resul-
tirenden Ueberfüllung des rechten Herzens, bewirkt bald cyanotische
Verfärbung des leichenblassen Gesichts und der sichtbaren Schleimhäute,
Anschwellung peripherer Venen, zuweilen auch Oedem der Augenlider,
der Hand- und Fussrücken. Die stete Abnahme der Herzenergie ver-
kündet sich durch die Kleinheit des überaus frequenten, unter dem
Finger schwindenden Pulses, durch Sinken der Temperatur an den ex-
tremen Körpertheilen. Um diese Zeit erlahmt auch die Kraft zum
Husten, und ich sehe es immer als ein ungünstiges Symptom an,
wenn die bis dahin noch immer quälenden Hustenanfälle schwächer
werden oder ganz erlöschen, während die Auscultation weit verbreitete
klingende Rasselgeräusche hören lässt. Ist es einmal so weit gekommen,
so pflegt auch die Kohlensäure Vergiftung, eine nothwendige Folge der
Lungeninsufficienz, nicht lange auszubleiben. Somnolenz mit halb ge-
schlossenen Lidern und emporgerollten Augäpfeln, zuweilen auch par-
tielle oder allgemeine Zuckungen machen dem qualvollen Zustande
ein Ende.
Ich komme noch einmal darauf zurück, dass während des ganzen
Verlaufs der Bronchopneumonie das Fieber einen in keiner Weise cha-
rakteristischen remittirenden Typus, dessen Exacerbationen (bis 40°)
in die Abendstunden fallen, und vielfache Schwankungen darbietet,
so dass ein erhebliches Sinken der Temperatur an einzelnen Tagen mit
plötzlichen, scheinbar unerklärlichen Steigungen abwechselt. Diese
Schwankungen hängen davon ab, dass der entzündliche Process von den
Bronchiolen aus sich auf immer neue, noch intact gebliebene Lobuli aus-
dehnt, während er sich an anderen Stellen schon wieder zurückbilden
kann, und dass alle diese successiven Schübe von einem verstärkten
Fiebersturm begleitet werden. Bei kleinen, zumal geschwächten
') Damsch (Deutsche med. Wocbenschr. 1891. No. 1 8) beschreibt einen Fall
von Emphysem der Haut, zumal des Kopfes, welches bei ausgedehnter Broncho-
pneumonie durch die Ruptur von Alveolen in den intacten Lungenpartien in Folge
des Luftdrucks zu Stande gekommen war.
Bronchopneumonie. 363
Kindern ist das Fieber oft nur von ganz untergeordneter Bedeutung,
oder fehlt Tage lang gänzlich, obwohl die physikalischen Zeichen die
Fortdauer des entzündlichen Processes bekunden; bei einem mit Lues
hereditaria behafteten 10 Tage alten Kinde fand ich die Temperatur
sogar meistens subnormal (Maximum 37,3), bei anderen ging sie
schliesslich auf 35,5 herab, ein Beweis für die Thatsache, dass unter
diesen Verhältnissen die Neigung zum Oollaps prävalirt und selbst be-
deutende Entzündungen ohne Fieber, ja mit subnormaler Temperatur
verlaufen können (S. 17). Dies Verhältniss ändert sich aber schon
gegen die Mitte des ersten Lebensjahrs. Bei einem 5 Monate alten
Kinde stieg z. B. bei einer Pulsfrequenz von 216 die Temperatur wieder-
holt auf 40° bis 40,4.
So schlimm nun auch die Aussichten bei ausgedehnter Bronchitis
und Bronchopneumonie sind, sieht man doch nicht selten noch unter an-
scheinend recht ungünstigen Verhältnissen Genesung erfolgen. Abnahme
der Frequenz und Tieferwerden der Athembewegungen sind die ersten
günstigen Zeichen. Immerhin gehört die Krankheit zu denen, welche
auch bei günstigem Ausgang eine längere Dauer zu zeigen pflegen
insbesondere niemals mit einer eigentlichen Krise enden Auch
Fälle mit sehr rapidem tödtlichem Verlauf kommen nur ausnahms-
weise vor, und selbst dann lässt sich fast immer nachweisen, dass ein
Bronchialcatarrh schon längere Zeit der plötzlichen letalen Steigerung
zur Oapillärbronchitis und catarrhalischen Pneumonie vorausging. Im
Durchschnitt dauert die Krankheit 2 bis 4 Wochen, häufig viel länger.
Neigung zu einem subacuten oder gar chronischen Verlauf ist
unverkennbar, so dass sogar ein paar Monate vergehen können, bis eine
entschiedene Wendung zum Guten eintritt. Man sieht dann das Fieber
bedeutend abnehmen, oder bis auf eine kleine Temperaturerhöhung in
den Mittags- oder Abendstunden gänzlich schwinden, die Dämpfungen
des Percussionsschalls sich mehr oder weniger zurückbilden und fast
völlige Euphorie eintreten, aber der Husten, die weit verbreiteten, hie
und da klingenden kleinblasigen Rasselgeräusche und die noch immer
frequente Respiration bekunden das Fortbestehen der Krankheit. In einem
dieser Fälle, welcher einen 7jährigen Knaben betraf und sich Monate
lang hinzog, waren die schleimig-eiterigen Sputa, welche der intelligente
Knabe aushustete, zum Schrecken der Eltern nicht selten mit Blutstreifen
oder Blutpunkten vermischt. Dennoch erfolgte auch hier noch voll-
ständige Genesung. Häufig ist jedoch der Ausgang bei chronischem
Verlauf nach vielfachen Schwankungen schliesslich ein letaler. In
mehreren Fällen beobachtete ich während dieses Verlaufs absolut
364 Krankheiten der Respirationsorgane.
fieberfreie Intervalle, welche Wochen lang dauerten, und in denen
sich das schon aufgegebene Kind wieder erholte, eine bessere Farbe be-
kam, weniger hustete und der Genesung entgegenzugehen schien. Aber
das Fortbestehen der abnormen Respirationsfrequenz (von 50 bis
70 in der Minute), welche sich mit dem scheinbar befriedigenden All-
gemeinbefinden nicht vereinbaren Hess, war immer ein böses Zeichen.
Man lasse sich also durch diese besseren Intervalle nicht dazu verleiten,
eine gute Prognose zu stellen; die fortbestehenden feinen klingenden
Rasselgeräusche, besonders an der Rückenfläche, und die zunehmende
Magerkeit der Kinder mahnen zur Vorsicht. In mehreren dieser chro-
nisch sich hinziehenden und schliesslich nach 2 — 3 Monaten mit dem
Tode endenden Fälle fand ich bei der Section neben den Erscheinungen
der chronischen Bronchitis und Bronchopneumonie Verfettung der
Herzmusculatur mit Erweiterung der rechten Hälfte, besonders
da, wo Tussis convulsiva mit der Krankheit complicirt gewesen war.
Die starken Widerstände, welche die Leistung des rechten Ventrikels
durch die anhaltende Verdichtung des Lungengewebes und die häufigen
Keuchhustenanfälle zu überwinden hatte, müssen als Grund dieser De-
generation angesehen werden, welche mitunter syncopale Todesfälle
herbeiführte.
Bei Bronchopneumonien von Wochen- oder gar Monate langer Dauer
findet man das interstitielle, die Alveolen umspinnende und die einzel-
nen Läppchen von einander absetzende Bindegewebe oft hyperplastisch,
die das verdichtete Parenchym durchziehenden Bronchien vielfach er-
weitert. Auch kleine Lungenabscesse können dadurch entstehen,
dass die von jungen Zellen und Epithelien stark ausgedehnten Alveolen
zerreissen, und zu grösseren mit puriformer Flüssigkeit angefüllten Hohl-
räumen confluiren. Diese Abscesse lassen sich aber wegen ihrer Klein-
heit während des Lebens nicht diagnosticiren. Bei einem am 23. März
in die Klinik aufgenommenen Knaben, welcher an Bronchopneumonie von
unbestimmter Dauer litt, stieg die Temperatur bis zum ersten April,
dem Todestage, nur zweimal auf 38—39,9, war aber sonst immer nor-
mal oder sogar subnormal. Die Section ergab Bronchopneumonie beider
Unterlappen, besonders ausgedehnt im rechten, welcher fast durchweg
derb und luftleer war. In beiden Lappen befanden sich mehrere hasel-
nussgrosse mit gelbem Eiter gefüllte Abscesse, die also ganz ohne
Fieber bestanden hatten. Bronchopneumonien, welche durch fremde,
in die Bronchien gelangte Körper bedingt werden, scheinen vorzugsweise
zur Bildung dieser Abscesse zu neigen; wenigstens erlebte ich selbst
zwei Fälle, in denen, nachdem mehrere Monate lang alle Symptome
Bronchopneumonie. 365
einer chronischen Bronchopneumonie bestanden hatten und der tödtliche
Ausgang unvermeidlich schien, plötzlich unter grosser Dyspnoe, in dem
einen Falle nach vorausgegangener Hämoptysis, Fremdkörper (eine Glas-
perle und eine aufgequollene Bohne) gleichzeitig mit dickem Eiter ex-
pectorirt wurden, worauf im ersten Falle schnelle Genesung erfolgte.
Unter ungünstigen Verhältnissen nimmt die chronische Bronchopneumonie
oft den Ausgang in käsigen Zerfall des Infiltrats, worauf ich bei der
Betrachtung der Pneumonia chronica zurückkommen werde. —
Unter den Ursachen steht in erster Reihe der Reiz der Kälte,
des scharfen Ost- und Nordwindes, welcher die Krankheit gleichzeitig
mit Schnupfen, Larynxcatarrhen, Croup und Anginen zu manchen Zeiten
in epidemischer Verbreitung hervorruft. Ferner kommen gewisse In-
fectionskrankheiten, in deren Gefolge sich dieKrankheit häufig entwickelt, in
Betracht. Vor allem Masern, Influenza und Keuchhusten, demnächst
Diphtherie, zumal wenn sie sich bis in die Luftröhre ausbreitet. Mag
dabei die Tracheotomie gemacht worden sein oder nicht, immer bildet
die Bronchopneumonie hier eine der bösesten Complicationen, an welche
man sofort denken muss, wenn die bis dahin normale Frequenz der
Athembewegungen plötzlich bis auf 50 — 60 in der Minute in die Höhe
geht. Ich glaube, dass es sich in solchen Fällen nicht nur um ein
Fortkriechen der Entzündung von der Trachea nach unten handelt, son-
dern dass auch die Aspiration diphtherischer Producte aus den oberen
Luftwegen dabei eine Rolle spielt. Bei den Masern kann Broncho-
pneumonie schon im Eruptions- und Blüthestadium eintreten, häufiger
aber und schwerer entwickelt sie sich nach dem Verschwinden des Exan-
thems und dem Abfall des Fiebers, und bildet dann immer eine be-
denkliche Complication. Dasselbe gilt vom Keuchhusten, welchen sie
in jeder Periode seines Verlaufs begleiten kann. Seltener tritt sie im
Gefolge des Scharlachfiebers und der Pocken auf, häufiger beim
Abdominal typhus, welcher fast immer mit Bronchialcatarrh einher-
geht. Gerade diese in Verbindung mit den genannten Infectionskrank-
heiten auftretenden Fälle sind es, welche leicht einen sehr protrahirten
Verlauf nehmen, und durch zunehmende Schwäche, Abmagerung und
fortdauerndes remittirendes Fieber den Verdacht einer tuberculösen
Erkrankung der Lunge erregen. Wochenlang trotzen die Frequenz der
Athembewegungen, der quälende Husten, die catarrhalischen und klingen-
den Rasselgeräusche jeder Behandlung, während Dämpfung des Percus-
sionsschalls entweder ganz fehlen, oder an den ursprünglich befallenen
Stellen verschwinden und an anderen, bis dahin verschont gebliebenen
Partien des Thorax auftreten kann, ein Wechsel, der ebenso wie die
366 Krankheiten der Respirationsorgane.
Schwankungen des Fiebers (S. 362), sich aus der Zurückbildung früherer
Infiltrationen und dem Befallenwerden anderer bisher intacter Partien
erklärt. So schwankt denn die Diagnose und mit ihr die Prognose je
nach dem täglichen Wechsel des Befindens, bis endlich nach einer Dauer
von vielen Wochen, selbst Monaten, ganz unerwartet das Fieber aufhört
und alle Symptome sich allmälig zurückbilden, oder durch VerkäsuDg
und Zerfall der Infiltrate unter phthisischen Erscheinungen der Tod
eintritt.
Alice N„ 12jährig, in den ersten Tagen des December an einem schweren
Abdominaltyphus erkrankt. Von Anfang an starker Husten und Athemfrequenz.
Am 24. Tage drohende Collapssymptome unter profusen Schweissen (Kälte der Ex-
tremitäten, Schwinden des Pulses), nach deren Beseitigung durch mehrstündige An-
wendung stimulirender Mittel der Typhus gehoben scheint, aber der Husten fort-
dauert. Rechts hinten von oben bis unterhalb der Spina scapulae matter Percussions-
schall, Bronchialathmen und Bronchophonie, feinblasiges klingendes Rasseln. Links
hinten mucöses Rasseln. Fieber in den Abendstunden fortdauernd, Puls 120—132,
hektische Wangenröthe, Macies. Unter dem Gebrauch einfacher Expectorantia (Sal-
miak, Sulphur. aurat), später des Leberthrans und einer kräftigen Diät, allmäliges
Schwinden der drohenden Symptome. Percussion erst am 19. Januar beinahe normal;
Mitte Februar völlige Genesung, welche auch ungestört blieb.
Pauline S., 6jährig, an einem mittelschweren Ileotyphus mit bronchopneu-
monischer Verdichtung des rechten Unterlappens leidend, bekam in der 5. Woche der
Krankheit während der bereits eingetretenen Reconvalescenz von neuem Fieber (Abend-
temperatur 39,5), diffusen Catarrh in beiden Lungen, und wiederum Dämpfung und
klingendes Rasseln an der ursprünglich befallenen Partie. Dabei enorme Macies,
elendes Aussehen, Anorexie, braune Zunge. Dauer dieses Zustandes 3 Wochen, dann
allmälige Rückbildung unter dem Gebrauch des Chinins, und schliesslich völlige
Genesung.
Mehrere Fälle, in welchen Bronchopneumonie im Gefolge der Ma-
sern aufgetreten war, und Monate lang unter dem Bilde fortschreiten-
der Phthisis bestanden hatte, schliesslich aber heilte, so dass die nach
langer Zeit mir wieder zugeführten blühenden Kinder kaum wieder zu
erkennen waren, theilte ich früher mit'). Die roborirende Methode
(kräftige Diät, Wein, Leberthran, Lipanin) hat unter diesen Umständen
ihre besten Erfolge aufzuweisen.
Ausser den genannten Infectionskrankheiten haben auch andere
schwere, die Kräfte erschöpfende Zustände eine aetiologische Bedeu-
tung. Langwierige Darmcatarrhe, Tuberculose, Meningitis basi-
laris, brandige Affectionen, zumal Noma, sind hier in erster Reihe
zu nennen. In meiner klinischen Abtheilung stirbt fast kein Kind, bei
') Beiträge zur Kinderheilk. N. F. S. 142.
Bronchopneumonie. 367
dessen Section nicht mehr oder weniger verbreitete Bronchopneumonien
gefunden werden; besonders atrophische und schwache rachitische
Subjecte sind dieser Krankheit ausgesetzt, und es ist wohl kaum zu be-
zweifeln, dass mit der Hospitalluft eingeathmete infectiöse Keime hier
anzuklagen sind, die man in der That in Form von Streptococcen und
Pneumoniecoccen nachweisen konnte. Der Verlauf und der Ausgang der
Krankheit waren dann meistens langwieriger und unheilvoller, als in der
Privat-, und selbst in der poliklinischen Praxis. Die allmälig fortschrei-
tende Ausbreitung des Processes über grosse Partien der Lunge, die ab-
wechselnden Besserungen und Verschlimmerungen, die stets sich erneuern-
den Recidive trotz der besten Pflege, alle diese Erfahrungen, die mit
denen anderer Hospitalärzte übereinstimmen, sind wohl geeignet, der
Luft der Krankenzimmer einen ungünstigen Einfluss einzuräumen. Man
darf dabei freilich nicht übersehen, dass der erbärmliche Ernährungs-
zustand der meisten Säuglinge, welche meiner Abtheilung zugehen, zu
den Misserfolgen der Therapie Vieles beiträgt, weil die Schwäche der
inspiratorischen Muskeln das Zustandekommen ausgedehnter Atelektasen
begünstigt und damit die Insufficienz der bronchopneumonischen Lunge
beträchtlich steigert. Auch die anhaltende Rückenlage, welche unter
diesen Verhältnissen kaum zu ändern ist, muss durch die Begünstigung
hypostatischer Processe in den hinteren und uteren Lungenpartien mit
in Anschlag gebracht werden. Von besonders übler prognostischer Be-
deutung ist, nächst einer tuberculösen Anlage, die rachitische
Formveränderung des Thorax, welche den Kaum desselben beschränkt.
Scheinbar geringfügige Catarrhe, noch mehr Bronchitis und Bronchopneu-
monie, die bei gesunden Kindern günstig verlaufen wären, können unter
diesen Umständen mit dem Tode enden.
Schliesslich kommt in ätiologischer Beziehung noch ein die Bron-
chien und die Alveolen direct treffender Reiz in Betracht, nämlich das
Eindringen von Milch oder anderen Nahrungsmitteln in die Respirations-
organe. Durch Aspiration aus der Saugflasche, so wie durch „Ver-
schlucken« bei cerebralen mit Sopor einhergehenden Krankheiten, be-
sonders aber nach der Tracheotomie, kommt die mit dem Namen
»Schluckpneumonie« bezeichnete Form zu Stande, welche auch
durch Experimente an Thieren (Durchschneidung des Vagus oder Re-
currens) constatirt ist. —
Bei vielen Kindern besteht eine so ausgesprochene individuelle
Disposition zum acuten Catarrh der Bronchien, dass sie schon
nach einer leichten Erkältung, bei jedem Schnupfen, von demselben be-
368 Krankheiten der Respirationsorgane.
fallen werden. Es findet hier ein ähnliches Verhältniss statt, wie beim
Pseudocroup (S. 335). Solche Kinder bekommen alljährlich mindestens
einen, oft viel mehr Anfälle, die, wie schon Rilliet und Barthez1)
bemerkten, »durch ihre kurze Dauer, ihre häufige Wiederkehr, die In-
tensität der Dyspnoe, zugleich aber auch durch den geringen Fiebergrad
sich den asthmatischen Anfällen Erwachsener nähern«. Mir selbst
sind Fälle dieser Art schon bei kleinen Kindern wiederholt begegnet,
noch häufiger in der zweiten Periode der Kindheit, wobei ich in der
Regel erfuhr, dass die Kinder schon Jahre lang an diesen Anfällen
litten, welche man als „recidivirende Bronchitis« bezeichnen
könnte. Die Ursache dieser Disposition ist uns eben so wenig bekannt,
wie die, welche den Pseudocroup hervorruft. Mitunter liess sich das
Fortbestehen eines chronischen Bronchialcatarrhs nachweisen, aus wel-
chem sich die acuten Anfälle herausbilden, oft ergab aber die Unter-
suchung in den Intervallen überall ein ganz normales vesiculäres Athem-
geräusch.
2jäbriger Knabe, vom 8. Monat bis zum Ende des 2. Jahrs 6 heftige An-
fälle, die mit Schnupfen begannen und binnen 24 Stunden ihren höchsten Grad
erreichten. Resp. 70 in der Minute, stertorös, Mitarbeit aller Hülfsmuskeln, am
ganzen Thorax lautes Schleimrasseln bei normaler Percussion, leichenblasse Farbe,
Stickanfälle in der Nacht. Fieber und Husten sehr massig. Ein paar Mal Beginn
des Anfalls mit Pseudocroup. Brechmittel immer von ausgezeichneter Wirkung.
Uebergang in einen gewöhnlichen 1 — 2 Wochen dauernden Catarrh.
Kind von 8 Monaten, Beginn des Anfalls mit Schnupfen und Husten, am
nächsten Morgen rapide Steigerung der Symptome, Abends Leichenblässe, Orthopnoe,
Resp. 60 — 70 mit sägeartigem Stertor. Husten unbedeutend, kein Fieber, Puls
klein, aussetzend, enorm schnell. Am Thorax überall verschärftes Athmen, kein
Rasseln, Percussion normal. Brechmittel, feuchtwarme Einwicke'ung des Thorax.
Heilung binnen 4 Tagen. Fast alle 4 Wochen ein ähnlicher, aber nicht immer so
heftiger Anfall. Beim vierten Entwickelung einer Bronchopneumonie mit drohenden
Gerebralerscheinungen, aber schliesslich Heilung.
Knabe von 4 Jahren. Schon vom 6. Monat an Anfälle von Bronchitis, alle
paar Monate wiederkehrend, mit starker Dyspnoe und Fieber. Dauer 3—4 Tage.
Resp. im beobachteten Antall 80, sehr oberflächlich. Percussion normal, überall
rauhes Athmen und Rh. sibilans. Heilung durch Tartar. emet.
Mädchen von 6 Jahren. Seit 2 Jahren bronchitische Anfälle fast allmonat-
lich von 3— 4tägiger Dauer. In den Intervallen einfacher chronischer Catarrh der
grossen Bronchien. Lungen normal.
Mädchen von 5 Jahren, sonst gesund. Vom Ende des ersten Lebens-
jahrs an bronchitische Anfälle, seit einem Jahre etwa alle 5 bis 6 Wochen wieder-
kehrend und 8 Tage dauernd. Beginn mit Fieber; enorme Dyspnoe, R. 56, P. 144.
') 1. p. 451.
Bronchopneumonie. 369
Dabei auffallend ruhiger Gesichtsausdruck und Heiterkeit. Husten heftig, Percussion
normal, überall rauhes sägeartiges Athemgeräusch. Mixt, solvens und hydropathische
Umschläge.
Wie im ersten Fall habe ich wiederholt den Beginn mit Pseudo-
croup beobachtet, welcher schnell in den bronchitischen Anfall über-
ging. Der croupöse Ton beim Athmen macht dann bald einem mehr
pfeifenden oder rasselnden Platz, und die Auscultation ergiebt entweder
rauhes unbestimmtes Athmen, oder Rhonchus sibilans und mucosus.
Die Dyspnoe ist enorm, die Athemfrequenz 60 — 80, der Puls jagend,
die Farbe bleich, cyanotisch, das ganze Bild so drohend, dass der Un-
erfahrene das Kind verloren giebt. Auch kann das Fieber, obwohl im
Allgemeinen massig, doch höhere Grade erreichen. Eine wirkliche Be
fürchtung ist aber nur dann gerechtfertigt, wenn die physicalische Unter-
suchung mit Sicherheit ausgedehnte bronchopneumonische Verdichtungen
erkennen lassen sollte. Gerade diesen Befund habe ich jedoch in solchen
Fällen immer vermisst, und die Beobachtung, dass trotz der drohendsten
Symptome der Anfall meistens ungewöhnlich rasch, binnen wenigen
Tagen sein Ende erreichte und in einen einfachen losen Oatarrh über-
ging, bestimmt mich zu der Annahme, dass es sich auch hier, wie beim
Pseudocroup, um eine rapid entstandene catarrhalische Wulstung der
Schleimhaut handelt, die weit in die mittleren Bronchien herabreichend,
das Caliber derselben stenosiri.
Für diese Annahme spricht unter anderen auch der Fall eines 1 '/4 jährigen
Knaben, bei welchem ein solcher Anfall am Tage nach einem leichten Pseudocroup
sich rapide entwickelte, unter drohenden Symptomen anderthalb Tage anhielt, dann
schnell abnahm und in einen leichten Catarrh überging. Nach 14 Tagen bekam das
Kind abermals Schnupfen, und sofort begann wieder der stertoröse Athem, die
schnelle Respiration, das Pfeifen im Thorax, um nach zwei Tagen ebenso rasch
wieder zu verschwinden.
Möglich ist es, dass eine spastische Oontraction der Bron-
chialmusculatur, wie beim Asthma bronchiale der Erwachsenen,
auch hier eine Rolle spielt. Ich habe oft Kinder beobachtet, welche
niemals ganz frei von Bronchialcatarrh waren, vielmehr immer pfeifende
Rhonchi hie und da, besonders an der Rückenfläche, hören Hessen. Von
Zeit zu Zeit, zumal unter dem Einfluss eines Schnupfens, entstand
plötzlich ein asthmatischer Anfall bis zu leichter Cyanose des Ge-
sichts, aber ohne jede Betheiligung des Larynx, d.h. ohne Heiser-
keit und ohne croupöse Inspiration. Sputa fehlten gänzlich. Im ganzen
Umfange des Thorax hörte man pfeifende Geräusche und sehr schwaches
Henoch, Vorlesungen über Kiuderkranklieiten. 7. Aufl. 24
370 Krankheiten dor Respirationsorgane.
Athmen. Bisweilen traten die Asthmaanfälle regelmässig Abends kurz
nach dem Schlafengehen ein. Sie dauerten, meistens afebril, bisweilen
kaum eine halbe oder ganze Stunde, und verschwanden dann wie mit
einem Zauberschlag, um dem früheren Oatarrh Platz zu machen. Gerade
die kurze Dauer, der plötzliche Eintritt und das eben so schnelle Ver-
schwinden des Anfalls sprechen für einen reflectorischen Bronchialkrampf,
dessen Abhängigkeit von Reizzuständen der Nase die Specialisten in
neuester Zeit vielfach beschäftigt hat. Ich rathe daher in jedem Falle
dieser Art zu einer genauen Untersuchung der Nasenschleimhaut, und
habe in der That von einer Localbehandlung der in der Nase ge-
fundenen abnormen Zustände mitunter Erfolg gesehen. Vor einer
Ueberschätzung dieses Zusammenhanges glaube ich aber warnen zu
müssen.
Behandlung. Der einfache Catarrh heilt, wie im späteren Le-
bensalter, von selbst, sobald das Kind nur im Zimmer gepflegt wird,
doch vergehen fast immer 2 — 3 Wochen, bevor derselbe, zumal wenn er
anfangs febril auftrat, vollständig verschwunden ist. Unter den Medica-
menten zählt besonders das Infus, rad. ipecacuanhae (F. 16), bei
heftigem Hustenreiz mit Aq. laurocerasi (1,0 — 2,0) verbunden, viele
Anhänger. Ich glaube nicht, dass dies Mittel den Verlauf des Catarrhs
abkürzt, will aber seine hustenmildernde Wirkung nicht in Abrede
stellen. Am besten passt es, wenn gleichzeitig Diarrhoe besteht. Bei
Verstopfung und Fieber gebe ich Ipecacuanha mit Calomel (F. 17),
wovon ich in einer sehr grossen Zahl febriler Catarrhe und leichter
Bronchopneumonien gute Wirkungen gesehen habe.
Tritt aber die Krankheit intensiver, mit grosser Dyspnoe und leb-
haftem Fieber auf, so fühlt man sich zu einer energischeren Therapie
aufgefordert. Die früher übliche Antiphlogose durch Ansetzen von Blut-
egeln an den Thorax oder an die Epiphysen der Vorderarmknochen ist
in unserer Zeit fast gänzlich aufgegeben worden, weil man den Blut-
verlust als zu schwächend und gefährlich betrachtet. Für die grosse
Mehrzahl der Fälle, zumal die in den Krankenhäusern und in der
Armenpraxis sich uns darbietenden elenden Kinder, ist diese An-
schauung gewiss berechtigt. Anders liegt die Sache, wenn man es mit
zuvor gesunden blutreichen Kindern zu thun hat. Frühere Erfahrungen1)
hatten mir gezeigt, dass massige örtliche Blutentleerungen durchaus
') Beitr. zur Kinderheilk. N. P. S. 173.
Bronchopneumonie. 371
nicht die schlimmen Folgen (Anämie, Collaps) haben, welche man ihnen
jetzt zur Last legt, und ich kann nicht behaupten, dass meine Erfolge
bei der Bronchopneumonie glücklichere geworden sind, seitdem ich
Blutentleerungen aus meiner Therapie gänzlich verbannt habe. Die von
mir in den letzten Jahren mit Vorsicht wieder angestellten Versuche
einer antiphlogistischen Behandlung ergaben dagegen wiederholt über-
raschende Erfolge, natürlich nur bei kräftigen, früher gesunden Kin-
dern und im Anfange der Krankheit, mochte diese nun aus einem ge-
wöhnlichen Catarrh hervorgegangen oder im Eruptionsstadium der
Masern aufgetreten sein. Ich wende jetzt aber statt der Blutegel
trockene Schröpfköpfe an (4—8, je nach dem Alter), weil diese
gleichzeitig eine revulsorische Wirkung haben und keine Nachblutung
befürchten lassen. Da die Blutentleerung überhaupt nur bei kräftigen
Kindern vorgenommen wird, so ist auch das Fettpolster der Haut fast
immer für die Application der Schröpfköpfe geeignet.
Vor Allem empfehle ich Ihnen, von Anfang an hydropathische
Einwickelungen des Thorax vom Halse bis etwa zur Nabelhöhe
machen zu lassen. Man taucht eine Serviette oder Windel in zimmer-
warmes Wasser und legt sie, gut ausgerungen, sanft, ohne einen Druck
auszuüben, rund um den Thorax, so dass die Arme frei bleiben, über
die Compresse zunächst eine Tafel Watte, und umgiebt das ganze mit
einer Hülle von Wachstaffet oder Gummipapier. Bei hoher Fieber-
temperatur lasse ich die Einwickelungen mindestens halbstündlich er-
neuern, später zwei bis 3 Stunden liegen, und fahre damit einige Tage
und Nächte, sogar eine volle Woche fort, wobei das Anfangs kühle
Wasser später mit einem solchen von 26 — 27° R vertauscht wird. Die
Einwickelung scheint auf dreifache Weise günstig zu wirken: 1) durch
die unmittelbar nach der kühlen Application erfolgenden tiefen Inspira-
tionen, welche die Luft energisch in die Alveolen treiben und Atelektase
verhüten können; 2) durch die derivatorische Hautreizung, welche sich
schliesslich durch Röthe, Papeln und Abschilferung der Epidermis kund-
giebt; 3) endlich durch die Wasser Verdunstung, welche die das Kind
umgebende Atmosphäre feucht erhält und dadurch unterstützt werden
kann, dass man in unmittelbarer Nähe des Bettes Wasserdämpfe aus
einem Theekessel oder Sprayapparat ausströmen lässt. Bisweilen be-
wirken die Einwickelungen auch einen günstig wirkenden Schweissaus-
bruch, der aber nicht zu copiös werden darf. Bei einem 11 Monate
alten Kinde sah ich in Folge dieser enormen Transpiration drohende
Collapssymptome (Todtenblässe, Schwinden des Pulses, leichte Cyanose)
24*
372 Krankheiten der Respirationsorgane.
entstehen, welche nach der Entfernung der Fomentationen und dem
Aufhören des Schweisses unter Gebrauch von Wein sich bald wieder
verloren. Während des ganzen Verlaufs der Krankheit ist es zweck-
mässig, das Kind nicht anhaltend auf dem Rücken liegen zu lassen,
vielmehr abwechselnd auf die eine oder andere Seite zu legen und auf
dem Arm herumtragen zu lassen, um hypostatische Processe möglichst
zu verhüten.
Unter den Arzneimitteln wurden früher die Emetica am meisten
gerühmt, und ich muss dieser Ansicht beipflichten, insofern es sich
um sonst gesunde Kinder handelt. Hier ist der heftige Beginn der
Krankheit am besten mit dem Brechmittel zu bekämpfen, und wo sorg-
fältige Pflege und Beobachtung möglich ist, empfehle ich den Tartarus
stibiatus in refr. dosi (F. 18), Ich lasse von der Lösung stündlich
einen Kinderlöffel nehmen, bis einmal Erbrechen eintritt, dann aber nur
zweistündlich. Sollte sich nach jeder Dosis Erbrechen oder gar Diarrhoe
einstellen, so muss man das Mittel sofort aussetzen. Auch rathe ich,
wenn nach den drei ersten Löffeln kein Erbrechen erfolgt sein sollte,
die Intervalle auf 2 Stunden zu verlängern, um nicht eine cumulative
Wirkung zu bekommen, welche dann schwer zu beschränken ist. Un-
passend ist diese Methode aber durchweg bei schwächlichen Kindern,
bei vorhandener Diarrhoe und im vorgerückten Stadium der Krankheit,
zumal in der Armen- und poliklinischen Praxis, wo die Mütter sich
allein überlassen sind und durch unvorsichtigen, zu anhaltenden Gebrauch
des Mittels leicht erschöpfende Durchfälle und Coliaps herbeiführen.
Wo es unter diesen Umständen darauf ankommt, die mit Schleim über-
füllten Bronchien zu entleeren und die Athmung freier zu machen, da
mögen Sie lieber ein volles Emeticum aus lpecacuanha versuchen (F. 6),
den Brechweinstein aber gänzlich vermeiden. Bei kräftigen Säuglingen
bediente ich mich im Anfang oft eines Brechmittels aus Vinum stibia-
tum und Oxymel scillit (F. 19) mit gutem Erfolg. Jedenfalls aber
hüte man sich vor der Anwendung aller Brechmittel, wenn bereits
Erscheinungen der Kohlensäurevergiftung und der Prostration vorhanden
sind. Die Mittel versagen dann nicht bloss ihre Wirkung, sondern
können durch Erregung von Durchfall und Depression der Herzthätigkeit
die Schwäche in bedenklichem Grade steigern. Die beiden Haupt-
wirkungen des Brechmittels, Auspressen von Schleim aus den Bronchien
und Erzielung ausgiebiger Inspirationen, werden dann durch die depo-
tenzirende Wirkung desselben illusorisch gemacht.
Wenn zahlreiche Rasselgeräusche das Vorhandensein eines reich-
Bronchopneumonie. 373
liehen Secrets in den Bronchien anzeigen, gleichzeitig aber der sinkende
Kräftezustand die Anwendung voller Brechmittel verbietet, gebe man ein
starkes Infus, rad. Ipecacuanhae (0,3 bis 0,5 : 120), ein Decoct. rad.
Senegae oder Polygalae amarae (F. 20), welchen man, um den
Hustenreiz und damit die Expectoration zu steigern, Liq. ammon.
anisat. (0,5 bis 2,0) zusetzen mag. Senfteige auf Brustbein und
Rücken, kleine fliegende Vesicantien auf den Thorax applicirt, sind
gleichzeitig zu empfehlen. Milch, Brühe, Wein (Sherry, Tokayer, Port-
wein) müssen abwechselnd eingeflösst werden, um die Kräfte zu erhalten.
Bleiben diese Mittel unwirksam und nimmt der Kräfteverfall zu, so ist
eine Verbindung von Oampher und Acid. benzoie (F. 21) oft noch
von Erfolg. Unter diesen Umständen haben auch warme Bäder
(28 bis 29° R.) mit kalten Affusionen, ein paar Mal täglich
wiederholt, oft überraschende Wirkung und sollten deshalb nie versäumt
werden.
Schliesslich noch einige Worte über die Behandlung der reeidivi-
renden Bronchitis (S. 368). Während der Anfälle ist sie von der
eben angegebenen in keiner Weise verschieden, und die Wirkung der
Brechmittel pflegt gerade in diesen Fällen am prägnantesten hervorzu-
treten. Ein Mittel, welches im Stande ist, die häufige Wiederkehr
der Anfälle zu verhüten, giebt es nicht; nach meiner Erfahrung ist zu-
nächst der Gebrauch von Soolbädern in einem klimatischen Curorte,
wie Reichenhall oder Soden, zu empfehlen. Diese Cur muss ein
paar Mal wiederholt werden; erst dann ist als Nachcur der Aufenthalt
an der See, zumal an der Nordsee (Norderney, Ostende, Blankenberghe,
Scheveningen, Helgoland, Wyk, Sylt) anzurathen. Von vornherein die
Seeluft zu verordnen, halte ich nicht für richtig, weil die sehr reizbare
Schleimhaut gegen diese nicht selten durch einen neuen Anfall reagirt.
Statt des Seeklimas kann man auch den Aufenthalt auf einer mittleren
Alpenhöhe (Kreuth, Aussee, Engelberg, Beatenberg, Heiden u. s. w.)
empfehlen. Von dem Einathmen comprimirter Luft, welches vielfach
empfohlen wird1), sah ich in den wenigen Fällen, in denen ich es ver-
suchte, keinen Erfolg; doch sind meine Erfahrungen in dieser Beziehung
nicht ausreichend, um ein vollgültiges Urtheil abzugeben. Bei der
S. 369 erwähnten asthmatischen Form kann, wie ich schon bemerkte,
die locale Behandlung einer zu Grunde liegenden Affection der Nasen-
höhle erfolgreich werden.
') v. Laszewski, Zur pneumatischen Therapie des Kindesalters. Dissertation.
Halle, 1886.
374 Krankheiten der Respirationsorgane.
V. Die „fibrinöse" Pneumonie.
Wenn auch die Bronchopneumonie die häufigste entzündliche Lungen-
affection des Kindesalters darstellt, so ist doch die frühere Ansicht von
der Seltenheit der „fibrinösen" Form längst überwunden. Zwischen
dem dritten und zwölften Jahre ist diese sogar recht häufig, und auch
in den beiden ersten Jahren des Lebens kommt sie keineswegs selten
vor. Der folgenden Schilderung lege ich 153 selbst beobachtete Fälle
zu Grunde, von denen nur bei 116 das Alter genau bestimmt werden
konnte. Von diesen fielen
25 auf das Alter zwischen l/a un^ 3 Jahren,
42 „ „ „ ,, 3 „ 6 „
49 „ „ „ „ 6 „ 12 „
Ueberwiegend häufig war die Krankheit in den Monaten October bis
April.
Die Erscheinungen stimmen in klinischer und anatomischer Beziehung
mit der Pneumonie Erwachsener vollständig überein, so dass ich hier
nur auf einige durch das kindliche Alter bedingte Eigenthümlichkeiten
näher einzugehen brauche. Sie wissen, dass bei der fibrinösen Pneumonie
die Alveolen der Lunge mit einem dichten, aus geronnenem Fibrin,
Rundzellen und Blutkörperchen bestehenden Exsudat gefüllt sind, während
bei der Bronchopneumonie ihr Inhalt aus einem Gemisch von theilweise
verfetteten Epithelien und jungen Zellen besteht, dass ferner die letztere
anfangs immer in lobulären, der entzündlichen Bronchialverästelung ent-
sprechenden Herden auftritt, und erst nach und nach durch immer neu
hinzutretende Herde eine diffuse Verbreitung erlangt, während die fibri-
nöse Form von vorn herein einen grösseren Theil der Lunge, selbst
einen ganzen Lappen durchweg befällt und mit starrem Exsudat infil-
trirt. Den anatomischen Verschiedenheiten entspricht auch das klinische
Bild. Statt des von Bronchialcatarrh eingeleiteten, allmälig an Intensität
und Ausdehnung gewinnenden Verlaufs der Bronchopneumonie, finden
wir bei der fibrinösen Form rasche, fast plötzliche Entwickelung
unter stürmischen Fieberbewegungen, in der Art, wie acute
lnfectionskrankheiten sich einzuführen pflegen. Auch die Doppel-
seitigkeit der ersteren, welche eben von der diffusen Bronchitis ab-
hängt, unterscheidet sie von der meistens einseitig auftretenden fibri-
nösen Pneumonie. Was die Localisirung der letzteren in den oberen
öder unteren Lappen betrifft, so betrafen unter 153 von mir beob-
achteten Fällen:
Pneumonie 375
3 die ganze rechte Lunge,
4 beide Unterlappen,
4 den linken Oberlappen,
32 „ rechten „
60 „ linken Unterlappen,
50 „ rechten „
153
woraus sich auch für das Kindesalter die Vorliebe der Krankheit für die
Unterlappen ergiebt.
Die oben erwähnten Unterschiede können indess nur im Allgemeinen
auf Gültigkeit Anspruch machen. Schon in anatomischer Beziehung
kommen Mischformen vor. Im Gegensatz zu Bartels und v. Ziemssen
hielt Steffen1) die Möglichkeit aufrecht, dass das Product der lobulären
Pneumonie auch „croupöser" Natur sein könne; Steiner, sowie Dama-
schino2) beschreiben solche Herde, welche zugleich mit den broncho-
pneumonischen in einer und derselben Lunge gefunden wurden, und mir
selbst kamen Fälle vor, in denen neben Pleuropneumonie eines ganzen
Lappens Bronchitis und bronchopneumonische Herde in der anderen
Lunge bestanden. Auch Virchow gab bereits früher zu, dass neben
der Zellenwucherung in den Alveolen in Folge stärkerer Reizung auch
fibrinöses Exsudat auftreten könne, was nach den S. 359 erwähnten
Untersuchungen nicht mehr bestritten werden kann. Erwägt man nun,
dass die für die fibrinöse Pneumonie als charakteristisch betrachteten
Fränkel-Weichselbaum'schenCoccen auch in den bronchopneumonischen
Herden gefunden worden sind, so würde der fundamentale Unterschied
zwischen beiden Formen kaum aufrechtzuhalten, und auch die Broncho-
pneumonie den infectiösen Processen einzureihen sein, wofür sich auch
die Häufigkeit der letzteren in Anstalten, in denen viele kleine Kinder
beisammen liegen, geltend machen lässt. Auch das klinische Bild ist
nicht immer so prägnant, wie es gewöhnlich geschildert wird. Be-
sonders in der Hospital- und klinischen Praxis, wo die Kinder schon
mit völlig ausgebildeter Krankheit in Behandlung kommen und der Ent-
wickelungsgang unbeobachtet blieb, kann man in Zweifel darüber sein,
mit welcher Form von Pneumonie man es eigentlich zu thun hat.
Stellen Sie sich z. B. einen Fall vor, in welchem sich physikalisch eine
ausgedehnte pneumonische Verdichtung des rechten Unterlappens, da-
') Klinik der Kinderkrankh. I. S. 146.
2) Des differentes formes de la pneumonie aigue chez les enfants. Paris,
1867. p. 29.
376 Krankheiten der Respirationsorgane.
bei aber Catarrh der linken Lunge nachweisen lässt, so müssen Sie
immer daran denken, dass bei Bronchopneumonie oft nur in einer Lunge
ein ausgedehntes, zu Verdichtungssymptomen führendes Confluiren der
Herdo stattfindet, während diese in der anderen Lunge inselförmig von
einander getrennt bleiben können, so dass hier nur catarrhalische Ge-
räusche wahrgenommen werden. Andererseits ist der begleitende Gatarrh
für die Bronchopneumonie nicht durchaus charakteristisch, denn gerade
bei Kindern hatte ich öfters Gelegenheit, auch fibrinöse Pneumonien,
welche mit Bronchialcatarrh complicirt waren, zu beobachten.
Für diese zweifelhaften Fälle bleibt freilich der Fiebercharakter
immer ein werthvolles Symptom. Ich unterschreibe ohne Bedenken noch
heut die Schlüsse, welche v. Ziemssen1) aus seinen Untersuchungen
zog, den gesetzmässigen Verlauf des Fiebers bei der fibrinösen Pneu-
monie und seine Beziehung zu den kritischen Tagen, während
„gerade der protrahirte Verlauf mit den späteren bedeutenden
Schwankungen in der Fieberhöhe, mit den immer wiederkehrenden
Steigerungen des Fiebers, denen jedesmal ein Fortschritt des örtlichen
Processes entspricht, mit dem langsamen, durch kleine Exacerbationen
verzögerten Abfall des Fiebers, mit der zögernden Resolution der ge-
setzten Verdichtung" der Bronchopneumonie eigenthümlich ist. Das
alles hat für die Majorität der Fälle unzweifelhaft seine Richtigkeit,
aber keineswegs für alle. Nicht jede fibrinöse Pneumonie endet mit
einer Krise, vielmehr kann auch hier ein mehr „schleppender" Verlauf,
ein Uebergang in den subacuten Zustand vorkommen; andererseits be-
obachtete ich zuweilen Fälle2) von Pneumonien, welche das vollständige Bild
der Bronchopneumonie darboten, dennoch aber einen unerwartet schnellen
und günstigen Verlauf nahmen, so dass binnen 5 bis 8 Tagen alles vor-
über war. Weitere Beobachtungen dieser Art haben meino schon früher
geltend gemachte Annahme bestätigt, dass zwischen den wohl charak-
terisirten Fällen der fibriuös-lobären Form einerseits und der Broncho-
pneumonie andererseits eine Zwischenform liegt, welche sich klinisch
nicht mit völliger Sicherheit feststellen lässt3). Die Bacteriologen wer-
den sie wahrscheinlich als eine »Mischinfection« auffassen. Ob es
möglich ist, die beiden Formen der Lungenentzündung in jedem Falle
während des Lebens von einander zu unterscheiden, glaube ich daher
nicht. Die Verhältnisse, unter denen sich die Pneumonie entwickelt, sind
') Pleuritis und Pneumonie im Kindesalter. 1862. S. 316.
2) S. meine „Beitr. zur Kinderheilk." N. F. S. 161.
3) Vergl. auch Steiner, Prager Vierteljahrsschr. 1862. III. S. 12.
Pneumonie. 377
hier nicht entscheidend, denn sowohl primäre, d. h. idiopathisch ent-
standene Pneumonien, wie secundäre, welche im Laufe einer anderen
acuten oder chronischen Krankheit auftreten, können die fibrinöse Form
darbieten. So fand ich selbst bei Kindern mit Tuberculose der Lunge
und Verkäsung innerer Drüsen und anderer Organe eine fibrinöse
Pneumonie, ebenso bei acuten Infectionskrankheiten, z. B. bei den
Masern, wenn auch hier die Frequenz der Bronchopneumonie bedeutend
prävalirt. Am meisten überraschte mich der Fall eines an schwerem
Ileotyphus erkrankten 12jährigen Mädchens, dessen hohe Fieber-
temperatur durch kein antipyretisches Verfahren herunterzubringen war,
vielmehr bis zuletzt einen continuirlichen Typus von 40° und darüber
darbot. Bei der Section fanden wir die ganze linke Lunge fast von oben
bis unten hepatisirt, und mitten darin an der unteren Grenze des Ober-
lappens zwei inselförmige, resp. bohnen- und nussgrosse, sequestrirte,
mit einer Demarcationslinie umgebene Herde.
Ich bemerkte bereits, dass auch die fibrinöse Pneumonie sich bis-
weilen aus einem Catarrh, sei es nun ein acuter oder chronischer, ent-
wickeln könne, in welchem Falle während der ganzen Dauer catarrhali-
sche Geräusche in der kranken oder auch in der gesunden Lunge gehört
werden. In der grossen Mehrzahl der Fälle beginnt aber die fibrinöse
Form, wie bei Erwachsenen, ganz plötzlich. Selbst den das heftige
Fieber einleitenden Frostanfall habe ich bei Kindern, welche das
4. Lebensjahr überschritten hatten, bisweilen beobachtet, häufiger wieder-
holtes Erbrechen. Dieser Beginn und die stürmisch bis 40° und
darüber ansteigende Temperatur (in einem Falle beobachtete ich schon
am ersten Abend 41,2) kann um so eher zu Irrthümern verleiten, als
die respiratorischen Symptome in diesem Entwickelungsstadium noch
völlig latent bleiben können, und an ihrer Stelle häufig Erscheinungen
auftreten, welche auf ein Ergriffensein des Gehirns hinweisen, beson-
ders Somnolenz, Delirien, starke Gesichtsröthe, glänzende Augen. Auch
leichte Halsschmerzen mit Hyperämie des Pharynx und des Zahnfleisches
sind öfters im Anfange vorhanden, und eine leichte Eöthe der Haut,
welche gewöhnlich nur partiell auftritt, wirkt dann um so verwirrender
auf den Arzt. Man denkt zunächst an den bevorstehenden Ausbruch
des Scharlachfiebers, an Typhus, an eine sich entwickelnde Meningitis.
Unter diesen Umständen achte man besonders auf die Art des Ath-
mens. Dem aufmerksamen Beobachter fallen schon um diese Zeit die
kurze, im Verhältniss zum Pulse sehr beschleunigte Respiration und die
stöhnende Exspiration auf, wenn auch Husten und wirkliche Dyspnoe
noch vermisst werden. Besonders der Husten kann in der ersten Zeit
378 Krankheiton der Respirationsorgane.
ganz fehlen und selbst im weiteren Verlauf unbedeutend sein, vielleicht
wegen Nichtbetheiligung der Bronchien. Die Untersuchung des Thorax
ergiebt entweder gar keine Abnormität, höchstens, wenn man sehr auf-
merksam auscultirt, Abschwächung des vesiculären Athmens in der er-
krankten Partie, oder bei tiefem Inspiriren sparsames Crepitiren. z. B.
am unteren Theil der rechten Rückeniläche, während der Percussions-
schall yorn oben einen tymanitischen Beiklang hat:
Emil A., öjährig, am 10. Juni in die Poliklinik gebracht, sehr kräftig. Vor
4 Tagen plötzlich starke Hitze, Klage über Schmerzen in allen Gliedern, Apathie,
Appetitverlust, dick belegte Zunge, Puls 132, Kesp. 44, kurz. Die Untersuchung er-
giebt nur rechts hinten und unten etwas abgeschwächtes Athmen, vorn oben rechts
Percussionsschall höher und tympanitisch. Der von mir ausgesprochene Verdacht
einer sich entwickelnden Pneumonie bestätigte sich schon in den folgenden Tagen.
Am 12. Fieber geringer. Starker Husten. Vorn oben rechts Percussion wie am 10.,
aber hinten von der Spina scapulae abwärts und in der Axillarfläche intensive
Dämpfung und bronchiales Athmen. Am 16. nach einem kritischen Fieber
abfall alle Erscheinungen in voller Rückbildung.
Diese Latenz der physikalischen Erscheinungen, welche 4 — 6 Tage
dauern kann, führt im Verein mit den prävalirenden cerebralen oder gastri-
schen Symptomen leicht zur irrigen Annahme einer Meningitis oder eines
Typhus, ja selbst einer Intermittens, wie ich es zweimal erlebt habe').
Vielleicht wandert in solchen Fällen die Pneumonie allmälig aus dem
Centrum der Lunge nach der Peripherie, und erst dann, wenn sie
diese erreicht hat, treten die Verdichtungserscheinungen deutlich zu Tage.
Sobald dies geschieht, pflegen die bis dahin im Vordergrunde stehenden
gastrischen oder cerebralen Symptome sich zurückzuziehen, und die
Diagnose wird dann mit einem Mal klar, bisweilen erst zu einer Zeit,
wo das Fieber bereits im Abnehmen ist, oder sogar schon kritisch
endet, was ich wenigstens in zwei Fällen deutlich beobachtet habe.
Die Meinung einiger Autoren, dass besonders die Pneumonie der Ober-
lappen zu diesen Täuschungen verleiten könne, theile ich nicht: auch
die der Unterlappen sah ich auf diese Weise verlaufen. Wo Hirn-
symptorae die Krankheit einleiten (Pneumonie cerebrale), zeigen sich
diese nach meiner Erfahrung am häufigsten in typhöser Form, als
Apathie, Somnolenz, Schwindel, Delirien, trockne Zunge, seltener als
epileptiforme Convulsionen2).
') Einen Fall mit durchweg intermittirendem Fieber bis zur Krise beschreibt
v. Szontagh (Arch f. Kinderheilk. XI. 137).
2) In zwei von Aufrecht mitgetheilten Fällen (Arch. f. Kinderheilk. XI.) kam
es zu Hemiplegie, welche nach 14 Tagen resp. nach wenigen Stunden verschwand.
Pneumonie. 379
Pauline S., 4jährig, am 7. Juni vorgestellt. Seit vorgestern continuirliches
Fieber und Husten. Am 6. früh wiederholte Eclampsieanfälle. Puls 152,
Resp, 64. Percussion überall normal, rechts vorn sparsames Rasseln. Heftiger
Kopfschmerz. Erst am 8. (also am 4. Tage der Krankheit) Dämpfung rechts hinten
oben mit undeutlichem Athmen, weiterhin Bronchialathmen. Krise am 7. Tage.
Auguste H., 4 jährig, aufgenommen am 11. Mai, seit vorgestern unwohl, Kopf-
schmerzen und Appetitmangel. Gestern Nachmittag plötzlich allgemeine Convul-
sionen von solcher Heftigkeit, dass das Kind aus dem Bett geschleudert wurde. In
der Nacht Delirien. Grosse Apathie, halbgeschlossene Augen, etwas erweiterte
Pupillen. Temp. 40,1, Puls 152, Resp. 42, sehr oberflächlich und etwas dyspnoetisch.
Husten kaum bemerkbar. Erst am 13. bei zunehmender Freiheit des Sensorium wird
starke Dämpfung rechts hinten unten mit kleinblasigem klingendem Rasseln con-
statirt. Am 15. vollständige Krise; am 18. Dämpfung schon erheblich vermindert,
mittelblasiges Rasseln und Schnurren, lockerer Husten. Am 23. alles normal.
Helene S. , Gjährig, aufgenommen am 4. Februar wegen Fluor albus. Am
23. plötzlich leichte Angina bei 39,0 T., Ab. 41,2 mit 150 P. Gleichzeitig ^rat ein
comatöser Zustand mit heftigen Zuckungen der Augen-, Gesicbts- und Ex-
tremitätenmuskeln ein. Nach 20 Minuten langer Dauer Nachlass. Am Morgen des
24. Temp. 40,9. Angina fortbestehend. R. 60, oberflächlich und schnell, Catarrh
links, rechts in der Fossa supraspinata Dämpfung, unbestimmtes Athmen und klingen-
des Rasseln, weiterhin Bronchialathmen, continuirliches hohes Fieber, wobei aber das
Sensorium völlig klar ist; Convulsionen nicht wiederkehrend. Krise zwischen dem
6. und 7. Tage.
Otto S., 7jährig, in der Nacht vom 16. — 17. Januar plötzlich mit starker
Hitze und Vomitus erkrankt. Am 17. andauernde Somnolenz, Apathie, aus
welcher der Knabe jedoch leicht zu erwecken ist und dann richtig antwortet. Temp.
immer 40 und darüber, Mittags sogar 41,5 erreichend. Chinin 0,3 und zwei Bäder
von 23° ohne Erfolg. Am 19 , wo ich den Knaben zuerst sah, fortdauerndes Fieber
(41,8), Apathie, Gesichtsröthe und Injection der Conjunctiva, borkige Lippen, trockne
Zunge, Resp. 40, nicht dyspnoetisen, leise stöhnend, etwas Husten. Links hinten,
besonders von der Spina abwärts und seitlich Dämpfung, Bronchialathmen und
Bronchophonie. Am 20., also zwischen dem 3. und 4. Tage, Sinken des Fiebers auf
38,5 mit allgemeiner Besserung, am 21. Wiederansteigen auf 40,0, mit stärkerer
Dyspnoe, Resp. 60. Krise am 7. Tage.
Ueber die Ursachen der initialen Hirnerscheinungen sind die An-
sichten getheilt. Dass die mehr typhösen Symptome (Erbrechen,
Schwinde], Kopfschmerz, Apathie, Somnolenz, Delirien, unwillkürliche
Ausleerungen, trockne braune Zunge), sowie die bisweilen von mir beob-
achtete leichte Albuminurie, von der rapiden Steigerung und continuir-
Ob die von A. ausgesprochene Ansicht, dass es sich dabei um ein Oedem der Ge-
hirnsubstanz handelte, berechtigt ist, lasse ich dahingestellt. Ich selbst habe eine
solche Lähmung nie beobachtet, wohl aber bei einem 6jährigen Mädchen, welches
am 13. Tage einer schweren rechtsseitigen Pneumonie kritisirte, völlige Aphasie,
wie nach dem Ileotyphus, welche Tage lang fortbestand.
380 Krankheiten der Respirationsorgane.
liehen Höhe der Temperatur abzuleiten sind, und dass bei einer be-
sonderen Disposition auch Convulsionen auf diese Weise entstehen können,
ist möglich, aber ebenso wenig bewiesen, wie der Einfluss der „Pneu-
moniecoccen" oder ihrer „Ptomaine". Dasselbe gilt von der von v. Jaksch
beschuldigten Diaceturie (Vorkommen von Acetessigsäure im Harn) ').
Beziehungen zu einer complicirenden Otitis, auf welche Steiner auf-
merksam macht, konnte ich bisher nie constatiren, und Meningitis
kann wohl nur da angenommen werden, wo die cerebralen Symptome
nicht bloss als initiale auftreten, sondern auch im weiteren Verlaufe
der Krankheit bis zum Tode fortdauern, Dass Meningitis cerebrospinalis
sich mit Pneumonie verbinden kann, ist zweifellos und durch die gleich-
zeitig Lunge und Gehirn inficirenden Pneumoniecoccen erklärt worden.
Die Erscheinungen der Meningitis bleiben dann immer die prävalirenden,
gegen welche die pneumonischen zurücktreten. Immerhin scheint es
mir, als ob so mancher Fall von „geheilter Meningitis" nichts weiter
gewesen ist, als eine verkannte Pneumonie mit cerebralen Symptomen.
An die allmälige Entwickelung der Pneumonie aus dem Centrum
nach der Peripherie hin, welche die mehrtägige Latenz der physikalischen
Symptome zu bedingen scheint, schliesst sich die unter dem Namen
„Pneumonia migrans" beschriebene Form, welche ich auch bei Kin-
dern nicht selten beobachtete. Die Hepatisation wandert hier, wie ein
Erysipel, von dem primär ergriffenen Lungentheil aus weiter, und kann
auf diese Weise nach und nach einen ganzen Lungenflügel befallen:
Anna S., 7 Jahre alt, aufgenommen am 8. Februar mit Pneumonie des linken
Unterlappens und sehr hohem Fieber (40,5—40,9). Am folgenden Tage zeigten sich
Dämpfung und klingende Rasselgeräusche schon an der linken Seitenfläche, und be-
standen hier unverändert bei andauernd hoher Temperatur, 76 — 84R., 144—150 P.
und ausgesprochener gastrischer Complication (dick belegte Zunge, Erbrechen, Foetor
oris, Diarrhoe). Am 13. (dem 10. Tage der Krankheit) waren die Verdichtungssym-
ptome hinten bereits in voller Rückbildung (Temp. 38,8—39,4), während vorn
Dämpfung, Bronchialathmen und klingendes Rasseln bis an die Clavicula herauf-
reichten. Krise am 11. Tag. Am 19. Februar völlige Wiederherstellung.
Elise B., öjährig, aufgenommen am 29. December. Vor einigen Tagen er-
krankt mit Fieber, Erbrechen, Somnolenz, kein Husten. Resp 36; Puls 144; Temp.
Morgens 39,5, Abends 40,4. Macht den Eindruck von Typhus. Am 3. Januar con-
statirte ich Pneumonie des linken Unterlappens. Resp. 52, Dyspnoe. Bad von 26
Grad R., Chinin, sulphur. Ab. 1,0 Den 4. Wanderung der Pneumonie nach oben
und seitwärts; den 5. Verdichtung des linken Oberlappens auch an der Vorderfläche
nachweisbar. Temp. immer 39,5—40,0. Den 7. Entfieberung, Temp. 37,3. Allmälige
') Hellström, Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. 29. S. 74.
Pneumonie. 381
Resolution, am 12. noch Dämpfung und unbestimmtes Athmen nachweisbar. Sonst
alles normal. Am 20. geheilt entlassen.
Man konnte in diesen und ähnlichen Fällen mittelst der physika-
lischen Untersuchung die in Schüben vor sich gehende Wanderung der
Pneumonie vom Unterlappen nach oben und weiter über die Seitenfläche
nach vorn bis zur Lungenspitze verfolgen. Dieser Process dauerte 4 bis
10 Tage, mitunter noch länger. Im ersten Falle stieg am 12. Abends
die schon sinkende Temperatur plötzlich wieder auf 40,1, offenbar in
Folge des letzten pneumonischen Nachschubs in der Lungenspitze, mit
welchem die Krankheit ihr Ende erreichte. Bei einem 6jährigen Knaben
sah ich die bis dahin auf den hinteren Theil des rechten Lungenlappens
beschränkte, dann aufsteigende Pneumonie erst am 10. Tage die Linea
axillaris überschreiten und die vordere Lungenpartie befallen, während
neben der Wirbelsäule die Verdichtungssymptome wieder schwanden.
Erst am 13. Tage erfolgte hier die Krise, ebenso bei einem 6jährigen
Mädchen, dessen Temperatur während dieser ganzen Zeit nur ausnahms-
weise unter 39,6 gesunken, oft über 40,0 gestiegen war. In solchen
Fällen kann man, zumal bei zögernder Resolution in der unteren Partie,
dazu verleitet werden, eine Oomplication mit pleuritischem Exsudat an-
zunehmen, bis die Aufhellung des Percussionsschalles am untersten Theil
der Rückenfläche oder die eintretende Krise die Diagnose der Wander-
pneumonie sicherstellt.
Bei dieser Gelegenheit erinnere ich daran, dass bei Pneumonie eines
Oberlappens bald auch Dämpfung an der Basis auftreten kann, welche
nicht etwa durch eine sprungweise Wanderung der Pneumonie, sondern
durch ein von der Spitze herabgeflossenes pleuritisches Exsudat bedingt
wird (Traube). Die Oomplication mit Pleuritis kommt bei Kindern
ebenso gut vor, wie bei Erwachsenen, und verräth sich auch hier durch
Klagen über Schmerz beim Husten, beim Liegen auf der kranken Seite,
bei der Percussion und Palpation der Intercostalräume. In der Regel
erreicht diese Pleuritis keinen erheblichen Grad, wenn auch die durch
das Exsudat bedingte Dämpfung und Abschwächung des Athemgeräusches
am unteren Theil der Rückenfläche sich noch weit in die fieconvalescenz
hineinzieht. Seltener sah ich aus der Pneumonie ein reichliches puru-
lentes Exsudat in der Pleurahöhle sich herausbilden, welches die
Punction oder schliesslich die Radicaloperation des Empyems erforderte.
Bei einem 11jährigen Mädchen war diese Pneumopleuritis primär, bei
einem 9 jährigen Knaben im Verlauf einer scarlatinösen Nephritis J ent-
standen. Auch kommen Fälle vor, in denen es von Anfang an schwer
382 Krankheiten der Respirationsorgane.
ist zu bestimmen, ob Pneumonie oder Pleuritis vorliegt, zumal bei klei-
nen noch nicht sprechenden Kindern, weil zwei wichtige Symptome, der
Pectoralfremitus und die rostfarbigen Sputa hier fehlen. Der
erstere ist fast niemals deutlich, überhaupt nur im Moment des starken
Schreiens nachweisbar; erst nach zurückgelegtem dritten Lebensjahre
gelingt es, die Verstärkung oder Abschwächung des Stimmfremitus so
bestimmt zu erkennen, dass man diagnostische Schlüsse daraus ziehen
kann. Rostfarbige Sputa aber sah ich fast nur bei älteren Kindern von
8 — 12 Jahren, nur einmal blutgestreiften Auswurf bei einem 4 '/, jähri-
gen Knaben.
Ebenso wenig, wie die Symptome, zeigen der Verlauf und die Aus-
gänge der Pneumonie wesentliche Unterschiede von der der Erwachsenen.
Der grösste Theil der Fälle endet mit einer vollständigen Krise glück-
lich (unter 153 Fällen 96mal), seltener (14mal) allmälig (Lysis);
in den übrig bleibenden 43 Fällen fehlen ganz verlässliche Angaben.
Das Eintreten der Krise erfolgte am häufigsten (67 mal) zwischen dem
6. und 8. Tage; die übrigen Fälle vertheilten sich auf den 9. bis 11.,
seltener den 5., am seltensten den 3. oder 4. Tag. Ganz ähnlich war
das Verhältniss in den früher von mir zusammengestellten 39 Fällen1).
Nur einmal erfolgte die Krise erst am 17. Tage, was sich daraus er-
klärt, dass die Pneumonie hier aus zwei durch ein 24 stündiges, beinahe
fieberfreies Intervall getrennten Schüben im linken Unterlappen bestand.
— Den Abfall der Temperatur, der bisweilen schon am Tage vor der
Krise begann, begleiteten häufig Herpes labialis, oft auch copiöser
Schweissausbruch, womit dann Symptome des Collapses, wenigstens
grosser Schwäche zusammenfielen, grosse Unruhe, kühle Extremitäten,
verfallenes bleiches Gesicht, sehr frequenter kleiner Puls, so dass ich
mitunter zur Anwendung excitirender Mittel genöthigt war. Bei einem
3jährigen Knaben, der während der Krise aufgenommen wurde, fand ich
den Puls (124 Schi.) so klein, das Sensorium so benommen und die
Temperatur so gesunken (34,8), dass wir mit Aetherinjectionen und
grösseren Dosen von Campher und Benzoe vorgehen mussten, worauf die
Temperatur binnen 24 Stunden wieder auf 37,6 stieg. Ein ähnliches
Herabgehen der Temperatur auf 35° bis 34,7 habe ich während der
Krise wiederholt beobachtet. Uebrigens Hess sich der Zeitpunkt des
Eintritts der Krise fast nie mit absoluter Sicherheit bestimmen, weil sie
') Beitr. zur Kinderheilk. N. F. S. 169. — Von 342 Pneumoniefällen bei Kin-
dern unter 12 Jahren endeten 279 mit Krise (zwischen dem 5. und 8. Tage), und
nur 63 lytisch (Transaot. of the amerioan pediatric society. Vol. III. p. 35).
Pneumonie. 383
häufig während der Nacht erfolgte, und um diese Zeit nur ausnahms-
weise thermometrische Messungen vorgenommen wurden. Es blieb daher
oft ungewiss, ob das plötzliche Sinken der Temperatur am Ende eines
geraden oder am Anfang eines ungeraden Tages stattfand. Wiederholt
beobachtete ich auch, dass im Verlaufe der Pneumonie das hohe conti-
nuirliche Fieber zwischen dem 3. und 5. Tage temporär sank, z. B. von
40,0 auf 38,8, nach 12 — 24 Stunden wieder seinen hohen Stand erreichte,
und erst nach einigen Tagen kritisch abfiel, wobei es unentschieden
blieb, ob die Erscheinung dieses „dies index" und die darauf folgende
neue Steigerung auf einem neuen pneumonischen Schub beruhte. Durch
die physikalische Untersuchung Hess sich ein solcher wenigstens nicht
sicher nachweisen.
Nicht immer war die Krise sofort eine vollständige, wobei die Tem-
peratur, welche Abends noch 40° oder darüber betrug, am folgenden
Morgen auf 37 — 37,5 sank und nun anhaltend normal oder subnormal
(36,5) blieb; vielmehr beobachtete ich wiederholt, dass die Krise sich
längere Zeit, etwa 24 Stunden hinzog, z B. in folgender Weise:
Anna B..
7 jährig, aufgenommen
am 8. März
mit Pneumonie des
ipens.
M.
A.
am 8. März
40,5
40,5
40,9
,. io. „
40,3
40,6
„ IL „
39,4
39,6
.. 12- „
39,3
40,1
» 13- >,
38,8
39,4
,, 14. „
36,0
36,1 Entfieberung
Auch kam es bisweilen am ersten Tage nach der Krise noch ein-
mal zu einer plötzlichen, ephemeren Temperaturerhebung (30 — 40),
deren Grund sich nicht nachweisen liess, die sich auch nicht wieder-
holte und den weiteren günstigen Ablauf in keiner Weise beeinilusste.
So erfolgte bei einem Knaben die Krise zwischen dem 6. und 7. Tage,
an welchem die Temperatur Morgens 36,5, Mittags 37,3 betrug, Abends
aber wieder auf 40,2 stieg, um erst vom 8. Tage an ganz fieberlos zu
bleiben. Während der Reconvalescenz fand ich, wie andere Beobachter,
zumal in der ersten Zeit und beim Aufrechtsitzen häufig einen unregel-
mässigen Puls. Vielleicht sind die parenchymatösen Veränderungen
des Herzmuskels, die bei intensiv fieberhaften Krankheiten erfolgen und
sich später wieder ausgleichen, an dieser Erscheinung schuld.
Durch fulminanten Verlauf zeichnete sich ein tödtlicher Fall aus;
derselbe dauerte kaum 9 Stunden und betraf einen
384 Krankheiten der Respirationsorgane.
4jährigen Knaben, welcher in den letzten Tagen des Jahres 1873 in der
Klinik an einer diphtherischen Nephritis mit Erfolg behandelt worden war. Schon
seit 14 Tagen war der Knabe reconvalescent und am 9. Decbr. Mittags betrug die
Temp. noch 36,9. Abends plötzliches Krankheitsgefühl ; T. 39,1, P. 158. Anhalten-
der starker Husten, zunehmende Dyspnoe; nach einigen Stunden rechts unterhalb
der Spina scapulae matter Percussionsschall, unbestimmtes Athmen, klingendes
Rasseln. Morgens 3 Uhr Tod unter enormer Dyspnoe. Die Section ergab Hepati-
sation des ganzen rechten Unterlappens, Catarrh in der linken Lunge,
Nieren normal, Herz etwas vergrössert, blass. Leider wurde die microscopische
Untersuchung des letzteren versäumt, da es mir aus anderen Beobachtungen wahr-
scheinlich ist, dass hier eine Degeneration des Herzmuskels in Folge der Diphtherie
vorlag, welche den rasch letalen Verlauf der Pneumonie bedingt hat.
Einen Fall, welcher nach 3tägiger Dauer mit Krise glücklich
endete, theilte ich schon früher mit1).
Die Pneumonie begann hier am 8. April früh 5 Uhr mit starkem Fieber, nach-
dem der an einem Catarrh leidende 10jährige Knabe Tags zuvor sich dem scharfen
Ostwinde ausgesetzt hatte. Am Abend des 9. Hess sich die Hepatisation des rechten
Unterlappens schon deutlich nachweisen; am 10. Abends war die Temp. noch 40,0,
von 8 Uhr an aber trat ein die ganze Nacht hindurch anhaltender warmer Schweiss
ein; Temp. am 11. fieberlos; alle Erscheinungen so rasch verschwindend, dass am
12. nur noch eine geringe Dämpfung nachweisbar war.
Aehnlich verlief der folgende Fall, nur erfolgte die Krise hier schon
in der Nacht vom zweiten zum dritten Tage:
Max S., HV4 Jahre alt, aufgenommen am 27. Juni mit fieberlosem Catarrh.
Am 30. Morgens plötzlich hohes Fieber (40,5); R. 40, P. 138. Husten und Schmerz
links beim Athmen; unterhalb der Scapula unbestimmtes Athmen. Am 1. daselbst
Dämpfung, Bronchialathmen und klingendes Rasseln. T. 40—40,4, R. 48. Abends
grosse Schwäche. Sputum exquisit rostfarbig. Am folgenden Tage (Beginn des
dritten Krankheitstages) nach reichlichem Seh weiss und gutem Schlaf Euphorie;
T. 37,0 R. 25, P. 80. Am 4. war die Dämpfung bereits verschwunden, und nur noch
rauhes Athmen mit vereinzelten Rasselgeräuschen hörbar.
In der Literatur fehlt es nicht an einzelnen Beispielen eines noch
kürzeren, selbst eintägigen Verlaufs (Leube, Weil), welche bei Er-
wachsenen beobachtet wurden. Diese sogenannten »Abortivpneumonien«
scheinen die Franzosen2) zur Aufstellung eines schwankenden Krankheits-
bildes unter dem Namen »Congestion pulmonaire aigue« bestimmt zu
haben, eine Annahme, welcher vorläufig die anatomische Grundlage fehlt.
') Beiträge zur Kinderheilk. N. F. S. 167.
-) Cadet de Gassicourt, 1. c. p. 1. — Revilliod, Notes clin. surquelques
maladies des enfants. Paris, 1886. p. 90. — Hamon, Contribution ä l'etude de la
congestion pulmonaire etc. Paris, 1888.
Pneumonie. 385
Kurzer Verlauf, rascher Wechsel der physikalischen Zeichen und
schnelle Resolution sind für mich noch keine ausreichenden Kriterien;
denn wie schnell, binnen wenigen Tagen nach der Krise, auch die
physikalischen Erscheinungen einer wirklichen Pneumonie sich zu-
rückbilden können, zeigt der letzte Fall. Freilich geschieht dies nicht
immer, aber abgesehen von den seltenen Fällen eines chronischen
Verlaufs sah ich in der Mehrzahl nach einer, spätestens nach V/, bis
2 Wochen den normalen Percussionsschall und das vesiculäre Athmen
wiederkehren, wenn nicht etwa ein pleuritisches Exsudat die Dämpfung
am untersten Theil der Rückenfläche noch längere Zeit unterhielt. Von
dieser Regel wichen aber drei Fälle durch die merkwürdige Erscheinung
ab, dass die physikalischen Symptome noch vor dem Eintritt
der Krise sich zurückbildeten:
Heinrich S , 9jährig, aufgenommen am 11. Mai, gesund. In der Nacht vom
7. zum 8. lebhafte Klagen über Kopf- und Leibschmerzen, Durst und Hitze , wieder-
holtes Erbrechen. Seitdem Anorexie, Durst, Fieber, nächtliche Delirien, leichter
Husten. T. bei der Aufnahme 40,4. Gesichtsausdruck leidend , Wangen geröthet,
Augen meist geschlossen, Somnolenz. P. 120, stark gespannt. R. oberflächlich, 60.
Empfindlichkeit des Unterleibs gegen Druck. Percussion hinten links von oben bis
unten gedämpft; dabei kleinblasiges klingendes Rasseln , sonst nichts Abnormes.
T. Abends 40,6. Der folgende Tag brachte keine Veränderung, dagegen fanden wir
am 13. bei fortwährend hohem Fieber (40,6), 120P. und 60 R. die Dämpfung
fast ganz geschwunden und statt des klingenden kleinblasigen nur noch mu-
cöses Rasseln hörbar. Die hohen Temperaturen (zwischen 40 und 40,5 schwan-
kend) bestanden noch bis zum 16. früh, wo plötzlich Euphorie und ein kritischer
Abfall auf 36,5 constatirt wurde. Von nun an rasche Genesung. Ganz ähnlich ver-
liefen die beiden anderen Fälle.
Die Angabe von Grisolle1), dass bei 26 an Pneumonie Erkrank-
ten die Symptome der Auscultation sich noch während der Fieberhöhe
auffallend gebessert hätten, wurde von anderen Autoren, z. B. Fox,
durch das Bedenken zu entkräften versucht, dass Grisolle das Fieber
nur nach dem unzuverlässigen Pulse, nicht nach dem Thermometer be-
urtheilt habe. Die eben mitgetheilten Fälle, sowie die Mittheilung von
Sidlo2), dass in 37,5 pOt. der Fälle der physikalisch nachweisbare
Localprocess durchschnittlich 41 Stunden vor dem Kriseneintritt sistirte,
sprechen aber für die Richtigkeit von Grisolle's Behauptung.
Recidive der Pneumonie beobachtete ich nur zweimal, bei einem
4jährigen Kinde, dessen linker Unterlappen unmittelbar nach dem Ab-
') Traite de la Pneumonie, p. 307.
2) Deutsches Archiv f. klin. Med. Bd, XIV. S. 348.
Heu och, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 25
386 Krankheiten der Respirationsorgane.
fall des Fiebers von neuem, und zwar ausgedehnter als zuvor, hepatisirt
wurde, und bei einem 3jährigen Knaben, der im Verlauf von 14 Tagen
successiv an Pneumonie des rechten, dann des linken Unterlappens er-
krankte. Beide Fälle endeten kritisch mit Genesung1). —
Die fibrinöse Pneumonie gehört, wenn sie nicht gerade unter sehr
ungünstigen Verhältnissen (Nephritis, Typhus, Tuberculose) auftritt, zu
den prognostisch günstigsten Krankheiten der Kinder. Von 153
Fällen starben mir nur 8, von denen einer bei der Autopsie Hepatisa-
tion der ganzen rechten Lunge, ein anderer Pleuropneumonia duplex und
Pericarditis purulenta, ein dritter diffuse Peritonitis, ein vierter vielfache
Tuberculose ergab. Eiterige Pericarditis ist besonders bei kleinen Kin-
dern öfter als eine gefährliche und während des Lebens leicht ver-
kannte Oomplication beobachtet worden. Je grösser die Ausdehnung der
Pneumonie, um so grösser ist die Gefahr der Athmungsinsufficienz,
woraus sich auch die weit günstigere Prognose der meist partiell auf-
tretenden fibrinösen Form im Gegensatz zu der diffusen catarrhalischen
erklärt. Aus diesem Grunde gewährt es immer Beruhigung, wenn die
Pneumonie einseitig auftritt, und die Symptome der Hepatisation
sich auf die Rücken- oder Vorderfläche beschränken, nicht die ganze
Dicke eines Lappens betreffen. Das gleichzeitige Bestehen eines Ca-
tarrhs oder eines reichlichen pleuritischen Exsudats trübt die
Prognose, während die fast nie fehlende geringere Pleuritis nicht be-
unruhigen darf. Auch der seltener vorkommende lytische Fieberabfall,
welcher sich Tage lang (einmal bis zum 12. Tage) hinzieht, ist nicht
zu fürchten, wenn dabei auch die Möglichkeit einer längeren Persistenz
der Verdichtung und des Uebergangs in den chronischen Zustand nicht
ausgeschlossen werden kann. Nur zweimal hatte ich Gelegenheit, den
Ausgang in Abscessbildung, und zwar mit schliesslicher Heilung zu
beobachten.
Im April 1875 wurde ich bei einem 7jährigen früher ganz gesunden Mädchen
consultirt, welches an doppelseitiger fibrinöser Pneumonie litt. Neben Hepatisation
des ganzen rechten Unterlappens bestand auch Dämpfung und Bronchialathmen am
untersten Theil der linken Rückenfläche. Am 7. Tage erfolgte die Krise; unter co-
piösen Schweissen und Symptomen des drohenden Collapses sank die Temperatur auf
37,2, aber nur auf einige Tage. Während die 'Verdichtungserscheinungen links unten
schnell verschwanden, blieben die der rechten Lunge unverändert, und das wieder
aufflammende Fieber nahm bald den Charakter der Febris hectica mit wechselnden
') Hellström (1. c. S. 72), Tordeus (Un cas de pneumonie ä rechute
Bruxelles, 1888) und v. Jaksch (Pädiatr. Arbeiten. Festschr. Berlin 1890) beob-
achteten ähnliche Fälle.
Pneumonie. 387
Teniperaturhöhen an; dabei fortdauernder Husten mit schleimigen spärlichen Sputis,
zunehmender Verfall der Kräfte und enorme Abmagerung, welche das Aeusserste be-
fürchten Hess. Dabei konnte man nirgends eine Höhle physikalisch nachweisen,
Dämpfung und Bronchialathmen bestanden hinten rechts von der Spina scapulae ab-
wärts unverändert fort, während vorn oben nur verlängertes Exspirium hörbar war.
Am 26. Mai, also etwa 5—6 Wochen nach dem Beginn der Pneumonie, erfolgte
plötzlich unter suffocatorischen Hustenanfällen ein enormer Auswurf reinen
Eiters, dessen Menge leider nicht bestimmt werden konnte, und von nun an besserten
sich allmälig alle krankhaften Erscheinungen, so dass am 14. Juli das Kind voll-
kommen gesund aus der Cur entlassen werden konnte. Nur unbestimmtes Athmen
und eine leichte Dämpfung an der Basis der rechten Rückenfläche gaben noch Kunde
von der überstandenen Krankheit. Seit dem Beginn der Febris hectica hatte das
Kind ein Chinadecoct, Wein und kräftige Nahrung bekommen; nach der Ruptur des
Abscesses in die Bronchien brachte es den grössten Theil des Tages im Garten zu.
Wie ich später erfuhr, erfreute sich das Kind einer ungetrübten Gesundheit. Aehn-
lich verlief der zweite Fall. —
Die ziemlich exspeetative Behandlung, welche jetzt gegen die
Pneumonie der Erwachsenen empfohlen wird, gilt auch für das Kindes-
alter. Topische Blutentleerungen durch Schröpfköpfe habe ich seit
vielen Jahren nicht mehr angewendet, eher trockene Schröpfköpfe bei
grosser Dyspnoe, zumal bei Oomplication mit heftigen pleuritischen
Schmerzen beim Athmen und Husten. Wenn aber die Pneumonie räum-
lich beschränkt ist, die pleuritische Oomplication fehlt oder wenigstens
nicht in den Vordergrund tritt, unterlasse man die Blutentleerung gänz-
lich und wende lieber kalte Einwickelungen des Thorax an (Seite
371), welche, so lange die hohe Temperatur anhält, halbstündlich, später
zwei- bis dreistündlich erneuert werden. Ein auf den Thorax applicirter
Eisbeutel ist weniger zu empfehlen, weil er seiner Schwere wegen
nicht vertragen wird. Der Anwendung kühler oder kalter Bäder,
wie sie besonders von Jürgensen empfohlen wurde, kann ich nicht
das Wort reden, weil ich eine deprimirende Wirkung auf das Herz, die
gerade bei Pneumonie zu vermeiden ist, befürchte, aber besonders des-
halb, weil ich die Bäder nicht für nothwendig erachte. Der Grund-
satz „ne quid nimis" gilt hier in seinem vollen Umfange. Die unge-
heure Mehrzahl der Fälle verläuft erfahrungsgemäss ohne jede ein-
greifende Behandlung; es ist also kein Grund vorhanden, die Kin-
der der Gefahr eines Oollapses auszusetzen, welche ich von der kalten
Behandlung des Kindertyphus her kenne. Dazu kommt, dass ich auf
der Höhe der Temperatur von kühlen (20—22° R.) Bädern ebenso
wenig einen nachhaltigen antifebrilen Erfolg beobachtet habe, wie von
grossen Dosen Chinin (0,5 bis 1,0), Antipyrin (0,25 bis 0,5) oder
Antifebrin (0,1 bis 0,2). Drückt man auch die Temperatur für die
25*
388 Krankheiten der Respirationsorgane.
nächsten Stunden herab, so ist diese Abnahme doch nur vorübergehend,
und man müsste, um die Wirkung zu unterhalten, das Bad oder die
Antipyretica alle paar Stunden wiederholen, was bei Kindern zu wider-
rathen ist. Curven, wie die folgende, könnte ich Ihnen mehrfach vor-
legen :
Temp. M. A.
Am 11.
Mai 40,6
Bad von 20° R.
„ 12.
„ 9 Uhr 39,8
12 „ 40,3
5 „ 40,5 Chinin 0,5
„ 13.
„ 39,6 40,6 Chinin 0,5
„ 14.
„ 39,6 40,5 Chinin 1,0
„ 15-
40,0 40,1
Bad von 22°
„ 16.
,, Krise.
Ich bin daher von der Anwendung des Chinins und der anderen
Antipyretica mehr und mehr zurückgekommen, und beschränke mich auf
die locale Anwendung der Kälte in der Form kühler, später hydro-
pathischer Einwickelungen der Brust und des Unterleibs. Wollen oder
müssen Sie durchaus interne Mittel verordnen, so eignet sich dazu ein
Infus, hb. Digitalis mit Kali nitricum (F. 22), welches indess
durch eine gastrische Oomplication (biliöses Erbrechen, dick belegte
Zunge, Uebelkeit) contraindicirt wird. Sie mögen dann lieber Acidum
muriaticum (F. 3) oder ein Infus, rad. ipecacuanhae (F. 16) ver-
ordnen. Den Tartarus stibiatus in der früher (S. 372) angegebenen
Weise zog ich nur selten, bei prävalirenden gastrisch-biliösen Erschei-
nungen, (anhaltendem Stirnschmerz, Vomituritionen, Foetor oris) in Ge-
brauch, dann aber mit entschiedenem Erfolg. Dabei lasse man eine
nährende Diät (Milch, Bouillon, Wein) beobachten. Der mit der Krise
zuweilen eintretende Coilaps wird durch grosse Gaben Wein, Campher-
und Aetherinjectionen am erfolgreichsten bekämpft, doch gehört diese
Eventualität nicht zu den häufig vorkommenden. —
VI. Die chronische Pneumonie.
Die acute Pneumonie, mag sie nun mit einer Krise oder ly tisch
enden, bildet sich nicht immer so schnell zurück, wie man es in den
meisten Fällen zu sehen gewohnt ist. Die physikalischen Symptome
der Lungenverdichtung können vielmehr Wochen, ja Monate lang fort-
bestehen und erregen dann immer die Befürchtung, däss es zu weiteren,
Chronische Pneumonie. 389
das Leben bedrohenden Veränderungen der Lunge, zu käsiger Entartung,
nekrotischem Zerfall und phthisischer Höhlenbildung kommen kann.
Dieser Ausgang ist weit häufiger bei der Bronchopneumonie als bei
der fibrinösen Form, sobald die Umstände (erbliche Anlage, schlechte
Lebensverhältnisse) einer solchen Umwandelung des Infiltrats günstig
sind. Sie werden sich aber erinnern (S. 365), dass selbst ein sehr
schleppender Verlauf der Bronchopneumonie trotz anscheinend trostloser
Symptome (Macies, Fieber, Diarrhoe) noch zu einem unerwartet guten
Ende führen kann, und ich glaube aus einigen Beobachtungen schliessen
zu dürfen, dass auch die fibrinöse Pneumonie, wenn auch viel selte-
ner, einen ähnlichen Verlauf nehmen kann:
Max K., 6jährig, am 17. März mit Eczema capitis und Bronchialcatarrh in die
Klinik aufgenommen. Am 1 9. plötzlich Entwickelung einer fibrinösen Pneumonie
des rechten Unterlappens. T. 40,6, P. 160, R. 44. In den nächsten Tagen Temp.
zwischen 39,8 und 41,0 schwankend. Dämpfung, klingendes Rasseln und Bron-
chialathmen an der linken Rückenfiäche bis über die Spina scapulae herauf, mit der
Axillarlinie abschneidend. Dabei Somnolenz, Delirien, Unruhe. Blutige Schröpfköpfe
(wegen pleuritischer Schmerzen applicirt), kühle Bäder, Chinin ohne sichtlichen Ein-
fluss. Am 25 , also am 9 Tage der Krankheit, Sinken der Temperatur auf 37,8 bis
38,2, welches 4 Tage (Lysis) anhält, unter starken Schweissen und mit Ausbruch
von Herpes labialis. Vom 31. (dem 14. Tage) an völlige Entfieberung,
während der Husten noch fortdauert und die physikalischen Symptome im rechten
Unterlappen sich langsam bessern, die Dämpfung sich etwas aufhellt und das Athem-
geräusch unbestimmt und von feinem Rasseln begleitet bleibt. Schon nach wenigen
Tagen aber beginnt eine abendliche, geringe Fieberbewegung, welche mitunter auch
Morgens bemerkbar wird, so dass die Temperatur 14 Tage lang bis zum 21. April
immer zwischen 37,8 und 38,4 schwankt. Bei wenig gesteigerter Respirationszahl
(26—30), die nur selten auf 40 steigt, starkem Husten, grosser Neigung zum
Schwitzen verliert sich die Dämpfung erst in den letzten Tagen des April voll-
ständig, während unbestimmtes Athmen und Rasseln noch zurückbleiben, und um
dieselbe Zeit wieder ein paar Tage lang (vom 26. — 28. April) remittirendes
Fieber beobachtet wird. Dasselbe geschieht vom 4.-27. Mai (T. immer 38,2 bis
38,5). Zunehmende Blässe und Abmagerung trotz leidlichen Appetits, und das noch
immer hörbare, mit Rasseln und verlängerter Exspiration verbundene unbestimmte
Athmen an der kranken Stelle sind um so verdächtiger, als die sparsamen schleimigen
Sputa nunmehr häufig blutgestreift erscheinen und allmälig eine purulente Be-
schaffenheit annehmen. Microscopisch konnten aber in denselben nur Eiterkörperchen
und Epithelien, niemals andere Gewebsbestandtheile nachgewiesen werden. Erst
vom 27. Mai an. also über zwei Monate nach Beginn der Pneumonie, ist alles
zum Normalzustande zurückgekehrt, und das Kind konnte als geheilt entlassen
werden.
In diesem Falle kann nicht daran gezweifelt werden, dass es sich
ursprünglich um die fibrinöse Form gehandelt hat; auch ist die Ent-
wickelung eines Lungenabscesses inmitten des verdichteten Lappens hier
390 Krankheiten der Respirationsorgane.
nicht ganz auszuschliessen. Wenn man aber nur das Residuum der
Krankheit zu sehen bekommt, also die erste Entwickelung nicht selbst
beobachtet hat, so bleibt es freilich unentschieden, ob die fibrinöse oder
bronchopneumonische Form als Ausgangspunkt zu betrachten ist, und
zu diesen zweifelhaften Fällen gehören zum Theil die von mir früher1)
als Beispiele „chronischer Pneumonie" mitgetheilten.
Die meisten Kinder standen im Alter zwischen l'/2 und 4 Jahren,
doch können auch ältere ebenso erkranken. Blass, mehr oder weniger
abgemagert und welk, mit leidenden Zügen, bieten sie schön im Aeussern
das Bild einer ernsten Krankheit dar. Vor Wochen oder Monaten, so
lautet gewöhnlich die Anamnese, soll eine „Lungenentzündung", ent-
weder eine primäre, oder eine im Gefolge des Keuchhustens, der Masern,
des Typhus entstandene, die Scene eröffnet haben. Seitdem sei hart-
näckiger Husten, Kurzathmigkeit, stöhnende Exspiration und massiges
Fieber zurückgeblieben. Dazu kommt oft Anorexie, Zungenbelag, auch
Diarrhoe, in welchem Falle das Bild der „Abzehrung" noch schneller
in die Erscheinung zu treten pflegt. In der Regel fand ich die Sym-
ptome der Verdichtung in einem Oberlappen, seltener in einem unteren,
Dämpfung des Percussionsschalls, schwaches oder unbestimmtes Athem-
geräusch, Bronchialatnmen und Bronchophonie, sparsames oder reich-
licheres klingendes Rasseln. Das begleitende Fieber zeigt den remitti-
renden Typus, kann aber auch unter der Maske einer Intermittens
täuschen ; ich werde mich stets des Kindes eines Gutsbesitzers erinnern,
welches mir mit der Diagnose eines Wechselfiebers überwiesen wurde,
aber schon beim ersten Anblick durch die Abzehrung, den kurzen Athem
und Husten den Eindruck eines Lungenkranken machte. Die Unter-
suchung gab Verdichtung des linken Oberlappens in Folge einer vor
einigen Monaten bestandenen Pneumonie, und ein zweimal wiederholter
Winteraufenthalt im Süden brachte hier vollständige Heilung. In solchen
Fällen habe ich auch wiederholt blutige Sputa beobachtet, meistens
nur punkt- oder streifenförmige Blutbeimischungen in den schleimig-
eiterigen Sputis, welche die Kinder während des chronischen Verlaufs
der Krankheit auszuwerfen lernen. Bisweilen ergab die Untersuchung
auch in der anderen Lunge catarrhalische Geräusche, und zu dem chro-
nischen Leiden gesellt sich von Zeit zu Zeit ein acuter Catarrh, welcher
alle Symptome der Lungenaffection steigert. Der Verdacht der Lungen-
phthisis ist unter solchen Umständen immer gerechtfertigt, und die Un-
tersuchung der Sputa auf Tuberkelbacillen geboten. In der That nimmt
') Beiträge zur Kinderheük, N. F. S. 189.
Chronische Pneumonie. 391
ein Theil dieser Fälle durch Verkäsung und Zerfall der Entzündungs-
producte einen letalen Verlauf; aber die Erfahrung lehrt, dass anschei-
nend verzweifelte Fälle dieser Art noch geheilt werden können. Aller-
dings kann darüber eine geraume Zeit vergehen; nach einem vollen
Jahr, öfter nach 6 — 9 Monaten, konnte ich noch Residuen der Verdich-
tung nachweisen, während sich die anderen respiratorischen Symptome
schon gänzlich verloren, Wohlbefinden und Körperfülle vollständig wieder-
hergestellt hatten.
Dass namentlich bronchopneumonische Verdichtungen viele Wochen
und sogar Monate lang bestehen können, ohne käsig zu degeneriren,
davon habe ich mich wiederholt bei Sectionen von Kindern überzeugt,
welche die klinischen Zeichen der Bronchopneumonie während einer so
langen Zeit dargeboten hatten, und man muss daher die Möglichkeit
einer völligen Resorption des verfetteten Alveoleninhalts auch nach
so langer Frist zugeben. Andererseits kann es durch Hyperplasie des
interstitiellen Bindegewebes zur Induration der Lunge kommen, mit
welcher dann der Process abschliesst '). Das wuchernde interstitielle
Bindegewebe verschrumpft allmälig mit Verhärtung und grauweisser
oder bläulicher Farbe des Parenchyms. Ein grosser Theil einer Lunge,
besonders der Oberlappen, kann auf diese Weise in eine feste, beim
Durchschneiden knirschende Masse umgewandelt werden, welche von
weisslichen Strängen dichten Bindegewebes und obliterirter Bronchien
durchzogen ist. Bei diesem Ausgange bleiben natürlich die Symptome
der Verdichtung das ganze Leben hindurch bestehen, wenn sie nicht
durch emphysematöse Aufblähung der Nachbarpartien maskirt werden.
Sie finden dann meistens, wenn der Oberlappen Sitz der Schrumpfung
ist, die betreffende Subclaviculargegend abgeflacht oder eingesunken, und
beim Inspiriren weniger beweglich, als die der gesunden Seite.
Dabei kommt es oft, wie bei Erwachsenen, zu partiellen Bron-
chiectasien in der geschrumpften Lungenpartie, und die von mir
beobachteten Fälle dieser Art boten genau dasselbe Bild, wie man es
im späteren Lebensalter zu sehen gewohnt ist, Dämpfung des Percussions-
schalls, reichliche, grossblasige, hie und da klingende Rasselgeräusche,
Abflachung der betreffenden Vorderfläche, Hochstand des Zwerchfells u.
s. w., besonders auch starken, in Anfällen auftretenden Husten, welcher
l) Steffen (Klinik der Kinderkrankh. I. S. 422) beschreibt diese Vorgänge
unter dem Namen „interstitielle Pneumonie" und meint, dass sie sowohl bei der
catarrhalischen, wie bei der ,, diffus croupösen'- Form vorkommen können, wenn dieso
einen protrahirten Verlauf nehmen.
392 Krankheiten der Respirationsorgane.
copiöse eiterige, in der Regel fötide, oft mit Blut vermischte oder
rein blutige Sputa herausförderte1).
Ueber die Behandlung der chronischen Pneumonie habe ich wenig
zu sagen. Die Förderung der Resorption des Entzündungsproducts und
die Behütung der kleinen Patienten vor allen Schädlichkeiten, welche
neue Catarrhe oder Entzündungen erregen, und den eben erwähnten
Schrurapfungsprocess, wenn er unvermeidlich geworden ist, stören könnten,
ist unsere Hauptaufgabe. Schutz vor Erkältung und eine tonisirende
Behandlung durch Leberthran, Lipanin, China stehen in erster
Reihe. Während Chinin mir auch gegen die abendlichen Fieberanfälle
wenig oder nichts leistete, sah ich von dem Monate lang fortgesetzten
Gebrauch eines Decoct. cort. Chinae (F. 23) oder vom Extr. Chinae fri-
gide par. (F. 24) gute Wirkung. Vom Leberthran lasse ich höchstens
2 Kinderlöffel voll täglich nehmen, um nicht Dyspepsie zu erzeugen, vom
Lipanin 2 — 3 Thee- bis Kinderlöffel. Immer bleibt die Integrität der
Digestionsorgane Hauptbedingung des Erfolgs; sobald daher irgend welche
dyspeptische Symptome sich bemerkbar machen, sollte man lieber alle
Arzneimittel aussetzen. Bei günstigen Lebensverhältnissen ist der Auf-
enthalt in windstiller, reiner und milder Luft dringend zu empfehlen,
und mehrere der Privatpraxis angehörige Fälle, welche anfangs eine recht
trübe Prognose stellen Hessen, wurden durch einen wiederholten Winter-
aufenthalt in Montreux, Meran, an der Riviera, wiederhergestellt.
Bei ausgedehnter Lungenschrumpfung mit Bronchiectasien wendete
ich wiederholt die vielfach empfohlenen Einathmungen von Ol. tere-
binthinae an, sah indess von diesen keinen Erfolg, eher Nachtheil,
indem sie eine neue, selbst mit Fieber einhergehende catarrhalische
Reizung hervorbrachten. Ebenso wenig konnte ich von anderen Inhala-
tionen oder vom pneumatischen Cabinet nachhaltige Erfolge beob-
achten.
VII. Die Pleuritis.
Wie die Pneumonie bietet auch die Pleuritis der Kinder keine
wesentlichen Abweichungen von der des späteren Lebensalters dar. Die
Krankheit ist durchaus nicht selten. Nicht nur latente chronische Pleu-
ritis, als deren Residuen mehr oder weniger feste und ausgedehnte Ad-
'j Ein in meiner Klinik beobachteter Fall dieser Art (mit reichlicher Hä-
moptysis) ist von H. Braun (Beitrag zur Casuistik der Bronchiectasien im Kindes-
alter. Inaug.-Diss. Berlin, 1887) beschrieben worden. Die Ursache der Blutungen
war eine colossale Neubildung von Gefässenin den erweiterten, ihres Epithels
und theilweise auch der Schleimhaut beraubten Bronchien.
Pleuritis. 393
häsionen der Pleurablätter zurückbleiben, habe ich bei Sectionen von
Kindern, welche noch in den ersten Lebensjahren standen und keines-
wegs tuberculös waren, überraschend häufig gefunden, sondern auch die
exsudative Form mit deutlich nachweisbaren Symptomen, oft schon bei
Kindern von 5 — 9 Monaten, häufiger erst nach vollendetem ersten
Lebensjahre.
Die acute Pleuritis mit ihren stechenden Schmerzen, dem kurzen
Husten, dem raschen oberflächlichen Athem, dem mehr oder minder
hohen Fieber, ist der der Erwachsenen in jeder Beziehung analog. Aeltere
Kinder localisiren die Schmerzempfindungen genau; jüngere verkennen
den Sitz des Schmerzes und klagen nicht selten über den „Bauch",
während die physikalische Untersuchung schon alle Zeichen der Pleuritis
ergiebt. Unter diesen Umständen ist die Percussion auch insofern ein
diagnostisches Hülfsmittel, als sie, ebenso wie die Palpation der Inter-
costalräume, in der Regel den Schmerz weckt und die Aufmerksamkeit
des Arztes auf den eigentlichen Sitz desselben hinlenkt. Kleine Kinder,
welche noch nicht über Schmerzen klagen können, schreien zwar beim
Husten und verziehen schmerzhaft das Gesicht, aber dies Symptom ist
unsicher, und nur die physikalische Untersuchung kann uns in diesem
zarten Alter verlässliche Kriterien an die Hand geben. Uebrigens kann
auch bei älteren Kindern der Schmerz gänzlich fehlen. Ein 7jähriges
Mädchen, welches an einer stark fieberhaften Pleuritis exsudativa (die
ganze linke Brusthälfte war mit Flüssigkeit angefüllt) erkrankt war,
hatte nicht ein einziges Mal über schmerzhafte Empfindungen geklagt.
Solche Fälle sind durchaus nicht selten.
Wie die fibrinöse Pneumonie kann auch die acute Pleuritis, beson-
ders bei kleinen Kindern, durch cerebrale Symptome (Erbrechen,
epileptiforme Convulsionen) eingeleitet werden, welche die Aufmerk-
samkeit des Arztes von dem eigentlichen Herde der Krankheit ablen-
ken, doch ist diese Art des Beginns lange nicht so häufig wie bei der
Pneumonie (S. 379).
Otto N., 3V4 Jahre alt. Ende October Fall auf die Stirn mit nachfolgender
Ecchymose. Am 30. Octbr. Abends plötzlich starkes Fieber, welches die Nacht über
anhielt und am 3 1 . früh 10 Uhr in einen epileptiformen Anfall überging. Nach
einer halben Stunde Erwachen aus der Somnolenz, Kopfschmerz, Unmöglichkeit auf-
recht zu sitzen, Anlegen des Kopfes. Fieber fortdauernd, P. 160, Somnolenz. Um
2 Uhr ein zweiter Eclampsieanfall. Um 6 Uhr Euphorie, Spielen. In der Nacht
anhaltendes Fieber, einmal Erbrechen. Bis zum 15. Novbr. ziemlich dasselbe Bild,
Vormittags Remission, Abends Exacerbation des Fiebers mit umschriebener Röthe
der linken Wange, bisweilen leichter Husten. Erst am 15. entschloss ich mich zu
einer Untersuchung des Thorax, welche ich in meiner Unerfahrenheit als ganz junger
394 Krankheiten der Respirationsorgane.
Arzt, befangen von der Idee einer Meningitis, bisher versäumt hatte. Ich entdeckte
nun ein bedeutendes pleuritisches Exsudat in der rechten Brusthälfte. Percussion
seitlich und hinten in beiden unteren Dritttheilen matt, Athemgeräusch und
Stimmfremitus in diesem Umfange gänzlich fehlend, die Intercostalräume verstrichen,
Athembewegungen 60, rechts kaum bemerkbar, P. 124. Husten unbedeutend, meist
nur Abends, Klagen über Schmerzen im „Bauch". Leber nach unten dislocirt;
Lage immer auf der kranken Seite. Urin reichlich, klar. Vom 15. — 27. hektischer
Fiebercharakter, Abmagerung, viel Schweiss in der Nacht. Unter tonisirender Diät
und Behandlung (Decoct. Chinae) allmälige Besserung. Am 22. Uecbr. Percussion
seitlich fast normal, hinten noch völlig matt, Athem hörbarer, Zunahmeder Kräfte und
Körperfülle, bessere Farbe, Fieber abnehmend. Vom 25. December an keine Nacht -
schweisse mehr. Neben der China noch Ol. jecoris tägl. 2 Kinderlöffel. 10. Januar
völlige Euphorie, Lebergrenzen normal, hinten unterhalb der Scapula noch
Dämpfung. Am 14. Februar Entlassung aus der Cur ohne wesentliche Deformität
des Thorax.
Dieser Fall, welcher im zweiten Jahre meiner Praxis vorkam, hatte
für mich die Folge, dass ich von nun an in keiner fieberhaften Krank-
heit, auch wenn kein Symptom mich dazu aufforderte, die Unter-
suchung des Thorax verabsäumte. Ich kann dies nicht dringend genug
empfehlen, weil ich nur auf diesem Wege dahin kam, in einigen an-
deren ähnlich verlaufenden Fällen ') den begangenen Irrthum zu ver-
meiden. Am wenigsten dürfen Sie den Angaben der Mütter trauen,
dass die Symptome plötzlich nach einem Fall auf den Kopf entstanden
seien, weil kleine Kinder überhaupt häufig fallen, und diese Angabe
daher eine sehr gewöhnliche ist.
Knabe von 4 Jahren. Vor 14 Tagen Fall auf den Kopf. Seit einigen Tagen
Somnolenz, starkes Fieber mit abendlichen Exacerbationen. Puls regelmässig, fre-
quent. Oft spontanes Erbrechen, Obstruction, Unmöglichkeit den Kopf aufrecht zu
halten. Thoraxorgane normal. Nach 5 Tagen Nachlass der verdächtigen Cerebral-
symptome, leichter Husten. Links hinten und unten pleuritisches Exsudat. Resorp-
tion nach 2 Wochen.
Otto R., 9jährig, am 17. März in die Poliklinik gebracht. Gestern Nach-
mittag Fall auf den Kopf. Seitdem Kopfschmerz, Erbrechen, besonders bei Ver-
änderung der Lage, Apathie, Aufschreien im Schlaf. Pupillen normal. Fieber P. 156,
regelmässig. Unterhalb der linken Scapula bis zur Linea axillaris schwache Däm-
pfung mit vesiculärem Athmen. Lebhafte Klagen über Schmerz an dieser Stelle, be-
sonders beim Husten und tiefen Inspirationen. Percussion empfindlich. Digitalis mit
Nitrum, 5 blutige Schröpfköpfe. Am 18. Schmerz bedeutend vermindert. Am 24.
Dämpfung noch fortbestehend, deutliches Reibungsgeräusch. Am 21. April
alles normal.
Die initialen Hirnsymptome treten hier unter der Form von
') Beitr. zur Kinderhoilk. N. F. S. 199.
Pleuritis. 395
Kopfschmerz, Erbrechen und Obstruction, Somnolenz und Delirien, bei
kleinen Kindern auch als epileptiforme Convulsionen auf, ähnlich wie bei
fibrinöser Pneumonie, die ja in solchen Fällen als Complication oder
Primäraffection nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden kann. Auch
hier sehen wir mit dem Nachlasse des Fiebers und dem deutlicheren
Hervortreten der exsudativen Symptome das Gehirn frei werden.
Häufiger beginnt die Krankheit mit gastrischen Erscheinungen, welche
tagelang den Arzt irre führen können, Uebelkeit, Anorexie, dick be-
legter Zunge, abendlicher Temperatursteigerung, Klagen über Schmerz im
Leibe, wozu sich bei zwei Kindern (von denen das eine an linksseitiger
Pleuritis litt) Icterus gesellte. Ein 3 jähriger Knabe, welcher vor einer
Woche erkrankt war, klagte nur über Schmerzen in der linken Regio
inguinalis, während die linke Thoraxhälfte vollständig mit Exsudat an-
gefüllt war. In allen diesen Fällen bestehen aber doch gewisse krank-
hafte Erscheinungen, welche die Eltern des Kindes beunruhigen und ärzt-
liche Hilfe nachsuchen lassen. Um so schwieriger sind diejenigen zu
beurtheilen, welche sich subacut oder ganz allmälig entwickeln, und
ohne jedes auffallende Symptom einer ernsten respiratorischen Erkran-
kung verlaufen. Fälle von latenter Pleuritis kommen nach meiner
Erfahrung im Kindesalter häufiger vor, als bei Erwachsenen, wahr-
scheinlich aus dem Grunde, weil die letzteren sich selbst krank fühlen
und untersuchen lassen , während die scheinbar geringfügigen Er-
scheinungen der ersteren von minder sorgsamen Eltern häufig übersehen
werden.
Elise B., 7 Jahre alt, überstand im Herbst die Masern, welche regelmässig
verliefen. Mitte Januar fing das bis dahin ganz gesunde Kind an, allabendlich
zu fiebern, die Nächte vergingen unter starker Hitze, Durst, Unruhe, wobei der
Athem kurz war, während das Befinden bei Tage ziemlich ungestört blieb. Allmälig
ging auch der Appetit verloren und die Farbe wurde bleich. Erst am 5. Febr.
wurde ich hinzugerufen. Links von der 5. Rippe abwärts, besonders seitlich und
hinten ganz matter Percussionsschall, Fehlen des Athemgeräusches und des Stimm-
fremitus, weiter oben pueriles Athmen. Respirationsbe wegungon normal,
kein Husten, kein Schmerz, doch erinnerte sich das Kind auf mein Befragen,
im Januar öfter leichte Stiche in der linken Seite empfunden zu haben. Verordnung:
Ruhe im Bett, warme Gataplasmen auf die linke Seite, Inf.hb. digital, mit Kali acet.
wegen sparsamer Urinsecretion. Am 10. reichliche Diurese, kein Fieber mehr, Per-
cussion heller. Bis zum 1. März alles normal, Euphorie.
In diesem und in ähnlichen Fällen lag die Schuld an der Ver-
nachlässigung bei den Eltern. Zumal bei kleinen Kindern werden die
unschuldigen »Zähne" auch hier verantwortlich gemacht, bis nach Wo-
chen zunehmende Abmagerung, Kurzathmigkeit und Husten endlich Un-
396 Krankheiten der Respirationsorgane.
ruhe erregen und der Arzt befragt wird. Leider muss ich aber hinzu-
fügen, dass trotz aller warnenden Beispiele, von denen ich selbst mehrere
mitgetheilt habe'), auch die Aerzte nicht immer freizusprechen sind.
Nicht Unwissenheit ist es, welche man hier anzuklagen hat, nur Be-
quemlichkeit, Scheu vor genauer Untersuchung und die Idee, dass bei
dem Mangel oder der Geringfügigkeit respiratorischer Symptome kein
ernstliches Leiden in dieser Sphäre bestehen könne. Die »Latenz«
der Pleuritis hat ihren Grund nicht in dem Wesen der Krank-
heit, sondern in der Nachlässigkeit des Arztes. Besonders häufig
kamen mir solche Fälle aus der Armenpraxis oder aus Polikliniken zu,
wo die grosse Frequenz der Patienten leicht zu summarischen Verord-
nungen ohne genaue Exploration verleitet. Aber auch die Privatärzte
machen sich dieser Unterlassungssünden schuldig.
Am 6. Novbr. wurde z. B. ein 3jähriger blasser Knabe in die Poliklinik ge-
bracht, welcher vor 8 Tagen mit Fieber erkrankt war, und von seinem mir als sehr
gewissenhaft bekannten Arzt an die Klinik gewiesen wurde, „weil er aus der Krank-
heit nicht klug würde". Derselbe bekannte mir selbst, den Thorax nicht ein
einziges Mal untersucht zu haben, weil keinSymptom ihn dazu aufforderte. Aller-
dings fand gar kein Schmerz und nur ganz unbedeutender Husten statt, aber die Re-
spiration war etwas beschleunigt, und zweimal täglich, früh von 9 — 10 und Abends
zwischen 5 — 6 Uhr fanden Fieberanfälle statt. Die Untersuchung ergab ein die
ganze linke Pleurahöhle füllendes Exsudat mit Verschiebung des Herzens nach
rechts, von welchem noch am 27. Febr. ein Rest an der Basis der Rückonfläche
nachweisbar war. — Noch weit mehr Tadel verdiente der Arzt eines Kindes, welcher
die Hervorwölbung der mit pleuritischem Exsudat gefüllten Brusthälfte ganz falsch
gedeutet und erklärt hatte, das Kind müsse einer orthopädischen Behandlung
unterworfen werden. —
So viel über das Bild der Krankheit im Allgemeinen. Die physikali-
schen Symptome stimmen mit denen der Erwachsenen überein, nur
mache ich auf die Häufigkeit des Bronchialathmens bei Kindern auf-
merksam, welches, wie die Autopsie lehrt, ohne jede pneumonische
Complication vorkommt, also lediglich durch das die Lunge compri-
mirende Exsudat bedingt wird. Wer sich für Erklärungen interessirt,
möge diese bei Rilliet-Barthez2;, und Ziemssen3) nachlesen. Ich
halte mich nur an die Thatsache, dass besonders in frischen Fällen
Bronchialathmen sehr häufig über den gedämpften Thoraxpartien gehört
wird, und erst allmälig mit der Zunahme des Exsudats der Abschwä-
') Journ. f. Kinderkrankh. XIII. S. 1. 1849. — Beitr zur Kinderheilk. N. F.
S. 197.
2) I. c. I. p. 555.
3) I. c. p. 71.
Pleuritis. 397
chung und schliesslich dem gänzlichen Fehlen des Athemgeräusches
Platz macht. Bei kleinen Kindern müssen daher der Mangel der Sputa
und die Schwierigkeit, den Stimmfremitus als diagnostisches Mittel
zu benutzen, immer Zweifel erregen, ob man Pleuritis oder Pneumonie
als Hauptkrankheit vor sich hat, während man bei älteren Individuen
durch die eben genannten Kriterien eher im Stande ist, die Diagnose
zu stellen. Ist nun in einem solchen frischen Falle von Pleuritis gleich-
zeitig Bronchialcatarrh vorhanden, so können die mucösen Rassel-
geräusche desselben durch die Compression des Lungengewebes einen
klingenden Charakter annehmen, und zumal bei heruntergekommenen
fiebernden Kindern den Verdacht tuberculöser Verdichtung oder Cavernen-
bildung erregen, welcher sich später als ungerechtfertigt herausstellt.
Dass bei eiteriger Pleuritis der Kinder besonders der erste und zweite
Intercostalraum vorn neben dem Sternum, wo sie am breitesten und
nachgiebigsten sind, oft abnorm vorgewölbt erscheinen, wird von Rivet')
durch Experimente (Injection von Wasser in den Thorax) gestützt. Die
Thatsache, dass die bezeichnete Region häufig die Durchbruchsstelle des
Empyems wird, stimmt mit dieser Beobachtung überein.
Die meisten Kinder mit pleuritischem Exsudat liegen, wie die Er-
wachsenen, auf der kranken Seite. Man sieht dies schon bei kleinen
Kindern im ersten Lebensjahr, und daraus erklärt sich die Vorliebe pleu-
ritischer Säuglinge für diejenige Mamma der Mutter, welche ihnen beim
Saugen die Lage auf der kranken Seite gestattet. Ich beobachtete, dass
Kinder mit einem Exsudat in der rechten Pleurahöhle nur an der
linken Mamma saugen wollten und umgekehrt, weil sie andernfalls
heftige, das Saugen unterbrechende Dyspnoe bekamen. In einem Falle
dieser Art hatte die Mutter diese Vorliebe des Säuglings für ihre linke
Mamma fälschlich auf einen Fehler der rechten bezogen.
Unter den Complicationen der Pleuritis schien mir Pericar-
ditis, besonders bei sehr jungen Kindern, häufiger als bei Erwachsenen
vorzukommen. Bei einem 5 Monate alten Kinde fand sich neben doppel-
seitiger fibrinös-purulenter Pleuritis ein bedeutendes ebenso beschaffenes
Exsudat im Pericardium, bei einem 8 Monate alten Kinde neben Broncho-
pneumonie, besonders der rechten Lunge, ein starkes purulentes Exsudat
im linken Pleurasack und im Pericardium, dessen Visceralblatt, zumal
auf der Vorderfläche des Herzens, mit zottigen Fibrin beschlagen bedeckt
war. Für den Uebergang der Entzündung von der linken Pleura her
') De la voussure sous-claviculaire dans les epanchements plouraux chez l'en-
fant. These. Paris 1880.
398 Krankheiten der Respirationsorgane.
auf das Pericardium sprach hier die starke Verwachsung der linken
Lunge mit der Aussenfläche des Herzbeutels, doch mögen die eiterigen
Entzündungen seröser Häute (Pericarditis, Peritonitis) und die Abscesse,
welche die Pleuritis, zumal kleiner Kinder nicht selten compliciren,
auch durch bacterielle Invasionen veranlasst werden1). In dem folgen-
den Falle bestand ein altes abgesacktes Exsudat in der rechten Pleura-
höhle, complicirt mit chronischer Peri- und Endocarditis.
Eleonore P., 3 Jahre alt, am 18. Septbr. in die Klinik aufgenommen, dürftig
genährt, blass. Anamnese ganz unbekannt. Der rechte Thorax bei der Peroussion
fast im ganzen Umfange matt, mit Ausnahme der obersten Partie der Vorderfläche,
welche einen etwas helleren Schall giebt. Sternum und linke Brusthälfte normal.
Rechts hinten und seitlich das Athemgeräusch ganz fohlend, vorn oben unbestimmt,
mit bronchialer Exspiration. Rechte Brusthälfte 1 Ctm. enger als die linke, beim
Athmen kaum gehoben. Links hinten etwas Schmerzen. Herzdämpfung nach rechts
etwas vergrössert, Spitzenstoss im 5. Intercostalraum und in der Mammillarlinie,
lautes systolisches Blasen an der Spitze. Kein Fieber. Diagnose: Insufficienz der
Mitralis, Erweiterung des rechten Ventrikels, alte rechtsseitige Pleuritis flbrinosa
mit Schrumpfung der Thoraxhöhle. — Das Kind wurde im Laufe der nächsten Mo-
nateinFolge wiederholterDarmcatarrheimmor elender; auch der Bronchialcatarrh stei-
gerte sichvon Zeit zu Zeit unter leichten Fieberbewegungen. Vom 25. Januar an wurden
etwas schleimige mit hellrothem Blut vermischte Sputa expectorirt, und gleichzeitig
hörte man rechts oben, neben dem Sternum, wie auch oberhalb derClavicula, wo der
Percussionsschall etwas heller war, sehr deutliches klingendes Rasseln, lautes Bron-
chialathmen und Bronchophonie. In den letzten Tagen des Januar enwickelto sich
Ileotyphus, welcher am 7. Februar den Tod herbeiführte.
Section: Zwischen Pericardium und linker Lunge starke Verwachsung.
Ersteres verdickt, beide Blätter fest mit einander verwachsen, Mitralklappe
verdickt, starr und insufficient, beide Ventrikel hypertrophisch, der rechte auch
dilatirt. Alter schwieliger Herd unter dem Endocardium, 1 Ctm. unterhalb des
Orific. aortae. Linke Lunge meist durchgängig, blutreich, braunroth. Rechte
Lunge sehr reducirt, ganz nach vorn und oben gedrängt und hier mit dem Pericardium
verwachsen. An ihrem seitlichen und hinteren Umfang ein colossaler Sack mit
äusserst dicker und derber Wandung, welcher auf seiner inneren Seite der Lunge,
nach aussen überall dem Thorax so fest adhärirt, dass seine Ablösung nur mittelst
des Messers möglich ist. In seinem Inneren befindet sich ein reichliches, rahmiges,
graurothes Exsudat. Die linke Lunge ganz dicht carnificirt. Catarrh der grossen
Bronchien. Typhus abdominalis.
Die Retraction der ganzen rechten Lunge nach vorn und oben,
welche durch alte Adhäsionen derselben mit dem Pericardium bedingt
zu sein schien, war in diesem Falle die Ursache eines zeitweiligen dia-
gnostischen Irrthums, auf welchen ich schon oben (S. 397) aufmerksam
machte. Ich glaubte nämlich das vom 25. Januar an vorn und oben
') Hagenbach, Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. 31, S. 302.
Pleuritis. 399
hörbare Bronchialathmen und klingende Rasseln, in Verbindung mit dem
blutigen Auswurf, auf eine Höhlenbildung im Oberlappen beziehen zu
müssen, während die Section ergab, dass diese Phänomene nur durch
Catarrh des rechten Hauptbronchus und die unmittelbar auf diesem
ruhende derbe carnificirte Lunge bedingt wurden.
Nur in einem Falle sah ich purulente Pleuritis durch Ruptur
eines tuberculösen Eiterherdes des 12. Dorsalwirbels in den rechten
Pleurasack zu Stande kommen, häufiger in Folge von Oaries der
Rippen, wofür der folgende Fall ein Beispiel bietet1).
Margarethe M., öjäbrig, am 15. April aufgenommen. Schon von Geburt an
vielfache Abscesse des Bindegewebes, Anämie und Atrophie. Bei der Aufnahme
colossaler ulceröser Defect der Kopfschwarte, apfelgrosser Abscess dicht über dem
Kreuzbein, multiple ürüsenschwellungen am Halse und in den Inguinalgegenden.
Incision des Abscesses, Heilung bis zum 3. Mai. Der Defect am Kopfe vernarbt
allmälig; das Kind ist neberlos, aber sehr bleich und hinfällig. Bis zum 6. Juni
neue Abscesse am Halse, welche geöffnet wurden. Am 7. Juni dicht neben der
rechten Mamma eine rundliche, etwa 3 Ctm. im Durchmesser betragende, nicht
geröthete, aber fluctuirende Geschwulst, welche allmälig bis zur Apfelgrösse wuchs
und am 20. unter Spray geöffnet wurde. Von nun an Fieber (Abends 38,5—39,4),
welches indess Tage lang aussetzt. Neben dem rechteu Schulterblatt bildet
sich ein neuer umfangreicher Abscess; Oeffnung am 11. Juli, die eingeführte Sonde
stösst auf eine cariöse Rippe. Um dieselbe Zeit ergab die Untersuchung, so weit
sie bei der Anschwellung und Schmerzhaftiglceit der betreffenden Gegend ausführ-
bar war, am rechten Thorax vorn wie hinten eine nach der Basis zunehmende Däm-
pfung, reichliche zum Theil klingende Rasselgeräusche und unbestimmtes Athmen.
Am 10. bemerkte man zuerst, dass bei starken Exspirationen, besonders beim
Schreien, aus der Abscesswunde auf der Brust ein mit Luft blasen stark ver-
mischter Eiter blasenartig hervorquoll. Diese Erscheinung dauerte bis zum Tode am
18. August fort.
Section: Die 5., 6. und 7. Rippe der rechten Seite cariös; zwischen ihnen,
also innerhalb der Intercostalräume, gelangt man durch einige erbsengrosse Oeff-
nungen der Costalpleura in einen Hohlraum Herzbeutel mit dem Herzen voll-
ständig verwachsen, ebenso die rechtsseitige Lunge mit dem Pericardium.
Die rechte Lunge sehr derb anzufühlen, in ihrem ganzen Umfang an der Brustwand
adbärent; Pleura costalis und pulmonalis bilden dicke schwielige Schwarten. Nur in
der nächsten Umgebung der Abscesswunde am Thorax besteht zwischen den beiden
Pleurablättern der schon erwähnte Hohlraum, der mit etwa 8 Esslöffeln purulenten
pleuritischen Exsudats gefüllt ist. Die an den Hohlraum grenzende Pulmonalpleura
defect, so dass man mit der Sonde direct in kleine Bronchien gelangen konnte. Fast
die ganze Lunge carnificirt.
Hier bildete die ausgedehnte Rippencaries* den Ausgangspunkt so-
wohl der Abscesse neben Mamma und Schulterblatt, wie auch der
') Charite-Annalen. Jahrg. I. S. 586.
400 Krankheiten der Respirationsorgane.
chronischen Pleuritis. Neben den Adhäsionen und Schwarten bildete
diese den mit Eiter gefüllten Hohlraum , welcher nach aussen mit dem
Abscesse der Thoraxwand communicirte, und schliesslich auch nach innen
die Lungenpleura nekrotisirte. So konnte Luft aus der Lunge in den
Hohlraum und mit dem Abscesseiter nach aussen gelangen. Die rings
umgebenden festen Adhäsionen verhinderten das Zustandekommen eines
Pneumothorax. Auch hier ging die Entzündung von der Pleura auf das
Pericardium über, und bedingte totale Synechie des letzteren und Ver-
wachsung mit der rechten Lunge1).
Unter den ätiologischen Momenten spielen auch bei Kindern Tuber-
culose und Pneumonie eine wichtige Rolle. Die in unserer Zeit
vielfach aufgestellte Ansicht, dass die Pleuritis mit serösem Exsudat
fast immer eine tuberculöse sei, ist jedoch falsch. Wenigstens für
das Kindesalter kann ich dies mit voller Sicherheit behaupten. Was die
Pneumonie betrifft, so kommt hier die fibrinöse Form häufiger in Be-
tracht als die catarrhalische. Bei der so häufigen Combination beider
Krankheiten erscheint zwar die Pleuritis in der Regel als die unter-
geordnete, welche höchstens durch Schmerz und durch geringes Exsudat
an der Basis ihre Existenz bekundet (S. 381); doch kommen auch Fälle
vor, in denen die Pneumonie, welche Anfangs im Vordergrunde steht,
das Feld räumt, während die Pleuritis sich weiter entwickelt und zu
mehr oder minder beträchtlichen Exsudaten führt (Pneumopleuritis).
Für die Schnelligkeit der Eiterbildung unter diesen Umständen spricht
der Fall eines 5jährigen Knaben, bei welchem schon am 6. Tage nach
der Erkrankung über 1000 Ccm. eiterigen Exsudats mittelst der Punction
aus der rechten Pleurahöhle entleert wurden. Bei Bronchopneumonie
finden wir, dem Sitze derselben entsprechend, auch die Pleuritis nicht
selten doppelseitig, beide Lungen mit eiterig-fibrinösen Auflagerungen
bedeckt, seltener eiteriges Exsudat in den Pleurahöhlen. Putride
Pleuritis beobachtete ich bei Kindern (abgesehen von einzelnen erst nach
der Operation putrid gewordenen Fällen) nur selten.
Ernst ß., öjährig, Empyem links, Fieber sehr unbedeutend (Ab. 37,9), starker
Foetor ex ore, bes. beim Husten. Am 20. Juni Operation mit Resection der
7. Rippe. Entleerung von 300,0 dicken foetiden, reichlich Fäulnissbacterien ent-
haltenden Eiters, Ausspülung mit Borsäurelösung (2 pCt.). Den 22. Mundgeruch und
') Man verwechsele mit diesen Fällen nicht andere, in denen eiterige Pleuritis
die Primärkrankheit bildet, und erst secundär Caries der Rippen entsteht, die
dann an der Thoraxwand zu Abscessen und Communication mit der Pleurahöhle
führen kann. Vergl. z. B. einen von Jacubasch beschriebenen Fall von Pleuritis
diaphragmatica aus meiner Klinik in Berl. klin. Wochenschr. 1883. No. 41.
Pleuritis. 401
Fieber verschwunden, Euphorie. Am 8. August Wunde geschlossen. Den 23. Alles
normal, am 31. geheilt entlassen.
Anna 0., 1 1 jährig-, im Mai an Pleuropneumonie der linken Seite in der
Klinik behandelt; entlassen am 26. Mai. Wiederaufnahme am 4. Juni. Vor 5 Tagen
Schüttelfrost, seitdem andauernd Hitze, Husten, Schmerz in der linken Seite, in
welcher ein beträchtliches Exsudat nachweisbar ist. T. 39,5, R. 44, P. 124. Die
linke Thoraxhälfte wird beim Athmen kaum gehoben, Intercostalräume verstrichen,
percussorische Dämpfung fast im ganzen Umfange, Bronchialathmen, kein Stimm-
fremitus, Sternum gedämpft, Herztöne am deutlichsten neben dem rechten Sternal-
rande hörbar. Urin sparsam, sonst normal. Blutige Schröpfköpfe, hydropathische
Einwickelong des Thorax, Digitalis leisteten so gut wie nichts. Wegen zunehmender
Dyspnoe wurde am 10. die Punction mit dem Potain'schen Apparat vorgenommen
und dabei 380,0 Grm. eines grünlich-gelben, putrid riechenden Eiters entleert,
welcher zahlreiche Fäulnissbacterien enthielt. Zwar erfolgte nun eine partielle Wieder-
ausdehnung der Lunge, zumal ihrer oberen Partie, und die Respiration sank auf 32,
aber das Fieber dauerte unvermindert fort, und es wurde deshalb am 13. die Ra-
dicaloperation des Empyems gemacht, nach der Entleerung von 500,0 stinkenden
Eiters eine silberne Canüle eingelegt, und die Brusthöhle mit Carbolwasser ausge-
spült. Das Fieber verschwand nun sofort (37 n bis 37,5 °), und der ausfliessende
Pleurainhalt war schon nach zwei Tagen geruchlos; dagegen nahm der Husten
beträchtlich zu, und das reichlich-graugelbliche, zähe, süsslich riechende Sputum
enthielt deutliche elastische Fasern. Wegen der schwarzen Färbung des Harns
wurde vom 15. an statt des Carbolwassers eine Lösung von Salicylsäure (3 : 1000)
zur Ausspülung benutzt, und die Thoraxwunde streng antiseptisch behandelt. Wäh-
rend der nächsten Wochen wurden noch ein paar Mal Fieberbewegungen beobachtet,
für welche kein Grund ersichtlich war, z. B. am 9. Juli noch 40,5, aber seit diesem
Anfall blieb das Kind bis zu seiner Entlassung, welche erst am 1. Mai 1879,
etwa ein Jahr nach seiner Aufnahme erfolgte, völlig fieberfrei. Die Wunde im Tho-
rax, welche immer spärlicher secernirte, schloss sich im August, Ernährung und
Wohlbefinden stellten sich mehr und mehr wieder ein, und die Athemfrequenz betrug
bald nur noch 20 in der Minute bei 108 P. Während an der Vorderfläche und im
oberen Theil der Seiten- und Rückenfläche die physikalischen Symptome normal
wurden, blieben die untere Partie der Axillarfläche und der Rücken von der Spina
scapulae abwärts noch stark gedämpft und boten bronchiales Athmen, klingendes
Rasseln und Reiben dar. Auch bestand Husten in wechselnder Intensität fort,
und der Auswurf, der bald mehr, bald weniger reichlich erfolgte, enthielt von Zeit zu
Zeit Blut, welches jedesmal Veranlassung wurde, das Kind für einige Tage in's Bett
zu legen. Elastische Fasern wurden indess nicht mehr gefunden, und am 1. Mai 1879
konnte Patientin in blühendem Zustande, ohne Husten, aber noch mit Dämpfung und
Bronchialathmen im Bereich des linken Unterlappens entlassen werden. Die Be-
handlung in den letzten Monaten bestand in Inhalationen einer (lpCt.) Carbollösung,
Ol. jeeoris, und Plumb. acet. beim Eintritt der Hämoptysis.
In diesem Falle, wahrscheinlich auch im ersten, handelte es sich wohl um
eine circumscripte Necroseander Peripherie der pneumonisch infiltrirten
Lungenpartie, aus welcher dann Fäulnisserreger in das Pleuraexsudat
hineingelangten. Der Umstand, dass sich weder bei der Untersuchung,
Heu och, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. AuÜ. 26
402 Krankheiten der Respirationsorgane.
noch bei der Punction Pneumothorax nachweisen liess, spricht gegen
eine weite Communication der Pleurahöhle mit dem Brandherde,
während die Annahme feiner Oeffnungen in der betreffenden Lungen-
pleura, die bald wieder verklebten, eher statthaft ist1). Nach der
Heilung der putriden Pleuritis durch Punction und Incision bestand der
necrotische Herd in der Lunge noch viele Monate lang fort und gab
sich durch wiederholte Fieberschübe, purulente, mit Blut und elastischem
Gewebe vermischte Sputa zu erkennen. Schliesslich erfolgte Heilung,
und es blieben nur noch physikalische Erscheinungen zurück, welche
sich auf eine dicke pleuritische Schwarte im unteren Theil des linken
Thorax beziehen Hessen. Wie ich später erfuhr, soll das Kind nach
einem Jahr an einer entzündlichen Brustaffection zu Grunde gegangen
sein. Dagegen sah ich in der Privatpraxis bei einem 9jährigen Knaben,
welcher nach Pneumonie des rechten Oberlappens ein copiöses rechts-
seitiges Pleuraexsudat bekommen hatte, anhaltend stark fieberte und
plötzlich anfing, putrid riechende, purulente Sputa auszuwerfen,
nach der sofort vollzogenen Incision des Thorax und antiseptischer Be-
handlung des Pleuraraums vollständige und dauernde Heilung eintreten.
Der charakteristische Auswurf bewies, dass die putride Beschaffenheit
des Exsudats durch das Hineingelangen septischer Keime vermittelst einer
im oberen Lungenlappen bestehenden Communicationsöffnung zu Stande
gekommen war.
Wiederholt beobachtete ich Pleuritis mit Kindern mit acutem Ge-
lenkrheumatismus, meistens verbunden mit Peri- oder Endocarditis,
ferner im Gefolge des Scharlachfiebers, besonders der Nephritis scarla-
tinosa, und der Masern. Einer dieser Fälle, in welchem die Diagnose
erst vier AVochen nach Ablauf der Masern gestellt wurde, zeichnete sich
durch völligen Mangel des Fiebers aus (Temp. nie über 37,5), obwohl
durch zwei Punctionen 435 Ccm. grünlich gelben Eiters entleert wur-
den. Nur einmal bei einem 5jährigen Mädchen, sah ich eiteriges Pleura-
exsudat im Verlaufe des Keuchhustens in Folge complicirender Broncho-
pneumonie zu Stande kommen. —
Ueber die Ausgänge der Krankheit, Resorption, Eiterung, Durch-
bruch des Empyems nach aussen oder innen, sowie über die nachfol-
gende Deformität des Thorax habe ich nichts hinzuzufügen. Es war ein
Irrthum, wenn man früher glaubte, die Missbildung des Thorax käme bei
Kindern seltener zu Stande, als im späteren Lebensalter; vielmehr sieht
') Vergl. A. Fraenkel, Ueber putride Pleuritis. Charite-Annalen. IV. 1879.
S. 256.
Pleuritis. 403
man nach verschleppten eiterigen Exsudaten, welche schliesslich nach
aussen aufbrachen und Jahre lang eiternde Fisteln bildeten, so wie bei
dicker Schwartenbildung zwischen Lunge und Brustwand bedeutende
Schrumpfungen der betreffenden Brusthälfte sich entwickeln. Bei einem
14jährigen Knaben, welcher in seinem 5. Lebensjahre an Pleuritis ge-
litten hatte, konnte ich die ganze rechte Pleurahöhle mit meiner Faust
ausfüllen.
Schliesslich noch einige Worte über die Behandlung. Im Anfange
der Krankheit, wenn heftige Schmerzen vorhanden sind, halte ich
, die Application einer dem Alter entsprechenden Zahl blutiger, bei nicht
sehr kräftigen Kindern trockener Schröpfköpfe für zweckmässig. Dem-
nächst sind hydropathische Einwickelungen, wie ich sie für die Pneumonie
empfahl, auch hier consequent anzuwenden, während innerlich Inf. hb.
digitalis (F. 22) gereicht wird. Auch Oalomel mit hb. digital (F. 25)
leistete, besonders bei vorhandener Stuhlverstopfung, gute Dienste. Mit
der Zunahme des Exsudats tritt die diuretische Behandlung in den Vor-
dergrund, Infus, digitalis mit Kali aceticum, Biliner oder Wildunger
Wasser (3—4 Weingläser täglich) zum Getränk. In schleichend ver-
laufenden Fällen empfehle ich Deco ct. cort. Chinae (F. 23)
mit Kali aceticum (3,0), Leberthran, Lipanin, Molken, Land- und
Bergluft, während des Winters Aufenthalt im Süden, besonders an der
Riviera.
Der regere Stoffwechsel der Kinder fördert die Resorption seröser
pleuritischer Exsudate im Allgemeinen mehr, als es bei Erwachsenen
der Fall ist. Ich verfüge über eine ansehnliche Zahl von Fällen, welche
ohne chirurgische Hülfe unter diuretischer und tonisirender Behandlung
nach einigen Wochen oder Monaten vortrefflich heilten, und man sollte
deshalb nicht zu rasch mit der Operation vorgehen. Für mich giebt es
nur zwei Indicationen, welche die operative Entleerung des Exsudats
dringend erfordern.
1) Stürmische Zunahme desselben mit rascher Verdrängung des
Mediastinum und beträchtlicher Steigerung der Dyspnoe, so dass die
Kinder nicht mehr anhaltend horizontal liegen können, sondern häufig
eine sitzende Stellung einnehmen müssen. Unter diesen Umständen, mag
nun das Exsudat ein- oder doppelseitig, mit Bronchitis oder Pneu-
monie complicirt sein oder nicht, ist die frühzeitige Punction
indicirt, um die Lunge von dem Drucke des Exsudats zu entlasten. In
der Regel häuft sich zwar die Flüssigkeit bald wieder an; man kann
aber dann im Nothfall die Operation wiederholen oder, wenn die Er-
scheinungen massig sind, die Resorption in Ruhe abwarten.
26*
404 Krankheiten der Respirationsorgane.
Mädchen von 7 Jahren. Am 6. Juli zuerst untersucht. Seit etwa l'/2 Wochen
Pleuritis acuta der linken Seite, die von Anfang an ohne Schmerz verlaufen war.
Der linke Thorax mit Flüssigkeit gefüllt, Sternum matt schallend, Herz nach rechts,
linke Lunge nach hinten und oben gedrängt. Vorn Bronchialathmen, seitlich und
hinten unten gar kein Athmen hörbar. Fieber remittirend, Morg. 38,7, Ab. 39,7 und
darüber. Anfangs der 3. Krankheitswoche Zunahme der Dyspnoe, häufiges Aufsetzen,
um Athem zu schöpfen, Puls klein. Am 11. Punction unter Antisepsis und Aspi-
ration mit Saugspritze, welche 4 Mal gefüllt wurde und klares grünliches Serum ent-
leerte. In den nächsten Tagen bis zum 17. immer noch Temperatur von 38 -39,2,
während das Exsudat wieder bedeutend zunahm. Dann aber rasche Resorption,
Euphorie, Schwinden des Fiebers. Vom 22. an fieberlos. Heilung. Die mangelnde
Diurese war durch ein Infus, hb. digital, und Wildunger Wasser stark vermehrt
worden.
In diesem Falle genügte die einmalige Punctum und Aspiration
zur Heilung, und ich habe dies bei Pleuritis serosa wiederholt gesehen.
Bemerkenswerth ist dabei, dass das seröse Exsudat sich nach der Punction
zwar rasch wieder anhäufte, die dyspnoetischen Erscheinungen aber nicht
mehr den früheren Grad erreichten, und die Resorption nach wenigen
Tagen rasch in Gang kam, als ob die Druckentlastung der Pleura durch
die Punction ihre Resorptionsfähigkeit wieder hergestellt hätte.
2) Die purulente Natur des Exsudats (Empyem). Die Kriterien,
welche man früher als entscheidend für die Diagnose betrachtete, z. B.
das „Oedema laterale" des Thorax sind fast alle werthlos; zumal das
letztere fehlt sehr häufig und macht sich erst dann bemerkbar, wenn
der Eiter sich bereits einen Weg nach aussen zu bahnen anfängt und
eine partielle, oft von blauen Venensträngen umgebene Hervorwölbung
am Thorax bildet (Empyema necessitatis). Wo dieser Durchbruch nicht
stattfindet, hat man zwar Gewicht auf den Character des Fiebers zu
legen, dessen Wochen lange Fortdauer mit hohen Mittags- und Abend-
temperaturen, mit Abmagerung und Kräfteverfall, für die purulente
Beschaffenheit des Exsudats spricht. Aber auch dies Zeichen ist nicht
constant; vielmehr kann, wie z. B. der eben (S. 404) mitgetheilte Fall
lehrt, das Fieber mindestens 2'/2 Wochen lang mit hoher Mittags- oder
Abendtemperatur bestehen, und das Exsudat dabei noch vollkommen
serös sein; andererseits kann das Fieber bei purulentem Exsudat
vollständig fehlen, wie in dem S. 402 erwähnten Falle von Empyem
nach Masern. Ich verfüge über eine ganze Reihe von Empyemfällen bei
Kindern zwischen 4 und 9 Jahren, welche absolut fieberlos verliefen;
in einzelnen schwankte die Temperatur sogar immer zwischen 36,5 und
37,1. Das einzige sichere Mittel, um die Beschaffenheit des Exsudats
zu erkennen, bleibt daher die Probepunction, die unter antiseptischen
Pleuritis. 405
Kautelen zu jeder Zeit ohne Gefahr auszuführen ist, entweder mit der
Pravaz'schen Spritze, oder mit dem Dieulafoy'schen Apparat oder
dem Fraentzel'schen Troicart. Dabei kann es nun vorkommen, dass
die zuerst aspirirte Flüssigkeit fast klar, serös aussieht, indem die
Spritze nur in den oberen Theil des Exsudats gelangt ist, aus welchem
sich die Eiterkörperchen grösstentheils in die Tiefe gesenkt haben. Ver-
änderte Lage, tiefere Punction, endlich die Incision ergeben dann wirk-
lichen Eiter. Bei einem 5 jährigen Knaben gab die Probepunction mit
der Pravazspritze ein wasserklares albuminreiches Serum, während die
Punction mit dem Heberapparat einige Tage darauf 750,0 Eiter und
zwar mit dauerndem- Erfolg entleerte. Sobald die aspirirte Flüssigkeit
purulent erscheint, hat man das exspectative Verfahren aufzugeben und
die künstliche Entleerung vorzunehmen. Weiteres Abwarten würde einen
Durchbruch des Eiters durch die Brustwand oder die Lunge zur Folge
haben können, das Kind durch andauerndes hektisches Fieber erschöpfen,
oder im günstigsten Falle zur Eindickung des Eiters und zu käsigen Re-
siduen im Thoraxraum führen, welche später der Ausgangspunkt von
Miliartuberculose werden können. Ueber die Methode der Entleerung
wird noch immer gestritten. An Beispielen einer völligen Heilung nach
ein- oder mehrmaliger einfacher Punction fehlt es nicht. So wie
in dem oben mitgetheilten Falle von seröser Pleuritis die einmalige
Punction zur Heilung ausreichte, sah ich auch in 4 Fällen von puru-
lent em Exsudat (wovon zwei nach Scharlach) von dieser einfachen Me-
thode denselben glücklichen Erfolg, zweimal ohne Ausspülung des Thorax.
Die entleerte Menge des allerdings mehr oder weniger dünnen Eiters
betrug in diesen Fällen 600 — 1500 Ccm. Man sollte daher diesen Ver-
such bei Kindern immer zuerst machen, sei es mit dem Potain'schen
oder Dieulafoy'schen Apparat, oder mit einer einfachen Hebervor-
richtung. Gewöhnlich nimmt zwar einige Tage nach der Entleerung das
Exsudat wieder zu, bleibt aber dann stationär und geht allmälig zurück.
Dennoch wird man nur in den wenigsten Fällen von Empyem damit
auskommen, und nach 1 — 2 maliger Wiederholung sich schliesslich zur
Radicaloperation, d. h. zur Eröffnung des Thorax durch den Schnitt
mit oder ohne Resection eines Rippenstücks genöthigt sehen Wie schon
bemerkt, sah ich nur in 4 Fällen von einer oder zwei Punctionen dauern-
den Erfolg; in allen anderen Fällen musste incidirt werden, und wer
nur einmal die Massen von eitergetränkten Fibringerinnseln sah, welche
bei der Operation aus der Thoraxhöhle entleert werden, begreift sofort,
dass die Punction allein fast nie zum Ziele führt. Deshalb halte ich
auch die von Bülau empfohlene Aspirations-Drainage, obwohl sie auch
406 Krankheiten der Respirationsorgane.
bei Kindern gute Erfolge aufzuweisen hat, wegen des Zurückbleibens
massiger Fibrincoagula im Thoraxraume für bedenklich. Bei der Radical-
operation sucht man den Schnitt so zu führen, dass der Eiter möglichst
freien Abfluss hat, sei es durch Anlegung der Wunde an der Basis der
Rücken- und Axillarfläche , sei es nach der alten, von König1) wieder
empfohlenen Weise in der Axillarfläche zwischen 4. und 6. Rippe, mit
Resection eines Stücks derselben, am besten der 4. Rippe. Durch Ein-
führung eines Drainrohrs oder einer breiten silbernen Canüle wird der
Abfluss unterstützt. Auch eine Gegenöffnung an der Vorderfläche kann
von Nutzen sein, besonders wo es sich um die Entfernung massenhafter
Gerinnsel handelt. Durch antiseptischen Verband, der so selten als
möglich gewechselt wird, sucht man das Eindringen infectiöser Elemente
in die Thoraxhöhle zu verhüten; dagegen sind die eine Zeit lang be-
liebten Ausspülungen der letzteren mit Carbolsäurelösung durch Beob-
achtungen von Carbolintoxication in Misscredit gekommen, und werden
durch Injectionen von Thymol (1 : 1000), Bor- (2 pOt.) und Salicylsäure
ersetzt. Auch diese aber werden so selten als möglich vorgenommen,
wenn nicht ein foetider Geruch des Secrets dazu auffordert. Jedenfalls
ist der Erfolg der Operation gerade bei Kindern durch zahlreiche Fälle
bewiesen, und ich halte es daher für überflüssig, hier meine eigenen
Erfahrungen, die selbst in anscheinend verzweifelten Fällen für die
Operation sprechen, ausführlich mitzutheilen. Liegt Tuberculose der
Pleuritis zu Grunde, so rathe ich nur im Nothfall (bei drohender Dys-
pnoe) zu operiren, da hier an dauernden Erfolg nicht zu denken ist.
Dagegen erfordert die putride Pleuritis (S. 400), sobald sie durch die
Probepunction nachgewiesen ist, unverzüglich die Radicaloperation des
Empyems und antiseptische Ausspülungen der Pleurahöhle.
IX. Die Tuberculose der Lunge.
Ich verhehle mir nicht, dass die Krankheit, um die es sich handelt,
streng genommen nicht an diesen Platz gehört. Denn wir haben es hier
im wahren Sinne des Wortes mit einer Infectionskrankheit zu thun,
deren klinische Charaktere als Allgemeinleiden gerade in den ersten
Lebensjahren sich noch viel prägnanter geltend machen, als im späteren
Alter. Wenn ich trotzdem die Schilderung derselben in den Rahmen
der respiratorischen Krankheiten einfüge, so thue ich dies aus Rücksicht
auf den praktischen Zweck, den ich stets im Auge behalte, und der
mir verbietet, Dinge, die klinisch mehr oder weniger zusammen gehören, nur
') König, Beil. klin. Wochenschr. 1891. No. 10.
Tuberculose. 407
einem wissenschaftlichen Eintheilungsprincip zu Liebe auseinander zu-
reissen.
Die Erscheinungen der Lungentuberculose bei Kindern, welche das
5. bis 6. Jahr überschritten haben, stimmen mit denen des späteren
Lebensalters im Allgemeinen überein. Wir werden uns daher haupt-
sächlich mit dem Auftreten der Krankheit in den ersten Lebensjahren
beschäftigen, wo man, zumal in der Armen- und Hospitalpraxis nur zu
häufig Gelegenheit hat, sie zu beobachten. Je jünger die Kinder sind,
um so weniger pflegt das Krankheitsbild dem der Phthisis älterer Indi-
viduen zu entsprechen, vielmehr tritt das Localleiden mehr oder
weniger zurück vor der allgemeinen Ernährungsstörung, die sich
unter dem S. 66 geschilderten Bilde der Atrophie darstellt. Sehr
häufig fand ich in den Leichen kleiner atrophischer Kinder eine Menge
von Tuberkeln und käsigen Infiltraten der Lungen, die während des
Lebens gänzlich oder nahezu latent geblieben waren; aber auch um-
fangreiche, den grössten Theil eines Lungenlappens einnehmende Cavernen
fanden sich bei einzelnen erst wenige Monate alten Kindern, welche im
Leben nur fortschreitende Abmagerung und Entkräftung, kaum etwas
Husten dargeboten hatten, so dass nur die Untersuchung des Thorax die
vorgeschrittene Destruction verrieth. Die Ursache dieser Prävalenz der
allgemeinen Ernährungsstörung vor den localen Symptomen liegt haupt-
sächlich darin, dass in dem ersten Kindesalter die Tuberculose eine
weit grössere Ausbreitung zu zeigen pflegt, als späterhin. Käsige
Herde und Miliartuberkel finden sich fast immer gleichzeitig in einer
ganzen Reihe von Organen, in den Lymphdrüsen, den Lungen, der Milz,
den serösen Häuten, der Leber, den Nieren, den Knochen; selbst in der
Thymus, in der Rachen- und Mundschleimhaut und inden Genitalien kommen
sie vor. Es giebt Fälle, in denen fast kein Organ ganz frei von tuberculösen
Einlagerungen gefunden wird. Alle diese Veränderungen können eben
mehr oder weniger latent verlaufen. Das Hauptsymptom bleibt die stetig
zunehmende Atrophie, welche sich in vielen Fällen mit Otorrhoe, ecze-
matösen Ausschlägen am Kopf und anderen Körpertheilen, Anschwellung
der Cervical-, Occipital- und Inguinaldrüsen , oft auch mit multiplen
Abscessen im subcutanen Bindegewebe combinirt. Insbesondere hat man
auf die Schwellungen der Lymphdrüsen, die als runde, linsen- bis
erbsengrosse, multiple, bewegliche Knoten längs des Halses, am Hinter-
haupte, in den Axillar- und Inguinalgegenden zu fühlen sind, Werth ge-
legt, den ich auch nicht bestreiten will '), aber man darf nicht vergessen,
') Minirescu (Revue mens. Mars 1891 p. 99) fand in diesen Drüsen unter
408 Krankheiten der Respirationsorgane.
dass diese kleinen Drüsenknoten aaeh bei nicht tuberculösen Kindern,
besonders am Halse und in den Inguinalfalten durchaus nicht selten
vorkommen.
Eine sichere Diagnose lässt sich also unter diesen Umständen nur
durch genaue Untersuchung des Thorax begründen, die deshalb auch
dann nicht versäumt werden darf, wenn gar kein Husten vorhanden ist.
Diese Untersuchung bietet freilich hier viel grössere Schwierigkeiten dar,
als bei erwachsenen Personen oder älteren Kindern. Mitunter ergiebt
sie, abgesehen von einem rauhen Athemgeräusch oder catarrhalischem
Rasseln, nichts Abnormes; alle Zeichen einer Parenchymverdichtung
können fehlen, und man wäre also nur berechtigt, einen chronischen
Bronchialcatarrh zu diagnosticiren, wenn nicht die Atrophie, eine erb-
liche Familienanlage, oder Drüsenhyperplasien diesen Catarrh als einen
tuberculösen verdächtig machten. In vielen Fällen kommt es aber zu
ausgedehnteren bronchopneumonischen Herden, welche unter dem Ein-
flüsse ungünstiger Verhältnisse, d. h. der in die Lunge eingedrungenen
Tuberkelbacillen , verkäsen, und dann die gewöhnlichen Erscheinungen
der Verdichtung (Dämpfung des Percussionsschalls, unbestimmtes oder
schwaches Athmen, verlängerte rauhe Exspiration, Bronchialathmen,
Bronchophonie, klingendes Rasseln) darbieten. Während nun im spä-
teren Lebensalter die Entwickelung phthisischer Processe in den Lungen
meistens von oben nach unten stattfindet, und demgemäss die Beschrän-
kung der physikalischen Symptome auf die Oberlappen und deren Spitzen
uns werth volle Kriterien für die Diagnose der ersten Stadien an die
Hand giebt, finden wir bei kleinen Kindern meistens eine ungeregelte
Verbreitung der Tuberkel und käsigen Herde durch das ganze Paren-
chym, wobei dann die Untersuchung der Fossa supraspinata und sub-
clavicularis nur wenig ergiebt, und dafür die unteren Lappen Verdich-
tungssymptome darbieten. Unregelmässige Fieberbewegungen, die um
so schwächer werden, je mehr die Kinder collabiren, dyspeptische
Symptome, Anorexie und besonders Diarrhoe, sind häufige Begleiter
und können den Arzt um so leichter irre führen. Da nämlich, wie
schon bemerkt wurde, ausgedehnte Tuberculose der Lungen, selbst Ca-
vernen, ohne Husten und ohne in die Augen fallende Dyspnoe bestehen
können, so lenkt die Diarrhoe um so eher die Aufmerksamkeit von
den Respirationsorganen ab, und man ist erstaunt, bei der Section die
Hauptveränderungen in den Lungen anzutreffen, während man sie im
IG Fällen 15 Mal tuberculose Veränderungen, auch Bacillen, und konnte Meer-
schweinchen durch Impfung mit der Pulpa tuberculös machen.
Tuberculose. 409
Darmkanal erwartet hatte. Einige Beispiele aus der frühesten Kindheit
werden Ihnen besonders die enorme Verbreitung der Tuberculose ver-
anschaulichen.
Otto F., 4 Monate alt, künstlich ernährt. Seit der 6. Lebenswoche multiple
Abscesse am ganzen Körper. Seit 9 Wochen zunehmende Atrophie und Welkheit,
wenig Appetit, Husten und kurzer Athern. Percussion oben vorn und hinten auf
beiden Seiten minder sonor, als an anderen Partien , rechts oben unbestimmtes
Athmen und Bronchophonie. Hinten beiderseits Rasseln. P. 150, T. nicht erhöht.
Im Beginn der Krankheit soll Fieber vorhanden gewesen sein. Vater an Phthisis
gestorben. Tod nach 8 Tagen. Section: Enorme Abmagerung. Cervical- und In-
guinaldrüsen hyperplastisch, zum Theil käsig. Theilweise Synechie des Perioardiums
mit dem Herzen und dem Mediastinum; Miliartuberkel auf dem visceralen Blatt
des ersteren. Linke Lunge frei beweglich; zahlreiche erbsengrosse graue Knoten
enthaltend. Rechte Lunge überall fest adhärent, im Oberlappen eine taubeneigrosse
Höhle, die mit noch einer grösseren, nach hinten verlaufenden communicirt. Im
ganzen Parenchym zerstreut grosse und kleine Tuberkelknoten. Im Unterlappen ein
grösserer käsiger Herd. Schwellung und Verkäsung der Tracheal- und Bronchial-
drüsen, deren eine eine Caverne enthält. Miliartuberculose der Leber und ihres
serösen Ueberzugs. Milz überall fest mit den Nachbartheilen verwachsen, sehr gross,
aussen und innen tuberculös. Unter der Nierenkapsel sparsame kleine Knötchen.
Mesenterialdrüsen zum Theil käsig. Im Ileum einige flache Geschwüre mit kleinen
grauen Knötchen in den Rändern.
Helene D., 8 Monate alt. Seit 6 Monaten zunehmende Atrophie, Diarrhoe ,
und Husten. Seit 8 Tagen Fieber, besonders in den Morgenstunden. P. 144, R. 68.
Stöhnende Exspiration, Dyspnoe. Percussionsschall rechts oben vorn und hinten
höher, Athem überall sehr rauh, hie und da Schleimrasseln. Allmälig zunehmende
Dämpfung an den bezeichneten Stellen, Bronchialathmen und Bronchophonie, Oedem
des Gesichts und der Füsse, Collaps. Tod nach 3 Wochen. Section: Der rechte
Oberlappen fest mit der Brustwand verwachsen, fast durchweg käsig entartet, ent-
hält zwei grössere miteinander communicirende Höhlen, deren eine fast bis an die
Pleura dringt. Der mittlere und untere Lappen, sowie die linke Lunge vielfach mit
Miliartuberkeln durchsetzt. Bronchialdrüsen käsig, eine derselben central erweicht.
Enorme Miliartuberculose der Milz und des Peritoneum. Leber fettig entartet.
Besonders macht sich die Latenz ausgedehnterTuberculose bei kleinen
Kindern bemerkbar, welche schliesslich an Meningitis tuherculosa zu
Grunde gehen. Ohne erhebliche Prodromalsymptome, inmitten schein-
barer Gesundheit, höchstens durch eine leicht übersehene Welkheit der
Haut und Muskeln und durch massige Abmagerung eingeleitet, entwickelt
sich plötzlich die Meningitis, und der Anfänger ist überrascht, bei der
Section Miliartuberkel und käsige Herde in einer Reihe von Organen an-
zutreffen, die während des Lebens gar keine krankhaften Erscheinungen
dargeboten hatten.
In einer Reihe von Fällen sehen wir die Tuberculose mit dyspep-
410 Krankheiten der Respirationsorgane.
tischen Symptomen beginnen. Die Kinder verlieren den Appetit, haben
stets eine mehr oder minder belegte Zunge, leiden an Diarrhoe, magern
ab und klagen über vage Schmerzen in der Brust oder im Unterleibe,
lange bevor der Husten Aufmerksamkeit erregt. Dabei sind sie übel-
launig, bekommen gegen Abend vermehrte Wärme, Durst und trockene
Lippen, und schlafen unruhig, während in den Morgen- und Vormittags-
stunden Remission eintritt, und nur eine geringe Temperaturerhöhung
mit ungewöhnlich schnellem Pulse das verborgene Leiden andeutet. In
solchen Fällen geht es leicht ebenso, wie bei der schleichenden Pleuritis
(S. 395), indem die unklaren Symptome, das allmälige „Abfallen" der
Kinder (nach dem Ausdruck der Mütter) auf einen in die Länge gezo-
genen dyspeptischen Zustand oder gar auf Helminthiasis bezogen werden.
Nicht dringend genug kann unter diesen Umständen die genaue Unter-
suchung der Brust empfohlen werden. Der Verdacht einer sich ent-
wickelnden Tuberculose gewinnt an Bestand, wenn erbliche Anlage
nashweisbar ist, Husten sich einstellt, oder wenn käsige, scrophulöse
Processe gleichzeitig constatirt werden können, z. B. Knochen- und Ge-
lenkvereiterungen, Spondylitis, Drüsenschwellungen, Abscesse am Halse
oder an anderen Körpertheilen , chronische Entzündungen der Augen,
Kopfausschläge, Otorrhoe. Allerdings treten nach einigen Monaten auch
die localen Lungensymptome, Husten, Frequenz des Athems u. s. w.,
so entschieden hervor, dass die Untersuchung sich von selbst aufdrängt;
aber die bisherige Unterlassung derselben hat vielleicht den Arzt zu
einer günstigen Prognose verleitet, welche ihm von den bekümmerten
Eltern schwer vergeben wird. Wenn auch die frühzeitige Exploration
in der Regel keine entscheidenden Resultate ergiebt, so lässt sie doch
oft schon einen chronischen Catarrh wahrnehmen, welcher unter den ob-
waltenden Verhältnissen hinreicht, um die Familie auf die drohende Ge-
fahr vorzubereiten. Im Alter vom 3. Jahr aufwärts kommt es auch
immer, früher oder später, zur Entwickelung eines remittirenden,
hektischen Fiebers, welches bei kleinen Kindern ganz fehlen kann
wie z. B. in folgenden Fällen:
Paul K., l'/2 Jahr alt, vom 5. bis 30. Mai in der Klinik behandelt. Enorme
Welkheit und Abmagerung, massiger Hasten, R. 50— 60. Dämpfung beiderseits
hinten unten mit klingenden Rasselgeräuschen und unbestimmtem Athmen; Diar-
rhoe. Während der ganzen Zeit der Beobachtung erhebt sich die Temperatur nur
einmal (am 10. Mai Abends) auf 37,8, sonst bleibt sie stets unter dieser Ziffer, ist
sogar meist subnormal. Die Sectio n ergiebt in beiden Lungen vielfache käsige
Herde, einige mandel- bis pflaumengrosse Cavernen, Verkäsung der Bronchial- und
Mesenterialdrüsen, einzelne tuberculose Darmgeschwüre.
Tuberculose. 411
Marie M., 7 Monate alt, in der Klinik vom 16. Jan. bis 16. Febr. behandelt.
Stets zunehmende Welkheit und Macies, anhaltender Husten, Dyspnoe. Auf der
rechten Seite rauhes unbestimmtes Athmen und zahlreiche, nicht klingende, gross-
und mittelblasige Rasselgeräusche. Dämpfung nirgends nachweisbar. Diarrhoe.
Während der ganzen Zeit steigt die Temperatur nur selten über 38", ist vielmehr
meist normal oder subnormal. Erst am 14. Febr. tritt Fieber auf (38,4, Ab. 40,1),
am 15. constatirt man 39,3 und am Todestage nur 37,8 bei 72 R., fleckiger Cyanose
und Kühle der Extremitäten. Die Section ergiebt eine völlig gesunde linke Lunge,
während die rechte fast ganz von grossen und kleinen Käseherden durchsetzt ist, und
ihre Spitze eine grosse zerklüftete Caverne enthält. Bronchialdrüsen und Milz theil-
weise käsig.
Diese Fieberlosigkeit kommt bei älteren Kindern kaum vor. Auch
ohne Anwendung des Thermometers kann man die Exacerbation des
Fiebers an der erhöhten Wärme des Kopfes und der Hände, dem Durst
und dem vermehrten Krankheitsgefühl sofort erkennen. Die Temperatur
steigt dann auf 39°, und oft leitet ein leichter Schweissausbruch , der
aber fast nie so copiös und regelmässig wird, wie im hektischen Fieber
älterer Patienten, in die Remission über. Wiederholt beobachtete ich
ganz unregelmässige Fiebercurven, wobei die Morgentemperatur
oft höher war, als die abendliche. Bei einem 2jährigen Mädchen,
dessen Section Miliartuberkel und ausgedehnte käsige Processe in beiden
Unterlappen ergab, wurde z. B. die folgende Curve gefunden:
M.
A.
22. August
37,8
39,5
*23. „
40,4
37,6
*24. „
38,8
37,9
25. „
37,8
38,3
26. „
37,9
38,4
*27. „
39,6
38,4
28. „
37,0
40,7
*29. „
39,8
39,5
30. „
38,4
40,0
*31.
39,5
38,5 u
s. w.
Die mit * bezeichneten Tage weisen eine höhere Morgentemperatur auf.
Auch der Mangel der Sputa, welche durch den Befund elastischer
Fasern und besonders der Tuberkelbacillen ein werthvolles diagnostisches
Kriterium bei Erwachsenen darbieten, erschwert bei Kindern bis zu einem
gewissen Alter die Diagnose. Mit einiger Mühe gelingt es freilich, nach
einem Hustenstoss einen Theil der Sputa, ehe sie verschluckt werden,
aus dem Munde oder Rachen zu entnehmen. Nur selten werden Sputa
wirklich ausgeworfen, und dann in der Regel durch Würgen oder mit
412 Krankheiten der Respirationsorgane.
Hülfe der Mütter, welche die in den Mund beförderten Auswurfsstoffe
mit den Fingern herausziehen. Unter anderen beobachtete ich dies schon
bei einem erst 7 Monate alten Knaben mit ausgedehnter käsiger Ent-
artung und Cavernenbildung im linken Oberlappen, welcher Monate lang
sehr reichliche graugelbe fötide Sputa auswarf. Hämoptysis (abge-
sehen von der beim Keuchhusten, bei Lungenbrand und bisweilen als
Folge der Tracheotomie auftretenden) gehört bei Kindern vor dem Alter
der zweiten Zahnung zu den recht seltenen Erscheinungen, wenn ich
auch die Angabe von Rilliet und Barthez, dass sie bis zum 6. Lebens-
jahre niemals Blutspeien beobachtet hätten, nicht bestätigen kann.
Mir ist vielmehr mehr als ein Dutzend phthisischer Kinder bis zu 5 Jahren
vorgekommen, welche bei heftigen Hustenanfällen kleine Mengen, zu-
weilen aber auch einen Theelöffel voll reinen oder mit Schleim und Eiter
vermischten Blutes auswarfen. Nur dreimal beobachtete ich in diesem
Alter sehr reichliche Hämoptysis, welche in zwei Fällen durch die
Section aufgeklärt wurde ').
Am 29. Decbr. wurde ein 10 Monate altes blasses, atrophisches Mädchen in
der Klinik aufgenommen. Dasselbe sollte vor einigen Monaten Masern und Lungen-
entzündung überstanden haben und seitdem abgemagert sein, aber nur selten gehustet
haben. In den letzten Wochen soll zweimal, wie die Angehörigen sagten,, Blut-
brechen stattgefunden haben, das eine Mal in geringem Maasse, das zweite Mal
massenhaft, einen Speinapf füllend. Der Stuhlgang zeigte noch sine tbeerartig
schwarze Färbung. Unter dem linken Schlüsselbein bestand schwache Dämpfung;
hier und an anderen Stellen des Thorax hörte man zahlreiche Rasselgeräusche. Sehr
bedeutende Anämie und massige Rachitis. In der Nacht vom 5. zum 6. Januar ein
neuer Blutsturz aus Mund und Käse, in welchem der Tod erfolgt.
Section: Linke Lunge mit der Costalpleura fest veiwachsen In der Mitte des
stark verdichteten, theilweise käsigen Oberlappens eine etwa wallnussgrosse Höhle,
die mit einem Bronchus communicirt, und ausser einem blutigen käsigen Brei einen
haselnussgrossen rundlichen Tumor (von 1 '/., Ctm. im Durchmesser) enthält. Der-
selbe erweist sich als ein dünnwandiges, mit parietalen Thromben gefülltes Aneu-
rysma, welches mit einem Zweige der Art. pulm. in Verbindung steht.
Im zweiten Falle, welcher einen 4 jährigen Knaben mit tuberculöser
Verdichtung der linken Lunge betraf, fanden wir nach dem an stürmi-
scher Hämoptoe plötzlich erfolgten Tode ebenfalls ein geborstenes An-
eurysma eines Lungenarterienastes inmitten einer kleinen Caverne.
Ein paar ganz ähnliche Fälle finden sich in der pädiatrischen Lite-
') Vergl. die Dissertation meines Zuhörers Dr. Hoffnung: (Jeher Hämoptoe
bei Kindern. Berlin, I 885.
Tubereujose. 413
ratur') Dagegen ist mir selbst niemals ein Fall vorgekommen, in
welchem die Compression oder Perforation eines Astes der Arteria oder
Vena pulmonalis durch käsige Bronchialdrüsen, bei gleichzeitiger Er-
öffnung eines Bronchus, Anlass zu einer massenhaften Hämoptysis ge-
geben hätte, ein Vorgang, der von anderen Autoren hie und da beob-
achtet worden ist.2)
Bei dieser Gelegenheit will ich gleich auf die vorwiegende Disposi-
tion der Tracheal- und Bronchialdrüsen, besonders der letzteren, zu
Hyperplasie und Verkäsung näher eingehen. Wenn irgendwo im Körper
eines Kindes Tuberkel oder käsige Processc vorkommen, so kann man
fast mit Sicherheit darauf rechnen, auch die genannten Drüsen in
gleicher Weise ergriffen zu finden. Unter den vielen Sectionen tuber-
culöser Kinder erinnere ich mich in der That nur einzelner Ausnahmen
von dieser Regel, welche beweist, dass die Neigung dieser Drüsen zur
Verkäsung bei Kindern noch grösser ist, als die der Lungen selbst.
Während Louis unter 123 tuberculösen Erwachsenen die Lunge nur
einmal verschont sah, fanden Rilliet und Barthez unter 312 tuber-
culösen Kindern die Lungen 47 mal vollkommen frei. Ich glaube die
enorme Frequenz dieser Drüsenaffection von zwei Umständen herleiten
zu müssen, einmal von der vielen Kindern eigenthümlichen Disposition
zu Drüsenhyperplasien überhaupt, welche man als „scrophulöse" Diathese
zu bezeichnen pflegt, zweitens aber von der grossen Häufigkeit der
Bronchialcatarrhe und des Keuchhustens Die Reizung der Schleimhaut
wird hier durch die Lymphgefässe auf die benachbarten Bronchialdrüsen
in gleicher Weise übertragen, wie bei Darmeatarrhen, Ileotyphus u. s. w.
auf die Mesenterialdrüsen. Die Drüsenaffection bildet bei Kindern nicht
selten das prävaliiende Leiden, während die Lungen selbst nur spar-
same Tuberkel und Infiltrationen enthalten können. Man findet die Bi-
furcation der Trachea und der grossen Bronchien von isolirten oder con-
glomerirten, bisweilen hühnereigrosse Packete bildenden Drüsen um-
geben, welche zum Theil einfach hyperplastisch, blutreich, grauroth,
meistens aber theilweise oder durchweg tuberculisirt, oder in eine ho-
mogene weiss-gelbc Masse umgewandelt sind. Auch auf Durchschnitten
der Lunge findet man an den Bifurcationen der mittleren Bronchien
') Wyss, Gerhardt's Handb. d. Kinderkrankh. III. 2. S. 807. — Rasmussen,
Ilirsch-Virchow's Bericht 1869. II. 101. — West, Lectures on diseases etc.
VII. ed. p. 530.
2) Jeanselme, Revue mens. Fevr. 1892.
414 Krankheiten der Respirationsorgane.
häufig kleine käsige Drüsen. Einzelne Drüsen zeigen auf dem Durch-
schnitt eine central oder mehr peripherisch gelegene, mit erweichtem
Detritus gefüllte Höhle (Drüsencaverne), welche nach ihrer Verwachsung
mit der Pleura pulmonalis oder mit den Bronchien in eine naheliegende
Lungencaverne, oder auch in einen grossen Bronchus und zugleich in
einen benachbarten Ast der Lungenarterie durchbrechen, und dann tödt-
liche Suffocation durch das Hineingelangen käsiger Pfropfe in die ober-
sten Luftwege oder tödtliche Hämoptysis zur Folge haben kann'). Selbst
die Ruptur einer solchen Drüsencaverne in den Herzbeutel mit letaler
Pericarditis ist in einzelnen Fällen beobachtet worden. Grosse Drüsen-
packete an der Lungenwurzel können auch die nahe liegenden grossen
Gelasse, besonders die Arteria und Vena pulmonalis und ihre Aeste,
die Vena cava superior und Jugularis communis, den Vagus und seine
Zweige (Recurrens) mehr oder weniger comprimiren; zumal den letzteren
findet man bisweilen von den Drüsen dergestalt umlagert und abgeplattet,
dass es kaum möglich ist, seine Bahn durch das Packet deutlich zu
verfolgen. Verwachsungen einzelner Drüsen mit dem Oesophagus, mit
der Lungenarterie oder einem Aste derselben, selbst mit der Aorta,
sind ebenfalls beobachtet worden, wobei diese Theile nicht nur dislocirt,
sondern durch den Druck allmälig verdünnt, tuberculisirt, schliesslich
perforirt werden können.
Ist man im Stande, diese Affection der Bronchialdrüsen während
des Lebens durch bestimmte Symptome zu diagnosticiren? Nach
meiner Erfahrung muss ich diese Frage für die grosse Majorität der
Fälle verneinen. Allerdings wird man sich kaum einmal täuschen,
wenn man bei einem tuberculösen Kinde die Verkäsung der Bronchial-
drüsen vor der Section diagnosticirt, aber nur deshalb, weil sie eben fast
niemals fehlt. Die Krankheitsbilder, welche die Autoren von der
Drüsenschwellung entwerfen, erinnern an den Studirtisch. Man sagt sich,
die comprimirende Beziehung der Drüsen zu ihren Nachbartheilen könne
leicht Drucksymptome zur Folge haben, und in der That kommen Fälle
vor, in welchen durch Oompression der Venenstämme Oedem des Ge-
sichts und Erweiterung einer oder beider Jugularvenen am Halse, durch
Druck auf die Lungenvenen Hämoptoe und hämorhagische Lungeninfarcte
zu Stande kommen. Ich selbst beobachtete bei einem l1 /Jährigen
Mädchen Oompression des rechten Bronchus durch ein hühnereigrosses
') Frühwald, Jahrb. f. Kinderheilk. XXIII. S. 423. — Petersen, Deutsche
med. Wochensohr. 10. 1885. Heilung eines solchen Falles durch Traoheotomie. —
Loeb, Jahrb. f. Kinderheilk. XXIV. 1886. S. 353. —
Tuberculose. 415
Conglomerat tuberculöser Drüsen, wodurch der Lufteintritt in die rechte
Lunge erheblich beschränkt und das Athemgeräusch auf dieser Seite
nur äusserst schwach hörbar war. Auch die Compression des Vagus und
Recurrens durch geschwollene Tracheal- und Bronchialdrüsen kann, wie
ich wiederholt beobachtet1), gewisse nervöse Symptome, Veränderung
der Stimme (Heiserkeit), Anfälle von spastischem Husten mit keuch-
hustenartigen Inspirationen, auch wohl asthmatische Anfälle mit pfeifen-
dem Athem und cyanotischer Verfärbung des Gesichts zur Folge haben.
Nach meinen Erfahrungen muss ich jedoch solche Fälle für selten er-
klären. Oft genug fanden wir bei Sectionen voluminöse Packete käsiger
Bronchialdrüsen, welche sich im Leben durch kein einziges Symptom ver-
rathen hatten, vielmehr hatten die Kinder nur das bekannte Bild der
Meningitis tuberculosa oder Phthisis dargeboten. Selbst die vielfach
geltend gemachte starke Füllung der Jugularvenen und das Oedem des
Gesichts können als Folgen einer durch ausgedehnte Verdichtung der
Lungen bedingten Stauung im rechten Herzen auftreten, ohne dass eine
Compression der grossen Venenstämme innerhalb des Thorax stattzufin-
den braucht. Ich halte demnach die Diagnose der Drüsenschwellungen
während des Lebens für sehr problematisch, und möchte am wenigsten
Werth auf die von Manchen behauptete Dämpfung des Percussionsschalls
im Interscapularraume legen. Ich wenigstens habe noch nie einen Drü-
sentumor von so bedeutendem Umfang beobachtet, dass er eine ent-
schiedene Dämpfung in dieser Region oder im oberen Theile des Ster-
num und links von demselben2) hätte erzeugen können. Rilliet und
Barthez machen auch darauf aufmerksam, dass grosse Drüsenpackete
im hinteren Mediastinum als gute Schallleiter die in der Lunge statt-
findenden Geräusche für das Ohr des am Rücken Auscultirenden verstär-
ken, und dass man in Folge dessen zwischen den Schulterblättern lautes
Bronchialathmen und klingendes Rasseln hören könne, ohne dass die
Lunge selbst verdichtet oder von Höhlen durchzogen ist Mir selbst ist
ein solcher durch Drüsenpackete veranlasster Irrthum bisher noch nicht
vorgekommen. Jedenfalls würde die Percussion bald darüber aufklären,
denn wo jene Geräusche durch Verdichtung der Lunge selbst oder durch
Cavernen erzeugt werden, da wird auch eine deutliche Dämpfung des
Schalls an der Rückenfläche kaum fehlen. Für noch unzuverlässiger
halte ich die Mittheilungen, welche über angebliche Fälle von Rückbil-
dung der geschwollenen Drüsen auf Grund percussorischer Unterzuchung
') Romberg und Henooh, Klinische Ergebnisse. Berlin, 1846. S. 165,
'-) Biedert u. Litting, Pädiatr. Arbeiten. Festschr. Berlin 1890.
416 Krankheiten der Respirationsorgane.
gemacht werden. Ich kann daher der Hyperplasie und Verkäsung der
Bronchialdrüsen ein ganz bestimmtes, selbstständiges Krankheitsbild nicht
zuerkennen. In den meisten Fällen kann sie nur vermuthet werden
und bietet lediglich anatomisches Interesse dar; nur ausnahmsweise kann
man aus deutlichen Drucksymptomen von Seiten der Venen oder des
Nerv, vagus mit einiger Wahrscheinlichkeit die Diagnose stellen. —
Die Tuberculose der Kinder bis zum Beginn der zweiten Dentition
zeichnet sich im Allgemeinen durch einen mehr stürmischen Verlauf vor
der der späteren Lebensjahre aus. Fälle mit sehr chronischem, Jahre lang
ausgedehntem Verlauf sind selten, meist handelt es sich um eine Reihe
von Monaten, höchstens um ein- bis zwei Jahre, bis der tödtliche Aus-
gang eintritt, woran wohl die grosse Ausbreitung der Tuberculose über
viele Organe Schuld ist. Auch kommt es hier weit häufiger, als bei
Erwachsenen, schliesslich zur Entwickelung von Meningitis tubercu-
losa, von Bronchopneumonie oder Pleuritis, welche dem Leben
früher ein Ziel setzen , als es sonst der Fall gewesen sein würde. Die
Pleura betheiligt sich nämlich an der Tuberculose fast ebenso häufig,
wie die Pia mater, entweder in Form vielfacher miliarer, über Costal-
und Lungenpleura zerstreuter Knötchen, oder auch grösserer käsiger
Plaques auf der freien Fläche oder im subserösen Bindegewebe. Im
letzteren Falle sieht man hie und da durch Schmelzung der Plaques
kleine extrapleurale Cavernen zu Stande kommen, welche entweder in
die Pleurahöhle durchbrechen, oder nach vorgängiger Verwachsung der
Pleura mit der Lunge sich in Cavernen der letzteren oder in die Bron-
chien entleeren können. Mehr oder minder ausgedehnte Verwachsungen
beider Pleurablätter kommen dabei sehr häufig vor, während es in an-
deren Fällen zur Entwickelung einer subacuten oder mehr chronisch ver-
laufenden Pleuritis mit reichlichem, serösem oder purulentem, oft hä-
morrhagisch gefärbtem Exsudat kommt. Dasselbe gilt vom Pericardium,
dessen partielle oder totale Synechie ich häufig bei tuberculösen Kindern
antraf, worauf ich an einer späteren Stelle ausführlicher zurückkommen
werde. —
Der tödtliche Verlauf der Krankheit wird in vielen Fällen durch
die rasche Entwickelung von acuter Miliartuberculose beschleunigt,
deren Erscheinungen hier ziemlich dieselben sind , wie bei älteren Indi-
viduen Die acute Eruption miliarer Tuberkel in einer mehr oder min-
der grossen Zahl von Organen und Geweben kann nicht nur während
des Verlaufs einer bis dahin chronischen Lungentuberculose auftreten
und ihren tödtlichen Schluss bilden, sondern auch Kinder treffen, welche
mit starken Drüsenschwellungen, z. B. am Halse, oder mit chronischer
Tuberculose. 417
Osteomyelitis behaftet sind, aber auch solche, welche scheinbar voll-
kommen gesund und nicht einmal einer tuberculösen Anlage ver-
dächtig sind. In beiden Fällen bilden stürmische Fieberbewegungen, mit
unregelmässigen, bald früh, bald Mittags, bald Abends auftretenden Ex-
acerbationen, sehr frequente oberflächliche Respiration, scharfes Athem-
geräusch, welches sich schliesslich mit weit verbreitetem feinblasigem
Rasseln zu verbinden pflegt, die Hauptsymptome, zu denen im weiteren
Verlaufe noch Anschwellung der Milz, Roseola und cerebrale Erscheinungen
hinzutreten können. Das Fieber erreicht indess nicht immer sehr hohe
Grade. So fand ich bei einem 2jährigen bis dahin ganz gesunden Kinde
zwei Wochen lang immer eine Temperatur von 38,2 bis 39.0, während
die Respirationsfrequenz durchweg 60 bis 80 betrug, ohne dass die
Untersuchung der Lungen eine Abnormität nachzuweisen vermochte.
Erst im Anfange der dritten Woche mit dem plötzlichen Eintritt von
Convulsionen, Hemiparese und Sopor stieg die Temperatur auf 40,0, und
zwei Tage darauf erfolgte der Tod. Durch Cerebralsymptome kann die
Diagnose leicht irregeführt, und entweder auf Ueotyphus oder auf
Meningitis tuberculosa gestellt werden, ersteres besonders, wenn Milz-
tumor und Roseola nachweisbar sind.
Wilhelm K., 3 Jahre alt, am 15. März mit Spuren einer Scharlachdesquamation
in meine Poliklinik gebracht, bot die Erscheinungen einer Pleuropneumonie des
rechten Unterlappens dar. In den nächsten Tagen trat die Pleuritis mehr in den
Vordergrund, wurde indess bis 30. April fast ganz beseitigt, so dass nur seitlich
noch ein matter Schall und hinten eine sehr geringe Dämpfung bestand, überall aber
vesiculäres Athmen gehört wurde. Am 6. August, also nach 3 Monaten, wurde
das bis dahin gesunde Kind von neuem der Klinik zugeführt. Seit 5 Tagen Kopf-
schmerz, Erbrechen und Verstopfung, P. 92, T. etwas erhöht. Dio physika-
lischen Symptome unverändert. Trotz wiederholter Gaben von Calomel, Syr. spinae
ccrvinae und Klystieren fortdauernde Verstopfung. Am 8. häufig wiederholtes Er-
brechen. Pulsfrequenz 132. Am 15. Milz nicht vergrössert. Am Thorax nichts neues
wahrnehmbar. Pupille träge reagirend; Somnolenz, aus welcher der Knabe nicht
zu erwecken ist. Leib etwas eingesunken. Gestern Nachmittag ein 3 stündiger epi-
leptiformer Anfall. In den nächsten Tagen zunehmender Sopor, häufige Schw6isse,
linke Pupille weiter als die rechte, R. 48, ungleich, P. 128. Am 21. permanente
Krämpfe und Contractaren. Tod in der folgenden Nacht.
Die Art der Symptome und ihre Succession während des dreiwöchentlichen Ver-
laufs sind hier so charakteristisch, dass mir die Diagnose der Meningitis tuber-
culosa unzweifelhaft schien. Und was ergab die Section?
Pia mater hyperämisch, sonst ganz normal, keine Spur von Entzündung und
Tuberkeln in derselben; in den dilatirten Ventrikeln viel Serum, Centraltheilc
macerirt (Leichenphänomen), Bronchialdrüsen vergrössert und käsig; rechte Lunge
völlig adhärent, Pleura costalis stark verdickt, mit steinpflasterartig gruppirten
intrapleuralen grauen Knoten durchsetzt, am vorderen unteren Rande käsig entartet,
Henoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Ann". 27
418 Krankheiten der Respirationsorgano.
hinten braun carnificirt. Linke Lunge mit zahllosen Miliartuberkeln durchsetzt. Leber
verfettet. Milz voll von Miliartuberkeln. Im Darm einige kleine tuberculöse Ge-
schwüre.
Max K., 1V2 Jahr alt, am 31. März in der Klinik aufgenommen. Sopor,
trockene borkige Lippen, beide Pupillen verengt, R. unregelmässig, von Pausen unter-
brochen. Percussion normal, überall am Thorax rauhes Athmen mit grossblasigem
Rasseln. Unterleib aufgetrieben, scheint empfindlich gegen Druck. Stuhlverstopfung,
P. sehr klein, 144. T. 39,7, gegen Abend 38,5. An den beiden folgenden Tagen
derselbe Zustand; am 3. April, dem Todestage, T. plötzlich bis 40,8 steigend, mit
76 R. und unfühlbarem Pulse, Cyanose, Trismus, Steifigkeit des Nackens und aller
Extremitäten. Abends 8 Uhr Tod.
Section: Pia venös hyperämisch und ödematös, nirgends Exsudat oder Tu-
berkel. Gehirn sehr blutreich, Ventrikel (besonders der 4.) mit einer mittleren Menge
klaren Serums gefüllt. Sehr reichliche Miliartuberculose der Pleura und beider
Lungen, der Milz und Leber. Bronchial- und Mesenterialdrüsen geschwollen und
käsig entartet, ebenso die Darmfollikel.
In beiden Fällen finden wir weder Tuberkel noch Exsudat in der
Pia, und dennoch im Leben charakteristische Erscheinungen von Menin-
gitis tuberculosa, im zweiten auch die präagonale Temperatursteigerung,
von welcher S. 305 die Rede war. Anatomisch Hess sich nur Hyper-
ämie, im zweiten Fall auch Oedem der Pia und Serumanhäufung in den
Ventrikeln, also Hydrocephalus acutus (S. 291) nachweisen, von welchem
man die cerebralen Symptome herleiten kann. Ganz ähnlich verhielt
sich der Fall eines 9 Monate alten Kindes, welches in den letzten Tagen
tetanusartige Muskelstarre dargeboten hatte, so dass man es am Kopf
und an den Füssen aufheben und fast horizontal gestreckt halten konnte.
Die Section ergab neben Miliartuberculose der Pleura, Lungen, Milz,
Leber und Verkäsung der Bronchialdrüsen, nur Oedem der Pia und
starken Hydrocephalus internus. Derselbe Befund bot sich mir noch in
zwei anderen Fällen von Miliartuberculose dar, welche in typhöser
Form aufgetreten war; besonders bei einem 3jährigen Kinde entsprach
die Temperaturcurve so vollkommen der des lleotyphus, dass ich diese
Diagnose bis zur Section festhielt, welche statt des erwarteten Typhus
ausgebreitete acute Miliartuberculose ergab. In beiden Fällen war die
Schädelhöhle von Tuberkeln völlig verschont, und nur Hyperämie der
Pia mit seröser Füllung der Ventrikel vorhanden.
Ausnahmsweise beobachtete ich im Gefolge der acuten Miliartuber-
culose eine hämorrhagische Diathese1).
Otto K., 4jährig, aufgenommen am 8. Decbr. Anamnese dunkel. Erkrankt am
26. Novbr. mit heftigem Fieber und Blutungen aus Mund und Nase, welche
') Jacubasch, Jahrb. f. Kinderheilk. XV. S. 167.
Tuberculose. 419
seitdem mit kurzen Unterbrechungen fortdauern. Früher soll nie eine hämorrhagische
Diathese bemerkt worden sein. Mageres, blasses, sehr collabirtes Kind, Sclera und
Haut leicht icterisch. Hautvenen auffallend injicirt, leichte kleienförmige Epidermis-
abschuppung. Scrotum oedematös. T. 38,7. R. 40, oberflächlich', costo-abdominal.
Die Untersuchung ergiebt nur grossblasiges Rasseln an der Rückenfläche. P. 156,
klein. Unterleib meteoristisch , Leber um 5 Ctm. den Rippenrand überragend, Milz
nicht zu constatiren. Stühle dünn, pechschwarz, unwillkürlich entleert. Urin mit
dem Catheter (200 Grm.) entzogen, braunroth, sauer, enthält etwas Albumen, keine
Cylinder, keine intacten Blutkörperchen (Hämoglobinurie). Tod am 10. Decbr. im
Collaps. Nach einigen Campherinjectionen hatten die Stichkanäle lange und stark
geblutet.
Section: Pericardium mit einzelnen submiliären Knötchen besetzt, Herz-
muskel leicht fettig entartet, dicht unterhalb der Aortenmündung einzelne sub-
miliäre Tuberkel. Dieselben finden sich massenhaft in beiden Lungen , auf der
Pleura, in der um das Dreifache vergrösserten Milz, in den Nieren, auf dem Ueber-
zug und im Parenchym der Leber, welche stark vergrössert und fettig entartet ist.
Bronchialdrüsen theilweise wallnussgross und käsig degenerirt. Ductus thoracicus
ohne Tuberkel.
Ich muss es dahingestellt sein lassen, ob die in diesem Falle beob-
achteten Blutungen aus Mund und Nase, sowie die Hömoglobinurie in
der That auf Rechnung der acuten Miliartuberculose zu setzen sind.
Fernere Beobachtungen werden darüber entscheiden. Mir selbst ist,
ausser diesem, bis jetzt kein Fall dieser Art vorgekommen, und Jacu-
basch konnte auch bei der Durchsicht der Literatur keinen zweiten
finden. Zwar beobachtete ich bei einem Knaben, der an allgemeiner
Miliartuberculose und Meningitis tuberculosa zu Grunde ging, während der
letzten Woche zahlreiche Purpuraflecke , besonders an den unteren
Extremitäten, Blutungen aus Schleimhäuten aber fehlten vollständig.
Zuweilen tritt die acute Miliartuberculose in Schüben mit mehr
oder weniger starken Fieberstürmen auf, zwischen denen vollkommen
fieberfreie Intervalle liegen. Für diese seltenere Form liefert der folgende
Fall ein charakteristisches Beispiel:
Herrmann K., 6 Jahre alt, am 2. Februar in der Klinik aufgenommen, äusserst
verwahrlost, mit Eczema chronicum behaftet. Etwas Husten ohne abnorme physika-
lische Symptome. Erholung nach Malzbädern. Vom 13.— 28. Diarrhoe, welche durch
Magistr. Bism. und Argent. nitr. beseitigt wird. Euphorie. Plötzlich am G. März
Anorexie und Fieber (T. 40,9, P. 134, R. 44, sehr oberflächlich). In den Lungen
überall nur scharfes Athmen, Percussion normal. Das Fieber dauerte ununterbrochen
4 Tage, während welcher Zeit zweimal Morgens ein Schüttelfrost stattfand. T.
nur am 8. früh 37,0, sonst immer 40—4 1 ,2. R. stieg auf 64, ohne andere abnorme
Symptome. Vom 11. März bis zum 8. Mai, also beinahe 2 Monate, fieberfreies
Intervall (nur an 4 Tagen erreichte die Abendtemperatur 38—38,5, sonst war sie
immer normal oder gar subnormal). Untersuchung ohne Resultat, allgemeine Euphorie
27*
420 Krankheiton der Respirationsorgane.
und Kräftezunahme. Plötzlich am 8. Mai neuer Fiebersturm, 40,8, zwei Tage
dauernd (nie unter 40,0) mit 144—160 P. und 60 R. Von nun an traten in beiden
Lungen catarrhalische Geräusche auf, und die Frequenz der Resp. betrug anhal-
tend 40—50. Vom 10. bis zum 13. sank dio T. wieder allmälig und blieb ganz
normal bis zum 25., während der Catarrh und die schnelle Athmung fortdauerten,
und der Unterleib meteoristisch wurde. Vom 25. an wiederum ein 5 Tage anhaltender
Fiebersturm (39,4—40,0). Nach eiuigen fieberfreien Tagen begann nun am 1. Juni
eine Continua remittens, welche bis zum Todestage (6. Juli) ununterbrochen fort-
dauerte (M. 38,2, A. 39,2—39,9), mit stets raschen P. und R., zunehmender Macies
und Schwäche, fortdauerndem Bronchialcatarrh und stets wiederkehrender Diarrhoe.
Schliesslich Collaps, Oedem der Hände und Füsse, rechts hinten unten leichte
Dämpfung, Bronchialathmen und klingendes Rasseln, hochgradige Dyspnoe. Tod
am 5. Juli.
Die Section ergab ausgedehnte pleuritische Adhäsionen, enorme Miliartuber-
culose der Pleura, beider Lungou, des ganzen Peritoneum, der Milz, Leber und beider
Nieren. Käsige Verdichtung an der Basis des rechten Unterlappens, Verkäsung der
Bronchial- und Mesonterialdrüsen.
Dieser Fall lehrt, dass anscheinend unerklärliche, Tage lang an-
haltende, mit sehr hoher Temperatur einhergehende Fieberanfälle, auch
wenn sie durch vollständige Apyrexien von Wochen langer Dauer
getrennt sind, und die Untersuchung der Lungen nur scharfes Athmen
oder catarrhalische Geräusche ergiebt, den Verdacht einer sich ent-
wickelnden Miliartuberculose erregen müssen. Man hat hier wohl
eine in Schüben erfolgende Invasion von Tuberkelbacillen , wahr-
scheinlich von den käsigen Bronchial- und Mesenterialdrüsen her, anzu-
nehmen. —
Ueber die Behandlung der Tuberculose in den ersten Lebens-
jahren habe ich leider wenig zu sagen. Einen wirklichen Heilerfolg
habe ich in keinem einzigen Falle zu verzeichnen, in welchem es sich
um wirkliche Tuberculose oder gar um vorgeschrittene Lungenphthisis
handelte, während die früher erörterten Fälle von »chronischer Pneu-
monie« ausheilen können. Ich verweise Sie auf die gegen die letztere
empfohlene Therapie (S. 392), welche wenigstens allen Indicationen
entspricht. .Von der Behandlung mit Injectionen des Koch'schen
Tuberculins sah ich keinen Erfolg. Meine an mindestens 20 Fällen
in der Klinik gemachten Erfahrungen ergaben keine einzige Hei-
lung , nicht einmal anhaltende Besserung , wiederholt aber Ver-
schlimmerung, dauernde Hektik und entzündliche Processe im Lungen-
parenchym1).
In prophylaktischer Beziehung habe ich Sie auf die Gefährlieh-
') S. Berl klin. Wochenschr. 1890. No. 6.
Tuborculose. 421
keit der Milch von tuberculösen Ammen oder von perlsüchtigen Kühen
(wenn die Milch nicht gekocht wird) um so mehr aufmerksam zu ma-
chen, als die Identität von Perlsucht und Tuberculose durch Koch's
Untersuchungen sicher gestellt ist. An Fällen von Ansteckung, sowie
von künstlischer Erzeugung der Tuberculose durch Impfung mit der
Milch perlsüchtiger Kühe fehlt es in der That nicht in der Litera-
tur (Bollinger, May, Demme u. A. '). Dass die Milch auch dann
infectiös ist, wenn die Milchdrüsen selbst keine Perlknoten enthalten,
wird jetzt vielfach behauptet. Abelin2) will eine kleine Epidemie von
Miliartuberculose im Stockholmer Kinderhause in Folge von Ansteckung
beobachtet haben. Seitdem man den Tuberkelbacillus kennt, ist in der
That die Contagiosität der Krankheit begreiflich geworden, und mehrere
in der pädiatrischen Literatur mitgetheilte Fälle von Ansteckung der
Kinder durch tuberculose Ammen oder Wärterinnen, durch das Aus-
saugen der Beschneidungswunde Seitens tuberculöser Operateure u. s. w.
verdienen Beachtung. Mir selbst ist freilich bis jetzt kein sicherer
Fall dieser Art vorgekommen.
X. Der Lungenbrand.
Lungenbrand ist bei Kindern wegen des häufigen Mangels der
Sputa schwerer zu diagnosticiren, als bei Erwachsenen. Dazu kommt
noch, dass auch der gangränöse Geruch des Athems bei Kindern weniger
zu verwerthen ist, weil hier nicht selten gleichzeitig brandige Processe
in der Mund- und Rachenhöhle bestehen , welche dies Symptom ebenso
gut erzeugen, wie der Lungenbrand. Dieser scheint übrigens im Kindes-
alter häufiger, als bei Erwachsenen, vorzukommen. Zuweilen bildet
er den Ausgang einer fibrinösen Pneumonie, wenn diese mit Bildung
von „Sequestern" endet, und diese durch Fäulnisserreger, welche von
aussen mit dem Luftstrom in die Lunge gelangen, septisch inficirt wer-
den. Auf diese Weise müssen die S. 401 mitgetheilten Fälle aufgefasst
werden. Häufiger entsteht Lungengangrän auf embolischem Wege, in-
dem septische Stoffe, die in yerschiedenen Theilen des Organismus sich
gebildet haben, durch den Kreislauf in die Lungen gelangen und hier
putride lobuläre Herde erzeugen. So beobachtete ich Brandherde der
') Jahresber. d. Jenner'schen Kinderspitals pro 1879, S. 27; 1882, S. 48;
1886, S. 21. — Stein Experim. Beitr. zur Infectiosität der Milz perls. Kühe. Berlin,
1884. — Hirschberger, Münch. Wochenschr. No. 43. 1889. — Ernst, Deutsche
med. Wochenschr. 1890. S. 118u. 1891. S. 57. — Absolut negative Resultate er-
gaben die Fütterungsversuche von Imbach, Jahrb. f. Kinderheilk. XXIV. S. 292.
2) Archiv f. Kinderheilk. IV. 1.
422 Krankheiten der Respirationsorgane.
Lunge im Gefolge von cariöser Verjauchung beider Felsenbeine, von
brandigen Processen der Haut, an denen die elenden Kinder der
Armen, besonders nach infectiösen Krankheiten (Masern, Scharlach,
Typhus) nicht selten leiden, endlich bei Gangrän der Vulva und der
Wange. Einen gangränösen Herd fand ich in der Lunge eines 2'/2jährigen
Kindes, welches viele Wochen lang an einem ausgebreiteten Ecthyma
gangränosum gelitten hatte:
Brust und Rücken waren derartig von tiefdringenden brandigen, mit schwarzen
necrotischen Fetzen bedeckten Ulcerationen durchlöchert, dass an eine physikalische
Untersuchung des Thorax nicht zu denken war. Nach dem im Collaps (T. 35,6) er-
folgten Tode ergab die Section folgende Veränderungen im Respirationsapparat:
Pleuritis sero-fibrinosa chronica, Bronchopneumonia multiplex, besonders linkerseits,
mehrfache embolische ich oröse Abscesse und hämorrhagische Infarcte in beiden
Lungen, umschriebenen Brandherd im linken Unterlappen, partielle Thrombosen
im Gebiet der Lungenarterien. Wegen der Unmöglichkeit, den Thorax zu untersuchen,
und der Prävalenz der Haut- und allgemeinen Symptome, waren alle diese Affectionen
während des Lebens latent geblieben.
Auch durch directe Aspiration septischer Stoffe kommt Lungen-
brand zu Stande, z. B. bei Pneumonie unter den oben erwähnten
Umständen , in tuberculösen Cavernen oder Abscessen der
Lunge, bei Noma und Diphtherie des Pharynx. Sowohl bei scarla-
tinöser Rachennecrose, wie bei wahrer Diphtherie, beobachtete ich wie-
derholt putride Bronchitis, ein paar Mal auch inmitten broncho-
pneumonischer Verdichtungen taubeneigrosse brandige Höhlen. Auch
in diesen Fällen wurde die Krankheit erst bei der Section entdeckt,
weil der brandige Geruch des Athems während des Lebens auf die Ne-
crose der Rachentheile bezogen wurde. Dagegen konnte ich bisweilen,
z. B. bei einem 4jährigen phthisischen Knaben, dessen Section mehrere
grössere und kleinere brandige Höhlen in der verdichteten linken
Lunge und putride Pleuritis ergab, durch den aashaften Geruch beim
Husten und Exspiriren die Diagnose während des Lebens stellen. Jeden-
falls spielt hochgradige allgemeine Schwäche, wie sie sich in er-
schöpfenden Krankheitszuständen geltend macht, durch die Verlang-
samung der Blutcirculation und die Tendenz zur Thrombose eine wichtige
Rolle in der Aetiologie des Lungenbrandes. Bei einem elenden 2jähri-
gen Knaben, welcher an allgemeinem Eczem auf meiner Klinik behandelt
wurde, bildete sich Bronchopneumonie, die Anfangs keine Besorgnisse cin-
flösste, nach etwa 14 Tagen aber plötzlich mit Verfall der Kräfte,
Leichenblässe der Haut und einem so fötiden Geruch des Athems ab-
schloss, dass das Zimmer förmlich verpestet wurde. Die Section ergab
Lungenbrand. 423
im rechten Unterlappen eine von verdichtetem Parenchym umgebene,
fast hühnereigrosse gangränöse Partie. In diese Categorie gehören auch
die Fälle von Lungenbrand, welche im Gefolge schwerer Abdominal-
typhen auftreten, wovon ich später zwei Beispiele mittheilen werde.
Dabei darf man nicht vergessen, dass gerade unter diesen Verhältnissen
das Eindringen von Nahrungsstoffen in die Luftwege den septischen
Zerfall der Entzündungsherde befördern kann.
Unerklärt blieb die Entstehung des Lungenbrandes in folgen-
dem Fall:
Albert St., 1 1 jährig, aufgenommen am 23. Juni. Früher gesund. Vor zehn
Tagen plötzlich mit Frost und nachfolgender Hitze erkrankt; später häufige dünne
Stühle und Delirien. Bei der Aufnahme liegt der übrigens kräftige und lebhaft colo-
rirte Knabe in tiefer Somnolenz, delirirt vielfach, ist nur schwer auf Augenblicke zu
erwecken. Untersuchung der Brust ergiebt von der rechten Spina scapulae abwärts
Dämpfung und spärliches klingendes Rasseln. Weder Milztumor noch Roseola. T.
39,5, P. 120, R. 40. Abends steigt die Temp auf 40,2, der Puls auf 148. In der
folgenden Nacht lebhafte Delirien und 3 Anfälle von Schüttelfrost mit Cyanose,
die, wie sich später ergab, auch schon vor der Aufnahme wiederholt eingetreten
waren. Am 24. allgemeiner Collaps, Cyanose der extremen Körpertheile, Erbrechen.
T. 40,0, P. 160, R. 52. In der darauf folgenden Nacht enorme Dyspnoe. Tod gegen
Morgen.
Section: Zwerchfell rechts kuppeiförmig in den Bauchraum vorgewölbt. Aus
der rechten Pleurahöhle entleert sich beim Oeffnen übelriechendes Gas. Die
Höhle bildet einen leeren Sack, an dessen medianer Fläche die stark collabirte
schmutzig grau-grüne Lunge anliegt. Costalpleura mit übelriechender Jauche be-
deckt. Im Pleurasack etwa 200 Ccm. grünlich-grauer Jauche. Im rechten Unterlappen
eine schon äusserlich als Brandherd erkennbare, 4 Ctm. lange und 4'/2 Ctm. breite
Stelle, welche eine längliche Perforation durch die papierdünne Ploura enthält. Der
Unterlappen ist schwach hepatisirt und enthält an der Basis noch einzelne kirsch-
kerngrosse Brandherde unter der dünnen fluctuirenden Pleura. An der Spitze des
linken Oberlappens ebenfalls ein nussgrosser Brandherd , der Rest des Parenchyms
blutreich und lufthaltig. Milz ziemlich stark geschwollen (9 Ctm. lang, 4,5 breit,
3,0 dick), bläulich-roth, weich. Im Darm reichlicher Epithelbelag, Peyer'sche Haufen
hie und da etwas geschwollen, Mesenterialdrüsen unbedeutend vergrösscrt. Alle an-
deren Organe normal.
Obwohl Milztumor und Roseola fehlten, schien doch das Krank-
heitsbild die Diagnose eines Ileotyphus mit Bronchopneumonie des
rechten Unterlappens zu rechtfertigen. Die geringen Veränderungen der
Peyer'schen und Mesenterialdrüsen, welche bei der Section gefunden wur-
den, lassen sich nun zwar nicht gegen diese Diagnose geltend machen, da,
wie wir später sehen werden, gerade beim Typhus der Kinder Fälle
dieser Art vorkommen, und die Milz dabei stark geschwollen gefunden
wurde. Dennoch bleibt die Entstehung des Lungenbrandes hier unklar,
424 Krankheiten der Respirationsorgane.
weil die multiple Form der Gangrän und die wiederholten Schüttel-
fröste auf eine septicämische Quelle hinwiesen, deren Ursache bei
der Section nicht gefunden wurde. Der tödtliche Ausgang erfolgte
durch Ruptur eines oberflächlichen Brandherdes der Lunge mit nach-
folgendem putridem Pyopneumothorax. Auch in diesem Falle fehlte der
verdächtige Geruch des Athems vollständig.
XI. Der Keuchhusten.
Auch der Keuchhusten (Tussis convulsiva, Pertussis), mit
dem ich die Schilderung der respiratorischen Krankheiten abschliesse,
gehört streng genommen nicht an diese Stelle, sondern zu den infec-
tiösen Processen. Vom klinischen Standpunkt aus halte ich es je-
doch für zweckmässig, den Keuchhusten, wie die fibrinöse Pneumonie
und die Tuberculose, den Affectionen des Respirationsapparats anzu-
schliessen, weil seine Symptome vorzugsweise in dieser Sphäre spielen, und
auch seine bedenklichsten Complicationen derselben angehören.
Es giebt gewisse Zeichen, welche den Arzt, noch bevor er das er-
krankte Kind husten hört, zur Diagnose der Tussis convulsiva bestimmen
können, zunächst die Aussage der Eltern, dass ihr Kind an einem an-
fallsweise, besonders häufig in der Nacht auftretenden Husten leide,
der mit giemenden oder pfeifenden Inspirationen und mit dunkler
Gesichtsröthe verbunden sei, und mit Würgen oder Erbrechen von
Schleim ende. Die Vermüthung, dass es sich um Keuchhusten handele,
wird bestärkt, wenn Sie das Gesicht des Kindes, zumal die unteren
Augenlider, gedunsen und die Venen der letzteren etwas erweitert
finden.
Man unterscheidet im Verlaufe der Krankheit drei Stadien, welche
allmälig in einander übergehen. Das erste (Stadium catarrhale)
unterscheidet sich in der Regel durch nichts von einem gewöhnlichen
Tracheal- und Bronchialcatarrh, und erregt daher nur dann den Ver-
dacht , Vorläufer des Keuchhustens zu sein, wenn dieser epidemisch
herrscht, oder Kinder derselben Familie schon daran leiden. Seltener
zeigt der Husten schon in dieser Zeit einen eigenthümlichen Cha-
rakter, nämlich ein mehr paroxysmenweises Auftreten mit Neigung zum
Würgen am Schluss. Das catarrhalische Stadium ist dann äusserst
kurz, auf ein paar Tage beschränkt, und vorzugsweise schienen mir kleine
Kinder im ersten Lebensalter diese Eigenthümlichkeit darzubieten.
Im Allgemeinen aber beträgt die Dauer des einleitenden Stadiums
10 — 12 Tage; während dieser Zeit nimmt der Anfangs rein catarrh-
alische Husten allmälig den paroxystischen Charakter an. Wenn
Keuchhusten. 425
manche Autoren eine 5— G wöchentliche Dauer des ersten Stadiums be-
obachtet haben wollen, so will ich dies gewiss nicht bestreiten, glaube
aber doch, dass es sich in diesen Fällen eher um einen gewöhnlichen
Catarrh handelte, während dessen die Kinder mit dem Keuchhusten inficirt
wurden. Bei Kindern, welche zu Pseudocroup neigen (S. 336), sah ich
auch das erste Stadium bisweilen mit einem solchen Anfall beginnen,
aus welchem dann zunächst ein Catarrh und schliesslich Tussis convulsiva
hervorging. Das zweite Stadium (St. convulsivum) stellt den Höhe-
punkt der Krankheit dar. Mehr oder minder oft, am stärksten und
häufigsten in der Nacht, erfolgen jetzt die charakteristischen Anfälle,
welche durch die unterbrechenden giemenden Inspirationen der Krank-
heit den Namen gegeben haben.
Häufig, aber keineswegs constant, beginnt der Anfall mit einer Art
von Aura, d. h. mit Prodromen, welche dem Kinde und seiner Umgebung
das Herannahen desselben verkünden. Das Kind wird plötzlich unruhig,
angstvoll, hört auf zu essen oder zu spielen, richtet sich schnell aus der
Rückenlage auf, klammert sich an die Mutter oder an irgend einen
festen Gegenstand an, als könne es dadurch besser dem hereinbrechenden
Anfalle Trotz bieten. Schon bei einem 3 Wochen alten Säugling beob-
achtete ich vor jedem Anfall ängstliches Schlagen mit den Armen, mit-
unter auch kurze pfeifende Inspirationen, bei einem 14 Wochen alten
Knaben rasche Entleerung von Urin und Fäces, bei älteren Kindern
auch prodromales Erbrechen. Sie liefen plötzlich mit grosser
Hast in die Ecke des Zimmers und entleerten ihren Mageninhalt, worauf
der Anfall ausbrach. Bei einem 2jährigen Kinde begann er mit Unruhe
und zahllosem, rasch aufeinander folgendem Niesen, welches auch am
Schlüsse wiederkehrte, während ein 9jähriges Mädchen als Aura sehr
beschleunigtes und dyspnoetisches Athmen mit stöhnender Exspiration
zeigte, welches über eine Stunde anhielt und dann in den Anfall über-
ging. Unmittelbar nach demselben und in den Intervallen war die Re-
spiratioa vollkommen ruhig, nur hie und da leichtes Rasseln zu hören.
Der Anfall selbst besteht in rasch aufeinander folgenden Hustenstössen,
welche von Zeit zu Zeit von einer giemenden Inspiration unterbrochen
werden. Während der Dauer desselben nimmt das Kind eine vornüber-
gebeugte Stellung ein. Je rascher die Stösse auf einander folgen, d.
h. je seltener inspirirt wird, um so mehr tritt das Bild der Suffocation
(Stickhusten) hervor, dunkle, etwas cyanotische Röthe des Gesichts
und Halses, strotzende Fülle der Hautvenen, Cyanose der sichtbaren
Schleimhäute, besonders der Zunge. Thränen der Augen, Ausfluss von
Schleim und Blut aus der Nase, Ecchymosen unter der Conjunctiva und
426 Krankheiten der Respirationsorgane.
im subcutanen Bindegewebe des Gesichts sind häufige Begleiter und
Folgen. Die Action der bei der Respiration betheiligten Muskeln ist er-
heblich verstärkt, zumal die der Bauchmuskeln und der gewölbten harten
Sternocleidomastoidei. Nur während der giemenden Inspirationen erfolgt
ein momentaner Nachlass der erwähnten Erscheinungen, welchem mit der
neu beginnenden Reihe von Hustenstössen sofort wieder eine Steigerung
folgt. So wiederholt sich die Aufeinanderfolge suffocatorischer Husten-
stösse und jäher Inspirationen 3— 6 mal, auch noch häufiger, und nach
einer Dauer von 2 — 3 Minuten endet der Anfall, entweder ohne oder
häufiger mit Auswürgen von reinem oder blutig tingirtem Bronchial-
schleim mit Speiseresten, wobei die Mütter mit den in die Mundhöhle
eingeführten Fingern zu Hülfe kommen. Fast immer beobachtet man
nach ganz kurzer Pause einen zweiten schwächeren Anfall, welchem
selbst noch ein dritter folgen kann, so dass der ganze Paroxysmus
eigentlich aus 2 oder 3 schnell auf einander folgenden Anfällen besteht.
Nun erst tritt vollständige Ruhe ein. Während manche, besonders kleine
Kinder in höchster Erschöpfung daliegen, fahren ältere fast unmittelbar
in ihren Beschäftigungen fort, als ob nichts vorgefallen wäre. Merk-
würdig ist besonders der geringe Einfluss der häufigen nächtlichen An-
fälle. Die Kinder fahren in die Höhe, machen ihren Anfall durch und
schlafen dann sofort wieder ein, ohne durch die häufige Unterbrechung
des Schlafes wesentlich beeinträchtigt zu werden. Nimmt man während
des Anfalls eine Untersuchung des Thorax vor, so kann man selbst
während der giemenden Inspirationen kein Vesiculärathmen hören, weil
diese alles andere verdecken, und die Luft nicht in normaler Weise in
die Bronchien eindringen kann.
Die Zahl der innerhalb 24 Stunden erfolgenden Anfälle ist sehr
verschieden. Während manche Kinder im ganzen Verlaufe der Krankheit
es höchstens auf 10 — 12 Anfälle täglich bringen, steigt die Zahl bei
anderen auf 30—60, wobei freilich meistens alle Phasen oder Reprisen,
die, wie eben erwähnt wurde, einen vollständigen Anfall bilden, ge-
zählt zu werden pflegen. Sie begreifen, dass mit der Zahl auch die
Gefahr der Krankheit wachsen muss, theils durch die immer mehr sich
geltend machende Erschöpfung, theils durch die sich stets wiederholen-
den Stauungen im Venensystem, welche jeden Anfall begleiten und von
ernster Bedeutung werden können. Mit Recht gab daher schon Trousseau
den Rath, die Zahl der Anfälle durch Striche auf einer Tafel zu no-
tiren, um einen Maasstab für die Zu- und Abnahme, und damit für die
Gefahr der Krankheit zu gewinnen. Wenn auch die Anfälle meistens
Keuchhusten. 427
spontan eintreten, so werden sie doch durch Gemüthsaffecte (Weinen,
Schreien), durch den Uebergang aus der liegenden in die aufrechte
Stellung, zuweilen auch durch Anfüllung des Magens leicht hervorgerufen.
Durch Druck auf den Larynx, oder durch die Untersuchung des Rachens
gelingt es mir gewöhnlich, behufs der klinischen Demonstration einen
Anfall zu erzeugen. Bemerkenswerth ist, dass, wenn eine Anzahl solcher
Kinder in einem Raum, z. B. in einem poliklinischen Local, sich bei-
sammen finden, der Anfall des einen leicht auch bei den anderen An-
klang findet, und ein allgemeines Husten erfolgt.
Die zwischen den Anfällen liegenden Intervalle sind bei einfachem
Keuchhusten völlig frei von krankhaften Erscheinungen. Husten findet
gar nicht statt, die Respiration ist ruhig, und die Untersuchung ergiebt
normales Athemgeräusch, höchstens sparsame catarrhalische Rhonchi.
Man merkt eben die Krankheit nur an der schon erwähnten leichten
oedematösen Schwellung der Augenlider und an der Erweiterung der
kleinen Venen im Umkreise der Augen, welche sich nach längerer Dauer
in Folge der immer wiederkehrenden Stauungen einzustellen pflegt. Aus
derselben Quelle stammen die bisweilen erschöpfenden Nasenblutungen,
die blutigen Sputa (Bronchialblutung) und die Ecchymosen unter der
Conjunctiva, welche zwar meistens nur fleckweise auftreten, aber auch
eine bedeutende Ausdehnung erreichen können, so dass ich die Cornea
rings von einem die ganze Sclera überdeckenden Bluterguss umgeben,
die Conjunctiva paipebr. blutig suffundirt und beide Augenlider schwarz-
blau gefärbt sah. Der Druck der während der Anfälle eintretenden
venösen Stauung kann sich aber noch auf andere Weise äussern. Erectile
Tumoren schwellen an. Bei bestehender Stomatitis kann Blutung aus dem
hyperämischen Zahnfleisch eintreten. Bei einem mit Eczem des Ohrs
behafteten Kinde sah ich in jedem starken Anfall Blutung aus der
kranken Hautpartie erfolgen. Auch Blutung aus dem äusseren Ohr kam
bisweilen vor, und erklärt sich aus einer Ruptur des Trommelfells,
welche, zumal bei schon vorhandener Otitis, durch den Stoss der
während des Hustens stark comprimirten und durch die Tuba in die
Trommelhöhle getriebenen Luft bedingt wird. Diese Rupturen heilen
aber fast immer ohne Residuen, und Fälle von Eiterung der Trommel-
höhle in Folge dieses Vorgangs gehören zu den Ausnahmen. Barrier
beobachtete eine Blutung zwischen Dura und Arachnoidea in Folge des
Anfalls, und ich selbst theilte Ihnen bereits (S. 253) eiuen Fall von
Hemiplegie mit, die während eines Keuchhustenanfalles entstanden war
und ohne Zweifel auf eine Hämorrhagie im Gehirn bezogen werden
428 Krankheiten der Respirationsorgane.
musste '). Als Folge der gewaltsamen exspiratorischen Stösse werden
auch Hernien und Prolapsus ani beobachtet, und Cadet2) beschreibt
einen Fall von Ruptur des Rectus abdominis mit Bildung eines grossen
Tumors (Hämatom) unter den Bauchdecken, welcher sich allmälig wieder
zurückbildete.
Bei sehr vielen Kindern, welche längere Zeit am Keuchhusten ge-
litten haben, beobachtet man eine weisslichgraue Erosion oder tiefere
Ulceration des Zungenbändchens, welche eine partielle oder totale
Zerstörung desselben herbeiführen kann. Der Umstand, dass dies Ge-
schwür mit sehr seltenen Ausnahmen nur bei Kindern vorkommt, welche
bereits Schneidezähne besitzen, beweist schon, dass die immer wieder-
holte Friction, welche das Bändchen während der Anfälle durch das
Herausschnellen der Zunge über die unteren mittleren Schneidezähne
erleidet, die Ursache der Ulceration ist. Aus demselben Grunde habe
ich diese ein paar Mal auch an der unteren Fläche der Zungenspitze,
oder neben dem Frenulum und sogar auf dem Rücken der Zunge be-
obachtet, wo dann die Verletzung auf die unteren seitlichen oder auf
die oberen Incisoren zu beziehen war. Das Geschwür ist indess auch
bei Kindern, die bereits Zähne haben, durchaus nicht immer vorhanden;
es kommt eben auf die Zahl und Intensität der Anfälle, und wohl
auch darauf an, ob das Bändchen lang und schlaff, oder kurz und
straff ist, in welchem Falle das Herausschnellen der Zunge während
des Anfalls und daher die Reibung an den Zähnen nicht in dem Maasse
stattfindet, um das Epithel des Frenulum abzustreifen. Seitdem ich
meine Aufmerksamkeit mehr auf diesen Punkt richte, kommen mir auch
bisweilen Fälle von ganz analoger Ulceration des Zungenbändchens bei
Kindern vor, welche entweder gar nicht husten oder nur an einem ge-
wöhnlichen Bronchialcatarrh leiden, aber ungewöhnlich schneidige Zähne
haben.
Die Dauer des Acmestadiums beträgt im Durchschnitt 4 Wochen,
wobei in der letzten Zeit die nächtlichen Anfälle schon an Intensität
und Frequenz erheblich verlieren. Nach und nach erlischt der krampf-
hafte und suffocatorische Charakter des Paroxysmus, die giemenden
Inspirationen werden kürzer und schwächer, das terminale Würgen hört
auf, und so erfolgt fast unmerklich der Uebergang in das dritte Stadium,
') S. einen ähnlichen Fall von Hemiplegie und Aphasie im Jahrb. für Kinder-
heilk. 1876. X. S. 400. — Ueber Erblindung nach Portussis, die mir selbst noch
nie vorkam, s. Alexandor, Deutsche med. Wochenschr. 1888. No. 11, u. Jacoby,
New- York. med. Monatsschr. III. No. 2.
2) 1. o. II. p. 306.
Keuchhusten. 429
welches man wieder als ein catarrhalisches bezeichnen könnte. Man hat
es hier nur mit einem losen Husten zu thun, der noch durch gewisse
Züge, besonders durch die Tendenz zum Auftreten in Paroxysmen und
durch ungewöhnliche Gesichtsröthe, an Pertussis erinnert. Nach etwa
2 bis 3 Wochen schwindet auch dieser Husten, und das Kind tritt nun
in volle Reconvalescenz. Die ganze Krankheit hat daher eine mittlere
Dauer von 8 bis 10 Wochen, und der Volksglaube, dass der Keuchhusten
nicht unter 18 Wochen heile, ist ein unbegründeter. Allerdings sprach
ich nur von einer Durchschnittsdaucr, denn jedem Arzte werden Fälle
bekannt sein, welche sich 3 bis 4 Monate hinzogen. Die Krankheit
bildet aber dann nur selten ein Oontinuum, sondern nimmt inmitten des
dritten Stadiums wieder einen neuen Aufschwung, und dauert dann
natürlich länger. In manchen Fällen bleibt auch nach dem völligen Ab-
laufe der Pertussis ein chronischer Catarrh der grossen Bronchien
zurück, und jede durch zufällige Erkältung oder durch andere Einflüsse
(z. B. Masern) herbeigeführte Steigerung desselben bedingt auch wieder
den Eintritt von Hustenanfällen, deren Charakter immer noch an Keuch-
husten erinnert. Wie Rilliet und Barthez, sah auch ich nach einem
halben, ja selbst ganzen Jahr seit dem Beginn der Krankheit plötzlich
wieder solche Anfälle eintreten. Bei einem Kinde dauerte der Keuch-
husten vom Juli 1881 bis in den Januar 1882, worauf eine dreiwöchent-
liche vollständige Pause eintrat. Dann begann der Husten von neuem
und erreichte im Februar eine solche Intensität, dass während der nächt-
lichen Anfälle mitunter ein Theelöffel voll Blut entleert wurde. Von
einer neuen Infection ist wohl in solchen Fällen abzusehen; weit eher
kann man an eine Reproduction des Infectionsstoffes, der noch nicht
vollständig zerstört oder eliminirt worden ist, denken. Eine wirkliche
zweite Infection und Erkrankung am Keuchhusten, welche gewichtige
Autoritäten (Roger, West, Trousseau) beobachtet haben wollen, habe
ich selbst noch nicht gesehen, und halte alle Fälle, welche mir von den
Angehörigen als solche mitgetheilt wurden, für zweifelhaft. So mancher
einfache, aber langwierige Tracheal- und Bronchialcatarrh wird von den
Eltern für Keuchhusten gehalten, zumal wenn der Husten, wie dies
manchen Kindern eigenthümlich ist, einen rauhen oder leicht pfeifenden
Beiklang hat. —
Der bisher geschilderte normale Verlauf zeigt nun nicht selten
wesentliche Abweichungen, welche sowohl den Anfall selbst, wie das
Intervall betreffen, und der an und für sich nicht gefährlichen Krank-
heit eine ernste, das Leben bedrohende Schwere verleihen können.
Betrachten wir zunächst die Varietäten des ersteren, so muss ich
430 Krankheiten der Respirationsorgane.
Sie auf die ungünstige Bedeutung der Anfälle aufmerksam machen,
welche sich durch längere Apnoe auszeichnen, in denen also nur gehustet,
selten oder gar nicht inspirirt, daher auch kein giemendcr Ton gehört
wird. Sie beobachten dies besonders bei kleinen Kindern im ersten
Lebensjahr, die keineswegs vom Keuchhusten verschont bleiben; sogar
Kinder, die in den ersten Lebenswochen oder Monaten standen, sah ich
von älteren Geschwistern inficirt werden. Die Oyanose erreicht in diesen
apnoötischen Anfällen einen hohen Grad, die Suffocation ist drohend und
kann in der That letal werden, besonders wenn noch diffuser Catarrh
oder gar Bronchopneumonie die Krankheit complicirt. Unter diesen Um-
ständen kommt es bisweilen schon während des Anfalls oder gleich
nach demselben zu partiellen Krämpfen (Verdrehen der Augen, Contrac-
turen der Finger, Zehen, Arme u s. w.), auch zu allgemeinen, selbst
tödtlichen Convulsionen, sei es in Folge der andauernden venösen
Stauung im Gehirn, oder der Anhäufung von Kohlensäure im Blute, die
bei dem Mangel ausgiebiger Inspirationen eintreten muss. Dabei soll
nicht unerwähnt bleiben, dass das Giemen im Anfall auch bei älteren
Kindern fehlen kann, ohne dass dadurch eine üble Prognose begründet
wird, so lange nämlich die Anfälle kurz sind und die Cyanose, wie die
suffocatorischen Erscheinungen, den gewöhnlichen Grad nicht über-
schreiten oder sogar schwächer auftreten. Solche Fälle kommen nicht
ganz selten vor und können sogar Zweifel erregen, ob wirklich Keuch-
husten vorliegt. Es fehlt eben dem Anfall ein charakteristischer Zug,
oder derselbe ist nur leicht angedeutet, während alle anderen Charak-
tere vorhanden sind, und dabei gleichzeitig ein analoges Leiden der Ge-
schwister stattfindet („Coqueluchette" der Franzosen).
Durch die häufige Wiederholung der eben erwähnten schweren, die
Kohlensäureausscheidung stark beeinträchtigenden Anfälle können nun
auch Cerebralsymptome herbeigeführt werden, welche in den Inter-
vallen fortdauern und unter der Maske einer Meningitis den Tod her-
beiführen:
Wilhelm H., 1 Jahr alt, aufgenommen am 14. Februar mit Tussis convul-
siva. Anfälle von grosser Intensität mit langer Apnoe und epileptiformen
Krämpfen, welche Anfangs nur im Paroxysmus, vom 23. an aber auch im Intervall
auftraten. Am 3. März wird zuerst Strabismus convorgens auf beiden Augen und
starrer Blick, am 7. wiederholte Kaubewegung beobachtet. Vom 18. an Somnolenz,
starre Retroversion des Kopfes durch Contractur der Nackenmuskeln, am 19. auch
Contractur beider Armo im Ellenbogengelenk, sowie der Beugemuskeln der Unter-
schenkel bei stets zunehmendem Sopor, in welchem am 23. der Tod erfolgt. Vom
9. März an bestand remittirendes Fieber (Mg. 38,4—38,8, Ab. 39,2— 39,7), als dessen
Quelle eine doppelseitige Bronchopneumonie der Unterlappen constatirt wurde.
Keuohhusten. 431
Rechterseits bildeten sich die Erscheinungen allmälig ganz zariiclt. Mit dem Eintritt
des Sopors wurden die Keuchhustenanfälle schwächer, aber nicht seltener, während
die Cyanose erheblich zunahm, die R. nicht unter 50—60 sank, schwach und un-
regelmässig wurde, die Temperatur der extremen Theile abnahm, und Decubitus am
Hinterhaupt und Kreuzbein sich entwickelte.
Sie finden hier Strabismus, Starrheit des Blickes, Kaubewegungen, Con-
tracturen und Sopor — ein Complex von Symptomen, der bei seiner dreiwöchent-
lichen Dauer mich zur Diagnose einer tuberculösen Meningitis bestimmte, und doch
ergab die Section nur starke Hyperämie der Gehirnsubstanz und der Pia, stellen-
weise Oedem der letzteren. Im linken Unterlappen bestand Bronchopneumonie,
in der rechten Lunge nur ein diffuser Catarrh. Sonst erschienen alle Organe völlig
gesund. Wir sehen hier also eine Stauungshyperämie im Gehirn und in der Pia, im
Verein mit der in Folge der enormen Hustenanfälle und der Bronchopneumonie sich
entwickelnden Kohlensäureintoxication das täuschende Bild der Basilarmenin-
gitis hervorbringen. Die fortdauernde Respirationsfrequenz von 50—60 und die
stets zunehmende Cyanose sprechen zu Gunsten dieser Ansicht. —
Fast noch grössere Gefahren als der Anfall selbst birgt das Inter-
vall. Unter allen Complicationen des Keuchhustens steht an Häufig-
keit obenan der diffuse Bronchialcatarrh und die daraus hervorgehende
Bronchopneumonie (S. 365). Wenn ein am Keuchhusten leidendes
Kind in den Intervallen der Anfälle nicht vollkommen gesund erscheint,
vielmehr schnell und oberflächlich athmet, eine stöhnende Exspiration
zeigt und dabei fiebert, so können Sie sofort auf diese Complication
schliessen, und die Untersuchung des Thorax wird diese Vermuthung be-
stätigen. Obwohl die Bronchopneumonie eine Menge keuchhustenkranker
Kinder hinrafft, darf man doch nie die Hoffnung aufgeben. Kleine Kinder
und sehr böse Fälle mit ausgedehnten doppelseitigen Verdichtungen sah
ich nach Wochen laugen Schwankungen, nachdem sie wiederholt aufge-
geben waren, vollständig genesen. Selbst die Complication mit Masern
ist unter diesen Umständen nicht absolut letal, wenn auch sehr erschwe-
rend. Weit seltener beobachtete ich fibrinöse Pneumonie und Pleu-
ritis, während Emphysem der Spitzen und Ränder in Verbindung mit
ausgedehnteren bronchopneumonischen Verdichtungen fast nie vermisst
wurde. Die hie und da beschriebene Ruptur einzelner ausgedehnter Lungen-
alveolen mit nachfolgendem interlobulärem Emphysem, welches sich von
hier aus über den Lungenhilus nach dem Halse und über einen grossen
Thcil des Rumpfes ausbreiten kann, oder gar Pneumothorax habe ich
selbst nie beobachtet1). Wohl aber sah ich bei einem an Phthisis
leidenden Kinde während des Pertussisanfalls ein tuberculöses Geschwür
') Roger (Recherches cliniques sur les maladies de l'enfance. IL Paris, 1783.
p. 554) erzielte in einem solchen Falle durch Punction des Thorax Heilung.
432 Krankheiton der Respirationsorgane.
des rechten Hauptbronchus einreissen , worauf sich sofort starkes
Emphysem im subcutanen Bindegewebe des Halses und der Brust aus-
breitete.
Die den Keuchhusten complicirende Bronchopneumonie hat, wie ich
schon (S. 365) erwähnte, die Tendenz, chronisch zu werden und Mo-
nate lang zu dauern, wobei die Hustenanfälle in unverminderter Stärke
fortbestehen können. Gerade in diesen Fällen fand ich nach dem Tode
öfters Erweiterung und partielle fettige Degeneration des rechten Her-
zens, Veränderungen, die sich aus der anhaltenden venösen Stauung und
aus den Widerständen im Lungenparenchym, welche das Herz zu über-
winden hat, erklären lassen. Oedem der Hand- und Fussrücken, und
unerwartete plötzliche Todesfälle durch Collaps oder Syncope kamen
mir unter diesen Umständen wiederholt vor. Durch die Herzschwäche
erklärt sich wahrscheinlich auch die enorme Pulsfrequenz, welche
mir im Laufe mancher den Keuchhusten complicirenden Bronchopneu-
monie bei verhältnissmässig niedriger Temperatur auffiel. Sie darf zwar,
wie der folgende Fall lehrt, nicht gleich als letales Symptom aufgefasst
werden, lässt aber immer durchblicken, wie leicht bei dieser Sachlage
plötzliche Erschöpfung der Herzaction eintreten kann.
Margarothe H., V/2 Jahr alt, aufgenommen am 13. Juli mit Rachitis
und einem seit etwa 4 Wochen bestehenden Keuchhusten. Seit 5 Tagen hronchitische
Symptome mit starker Dyspnoe. Hinten beiderseits geringe Dämpfung mit un-
bestimmtem Athmen und kleinblasigen Rasselgeiäuschen. Hustenanfälle nur selten,
auch in der Nacht. Vom 18. an wurde die Respiration ruhiger, die Dämpfung schwand,
und man hörte hinten nur noch Schnurren und Pfeifen, während die Keuchhusten-
anfälle, von Erbrochen begleitet, wieder stärker hervortraten. Vom 21. an fortschrei-
tende Erholung, Appetit, keine Dyspnoe mehr. Am 24. Entlassung. Keuchhusten
noch fortbestehend. Während dieses Verlaufs beobachteten wir die folgenden Vor-
hältnisse dos Pulses, der Athmung und Temperatur:
P.
R.
T.
13. Juli 200
60
38,6
14. ,
180
60
38,0-37,5
15. ,
164
50
38,5
16. ,
168
64
37,0-38,0
17. ,
144
56
37,5-37,2
18. ,
136
52
38,0
19. ,
112
40
37,2
20. ,
116
40
37,0
21. ,
120
44
37,3
22. ,
108
30
37,5
Als Nachkrankheiten bleiben oft chronische Bronchial-
catarrhe, seltener Emphysem, Bronchiectasie oder Lungenphthisis
Keuchhusten. 433
zurück, welche aus einer in Verkäsung übergehenden chronischen Broncho-
pneumonie sich entwickelt. In Folge der Hyperplasie und Verkäsung
der Bronchialdrüsen, die in langwierigen Fällen von Keuchhusten von
dem begleitenden Catarrh der Schleimhaut her angeregt wird, kommt es
auch bisweilen, wenn der Keuchhusten selbst schon längst vergessen ist,
zu acuter Miliartuberculose oder tuberculöser Meningitis. Endlich sei
noch erwähnt, dass ich in mehreren Fällen eine der rachitischen ähnliche
Verbildung des Thorax, nämlich eine stark entwickelte Hühner-
brust, zu Stande kommen sah, und zwar bei zuvor ganz normal gebauten,
keinesfalls rachitischen Kindern. Die mangelhaften Inspirationen und die
daraus resultirende unvollständige Ausdehnung der Lunge während der
Anfälle, zumal Complication mit chronischer Bronchopneumonie, welche
diese Miss Verhältnisse längere Zeit unterhält, erklären, wie ich meine,
durch den überwiegenden äusseren Atmosphärendruck das Zustandekommen
dieser Formveränderung. —
Von den aetiologischen Verhältnissen der Pertussis wissen wir
so gut wie nichts. Sicher ist, dass die Krankheit schon in der frühe-
sten Kindheit vorkommt; ich selbst habe sie, wie schon erwähnt wurde,
bei Kindern von 3 resp. 6 Wochen, welche von älteren Geschwistern in-
ficirt waren, beobachtet. Ihre grösste Frequenz fällt in das 2. und 3.
Lebensjahr, doch werden häufig auch ältere Kinder, selten Erwachsene
befallen. Im Frühjahr 1878 beobachtete ich Keuchhusten bei einem
jungen Menschen von 16 Jahren, der beim Confirmandenunterricht inficirt
sein wollte, und später nicht nur seine beiden Schwestern von 12 und
14 Jahren, sondern auch die 35jährige Mutter ansteckte. Bei der letz-
teren trat die Krankheit nur in der Form eines in heftigen Paroxysmen
mit leichter Cyanose auftretenden catarrhalischen Hustens auf, wäh-
rend bei den jüngeren Patienten deutliches Giemen, zum Theil auch
Hämoptysis und terminales Erbrechen beobachtet wurde. Ueberhaupt
kommen Ansteckungen der Mutter durch ihre Kinder öfters vor ;
doch pflegt die Krankheit bei ersterer in abgeschwächter Form zu
verlaufen.
Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Keuchhusten contagiösist
und von einem Individuum leicht auf das andere übertragen wird, so
dass gewöhnlich mehrere Kinder einer Familie gleichzeitig an dem-
selben leiden. Man behauptet sogar, dass ein Beisammensein von we-
nigen Minuten schon zur Ansteckung ausreichen kann. Um so auffallen-
der ist es, dass ich in meiner Klinik, wo die an Pertussis leidenden Kin-
der nicht einmal isolirt liegen, nur ausnahmsweise einen Fall von
Uebertragung beobachten konnte, ganz im Gegensatze zu Roger. Ueber
Uenoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 28
434 Krankheiten der Respirationsorgane.
die Dauer des Incubationsstadiums besitze ich keine sicheren Erfahrungen,
sah aber wiederholt, dass wenn ein Kind die Krankheit aus der Schule
in die Familie einschleppte, mindestens 10 — 12 Tage vergingen, ehe der
Husten bei den Geschwistern sich meldete. Die Annahme, dass das
Oontagium mit der eingeathmeten Luft auf die Respirationsschleimhaut
gelangt und von hier aus seine Wirkung entfaltet, liegt nahe, und es
konnte nicht fehlen, dass Bacterien als Ursache beschrieben wurden1).
So wahrscheinlich auch diese Annahme ist, können doch die bisher be-
schriebenen Befunde noch keinen Anspruch auf Beweiskraft machen.
Mit der Auffassung des Keuchhustens als einer Infectionskrankheit hängt
es auch zusammen, dass man ihm ein fieberhaftes Vorstadium,
analog dem Prodromalfieber der acuten Exantheme, zuerkennen wollte.
Ich kann dies nicht absolut widerlegen, erinnere aber daran, dass das
erste Stadium, wie jeder Catarrh, mit grösserer Intensität auftreten und
dann von Fieber begleitet sein kann. Auch Trousseau2) spricht von
einem heftigen febrilen Catarrhalstadium, und ich selbst habe dies wie-
derholt beobachtet.
Die Einwirkung, welche der Infectionsstoff von der Respirations-
schleimhaut her ausübt, beschränkt sich nicht auf die Erzeugung eines
gewöhnlichen Catarrhs der Trachea und der Bifurcationsstelle, wie
Manche behauptet haben. Dass ein solcher vorhanden ist oder wenig-
stens vorhanden sein kann, bestreite ich gewiss nicht, und einige laryngo-
scopische Untersuchungen haben ihn in der That wenigstens auf der
Larynx- und Trachealschleimhaut nachgewiesen 3). Aber jeder, der einen
Keuchhustenanfall nur einmal gehört hat, muss sich sagen, dass hier
ausser dem Catarrh noch etwas Anderes, und zwar ein nervöses Ele-
ment, in Betracht kommt, was eben dem Anfall sein charakteristisches
Gepräge giebt, und sich einerseits durch die krankhaften exspiratorischen
Stösse, andererseits durch die Apnoe und den giemenden Ton des
Spasmus glottidis bekundet. Ich erinnere ferner an die (S. 425) als
') Letzerich, Jahrb. f. Kinderkrankh. 1870. III. S. 534; 1873. S. 436. —
Tschamer, ibid. 1876. X. S. 174. — Burger, Berl. klin. Wochenschr. 1883. 1.
— Deichler, Deutsche Medicinal-Zeitung. 1886. No. 74 u. Verh. der Bremer
Naturf.-Vers. 1890. — Afanasjeff und Semtschenko, Jahrb. f. Kinderkrankh.
XXVIII. S. 213. — Ritter, Berl. klin. Wochenschr. 1892. No. 50.
2) Clinique. I. 497.
3) Rehn (Wiener med. Wochenschr. 1866. 52. u. 53), Meyer-Hüni (Zeit-
schrift f. klin. Med. I. Heft 3) und Herff (Deutsches Arch. f. klin. Med. Bd. XXXIX.
No. 3 u. 4) beschreiben diesen Catarrh, während Rossbach (Berl. klin. Wochenschr.
18. 1880) ihn nicht constatiren konnte.
Keuchhusten. 435
Aura des Anfalls beschriebenen Erscheinungen und an das fast constante
Erbrechen. Ich gebe zu, dass Würgen und Erbrechen von Schleim am
Schlüsse der heftigen Anfälle einfach als mechanischer Act , als Folge
der heftigen Contractionen der Bauchmuskeln während der Hustenanfälle
betrachtet werden kann, denn man beobachtet es, zumal wenn der
Magen stark gefüllt ist, nicht selten auch bei anderen heftigen Husten-
paroxysmen, welche mit Tussis convulsiva nichts zu schaffen haben.
Man bedenke aber, dass manche Kinder schon bei ganz leichten An-
fällen der Pertussis brechen, dass ferner Fälle vorkommen, in welchen
Erbrechen das hervorstechendste Symptom des Anfalls bildet und durch
seine Constanz sogar Besorgnisse erregen kann. Mir begegneten Kinder,
die nach einem kurzen, nicht einmal von Giemen begleiteten Anfall sofort
den ganzen Mageninhalt entleerten, während andere sogar in den Inter-
vallen der Paroxysmen alles Genossene wieder ausbrachen, und allmälig
in einen bedenklichen Schwächezustand verfielen, ohne dass in den
Verdauungsorganen selbst ein Grund dafür aufzufinden war. Ein solches
Erbrechen kann doch nur als ein nervöses aufgefasst werden. Ob hier
eine, durch den Vagus vermittelte, erhöhte reflectorische Reizbarkeit der
Medulla oblongata die Schuld trägt, und auf welche Weise das spe-
cifische Oontagium einen solchen Einfluss auf das Centralnervensystem
ausübt, ist eine bis jetzt ungelöste Frage. So viel steht fest, dass
die pathologische Anatomie uns darüber keine Aufklärung giebt, und
dass alle Veränderungen, welche man bei den Sectionen findet, be-
sonders auch die vielerwähnten Hyperplasien der Bronchialdrüsen, nur
als Folgen oder Complicationen der Krankheit betrachtet werden
müssen.
Der Keuchhusten tritt häufig in mehr oder weniger ausgebreiteten
Epidemien auf, welche sich im Allgemeinen nicht an bestimmte Jahres-
zeiten binden. Eine schon von West hervorgehobene Beziehung zu
den Masern lässt sich nicht verkennen. Nicht bloss die Combination
oder Succession beider Epidemien wird öfters beobachtet, sondern auch das
einzelne Individuum, welches an einer dieser Krankheiten leidet, scheint
eine besondere Disposition zu der anderen zu besitzen. Die Combination
beider Infectionskrankheiten in einem und demselben Individuum ist
immer eine bedenkliche, weil in diesen Fällen fast immer eine aus-
gedehnte und besonders hartnäckige, zum chronischen Verlaufe neigende
Bronchopneumonie entsteht. Noch schlimmer • ist es, wenn ein be-
reits an Pertussis und Bronchopneumonie leidendes Kind von den Masern
befallen wird. Ich sah dann schon vor dem Ausbruche des Exanthems
Cyanose sich bemerkbar machen, der hervorbrechende Masernausschlag
28*
436 Krankheiten der Respirationsorgane.
wurde sofort bläulich, und schon nach wenigen Tagen erfolgte unter den
Erscheinungen der Kohlensäurevergiftung det Tod. Absolut hoffnungs-
los ist indess, wie ich schon erwähnte, diese Complication nicht, und
auch bei der in der Klinik bisweilen beobachteten Verbindung des Keuch-
hustens mit Diphtherie darf man nicht den Muth verlieren. Bei
einem 11jährigen Mädchen, wo bereits absolute Stimmlosigkeit den
Uebergang auf den Larynx verkündete, erfolgte trotzdem vollständige
Genesung. Ich erwähne dabei, dass hier statt des giemenden Tons der
Inspirationen während des Pertussisanfalls ein rauhes croupales Geräusch
gehört wurde, offenbar in Folge der Schwellung und Rauhigkeit der
Larynxschleimhaut. Kommt es in solchen Fällen zur Tracheotomie, so
hat man den hemmenden Einfluss der Keuchhustenanfälle auf die Ver-
narbung der Tracheal wunde zu fürchten').
Der Keuchhusten, an und für sich eine prognostisch günstige
Krankheit, kann also einerseits durch das zarte Alter der befallenen
Kinder, andererseits durch gewisse Complicationen (Bronchitis, Broncho-
pneumonie, Oonvulsionen) das Leben ernstlich bedrohen, und selbst nach
vollständiger Heilung können in den Lungen oder Bronchialdrüsen käsige
Residuen zurückbleiben, welche später den Ausgangspunkt von Miliar-
tuberculose bilden. —
Mit der Behandlung werden Sie leider keine Ehre einlegen. Schon
die enorme Zahl der seit alten Zeiten gegen die Krankheit empfohlenen
Mittel beweist ihre Unzulänglichkeit. Ein Mittel, weiches den Verlauf
abzukürzen, besonders das Stadium der Acme zu coupiren vermag, be-
sitzen wir bis jetzt nicht, während im dritten Stadium, wenn die
Naturheilung beginnt, anscheinend jedes Mittel hülf reich ist. Ein
zweiter beachtenswerther Umstand ist der, dass wie jede andere Infec-
tionskrankheit auch der Keuchhusten in abgeschwächter, selbst in ab-
ortiver Form auftreten kann, die in viel kürzerer Zeit, als es sonst
geschieht, abläuft und ohne jedeBehandlung heilt. Wie ich selbst,
wird jeder Arzt solche Fälle erlebt haben, wenn ich auch einen von
Trousseau erwähnten, in welchem die Krankheit nur drei Tage ge-
dauert haben soll, für zweifelhaft halte. Aus diesen Gründen kann man
in der Beurtheilung therapeutischer Erfolge bei dieser Krankheit nicht
kritisch genug verfahren. Sie werden mir daher erlassen, hier alle Medi-
camente aufzuführen, welche ich im Laufe der Jahre aus eigener Initia-
tive oder im Vertrauen auf fremde Empfehlungen versuchte und un-
') In einem Falle brach die Wunde nach zwei Monaten wieder auf (Roger,
1. c. p. 614). ^
Keuchhusten. 437
wirksam fand. Dies gilt sowohl von dem immer wieder gerühmten
Chinin und Antipyrin '), wie vom Resorcin, Bromoform u. s w. Ich
bin dahin gekommen, mich nur auf ein einziges, das Morphium, zu
verlassen, welches besser als die vielgebrauchte Belladonna, wenigstens
die heftigen Anfälle, zumal die nächtlichen, zu mildern und ihre Fre-
quenz herabzusetzen vermag, freilich ohne den Verlauf der Krankheit im
Grossen und Ganzen zu beeinflussen (F. 10). Versäumen Sie aber bei
dieser Verordnung nie, besonders in der Armenpraxis, den Müttern ein-
zuschärfen, dass sie, sobald sich ungewöhnliche Schläfrigkeit einstellt,
das Mittel sofort aussetzen müssen. Auf diese Weise passirte es mir
nur einmal, dass das Kind 18 Stundenlang ununterbrochen schlief, ohne
durch Hustenanfälle gestört zu werden, die sich aber nach dem Ver-
schwinden der Narcose sofort wieder einstellten. Ausserdem erlebte ich
bei einem sechs Monate alten Kinde durch einen noch unaufgeklärten
Zufall eine mit Collaps, Verengerung der Pupillen und Sopor einherge-
hende Vergiftung, welche durch kalte Begiessungen und Analeptica
glücklich beseitigt wurde. Bei sorgfältiger Handhabung der Arznei
habe ich indess niemals einen Unfall zu beklagen gehabt, auch wenn
Wochen lang täglich 1 — 3 Theelöffel von der Mixtur gegeben wurden.
Ich ziehe das Morphium allen anderen Narcoticis, besonders dem ge-
fährlichen Atropin, bei weitem vor.
Um die präsumirten Infectionserreger direct zu vernichten, ver-
suchte man zunächst Inhalationen verdunsteter Carbolsäure, die viel-
fach gerühmt wurden, und den früher üblichen Aufenthalt der Kinder in
Gasanstalten, den ich wegen der Gefahr der Erkältung stets für bedenk-
lich hielt, verdrängten.
Meine eigenen Erfahrungen über dies Verfahren sind indess keines-
wegs ermuthigend, weil sie sehr ungleich ausfielen, bald auffallend
günstige, bald zweifelhafte, bald gar keine Erfolge aufzuweisen hatten.
Nachtheile habe ich wenigstens nie beobachtet. Man lässt entweder
eine 1 — 3 proc. Oarbolsäurelösung mittelst eines Zerstäubungsapparats
mehrmals täglich einathmen, oder die Luft des Zimmers mit der verdunsten-
den Lösung schwängern, einen mit derselben getränkten Schwamm über
dem Kopfende des Bettes aufhängen, auch bei Tage mehrere Mal einen
solchen Schwamm vor die Nase des Kindes halten und die Ausdünstung
desselben einige Minuten einathmen. Von anderen Inhalationen, Chloro-
form, Benzin, Natron salicylicum, Ol. terebinthinae, Tannin, Chinin u. s. w.,
') v. Genser, Beitr. zur Kindeiheilk. Wien 1890. I. — Ungar, deutsche
med. Wochenschr. 1891. No. 1&
438 Krankheiten der Respirationsorgane.
bin ich ganz zurückgekommen, weil ich mich von ihrer Wirksamkeit
nicht überzeugen konnte. Gegen die vielfach empfohlenen Pinselungen
des Pharynx und Larynx mit parasiticiden (!) Substanzen1) lässt sich
von vornherein einwenden, dass wir den eigentlichen Sitz der präsu-
mirten Bacterien gar nicht kennen, also nicht wissen können, ob wir sie
mit dem Pinsel erreichen. Dasselbe gilt von den Einspritzungen von
Salicylsäure (1:1000) oder Sublimat (1:10000) in die Nase und von
den Insufflationen von Argent. nitricum, Chinin oder Benzoe in dieselbe2).
Die neueste Phase der Localtherapie bildeten Einpinselungen einer 5 bis
15proc. Lösung von Cocainum muriaticum in den Rachen und Kehl-
kopf3) behufs Abstumpfung der Sensibilität dieser Theile, womit man
eine schnelle Abnahme der Frequenz und Intensität der Anfälle
erzielt zu haben glaubte. Moncorvo4) empfiehlt sogar, beide Methoden
(Resorcinbehandlung nach vorgängiger Einpinselung von Cocain) mit ein-
ander zu verbinden. Meine eigenen Versuche mit dem Cocain sind
leider nicht befriedigend ausgefallen. Mehrere in der Station behandelte
Fälle, in denen 3 Mal täglich gepinselt wurde, wurden anfangs, aber nie
dauernd, günstig beeinflusst; andere in der Poliklinik und Praxis behan-
delte (mit nur einmaliger Pinselung täglich) widerstanden durchweg.
Ich glaube daher nicht, dass dies zeitraubende und oft schwierige Ver-
fahren in der That die ihm gespendeten Lobpreisungen verdient.
Jedenfalls werden Sie, wie ich glaube, auf eine rasche Coupirung des
Keuchhustens zu verzichten, und den Eltern von vorn herein zu eröffnen
haben, dass es sich höchstens um Linderung der Anfälle handeln
könne. Bei gutem Wetter ist der Genuss frischer Luft so viel als
möglich zu gestatten, dagegen bei rauher, windiger Witterung, sowie beim
Vorhandensein eines Bronchialcatarrhs , entschieden zu verbieten.
Oft genug wird die Verabsäumung dieser Vorsicht durch Bronchopneu-
monie gerächt. Ich hebe dies besonders hervor, weil der Glaube, dass
Kinder mit Keuchhusten so viel als möglich im Freien sein müssen,
nicht nur im Publicum, sondern auch unter den Aerzten viele Anhänger
') Moncorvo, De la nature de la coqueluche et de son traitement par la
resorcine. Rio de Janeiro et Paris. 1883 et 1885.
2) Goldschmidt, Deutsche med. Zeitung. 1885. No. 61. — Michael,
Deutsche med. Wochenschrift. No. 5. 1886. — Beltz, Arch. f. Kinderheilk. Bd.
V. 1889, S. 347.
3) Barbillion, Revue mens. Aoüt 1885. — Prior, Berl. klin. Wochenschr.
1885. No. 45, 46.
4) De l'emploi du Chlorhydrate de Cocaine dans le traitement de la coqueluche.
Rio. 1885.
Keuchhusten. 439
hat. Fällt der Keuchhusten in den Sommer, so werden Sie häufig be-
fragt werden, ob ein Ortswechsel dem kranken Kinde förderlich sein
könne. Obwohl ein Theil der Aerzte dieser Ansicht huldigt und sogar
bestimmte Localitäten, z. B. den Aufenthalt an der Nordsee, als be-
sonders günstig bezeichnet, kann ich doch nach den Resultaten meiner
eigenen Erfahrung dieser Ansicht nicht beitreten. So oft ich auch
keuchhustenkranke Kinder mit ihren Eltern in Badeorte, sei es an die
See oder ins Gebirge schickte, sah ich doch davon fast niemals Nutzen.
Die Kranken husteten ruhig weiter, und das einzige aber unerfreuliche
Resultat war in solchen Fällen die Ansteckung gesunder Kinder,
welche dort mit den erkrankten in Berührung kamen, oder die Aus-
weisung der kaum angelangten Familie aus dem gewählten Hotel. Nur
ausnahmsweise, z. B. bei meinem eigenen Kinde, sah ich eine sich ent-
wickelnde Tussis convulsiva mit bereits charakteristischen Anfällen in
Reichenhall binnen 14 Tagen fast gänzlich verschwinden, halte aber
solche ganz vereinzelt stehende Fälle mit Rücksicht auf das oben (S. 436)
erwähnte „abortive" Auftreten der Pertussis für durchaus ungeeignet,
die günstige Wirkung des Ortswechsels oder einer bestimmten Localität
zu beweisen. Für die Therapie der Complicationen (Eclampsie,
Bronchopneumonie) gelten die für diese Krankheiten gegebenen Vor-
schriften. Schutz vor dem Keuchhusten könnte nur eine absolute Ab-
sperrung der Kinder gewähren, welche in der Praxis kaum durchführbar
ist, besonders wenn man nach Roger die Isolirung auf eine Dauer von
zwei bis drei Monaten ausdehnen wollte.
440 Krankheiten der Circulationsorgane.
Fünfter Abschnitt.
Krankheiten der Circulationsorgane.
Pathologische Veränderungen des Herzens kommen bei Kindern nicht
viel seltener als bei Erwachsenen vor. Auch bedingt das Lebensalter
weder anatomische, noch klinische Differenzen von wesentlicher Bedeu-
tung, und ich kann mich daher auf eine verhältnissmässig kurze Be-
sprechung dieser Krankheiten beschränken ').
Erkrankungen der grossen Gefässe gehören bei den Kindern
zu den Seltenheiten. Wenn unter Anderen Hodgson bei einem 15 Mo-
nate alten Kinde Ossifikation der Temporalarterie, Andral bei einem
5jährigen Mädchen kalkige Platten in der Aorta beobachtete, so sind
dies eben Ausnahmsfälle, welche ich ebenso wenig beobachten konnte,
wie ein Beispiel von Aneurysma der Aorta im Kindesalter2). Auch die
Stenosen der Aorta, welche meistens in der Gegend des Ductus Botalli
oder im Anfangstheile der Aorta descendens ihren Sitz haben, wurden
häufiger im Jünglingsalter oder noch später, als bei Kindern diagnosticirt,
obwohl ein Theil derselben mit der Involution des Botalli'schen Gan-
ges, welche sich auf die Aorta fortsetzt, im Zusammenhang zu stehen
scheint. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, dass die Schliessung dieses
Ganges, welcher beim Neugeborenen etwa die Dicke eines Astes der
Lungenarterie hat, in Folge einer obliterirenden Endarteritis durch Neu-
bildung von Bindegewebe, Wulstung der Wände und Verengerung des
Lumens erfolgt. Am 9. Tage nach der Geburt schon merklich, pflegt
der Process am 14. Tage zu einer in der Mitte des Ganges befindlichen
Strictur gediehen zu sein, schreitet dann nach beiden Seiten hin weiter
fort, und ist gewöhnlich bis zum Ende der dritten Lebenswoche voll-
endet, während die Obliteration des Foramen ovale in 80 pOt. der Fälle
') Eine ausführliche Schilderung der kindlichen Herzaffectionen enthält der
3. Band der „Klinik der Kinderkrankheiten" von A. Steffen. Berlin, 1889.
2) Unter 98 in der Literatur niitgetheilten Fällen von Aneurysma der Aorta
thoracica war nur einer, unter 59 Fällen von Aneurysma der Bauchaorta kein
einziger unter 20 Jahren. — Jacobi, Transaot. of the amer. pediatr. soc. Vol.
I. 227.
Cyanose. 441
erst im 3. Monate nach der Geburt beendet zu sein pflegt1). Alle Ein-
flüsse, welche eine mangelhafte Füllung des linken Ventrikels in der
ersten Lebenszeit bedingen, ausgedehnte Atelektase des Lungengewebes,
fötale Pneumonie, Stenose der Arteria pulmonalis, können den Schliessungs-
process des Ductus Botalli verzögern, weil unter diesen Umständen das
Blut aus der Lungenarterie durch den Gang hindurch in die mangelhaft
gefüllte Aorta einströmt. Die verzögerte Obliteration des Ductus kann
daher in solchen Fällen die üblen Folgen der sonst unvermeidlichen
Stauung im rechten Herzen und im gesammten Venensysteme Monate
lang compensiren, und dasselbe gilt auch von dem Offenbleiben des Fo-
ramen ovale, welches, abgesehen von den eben genannten Ursachen,
noch durch locale Anomalien desselben oder seiner Klappe bedingt wer-
den kann.
I. Die angeborene Oyanose.
Das Offenbleiben der fötalen Wege, des Ductus Botalli und des
Foramen ovale, wurde früher als die Hauptursache der angeborenen
Cyanose betrachtet. Da man den Grund derselben in der Vermischung
des arteriellen mit dem venösen Blute suchte, so glaubte man in dem
Offenbleiben jener Wege, oder in der anomalen Communication beider
Vorhöfe oder Ventrikel durch eine in der Scheidewand befindliche Lücke
die Bedingung des anomalen Colorits zu finden. Wir wissen aber jetzt,
dass Cyanose auch da vorkommt, wo eine Vermischung der beiden Blut-
arten nicht stattfindet, und dass andererseits die erwähnten anomalen
Communicationen bei Kindern und selbst bei Erwachsenen gefunden
werden, welche im Leben keine Spur von Cyanose dargeboten hatten.
Bekannt ist der Fall von Zehetmayer, in welchem die Ventrikel-
scheidewand ganz fehlte und dennoch keine Cyanose bestand, sowie die
Beobachtung von Breschet, in welcher die Art. subclavia sinistra aus
der Arteria pulmonalis entsprang und der betreffende Arm trotzdem nor-
mal gefärbt war.
Bleiben wir einen Augenblick bei der Cyanose stehen! Von Geburt
an, oder wenigstens sehr bald nach derselben, macht sich ein bläulich
violettes Colorit der Wangen, Nasenspitze, Hände und Füsse, besonders
der Nägel und der sichtbaren Schleimhäute (Zunge, Mundschleimhaut,
Naseneingang, Conjunctiva palpebr.) bemerkbar, welches beim Schreien,
Weinen, Saugen, bei stärkeren Bewegungen und nach der Einwirkung
der kalten Luft zunimmt, in den Intervallen aber so unbedeutend sein
'; Theremin, Revue ineDS. Fevr. 1887.
442 Krankheiten der Circulationsorgane.
kann, dass Nichtärzte es kaum bemerken. Nach längerer Dauer, bis-
weilen schon in den ersten Lebensmonaten, entwickelt sich eine kolbige
(trommelschlägelartige) Anschwellung der Nagelglieder an den Fingern
und Zehen, öfters auch eine klauenförmige Verbildung der Nägel. Ein
paar Mal fiel mir auch die schwammige scorbutähnliche Beschaffenheit
des dunkelvioletten Zahnfleisches auf, welches spontan und bei Berüh-
rung leicht blutete, und am Rande von den Zähnen abgelöst war. Bei
einem 1 '/., jährigen Mädchen war diese Erscheinung sogar so prävalirend,
dass die Mutter deshalb in der Klinik Hülfe suchte, die Cyanose aber
ganz übersehen hatte. Die Temperatur der extremen Körpertheile ist ge-
sunken, mitunter bis auf 32 oder 28° C, während die Messung im Rec-
tum normale Verhältnisse ergiebt. Dazu kommt häufig allgemeine
Schwäche, Trägheit der Bewegungen, Neigung zum Schlaf, Zurückbleiben
des Wachsthums und der Intelligenz, endlich der ganze Complex der be-
kannten, den verschiedenartigen Herzkrankheiten eigenen Symptome,
Oedem der Hände und Füsse, Nasenbluten, Erstickungsanfälle, besonders
nach starken Bewegungen, Ohnmächten, Anschwellung der Leber und
Milz u. s. w. Die physikalische Untersuchung ergiebt dabei oft eine
deutlich nachweisbare Volumszunahme des Herzens, zumal des rechten,
systolische oder diastolische Geräusche, pulsatorisches Schwirren, — in
manchen Fällen aber gar keine Abnormität. Andere Bildungsfehler
können gleichzeitig bestehen, unter denen ich Obliteration des Meatus
auditorius, Missbildung des äusseren Ohrs, excentrische Lage beider Pu-
pillen als von mir beobachtete Seltenheiten hervorhebe. Häufiger sind
Hasenscharten, Gaumenspalten, überzählige oder defecte Finger und
Zehen, Syndactylie.
Aus den bei der Cyanose gefundenen physikalischen Symptomen
können wir nun freilich mit Sicherheit auf einen angeborenen Herz-
fehler schliessen, aber die specielle Diagnose der Missbildung bleibt
in den meisten Fällen eine Unmöglichkeit. Auf eine Wiederholung
fremder Arbeiten, welche grösstentheils auch nur compilatorischer und
kritischer Natur sind, will ich mich hier nicht einlassen, und verweise
lieber auf die vorzügliche Arbeit von Rauchfuss1), welcher über ein
ungewöhnlich reiches eigenes Material verfügt und fast Alles zusammen-
gestellt hat, was über diese Dinge bekannt ist. Der Verfasser selbst
muss aber wiederholt bekennen, dass alle Bemühungen, für die einzelnen
Missbildungen bestimmte diagnostische Kriterien aufzufinden, doch höch-
stens zu einer „Wahrscheinlichkeitsdiagnose" führen. Es handelt sich
') Gerhardt, Handb. f. Kinderkrankh. IV. 1878.
Cyanose. 443
hier entweder um Lücken, durch welche beide Vorhöfe oder beide Kam-
mern mit einander communiciren, oder um grössere Defecte, welche in
ihrer höchsten Entwickelung einen vollständigen Mangel des Septum be-
gründen, oder um Stenosen und Atresien des Conus der Lungenarterie,
dieser selbst, der Aorta, der Vorhofsmündungen, endlich um Transposi-
tionen der grossen Gefässe, wobei die Arteria pulmonalis aus dem lin-
ken, die Aorta aus dem rechten Ventrikel ihren Ursprung nimmt. Die
unüberwindlichen Schwierigkeiten, welche sich der Diagnose dieser Ano-
malien entgegenstellen, werden noch dadurch gesteigert, dass in den
meisten Fällen eine Combination zweier oder gar mehrerer Bildungsfehler
stattfindet, und dass dabei das von den Aerzten vorzugsweise ins Auge
gefasste Symptom, die Cyanosis congenita, vollständig fehlen
kann. Nicht jeder angeborene Herzfehler verläuft mit dieser augen-
fälligen Erscheinung. Mir selbst kamen öfters solche Kinder in den
ersten Lebensmonaten, ja in den ersten Jahren vor, welche entweder
nur an dyspnoetischen Zufällen litten, oder auch gar keine cardialen
Symptome darboten, sondern nur wegen einer Lungen- oder Darmaffection
behandelt werden sollten, bei denen aber weder Cyanose, noch son-
stige Veränderungen am Herzen nachzuweisen waren. Hier nur ein
Beispiel:
Kind von 30 Tagen, mit Lues heredit. aufgenommen. Vom 19. bis 21. März
1873 fieberlose Pneumonie des rechten Oberlappens (Temp. 36,1 — 37,2; Resp. 5G
bis 70). Keine Cyanose, keine Anomalie am Herzen hörbar. Die Section
ergab ausser Pneumonie, Knochensyphilis und interstitieller Hepatitis eine bedeu-
tende Missbildung des Herzens. Beide Ventrikel communicirten durch eine
mächtige Lücke; das Septum fehlte fast ganz, und das der Atrien war sehr dünn.
Die Valvula tricuspidalis fehlte, und die Mitralis inserirte sich mit einem Zipfel in
der rechten Herzhälfte. Arterien normal ').
Bleiben die Kinder einige Jahre am Leben, so treten freilich in der
Regel mehr oder weniger ausgesprochene Symptome, und meistens auch
Cyanose auf, entweder unter dem Einflüsse zufälliger Erkrankungen der
Respirationsorgane, oder einer Endocarditis, die sich von den anomalen
Lücken oder den congenital erkrankten Klappen und Ostien aus ebenso
häufig entwickelt, wie es bei Erwachsenen mit alten Klappenfehlern der
Fall ist (Endocarditis recurrens). Unter diesen Umständen werden
') Zu den seltensten Fällen gehört wohl ein von Barth beobachteter (France
med. Juni 1880), in welchem durch die Auscultation des Fötus (intensives Blasen
statt des ersten Herztons) eine angeborene Endocarditis schon vor der Geburt
erkannt wurde.
444 Krankheiten der Circulationsorgane.
die bis dahin latenten Bildungsfehler manifest, und man erkennt nun
durch die Untersuchung, welche bis dahin oft noch gar nicht vorgenom-
men wurde, dass es sich um eine längst bestehende Anomalie handeln
müsse. Am prägnantesten pflegen die Stenosen und Atresien der
Lungenarterie oder ihres Conus sich zu gestalten, welche die häu-
figste Ursache der angeborenen Cyanose bilden. In vielen Fällen lässt
es sich nicht feststellen, ob die Schrumpfung und partielle Atresie
dieser Arterie Folge einer fötalen Endo- und Myocarditis, oder einer
ursprünglichen Hemmungsbildung sind, zu welcher sich erst später ein
entzündlicher Process gesellt hat. Immer müssen aber in Folge dieser
Stenosen, obwohl sie fast immer mit Defecten in der Scheidewand oder
mit Offenbleiben des Ductus Botalli verbunden sind, Erweiterung der
rechten Herzhöhlen und erhebliche Stauung im gesammten Körpervenen.
System entstehen, deren Ausdruck eben Cyanose ist. Dabei überschreitet
die Herzdämpfung den rechten Sternalrand, der Herzstoss wird in weiterem
Umfange sieht- und fühlbar, oft von fühlbarem Schwirren begleitet, und
ein systolisches Aftergeräusch ist über dem Herzen, am lautesten über
dem Ostium der Lungenarterie bis gegen die Clavicula hin, mitunter
am ganzen Thorax und am Rücken hörbar. Durch das gleichzeitige
Bestehen anderer Missbildungen des Herzens können aber, Abwei-
chungen der Symptome bedingt werden, welche die Diagnose er-
schweren, und es fehlt auch nicht an Fällen, in welchen die Herztöne
ganz rein, ohne Beimischung eines Geräusches gehört wurden. Noch
schwieriger gestaltet sich die Localdiagnose anderweitiger Missbildungen
des Herzens, und Sie werden mir daher erlassen, hier auf Einzelheiten
näher einzugehen , welche sich nur ausnahmsweise als stichhaltig
erweisen, und überdies für den praklischen Arzt so gut wie bedeutungs-
los sind.
Ueber den Verlauf der angeborenen Herzfehler lässt sich nie etwas
Bestimmtes voraussagen. Je stärker die Hindernisse für den venösen
Kreislauf sind, je weniger sie durch andere compensirende Fehler (Lücken
in der Scheidewand, Offenbleiben des Ductus Botalli) ausgeglichen
werden, um so kürzer wird auch die Lebensdauer des betreffenden
Kindes sein. Kinder mit bedeutender Stenose der Lungenarterie gehen
früh zu Grunde, auch wenn das Foramen ovale noch offen blieb und
keine Cyanose stattfand, während minder starke Stenosen, zumal wenn
die fötalen Circulationswege nicht geschlossen oder noch Lücken in der
Scheidewand vorhanden sind, bis in die Jünglingsjahre hinein und länger
ertragen werden. Aehnlich verhält es sich mit den Stenosen der
Aorta, welche fast alle erst in einer vorgerückten Periode des Lebens
Cyanose. 445
beobachtet und zum Theil diagnosticirt wurden. Fieberhafte Krank-
heiten, z. B. acute Exantheme, sah ich wiederholt bei solchen Kindern,
ohne Nachtheile verlaufen. Der letale Ausgang erfolgt schliesslich, wie
bei allen Herzkrankheiten, entweder plötzlich syncopal, oder unter dem
Einfiuss einer an sich nicht lebensgefährlichen Krankheit der Respirations-
organe, eines diffusen Catarrhs, einer Pneumonie, seltener unter den Er-
scheinungen allmälig zunehmender venöser Stauung und Wassersucht.
Mehr oder weniger hochgradige Anämie begleitet häufig diese Zustände.
Auch käsige Pneumonie, die mit ähnlichen Processen in anderen Or-
ganen und mit Miliartuberculose verbunden sein kann, kommt als Todes-
ursache bisweilen vor, und die von Rokitansky behauptete Immunität
der Cyanotischen gegen Lungentuberculose entspricht keineswegs den
wirklichen Thatsachen ').
Wie bereits erwähnt wurde, entdeckt man bei der Untersuchung
mancher Kinder, welche dem Arzte wegen einer ganz anderen Affection
vorgestellt werden, zufällig Klappenfehler und deren Folgen, die ent-
weder gar keine subjectiven Symptome, oder höchstens ein kaum be-
achtetes Herzklopfen oder Kurzathmigkeit beim Laufen und Treppen-
steigen verursachen2). Auch die genaueste Anamnese vermag über die
Entstehung dieser Affection keine Auskunft zu geben, vielmehr sollen die
Kinder immer gesund gewesen sein, weder an Rheumatismus, noch an
Scharlach, noch an einer entzündlichen Brustaffection gelitten haben. Es
bleibt also in solchen Fällen trotz des Mangels der Cyanose nichts weiter
übrig, als die Annahme eines angeborenen Fehlers. Ich will bei dieser
Gelegenheit daran erinnern, dass bei kleinen Kindern, schon bei Neu-
geborenen, an den Herzklappen, besonders am freien Rande der Mitralis,
kleine sphärisch prominirende Blutextravasate vorkommen , welche
Luschka schon vor längerer Zeit3) beschrieb. Später hat besonders
Parrot4) sich mit diesen Klappenhämatomen beschäftigt, welche er
bei Neugeborenen häufig an den venösen Ostien beider Herzhälften in
der Form sehr kleiner, aber auch bis kirschkerngrosser, schwarzer oder
') Rauchfuss, 1. c. S. 92.
2) Dahin gehört auch der Fall eines 8jährigen Knaben, bei welchem erst durch
die Untersuchung während eines leichten Gelenkrheumatismus eine Rechtslagerung
des Herzens entdeckt wurde. Die Herzdämpfung und der Herzstoss waren nur rechts
vom Sternum wahrnehmbar, die rechte Brustwarze wurde systolisch gehoben, und
der erste Ton war von einem blasenden Geräusch begleitet. Die Baucheingeweide
befanden sich dabei in ihrer normalen Lage.
3) Virchow's Archiv. XI. Heft 2.
4) Ärch. de physiol. No. 4 u. 5. 1874.
446 Krankheiten der Circulationsorgane.
violetter, kugeliger oder konischer Prominenzen antraf. Diese Häma-
tome, welche er auf eine Ruptur intrayalvulärer Blutgefässe zurückführt,
liegen unter der oberflächlichsten Schicht des Endocardium, scheinen sehr
bald nach der Geburt, vielleicht schon vor derselben zu entstehen, und
bilden sich meistens in den ersten Lebensmonaten zurück, indem ihre
Hülle mehr und mehr sich zusammenzieht, während Epithel und Binde-
gewebe der Umgebung proiiferiren. Auch scheinen aus den Hämatomen
kleine, breit oder gestielt aufsitzende, von Epithel überzogene harte
Knötchen hervorgehen zu können, welche nicht selten an denselben
Standorten vorkommen und schon früher von Cruveilhier u. A. er-
wähnt wurden1). Es ist wohl möglich, dass aus der Rückbildung sol-
cher Hämatome auch Schrumpfung der Klappenränder und damit Stenose
des Ostium oder Insufficienz der Klappe hervorgehen kann, deren Ur-
sprung, wenn man sie bei älteren Kindern entdeckt, nicht mehr nach-
weisbar ist. Der Klappenfehler wäre dann kein eigentlich congenitaler,
sondern in den ersten Monaten des Lebens entstanden.
Die Behandlung der angeborenen oder in der ersten Kindheit ent-
standenen Herzfehler kann sich nur auf die Anordnung einer möglichst
ruhigen Lebensweise beschränken, und auch diese Vorschrift stösst bei
älteren Kindern, die man dadurch von ihren Spielgenossen trennen würde,
auf grosse, selbst unüberwindliche Schwierigkeiten. Auch sonst weicht
die Behandlung von derjenigen der organischen Herzkrankheiten über-
haupt in keiner Weise ab.
II. Die Entzündungen der Herzhäute und des Herzmuskels.
In vielen Fällen lässt sich als Ursache der organischen Krankheit
des Herzens ein acuter Gelenkrheumatismus nachweisen. Die
Zeit, in welcher man diese Krankheit im kindlichen Lebensalter für eine
Seltenheit hielt, ist längst vorüber. Da ich später noch darauf zurück-
kommen werde, so bemerke ich nur, dass ihr Auftreten bei Kindern im
Allgemeinen zwar minder häufig und in milderer Form, als bei Er-
wachsenen beobachtet wird, dafür aber die Complication mit Endo- oder
Pericarditis häufiger ist. Selbst bei ganz leichten, wenig fieberhaften
Anfällen des Rheumatismus, die mitunter nur wie eine Hyperaesthesie
der Glieder oder Gelenke erscheinen, ohne dass die letzteren ange-
schwollen sind, versäumen Sie niemals die Untersuchung des Herzens ;
zu Ihrer Ueberraschung werden Sie dann nicht selten peri- oder endo-
!) Eine andere der Entwickelungsgeschichte entnommene Deutung dieser „Knöt-
chen" siehe bei Pott, Jahrb. f. Kinderheilk. 1878. XIII. S. 29.
Peri-Endocarditis. 447
carditische Geräusche hören, auf welche Sie bei der scheinbaren Gering-
fügigkeit der Affection nicht gefasst waren. Daher ergiebt in den Fällen
von ausgebildeten Klappenfehlern die Anamnese so häufig, dass einer
oder mehrere Anfälle von acutem Rheumatismus, zumal der Gelenke,
vor Monaten oder Jahren stattgefunden haben. Die vollständige Ueber-
einstimmung, welche diese Krankheiten des Klappenapparats und ihre
Folgen mit denen der Erwachsenen darbieten, erspart mir ein näheres
Eingehen auf ihre physikalischen Zeichen. In Betreff der subjectiven
Symptome will ich nur hervorheben, dass, wenn auch bei Erwachsenen
Fälle von langer Compensation und dadurch bedingter Latenz des
Klappenfehlers nicht zu den Seltenheiten gehören, diese mir doch
bei Kindern noch häufiger vorzukommen schien. Nicht einmal starke
Bewegungen beim Spielen und Treppensteigen riefen wahrnehmbare Be-
schwerden hervor, und in vielen Fällen wurde die Krankheit erst
durch die Mütter entdeckt, welche beim Auskleiden und Waschen der
Kinder die stürmische Herzthätigkeit bemerkten. Erst mit dem Beginn
der Oompensationsstörung treten dann die bekannten cardialen Sym-
ptome auf, welche früher oder später ihren letalen Verlauf nehmen.
Auch in anatomischer Beziehung findet kein Unterschied vom erwachsenen
Alter statt; hier wie dort finden wir Erweiterung und Hypertrophie
der Ventrikel, rothbraune Lungeninduration, hämorrhagische Infarcte,
Stauungsniere und Stauungsleber, Vergrösserung und Induration der Milz,
Oedem und hydropische Ergüsse in den Höhlen und in den Lungen -
alveolen.
Wenn nun auch der in Folge von Rheumatismus sich bildende
Klappenfehler oft erst nach einer Reihe von Monaten oder Jahren in die
Erscheinung tritt, kommen doch auch Beispiele eines weit stürmischeren
Verlaufes vor:
Anna M. , 7 Jahre alt, früher stets gesund. Mitte December acuter Gelenk-
rheumatismus, besonders an den unteren Extremitäten, der nur wenige Tage dauerte.
Zwischen Weihnachten und Neujahr, als sie sich schon wieder vollständig wohl fühlte,
plötzlich neue Erkrankung mit Herzklopfen, verminderter Urinsecretion und Husten,
oft auch Schmerzen in der Herzgegend. Aufnahme in der Klinik am 12. Febr., also
etwa 2 Monate nach dem Beginn der Krankheit. Die Untersuchung ergab: allge-
meine Anämie, Catarrh in beiden Unterlappen, besonders im linken; Husten und
Dyspnoe. Herzdämpfung reicht bis zum rechten Sternalrand, nach oben bis zur
3. Rippe, nach links bis zur Mammillarlinie. Herzstoss hebend und diffus, undeut-
licher Spitzenstoss nach aussen von der Mammillarlinie im 5. Intercostalraum. Der
erste Herzton verdeckt durch lautes systolisches Blasen, beide Arterientöne rein, un-
gewöhnlich laut. Puls klein, 120—144, kein Fieber, Urinmenge sehr sparsam,
starke Albuminurie. Am 21. plötzliche Temperatursteigerung auf 40,0, die schnell
448 Krankheiten der Circulationsorgane.
wieder sinkt und bis zum 24. 37,8 nicht übersteigt. Am Morgen des 22. deutlicher
Pulsus bigeminus, am linken Sternalrande pericarditisches Reiben. Zuneh-
mender Collaps (T. 36,7), leichte Cyanose, enorme Athemfrequenz (84). Tod in der
Nacht zum 25.
Section: Herz um das Dreifache vergrössert, beide Ventrikel stark dilatirt
und verdickt. Aortenklappen und Mitralis am freien Rande verdickt, etwas retrahirt
und mit grauröthlichen Verrucositäton besetzt. Frische partielle Synechie der beiden
Pericardialblätter an der Vorderfläche des Septum ventriculorum. Diffuser Bronchial-
catarrh, Oedem und braunrothe Induration der Lungen.
Bei einem 7jährigen Mädchen, welches im October einen mit Endocar-
ditis verbundenen leichten acuten Rheumatismus überstanden hatte, fand ich schon
im März nicht blos die Zeichen einer Mitralinsufficienz, sondern auch eine sehr be-
trächtliche Hypertrophie und Dilatation beider Ventrikel.
Ein 7 jähriger Knabe bot schon 12 Wochen nach dem Beginn des Rheu-
matismus eine enorme Hypertrophia excentrica mit Veränderungen der Aorten-
klappen und der Mitralis, und in deren Folge eine starke Hervorwölbung der Prae-
cordialregion dar.
Bei einem lOjährigen Knaben, welcher im Mai an acutem Gelenkrheumatismus
mit Peri-Endocarditis erkrankt war, und seitdem wiederholte Recidive erlitten hatte,
fanden wir am 19. December bereits Cyanose und alle Erscheinungen eines weit
vorgeschrittenen Herzleidens. Die Section ergab Insuffizienz der Mitralis , Hyper-
trophie beider Ventrikel, vollständige Synechie des Herzbeutels, braune Induration
der Lungen u. s. w.
Ein lOjähriges Mädchen, im September an acutem Gelenkrheumatismus er-
krankt (mit leichten Choreasymptomen), zeigte schon Mitte November die Er-
scheinungen einer Insufficienz der Aortenklappen und Hypertrophie des linken
Ventrikels.
Sie finden hier also einige Monate nach dem ersten Auftreten des
acuten Gelenkrheumatismus die in Folge der Klappenfehler ent-
standene excentrische Hypertrophie eines oder beider Ventrikel ent-
wickelt. Der Verlauf war im ersten Falle so stürmisch, dass von einer
Compensation überhaupt nicht die Rede war, und wurde durch den
complicirenden diffusen Catarrh und die sich schliesslich hinzugesellende
frische Peri- und Endocarditis noch beschleunigt. Diese „Endocar-
ditis recurrens" fanden wir bei vielen alten Klappenfehlern, welche
zur Section kamen, mochten diese nun angeboren oder, wie in dem obi-
gen Fall, erst später erworben sein. Dieser Vorgang, der in der Regel
erst bei der Section erkannt wird, ist mitunter auch klinisch nach-
weisbar.
Im September 1873 behandelte ich ein öjähriges, bis dahin gesundes Mädchen
an acutem Gelenkrheumatismus mit Endocarditis, nach dessen Heilung ein systo-
lisches Geräusch an der Mitralklappe fortbestand, ohne die Euphorie des Kindes
zu stören, wovon ich mich nach Jahresfrist, im Novbr. 1873, überzeugte. Erst im
Pori-Endocarditis. 449
Januar 1876, also etwa 3 Jahre nach dem Beginn der Krankheit, entwickelte sich in
dem bereits stark dilatirten und hypertrophischen Herzen eine frische Endocarditis,
welche sich durch Fieber, verstärktes Geräusch und enorme Dyspnoe kundgab und
mit dem Tode endete.
Andererseits lehrt die Erfahrung, dass Endocarditis im Kindes-
alter besser überwunden wird, und ihre Folgen sich leichter voll-
ständig zurückbilden, als bei Erwachsenen. Während meiner ganzen
Praxis sah ich nur bei einem erwachsenen Kranken, welchen ich an
Endocarditis rheumatica behandelt hatte, das viele Monate fortdauernde,
ein musicalisches Timbre darbietende Blasegeräusch endlich ganz ver-
schwinden und, wovon ich mich jetzt noch überzeuge, vollständige Hei-
lung eintreten. Bei Kindern kommt dies häufiger vor, obwohl auch
hier in der überwiegenden Zahl der Fälle ein dauernder Klappenfehler
zurückbleibt:
Clara F., 3 Jahre alt, im October von rheumatischen Schmerzen und An-
schwellung der Hand- und Fingergelenke befallen, dabei lebhaftes Fieber, rascher
Athem, am Ende der ersten Woche lautes systolisches Blasen an der Herzspitze ohne
Veränderung der Percussion. Catarrh der Bronchien. Nach 14 Tagen Schwinden
aller Symptome mit Ausnahme des Geräusches, welches erst im folgenden Frühjahr
allmäiig schwächer wird und im November spurlos verschwunden ist.
Paul H. , Gjährig. Anfang Februar Klagen über Schmerzen im Ober-
bauch, besonders beim Bücken. Dyspepsie und massiges Fieber. Am 16. laues Bad,
in welchem das Kind starken Frost bekam. Nach l'/2 Tagen heftiges Fieber, Schmerz
und leichte Anschwellung des rechten Hand- und Fussgelenks, Flexion im rechten
Kniegelenk und Adduction des Oberschenkels; beides nur unter lebhaften Schmerzen
zu überwinden. In den nächsten Tagen wird das Handgelenk frei, dafür aber
Schmerzen im linken Oberschenkel mit erschwerter Beweglichkeit. Fieber massig
fortdauernd, Bronchialcatarrh, Herz frei. Nach einer temporären Besserung aller
Symptome neue Steigerung, am 29. heftiges Fieber, lautes diastolisches Geräusch
über dem Herzen, besonders in der Mammillargegend, nach oben verschwindend.
Vesicans, Calomel mit Digitalis. Allmälige Besserung, bis zum 22. März alles normal
bis auf Anämie und das fortbestehende diastolische Geräusch. Ein Jahr später war
auch dies vollständig verschwunden.
In diesem Falle trat Endocarditis erst mit der Exacerbation des
Fiebers und der übrigen Symptome des Rheumatismus am 29. Februar
auf, während die ersten neun Tage ohne Herzaffection verliefen und man
schon an den Eintritt der Reconvalescenz dachte. Denselben Ver-
lauf zeigte
Ein 5j ähriger Knabe, welcher bereits seit einer Woche an acutem Gelenk-
rheumatismus litt. In der Mitte der zweiten Woche trat eine dreitägige Pause des
Fiebers und der Schmerzen ein, dann aber plötzlich neue Steigerung und mit dieser
Henoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Auli. 29
450 Krankheiten der Cireulationsorgane.
auch Pericarditis, Schmerz in der Herzgegend und lautes Reibegeräusch längs
des Sternum, welches beiden Tönen nachschleppte. Durch örtliche Blutentleerungen,
Einreibungen mit grauer Salbe, Calomel und Digitalis war nach 8 Tagen ein bedeu-
tender Nachlass aller krankhaften Erscheinungen erzielt, das Fieber ganz ver-
schwunden, das Reibegeräusch nicht mehr wahrzunehmen, dafür aber lautes systo-
lisches Blasen hörbar, welches nach einigen Monaten, als ich das Kind wieder
untersuchte, noch fortbestand.
Während nun bei diesen Kindern die Herzaffection erst nachträglich
zu einer neuen Exacerbation des Rheumatismus sich hinzugesellte,
kommen andererseits Fälle vor, in welchen Endocarditis als das erste
Zeichen des Rheumatismus auftritt, und die Gelenkaffection sich erst
später bemerkbar macht:
Paul F., 5jährig, fühlte sich seit etwa 12 Tagen kränkelnd, fieberte unregel-
mässig, verlor den Appetit und athmete ungewöhnlich schnell. Erst vor 5 Tagen
war es dem behandelnden Arzt gelungen, ein systolisches Geräusch an der Mitralis
zu entdecken, so dass die Diagnose auf Endocarditis gestellt wurde. Am 13. Mai
hinzugerufen, konnte ich dieselbe bestätigen. Der Knabe klagte aber an diesem Tage
zuerst über Gliederschmerzen, und Abends erfolgte plötzlich der Ausbruch oines
multiplen Rheumatismus in den Fuss-, Knie- und Armgelenken mit starken
Schmerzen, Steifheit, Anschwellung und Schlaflosigkeit. T. 39—40. In den nächsten
Tagen keine Veränderung. Digitalis ohne Einfluss. Vom 26. bis 27. Mai Befallen-
werden neuer Gelenke, verstärkte Dyspnoe; Sternum und Umgebung bei derPercassion
matt, Herztöne und Geräusch schwächer, so dass eine Complication mit Pericardial-
exsndat anzunehmen war. Tod am 3. Juni durch starke Zunahme desselben, wobei
der Puls ganz klein , die Hautfarbe cyanotisch wurde und die Dämpfungsfigur sich
rasch ausbreitete. Section nicht gestattet.
Hier sehen Sie also die Endocarditis nicht, wie es gewöhnlich ist,
dem Ausbruche des acuten Gelenkrheumatismus nachfolgen, sondern min-
destens 5 Tage lang vorausgehen, denn ich nehme an, dass das unbe-
stimmte fieberhafte Kranksein, an welchem der Kranke seit 12 Tagen
litt, schon von der Endocarditis abhing, wenn diese sich auch noch nicht
physikalisch nachweisen liess. So lange nämlich die Endocarditis nicht
den Klappenapparat oder die Ostien befällt, können alle abnormen Ge-
räusche fehlen; ja einzelne Fälle von Endocarditis maligna Erwachsener,
z. B. im Puerperium, beweisen, dass selbst ulceröse Defecte der Klappen
ohne Aftergeräusche bestehen können. Ich werde mich stets der Frau
eines Collegen erinnern, welche mindestens zwei Wochen lang keine
andere Erscheinung darbot, als allgemeines Krankheitsgefühl und remit-
tirendes Fieber mit sehr schnellem Pulse, nirgends aber eine Organer-
krankung, so sorgfältig auch nach derselben geforscht wurde. Erst
nach 14 Tagen entdeckte ich ein mehr und mehr zunehmendes systoli-
Peri-Endocarditis. 451
sches Blasen am Herzen und stellte die Diagnose auf Endocarditis,
welche durch die Section bestätigt wurde. Fälle dieser Art, welche
eine Zeit lang nicht erkannt und für Typhus gehalten werden,
kommen auch bei Kindern vor. Bei einem 3jährigen Knaben, der
einige Monate zuvor an einem leichten Rheumatismus gelitten hatte, sah
ich Endocarditis sich 3—4 Tage lang nur durch hohes Fieber
(39,5—40,5) verrathen. Erst dann traten endocardiale und bald auch
Reibungsgeräuscho auf. Ganz ähnlich verhielt sich der Knabe Paul F.
Die in beiden Fällen beobachtete Complication mit Pericarditis
rheumatica, welche keineswegs selten ist, kann durch das Da-
zwischentreten ihrer auscultatorischen Symptome die Beurtheilung
erschweren:
Emil P., 11 Jahre alt, bei welchem ich am 19. Decbr. consultirt wurde, war
vor etwa einer Woche mit fieberhafter Angina erkrankt. Einige Tage darauf schmerz-
hafte Anschwellung und Unbeweglichkeit beider Knöchel- und Kniegelenke., gegen
welche Acid. salicyl. 0,3 3stündl. mit Erfolg gebraucht wurde. Seit vorgestern
plötzlich heftige Schmerzen in der linken Brust und verstärktes Fieber. Puls 132,
regelmässig. Man hört lautes systolisches Blasen an der Herzspitze, welches
nach oben schwächer wird, und gleichzeitig über der unteren Partie des Brustbeins
ein beide Herztöne begleitendes Reibungsgeräusch, welches sich über das Epi-
gastrium und bis zur Mamma hin verbreitet. Percussion nicht verändert. Vesicans
zwischen Brustwarze und Sternum, Digitalis. Nach weiteren 8 Tagen war das Fieber
und das pericarditische Reiben vollständig verschwunden, das endocardiale Geräusch
aber bestand unverändert fort; auch klagte der Knabe noch über Stiche und Beklem-
mung, und musste während des Sprechens oft abbrechen, um Athem zu schöpfen.
Jodkali. Am 3. Januar Euphorie bis auf rheumatische Schmerzen in der linken
Schulter. Das Geräusch an der Mitralis bestand noch nacn zwei Jahren fort.
Carl S., 8 Jahre alt, Ende Decbr. an einem leichten Gelenkrheumatismus mit
massigem Fieber erkrankt, bekam einige Tage darauf Endocarditis (lebhaftes Fieber,
rascher Athem, Schmerzen in der linken Brust und laute blasende Geräusche, welche
beide Herztöne begleiten). Eisblase und Digitalis. Nach einigen Tagen waren über-
haupt keine Töne mehr, sondern nur zwei Aftergeräusche hörbar. Vesicans. Zwei
Tage später waren die letzteren weniger laut, die beiden Töne daneben wieder wahr-
nehmbar, gleichzeitig aber auch pericarditisches Schaben am mittleren Theil
und am rechten Rande des Sternum. Nun dehnte sich auch die Herzdämpfung all-
mälig über das Sternum aus und überschritt am 13. Januar den rechten Rand des-
selben um l'/2 Ctm., während die Dyspnoe durch die Ent Wickelung einer Pleuro-
pneumonie des linken Unterlappens bedeutend gesteigert wurde. P. 150, ziemlich
voll, R. 50—60. Trockene Schröpf köpfe , Digitalis, hydropathische Umschläge, bei
stärkeren Schmerzen Eisblase auf's Herz. Obwohl die Pneumonie als Pneumonia mi-
grans am 17. auch noch den linken Oberlappen befallen hatte, erfolgte dennoch zu
unserer Ueberraschung ein allmäliger Nachlass aller drohenden Symptome. Das peri-
carditische Reiben war schon am 15. verschwunden, die verbreiterte Herzdämpfung
(Pericardialexsudat) ging auf ihre normalen Grenzen zurück und schon am 27. konnte
20*
452 Krankheiten der Circulationsorgano.
der Knabe das Bett verlassen. Auffallend blieb indess, dass der Spitzenstoss auch in
der rechten Seitenlage immer noch 2 — 4Ctm. ausserhalb der linken Mammillarlinie
fühlbar war (Adhäsion). Nach mehreren Jahren fand ich bei der Untersuchung alle
Symptome einer unheilbaren Klappenaffection.
In beiden Fällen gesellte sich zu der bereits vorhandenen rheuma-
tischen Endocarditis nach wenigen Tagen noch Pericarditis, deren Pro-
duete sich, wenn man nach den physikalischen Erscheinungen urtheilt,
der Rückbildung zwar günstiger zeigen, als die endocarditischen, aber
doch Synechie und Adhäsion des Pericardiums an der Pleura zurücklassen
können. In der Regel findet man beim Hinzutreten der Pericarditis das
Reibegeräusch zuerst an der Basis des Herzens, während das systolische
Blasen vorzugsweise an der Spitze wahrnehmbar ist.
Ueber die Beziehung der Chorea zu den rheumatischen Herzaffec-
tionen, habe ich mich schon früher (S. 194) ausgesprochen und dabei
den Standpunkt festgehalten, dass sowohl Chorea, wie Endocarditis, aus
einer und derselben Quelle, nämlich dem Rheumatismus, herzuleiten,
nicht aber die erstere als von der Herzaffection allein abhängig zu be-
trachten sei. Ich berufe mich dabei noch auf die Thatsache, dass das
rheumatische Grundübel sehr geringfügig sein kann, zumal bei Kindern, die
nur an vagen Muskel- oder Celenkschmerzen leiden, ganz übersehen
werden kann, und dass erst die nachfolgende Endocarditis und Chorea
zur Kenntniss des Arztes gelangen, welcher dann'geneigt ist, die erstere
allein für die Neurose verantwortlich zu machen. —
Seltener, als der Rheumatismus, geben andere Infectionskrank-
heiten (Typhus, besonders aber Scharlach) Anlass zur Entwickelung
von Endocarditis, welche einen dauernden Klappenfehler hinterlassen
kann. Darf man auch nicht jedes vorübergehende systolische Blasen
bei Scharlach als Zeichen von Endocarditis betrachten, so muss doch
Endocarditis angenommen werden, wenn das Geräusch längere Zeit in
gleicher Weise auch bei sinkendem Fieber fortbesteht. Man beobachtet
diese Complication, auf welche ich beim Scharlach zurückkommen
werde, sowohl im Laufe der Primärkrankheit wie der nachfolgenden
Nephritis :
Willi K., öjährig, aufgenommen am 1. Februar mit Scarlatina simples. Das
Fieber, welches ohne nachweisbaren Grund noch während der Desquamation fort-
dauerte (T. M. 38,5, A. 39,4) ging bei völliger Euphorie am Ende der zweiten
Woche auf 38,5 Abends herunter. Am 12. Februar wurde zum ersten Mal ein
kurzes systolisches Geräusch am Herzen gehört, welches mit jedem Tage deut-
licher hervortrat, besonders laut in der Gegend der Herzspitze, wobei der 2. Ton in
der Pulmonalarterie etwas verstärkt war. Spitzenstoss und Dämpfung normal.
Peri-Endocarditis. 453
P. 136, etwas unregelmässig. In den nächsten Tagen hörte man ausser dem
systolischen Geräusch, links vom Sternum in der Höhe der 3. Rippe, auf der Höhe
der Inspiration, oft auch isochronisch mit der Systole, noch ein kurzes Knarren, dessen
Entstehung mir um so weniger k'ar wurde, als dasselbe während der nächsten Tage
bald hörbar war, bald verschwand. Da aber während dieser Zeit die Temperatur
Abends wieder 39,8 erreichte, so Hess ich 5 blutige Schröpfköpfe aut die Herzgegend
setzen und gab innerlich Calomel und Digitalis. Vom 17. an nur noch Abends ge-
ringeTemperaturerhebung, Puls normal, das systolische Geräusch schwächer werdend.
Nachdem das Kind noch Nephritis mit Oedem und Ascites durchgemacht hatte , war
am 22. April das Geräusch an der Herzspitze kaum noch hörbar, am 25. ganz ver-
schwunden.
Dass es sich hier wirklich um Endocarditis scarlatinosa (und wohl
auch um leichte Pericarditis) handelte, wird durch das fortbestehende
Fieber, den schnellen, irregulären Puls und das systolische Geräusch
bewiesen, welches erst nach 2 Monaten vollständig verschwunden war.
Gerade auf dieses lange Bestehen und die allmälige Abnahme des
Geräusches lege ich besonderen Werth, welchen vorübergehende Ge-
räusche, wie ich schon bemerkte, nicht beanspruchen können. Deshalb
sind auch beim acuten Rheumatismus nur diejenigen systolischen Ge-
räusche als endocarditische zu deuten, welche das heftige Fieber über-
dauern, und nicht gleich nach dem Ablaufe desselben schwinden. Be-
kanntlich kann jedes starke Fieber den ersten Herzton unrein und
etwas blasend machen. So begleitete auch in einem Falle von Syno-
vitis scarlatinosa mit Ausgang in Eiterung des Claviculo-Acromialge-
lenks, welche durch die Section constatirt wurde, ein systolisches Blasen
nur den hochfieberhaften Eintritt des Leidens, war aber schon am näch-
sten Tage nicht mehr hörbar, und in der Leiche erschien der Klappen-
apparat auch vollkommen normal. Dagegen weiss ich keine genügende
Erklärung für zwei Fälle von Nephritis scarlatinosa, in denen, ohne
dass Fieber vorhanden war, 24—36 Stunden lang ein systolisches Mitral-
geräusch, in dem einen Falle mit Unregelmässigkeit der Herzaction ver-
bunden, bestand und dann spurlos verschwand.
Ganz besonders achte man auf das Herz, wenn zum Scharlach S y-
novitis als Complication hinzutritt, weil hier die Theilnahme des Her-
zens, zumal des Endocards, vorzugsweise zu fürchten ist.
Richard Seh., 6jährig, am 14. Februar mit Scharlach aufgenommen. Com-
plication mit leichtem Bronchialcatarrh, Herz vollkommen frei. Am 19. Beginn der
Desquamation, doch Fortbestand des Fiebers (Ab. 39,2) in Folge doppelseitiger
Adenitis cervicalis und rechtsseitiger Oiitis. Am 22. (T. Mg. 39,9, P. 108) hörte
man über dem Herzen, besonders stark in der Höhe des 4. Rippenknorpels am linken
Sternalrand ein systolisches Geräusch; Dämpfung normal, Spitzenstoss im
454 Krankheiten der Circulationsorgane.
5. Interoostalraum enorm stark. Am folgenden Tage Schmerzen in den Hand-
und Fussgelenken, doch ohne Anschwellung (Temp. Ab. bis 40,2, P. 100—124),
in den nächston Tagen auch in den Knie-, Hüft-, Ellenbogen- und Schultergelenken.
Vom 26. an Abnahme aller Symptome, auch des Geräusches, am 1. März nur noch
der sogenannte Galopprhythmus wahrnehmbar. Bis zum 25. April, an welchem Tage
das Kind entlassen wurde, nichts Abnormes.
Bei einem an Scarlatina erkrankten Knaben beobachtete ich mit dem Eintritt
von Synovitis der Hand-, Finger- und Fussgelcnke in der zweiten Krankheitswoche
neu aufflammendes Fieber (bis 39,8), und 4 Tage darauf ein lautes systolisches
Geräusch an der Herzspitze, welches noch bei der Entlassung des Knaben fort-
bestand. —
Für die Entstehung der Pericarditis, deren Frequenz bei Kin-
dern fast grösser als bei Erwachsenen zu sein scheint, können ausser den
schon erwähnten Ursachen (Rheumatismus, Scharlach) auch krankhafte
Zustände benachbarter Theile bedeutsam werden, vorzugsweise Pleu-
ritis der linken, weniger der rechten Seite, Pneumonie, Caries der
Rippen1). Dabei kommt es oft zu einem serös-fibrinösen oder puru-
lenten Exsudat im Herzbeutel, bei chronischem Verlauf zu mehr oder
minder ausgedehnten Verwachsungen des Herzens mit dem Pericardium,
die auch nach der Resorption flüssiger Exsudate zurückbleiben können.
Eiterige Pericarditis beobachtete ich in Verbindung mit eiteriger Pleu-
ritis besonders bei ganz jungen Kindern, wobei die Diagnose einerseits
durch die geringe Menge des Eiters, andererseits durch die ausgedehnte,
von dem pleuritischen Exsudat abhängende Dämpfung erschwert wurde
(S. 397).
Richard L., 8 Monate alt, am 10. März in die Klinik aufgenommen, Rachitis,
sehr frequente stöhnende Respiration, Husten mit schmerzverzogenem Gesicht. Links
im ganzen Umfang des Thorax absolute Dämpfung und bronchiales Athmen. Ver-
drängung des Herzens nicht nachweisbar, Herztöne rein. T. 37, G, P. 140, R. 60.
In den nächsten Tagen verschwand vorn das Bronchialathmen ; man hörte jetzt gar
kein Athmen mehr, und die Dämpfung überschritt den linken Sternalrand um 1 Ctm.,
wobei ich aber nicht im Stande war, eine Verdrängung des Herzens nach rechts deut-
lich nachzuweisen. Eine zweimalige Probepunction und Aspiration mittelst der
Pravaz'schen Spritze lieferte kein Resultat. Dabei war die Temperatur fast immer
subnormal (36,0—37,2), R. 54— 60, P. sehr wechselnd (108— 156), äusserst klein.
Zunehmender Collaps verhinderte jedes operative Eingreifen. Tod am 21. Die
Section ergab ein die ganze linke Pleurahöhle ausfüllendes purulentes Exsudat,
Compression der linken Lunge, Pericarditis flbrinopurulenta (Herzbeutel nicht
wesentlich ausgedehnt, ein paar Esslöffel reinen Eiters enthaltend; beide Flächen
mit frischen fibrinösen Auflagerungen bedeckt).
') Vergl. die S. 398 u. 399 mitgeteilten Fälle.
Peri-Endocarditis. 455
Unter diesen Verhältnissen, also bei Entzündung der Pleura, der
Lungen und Bronchien kann auch Endocarditis auftreten. Bei einem
3jährigen Mädchen, dessen früher schon gedacht wurde, fand ich neben
einem alten abgekapselten pleuritischen Exsudat der rechten Seite be-
deutende Synechie des Herzbeutels, Verdickung und Insufficienz der Mi-
tralklappe mit Stenose des Ostium venosum, welche schon bei Lebzeiten
diagnosticirt worden war. Bei zwei anderen Kindern von 2 bis 4 Jahren
gesellte sich zu einer ausgedehnten Pneumonie der linken Lunge ein
endocardiales systolisches Geräusch, welches in einem Falle bis zum
Tode dauerte, in dem anderen nach der Heilung der Lungenaffection
fortbestand.
Eine der häufigsten Ursachen von Pericarditis im kindlichen Alter
ist aber die Tuberculose. Die Entwickelung miliarer oder submiliärer
Knötchen im Pericardium, zumal auf dem visceralen Blatt, gehört zwar
nach dem, was ich selbst gesehen, auch bei allgemeiner Tuberculose
nicht zu den häufigen Erscheinungen, aber auch ohne diese localen
Producte kommt es hier mitunter zu Pericarditis mit serös-fibrinösem
oder hämorrhagischem Exsudat.
Helene W., 21 Monate alt, aufgenommen am 26. Mai, anämisch, schlecht ge-
nährt. Am linken Sternalrand unten eine teigige ödematöse Schwellung mit erweiter-
ten Venen. R. frequent, oberflächlich; viel Elasten. In beiden Lungen zahlreiche
Rasselgeräusche. Herz anscheinend normal, Abdomen aufgetrieben. T. 39,7. Hydro-
pathische Einwickelung des Thorax. Am 28. erscheint links vom Proc. xiphoideus
eine rothe fluctuirende Anschwellung, die am 29. geöffnet wird und 300,0 dünnen
Eiters entleert. Drainage und Sublimatverband. Am 30. Tod im Collaps.
Section. Dicht unter dem Proc. xiphoid. eine fingerdicke Fistel, welche auf
eine grosse Unterminirung der Bauchmuskeln führt, sich abwärts zwischen Rectus
und Obliquus ext. abd. bis unterhalb des Nabels, und nach oben bis zum linken
Rippenrande ausdehnt. Hier läuft sie in eine Fistel aus, welche in der Nähe des
Proc. xiphoid. unmittelbar unterhalb der Rippenknorpel das Zwerchfell durchbricht
und in eine hühnereigrosse Höhle des Mediastinum anticum führt. Ein zweiter Gang
geht über den Rippenrand zwischen der 5. und 6. Rippe links vom Sternum eben-
falls ins Mediastinum. Dasselbe enthält eine überall abgekapselte, leere, nach oben
in zahlreiche blinde Sinus auslaufende Abscesshöhle, deren dicke Wände zahlreiche
Tuberkel aufweisen. Rippen und Brustbein normal. Irn Pericardium viel sero-
fibrinöses Exsudat, Cor villosum, hie und da ein Tuberkel auf dem serösen
Ueberzuge des Herzens. Klappen normal. Bronchialdrüsen käsig, im linken Unter-
lappen ein wallnussgrosser käsiger Herd mit zahlreichen miliaren Tuberkeln der Um-
gebung.
Hier scheint eine eiterige tuberculose Mediastinitis die Scene er-
öffnet zu haben, welche dann einerseits zu den Eitersenkungen zwischen
den Bauchmuskeln, andererseits zu der tuberculösen Pericarditis Anlass
456 Krankheiten der Circulationsorgane.
gab. In dem folgenden Falle finden wir Mediastinum und Pericardium
frei von Tuberkeln, trotzdem entwickelte sich von der linken stark tuber-
culisirten Pleura her acute Pericarditis, welche schliesslich zu ausge-
dehnter Synechie des Herzbeutels führte. Solche Verwachsungen können
zu derben, theilweise verkästen und mit Tuberkeln durchsetzten Schwielen
heranwachsen.
Paul M., 8jährig, am 20. Mai 1878 aufgenommen. Früher gesund, soll er seit
8 Tagen fiebern und sich krank fühlen. Grosse Blässe. R. 36, T. 38,6, P. 136. In
der Herzgegend und noch 2 Ctm. über den rechten Sternalrand hinaus hört man
lautes, beide Töne begleitendes Reibungsgeräusch. Percussion normal,
Spitzenstoss nicht deutlich fühlbar; 8 trockene Schröpfköpfe, Eisblase, Digitalis. In
den nächsten Tagen vielfache Klagen über stechende Schmerzen in der Herz-
gegend. R. bis 60, T. bis 39,5 steigend. Schon am 24. war das Reibungsgeräusch
verschwunden, während die Herzdämpfung sich nach oben bis zur 3. Rippe und
2 Ctm. über den rechten Sternalrand ausdehnte. Puls sehr klein. Vesicans auf
die Herzgegend, Calomel 0,015 2 stündlich, vom 28. an Jodkali (2,0 auf 100,0).
Während nun das Fieber allmälig sank, nur in den ersten Tagen des Juni vorüber-
gehend wieder 39,3 erreichte, und ein Catarrh die Respiration wieder auf 60
steigerte, hob sich die Kraft des Pulses, und ohne dass die PercussioD sich veränderte,
fühlte man am 6. Juni wieder einen schwachen diffusen Herzstoss, hörte auch beide
Töne, wenn auch schwach, doch vollkommen rein. Am 13. Juni konnte man wieder
deutliches Reiben bei beiden Tönen hören (R. 50—60, P. 132—156) und die
Dämpfung erreichte nun nicht mehr den rechten Sternalrand, auch nach links nicht
ganz die Mammillarlinie. Noch am 29. war Reibungsgeräusch oben am Sternum
deutlich hörbar, während die Töne weiter unten rein erschienen. Temp. Morgens
normal, Abends noch 38,3, R. 28 — 32. Am 6. Juli bestand nur noch sohr
schwaches Reiben auf dem Sternum, sonst alles normal, so dass der Knabe am 7.
August als gesund entlassen wurde. Im October wurde er von Neuem wegen
eines bedeutenden Ascites in die Klinik gebracht. Die Schilderung diesor Phase
wird bei der Peritonitis chronica tuberculosa, denn um diese handelte es sich,
ihre Stelle finden; hier sei nur bemerkt, dass während des ganzen Aufenthalts im
Hospital, bis zum 5. Mai 1879, bei der häufig wiederholten Untersuchung am
Herzen auch nicht die geringste Abnormität wahrgenommen wurde.
Aus dem Sectionsbefundo will ich nur die an dieser Stelle interessirenden That-
sachen hervorheben:
Die ganze linke Pleura costalis dicht besetzt mit Tuberkeln, weniger stark
die Lungenpleura. Die Pleurahöhlen leer. Durch vollständige Verwachsung beider
Blätter des Herzbeutels ist die Höhle vollständig obliterirt, das Herz überall
von einem derben schwieligen Gewebe umhüllt. Bei genauer Untersuchung zeigt
sich an verschiedenen Stellen die Muskelsubstanz der Vorderwand des rechten
Ventrikels fast durchweg schwielig entartet. Pericardium und Herz völlig frei
von Tuberkeln. Klappenapparat intact. Mediastinum anticum stark ödematös in-
filtrirt und verdickt. Ausserdem Peritonitis und Meningitis tuberculosa.
"Wir finden hier, wie auch sonst nicht selten, völlige Latenz
einer totalen Synechie des Herzbeutels; insbesondere war an keiner
Peri-Endocarditis. 457
Stelle systolische Einziehung der Brustwand beobachtet worden. Die
Theilnahme des Myocardium, wenigstens des rechten Ventrikels, zeigte
sich hier nicht bloss in der Form peripherischer Verfettung, wie sie bei
Pericarditis häufig vorkommt, sondern als eine bei Kindern seltene
interstitielle Myocarditis mit Schwielenbildung, welche sich klinisch
ebensowenig bemerkbar machte, wie die Synechie des Herzbeutels. Ganz
ähnlich verhielt sich ein 6jähriger Knabe, welcher in Folge von Masern
unter den Symptomen chronischer tuberculöser Peritonitis zu Grunde
ging, und dessen Section ausser dieser noch Tuberculose der Pleura,
LuDgen und Leber, und totale Synechie des Pericardium ergab. Dasselbe
bildete zwei fibröse, von Tuberkeln durchsetzte Blätter, zwischen denen
theilweise erweichte gelbe Käseknoten lagerten. Diese physikalische
Latenz der Synechie, neben der auch ein absoluter Mangel subjectiver
Symptome bestehen kann, fand sich auch in folgendem Falle, der mit
Tuberculose nichts zu schaffen hatte:
Richard L., öjährig, aufgenommen am 4. Februar. Vor 2 Jahren Scharlach.
Soll erst seit 14 Tagen krank sein (?) Viel Husten und Dyspnoe, Blässe und Ab-
magerung, starkes Oedem des Gesichts und der unteren Extremitäten, Ascites (Bauch-
umfang 71 Ctm.). Leber den Rippenrand 3 Finger breit überragend, hart. An der
rechten Thoraxwand sind die Intercostalräume verstrichen, etwas vorgewölbt; Um-
fang 31, links nur 24 Ctm. Percussion rechts überall matt, Bronchialathmen und
Bronchophonie, hie und da etwas klingendes Rasseln; links oben Catarrh. Herz-
umfang normal, Töne rein, aber schwach; keine systolische Einziehung. Statt des
Spitzenstosses mehr diffuse Erschütterung. Urin sparsam, 300,0 täglich, normal.
Verdauung gut, kein Fieber. P. 120, regelmässig. Am 7. nach vorgängiger Probe-
punction Entleerung von 300,0 klaren Serums aus dem 5. rechton Intercostalraum
mittelst des Dieulafoy'schen Aspirators. Dies Serum enthält nur äusserst wenig Ei-
weiss. Vom 15. an Fieber, 38,6, Unruhe, grosse Dyspnoe. Tod in der Chloroform-
narcose vor der zweiten Function.
Section: Im Bauch 300,0 Serum; rechte Pleurahöhle ebenfalls ganz gefällt.
Rechte Lunge mannesfaustgross, dicht. Auch in der linken Brusthöhle etwa 300,0
Serum. Totale Synechie des Herzbeutels; in den schwieligen Adhäsionen sind
ausgedehnte gelbe trockene Massen eingesprengt. Rechter Ventrikel eng, sehr dünn-
wandig, vielfach fibrös entartet. Pleura überall übrös verdickt. Milz sehr gross.
Leber vergrössert, höckerig uneben, mit leicht verdickter Kapsel, von vielen fibrö s
verdickten Strängen durchzogen, anämisch. Im Jejunum 2 kleine etwa groschen-
grosse Geschwüre. Nieren indurirt, gross, glatt.
Wir fanden hier in keinem Organ etwas Tuberculöscs, denn die
in den schwieligen Adhäsionen des Herzbeutels sitzenden gelben Knoten
bestanden mikroskopisch aus einem theils fettigen, theils amorphem De-
tritus. Obwohl sichere anamnestische Thatsachen fehlten, ist doch das
anatomische Bild, neben den vielfachen fibrösen Veränderungen besonders
458 Krankheiten der Circulationsorgane.
der Zustand der Leber so geartet, dass der Fall zu den in der Kind-
heit sehr seltenen Beispielen von Peri- und Myocarditis syphilitica
mit gummösen Bildungen in den Schwielen des Herzbeutels gerechnet
werden muss1)-
Abgesehen von diesen Fällen habe ich myocarditische Processe
bei Kindern nur sehr selten beobachtet, z. B. bei einem 10jährigen
Knaben:
Pericardialhöhle sehr weit, enthält einen halben EsslölTel hämorrhagisch ge-
färbter Flüssigkeit. Herz sehr gross. Beide Ventrikel derb; Epicardium überall
leicht fibrös verdickt, hie und da warzig. An der Spitze des linken Ventrikels zeigt
sieh neben einer sehr ausgedehnten Atrophie eine haselnussgrosse aneurysma-
tische Erweiterung, an welcher die Herzwand kaum '/2 Ctm. dick ist, Endocardium
des linken Vorhofs stark verdickt. Schrumpfung und warzige Beschaffenheit der
Mitralis und der Aortaklappen.
Während des Lebens konnte man hier nur die Symptome der Klappen-
krankheit und der Hypertrophie des Herzens nachweisen. Anatomisch
ist aber der Fall insofern von Interesse, als er die geringe Zahl von
Herzaneurysmen, welche bei Kindern bisher beobachtet wurden, um
eine vermehrt. In Folge einer partiellen chronischen Myocarditis, die
in Verbindung mit Endocarditis und Entzündung des Epicardium sich
entwickelte, war die betreffende Partie des Muskclfleisches allmälig in
eine bindegewebige, durch den Blutdruck sich mehr und mehr verdün-
nende Schwiele verödet. Von grossem Interesse ist der folgende Fall
von ausgedehnter fibröser Myocarditis nach Scharlach2).
Franz S., 8jährig, aufgenommen am 22. Juni mit „Nephritis scarlatinosa",
die seit 3 Wochen bestehen soll, während Scharlach schon vor 9 Wochen ausge-
brochen war. Massiges Oedem der Füsse und der linken Hand. R. GO— 80, Oppres-
sion und Druck in der linken Brustseito. B. 120, wenig gespannt. Spitzenstoss und
Dämpfung der Herzgegend besonders nach rechts verbreitert, Töne schwach, ohne
Nebengeräusche, hinten beiderseits feines Rasseln. Urin 300,0 in 24 Stunden, röth-
lich, trübe, enthält wenig Eiweiss, viele rothe Blutkörperchen, einzelne hyaline Cy-
linder und verfettete Epithelien. T. Abends 38,4, steigt nach einer Woche, während
welcher Oedeme und Athemnoth stetig zunehmen, auf 39,5. Oofters Erbrechen und
Diarrhoe. Abends leichte Delirien. Am 3. Juli deutlicher Ascites, einzelne Verdich-
tungsherde in den Lungen nachweisbar, zunehmende Herzschwäche und Oedeme.
Urin stark vermindert, blutig. Pulsus alternans (von 2 rasch auf einander fol-
genden Schlägen ist der zweite kaum fühlbar), 136— 150 Schi. Beklemmung zu-
nehmend. Senfteige, trockene Schröpfköpfo, Wildunger Wasser, Digitalis ohne Wir-
') Vergl. v. Dusch, in Gerhardt's Handb. der Kinderkrankh. IV. S. 298.
2) Sommer, ChariteAnnalen. 13. Bd. S. 647.
Myocarditis. 459
kung, daher nur Excitantia verordnet. (Eisentinctur, Campher, Valeriana, Wein).
Unter zunehmendem Collaps und Lungenoedem Tod am 14. August.
Section: Im Pericardium 100,0 Serum. Enorme Erweiterung beider Ventrikel
und Vorhöfe. Zahlreiche Parietalthromben in den Nischen der verlängerten Trabekeln
und Papillarmuskeln. Die Muskelsubstanz des Herzens zum grossen Theil durch
dichte Bindesubstanz ersetzt. In den Lungen einzelne hämorrhagische Infarcte,
ebenso in der Milz und in der rechten Niere; Nieren sonst normal. Der linke
Vagus in der Brusthöhlo von derbem, fibrösem Bindegewebe umhüllt, welches von
theils indurirten, theils verkalkten Lymphdrüsen ausgeht. An der Druckstelle zeigt
der Vagus beginnende fettige Degeneration.
Die ausgedehnte myocarditische Schwielenbildung muss wohl als
eine über das Maass hinausgehende Folge der lnfectionskrankheit be-
trachtet werden. Jedenfalls gab sie Anlass zu der bedeutenden Dila-
tation des Herzens und zur Thrombenbildung in diesem, von wo aus
dann die Infarcte der Lungen, Milz und Nieren erfolgten. Der Nieren-
infaret wurde die Ursache der Blut- und geringen Eiweissausscheidung
im Urin, welche zur irrigen Annahme einer Nephritis geführt hatte. Be-
merkenswerth ist noch die beginnende Degeneration des Vagus, auf
welche ein Theil der Symptome, zumal die Beschaffenheit des Pulses,
bezogen werden kann.
Ausgedehnte chronische Fettentartungen des Herzmuskels, wie
sie bei Erwachsenen mit oder ohne Sclerosirung der Coronararterien so
häufig vorkommen, habe ich im Kindesalter noch niemals beobachtet;
nicht selten aber eine besonders im rechten Ventrikel entwickelte par-
tielle fettige Degeneration bei Kindern mit langwierigem Keuchhusten
und chronischer Pneumonie (S. 432), wo sie in Folge der Wider-
stände im Lungenkreislaufe, welche das Herz zu überwinden hat, ent-
steht, zur Dilatation der Höhle und syncopalen Todesfällen Anlass geben
kann. Dahin gehören auch die partiellen Fettentartungen, welche im
hypertrophischen Herzmuskel bei Klappenfehlern schliesslich zu Stande
kommen. Auf die bei acuten Infectionskrankheiten, besonders
Scharlach, Diphtherie, Ileotyphus, sich entwickelnde fettig-albuminöse
Degeneration der Herzmusculatur, werde ich bei der Betrachtung dieser
Krankheiten zurückkommen.
Einfache Hypertrophie und Dilatation des Herzens kam mir
im Kindesalter nur selten vor, ein paar Mal im Gefolge chronischer Ne-
phritis, und bei zwei kleinen Kindern, die wahrscheinlich von Geburt an
ein zu grosses Herz hatten. Sonst war immer eine Aflection des Klappen-
apparats als Ursache der Hypertrophie und Dilatation nachzuweisen,
öfters auch frische Nephritis, besonders in Folge von Scharlach, wo-
von bei dieser Krankheit weiter die Rede sein wird. Die von Steffen
460 Krankheiten der Circulationsorgane.
u. A. beschriebene acute Dilatation, deren Diagnose sich fast nur auf
Percussionsresultate stützt, und welche bei Endocarditis, in Folge von
Blutstauung, bei Ueberarbeitung des Herzens, sowie bei infectiösen
Krankheiten auftreten soll, glaube ich zwar selbst einige Mal beob-
achtet zu haben, am deutlichsten in einem später mitzutheilenden Falle
von ulceröser Endocarditis bei Scharlach; ich kann aber nicht verhehlen,
dass mir die meisten Fälle dieser Art durch die schnelle Rückbildung
der Dilatation, welche schon binnen wenigen Tagen zu Stande gekom-
men sein soll, Bedenken erregen. Man denke nur an die vielfachen
Fehlerquellen, welche bei der Percussion der Herzgegend aus den ver-
schiedenen Expansionszuständen der linken Lunge, aus der Unruhe und
dem Geschrei kleiner Kinder hervorgehen können. Der Theoretiker
glaubt bei der Bestimmung der Herzgrenzen im Kindesalter mit mathe-
matischer Genauigkeit Resultate erreichen zu können, welche der Er-
fahrene belächelt. Und dazu kommt noch der Umstand, dass selbst
in der Leiche die verschiedenen Coutractions- und Füllungszustände
des Herzens, sowie die Differenz der Altersklassen, in minder prägnanten
Fällen es zweifelhaft lassen können, ob überhaupt Hypertrophie oder
Dilatation vorliegt. Der alte Vergleich mit der Faust des betreffenden
Individuums ist, wenn auch für die Praxis meistens ausreichend, doch
wissenschaftlich ungenügend ').
Im Anschluss an diese Bedenken soll nicht unerwähnt bleiben, dass
viele Kinder, und zwar nach meiner Erfahrung mehr Knaben wie Mäd-
chen, im Alter von 10 Jahren bis gegen die Pubertät hin, über Palpi-
tationen des Herzens, auch wohl über flüchtige Stiche in der Herzgegend
klagen, zu denen sich mitunter Athemnoth, besonders bei stärkeren
Bewegungen, und Kopfschmerzen gesellen. Anämie konnte ich nur in
einem Theil der Fälle nachweisen, und die Untersuchung ergab fast
immer nur diffusen hebenden Herzchoc ohne irgend welche Veränderung
der normalen percussorischen und auscultatorischen Erscheinungen. In
der That sah ich in diesen Fällen, so weit ich sie verfolgen konnte, nie
etwas Schlimmes eintreten, die Herzsymptome vielmehr allmälig zurück-
treten und verschwinden. Die früher vielfach geäusserte Ansicht, es
handle sich hier um allmälige Ausgleichung eines dem Kindesalter physio-
logisch zukommenden Missverhältnisses zwischen Herz und Körpergewicht
steht in Widerspruch mit Beneke's Untersuchungen, nach denen die
Masse des Herzens gerade in den Jahren vor der Pubertät relativ am
') Vergl. Beneke, Die anatom. Grundlagen der Constitutionsanomalien. Mar-
burg, 1878. — v. Dusch, Gerbardt's Handb. d. Kinderkrankh. IV. S. 267.
Myocarditis. 461
kleinsten sein und erst während der Pubertätsentwickelung rasch zu-
nehmen soll. Eher möchte ich die relative Enge des Thorax, besonders
des Durchmessers von vorn nach hinten, in diesem Alter als ein Moment
betrachten, welches die erwähnten Symptome veranlassen, wenigstens
fördern kann. —
Die Therapie der Herzkrankheiten ist im Kindesalter dieselbe wie
bei Erwachsenen. Wenn auch die chronischen Formen (Klappenfehler
mit consecutivcr Hypertrophie) im Allgemeinen von Kindern schon wegen
der Seltenheit myocarditischer Processe und der Gefässerkrankungen
besser vertragen, bis in die Pubertätszeit und noch weiter verschleppt
werden, bevor ernstliche Compensationsstörungen eintreten, fehlt es doch
nicht an Fällen, welche wegen quälender Symptome ein ärztliches Ein-
greifen nöthig machen. Auffallend war mir die Frequenz der Anämie
bei diesen Kindern, durch deren zweckmässige Behandlung mit Eisen-
präparaten (F. 12), es oft gelang, wenigstens einen Theil der Symptome
(Palpitationen, Schwäche) zu ermässigen und den Allgemeinzustand er-
heblich zu verbessern, wenn auch das Herzleiden selbst davon unberührt
blieb. Nachtheilige Wirkungen hatte das Eisen in diesen Fällen nie-
mals. Bie Behandlung der acuten (entzündlichen) Herzaifectionen muss
selbstverständlich eine massig antiphlogistische sein ; örtliche Blutentleerun-
gen, Eisbeutel, Calomcl und Digitalis, Vesicantia sind hier an der Stelle,
und die mitgethcilten Krankengeschichten werden Ihnen am besten die
Wirkung dieser Mittel veranschaulichen. Bei Pericarditis mit massen-
haftem Exsudat kann die drohende Lebensgefahr, wie einige Beispiele
lehren1), durch die Punction des Herzbeutels mit Aspiration oder durch
Incision abgewendet werden, doch gehört diese Operation immer zu den
gewagtesten. Ich selbst habe sie noch nicht unternommen, freute mich
aber in einem Falle dieser Unterlassungssünde, weil die Section ergab,
dass es sich um vielfache Adhäsionen der beiden Blätter mit zahlrei-
chen abgesackten Exsudatanhäufungen handelte. Was hätte hier eine
Punction, selbst Incision leisten können?
') Cadet berichtet über 9 Fälle mit 5 Heilungen; Rosenstein (Berl. klin.
Wochenschr. 1881. No. 5) machte nach erfolgter Punction die Incision des Pericar-
diums, legte Drains ein und bewirkte nach 10 Tagen Heilung; auch Gussenbauor
(Revue mens. Janv. 1885. p. 37), West (Jahrb. f. Kinderheilk. XX. 462) u. A. be-
richten glückliche, mit Incision und Drainage behandelte Fälle.
462 Krankheiten der Verdauungsorgane.
Sechster Abschnitt.
Krankheiten der Verdauungsorgane.
I. Die Entzündung der Mundschleimhaut.
Die einfachste Form dieser im Kindesalter sehr häufig vorkommen-
den Krankheit (Stomatitis) charakterisirt sich durch allgemeine oder
partielle, hellere oder dunklere Röthe der Schleimhaut, besonders des
Zahnfleisches, welches gewulstet und gegen Berührung empfindlich er-
scheint. Ueber die halbgeöffneten, oft geschwollenen und lebhaft gerö-
tlietcn Lippen fliesst Speichel in ungewöhnlicher Menge. Säuglinge
lassen beim Versuch zu saugen aus Schmerz die Brustwarze los und
schreien; auch bemerkt die Mutter beim Saugen oft eine erhöhte Wärme
der kindlichen Mundhöhle, noch bevor andere Erscheinungen währgenom-
men werden. Die vermehrte Speichelsecretion giebt der Mundhöhle,
ein ungewöhnlich schlüpfriges, glänzendes Ansehen, oft überdeckt ein
weisslich grauer, grösstentheils aus abgestossenem Epithelium be-
stehender Belag allgemein oder strichweise den Zungenrücken. Nicht
selten ist dabei die Unterkiefergegend ödematös infiltrirt, und er-
scheint theils dadurch, theils durch die Anschwellung hier befindlicher
Lymphdrüsen voller als sonst. Leichte Fieberbewegungen , Unruhe,
Schlaflosigkeit können sich hinzugesellen.
Sie beobachten diese Form von Stomatitis am häufigsten während
des Zahndurchbruchs (S. 146). Bei älteren Kindern erscheint sie zu-
weilen im Gefolge acuter Infeciionskrankheiten, besonders der Masern
und des Scharlach, geht aber hier leicht in einen höheren, mit fibri-
nöser Exsudation einhergehenden Grad über, auf welchen ich bei diesen
Krankheiten zurückkommen werde. Die einfachen Fälle bedürfen keiner
besonderen Therapie, da mit dem Durchbruch einer Zahngruppe oder
mit dem Erblassen des Exanthems auch die Stomatitis von selbst
schwindet. Man hat daher nur für die Fernhaltung aller stärkeren Reize
von der Mundschleimhaut zu sorgen.
Weit charakteristischer tritt uns eine zweite Form entgegen, welche
Stomatis. 463
vom Publicum gewöhnlich, wie der Soor, mit dem Namen „Schwämm-
chen",von den Aerzten als Stomatitis aphthosa bezeichnet wird1). Die
meisten Kinder, welche ich daran leiden sah, standen im Alter der Den-
tition, also zwischen dem 7. Lebensmonat und der Mitte des dritten
Jahrs; ein 14 Monate altes Kind hatte seit seinem 4. Monat schon
5 Anfälle gehabt, welche immer beim Durchbruch einer Zahngruppe
eintraten und nach demselben verschwanden2). Seltener kam die Affec-
tion vor oder nach der Dentition vor, so dass doch ausser dem Zahn-
reiz hier noch andere unbekannte Einflüsse (mangelhafte Reinhaltung der
Mundhöhle?) angenommen werden müssen. Neben den bei der Stoma-
titis simplex angeführten, aber meistens stärker entwickelten Erschei-
nungen beobachtet man auf den Rändern, der Spitze und dem Rücken
der Zunge, seltener auf ihrer unteren Fläche und neben dem Frenulum,
graugelbliche oder grauweisse, von einem schmalen rothen Saum um-
zogene, runde, bisweilen etwas ausgezackte Flecke von Stecknadelkopf-
es Erbsengrösse und darüber, dazwischen auch wohl linear gestreckte
Formen, entweder nur vereinzelte, so dass sie leicht zählbar sind, oder
in weit grösserer Menge, mitunter dicht beisammen stehend, theilweisc
zu grauweissen Plaques oder gewundenen Figuren confluirend. In ein-
zelnen Fällen sah ich grauweisse, fest anzufühlende Plaques von der
Grösse eines Fünfpfennigstücks pilzartig über dem Niveau der Schleim-
haut flach hervorragen. Oft sieht man auch kleine oder grössere Pla-
ques auf der Schleimhaut der Wange, des harten und weichen Gaumens
und selbst der Mandeln, auf den gerötheten, stark gewulsteten, bis-
weilen rüsselartig geschwollenen Lippen, welche bei der Untersuchung,
oder wenn die Kinder sie berühren, leicht bluten und dann mit dunkel-
braunen oder schwärzlichen Borken vertrockneten Blutes bedeckt er-
scheinen. Gruppen von Herpesbläschcn am Saume der Lippen und
weissgraue Excoriationen der Mundwinkel sind nicht seltene Begleiter,
und durch die meistens fühlbare Tumescenz der submaxillaren Lymph-
drüsen, auch wohl durch leichtes Oedem des umgebenden Bindegewebes,
kann der untere Theil des Gesichts merklich anschwellen. Die Zunge
ist, abgesehen von den Rändern, oft mit einem dicken graugelben
schmierigen Belag überzogen, die Secretion des Speichels in dem Grade
vermehrt, dass derselbe anhaltend aus dem halbgeöffneten Munde fliesst,
das Zahnfleisch dunkel geröthet und gewulstet, auch wohl hie und da
') Synonyme: Stomatitis fibrinosa, follicularis.
2) Monti (Pädiatr. Arbeiten. Festschr. Berlin 1890) sab unter 587 Fällen nur
10 unter 6 Monaten, 48 zwischen dem G. und 10. Monat.
464 Kranl<hoiten der Verdauungsorgarie.
mit zarten weisslichen Epithelhäutchen bedeckt, Nur in vereinzelten
Fällen sah ich die Plaques ausschliesslich auf der Schleimhaut der
Wangen und des Gaumens, während die Zunge verschont war. Erhöhte
Temperatur, besonders in den Abendstunden, Verdriesslichkeit und
Unruhe , besonders aber Schmerz , welcher den Kindern das
Essen und Trinken erschwert oder unmöglich macht , sind stete
Begleiter.
' In einem Theil der Fälle gesellt sich zu den eben geschilderten
Symptomen noch ein widriger Geruch aus dem Munde, und bei ge-
nauer Untersuchung findet man dann meistens den die Zähne umranden-
den Saum des hyperämischen, leicht blutenden Zahnfleisches zu einem
graugelben bröcklichen , mit dem Spatel leicht abstreifbaren Detritus
zerfallen.
Trotz der grossen Frequenz ist die Pathogenese dieser Krankheit
noch nicht ganz klar. Eine Herausbildung der Plaques aus Bläschen,
wie man früher annahm, konnte ich selbst niemals beobachten, da
sämmtliche Kinder mir mit schon ausgebildeten Plaques zukamen, und
auch da, wo sich im Verlaufe der Behandlung neue bildeten, sich nie
ein vesiculöses Initialstadium nachweisen Hess. Man darf sich nicht
dadurch täuschen lassen, dass unter den gewöhnlich ganz flächen Plaques
bisweilen einzelne mehr oder weniger prominiren, die indess keines-
wegs als bläschenförmige Abhebungen der Epidermis, sondern vielmehr als
dichter geschichtete Exsudate zu betrachten sind. Demi mit der Abla-
gerung eines fibrinösen Exsudats unter dem Epithel, welches dabei neerö-
tisch zu Grunde geht, hat man es hier zu thun. Es gelingt nie, eine
Plaque mit der Pincette einfach abzuziehen; vielmehr ist diese, wie
Robin nachwies, durch Fasern und eine amorphe Masse fest mit der
Schleimhaut verbunden. Es entsteht dadurch eine gewisse Aehnlichkeit
mit „diphtheritischen" Producten, die aber nur eine äusserliche ist. Die
Krankheit bleibt immer nur eine locale Entzündung der Mundschleim-
haut mit oberflächlichen fibrinösen Exsudaten, und nimmt, so weit meine
Erfahrung reicht, in allen Fällen einen günstigen Ausgang. Unter
zweckmässiger Behandlung pflegt das Leiden binnen 8 bis 10 Tagen
zu heilen, indem zunächst die vermehrte Speichelsecretion abnimmt, der
etwa vorhandene Foetor oris verschwindet, und die Plaques sich von
der Peripherie nach dem Centrum hin derartig verkleinern , dass ein
etwa erbsengrosser Fleck nach einigen Tagen nur noch stecknadelkopf-
gross erscheint. Dicke weissgraue Flecke werden dabei mehr und mehr
gelblich, durchscheinender, verlieren den umgebenden rothen Saum und
verschwinden endlich ganz, ohne eine Spur von Narbe oder eine andere
Stomatitis. 465
Veränderung, als höchstens eine dunklere Röthe an der erkrankten Stelle
zu hinterlassen.
Bedeutsamer wird der Process, wenn sich zu der fibrinösen Stoma-
titis die eben erwähnte moleculäre Necrose des Zahnfleischrandes gesellt.
Ich sah zwar solche Fälle oft ebenso schnell heilen, wie die gewöhn-
lichen; doch hat man immer zu bedenken, dass hier schon eine Com-
bination mit den Anfängen einer schlimmeren Form stattfindet, welche
wir unter dem Namen „Stomatitis ulcerosa" oder „Stomacace"
kennen lernen werden.
Dass die Krankheit contagiös sei, wurde schon früher (Taupin)
behauptet, und in der That kamen mir selbst, wie auch Monti, bis-
weilen Fälle von gleichzeitiger Erkrankung mehrerer Geschwister vor,
welche sich eines und desselben Löffels oder Glases bedient hatten. Ein
Knabe bekam Stomatitis, nachdem er wiederholt in einen Apfel, welchen
ein mit derselben behaftetes Kind verzehrte, hineingebissen hatte. Solche
Fälle gehören indess zu den Ausnahmen und können die Annahme eines
rein parasitären Ursprungs ebenso wenig rechtfertigen, wie die in
den aphthösen Plaques gefundenen pyogenen Staphylococcen1). Ob die
in der Poliklinik beobachtete Häufung der Fälle zu gewissen Zeiten mehr
als Zufall war, wage ich nicht zu entscheiden.
Für die Behandlung empfehle ich vor Allem den innerlichen Ge-
brauch des Kali chloricum, welches hier specifisch wirkt, und zwar
nach meiner Erfahrung am schnellsten in den mit Foetor oris und Theil-
nahme des Zahnfleischrandes verbundenen Fällen (F. 464). In Form
eines Mund- und Gurgelwassers lässt sich das Chlorkali bei kleinen
Kindern fast niemals anwenden, weil sie das Verständniss dieser Ge-
brauchsweise nicht besitzen. Der leichte Schmerz, welchen die Arznei
beim Oontact mit der kranken Schleimhaut erregt, kommt nicht in Be-
tracht gegenüber dem überraschend schnellen Verschwinden des Foetor
und der Salivation. Viele Fälle heilen bei dieser Behandlung schon in
5 bis 6 Tagen; seltener treffen Sie auf rebellische, welche selbst dem
fortgesetzten Gebrauche des Chlorkali widerstehen oder gar schlimmer
werden, ohne dass man im Stande ist, einen Grund für diese Resistenz
'; E. Fränkel, Virch. Arcb. Bd. 113. Heft 3. — Ueber die von Rosinsky
(Deutsche med. Wochenschr. 1891. S. 569) u. Dohrn beschriebene Stomatitis go-
norrhoica Neugeborener, welche durch lnfection mit Gonococcen entstehen soll, be-
sitze ich ebenso wenig eigene Erfahrung, wie über die Stomatitis form . welche durch
die Milch Maul- und Klauenseuche-kranker Kühe bedingt worden sein soll (W ei ssen-
burg, Berl. Hin. Wochenschr. 1890. No. 3. - Fränkel, Centralbl. f. klin. Med.
1888. p. 147. — Ollivier, Revue mens. Janv. 1892).
Henoch, Vorlesungen über KindcrkrankheUen. 7. Aufl. 30
466 Krankheiten der Verdauungsorgane.
aufzufinden. Unter diesen Umständen leistete mir die örtliche An-
wendung des Zincum sulphuricum (0,1 auf 20,0 Aq. destillat.)
oder auch des Cuprum sulphuricum (0,5:20), kwomit die kranken
Stellen 2 — 3 mal täglich bepinselt wurden, in der Regel gute Dienste. —
Eine äusserlich sehr ähnliche, meistens aber in- und extensivere
Stomatitis fibrinosa beobachtet man oft im Gefolge acuter Exantheme,
besonders des Scharlach, seltener der Masern. Ich werde bei der
Besprechung dieser Krankheiten auf diese Form, welche copiöse Blu-
tungen aus der Zunge und den Lippen zur Folge haben kann und
besonders die schweren Fälle begleitet, zurückkommen. Auch in Ver-
bindung mit einfachen catarrhalischen Anginen der Kinder kam Stoma-
titis bisweilen vor. Bei einem 5jährigen Knaben mit Angina sah ich
das Gaumensegel über den Mandeln mit zahlreichen gelblichen runden
Plaques von der Grösse einer halben Linse besetzt, die alle eine cen-
trale Lücke zeigten und dadurch eine Beziehung zu den Schieimhaut-
follikeln bekundeten, welche sich bei Stomatitis aphthosa sonst nicht
nachweisen lässt. —
Seltener , als die eben beschriebene , begegnete uns eine andere
Form, welche mit dem Namen Stomatitis ulcerosa, s. Stomacace
bezeichnet wird. Während die fibrinösen Plaques hier entweder ganz
fehlen oder eine untergeordnete Rolle spielen, nimmt das Leiden des
Zahnfleisches die volle Aufmerksamkeit des Arztes in Anspruch. Es
ist dunkel- oder bläulich-roth , geschwollen, leicht blutend, und zerfällt
von dem die Zähne umrandenden Saum aus mehr und mehr zu einem
graugelben Brei, wodurch die Zahnkronen entblösst und schliesslich ge-
lockert werden. Beim Druck quillt zwischen den Zähnen eitrige Flüssig-
keit hervor, foetider Geruch strömt aus dem Munde, und die umgebenden
Weichtheile, AVangen und submaxillares Bindegewebe schwellen oedematös
an. Diese Anschwellung und die zunehmende Blässe des Kindes ent-
stellen oft das Gesicht auf beunruhigende Weise, und können die Be-
fürchtung eines sich entwickelnden Noma erwecken. Aber schon die
nächsten Tage bekunden durch die langsame Progression des Processes
und die bleibende Weichheit der Anschwellung, dass diese Befürchtung
nicht gerechtfertigt ist. Die durch den Schmerz bedingte Unmöglichkeit,
Nahrung in hinreichender Menge aufzunehmen, wird um so bedenk-
licher, als die Krankheit in der Regel einen protrahirten Verlauf nimmt,
welcher sich auf viele Wochen ausdehnen kann. Unter diesen Umstän-
den sehen wir den Proccss auch auf das Periost der Kiefer übergreifen,
in die Alveolen herabsteigen, Ausfall der Zähne und schliesslich par-
tielle Nekrose der Kiefer herbeiführen. In einem dieser Fälle bestand
Stomatitis. 467
viele Tage lang eine (durch Reflex zu erklärende?) trismusartige
Contraction der beiderseitigen Kaumuskeln , welche das Oeffnen der
Kiefer unmöglich machte und nur den Genuss von Flüssigkeiten
gestattete.
Kind von l3/4Jahren. Seit 6 Wochen Foetor oris, Speichelfluss, Anschwellung
der submaxillaren Lymphdrüsen, Blutungen aus dem Zahnfleisch. Seit dieser Zeit
sind 14 Zähne ausgefallen, in den Alveolarfortsätzen beider Kiefer sind mehrere
tiefe, mit grauem Brei belegte Lücken wahrnehmbar. Besserung durch Chlorkali. Aus-
gang unbekannt.
Kind von 1 1/2 Jahren. Foetor oris, bedeutende Anschwellung der rechten
Wange und der Submaxillargegend, Verfall, Blässe, Fieber, Unmöglichkeit zu essen.
Zahnfleisch überall, besonders rechts unten, roth geschwollen, von den Zähnen ab-
gelöst, die rings von Eiter umspült sind. Der untere linke Alveolarrand stark ge-
schwollen und schmerzhaft, enthält zwei lockere Zähne, welche extrahirt werden.
Fleissige Ausspritzungen der Mundhöhle mit einer ]/4 proc. Lösung von Kali hyper-
manganicum, innerlich consequenter Gebrauch von Decoct. Chinae (5: 100 mit Kali
chlor. — Nach 3 Monaten erhebliche Besserung, aber Nekrose des rechten Unter-
kieferrandes, von welchem ein paar Sequester entfernt wurden. Anschwellung be-
trächtlich geringer, Eiterung nachlassend. Weiterer Verlauf nicht bekannt.
Bei sehr chronischem Verlauf kann durch fortdauernde Eiterung
und mangelhafte Ernährung schliesslich letaler Kräfteverfall herbeige-
führt werden. Die verhältnissmässig geringe Zahl so schwerer Fälle,
die in meine Behandlung kam, erklärt, dass mir dieser traurige Ausgang
bisher noch nicht vorgekommen ist. Mit Ausnahme der beiden eben
angeführten, waren nämlich alle von mir beobachteten Fälle leichterer
Art und wichen der beharrlichen Anwendung eines Decoct. Chinae mit
Chlorkali (F. 27) und desinficirender Ausspritzungen mit Kali hyper-
mangan., Carbol- oder Salicylsäure. Bei guten Verhältnissen ist der
Genuss reiner Landluft zu empfehlen. Die Extraction loser Zähne oder
Sequester beschleunigt die Heilung.
Bei älteren Kindern von 5 — 8 Jahren, also in der Periode der
zweiten Zahnung, sehen wir die ulceröse Stomatitis zwar auch nicht
selten das Zahnfleisch mit Böthe, Schwellung und moleculärer Nekrose
des Randes befallen, aber doch nicht tiefer eindringen, während die
Hauptveränderung an der Schleimhaut der Zunge, der Wange und der
Lippen hervortritt. Hier kommt es zur Bildung umfänglicher, mit einem
graugelben Brei bedeckter unebener Geschwürsflächen, mit wallartig ge-
wulsteten Schleimhauträndern, welche bei Berührung leicht bluten und
einen äusserst foetiden Mundgeruch bedingen. Sitzt das Geschwür am
Zungenrande, so finden Sie fast immer ein ganz ähnliches an der ent-
sprechenden Stelle der inneren Wangenfläche, so dass man an einr
30*
468 Krankheiten der Verdauungsorgane.
üebertragung durch Contact der beiden Flächen nicht zweifeln kann, und
dasselbe beobachtete ich an den sich berührenden Flächen der Unter-
lippe und des unteren Zahnfleisches. Die starke Wulstung der umgeben-
den Schleimhaut lässt übrigens das Geschwür viel tiefer erscheinen, als es
wirklich ist; denn nach der schliesslichen Abstossung des aus Detritus
bestehenden gelblichgrauen Belags bleibt in der Kegel nur ein ober-
flächlicher Substanzverlust zurück, dessen Heilung keine Schwierigkeiten
macht. Ich bin nicht im Stande, Ihnen etwas Bestimmtes über die
Aetiologie dieser mit Nekrose der Schleimhaut oder gar der Knochen
einhergehenden Affectionen mitzutheilen '). Die von mir beobachteten
Kinder boten wenigstens keine Spur einer bestimmten Dyskrasie dar,
waren vielmehr vor der Erkrankung vollkommen gesund gewesen. Nur
einzelne zeigten die Symptome der „Cachexia pauperum". Dass der
Zahnungsprocess, sowohl der erste wie der zweite, dabei eiue Rolle
spielen kann, scheint mir unzweifelhaft zu sein, denn Hyperämien, Blu-
tungen, kleine Abscesse des Zahnfleisches, Salivation, kommen häufig
um diese Zeit vor und können sich leicht zu höheren Graden der Ent-
zündung steigern. Wiederholt hatte ich Gelegenheit, in dieser Periode
bei Kindern, die sonst ganz gesund waren und besonders im Munde
nichts Krankhaftes darboten, während der Nacht reichlichen Auslluss
von Speichel zu beobachten, der bisweilen etwas blutig gefärbt war
und das Kopfkissen durchnässte. Die Eltern waren dadurch sehr beun-
ruhigt, doch sah ich auch nach Wochen langer Dauer dieses Zustandes
und wiederholten ßecidiven nie schlimme Folgen.
Bei einem 7j ährigen Knab en waren sämcutliche noch vorhandene Milch-
zähne gelockert, während die bleibenden Zähne hinter und über denselben stürmisch
hervorbrachen. Das ganze Zahnfleisch dunkelroth, geschwollen, leicht blutend, in
hohem Grade empfindlich. Nach dem völligen Durchbruch einiger neuen Zähne spon-
tane Heilung binnen i Wochen.
Bei einem 7'/2jährigen Knaben bildete sich nach dem Ausziehen eines hin-
teren unteren Backzahns ein langgestrecktes Ulcus an der entsprechenden Partie der
Wangenschleimhaut, von welchem aus sich die hyperämische Wulstung des leicht
blutenden Zahnfleisches weiter nach vorn ausbreitete, und Anschwellung der Lymph-
drüsen, Foetor oris und ödematöse Infiltration der Wange herbeiführte. Heilung nach
10 Tagen durch Chlorkali und Pinselungen mit Cupr. sulphuricum (0,3 auf
15,0 Aq. dest.).
Dieser Fall veranschaulicht auch die Therapie, welche mit der
gegen Stomatitis aphthosa (S. 465) empfohlenen übereinstimmt.
l) Ein von Grandidier als „Phosphornekrose" mitgetheilter Fall (Journ.
f. Kindorheilk. 1861. Heft 5 u. 6) erscheint mir zweifelhaft.
Noma. 469
IL Der Mundbrand, Noma.
Diese furchtbare, auch unter dem Namen „Wasserkrebs" bekannte
Krankheit ist dem Kindesalter, besonders zwischen 3 und 8 Jahren,
eigenthümlich, glücklicher Weise aber so selten, dass sie selbst sehr be-
schäftigten Aerzten nur in langen Intervallen vorkommt.
In der Regel findet man bei der ersten Untersuchung des erkrankten
Kindes eine Hälfte des Gesichts, vorzugsweise die Wange und die halbe
Oberlippe, zuweilen auch die Unterlippe und das Kinn beträchtlich,
selbst bis zum unteren Augenlide herauf geschwollen, so dass das Auge
halbgeschlossen und das ganze Antlitz entstellt wird. Die Anschwellung
erscheint farblos, bleich, zeigt gewöhnlich einen durch vermehrte Secretion
von Sebum bedingten fettigen Glanz, ist gegen Druck wenig oder
gar nicht empfindlich, aber so stark gespannt, dass der Fingerdruck
kaum eine Grube hinterlässt. Bei genauer Betastung fühlt man an der
hervorragendsten Stelle der Geschwulst in der Tiefe eine mehr oder
weniger umfangreiche, sich in die Umgebung verlierende Härte.
Obwohl nun, wie ich oben (S. 466) erwähnte, auch die ulceröse
Stomatitis mit einer ähnlichen Anschwellung der Weichtheile einhergehen
kann, muss man doch unter diesen Umständen immer an Noma denken,
besonders wenn das betreffende Kind cachektisch ist, sich in elenden
Lebensverhältnissen befindet, oder vor Kurzem eine schwere Krankheit,
zumal Pneumonie, Typhus, ein acutes Exanthem, durchgemacht hat.
Die Untersuchung der Mundhöhle ergiebt dann nicht nur einen fötiden,
sondern entschieden brandigen Geruch, welcher stets zunehmend, die
nächste Umgebung des Kindes verpestet. Dies ist jedoch nicht immer
der Fall. Bei zwei Kindern fand ich den Geruch bis zum Tode so
schwach entwickelt, dass ich meine Nase den Lippen des Kindes nähern
musste, um ihn deutlich wahrzunehmen. Das Oeffnen des Mundes und
Niederdrücken der Zunge mit dem Spatel wird durch die Anschwellung
und Spannung der Wangentheile in hohem Grade erschwert. Gelingt
es trotzdem einen Einblick in das Innere der Mundhöhle zu gewinnen,
so bemerkt man auf der Schleimhaut der geschwollenen Wange,
seltener der Ober- oder Unterlippe, einen mehr oder weniger ausge-
dehnten Substanzverlust von bräunlicher, grünlich- öder schmutziggrauer
Farbe, in dessen Umgebung die Schleimhaut oedematös gewulstet ist
und die Geschwürsränder überragt. Bei einem einjährigen Kinde sah
ich zuerst ein brandiges Ulcus am Zahnfleische des Unterkiefers in der
Gegend der Schneidezähne entstehen, welches schnell das Frenulum zer-
störte und in wenigen Tagen das Kinn perforirte. Denn der brandige
470 Krankheiten der Verdauungsorgane.
Zerfall der Schleimhaut macht so rapide Fortschritte, dass schon nach
einigen Tagen ein grosser Theil derselben in eineD graubraunen, fetzigen,
stinkenden Brei verwandelt ist, und bald auch Zahnfleisch und Gaumen-
schleimhaut dieser Seite demselben Schicksal anheimfallen. Mit dem
Spatel oder der Pincette kann man bröckelige und fetzige Stücke des
brandigen Detritus ablösen, doch haften die Massen im Allgemeinen
fester an ihrer Unterlage, als man nach dem ersten Anblick glauben
sollte. Fötider Speichel fliesst aus dem Munde, die submaxil-
laren Lymphdrüsen sind geschwollen, und durch ödematöse Infiltration
des umgebenden Bindegewebes kann die Anschwellung sich mehr oder
weniger tief abwärts über die betreffende Halsseite ausbreiten.
Man sollte nun glauben, dass eine so umfangreiche brandige Affection
den ganzen Organismus immer in lebhafte Mitleidenschaft ziehen müsse,
und doch geschieht dies keineswegs in der erwarteten Weise. Nur in
den Fällen, wo Noma sich unmittelbar an eine erschöpfende locale oder
allgemeine Krankheit anschliesst, macht sich von vornherein Verfall
der Kräfte geltend. Sonst kann das Allgemeinbefinden Tagelang über-
raschend gut bleiben. Man findet die Kinder im Bett aufrecht sitzend,
selbst spielend und mit gutem Appetit essend, obwohl doch Theile des
brandigen Detritus mit dem Speichel verschluckt werden. Dabei kommt
es freilich öfters zu schwer stilibaren Diarrhöen, welche durch die
Section nicht erklärt werden, und wahrscheinlich durch faulige Zersetzung
des Darminhalts in Folge der verschluckten septischen Stoffe angeregt
sind. Trotz der scheinbaren Euphorie besteht aber fast immer Fieber,
dessen Temperatur in einigen von mir beobachteten Fällen sogar zwischen
39,4 bis 40,4 schwankte, mit entsprechender Frequenz des Pulses und
der Athemzüge.
Schon in diesem Stadium kann plötzlich tödtlicher Collaps ein-
treten, noch bevor der Verwüstungsprocess die ganze Dicke der Weich-
theile durchbrochen hat. Häufiger aber besteht das Leben noch fort,
nachdem nicht nur das Zahnfleisch und Periost der Kiefer gangränös
zerfallen, der Knochen blossgelegt und ein Theil der Zähne aus den
brandigen Alveolen ausgefallen ist, sondern auch die entsprechende Seite
der Zunge und des Gaumens gangränös geworden und die Perforation
der Wange oder Lippe vollendet ist. Der prominirendste Theil der Ge-
schwulst bekommt zunächst eine rosige Färbung, wird hart und färbt
sich bald schwärzlich. Die weitere Entwickelung ist in der Regel eine
rapide. Bei einem zweijährigen Kinde, bei welchem Noma drei Wochen
nach Scharlach auftrat, zeigte sich bei der Aufnahme um 6 Uhr Abends
noch kein Fleck, um 9 Uhr eine zehnpfennigstückgrosse schwarze Stelle
Noma. 47 1
neben dem linken Mundwinkel, die am nächsten Morgen schon den Um-
fang eines Zweimarkstücks erreicht hatte. Es kommt bald ein die ganze
Dicke der Weichtheile einnehmender, schwarzer, trockner Brandschorf
zu Stande, welcher sich rapide ausbreitend schliesslich bis zum Auge
herauf und abwärts bis an den Hals reichen kann. Eine blasse Röthe,
welche den Schorf umsäumt, bekundet die Demarcation des Brandes,
worauf entweder spontan oder unter ärztlicher Hülfe ein Theil des Brand-
schorfs sich abstösst, und eine entsprechend grosse scharfgerandete Lücke
den freien Einblick in die verwüstete Mundhöhle gestattet. A.us dieser
Oeffnung sieht man auch das Getränk häufig wieder austliessen. Ein
grosser Theil der Wange, der Lippen, des Augenlids kann auf diese
Weise vollständig verloren gehen, und dennoch zeigt das unglückliche
Kind fast nie Zeichen von Schmerz, ja man findet es auch jetzt noch
bisweilen aufrecht sitzend und nach Nahrung verlangend. Zunehmender
Kräfte verfall, anhaltende Durchfälle oder ausgedehnte Bronchopneumonien,
welche zum Theil wohl durch das Aspiriren brandiger Flüssigkeiten in
die Luftwege entstehen, machen schliesslich, spätestens nach 2 — 3 Wochen,
dem bejammernswerthen Zustande ein Ende. Auch plötzlicher Tod
durch Eintritt von Luft in die Venen des brandigen Gewebes soll vor-
gekommen sein. Das Bewusstsein sah ich gewöhnlich bis zum Tode
fortbestehen.
Nur wenige Fälle nehmen einen günstigen Ausgang, selbst noch
im letzten Stadium, nachdem die Perforation der Weichtheile schon ein-
getreten ist. Mit dem Stillstande der brandigen Verwüstung heben sich
bei ausreichender Ernährung die Kräfte, und es beginnt nun nach der
Abstossung alles Brandigen die Vernarbung unter strangförmiger Heran-
ziehung der übrig gebliebenen Weichtheile. In diesen sehr seltenen
Fällen bleiben stets narbige Deformitäten, Ectropien des unteren Augen-
lids, Verwachsungen der Wange mit dem Kiefer, Verengerungen der
Mundhöhle zurück, welche allenfalls durch plastische Operationen theil-
weise gebessert werden können. Man darf aber dabei nicht vergessen,
dass mit dem Namen „Noma" Missbrauch getrieben wird. Wiederholt
wurden mir Kinder vorgeführt, die von dieser Krankheit geheilt sein
sollten, und als Beweis wurde ein Stück des nekrotischen Alveolarfort-
satzes vorgezeigt, welches unter Zurücklassung eines ansehnlichen Knochen-
defects abgestossen oder entfernt worden war. Diese Fälle gehören
aber der oben beschriebenen Stomacace, nicht dem eigentlichen Noma
an, welches nur da angenommen werden darf, wo auch die Weich-
theile der Wange oder der Lippe in mehr oder minder grosser Aus-
472 Krankheiten der Verdauungsorgane.
dehnung brandig zerstört wurden, und daher entstellende Deformitäten
zurückblieben.
Die Section ergiebt nicht viel mehr als die Untersuchung während
des Lebens. Nur die Ausdehnung der gangränösen Verwüstung nach
hinten gegen den Pharynx zu lässt sich besser in der Leiche nach-
weisen. In den inneren Organen finden sich mitunter analoge brandige
Veränderungen, zumal putride Bronchitis, Bronchopneumonie, Gangrän
der Lunge und Catarrhe der Darmschleimhaut; letztere werden aber
auch in manchen Fällen vermisst, welche unter starken Diarrhöen zu
Grunde gingen. Die bisher mitgetheilten Beobachtungen über Micro-
organismen im Blute bedürfen noch weiterer Bestätigung1).
Unter den aetiologischen Momenten des Noma spielt die durch
armselige Verhältnisse, schlechte Nahrung, Unreinlichkeit, ungesunde
feuchte Wohnungen, erworbene „Cachexia pauperum" eine Hauptrolle.
Unter diesen Umständen sah ich entweder spontan, oder häufiger nach
vorausgegangener Bronchitis, Pneumonie oder Dysenterie, ferner
bei tuberculösen Kindern, Noma zu Stande kommen, besonders wenn
der durch die Krankheiten herbeigeführte Kräfteverfall noch durch
schwächende Behandlung gesteigert worden war. Ob das Quecksilber,
zumal Calomel, im Stande ist, bei längerer Anwendung Noma zu er-
zeugen, ist eine unter den Aerzten noch immer nicht geschlichtete Streit-
frage. Bedenkt man, dass dies Mittel bei Kindern selbst Stomatitis und
Speichelfluss weit seltener hervorruft als bei Erwachsenen, obwohl es
gerade in der Kinderpraxis viel häufiger in Anwendung kommt, so sollte
man ohne Weiteres Denen beistimmen, welche dem Calomel eine Noma
erzeugende Wirkung absprechen. Meine eigenen Erfahrungen sprechen
in der That für diese Ansicht, und ich glaube, dass jeder erfahrene Arzt
ebenso denken wird. Es versteht sich dabei von selbst, dass man Calomel
nicht Wochen lang bei elenden erschöpften Kindern anwenden wird, wo
es auch in anderer Beziehung ganz unpassend wäre. Dagegen können
die Infectionskrankheiten (Scharlach, Masern, Typhus) Noma ebenso
gut im Gefolge haben, wie brandige Affectionen der Haut und der Vulva.
Dass aber auch eine ulceröse Stomatitis unter ungünstigen Verhält-
nissen in Noma übergehen kann, glaube ich aus folgenden von mir beob-
achteten Fällen schliessen zu dürfen.
Albert P., 4 jährig, bekam in der Reconvalesccnz von einer intensiven Bron-
chitis cerebrale Symptome (Somnolenz, Tremor, Kaubewegungen u. s. w.). Die Be-
') Lancet. 1877. IL 538. — Ranke, Jahrb. f. Kinderheilk. XXVII. S. 309.
Schimmelbusch, Deutsche med. Wochenschr. 1889. No. 26.
Noma. 473
handlung bestand in Eisumschlägen auf den Kopf, später in Einreibungen desselben
mit Brechweinsteinsalbe, welche so ungeschickt gemacht wurden, dass ein brandiger
Decubitus am Hinterhaupt entstand und nach theilweiser Abstossung der Haut der
Knochen blossgelegt wurde. Um diese Zeit bildeten sich unreine Geschwüre am
Zahnfleisch und auf der Zunge mit Speichelfluss und Foetor oris, und etwa 6 Tage
später ein markstückgrosses grau-grünes fetziges Ulcus auf der Schleimhaut der
linken Wange, wozu auch bald die charakteristische Anschwellung der letzteren, cen-
trale Härte und Röthe sich gesellten. Der rapide fortschreitende Brand verpestete
das Krankenzimmer. Tod noch vor der völligen Perforation durch raschen Collaps.
Mädchen von 3 Jahren mit allgemeiner Tuberculose und fettiger Entartung
der Leber (Section am 28. März 1881). Erkrankt vor 3 Wochen an Stomatitis, welche
bald mit Ulceration der Wangenschleimhaut, blutigen Borken der Lippen und Foetor
oris einhergeht. Allmälig fötider Ausfluss aus dem Munde, den 26. harte, glänzende,
bläulich-rothe Anschwellung der ganzen rechten Wange. Beim Pinseln der Innen-
fläche löst sich die Schleimhaut in Fetzen los. Tod am 27. ■ —
Es unterliegt keinem Zweifel, dass Noma fast immer als brandiges
Geschwür der Schleimhaut beginnt, und von hier aus die Dicke der
Weichtheile durchdringt, so dass man fast sicher ist, sobald auf der
äusseren Haut Röthe und Härte erscheinen, den Brand im Inneren schon
weit vorgeschritten zu finden. Ich kann jedoch nicht in Abrede stellen,
dass die Ansicht, der Brand könne auch ohne Betheiligung der Schleim-
haut von vornherein in den äusseren Theilen der Wange auftreten,
ausnahmsweise ihre Berechtigung hat. Ich selbst habe diesen Vorgang
freilich nur ein einziges Mal beobachtet, wo sich Noma aus einer Phleg-
mone der Wange heraus bildete:
Im Juni 1875 wurde ich bei einem 7 Monate alten Kinde consultirt, welches,
obwohl von blühender Constitution, doch successiv wohl von 100 kleinen und grossen
Abscessen an den verschiedensten Theilen des Körpers heimgesucht worden war.
Schliesslich bildete sich ein umfangreicher Abscess der linken Wange mit äusserst
harter Infiltration des umgebenden fettreichen Bindegewebes, welcher geöffnet wurde
und normalen Eiter entleerte. Wiederholt hatten wir bis dahin das Innere der Mund-
höhle untersucht, die Wangenschleimhaut aber stets völlig intact gefunden. Ganz
unerwartet war daher die Umwandelung des Abscesses in eine brandige Höhle,
welche allmälig Nekrose der halben Wange herbeiführte, wobei aber die Schleim-
haut immer noch unversehrt und normal gefärbt erschien, bis endlich der
Process, nach innen durchdringend, die ganze Dicke der Weichtheile zerstörte und
eine thalergrosse Perforation der Wange herbeiführte. Erst jelzt erfolgte Stillstand
des Brandes; von den Rändern her bildeten sich überall gute Granulationen, das Fieber
hörte auf, und unter einem Verband mit Campherwein und fleissigen Ausspülungen
mit einer l'/2proc. Carbolsäurelösung war der Heilungsprocess des colossalenDefects
am 13. Juli fast schon vollendet, als das Kind von einem damals epidemisch herr-
schenden Brechdurchfall hingerafft wurde. —
Die Behandlung muss eine möglichst roborirende sein. Sollte
474 Krankheiten der Verdauungsorgane.
das Schlucken von Nahrungsmitteln durch die Ausbreitung des Processes
verhindert werden, so hat man ernährende Kly stiere (von Eigelb,
Bouillon, Milch, Pepton) zu versuchen. Zur Beschränkung des Brandes
werden vielfach Aetzmittel, besonders Pinselungen mit Acidum nitricum
fumans empfohlen, während Andere dazu Liquor ferri sesquichlorati oder
concentrirte Carbolsäurelösung benutzen, noch Andere eine dicke, aus
Campher bereitete Paste auf die brandigen Theile aufzutragen rathen.
Ich habe von allen diesen Mitteln keinen Erfolg gesehen, welcher
überhaupt höchstens da zu erwarten ist, wo der Brand sich noch auf
die Schleimhaut des Mundes beschränkt. Sind aber die Weichtheile
schon gänzlich in einen Brandschorf verwandelt, so kann nur noch das
Glüheisen etwas leisten, und ich rathe Ihnen überhaupt, dasselbe von
vornherein anzuwenden, sobald Sie sich von der Entwickelung des
Noma auf der Schleimhautiläche überzeugt haben. Am besten eignet
sich zu diesem Zweck der Pacquelin'sche Thermokauter, mit welchem
man vermöge der Vielgestaltigkeit seines Brenners auch den sonst
schwerer zugänglichen Stellen der Mundhöhle leichter beizukommen ver-
mag. Nach völliger Ausbildung des Brandschorfs lässt sich mit einem
klingenförmig gestalteten Brenner die ganze abgestorbene Partie wie mit
einem Messer ausschneiden, wobei man Sorge tragen muss, durch den
innerhalb des normalen Gewebes geführten Schnitt alles Brandige zu ent-
fernen. In einem Falle, wo starke Blutung erfolgte, musste ausnahms-
weise die Arteria submaxillaris unterbunden werden. Aber selbst dann,
wenn die Gangrän nach der Operation stillsteht, ist damit noch keines-
wegs ein guter Ausgang gesichert. Vielmehr sah ich in zwei Fällen,
obwohl die Wundränder ein gutes Aussehen und normale Granulationen
zeigten, nach 4—5 Tagen die Kinder unter den Erscheinungen eines
plötzlichen Collapses oder an den Folgen einer Complication (Diarrhoe,
Bronchopneumonie) zu Grunde gehen. Ausspülung der Mundhöhle mit
Lösungen von Borsäure, Salicylsäure, Thymol oder Calcaria hypochlorosa
(3 : 200), Bedecken der Wunde mit einem in Vinum camphorat. oder
Jodoform getauchten Charpiebausch sind nicht zu verabsäumen.
Von dem Noma der Vulva, welches dem der Mundhöhle ganz
analog ist, wird später noch die Rede sein. Hier sei nur noch erwähnt,
dass ich einmal, und zwar bei einem kaum vier Wochen alten atro-
phischen Kinde, Noma des äusseren Ohrs beobachtet habe. Aus
einer Otitis media mit serös-sanguinolentem Ausfluss entwickelte sich
Noma, welches einen grossen Theil des Ohrknorpels und den ganzen
Meatus audit. externus gangränescirte, die Parotis theil weise biossiegte,
den N. facialis zerstörte und Paralyse desselben bedingte, schliesslich
Noma. 475
tief ins Felsenbein drang, und septische Thrombose des Sinus petrosus
herbeiführte1).
III. Die Entzündung des Pharynx, Angina.
Kinder über 4 Jahren erkranken besonders an den leichteren For-
men der Angina catarrhalis fast häufiger, als Erwachsene, während
sie in den ersten Lebensjahren seltener von derselben heimgesucht
werden. Im Allgemeinen weichen die Symptome von denen des späte-
ren Alters nicht ab, und ich kann mich deshalb hier auf wenige Bemer-
kungen beschränken.
Zunächst fesselt uns das Verhalten des Fiebers. In den meisten
Fällen tritt das Localleiden, der Schmerz beim Schlucken, worüber
Erwachsene von vorn herein zu klagen pflegen, erheblich zurück oder
fehlt auch wohl ganz, während das Fieber mit einer Intensität einsetzt,
welche an die Entwickelung einer ernsten acuten Krankheit denken lässt.
Die Angina beginnt in der Regel mit Verstimmung und Mattigkeit; die
Kinder verlangen nach dem Bett, verweigern die Nahrung und erbrechen
auch wohl ein- oder ein paar Mal. Frost mit darauf folgender Hitze,
oder die letztere allein eröffnet nun die Scene; die Temperatur steigt
schnell auf 39 bis 40° und darüber, so dass der Arzt, der bei der
Untersuchung Gaumensegel und Mandeln stark geröthet findet, die Pro-
drome des Scharlach vor sich zu haben glaubt. Selbst epileptiforme
Oonvulsionen sah ich im Gefolge der initialen Temperaturerhebung
eintreten (S. 160).
Bei einem 4jährigen Knaben, der bisher nie an Krämpfen gelitten hatte, traten
am 9. April 1885 plötzlich heftige Eclampsieanfälle mit 39,5 Temp. auf, die mit
soporösen Intervallen bis zum Abend fortdauerten, dann verschwanden und am 10.
einer catarrhalischen Angina Platz machten. Heilung in wenigen Tagen.
In der Regel sinkt die Temperatur schon am nächsten Tage erheb-
lich, und die Kinder bleiben dann entweder fieberlos, oder zeigen nur
noch geringere Erhebungen, zumal in den Abendstunden, während nun
erst die localen Symptome im Rachen deutlicher hervortreten. Manche
Kinder besitzen eine so grosse nervöse Reizbarkeit, dass sie unter diesen
Umständen eine Pulsfrequenz von 136 bis 144 Schlägen darbieten,
welche leicht Beunruhigung hervorruft, aber schon nach 24 bis 36 Stun-
den beträchtlich zurückgeht, Ob das hohe Initialfieber genügt, um
diese Angina, wie Manche wollen, zu einer Infectionskrankheit zu
') S. die Krankengeschichte in den „Charite'-Annalen, Jahrg. 1892. S. 457.
476 Krankheiten der Verdauungsorgane.
stempeln, ist fraglich. Die von Frie dreien beobachtete Anschwellung der
Milz habe ich wenigstens in diesen Fällen niemals sicher constatiren können.
Für die Praxis ist besonders die Aehnlichkeit bedeutsam, welche
diese Anginen mit Diphtherie haben können. Sehr häufig erscheinen
nämlich am zweiten Tage der Krankheit auf den gerötheten und mehr
oder weniger geschwollenen Tonsillen stecknadelkopfgrosse und grössere
rundliche, gelbweisse oder graugelbe Flecke in verschiedener Anzahl,
mitunter nur vereinzelt, oft aber auch ziemlich dicht beisammen stehend
und zum Theil confluirend, so dass die Mandel stellenweise mit einem
grau- oder gelblichweissen Streifen bedeckt erscheint, welcher nicht nur
den ängstlichen Eltern, sondern auch dem Arzte verdächtig erscheint.
Gewöhnlich lässt zwar die Beschaffenheit dieser Fleckchen keinen Zweifel
an ihrer gutartigen Natur aufkommen. Es handelt sich dabei um ein
eiteriges Secret, welches aus den Schleimhautfalten der Mandel ') heraus-
quellend, auf der Oberfläche locker aufliegt und mit einem Spatel ab-
streifbar ist, wobei aber doch durch kleine Läsionen der Schleimhaut
etwas Blut aussickern kann. Auch ist der gelbliche Schimmer der
Flecke von der grau- oder ganz weissen Farbe der diphtherischen Auf-
lagerung wesentlich verschieden. Dennoch kommen nicht selten Fälle
vor, in denen Sie Ihr Urtheil wenigstens 24 bis 36 Stunden lang zu-
rückhalten müssen, wenn Sie sich nicht schlimmen Vorwürfen aussetzen
wollen. Besonders die grösseren confluirenden Flecke, die ziemlich fest
an der Tonsille haften, erregen Verdacht, und fortdauerndes Fieber, so-
wie eine begleitende Anschwellung submaxillarer Lymphdrüsen steigern
denselben. Selbst der Erfahrenste kann hier in der Diagnose schwan-
ken, und ich selbst bekenne, mich ein paar Mal am ersten Tage der
Krankheit getäuscht zu haben. Glücklicher Weise dauert der Zweifel
nicht lange, denn während die catarrhalische Angina schon nach 24 bis
36 Stunden einen Stillstand oder gar schon eine Rückbildung, d. h. Ab-
stossung der gelblichen Flecke zeigt, nimmt die Diphtherie an Ausdeh-
nung und Dicke der Auflagerung progressiv zu. Auf das Fieber und
die Anschwellung der Lymphdrüsen lege ich dagegen keinen Werth, da
sie beiden Affectionen gemeinsam zukommen. Nur die bacteriologische
Untersuchung, der sichere Befund der Klebs-Löffler'schen Bacillen
in der abgestreiften Substanz, ist nach der jetzigen Anschauung ent-
scheidend für Diphtherie, worauf ich bei der Schilderung der letzteren
zurückkommen werde. Darauf ist um so mehr Werth zu legen, als mit-
') Der Name ,, Angina follicularis" ist nicht berechtigt. Vorzuziehen ist
A. lacunaris (B. Fränkel).
Angina. 477
unter auch bei der einfachen Angina weisse oder graue pseudomem-
branöse Fetzen auf den Mandeln oder Gaumenbögen vorkommen, die
aus amorphem Fibrin, Eiterkörperchen und Epithel bestehen und die
Diagnose noch schwankender machen. Statt der Diphtheriebacillen er-
giebt aber die bacteriologische Untersuchung hier nur Strepto- und Sta-
phylococcen nebst anderen in der normalen Mund- und Rachenhöhle vor-
kommenden Bacterien. Bei Kindern mit solcher Angina sah ich auch
zuweilen die Spitze oder den Rand der Uvula mit einer grauweisslichen
Decke bekleidet. Man hat es dann mit einem Croup der Rachen-
schleimhaut zu thun, der mit der specifischen Diphtherie nichts weiter
gemein hat, als das äussere Ansehen, vielmehr rein entzündlichen Ur-
sprungs ist (Trousseau's „Angine couenneuse"), und mir wiederholt
auch bei Erwachsenen, die an Mandelabscessen litten, vorkam, bisweilen
sogar in grosser Ausdehnung über eine Hälfte der dunkelrothen Gaumen-
schleimhaut verbreitet'). Wo Sie also ungewiss in der Diagnose sind,
da werden Sie immer gut thun, Ihr Urtheil über die Natur der Krank-
heit 24 bis 36 Stunden zu vertagen, das Kind von seinen Geschwistern
vorläufig zu isoliren und die Affection zunächst als eine diphtherische
zu behandeln, bis der weitere Verlauf Beruhigung gewährt. Die bacte-
riologische Untersuchung, so beweiskräftig sie auch sein mag, ist doch,
zumal für den Arzt auf dem Lande, nicht leicht auszuführen, erfordert
auch, wenn sie sicher sein soll, noch ein Oulturverfahren, welches mehr
Zeit in Anspruch nimmt, als dem Arzte, der sich rasch entscheiden
soll, zu Gebot steht. Jedenfalls werden von den Aerzten viele Fälle
ohne Weiteres für Diphtherie erklärt, welche nichts weiter waren, als
eine zu höheren Graden entwickelte catarrhalische Angina, und die fa-
mosen Erfolge, die mit Kali chloricum und anderen Mitteln bei Diph-
therie erzielt sein sollen, erhalten dadurch ihre richtige Beleuchtung.
Dass unter den zweifelhaften Fällen, welche in 6 bis 8 Tagen
nach der Abstossung aller Auflagerungen günstig verlaufen, auch wirk-
liche Diphtherie leichten Grades vorkommt, soll nicht geleugnet werden.
Besonders verdächtig erschien es mir, wenn mehrere Geschwister gleich-
zeitig oder successiv auf dieselbe Weise erkrankten, wenn die ursprüng-
lich auf die Mandeln beschränkten Fleckchen sich auch auf dem Rande
des Velum oder der Uvula entwickelten, besonders aber, wenn sich eine
starke Absonderung der Näsenschleimhaut und Albuminurie ein-
stellen. Unter diesen Umständen wird man sich immer, auch wenn
keine bacteriologische Untersuchung vorgenommen wird, veranlasst sehen,
'; Vergl. E. Wagner, Jahrb. f. Kinderkrankh. XXIII. S. 407, 409.
478 Krankheiten der Verdauungsorgane.
die Krankheit als Diphtherie zu behandeln. Findet man dann später,
dass die betreffenden Kinder, was nicht selten vorkommt, wiederholt,
selbst alljährlich von dieser zweifelhaften Angina befallen werden, so
wird man lieber das Bekenn tniss einer Täuschung ablegen, als in den
bewussten oder unbewussten Fehler derer verfallen dürfen, welche sich
oft wiederholter Heilungen der Diphtherie bei einem und demselben
Kinde rühmen. Schliesslich sei noch erwähnt, dass bisweilen auf einer
Mandel (nach meiner Beobachtung sehr selten auf beiden zugleich) aus-
gedehntere und auch etwas in die Tiefe greifende, graugelbliche, höcke-
rige Ulcerationen vorkommen, welche, wenn man nash den in der
Umgebung noch hie und da sichtbaren gelben Eiterpunkten urtheilen
darf, durch Confluiren kleiner, dicht beisammen stehender Abscesse
entstanden sind. Diese Ulcerationen haben weder mit Diphtherie, noch
mit Lues, welche bisweilen fälschlich angenommen werden, irgend etwas
zu thun, und heilen fast immer spontan nach 8 bis 14 Tagen. —
Bei jeder catarrhalischen Angina, mag sie nun mit mehr oder
minder hohem Fieber auftreten, rathe ich Ihnen, die Kinder ein paar
Tage ruhig im Bette zu halten, und wenn sie keinen gehörigen Stuhl-
gang haben, ein leichtes Purgans (Inf. Sennae comp., Elect. e Senna
F. 7, 28) zu geben. Vom Chlorkali, welches hier oft verordnet wird,
sah ich keinen wesentlichen Nutzen, und Gurgelungen mit einem Flieder-
oder Malvendecoct sind nur bei älteren, schon intelligenten Kindern an-
wendbar. Bei grosser Disposition zur Angina kann man durch tägliche
Bepinselung der Mandeln mit Höllensteinsolution (1 : 20) die häufige
Wiederkehr des Uebels zu verhüten suchen, doch ist der Erfolg nicht
constant, und erst das vorrückende Alter bringt die Disposition zum
Schwinden. —
In Folge der häufigen Wiederkehr solcher Entzündungen können die
Mandeln mit der Zeit hypertrophisch werden. Im Allgemeinen beob-
achtete ich aber diese Hypertrophie häutiger bei solchen Kindern, die
niemals oder nur selten an Angina gelitten hatten. Auch liess sich nur
in einem Theil der Fälle eine scrophulöse Grundlage, welche oft ohne rechten
Grund angenommen wird, durch bestimmte Symptome nachweisen. Die
Entwicklung der Tonsillarhypertrophie ist eine so langsame, dass krank-
hafte Erscheinungen gewöhnlich erst nach Ablauf der ersten Lebensjahre
hervortreten, und man nur selten Gelegenheit hatte, die Affection schon
im ersten oder zweiten Jahre zu beobachten. Drei Symptome sind es
besonders, welche Ihre Aufmerksamkeit auf die Tonsillen lenken müssen:
ungewöhnliches Schnarchen der Kinder während des Schlafes oder
auch geräuschvolles Athmen bei Tage, nasaler Klang der Stimme, und
Angina. 479
Schwerhörigkeit, welche durch die Verlegung der Tuba Eustachi be-
dingt wird. Offenhalten des Mundes, besonders im Schlafe, ist immer,
ein etwas stupider Gesichtsausdruck häufig damit verbunden. Die Unter-
suchung ergiebt starke Hervorragung beider Mandeln, seltener nur der
einen, so dass der Eingang des Pharynx mehr oder weniger verengt, bei
höheren Graden durch Contact der Mandeln mit der Uvula fast gänzlich
geschlossen erscheint. Sie sehen dann beide Mandeln fast aneinander
liegen, das Zäpfchen mit dem Velum nach hinten und oben oder nach
vorn gedrängt. Dabei kann das Schlucken ganz ungestört vor sich
gehen; nur eine hinzutretende Angina ruft Schmerz und Schlingbeschwer-
den hervor. Durch die Behinderung des Athmens während des Schla-
fes kann auch Aufschrecken aus demselben bedingt werden, und es
fehlt nicht an Beispielen, in denen unter Umständen wirkliche Anfälle
von Pavor nocturnus zu Stande kamen, so dass man gut thut, bei
Kindern, welche an solchen Anfällen leiden, immer die Rachenhöhle zu
untersuchen. Unverkennbar, wenn auch nicht genügend erklärt, ist die
Rückwirkung auf das psychische Verhalten, ein Zurückbleiben der
geistigen Entwickelung, zumal bei solchen Kindern, deren Athmung durch
gleichzeitig bestehende „adenoide" Wucherungen im Nasen- Rachen
räume noch mehr behindert wird. Diese recht häuGg vorkommende
Hyperplasie der sogenannten Rachentonsille und der in der Schleim-
haut des Nasopharyngealraums eingebetteten lymphoiden Bildungen,
welche mit dem hinter dem Velum nach oben eingeführten Finger fühlbar ist,
sich auch bei nicht widerspenstigen Kindern durch den Rachenspiegel
überschauen lässt, bedingt ganz ähnliche Erscheinungen erschwerter
Athmung, Schnarchen u. s. w., wie die Hypertrophie der Mandeln, mit
welcher sie öfters, keineswegs aber immer verbunden ist.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit daran erinnern, dass man weder
bei Anginen noch bei einer selbst beträchtlichen Tonsillarhypertrophie
im Stande ist, die vergrösserten Mandeln von aussen in der Submaxil-
largegend durchzufühlen, wie dies von den Laien und auch von manchen
Aerzten angenommen wird. Ich versuchte wiederholt, die hypertrophi-
sche Mandel mit dem eingeführten Finger nach aussen zu drängen und
dadurch fühlbar zu machen, aber stets ohne Erfolg, und in der Thatist
dies wegen der vielen dazwischen liegenden Theile (Muse, constrictor
pharyngis sup., Fascia bueco-pharyngea, Platysma, Parotis, Haut) eine
anatomische Unmöglichkeit. Was Sie also unter solchen Umständen
fühlen, sind geschwollene Lymphdrüsen oder Infiltrate des Bindegewebes,
nicht die Mandeln.
Bildet sich eine beträchtliche Tonsillarhypertrophie schon in sehr
480 Krankheiten der Verdauungsorgane.
zartem Alter, so soll durch die Hemmung des freien Luftzutrittes zu
den Lungen eine der rachitischen analoge Deformation des Thorax, die
sogenannte „Hühnerbrust" herbeigeführt werden können (Dupuytren,
Shaw u. A.). Indem der äussere Luftdruck wegen der mangelhaften
Füllung der Lungen den inneren überwiegt und die nachgiebigen Rippen-
knorpel einwärts drängt , wird der Thorax seitlich abgeflacht und das
Brustbein tritt stärker hervor. Auch Verengerung der Nasenlöcher, und
Hemmung im AVachsthum des Oberkiefers mit grösserer Concavität des
Gaumens und Aneinanderdrängung der Zähne, sind bei solchen Kindern
beobachtet worden. Nur ausnahmsweise erreichte das Athmungshinder-
niss einen so hohen Grad, dass zur Tracheotomie geschritten werden
musste.
Als Heilmittel kann nur die Excision oder wenigstens die par-
tielle Resection der vergrösserten Tonsillen empfohlen werden, mit
welcher oft die Auskratzung adenoider Wucherungen im Nasen-Rachen-
raume verbunden werden muss.
IV. Die contagiöse Parotitis.
(Angina parotidea, Mumps, Ziegenpeter.)
In der Gegend vor dem Ohr und unter dem Kieferwinkel kommen
bei Kindern verschiedene Anschwellungen vor, welche der Ungeübte mit
einander verwechseln kann. Besonders während der ersten Dentition,
oft noch viel später, finden Sie in der genannten Gegend häufig diffuse,
meistens nur einseitige Anschwellungen, welche Anfangs teigig und nor-
mal gefärbt erscheinen, allmälig härter und roth werden, schliesslich
lluctuiren, und spontan oder nach einer Incision reichlich Eiter entleeren.
Ich würde diese Binrlegewebsabscesse, die von einer Entzündung der
Lymphdrüsen auszugehen scheinen, gar nicht erwähnen, wenn ich nicht
wiederholt erlebt hätte, dass sie im ersten Stadium für Angina parotidea
gehalten wurden. Dasselbe gilt von den ödematösen Schwellungen, welche
im Gefolge von Stomatitis oder Alveolarperiostitis auftreten. Von allen
diesen Anschwellungen unterscheidet sich die contagiöse Parotitis so-
wohl durch ihre Beschaffenheit, wie durch ihren Verlauf. In den meisten
Fällen werden Ihnen die Kinder, am häufigsten solche zwischen 3 und
8 Jahren, mit schon entwickelter Krankheit vorgeführt, und Sie finden
dann entweder auf einer oder auf beiden Seiten eine diffuse, weiche, oft
aber auch resistentere, mehr oder weniger starke Anschwellung vor dem
Ohr, welche sich über den Kieferwinkel abwärts fortsetzt und hinter dem-
selben mit einer oft deutlich fühlbaren abgerundeten Spitze, dem unteren
Parotitis. 481
Ende der Parotis, abschliesst. Sind beide Seiten gleichzeitig befallen,
so kann es in intensiveren Fällen dahin kommen, dass die diffusen Schwel-
lungen von rechts und links her unter dem Kiefer confluiren, und die
ganze submaxillare Partie wurstförmig geschwollen scheint, während
sonst nur die Partien vor dem Ohr und hinter dem Unterkiefer pro-
miniren, und von vorn betrachtet dem Gesicht eine auffallende Breite ver-
leihen. Die Anschwellung kann sich sogar über den Hals abwärts bis
zum äusseren Ende der Clavicula ausdehnen, und in diesem Falle, wenn
sie doppelseitig auftritt, dem Kopfe eine komische birnförmige Gestalt
verleihen. Einzelne geschwollene Lymphdrüsen lassen sich häufig unter
dem Kiefer fühlen. Die Haut über der Geschwulst ist in der Eegel
normal gefärbt, selten blass geröthet, und beim Druck wenig oder gar
nicht empfindlich. Nur beim Essen, beim Kauen harter Bissen und beim
Versuch, den Mund weit zu öffnen, wird von Vielen über Schmerz ge-
klagt. Ein paar Mal fand ich die an der Schläfe und in der Umgebung
des Auges sichtbaren Venen auf der leidenden Seite stark ausgedehnt,
wahrscheinlich in Folge des Druckes, welchen die geschwollene Parotis
auf die Vena facialis ausübte. Veränderungen der Speichelsecretion
konnte ich, wenn nicht etwa zufällig Stomatitis bestand, ebenso wenig
beobachten, wie die Mehrzahl der Autoren1), wohl aber öfters eine be-
gleitende Angina tonsillaris. In vielen Fällen ist die Euphorie über-
haupt gar nicht gestört, obwohl der Thermometer fast immer, wenn
auch nur beim Eintritt oder am ersten Tage der Krankheit, eine geringe
Erhebung auf 38,0—38,5 ergiebt. Fälle mit stärkerem Fieber bis 39
und 40°, heftigen Kopfschmerzen, Erbrechen habe ich nur ausnahms-
weise bei Kindern beobachtet.
Die Dauer der Krankheit beträgt im Durchschnitt 5—7 Tage. Wäh-
rend dieser Zeit nimmt die Geschwulst ein paar Tage zu, bleibt etwa
48 Stunden stationär und schwindet dann allmälig; doch sah ich durch
successive Affection beider Seiten den Verlauf sich auf 10 bis 14 Tage
verlängern. Die bei Erwachsenen vorkommende Metastase auf den
Hoden habe ich im Kindesalter niemals gesehen2), ebenso wenig Aus-
') Ein Fall von Saliration ("250,0 Speichel täglich entleert), der durch Atro-
pin geheilt wurde, steht vereinzelt. Revue mens. luni 1892.
2) In der Literatur existiren einzelne Beispiele dieser Metastase bei Knaben
von 12 und 14 Jahren, sogar mit Ausgang in Atrophie des betreffenden Testikels.
— Demme (25. Jahresber. u. s. w. pro 1887, S. 37) beschreibt einen Fall, welcher
in Hodentuberculose mit letalem Ende überging. Derselbe Autor erwähnt auch Fälle
von Ausgang in Eiterung und Gangrän der Parotis, sowie von psychischen Störungen
(Schwachsinn, Stammeln, Enuresis), welche unter roborirender Behandlung nach 6
bis 7 Wochen verschwanden.
Henoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. g|
482 Krankheiten der Verdauungsorgane.
gang in Eiterung oder in bleibende Verhärtung der Parotis. In
allen von mir beobachteten Fällen erfolgte vielmehr vollständige Zer-
theilung.
In neuerer Zeit sind von verschiedenen Autoren ernste Störungen
des Gehörs, plötzlich eintretende und unheilbare Taubheit, bei Mumps
beobachtet worden, welche theils durch Theilnahme der Rachenschleim-
haut und Verbreitung durch die Tuba auf das Mittelohr und das Laby-
rinth, theils durch Fortleitung in die Fissura Glaseri und weiter in's
Felsenbein erklärt werden '). Ich selbst habe diese Oomplication nie
beobachtet, wohl aber mehrere Fälle von acuter Nephritis, auf die ich
später zurückkommen werde.
Der Umstand, dass die Krankheit fast ausnahmslos das Individuum
nur einmal im Leben befällt, die unbestreitbare Oontagiosität2)
mit einemetwal4tägigen Incubationsstadium,und die nicht seltene epi-
demische Verbreitung, stellen die infectiöse Natur dieser Parotitis sicher.
Man muss annehmen, dass der uns noch unbekannte Infectionsstoff3)
durch die Mündung des Ductus Stenonianus in die Parotis hineinge-
langt und hier einen Irritationszustand mit parenchymatöser Schwellung
der Drüse hervorruft. Anschwellung der Milz und vieler Lymphdrüsen,
welche Einige auch hier als Beweis des infectiösen Processes gefunden
haben wollen, konnte ich nie constatiren. Ob übrigens die Parotis
allein sich des Vorrechts erfreut, das Contagium in sich aufzunehmen
und festzuhalten, oder ob sie diese Eigenschaft mit den Sublingual- und
Submaxillardrüsen theilt, steht noch dahin. Einige von Penzoldt4)
mitgetheilte Fälle, und Beobachtungen von Soltmann5) sprechen zu
Gunsten der letzteren, und ich selbst bebandelte einen Erwachsenen, bei
welchem nach gastrischen und febrilen Vorläufern beide Submaxillar-
drüsen anschwollen und schliesslich eine Metastase auf den rechten
Testikel erfolgte, ohne dass die Parotis dabei betheiligt gewesen war.
') Seligsohn, Klin. Wochenschr. 1883. No. 13 u. 18. — Roosa, Centralbl.
1883. No. 41. — Moos, Klin. Wochenschr. 1884. No. 3. — Gruber, Wiener
allgem. med. Zeit. 1884. No. 4— 6. — Piorce, Arch. f. Kinderheilk. VI. S. 373.
2) Nach Rendu soll diese durch den Athem der Patienten, und zwar nur am
Ende der Incubations- und in den ersten 48 Stunden der Invasionsperiode stattfinden.
(Revue mens. Mars 1893, p. 124).
3) Die von französischen Autoren beschriebenen Bacterien im Speichel, Urin
und Blut dieser Kranken bedürfen noch weiterer Bestätigung. Vergl. Capitan u.
Charrin, Soc. de biologie. 28. Mai 1881. — Ollivier, Revue mens. Juillet 1885.
— Boinet, Lyon meM. 1885. 9. — Laveran , Revue mens. Mars 1893. p. 123.
4) Deutsche med. Wochenschr. IV. 19. Oct. 1878.
5) Jahrb. f. Kinderheilk. XII. S. 409.
Subglossitis. 483
Die Incubationsperiode der Krankheit schwankt zwischen 14 und 22
Tagen.
Bei der stets günstigen Prognose wäre es überflüssig, ein von Pa-
rotitis befallenes Kind von seinen Geschwistern zu isoliren. Jedenfalls
aber rathe ich, das Kind am ersten Tage im Bett, und die nächstfol-
genden wenigstens im Zimmer zu behalten. Die Geschwulst wird mit
Watte bedeckt. Die von mir versuchte Application eines Eisbeutels
auf dieselbe bewirkte keine Abkürzung des Verlaufs, ist also ent-
behrlich.
V. Die Entzündung des Bodens der Mundhöhle.
Die Krankheit, welche ich mit diesem Namen bezeichne, ist sehr
selten, und wird nur von einigen Autoren überhaupt erwähnt. Unter
dem Namen „Subglossitis" beschreibt Holthouse1) einen Fall dieser
Art, welchem ich drei von mir selbst beobachtete anschliesse.
Ein 9jähriges blasses Mädchen, im Mai 1878 wegen doppelseitiger Otorrhoe
in die Klinik aufgenommen, sonst gesund, klagte am 1. October über Schmerz im
Halse, ohne dass die Untersuchung etwas Abnormes ergab. Am folgenden Tage zeigte
sich indess der ganze Boden der Mundhöhle stark angeschwollen und empfind-
lich, die Schleimhaut überall blass. Oeffnen des Mundes, sowie jede Bewegung der
Zunge sehr schmerzhaft und schwierig, reichlicher Speichelfluss. T. M. 38,4
Ab. 39,8. Trotz reichlichen Purgirens und der Application eines Eisbeutels unter
dem Kiefer war die Anschwellung am 3. noch stärker und auch äusserlich rings
unter dem Kiefer deutlich wahrnehmbar. Die Geschwulst war teigig, ödematös,
Zunge durch dieselbe aufwärts gedrängt, vollkommen unbeweglich. Ober- und
Unterkiefer standen etwa 1 Ctm. weit auseinander, letzterer unbeweglich. T.bis 38,3.
Als auch am 4. die Symptome nicht abnahmen, der Speichelfluss vielmehr noch stärker
warde, und die T. auf 40,0 stieg, Hess ich 5 Blutegel unter dem Kiefer setzen und
innerlich Chlorkali (3,0: 120,0) nehmen. Schon Abends Erleichterung und Abnahme
der Geschwulst. Am folgenden Tage sank auch die T., welche am 6. nur noch 37,8
und Ab. 38,8 betrug. Schmerz und Anschwellung erheblich geringer, Unterkiefer
beweglich, Schleimhaut nirgends geröthet, Zunge nicht geschwollen, ihre Oberfläche
mit einer weisslichen Decke belegt, welche unter dem Microscop nur die gewöhnlichen
Pilzformen und eine grosse Menge verfetteter Epithelien zeigte. In den nächsten
Tagen zunehmende Besserung und rasche Heilung, so dass der ganze Process etwa
eine Woche gedauert hatte. Nach Ablauf von 3 Wochen erfolgte indess ohne er-
kennbare Ursache ein Recidiv unter ganz ähnlichen Erscheinungen, welches
wiederum 6 bis 7 Tage dauerte und unter derselben Behandlung heilte. Seitdem
blieb das Kind, abgesehen von seiner Otorrhoe, gesund.
Ein 7 jähriges Mädchen, aufgenommen am 27. Febr. 1883, seit 4 Tagen mit
Fieber, und leichten nächtlichen Delirien erkrankt, zeigt eine diffuse Anschwellung,
') Hirsch-Virchow, Jahresber. f. 1871. II. S. 505.
31"
484 Krankheiten der Verdauungsorgane.
die sich vom hinteren Rande des rechten Sternocleidomastoideus bis zur Mitte des
Halses, und vom Proc. mastoid. bis zum Beginn des Kehlkopfes erstreckt. Dieselbe
ist weich, heiss und geröthet. Mund halb offen, Speichelfluss, dick belegte Zunge,
Schlucken verhindert; Pharynx wegen Schwierigkeit, den Mund ganz zu öffnen, kaum
zu untersuchen. Eisbeutel und Eispillen innerlich. Am 28. Zunge nach vorn und
aufwärts gedrängt, empfindlich, unbeweglich, Sprache sehr undeutlich. Der
Boden der Mundhöhle stark angeschwollen, hie und da schmutzig grau belegt. Dicht
unter der Zunge, rechts vom Frenulum, eine kleine Oeffnung, aus welcher blutiges
Serum sickert. T. 39,3. Gurgeln mit Thymollösung; 5 Blutegel an der geschwollenen
Submentalgegend. Den 1. Status idem. Den 2. in der Nacht starker Eiterausfluss
aus mehreren Stellen unter der Zunge. Bei Druck auf die Submaxillargegend quillt
derselbe wie aus einem Schwamm hervor. Euphorie, kann gut trinken. T. 37,3. In
den nächsten Tagen Abnahme der Anschwellung bei verminderter Eiterentleerung.
Zunge sinkt wieder in ihre normale Lage, Mund wird gut geöffnet und geschlossen.
Am 6. Heilung, nur einige Cervicaldrüsen noch leicht geschwollen.
Ein 7jähriges Mädchen, aufgenommen am 27. Mai 1884 mit einem fluc-
tuirenden Abscess der rechten Submaxillargegend. Incision entleert 1 '/2 Esslöffel
eines stinkenden Eiters. Der ganze Mundhöhlenboden ist stark geschwollen, drängt
die Zunge nach oben gegen den Gaumen, und lässt aus mehreren Oeffnungen übel-
riechenden Eiter aussickern. T. Ab. 39,2. Lauwarme Gurgelungen mit Thymol-
lösung, antiseptischer Verband der Incisionswunde. Am 6. Juni geheilt entlassen.
Es handelt sich hier um eine phlegmonöse Entzündung des unter
der Mundschleimhaut befindlichen Bindegewebes, welche sich durch den
Muse, mylohyoideus hindurch auf das benachbarte Bindegewebe fortsetzt
und unter lebhaftem Fieber und starken localen Beschwerden (enormer
Schwellung, Aufwärtsdrängung der Zunge, Salivation u. s. w.) mit Eiter-
erguss unter der Zunge oder auch nach aussen (im 3. Fall) endet. Der erste
Fall zeichnet sich durch ein schon nach 3 Wochen erfolgendes Recidiv
aus. Ueber die Ursachen dieser Affection blieb ich völlig im Un-
klaren. Bei einem 2 Monate alten Kinde, welches nach der Heilung
unter Convulsionen starb, fand Tordeus1) die Glandula submaxillaris
durch Eiterung zerstört, während in meinen Fällen die Speicheldrüsen
sämmtlich verschont blieben. In einem von du Pre2) beschriebenen
Falle soll das Kauen an einem Grashalm die Ursache der Krankheit ge-
wesen sein. Die Vermuthung, dass pyogene Bacterien auf irgend eine
Weise in das sublinguale Gewebe gelängen, liegt daher nahe.
VI. Die Verengerung der Speiseröhre.
Ausnahmsweise erscheint die Stenose des Oesophagus schon als con-
genitale, wobei vom ersten Tage an die genossene Milch schlecht ge-
') Deux cas de l'angine sous-maxillaire etc. Bruxelles, 1885.
2) Journ. de me"d. de Bruxelles. De"c. 1886.
Stenose des Oesophagus. 485
schluckt wird und oft aus Mund und Nase wieder hervorquillt. Fälle
dieser Art können, wenn die Verengerung nicht zu stark ist, in ein
höheres Alter gelangen. Ich selbst habe nur einen Fall bei einem
4jährigen Knaben beobachtet, bei dem das Schlingen abwechselnd
besser und schlechter war, so dass man an eine durch Schwellung der
Mucosa bedingte temporäre Zunahme der angeborenen Stenose, welche
sich durch die Untersuchung nachweisen Hess, denken musste. Selten
begegnen uns auch bei Kindern Stenosen in Folge von Compression
durch benachbarte Organe und Tumoren, oder gar von carcinomatöser
oder sarcomatöser ') Entartung der Wandungen des Oesophagus. Dagegen
kommen die durch Anätzung desselben verursachten Stenosen viel
häufiger vor, als bei Erwachsenen. Hier spielt das Trinken von Natron-
lauge, die zum Waschen und Scheuern benutzt und von den Kindern oft
für Weissbier gehalten wird, die Hauptrolle. Ich habe diesen Unfall
vielfach bei Kindern zwischen 2 und 12 Jahren, einmal sogar bei einem
erst 15 Monate alten Knaben beobachtet. Sind erst einige Tage seit
dem Trinken der Lauge verflossen, so findet man noch deutliche Spuren
der Anätzung auf der Sehleimhaut des Mundes und Pharynx, mit be-
deutenden Schlingbeschwerden und Würgen von Schleim, welcher zu-
weilen mit Blut vermischt ist. Bei dem erwähnten jüngsten Kinde war
in der ersten Woche auch Aphonie vorhanden, welche durch Anätzung und
Schwellung des Larynxeinganges zu erklären war und später hochgradiger
Heiserkeit Platz machte. Da ältere Kinder schon beim ersten Schluck
den Missgriff erkennen und die Flüssigkeit zum Theil wieder ausspeien,
so kann sich die schädliche Wirkung auf Mund und Pharynx beschränken;
es gelangt nur eine kleine Partie noch in den Oesophagus, noch weniger
über diesen hinaus, woraus sich das verhältnissmässig seltene Auftreten
entzündlicher Magensymptome in solchen Fällen erklären lässt. Den-
noch hatte ich ein paar Mal Gelegenheit, in frischen Fällen Erschei-
nungen von Gastritis zu beobachten, anhaltende heftige Schmerzen in
der Magengegend, Ausbrechen aller Speisen und Getränke und reich-
licher Mengen von Schleim, Stuhlverstopfung, Fieber, grosse Empfind-
lichkeit der ganzen epigastrischen Gegend, in einem Fall auch Abgang
von schwärzlichem Blut aus dem After ohne Bluterbrechen. In den
meisten Fällen bekommt man aber die Kinder erst mehrere Wochen
nach dem Unfall, also zu einer Zeit in Behandlung, wo die Spuren der
Verbrennung im Munde und Rachen längst verschwunden sind, und die
Symptome einer Verengerung des Oesophagus, welche durch die narbige
') Stephan, Jahrb. f. Kinderheilk. XXX. 354.
486 Krankheiten der Verdauungsorgane.
Schrumpfung ulceröser Substanzverluste entstanden ist, sich schon deut-
lich entwickelt haben. Das Hauptsymptom bleibt hier immer Erbre-
chen oder vielmehr Auswürgen der genossenen Nahrungsmittel und zäher
Schleimmassen unmittelbar nach dem Schlucken, also noch während
der Mahlzeit. Anfangs werden noch Flüssigkeiten geschluckt, später
nicht mehr; ich sah, dass nicht einmal ein Theelöffel Wasser genommen
werden konnte, ohne dass sofort heftiges Würgen eintrat. Manche Kin-
der bezeichnen mit dem Finger genau die Stelle hinter dem Sternum,
bis zu welcher Speise und Getränke gelangen können. Durch den fort-
bestehenden sehr regen Appetit, welcher auf keine Weise befriedigt wer-
den kann, wird das Bild um so trauriger, und die Kinder fallen schon
nach einigen Monaten geradezu der Verhungerung anheim. Zunehmende,
schliesslich skelettartige Abmagerung, erdfahles Colorit des spitzen ein-
gefallenen Gesichts, und äusserste Schwäche sind unvermeidliche Folgen.
Bei einem 10jährigen Knaben, welcher in diesem elenden Zustande auf
meine Abtheilung gebracht wurde, zählte ich bei sub normaler Tem-
peratur und cyanotischer Verfärbung der Haut und Schleimhäute, in
der Minute nur noch 44 ganz kleine, kaum fühlbaie Pulse, vielleicht in
Folge der an der allgemeinen Atrophie theilnehmenden Ernährungsstö-
rung im Herzmuskel. Der Tod durch zunehmende Erschöpfung ist unter
diesen Umständen unabwendbar, wenn es nicht gelingt, eine bessere Er-
nährung, sei es durch Erweiterung der Stenose, sei es auf anderem Wege
anzubahnen.
Um den Sitz und Grad der Strictur zu erkennen, führen wir die
Schlundsonde, und wenn diese, wie gewöhnlich, nicht durchgeht, einen
elastischen Oatheter, oder eine mit einer kleinen stählernen OliTe ver-
sehene Fischbeinsonde ein. Ueberraschend ist dabei oft der hohe Grad
von Schrumpfung, welcher uns zwingt, immer dünnere Probeinstrumente
zu wählen, bis endlich eins sich findet, welches die Stenose, die bald im
oberen, bald im unteren Theil des Oesophagus ihren Sitz hat, über-
winden kann. Zuweilen konnten wir deutlich zwei Stricturen nach-
weisen, von denen die eine leichter, die andere schwerer zu durchdringen
war. Bei älteren intelligenten Kindern, welche selbst die Stelle des
Hindernisses angeben, pflegt die Untersuchung mit der Sonde diese An-
gaben zu bestätigen. Das einzige Mittel zur Heilung bleibt die allmälige
Dilatation der verengten Stelle mittelst täglich eingeführter Bougies
oder Sonden, welche mit einer Metall- oder Elfenbeinolive armirt sind.
Dies Verfahren erfordert aber unendlich viel Geduld und Vorsicht,
da man sich vor jeder gewaltsamen, mit Gefahr der Perforation ver-
bundenen Durchführung zu hüten hat, also immer mit einer so dünnen
Stenose des Oesophagus. 487
Sonde oder Bougie beginnen muss, dass sie eben noch durchgeht. Man
kann sogar genöthigt werden, zuerst nur mit einer Darmsaite vorzu-
gehen. Lässt man das Instrument täglich etwa 5 — 6 Minuten, später auch
länger liegen, so kann man nach einigen Tagen oft schon ein stärkeres
durchbringen, wobei dann auch die Dysphagie nachlässt und Flüssig-
keiten in geringer Menge ohne Würgen in den Magen gelangen. All-
mälig heben sich die Kräfte und die Ernährung, und ich war oft er-
staunt, wie rasch unter diesen Umständen die Wangen sich wieder
füllen, das Oolorit sich verbessert. So war es auch bei dem oben er-
wähnten Knaben, dessen elender langsamer Puls binnen wenigen Wochen
wieder völlig normal wurde, und dessen Wangencyanose mit zuneh-
mender Herzenergie einer gesunderen Färbung Platz machte. Aber Ge-
duld und Consequenz ist den Müttern hier ebenso zu empfehlen, wie den
Aerzten. Da nämlich das narbige Bindegewebe, welches durch seine
Schrumpfung die Stenose bedingt, die Neigung behält, sich nach der
künstlichen Ausdehnung stets wieder zusammenzuziehen, so bleibt der
Erfolg immer nur temporär, wenn die Dilatation nicht viele Wochen
und selbst Monate lang täglich fortgesetzt wird. Diese Consequenz wird
jedoch in der Armen- und poliklinischen Praxis sehr häufig vermisst,
zumal die Einführung der Instrumente meistens nur unter heftigem Ge-
schrei und Würgen erfolgt und den Müttern höchst peinlich ist. Mir
gelang es daher bis jetzt nur einmal1) in der Poliklinik zur völligen
Heilung zu gelangen, während sonst immer nur Besserung erzielt wurde
und die Kinder dann fortblieben. Dagegen verspricht die Behandlung im
Krankenhause bessere Erfolge, und ich selbst verfüge über einige
Fälle, welche geheilt entlassen werden konnten. Aber auch dann ist
die Heilung nicht immer eine dauernde.
Ein Knabe , welcher in seinem 4. Jahr durch Trinken von Lauge sich eine
Stenose des Oesophagus zugezogen hatte, konnte nach einer 5 Monate lang fortge-
setzten Dilatationscur aus der Klinik in einem befriedigenden Zustande entlassen
werden. Er konnte Suppen, Milchbrod, weiche Gemüse gut schlucken, aber kein
Fleisch. Als er im 12. Jahr wieder in die Klinik kam, konnte er auch Flüssigkeiten
nicht mehr herunterbringen, war enorm abgezehrt, und die oberhalb der Cardia be-
findliche Strictur war nur für die dünnsten Bougies passirbar. Nach einer 6 Wochen
lang fortgesetzten Behandlung konnte er scheinbar geheilt die Klinik verlassen, der
fernere Verlauf ist jedoch unbekannt geblieben.
Die locale Behandlung wird in einer Reihe von Fällen durch den
Umstand erschwert, dass, wie einige Sectionen bewiesen, die stenosirten
') Beiträge zur Kinderheilk. N. F. S. 275.
488 Krankheiton der Verdauungsorgane.
Stellen nicht bloss sehr dicht und starr, sondern auch von ansehnlicher
Länge sein können, und nach längerer Dauer oberhalb derselben Erweite-
rungen des Oesophagus sich ausbilden, in welche die Instrumente hin-
eingerathen. Für solche unheilbare Fälle wird die in neuester Zeit
wiederholt mit Glück unternommene Gastrotomie das letzte Mittel
bleiben. Während der Cur ist die Ernährung durch Klystiere von Ei-
gelb, Milch, Bouillon, Wein oder Pepton zu unterstützen.
Einmal, bei einem 4jährigen Kinde, beobachtete ich eine bedeutende
Stenose des Anfangstheils der Speiseröhre in Folge von schwerer
Scharlachnekrose, die vom Rachen her sich auf den Oesophagus
verbreitet hatte. Es wurden nur Flüssigkeiten geschluckt, und selbst
eine feine Schlundsonde konnte die Stenose nicht durchdringen. Leider
kam mir das Kind aus den Augen. Um so interessanter ist ein ganz
analoger von Hagenbach') mitgethcilter Fall, in welcher die Klagen
über Schmerz beim Schlucken in der Mitte des Oesophagus schon wäh-
rend des Scharlachs auftraten, und die nachfolgende Stenose durch all-
mälige Dilatation schliesslich geheilt wurde.
VII. Die Krankheiten des Magens.
Der Magen wird im kindlichen Alter weit seltener von einer ern-
sten Krankheit befallen, als bei Erwachsenen. Catarrhe der Schleimhaut
in verschiedener Ausdehnung und Intensität kommen zwar häufig genug
vor, und auch pseudomembranöse Affectionen habe ich im Gefolge von
Diphtherie und Scharlach bisweilen beobachtet, nie aber einen Fall
von heftiger acuter Entzündung, sei es der Schleimhaut oder des sub-
mucösen Gewebes, abgesehen von den eben erwähnten, welche durch das
Trinken ätzender Flüssigkeiten entstanden waren. Das Ulcus rotundum
gehört zu den Seltenheiten, Oarcinom zu den Ausnahmen. Obwohl ein-
zelne Fälle von Ulcus rotundum in der Literatur beschrieben sind2),
und ich selbst wiederholt ältere Kinder zu behandeln hatte, deren Sym-
ptome (Oardialgie und Blutbrechen) diese Diagnose fast sicher stellten3),
glaube ich doch darüber hinweggehen zu können, weil ich dem aus der
Klinik der Erwachsenen bekannten Bilde nichts hinzuzufügen habe.
Da nun auch die hie und da beobachteten tuberculösen Geschwüre, die
kleinen Ulcerationen der Neugeborenen (S. 60), die diphtheritischen Pro-
') Jahresbericht des Kinderhospitals in Basel. 1889.
2) Vergl. Chvostek, Aroh. f. Kinderheilk. III. S. 267.
3) Beiträge zur Kinderheilk. 1861. S. 89 u. N. F. 1868. S. 278. - Wert-
heimber, Jahrb. f. Kinderheilk. 1882, XIX. S. 79.
Dyspepsia gastrica. 489
cesse der Magenschleimhaut, die hämorrhagischen Erosionen u. a. nur
anatomisches Interesse darbieten, aber kaum zu diagnosticiren sind, so
werde ich mich auf die Betrachtung einiger Krankheitszustände beschrän-
ken, welche zwar dem Kindesalter auch nicht ausschliesslich zukommen,
in diesem aber mit gewissen für die Praxis wichtigen Eigentümlich-
keiten auftreten.
1. Dyspepsia gastrica.
Sie erinnern sich des Bildes, welches ich Ihnen früher (S. 66, 116)
von der Dyspepsie der Neugeborenen und Säuglinge zu entwerfen ver-
suchte. Es wird also hier nur von der Dyspepsie älterer Kinder die
Rede sein, die zu den häufigsten Objecten der ärztlichen Praxis gehört.
Bei jeder Ueberladung des Magens mit Nahrungsmitteln, zumal mit
schwer verdaulichen, welche dem Magen eines Kindes nicht angemessen
sind, kann durch spontanes Erbrechen oder copiöse faulig riechende
Darmausleerungen eine mehr oder minder schnelle Naturheilung erfol-
gen. Wo dies nicht geschieht, bildet sich der Status gastricus s.
saburralis, aus, ein Zustand, über dessen eigentliches Wesen wir trotz
seiner Frequenz so gut wie nichts wissen. Ob hier ein acuter Oatarrh
der Schleimhaut, eine chemische Alteration der Verdauungssecrete, eine
Gasausdehnung der Magenwände oder, wie ich meine, ein Complex
dieser Bedingungen besteht, darüber gehen die Ansichten sehr ausein-
ander, und wir müssen uns daher vorläufig mit den Krankheitserschei-
nungen begnügen. Die Kinder haben keinen Appetit, eine in verschie-
denen Graden weiss oder gelblich belegte Zunge, welche oft wie mit einem
dicken Filz überzogen erscheint, und schlechten Geruch aus dem Munde.
Viele leiden an Uebelkeit und brechen alles Genossene wieder aus. Da-
bei sind sie verdriesslich, matt, trübäugig, klagen über Kopfschmerzen,
und können den Kopf nicht lange aufrecht halten. Fieber ist nicht
immer, aber häufig vorhanden, mitunter sogar von bedeutender Höhe
(39—40°), mit hoher Pulsfrequenz (120—144 Pulse und mehr), leb-
haftem Durst, Röthe der Wangen, abendlicher Exacerbation und nächt-
lichen, seltener auch bei Tage sich einstellenden Delirien. Der Stuhlgang
ist meistens verstopft, seltener dünn und reichlich, die epigastrische
Gegend bei Abelen etwas aufgetrieben, gespannt, gegen Druck empfind-
lich. Manche klagen auch spontan über drückende oder schmerzhafte
Empfindungen in der Magengegend. Bei dieser Sachlage geräth der An-
fänger leicht in Verlegenheit, und in der That ist selbst der Erfahrene
nicht immer im Stande, mit voller Sicherheit von vorn herein ein
sicheres Urtheil abzugeben. Man denkt allerdings sofort an eine Indi-
490 Krankheiten der Verdauungsorgane.
gestion, aber auch das Gespenst eines sich entwickelnden Tleotyphus
oder einer tuberculösen Meningitis drängt sich hervor und lähmt die Ent-
schliessung. Ueber die Diagnose der letzteren sprach ich mich schon
früher (S. 299) aus, und füge noch hinzu, dass der dicke weissgelbe
Zungenbelag und der Foetor oris für Dyspepsie zwar bedeutsam aber
keineswegs entscheidend sind. Uebrigens braucht man sich in zweifel-
haften Fällen vor der Anwendung eines Brechmittels nicht zu fürchten,
welches selbst im Fall eines Irrthums weder auf das erste Stadium der
Meningitis tuberculosa, noch auf einen beginnenden lleotyphus eine nach-
theilige oder gar bedenkliche Wirkung ausübt. Für die Dyspepsie aber,
wenn sie frisch entstanden oder erst einige Tage alt ist, giebt es sicher-
lich kein besseres Mittel, und ich glaube, dass die jetzige Therapie,
scheu gemacht durch den früher mit dem Emeticum getriebenen Miss-
brauch, die Anwendung dieses Mittels viel zu sehr vernachlässigt.
Ist es doch so weit gekommen, dass Aerzte mich in vollem Ernste
fragen, ob ich denn überhaupt noch Brechmittel anwende! Nach der
gehörigen Wirkung desselben (F. 6) schwindet oft wie durch einen
Zauberschlag der ganze Cömplex scheinbar drohender Symptome, und es
bedarf, wenn das Mittel nicht gleichzeitig purgirend gewirkt hat, nur
noch leichter Abführmittel (F. 7, 28), oder wenn die Appetitlosigkeit
und der Zungenbelag fortdauern sollten, kleiner Gaben von Acidum
muriaticum (F. 3), um den krankhaften Zustand nach wenigen Tagen
zu beseitigen. Eine Hauptsache aber dabei bleibt die Diät, welche
selbst im günstigsten Falle mehrere Tage lang nur aus leichten Speisen
(Wassersuppen mit Schleim, leichter Brühe, Zwieback u. dgl. m.) be-
stehen darf. Die Scheu vor der Anwendung des Brechmittels rächt sich
meistens durch eine längere Dauer der Affection; wenn erst 6 — 7 Tage
darüber hingegangen sind, darf man sich auch von dem Emeticum keine
rasche Wirkung mehr versprechen. In diesen verschleppten Fällen lasse
ich die Kinder bei strengster Diät im Bette liegen und Acidum muria-
ticum nehmen, welchem bei Stuhlverstopfung Infus. Sennae comp, oder
Infus, rad. rhei mit Kali tartaricum (F. 7) interponirt wird. Bei lang-
sam wiederkehrendem Appetit ist der Gebrauch der Tinctura rhei aquosa,
zu 2—3 Theelöffeln täglich, mehrere Tage lang zu empfehlen. —
Schon früher machte ich darauf aufmerksam, dass durch reflec-
torische Einwirkung von den Magennerven aus, vielleicht auch durch die
Resorption toxischer Stoffe, im Gefolge der Dyspepsie nervöse Symptome,
epileptiforme Oonvulsionen (S. 155), Umnebelungen des Sensoriums
(S. 157), Aphasie, Verlangsamungen des Pulses (S 300) zu Stande
kommen können, welche den Arzt leicht zu Trugschlüssen verleiten.
Dyspepsia gastrica. 491
Auf diese Weise kann nun auch ein vorzugsweise in der respirato-
rischen Sphäre spielender Symptomencomplex entstehen, welchen ich
mit dem Namen „Asthma dyspepticum" bezeichnet habe1):
Am 10. Mai 1875 kam in meine Poliklinik ein 9jähriges Mädchen mit angstvoll
verfallenem Gesicht und leichter Cyanose desselben, sowie der Nasen- und Mund-
schleimhaut. Athembewegungen des Thorax sehr oberflächlich, 70 in der Minute,
Mitarbeiten der Nasenflügel und anderer Hülfsmuskeln, stöhnende Exspiration. Puls
sehr klein, etwa 108. Grosse Hinfälligkeit, so dass die Mittheilung der Mutter,
das Kind habe den Weg nach der Klinik (etwa 10 Minuten lang) zu Fuss zurück-
gelegt, Befremden erregte. Brustorgane in jeder Beziehung normal. Geklagt
wurde anhaltend über grosse Athemnoth, Schwäche, demnächst auch über Kopf-
schmerzen und Empfindlichkeit der Magengegend, die in der Rückenlage
etwas aufgetrieben schien, einen tympanitischen Schall gab und gegen Druck recht
empfindlich war. Anamnestisch liess sich nur ermitteln, dass das Kind bis zum
vorigen Abend gesund gewesen sei, dann aber angefangen habe, über Stiche in der
Magengegend zu klagen. Die Nacht sei sehr unruhig gewesen, und am Morgen
Cyanose und Dyspnoe eingetreten. Bei der scheinbar drohenden Sachlage und dem
ätiologischen Dunkel wagte ich kein entscheidendes Eingreifen und verordnete kleine
Dosen von Morphium. Es kam indess gar nicht zum Gebrauch derselben. Kaum zu
Hause angelangt, begann das Kind über heftige Uebelkeit zu klagen, und brach bis
zum Abend wiederholt Speisereste, darunter grosse unverdaute Stücke eines harten
Eies aus, welches, wie sich nun ergab, am Tage zuvor mit grosser Hast verzehrt
worden war. Nach der Entleerung dieser Massen erfolgte sofort ruhiger Schlaf und
Wohlbefinden. Die am folgenden Tage in der Klinik wiederholte Untersuchung er-
gab vollkommene Euphorie, so dass nur noch eine diätetische Verordnung
nöthig schien.
Sie sehen hier durch den Reiz unverdauter Ingesta einen scheinbar
bedenklichen asthmatischen Symptomencomplex entstehen, welcher
nach der Entleerung der reizenden Stoffe wie durch Zauber verschwin-
det. Enorme Dyspnoe, Cyanose, äusserst kleiner Puls, Kühle der Hände,
— dies alles bestand ohne die geringste Abnormität der Lungen oder
des Herzens. Ebenso wenig konnte eine Compression der Brustorgane
durch den erweiterten Magen angenommen werden, da anomaler Hoch-
stand des Zwerchfells nicht zu constatiren war. Aehnlich verlief ein
zweiter Fall:
Knabe von 9 Jahren, vorgestellt am 9. Jan. 1876. Seit 6 Tagen Schmerzen
in der Magengegend, welche gewölbter und empfindlich erschien. Respiration ober-
flächlich, 50 in der Minute, Puls klein, 120 und darüber, Gesicht und Schleim-
häute cyanotisch. Bei der Untersuchung fand sich Insufficienz der Mitral-
klappe mit massiger Erweiterung des rechten Ventrikels, in den Lungen nichts Ab-
normes. Ausserdem dicker Zungenbelag und Foetor oris. Ich verordnete sofort
') Berliner klin. Wochenschr. 1876. No. 18.
492 Krankheiten der Verdauungsorgane.
ein Brechmittel und der Erfolg war evident. Schon am folgenden Tage war die
Respiration auf 32 gefallen, Puls normal, Cyanose verschwunden. Am 11. völlige
Euphorie, abgesehen von den objectiven Zeichen des alten Herzleidens.
In meiner oben angeführten Arbeit finden Sie noch eine schlagende
Beobachtung, welche ein 9 Monate altes, vor kurzem entwöhntes Kind
mit dyspeptischem Erbrechen betraf, bei welchem ebenfalls so stür-
mische dyspnoetische Erscheinungen mit kleinem, fast unzählbarem
Pulse, Cyanose und Apathie eintraten, dass ein wichtiges Leiden der
Thoraxorgane angenommen werden konnte, obwohl die wiederholte
Untersuchung nicht die geringste Abnormität im Herzen oder in den
Lungen ergab. Auch dieser Fall endete binnen einer Woche mit völliger
Genesung. Aehnliche Beobachtungen wurden später von Silbermann1)
publicirt, und ich selbst hatte noch Gelegenheit, einen 12jährigen Knaben
zu behandeln, welcher die Erscheinungen des drohenden Oollapses (Kühle
der Extremitäten, äusserst frequenten kleinen Puls, rasche Respiration,
leichte Cyanose) zugleich mit einer dyspeptischen Diarrhoe Tage lang
darbot, und schliesslich unter der Behandlung mit Salzsäure vollständig
genas. Zur Deutung dieser Vorgänge reichen die Experimente von
S. Mayer und Pribram2), welche durch verschiedenartige Reizungen
des Magens von Hunden und Katzen eine Drucksteigerung im arteriellen
System und Pulsverlangsamung beobachteten, nicht aus; sie erklären uns
höchstens Fälle wie den S. 300 angeführten, in welchem durch reflecto-
rische Erregung der hemmenden Vagusfasern bei Dyspepsie der Puls
bedeutend retardirt wurde. Bei unserem Asthma dyspepticum war aber
der Puls nicht verlangsamt, sondern im Gegentheil sehr beschleunigt.
Ob hier zunächst eine Lähmung der die Herzbewegung hemmenden Vagus-
fasern (Silbermann) oder eine plötzliche Insuffizienz des linken Ven-
trikels (A. Fränkel3) in Betracht kommt, lasseich dahingestellt. Ich
erinnere dabei an die bei Dyspepsie mit oder ohne Gasanhäufung nicht
selten vorkommende eigenthümliche Oppression, welche darin besteht,
dass der Patient häufig den Drang empfindet, möglichst tief zu inspiriren,
ohne dass ihm dies vollständig gelingt. Sobald dies der Fall ist,
schwindet für einige Zeit das lästige Bedürfniss, tief Athem zu holen,
') Berliner klin. Wochenschr. 1882. No. 23.
2) Sitzungsber. der Wiener Acad. Juli 1872.
3) Berliner klin. Wochenschr. 1888. S. 317. — Tordeus beobachtete bei
3 dyspeptischen Kindern (Erbrechen und Colik) Cyanose der extremen Körpertheile
ohne asthmatische Erscheinungen, und sieht eine reflectorische Depression der car-
dialen Vagnsfasern als Ursache der Cyanose an, die mit der Dyspepsie verschwand.
Asthma ilyspcpticum. 493
kehrt aber bald wieder, und ein erst rasch wiederholtes krampfhaftes
Gähnen macht dem Anfall ein Ende. Auch hier handelt es sich wahr-
scheinlich um einen Reflex auf den Vagus, welcher unter gleichen
Verhältnissen auch intermittirendc Herzaction hervorrufen kann. Ich
habe diese Art von Asthma nicht nur bei Erwachsenen, sondern wieder-
holt auch bei Kindern von 6 — 12 Jahren beobachtet, welche die von der
Idee eines Herz- oder Lungenleidens befangenen Eltern mir zuführten.
Ein paar Mal war dieser schon Wochen lang in verschiedener Intensität
sich geltend machende Zustand so auffallend, dass während einer Minute
mehrere tiefe und doch nicht ausreichende Inspirationen unter starker
Betheiligung der Schultermuskeln erfolgten. Auch hier liess sich fast
immer Dyspepsie oder Anfüllung des Dickdarms mit angesammelten
Fäcalmassen nachweisen, und die dagegen gerichtete Behandlung hatte
in der Regel schnellen Erfolg. Die nervöse Natur dieses „Asthma"
gab sich auch dadurch kund, dass, wenn die Aufmerksamkeit der Kleinen
durch irgend etwas, z. B. durch die stethoscopische Untersuchung gefesselt
wurde, das Asthma sofort pausirte, aber wieder eintrat, sobald die Unter-
suchung beendet war. —
Die chronische Dyspepsie ist im Kindesalter, wie ich schon be-
merkte, seltener Folge eines primären Magenleidens, als einer anderen
wichtigen chronischen Krankheit, sei es einer allgemeinen (Tuberculose)
oder einer localen. Ich will hier nur anführen, dass Appetitmangel,
Auftreibung des Magens, Uebelkeit und Stuhlverstopfung sehr häufig bei
anämischen Kindern vorkommen und mit der Verbesserung des Blutes
schwinden. Dennoch sind mir bei Kindern vom fünften Jahre an, selbst
noch früher, Fälle vorgekommen, in denen ohne anderweitige Erkran-
kung die Symptome eines chronischen Magencatarrhs ebenso wie
bei Erwachsenen vorhanden waren und besonders häufiges Erbrechen
stattfand. Unter diesen Umständen sah ich von der Regulirung der
Diät und dem Gebrauche der Carlsbader Thermalwässer (einen Brunnen-
becher täglich früh, 34 — 36 °R. warm zu trinken) wiederholt günstigen
Erfolg.
Nicht unerwähnt will ich lassen, dass Ihnen oft von ängstlichen
Müttern Kinder wegen Appetitmangels zugeführt werden, welche bei
der Untersuchung absolut nichts Krankhaftes darbieten und, wie die
nähere Erkundigung ergiebt, auch für ihr Bedürfniss ausreichend essen,
ohne jedoch die übertriebenen Wünsche der Eltern in dieser Bezie-
hung zu befriedigen. Dabei erfahren Sie wohl, dass die Kinder sehr
wählerisch im Essen sind, gegen manche Speisen z. B. Bouillon, Fleisch
494 Krankheiten der Verdauungsorgane.
oder auch Milch, entschiedenen Widerwillen haben. Alle diese Dinge
müssen natürlich berücksichtigt werden, bevor man eine wirklich krank-
hafte Anorexie annehmen darf.
2. Cardialgie.
Unter diesem Namen will ich die Schmerzen in der Magengegend,
über welche viele Kinder klagen, zusammenfassen. Schmerzen, welche
wegen der mangelhaften Angabe, welche die Kinder über Sitz und Art
derselben zu machen pflegen, noch schwerer als bei Erwachsenen
zu deuten sind. Oft fand ich bei der Untersuchung, dass gar nicht der
Magen, sondern das Colon transversum Sitz des Schmerzes war, wel-
cher entweder das Epigastrium oder eins der Hypochondrien einnahm
und von hier aus gegen den Nabel oder das Colon descendens hin aus-
strahlte. Man hat es dann nicht mit „Cardialgie", sondern mit „Colik''
zu thun, welche durch Gasspannung oder Ueberfüllung des Dickdarms
mit Fäcalmassen veranlasst wird. Nur selten beobachtete ich wirkliche
Magenschmerzen in Folge von Indigestion, dann aber immer in Ver-
bindung mit anderen dyspeptischen Symptomen, wie sie oben (S. 489)
geschildert wurden. Ein Brechmittel brachte auch in diesen Fällen
schnelle Hilfe, und ich rathe Ihnen daher, sich von der Anwendung
desselben bei Indigestion nicht durch die Angst vor einer entzündlichen
Magenaffection abschrecken zu lassen, wenn nicht ein bestimmter Anlass
nachweisbar ist, dem man eine solche Wirkung zutrauen kann. So be-
obachtete ich bei einem Kinde, welches einige Tage zuvor eine brüh-
heisse Kohlrübe gegessen hatte, anhaltende Schmerzen im Epigastrium,
besonders nach dem Essen, so dass jede Nahrung verweigert wurde.
Hier musste man allerdings an eine Läsion der Schleimhaut denken,
und in der That wurden durch den ausschliess ichen Gebrauch von Eis-
milch und einer Emulsio oleosa die Schmerzen binnen wenigen Tagen
vollständig beseitigt.
Wirkliche cardialgische Paroxysmen konnte ich, abgesehen von
den wenigen Fällen, in denen man ein rundes Magengeschwür anzuneh-
men berechtigt war, nur bei älteren chlorotischen Mädchen von 10 bis
16 Jahren beobachten, und zwar ganz in der Weise, wie bei Erwachsenen.
Die Auftreibung und Spannung des Epigastriums während dieser Anfälle,
welche die Patienten nöthigt, sich aller beengenden Kleidungsstücke,
Bänder u. s. w. zu entledigen, deutet auf einen Krampf der Magen-
orificien hin, durch welchen die im Magen befindlichen Gase abgesperrt
werden und eine excessive schmerzhafte Spannung seiner Wände erzeu-
gen, welche nach dem Abgange von Ructus und Blähungen bald ver-
Cardialgie. 495
schwindet. Bei Mädchen, welche sich der Pubertät näherten oder be-
reits ein paar Mal menstruirt waren, nur einmal bei einem Knaben,
hatte ich auch öfters Gelegenheit, eine bedeutende Erweiterung des
Magens zu beobachten. Die Haupterscheinung bildete die ungewöhn-
liche Fülle oder halbkugelige Hervortreibung des Epigastrium, welches
je nach dem Grade der Gasspannung bald weicher, bald äusserst ge-
spannt und dann gegen Druck empfindlich war. Der in aufrechter
Stellung meistens dumpfe Percussionsschall wurde in der Rückenlage
laut tympanitisch, wobei Auftreibung und Empfindlichkeit abzunehmen
pflegten. Durch das Eingeben eines Brausepulvers Hess sich jedoch die
Auftreibung und Spannung, öfters mit deutlich erkennbaren Contouren
des dilatirten Magens, sofort wiederherstellen. Nach dem Essen oder
Trinken erfolgte nicht immer eine wahrnehmbare Zunahme der Ectasie,
und da cardialgische und dyspeptische Symptome meistens fehlten, be-
schränkten sich die Klagen auf ein Gefühl von Spannung in der Magen-
gegend, Aufstossen, flüchtige Uebelkeit, besonders aber Luftmangel bei
Bewegungen oder nach dem Essen. In einem Falle von hochgradiger
Dilatation zeigte sich sogar eine Verschiebung des Herzens um einen
ganzen Intercostalraum nach oben. An der linken Thoraxhälfte war
vorn vom Rippenrande bis zur 4. Rippe herauf der Schall laut tym-
panitisch, ähnlich wie bei Pneumothorax, der Herzstoss zwischen der
3. und 4. Rippe wahrnehmbar, und dem entsprechend die Herzdämpfung
in dieser Region am deutlichsten nachweisbar. Der Grad der Erweite-
rung war übrigens niemals ein constanter, vielmehr Schwankungen unter-
worfen, welche keineswegs immer durch Ausstossen von Gasen zu er-
klären waren.
Die Aetiologie dieser Fälle liess viel zu wünschen übrig. Während
bei einem 12jährigen Mädchen die Affection von der Mutter auf eine
vor 7 Wochen überstandene Variolois, bei einem anderen gleichalterigen
auf Typhus zurückgeführt wurde, Hessen sich in der Mehrzahl hyste-
rische Symptome als Vorläufer oder Begleiter der Magenectasie
constatiren, Schrei- und Weinkrämpfe, Cardialgien, somnambule Anfälle,
exstatische Erscheinungen, wie ich sie früher (S. 215) geschildert habe.
Anämie war zuweilen, aber nicht immer nachzuweisen, einige Mädchen
erschienen sogar auffallend blühend. In einem Falle bestanden gleich-
zeitig hystero- epileptische Anfälle. Meiner Ansicht nach handelt es sich
in den meisten dieser Fälle um einen krampfhaften Zustand der Orificien
des Magens, welchem man keine grosse Bedeutung beilegen darf. In
der That pflegt das Leiden, nachdem es Wochen oder Monate mit wech-
selnder Intensität gedauert, von selbst zu verschwinden oder anderen
496 Krankheiten der Verdauungsorgane.
hysterischen Symptomen Platz zu machen. Ob der Eintritt der Men-
struation günstig wirkt, kann ich aus eigener Erfahrung nicht entschei-
den, halte es aber nach der Analogie anderer um die Pubertätszeit auf-
tretender hysterischer Erscheinungen für wahrscheinlich. Unter den von
mir versuchten Mitteln hatte nur der faradische Strom Erfolg, wenn
auch nur vorübergehend. Setzte man die eine Elektrode auf die Wirbel-
säule, die andere auf das ausgedehnte Epigastrium, so fiel dasselbe
jedesmal sofort, ohne dass Ructus abgingen, zusammen, wobei es zweifel-
haft blieb, ob daran eine Contraction der Bauchmuskeln oder eine selbst-
ständige Zusammenziehung der Magenmusculatur Schuld war. Leider
war dieser Erfolg immer nur auf wenige Stunden, höchstens ein paar
Tage beschränkt. Selbst in den wenigen Fällen, wo die elektrische Be-
handlung 3 bis 4 Wochen lang beharrlich fortgesetzt wurde, hatten wir
keinen dauernden Erfolg zu verzeichnen, und ich kann Ihnen daher die
Elektricität immer nur als palliatives Mittel für hochgradige Fälle em-
pfehlen ').
Die im späteren Lebensalter häufigste Ursache der Magenerweite-
rung, die Stenose des Pylorus oder des Duodenum, kam bei Kindern bis
jetzt nicht zu meiner Beobachtung, und auch die durch enorme An-
füllung des Magens mit Nahrungsmitteln herbeigeführte Ectasie sah ich
nur einmal bei einem 8jährigen Mädchen, welches ihren starken Appetit
durch massenhaften Genuss von Kartoffeln befriedigt hatte2). In solchen
Fällen muss nach der Entleerung des Magens und Darmkanals strenge
Diät mit Ausschluss aller Vegetabilien empfohlen werden, während man
gleichzeitig durch Eisbeutel, Tinctura oder Extr. nucis vomicae, und
Elektricität die in Folge der übermässigen Ausdehnung entstandene
Atonie der Magen wände zu heben sucht3). In diese Categorie gehören
auch die Erweiterungen des Magens, weiche in Folge von Gährungs-
dyspepsie entstehen und, wie ich bereits (S. 119) erwähnte, schon im
Säuglingsalter vorkommen. Neben den früher geschilderten Erschei-
nungen der Dyspepsie werden Auftreibung der Oberbauchgegend, tym-
panitischer Percussionsschall, plätschernde Geräusche beim Percutiren und
bei Bewegungen des Kindes, zeitweise eintretendes massenhaftes Erbre-
') Dagegen berichtet Maohon (Contribution ä l'etude de la dilatation de
l'estomac chez les enfants. Geneve, 1887. p. 17) einen Fall dieser Art, welcher
durch den Inductionsstrom geheilt worden sein soll.
2) S. einen Fall bei Mac hon (1. c. p. 28), in welchem die Section eine enorme
Dilatation des Magens durch Ingesta ergab.
3) Beitr. zur Kinderheilk. N. F. S. 282.
Cholera. 497
chen einer sauren, schaumigen, reichliche Mengen von Gährungspilzen
enthaltenden Flüssigkeit, von den Autoren als Hauptsymptome dieser
Gastroectasie bezeichnet'), aber niemand verhehlt sich die Schwierigkeit
der Diagnose und besonders die Täuschungen, denen man durch Erwei-
terung des Colon transversum ausgesetzt ist. Ich halte in der That die
genannten Symptome alle für trügerisch und lege grösseren Werth auf
das Eesultat der Magenausspülung, nach welcher der ausgedehnte
Magen, wenigstens temporär, schnell collabirt (vergl. S. 126). Eine we-
sentliche praktische Bedeutung kann ich diesen dyspeptischen Gastro-
eetasien um so weniger zuerkennen, als selbst ihr sicherer Nach-
weis auf unsere Therapie kaum einen modificirenden Einfluss aus-
üben dürfte.
Ich will schliesslich noch einer Art von Erbrechen gedenken, welche
ich öfters bei älteren Kindern beobachtet habe, und welche weder mit
Dyspepsie noch mit einer materiellen Erkrankung des Magens etwas zu
schaffen hat. Dies Erbrechen tritt vorzugsweise bei zarten „nervösen"
Kindern, zumal in den Morgenstunden auf, wenn die Kinder kurz vor dem
Schulbesuch hastig ihr Frühstück verzehrt haben. Bei einem Knaben,
welcher sehr ängstlich war, und bei einem 8jährigen, psychisch sehr regen
Mädchen trat das Erbrechen auch im Laufe des Tages, immer aber nach
Gemüthsaffecten, so z. B. beim Schelten des Vaters, ein, blieb Tage
lang aus, stellte sich dann wieder ein, und bestand mit wechselnden
Intervallen Wochen- und selbst Monate lang fort, ohne weitere Folgen
zu haben. Ich glaube, dass man es hier in der That mit einem
Vomitus nervosus zu thun hat, d. h. mit einer Hyperaesthesie
der Magenschleimhaut, welche einen schnellen Reflex auf die Bauch-
muskeln und somit Erbrechen des eben Genossenen hervorruft. In
den mir bis jetzt vorgekommenen Fällen erfolgte unter einer all-
gemein tonisirenden Behandlung oder auch spontan immer vollständige
Genesung.
VIII. Der Brechdurchfall.
Diese gefürchtete Krankheit (Cholera nostras) befällt zwar Kin-
der jeden Alters und auch Erwachsene, weitaus am häufigsten aber das
erste und zweite Lebensjahr, in weicher Periode sie auch ihre verderb-
lichsten Wirkungen entfaltet. Schon daraus geht hervor, dass die Art
der Ernährung, besonders die künstliche, und der Uebergang von der
') Comby, Aren. gen. Aout 1884. — Moncorvo, Revue mens. Juillet 1885.
Henschel, Aich. f. Kinderheilk. XIII. 32.
He noch, Vorlesungen über Kimleikraukheiten. 7. Aufl. 32
498 Krankheiten der Vordauungsorgane.
Brustnahrung zur Entwöhnung hier eine wichtige Rolle spielt. Säuglinge,
welche eine gute Mutter- oder Ammenmilch bekommen, bleiben zwar
keineswegs verschont, werden aber ungleich seltener befallen, als die
Päppelkinder, zumal der unteren Volksklassen. Soweit stehen wir auf
dem Boden der Thatsachen, und zu diesen gehört noch das epidemische
Auftreten dieser Krankheit in den heissen Sommermonaten Juni,
Juli und August, vorzugsweise in den grossen Städten, unter denen
Berlin leider eine der ersten Stellen einnimmt. Dies ist so constant,
dass man der Krankheit mit Recht den Namen Cholera aestiva
(Summer complaint der Amerikaner) beigelegt hat Jeder Arzt weiss,
dass, wenn die ersten warmen Tage des Frühsommers eintreten, sofort
auch Fälle dieser Krankheit vorkommen, welche nun allwöchentlich an
Frequenz zunehmen, sich bis sur epidemischen Verbreitung steigern,
massenhafte Todesfälle besonders in der Armenpraxis veranlassen, und
endlich im September allmälig erlöschen, wobei aber Ausläufer der Epi-
demie bis in den October hinein beobachtet werden. Andererseits treten
aber solche Epidemien oder wenigstens gehäufte Fälle der Krankheit
hie und da auch im Winter auf, z. B. in Findelanstalten und Kinder-
hospitälern, in heissen Ländern, wenn die Kinder in der Zimmerluft ein-
gesperrt bleiben1). Die Hitze allein kann also die Ursache nicht sein.
Mit grösserer Wahrscheinlichkeit muss vielmehr ein infectiöses Moment
in Betracht gezogen werden.
Trotz der emsigsten Forschungen ist aber der präsumirte Infections-
stoff uns noch nicht bekannt. Bestimmte Formen von Bacterien,
denen man die inficirende Eigenschaft mit Fug und Recht zuschreiben
dürfte, sind bisher nicht gefunden worden2), wenn auch die Ausleerungen
massenhafte Gebilde dieser Art enthalten, wobei man aber nicht über-
sehen darf, dass Micrococcen, zumal Gährpilze, sich in allen Stühlen,
besonders reichlich in den sauer reagirenden, finden3). Vorläufig müssen
wir uns mit der Annahme begnügen, dass hohe Lufttemperatur,
aber auch heisse verdorbene Zimmerluft die Neigung zu Gährungs-
dyspepsien, welche bei kleinen unzweckmässig ernährten Kindern zu
allen Jahreszeiten vorhanden ist (S. 118), erheblich steigert, und die-
selben nicht bloss in epidemischer Verbreitung, sondern auch in
') Epstein, Pädiatr. Arbeiten. Festsch. Berlin 1890. S. 330 und Prager
med. Wochenschr. 1881. No. 33.
2) Z. B. die von Legrand, (Revue mens. 1888. p. 488) und von Lesage be-
schriebenen Bacillen (Etüde clinique sur le cholera infantile. Paris 1889).
3) Baginsky, Archiv f. Kinderheilk. Bd. XII. 1. — Nothnagel, Zeitschr.
f. klin. Med. III. p. 205.
Cholera. 499
einer äusserst acuten und verderblichen Form erscheinen lässt. Dabei
kommt es zu massenhafter Entwickeluug infectiöser Keime, welche vorzugs-
weise mit der Milch, vielleicht aber auch auf anderen Wegen in den
Magen und Darmkanal gelangt sind. Unter ihrer Mitwirkung scheinen
giftige Stoffe (Toxine) zu entstehen, welche resorbirt werden und eine
Reihe von bedrohlichen Symptomen hervorrufen1).
Das Bild der Cholera nostras kleiner Kinder, hat mit dem, wel-
ches heftige Fälle von acuter Dyspepsie der Säuglinge darbieten (S. 121),
klinisch wie anatomisch die grösste Aehnlichkeit. In beiden Fällen
finden wir sehr verschiedene Intensitätsgrade von einer mehr oder min-
der copiösen Diarrhoe an bis zum schwersten, schnell tödtlichen Brech-
durchfall. Rasch aufeinander folgende, anfangs noch braungelb oder
grünlich gefärbte dünne Ausleerungen eröffnen die Scene. Schmerz fehlt
dabei ganz oder ist so unbedeutend, dass selbst ältere Kinder kaum
darüber klagen. Abgesehen von Anorexie und vermehrtem Durst, kann
das Allgemeinbefinden ziemlich ungestört bleiben, und bei gehöriger
Pflege geht die Diarrhoe spontan oder unter zweckmässiger Behandlung
nach 24 — 48 Stunden vorüber, sobald die gährenden Darmcontenta durch
die gesteigerte Peristaltik aus dem Körper entfernt sind. Aus diesem
Grunde ist es auch nicht gerathen, von vorn herein stopfende Mittel an-
zuwenden, vielmehr passen hier dieselbe Diät und Behandlung, wie sie
bei der acuten Dyspepsie empfohlen wurden (S. 127), besonders Salz-
säure oder kleine Dosen Calomel. — In einer anderen Reihe von Fällen
und zwar am häufigsten im Säuglingsalter, beginnt die Affection sofort
mit stürmischen Erscheinungen. Bisweilen eröffnet heftiges Fieber, wie
bei Infectionskrankheiten, die Scene2), während häufig geringe oder gar
keine Temperatursteigerung wahrgenommen wird. Massenhafte wässerige
Ausleerungen und Erbrechen folgen schnell aufeinander. Die Intensität
des letzteren ist sehr verschieden; bald tritt es nur selten, bald sehr
häufig nach jedem Genuss von Flüssigkeit ein, und es fehlt selbst nicht
an Fällen, in welchen das Erbrechen die Hauptrolle spielt, und nur sehr
wenige dünne Stühle im Laufe des Tages erfolgen. Allen gemeinsam
ist aber die schnelle Rückwirkung auf den Kräftezustand, die um so
rascher und stärker sich geltend macht, je jünger das befallene Kind
ist, aber auch bei älteren Kindern und selbst bei Erwachsenen nicht aus-
bleibt. Grosse Mattigkeit, Erblassen der Haut, Einsinken der Augen in
') Baginsky ist geneigt, diese Schuld besonders dem Ammoniak zur Last
zu legen (?).
2) Demme und Epstein haben Temperaturen von 40— 42° beobachtet.
32*
500 Krankheiten der Verdauungsorgane.
die Orbita, Kühle der Wangen, der Hände und Füsse, zunehmende Fre-
quenz und Kleinheit des Pulses, schwache erloschene Stimme, leichte
Cyanose des Gesichts und der Schleimhäute bekunden das Sinken der
Herzenergie. Trotzdem habe ich noch in diesem letzten Stadium Tem-
peraturen von 39,6 bis 40° beobachtet, welche bei der Section durch
eine complicirendc Bronchopneumonie erklärt wurden. Roseola oder Ery-
theme, wie sie von Anderen beschrieben werden, habe ich selbst nicht
gesehen, wenigstens nicht sicher mit der Cholera in Beziehung bringen
können. Die anfänglich vorhandene Unruhe und Jactitation geht bald
in einen apathischen, somnolenten Zustand über. Zunge und Mundhöhle
sind trocken, der Durst ist enorm vermehrt, der Unterleib in der Regel
nur wenig oder gar nicht aufgetrieben, auch nicht empfindlich gegen
Druck, die Urinabsonderung wegen der starken Wasserverluste durch
Magen und Darm bedeutend vermindert. Der Urin enthält sehr
oft, schon in den ersten 24—48 Stunden Albumen, während neph-
ritische Formelemente nur in einem Theil der Fälle gefunden werden.
Rapide Abmagerung (bis zu 100,0 täglicher Gewichtsverlust) fehlt
niemals.
In diesen stürmischen Fällen nehmen die Anfangs noch faecal ge-
färbten und faulig riechenden Stühle bald eine wässerige, hellgelbe,
schliesslich fast farblose Beschaffenheit an. Schleim oder blutige Bei-
mischung fehlt meistens, und wenn Blutspuren darin vorkommen, so
stammen diese nur aus dem untersten Theil des Rectum oder aus der
Umgebung des Anus, welche durch die copiösen Ausleerungen erodirt
werden. Diese enthalten als Formelemente abgestossenes Darmepithel
und massenhafte Bacterien, wie sie auch bei anderen Diarrhöen in den
Stühlen vorkommen. Ueber ihre chemische Natur sind weitere Unter-
suchungen wünschenswerth1).
Ein Theil der Fälle geht bei zweckmässiger Behandlung unter all-
mäligem Nachlassen der stürmischen Erscheinungen in Genesung über,
wobei bisweilen „typhoide" Symptome, ähnlich wie bei der asiatischen
Cholera, sich zeigen sollen (Baginsky u. A.). Die letzteren habe ich
nie deutlich beobachten können, glaube vielmehr sie als Ausdruck der
Erschöpfung oder einer Complication betrachten zu müssen. Sehr viele
Fälle aber, besonders solche, welche das erste Kindesalter, zumal unter
*) Die Untersuchungen von Baginsky (Berliner klin. Wochenschr. 1889. No.
46 und Archiv f. Kinderheilk. Bd. XII. 1) ergaben nur Fäulnissproducte, Indol,
Phenol und Ammoniak in den Fäces, über deren toxische Wirkung der Autor selbst
sich sehr reservirt ausspricht.
Cholera. 501
ungünstigen Lebensverhältnissen, betreifen, enden mit dem Tode, und die
Sterblichkeitslisten der Sommermonate liefern einen grauenvollen Beweis
für die Wuth, mit welcher diese Krankheit die hauptstädtische Bevöl-
kerung decimirt. Der Tod erfolgt hier immer in Folge der rapide zu-
nehmenden Erschöpfung unter den Symptomen des Collapses und des
Hydrocephaloids (S. 295); cadaveröse Blässe, Cyanose, anhaltende Som-
nolenz mit halb geschlossenen Augen, bisweilen auch spastische Sym-
ptome (Nackensteifheit, tetanische Gliederstarre u. s. w.), schliesslich
vollständiger Sopor, Einsinken der noch offenen Fontanelle, bei noch
nicht verschmolzenen Nähten Verschiebung des Stirn- und Hinterhaupt-
beins unter die Ränder der Scheitelbeine, Kälte der extremen Theile und
Unfühlbarkeit des Pulses. Fast constant ist im letzten Stadium ein die
eingefallenen Augen umgebender dunkler Schatten, zumal am unteren
Augenlide, welcher durch das Vorspringen der Orbitalränder über dem
einsinkenden Bulbus und durch die in Folge der Herzschwäche ent-
stehende venöse Stauung in den Augenlidern erzeugt wird. Schon an
diesem Symptom erkennt man beim ersten Blick die schwere Form
der infantilen Cholera. Auch vermisste ich im letzten Stadium nur
selten die bündeiförmige Injection der Conj unctivalgefässe und die Schleim-
fetzen im Bindehautsacke, von denen schon wiederholt die Rede war
(S. 303). Oft kam es auch zur partiellen Trübung des Glanzes der
Cornea, zumal des Theils, welcher von den halbgeschlossenen Lidern
nicht mehr bedeckt ist. Wie bei Meningitis tuberculosa erschienen mir
diese Veränderungen an den Augen auch hier immer als ein letales
Symptom, welches nur in zwoi Fällen täuschte. Das eine Kind genas,
obwohl die charakteristischen Schleimfäden und Fetzen schon den
Glanz der Coinea trübten, wobei aber in Betracht zu ziehen war, dass
ein leichter Catarrh der Conjunctiva schon vor der Cholera bestanden
hatte. Im zweiten Falle, welcher einen 1 1jährigen Knaben mit einem
in Folge vcn Indigestion entstandenen stürmischen Brechdurchfall be-
traf, waren im Collapszustande die unteren Hälften beider Hornhäute,
die von den halbgeschlossenen Lidern nicht bedeckt wurden, glanzlos,
wie bestäubt, erhielten aber schon am folgenden Tage, als der Collaps auf-
hörte und die Lider völlig geschlossen wurden, ihren normalen Glanz
wieder. — Mitunter hören im letzten Stadium die Ausleerungen nach
oben und unten zur Freude der Eltern plötzlich auf, welche sich nun-
mehr den besten Hoffnungen überlassen. Ich warne vor dieser üeber-
eilung, wenn nicht Zunahme des Kräftezustandes und allgemeine Besse-
rung damit Hand in Hand gehen. Oft genug sieht man, obwohl
die Ausleerungen nach oben oder unten durchaus nicht
502 Krankheiten der Verdauungsorgane.
excessiv waren oder sogar gänzlich cessirten, das Hydro-
cephalo'id sich dennoch weiter entwickeln und tödtlich enden, mochte
auch die durch Excitantia bewirkte temporäre Wiederkehr der Wärme
und Hebung des Pulses trügerische Hoffnungen erweckt haben. In ein-
zelnen Fällen , aber immer nur in den ersten Lebensmonaten , sah ich
auch schliesslich das Bild des Sclerema neonatorum zu Stande
kommen , wie es S. 46 beschrieben wurde , vielleicht durch Ver-
trockenung der Haut und des subcutanen Fettgewebes in Folge der
enormen Wasserverluste.
Bei den Sectionen findet man, wie fast alle Autoren bekennen,
und ich selbst vielfach erfahren habe, durchaus nichts Charakteristisches.
Häufig beobachteten wir nur abnorme Blässe der ganzen Alimentarschleim-
haut, leichte Schwellung der solitären und Peyer'schen Drüsen, in an-
deren Fällen streckenweise Röthung und Wulstung der Magen- und
Darmschleimhaut. Allgemeine Anämie, partielle Atelektasen des Lungen-
gewebes, venöse Hyperämie des Gehirns und der Pia, frische Thrombosen
der Sinus und anderer Venen, z. B. der Venae renales, waren häufige
Befunde, welche sich auf die bedeutende Schwäche und gesunkene Herz-
energie zurückführen Hessen. Ueber die von Epstein als sehr häufig
erwähnte Otitis media fehlt mir eigene Erfahrung. Die Auffassung der
Krankheit als einer einfach catarrhalischen halte ich für nicht berechtigt.
Mögen auch die microscopischen Untersuchungen Wucherung von Rund-
zellen in und unter der Mucosa ergeben haben, so glaube ich doch immer
zunächst einen durch infectiöse Einflüsse angeregten abnormen chemischen
Vorgang im Magen- und Darminhalt als den primären Process an-
nehmen zu müssen, welcher freilich bei tagelanger Dauer durch die an-
haltende Reizung der Schleimhaut secundär zu catarrhalischen Processen
führen kann. Daraus erkläre ich auch die Thatsache, dass viele Kinder
nach glücklich überstandenem Brechdurchfall noch längere Zeit an
Darmcatarrh leiden. —
Die hohe Gefahr der Krankheit erklärt die grosse Menge von
Arzneimitteln, welche die Aerzte gegen sie ins Feld geführt haben. Sie
werden mir erlassen, diese Mittel hier einzeln anzuführen und zu kritisircn.
Viele Aerzte haben sich im Laufe der Praxis ihre Methode für die
Therapie der Kindercholera gebildet, an welcher sie hängen, wenn auch
die Resultate nicht gerade befriedigend sind; viele andere experimentiren
hin und her, und ergreifen mit Begierde jedes von unreifen Beobachtern
empfohlene neue Mittel, um es bald wieder fallen zu lassen. In jedem
Sommer wiederholen sich die Anfragen der Collegen, welchem Mittel
denn überhaupt und speciell in der gerade herrschenden Epidemie
Cholera. 503
Vertrauen zu schenken sei. Dies alles bestätigt nur die traurige Thatsache,
dass es kein Specificum gegen die Cholera infantilis giebt, welches
im Stande ist, die in den Magen und Darmkanal eingedrungenen infectiösen
Keime sicher zu zerstören. Weder Chinin noch Carbol- oder Salicyl-
säure, welche ich wiederholt innerlich versucht habe, bewährten sich,
und Chloralhydrat (1 : 120) zeigte höchstens eine das Erbrechen mässi-
gende Wirkung, konnte aber in schweren Fällen den tödtlichen Ver-
lauf ebenso wenig aufhalten, wie das vielfach empfohlene Resorcin und
Naphtalin. Bei der Unmöglichkeit, die eigentlichen Krankheitserreger
zu vernichten, bleibt daher nur übrig, ihre Wirkungen, d. h. die durch
sie bedingten Gährungsprocesse im Magen und Darmkanal zu bekämpfen,
und in allen Fällen, wo die Menge der eingedrungenen Infectionselemente
nicht zu bedeutend, ihre Wirkungen also nicht zu stürmisch sind, kann
es gelingen, nach der völligen Ausstossung der toxischen Stoffe Heilung
herbeizuführen. Im entgegengesetzten Fall aber werden auch die kräf-
tigsten Excitantia nicht vermögen, den tödtlichen Kräfteverfall aufzu-
halten.
Es ergiebt sich daraus, dass uns zur Bekämpfung der Cholera
nostras nur diejenigen Mittel zu Gebot stehen, welche ich Ihnen schon
für die Therapie der Gährungsdyspepsie (S. 127) empfohlen habe, und
dass im Beginn die Anwendung der Opiate, welche die deletären
Massen im Darmkanal zurückhalten, hier ebenso wenig passt, wie dort.
In frischen Fällen, also in den ersten 2—3 Tagen, geben wir oft mit
Erfolg kleine Dosen Calomel (F. 2), Salzsäure (F. 3), und, wenn
diese erfolglos bleiben, Creosot (F. 4). Bei eintretenden Zeichen der
Schwäche lassen Sie ein bis drei Mal täglich ein (28° R.) warmes Ka-
millen- oder Senfbad1) machen, in welchem die Kinder 5—10 Minuten
verweilen, und Port-, Ungarwein oder Sherry (20 gtt. bis einen Kinder-
löffel je nach dem Alter) 1- bis 2 stündlich reichen. Oft wird der Wein
behalten, während andere Nahrungsmittel, Milch, Bouillon, und die Me-
dicamente rasch wieder ausgebrochen werden. Milch rathe ich über-
haupt nur in Eis gekühlt, theelöffelweise zu geben (S. 125). Sollte sie
trotzdem stets wieder erbrochen werden, so versuche man Reis- oder
Graupenschleim, concentrirte Bouillon oder Hühnereiweiss (eins mit
l/2 Liter abgekochten Wassers gut verrührt und filtrirt nach Epstein
und Demme), und wenn auch dies erbrochen wird, nur kleine Mengen
Eiswasser. Dauert das Uebel trotzdem fort oder bekommt man es
') Etwa 50,0 Senfmehl mit kaltem Wasser zum Brei gerührt und in einem
leinenen Beutel in's Bad gethan.
504 Krankheiten der Verdauungsorgane.
überhaupt erst nach einigen Tagen in Behandlung, so scheue ich vor
der von Manchen so gefürchteten Anwendung des Opium nicht mehr zu-
rück, weil wohl anzunehmen ist, dass die infectiösen Elemente nunmehr
entleert worden, ihre Ketention also nicht mehr zu fürchten ist. Ieh
lasse dann der Salzsäuremixtur je nach dem Alter 3 — 10 Tropfen Tinct.
Opii simpl. zusetzen, auch wohl täglich ein paar Amylumklystiere mit
1 — 2 gtt. Opiumtinctur appliciren. Ein möglichst grosses Krankenzimmer
und sorgfältige Reinigung der Bettwäsche sind dringend zu empfehlen,
leider aber nur in der Minor'tät der Fälle zu erzielen. Bei stärkerem
Hervortreten des hydrocephalolden Zustandes sind Injectionen von Aether
und Campher (F. 14), kalter Champagner (thee- bis kinderlöffelweise),
Senfbäder, hydropathische Einwickelungen und Begiessungen des ganzen
Körpers zu versuchen, durch welche einerseits eine kräftige Ableitung
nach der Haut bewirkt, andererseits die Herzthätigkeit stimulirt werden
soll, leider oft ein vergebliches Bemühen. Der kaum zu stillende Durst
der kleinen Patienten, welcher sich durch gieriges Oeffnen des Mundes
beim Anblick der Tasse oder des Löffels zu erkennen giebt, wird durch
Einflössen von kalter Milch oder Eiswasser am besten befriedigt. Sollte,
was ja häufig geschieht, nach dem Ablauf der stürmischen Symptome
eine catarrhalische Diarrhoe zurückbleiben, so kommen die Mittel in
Anwendung, welche ich Ihnen bei der Schilderung der letzteren nennen
werde.
Dies wäre die Behandlung der Kindercholera , welche sich mir noch
am besten bewährt hat. Nach vielen Versuchen mit anderen Mitteln
komme ich immer wieder auf dieselbe zurück und glaube daher, sie
Ihnen vor allen anderen empfehlen zu dürfen. Ueber die Wirkung der
Ausspülungen des Magens und Darmkanals (mit lauem Salzwasser oder
mit einer 2 — 2V2 proc. Borsäurelösung nach Demme) möchte ich mich,
nachdem ich sie vielfach versucht habe, dahin aussprechen, dass sie
ebensowenig zuverlässig sind, wie andere Mittel. In der Mehrzahl der
schweren Fälle mit Collaps blieben sie erfolglos, doch ist wenigstens
eine Magenausspülung immer zu versuchen. Ueber die vonMeinert1)
empfohlenen Wasserinjectionen fehlt mir eigene Erfahrung. Dagegen
wirkten die in vielen Fällen von uns versuchten subcutanen Injectionen
einer physiologischen Kochsalzlösung (0,6 : 100), täglich bis zu 50,0
und darüber, oft günstig durch Anregung der gesunkenen Herzenergie.
Wir bedienten uns dazu einer grossen 10,0 enthaltenden Pravazspritze,
und machten die Injectionen gewöhnlich unter die Bauchdecken oder am
') Verbandl. d. 4. Cougresses f. innere Modicin.
Diarrhoe. 505
Rucken. Ich möchte dieselben mit Epstein in allen Fällen empfehlen,
wo die Erscheinungen des Collapses noch in massigem Grade bestehen.
Später sah ich auch davon keinen Erfolg mehr.
IX. Der Darmcatarrh.
Catarrh der Darmschleimhaut kann, wie wir sahen, durch längere
Einwirkung chemisch abnormer Contenta, besondere durch die in Gäh-
rung begriffenen Fäcalmassen bei Dyspepsie und Cholera (S. 120 und
502) veranlasst werden. Dass auch Reize anderer Art, zumal Fremd-
körper, dieselbe Wirkung ausüben können, habe ich wiederholt beob-
achtet. Bei einem 2 '/Jährigen Mädchen entstand Erbrechen und hart-
näckige Diarrhoe durch den Genuss von Kalkstückchen und Eierschalen,
welche es auf dem Hofe aufgelesen und verschluckt hatte; bei dem
Kinde eines Friseurs bewirkte das Verschlucken abgeschnittener Haare
einen äusserst renitenten schleimigen Durchfall, welcher erst, nachdem
man seine Ursache, die Haare, in den Ausleerungen entdeckt hatte,
durch einige Gaben von Ol. ricini beseitigt wurde. Ausser solchen directen
Reizungen der Schleimhaut können aber auch atmosphärische Schäd-
lichkeiten (Erkältung, Durchnässung) Ursachen des Darmcatarrhs werden,
und in einer dritten Reihe von Fällen tritt er seeundär im Gefolge
verschiedener Infectionskrankheiten, am häufigsten der Masern, auf.
Im Allgemeinen wird das Colon häufiger und intensiver befallen, als
der Dünndarm.
Wie bei jedem Catarrh, findet auch hier eine vermehrte Schleim-
secretion statt, und man sieht daher in den flüssigen oder dünnbreiigen
Ausleerungen fast immer mehr oder minder reichliche Beimischungen
zäher Schleimfetzen oder Klümpchen, denen nicht selten auch Blut-
punkte und Striemen anhaften. Häufig wird dabei Tenesmus in Form
starken Drängens nach erfolgter Defäcation beobachtet, wobei ein kleiner
Theil der dunkel gerötheten Mastdarmschieimhaut mit herausgepresst
werden kann. Das Drängen und Pressen der Kinder kommt besonders
da vor, wo der unterste Theil des Colon mit oder ohne Einschluss des
Mastdarms Sitz des Catarrhs ist, während bei höherem Sitze desselben
nur ein geräuschvolles Ausspritzen der dünnen Massen aus dem Anus
stattzufinden pflegt. Bisweilen sieht man mit den Ausleerungen auch
zahlreiche lebende Madenwürmer abgehen, welche durch dio starke Darm-
bewegung und den Strom der Flüssigkeiten aus ihren Nestern fort-
geschwemmt wurden. Fieber kann dabei vollständig fehlen und tritt,
wo es vorhanden ist, immer nur als leichte Remittens auf (Morgentem-
peratur ganz oder nahozu normal, Abendtemperatur 38,0 — 33,5). Bei
506 Krankheiten der Verdauungsorgane.
gesteigertem Durst kann der Appetit normal, aber auch vermindert und
die Zunge massig grau belegt sein. Schmerzhafte Coliken verkünden
und begleiten häufig die Ausleerungen, können aber auch fehlen.
Diese Diarrhöen nehmen bei guter Pflege und Behandlung meistens
einen günstigen Ausgang. Eine Steigerung derselben zu so hohen Gra-
den, dass man sie als acute Enteritis bezeichnen müsste, ist selten.
Ein Beispiel bietet der folgende Fall:
Ein 2jähriger schwächlicher Knabe, welcher schon früher oft an Diarrhoe ge-
litten hatte, war 12 Tage vor meinem ersten Besuch plötzlich mit heftigen epilepti-
formen Anfällen, starkem Fieber und copiöser Diarrhoe erkrankt. Die beiden
letzten Erscheinungen hatten seitdem ununterbrochen fortgedauert und allen Mitteln
(Salzsäure, Ipecacuanha, Opium, Oolombo, Tannin, Höllenstein innerlich und in
Klystierform) hartnäckig Trotz geboten, ja seit 3 Tagen noch erheblich zugenommen.
Innerhalb 24 Stunden erfolgten 12—15 ganz dünne, spinatgrüne, mit vielem Schleim
vermischte Stühle, angekündigt und begleitet von heftigem Geschrei und rastlosem
Umherwerfen. Dabei starkes Fieber mit Kühle der extremen Theile. In den nächsten
Tagen zunehmender Collaps, Apathie mit halb geschlossenen Augen, kleiner sehr
frequenter Puls und leichter Meteorismus. Schliesslich Aufhören der Diarrhoe, erheb-
liche Zunahme des Meteorismus, Sopor und Tod am 17. Tage der Krankheit. See-
tion: Allgemeine Anämie, Fettleber, hochgradige Enteritis follicularis, welche
von der Mitte des Dünndarms bis zur Fiexura sigmoidea reicht; ausgedehnte Hyper-
ämie und Wulstung der Schleimhaut, zahlreiche angeschwollene und geplatzte Fol-
likel, an vielen Stellen ist die Mucosa siebförmig von kleinen runden Ulcerationen
mit hyperämischer Umgebung durchsetzt; Röthung und netzförmige Beschaffenheit
der Peyer'schen Plaques.
Hier gab schon der Beginn mit heftigem Fieber und eclamptischen
Anfällen, die wohl als reflectorische zu deuten sind, von der Schwere
der Erkrankung Kunde. Es handelte sich um eine acute folliculäre En-
teritis in grosser Ausdehnung, welche wahrscheinlich als plötzliche Stei-
gerung eines bereits vorhandenen chronischen Darmcatarrhs durch eine
unbekannt gebliebene Ursache (Diätfehler?) betrachtet werden musste.
Weit häufiger sehen wir, dass ein einfacher Darmcatarrh von den Eltern,
zumal in der Armenpraxis, vernachlässigt, auf die „Zähne" bezogen und der
Arzt erst consultirt wird, wenn Wochen und Monate darüber hingegangen
sind. Dieser Uebergang in den chronischen Zustand, dessen ich schon
bei der Dyspepsie (S. 120) gedachte, ist meistens die Folge von Ver-
nachlässigung. Die anomalen Darmausleerungen dauern eine Reihe von
Wochen mit wechselnder Frequenz fort, erfolgen bald selten, bald 10,
12 Mal täglich, wobei die Form des Unterleibs normal bleiben und
Oolikschmerzen ganz fehlen können, während in anderen Fällen über
Schmerz vor den Ausleerungen und Tenesmus geklagt wird, und der
Leib etwas rmteoristisoh aufgetrieben erscheint. Die Sedes sind mehr
Diarrhoe. 507
oder weniger flüssig, ihre Quantität und ihr Aussehen sehr verschieden,
grünlich braun, schwärzlich oder auch heller, mit Schleim vielfach ver-
mischt und sehr übelriechend. Auch kleine Mengen von Blut werden
nicht selten darin gefunden. Kräftige Kinder können, wenn die Diarrhoe
nicht gerade profus wird, Monate lang dabei bestehen, ohne dass Appetit
und Ernährung merklich leiden. Bei den meisten aber macht sich bald
Abmagerung, Welkheit der Haut und Muskeln, zunächst in der Gegend
der Adductoren des Oberschenkels, und blasse Hautfarbe bemerkbar.
Diese Erscheinungen steigern sich, wenn es nicht gelingt, der Diarrhoe
Einhalt zu thun, von Woche zu Woche, bis zu einem hohen Grade von
Entkräftung und Atrophie. Oft erfolgt beim Stuhlgange Vorfall der
Mastdarmschleimhaut, und schliesslich laufen auch wohl die Excremente
ununterbrochen aus dem gelähmten After heraus. Ein remittirendes
Fieber (38 — 39° Abends) begleitet fast immer diesen traurigen Zustand,
welcher unter zunehmendem Collaps, nicht selten mit terminaler Broncho-
pneumonie letal endet. In der letzten Zeit kommt es häufig zur Bil-
dung von Soor in der Mund- und Rachenhöhle und zu ödematöser An-
schwellung der Füsse, Hände und des Gesichts, welche als Folgen der
sinkenden Herzenergie und der dadurch bedingten venösen Stauung be-
trachtet werden müssen ; seltener lassen sich Thrombosen grösserer Venen
oder complicirende Nephritis als Ursachen nachweisen.
Selbst in diesen hochentwickelten Fällen lässt sich doch die Inten-
sität und Ausbreitung der anatomischen Veränderungen vor dem
Tode nie bestimmen. Oft genug überzeugte ich mich von der Richtig-
keit dieses Ausspruchs von Rilliet und Barthez, dass die Sectionen
hier Resultate ergeben können, welche mit den Erscheinungen im Leben
durchaus nicht harmoniren. Wenigstens gilt dies von den macroscopi-
schen Veränderungen. Die Hyperämie und Wulstung der Schleimhaut,
welche in chronischen Fällen gewöhnlich eine in's Braune oder Graurothe
spielende Farbe zeigt, kann grosse oder kleine Strecken betreffen, mit
oder ohne Anschwellung der Darmzotten, mit äusserst spärlichen kleinen
Ulcerationen in der Nähe der Klappen oder mit zahlreichen folliculären
Geschwüren des Dünn- und Dickdarms einhergehen, ohne dass während
des Lebens die Intensität oder die relative Geringfügigkeit der Symptome,
zumal der Diarrhoe, dem Grade der anatomischen Alterationen entsprochen
haben. Besonders hüte man sich vor der übereilten Annahme ausge-
dehnter Geschwüre, sobald copiöse Diarrhoe, zunehmende Atrophie und
remittirendes Fieber vorhanden sind. Ich war öfters überrascht, unter
diesen Umständen doch nur einen massigen Darmcatarrh und ein paar
vereinzelte folliculäre Geschwüre in der Nähe der Ileocoecalklappe oder
508 Krankheiten der Verdauungsorgane.
im Colon zu finden. Man versäume aber niemals, in solchen Fällen die
Mastdarmschleimhaut zu untersuchen, weil gerade hier der Catarrh und
die Geschwiirsbildung stark entwickelt sein können, während die höhe-
ren Darmtheile geringere Veränderungen darbieten. Andererseits fanden
wir wiederholt die ganze Schleimhaut vom unteren Ende des Ileum an
bis in's Rectum dunkelroth oder schieferig gefärbt und von zahlreichen
folliculären Geschwüren siebförmig durchsetzt. Microscopisch lässt sich
in der Schleimhaut mehr oder minder starke Rundzelleninfiltration und
Kernvermehrung nachweisen. Zu den häufigen Befunden gehört auch
die schon von Legendre erwähnte fettige Entartung der Leber, welche
nicht immer stark geschwollen, aber blassgelb, etwas matsch erscheint,
und microscopisch die Charaktere der Fettleber darbietet.
Die catarrhalischen Diarrhöen des Kindesalters müssen von Anfang
an ernst genommen, und den Eltern die genaue Beobachtung der ärzt-
lichen Vorschriften um so dringender an's Herz gelegt werden, als die
Gefahr hier bedeutender ist, wie bei Erwachsenen. Diese Gefahr wird
besonders durch die grössere Neigung der Darmfollikel zu Hyper-
plasie und Ulceration, und durch die Tendenz der Mesenterialdrüsen,
in Folge wiederholter oder andauernder Reizungen der Darmschleimhaut
anzuschwellen, und zu verkäsen, begründet. Es geschieht hier dasselbe,
was wir an den Bronchialdrüsen in Folge chronischer Bronchialcatarrhe
und Bronchopneumonien beobachten. Auf die weitere Möglichkeit einer
schliesslich daraus resultirenden allgemeinen Miliartuberculose brauche
ich nicht zurückzukommen.
Bei der Behandlung einer frischen catarrhalischen Diarrhoe
kommt es zunächst darauf an, ob vor ihrem Eintritt Verstopfung be-
standen, ferner, ob eine Indigestion den ersten Anlass gegeben hat.
Unter diesen Umständen wird man die Cur mit einem milden Purgans,
einem Kinderlöffel Ol. ricini oder einigen Dosen Calomel (0,015—0,05)
eröffnen, besonders wenn Tenesmus vorhanden, die Stühle quantitativ
gering, gar mit Blutpunkten oder Streifen vermischt sind. Nach der durch
diese Mittel bewirkten Entleerungstagnirender oder chemisch reizender Darm-
contenta sieht man nicht selten die Diarrhoe nach einigen Tagen ver-
schwinden. Da nun die meisten primären Darmcatarrhe der Kinder,
zumal in den ersten Jahren, ursprünglich dyspeptischer Natur sind,
so wird man in der Regel keinen Fehler begehen, wenn man in frischen
Fällen zuerst purgirend vorgeht, auch wenn man die veranlassende In-
digestion und Dyspepsie nicht sicher nachzuweisen vermag. Wenn aber
schon Tage lang reichliche dünne Ausleerungen bestanden haben, wenn
eine Erkältung oder der Missbrauch von Abführmitteln als Ursache zu
Diarrhoe. 509
constatiren sind, so rathe ich Ihnen, die Kinder in's Bett zu legen, recht
warm zu halten, nur eine schleimige, mehlige Diät zu gestatten und ein
Infus, rad. ipecac. mit einem Zusatz von Tinctura Opii (F. 29) zu
verordnen. Ich ziehe diese Formel dem ähnlich zusammengesetzten
Pulv. Doweri deshalb vor, weil ich das letztere, selbst in kleinen
Dosen, öfters Uebelkeit erregen sah, was beim Gebrauch jener Mixtur
nur ausnahmsweise der Fall war. Statt der Tinctur können Sie auch
Extr. Opii aquosum (0,002—0,005 pro dosi) anwenden; die Scheu
vieler Aerzte vor der Anwendung der Opiate in der Kinderpraxis ist bei
gehöriger Dosirung und Ueberwachung durchaus nicht gerechtfertigt.
Bietet die Diarrhoe diesen Mitteln Trotz und zieht sie sich über eine Woche
oder länger hinaus, so empfehle ich zunächst Bismuthum subnitri-
cum (Magister. Bismuthi) in grossen Dosen (schon im ersten Jahr 0,1,
später bis 0,5 2 stündlich, F. 60), von dessen Wirksamkeit ich mich in
einer sehr grossen Zahl von Fällen überzeugt habe. Aehnlich, aber
sicher nicht besser wirkta uch das jetzt beliebte Bismuthum salicylicum.
Die Stühle werden bei dem Gebrauch dieser Mittel schon nach wenigen
Tagen consistenter und nehmen eine graugrüne Färbung an, doch ist
oft ein längerer, mindestens 10 — 14tägiger Fortgebrauch nothwendig,
um Recidive zu verhüten. In hartnäckigen Fällen ist ein Zusatz von
Extract Opii aquos (0,003 — 0,005) zu jeder Dosis zu empfehlen. Die
von Manchen betonte Unwirksamkeit des Wismuths beruht meiner Ueber-
zeugung nach auf den viel zu kleinen und seltenen Dosen, welche viele
Aerzte anwenden. Dennoch wird man immer auf Fälle stossen, welche
auch diesem Mittel Trotz bieten. Wir appelliren dann zunächst an die Ad-
stringentia, unter welchen die Decocte der Rad. Colombo oder des
Cort. Cascarillae mit kleinen Opiumdosen (F. 31, 32) zwar wegen
des bitteren Geschmacks den Kindern schwer beizubringen, aber oft
wirksam sind. Auch Acidum tannicum (0,05—0,1 pro dosi) kann
den ohnehin schon schwachen Appetit noch mehr beeinträchtigen, leistete
mir aber, besonders in Verbindung mit Tinct. nucum vomic. (F. 33)
häufig gute Dienste. Unter den metallischen Mitteln verdient Argent.
nitricum 0,002 bis 0,003, (F. 34), und wenn dasselbe etwa eine Woche
lang erfolglos gebraucht wurde, Plumbum aceticum (0,01 — 0,015)
3 mal täglich mit kleinen Dosen Extr. Opii aq. (F. 35) Vertrauen.
Noch in anscheinend hoffnungslosen Fällen sah ich von dem letzteren
bisweilen Erfolg, niemals eine nachtheilige toxische Wirkung.
Man muss jedoch immer darauf gefasst sein, dass alle diese Mittel
erfolglos bleiben oder durch Erregung von Anorexie, Uebelkeit oder gar
Erbrechen nachtheilig wirken. Für solche Fälle besitzen wir in den
510 Krankheiten der Verdauungsorgane.
Klystieren und besonders in den Eingiessungen medicamentöser
Flüssigkeiten in den Darm ein Verfahren, welches, mit Consequenz an-
gewendet, gute Dienste leisten kann. Man benutzt dazu einen gewöhn-
lichen Irrigator oder Glastrichter, an welchem ein langer, mit einem
Endstück von Hörn oder Elfenbein versehener Gummischlauch befestigt
ist. Sie haben nur darauf zu achten, dass das in den Mastdarm ein-
geschobene Endstück frei in der Höhlung liegt und nicht gegen die
Darmwand gepresst wird, weil dann die Oeffnung verlegt wird, und die
Flüssigkeit nicht ausströmen kann. Sie erkennen dies sofort aus dem
unveränderten Niveau der Flüssigkeit im Trichter oder Irrigator, und
müssen dann das Endstück etwas herausziehen und behutsam wieder
vorschieben. Die Eingiessungen werden am besten nach vorheriger
Ausspülung des Darms mit lauem Wasser vorgenommen, und zwar in
der Knie-Ellenbogen- oder in der rechten Seitenlage. Wir benutzen in
der Regel eine Lösung von Plumb. acetic. (5:1000), seltener von
Alaun oder Tannin (20:1000) wovon etwa 500,0 eingegossen werden1).
Bei grosser Empfindlichkeit der Schleimhaut wird oft schon während der
Eingiessung ein Theil der Flüssigkeit wieder ausgestossen, während diese
sonst meistens 5 bis 10 Minuten, oft viel länger im Darm verblieb. Einer
der ersten auf diese Weise behandelten Fälle 2) verlief überraschend gut.
Mädchen von 2 Jahren, am 9. April 1874 mit einem schon seit Monaten
bestehenden chronischen Catarrh des Colon aufgenommen. Copiöse schleimige Durch-
fälle, Meteorismus, enorme Abmagerung. Nach der erfolglosen Anwendung innerer
Mittel (Colombo, Opium, Blei u. s. w.) wurden am 29. Eingiessungen der Solut.
Plumb. acet. begonnen und täglich einmal, später mit Alaun- und Tanninlösung ab-
wechselnd ausgeführt, alle inneren Mittel aber ausgesetzt. Stühle sofort von 5—6
täglich auf 2—3 vermindert. Fortsetzung bis zum 11. Juni, also beinahe 2 Monate
lang, worauf nur noch 2—3 ganz normale Stühle täglich erfolgten, der Meteorismus
verschwunden war, und das Kind an Körperfülle derartig gewonnen hatte, dass es
kaum wieder zu erkennen war. Anfangs August völlige Heilung.
Die seitdem fortgesetzten Versuche haben indess meine durch
diesen Fall hochgespannten Erwartungen nicht erfüllt. Wenn mir auch
immer noch Fälle vorkamen, in welchen schon die ersten Eingiessungen
überraschend günstige Wirkungen erzielten, blieb doch in vielen anderen
der Erfolg ganz aus oder war nur ein temporärer. Immerhin ist
dies Verfahren in hartnäckigen Fällen, welche allen inneren Mittel wider-
stehen, des Versuches werth, erfordert aber Beharrlichkeit, da die
') Das zu Klystieren vielbenutzte Argentum nitricum (0,05 bis 0,1 auf
50,0 Aq. dest.) habe ich als Eingiessung noch nicht in Gebrauch gezogen.
-) Charite-Annalen. Bd. I. S. 613.
Diarrhoe. 511
günstige Wirkung nicht immer gleich in den ersten Tagen zu er-
warten ist.
Auf grosse Schwierigkeiten stösst gerade bei Kindern das Fest-
halten an einer zweckmässigen Diät, ohne welche an Heilung nicht zu
denken ist. Dieselbe muss sich auf Fleischbrühe, gute Milch, Rothwein,
schleimige Suppe, Eier, Reis, Gries und fein geschabtes Fleisch be-
schränken; alle zur Gährung neigenden Dinge, Gemüse, rohes und ge-
kochtes Obst, Leguminosen u. s. w. sind ausgeschlossen. Gegen das
vielfach verordnete rohe geschabte Fleisch liegt nur das Bedenken vor,
dass sein Genuss Bandwurm erzeugen kann. Ob Milch dem Kinde be-
kommt oder nicht, muss der Versuch entscheiden. Ich scheue mich nie,
sie zu empfehlen, und sah oft die bis dahin ganz dünnen Stühle bei
Milchdiät sofort consistenter werden. Bedenkt man die milde Natur
dieses Nahrungsmittels, welches bei Reizzuständen der Alimentarschleim-
haut Erwachsener oft so Vortreffliches leistet, so muss die Besorgniss
vor der Anwendung desselben beim chronischen Darmcatarrh der Kinder
in der That übertrieben erscheinen. Bei älteren Kindern rathe ich auch
zu einem Versuch mit den getrockneten Heidelbeeren (Vaccinia
myrt.), aus denen man ein dickes Compöt bereiten und davon ein bis
zwei Untertassen voll täglich verzehren lässt. Dieses alte Volksmittel,
welches von den meisten Kindern gern genommen wird, zeigte sich mir
in Fällen, welche zwar nicht bedenklich waren, aber doch vielen Arz-
neien widerstanden hatten, überraschend schnell wirksam. Schon nach
24 Stunden sah ich danach dicke schwarze Ausleerungen, und bei fort-
gesetztem Gebrauch ohne Anwendung anderer Mittel Heilung erfolgen.
Auch der vorsichtige Gebrauch der Carlsbader Thermen (täglich früh
ein Brunnenbecher auf 34 — 40° erwärmt) ist in chronischen Fällen zu
versuchen. —
Ich habe nun noch einige Worte über diejenige Form des Darm-
catarrhs hinzuzufügen, welche secundär im Gefolge eines anderen
Krankheitsprocesses auftritt, nicht etwa als Complication, z. B. mit
Bronchialcatarrh, die zu manchen Zeiten ausserordentlich häufig ist,
sondern als ein wichtiges Glied, als eine Theilerscheinung im Gesammt-
bilde einer allgemeinen Erkrankung. Vor allem kommen hier die In-
fectionskrankheiten, besonders Masern und Typhus abdominalis in
Betracht. Während bei diesem im Gefolge der Darmdrüsenschwellung
ein, wenn auch oft nur beschränkter, Catarrh der Schleimhaut anato-
misch fast nie vermisst wird, giebt derselbe sich klinisch nicht immer
durch Diarrhoe zu erkennen, vielmehr gehören Fälle von Ileotyphus mit
constanter Stuhlverstopfung oder mit nahezu normalen Stühlen gerade
512 Krankheiton der Verdauungsorgane.
bei Kindern nicht zu den Seltenheiten. Bei den Masern ist der Darm-
catarrh schon im ßlüthestadium eine häufige Erscheinung, und manche
Epidemien zeichnen sich sogar durch das Vorwiegen hartnäckiger Diar-
rhöen, welche die Reconvalescenz verzögern können , aus. Seltener
finden wir sie beim Scharlachfieber, zumal in der einfachen Form,
wo sie nicht viel zu bedeuten haben. Die meisten Fälle aber, in denen
ich von vornherein sehr copiöse Diarrhoe beobachtete, waren maligner
Natur und nahmen einen letalen Ausgang.
Die anatomischen Charaktere eines mehr oder weniger ausge-
dehnten Darmcatarrhs mit oder ohne Anschwellung der Follikel fand
ich aber auch oft bei Kindern, die an den verschiedensten Krank-
heiten gestorben waren, und während des Lebens wenig oder gar nicht
an Diarrhoe gelitten hatten, so dass Niemand einen solchen Leichen-
befund für möglich gehalten hätte. Ja, diese latente Erkrankung der
Schleimhaut erreicht bisweilen einen über die Grenzen des Catarrhs
weit hinausgehenden Grad, und kann eine intensive hämorrhagische
Enteritis mit stellenweise croupösem oder diphtheritischem Cha-
rakter darstellen, ohne dass während des Lebens ein ernstliches Sym-
ptom von Seiten des Darmkanals beobachtet worden ist. Am ausge-
prägtesten fand ich diese Erscheinung in zwei Fällen von chronischer
Nephritis:
Otto W., 9 Jahre alt, Anfangs Januar mit Eczein und Nephritis chronica
(Oedem u. s. w) aufgenommen. Am 14. plötzlich Magenschmerzen und völlige
Anorexie; Zunge grauweiss, Epigastrium etwas aufgetrieben und beim Druck
empfindlich. Zwei dünne braune Stühle sollen erfolgt sein. In den nächsten Tagen
Fortdauer dieses Zustandes ohne Fieber, am IG. einmal Vomitus, Stuhl dauernd
normal, aber am 18. auch Schmerz in der unteren rechten Partie des Untorleibs.
Temp. nie 37,5 überschreitend. Zunehmende Schwäche, plötzlicher Tod am 19. Jan.
Die Section ergab neben einer exquisiten chronischen Nephritis im Fundus und
längs der grossen Curvatur des Magens starke Röthe und Schwellung der Schleim-
haut, welche hier von einer Lage zähen, blutig gefärbten Schleims bedeckt ist. Darm-
schleimhaut durchweg blutreich, im Ileum und Colon ascendens bedeutende Hyper-
ämie, verbunden mit zahlreichen Hämorrhagien und starker Schwellung der Peyer-
schen und Solitärdrüsen. Die Mesenterialdrüsen zum Theil bis zur Kirschengrösse
angeschwollen, derb, innen röthlich grau.
Wie gering waren hier die Symptome, Cardialgie, einmaliges Er-
brechen, nur zwei dünne Stühle während des ganzen Verlaufs und totale
Fieberlosigkeit, im Vergleich mit der haemorrhagisch-entzündlichen Affec-
tion der Magen- und Darmschleimhaut, welche die Section nachwies!
Noch intensiver war diese bei einem
Dysenterie. 513
11 jährigen Mädchen, welches mit Caries des Felsenbeins und chronischer
Nephritis in die Klinik aufgenommen wurde und nach wenigen Tagen unter urämi
sehen Symptomen zu Grunde ging, ohne dass während des Lebens irgend ein auf-
fallendes Darmsymptom beobachtet worden war. Bei der Autopsie fand sich das
ganze untere Dritttheil der lleumschleimhaut nicht nur dunkelroth durch Hyperämie
und hämorrhagische Infiltration, sondern auch streckenweise mit einer zusammen-
hängenden fibrinösen Auflagerung bedeckt, welche sich wie eine Croupmembran
abziehen Hess.
Wodurch in diesen Fällen die intensive Reizung der Alimentar-
schleimhaut bedingt war, bleibt dahingestellt. Vielleicht muss dabei
der Reiz des' von ihr abgesonderten und zersetzten Harnstoffs in An-
schlag gebracht werden, welcher von Treitz für Darmcatarrhe und
Ulcerationen der Schleimhaut bei chronischer Nephritis geltend gemacht
wurde. In klinischer Beziehung ist die Latenz einer so heftigen Er-
krankung auffallend und muss vielleicht im zweiten Falle durch die
alles überwiegenden Erscheinungen der Urämie, welche die letzten Tage
der Patientin ausfüllten, erklärt werden.
X. Die Ruhr, Dysenterie.
Die Ruhr wird mit Recht zu den Infectionskrankheiten gezählt,
aber in vielen Fällen, zumal in den beiden ersten Lebensjahren,
kann der Arzt im Zweifel bleiben, ob er es in der That mit der wirklichen in-
fectiösen Ruhr, oder nur mit einem nicht infectiösen acuten Catarrh
des Dickdarms zu thun hat. Schleim und kleine Mengen von Blut
können ja bei jeder catarrhalischen Diarrhoe in den Ausleerungen vor-
kommen, und auch der Tenesmus, welcher sich durch anhaltendes Stöhnen
und Pressen bei und nach dem Stuhlgang, und durch die Weigerung
der Kinder, ihren Sitz auf dem Nachttopfe zu verlassen, kund giebt, ist
dabei keine seltene Erscheinung. Erst wenn der Stuhlgang sich unge-
wöhnlich oft wiederholt, und entweder nur blutiger Schleim oder sehr
geringe, mit vielem Schleim und Blut vermischte Faecalstoffe entleert
werden, pflegt man den Fall als einen „dysenterischen" zu be-
zeichnen. Damit ist aber noch keineswegs ausgesprochen, dass er in
der That durch einen speeifischen Infectionsstoff ') veranlasst, also eine
„Ruhr" im wahren Sinne des Wortes ist. Anatomisch und klinisch han-
delt es sich nur um Colitis, für deren infectiöse Natur sich eigent-
lich nur die epidemische Häufung der Fälle zu gewissen Zeiten,
zumal in den Monaten August und September, oder wenigstens das
•) Prior, Centralbl. f. klin. Med. 1883. No. 17.
Heuocli, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 33
514 Krankheiten der Verdauungsorgane.
gleichzeitige Auftreten der Krankheit bei mehreren Mitgliedern der-
selben Familie, wie wir es öfters beobachteten, geltend machen lässt.
Sporadische Fälle von Colitis, selbst sehr intensive, werden immer
Zweifel in dieser Beziehung Raum geben.
Das Krankheitsbild bietet keine wesentlichen Unterschiedevon dem
der Erwachsenen. Meistens eröffnet Diarrhoe die Scene; erst nach 24 bis
48 Stunden treten die eigentlichen dysenterischen Stühle ein, bestehend
aus kleinen Mengen eines zähen, blutgestreiften, glasigen, bräunlichen
Schleims, welcher unter starkem Tenesmus sehr häufig, mitunter 5 bis
6 Mal und öfter in einer Stunde entleert wird. Colikschmerzen, Em-
pfindlichkeit und Auftreibung des Unterleibs, auch wiederholtes Erbrechen
sind nicht seltene Begleiter. Der Appetit ist erloschen, der Durst ge-
steigert, Fieber kann gänzlich fehlen oder sehr massig sein, so dass
nur in den Nachmittags- und Abendstunden 38,5—39° erreicht wird,
während in intensiveren Fällen eine Continua remittens mit Remissionen
in den Morgenstunden (38,0 M., 39,5 und darüber Ab.) besteht. Dieser
Zustand kann nach 8 — 10 Tagen, allmälig abnehmend, sein Ende er-
reichen, aber auch viel länger dauern. Bei einzelnen Kindern sah ich
Fieber, Tenesmus und zahlreiche Defaecationen (16 — 20 täglich) volle
3 "Wochen fortdauern, und erst dann Genesung eintreten. Schon in den
leichteren Fällen ist die Schwäche, welche sich im Pulse und noch mehr
in der ganzen Haltung der Kinder ausprägt, viel bedeutender, als bei
einfachen Darmcatarrhen von ebenso langer Dauer; auch ist die zurück-
bleibende anämische Blässe intensiver und nachhaltiger. In schweren
Fällen aber steigert sich die Schwäche in Folge der zahllosen schmerz-
haften, stets blutigen Ausleerungen und des stärkeren Fiebers bald zu
drohendem Collaps; Kühle der extremen Körpertheile, fadenförmiger
Puls, grosse Apathie und Somnolenz, welche nur durch Unruhe beim
Eintritt des Tenesmus und der heftigen Coliken unterbrochen wird, sub-
normale Temperatur (36 — 37°), schliesslich Paralyse des Sphincter ani
mit permanentem Offenstehen desselben und continuirlichem Abfluss
eines übelriechenden, oft membranöse Fetzen und Blutgerinnsel enthalten-
den bräunlichen Schleims, leiten allmälig in den durch äusserste Herz-
schwäche bedingten Tod hinüber. Die erwähnte Lähmung der Schliess-
muskeln gestattete mir bisweilen, durch Auseinanderziehen der Nates
den Anus so zu dilatiren, dass ich einen guten Einblick in das untere
Ende des Rectum ohne Anwendung des Spiegels gewann. Unter
diesen Umständen wird man immer ausgedehnte , meistens durch
„diphtherische" Necrose bedingte Substanzverluste der Colonschleim-
Dysenterie. 51.5
haut, von welcher oft nur noch Rudimente vorhanden sind, erwarten
dürfen:
Max M., 7jährig, aufgenommen am 13. Juli. Vor 5 Tagen angeblich nach dem
reichlichen Genuss von Kirschen starke Diarrhoe (6 Stühle, welche noch unverdaute
Kirschen enthielten). Schon am folgenden Tage aber bestanden die Stühle nur aus
Schleim und Blut, und erfolgten fast alle 15 Minuten, begleitet von starken Coliken
und Drängen. Der Knabe wurde alsbald theilnahmlos, matt und fieberte. An-
steckung nicht nachweisbar. Bei der Aufnahme grosse Blässe und Mattigkeit, Augen-
lider halb geschlossen, T. 39,4, P. 132, klein. Vollständige Anorexie, wenig Durst;
Zunge dick graugelb belegt, etwas trocken. Unterleib stark eingesunken, wenig em-
pfindlich, schlaff. Anhaltender Tenesmus, Colikschmerzen, stündlich wohl 6—8 spar-
same Ausleerungen, welche nur aus braungrünem blutigem Schleim bestehen.
Therapie: Ol. ricini 1 Kinderlöffel, Eisbeutel auf die Regio hypogastrica, Xeres-
wein. Abends Eingiessung einer Lösung von Plumb. acet. (5: 1000) in der. Darm
(s. S. 510) und Morphium. Am folgenden Tage unter Portdauer der Darmsymptome
kühle Extremitäten; T. 38,4, P. 132, fadenförmig, Seufzen und Stöhnen, Tod in
der Nacht zum 15.
Section: Im unteren Theil des Ileum 1' oberhalb der Klappe beginnt starke
Röthung der Schleimhaut, zu welcher sich bald eine diphtheritische Infiltra-
tion gesellt. Im Colon ascendens und transversum zahlreiche, durch Abstossung
derselben entstandene Ge seh würe, noch zahlreichere im Colon descendens, wo
auch frische diphtheritische Infiltration wieder auftritt. Diese greift auf das obere
Drittel des Mastdarms über, dessen untere zwei Drittel ganz frei sind. Alle übrigen
Organe intact.
Dieser äusserst rapide, kaum eine Woche dauernde Fall ist durch
den üiätfehler kaum zu erklären. Trotz des sehr acuten Verlaufs
war es bereits zu tief greifenden necrotischen Veränderungen der
Schleimhaut gekommen. Noch prägnanter finden wir diese in folgen-
den Fällen:
Richard S. , 8 Jahre alt, aufgenommen am 29. Juli. Vor 5 Tagen ohne Ur-
sache plötzliche Erkrankung mit starker Diarrhoe; schon nach 36 Stunden blutiger
Stuhlgang und Tenesmus, der sich seit den letzten Tagen fast alle 15 — 30 Minuten
wiederholt. Ausleerungen sehr gering, nur aus Schleim und Blut bestehend. Unter-
leib nicht aufgetrieben, wenig empfindlich; Zunge dick graugelb belegt, Anorexie,
grosse Schwäche, P. 132, klein, T. 36,5. Nach einem Löffel Ol. ricini enthält der
Stuhl ein paar Mal kleine Fäcalmengen, doch nur vorübergehend. Trotz 2mal täglich
wiederholter Eingiessungen von Solut. Plumbi acet , und dem innerlichen Gebrauch
von Inf. rad. ipecac. mit Opium, später auch von Argentum nitric. sowohl innerlich
(0,12:120) wie per rectum, keine Besserung. Heftige Schmerzen, anhaltende blutig
schleimige Sedes, zunehmende Schwäche mit wechselnder Qualität des Pulses, dessen
Frequenz von 104 bis 136 schwankt, und stets subnormale Temperatur (36,2
bis 37,2). Tod am 4. August nach einer Dauer von 12 Tagen.
Section: Colon stark contrahirt, Serosa desselben injicirt. Dünndarm, abge-
33*
516 Krankheiten der Verdauungsorgane.
sehen von leichtem Catarrh und Follikelschwellung intact. Im Coecum beginnt so-
fort eine lebhafte Röthung der Mucosa, von der Flexura hepatica an zickzackförmige
Geschwüre, theils in Vernarbung begriffen, theils mit diphthoritischer Auflage-
rung bedeckt. Letztere auch auf der die Geschwüre umgebenden Schleimhaut, welche
stark geröthet und gewulstet ist, als eine leicht abzuschabende, missfarbige, mürbe,
pseudomembranöse Schicht sichtbar. Weiter abwärts wird diese Veränderung ausge-
dehnter, die Schleimhaut hämorrhagisch. Von der Flexura lienalis an ist diese nur
noch in kleinen inselförmigen Resten vorhanden und verschwindet endlich
ganz, so dass die innere Oberfläche des stark verdickten Darms vollständig von
diphtheritischer Infiltration gebildet wird. Alle übrigen Organe intact. —
Bei einem 5jährigen Knaben, aufgenommen am 22. Juni, dauerte die
Krankheit nur 6 Tage mit äusserst stürmischen Erscheinungen, und dennoch ergab
die Section eine vom Colon ascend. bis zum Rectum stets zunehmende Verdickung
der Muscularis (unten 4Millim. dick) mit diphtheritischen Ulcerationen der Schleim-
haut, die schon im Coecum stellenweise total zerstört war und die Muskelhaut bloss-
gelegt hatte.
In anderen Fällen zieht sich der Verlauf weit länger, viele Wochen,
selbst Monate lang hin (Dysenteria chronica). Während dieser Zeit
zeigen die Symptome wechselnde Intensität; besonders eine temporär
fäculente Beschaffenheit der Ausleerungen kann trügerische Hoffnungen
erwecken. Bei einem am 19. September 1876 aufgenommenen 6jährigen
Mädchen dauerte die Krankheit auf diese Weise beinahe 8 Wochen, wobei
die Temperatur Morgens normal oder gar subnormal war, Abends aber
immer auf 39 — 39,7 stieg. Hier war der Wechsel rein blutiger und
schleimiger mit consistenteren, selbst Scybala enthaltenden Ausleerungen
besonders auffallend , wobei aber trotz aller therapeutischen Bemü-
hungen Schwäche und Abmagerung unaufhaltsame Fortschritte machten.
Die Section ergab fast dieselben Resultate wie in dem eben mitgetheil-
ten Fall des Knaben Richard S. Gerade diese protrahirten Fälle sind es,
welche selbst nach Ueberwindung der ersten drohenden Gefahren, ebenso
gut wie bei Erwachsenen, in Folge der narbigen Schrumpfung necroti-
sirter Strecken Stenosen des Colon oder des Mastdarms zurücklassen,
welche das Leben untergraben. Selbst in Fällen von mittlerer Inten-
sität muss man auf solche Fälle vorbereitet sein.
In Folge einer gerade nicht sehr schweren Dysenterie, aber auch
nach einfachen acuten Darmcatarrhen, beobachtete ich bei mehreren
Kindern Erscheinungen, welche die Eltern und den Arzt lebhaft beun-
ruhigten. Es handelte sich um schleimig-membranöse, öfters blutig ge-
streifte Massen, welche ohne Schmerz und Tenesmus von Zeit zu Zeit
entleert wurden, wobei aber der Stuhlgang sonst normal und das Allge-
meinbefinden ungestört erschien. Dieser Abgang, der mitunter „wurm-
artig" beschaffen war und auch von den Müttern so gedeutet wurde, er-
Dysenterie. 517
folgte mitunter täglich, bald mehr bald weniger reichlich, meistens eine
oder ein paar Wochen hintereinander, worauf dann wieder Wochen, ja
Monate lange Intervalle eintraten, in denen trotz täglicher genauer
Untersuchung des Stuhlgangs nichts Verdächtiges wahrgenommen wurde.
Breitete man den Abgang in Wasser aus, so bildete er flottirende, zarte,
blutige Fetzen, welche unter dem Microscop als eine grösstentheils struc-
turlose, zum Theil faserige Masse mit eingestreuten Blut- und Eiter-
körperchen erschienen. Ich sah diese Abgänge sich Jahre lang von
Zeit zu Zeit wiederholen, konnte mich aber zweimal von einer voll-
ständigen Heilung überzeugen. Da die locale Untersuchung des Rectum
mit Finger und Spiegel keine Abnormität ergab, so musste der Sitz des
Uebels höher oben, wo er nicht zu erreichen war, gesucht werden, und
es liegt nahe, hier Residuen in Form von beschränkten entzündlichen
Processen der Colonschleimhaut anzunehmen, welche zeitweise heilen,
dann unter dem Einfluss von Reizen, z. B. Fäcalretentionen, wieder exa-
cerbiren. In keinem dieser Fälle gelang es mir bis jetzt, durch adstrin-
girende innerliche Mittel oder Eingiessungen in den Darm Heilung zu
bewirken ; bei zwei Kindern erfolgte diese nach Jahre langer, von Inter-
vallen unterbrochener Dauer spontan1). In dem folgenden Fall han-
delte es sich wahrscheinlich um ein ulceröses Residuum, dessen Heilung
durch eine Localbehandlung gelang.
Ein 2j ährig es Kind, welches am 30. Januar 1877 in die Poliklinik gebracht
wurde, hatte Anfangs Deceinber 1876 im Gefolge der Masern eine Colitis mit
blutigen Stühlen und Tenesmus überstanden, welche nach 3 wöchentlicher Dauer
folgenden Zustand hinterlassen hatte: täglich erfolgten etwa 4—6 Stühle, von denen
einige breiig fäculent, andere mit Blut und eiterigem Schleim vermischt waren, oder
nur aus kleinen Mengen von Schleim und Blut bestanden. Tenesmus und Prolapsus
ani fehlten dabei fast nie. Das Kind war blass und mager, bot aber sonst nichts
Krankhaftes dar; auch die Untersuchung des Mastdarms blieb resultatlos. Von der
Annahme einer nach der Colitis zurückgebliebenen Ulceration ausgehend, Hess ich
täglich ein Klystier von Argent. nitr. (0,1:60), und nach 5 Tagen Klystiere von
Alaun (1 Theelöffel auf einen Tassenkopf Wasser) appliciren, worauf binnen 14 Tagen
alle krankhaften Symptome verschwunden waren.
Die Behandlung der Dysenterie ist in allen Lebensaltern dieselbe.
Ich eröffne die Cur in frischen, höchstens einige Tage alten Fällen mit
einem milden Abführmittel, einem Kinderlöffel Ol. ricini oder einer
grösseren Dosis Calomel (0,1 bis 0,3) und gebe eine Emulsio ricinosa
(F. 36), oder Calomel zu 0,03 — 0,05 3 stündlich ein paar Tage fort.
Erst wenn die Stühle fäculent geworden und grössere Fäcalanhäufungen
') Vergl. Loos, Prager med. Wochenschr. 1889. No. 50.
518 Krankheiten der Verdauungsorgane.
im Darm beseitigt sind, gehe ich zu einem Infus rad. ipecac. mit Zusatz
von Tinct. theb. oder Extr. Opii aq. (F. 29) über. Bei starker Auf-
treibung und Empfindlichkeit des Unterleibs wird ein Eisbeutel appli-
cirt, als Nahrung nur in Eis gekühlte Milch, höchstens etwas Hafer-
schleim und Bouillon gestattet. Diese Behandlung führt in den leich-
teren Fällen (der sogenannten catarrhalischen Dysenterie) meistens zum
Ziel, aber auch schwerere kommen dabei durch.
Carl B., 9jährig, Dysenterie seit 4 Tagen. Sehr heftige Colik, zahlreiche aas-
haft stinkende Stühle, fast nie fäcal., meist nur aus einem Theelöffel voll Blut und
Schleim bestehend, mit heftigem Tenesmus und Prolapsus ani. Sphincter ani ganz
schlaff. Mastdarmschleimhaut gleich über dem gerötheten Anus geschwollen, grau-
weiss belegt, zum Theil ulcerirt. T. nur 37,8; kühle Hände und Füsse. Unterleih
wenig empfindlich, nicht aufgetrieben. Behandlung mit Ricinusöl und Ausspülun-
gen des Rectum mit einer 2proc. Borsäurelösung, später Emulsion mit Extr. Opii aq.
Allmätige Besserung, Ausstossung necrotischer Fetzen aus dem Anus. Schleimhaut
reinigt sich. Schliesslich Bismuth. subnitr. 0,3 5 mal tägl. Heilung in 14 Tagen.
In sehr hartnäckigen Fällen mag man auch die (S. 510) erwähnten
Eingiessungen von Tannin, Alaun und Plumbum aceticum versuchen,
denen man jedesmal eine Irrigation des Darms mit einer Lösung von
Bor- oder Salicylsäure (1 : 1000) vorausschickt. Die Eingiessungen
können 2 Mal täglich vorgenommen werden.
Hedwig H., 11 Jahre alt, aufgenommen am 2. Juli. Vor 3 Tagen, angeblich
nach dem reichlichen Genuss von Johannisbeeren, heftige Colik und Diarrhoe. Schon
am folgenden Tage starker Tenesmus, fortdauernde Leibschmerzen und an Frequenz
stets zunehmende, nur aus Blut und Schleim bestehende Stühle. Bei der Aufnahme
erfolgen dieselben wohl 15—20 Mal täglich; Leib beim Druck schmerzhaft, massig
aufgetrieben, Durst; graugelb belegte Zunge. T. 38,4, P. 120. Nach einem Löffel
Ricinusöl fäculente Ausleerungen, die aber sehr bald wieder den dysenterischen Platz
machen. Dasselbe geschieht nach einer zweiten Dosis Ricinusöl, und auch der Ge-
brauch von Calomel (0,03 mit Extr. opii aq. 0,01 2stündl.) bleibt bis zum 6. ohne
wesentlichen Erfolg. Der Bauch ist gespannt und empfindlich. Einmal ist auch Er-
brechen eingetreten, die Temp. Mg. 37,4, Ab. 39,0. Nachdem auch eine Emulsio
ricinosa ohne Erfolg geblieben, wurden vom 8. an 2mal täglich Eingiessungen einer
Auflösung von Plumb. acet. (5:1000) in den Darm eingeführt und bis zum 12. con-
sequent fortgesetzt, alle anderen Mittel weggelassen. Während dieser Tage vermin-
dert sich die Frequenz der Stühle, dieselben werden dauernd faeculent, wenn sie
auch noch immer zeitweise etwas Blut und Schleim enthalten, die Temp. wird fieber-
los (36,9—37,6), Puls 104—108. Vom 12. an statt der Eingiessungen innerlich Ma-
gist. Bismuthi 0,2 2stündl. Am 15. vollkommen fester faeculenter Stuhl; Wohlbe-
finden. Am 24. Entlassung.
Dass aber in schweren Fällen von Dysenterie sowohl die Ein-
giessungen, wie die gerühmtesten Interna (Ipecacuanha, Nux vomica,
Stuhlverstopfung. 519
Argent. nitr., Magist. Bismuthi u. a.) häufig erfolglos bleiben müssen,
wird Jedem klar sein, der nur ein paar Mal Gelegenheit hatte, die
furchtbaren Verwüstungen des Darmkanals, welche diese Krankheit
hinterlässt, auf dem Sectionstische zu beobachten. —
Diagnostische Irrthümer können durch Fremdkörper im Mastdarm
der Kinler entstehen, welche anhaltenden Tenesmus, blutig-jauchigen
Ausfluss, Offenstehen des Anus und partielle Necrose der Schleimhaut
bedingen. Ich beobachtete z. B. einen Fall, in welchem massenhaft
genossene Samenkerne der Sonnenblume, die im Rectum stecken blieben
und mechanisch entfernt werden mussten, einen solchen Process hervor-
riefen; in anderen Fällen waren Anhäufungen von Roggenkörnern daran
Schuld '). Man versäume daher nie eine genaue Localuntersuchung des
Mastdarms.
XL Die Stuhlverstopfung.
Schon bei kleinen Kindern, selbst Säuglingen, wird die Hülfe des
Arztes sehr häufig wegen Obstructio alvi in Anspruch genommen. Ich
lasse dahingestellt, ob die anatomisch nachzuweisende relativ geringere
Entwickelung der Darmmuskelschicht in diesem zarten Alter als dis-
ponirend betrachtet werden darf. Jedenfalls giebt es viele Kinder,
welche ohne künstliche Nachhülfe Tage lang verstopft bleiben, oder nur
mit grosser Anstrengung, wobei sie dunkelroth im Gesicht werden, ganz
harte Scybala auspressen, welche beim Hineinfallen ins Nachtgeschirr
steinähnlich klappern, und durch ihre mechanische Einwirkung kleine
Erosionen und Blutungen aus dem Anus erzeugen können. Man findet
daher oft an diesen harten Fäcalknollen Blutspuren. Auffallend ist
dabei oft die helle, blassgelbe oder weisslich graue Farbe der Fäces,
die mitunter gerade so aussehen, wie beim Icterus, ohne dass aber eine
Spur von Gelbsucht wahrzunehmen oder das Befinden sonst in irgend
einer Weise gestört ist. Es könnte sich daher um mangelhafte Abson-
derung von Galle oder um eine blassere Farbe ihres Pigments handeln»
worüber indess, so viel ich weiss, bis jetzt nichts Genaueres bekannt
ist. Auch ein vermehrter Kalkgehalt der Fäces soll eine derartige Be-
schaffenheit erzeugen können. Bei Säuglingen, welche zum Theil seit
der Geburt an Verstopfung leiden, kann diese mit einem Wechsel der
Amme oder mit der Entwöhnung ihr Ende erreichen, oft aber dauert
sie bis in das spätere Alter fort. Bei vielen bewirkt erst eine ge-
mischte Nahrung und (leissige Körperbewegung allmälige Besserung.
') Revue mens. Nov. 1880. p. 510, 519.
520 Krankheiten der Verdauungsorgane.
Bemerkens werth ist, dass ohne erkennbare Ursachen der Stuhlgang
plötzlich Tage- oder Wochenlang spontan erfolgen, dann aber wieder
die frühere Verstopfung eintreten kann. Solche günstige Wirkung sah
ich wiederholt von Reisen oder auch vom Eintritt in die Schule. Ge-
wöhnlich suchen sich die Mütter selbst durch Darreichung von Pulv.
magnes. cum rheo, Pulv. liquir. comp., Ol. ricini, Tinct. rhei, Tama-
rindenconfect, Klystiere u. s. w. zu helfen, ehe sie den Arzt aufsuchen,
müssen aber immer grössere Dosen dieser Mittel anwenden, um genügend
Wirkung zu erzielen. Am besten ist es, sich in solchen Fällen mit
Ausschluss aller inneren Mittel auf die tägliche Application eines Seif-
zäpfchens, eines Klystiers von Glycerin (2 — 5 Gr.) oder von kaltem
Wasser zu beschränken, welchem man bei sehr hartnäckiger Obstruction
eine Prise Kochsalz zusetzen kann. Mit diesem Verfahren, und besonders
mit Geduld kommt man oft zum Ziel. Auch die Massage des Unter-
leibs1) habe ich in solchen Fällen wiederholt, aber nicht constant mit
Erfolg, in Gebrauch gezogen.
Krankhafte Erscheinungen begleiten diese Art von Obstruction fast
niemals, wohl aber sah ich bei zwei Knaben von 7 — 9 Jahren in Folge
massenhafter Kothanhäufung im Dickdarm eine enorme Auftreibung
des ganzen Unterleibs zu Stande kommen. Durch ihre halbkugelige
Form, grosse Spannung und partielle Druckempfindlichkeit machte die-
selbe nicht bloss die Eltern, sondern auch den Arzt ernstlich besorgt,
und ich selbst konnte beim ersten Anblick den Verdacht einer chroni-
schen Peritonitis nicht unterdrücken. Beide Patienten waren die Kinder
vermögender und sehr zärtlicher Eltern, und wurden mit allen möglichen
unpassenden Leckerbissen (Austern, Pasteten u. s. w.) vielfach gefüttert,
ohne dass man daran dachte nachzusehen, ob denn auch die Defäcation
dieser Polyphagie entsprechend von Statten ging. So entstand allmälig
jene enorme Ausdehnung des Darmkanals durch Kothmassen und Gas,
welches sich aus diesen entwickelte, und erst durch eine Wochen lang
fortgesetzte tägliche Anwendung von Abführmitteln bei strenger Diät
(Fleischnahrung, Compot, Ausschluss aller Amylaceen und Leguminosen)
gelang es, die Auftreibung des Bauchs allmälig zu ermässigen und end-
lich ganz zu beseitigen, wobei die massenhaften scybalösen und breiigen,
äusserst dunklen und stinkenden Ausleerungen, welche täglich ganze
Töpfe füllten, unser Staunen erregten. Als Abführmittel empfehle ich
für solche Fälle besonders Electuar. e Senna, entweder rein zu 1
bis 2 Theelöffel täglich, oder nach F. 28. Nur bei wenigen Kranken
') Karnitzky, Äroh. f. Kinderheilk. Bd. 12. 66.
Stuhlverstopfung. 52 1
bewirkt es so starke Oolik, dass man es aussetzen muss; meistens kann
man es mit gatem Erfolg ein paar Wochen hinter einander nehmen
lassen. —
In manchen Fällen, welche fast ausschliesslich ^kleine Kinder im
ersten und zweiten Lebensjahre betrafen, wurde die Verstopfung durch
Schmerz am Anus bedingt. In dem Augenblick der Defäcation
entstand nämlich eine schmerzhafte Oontractur des Sphincter
ani, und machte die Entleerung der Faeces, welche die Kinder wieder-
holt versuchten, unmöglich. Jeder Versuch erregte sofort lebhaftes Ge-
schrei und wurde alsbald wieder aufgegeben, so dass bisweilen mehrere
Tage vergingen, ohne dass eine Ausleerung erfolgte'). Bei der Unter-
suchung des Anus findet man dann gewöhnlich einen oder auch ein paar
schmale rothe Längsrisse (Fissuren) in den die Anusöffnung umgebenden
Hautfalten, gerade an der üebergangsstelle der äusseren Haut in die
Schleimhaut, welche bei der Berührung äusserst empfindlich und viel-
leicht durch die mechanische Einwirkung harter Scybala entstanden sind.
Von diesen Fissuren aus scheint reflectorisch jene schmerzhafte, die
Defäcation hemmende Contractur des Sphincter ani auszugehen2). Oefters
wird mit den harten Kothbalien etwas blutiger Schleim oder selbst reines
Blut tropfenweise entleert. Mitunter liegt die Fissur auch höher, ober-
halb des Anus in der Schleimhaut, und kann dann nur durch Unter-
suchung mit dem Mastdarmspiegel erkannt werden. Ich lasse es dahin-
gestellt, ob in dem folgenden Fall eine solche interne Fissur oder eine
primäre Contractur des Sphincter ani vorhanden war. Bei einem 1 '/, jäh-
rigen Kinde konnte ich trotz sorgfältiger Untersuchung (aber ohne Spiegel)
keine Fissur finden, und doch war die Contractur des Sphincter so stark,
dass der Versuch, mit dem kleinen Finger durch den Anus einzudringen,
stets energischen Widerstand fand. Nachdem ich den Eingang indess
gewaltsam erzwungen und dabei deutlich das Gefühl einer partiellen
Zerreissung gehabt hatte, war das Uebel sofort beseitigt. Schmerz und
Contractur hörten auf, und nachdem ein paar Tage lang noch Oleum
ricini gebraucht worden, erfolgte der Stuhlgang ohne weitere Störungen.
Diese mechanische Therapie, Dehnung oder Zerreissung des Sphincter,
genügt aber nicht immer, wenn Fissuren vorhanden sind. Man wird
') Demme (19. Jahresber.) sah bei einem 13 Monate alten Kinde mit Fissura
ani nur alle 8—10 Tage schmerzhaften harten Stuhlgang erfolgen, welchem stets
linksseitige Choreabewegungen einige Tage vorausgingen.
2) Aehnliche Erscheinungen beobachtete Betz (Memorabil. IV. Lief. 12) in Folge
eines Eczema ani.
522 Krankheiten der Verdauuugsorgane.
dann durch Aetzen derselben mit Lapis infernalis, oder durch Bestreichen
mit Tanninsalbe (1:20) bei gleichzeitigem Gebrauch von Purgantien die
Heilung versuchen. Um die Empfindlichkeit beim Stuhlgange zu ver-
mindern, mag man Pinselungen mit einer (5 — 20 pCt ) Cocainlösung
oder Einreibungen einer Salbe von Cocain (1,0 auf 20,0 Fett) versuchen.
Kommt man damit nicht weiter, so ist die Excision oder Spaltung der
Fissur und der angrenzenden Muskelfasern des Sphincter ani vorzunehmen.
Unter allen Umständen muss man hier energisch eingreifen, weil sonst
die im Rectum angehäuften Massen durch ihren Reiz zu anhaltendem
Tenesmus, und bald auch zur Secretion eines übelriechenden Schleims
Anlass geben können. —
Bei weitem bedenklicher, als die bisher erwähnten Ursachen der Stuhl-
verstopfung, sind natürlich diejenigen, welche eine Unwegsamkeit des
Darmrohrs an irgend einer Stelle seines Verlaufs und dadurch Ileus
herbeiführen können. Schon unmittelbar nach der Geburt kommt dieser
vor, und gestattet dann die Diagnose einer angeborenen Ste-
nose oder einer partiellen Atresie des Darmkanals. Das Duodenum
und die Ileocoecalpartie zeigen am häufigsten diese angeborenen Fehler, doch
kann, wie der folgende Fall lehrt, auch jede andere Darmpartie Sitz
derselben sein:
Kind von 3 Tagen, aufgenommen am 7. Januar mit gänzlich verkümmerten
Händen und Füssen (Pinger und Zehen fast ganz fehlend), sonst gut entwickelt.
Seit der Geburt noch kein Stuhlgang, dagegen Erbrechen aller genossenen
Milch und schwärzlich grüner Massen. After und Rectum normal beschaffen, Un-
terleib massig gespannt, fast gar nicht aufgetrieben. Kein Fieber. Diagnose:
Atresie einer Strecke des Dünndarms, weil der Meteorismus fehlte, der bei
tieferem Sitz der Atresie hätte vorhanden sein müssen. Bis zum 18., dem Todestage,
keine erheb'iche Veränderung, langsamer Verfall. Section: Duodenum und Je-
junum in einer Strecke von 80 Ctm. bis zur Dicke eines starken Daumens dila-
tirt und in einen 20 Ctm. langen, 5 Ctm. im Durchmesser haltenden Blindsack
endend; darauf folgt ein 7 Ctm. langer solider Strang von der Dicke einer
Stricknadel (das obliterirte Darmstück) und dann der leere und collabirte Rest des
Darmkanals.
Bemerkenswerth ist hier die Combination der foetalen Darmobli-
teration mit dem Defect der Finger und Zehen, ein Zusammentreffen,
welches die Diagnose der ersteren wesentlich unterstützte '). Die weit
') Vergl. Gärtner, Jahrb. f Kinderheilk. XX. 1883. S. 403. — Tobeitz,
Arch. f. Kinderh. VII. S. 117. — Dass auch angeborene Dilatationen des Dick-
darms anhaltende Obstruction erzeugen können, beweisen einige Beobachtungen von
Hirschsprung (Jahrb. f. Kinderheilk., XXVII. S. 1 u. Pädiatr. Arbeiten. Festschr.
Stuhlverstopfung. 523
häufiger zu beobachtende Atresie des Anus, welche der durch den
Mangel der Meconiumentleerung beunruhigte Arzt alsbald entdeckt,
soll uns als ein der Chirurgie anheimfallender Fehler nicht länger be-
schäftigen. Ich gehe vielmehr gleich zu den Krankheitszuständen über,
welche in einem normal entwickelten kindlichen Darmkanal Erschei-
nungen von Ileus hervorbringen können.
Im Allgemeinen finden wir hier dieselben Verhältnisse wie bei Er-
wachsenen, nur nicht alle in gleicher Häufigkeit. So gehören z. B.
Brucheinklemmungen, welche bei den letzteren unter den Anlässen
des Ileus die erste Stelle einnehmen, bei Kindern zu den Seltenheiten.
Dass man aber auch hier an diese Möglickeit denken muss, beweisen
Fälle von Hernia incarcerata, welche ich selbst bei Kindern in den
ersten Wochen des Lebens beobachtete und die zum Theil glücklich
operirt wurden '). Man wird daher auch bei einem an Ileus leidenden
Kinde, und sei es noch so jung, die Untersuchung der bekannten Bruch-
pforten nie verabsäumen dürfen. Weder diese Art des Ileus, noch die
durch Volvulus, Stenosen des Darmrohrs oder obstruirende Darmcontenta,
z. B. durch einen Kothstein veranlasste, bieten Verschiedenheiten von
den bei Erwachsenen beobachteten Fällen dieser Art dar.
2j ähriges Kind, aufgenommen am 7. December. Vor 3 Tagen plötzlich an-
haltendes Erbrechen, unbesiegliche Stuhlverstopfung, enormer Meteorismus mit sicht-
bar hervortretenden Darmwülsten und dumpf tympanitisohem Schall, Plätschern im
Leibe beim Palpiren, Unruhe, zunehmender Collaps mit kühlen Extremitäten, Apathie,
zuletzt Erbrechen bräunlicher foetider Massen. Tod am folgenden Tage.
Section: Dünndarmschlingen mit Flüssigkeit strotzend gefüllt, das Colon fast
verdeckend. Dies und das Rectum fast leer. In der Mitte ist das Ileum durch
Achsendrehung (Volvulus) gänzlich verschlossen, durch ältere und frische Ad-
häsionen mit den Nachbartheilen fest verlöthet, dunkelblauroth.
Wie in diesem Fall alte peritonitische Adhäsionen den Anlass zum
Volvulus gaben, so können sie auch durch Abknickung und Fixation
des Darmrohrs Kothstauung oberhalb dieser Partie und deren Folgen,
Berlin 1890). Dieser Autor beschreibt drei Fälle von angeborener enormer Dila-
tation der Flexura sigmoidea und des Colon transversum bei Kindern im ersten
Lebensjahre, mit bedeutender Verdickung der Darmwändo und zahlreichen tiefdrin-
genden Ulcerationen, welche er von einer phlegmonösen Enteritis herleitet. Hier
waren auch Verstopfung, Auftreibung des Unterleibs und Anfüllung des Rectum
mit Faecalmassen, die mechanisch entfernt werden mussten, die Hauptsymptome.
Einen ähnlichen Fall, dem aber die Bestätigung durch die Section fehlt, habe ich
selbst in meinen ßeitr. zur Kinderheilk. Berlin 1861. S. 123 mitgetheilt.
') Berliner klin. Wochenschr. 1879. S. 488 u. 677. — Demme's Jahresbor. f.
1878. S. 58. - Arch. f. Kinderheilk. III. 1882. S. 203 ff.
524 Krankheiten der Verdauungsorgane.
Anfälle heftiger Colik, schwer zu beseitigende Verstopfung und Er-
brechen herbeiführen, welche sich Jahre lang in unbestimmten Inter-
vallen wiederholen und schliesslich unter den Symptomen des Ileus letal
enden. Ganz ähnlich wirken alte peritönitische Stränge oder angeborene
Spalten im Mesenterium, in welchen gelegentlich Darmschlingen hinein-
gerathen und eingeklemmt werden. Die erwähnten Anfälle der Kin-
der sind daher immer ernst aufzufassen, zumal wenn sie sich öfter
wiederholen.
Emma G., 9jährig, aufgenommen am 14. Nov. Seit ihrem dritten Lebens-
jahr öfter Anfälle heftiger Leibschmerzen, Verstopfung und Erbrechen, welche
mehrere Stunden, auch länger, dauerten, und nach der Wirkung eines Purgans ver-
schwanden. Seit 14 Tagen anhaltende Colikschmerzen, Verstopfung und häufiges
Erbrechen. Blassgelbliche Gesichtsfarbe, Unterleib oberhalb des Nabels aufgetrieben,
unterhalb eingesunken. Bauchdecken hart, darunter derbe Wülste palpirbar. Druck
wenig empfindlich. Zeitweise heftige Colik, Geschrei und Anziehen der Beine. Sonst
alles normal. Kein Fieber. P. 88—120, klein. Ol. ricini bewirkt einige dünne,
dunkle, mit kleinen Kothballen vermischte Stühle. Die Schmerzanfälle dauern aber
fort, Erbrechen seltener. Injectionen von Morphium (0,15) wirken nur vorübergehend.
Opium, Eispillen, Eingiessungen von Eiswasser ohne Wirkung. Zunehmendes Er-
brechen, Collaps. Tod am 19.
Section: In der Bauchhöhle 30,0 blutiges Serum. Dünndarmschlingen dunkel-
roth, glatt und feucht, massig ausgedehnt. Coecum mit Proc. vermif. liegt im linken
Hypochondrium, nahe der Milz. Der ganze Complex der Dünndarmschlingen hat um
die Wurzel des Mesenterium eine Drehung um die halbe Längsachse nach links
erfahren. Omentum gespalten, zart, fettarm, läuft in zwei Stränge auseinander,
und in dieser festen Schlinge ist der ganze Dünndarm durchgeschoben, so dass an
der etwas verdickten Wurzel des Mesenterium der absteigende Schenkel des Duodenum
und der letzte Abschnitt des Ileum beim Anziehen der Schlinge stark eingeschnürt
werden. Der genannte Theil des Duodenum ist ferner bei der Achsendrehung mit
um die Wurzel herumgeschlungen und 3 Ctm. lang aufs äusserste comprimirt.
Oberhalb dieser Stenose ist das Duodenum stark erweitert. Darminhalt rein blutig.
Im Colon Facces. Sonst alles normal.
Die Wirkung des Ricinusoels bald nach der Aufnahme beweist, dass
der vollständige Verschluss erst in der letzten Zeit zu Stande
gekommen ist. — Dem Kindesalter fast ausschliesslich eigen ist nur die
sehr selten gefundene Obturation des Darmlumens durch einen Klumpen
mit einander verschlungener Spulwürmer; aber auch hier kann nur von
einer Vermuthung, nicht von einer sicheren Diagnose die Rede sein.
Charakteristischere Erscheinungen bietet nur eine Art des Ileus dar, die
gerade die häufigste bei Kindern ist, dielntussusception (Invagina-
tion, Darmeinschiebung).
Ich spreche hier nicht von den oft mehrfachen kleinen Invagina-
tionen im Verlaufe des Dünndarms, welche man in den Leichen vieler
Intussusception. 525
an den verschiedensten Krankheiten gestorbener Kinder findet. Das Fehlen
aller Symptome, der geringe Umfang und die Leichtigkeit, mit welcher
das eingeschobene Darmstück schon dem leisen Zuge der Hand folgt,
beweisen, dass diese Invaginationen erst kurz vor dem Tode während der
Agonie entstanden sein können. Die Intussusception aber, mit welcher
wir es hier zu thun haben, betrifft immer einen grösseren Theil des
Darmkanals, und zwar gewöhnlich in der Art, dass das untere Ende
des-Ileum mit dem Coecum sich in das Colon ascendens einstülpt, und
beim weiteren Vorrücken nach unten auch das letztere umgestülpt in
das Colon transversum oder descendens mit herabzieht. In vielen Fällen
ist die Invagination freilich eine beschränktere und erreicht nur eine
Länge von 6—8 Ctm. Die Ausdehnung kann aber viel bedeutender
werden, und Fälle, in welchen das untere Ende des Ileum, das Colon
ascendens und transversum bis in das absteigende Colon einge-
stülpt waren, und die Spitze des Intussusceptum im Rectum gefühlt
oder gar aus diesem herausgedrängt wurde, sind wiederholt beobachtet
worden.
Die grösste Zahl der Invaginationen, welche im Kindesalter vor-
kommen, fällt in das erste Lebensjahr. Die Ursache dieser auffallen-
den Disposition ist nicht bekannt; den von Manchen geltend gemachten
starken passiven Bewegungen, insbesondere dem Hin- und Herschwingen
der Kinder in horizontaler oder verticaler Richtung, wird man kaum
einen so nachtheiligen Einfluss zuschreiben können, wenn man damit die
heftigen activen Bewegungen älterer Kinder vergleicht, welche doch
ungleich seltener an Intussusception leiden. Auch vorausgehende Diar-
rhöen, welche als Ursache beschuldigt werden, fehlten in vielen Fällen.
Die Diagnose beruht vorzugsweise auf dem Complex dreier Symptome:
Stuhlverstopfung, Erbrechen und Blutabgang aus dem After.
In der Regel beginnt die Krankheit ganz plötzlich inmitten voller Ge-
sundheit mit heftigem Geschrei, grosser Unruhe, wiederholtem Erbrechen
und Verstopfung. Abführmittel und Klystiere haben keinen Erfolg,
letztere werden alsbald wieder ausgestossen, und häufig zeigt sich schon
am ersten Tage, fast immer aber im weiteren Verlauf Abgang von Blut
aus dem Anus, welches Anfangs noch mit Kothresten, später mit Schleim
und seröser Flüssigkeit vermischt ist, aber auch rein, zum Theil coagu-
lirt, in verschiedener Menge entleert wird. In der Regel wird diese von
den Angehörigen überschätzt, doch werden mitunter 1 bis l'/2 Esslöffel
Blut und mehr auf einmal ausgestossen. Tenesmus fehlt dabei selten,
und oft kommt es zu 5, 10 und mehr der beschriebenen Ausleerungen
im Laufe des Tages. Getränke, nach welchen die Kinder gierig ver-
526 Krankheiten der Verdauungsorgane.
langen, erregen fast immer Erbrechen. Der Unterleib kann in den ersten
24 bis 48 Stunden seine normale Form und Weichheit behalten, wird
aber dann meistens gespannt, meteoristisch aufgetrieben und empfindlich.
Sobald dies geschieht, ist man nicht mehr im Stande, eine durch In-
vagination bedingte Geschwulst im Laufe des Colon durch Palpation
deutlich zu constatiren. Dass dies aber möglich ist, so lange der Unter-
leib noch weich und die Wände nachgiebig sind, ist bei Kindern so gut
wie bei Erwachsenen durch Beobachtung erwiesen. Mir selbst ist in 'den
Fällen, die ich persönlich zu untersuchen die Gelegenheit hatte, der
Nachweis eines Tumors nicht gelungen, weder durch das Gefühl, noch
durch die Percussion, weil die Invagination durch die von Gas stark aus-
gedehntenDünndarmschlingen völlig überdeckt war. Dagegen gelang es mir
zwei Mal, mit dem tief in den Mastdarm eingeführten Finger die abge-
rundete Spitze des Intussusceptum deutlich zu fühlen und ihren Umfang
zu umschreiben. Dieselbe hatte Aehnlichkeit mit der Vaginalportion des
Uterus, und bot auch, wie diese, eine central oder mehr seitlich ge-
legene rundliche oder spaltförmige Oeffnung dar, in welche der Finger
etwas eindringen konnte, das stark comprimirtc und verschwollene
Lumen des eingeschobenen Darmtheils. Unter diesen Umständen ist die
Diagnose unzweifelhaft. Nur sehr selten wird durch ungestümes Drängen
das Intussusceptum in der Länge einiger Centimeter herausgepresst, und
liegt dann als eine dunkelrothe blutige Geschwulst mit centraler Oeff-
nung vor dem Anus.
Kann man die Einschiebung nicht im Rectum fühlen oder gar ausser-
halb desselben sehen, so lässt sich zwar die Diagnose nicht mit abso-
luter Sicherheit, aber doch mit grosser Wahrscheinlichkeit daraus stellen,
dass, wie ich bereits erwähnte, alle anderen Ursachen des acuten Ileus
im ersten Kindesalter viel seltener vorkommen, und dass die drei ge-
nannten Symptome , unbesiegbare Verstopfung, Erbrechen und die aus
der Schleimhaut des eingeschobenen Darmstücks stattfindende Blutung,
nach der Erfahrung aller Autoren fast entscheidend sind. Der weitere
Verlauf entspricht dem bei Erwachsenen beobachteten. In den ungün-
stigen Fällen, welche leider die grosse Mehrzahl bilden, Zunahme des
Meteorismus, anhaltendes schmerzhaftes Wimmern und Schreien, welches
schliesslich völliger Apathie Platz macht, kühle Wangen und Extremi-
täten, kleiner, schwindender, äusserst frequenter Puls, zuweilen halb-
oder doppelseitige Convulsionen, endlich tödtlicher Collaps nach einer
mittleren Krankheitsdauer von 4 bis 8 Tagen; im günstigen Falle Rück-
bildung der Invagination mit Abgang von Flatus und kothigen Stühlen,
eder necrotische Abstossurg des eingeschobenen Darmstücks mit Her-
Intossusception. 527
Stellung eines mehr oder weniger normalen Darmlumens und entspre-
chender Verkürzung des Darmkanals. Bemerkenswerth ist es, dass
nach den Erfahrungen aller Autoren diffuse Peritonitis in Folge
der Intussusception bei Kindern seltener als bei Erwachsenen beob-
achtet wird.
Kind C, 1 Jahr alt, stets an Obstructio alvi leidend, soll gerade in den letzten
Tagen ganz normale Ausleerungen gehabt haben. Am 15. Oot. völlige Euphorie bis
zum späten Abend. In der Nacht grosse Unruhe, kein Schlaf, einmal Stuhlgang,
welcher nur aus Schleim und Blut besteht, gegen Morgen Erbrechen der Milch.
Ricinusöl blieb ebenso wirkungslos wie mehrere Klystiere, die sofort wieder ausge-
stossen wurden. Erbrechen alles Genossenen, und abermals ein rein blutiger
Stuhlgang. Unterleib normal, kein Fieber. Am 17. Somnolenz, zunehmender Verfall,
kein Stuhlgang. Abends reichliches Klystier von Eiswasser; eine Stunde nach
demselben eine flüssige braune Ausleerung, in welcher das am 16. genommene Rici-
nusöl deutlich erkennbar war. In der Nacht noch mehrere Stühle. Am 18. mit Aus-
nahme von Schwäche alles normal. Dauernde Heilung.
Kind von 4 Monaten, gesund. Am 27. Januar plötzlich heftiges Geschrei,
Unruhe, wiederholtes Erbrechen, Stuhlgang mit dreimaliger Entleerung von ganz
reinem Blut. Kein Abgang von Fäces oder Flatus. Den 28. nach jedem Trinken
Erbrechen, Unterleib meteoristisch gespannt, wiederholter Blutabgang, aber kein
Stuhl, keine Flatus. Stets Geschrei, beginnender Collaps. Den 29. in demselben Zu-
stand in die Poliklinik gebracht. Im Rectum nichts Anomales. Gleich nach der
Untersuchung desselben erfolgt etwas dünner Stuhlgang, dem im Laufe des Tages
mehrere und viele Flatus folgen. Bauch schnell einsinkend, kein Erbrechen mehr.
Völlige Heilung.
Kind Ph., 1 jährig, immer gesund, erkrankte am Abend des 27. Februar ohne
erkennbare Ursache plötzlich mit heftigem Geschrei und Erbrechen. Am folgen-
den Morgen eine starke Entleerung reinen Blutes aus dem After, massiger Meteo-
rismus. Diese Erscheinungen dauern mit gesteigerter Intensität bis zum 2. März,
wo ich das Kind zuerst sah, fort. Fäcaler Stuhlgang war nicht zu erzielen, doch
hatte das Erbrechen aufgehört. Ich fand bereits beginnenden Collaps. Wiederholte
Eisklysliere blieben ohne Erfolg. Als ich nun mit dem Finger in den Anus einging,
fühlte ich deutlich im mittleren Theil des Mastdarms das mit centraler Oeffnung ver-
sehene Intussusceptum, welches ich mit der Fingerspitze ebenso wie die Vaginal-
portion eines Uterus umschreiben konnte. Unmittelbar nach dem Zurückziehen meines
Fingers erfolgte ein Ausfluss schmutzig brauner Flüssigkeit aus dem Anus und gleich-
zeitig die Ausstossung eines necrotischen Darmstücks von etwa 2'/2 Zoll
Länge, welches, wie die Untersuchung ergab, dem Colon angehörte. Damit erreichten
die Ileussymptome ihr Ende, und in den nächsten 3 Tagen erfolgten häufige dünne
fäculente Stühle. Vom 6: an trat indess von neuem Verstopfung ein, der Meteorismus
nahm wieder zu, und anhaltendes Geschrei deutete auf lebhafte Colikschmerzen.
Trotzdem wurde das Aussehen bedeutend besser und der Puls kräftiger, Erbrechen
blieb aus und das Kind nahm Brühe, Wein und Eismilch in kleinen Mengen zu sich.
Der Unterleib wurde mit einem Eisbeutel bedeckt und inuerlich eine Potio gummosa
(120,0) mit Tinct. Opii i'gtt. IV.) verordnet, um die heftigen Schmerzen zu be-
528 Krankheiten der Verdauungsorgane.
ruhigen. Unter dieser Behandlung erfolgten vom 8. an täglich 8 — 10 Mal sehr reich-
liche flüssige braune Stühle, welche einen gangränösen Geruch verbreiteten, aber
keine Darmfetzen mehr enthielten. Dabei schwand allmälig der Meteorismus, der
Appetit wurde lebhafter, die Schmerzen immer seltener, das Aussehen besser, so
dass der Eisbeutel fortgelassen wurde. Die Diarrhoe bestand trotz des Opium-
gebrauches fort, und noch am 20. wurden 15 dünnbreiige, hellgelbe, schleimige
Stühle gezählt. Erst unter dem Gebrauch des Tannins mit Tinct. nuc. vom. (33)
und der Stärkemehlklystiere erfolgte eine Abnahme der Diarrhoe und 'bis zum 30.
völlige Heilung.
In diesen Fällen kann nur eine Invagination von geringer Ausdeh-
nung bestanden haben, welche sich bei dem ersten und zweiten Kinde
plötzlich zurückbildete, bei dem dritten nach der äusserst kurzen Dauer
von etwa 3 bis 4 Tagen durch Necrose abgestossen wurde. Wir sehen
aber auf dies Ereigniss nicht sofort vollständige Heilung, vielmehr in
Folge des Zurückbleibens gangränöser Reste heftige Diarrhoe folgen,
welche uns Wochen lang in Athem erhielt und das Leben des Kindes
in Frage stellte1). Da nun solche spontanen Heilungen der Invagination
immer zu den Seltenheiten gehören, so wird sich auch der Arzt schwer-
lich mit einem abwartenden Verfahren begnügen. Die Bedenken, welche
sich einer eingreifenden Behandlung entgegenstellen, sind aber hier
dieselben, wie im späteren Lebensalter. Sobald die Diagnose einer In-
vagination feststeht, pflegt man von der Anwendung der Abführmittel,
welche durch die starke Vermehrung der Peristaltik nur Schaden stiften
können, abzustehen. Auch Klystiere werden von Vielen gescheut, weil
sie fruchtlos wieder abgehen und dabei in derselben Weise wie Purgantia
ein weiteres Vorschieben der Invagination begünstigen können. Dennoch
scheinen unser erster und zweiter Fall, in welchem schon eine Stunde
nach der Application des ersten Eiswasserklystiers, resp. gleich nach
der Untersuchung des Rectum, eine faeculente Ausleerung erfolgte, dafür
zu sprechen, dass die Anregung der Peristaltik vom Mastdarm aus auch
wohl einen günstigen Einfluss auszuüben vermag. Ich würde daher, so
unsicher das Verfahren auch sein mag, den Versuch mit Eiswasser-
klystieren, welche 1 — 2stündlich applicirt werden, immer empfehlen,
und diesem Verfahren schreibe ich auch die Heilung in dem folgenden
Falle zu, welcher trotz des Fehlens der Blutabgänge wohl nur als In-
tussusception gedeutet werden kann:
') Einen ähnlichen Fall theilt Remouchamps mit (Annales de la soc. med.
de Gand 1890). Nur kam es hier noch, wohl durch das Hineingelangen von Spalt-
pilzen in den Bauchraum, zu einer purulenten Peritonitis, welche durch Laparotomie
geheilt wurde.
Intussusception. 529
Kind von 6 Monaten, am 12. Febr. 1881 zuerst untersucht. Seit 3 Tagen
Verstopfung trotz Calomel, Rioinusöl und wiederholter Klystiere. Auch kein Abgang
von Flatus. Dafür häufiges Erbrechen gelblicher übelriechender Flüssigkeit. Bauch
gespannt, Rectum frei. Verfall der Gesichtszüge und Kühle der Extremitäten. Ther.
2stündl. ein Eiswasserklystier, Eismilch theelöffelweise, Wein. In der folgenden Nacht
noch häufiges Erbrechen brauner, übelriechender Flüssigkeit. Von 3 Uhr an Ruhe.
Bald darauf Kollern im Leibe und zwei dünne, bräunlich-gelbe, sehr fötide Stühle.
Den 13. Bauch weicher, Aussehen besser, P. 140. Eiswasserklystier 3stündl. Fort-
schreitende Besserung. Mehrere dünne Stühle. Am 14. früh zum ersten Mal ein
breiiger grüner Stuhl. Euphorie. Auch in diesem Falle traten in den nächsten Tagen
noch fieberhafte Erscheinungen mit Diarrhoe, ähnlich wie bei dem Kinde Ph.
(S. 527) ein.
Statt der Klystiere kann man auch reichliche Eingiessungen von
Eiswasser mittelst des Irrigators versuchen, welche durch den mecha-
nischen Druck der Flüssigkeit denselben Zweck fördern, den man bei
der Empfehlung anderer mechanischer Reductionsmethoden zu erreichen
versucht; ich meine das Einblasen von Luft in den Darm mittelst eines
Blasebalgs, und die Einführung einer mit einem Schwämmchen armirten
Fischbeinsonde, mit welcher man die im Rectum fühlbare Invagination
direct nach oben zurückzuschieben strebt. Der Erfolg dieser Methoden
ist durch eine, wenn auch nur kleine Zahl geheilter Fälle (Nissen,
Senator, Herz1) u. A.) festgestellt, und es lässt sich daher, zumal
gegen den Versuch des Lufteinblasens, nichts einwenden, wenn man nur
vorsichtig dabei zu Werke geht und sofort davon absteht, wenn die
Sache nicht bald gelingt. Die Gefahr liegt nämlich darin, dass man
nie voraus wissen kann, ob das Intussusceptum überhaupt noch reducirbar,
oder ob es bereits durch Verklebung der beiden serösen Blätter (des In-
tussusceptum und der sogenannten Scheide) fixirt ist. In diesem Falle
könnte jeder gewaltsame Versuch der Reposition Zerreissungen der Ad-
häsionen und der Serosa selbst zur Folge haben, deren Folgen nicht zu
berechnen sind. Ich würde also mechanische Repositionsversuche durch
Sondeneinführung u. s. w. nur da unternehmen, wo es gelingt, eine im
Mastdarm zu fühlende Darmeinschiebung durch dieselben leicht nach
oben zurückzudrängen, wenn sie auch immer recidiviren sollte. Man
darf dann den Versuch ohne Gefahr mehrfach wiederholen, und er kann
schliesslich zur Heilung führen. Sonst aber scheint es mir gerathener,
von diesem gewaltsamen Verfahren abzustehen, welches leicht Ruptur
und Peritonitis zur Folge haben kann. In den viel häufigeren Fällen,
wo man die Intussusception nicht im Mastdarm fühlen, sondern nur aus
1) Archiv f. Kinderheilk. VIII. S. 3l
II c iio cli, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 34.
530 Krankheiten der Verdauungsorgane.
anderen Symptomen diagnosticiren kann, wird man ebenfalls, und zwar
in der Chloroformnarcose, Lufteinblasungen versuchen können, wenn
diese aber ohne Erfolg bleiben, sich auf Irrigationen grösserer Mengen
von Eiswasser beschränken, einen Eisbeutel auf den Unterleib appliciren,
und etwa vorhandene heftige Colikschmerzen durch Opium oder Mor-
phium (F. 10) zu lindern suchen. Auch Magenausspülungen dürften
nach den beim Ileus Erwachsener gemachten Erfahrungen zu versuchen
sein. Die Nahrung soll immer aus kleinen Mengen Wein und Eismilch
(löffelweise gereicht) bestehen. In einzelnen Fällen soll Aufhängen an
den Beinen und Massage des Abdomens in der Chloroformnarcose,
besonders an der Stelle, wo ein Tumor fühlbar ist, die Reduction des-
selben bewirkt haben. Unter verzweifelten Umständen ist die Laparo-
tomie mit darauf folgender Entwirrung der Intussusception oder Anle-
gung eines künstlichen Afters in einer Anzahl von Fällen, aber nur aus-
nahmsweise mit Erfolg ausgeführt worden, welcher besonders dadurch
vereitelt wurde, dass selbst nach glücklicher Auffindung der Invagina-
tion das Herausziehen derselben aus dem unteren Darmstücke in der
Regel misslang1). Bei der Unmöglichkeit, eine bestimmte Indication
für den Zeitpunkt der Laparotomie festzustellen, muss daher die Ver-
antwortlichkeit für den Erfolg dem Arzte zur Last fallen, welcher das
Wagniss unternimmt. Der an und für sich berechtigte Rath Brauns2),
wo möglich schon am 1. bis 2. Krankheitstage zu operiren, weil
dann die Entwirrung wahrscheinlich noch ausführbar sei , dürfte
meistens an der Unsicherheit der Diagnose in diesem frühesten Stadium
scheitern.
XII. Die Mastdarmpolypen.
Blutabgang aus dem kindlichen Darmkanal kann, wie erwähnt
wurde, stattfinden, bei Melaena neonatorum (S. 59), Intussusception,
(S. 525), Colitis und Dysenterie (S. 513), allenfalls auch bei Ileotyphus,
worauf ich später zurückkommen werde. Andere Ursachen von Darm-
blutungen, insbesondere Magengeschwüre und Darmkrebs, kommen im
Kindesalter nur ausnahmsweise vor. Dasselbe gilt von den Hämorrhoidal-
blutungen. Ich habe zwar bisweilen Hämorrhoidalknoten beob-
') Bell, Marsh und Hutchinson, Jahrb. f. Kinderheilk. X. S. 427 u. ff. —
Gnändinger (Jahrb. f. Kinderheilk. XVII. S. 304) beschreibt einen letal abge-
laufenen Fall, in welchem nach der Laparotomie die necrotisch gewordene Dickdarm-
partie resecirt worden war. — Godleo, Arch. f. Kinderheilk. IV. S. 310. — Lauds,
Jahrb. f. Kinderheilk. XX. S. 149. — Herz, Aroh. f. Kinderheilk. V. S. 386.
2) Arch. f. Chir. Bd. 33. Heft 2.
Mastdarmpolyp. 531
achtet, z. B. bei zwei 6- resp. 7jährigen, und sogar bei einem 3 jähri-
gen Kinde, welche bisweilen über Schmerzen beim Stuhlgange klagten
und dicht über dem Anus 3—4 erbsengrosse und grössere blaurothe,
beim Drängen aus dem After hervortretende Varicen darboten, aber Blu-
tungen sind mir bis jetzt noch nicht begegnet. Auch trifft man hie
und da auf Fälle von Blutabgang, welche trotz sorgfältiger Untersuchung
ein diagnostisches Räthsel bleiben, wie z. B. der folgende:
Im März 1868 wurde ich bei einem l72jährigen Kinde consultirt, welches seit
8 Tagen an gastrischen Symptomen litt, Anorexie, Neigung zur Obstruction, Zungen-
belag. Plötzlich trat Erbrechen auf, welches sich im Verlauf einiger Stunden mehr-
mals wiederholte und copiöse Massen von Speiseresten und Schleim mit etwas Blut
entleerte. Eine Stunde später erfolgten auch reichliche Abgänge von dunklem
mit Kothballen vermischtem Blut aus dem Anus, welche sich im Laufe der Nacht
4 mal wiederholten. Die Gesammtmenge des entleerten Blutes mochte wohl einen
Tassenkopf füllen. Dabei kein Fieber, kein Collaps. Am nächsten Morgen noch ein
paar Mal schleimiges Erbrechen und Colikschmerzen, dann einige normale Stühle,
und damit dauernde Heilung.
Der Blutgang stammte hier ohne Zweifel aus dem Magen oder
Duodenum, seine Ursache aber blieb dunkel. In dem folgenden Falle
liess sich zwar die Quelle der Blutung, nicht aber die Entstehungsweise
nachweisen.
Mädchen von 1 'A Jahren, am 17. Oct. 1890 aufgenommen. Seit 8 Wochen
Blutungen aus dem After, anfangs nur etwa alle 8 Tage, jetzt seit 4 Wochen täglich,
besonders beim Stuhlgang. An dem vorderen Winkel der Aftermündung eine blutige
Excoriation, deren Zerrung sofort reichliche Blutung herbeiführt. In der Chloroform-
narkose konnte ich eine Sonde durch die fistulöse OeffnuDg in ein sinuöses Geschwür
von 1— l'/2Ctm. Durchmesser einführen, aus dessen ziemlich glatten Wänden reines
Blut hervorrieselt. Stuhlgang ganz normal, ohne Blut. Durch Tamponade und
Liq. ferri. sesquichlor. Blutung sofort gestillt. —
Die häufigste Ursache der Mastdarmblutung im Kindesalter bilden
jedenfalls die Polypen. Polypöse Geschwülste von Erbsen- bis Bohnen-
grösse und darüber finden sich auf der Schleimhaut des kindlichen Dick-
darms durchaus nicht selten; ich beobachtete sie bisweilen in multipler
Form bei den Sectionen von Kindern, die an sehr verschiedenen Krank-
heiten gestorben waren und keine auffälligen Erscheinungen von Seiten
des Darmkanals dargeboten hatten. Am häufigsten aber ist der Mast-
darm, und zwar die einige Centimeter (zuweilen aber höher bis zu 7 bis
8 Ctm.) über dem Sphincter gelegene Partie, Sitz des Polypen, welcher
aus einer Wucherung der Schleimhaut und der in derselben befindlichen
Schleimdrüsen (Adenom) hervorgegangen, bis zur Grösse einer Kirsche,
34*
532 Krankheiten der Verdauungsorgane.
selbst einer Pflaume heranwachsen und schliesslich nur noch durch einen
mehr oder weniger langen und dünnen Stiel mit seinem Mutterboden
verbunden sein kann.
Das erste und einzige Symptom des Mastdarmpolypen ist die
Blutung, die selten spontan, vielmehr fast immer nur beim Stuhlgang
oder unmittelbar nach demselben erfolgt, wobei das Blut tropfenweise
oder auch in etwas grösserer Menge aus dem After rieselt und die
Wäsche befleckt. Niemals ist das Blut mit den Faeces innig gemischt,
sondern liegt auf der Oberfläche derselben, weil es erst im letzten
Augenblicke der Defäcation sich ihnen beigesellt. In solchen Fällen
müssen Sie immer an einen Mastdarmpolypen denken und die Sache
niemals leichtnehmen; denn mag auch jedesmal nur wenig Blut verloren
gehen, so kann doch die tägliche Wiederholung der Blutung die Kinder
schwach und anämisch machen. Oft genug besteht das Uebel schon
viele Monate und länger, ehe die Eltern überhaupt daran denken, einen
Arzt zu consultiren; ja es sind mir Fälle bekannt, wo bei kleinen Mäd-
chen das Leiden als frühzeitige Menstruation betrachtet und gänzlich ver-
nachlässigt wurde. Bei genauerer Nachfrage erfährt man oft, dass beim
Stuhlgange aus dem After des Kindes „etwas heraustrete", und
wenn man gerade zugegen ist, kann man selbst beobachten, wie eine
dunkelrothe, bohnen- bis kirsch grosse oder noch grössere rundliche Ge-
schwulst mit blutender Oberfläche sich aus dem Anus hervorstülpt und
nach der Defäcation wieder zurückzieht. Zuweilen aber bleibt der Polyp,
wohl in Folge der Einklemmung seines Stiels durch den Sphincter, nach
der Ausleerung vor dem After liegen, so dass man ihn fassen, ganz
hervorziehen und operiren kann. Ist dies nicht der Fall, so bleibt die
Untersuchung des Rectum mit dem Finger, am besten in der Knieellen-
bogenlage des Kindes, unerlässlich, wobei Sie nicht selten den Polypen
oberhalb des Sphincter deutlich fühlen können. Verlassen Sie sich indess
nicht allzusehr auf diese Untersuchung. Sitzt der Polyp etwas hoch oder
hat er einen sehr langen und dünnen Stiel, so kann er gerade während
der Exploration durch Hineinschlüpfen in die Ausweitung des Mastdarms
dem Finger entgehen, und die Untersuchung bleibt ohne Resultat; auch
mit dem Mastdarmspiegel ist er nicht immer zu sehen, weil er dem ein-
geführten Instrument ausweichen kann.
Im Juni 1877 erschien in meiner Sprechstunde ein 6jähriges Mädchen, welches
nach Aussage der Mutter an einem Mastdarmvorfall leiden sollte Die häufigen Blu-
tungen beim Stuhlgange sprachen indess mehr für einen Polypen. Aber trotz der ge-
nauesten und wiederholten Untersuchung in der Klinik konnten weder ich, noch
meine Assistenten, einen Polypen im Rectum fühlen, obwohl die Mutter fest be-
Mastdarmvorfall. 533
hauptete, dass noch vor einer Viertelstunde eine Geschwulst aus dem After heraus-
gedrängt worden sei. Da auch starkes Drängen auf dem Topfe nicht zum Ziel führte,
so entliess ich das Kind, ohne über den Fall in's Klare gekommen zu sein. Aber
schon nach wonigen Minuten kehrte die Mutter mit dem Kinde zurück, und zeigte
uns in der That einen blaurothen pflaumengrossen Polypen, welcher vor dem
Anus des Kindes lag und durch einen mehr als 2 Ctm. langen dünnen Stiel mit
der Mastdarmschleimhaut zusammenhing. Ich fasste den Stiel sofort zwischen zwei
Pinger, um ihn zu fixiren und abzuschneiden; aber noch ehe ich dazu kam, machte
das durch meinen Ruf nach der Scheere erschreckte Kind eine gewaltsame Bewegung,
der Stiel zerriss und der Polyp blieb in meiner Hand. Von diesem Augenblick an
hörten die Blutungen für immer auf.
Sie ersehen aus diesem Falle, dass Polypen mit langem und dünnem
Stiel im Rectum auch beim Durchgang harter Faecalmassen abreissen
können, und in der That gehört die spontane Elimination des Tumor
nicht zu den Seltenheiten, wobei der Polyp natürlich nur selten gefun-
den wird. So erklären sich manche Fälle von jahrelangen Mastdarm-
blutungen, welche plötzlich von selbst verschwinden. Die Behandlung
kann nur eine operative sein. Man fasst den Polypen, wenn er gerade
vor dem After liegt, mit einer Kornzange, zieht ihn noch stärker her-
vor und schneidet den Stiel (dickere Stiele sind zuvor zu unterbinden)
mit einer Scheere durch. Schwieriger wird die Sache, wenn man den
Polypen nicht ausserhalb des Afters trifft, sondern innerhalb des Mast-
darms zu fassen suchen muss.
XIII. Der Mastdarmvorfall.
Weit häufiger als die Polypen kommt Prolapsus ani im kind-
lichen Lebensalter vor, und bei der Seltenheit desselben im späteren
Alter können wir ihn fast als eine Specialität der Kinder betrachten.
Am häufigsten werden die ersten Lebensjahre befallen, wenn auch
das Alter zwischen 2 bis 6 Jahren immer noch genug Beispiele aufzu-
weisen hat.
Der Mastdarmvorfall stellt gleichsam eine lnvagination des Rectum
im Kleinen dar, die aus dem After herausgedrängt wird und daher der
sogenannten ,, Scheide" entbehrt. Man muss hier in Betracht ziehen,
dass über dem untersten stark musculösen Theile des Mastdarms sich
eine etwas weitere und schlaffere Partie befindet, welche nach oben wie-
der in eine mit stärkerer Ringmusculatur versehene übergeht. Diese
letztere ist es, welche vermöge ihrer Contraction die mittlere Partie in
die unterste einstülpt und in Form eines glänzend rothen, prallen, den
After ringförmig umgebenden Wulstes aus diesem hervordrängt. Selten
kommt es nur zum Hervordrängen der Schleimhaut, die dann immer
534 Krankheiten der Verdauungsorgane.
nur einen kl einen Prolaps darstellt; alle grösseren müssen als wirk-
liche Umstülpungen sämmtücher Häute betrachtet werden '). Die Länge
des Prolaps ist sehr verschieden und beträgt im Durchschnitt 3 — 4 Otm.,
in einzelnen Fällen auch mehr. Die Oberfläche, d. h. die nach aussen
gekehrte Schleimhaut , blutete häufig , und war bisweilen mit lebenden
Ascariden mehr oder weniger bedeckt. Wie die Polypen pflegen auch
die Prolapse, zumal die kleineren, nur während des Stuhlganges sicht-
bar zu werden und sich nach vollendeter Defäcation von selbst in den
Mastdarm zurückzuziehen. Grössere Vorfälle aber bleiben nicht selten
vor dem After liegen und müssen dann jedesmal von der Mutter repo-
nirt werden, was nicht immer gelingt. Jeder Arzt weiss, dass diese
Repositionsversuche äusserst schwierig sein können, nicht etwa wegen
Contractur des Sphincter, welchr in diesen Fällen eher schlaff zu sein
pflegt, sondern weil das Kind, sobald man nach der Reposition die
Finger aus dem Rectum entfernt, durch starkes Drängen den Vorfall so-
fort wieder hervorpresst. Ein 3jähriges Kind, dessen zwei Geschwister
ebenfalls am Mastdarm Vorfall litten, war im Stande, auf das Geheiss
der Mutter „zieh' hoch" durch eine tiefe Inspiration den vorliegenden
Prolaps sofort zurückzuziehen.
Häufig, zumal bei kleinen Kindern, war es trotz der genauesten
Nachfragen unmöglich, die Ursache des Prolapses, welcher oft schon
viele Monate bestand, zu ergründen. Die Kinder waren sonst vollkommen
gesund, hatten niemals auffällige Darmsymptome dargeboten. Bisweilen
Hess sich anhaltende, zu stetem Drängen Anlass gebende Stuhlver-
stopfung, häufiger gleichzeitig bestehende oder vorausgegangene hart-
näckige Diarrhoe oder Dysenterie als Ursache nachweisen, wobei
dann die catarrhalische Wulstung der Schleimhaut und die gesteigerte
Schlaffheit der mittleren Partie des Rectum als prädisponirendes Moment
anzuklagen ist. Durch die übermässige Action der Bauchpresse kann
auch während eines Anfalls von Tussis convulsiva oder bei heftigem
Schreien Mastdarmvorfall zu Stande kommen, was ich aber nur selten
gesehen habe. Ob auch Atonie des Sphincter internus in der Pathoge-
nese des Vorfalls eine Rolle spielt, bleibt dahingestellt; dafür spricht
der Umstand, dass man in den meisten Fällen mit dem Finger leicht
in den Mastdarm eingehen konnte, ohne dem kräftigen Widerstände des
Schliessmuskels, welchen man sonst fühlt, zu begegnen, dann aber auch
die therapeutische Erfahrung, dass contractionsbefördernde Mittel hier
günstig wirken.
') Fischl, Zeitsohr. f. Heilk. X. Prag, 1889.
Mastdarm Vorfall. 535
Den Einfluss des immer wiederkehrenden starken Drängens auf die
Entstehung des Prolapsus ani beweist auch das Auftreten desselben im
Gefolge von Phimose und besonders von Lithiasis vesicalis. Ich
rathe Ihnen besonders bei Knaben, welche die zweite Dentitions-
periode bereits überschritten haben und an Mastdarmvorfall leiden,
immer an Blasenstein zu denken, zumal wenn noch andere verdächtige
Symptome, Harntröpfeln, Urindrang, auffallende Länge des Penis, damit
verbunden sind. In zwei Fällen dieser Art, wo der Mastdarm bei jedem
Stuhlgang und sogar beim Uriniren prolabirte, ergab die Untersuchung
das Vorhandensein eines Blasensteins, welcher auf der chirurgischen
Klinik der Charite durch den Schnitt entfernt wurde. Das stete Drängen
zum Harnlassen zieht hier die Mastdarmmusculatur in Mitleidenschaft,
und die sich stets erneuernde Action derselben hat schliesslich Prolaps
zur Folge. Je häufiger nun der Mastdarm vorfällt, um so mehr wird
der Sphincter ausgedehnt und erschlafft, und diese Atouie muss ihrerseits
wieder die Fortdauer des Prolapses begünstigen. Man behauptet, dass
auch Ascariden im Mastdarm denselben erzeugen können, indem der
von ihnen ausgehende Reiz reflectorisch heftiges Drängen hervorrufe,
also in derselben Weise, wie bei einer bis ins Rectum herabreichenden
Colitis oder Dysenterie der Tenesmus bisweilen von Prolapsus ani be-
gleitet wird. Mir selbst kamen, wie ich schon bemerkte, zwar ein paar
Fälle vor, in denen die vorgefallene rothe Schleimhaut mit Ascariden
hie und da bedeckt war; da ich sie aber bald aus den Augen verlor,
so blieb ich im Zweifel darüber, ob hier in der That ein ursächlicher
Connex oder nur eine zufällige Complication bestand.
Der Mastdarmvorfall ist fast immer ein langwieriges Uebel, welches
viele Monate, selbst Jahre lang dauern kann. Temporäre Besserungen
und anerwartete Recidive sind nicht selten. Es ist daher immer gerathen,
so früh als möglich gegen das Uebel einzuschreiten und es nicht der
Natur zu überlassen. Bisweilen kommt die Heilung überraschend
schnell zu Stande. So erinnere ich mich einzelner Fälle, in denen schon
eine einmalige Reposition, nach welcher ich die Finger einige Minuten
im Rectum liegen Hess, oder die Einlegung eines durch eine T- binde
befestigten Tampons, genügte, um den Vorfall für immer zu beseitigen.
Zu diesen gehört wohl auch ein 9jähriges Mädchen, welches am 25. März
1874 mit einem starken, nach jeder Reposition sofort wieder prolabi-
renden Mastdarmvorfall in die Klinik aufgenommen, und durch eine
subcutane Injection von 0,002 Strychnin und einen in den Mastdarm
eingeführten, mit einer T-Binde befestigten Leinwand tampon dauernd
geheilt wurde, obwohl der Tampon wegen Diarrhoe schon am nächsten
536 Krankheiten der Verdauungsorgane.
Tage entfernt werden musste. Solche Fälle sind aber selten. Sonst blieb
die Reposition und selbst die Tamponade nur ein Palliativmittel, wel-
ches die Wiederkehr des Prolapses nicht verhindern konnte und immer
von neuem in Anwendung kommen musste. Ich will dabei nicht uner-
wähnt lassen, dass bei der Reposition (am besten in der Knie-Ellen-
bogenlage) der centrale Theil des Vorfalls, als der zuletzt vorgefallene,
immer zuerst zurückgeschoben werden muss, indem man zwei mit einem
geölten Leinwandlappen überzogene Finger in die centrale Oeffnung des
Prolapses einschiebt und dabei sanft einwärts dringt. Bei Kindern,
welche heftig drängen und schreien, kann die Chloroformirung noth-
wendig werden. Um den sofortigen Wiedervorfall zu verhüten, legt man
eine dicke Oompresse oder einen Schwamm auf die Analöffnung und
zieht die Nates durch straffe Bindentouren oder breite Heftpflasterstreifen
dicht aneinander.
Zur Erfüllung der Hauptindication werden besonders Mittel ge-
rühmt, welchen man eine die Contraction der Mastdarmschliesser för-
dernde Wirkung zuschreibt, besonders Extract. nucum vomicarum
und Strychnin. Ersteres habe ich recht häufig (F. 37), aber mit so
unsicherem Erfolg angewendet, dass mein Vertrauen sehr erschüttert
ist. Auch das Strychnin, welches besonders von französischen Aerzten
entweder in Pulverform auf den Vorfall oder subcutan applicirt wurde,
ist nach meinen Erfahrungen kein zuverlässiges Mittel. Bessere Erfolge
sah ich von subcutanen Injectionen des Ergotin am Perineum und in
der unmittelbaren Nähe des Anus '). Ich injicire bei Kindern von
l'/2 bis 3 Jahren täglich einmal 0,02 bis 0,1 Ergotin (F. 38), worauf
in der Regel schon nach 8 Tagen Besserung eintrat. Der Prolaps er-
folgte zuerst nicht mehr bei jedem Stuhlgange, sondern seltener, blieb
an manchen Tagen aus und verschwand nach einigen Wochen gänzlich.
Obwohl ich den günstigen Erfolg des Ergotin, welches dabei niemals
eine nachtheilige Localwirkung hatte, seitdem wiederholt bestätigt fand,
bin ich doch weit entfernt, das Mittel als ein absolut sicher wirkendes
zu betrachten. Vielmehr werden Sie öfters auf sehr hartnäckige Fälle
stossen, welche auch diesem Mittel widerstehen und andere Heilungs-
versuche nöthig machen. Von dem täglichen Einlegen grösserer Stücke
Eis in den Mastdarm sah ich nur vorübergehenden Erfolg, nicht viel
mehr von Klystieren mit Lösungen von Tannin, Alaun oder einem ad-
stringirenden Decoct (Ratanhia, Eichenrinde). Wiederholtes Bestreichen
der prolabirten Schleimhaut mit Lapis infernalis war bisweilen schnell
■) S. Charite-Annalen. Jahrg. I. 1874. S. 614.
Helminthiasis. 537
erfolgreich. Wo diese Versuche fehlschlagen, bleibt nur die chirur-
gische Behandlung des Vorfalls übrig, sei es durch Excision einiger
Hautfalten um den Anus, oder durch punktförmige oder lineare Cau-
terisation der unmittelbaren Umgebung des Afters mit dem Paquelin-
schen Thermokauter.
Bei jeder Art von Behandlung hat man darauf zu sehen, dass die
Kinder das heftige Drängen unterlassen. Bisweilen bleibt der Prolaps
schon weg, wenn sie ihre Fäces nicht auf dem Nachttopfe, sondern liegend
ins Bett entleeren, weil dabei die Bauchpresse viel weniger einwirkt.
Ich wiederhole deshalb den schon vor Jahren gegebenen Rath, solche
Kinder beim Stuhlgange nicht in der gewöhnlichen Weise auf dem
Topfe, die Füsse gegen den Boden gestemmt, sitzen zu lassen, sondern
das Geschirr auf einen festen Stuhl oder Tisch zu stellen und die
Kinder mit lose herabhängenden Beinen auf demselben fest zu halten,
wobei das Drängen in weit geringerem Maasse stattfindet. Ist Ver-
stopfung vorhanden, so muss der Stuhlgang durch Abführmittel erweicht
werden, während bei Diarrhoe und Dysenterie die erfolgreiche Behandlung
dieser Zustände schon hinreichen kann, um auch den von ihnen ab-
hängenden Prolaps zu beseitigen.
XIV. Die Entozoen.
Die Helminthiasis (Wurmkrankheit), webhe früher einen sehr
breiten Raum in der Pathologie des Kindesalters einnahm, ist jetzt auf
ein kleines Gebiet zurückgedrängt. Aber wenn auch die Aerzte von der
einstigen Ueberschätzung der Entozoen zurückgekommen sind, so spielen
diese doch in der Auffassung des Publikums, und zwar nicht bloss in
den niederen Ständen, noch immer eine grosse Rolle, und der Arzt hat
oft Mühe, sich der aufdringlichen Diagnose der Mütter, welche bei den
verschiedensten Affectionen ihrer Kinder von Würmern träumen, zu er-
wehren, oder sich gar vor absichtlichen Täuschungen zu hüten. Fälle,
in welchen die Mütter den Arzt geradezu mit der Angabe, in den Aus-
leerungen des Kindes Würmer gesehen zu haben, belogen und später
diese Lüge eingestanden, sind wiederholt vorgekommen. Bei alledem
darf man aber in der Nichtachtung der Helminthen, wie sie als Gegen-
satz der alten Ansichten jetzt üblich ist, nicht gar zu weit gehen, und
dieselben unter allen Umständen für ganz unschuldige Insassen des
kindlichen Darmkanals betrachten. Wenn auch verhältnissmässig selten,
so kommen doch immer einzelne Fälle vor, in welchen der Einfluss
dieser Gäste auf die Erzeugung bestimmter Symptome unbestreitbar, und
eine entsprechende Bahandlung von Erfolg gekrönt ist.
538 Krankheiten der Verdauungsorgane.
Auf die Naturgeschichte der Darmhelminthen werde ich hier nicht
näher eingehen, und verweise Sie deshalb auf die klassischen Werke
von Davaine1) und Leuckart2). Für unseren Zweck mögen die fol-
genden Mittheilungen genügen, welche nur drei Gruppen von Entozoen
betreffen, Oxyuris vermicularis, Ascaris lumbricoides und Taenia.
1) Oxyuris vermicularis (Madenwurm), ein weisser, etwa 9 bis
10 Mm. langer und [/2 Mm. breiter, spindelförmiger, besonders am hin-
teren Ende zugespitzter Wurm, welcher in grossen Massen das Colon,
vorzugsweise den Mastdarm bewohnt und sich von dem hier angesam-
melten Koth ernährt. Früher kannte man nur die Weibchen; die erst
in diesem Jahrhundert von Bremser und Sömmering entdeckten
Männchen finden sich immer viel seltener, als jene (etwa im Verhält-
niss von 1:9), sind bedeutend kleiner (2'/2— 4 Mm. lang) uud zeigen
ein spiralförmig gerolltes Schwänzende. Die Oxyuren gehen entweder
mit den Fäces ab, auf welchen dann unzählige bewegliche Würmer,
welche wie feine, in Stückchen geschnittene weisse Fäden aussehen,
wimmeln, oder sie wandern ganz unabhängig von der Defäcation in den
Abendstunden, gewöhnlich wenn die Kinder das Bett aufsuchen, aus dem
After aus und erregen durch ihre Bewegungen in der Umgebung desselben
lebhaftes, zum Kratzen reizendes Jucken, auf welches die Eltern ge-
wöhnlich ihre „Wurmdiagnose" gründen. Bei genauer Untersuchung
findet man auch um diese Zeit häufig mehrere sich bewegende Würmer
in der Umgebung des Afters vor, und viele Mütter bringen eine an-
sehnliche Sammlung derselben in die Klinik. In manchen Fällen bleibt
es aber nicht bloss beim Jucken; es können vielmehr, meistens zur Zeit
des Einschlafens, wirkliche Schmerzen am After entstehen und die
Kinder zum Schreien bringen. Ich erinnere mich besonders eines Kna-
ben, welcher sich dann in der grössten Unruhe auf den Boden warf,
tobte, und den After gewaltsam gegen die Dielen presste, um sich Er-
leichterung zu verschaffen. Die allabendliche, fast typische Wieder-
holung dieser Scenen, welche bei mangelhafter Beobachtung auch als
convulsivische gedeutet werden können , hat schon unerfahrene Aerzte
zur falschen Annahme einer Intermittens larvata und zur Verordnung
von Chinin verleitet, bis der Befund der Würmer den Irrthum aufklärte.
Zuweilen kommt das Afterjucken auch bei Tage oder mitten in der Nacht
vor, und fast immer trifft man dann Würmer ausserhalb der After-
öffnung an. Da diese sich nur auf der feuchten Schleimhautfläche
{) Traite des entozoaires. 2. edit. Paris, 1877.
3) Die menschlichen Parasiten u. s. w. Leipzig, 1868 u. folgende Aufl.
Helminthiasis. 539
bewegen können, ausserhalb derselben aber, sobald sie auf die trockne
Cutis kommen, bald bewegungslos werden, und die Fähigkeit zu sprin-
genden Bewegungen ihnen mangelt, so ist eine Weiterwanderung kaum
anzunehmen, und wenn sich auch nicht leugnen lässt, dass bei kleinen
Mädchen bisweilen Oxyuren in der Vulva gefunden werden und hier
durch ihren Reiz Hyperämie, Schleimabsonderung und Trieb zur Onanie
bewirken können, so ist dies doch viel seltener, als man gewöhnlich
annimmt. Mir selbst ist es nur ein paar Mal von den Müttern berichtet
worden; mit eigenen Augen habe ich es nie gesehen. In solchen Fällen
halte ich eine directe Uebertragung der Würmer oder ihrer Eier mittelst
der kratzenden Finger für wahrscheinlicher, als eine selbstständige Wan-
derung derselben bis in die Vulva hinein. Dasselbe gilt von den häu-
figen Fällen, in welchen nicht nur mehrere Kinder derselben Familie,
sondern auch die Mutter, welche mit einem der Kinder zusammen in
einem Bette schläft, an Oxyuren leiden. Man ist hier mit der Annahme
einer Ueberwanderung rasch bei der Hand, ohne zu bedenken, dass
diese Wanderung aus dem Anus des einen Individuums bis in den des
anderen unmöglich ist, weil die Helminthen auf diesem langen Wege
unfehlbar vertrocknen müssen; vielmehr muss auch hier eine directe
Uebertragung der Oxyuren oder ihrer Eier mittelst der Finger, durch
Schwämme u. s. w. angenommen werden1). Es ist nachgewiesen, dass
die meisten Oxyuren, welche aus dem After auswandern oder in grossen
Mengen mit dem Stuhlgang entleert werden, legereife Weibchen sind,
und dass die Fäces solcher Kinder immer eine Menge reifer Eier ent-
halten. Durch die kratzenden Finger, ferner durch die Eintrocknung
und Zerstäubung des Kothes können nun die Eier, zumal in engen
schmutzig gehaltenen Räumen, in den Magen anderer Personen gelan-
gen, wo ihre Schale durch den Magensaft gelöst und der Embryo frei
wird. Daraus erklärt sich auch die grosse Hartnäckigkeit dieser
Würmer, welche in manchen Familien viele Jahre lang nicht auszu-
rotten sind, so wie ihr häufiges massenhaftes Vorkommen bei schmutzigen
Idioten, deren Colon bisweilen einen pelzartigen Ueberzug von Oxyuren
zeigte (Vix). Die Uebertragung reifer Eier oder eben ausgekrochener
Embryonen erklärt wohl auch die seltenen Fälle, in denen man Oxyuren
auf anderen, vom Colon weit entfernten Theilen beobachtete, z. B. auf
einem nässenden Eczem der Inguinalfalten [Michelson2)] oder gar in
') Langer (Prag. med. Wochenschr. 1891. No. 6.) fand in dem Schmutz unter
den Nägeln zweier Kinder Oxynriseior mit deutlichen Embryonen.
2) Berliner klin. Wochenschr. 1877. No. 33.
540 Krankheiten der Verdauungsorgane.
der Mundhöhle [Seligsohn1)]. Mir sind indess diese Fälle schon aus
dem Grunde bedenklich, weil in diesen Localitäten die den Oxyuren
nothwendige Nahrung, der Roth, absolut fehlt.
2) Der Spulwurm (Ascaris lumbricoi'des). Cylindrische Anneliden
von bräunlicher oder röthlich grauer Farbe und von beträchtlicher Grösse.
Die Weibchen werden bis gegen 400, die Männchen selten über 250 Mm.
lang (grösste Dicke 5,5 und 3,2 Mm.). Der Körper ist nach beiden
Enden, besonders nach vorn hin verjüngt, die Mundöffnung von drei mit
äusserst feinen Zähnen besetzten Lippen umgeben, das Schwanzende kurz
und konisch. Der Hinterleib der Männchen ist hakenförmig nach dem
Bauche zu eingerollt, und der keulenförmige Penis sieht nicht selten
aus der aufgewulsteten Kloakenöffnung hervor. Die Vulva liegt dicht
hinter dem vorderen Körperdritttheil oder mehr in der Mitte.
Die Spulwürmer bewohnen den kindlichen Dünndarm mitunter in
so enormer Zahl, dass man es kaum für möglich halten sollte. Ich er-
innere mich eines Kindes, welches beim Gebrauch einer Latwerge aus
Semin. Oinae ganze Töpfe voll Spulwürmer der verschiedensten Grösse,
und zwar Tage lang hintereinander entleerte, ohne dass irgend ein Sym-
ptom auf eine solche Massenanhäufung hingedeutet hatte2). Sie begreifen
nun, dass unter diesen Umständen durch die Verschlingung der Würmer
zu grossen Ballen in der That Verstopfung des Darmlumen und Ileus,
selbst mit einer von aussen durch die Bauchdecken fühlbaren Geschwulst,
herbeigeführt werden können3). In der grossen Mehrzahl der Fälle ist
aber die Zahl der Spulwürmer weit geringer, und bei den vielen Sec-
tionen von Kinderleichen, welche ich zu sehen Gelegenheit hatte, fiel es
mir immer auf, wie selten man überhaupt eine grössere Anzahl der-
selben im Darmkanal antraf. Häufig fanden wir nur vereinzelte Exem-
plare. Wenn nun schon, wie der oben erwähnte Fall lehrt, ganz colos-
sale Massen von Würmern ohne auffälliges Symptom bestehen können,
so wird dies noch häufiger da stattfinden, wo nur eine geringe Zahl im
Darmkanal vorhanden ist. In der That kann ich Ihnen nur ein einziges
Symptom nennen, aus welchem Sie mit Sicherheit auf die Gegenwart
von Spulwürmern schliessen können, nämlich den Abgang derselben.
In einer gewissen Zeit seiner Entwickelung trifft nämlich der Wurm
') Ibid. 1878. No. 40.
-) Fauconneau- Dufresne (Union med. 1880. p. 62) berichtet von einem
12jährigen Knaben, welcher im Laufe dreier Jahre über 5000 Spulwürmer theils per
anum, theils durch Erbrechen entleerte.
3) Jahrb. f. Kinderkraakh. 1876. X. S. 298.
Helminthiasis. 541
Vorbereitungen, den von ihm bewohnten Organismus zu verlassen, und
unternimmt dann Wanderungen vom Dünndarm aus nach dem Colon,
oder auch aufwärts in das Duodenum und den Magen. Im ersten Falle
wird er entweder todt oder noch lebend mit dem Stuhlgang entleert,
kriecht aber auch, unabhängig von der Defäcation, aus dem After her-
aus und wird dann gewöhnlich in zusammengerolltem Zustande im Bette
der Kinder gefunden; im zweiten Falle wird er entweder durch Erbre-
chen entleert, oder gelangt selbstständig sich bewegend längs des Oeso-
phagus in die Rachenhöhle und weiter. Fälle, in denen Spulwürmer
während des Schlafes aus dem Munde der Kinder herausgekrochen waren
und morgens dicht vor demselben todt gefunden wurden, sind nicht
selten. Dieser Abgang der Lumbrici, wie der Oxyuren, ist, abgesehen
von dem bald zu erwähnenden microscopischen Befunde der Wurmeier
in den Faeces, das einzig sichere Zeichen ihres Daseins. Alles andere,
worauf Laien und auch viele Aerzte Werth legen, bleiche Farbe, dunkler
Ring um die Augen, Foetor oris, Jucken an der Nasenspitze, häufig ein-
tretende Colik, kann höchstens Verdacht erregen und daher zur Anwen-
dung anthelminthischer Mittel auffordern, aber nur der Abgang von
Würmern und Eiern ist entscheidend. Wo dieser fehlt, dürfen Sie sich
nie bei der Annahme von Helminthiasis zur Erklärung krankhafter Zu-
stände beruhigen, müssen vielmehr immer denken, dass es sich um ganz
andere und schlimmere Dinge handeln kann , welche sich bei auf-
merksamer und wiederholter Untersuchung auch schliesslich heraus-
stellen werden.
Wir berühren hier die vielfach ventilirte Frage, ob Spulwürmer
eine locale Einwirkung auf den von ihnen bewohnten Darmtheil aus-
zuüben vermögen. Von vornherein kann man dies nicht in Abrede
stellen, da auch die Oxyuren bei sehr reichlicher Anhäufung einen Ca-
tarrh des Rectum erzeugen können, und die Beschaffenheit der Mund-
öffnung des Spulwurms (die mit Zähnen besetzten Lippen) für die Mög-
lichkeit einer solchen Einwirkung spricht. In der That will man
Hyperämie der Dünndarmschleimhaut und selbst Diarrhoe durch den
Reiz der Spulwürmer entstehen lassen, wovon mir indess aus eigener
Erfahrung kein sicherer Fall bekannt ist. Man muss vielmehr beden-
ken, dass bei einer gewöhnlichen catarrhalischen Diarrhoe die zufällig im
Darme vorhandenen Spulwürmer, welche gerade auf der Wanderung in's
Colon begriffen sind, mit entleert werden können, was ja auch bei Dy-
senterie und Ileotyphus beobachtet wird. Man ging aber noch weiter
und hielt es für möglich, dass der Spulwurm durch starkes Anpressen
seines Kopfendes gegen die Schleimhaut, wobei nicht einmal die Zähne
542 Krankheiten der Verdauungsorgane.
in Rechnung gebracht werden, die Fasern der Mucosa und der übrigen
Darmhäute auseinanderzudrängen und durch die gebildete Lücke in
die Peritonealhöhle auszuschlüpfen im Stande sei. Man berief sich
dabei auf Fälle, in welchen einer oder mehrere dieser Würmer frei im
Peritonealraume gefunden wurden, ohne dass an irgend einer Stelle des
Darmkanals eine Lücke erkennbar war, aus welcher die Helminthen
ausgetreten sein konnten. Ich kann diesem Durchschlüpfen des Wurms
durch die auseinandergedrängten Gewebselemente der Darmhäute, nach
welchem die gebildete Lücke sich sofort hermetisch wieder schliessen
müsste, keinen Glauben schenken, ebenso wenig der Annahme, dass
der Spulwurm mittelst seiner „zähnebewaffneten" Lippen im Stande sei,
sich durch die Därmwand ,, durchzumessen" Ich glaube vielmehr, dass
in allen Fällen, wo man Spulwürmer im Peritonealraume fand, diese
durch eine schon vorhandene ulceröse Lücke im Darm ausgekro-
chen sind, mochte diese nun schon mit einem abgesackten peritoniti-
schen Herde communiciren, oder durch den florartig dünnen serösen
Ueberzug gedeckt sein, welcher beim Andrängen des Wurms einriss.
Am wenigsten kann ich mir denken, dass die in die Bauchhöhle ge-
langten Spulwürmer selbstthätig eine circumscripte Peritonitis mit Eiter-
durchbruch nach aussen erzeugen können. Mir ist ein solcher Vorgang
am Unterleibe, welchen man wegen des Austretens von Spulwürmern mit
dem Namen „Wurmabscess" bezeichnet, noch niemals vorgekommen;
wohl aber sah ich in zwei Fällen von chronischer tuberculöser Perito-
nitis einen spontanen Durchbruch durch den Nabel oder neben diesem
erfolgen, und nach der Entleerung von fäculentem Eiter auch ein paar
Spulwürmer lebend oder todt aus der Oeffnung herauskommen. Ich
glaube, dass alle Fälle von „Wurmabs^essen" auf analoge Weise gedeutet
werden müssen, d. h. die Würmer benutzen eine zufällig im Darm-
kanal befindliche Lücke, sei es ein folliculäres oder tuberculöses Ge-
schwür, in dessen Umkreise sich bereits ein umschriebener peritoniti-
scher Herd gebildet hat, zur Auswanderung aus dem Darm, und ge-
rathen dann sofort in den Abscess hinein, zu dessen Entstehung sie
durchaus nichts beigetragen haben1). Dafür lässt sich auch die Er-
fahrung geltend machen, dass die Spulwürmer überhaupt die Tendenz
') Der von Marcus (Deutsches Arch. f. klin. Med. Bd. 29. Heft 5 u. 6) mit-
getheilte Fall von ..Durchbohrung" des Duodenum durch Spulwürmer scheint mir
ebenso wenig beweisend, wie der Fall von Wischnewsky (Archiv f. Kinderheilk.
VI. 207). Meiner Ansicht nach handelt es sich in jenem um ein Ulcus pcrforans duodeni,
in diesem um ähnliche Vorgänge im Dünndarm. S. auch Weihe, Klinische Wochen-
schrift. 1883. S. 131.
Helminthiasis. 543
haben, sich durch enge Oeffnungen durchzuzwängen. Man fand z. B. im
Darm eine früher verschluckte Oese von Drath, welche ringförmig einen
Spulwurm umfasste, und auch das bisweilen beobachtete Durchzwängen
des Wurms durch den Ductus choledochus scheint mit dieser Tendenz
im Zusammenhang zu stehen. Wenn bei einem Kinde, welches notorisch
an Spulwürmern leidet, ein chronischer unheilbarer Icterus oder gar
Symptome von Abscessbildung in der Leber entstehen, wird man an die
Möglichkeit einer Verstopfung des Ductus choledochus oder hepaticus
durch einen solchen Wurm, oder selbst an Abscesse in der Leber
denken müssen, welche durch den Reiz junger, bis in die feineren Gallen-
gänge gelangter Lumbrici zu Stande kommen können. Ob diese, wenn
sie auf ihrer Wanderung nach oben bis in den Magen gelangen, ausser
Uebelkeit und Erbrechen noch ernste Reizzustände des letzteren er-
zeugen können, wage ich nicht zu entscheiden. Bei einem 4jährigen
Knaben, welcher an einer fieberhaften Gastrose litt, sah ich zwar mit
dem Erbrechen nicht nur einen lebenden Spulwurm, sondern auch etwas
geronnenes Blut abgehen; dasselbe fand ich aber öfters in den erbro-
chenen Massen bei Kindern, weiche niemals Spulwürmer entleert hatten,
während ein 6jähriges Mädchen, welches über heftige Colik klagte,
innerhalb einer Woche 8 Spulwürmer nach unten und 9 durch Er-
brechen entleerte, ohne dass jemals eine Spur von Blut im Erbrochenen
zu bemerken war. Wandert der Wurm noch weiter herauf bis in die
Rachenhöhle, so kann er durch eine ausnahmsweise vorkommende „Ver-
irrung" auch wohl in den Larynx, in die Nasenhöhle oder gar in den
Thränengang ') und in die Tuba Eustachi gelangen, worüber ich indess
keine eigenen Erfahrungen besitze.
So viel von gewissen localen Erscheinungen, welche die Spulwürmer
durch ihre massenhafte Anhäufung oder durch ihre Wanderungen hervor-
bringen können. Wir stehen hier noch auf dem festen Boden der That-
sachen, verlassen ihn aber, wenn es sich um die Entscheidung der Frage
handelt, ob die Würmer, seien es nun Lumbrici, Oxyuren oder Taenia,
auch Symptome von Seiten des Nervensystems zu veranlassen ver-
mögen. Alle möglichen convulsivischen Krankheiten, Eclampsie, Epilepsie,
Catalepsie, Chorea, Contracturen, Trismus und Tetanus, Amaurose, Stra-
bismus, sollten, wie man früher annahm, durch den von den Würmern
ausgehenden Reflexreiz zu Stande kommen können, und die Literatur
') Haffner, Berl. klin. Wochenschr. 1880. No. 24. — Ganz exceptionell ist
der Befund von Dräsche (Wiener med. Presse. 1882. No. 41. 44), welcher einen
Spulwurm in der Milzvene antraf, wohin er aus einem gleichzeitig mit dieser und
dem Duodenum communicirenden Abscess des Pancreas gelangt sein musste.
544 Krankheiten der Verdauungsorgane.
hat eine ansehnliche Zahl solcher Beobachtungen aufzuweisen. Um so
mehr wundere ich mich darüber, dass ich selbst niemals im Stande
war, diesen Connex sicher zu constatiren, am wenigsten bei Chorea minor
und magna, bei Eclampsie, Epilepsie und verwandten Zuständen. In der
Regel konnte ich bei diesen Kindern gar keinen Abgang von Würmern,
auch nicht nach der Anwendung anthelminthischer Mittel beobachten, und
wenn auch hie und da Würmer entleert wurden, blieb doch die Neu-
rose unverändert. Das Verschwinden derselben wäre aber der
einzige Beweis für das behauptete ursächliche Verhältniss gewesen. Ich
gebe zu, dass die Erfahrung eines Arztes, und wäre sie die reichste,
zur Entscheidung dieser Frage nicht ausreicht, und will daher die Mög-
lichkeit jenes Connexes um so weniger in Abrede stellen, als auch mir
leichtere nervöse Erscheinungen wiederholt in Zusammenhang mit
Würmern vorkamen. Ich rechne dahin ausser häufigem Jucken an der
Nase, ungewöhnlicher Weite der Pupillen und heftigen Colikschmerzen,
Frostschauer, selbst Schüttelfröste, wobei das Gesicht erbleichte,
die Lippen bläulich und die unteren Augenlider von einer schattigen
Rinne umgeben wurden, denen indess weder Hitze noch Schweiss folgte,
fernerKopfschmerzen, Schwindel, und ineinemFall auch exstatischc
Zufälle :
Knabe von 12 Jahren, seit mehreren Tagen heftige Schmerzen in der
Gegend des Colon descendens, wo auch der Druck sehr empfindlich war, und massiges
Fieber. Blutegel, Cataplasmen, innerlich Calomel. Am 4. Tage Nachlass der
Schmerzen, dafür allabendlich exstatische Symptome, Irresprechen, giosse
Unruhe, Umherwerfen, allgemeines Zittern, bis Mitternacht dauernd; bei Tage völlige
Euphorie. Chinin blieb ohne Wirkung. Am 10. Tage plötzlich Abgang zweier un-
gewöhnlich grosser, noch lebender Spulwürmer, womit alle krankhaften
Erscheinungen sofort und für immer verschwanden1).
Von Interesse dürfte auch der folgende Fall sein:
Knabe von 6 Jahren, gesund. Seit 4 Monaten täglich 12—15 Anfälle hef-
tiger neuralgischer Schmerzen in der Gegend des rechten Hypochondrium und der
unteren rechten Rippen, wobei das Gesicht erbleicht und etwas verzerrt wird. Dauer
5—10 Minuten. Intervalle durchaus normal. Untersuchung aller Organe und des
Urins ergab keine Abnormität. Des Versuchs wegen verordnete ich Santonin 0,2 mit
Ol. ricini 20,0 (4 mal täglich 1 Theel.). Am folgenden Tage Abgang zweier noch
lebender Spulwürmer, worauf die Schmerzen sofort verschwander. und nicht wieder-
kehrten. Vorstellung am 31. October 1887 in der Klinik.
Trotz aller Skepsis kann ich doch in diesen Fällen den Zusammen-
') Beiträge zur Kinderheilk. N. F. S. 325.
Helminthiasis. 545
hang der nervösen Symptome mit dem Reiz der Würmer nicht ab-
leugnen, muss daher auch die Möglichkeit eines in convulsivischer
Form sich geltend machenden Reflexes zugeben '). Daher lässt sich gegen
einen Versuch mit anthelminthischen Mitteln bei Neurosen durchaus
nichts einwenden, falls man nur nicht verabsäumt, sorgfältig nach etwa
vorhandenen anderen Quellen der betreffenden Krankheit zu forschen.
Sollten auch unter diesen Verhältnissen keine Würmer abgehen, so
bleibt immer noch die microscopische Untersuchung des Kothes übrig,
in welchem sich fast in allen Fällen von Helminthiasis mehr oder min-
der reichliche Beimischungen von Wurmeiern finden. Man kann diese,
je nach der AVurmspecies ovalen oder runden körnigen Scheiben, sobald
man ihre Charaktere einmal kennen gelernt hat, bald von anderen
ähnlichen Dingen unterscheiden, und wo man sie findet, da ist man auch
sicher, dass Helminthen vorhanden sind. Diese Untersuchung kann
daher zur Diagnose der Helminthiasis auch in solchen Fällen führen, wo
keine wirklichen Würmer in den Fäces aufzufinden waren2). Keinesfalls wird
aber eine aufs Gcrathewohl, also ohne vorhergehende microscopische
Untersuchung unternommene anthelminthische Cur, wenn sie sonst nicht
contraindicirt ist, dem Kinde Nachtheil bringen.
Die Behandlung besteht jetzt vorzugsweise in der Anwendung des
Santonin. Man gab dasselbe gewöhnlich je nach dem Alter zu 0,05
bis 0,1 3 — 4 Mal täglich in Pulver oder Trochiscenform 2 — 3 Tage
hintereinander, und Hess etwa am dritten Tage ein Purgans (Ricinusöl,
Inf. Sennae comp.) nehmen, um die durch das Santonin bewegungsun-
fähig gemachten Würmer schnell durch den Darm hindurch zu treiben.
') Ein von Guermonprez (Gaz. med. 1880. p. 34) mitgetheilter Fall spricht
dafür, dass auch ein Complex von hysterischen Erscheinungen nach dem Abgänge
vieler Spulwürmer vollständig verschwinden kann. S. auch Wischnewsky , Arch.
f. Kinderheilk. VI. 206, und Demme (26. Jahresber. d. Jenner'schen Kinder-
spitals), der einen besonders nach der Nahrungsaufnahme eintretenden Tympanites
nach dem Abgange von Spulwürmern verschwinden sah. — Demme (28. Jahresber.)
berichtet auch über einige Fälle, in welchen die Erscheinungen pernieiöser Anä-
mie mit enormen Anhäufungen von Spulwürmern (200—300 Stück) im Magen und
Darm zusammenfielen und nach der Austreibung der Würmer verschwunden sein
sollen.
2) Vergl. Langer 1. c. und Banik (Münchener med. Wochenschr. 1886.
No. 26) , welcher unter 3 1 5 Kindern bei 38,8 pCt. Wurmeier fand, bei weitem am
häufigsten Eier von Oxyuris vermicularis. Bei 60 Kindern bis zu einem Jahr wurden
gar keine Eier nachgewiesen. In den Stühlen älterer Kinder fand v. Jaksch (Wien,
klin. Wochenschr. 1888. No. 25) fast stets Eier von Spul-, Madenwürmern und
Trichocephalus dispar.
Henoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 35
546 Kraukheiten der Verdauungsorgane.
Das Santonin hat zwar vor der früher üblichen Anwendung der es ent-
haltenden Semina Cinae den Vortheil, dass man es Kindern leichter bei-
bringen kann; doch glaube ich fast, den früher mit dem Zittwcrsamen
selbst erzielten Erfolgen den Vorzug geben zu müssen. Ich erinnere
mich wenigstens, mitteslt der mehrere Tage hintereinander gehrauchten
Störk'schen AVurmlatwerge oder dem Electuar. anthelminthicum Ph.
paup. weit massenhaftere Wurmabtreibungen erzielt zu haben, als jetzt
mittelst des Santonins, vielleicht aus dem Grunde, weil in jenen Lat-
wergen die Semina Cinae gleichzeitig mit dem Purgans (Rad. Jalapae)
gegeben wurden. Man thut daher hesser, auch Santonin gleich in Ver-
bindung mit einem Abführmittel, z. B. mit Calomel (aa 0,05 — 0,1) oder
mit Ol. ricini (20,0 mit Santonin 0,2 theelöffel weise) zu reichen '). Dass
Santonin den Harn gelblich färbt, ausnahmsweise auch Gelbsehen (Xan-
thopsie) erzeugen kann, ist eine Thatsache. Auch andere toxische Er-
scheinungen, wie Urticaria, Erbrechen, Harnverhaltung, selbst Coma und
epileptiforme Krämpfe wurden (zumal nach grösseren Dosen von 0,2 — 0,3)
beobachtet2) ; es ist also schon aus diesem Grunde rathsam, das Mittel gleich
mit einem Purgans zu verbinden, um es möglichst schnell aus dem
Körper wegzuschaffen. Gegen die Spulwürmer wendet man sowohl Zitt-
wersamen, wie Santonin nur innerlich an; handelt es sich um Oxyurcn,
so kann man damit noch Klystiere oder Eingiessungen in den Mast-
darm verbinden, z. B. mit einer Lösung von Hydrarg. muriat. corros.
(0,01) oder von Santonin (0,1—0,2). Diese Klystiere oder noch hesser
Eingiessungen grösserer Flüssigkeitsmengen mittelst des Irrigators, wer-
den am besten gegen Abend applicirt und möglichst lange im Rectum
zurückgehalten. Die viel benutzten Klystiere mit einer Abkochung von
Knoblauch oder von Sapo medicatus versagten mir sehr häufig die Wir-
kung, wie denn überhaupt alle angewendeten Mittel, Externa wie In-
') Nach den Versuchen von Lewin wäre die Lösung des Santonin in Ricinusöl
auch deshalb zu empfehlen, weil das Mittel in Pulver- oder PlätzcheDform schon im
Magen völlig oder grösstentheils aufgelöst wird, mit Oel verbunden aber ungelöst
in den Darm gelangt, und hier also wurmtödtend wirken kann. (Caspari, Ueber
das Verhalten des SantoniDS im Thierkörper. Dissertation. Berlin, 1883.— Lewin,
klin. Wochenschr. 12. 1883.
2) Cramer (Deutsche, med. Wochenschr. 1889. S. 1067) beobachtete fieber-
haften Icterus mit Nephritis und Milzschwellung in Folgo von Santoningebrauch,
also den sogen. „Weil'schen Symptomencomplox". Die von Demme sehr vor-
sichtig empfohlene Einzel-Dosis von 0,01—0,03, Maximaltagesdosis 0,06-0,1) halte
ich für zu niedrig gegriffen.
Helmiutbiasis. 547
terna, gar nicht selten im Stich lassen1). Bei starkem Pruritus
ani lasse ich ein paar Mal täglich etwas Ung. hydrarg. cinereum in die
Aftergegend einreiben, oder auch Suppositorien (Ung. einer. 2 mit Ol. cacao
4 oder mit Sapo dornest, pulv. 3) in den Anus einschieben. In manchen Fällen
leisteten mirSuppositorien vonSantoninO,l mitButyr. Cacao 1,0, Abends ein-
gebracht und Morgens durch ein Wasserklystier ausgespült , gute
Dienste. Beiläufig sei bemerkt, dass Pruritus ani auch bei Kindern
bisweilen ganz unabhängig von Würmern vorkommt, dann aber mehr bei
Tage als Abends. So beobachtete ich denselben bei einem 11jährigen
gesunden Knaben, welcher an hartnäckiger Verstopfung litt. Ein paar
Weingläser Ofener Bitterwasser beseitigten mit der Obstruction auch
jedesmal den Pruritus.
3) Tacnia, Bandwurm. Obwohl an Frequenz hinter den Spul-
würmern und Oxyuren zurückstehend, werden doch Taenicn bei Kindern
ebenso häufig, nach Monti2) sogar noch häufiger, als bei Erwachsenen
beobachtet. Die 33 Fälle, über welche ich früher3) berichtete, haben
sich seitdem auf mehr als das Vierfache gesteigert; es vergeht kein Se-
mester, in welchem nicht mehrere mit Taenia behaftete Kinder in meiner
Poliklinik erscheinen. Das Alter derselben ist sehr verschieden. AVcnn
ich auch bis jetzt noch keinen Fall von Tacnia beim Fötus4)
oder bei einem 5 Tage alten Kinde5) erlebt habe, so sah ich doch
mehrere Kinder, welche erst ein Jahr alt waren, wiederholt Bandvvurm-
stücke entleeren. Weitaus die meisten Kinder standen aber im Alter
von 2 — 12 Jahren. Berücksichtigt man die bekannten Beziehungen des
Cysticercus zur Taenia, so ist es schwer begreiflich, wie ein Bandwurm
beim Fötus oder Neugeborenen entstehen soll, da hier eine Infection des
Fötus durch das Blut der Mutter kaum angenommen werden kann. So
lange der Säugling nur mit Milch gefüttert wird, ist überhaupt die In-
fection mit Cysticercus nicht denkbar, wenn nicht ein böser Zufall (Ge-
nuss von Fleisch) dazwischen tritt. In diesem Falle kann allerdings
eine Infection schon in sehr früher Zeit erfolgen. Ausserdem hat man
an das Vorkommen der Taenia „elliptica" s. cueumerina zu denken,
') Auch Kalkwasser, Chinin (0,3—1,0 auf 100), Terebinth. lario. (mit Gum.
arab. ana. 8,0 auf 120,0 Infus. Chamom.) sind zu Klystieren empfohlen worden.
2) Archiv f. Kinderheilk. IV. S. 175.
3) Beitr. zur Kinderheilk. S. 133. Ibid. N. F. S. 327.
4) Barrier, Maladies des enfants. II. p. 98.
5) Oesterr. Jahrb. 1873. I. Anal. S. 103. — Jahrb. f. Kinderheilk. V. S. 444.
— Hirsch u. Virchow, Jahresber. f. 1872. II. S. 701.
35*
548 Krankheiten der Vordauungsorgano,
welche nach Louckart aus den in den Mund der Kinder gelangten
„Hundeläusen" (Trichodcctes canis) entstehen soll, die zwischen den
Ilaaren der Hunde und Katzen leben. Einzelne Fälle dieser Art sind
in der Literatur mitgetheilt '). — In allen Fällen von Taenia, welche
mir selbst bei Säuglingen und bei Kindern im zweiten Jahre vorkamen,
Hess sich constatiren, dass diese bereits rohes Fleisch oder Wurst
neben der Milchnahrung bekommen hatten. Seitdem Leuckart auch
im Fleische des Rindes einen Cysticercus entdeckt hat, welcher
sich in derselben Weise zu Taenia mediocanellata umwandelt, wie die
Schweinefinne zu Taenia solium, können wir das Vorkommen des Band-
wurms nach dem Genuss von rohem geschabtem Rindfleisch begreifen,
während man noch vor etwa 50 Jahren, als Weisse nach der Anwen-
dung des geschabten Fleisches gegen Diarrhoea ablactatorum Taenia ent-
stehen sah , kein Verständniss für diese Beobachtung hatte. Nach
Stein2) wäre T. mediocanellata bedeutend häufiger als T. solium (von
221 Fällen betreffen 176 die erstere , nur 45 die letztere), eine Be-
rechnung, welche Monti nur für das Alter unter zwei Jahren
gelten lässt , in welchem fast ausschliesslich rohes Rindfleisch ge-
nossen wird.
Die meisten mit Taenia behafteten Kinder, welche ich zu behandeln
hatte, boten gar keine krankhaften Erscheinungen dar; nur der
von Zeit zu Zeit eintretende Abgang einzelner, noch bewegungsfähiger
reifer Glieder (Proglottiden), oder auch grösserer bis ellenlanger Stücke
machte die Mütter aufmerksam. Dieser Abgang erfolgte entweder mit
dem Stuhlgang oder ganz unabhängig von diesem, so dass die Pro-
glottiden in den Hosen oder in den Betten der Kinder gefunden wurden.
Nur in verhältnissmässig seltenen Fällen wurde über Magen- oder Leib-
schmerzen, Uebelkeit, Zusammenlaufen von Wasser im Munde, Drang
zum Stuhlgang, zuweilen auch über kribbelnde oder taube Empfindung
in den Beinen, sogar über erschwertes Gehen geklagt. Ernstere Symptome,
wie Chorea, Epilepsie, Catalepsie u. s. w., die von anderen Autoren der
Taenia zugeschrieben werden, konnte ich bisher niemals mit Sicherheit
auf diese zurückführen, so dass ich sie für die Gesundheit des Kindes ge-
gewiss nicht schädlicher halte, als Spulwürmer und Oxyuren, die übri-
gens wiederholt gleichzeitig mit dem Bandwurm bei demselben Kinde
vorkamen. Beobachtungen von Anämie, sogar pernieiöser Art, wie
') Vergl. A. Hoffmann, Jahrb. f. Kinderheilk. XXVI. Heft 3 u. 4. — M or-
te ns, Berl. klin. Wochenschr. 1892. No. 44 u. 45.
2) Entwicklungsgeschichte u. Parasitismus d. menschl. Cestoden. Lahr, 1882.
Huluiinlkiasis. 549
sie in Zusammenhang mit Taenia oder Botryocephalus hie und da be-
richtet wurden, stehen mir nicht zn Gebot. Wie bei Erwachsenen hatte
auch bei Kindern der Genuss von Häringen und Walderdbeeren häufig den
spontanen Abgang von Proglottiden oder grösseren Stücken zur Folge,
und um diese Zeit wurden dann öfter, zumal bei kleinen Kindern, Ver-
lust der Laune, Colik und unruhiger Schlaf beobachtet. Auch im Ver-
laufe einer acuten oder chronischen Diarrhoe sah ich mehrere Male
Taeniastücke mit dem Stuhlgang abgehen, einmal auch während eines
mit Diarrhoe verbundenen Ileotyphus. In einigen Fällen wurde die beim
Stuhlgang aus dem Anus theilweise herausgedrängte Taenia von den
Müttern beim Versuch der vollständigen Extraction abgerissen. Man
sollte daher in solchen Fällen jedes Zerren an dem herausgepressten
Stücke der Taenia vermeiden, dasselbe vielmehr ausserhalb des Anus
durch ein Klebepflastcr festhalten öder, wie es Monti erfolgreich durch-
führen sah, behutsam auf ein Holzstäbchen aufwickeln, und durch Ab-
führmittel und Klystiere den Wurm vollständig zu entleeren versuchen.
Ob die empfohlene Injection von Chloroformdunst in den Mastdarm unter
diesen Umständen den Abgang des Restes befördert, kann ich aus eigener
Erfahrung nicht beurtheilen.
Unter den Band Wurmmitteln stellte ich bei Kindern früher
Kousso obenan. Mir schien es immer noch am sichersten zu wirken,
und wir behandelten daher alle in der Klinik vorkommenden Fälle zu-
nächst mit diesem Mittel. Je nach dem Alter gab ich morgens 5,0 bis
10,0 in zwei Portionen halbstündlich in Kaffee oder Milch, worauf aller-
dings oft Uebelkeit, selbst Erbrechen erfolgt. Giebt man dann eine
Stunde später einen Löffel Ol. ricini, so enthalten die im Laufe des
Tages erfolgenden dünnen Stühle, wenn auch nicht immer, doch sehr
häufig grosse Massen von Taenia, oder auch die ganze Kette von Wurm-
individuen mit ihrem Haftapparat , welchen wir als „Kopf" zu be-
zeichnen pflegen. In vielen Fällen wurde allerdings dieser „Kopf" nicht
aufgefunden, wohl aber der äusserst zarte bis nahe an denselben rei-
chende Theil, und ich pflege dann die Cur nach zwei Tagen zu wieder-
holen. Zweckmässig ist es auch, schon am Tage vor dem Einnehmen
des Mittels den Darmkanal durch Ricinusöl zu entleeren und Abends
Häring essen zu lassen, am Tage der Cur selbst aber, nachdem die ab-
führende Wirkung eingetreten ist, mindestens alle zwei Stunden ein
Klystier von kaltem Wasser zu appliciren, um den Darm nicht in
Ruhe kommen zu lassen, und der durch Kousso betäubten Taenia keino
Zeit zum Wiederansaugen an der Darm wand zu gewähren. Trotzdem
haben wir eine sehr ansehnliche Zahl von Misserfolgen zu verzeichnen,
550 Krankheiten der Verdauungsorgane.
und nicht besser erging es uns bei der Anwendung anderer gerühmter
Mittel, zumal der Granat- und der Farrnkrautwurzel, welche ich
öfters in folgender Weise combinirte: Decoct. cort. rad. Granat. (30,0)
180, Extr. filic. mar. 2,5 — 5,0, Syr. cort. aur. 20,0. M. S. halbstünd-
lich in 3 Portionen zu nehmen '). Jetzt verordne ich mit Vorliebe eine
Latwerge von Extr. filic. maris 4,0 bis 5,0 mit Mel despum. 25,0
Morgens in zwei Portionen zu nehmen. Nach einer Stunde giebt man
einen Löffel Ricinusöl und lässt nach eingetretener Wirkung die em-
pfohlenen Wasserklystiere 2 stündlich appliciren. Es gelang dann nicht
selten, den ganzen Wurm mit dem Kopfe abzutreiben. Vergiftungssym-
ptome, sogar tödtlicher Art, wie sie hie und da vorgekommen sein sollen,
habe ich bis jetzt nie beobachtet. Von dem in neuester Zeit mehrfach
versuchten Pelletierinum muriaticum (dem Alkaloi'd der Granat-
wurzelrinde) zu 0,25 pro dosi hatte ich im Ganzen mehr Misserfolge als
Erfolge zu verzeichnen.
XV. Die acute und chronische Peritonitis.
Seltener als bei Erwachsenen wird die acute Peritonitis2) im Kin-
desalter beobachtet, abgesehen von der in Verbindung mit pyämischen
und septischen Processen bei Neugeborenen vorkommenden Form.
Hier pflegen sich aber die Symptome, Auftreibung, Spannung, Empfind-
lichkeit des Unterleibs und Erbrechen, derartig mit den Allgemein-
erscheinungen zu compliciren oder durch diese maskirt zu werden, dass
ein deutliches klinisches Bild der Krankheit nicht zu Stande kommt.
Bei älteren Kindern beobachtete ich acute Peritonitis öfter im Gefolge
von Scharlach, besonders von Nephritis scarlatinosa, vorzugsweise
aber von Perityphlitis, jener entzündlichen Vorgänge, welche sich im
Coecum und seiner nächsten Umgebung, zumal am Processus vermiformis
abspielen. Mögen nun diese Entzündungen von einer durch Kothmassen
bedingten übermässigen Spannung des Blinddarms, oder von der Reizung
durch ein Kothconcrement im Wurmfortsatze ausgehen, immer zeigen sie
die gleichen Symptome, wie im späteren Lebensalter: die anfangs auf
') Monti (1. c. S. 204) giebt die Granatwurzel in weit stärkerer Dosis: R.
Cort. rad. pun. granat. 100,0, Aq. dest. 200,0. Macera per 48 hör. Decanta. Von
diesem Infusum giebt er dem Kinde 100—150,0 und behauptet, damit die meisten
Erfolge gehabt zu haben, gesteht aber schliesslich, dass kein Mittel absolut sicher
sei, dass man von vornherein nicht bestimmen könne, mit welchem Mittel man am
sichersten zum Ziel kommt, und dass man in einzelnen Fällen alle Mittel versuchen
müsse.
2) Pott, Jahrb. f. Kinderheilk. XIV. S. 157. 1879.
Peritonitis. 551
die Coecalgegend beschränkte, aber leicht über einen grösseren Theil
des Peritoneum sich ausbreitende Schmerzhaftigkeit, die häufige Bildung
eines durch Exsudat bedingten Tumor, die wiederholten Recidive u. s. w.
Ich beschränke mich daher an dieser Stelle auf einige therapeutische
Bemerkungen, welche die Behandlung dieser Zustände mit Opium be-
treffen. Meine Erfahrungen sprechen auch bei Kindern entschieden zu
Gunsten dieser Therapie. Ich lasse den Darm vollständig in Ruhe, und
gebe nur dann Ricinusöl oder Calomel, wenn sich von vorn herein
grössere Faecalanhäufungen im Coecum durch das Bestehen längerer
Verstopfung oder durch Palpation nachweisen lassen. Sonst rathe ich
von der Anwendung der Abführmittel ganz abzustehen, bei grosser Em-
pfindlichkeit der Coccalgegend je nach dem Alter 5 — 8 Blutegel (ohne
Nachblutung) zu setzen, und einen Eisbeutel dauernd auf diese Gegend
zu appliciren. Nur selten wurde dieser nicht vertragen und musste
durch hydropathische oder warme Umschläge ersetzt werden. Innerlich
gebe ich von einer Emulsio oleosa (100,0) mit Extr. Opii aquos. 0,1
bis 0,2 und Syr. 20,0 2 stündlich einen Kinderlöffel, bis der spontane
Schmerz aufhört und die Empfindlichkeit gegen Druck nachlässt. So-
bald dies der Fall ist, pflegt sich auch der Stuhlgang spontan oder
nach der Anwendung eines Klysma, eines Löffels Ricinusöl, wieder ein-
zustellen. Eine Stuhlverstopfung von 6 — 7 Tagen hat dabei nichts zu
bedeuten. Durch diese Behandlung gelang es mir fast in allen Fällen,
wo sie rechtzeitig eingeleitet wurde, Heilung herbeizuführen, und da, wo
sich schon ein Tumor durch Exsudat gebildet hatte, den Uebergang des-
selben in Eiterung zu verhüten, selbst bei Kindern, welche wegen eines
Recidivs wiederholt in der Klinik Aufnahme fanden. Nur selten schlug
das Opium fehl, z. B. bei einem 5jährigen Mädchen, welches während
des ganzen Verlaufs von heftigen Coliken, Diarrhoe und Tenesmus
geplagt wurde. Hier musste das Opium mit Ricinusöl (1 Theelöffel
stündlich) vertauscht werden, welches nach einigen Tagen unter fort-
dauernder Entleerung kleiner verhaltener Scybala Heilung herbeiführte.
Ueberhaupt erwarte man nicht constant hartnäckige Verstopfung in
solchen Fällen, wenigstens nicht im Beginn der Krankheit.
5j ähriges Kind, ertrankt mit Erbrechen und Diarrhoe, so dass es mit der
Diagnose „Brechdurchfall" in dieKlinik kam, wo Perityphlitis festgestellt wurde.
Später Obstruction, anhaltendes Erbrechen, Collaps u. s. w. Tod nach 5 Tagen.
Section: In der Bauchhöhle eiteriges Exsudat. Peritoneum überall eiterig-
fibrinös beschlagen, Därme unter einander verklebt , besonders das Coecum. Pro-
cessus vermiformis missfarben, an der Spitze perforirt, mehrfach ulcerös. In
seiner Höhle zwei Kothstoine von Kirschkern- resp. Samenkorngrösse.
552 Krankheiten dor Vurdauungsorgano.
Das Exsudat, welches in der Umgebung des Coecum zu Stande
kommt, bildet eine deutlich fühlbare und durch matten Percussionsschall
nachweisbare Härte, welche sich bis über die Mittellinie hinaus und auf-
wärts bis zum Niveau des Nabels hin erstrecken kann. Kommt nun
unter dem fortgesetzten Gebrauch des Eisbeutels die Resorption nicht
zu Stande, nimmt vielmehr der Tumor und seine Empfindlichkeit unter
fortdauerndem, abendlich exaeerbirendem Fieber noch zu, so sind warme
Cataplasmen, Tag und Nacht fortgesetzt, zu empfehlen. Es kommt nun
zwar bisweilen zu einem spontanen Durchbruch des Eiters nach aussen,
in den Darm (von mir zweimal beobachtet), die Blase oder Vagina.
Rathsamer ist es aber, diesen Ausgang nicht abzuwarten, da ebenso gut
eine tödtliche Ruptur in die Peritonealhöhle erfolgen kann. Verzögert
sich also die Resorption, ist gar remittirendes Fieber vorhanden, so nehme
man eine Probepunction und, wenn diese Eiter ergiebt, sofort die künst-
liche Eröffnung des Abscesses vor, welche durch die antiseptische Me-
thode einen grossen Theil ihrer Gefährlichkeit verloren hat.
Kind von 21/2 Jahren, aufgenommen am 8. Juli mit einem Tumor in der
rechten Fossa iliaca, der nach entzündlichen Erscheinungen entstanden sein soll.
Auch hier soll anfangs Diarrhoe bestanden haben. Die Geschwulst ist sehr empfind-
lich, bei der Percussion matt und fluetuirt. Stuhl normal, breiig. Massiges Fieber.
Die Probepunction ergiebt Eiter. Darauf Incision, Entleerung foetider Eitermassen;
der eingeführte Finger kann eine nach allen Seiten abgekapselte Höhle abtasten.
Drainage. Fieberlose Heilung bis zum 22. Juli. Entlassung ').
Solche Peritonealabscesse oder „Bauchempyeme" können sich
übrigens, ganz unabhängig von Perityphlitis, auch an anderen Stellen
des Unterleibs entweder ohne deutliche Ursache, oder in Folge einer
traumatischen Einwirkung bilden:
Ein lOj ähr iges Mädchen, welches am 11. November in meine Poliklinik kam,
war im August von einem grossen Hunde, der sie niederwarf und auf ihrem Bauch
herumtrampelte, arg misshandelt worden. Es entstand dadurch acute Peritonitis,
welche Mitte September mit einem Eiterdurchbruch durch d en Nabel ihr Ende
erreichte. Noch im November bestand an der Stelle des ehemaligen Nabels eine
groschengrosse rothe, mit Granulationen bedeckte Wunde, aus welcher immer etwas
Eiter abfloss.
Knabe von 4 Jahren, aufgenommen den 4. Januar. Kurz vor Weihnachten
Fall auf einen Pfahl, gerade die Nabelgegend treffend. Anfangs Januar starke An-
') Auch Demme (21. Jahresber. d. Jenner'schen Kinderspit. 1884) berichtet
2 Fälle, in denen durch verschluckte Fremdkörper (Glasperlen, Knöpfchen) Peri-
typhlitis und Abscessbildung zu Stande gekommen war, und durch die Operation
Heilung erzielt wurde.
Peritonitis. 553
Schwellung des Nabels, Infiltration seiner Umgebung. In der Poliklinik Aufpinse-
lungen von Jodoformcollodium. Den 10. spontaner Aufbruch, Entleerung von einem
Tassenlcopf Eiter. Am 13. Austritt von Kartof felstückchen und Erbsen-
hülsen aus der Abscessöffnung im Nabel. Bei Action der Bauchpresse kommt viel
flüssiger Koth, der aber nicht fäcal riecht, hervor. Stuhl normal, kein Fieber, kein
Schmerz. Sorgfältiger antiseptischer Verband. Entlassung am 21. Weiterbehandlung
in der Poliklinik. Vollständige Heilung.
Knabe von 2 Jahren, aufgenommen den 29. October, Angeblich nach einem
Fall auf den Bauch entstand im Mai Anschwellung des Nabels, die allmälig zunahm,
und im October eine ausgedehnte Phlegmone darstellte. Aus dem Nabel, welcher die
Mitte derselben einnimmt, entleeren sich dünne braune Massen, ohne Fäcalgeruch,
die bei dauernder Milchnahrung immer heller werden. Appetit, Stuhl normal. T. 36,5,
Wurde am 5. November ungeheilt entlassen.
M. L., lOjährig, am 18. December zuerst von mir untersucht. Seit 14 Tagen
Symptome von acuter Peritonitis, welche sich ohne erkennbare Ursache von der
linken Regio iliaca aus entwickelt hatte (2 malige Application von Blutegeln, Eis-
beutel). Ich fand einen diffusen, sehr empfindlichen, bei der Percussion matt schal-
lenden Tumor, weicherden unteren Tneii der linken Bauchhälfte bis über das Niveau
des Nabels einnahm, während die rechte Seite vollkommen frei war. Dabei
Schmerz während des Stuhlgangs und Urinlassens, remittirendes Fieber, grosse
Schwäche. In den letzten Tagen sehr heftige colikartige Schmerzanfälle mit lautem
Geschrei und verfallenem Gesicht, dazwischen ganz freie Intervalle. Therapie:
Warme Cataplasmen auf den Leib, Emulsio oleosa mit Extr. Opii. Am 20. wieder-
holter Ausfluss von Schleim und eiteriger Flüssigkeit aus dem Mastdarm, und in
der Nacht zum 21. plötzlich 4 — 5 dünne, sehr reichliche eiterige Stühle von der
Farbe des Milchkaffee's. Am 21. Tumor und Schmerzen gänzlich verschwunden,
Fortdauer der eiterigen, mit Fäcalklümpchen vermischten Ausleerungen. Völlige
Heilung nach wenigen Tagen. Wie ich später erfuhr, erfolgten im Laufe der näch-
sten Jahre noch zwei kleinere Recidive an derselben Stelle, die aber nicht den Aus-
gang in Eiterung nahmen. Patientin ist jetzt ein vollkommen gesundes Mädchen
von 25 Jahren.
In diesen Fällen sehen wir die Peritonealabscesse sich durch den
Nabel, resp. den Mastdarm entleeren. Bedenkt man, dass der Nabel
der nachgiebigste Theil der Bauchwand ist, dass die Fascia hier fehlt,
und nur die Hautnarbe, Fett und Peritoneum die Bauchhöhle nach
aussen abschliessen, so wird es begreiflich, dass bei allen Ausdehnungen
des Unterleibs, sei es durch Gravidität, durch feste Tumoren oder
Flüssigkeit, Verdünnungen und herniöse Hervortreibungen des Nabels
leicht zu Stande kommen, ganz besonders im Kindesalter, wo der Nabel
noch weniger widerstandsfähig ist, als bei Erwachsenen. Wenn nun von
einigen Autoren ') behauptet wird, dass die meisten Fälle von Eiter-
') Vaussy, Des phlegmons sous-peritoneaux de la paroi abdominale ante-
rieure. Paris, 1875. — Gauderon, De la pe'ritonite idiopathique aiguii des enfants.
Paris, 187G.
554 Krankheiten der Vordauungsorgano.
durchbrach durch den Nabel eigentlich keine Fälle von Peritonitis waren,
dass vielmehr die Eiterung fast immer ausserhalb des Bauchfells in
dem subserösen Gewebe stattgefunden habe, so muss ich zwar das Vor-
kommen dieser Abscessc in den Bauchdecken, welche meistens einen
traumatischen Ursprung haben und leicht als Peritonitis imponiren
können, nach eigener Erfahrung zugeben, glaube aber doch, dass jene
Autoren mit ihrer Behauptung viel zu weit gehen. Unter anderen giebt
der folgende Fall ein schlagendes Beispiel.
Bertha C, 4 jährig, aufgenommen am 24. Januar. Vor 4 Wochen mit Leib-
schmerzen, Erbrechen und Diarrhoe erkrankt. Erbrechen seitdem oft wiederkehrend,
zunehmende Anschwellung des Unterleibs, Welkheit, Abmagerung und Blässe. Bei
der Aufnahme Unterleib kugelig aufgetrieben, Nabel .prominirend, seine Umgebung
stark geröthet und empfindlich; G Ctm. oberhalb des Nabels in der Linea alba eine
taubeneigrosse fluctuirende Vorwölbung mit stark verdünnter Haut, sich nach unten
in einen 2 Ctm. breiten fluetuirenden Spalt fortsetzend. Percussion fast überall
dumpf, auch beim Lagewechsel, nur im Epigastrium und unter dem rechten Rippen-
rande etwas tympanitisch. Zwerchfell und Herz aufwärts gedrängt. T. Abends 37,9.
Bis zum 27. Zunahme der Bauchanschwellung und Erweiterung des Spaltes in der
Linea alba. Probepunction giebt dünnen Eiter, keine Tuberkelbacillen. Verlegung
nach der chirurgischen Station und Laparotomie, wobei 2000 Ccm. dünnen Eiters
und Fibringerinnsel entleert wurden. Drainage. Heilung ohne Fieber bis zum 7. Febr.
Geheilt entlassen').
Es handelte sich hier um eine aus unbekannten Ursachen entstandene
purulente Peritonitis, welche durch die Laparotomie sicher consta-
tirt und geheilt wurde. Von einer Eiterung in den Bauchdecken war
keine Rede, und dennoch stand der Durchbruch des Eiters durch den
Nabel bevor. Ich werde auch bald Gelegenheit haben, Ihnen Fälle mit-
zutheilen, in welchen die Section bei chronischer Peritonitis Durch-
bruch von Eiter, einmal auch von ascitischer Flüssigkeit, durch den
Nabel nachwies. Die im zweiten und dritten meiner Fälle constatirte
Communication der Abscessöffnung im Nabel mit einer Dünndarm-
schlinge (Ausfluss von Nahrungsstoffen und flüssigem, nicht fäculent
riechendem Koth) lässt allerdings auch die Deutung zu, dass ein primär
in den Bauchdecken gebildeter Abscess schliesslich circumscripte Peri-
tonitis in der Nabelgegend, Adhäsion mit einer Darmschlinge und Per-
foration der letzteren herbeigeführt haben könnte.
Dass nach dem Ablauf einer circumscripte n Peritonitis bedrohliche
') Berl. klin. Wochenschr. 1891. No. 4. Die Vorwölbung und Spaltbildung in
der Linea alba halte ich für eine angoboreno Diastaso, welche durch den intra-
abdominellen Druck erweitert wurde.
Peritonitis. 555
Störungen in der Fortschafi'ung des Darminhalts entstehen können,
beweist der Fall eines 12jährigen Mädchens, welches in der linken
Regio iliaca ein umfängliches Exsudat darbot. Nach der Beseitigung
der acuten Entzündung durch Eisbeutel, Opium u. s. w., traten, während
der Exsudattumor fortbestand, im Verlaufe der nächsten Wochen 4 — 5
Anfälle ein, die man als Ileus bezeichnen konnte (Obstructio alvi,
häufiges grünliches Erbrechen, intensive Schmerzen im Leibe, massiges
Fieber, Verfall der Gesichtszüge), Anfälle, welche 12—18 Stunden zu
dauern pflegten, und mit der Ausstossung eines festen Kothpfropfs, auf
welchen dann reichliche scybalöse Ausleerungen folgten, ihr Ende er-
reichten. Ricinusöl und Klystiere genügten nur beim ersten Anfall,
später bedurfte es 2stündlich wiederholter Eingiessungen von Eis-
wasser, um endlich die Ausstossung des Kothpfropfs zu erzielen. Inner-
liche Mittel wurden meistens erbrochen und deshalb ganz ausgesetzt, die
Schmerzen durch Morphiuminjectionen beseitigt. Erst nach vier Wochen
war der Tumor verschwunden, und seit dieser Zeit blieb die Gesundheit
ungestört. Offenbar handelte es sich hier um Oompression oder Knickung
der unteren Colonpartie durch das umlagernde Exsudat, mit Stagnation
und pfropfartiger Eindickung der Fäcalmassen. —
Acute Peritonitis durch nachweisbare Perforation eines Unter-
leibsorgans kommt, abgesehen von den erwähnten Ulcerationen des Pro-
cessus vermiformis'), nur ausnahmsweise bei Kindern vor, was sich
aus der grossen Seltenheit runder Magengeschwüre und anderer zu Per-
forationen führender Krankheiten der Abdominalorgane in diesem Alter
erklärt. Selbst der Ileotyphus giebt, wie wir später sehen werden,
nur selten dazu Anlass. Fälle von Darmruptur während der Geburt
mit consecutiver Peritonitis werden in der Literatur mitgetheilt2), sind
mir selbst aber nie begegnet.
Wenden wir uns nun zu der chronischen Peritonitis, so müssen
wir diese, abgesehen von ihrer tuberculösen Form, als eiue seltene
Afl'ection bezeichnen. Aeltere Angaben, z. B. die von Wolff3), der in
6 Wochen mehr als 100 Fälle, meistens mit Ausgang in Heilung, beob-
') Bei einem 11jährigen Knaben, der unter den Erscheinungen der acuten Peri-
tonitis binnen 5 Tagen zu Grunde ging, ergab die Section als Grund Perforation
des Proc. vermiformis durch einen Kothstein, dessen Centrum ein Apfelsinenkorn
bildete.
2) S. Falkenheim u. Äskinazy (Jahrb. f. Kinderkeilk. Bd. 34. S. 71) in
deren Fall das ausgetretene Meconium über das ganze Bauchfell vertheilt und ver-
kalkt war.
s) Hufeland's Jonrn. 1838. Bd. GG.
556 Krankheiten der Verdauungsorganc.
achtet haben will, sind unglaubwürdig. Die bei Erwachsenen, zumal bei
Weibern, oft zu beobachtenden Adhäsionen der Abdominalorgane, be-
sonders der inneren Genitalien gehören im Kindesalter zu den Aus-
nahmen. Dagegen ist die nicht tuberculöse chronische Peritonitis unter
dem Bilde des „Ascites", durchaus nicht so selten, wie man es früher
annahm. Noch im Jahre 1884 betrachtete Ch. West die chronische
Peritonitis der Kinder fast ausnahmslos als tuberculös. Diese An-
sicht ist indess nicht gerechtfertigt; unter anderen giebt der folgende
Fall1) dafür einen vollgültigen Beweis:
Anna S , 4jährig, am 14. November in die Klinik aufgenommen, soll bis vor
8 Tagen gesund gewesen sein (?). Seit dieser Zeit will man eine Auftreibung des
Unterleibs bemerkt haben. Die Untersuchung ergab hochgradigen Ascites mit ver-
strichenem Nabel und deutlicher Fluctuation. Schmerz und Empfindlichkeit des
Leibes absolut fehlend. Leberdämpfung roicht bis zur 5. Rippe. Resp. 28-40,
etwas dyspnoetisch. Rechts von der Scapula abwärts Dämpfung und schwaches
Athemgeräusch. Geringes Oedema pedum, Urin normal, kein Fieber. Die am 16. mit
einem Probetroicart vorgenommene Punction entleerte 3900 Com. einer grünlichen
stark albuminösen Flüssigkeit, welche reichlich Eiterkörperchen, Fibrincoagula und
einzelne Flocken enthielt, die unter dem Microscop ein mit Zellen gefülltes Faser-
netz darboten, und den Verdacht einer Sarcombildung im Unterleibe rege machten.
Die Palpation ergab indess nur oine 3—5 Ctm. breite Hervorragung des unteren
Leberrandes, nirgends einen Tumor. Da aber nach 8 Tagen der Ascites wieder der-
selbe wie vor der Punction war, so wurde diese am 24. mit demselben Erfolg wie
das erste Mal wiederholt, wobei indess keine einer Neubildung vergleichbaren Ele-
mente gefunden wurden. Bis zum 13. December, also etwa 20 Tage lang, blieb
der Zustand ziemlich unverändert; Temp. Abends öfter bis 38,6 steigend, Puls 96
bis 140, Allgemeinbefinden sich merklich verschlechternd, Abmagerung zunehmend,
wiederholtes Erbrechen, mitunter auch Diarrhoe. Bei einer indifferenten Behandlung
nahm auffallender Weise der Ascites ab, und am 13. December konnte man durch
die nun weicher gewordenen Bauchdecken hindurch in der Nabelgegend deutlich thoils
knotige, theils strangartige Härten fühlen, die an der Grenze des Hypo-
gastrium zu einer grösseren, fast umgreifbaren Geschwulst conQuirten, und beim
Verschieben der Bauchdecken, wie beim Druck, hie und da deutlich ein Reibungs-
gefühl darboten. Starke durch Ricinusöl bewirkte Fäcalausleerungen änderten
nichts, so dass die Diagnose einer Neubildung festeren Halt gewann. Bis zu dem
am 21. unter zunehmendem Collaps erfolgten Tode blieb der Zustand nahezu unver-
ändert, und noch am letzten Tage wurde folgender Status notirt: ,, Abdomen weich,
leicht eindrückbar. Unterer Leberrand 1 -l'/2 Ctm. unter dem Rippenrande fühl-
bar. Rechts von der Linea alba, vom Leberrande bis in die Fossa iliaca dextra herab
sich erstreckend, ein aus mehreren wurstförmigen, unter sich zusammenhängenden
Wülsten bestehender, etwa handbreiter Tumor, der über dem Niveau der Bauchhaut
sichtbar prominirt. Die anderen früher fühlbaren Tumoren undeutlicher palpirbar
als bisher."
') Berliner lclin. Wochensehr. 1874. No. 10.
Peritonitis. 557
Soction: Im Abdomen etwa 500,0 trüber Flüssigkeit. Sowohl das viscerale,
wie das parietalo Blatt des Peritoneum zeigt überall ziemlich breite und lange
Streifen frischen fibrinösen grau-gelben Exsudats; die Gyri des Dünndarms überall
durch äusserst kurze und dichte peritonitische Schwarten mit einander fest ver-
wachsen, so dass sie nur mit dem Messer von einander zu trennen sind. Die Serosa
des Darms durchweg enorm verdickt, mürbe, brüchig, trübe und glanzlos, und an
sohr vielen Stellen mitsammt dem subserösen Gewebe und dem auflie-
genden Exsudat zu einem bläulich weissen, halb durchscheinenden,
schwieligen, l'/2— 1 Ctm. dicken, unter dem Messer knirschenden Ge-
webe organisirt. Mesenterium, grosses und kleines Netz stark geschrumpft. Der
ganze Darmkanal auffallend verkürzt, Schleimhaut blass, Leber etwas vergrössert,
auf ihrer Convexität eine blutige Auflagerung (Perihepatitis hämorrhagica). Pleuritis
exsudativa dextra.
Hier haben Sie also einen Fall von sehr ausgebreiteter chronischer
Peritonitis ohne Spur von Tuberculose; vielmehr musste die Ent-
stehung, wie sich später herausstellte, auf einen traumatischen
Einfluss, nämlich auf einen Tritt, welchen das Kind einige Wochen zuvor
von seinem barbarischen Vater in der Lebergegend erhalten hatte, zurück-
geführt werden. Die hämorrhagische Entzündung der Leberserosa, welche
noch bei der Section gefunden wurde, eröil'nete wahrscheinlich die Scene,
und von hier aus hatte sich der Process allmälig auf das ganze
Bauchfell und auch auf die rechte Pleura verbreitet. Daraus ergiebt
sich also, dass traumatische Einwirkungen auf den Unterleib nicht
nur acute, sondern auch chronische Entzündungen des Peritoneum mit
starken Verwachsungen der Darmschlingcn unter einander und mit
bedeutender seröser Ausschwitzung zur Folge haben können, und zwar
so schleichend und latent, dass die Aufmerksamkeit erst durch den
zunehmenden Ascites erregt wird. Auch auf die äusserst geringe
Empfindlichkeit des Unterleibs, und die meistens normale Darmentleerung
trotz der innigen Adhäsionen der Darmschlingen unter einander, mache
ich Sie aufmerksam, weil wir dasselbe bei der tuberculösen Form wieder-
finden werden.
Eine besondere Beachtung verdient in diesem Falle die überaus
starke schwielige Verdickung der Darmwände, welche während des
Lebens die Form von Tumoren angenommen, und mich um so mehr
zur Diagnose einer Sarcombildung im Unterleibe bestimmt hatte, als
auch das Microscop nach der ersten Punction und die fühlbaren Rei-
bungsphänomene auf den Pseudo-Tumoren diese Annahme zu stützen
schienen. Man kann also aus diesem wichtigen Falle noch den Schluss
ziehen, dass eine im weiteren Verlaufe der chronischen Peritonitis sich
ausbildende schwielige Verdickung der Darmwände stellenweise
558 Kraukhciton der Verdauungsorgane.
einen so hohen Grad erreichen kann, dass das täuschende Gefühl von
Tumoren (Sarcomcn) entsteht, dass ferner die Untersuchung der asci-
tischen Flüssigkeit in solchen Fällen microscopische Bilder ergeben
kann, welche durch ihre Structur die Annahme abgelöster Geschwulst-
fetzen möglich machen, während es sich nur um Fibrinflocken mit cin-
gcfilzten Eiterkörpcrchcn handelt.
Dies ist freilich der einzige Fall von chronischer, nicht tubercu-
löscr Peritonitis im Kindesaltcr, welchen ich durch die Section consta-
tiren konnte; wohl aber kamen mir wiederholt Fälle vor, welche die
Symptome der Peritonitis chronica darboten, und vollständig geheilt
wurden. Die betreffenden Kinder, fast lauter Mädchen, waren zum Thcil
früher gesund, nur einzelne mit Osteomyelitis oder anderen scrophulösen
Symptomen behaftet, und dann drängte sich immer die Frage auf, ob
man es in der That mit einer einfachen chronischen Peritonitis zu
thun hatte, oder mit einer tuberculösen, deren Heilung nach den
neuesten Erfahrungen, freilich nur der Chirurgen, nicht ausser dem Be-
reiche der Möglichkeit liegt. Ich möchte mich der ersten Annahme zu-
neigen, und finde in der That keinen Grund, weshalb das Peritoneum
nicht ebenso gut der Sitz einer, von Tuberculoso unabhängigen, chroni-
schen Entzündung mit serösem Exsudat werden sollte, wie die Pleura.
Das Hauptsymptom, eigentlich das einzige, ist in solchen Fällen As-
cites, für welchen man trotz der genauesten Untersuchung und Anam-
nese keine Ursache finden kann. Insbesondere lässt sich jede Leber-
affection ausschliesscn. Das Wohlbefinden kann dabei gänzlich oder fast
ungestört sein, selbst spontane oder Druckempfindlichkeit des Unterleibs
ist nicht immer vorhanden, fehlte wenigstens in meinen Fällen gewöhn-
lich. Bei einem 11 jährigen Mädchen, welches sich lange in meiner
Klinik befand und geheilt wurde, entstand die Krankheit bald nach den
Masern; ebenso in einem von Fiedler1) mitgetheilten Falle. Die von
mir angewendete Behandlung, Bepinselungen des Unterleibs mit Jodo-
formcollodium und hydropathische Einwickelungen, blieb immer erfolg-
los. Mehr leistete die frühzeitige Punction, welche bei jenem Mäd-
chen 3 Mal wiederholt wurde und jedesmal eine grosse Menge sehr
eiweissreicher Flüssigkeit entleerte. Auch bei einem sonst gesunden
5jährigen Knaben mit starkem Ascites, hatte die nur einmal gemachte
') Fiedler, Jahresber. d. Gesellsch. f. Natur- u. Heilkunde zu Dresden. 1885
u. 1886. — Vierordt, Die einfache chron. Exsudativperitonitis. Tübingen, 1884.
— Stiller, Deutsches Aren. 1875. XVI. S. 412. — Henoch, Deutsche med.
Wochenschr. 1892. 1.
Tuberculose des Unterleibs, 559
Function, welche eine enorme Menge stark albuminöscr Flüssigkeit ent-
leerte, vollständigen und nachhaltigen Erfolg. Wie bei der serösen Pleu-
ritis erfolgte nach der Punction zunächst wieder eine Anhäufung des
Serums, welches dann aber rasch resorbirt wurde. Bleibt die wieder-
holte Punction ohne Erfolg, so empfehle ich unbedingt die Laparoto-
mie, auf welche ich bei der tuberculösen Form zurückkommen werdo.
XVI. Die Tuberculose des Unterleibs.
Bei der Betrachtung der Meningcai- und Lungentubcrculose wurde
bereits auf das häufige Vorkommen von Miliartuberkeln und käsigen
Froducten in den Abdominalorganen hingewiesen. Sehr oft finden Sio
Tuberkel in der Milz und Leber, mitunter in einer enormen Zahl, bis-
weilen so klein, dass sie kaum mit dem blossen Auge erkennbar sind.
Sic können aber auch die Grösse von Erbsen und darüber erreichen,
und die der Leber zeigen dann oft eine centrale mit grüngelblicher
Flüssigkeit gefüllte Höhle, das Lumen eines durchschnittenen rings von
Tubcrkelmasse umlagerten Gallengangcs. Sehr häufig sind auch das Peri-
toneum, das grosse Netz, der seröse Ueberzug der Leber und Milz, des
Zwerchfells und Darmkanals, die Nieren, selbst die inneren Genitalien
kleiner Mädchen der Sitz zahlreicher miliarer Knötchen. Dabei sind ge-
wöhnlich die Mesenterial- und andere abdominelle Lymphdrüsen mehr
oder weniger geschwollen, partiell oder gänzlich in käsige Masse umge-
wandelt. Alle diese Veränderungen bilden aber meistens nur Sections-
befunde, welche sich bei nachweisbar tuberculösen Kindern zwar mit
Wahrscheinlichkeit vermuthen, nicht bestimmt diagnosticiren
lassen.
Dagegen kann man in den Fällen, welche sich durch vorwiegende
oder gar ausschliessliche Entwickelung der Tuberkel in den Unter-
leibsorganen auszeichnen, während der Inhalt der Brust- und Schädcl-
höhle entweder nur unbedeutend, oder erst terminal von Tuberculose
befallen wird, allerdings eine Diagnose stellen. Wenn auch die Leber-
und Milztuberkel in allen von mir beobachteten Fällen sich einer
sicheren Erkenntniss während des Lebens entzogen , und auch die käsige
Degeneration der Mesenterialdrüsen sich nur ausnahmsweise sicher
intra vitam feststellen Hess, so unterliegt doch die Diagnose der Peri-
tonealtuberkel, wie wir bald sehen werden, in der Regel geringeren
Schwierigkeiten. Bevor ich auf diese Dinge näher eingehe, will ich
noch einige Worte über die eben berührte Affection der Gekrösdrüsen
vorausschicken.
Die Zeit, in welcher die Degeneration dieser Drüsen eine so über-
560 Krankheiion der Verdauungsorgaue.
wiegende Rolle spielte, dass fast alle atrophischen Zustände der Kinder
von einer den Chylusstrom hemmenden Anschwellung und „Verstopfung"
derselben begleitet wurden, ist vorüber. Die „Atrophia meseraica"
(die , Drüsen im Unterleibe", wie das Volk sagt), erweist sich vielmehr
in den meisten Fällen als eine mehr oder weniger allgemeine, vorzugs-
weise aber auf den Unterleib concentrirte Tuberculose, bei welcher die
Mesenterialdrüsen erst seeundär vom Peritoneum oder von der Darm-
schleimhaut her in Mitleidenschaft gezogen werden. Freilich können
sie. auch bei sonst gesunden Kindern, die an chronischen oder oft wieder-
holten Darmcatarrhen leiden, hyperplastisch werden und unter ungün-
stigen Verhältnissen ebenso gut verkäsen, wie die Bronchialdrüsen in
Folge chronischer Bronchialcatarrhe oder des Keuchhustens; weit häufiger
aber geht die Erkrankung der Gekrösdrüsen von Tuberculose des Darms
oder des Peritoneum aus, wobei Lymph- und Chylusgefässe die Infection
der Drüsen vermitteln. Man sieht dann nicht selten einzelne von tuber-
culösen Darmpartien ausgehende, durch das Mesenterium zu verfolgende
Lymphgefässe deutlich mit miliaren Tuberkeln besetzt. In den meisten
Fällen erreicht die Anschwellung und Härte der Mesenterialdrüsen nur einen
massigen Grad und lässt sich durch Palpation des Unterleibs
nicht erkennen; selbst umfänglichere Anschwellungen (ich sah ein-
zelne von Pflaumengrösse) und Conglomerate lassen sich oft nicht durch-
fühlen, weil die Gasauftreibung der überliegenden Därme und die da-
durch bedingte Spannung des Unterleibs dies verhindern. Aus diesem
Grunde war ich z. B. bei einem 5jährigen, an chronischer tuberculöser
Peritonitis leidenden Mädchen nicht im Stande gewesen, einen Tumor zu
fühlen, obwohl die Section einen mehr als kindeskopfgrossen aus tuber-
culösen mit einander verschmolzenen Mesenterialdrüsen bestehenden Tu-
mor ergab. Wo aber die Gasauftreibung der Därme fehlt oder temporär
nachlässt, da ist man allerdings öfters im Stande, die geschwollenen
Drüsen als verschiebbare rundliche Knoten von verschiedener Grösse
durch die erschlafften Bauchdecken durchzufühlen , wobei man aber
immer an die Möglichkeit einer Täuschung duch Faecalknollen den-
ken muss.
Ein charakteristisches klinisches Bild giebt allein die Tuberculose
des Peritoneum, aber auch nur dann, wenn es nicht blos bei Miliar-
tuberculose bleibt, sondern wenn in ähnlicher Weise, wie zu den Tuber-
keln der Pia, Entzündung sich hinzugesellt. In der grossen Majorität
der Fälle nimmt diese einen schleichenden Verlauf, doch muss man
darauf gefasst sein, hie und da einer so raschen Entwickelung zu be-
gegnen, dass bei mangelhafter oder ganz fehlender Anamnese, zumal im
Peritonitis tuberculosa. 561
Krankenhause, an acute Peritonitis gedacht werden kann. In der
That kann diese sich schliesslich zu einer bereits längere Zeit be-
stehenden Unterleibstuberculose hinzugesellen , gerade wie Meningitis
basilaris zu Tuberculose der Pia, wie Pericarditis und Pleuritis zu der
des Herzbeutels und der Pleura. Fälle dieser Art scheinen jedoch im
Ganzen nur selten vorzukommen.
Ich selbst erinnere mich nur eines 5jährigen Knaben, welcher ohne jede
Anamnese am 1 0. Januar in die Klinik aufgenommen wurde. Derselbe war ziemlich
wohlgenährt, und die Untersuchung des Thorax ergab nur abgeschwächtes Athmen
im oberen Theil der Lungen. - Die bei der Aufnahme bestehenden entzündlichen Er-
scheinungen im Unterleibe, grosse Empfindlichkeit, Auftreibung und Spannung des-
selben, Erbrechen, Fieber, wurden auf acute Peritonitis, deren Ursache unbekannt
blieb, bezogen. Nach dem am 18. im Collaps erfolgten Tode ergab aber die Section
folgenden Befund:
Der stark aufgetriebene Unterleib enthält etwa 1 1/2 Liter etwas missfarbiger
eiteriger Flüssigkeit; beide Blätter des Peritoneum mit eiterig-fibrinösem Exsudat
bedeckt , alle Dünndarmschlingen mit einander verklebt. In der Serosa, zum Theil
auch in den tieferen Schichten der Darmwand viele submiliäre und miliare Tuberkel,
das untere Ende des lleum wie besät mit denselben, so dass hier das Peritoneum
stark verdickt erscheint. An anderen Stellen sitzen die Tuberkel nesterweise , aber
ebenfalls sehr dicht, in hämorrhagischer Umgebung. Im Netz vereinzelte Tuberkel.
Im Dünndarm viele solitäre, hirsekorngrosse Tuberkel der Schleimhaut und zehn-
pfennigstückgrosse tuberculose bis auf die Muscularis dringende Geschwüre, die sich
weiter unten immer mehr häufen. Daneben auch einige käsige Folliculargeschwüre.
Kurz vor dem Coecum ist die ganze Darmwand in eine ulceröse Fläche verwandelt,
auf welcher käsig zerfallene Tuberkel neben frischen grauen Knötchen sichtbar sind.
Ileocoecalklappe fast ganz durch Ulceration zerstört. Proc. vermif. etwa um das Drei-
fache erweitert, am Ansatz des Darms leicht stenosirt; das dilatirte Stück mit tiefen
tuberculösen Ulcerationen der Schleimhaut besetzt. Auch im Colon bis zur Flexura
iliaca hin sehr zahlreiche Ulcerationen. Leber fettig degenerirt. Oberlappen beider
Lungen schieferfarbig, mehr oder weniger durch narbige Schrumpfung verödet, mit
einzelnen käsigen Herden ').
Es lag nahe, in diesem Falle die Peritonitis von der Perfora-
tion eines der zahlreichen tuberculösen Darmgeschwüre abzuleiten, doch
Hess sich eine solche nirgends auffinden. Es handelte sich wohl um
eine im Gefolge der alten tuberculösen Enterophthisis entstandene frische
Miliartuberculose des Bauchfells, welche sich mit acut entzündlichen Er-
scheinungen combinirte. Dass unter solchen Umständen die letzteren
klinisch ganz zurücktreten, und das Krankheitsbild einen typhösen
Charakter annehmen kann, lehrt der folgende Fall:
') Ein analoger Fall ist von Tordeus beschrieben worden.
Heiioch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 3g
562 Krankheiten der Verdauungsorgane.
Johann S., 2l/2 Jahre alt, aufgenommen am 23. Januar, soll früher immer
gesund gewesen und erst vor 3 Wochen mit Appetitverlust, Diarrhoe, grosser
Mattigkeit und Fieber erkrankt sein. Dabei zunehmende Welkheit, Blässe und Ab-
magerung. T. 38,2. Lippen und Zunge trocken und borkig, heftiger Durst, lehm-
farbige, dünne, sehr übelriechende Stühle, Milz nicht palpabel, wegen des starken
Meteorismus nicht percutirbar. Bauch abnorm gespannt, nirgends besonders schmerz-
haft, tympanitisch. Freie Flüssigkeit in demselben nicht nachweisbar. Im linken
unteren Lungenlappen catarrhalische Geräusche, sonst nichts Abnormes. Während
der folgenden 6 Tage fortdauerndes Fieber (Mg. 38,2. Ab. bis 39,6). P. 120, immer
kleiner werdend; zunehmender Meteorismus ohne erhöhte Empfindlichkeit des Leibes.
Das Kind kratzt viel an Mund und Nase, so dass hier Erosionen entstehen. Zuneh-
mender Collaps. Tod am 29.
Seotion: In dem aufgetriebenen Unterleibe etwa 100 Ccm. trüber brauner
Flüssigkeit mit derben Fibrinflocken. Därme stark durch Gas ausgedehnt und durch
Fibrin vielfach mit einander lose verklebt. Serosa an diesen Stellen geröthet. Netz
stark contrahirt. An der Oberfläche der Därme, wie am Peritoneum parietale, sehr
zahlreiche miliare Tuberkel. Herz und Lungen bis auf einen Bronchialcatarrh und
einige Atelektasen normal. Bronchial- und Mesenterialdrüsen ebenfalls normal, Leber
exquisit verfettet. Darmschleimhaut nicht verändert.
Dieser Fall zeichnet sich durch die ausschliesslich auf das
Peritoneum beschränkte Tuberculose aus. Kein anderes Organ,
nicht einmal die Bronchial- und Mesenterialdrüsen waren ergriffen, nur
die Leber zeigte die bei Tuberculosen so häufig vorkommende Verfettung.
Die sorgfältigste Untersuchung ergab auch nirgends einen Käseherd,
von welchem die Miliartuberculose des Bauchfells ihren Ausgang ge-
nommen haben konnte. Klinisch interessant ist der verhältnissmässig
rasche, etwa 5 Wochen dauernde Verlauf der Krankheit unter Er-
scheinungen, welche weit eher an Ileotyphus, als an tuberculose Peri-
tonitis denken Messen2). Insbesondere mache ich auf die sehr geringe
Empfindlichkeit des meteoristischen Unterleibes aufmerksam, welche
mit den durch die Section nachgewiesenen Erscheinungen wenig
harmonirte.
Fälle, wie die eben erwähnten, treten indess an Häufigkeit weit gegen
diejenigen zurück, welche chronisch verlaufen und das „klassische"
Bild der tuberculösen Peritonitis darbieten. Der hervortretendste Zug
in diesem Bilde ist die allmälig wachsende Volumzunahme des Unter-
leibs, welche anfangs für einfache Gasauftreibung gehalten und wenig
beachtet wird, mit der Zeit aber Befürchtungen erregt und die Eltern
veranlasst, ärztliche Hülfe nachzusuchen. Von den vielen Kindern, welche
ich an dieser Krankheit zu behandeln hatte, war das jüngste 2'/2 Jahre
2) Vergl. Demme. 20. Jahresber. d. Jenner'schen Kinderspitals f. 1882. S. 33.
Peritonitis tuberculosa. 563
alt; die meisten standen im Alter zwischen 3 und 8 Jahren. Schon
der erste Anblick muss dem Kundigen Bedenken erregen. Nachdem
nämlich die Auftreibung des Leibes im Laufe einiger Monate stetig zu-
genommen hat, zeigt er nun eine beträchtliche halbkugelige Wölbung,
die Bauchdecken sind stark gespannt, selbst glänzend, die Venae epi-
gastricae zu blaudurchscheinenden Strängen erweitert. In sehr hohen
Graden ist der Nabel verstrichen oder gar blasig hervorgetrieben. Gleich-
zeitig leidet der Appetit; die Kinder werden mager und welk; bei voller
Entwickelung des Leidens erschien mir immer der Oontrast des enormen
Unterleibs mit den abgezehrten Extremitäten als etwas charakteristi-
sches. Manche klagen von vornherein über colikartige Schmerzen
und Druckempfindlichkeit, häufiger aber sah ich sowohl die spontanen,
wie die durch Druck erregten Schmerzen vollständig fehlen, oder
sich nur auf einzelne Partien des Abdomen beschränken. Bei hoch-
gradiger Auftreibung ergiebt die Untersuchung oft eine freie Flüssigkeits-
anhäufung, wobei der Percussionsschall je nach der Lage, wie bei jedem
Ascites, wechselt und auch Fluctuation wahrgenommen werden kann.
Dies ist jedoch keineswegs constant, weil oft nur wenig Flüssigkeit im
Beckenraume vorhanden ist, und die Auftreibung des Abdomen grössten-
theils durch die von Gas stark ausgedehnten Därme bedingt wird, welche
das Zwerchfell nach oben drängen und den Percussionsschall nicht nur
am .ganzen Unterleibe, sondern auch an der Seitenfläche des Thorax bis
zur 5. Rippe herauf tympanitisch machen können. Mitunter geben einige
Theile des Unterleibs einen matten, andere einen tympanitischen Schall,
ohne dass die Lage einen Einfluss darauf ausübt, was in der Absackung
flüssigen Exsudats durch peritonitische Adhäsionen seine Erklärung findet.
Auch strangförmige Härten, bedingt durch verdickte und mit einander
verwachsene Darmschlingen lassen sich bisweilen durch Palpation nach-
weisen, seltener grössere Tumoren, welche als Neubildungen oder An-
schwellungen der Organe, z. B. der Milz, imponiren können, aber wie
die Section ergiebt, durch abgesackte Peritonealabscesse bedingt werden.
Zwei solcher Fälle habe ich selbst beobachtet.
Die Auftreibung des Abdomen ist so charakteristisch, dass ich sie
in einigen Fällen, welche schliesslich durch Meningitis tuberculosa zu
Grunde gingen, sogar bis zum Tode fortdauern sah, obwohl doch bei der
letzteren ein bedeutendes Einsinken des Bauchs die Regel zu sein pflegt.
Dennoch kommen auch hier Ausnahmen vor. Ich beobachtete ein paar
Mal im ganzen Verlaufe der Krankheit ungewöhnliche Flachheit oder
gar Retraction des Abdomen, mit oder ohne Empfindlichkeit, und die Sec-
tionen ergaben dann immer vollständigen Mangel flüssigen Exsudats,
86*
564 Krankheiten der Verdauungsorgane.
Leerheit und Contraction des Darmkanals, und Adhäsion der Darm-
schlingen sowohl unter einander, wie mit dem Peritoneum parietale. In
solchen Fällen bildete zwar die Peritonitis nur ein Glied in der grossen
Kette der allgemeinen Tuberculose, und die Erscheinungen der letzteren
waren so prävalirend, dass die Diagnose der Bauchfellaffection eben
wegen des Mangels der charakteristischen Unterleibsschwellung während
des Lebens nicht gestellt werden konnte. Aber auch in den Fällen, in
welchen chronische Peritonitis tuberculosa das vorwiegende Leiden
bildet , kann die Anschwellung fehlen, wenn es eben weder zu Ascites,
noch zu meteoristischer Darmauftreibung kommt. Eei einem 6jährigen
Mädchen, welches, der Tuberculose verdächtig, lange an einem remit-
tirenden Fieber gelitten und an Diphtherie gestorben war, fand ich chro-
nische Peritonitis mit völliger Verwachsung der Därme unter einander
und mit den Bauchdecken, zahllose Miliartuberkel im Peritoneum und
den neugebildeten Adhäsionen, ohne dass in irgend einem anderen
Theil, ausser in einigen Lumbaidrüsen, etwas Tuberculöses gefunden
wurde. Der Unterleib dieses Mädchens war im ganzen Verlaufe der
Krankheit ungewöhnlich flach, derb und unempfindlich gewesen, so dass
der Sectionsbefund in hohem Grade überraschte. Ich wiederhole indess,
dass selbst bei völliger Obliteration der Peritonealhöhle durch allge-
meine Verwachsungen der Unterleib in Folge von Meteorismus der an
der Bauchvvand adhärenten Därme beträchtlich ausgedehnt werden
kann. —
Fälle, wie der S. 562 erwähnte, in denen die Tuberculose sich
ausschliesslich auf das Peritoneum und andere Unterleibsorgane be-
schränkt, höchstens noch die Bronchialdrüsen betrifft, gehören keines-
wegs zu den Seltenheiten:
Kind von 2 '/2 Jahren. Därme überall untereinander und mit den Bauch-
wändon verklebt. In den frei gebliebenen Räumen Ansammelung einer hell-choco-
ladenförmigen Flüssigkeit. Milz und Leber von derben fibrinösen Schwarten um-
geben und mit ihren Nachbartheilen (Zwerchfell, Bauchwand u. s. w.) fest ver-
wachsen. Im Peritoneum parietale, auf der Serosa der Baucheingeweido, im Netz
zahlreiche Miliartuberkel. Beide Lungen, Bronchialdrüsen, Parenchym der Leber und
Milz völlig frei von Tuberkeln.
Kind von 5 Jahren. In der Bauchhöhle keine Flüssigkeit. Alle Darm-
schlingen mit einander und mit der Bauchwand verwachsen, ebenso das grosse Netz,
welches zu einer 2 Ctm. dicken, harten Masse entartet ist. Zwischen allen diesen
Theilen sind vielfach käsige bröcklige Massen eingelagert. Auf der freien Fläche
des Peritoneum zahlreiche Miliartuberkel. Milz klein, sehr derb, in feste Schwarten
eingehüllt und nach allen Richtungen verwachsen; ihr Gewebe, wie das der Leber
und Lungen, frei von Tuherkeln. Bronchialdrüsen käsig.
Peritonitis tuberculosa. 565
Otto T., 2'/4 Jahre alt, aufgenommen am 6. Mai mit Macies, halbkugeliger
Auftreibung des Leibes, palpabler Hervorragung der Leber unter dem Rippenrande,
die auch in derChloroformnarcose deutlich constatirt wurde. Dauer bereits 6 Monate,
ohne Fieber und ohne ein Symptom von Erkrankung anderer Organe. Tod am 19.
durch Collaps und Oedema pulmonum. Section: Darmschlingen vielfach mit der
Bauchwand und untereinander verwachsen. Beim Durchtrennen bemerkt man in
stark vascularisirten dunkelrothen Pseudomembranen massenhafte grau-gelbe Miliar-
tuberkel, die auch im Netz und auf der unteren Fläche des Zwerchfells sichtbar
sind. Im Darm an vielen Stellen tuberculöse Geschwüre mit grauen Knötchen auf
der entsprechenden Serosa. Leber fettig entartet, Milz normal, ebenso die Lungen
und Pleura frei von Tuberkeln. Oedema pulmonum. Bronchial und Mesenterial-
drüsen käsig degenerirt.
Sie finden in allen diesen Fällen die Organe des Thorax, mit Aus-
nahme der 2 mal käsig entarteten Bronchialdriisen, vollkommen intact;
nur das Peritoneum, die Darmschleimhaut und die Gekrösdrüsen
waren tuberculös erkrankt. Diese Eigentümlichkeit der abdominellen Tu-
berculöse, die auch von anderen Autoren hervorgehoben wird1), erklärt
die Thatsache, dass solche Kinder im ganzen Verlauf ihrer Krankheit,
welcher sich ein Jahr und länger hinziehen kann, keine anderen Sym-
ptome darzubieten brauchen, als die oben geschilderte halbkugelige, stark
gespannte, von Venennetzen durchzogene Anschwellung des Unterleibs,
mit oder ohne Schmerzhaftigkeit, Anorexie, zunehmende Schwäche und
Abmagerung, wobei öfter unregelmässige Temperaturerhebungen in den
Abendstunden (bis 39,5) beobachtet werden , die Morgentemperatur
aber normal oder subnormal (36,7 bis 35,8) erscheint. Der Tod er-
folgt entweder durch eine zufällige Complication oder durch völlige
Erschöpfung, nachdem in Folge zunehmender Herzschwäche schliesslich
Oedem der unteren Extremitäten und des Scrotum hinzugetreten
sein kann.
In vielen Fällen gesellt sich zu den genannten Erscheinungen noch
Diarrhoe, welche allen Mitteln trotzt, nach kurzer Pause immer wieder-
kehrt, und durch tuberculöse Darmgeschwüre oder chronischen Darm-
catarrh bedingt wird. Je ausgebreiteter aber die Tuberculöse ist, um
so mehr compliciren sich auch die Symptome, und die physikalische
Untersuchung der Lungen, der hartnäckige Husten und das remittirende
Fieber stellen dann in Verbindung mit den localen Erscheinungen der
chronischen Peritonitis jenes Bild dar, welches ich früher bei der Lungen-
tuberculose (S. 408) zu entwerfen versuchte. Auf die Anschwellung der
Inguinaldrüsen, welche mir in früheren Fällen diagnostisch bedeutsam
') Vergl. Seyffert, Ueber die primäre Bauchfelltuberculose. Diss. Halle, 1887.
566 Krankheiten der Verdauungsorgane.
schien, lege ich jetzt keinen Werth mehr, da sie bei Kindern ausser-
ordentlich häufig ist, und gerade in einigen Fällen von Peritonitis
chronica fehlte oder wenigstens nur in sehr geringem Grade vor-
handen war.
Eine specielle Schilderung der anatomischen Erscheinungen wer-
den Sie mir mit Rücksicht auf die (S. 564 ff.) mitgetheilten Sections-
befunde, welche ein anschauliches Bild derselben gewähren, erlassen.
Erwähnt sei nur, dass ich fast nie eine mehr oder weniger entwickelte
Fettentartung der Leber vermisste, wiederholt auch einen massigen
Grad cirrhotischer Affection derselben beobachtete, welche wohl durch
Fortleitung des entzündlichen Processes von der Porta hepatis her auf
die Bindegewebsscheiden der Pfortader, und durch den Reiz vielfacher
miliarer Lebertuberkel zu erklären ist. Auch parenchymatöse Nephritis
wird als Complication beobachtet.
Bisweilen kommt es im letzten Stadium der Krankheit noch zum
Durchbruch nach aussen, indem sich in der Bauchwand ein Ab-
scess bildet und öffnet. Ich beobachtete diesen Durchbruch in 5 Fällen,
und zwar immer durch den Nabel, durch welchen Eiter, Serum und
flüssiger gelber Dünndarminhalt entleert wurde, und wie schon (S. 542)
erwähnt wurde, neben den Fäces auch Spulwürmer austreten können. In
einem Falle, welcher zur Section kam, fand sich eine Oommunication der
äusseren Abscessöffnung mit einer am Nabel festgehefteten perforirten
Dünndarmschlinge, neben allen Erscheinungen der hochgradigsten tuber-
culösen Peritonitis; in zwei anderen Fällen war die perforirte Darm-
schlinge nicht mit dem Nabel verwachsen, öffnete sich vielmehr in einen
umfänglichen, hinter dem Nabel befindlichen, rings durch Adhäsionen
abgesackten, mit fäculentem Eiter gefüllten Abscess, der sich nach
aussen Bahn gebrochen hatte. Bei einem Kinde, welches eine Menge
freier Flüssigkeit in der Bauchhöhle erkennen Hess, traten einige Tage
vor dem Tode plötzlich sehr reichliche eiterartige Durchfälle ein,
wobei das Volumen und die Empfindlichkeit des Leibes sich rasch ver-
minderten. Die Section ergab gar keine Flüssigkeit mehr in der Bauch-
höhle, aber in der hinteren Wand des Peritonealsackes, entsprechend
der Fossa iliaca dextra, eine ulceröse Lücke von 3/4 Ctm. Durchmesser,
durch welche die Sonde in einen gewundenen, gegen das Rectum hin
führenden Canal gelangte. Obwohl die directe Oommunication mit dem
letzteren nicht deutlich nachzuweisen war, kann man doch nicht daran
zweifeln, dass hier ein Durchbruch der Flüssigkeit durch den Mastdarm
stattgefunden hatte. Noch in zwei anderen Fällen habe ich den Durch-
Peritonitis tuberculosa. 567
bruch in den Darm beobachtet, der sich durch copiöse Diarrhoe und
rasches Einsinken des stark angeschwollenen Unterleibs verkündete.
Wie jede Tuberculose, kann auch die abdominelle den Tod durch
terminale Meningitis tuberculosa herbeiführen:
Eiu 8jähriger Knabe, im Sommer 1878 an Pericarditis (S. 456) in der Klinik
behandelt, wurde am 3. October von neuem aufgenommen. Derselbe bot zu dieser
Zeit einen so hochgradigen Ascites dar, dass zur Linderung der Dyspnoe die Punc-
tion des Unterleibs gemacht werden musste, wobei 2050 Gramm einer grünlichen,
trüben, stark albuminösen Flüssigkeit entleert wurden. Die Untersuchung ergab nun
eine bedeutende Prominenz der Leber unter dem Rippenrande, deren scharfer Rand
deutlich zu fühlen war. Der Verdacht, dass eine Leberkrankheit hier die Ursache
des Ascites sei, schien um so mehr gerechtfertigt, als weder am Herzen noch in den
Nieren Abnormitäten aufgefunden wurden, auch nirgends eine Spur von Oedem vor-
handen war. Urin immer frei von Albumen, sparsam (350—400 Grm. täglich), mit
starken harnsauren Sedimenten. Die Anschwellung des Unterleibs nahm bald nach
der Punction wieder zu und erreichte schon am 13. October die frühere Höhe, wobei
die Hautvenen sich immer mehr erweiterten, aber niemals Schmerzen, weder
spontan noch beim Druck, beobachtet wurden. Eine zweite Punction am 1 l.Novbr.
entleerte wiederum 3800 Grm. klebriger albuminöser Flüssigkeit, die sich indess bald
von neuem anhäufte. Der Knabe wurde dabei immer magerer und anämischer, konnte
aber trotz seines enormen Ascites im Zimmer umhergehen, war bei gutem Appetit
und ganz ohne Fieber. So vergingen ein paar Monato, bis gegen Ende Februar 1879
aus dem blasig hervorgetriebenon Nabel von Zeit zu Zeit klares Serum auszu-
sickern anfing, ein Vorgang, der sich von nun an häufig wiederholte und durch
Druck auf den Leib befördert wurde. Ende März spitzte sich die Nabelgegend
zu, röthete sich etwas und Hess einen bevorstehenden Durchbruch vermuthen, welcher
indess nicht erfolgte; das erwähnte Aussickern von Serum aus dem Nabel dauerte
vielmehr fort und die Spannung des Leibes verminderte sich merklich. Vom IG. April
an entwickelte sich aber Fieber (Temp. Ab. bis 39,5) ohne deutliche Ursache. Die
Lungen erschienen bei der Untersuchung normal. Der Eintritt cerebraler Symptome
(Apathie, Somnolenz, Vomitus , Kopfschmerz) klärte bald die Sache auf, und am
7. Mai erfolgte unter wiederholten Convulsionen der Tod.
Section: Sowohl das parietale wie das viscerale Blatt des Peritoneum, be-
sonders das letztere, dicht besetzt mit grauweiss durchscheinenden Knötchen, die fast
sämmtlich mit schieferigen Höfen umgeben sind. Im Umfange der Leber, sowie am
Mesenterium sind diese Tuberkel bis zu bohnengrossen Nestern confluirt und bilden
höckerige Knoten. Das Netzt sitzt als ein breiter, 3 Ctm. dicker Wulst zum Theil am
Colon transversum, zum Theil verwachsen mit einzelnen Dünndarmschlingen, und
enthält erbsengrosse Knoten. In der Bauchhöhle etwa 100 Grm. ganz klarer, leicht
gelblicher Flüssigkeit. Milz und Nieren normal. Leber sehr gross, 20 Ctm. lang,
15 Ctm. breit, 7 Ctm. hoch, stark fettig entartet, mit vereinzelten hirse- und
hanfkorngrossen Tuberkeln. Die ganze linke Pleura costalis dicht mit Tuberkeln
besetzt, weniger die pulmonale. Beide Lungen byperämisch , mit blutigen lnfarci-
rungen, aber frei von Tuberkeln. Pericardiumhöhle durch totale Synechie völlig
obliterirt, so dass das Herz rings von einem derben schwieligen Gewebe umgeben ist.
568 Krankheiten der Verdauungsorgane.
Die Muskelsubstanz der Vorderfläche des rechten Ventrikels fast durchweg schwielig
entartet, sonst alles normal. Am Gehirn hochgradige Meningitis tuberculosa,
sowohl der Basis wie der Convexität. Gehirn ödemalös, Ventrikel stark erweitert
und mit Serum gefüllt. Tela choroidea tuberculös.
Auch in diesem Falle sehen wir die chronische Peritonitis tuber-
culosa ohne jeden Schmerz bestehen und sich lediglich durch Ascites,
zunehmende Abmagerung und Cachexie kundgeben. Interessant ist der
Umstand, dass der durch enorme Spannung der Bauchdecken mehr und
mehr sich verdünnende Nabel durch feine Einrisse dem in der Bauch-
höhle angehäuften Serum einen Ausweg gestattete, was mir in dieser
Weise noch niemals vorgekommen war. —
Aus der wiederholt ohne Nachtheil vorgenommenen Punction des
Unterleibs ergiebt sich, dass man diese bei dem durch chronische
tuberculöse Peritonitis bedingten Ascites ebenso wenig zu scheuen hat,
als bei jeder anderen Bauchwassersucht. Man muss sich nur zuvor durch
recht sorgfältiges Percutiren von der freien Beweglichkeit des Wassers
überzeugen, um nicht mit dem Troicart in Adhäsionen oder gar in
Darmschlingen hineinzustechen. Gerade im letzten Falle erkannte ich
recht den Vortheil des leisen Percutirens, welches an der Stelle, die
ich dann zum Einstich wählte, einen matten Schall ergab, während
jedes stärkere Anschlagen des Plessimeters einen fast tympanitischen
Klang weckte. Dass die Punction hier nur palliativ, besonders zur Lin-
derung der Dyspnoe angewendet wird, brauche ich kaum hinzuzufügen.
Dagegen rühmen die neueren Chirurgen vielfach die Laparotomie,
welche besonders seit 1884 durch König1) eingeführt worden ist. Diese
Operation, mag sie nun mit antiseptischen Ausspülungen der Bauchhöhle
verbunden gewesen sein oder nicht, soll eine ansehnliche Reihe von
Heilerfolgen aufzuweisen haben, die noch Jahrelang fortbestanden, wenn
auch die Art und Weise der Heilung nach König's eignem Geständniss
noch ein Räthsel ist, insbesondere durch diffuse Verwachsungen der
Peritonealblätter in Folge der Operation nicht erklärt werden kann. Die
meisten dieser Heilungen durch die Laparotomie betreffen freilich Er-
wachsene, vorwiegend weiblichen Geschlechts, denn unter 130 Ope-
rirten befanden sich nur 7 zwischen 2l/2 und 10 Jahren, und 34
^ König, Centralbl. f. Chirurgie 1890. No. 35. — Philipps, Die Resultate
der operativen Behandlung der Baucbfelltuberculose. Göttingen 1890. — Ferner
Caussade, Revue mens. Aout 1888 (in dessen Falle der entleerte Eiter Tuberkel-
bacillen enthalten haben soll); Elliot, Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. 29. S. 98; Waitz,
Deutsche med. Wochenschr. 1889. S. 302 und Lindner, Deutsche Zeitschr. f. Chir.
Bd. 34.
Peritonitis tuberculosa. 569
zwischen 10 und 20 Jahren. Das eigentliche Kindesalter ist also nur
in sehr geringem Maasse daran betheiligt, und gerade hier erscheinen
die Eesultate am ungünstigsten. Von einer medicinischen Behandlung
hat man nach meinen Erfahrungen erst recht keinen Erfolg zu erwarten,
denn consequent viele Wochen fortgesetzte hydropathische Fomentationen,
Soolbäder, Einpinselungen der Bauchhaut mit Jodtinctur oder Jodoform-
collodium blieben ebenso erfolglos, wie der innere Gebrauch des Leber-
thrans, des Jodeisens und des Jodkali, welches ich Monate lang ver-
gebens einnehmen liess. Wenn in einzelnen Fällen meiner Privatpraxis
beim Gebrauch dieser Mittel Heilung herbeigeführt wurde, so glaube ich,
dass es sich dabei nicht um tuberculöse, sondern um einfache chro-
nische Peritonitis (S. 556) handelte. Die Einpinselungen mit Jod
dürfen übrigens nie in zu grosser Ausdehnung vorgenommen werden;
vielmehr theile ich die Bauchdecken durch zwei am Nabel sich kreuzende
Linien in 4 Quadranten, und lasse täglich einen derselben mit Jodtinctur
oder Jodoformcollodium bepinseln. Man kann damit Wochen lang ohne
Nachtheil fortfahren, namentlich liess sich Albuminurie, welche nach
französischen Autoren häufig eine Folge der Einpinselungen von Jod-
tinctur bei Kindern sein soll, in keinem dieser Fälle nachweisen, ob-
wohl wiederholt darauf untersucht wurde.
In allen Fällen aber, wo nach einer etwa vierwöchentlichen Behand-
lung und nach mehreren Punctionen kein Erfolg erzielt worden ist, und
dies werden weitaus die meisten sein, ist die Laparotomie zu ver-
suchen, die ja, wie auch der S. 552 mitgetheilte Fall von purulenter
Peritonitis lehrt, in unserer Zeit ziemlich gefahrlos ist. Selbstverständ-
lich muss auch im Krankenhause zuvor die Einwilligung der Eltern ein-
geholt werden, da der glückliche Ausgang der Operation nicht verbürgt
werden kann. Mir selbst steht bis jetzt kein sicherer Fall von gelun-
gener Heilung durch die Laparotomie zu Gebote, und wenn ich den fol-
genden an dieser Stelle mittheile, so geschieht es aus dem Grunde, weil
er zeigt, wie leicht man sich in der Diagnose täuschen kann '). Das
5 jährige blühend aussehende Kind bot nur einen bedeutenden Ascites
dar, welcher nach drei rasch wiederholten Punctionen, die ein sehr
eiweissreiches Serum entleerten, sofort wieder zunahm. Ein linksseitiges
pleuritisches massiges Exsudat wurde bald resorbirt, und von Tuberculöse
war nirgends eine Spur nachweisbar. Bei der von Herrn Geh. Rath
v. Bardeleben im März 1891 auf meinen Wunsch vorgenommenen La-
') Henoch, Berliner klin. Wochenschr. 1891. No. 28. und Deutsche med.
Wochenschr. 1892. No. 1.
570 Krankheiten der Verdauungsorgane.
parotomie Hess sich durch Gefühl und Auge eine rauhe, verdickte, gra-
nulirte Beschaffenheit des Peritoneum parietale constatiren, welche ma-
croscopisch allerdings wie tuberculös aussah, während die micros-
copische Untersuchung in den ausgeschnittenen Granulationen durchaus
nichts Tuberculöses, vielmehr nur Bindegewebswucherung nachzuweisen
vermochte. Es handelte sich hier also um eine einfache, nicht tuber-
culöse chronische Peritonitis, die mit der Bildung kleiner Fibroide ein-
herging, und ich kann den Verdacht nicht unterdrücken, dass sich auch
manche andere Fälle, die als tuberculöse, durch Laparotomie geheilte
aufgeführt werden, ähnlich verhalten haben mögen '). Jedenfalls war
bei unserem Kinde der Erfolg der Operation ein durchaus günstiger, so
dass es Ende April ohne Ascites als geheilt entlassen, und bei einer
(Ende Mai) wiederholten Untersuchung vollkommen gesund gefunden
wurde. Obwohl nun dieser Fall für den Erfolg der Laparo-
tomie bei tuberculöser Peritonitis sich nicht verwerthen lässt, würde
ich doch nicht anstehen, auch bei der letzteren die Operation zu ver-
suchen, wenn nicht eine grosse Verbreitung der Tuberculöse und weit
gediehene Oachexie eine Contraindication abgeben. Die sanguinischen
Erwartungen der Chirurgen theile ich zwar nicht, aber die Erfolglosig-
keit jeder inneren Therapie rechtfertigt den Versuch. —
Ich erwähnte bereits, dass die chronische tuberculöse Peritonitis
häufig von hartnäckiger Diarrhoe begleitet wird, welche als Folge
tuberculöser Darmgeschwüre aufgefasst werden muss. Wir begegnen
diesen Ulcerationen, welche entweder mehr vereinzelt, oder in Form dicht
gedrängter Gürtelgeschwüre die Schleimhaut zerstören, oft auch bei
Kindern mit nahezu normalem Bauchfell, bei vorwiegender tuberculöser
Lungenphthisis. Oft sieht man schon von der Serosa aus zahlreiche,
schieferige, das ganze Darmlumen umgreifende, reich mit Tuberkeln be-
setzte Stellen, manche mit starker Verengerung des Darms, welchen
auf der Schleimhaut tief greifende Gürtelgeschwüre entsprechen. Selbst
im unteren Ende des Rectum habe ich solche Gürtelgeschwüre (bis zu
5 Ctm. Höhe) beobachtet. An diesen kann das Lumen dergestalt ste-
nosirt sein, dass die Darmscheere nur mit Mühe durchgleitet. Ver-
wachsungen der Darmschlingen unter einander, ulceröse Communica-
tionen derselben, Perforationen einzelner Geschwüre mit darauffolgender
acuter Peritonitis, häufiger mit abgesackten Peritonealabscessen, kommen
') Derselben Ansicht ist Kästner, Deutsche med. Wochenschr. 1892. pag. 9.
Die von Alexandroff (Revue mens. Aoüt 1891) zusammengestellten 20 Heilungs-
fälle mögen wohl auch zum Theil in diese Categorie gehören.
Peritonitis tuberoulosa. 571
dabei vor. Uebrigens stimmt das ganze Bild klinisch, wie anatomisch,
mit der gleichen Affection Erwachsener so überein, dass ich mich hier
auf wenige Details, welche das Kindesalter betreffen, beschränken kann.
Bei vereinzelten tuberculösen Darmgeschwüren kann Diarrhoe ebenso
gut fehlen, wie bei sparsam vorhandenen catarrhalischen Geschwüren,
und dann ist eine bestimmte Diagnose nicht möglich. Bei einem 6jäh-
rigen sehr herabgekommenen Knaben fanden wir neben allgemeiner Tuber-
culose sogar vielfache tuberculöse Darmgeschwüre, deren eins perforirt
war und eine schnell letal gewordene purulente Peritonitis angefacht hatte,
ohne dass während seines lOtägigen Aufenthalts in der Klinik jemals
Diarrhoe beobachtet worden war. Bei anderen war diese nur unbe-
deutend, während Macies, Blässe und zunehmende Schwäche die Haupt-
symptome bildeten. Da wir nun wissen, dass eine chronische Diarrhoe,
welche ohne deutliche Zeichen von Tuberculöse anderer Organe, aber
doch mit zunehmender Abmagerung, Erschöpfung und remittirendem
Fieber einhergeht, auch durch chronischen Darmcatarrh mit folliculären
Ulcerationen bedingt werden kann (S. 507), so lässt sich die tuber-
culöse Darmverschwärung nur da mit annähernder Sicherheit diagnosti-
ciren, wo eine mehr oder minder reichliche und hartnäckige Diarrhoe
sich mit bestimmten Zeichen von Tuberculöse anderer Theile, sei es der
Bauch- oder Brustorgane verbindet, oder wenn in den Fäces Tuberkel-
bacillen constatirt werden können, eine Untersuchung, die nicht Jeder-
manns Sache ist und viel Uebung voraussetzt. Ausnahmsweise combinirt
sich die Darmtuberculose auch mit anderweitigen, z. B. dysenterischen
Ulcerationen.
Max H., 3jährig, aufgenommen am I. April, mit etwas aufgetriebenem und
gegen Druck empfindlichen Unterleib, welcher normale Percussionsresultate ergiebt,
leidet seit 3 Monaten an starken, immer wiederkehrenden Durchfällen. Stuhlgang
3 — 4 Mal täglich, immer sehr dünn, gelbbraun, schleimig, oft von Colik ange-
kündigt und begleitet. Untersuchung der Brustorgane normal. Kein Fieber, aber zu-
nehmende Macies und Schwäche. Am 6. Oedem des linken Unterschenkels, welches
schon nach zwei Tagen verschwindet; dafür am 16. Oedem des Gesichts, welches zu-
nimmt und sich nach einigen Tagen wieder mit Oedem des linken Unterschenkels
verbindet. Diarrhoe trotz der angewendeten Mittel (Colombo, Cascarilla u. s. w.) in
derselben Weise fortdauernd, zuweilen mit Prolapsus ani. Zunehmender Collaps.
Tod am 8. Juni. — Section: In beiden Lungen viele sehr kleine peribronchitische
Käseherde. Käsige Entartung der Bronchial-, Tracheal- und Mesonterialdrüsen; Fett-
leber; Soor im Rachen und Oesophagus. Auf der zweituntersten Peyer'schen Plaque
befindet sich ein groschengrosses, unregelmässiges Geschwür, in dessen Rändern
noch einzelne vergrösserte, im Centrum verkäste Follikel sichtbar sind; auf der
entsprechenden Serosa submiliäre durchscheinende graue Knötchen. Von der
Ileocoecalklappe an beginnt eine sehr bedeutende Anschwellung der Dickdarm-
572 Krankheiten der Vordauungsorgane.
follikel und der ganzen Darmwandung; sehr bald treten Geschwüre auf, die, je
weiter nach unten, desto zahlreicher werden, schliesslich confluiren und im Colon
descendens und Rectum nur noch einzelne kleine Partien hyperämischer Schleimhaut
zwischen sich lassen.
Das Hauptleiden bildete hier die chronische Dysenterie, die sich in
einem tuberculösen Individuum entwickelte. Klinisch bemerkenswerth
ist, dass die enorme Verschwärung der Darmschleimhaut fast ganz ohne
Fieber verlief; nur ausnahmsweise wurde eine den Normalgrad etwas
überschreitende Temperatur beobachtet. In anderen Fällen kommt freilich
ausgebildetes hektisches Fieber vor, wobei ich die Morgentemperatur bis-
weilen Wochen lang um 2 — 3° niedriger fand, als die abendliche (z. B.
M. 36,5 bis 35,8; Ab. 39,5). — Auch das im letzten Falle wiederholt
auftretende Oedem des linken Unterschenkels und des Gesichts, welches
weder durch eine Nierenaffection erklärt wurde, noch allein in der
Schwäche des Herzmuskels begründet sein konnte, verdient hier erwähnt
zu werden. Dies locale Oedem konnte nur durch eine Thrombose
im Stromgebiete der linken Schenkel vene bedingt sein, deren stauender
Einfluss sich zwar nach der Herstellung einer collateralen Circulation
verlor, im weiteren Verlauf aber von neuem geltend machte; denn eine
venöse Stauung in Folge einfacher Herzschwäche hätte Oedem beider
Füsse herbeiführen müssen. Leider wurde bei der Section die Schenkel-
vene nicht untersucht, doch gehören bekanntlich die „marantischen"
Thrombosen derselben bei phthisischen Erwachsenen und Kiudern nicht
zu den Seltenheiten, können sogar, wie im folgenden Falle, hoch in die
Vena cava inferior heraufreichen, und dann durch ihre vorwiegenden
Symptome die zu Grunde liegende Krankheit in den Hintergrund
drängen.
Emil M., 7jährig, aufgenommen am 12. Februar, seit einem im vorigen
August überstandenen Scharlachfieber kränkelnd, leidet fast immer an Diarrhoe
und ist stark abgemagert. Seit Anfang Februar Oedem beider Beine, des Scro-
tum und Penis, starke Erweiterung aller subcutanen Bauchvenen. Unterleib nor-
mal. Urin sparsam, ohne Albumen. In beiden Lungen Rasseln, unterhalb der linken
Scapula von klingendem Charakter. Diarrhoe 5— 6mal täglich. T. Ab. 39,0 M. nor-
mal. Zunehmender Marasmus, Oedem auch über Bauch und Lumbaigegend sich
verbreitend, Venen bis zu den Füssen herab immer mehr sich erweiternd. Vom 22.
an Gangrän des Scrotum und des rechten Fussrückens. In den letzten Tagen Pro-
minenz der Leber unter den Rippen. Tod am 2. März. — Section: Vollständige
Thrombose der Vena cava inf. bis dicht unterhalb des Abgangs der Lebervenen;
abwärts setzt sich dieselbe in die Venae iliacae, femorales und in die Hautvenen
beider Ober- und Unterschenkel fort. Leber verfettet und voluminös. Im Dünndarm
markstückgrosse tuberculöse Geschwüre, anfangs nur vereinzelt, im Ileum aber
nahe an einander gerückt, theilweise confluirend und handbreite Strecken der Schleim-
Krankheiten der Leber. 573
haut einnehmend. Mesenterium verdickt, tuberculös. Auch im Colon und Rectum
viele ähnliche Ulcerationen. In der rechten Niere ein haselnussgrosser käsiger Herd
und miliare Tuberkel. Im unteren Lappen der linken Lunge eine grosse Caverne mit
käsigem Inhalt. Bronchialdrüsen geschwollen und käsig.
Für die Behandlung der tubercüiösen Darmphthisis stehen uns
nur die Mittel, welche ich gegen den chronischen Darmcatarrh und die
folliculären Darmgeschwüre (S. 509) empfahl, zu Gebot, doch dürfen
Sie kaum einen Erfolg derselben erwarten.
XVII. Die Krankheiten der Leber.
Für die Beurtheilung der Leberanschwellungen ist der Umstand von
Wichtigkeit, dass der untere Leberrand bei Kindern, zumal in den
ersten Lebensjahren, meistens tiefer steht, als bei Erwachsenen. Mit
dieser Thatsache muss man rechnen, wenn man sich nicht diagnostischen
Fehlschlüssen in Bezug auf das Volumen der Leber aussetzen will.
Ueber die Ursachen dieses tieferen Standes der unteren Lebergrenze
geben die Untersuchungen von Sahli1) interessante Aufschlüsse. Aus
diesen ergiebt sich, dass die Beschaffenheit der kindlichen Leber selbst,
zumal ihre gewöhnlich angeschuldigte relativ stärkere Entwickelung
diesen Tiefstand nicht erklärt, dass vielmehr das von Henke hervor-
gehobene Verhalten der Rippen viel dazu beiträgt. Indem nämlich beim
Kinde die Rippen gegen die Seiten zu weniger steil abwärts verlaufen
als beim Erwachsenen, lassen sie die Leber in grösserer Ausdehnung
unbedeckt, und der Rand derselben kommt daher unter sonst gleichen
Verhältnissen tiefer unter dem Rippenrande zu stehen. Daher kommt es,
dass selbst nicht bedeutende Anschwellungen der Leber, wie sie z. B.
bei theilweiser Verfettung, bei allgemeiner Tuberculose, vorkommen,
während des Lebens erheblich erscheinen und bei mageren Bauchdecken
sogar durch den vorspringenden Rand sichtbar werden können. Ich
habe dies besonders in einigen mit starkem Ascites verbundenen Fällen
von tuberculöser Peritonitis in dem Grade beobachtet, dass ich mich
zur falschen Annahme einer hypertrophischen Cirrhose verleiten Hess.
Die Leber wird im Kindesalter weit seltener, als bei Erwachsenen
von Krankheiten heimgesucht. Die bei den letzteren so häufige inter-
stitielle Entzündung mit Ausgang in Cirrhose gehört im Kindes-
alter zu den Ausnahmen2), vielleicht deshalb, weil ihre häufigste Ur-
') Sahli, Die topographische Percussion im Kindesalter. Bern, 1882. S. 122.
2) Unterberger, Jahrbuch für Kinderheilk. IX. 1876. S. 390. — Fox,
Ibid. XIII. 1879. S. 404. — Neureut ter, Oesterr. Jahrbuch für Pädiatr. VIII.
5 74 Krankheiten der Verdauungsorgane.
sache, der Abusus spirituosorum, hier kaum in Betracht kommt. Trotz-
dem fehlt es in der pädiatrischen Literatur nicht an Beispielen von
hypertrophischer oder atrophischer Cirrhose, welche durch Missbrauch
von Alkohol entstanden zu sein scheinen1). Mir selbst ist die atro-
phische granulirte Leber, in der Form der Cirrhose Erwachsener, beim
Kinde nur zweimal auf dem Sectionstische vorgekommen, am meisten ent-
wickelt bei einem fünfjährigen, leicht icterischen Knaben mit starkem As-
cites, der sich nur 9 Tage in der Klinik befand, und dessen Section
Perihepatitis portalis fibrosa mit partieller Atrophie der Leber ergab.
Wohl aber hatte ich öfter Gelegenheit, die interstitielle Hepatitis mit
Volumszunahme und granulirter Oberfläche des Organs, die sogenannte
„hypertrophische Cirrhose", bei Kindern zu beobachten, in der Regel
mit Icterus, palpablem Milztumor, Epistaxis, nur ausnahmsweise mit
stärkerem Ascites2). Häufiger sind die Fälle, in denen die klinischen
Erscheinungen während des Lebens ganz oder grösstentheils fehlen, erst
die Section eine Hyperplasie des interstitiellen Bindegewebes mit Fett-
entartung der Leberzellen nachweist3). Man findet dann entweder schon
eine mit mehr oder weniger grünlicher Färbung des Parenchyms einher-
gehende Vermehrung des Bindegewebes, welches überall in Form weiss-
licher Stränge die Acini umgiebt und bereits eine Granulirung der
Ober- und Schnittfläche erzeugt hat, oder die Affection steht noch im
Anfange ihrer Entwickelung, und verräth sich nur microscopisch durch
massenhafte Neubildung junger Zellen im interstitiellen Gewebe. Dieser
leichtere Grad kommt besonders im Gefolge von Infectionskrank-
heiten vor, und scheint eine Ursache von Icterus werden zu können,
welcher zuweilen im Verlaufe dieser Krankheiten auftritt. So habe ich
nach den Masern, öfter aber im Gefolge des Scharlachfiebers em-
pfindliche, von leichter Gelbsucht begleitete Anschwellungen der Leber
beobachtet, die sich entweder nach einigen Wochen zurückbildeten, oder
1877. S. 14. — Birch-Hirschfeld, Gerhardt's Handb. d. Kinderkrankh. — Laure
et Honorat (Revue mens. Mars et Avril 1887). — Palmer Howard, Arch. f.
Kinderkrankh. IX. S. 380, — v. Kahl den, Münch. med. Wochensohr. 738. 1888.
— Tödten, Zur Lebercirrhose im Kindesalter. München 1892.
1) Demme, 22. Jahresber. d. Jenner'soheu Kinderspitals. Bern, 1885.
2) Henoch, Charite'-Annalen. 13. Jahrg. 1888. — Ob die beiden Formen der
Cirrhose ganz von einander zu trennen (Rosenstein), oder nur als verschiedene
Entwickelungsstufen zu betrachten sind (Stadelmann, Verhandl. d. ll.Congresses
für innere Med. Leipzig 1892) ist noch unentschieden.
3) In diese Categorie gehört auch der grösste Theil der von Neureutter
beobachteten 15 Fälle, von denen nur 3 während des Lebens diagnosticirt wurden.
Krankheiten der Leber. 575
auch nach dem Ablaufe der Infectionskrankheit unter dem Bilde der in-
terstitiellen Hepatitis fortbestanden.
Am häufigsten sehen wir diese bei ganz jungen Kindern, schon in
den ersten Monaten des Lebens, auf syphilitischer Basis zu Stande
kommen, worüber ich mich schon früher, als von der Lues hereditaria die
Rede war, ausgesprochen habe (S. 97). Auch in diesen Fällen fand
ich das Volumen der granulirten Leber immer vermehrt, will aber
nicht in Abrede stellen, dass bei längerer Lebensdauer aus der hyper-
trophischen Form schliesslich die atrophische hervorgehen kann. Ausser
der Syphilis muss noch Tuberculose als Ursache der interstitiellen
Hepatitis bezeichnet werden, entweder in der Weise, dass von dem chro-
nisch entzündeten und tuberculösen Bauchfell aus die Entzündung sich
auf die Porta hepatis und die Bindegewebsscheiden innerhalb der Leber
verbreitet, oder in Folge des Reizes, welchen zahlreiche miliare Tuberkel
in der Leber auf das interstitielle Bindegewebe direct ausüben (S. 566).
Mir selbst sind Fälle dieser tuberculösen Form, welche bei Erwachsenen
schon früher von Brieger u. A. ') beobachtet wurde, wiederholt vor-
gekommen, meistens aber mit so geringen, überdies durch die chronische
Peritonitis verdeckten Symptomen, dass die Affection der Leber erst
bei der Section erkannt wurde2).
In manchen Fällen bleibt die Ursache der interstitiellen Hepatitis
trotz der sorgfältigsten Nachforschung unbekannt, und die von Bar-
telemy3) ausgesprochene Ansicht, dass es sich dann immer um „Sy-
philis tarda" handele, halte ich für ganz unerwiesen. Während ich
gerade mit der antisyphilitischen Behandlung keinen Erfolg erzielte,
hatte ich ein paar Mal Gelegenheit, unter diesen Umständen bei Kin-
dern von 6 bis 12 Jahren unter dem consequenten Gebrauch der Carls-
bader Quellen Schwinden des Icterus und Zurückbildung des Leber-
tumors zu beobachten. Es kann sich also hier, so gut wie bei Erwach-
senen, um eine von Syphilis durchaus unabhängige chronische Hepatitis
handeln , welche , so lange noch keine interstitielle Bindegewebs-
wucherung vorliegt , einer Heilung durch die alkalischen Thermen
fähig ist. —
Abscesse4) und maligne Tumoren der Leber kommen bei Kin-
') Virchow's Archiv. Bd. 75. S. 92.
2) Pitt, Jahrb. f. Kinderheilk. XXVI. S. 402.
3) Arch. gener. Juin 1884.
4) Abscesse in der Leber, welche durch Einwanderung von Spulwürmern
erzeugt waren, sind bei Kindern ausnahmsweise beobachtet worden. Scheuthauer,
welcher einen dieser Fälle mittheilt (Jahrb. f. Kinderheilk. XIII. S. 63), betrachtet
576 Krankheiten der Verdauungsorgane.
dem nur selten vor. Einem von West schon im achten Lebensmonate
beobachteten Fall von medullärem Sarcom kann ich den folgenden an-
reihen, der sich durch das rapide Wachsthum des Lebertumor aus-
zeichnete:
Kind von 2'/2 Jahren, aus gesunder Familie stammend, Anfangs Februar
in der Poliklinik vorgestellt. Bis Weihnachten immer gesund, seitdem Zunahme des
Leibes, ohne erkennbare Ursache. Bei der Untersuchung zeigt sich die Leber stark
vergrössert. In den nächsten Wochen rapide Zunahme; auf der Oberfläche des
kleinen Lappens im Epigastrium fühlt man deutlich eine flache, weiche, fast fluc-
tuirende Prominenz, welche indess nicht empfindlich scheint. Venenerweiterung
am Unterleibe und am unteren Theil des Thorax. Zunehmende Abmagerung und
Schwäche, leichter Icterus. Tod am 23. März. — Section: Leber um das Drei-
fache vergrössert, icterisch gefärbt, enthält an ihrer Peripherie wie im Inneren sehr
zahlreiche, gelblich- weisse, weiche sarcomatöse Tumoren von Haselnuss- bis Wall-
nussgrösse und darüber, welche zum Theil an der Oberfläche prominiren, zumal ein
im kleinen Lappen befindlicher grösserer Tumor. Gallenblase cystenartig ausgedehnt,
mit trüber blutiger Flüssigkeit angefüllt. Ductus cysticus durch einen Tumor com-
primirt. Alle anderen Unterleibsorgane normal, nur icterisch. Die anderen Höhlen
durften nicht geöffnet werden ').
Häufiger hat man Gelegenheit, Echinococcencysten bei Kindern
zu sehen, welche in jeder Beziehung mit denen der Erwachsenen über-
einstimmen. Ich gedenke nur eines Falles, der mir wegen des an-
scheinend guten Erfolgs der Punction bemerkenswerth scheint.
Ein ] 1 jähriger Knabe, am 15. Juli aufgenommen, bot weiter nichts Krankhaftes
dar, als eine Auftreibung des rechten Hypochondrium. Die Leber überragte palpa-
bel etwa 2 Querfinger breit den Rippenrand, und Hess zwischen Nabel und Proc.
xiphoideus eine prall elastische, halbkugelige, etwa apfelgrosse Pro minen z
fühlen, bei deren Betastung und Percussion kein Schwirren wahrgenommen wurde.
Am 19. entleerten wir aus diesem prallen Tumor mittelst eines feinen Troicarts etwa
sie nicht als wahre Eiterherde, sondern als käsig zerfallene Stellen, welche theilweise
keine Würmer, sondern nur Eier derselben enthielten, woraus er auf eine Rückwan-
derung der Lumbrici aus diesen Herden gegen den Ductus choledochus hin schliesst.
Auch nach Traumen, Pylephlebitis (in Folge von Perityphlitis und Fortleitung
durch die Vena mesent. inf.) und in Folge von Vereiterung der Mesenterialdrüsen
nach Ileotyphus hat man Leberabscesse bei Kindern beobachtet (Bernhard,
Jahrb. f. Kinderheilk. XXV. S. 303). Einen mit Erfolg operirten Fall bei einem
10jährigen Knaben, der mit purulentem Exsudat in der rechten Pleurahöhle com-
plicirt war, habe ich noch jetzt (Febr. 1893) in der Klinik vor mir. Ausser der In-
cision des Leberabscesses musste hier noch die Operation des Empyems mit Rippen-
resection vorgenommen werden. Die Ursache blieb unbekannt.
') Vergl. Affleck, Central Zeitung f. Kinderheilk. II. S. 46. — Bohn, Jahrb.
f. Kinderheilk. XXIII. S. 143.
Krankheiten der Leber. 577
100 Grm. einer serösen klaren Flüssigkeit und legten gleich darauf einen Druckver-
band an. Die Flüssigkeit war frei von Ei weiss und konnte, obwohl sie weder
Echinococcushaken noch Bernsteinsäure enthielt, doch augenscheinlich nur aus einer
solchen, wahrscheinlich sterilen Cyste stammen. Der weitere Verlauf war so be-
friedigend , dass Patient bereits am 27. (also 9 Tage nach der Punction) entlassen
wurde. Von der elastischen Prominenz war keine Spur mehr wahrzunehmen und
auch der untere Leberrand nur noch wenig fühlbar. Ob freilich die Heilang eine
dauernde war, bleibt dahingestellt, ist aber nach der Analogie ähnlicher Fälle wohl
möglich ').
Weit häufiger als die bisher genannten Affectionen kommt die
amyloide Degeneration der Leber im Kindesalter vor. Die glatte,
wenig oder gar nicht empfindliche Anschwellung des Organs erreicht
bisweilen einen so bedeutenden Umfang, dass sie die ganze Oberbauch-
gegend einnimmt, und auf der rechten Seite bis unter die Spina ossis
ilei herabreicht. Die Diagnose beruht hier, abgesehen von dem grossen
Volumen, besonders auf der Theilnahme der Milz und der Nieren an
der amyloiden Entartung, indem man den Tumor der ersteren im linken
Hypochondrium palpiren, und die Nierenaffection durch die Albuminurie
constatiren kann, wobei man freilich nicht ausser Acht lassen darf, dass
bei Amyloidentartung der Nieren Eiweiss im Urin auch fehlen kann
(Litten). Die dyskrasischen Verhältnisse, unter welchen diese An-
schwellung der Leber vorkommt, können die Diagnose unterstützen. Be-
sonders langwierige Knochenvereiterungen sind in dieser Beziehung
bedeutsam. Oft sah ich bei Spondylitis , Coxitis und anderen
cariösen Alfectionen der Knochen und Gelenke Leber und Milz palpabel
anschwellen und Albuminurie eintreten, welche die Section als Folgen
amyloider Degenerationen nachwies. Dagegen kann ich mit denen,
welche der Rachitis einen gleichen Einfluss zuschreiben, nicht über-
einstimmen. Trotz der enormen Zahl rachitischer Kinder, welche
alljährlich in der Klinik und Poliklinik behandelt werden, erinnere
ich mich keines einzigen uncomplicirten Falles, in welchem
ich eine amyloide Degeneration der Leber klinisch oder anatomisch hätte
nachweisen können. Wo dies der Fall war, da bestanden immer noch
andere wichtige Krankheitszustände, wie Caries, Tuberculose, welche die
Kräfte erschöpften. Wohl aber kann auch bei Kindern die Syphilis
amyloide Processe hervorrufen, nicht die hereditäre Form in ihrer ersten
Entwickelung, deren Einfluss auf die Erregung der interstitiellen oder
gummösen Hepatitis wir bereits (S. 97 u. 575) besprochen haben, son-
*) Vergl. Edge, Lancet. II. 18. 1881.
He ii och, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. AurS. gf
578 Krankheiten der Verdauungsorgaue.
dem die veraltete Lues, mag sie nun einen hereditären Ursprung haben
oder erst nach der Geburt erworben sein:
Agnes Z., 11 Jahre alt, aufgenommen am 12. Januar, soll früher an „Drüsen"
gelitten haben. Die Mutter hatte zur Zeit ihrer Entbindung einen „Ausschlag" am
Körper, welcher indess ohne besondere Cur verschwunden sein soll. Vor einem Jahr
Anschwellung der Nase, stinkender Ausfluss (Ozaena) aus derselben, Extraction
mehrerer Knochenstückchen, Einsinken des Nasenrückens. Seit 3 Monaten Schmer-
zen im linken Oberarm und in beiden Schienbeinen, starke Abmagerung, Zurück-
bleiben der ganzen körperlichen Entwickelung bei geistiger Frühreife. Beide Tibiae
vorn, besonders oben, mit harten diffusen Auflagerungen bedeckt; untere Epiphyse
des linken Humerus stark geschwollen, Bewegung des Arms erschwert und schmerz-
haft, Musculatur weniger entwickelt als am rechten Arm. Stirnbein an der Gla-
bella aufgetrieben. Zähne vielfach cariös, die Kronen der Incisoren ohne auffallende
Einkerbungen, der erste linke Schneidezahn erheblich grösser, als der zweite.
Lymphdrüsen am Halse massig geschwollen, linke Tonsille zerklüftet, Uvula ganz
fehlend. Leberdämpfung beginnt oben am unteren Rande der 4. Rippe, übenagt
den Rippenrand in der Linea mammillaris um 4 Ctm., in der ParaSternallinie um
3'/, Ctm., die Basis des Proc. xiphoid. um 3 Ctm. Unterer Leberrand deutlich
fühlbar, ebenso wie die den Rippenrand überragende Milz, deren dumpfer Schall
bis zur 8. Rippe reicht. Im Urin eine massige Menge Eiweiss, Cylinder nicht
nachweisbar. Therapie: Kali jodat. 5 : 150, 3 Mal täglich ein Esslöffel. Nach
Verbrauch von 10,0 hatten die Knochenschmerzen ganz aufgehört, die Auftreibungen
der Knochen sich vermindert, die Beweglichkeit des Arms war gebessert. Die Be-
handlung wurde 3 Monate lang fortgesetzt, und bei einer zweiten Aufnahme des
Kindes im Laufe des folgenden Jahres auch eine Schmiercur 3 Wochen lang ohne
wesentlichen Erfolg angewendet. Nase, Leber, Milz und Nieren blieben im alten
Zustande, während die Knochenschmerzen und Auftreibungen sich gänzlich verloren.
Aber schon einige Monate nach der Cur traten auch Schmerzen wieder ein, und so
sahen wir denn das jetzt 15jährige Mädchen von Zeit zu Zeit immer wieder in der
Poliklinik erscheinen und sich Jodkali erbitten, weil nur dies Mittel im Stande war,
die nächtlichen Schmerzen im Arm und in den Schienbeinen zu lindern.
Bertha R., 12 Jahre alt, aufgenommen am 2. December, soll als Kind an
„Drüsen" und an eiternden „Geschwülsten" am rechten Knie und Oberschenkel ge-
litten haben, deren Narben noch sichtbar sind. Dysenterie und langwierige Diarrhoe
soll nie bestanden haben. Seit mehreren Jahren kann das Kind den Stuhlgang
nicht halten, indem heftiges Drängen und Schmerz im After sehr häufig ein-
tritt, und dabei sofort eine dünne, mitunter blutige Ausleerung erfolgt. Angina
tonsillaris soll häufig bestanden haben, und seit 14 Tagen finden wieder Schling-
beschwerden und lebhafte Schmerzen im Halse, zumal auf der linken Seite desselben
statt. Das sehr blasse, schwächliche Mädchen zeigt eine starke Trübung der linken
Cornea, eine dicke Nase und Coryza, einen grau-gelben festhaftenden Belag des
Zungenrückens, theilweise auch der Wangenschleimhaut, beider Mandeln und der
Uvula, welche stark zerklüftet erscheint. Vor dem Anus liegt ein bohnengrosser
Hämorrhoidalknoten. Lungen bis auf einen Bronchialcatarrh normal. Leber-
dämpfung am unteren Rande der 4. Rippe beginnend, reicht bis zur Nabelhöhe,
wo auch der untere Rand deutlich fühlbar ist. Oberfläche der Leber sehr hart,
Krankheiten der Leber. 579
glatt, das Abdomen sichtbar auftreibend. Milz nicht fühlbar, auch bei der Percussion
nicht vergrössert. Urin hellgelb, klar, albuminös, ohne Cylinder, nach denen
auch später wiederholt ohne Erfolg gesucht wurde. Der Stuhlgang zeigte im Ver-
lauf der Krankheit grosse Verschiedenheiten; mitunter normal geformt, erfolgte er
doch häufig mit Tenesmus, noch ehe das Kind den Topf erreichen konnte, und zwar
in Gestalt einer geringen Menge lehmfarbiger, breiartiger, mit Blut gestreifter Flüssig-
keit. Häufig fand auch ganz fruchtloser Tenesmus mit lebhaften Schmerzen im Anus
statt. Die am 8. vorgenommene Localuntersuchung mit dem Finger und Spiegel er-
gab eine unebene, rauhe Beschaffenheit, starke Wulstung und Röthe der Mastdarm-
schleimhaut, oberhalb des Sphincter internus eine ringförmige Strictur, die weniger
deutlich zu sehen, als zu fühlen war. Der Complex dieser Erscheinungen, zu denen
noch nächtliche Gliederschmerzen und kleine multiple Anschwellungen der Inguinal-
und Cervicaldrüsen kamen, sprach für Syphilis, und die eingeleitete Behandlung mit
Jodkali nebst Bepinselung der erkrankten Mund- und Rachentheile mit einer 1 proc.
Lapislösung wirkte schon im Lauf einer Woche auf die letztere Affection , wie auf
den Schnupfen und die Gliederschmerzen sehr günstig ein. Dagegen bestanden die
Mastdarmbeschwerden und die mit normalen abwechselnden krankhaften Ausleerungen
fort, und manche Nächte wurden durch häufigen Tenesmus schlaflos. Vom 8. an
wurde täglich eine Alaunlösung (5:200) mit temporärem Erfolg in den Mastdarm
gegossen, bei deren gewaltsamer Auspressung am 11. ein etwa 2Ctm. langer Prolaps
des Rectum erfolgte. Das vorgefallene Stück erschien dabei äusserst zerklüftet,
narbig, seiner normalen Schleimhaut beraubt. Da bis zum 20. der Zustand ziemlich
unverändert blieb, so wurde eine Schmiercur (anfangs 1,0, später 2,0 Ung. einer,
täglich) verordnet. Aber auch nach der Einreibung von 30,0 war Alles beim Alten
geblieben, und das Kind wurde am 7. März wegen Keratitis des rechten Auges auf
die Augenstation verlegt. Bei der Wiederaufnahme desselben in meine Abtheilung
(24. Mai) hatten Cachexie und Macies noch erhebliche Fortschritte gemacht, der
Leberumfang noch zugenommen, sowohl nach oben (Dämpfung beginnt an der 3. Rippe)
wie nach unten, wo man den scharfen Kand in der Axillarlinie unterhalb der Spina
ossis ilei, in der ParaSternallinie etwa 2 Finger oberhalb des Ligamentum Poupartii,
in der Medianlinie am Nabel deutlich fühlen konnte. Druck auf die Leber war etwas
schmerzhaft. Alles Andere unverändert. Die 5 — 6 Mal täglich, oft mit Tenesmus
und starker Colik erfolgenden dünnen Stühle enthielten Eiter und Blutstreifen, der
spärliche Urin immer noch reichlich Albumen. Mitunter wurde auch fast reines Blut
aus dem Anus entleert. Dabei Fieber (38,2 — 39,2 in den Abendstunden), lebhafter
Durst, Anorexie und Uebelkeit. Weder die wiederholten Alauninjectionen, noch die
gegen die häufigen Durchfälle verordneten Mittel (Bismuthum nitricum, Tannin mit
Opium u. s. w.) bewirkten dauernde Besserung, höchstens temporäre Ermässigung
der Diarrhoe , womit dann auch immer das Allgemeinbefinden und der Kräfte-
zustand sich besserten. So dauerte die Krankheit noch mehrere Monate. Erst Mitte
October Hess der zunehmende Kräfteverfall ein baldiges Ende erwarten. Tod am
16. November.
Section. Enorme Abmagerung. Lungen normal. Herz klein und welk, Muskel-
substanz blass, grau-roth. Rachen normal; nur auf dem obersten Theil der hinteren
Larynxwand, da wo der Schlund in den Oesophagus übergeht, sitzt eine haselnuss-
grosse, wulstartige, auf der Schleimhaut bewegliche, ziemlich derbe Geschwulst
(Gumma). Leber um das Dreifache vergrössert, überall amyloid entartet. Milz
37*
580 Krankheiten der Verdauungsorgane.
relativ klein, ergiebt bei der chemischen und microscopischen Untersuchung Amyloid-
entarlung der Pulpa, ebenso die ziemlich grossen Nieren, die Magen- und Darm-
schleimhaut. An der Grenze des lleum und Jejunum ein groschengrosses Ge-
schwür mit unregelmässigen gewulsteten Rändern und reinem Grunde. Nirgends
Tuberkel. Im weiteren Verlauf ist die Darmschleimhaut stark geröthet und geschwollen.
Peyer'sche Plaques hervortretend; kurz vor dem Coecum ein ähnliches kleineres
Geschwür, wie das ebenerwähnte. Mesenterium und sämmtliche Dünndarm-
schlingen stark fibrös verdickt, letztere vielfach durch lange, sehr dünne, derbe
Psendoligamente fixirt. Leber und Zwerchfell vielfach adhärent. Von der Flexura
lienalis Coli an beginnt die Schleimhaut sich wulstartig zu verdicken und zu röthen.
Dann folgen neben oberflächlichen Substanzverlasten sechsergrosse, tiefere Geschwüre
mit gereinigtem Grunde bis zum Rectum herab, wo nur noch insolförmige Schleim-
hautreste intact sind. Colon stark verdickt und geschrumpft, Rectum bis an den
Anus erheblich verengt.
Wenn auch in diesem Falle die Anamnese unsicher blieb, so ist
schon durch die Gummigeschwulst zwischen Larynx und Schlund Syphilis
als Basis des eomplicirten Symptomencomplexes nachgewiesen. Leber,
Milz, Nieren zeigten amyloide Entartung, im zweiten Fall auch die ge-
samtste Darmschleimhaut, welche mit zahlreichen Ulcerationen bedeckt
und namentlich im Rectum fast zerstört war. In Folge der schwieligen
Schrumpfung des letzteren verbanden sich mit den Symptomen der
Enterophthisis noch die einer ulcerösen Stenose des Mastdarms. Leider
veranschaulichen beide Fälle auch die Wirkungslosigkeit der specifi-
schen Behandlung in diesem Stadium der Krankheit. Jodkali und
Schmiercur konnten nur einen Theil der Symptome beseitigen oder
lindern: die amyloiden Processe und die Ulcerationen des Darmkanals
blieben dabei unverändert, ein Umstand, den wohl kein Erfahrener
gegen die luetische Natur dieser Zustände geltend machen wird. Glück-
licher in der Therapie war Seiler1), in dessen beiden Fällen frei-
lich das anatomische Verhalten der Leber (ob Amyloid, ob interstitielle
Hepatitis?) zweifelhaft blieb. —
Unter allen Krankheiten der Leber wird im Kindesalter die fettige
Entartung der Leberzellen am häufigsten beobachtet, freilich weit
öfter auf dem Sectionstisch, als in klinisch erkennbarer Weise. So finden
wir sie mehr oder weniger entwickelt in vielen Fällen schwerer In-
fectionskrankheiten, zumal bei Diphtherie und Scharlach, ferner
bei tuberculösen, phthisischen oder durch chronische Diarrhoe er-
schöpften Kindern. Die Leber erscheint verdickt, graubraun, hell- oder
graugelb, teigig eindrückbar, und ihre Zellen zeigen unter dem Microscop
') Seiler, Ascites im kindlichen Alter. Beil. klin. Wochenschr. 1881. No.26.
Krankheiten de» Leber. 581
eine starke Füllung mit kleinen und grösseren Oeltröpfchen. Das Organ
ist dabei oft nur wenig geschwollen, erscheint aber aus den S. 573 an-
gegebenen Gründen während des Lebens grösser, als bei der Section.
Weit seltener war die Leber erheblich geschwollen und füllte dann
einen mehr oder weniger grossen Theil des rechten Hypochondrium und
der Oberbauchgegend aus.
Ob eine wirkliche Fettleber auch im Kindesalter durch unzweck-
mässige Ernährung, ähnlich wie bei Erwachsenen, zu Stande kommen
kann, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls sind die Bedingungen derselben,
übermässiger Genuss von Fett und Spirituosen bei mangelhafter Körper-
bewegung, bei Kindern nur ausnahmsweise anzutreffen, und ich selbst
disponire nur über einen Fall, welchen man in diese Categorie bringen
könnte:
Richard M., 2'/.,jährig, aufgenommen am 10. Januar, soll vor längerer Zeit
(?) die Masern gehabt haben und schon seit Monaten an Diarrhoe leiden. Gleich-
zeitig besteht Tussis convulsiva. Trotz des zarten Alters soll das Kind schon lange
viel bayrisches Bier trinken und verlangte auch in der Klinik immer Biersuppe.
Bei der Untersuchung fand sich eine feine Abschuppung der Epidermis auf der Haut
des Rumpfes und geringes Oedem der Füsse und Augonlider, so dass sich der Ver-
dacht einer Nephritis scarlatinosa oder morbillosa aufdrängte. Der Urin war indess
völlig normal, ohne Spur von Eiweiss. Im Unterleib etwas Flüssigkeit, Leber ver-
grössert, bis zum Nabel reichend, die Linea alba nach links um 7'/2 Ctm. über-
ragend. Milz nicht nachweisbar. Dabei täglich 4—6 sehr dünne, braune, wässerige
Stühle, zuweilen Erbrechen, kein Fieber. Lungen und Herz normal. Schon in den
nächsten Tagen sichtbarer Verfall, Verschwinden des Oedems, Erweiteruog der
subcutanen Bauchvenen und sichtbares Vorspringen des Leberrandes in der Nabel-
gegend; Sinken der Temperatur (36,0 — 35,8), Abmagerung, grosse Schwäche des
Pulses, Apathie, Somnolenz, Eiterfetzen auf der Conjunctiva und Cornea. Tod am
18. Januar.
Section. Herzmuskel blass, grau-roth, fettig entartet, rechter Vorhof mit
Fibringerinnseln prall gefüllt. Leber beträchtlich vergrössert, durchweg grau-gelb.
Die Fingereindrücke gleichen sich nur sehr langsam aus. Das Microscop zeigt eine
ausgedehnte fettige Degeneration der Leberzellen. Mesenterialdrüsen etwas ge-
schwollen, blass. Darmschleimhaut durchwog sehr blass, ihre Zotten bei schräg
auffallendem Licht sehr deutlich erkennbar (amyloide Reaction nicht sicher).
Nierenepithelien in der Corticalsubstanz stark verfettet. —
Fast ebenso häufig wie bei Erwachsenen, zu manchen Zeiten sogar
in epidemischer Frequenz, begegnet man im Kindesalter jener Form des
Icterus, welche durch Catarrh des Duodenums und der Gallengänge
bedingt wird. Wenn auch die meisten dieser Kinder das dritte Lebens-
jahr schon überschritten hatten, so fehlt es mir doch nicht an Bei-
spielen, in welchen die Gelbsucht viel jüngere Kinder befiel, z. B. ein
582 Krankheiten der Verdauungsorgane.
erst 8 Wochen und ein 5 Monate altes Kind. Anorexie, nicht selten
bei reiner Zunge, in den ersten Tagen auch Uebelkeit und Erbrechen,
entfärbte graue oder lehmfarbige fötide Darmausleerungen, welche bis-
weilen sehr frequent und flüssig, häufiger sparsam waren, galliger Urin,
Mattigkeit und Verstimmung, Neigung zum Schlaf waren constante Be-
gleiter. Fieber fehlte fast immer oder war höchstens im Beginn des
Icterus in massigem Grade vorhanden. Meine schon S. 7") mitgetheilte
Erfahrung, nach welcher beim Icterus der Kinder die bekannte Ver-
langsamung des Pulses auf 50 und noch weniger Schläge mir fast
niemals vorkam, hat sich seitdem bestätigt. Die Pulszahl schwankte,
bis auf wenige Ausnahmen, immer zwischen 100 und 120, und ich muss
daher annehmen, dass die grössere Reizbarkeit des kindlichen Nerven-
systems, besonders die Furcht während der ärztlichen Untersuchung, im
Stande ist, den hemmenden Einfluss der Gallensäuren auf die Herz-
bewegung zu compensiren. Dafür spricht auch die Beobachtung von
Traujbe2), welcher den durch Icterus oder grosse Digitalisdosen ver-
langsamten Puls Erwachsener sofort an Frequenz bedeutend zunehmen
sah, wenn die Kranken sich aufsetzten oder anderweitig bewegten. Bei
sehr ruhigen Kindern mit Icterus wird man daher wohl auch Puls-
verlangsamung beobachten können, was mir in der That bei einem 7jähri-
gen Knaben, der sich anhaltend im Bette befand, gelang (P. 64-90
Schi., mitunter intermittirend). Ein palpables, durch Gallenstauung be-
dingtes starkes Hervorragen der Leber unter dem Rippenrande ist selten,
eher kann man dasselbe durch Percussion nachweisen. Sämmtliche
Fälle nahmen nach 8— 14tägiger Dauer einen günstigen Ausgang, und
nur einer bietet durch den wiederholten Eintritt heftiger Fieberbewe-
gungen besonderes Interesse dar:
Gustav K., 8jährig, aufgenommen am 13. December wegen einer traumati-
schen Necrose des Ramus ascend, des rechten Sitzbeins, welche noch eine 2Ctm.
lange, auf den Knochen führende Fistel am Perineum unterhält. Am 18. Januar 187G
Erweiterung der Fistel durch Laminaria, Auskratzen des necrotischen Knochens, an-
tiseptischer Verband. Etwa 10 Tage später, am 29., Icterus mit hohem Fieber,
40,0; Puls 132, keine pyämischen Fröste, vielmehr Euphorie. Leber etwas vor-
ragend. Ab. 39,8. In den nächsten Tagen Icterus zunehmend bis zur Bronzefärbung,
Urin gallig, ohne Albumen, ohne Leucin und Tyrosin ; Stuhl entfärbt, foetide. Dieser
Zustand dauerte fast unverändert bis zum 21. März, also volle 7 Wochen, wäh-
rend welcherZeit die Wunde, die stets ein gutes Aussehen hatte, sich allmäligschloss.
') Beiträge zur Kinderheilk. N. F. S. 342.
2) Traube, Die Symptome der Krankheiten des Respirations- und Circulations-
Apparats. Berlin, 1867. S. 29.
Krankheiten der Leber. 583
Das am 29. Januar den Icterus begleitende Fieber dauerte nur zwei Tage, worauf
ein fieberloser Zeitraum vom 31. Januar bis zum 2. Februar folgte. An diesem
Tage trat von neuem Fieber ein (M. 38,4, Ab. 39,0), welches Anfangs mit fast nor-
maler Morgentemperatur (37,6—38,2), aber noch immer ansehnlichen Steigerungen
in den Abendstunden (38,5—39,2) bis zum 21. dauerte, am Abend dieses Tages noch
einmal 41,0 erreichte, dann abnahm und am 21. März völlig verschwand, während
gleichzeitig Icterus und Leberanschwellung sich zurückbildeten , und Urin und
Fäces ihre normale Beschaffenheit wieder annahmen. Nachdem der Knabe in der
Klinik noch das Scharlachfieber durchgemacht, wurde er am 18. Juni mit geschlossener
Fistel gesund entlassen. Während des Icterus warenPurgantia, Salzsäure, Wildunger
und Vicby-Wasser angewendet worden. Chinin (0,5 auf einmal) hatte auf das
Fieber gar keinen Einfluss gehabt.
Der sich anfangs aufdrängende Verdacht, dass das heftige Fieber
und der Icterus von der Knochenaffection aus durch einen pyäraischen
Process bedingt sein könnten, wurde durch den Mangel der Frostanfälle
und den weiteren günstigen Verlauf entkräftet. Auch sprach die Be-
schaffenheit der Fäces entschieden für einen hepatogenen, durch Gallen-
retention entstandenen Icterus, dessen Aetiologie freilich dunkel war.
Gegen Obstruction der Gallengänge durch Concremente, welche bisweilen
solche Fieberstürme erregen, liess sich, abgesehen von der enormen
Seltenheit derselben bei Kindern, der gänzliche Mangel von Schmerz-
empfindungen geltend machen; es blieb nur übrig, einen intensiven hart-
näckigen Oatarrh der Gänge, der sich weit in die Verästelungen derselben
hineinerstreckte, anzunehmen. Der glückliche Verlauf nach fast zwei-
monatlicher Dauer unter der beharrlichen Anwendung eines lauen Na-
tronwassers spricht zu Gunsten dieser Diagnose. Immerhin bleibt das
andauernde, bisweilen 40,0 und sogar 41,0 erreichende Fieber unter diesen
Umständen eine beachtenswerthe Erscheinung.
Die Behandlung des catarrhalischen Icterus, welche sich mir am
besten bewährte, war folgende. In den ersten zwei bis drei Tagen der
Krankheit Purgantia (Calomel 0,06 — 0,1 2stündlich. Inf. Sennae
comp., Inf. rad, rhei F. 39), später Salzsäure (F. 3). Beim Vor-
handensein von Diarrhoe kommt diese schon von vornherein zur An-
wendung. Strenge Ruhe und Diät, auch wenn kein Fieber stattfindet;
Vermeidung aller Fleischspeisen, ausser Bouillon, sonst nur schleimige
Suppen, Zwieback, Gries, weich gekochter Reis, Compot. Zum Getränk
täglich eine halbe Flasche Wildunger Wasser, um das in den Harn-
kanälchen ausgeschiedene Gallenpigment rasch zu entleeren. In einigen
sehr hartnäckigen, aber fieberlosen Fällen, wo ausser den eben em-
pfohlenen Mitteln auch Carlsbader und Vichywasser erfolglos ge-
blieben waren, sah ich von reichlichen Injectionen (1—2 Liter)
584 Krankheiten der Verdauungsorgane.
lauen Wassers in den Darm mittelst des Irrigators überraschende
Wirkung1). —
Der unter Cerebralsymptomen tödtlich verlaufende Icterus, welcher
durch acute Leberatrophie bedingt wird, kommt bisweilen auch bei
Kindern vor. Ich selbst habe ihn in 3 Fällen beobachtet, von denen in-
dess nur einer zur Section kam. Weder in klinischer, noch in anatomi-
scher Beziehung boten diese und andere von den Autoren mitgetheilte
Fälle etwas für das Kindesalter Charakteristisches dar.
XVIII. Die Krankheiten der Milz.
Die häufigste Erkrankung der kindlichen Milz ist die Tuberculose,
welche nicht nur den serösen Ueberzug und die Pulpa in Foim mehr
oder minder zahlreicher miliarer und submiliärer Knötchen befällt, son-
dern auch recht ansehnliche, über erbsengrosse, graugelbe, von dem
dunkelrothen Parenchym lebhaft abstechende Knoten bilden kann. Da
diese aber, so weit meine eigene Erfahrung reicht, niemals bestimmte
Symptome zur Folge haben, so kann man sie auch nicht diagnosticiren,
sondern nur aus dem Vorhandensein anderer tuberculöser Organerkran-
kungen vermuthen.
Ueberhaupt lassen sich die Affectionen der Milz nur dann mit
Sicherheit erkennen, wenn diese eine den linken Rippenrand mehr oder
weniger überragende, palpable Geschwulst bildet. Ich sage aus-
drücklich eine „palpable" Geschwulst, weil ich der Percussion allein
kein absolutes Vertrauen schenke, am wenigsten bei Kindern, die sich
während der Untersuchung oft sträuben und durch Muskelcontraction
leicht percussorische Täuschungen herbeiführen. Aus diesem Grunde be-
trachte ich alle Krankengeschichten, in denen der Stand der Milz täg-
lich nur auf Grund der percussorischen Resultate angegeben wird, mit
Misstrauen. Man bedenke, wie einflussreich hier auch Veränderungen
im Stande des Zwerchfells oder Gasauftreibungen des Darmkanals wer-
den können! Die „fühlbaren" Tumoren der Milz findet man, wie bei
Erwachsenen, vorzugsweise bei gewissen Infectionskrankheiten, bei Ileo-
typhus und Febris recurrens, nach wiederholten Anfällen von Fe-
bris intermittens, seltener bei acuter Miliartuberculose und
') Krull, Berl. klin. Wochenschr. 1877. S. 159. — Kraus, Arch. f. Kinder-
heilk. VIII. S. 1. — Löwenthal, Berl. klin. Wochenschr. 1886. 9. — Ueber die
von Gerhardt und Kraus (Archiv f. Kinderkeilk. X. 231) empfohlene Faradisa-
tion der Gallenblase besitze ich keine Erfahrung.
Krankheiten der Milz. 585
Meningitis cerebro-spinalis1); dagegen war es mir bisher nie mög-
lich, bei Scharlach, Masern, Erysipelas oder gar, was Anderen gelungen
sein soll, bei catarrhalischen Anginen, einen palpablen Tumor nachzu-
weisen, wenn er nicht von früher her bereits bestand.
Unter den chronischen Krankheiten ist es zunächst die im Ge-
folge von Knochencaries und Syphilis sich ausbildende amyloide De-
generation der Milz, welche einen fühlbaren Tumor erzeugt, obwohl auch
Fälle von Amyloidmilz mit normalem oder selbst verringertem Volumen
des Organs vorkommen. Alles was ich (S. 577) über die amyloide
Entartung der Leber mittheilte, gilt auch für die der Milz. Auch der
durch Stauung des Pfortaderblutes bedingte Milztumor (z B. bei
Lebercirrhose, weicht in keiner Beziehung von der gleichen Affection Er-
wachsener ab, und ich wende mich daher gleich zu den Tumoren,
welche auf einfacher Hyperplasie der Milz beruhen und besonders
bei Kindern in den ersten Lebensjahren zu den keineswegs seltenen Er-
scheinungen gehören. Man erkennt diese Krankheit gewöhnlich schon
an der eigenthümlichen gelblich weissen, am besten dem weissen
Wachse vergleichbaren Färbung der Haut, zumal des Gesichts. Wieder-
holt bestimmte mich dieses charakteristische Colorit sofort zur Unter-
suchung der Milz, und ich täuschte mich fast niemals in meiner Ver-
muthung. Nur in drei Fällen von Milztumor fand ich das Colorit
nahezu normal, wahrend bei einem Kinde die Hautfärbung mit der
des Morbus Addisoni Aehnlichkeit hatte. Immer überragte die Milz den
linken Rippenrand als eine harte glatte Geschwulst, und füllte nicht
selten die linke Hälfte der Bauchhöhle fast gänzlich aus, so dass ihr
vorderer scharfer , mit Einkerbungen versehener Rand bis an den
Nabel oder über denselben hinausreichte und bei schlaffen Bauchdecken
deutlich zu umgreifen, sogar sichtbar war. Zuweilen Hess sich der Tu-
mor auch etwas verschieben, besonders wenn er nur massig oder
schon in der Rückbildung begriffen war. Empfindlichkeit gegen Druck
scheint garnicht oder nur in geringem Maasse vorhanden zu sein. Starke
Spannung der Bauchmuskeln, zumal beim Schreien, kann die Palpation
kleinerer Tumoren erschweren; man muss dann ruhigere Pausen abwar-
ten, in welchen das Herabsteigen des Zwerchfells während der Inspira-
tion die Milz deutlicher fühlbar macht. Im ganzen Umfange des Tu-
mors ist der Percussionsschall matt und leer, während er nach der
oberen Grenze hin in der Regel keine wesentliche Veränderung zeigt.
Der Grund dafür liegt wohl in der bedeutenden Schwere des Tumors,
') Siehe einen Fall dieser Art S. 318.
586 Krankheiten der Verdauungsorgane.
welche ihn abwärts zieht, und durch die anhaltende Zerrung der Milz-
ligamente sogar eine erhebliche Dislocation des Organs hervorbringen
kann. So fand ich z. B. bei einem 1 '/2jährigen Kinde, welches ich über
ein Jahr zu beobachten Gelegenheit hatte , die Geschwulst , welche
anfangs im linken Hypochondrium fühlbar war, schliesslich in der
Fossa iliaca sinistra liegend und ziemlich leicht verschiebbar.
Zu diesen Hauptsymptomen, dem Tumor und der charakteristischen
Hautfarbe, gesellen sich als häufige, aber nicht constante Begleiter
Oedeme der Füsse und Augenlider, und kleine Blutextravasate in
der Haut, welche meistens in Form sparsamer Petechien an verschiedenen
Stellen der Haut sichtbar sind. Auch Blutungen aus Schleimhäuten1),
selbst tödtlicheHämorrhagie aus kleinen Impfschnitten wurde beobachtet2).
In einigen meiner Fälle fanden erschöpfende Blutungen aus der Nase
statt, während Blutflecke in der Haut fehlten. Die Untersuchung des
Blutes ergab mir nur ausnahmsweise deutlich ausgesprochene Leu-
kämie, in der Regel fand ich das Verhältniss der rothen zu den
weissen Blutkörperchen nicht wesentlich von der Norm abweichend, wo-
bei natürlich die stets vorhandene Abnahme der rothen Körperchen,
welche mit der hochgradigen Anämie zusammenhing, und die schon bei
gesunden Kindern bemerkbare Vermehrung der weissen Körperchen in
Betracht gezogen wurde3). Eine auffällige Vermehrung der letzteren
(1:30 oder gar in einem Fall 1:12), also wirkliche Leukämie, gehörte,
wie gesagt, zu den Ausnahmen. In einem Falle, welcher einen 8jähri-
gen Knaben mit wahrer Leukämie betraf (Verhältniss der weissen zu
den rothen Körperchen 1:15) bot gerade die Milz weder intra vitam,
noch bei der Section eine bemerkenswerthe Abnormität dar. Auf die
Beziehung zu der unter dem schwankenden Bilde der Pseudoleukämie
bekannten Krankheit komme ich später zurück.
Die aetiologischen Verhältnisse blieben fast in allen von mir
beobachteten Fällen dunkel. Nur sehr selten liess sich nachweisen,
dass Febris intermittens von mehrwöchentlicher oder mehrmonatlicher
Dauer vorausgegangen war; in einem Falle behauptete die Mutter, wäh-
rend der Schwangerschaft mit dem betreffenden Kinde wiederholt an
Wechselfieber gelitten zu haben4). Bisweilen waren häufige dyspeptische
') Rilliet und Barthez. II. 34.
2) Pott, Klin. Wochenscbr. 1879. S. 655.
3) Loos (Wiener klin. Wochenscbr. 1891. No. 2) fand kernhaltige rothe Blut-
körperchen in diesem Blute.
4) Ein ähnlicher Fall ist von Playfair (Schmidt's Jahrb. f. 1858. II. S. 338)
mitgetheilt.
Krankheiten der Milz. 587
Störungen, Diarrhoe und Erbrechen, vorausgegangen, meistens aber fehl-
ten auch diese, und die Mütter waren erst durch die zunehmende Blässe
der Haut und den wachsenden Umfang des Unterleibs auf eine Er-
krankung aufmerksam geworden, welche sich mit einer sonst ungetrübten
Euphorie des Kindes vertrug. Daher kommt es, dass die meisten dieser
Kinder schon mit einem stark entwickelten Tumor dem Arzte zugeführt
werden. Appetit und Stuhlgang waren dabei oft ganz normal, und erst
nach längerer Zeit pflegte sich Abmagerung und Welkheit bemerkbar zu
machen. Was die vielfach behauptete Beziehung zu Rachitis betrifft1),
so konnte ich bei der unendlich grösseren Zahl rachitischer Kinder
keinen Milztumor nachweisen, wenigstens keinen palpablen, der für mich
allein Werth hat. In einer Reihe von Fällen liess sich allerdings,
wenigstens während des Inspiriums, die Milz deutlich palpiren. Dass
aber ein Theil der von mir beobachteten grossen Milztumoren in der
That bei rachitischen Kindern vorkam, wird Niemand Wunder nehmen,
der die enorme Frequenz der Rachitis hier in Berlin, zumal unter dem
klinischen und poliklinischen Material in Betracht zieht. Dasselbe gilt,
wie ich glaube, von der Beziehung zur Syphilis (S. 99). In einem
Falle, welcher ein 2'/2 jähriges Kind betraf, litt die Mutter gleichzeitig
an Leber- und Milztumor mit leichtem Icterus, doch war es mir nicht
möglich, einen Zusammenhang, etwa durch Malariainfection, nachzuweisen.
Bemerkenswerth ist, dass auch ein später geborenes Kind derselben
Mutter einen Milztumor zeigte; dies erinnert an die Fälle von Senator,
Biermer u. A. 2), welche Leucämia splenica bei Zwillingen, überhaupt
bei Geschwistern beobachteten.
Bei dieser Unklarheit der aetiologischen Bedingungen werden Sie die
Prognose immer zweifelhaft stellen müssen, absolut schlecht aber nur
in den Fällen, wo die Blutuntersuchung ausgesprochene Leukämie er-
giebt. Die Erfahrung lehrt, dass die Mehrzahl der mit einem chronischen
Milztumor behafteten Kinder unter zunehmender Anämie, Abmagerung,
Anasarca, schliesslich auch Hydrops der Höhlen, zu Grunde geht, wenn
nicht eine zufällige Complication, z. B. Bronchopneumonie, dem Leben
schon vor der Zeit ein Ende macht. Die Sectionen ergeben dann ein-
fache Hyperplasie der Milz, d. h. nur eine massenhafte Vermehrung
ihrer zelligen Elemente, allenfalls auch des Bindegewebes. Der äusserst
derbe, bis zu 150,0 und darüber schwere Tumor, dessen Kapsel bis-
weilen verdickt und mit den Nachbartheilen verwachsen ist, erscheint auf
') Knttner, Berliner klin. Wochenschr. 1892. No. 44, 45.
2) Berliner klin. Wochenschr. 1882. 533.
588 Krankheiten der Verdauungsorgane.
dem Durchschnitte bräunlichgrau, fleisch- oder dunkelroth, mit mehr
oder weniger deutlich entwickelten Malpighischen Körperchen. Nicht
selten fand ich die Milz bis 12 Cm. lang, 6 bis 7 Cm. breit und 3 bis
4 Cm. dick. In manchen Fällen findet man auch vielfache weissliche
Einsprengungen, welche durch massenhafte Anhäufung lymphatischer
Zellen gebildet werden. Massige Hyperplasie der Leber und der Mesen-
terialdrüsen wurde in einzelnen Fällen constatirt.
Es fehlt uns keineswegs an Beispielen von völliger Rückbil-
dung auch sehr umfangreicher Milzgeschwülste, an deren Heilung man
bereits verzweifeln zu müssen glaubte. Von der Naturheilung allein
haben Sie nichts zu erwarten, vielmehr bedarf es einer zweckmässigen,
mit Consequenz viele Monate lang durchgeführten Behandlung. Mir
selbst sind mehrere Fälle dieser Art, von welchen aber keiner mit
wahrer Leukämie verbunden war, vorgekommen.
Marie E., \3/i Jahr alt, am 14. Januar 1847 in die Romberg'sohe Poliklinik
gebracht; mit hochgradiger Atrophie, wachsbleicher Farbe, colossalem Milztumor,
Oedem des Gesichts, der Hände und Füsse. Behandlung mit Eisen, Salz- und Eisen-
bädern. Am 30. Juli, also nach einem halben Jahr, wurde zuerst eine Verkleinerung
der Milz constatirt, am 2. November Verkleinerung um die Hälfte; nach einem
Jahr, am 12. Januar 1848, überragte die Milz nur noch 3 Querfinger breit den
Rippenrand, am 29. Mai war nichts mehr zu (üblen. Vollständige und dauernde
Heilung1).
In diesem Falle sollten nach Aussage der Mutter, die freilich sehr unbestimmt
gehalten war, im Sommer 1846 fieberhafte Anfälle mit Schweiss stattgefunden haben.
In den folgenden wurden diese entschieden in Abrede gestellt.
Adolf N., l'/4 Jahr alt, rachitisch, am 8. Mai vorgestellt. Seit 4 Monaten
zunehmender Milztumor, der den Raum zwischen Rippenrand, Spina ilei und Nabel
ausfüllt. Keine Leukämie, Wachsfarbe. Behandlung mit Chinin und Eisen. Schon
am 10. Juni bedeutende Verkleinerung, Ende Juli völliges Schwinden des Tumors
und blühendes Aussehen.
Georg M., l'/2jährig, am 10. Mai in der Poliklinik vorgestellt, abgemagert,
wachsbleich. Milztumor wie im zweiten Fall. Behandlung mit Chinin und Eisen 5
Monate lang. Im November war nur noch ein kleiner Streifen unter dem Rippenrande
fühlbar, Ende December war auch dieser verschwunden.
Ebenso fand ich bei einem 10 Monate alten Kinde schon nach 2 Monaten den
sehr grossen Tumor um die Hälfte verkleinert, die Hautfarbe bedeutend gebessert
und alle Functionen in bester Ordnung, während bei einem 1 jährigen Kinde, welches
im October 1881 mit einer grossen Milzgeschwulst in Behandlung kam, diese schon
im Januar 1882 bis auf einen etwa 1 '/2 Querfinger unter dem Rippenrando vor-
ragenden Streifen geschwunden war. Jetzt erst entdeckten wir links neben dem
') Romberg und Henoch, Klinische Wahrnehmungen und Beobachtungen.
S. 160.
Abdominaltumoren. 589
Nabel eine leicht bewegliche, in der Rückenlage mehr nach links und hinten sin-
kende, rundliche, unempfindliche zweite Geschwulst, welche von dem Milztumor
durch eine breite, bei der Percussion normal schallende Zone getrennt war, sich
sehr leicht ganz nach hinten und oben zurückschieben Hess, und als eine beweg-
liche Niere betrachtet werden musste. Ich lasse es dahingestellt, ob der Milztumor,
vielleicht durch mechanische Zerrung, hier als Ursache dieser Dislocation und Be-
weglichkeit der linken Niere gewirkt hat. Ausser diesem ist mir bis jetzt nur noch
ein Fall von beweglicher Niere im Kindesalter vorgekommen, welcher einen 9jähri-
gen, an Phthisis pulmonum leidenden Knaben betraf.
Jedenfalls sieht man aus diesen Fällen, dass man den Muth nicht
verlieren darf, und eine Verbindung von Chinin mit Eisen (F. 40)
recht beharrlich viele Monate und selbst Jahre lang nehmen lassen sollte.
Zweckmässige Ernährung durch die Mutterbrust, durch gute Milch, u. s. w.
ist dabei unerlässlich, und laue Salzbäder (1 bis 4 Pfund Salz auf ein
Bad) sind als wirksames Unterstützungsmittel zu empfehlen. Den mit-
getheilten glücklichen Fällen stehen allerdings andere gegenüber, in
welchen diese Behandlung entweder ganz erfolglos blieb, oder höchstens
das Allgemeinbefinden und Aussehen günstig beeinflusste, den Tumor
aber unberührt liess. Da aber auch andere gerühmte Mittel (Bromkali,
Jodeisen, Arsenik) gänzlich unwirksam blieben, so kann ich Ihnen die Be-
handlung mit Chinin und Eisen immer noch als diejenige empfehlen,
welche wenigstens nach meiner Erfahrung die meisten Erfolge aufzu-
weisen hat. Ueber die Wirksamkeit des von Botkin u. A. bei Er-
wachsenen versuchten inducirten Stroms fehlen mir eigene Erfahrungen.
Jedenfalls ist diese Methode unschädlich, während die von Mosler vor-
geschlagenen parenchymatösen Einspritzungen von 2 pCt. Carbolsäure-
lösung und Solut. Fowleri (1:10 Wasser), zumal bei kleinen Kindern,
Bedenken erregen müssen.
XIX. Die Geschwülste der Bauchhöhle.
Abgesehen von den Anschwellungen der Leber und Milz, können
abgesackte Eiterherde im Peritonealsacke (S. 552), und ausnahmsweise,
wie der S. 556 mitgetheilte Fall ergiebt, auch schwielige Verdickungen
der Darmwände in Folge von chronischer Peritonitis Tumoren im
Unterleibe darstellen. Aber auch an die Bauchdeeken muss man
denken, weil in diesen mitunter Anschwellungen vorkommen, welche un-
geübte Untersucher zu Verwechselungen mit Geschwülsten der Bauch-
höhle selbst verleiten können. Ich habe hier besonders Blutergüsse
im Sinn, welche am häufigsten den Muse, rectus betreffen, und vorzugs-
weise im Verlaufe des Abdominaltyphus oder in Folge traumatischer
Einflüsse beobachtet werden.
590 Krankheiten der Verdauungsorgane.
Bei einem 7jährigen Knaben sah ich in der achten Woche eines schweren Ileo-
typhus unter lebhaften spontanen, aber auch durch Druck und Bewegung hervor-
gerufenen Schmerzen, eine harte, scharf umrandete Geschwulst im rechten geraden
Bauchmuskel entstehen, welche fast bis zum Nabel heraufreichte und nach einigen
Wochen durch Resorption verschwand.
Ein 7jähriges Mädchen, welches Ileotyphns eben überstanden hatte, er-
krankte am 5. Febr. mit Leibschmerzen, Erbrechen und Fieber. Untersuchung am
15. Febr. ergab zunächst Auftreibung und Empfindlichkeit des Unterleibs, besonders
rechts vom Nabel. T. 39,3. Am 19. fühlt man in der rechten Seite der Regio hypo-
gastrica einen halbkugeligen Tumor, welcher etwa bis zwei Fingerbreite unterhalb
des Nabels sich erstreckt. Haut darüber verschiebbar. Tumor unempfindlich, lässt
sich mit dem rechten Rectus abdom. ausgiebig nach den Seiten, weniger nach oben
und unten verschieben, ist am 25. noch faustgross, am 1. März hühnereigross und
am 6. März nur noch als ein harter, l'/2 Cm. breiter und 9 Cm. langer Strang fühl-
bar. Entlassung.
Ein lOjähriger Knabe bekam in der Nacht von seinem in demselben Bette
schlafenden Bruder einen heftigen Tritt auf die rechte Seite dei Unterleibs. Am
nächsten Tage Erbrechen, Durchfall, Kopfschmerzen. Nach mehreren Tagen Auf-
nahme in der Klinik. Rechts vom Nabel eine starke 10 Cm. lange und ebenso breite
Vorwölbung mit mattem Schall und Druckempfindlichkeit. T. 39,0. Nach 9 Tagen
fieberfrei, Tumor abnehmend (Eisbeutel). Nach 14 Tagen Geschwulst und Empfind-
lichkeit fast gänzlich verschwunden. —
Die innerhalb der kindlichen Bauchhöhle vorkommenden Ge-
schwülste sind am häufigsten sarcomatöser Art, und können von ver-
schiedenen Theilen, sogar vom Pancreas '), ihren Ausgang nehmen.
Paul J., 11 jährig, aufgenommen am 25. Mai; im 2. Jahr Lungen- und Brust-
fellentzündung, vor 6 Wochen Masern und Varicellen, sonst gesund, aber mager und
blass. Im letzten September „gastrisch-nervöses'' Fieber 6 Wochen lang dauernd.
Bald darauf Athembeschworden , Palpitationen , im December Erbrechen und Leib-
schmerzen Erst im März sichtbare Anschwellung in der rechten Weiche, im Mai
Auftreibung des ganzen Unterleibs. Bei der Aufnahme starke Macies, cachektisches
Colorit, Unterleib stark geschwollen (Durchmesser über dem Nabel 75 Ctm.), von
erweiterten Venen durchzogen, druckempfindlich. Fluctuation fühlbar, oberhalb der
Symphyse mehrere bewegliche rundliche Tumoren. Oedem des Scrotum und der
Füsse. Urin normal, ebenso die Brustorgane. Hochstand des Zwerchfells, R. 44.
Kein Fieber. Purgantia und Eingiessungen ändern nichts an dem Befund. Am 28.
geringer Blutabgang aus dem Anus. Am 29. Punctio abdominis, Entleerung von
250,0 trüber, etwas hämorrhagischer Flüssigkeit, von der bis zum folgenden Tage
noch etwa 500,0 aussickern. Am 30. anhaltendes Aussickern von dunklem Blut aus
dem After. Den 31. Tod im Collaps.
') Litten, Deutsche med. Wochenschr. 1888. No. 44. — Einen von der
Prostata ausgegangenen Tumor beschreibt Tordeus, Arch. f. Kinderheilk. XIV.
102. S. auch Barth, Arch. f. klin. Chir. Bd. 42. H. 4.
Abdominaltumoren. 591
Section: In der Bauchhöhle etwa 350,0 trüber, weisslicher Flüssigkeit, die
im Beeten dickflüssiger und milchähnlich erscheint, und unter dem Microscop
eine zahllose Menge theilweise fettig infiltrirter Rundzellen zeigt. Das grosse Netz
mit flachen, traubig beisammen stehenden, grösseren und kleineren Tumoren besetzt,
fast gänzlich in eine markig-weiche, milchweisse Geschwulstmasse verwandelt. Die
Dünndaimschlingen derb anzufühlen, besonders am Ansatz des Mesenterium,
diffus verdickt, mit milebartig gefärbten Knoten besetzt, die an einer 30 Ctm. langen
Schlinge einen derben, 4 Ctm. breiten, etwa 1 '/., Ctm. dicken Ring um den Darm
bilden. In dieser Schlinge ist an einer thalergrossen Stelle die Schleimhaut durch
eine rosige weiche Geschwulstmasse durchbrochen. Hier ist auch das Mesen-
terium durch confluirende Knoten zu Mannesfauststärke angeschwollen. Ganz ähn-
liche Tumoren finden sich an der kleineren Curvatur des Magens, am Mesenterial-
ansatze des Darms, in der Leber, zumal in der Porta hepatis, in den Nieren, auf der
Serosa der Blase und des Mastdarms, des Zwerchfells und im Mediastinum anticum.
Im Blut und im Knochenmarke nichts Abnormes ').
In diesem Fall handelte es sich, wie das Microscop ergab, um
multiple Lymphosarcombildung, deren klinische Symptome vorzugs-
weise vom Peritoneum und Darmkanal ausgingen, hier als die von der
durchbrochenen Partie ausgehenden Blutungen, dort als fühlbare Tumoren
und Ascites, dessen milchartiges, chylöses Aussehen durch zahllose lym-
phatische Rundzellen bedingt war, welche wahrscheinlich von der das
gesammte Peritoneum umfassenden lymphosarcomatösen Degeneration
herstammten. Das Fehlen aller, äusseren Drüsenanschwellungen er-
schwerte die Diagnose, welche anfangs auf chronische Peritonitis gestellt
wurde.
Auch von dem Bindegewebe und den Drüsen, die sich im Becken
oder hinter dem Peritoneum vor der Wirbelsäule befinden, kann die
Sarcombildung ausgehen und zu colossalen Tumoren heranwachsen, welche
den analogen Neubildungen der Erwachsenen nichts nachgeben2).
Bei einem 5jährigen Knaben, welcher, abgesehen vom Keuchhusten immer ge-
sund gewesen war, bildeten Volumszunahme des Unterleibs und ungewöhnliche Ver-
driesslichkeit die ersten auffallenden Symptome. Später traten Oedem des Gesichts,
der unteren Extremitäten und der Genitalien, Schmerz im Leibe, Diarrhoe und Ab-
magerung hinzu. In der Regio hypogastrica fühlte man einen festen, beim Druck
empfindlichen unebenen Tumor, welcher schliesslich bis zum Nabel heraufragte und
sich mit seitlichen Ausläufern in beide Weichengegenden erstreckte. Etwa 3 Monate
nachdem man die Anschwellung zuerst bemerkt hatte, Tod an Erschöpfung.
Section: Aus der Tiefe des kleinen Beckens, in dem sie förmlich eingekeilt
war, wucherte eine grau-weisse, stellenweise hyperämische, vielfach gelappte und
zerklüftete harte Geschwulst hervor, welche mit dem rechten Darmbein, dem Netz
') Charite-Annalen. VIII. S. 557.
2) Beitr. zur Kinderheilk. N. F. S. 337.
592 Krankheiten der Verdauungsorgane.
und einigen Darmschlingen leicht verwachsen war, Därme und Netz nach oben ge-
drängt hatte und die ganze Bauchhöhle unterhalb des Nabels ausfüllte. Ascites nicht
vorhanden, nur ein paar Esslöffel gelblichen Serums im Beckenraum. Die epigastri-
schen Drüsen, sowie diejenigen des Mesocolon und theilweise auch des Mesenterium
waren ähnlich entartet und zum Theil central erweicht. Auch das obere Ende der
rechten Niere zeigte dieselbe Degeneration, während in der C'orticalis der linken ein
haselnussgrosser Knoten eingebettet war. Alle anderen Organe normal. Die Ge-
schwulst, in deren Centrum sich eine kindesfaustgrosse, mit brauner Jauche gefüllte
Höhle befand, erwies sich als Sarcoma medulläre cysticum (bestand nur aus kern-
haltigen kleinen Zellen und spärlichen Bindegewebszügen) und schien von den retro-
peritonealen Lymphdrüsen ausgegangen zu sein.
Am häufigsten bilden bei Kindern die Nieren und das
perirenale Bindegewebe den Ausgangspunkt von Sarcömen, die zumal
in den ersten Lebensjahren zu enormen Tumoren der Bauchhöhle Ver-
anlassung geben können. Man trifft hier verschiedene Formen von Ge-
schwülsten, Medullär-, Myxo- und C ystosarcome, und zu dieser
Oategorie mögen auch manche von den Autoren beschriebene „Nieren-
carcinome" gehören. Der von Cohnheim1) nachgewiesene Befund
quergestreifter Muskelfasern in diesen Geschwülsten spricht dafür, dass we-
nigstens ein Theil derselben schon congenital angelegt ist, und damit
hängt auch wohl das verhältnissmässig häufige Vorkommen derselben
bei sehr jungen Kindern, die sich noch im ersten oder zweiten Lebens-
jahre befinden, zusammen. Da die Neubildung nur höchst selten beide
Nieren betrifft, vielmehr fast immer einseitig auftritt, so kann man die
Tumoren je nach ihrer Lage auf der rechten oder linken Seite mit An-
schwellungen der Leber oder Milz verwechseln, zumal wenn sie schon
einen grossen Umfang erreicht haben, bis an die vordere Bauchfläche
gelangt sind und den Darmkanal nach der anderen Seite hinübergedrängt
haben, wodurch der Percussionsschall über dem Tumor matt und leer
werden muss. Die Untersuchung des Urins, welche bei so kleinen Kindern
ohnehin ihre Schwierigkeiten hat, giebt hier in der Regel gar keine Auf-
schlüsse, vielmehr bietet der Urin fast niemals eine auffallende Abnor-
mität dar, weil die gesunde Niere noch normal functionirt, die kranke
aber mehr oder weniger vollständig in der Neubildung untergegangen,
und der Ureter mit in dieselbe hineingezogen ist, so dass von hier aus
') Eberth, Virchow's Arch. Bd. 55. S. 518. — Cohnheim, Ibid. Bd. 65.
S. G4. — Landsberger, Klin. Wochenschr. 1877. S. 498. — Kocher u. Lang-
hans, Jahrb. f. Kinderheilk. XIII. 1879. S. 152. — Brosin, Virch. Arch. Bd. 96.
Heft 3. — Neumaun, Ueber das primäre Nierensarcom. Deutsches Archiv f. klin.
Med. 1882. Heft 3 u. 4. — Jacobi, Compte rendu des travaux de la section de
pediatrie. Copenhague, 1885.
Abdominaltumoren. 593
gar kein Urin mehr in die Blase gelaugt. Um so wichtiger ist die in
manchen Fällen beobachtete Hämaturie1). In der Regel aber bilden
der gewöhnlich schnell wachsende Tumor, die Anschwellung und
Spannung des Abdomen , die Erweiterung der subcutanen Venen,
die zunehmende Schwäche und Abmagerung der Kinder die für die
Diagnose allein verwerthbaren Symptome. Auf eine Betheiligung der
Niere kann eben nur dann geschlossen werden, wenn man die Ent-
wicklung der Geschwulst von Anfang an verfolgen, d. h. ihr all-
mäliges Emporwachsen aus der Tiefe eines der beiden Hypochondrien
beobachten konnte. Ganz sicher wird aber auch dann die Diagnose nicht
sein, weil auch andere, nicht von der Niere selbst, sondern von ihrer
unmittelbaren Umgebung ausgehende Tumoren sich ganz ähnlich ver-
halten können.
Meine eigene Erfahrung beschränkt sich auf etwa ein Dutzend sol-
cher Fälle. Mehrere betrafen Kinder im eisten Lebensjahre; in zwei
Fällen handelte es sich um ein von der rechten Niere oder Nebenniere
ausgegangenes Medullarsarcom, welches eine gänseei- bis orangegrosse
markige, von vielfachen Hämorrhagien durchsetzte Geschwulst in der
rechten Seite des Abdomen bildete. In einem dritten Falle, der einen äl-
teren Knaben betraf, hing das Sarcom zwar fest mit der linken Niere
zusammen, schien aber von den retroperitonealen Drüsen seinen Aus-
gang genommen zu haben2):
Max K. , 6jährig, am 19. April in die Klinik aufgenommen, früher gesund.
Ende September Fall von einer Stange mit starker Quetschung des linken Hodens.
Derselbe schwoll rasch an und wurde nach wiederholter Function am 12. October
im städtischen Krankenhause exstirpirt. Entlassung am 28. Seit dieser Zeit oft
Schmerzen in der linken Seite, bisweilen von ohnmachterregender Intensität. Am
12. März in der Poliklinik vorgestellt. Untersuchung ohne Resultat. Erst Ende
März fühlte man in der linken Regio hypogastrica einen empfindlichen Tumor, der
schnell zunahm und die Aufnahme in die Charite veranlasste. Die Geschwulst er-
streckte sich bereits 2 Ctm. über die Liuea alba nach rechts, und war nach oben durch
eine 3 Querfinger breite Furche vom Rippenrande getrennt. Hautvenen über der-
selben stark erweitert, Percussion matt, Ascites nicht zu constatiren. Die Geschwulst
wuchs rapide, so dass sie schon nach 5 Tagen (am 24. April) die Linea alba um
6 Ctm. überschritt. Probepunction am 25. März. Die Nadel drang leicht etwa
8 Ctm. in ein weiches Gewebe; bei der Aspiration wurde nur eine kleine Menge
reinen Blutes entleert. Allgemeinbefinden leidlich, Urin normal, fortschreitende Ab-
magerung. Tumor rapide an Umfang zunehmend, bald den grössten Theil der Bauch-
höhle ausfüllend. Kräfteverfall trotz reichlichen Appetits. Anfangs Mai Fieber (Ab.
') Patureau, Progr. med. 1875. — Baginsky, Deutsche med. Wochenschr.
1876. — Leibert, Jahrb. f. Kinderheilk. XXI. S. 276.
2) Jacubasch, Charit- Annalen. V. 1878. S. 481.
He noch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 38
594 Krankheiten der Verdauungsorgane.
etwa 38 °, selten höher). Schliesslich Dyspnoe, Cyanose, Oedem der unteren Extremi-
täten, starke Diarrhoe. Tod am 19. Mai.
Section. Das parietale Blatt des Peritoneum in grosser Ausdehnung mit
einem manneskopfgrossen Tumor verlöthet, welcher unmittelbar auf der Vena
caya und Aorta aufliegt und nur schwer loszulösen ist. Die linke Niere sitzt dem
oberen und äusseren Theile des Tumor auf, ohne jedoch in diesen überzugehen; ihr
Parenchym, sowie das der rechten Niere, durchaus normal. Die Geschwulst wog
3600 Grm. , zeigte auf dem Durchschnitt eine theils markige, theils faserige und
gallertige Beschaffenheit, und im Centrum eine faustgrosse glasige Gallertmasse.
Die nähere Untersuchung ergab ein Myxosarcom. Die retroperitonealen Drüsen
bis zu den Genitalien herab stark vergrössert. Im Colon zahlreiche bis thalergrosse
diphtheritisch belegte Ulcerationen. Beide Ureteren fingerdick erweitert, mit klarer
Flüssigkeit gefüllt (Resultat der Compression). In den übrigen Organen keine
wesentliche Abnormität.
Weitere Nachforschungen ergaben, dass die am 12. October exstir-
pirte Hodengeschwulst ein Spindelzellensarcom gewesen, welches, aus
traumatischer Ursache hervorgegangen, secundär den Drüsentumor zur
Folge gehabt hatte. Klinisch interessant ist besonders das rapide
Wachsthum des Tumor. Am 12. März konnte ich noch keine Spur
desselben bei der Palpation entdecken, und schon nach etwa 6 Wochen
füllte er den grössten Theil der Bauchhöhle aus. Gerade dieser Umstand
erweckte den Verdacht, dass es sich um eine colossale Eiteransamme-
lung handeln könnte, welcher jedoch durch das Resultat der Probe-
punction widerlegt wurde. Ganz ähnlich verhielt sich ein vierter Fall
(8jähriges Mädchen), bei welchem der Tumor fast die ganze Bauchhöhle
ausfüllte, und bei der Herausnahme zuerst von der rechten Niere, die
etwa zu einem Dritttheil aus der Sarcommasse hervorragte, auszugehen
schien. Eine nähere Prüfung ergab aber, dass die Niere selbst nur com-
primirt, theilweise atrophisch und von der Geschwulstmasse, welche von
den retroperitonealen Drüsen ausging, dicht umlagert war1).
Heilung kann in solchen Fällen nur von der Exstirpation des
Tumors erwartet werden. Die Resultate derselben sind zwar im All-
gemeinen bisjetzt nicht ermuthigend, immerhin geben einige schon im
frühesten Alter gelungene Operationen2) der Hoffnung Raum, dass bei
noch massigem Umfange der Geschwulst auf diese Weise Heilung erzielt
werden kann.
) Arnstein, „Ueber einen Fall von primärem retroperitonealem Sarcom"
Dissert. Berlin, 1882.
'-') Schmid (Verhandl. der 8. Versammlung d. Ges. f. Kinderheilk. Wiesbaden
1891.) gelang die Operation bei einem erst 6 Monate alten Kinde. — Dohrn, Aroh.
f. Kinderheilk. XIV. 105.
Krankheiten der uropoetischen Organe. 595
Siebenter Abschnitt.
Krankheiten der uropoetischen Organe.
I. Nephritis.
Bei den Sectionen vieler Kinder findet man auf dem Durchschnitt
der normal grossen oder wenig geschwollenen Nieren eine mehr oder
weniger verbreiterte, ins Graue spielende Corticalsubstanz. Dieser durch
Quellung und körnige Trübung der corticalen Epithelien bedingte Zu-
stand, welcher schliesslich zu fettiger Degeneration führen kann, die so-
genannte „trübe Schwellung" kommt besonders bei kleinen atrophi-
schen Kindern, demnächst bei solchen vor, die an erschöpfenden und
mit reichlichen Wasserverlusten einhergehenden Krankheiten, wie Cholera,
chronischer Darmcatarrh, Enterophthisis, Dysenterie, allgemeine Tuber-
culose u. s. w. gestorben sind. Es handelt sich hier um eine bis zur
Fettdegeneration fortschreitende Ernährungsstörung der Epithelien, welche
sich klinisch nicht erkennen lässt. Dass sie auch in Folge hoher
Fiebertemperatur zu Stande kommen kann, scheint aus ihrem nicht
seltenen Vorkommen bei Kindern, welche an schweren acuten Krank-
heiten, Pneumonie, Typhus, Scharlach, Recurrens gestorben sind, her-
vorzugehen, wobei ja auch die Leberzellen und die Muskelfasern des
Herzens häufig dem gleichen Schicksal verfallen. Einer Diagnose sind
indess diese elementaren Veränderungen, abgesehen von der bisweilen
auftretenden geringen Albuminurie, nicht zugänglich.
Zuweilen begegnet man einer Form von Albuminurie, die bei
scheinbar gesunden Menschen in ganz eigenthümlicher Weise auftritt,
nämlich nur bei Bewegungen, besonders beim Uebergang aus der
liegenden in die aufrechte Stellung. Der Urin zeigt microscopisch
keine Formelemente, und enthält Ei weiss nie in den Morgenstunden
nach dem Erwachen, ebenso wenig bei dauernder Lage im Bett, sondern
nur nach dem Aufstehen. Kinder und junge Leute werden häufiger, als
ältere Personen, von dieser Affection betroffen, die fälschlich „cyk-
lische Albuminurie" genannt wird. Wenn auch einzelne Fälle völli-
ger Heilung beobachtet worden sind, ist die ganze Sache doch noch
38*
596 Krankheiten der uropoetischen Organe.
dunkel und der Verdacht einer schleichenden Nephritis nie ganz
abzuweisen ').
Die Nephritis diffusa tritt bei Kindern meistens in acuter Form
auf, weit seltener in chronischer oder gar in Form der Schrumpf-
niere, deren klinische und anatomische Charactere mit den bei Er-
wachsenen beobachteten übereinstimmen. Ich beschränke mich daher zu-
nächst auf die Schilderung der acuten Form, welche wir am häufigsten
in Folge des Scharlachfiebers beobachten.
Je nach dem Stadium der Krankheit sind die anatomischen Ver-
änderungen verschieden. Anfangs normal gross, hyperämisch, rothe
Punkte auf dem Durchschnitt zeigend, werden die Nieren allmälig sehr
voluminös, fast walzenförmig, dunkelroth, minder consistent. Die Kapsel
lässt sich leicht abziehen, die Oberfläche zeigt baumförmige Injectionen,
kleinere und grössere Blutextravasate. Nach 4 — 6 wöchentlicher Dauer
erblasst die Oberfläche, und auf dem Durchschnitt contrastirt die stark
verbreiterte, oft über dem Niveau etwas vorquellende gelblich graue
Rindenschicht mit der hyperämischen, dunkelrothen Marksubstanz, von
welcher nur die Papillenspitzen blass erscheinen. Seltener zeigt ein
Theil der Corticalsubstanz noch lebhafte Injection und kleine oder
grössere Hämorrhagien, welche das Bild etwas modificiren. In manchen
Fällen sind die enorm geschwollenen Nieren derartig mit Blutextra-
vasaten durchsetzt, dass sie breiartig weich erscheinen. Während im
Anfang das Microscop nur trübe Schwellung und leichte Verfettung der
corticalen Epithelien erkennen lässt, machen sich allmälig herdweise auf-
tretende interstitielle Wucherungen von Rundzellen um die Gefässe und
um die Kapsel der Glomeruli, in dem Inneren derselben geronnenes Ei-
weiss und abgestossenes Epithelium bemerkbar. In den Veränderungen
der Gefässschlingen soll gerade das Charakteristische für die Scharlach-
niere liegen, indem diese verdickt und mit einer farblosen feinkörnigen
Masse wurstförmig bis zur Impermeabilität gefüllt erscheinen (Glome-
rulonephritis). Die Glomeruli sind völlig blutleer und überragen als
graue Körner die Schnittfläche (C. Friedländer)2).
Bei sorgfältiger Untersuchung findet man oft schon im Blüthe-
stadium des Scharlach etwas Eiweiss und sparsame hyaline Cylinder
im Urin, auch wohl letztere allein, worauf ich bei der Betrachtung der
') Heubner, Pädiatr. Arbeiten. Festsohr. Berlin, 1890.
2) Fortschritte der Med. I. 1883. S. 89. — Rosenstein, Die Pathologie
und Therapie der Nierenkrankheiten. 2. Aufl. 1886. S. 145. — Litton, Charite-
Annalen. VII. 1882. S. 167.
Nephritis. 597
Scarlatina zurückkommen werde. In schweren Fällen aber sah ich
schon in der ersten oder zweiten Woche der Krankheit Nephritis auf-
treten, wovon auch Litten l) ein paar Beispiele mittheilt. Jedoch wer-
den dann die klinischen Symptome der Nierenaffection durch die der
Malignität so maskirt, dass jene in der Regel erst auf dem Sections-
tisch erkannt wird.
Ausnahmsweise kam diese frühzeitige Nephritis auch in sonst normal ver-
laufenden Scharlachfällen vor, z. B. bei einem 11jährigen Kinde, welches am
5. Oct. 1889 von Scharlach befallen wurde, und schon am 6. einen dunkelrothen,
blutigen, stark albuminösen und sehr sparsamen Urin darbot. Am 11. war dieser
wieder ganz normal geworden, aber am 26. trat eine regelrechte Nephritis mit Oedem
und Ascites auf, deren Heilung erst Ende December erfolgte.
Weitaus in den meisten Fällen bildet die Nephritis eine Nach-
krankheit des Scharlach, welche sich in der Regel erst gegen den
12. bis 14. Tag, oft erst in der 3. Woche nach dem Ausbruch des Ex-
anthems, selten später (nach 4, selbst 6 Wochen) einstellt. Worauf
die Häufigkeit dieser Nachkrankheit beruht, wissen wir nicht. Die An-
sicht, welche Viele auch heut noch verfechten, dass sie die Folge einer
„Erkältung", einer „unterdrückten Hautperspirätion" sei , theile ich
keineswegs, denn fast alle meine Fälle entstanden trotz der sorgfältig-
sten Pflege, und nur wenige Kinder hatten schon einige Tage zuvor das Bett
verlassen. Viel wahrscheinlicher ist, dass der Infectionsstoff des Schar-
lachfiebers, den wir uns als ein von noch unbekannten Krankheitserregern
producirtes Gift zu denken haben, einen specifischen Reiz auf die
Nieren ausübt.
Der leichteste Grad der Krankheit erscheint in der Form rasch
vorübergehender Albuminurie. Untersucht man um die erwähnte
Zeit und während der ganzen dritten Woche täglich den Urin, auch
wenn kein besonderes Symptom dazu auffordert, so findet man nicht
selten unerwartet eine kleinere oder grössere Menge von Eiweiss in
demselben, welche schon am Nachmittag desselben Tages oder am an-
deren Morgen für immer verschwunden sein kann, zuweilen aber vor-
übergehend sich wiedereinstellt, ohne dass das Allgemeinbefinden dabei
irgendwie gestört ist. Man kann daher fragen, ob es sich hier wirklich
um eine, wenn auch nur ganz leichte Nephritis, oder nur um Albu-
minurie handelt, die von anderen, das Durchtreten von Blutserum för-
dernden Einflüssen abhängt. Jedenfalls ist eine weitere Entwickelung
der Krankheit aus so unbedeutenden Anfängen keineswegs selten, und
') 1. o. p. 151.
598 Krankheiten der uropoetischen Organe.
da andererseits, wie wir bald sehen werden, in der Leiche Nephritis ge-
funden werden kann, ohne dass während des Lebens Eiweiss im Urin
vorhanden war, so rathe ich Ihnen, auch die Fälle von schnell vorüber-
gehender Albuminurie immer ernst zu nehmen, die Kinder im Bette zu
halten, eine milde Diät anzuordnen und die Urinsecretion durch diure-
tische Mineralwässer (Biliner, Wildunger Wasser) zu fördern.
Dies wird um so mehr nothwendig sein, wenn die Albuminurie nicht
nur vorübergehend auftritt, sondern permanent wird. Es können mehrere
Wochen vergehen, ohne dass eine andere krankhafte Erscheinung, als
höchstens zunehmende Blässe des Hautcolorits sich geltend macht. Der
Urin ist während dieser Zeit bald sparsam, bald reichlicher, enthält oft
viele harnsaure Salze, aber fast immer Albumen, einzelne Blutkörperchen,
sparsame hyaline Cylinder, Lymphkörperchen und abgestossene Epithelien,
welche man bisweilen nur bei genauer und wiederholter Untersuchung
findet. Ich sah z. B. in einem solchen Falle die Albuminurie vom
5. Februar bis zum 10. März, also über einen Monat dauern, wobei das
Kind, abgesehen von einer dyspeptischen Diarrhoe, sich ganz wohl befand,
insbesondere keine Spur von Oedem darbot. Eine 4 Wochen lang fort-
gesetzte Ruhe im Bette, Liquor Kali acet., laue Bäder, schliesslich
Eisen, bew'rkten hier, wie in anderen ähnlichen Fällen, völlige Heilung.
Diese ungetrübte Euphorie der Kinder sah ich sogar 8 bis 14 Tage
lang bestehen, obwohl die Menge des Albumen so bedeutend war, dass
fast die Hälfte des Urins im Reagensglase beim Kochen coagulirte. Ja
selbst bei sparsamem und stark mit Blut vermischtem Urin sah ich
Appetit und gute Laune wochenlang ungestört bleiben, und es ergiebt
sich daraus die Regel für den Arzt, in jedem Falle von Scharlach
vom Ende der zweiten Woche an täglich den Urin auf Albumen
zu untersuchen.
Weit häufiger geben freilich gewisse Krankheitserscheinungen zu
dieser Untersuchung Anlass. Die Kinder fühlen sich unbehaglich, wer-
den verdriesslich, blass, verlieren den Appetit, klagen über Kopfschmerzen.
Der Urin wird auffallend sparsam und trübe, lagert oft ein gelb-
röthliches harnsaures Sediment ab, welches sich beim Kochen auflöst.
Diese Beschaffenheit des Urins geht nicht selten einige Tage lang der
Albuminurie voraus. Mitunter eröffnete auch völlige Anurie, welche
24 Stunden dauerte, die Scene, oder es wurden während dieser Zeit
nur einige Esslöfl'el trüben Urins entleert. Gleichzeitig mit dieser spar-
samen Harnabsonderung, oder auch noch vor dem Eintritt derselben,
kann ein partielles Oedem die Aufmerksamkeit der Eltern erregen,
doch ist dies keineswegs nothwendig, vielmehr kann, worauf ich Sie
Nephritis. 599
besonders aufmerksam mache, das Oedem während des ganzen
Verlaufs der Krankheit fehlen. Sehr oft macht sich indess früher
oder später, also nicht immer von vornherein, Oedem bemerkbar, welches
an Intensität und Ausdehnung sehr verschieden sein kann. Bei vielen
werden nur die Augenlider, allenfalls noch die Fussrücken und Knöchel,
in geringem Grade oedematös, und zwar mit wechselnder Intensität von
einem Tage zum anderen; bei vielen nehmen aber auch andere Stellen
der Haut, besonders Scrotum und Penis, welcher dabei eine gewundene
Form bekommt, Theil, oder es wird der grösste Theil der Haut befallen,
wobei die gedunsenen Augenlider kaum geöffnet werden, die stark ge-
schwollenen Oberschenkel da, wo sie sich gegenseitig und mit dem blasig
aufgetriebenen Scrotum berühren, von erythematöser Röthe überzogen
werden können. Ich sah dann bisweilen die aufs äusserste gespannte
Epidermis der unteren Extremitäten vielfach platzen, und aus den Rissen
derselben, besonders an den Beugeseiten, Serum tropfenweise hervor-
quellen, so dass schliesslich die ganze Oberhaut macerirt wurde, sich
abstiess und ausgedehnte Excoriationen biossiegte. Unter diesen Umstän-
den, welche immer als sehr ungünstige zu betrachten sind, nehmen
die Haut, zumal im Gesicht, und die sichtbaren Schleimhäute eine anä-
mische wachsbleiche Farbe an. Häufig ist die eine Hälfte des Gesichts
oder des Körpers stärker als die andere geschwollen, was sich aus der
Vorliebe des Kindes, auf jener Seite zu liegen, erklärt. Bei starker
Spannung wird die Haut auch empfindlich; jeder Druck ruft dann
Schmerzäusserungen hervor.
Mag nun das Oedem nur äusserst gering und beschränkt, oder weit
verbreitet sein, oder auch ganz fehlen, die Beschaffenheit des Urins,
welche uns von dem Zustande der Nieren Kunde bringt, bleibt davon
unberührt. Die Menge desselben ist fast immer sparsam, nicht selten
bis auf 100 Ocm., oder auf wenige Esslöffel in 24 Stunden gesunken,
während an anderen Tagen eine grössere Quantität gelassen wird, die
aber nur ausnahmsweise das Normalmaass erreicht. Die Quantität
schwankte zwischen 50,0 oder gar 30,0 bis 500,0. Schmerzen beim
Urinlassen konnte ich nie, ungewöhnlich häufigen Drang dagegen, wobei
immer nur kleine Mengen von Urin entleert wurden, öfters beobachten.
Derselbe reagirte stets sauer; sein specifisches Gewicht schwankte zwischen
1006 bis 1024, betrug im Durchschnitt 1010 bis 1015. Die meistens
trübe, röthlich gelbe fleischwasserartige Farbe wechselt in demselben
Falle häufig, ist bald heller, bald dunkler, und wandelt sich oft in eine
kirsch- oder graurothe, braune oder schwarzbraune um, welcher auch
das auf dem Boden des Uringlases sich ablagernde Sediment entspricht.
600 Krankheiten der uropoetischen Organe.
Diese dunklen Färbungen werden durch stärkere Beimischung von
Blut bedingt (Nephr. haemorrhagica); das Microscop zeigt dann einen
viel bedeutenderen Gehalt des Urins an rothen Blutkörperchen, die aber
gerade im dunkelsten, schwärzlich braunen Urin ganz ausgelaugt, wie
kleine blasse Ringe erscheinen. Die Heller'sche Blutprobe veranschaulicht
die Blutmenge am besten. Ausser diesen Befunden enthält der nephritische
Urin immer eine grössere oder geringere Menge weisser Blutkörperchen
(Lymphzellen), abgestossene Nierenepithelicn und längere oder kürzere
hyaline, mit weissen und rothen Blutkörperchen oder mit Epithelien
besetzte Cylinder. Ieh brauche kaum hinzuzufügen, dass alle diese ge-
formten Elemente deutlich nur im Sediment zu sehen sind, dass es
daher rathsam sein kann, den Urin gut zu filtriren und den auf dem
Filtrum gebliebenen Rückstand zu untersuchen. Nebenher findet man
häufig harnsaure Krystalle, bei längerer Dauer der Krankheit verfettete
Epithelien, freies Fett und körnigen Detritus, welche den Oylindern
oder ihren Trümmern anhaften und von der fortschreitenden Degeneration
der Nierenepithelien Kunde bringen. Der Gehalt an Eiweiss schwankt,
wie schon erwähnt wurde, ebenso wie die Färbung des Urins und die
Menge der geformten Elemente. An manchen Tagen gering, kann er an
anderen fast den ganzen im Reagensglase enthaltenen Urin beim Kochen
zur Gerinnung bringen. Zuweilen fand ich den Abendurin trübe und
bräunlich roth, stark eiweiss- und bluthaltig, während der Morgenurin
hellgelb und fast klar erschien; bei einem 9jährigen Mädchen war er
am Morgen stets eiweissfrei, während er Nachmittags wieder deutlich
Albumen zeigte.
In einer Reihe von Fällen beschränkt sich das ganze Kranksein auf
die bisher erwähnten Symptome, d. h. auf das Oedem und die Ver-
änderungen des Urins, oder auch nur auf die letzteren. Das Allgemein-
befinden wird dabei kaum gestört, und bei gehöriger Pflege und Be-
handlung nehmen die krankhaften Erscheinungen allmälig ab, um nach
Ablauf von 2 — 3 Wochen gänzlich zu verschwinden. Dabei muss man
aber immer auf Nachschübe gefasst sein, welche den Urin plötzlich
wieder blut- und eiweisshaltig machen, und auch das schon verschwun-
dene Oedem von Neuem hervorrufen können, wenn auch meistens nur auf
einige Tage und ohne andere schlimme Folgen, als dass die Krankheit
um eine oder mehrere Wochen verlängert wird, und die Kinder in der
Reconvalescenz noch anämischer aussehen. Dennoch rathe ich Ihnen,
auch bei so mildem Verlaufe stets auf der Hut zu sein und die Prognose
in keinem Fall absolut günstig zu stellen, weil ganz unerwartet
inmitten scheinbarer Euphorie bedenkliche Symptome, zumal Urämie,
Nephritis. 601
auf welche ich bald näher eingehen werde, auftreten können. Auch
lehrte mich die Erfahrung, alle Fälle von Nephritis, die von vorn herein
mit ausgedehntem und rapide zunehmendem Anasarca auftreten, mit
Misstrauen zu betrachten, besonders wenn die Urinsecretion dabei sehr
sparsam ist. Selbst in Fällen, wo nur wenige Esslöffel Urin entleert
werden oder sogar vollständige Anurie tagelang fortdauert, kann das
gute Allgemeinbefinden den Unerfahrenen über den Ernst der Lage
täuschen. In der Literatur fehlt es nicht an Beispielen dieser Art, und
ich selbst beobachtete mehrere Fälle, unter denen der folgende besonders
merkwürdig ist:
Carl T., 9 Jahre alt. Zwei Wochen nach dem Ausbruche des Scharlach plötz-
lich Anurie. Spontan wurde gar kein Urin entleert, mit dem Catheter einzelne
Tropfen, nur einmal ein Kinderlöffel voll, welcher beim Kochen völlig coagulirte.
Die Anurie dauerte volle 7 Tage, ohne Spur von Oedem, mit 80—96 P.
Eine in den ersten Tagen bemerkbare Neigung zum Schlammer verschwand bald
unter dem Gebrauch von Purgantien, aber weder diese, noch Blutentleerungen und
andere Mittel vermochten die Urinsecretion in Gang zu bringen. Die Euphorie
war fast vollständig, bis am 7. Tage plötzlich urämische Anfälle and der Tod
eintraten.
Aber nicht allein die Möglichkeit der Urämie ist hier ins Auge zu
fassen, sondern in jedem anscheinend noch so leichten Falle müssen Sie
darauf gefasst sein, den Hydrops, welcher, wenn er überhaupt vorhanden
ist, gewöhnlich als Anasarca auftritt, auch in den Höhlen des Körpers
sich entwickeln zu sehen. Am häufigsten beobachtet man Ascites mit
grösserer oder geringerer Anschwellung des Abdomen und den charak-
teristischen Erscheinungen bei der Percussion, während seröse Ansamme-
lungen im Pleuraraum oder Ltq Pericardium seltener, meistens erst
in der letzten Periode tödtlich endender Fälle auftreten. Ist Ascites
allein vorhanden, so kann, wie ich öfters beobachtete, das Allgemein-
befinden noch ziemlich gut bleiben, höchstens durch die Beschränkung
des Thoraxraums dyspnoetische Athmung entstehen:
August R., 3'/2 Jahre alt. Oedem des Gesichts und der Füsse. Harn spar-
sam, sehr trübe, albuminös und etwas hämorrhagisch. Massiger Ascites und starker
Meteorismus mit Hochstand des Zwerchfells, Dyspnoe, 60 bis 70 R. in der Minute.
Kein Fieber, Respirations- und Circulationsorgane durchaus normal. Unter Behand-
lang mit Purgantien und Kali acet. vollständige Heilung nach 3 Wochen.
Viel trüber wird die Prognose, wenn zum Ascites sich noch Hydro-
thorax gesellt. Es kommt dann zu einer sich mehr und mehr steigern-
den Dyspnoe, welche bisweilen in Form asthmatischer Anfälle
602 Krankheiten der uropoetischen Organe.
auftritt und die Kinder zwingt, Tag und Nacht in vornübergebeugter
Stellung im Bett oder auf einem Stuhl zu sitzen; nur höchst selten sah
ich Oedem und Hydrothorax ohne Ascites auftreten, wie z. B. in fol-
gendem Falle, welcher auch geeignet ist, den Muth für die Behandlung
anscheinend verzweifelter Fälle zu beleben:
Mario Seh., lOjährig, kam mit Nephrit, scarlat. in meine' Behandlung. Urin
sehr sparsam, enthält nur wenig, mitunter gar kein Eiweiss, kein Blut. Starkes
Oedem des Gesichts, der Füsse, des Rückens und der Lendengegend, aber keine
Spur von Ascites. Blasses Aussehen, übrigens Wohlbefinden. Von der Mitte der
zweiten Woche an dyspnoetische rasche Respiration, 50—60 in der Minute. Bei der
Untersuchung zeigt sich hinten beiderseits bis zur Spitze der Scapnla heraufreichend,
Dämpfung des Schalls und schwaches Athmen , welche sich im Laufe der 3. Woche
aufwärts bis zur Mitte des Schulterblattes erstrecken. Dabei treten mehrmals täg-
lich heftige asthmatische Anfälle mit cyanotischer Verfärbung, Kühle der Extremi-
täten und der Nasenspitze ein, welche mehrere Stunden dauern. Kein Fieber. Durch
conseqnente Behandlung zuerst mit Abführmitteln , dann mit einem Inf. hb. digital,
und Kali acet., nebst wiederholter Application von trocknen Schröpfköpfen und
Senfteigen, völlige Heilung binnen 4 Wochen.
Am schnellsten wird der Tod durch die plötzliche Entwickelung von
Lungenödem, seltener von Oedem des Pharynx, der Ligam. aryepiglottica
und ihrer Umgebung (Oedem a glottidis) herbeigeführt. Orthopnoe und
Cyanose, im erstenFalle von weitverbreiteten knisternden Rasselgeräuschen,
im zweiten von stenotischen In- und Exspirationsgeräuschen begleitet,
charakterisiren diesen Ausgang, welcher ganz unerwartet (in einem Falle
war der Urin am Tage zuvor sogar ganz eiweissfrei gewesen), und nicht
nur in Fällen mit sehr ausgedehntem Hydrops der Haut und der Höhlen
vorkommen kann, sondern auch in solchen, welche ganz ohne Wasser-
sucht oder nur mit sehr geringen Oedemen verliefen1).
Zu den häufigsten Symptomen der scarlatinösen Nephritis gehört
auch mehr oder minder oft wiederkehrendes Erbrechen der ge-
nossenen Nahrungsmittel, zähen Schleims oder wässeriger Flüssigkeit.
Dies Erbrechen hat meiner Erfahrung nach keineswegs immer die
schlimme „urämische» Bedeutung, welche viele ihm zuschreiben, zeigt
sich vielmehr oft genug entweder gleich im Beginn oder auch im weiteren
Verlaufe der Krankheit, ohne dass diese einen ungünstigen Charakter
') Nach Legendre (Recherches cliniq. etc. p. 526) hat dies Lungenödem
seinen Sitz vorzugsweise im interlobulären und interalveolären Bindegewebe, wodurch
die Alveolen comprimirt und der betreffende Lungentheil verdichtet wird. Beim Auf-
blasen der Alveolen von den Bronchien her sickert das Serum an der Lungenwurzel
aus. Man hört dann bei der Auscultation nicht feines Knisterrasseln, sondern rauhes,
fast bronchiales Athmen.
Nephritis. 603
annimmt, wobei dann auch alle Erscheinungen, welche dem »urämischen»
Erbrechen seine drohende Bedeutung geben, besonders Kopfschmerz und
Schlummersucht, fehlen. Der Stuhlgang war in den meisten Fällen
verstopft; seltener fanden mehr oder minder reichliche Diarrhöen,
bisweilen auch Colikschmerzen statt. Ob diese dünnen Ausleerungen,
welche sich ein paar Mal durch äusserst fauligen Geruch auszeichneten,
nur eine zufällige Complication bildeten, oder durch Ausscheidung von
Harnbestandtheilen seitens der Darmschleimhaut (Treitz) bedingt waren,
bleibt dahingestellt. Immerhin hütete ich mich mit Rücksicht auf diese
Möglichkeit, die Diarrhoe durch stopfende Mittel schnell zu sistiren.
Bei einem 8jährigen Knaben mit Ascites und leichtem Pleuraerguss
beobachtete ich, ohne dass Diarrhoe bestand, fast anhaltenden Tenesmus,
gegen welchen nach fruchtloser Anwendung von Ricinusöl kleine sub-
cutane Morphiuminjectionen und der Gebrauch von Extr. opii (0,005
3 Mal täglich) sich wirksam erwiesen. Die Erfahrung, dass im Ge-
folge der Nephritis bisweilen diphtheritische Entzündungen der Darm-
schleimhaut gefunden werden, welche sich im Leben mehr oder weniger
latent verhalten (S. 512), mahnt in diesen Fällen zur Vorsicht in der
Prognose.
Ueber die Verhältnisse des Fiebers bei Nephritis scarlatinosa
sind die Ansichten der Autoren getheilt. Dass die Krankheit, wenn
nicht eine Complication besteht, immer fieberlos verlaufe, ist eine
falsche Annahme. Ich gebe allerdings zu, dass in einer grossen Reihe
von zum Theil recht ernsten Fällen, mag nun der Urin hämorrhagisch
sein oder nicht, das Fieber vollständig fehlen, die Temperatur sogar
dauernd etwas subnormal (37,0, 36,8) sein, dass ferner bei anderen
ein mehr oder minder heftiges Fieber, von gleichzeitig vorhandenen an-
deren Nachkrankheiten des Scharlach, insbesondere von Otitis,
necrotisirender Pharyngitis, Phlegmone des Halsbindegewebes oder Syno-
vitis abhängen kann. Es fehlt mir aber nicht an Fällen, welche beweisen,
dass die Nephritis allein, ohne jede Complication, im Stande ist, einen
fieberhaften Zustand von verschiedener Höhe und Dauer anzufachen.
Während bisweilen nur ein initiales Fieber von 38 — 40 ° bestand, welches
schon nach wenigen Tagen für immer verschwand, sah ich in anderen
Fällen eine Abendtemperatur von 38,5 — 39 zwei bis drei Wochen lang
bei nahezu normaler Morgentemperatur fortdauern, oder bei einem im
Allgemeinen fieberlosen Verlaufe ganz unerwartete ephemere Temperatur-
sprünge auf 39,0, selbst 40,0 und darüber auftreten, mit denen bis-
weilen Erbrechen und Zunahme des Eiweisses oder Blutes im Urin Hand
in Hand gingen.
604 Krankheiten der uropoetischen Organe.
Andererseits treten im Gefolge der Nephritis nicht selten entzünd-
liche Complicationen in verschiedenen Organen auf, welche ihrerseits
Fieber erzeugen oder dasselbe, wo es schon vorhanden ist, steigern.
Diese Complicationen, welche in jedem Fall eintreten können, mag er
nun von vorn herein mit rasch zunehmendem Hydrops oder anscheinend
leicht auftreten, betreffen am häufigsten die Respirationsorgane. Pneu-
monie, Bronchitis, Pleuritis, selbst doppelseitige, traten in vielen
Fällen auf, und wurden wiederholt Ursachen des letalen Ausgangs,
während leichtere Bronchialcatarrhe, die zu den gewöhnlichsten Be-
gleitern der Nephritis gehörten, den Verlauf in keiner Weise ungünstig
beeinflussten. Bei einem 4jährigen Knaben mit ausgedehnter Hepatisa-
tion der rechten Lunge nahm der bis dahin noch gelbe trübe Urin
unter dem Einflüsse der Lungenverdichtung eine exquisit hämorrhagische
Färbung an. Bei einem anderen Kinde, welches nach dem Scharlach
Synovitis und darauf Nephritis bekam, entwickelte sich zuerst Pneumonie
des rechten Unterlappens, und in Folge derselben ein die ganze rechte
Brustseite füllendes, eiteriges, pleuritisches Exsudat, welches in der
6. Woche durch die Radicaloperation glücklich beseitigt wurde. Auch
Pericarditis und Endocarditis können sich im Verlaufe der Nieren-
affection einstellen, die letztere zumal in so latenter Weise, dass ohne
die Untersuchung des Herzens ihre Existenz ganz verborgen bleiben
würde (S. 452).
Bei dieser Gelegenheit mache ich Sie darauf aufmerksam, dass im
Verlaufe der scarlatinösen Nephritis der Puls nicht selten verlangsamt,
ungewöhnlich gespannt, und selbst unregelmässig wird, ohne dass
man einen bestimmten Grund dafür nachweisen kann. Bei einigen Kin-
dern ging der Puls bis auf 48 Schi, in der Minute herunter, zeigte auch
wohl fntermissionen und Ungleichmässigkeit, ohne dass am Herzen eine
Anomalie bemerkbar oder das Allgemeinbefinden wesentlich gestört war.
Erst nach einigen Tagen, oder erst nach Wochen, hob sich der Puls
wieder auf 60, bald auf 96, und wurde regelmässig, wobei dann auch
die Nephritis verschwunden war. Nur in einem solchen Falle ergab die
Untersuchung eine Abnormität der Herztöne.
Knabe von 10 Jahren, mit Scharlach in die Klinik aufgenommen. Nach
14 Tagen Nephritis. Puls fast immer zwischen 112—124 schwankend, sank plötz-
lich auf 88, wurde unregelmässig, in der Minute wohl 10—15 mal intermitti-
rend, während gleichzeitig an der Herzspitze ein lautes systolisches Blasen,
welches den ersten Herzton nicht völlig verdeckte, gehört wurde. Schon am folgen-
den Tage war das letztere spurlos verschwunden, Puls wieder 96— 100, voll-
kommen regelmässig. Vollständige Heilung.
Nephritis. 605
Keinesfalls kann es sich in diesem Fall um die Erkrankung einer
Klappe gehandelt haben ; ebenso wenig lies sich eine anämische oder ur-
ämische Grundlage nachweisen1). Ich hebe das letztere besonders her-
vor, weil ich in einigen Fällen, welche mit mehr oder minder aus-
gesprochenen Zeichen von Urämie einhergingen , ähnliche oder sogar
collapsartige Störungen der Herzthätigkeit beobachtet habe, ohne dass
die Untersuchung eine wesentliche Abnormität am Herzen entdecken
konnte. So wurde bei einem 8jährigen Mädchen mit hämorrhagischer
Nephritis der bis dahin ganz normale Puls auffallend langsam (72—68)
und unregelmässig, als sich Kopfschmerzen, Uebelkeit, Erbrechen und
Schlummersucht einstellten , mit deren Verschwinden auch der Puls
wieder zum Normalzustände zurückkehrte Bei einem anderen Kinde
stellte sich nach einem urämischen Anfall, welcher die ganze Nacht hin-
durch dauerte, hochgradige Herzschwäche ein; kleiner, schneller,
unregelmässiger Puls und Herzschlag, kühle Extremitäten, frequente ober-
flächliche Athmung (60—70 in der Minute), während die locale Unter-
suchung nur Galopprhythmus ergab, welcher sich noch in der Recon-
valescenz lange erhielt. Aehnliche Symptome mit fast unfühlbarem
Pulse, Oyanose und äusserster Kraftlosigkeit machten sich bei einem
7jährigen Mädchen geltend, welches am Tage zuvor einen mehrere
Stunden dauernden urämischen Anfall überstanden hatte. Unmittelbar
nach demselben war die enorme Kleinheit des Pulses aufgefallen, welche
mich lebhaft an die Collapszustände in Folge von Diphtherie erinnerte.
Undeutliches, verschleiertes Sehen, Erbrechen, grosse Blässe, Verfall der
Gesichtszüge, dyspnoetische Athmung, leichte Cyanose, kleiner faden-
förmiger Puls von 100—116 Schi., bei einer Temperatur zwischen 37,2
und 35,8 wurden bei einem Knaben durch wiederholte Campherinjectionen
erfolgreich bekämpft. Bei der Neigung der nephritischen Kiuder zu
serösen Ausschwitzungen ist diese Herzschwäche besonders zu fürchten,
weil die durch letztere veranlasste Stauung im kleinen Kreislauf um so
leichter Oedema pulmonum herbeiführen kann, an welchem das zuletzt
erwähnte Kind in der That zu Grunde ging. Bei einem 9jährigen
Knaben endlich bestand anhaltende Verlangsamung (68 — 52 Schi.) und
Arrhythmie des Pulses mit wiederholtem Erbrechen beinahe 14 Tage
lang, bevor sich urämische Convulsionen einstellten, mit deren Beginn
der Puls sofort auf 120 und mehr heraufging.
l) Silbermann ist geneigt, solche vorübergehende Geräusche zu einer relativen
Insufficienz der Mitralis in Folge acuter Dilatation des Herzens in Beziehung zu
bringen.
606 Krankheiten der uropoetischen Organe.
Schon seit Jahren wurde in einer Reihe von Fällen der Nephritis
scarlatinosa, die aus meiner Klinik zur Section kamen, der linke Herz-
ventrikel massig hypertrophisch und dilatirt gefunden. Seitdem
hat 0. Friedländer1) gefunden, dass diese anatomische Veränderung
fast in keinem Falle fehlen soll. Aehnliche Beobachtungen werden
von Silbermann2) und Riegel3) mitgetheilt, und man muss daher
annehmen, dass bei acutem Verlauf der Nephritis Hypertrophie oder
wenigstens acute Dilatation des HerzeDS ebenso gut zu Stande kommen
kann, wie im Gefolge der Nephritis chronica. Wahrscheinlich geschieht
dies vorzugsweise durch die in Folge der Verlegung der Glomerulus-
schlingen eintretende Druckerhöhung im Aortensystem, wobei auch die
starke Abnahme der Wasserausscheidung in Betracht zu ziehen ist. Je
höher der Grad der Glomerulonephritis und je sparsamer die Urinsecre-
tion, um so mehr wird man also die schnelle Entwickelung einer ex-
centrischen Hypertrophie zu erwarten haben, während sie bei leich-
teren Graden ausbleiben kann. In mehreren Fällen, welche bei
unseren Sectionen genau darauf untersucht wurden, fehlte sie ent-
schieden. Jedenfalls lässt die grosse Anzahl von scarlatinösen Nephri-
tiden, welche ich glücklich verlaufen sah, und in welchen ich das Herz
nach Jahren vollkommen gesund fand, annehmen, dass eine allmälige
Wiederausgleichung geringerer Grade von Hypertrophie und Dilatation
stattfinden kann, womit auch die eben genannten Autoren übereinstim-
men. Klinisch nachweisbar ist die acute Herzvergrösserung nur in den
wenigsten, hochgradigen Fällen; besonders möchte ich hier vor einer
Ueberschätzung der percussorischen Verhältnisse warnen, die leicht trü-
gen können. Dagegen verdanken wir Riegel den Nachweis, dass bei
der acuten Nephritis meistens schon von vornherein mit der erhöhten
Gefässspannung eine erhebliche Verlangsamung des Pulses ein-
tritt, die nach meinen Beobachtungen auch mit Irregularität verbunden
sein kann (S. 604). Dabei braucht noch keineswegs eine Volumzunahme
des Herzens vorhanden zu sein, welche andererseits ohne jede Pulsver-
änderung bestehen kann. Bei einem 8jährigen Knaben, bei dessen
Section der linke Ventrikel stark hypertrophisch und dabei fettig ent-
artet schien, hatte ich im Leben weder Verlangsamung noch Arrhythmie
des Pulses beobachtet. Ganz constant war übrigens in meinen Fällen
weder die Verlangsamung noch die erhöhte Spannung des Pulses, und
') Archiv f. Physiol. 1881. — Portschritte d. Med. I. 1883. 3.
-) Jahrb. f. Kinderheilk. XVII. S. 178.
3) Berliner klin. Wochenschr. 1882. No. 23. — Zeitschr. f. klin. Med. VII. H. 3.
Nephritis. 607
besonders der S. 604 erwähnte Fall, in welchem die Puls- und Herz-
phänomene höchstens 24 Stunden dauerten, lässt sich auf rein mecha-
nische Weise, d. h. durch die Verlegung der Glomerulusschlingen, kaum
erklären '). —
Dass auch das Peritoneum der Sitz einer entzündlichen Compli-
cation werden kann, lehren folgende Fälle:
In dem ersten (9 jähriger Knabe) traten während der Nephritis plötzlich leb-
haftes Fieber, Kurzathmigkeit, Aul'treibung, Spannung und äusserste Empfindlichkeit
des Unterleibs, Uebelkeit, Erbrechen, Verstopfung auf. Durch topische Blutentlee-
rung, warme Fomentationen und Mercurialien gelang es, in wenigen Tagen die Ge-
fahr zu beseitigen Im zweiten Fall, welcher einen 8jährigen Knaben betraf, wurde
nach einer vorausgegangenen Gelenkaffection während der Nephritis eine erstaunliche
Succession von Entzündungen seröser Häute beobachtet, zunächst acute Hydro-
cele mit faustgrosser, durchsichtiger, sehr praller und empfindlicher Geschwulst
des Scrotum, weiterhin nach einem heftigen urämischen Anfall acute Peritonitis,
wenige Tage darauf linksseitig» Pleuritis mit bedeutendem Exsudat. Bei der Sec-
tion fand sich ausser diesem auch in der Bauchhöhle eine beträchtliche Menge hell-
gelber seröser Flüssigkeit, und die Serosa des Dünndarms durch äusserst feine In-
jection rosenroth gefärbt2). — Ein dritter Fall betrifft einen am 24. Mai mit heftigem
Scharlach aufgenommenen 6jährigen Knaben. Während der darauf folgenden Ne-
phritis entstand am 13. Juni bedeutende Schmerzhaftigkeit und Auftreibung des
Unterleibs, und die durch eine Otitis bis dahin unterhaltene massige Fiebertempe-
ratur stieg sofort auf 40,9. Schon nach wenigen Tagen erfolgte Collaps, Kühle der
Extremitäten (T. 38,4—37,2). P. kaum fühlbar. Im Unterleibe liess sich eine An-
sammelung von Flüssigkeit deutlich nachweisen, deren Menge stetig zunahm, wäh-
rend die Schmerzhaftigkeit sich verminderte. Tod am 18. im Collaps. — Section:
Peritonitis purulenta universalis. — Knabe von 6 Jahren. Nephritis scarla-
tinosa Tod an Pneumonie. Section: Pneumonia dextra, Empyem. Hypertrophia
cordis sinistr., im Unterleibe reichliche seröse, mit Eiter und fibrinösen Flocken ver-
mischte Flüssigkeit. — Kind von 1 '/., Jahren, Nephritis, Anasarca, Ascites, Fieber,
Erbrechen, stirbt im Collaps nach l'/2 Tagen. Section: Herz normal; im Unter-
leibe viel milchige eiterige Flüssigkeit, Leber und Milz mit dicker Eiterschicht über-
zogen. Darmschlingen vielfach verklebt. —
Unter den bedenklichen Erscheinungen, auf welche man bei Ne-
phritis stets gefasst sein muss, nimmt die sogenannte Urämie die erste
Stelle ein. Obwohl ihr in der Regel eine auffallende Verminderung
der Urinsecretion oder gar vollständige Anurie vorausgeht, fehlt es
doch auch mir nicht an Beispielen, in welchen die Menge des Urins
nicht vermindert, oder die früher sehr vermehrte Secretion bereits wie-
der in Gang gekommen war, und dennoch Urämie eintrat.
') Vergl. Riegel, Berliner klin. Wochenschr. 1882. No. 24.
-') Beitr. zur Kinderheilk. N. F. S. 453 u. 381.
608 Krankheiten der uTopoetischen Organe.
Dasselbe kann erfolgen, wenn überhaupt noch kein anderes Zeichen von Ne-
phritis besteht. Bei einem 4jährigen, am 28. December an Scharlach erkrankten
Kinde enthielt der am 9. Januar untersuchte sparsame Urin noch kein Eiweiss.
Trotzdem am 10. Morgens plötzlioh intensive Convulsionen der rechten Gesichts-
und Körperseite mit Sopor, 144 harten P. Der mit dem Katheter entleerte Urin ent-
hält nun reichlich Eiweiss. Am 12. wiederholte Convulsionen der linken Körper-
hälfte. Nachmittags Wiederkehr des Bewusstseins und der Sprache. P. 120, kräftig.
Leichte Delirien und Verstörtheit. Am folgenden Tage Abnahme des Albumen,
welches schon am 14. verschwunden ist. Behandlung mit Pilocarpin und Bädern
von 30° R.
Auch bei einem 5jährigen Knaben traten die urämischen Symptome 3 Wochen
nach der Eruption des Scharlach plötzlich an dem Tage auf, an welchem zum ersten
Mal Eiweiss im Urin gefunden wurde. Nach 3 Tagen völlige Heilung, auch Urin frei
von Albumen.
Mitunter ohne alle Vorboten, in anderen Fällen nach vorausge-
gangenem Erbrechen, Kopfschmerz, Schwindel, Amblyopie, Somnolenz,
Verlangsamung und Arrhythmie des Pulses, brechen epileptiforme Con-
vulsionen aus, welche sich rasch hintereinander stundenlang wieder-
holen, und in deren Intervallen entweder vollständiger Sopor oder wenig-
stens ein somnolenter Zustand fortbesteht. Bei einem 12jährigen Knaben
hinterliessen die ersten convulsivischen Anfälle einen 9tägigen ununter-
brochenen Sopor, worauf eine neue Reihe von Convulsionen begann. Auch
heftige Aufregung, Geschrei, heitere oder wüthende Delirien kamen mir
während der Intervalle ein paar Mal vor. In den Anfällen selbst hob
sich die Temperatur oft beträchtlich, selbst bis auf 40,0 und darüber,
während bald nach dem Aufhören der Convulsionen ein starker Ab-
fall, zuweilen bis auf 36,2 mit Kühle der Extremitäten und äusserster
Kleinheit des schnellen Pulses eintrat. In diesen Fällen kann der Tod
sehr schnell eintreten. Ein 5jähriger Knabe, welcher bald nach dem
ersten, nur drei Minuten dauernden convulsivischen Anfalle pulslos wurde,
ging schon im zweiten schnell darauf folgenden zu Grunde. Die Inten-
sität und Ausdehnung der Convulsionen ist verschieden, bald nur auf
einzelne Muskelgruppen oder auf eine Körperhälfte beschränkt und
massig, bald allgemein verbreitet und sehr stürmisch, meistens aber mit
völliger Bewusstlosigkeit verbunden. Refiectorische Pupillenstarre fehlt
selten; auch sah ich die Pupillen während des Anfalls sich abwechselnd
erweitern und verengern. Nicht selten bleiben Sinnesstörungen, Taub-
heit, besonders aber Amblyopie und Amaurose zurück, welche je-
doch nicht nachhaltig zu sein, vielmehr nach einigen Stunden oder
Tagen wieder zu verschwinden pflegen. Weit seltener geht Amblyopie
dem urämischen Zustande voraus, oder die Convulsionen bleiben auch
wohl ganz aus, wie im ersten der folgenden Fälle:
Nephritis. 609
8jähriges Mädchen mit Nephritis scarlatinosa ohne Oedem. In der zweiten
Woche bei stark vermindertem und durch harnsaure Salze getrübtem Urin plötzlich
Somnolenz, leichte Benommenheit, Kopfschmerz, Erbrechen und Amblyopie, ohne
Fieber. Behandlung mit Eisblase , Schröpfköpfen und Abführmitteln. Am nächsten
Tage nur noch Amblyopie, die nach 24 Stunden ebenfalls verschwunden ist.
Paul R. , 9 Jahre alt, aufgenommen am 6. Juni mit Nephritis scarlatinosa,
zeigte mehrere Tage lang einen unregelmässigen und langsamen Puls (bis auf
52 Schläge sinkend) bei normaler Temperatur. Am Morgen des 18. Erbrechen und
plötzlich epileptiforme Convulsionen, welche sich innerhalb 5 Stunden 7 Mal
wiederholten. Der erste Anfall betraf nur die rechte Gesichtshälfte und den rechten
Arm. Unmittelbar nach demselben vollständige Amaurose, welche bald wieder
verging, so dass Patient die umstehenden Personen erkannte, aber nach dem zweiten,
die ganze Körpermusculatur ergreifenden Anfall von neuem eintrat. Nach dem dritten
Anfall erkannte Patient wieder den Schimmer der Sonne, und Nachmittags war das
Sehvermögen ganz normal geworden. Gegen 5 ühr trotz Chloroformirung wiederholte
epileptiforme Anfälle, Delirien, Tod im Collaps. — Section ergab neben reichlichem
Hydrops des Bindegewebes und aller Höhlen Oedema cerebri, Nephritis parenchy-
matosa, massige Hypertrophie und Dilatation des Herzens, besonders des linken Ven-
trikels.
Conrad R., 8jährig. Nephritis scarlatinosa mit starkem Anasarca. In der
Nacht vom 13. zum 14. December wiederholtes spontanes Erbrechen, am 13. Mittags
grosse Indolenz, Kopfschmerz und sehr undeutliches Sehen, so dass Pat. seine
Umgebung kaum noch erkannte. P. 96 — 100, klein. Noch während einer topischen
Blutentleerung erfolgten heftige Convulsionen und Sopor. Nach zwei Stunden
unter dem Gebrauch kalter Umschläge Wiederkehr des Bewusstseins, am nächsten
Tage Sensorium frei. Sehvermögen völlig normal, P. voller , 68 und unregelmässig.
Später Tod an Pleuritis und Peritonitis, ohne Wiederkehr der urämischen
Symptome.
Ernst IC, 12jährig. In der 3. Woche nach Scharlach Nephritis. Im Anfang
der 4. (4. Januar) nach vorausgegangenem Erbrechen Urämie. Innerhalb 12 Stun-
den wohl 12 epileptiforme Anfälle, theils partiell im Gesicht, theils halbseitig,
theils allgemein verbreitet. Behandlung mit Blutegeln, Eiskappe, Purgantien.
Am 5. Sensorium vollkommen frei, aber fast vollständige Amaurose. Nur ein
Lichtschimmer ist noch sichtbar, sonst nichts. Am 6. Urin reichlich, nicht mehr
albuminös. Sehvermögen seit dem Morgen wieder hergestellt.
Wodurch die Störung des Sehvermögens bedingt wird, ist uns ebenso
unbekannt, wie die Ursache der „Urämie" überhaupt. Noch immer ist
der Streit darüber nicht geschlichtet, ob eine Retention von Harnbestand-
theilen, oder ein durch verstärkten Druck vom linken Ventrikel her sich
bildendes Oedema cerebri mit Anämie dieses Organs die gefährlichen
Hirnsymptome veranlasst1). Wenn auch der erste der eben mitgetheilten
Fälle und noch einige andere bei der Autopsie Oedem des Gehirns er-
') Vergl. Rosenstein, Die Pathol. und Ther. der Nierenkrankh. 3. Aufl.
Berlin, 1886. S. 241.
Henoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiteu. 7. Aufl. 39
610 Krankheiten der uropoetischen Organe.
gaben, so möchte ich doch darauf keinen besonderen Werth legen, weil
dieser Befund mitunter auch da constatirt wurde, wo im Leben keine
„urämischen" Erscheinungen stattgefunden hatten. Deshalb hat auch
die Vermuthung v. Gräfe 's, dass die Amaurose durch mehr oder minder
flüchtige Oedeme bestimmter Hirntheile bedingt würde, keinen sicheren
Boden. Die Reaction der Pupillen gegen das Licht war in meinem
letzten Falle normal, ob auch in den beiden anderen (letalen), kann ich
nicht angeben. Ophthalmoscopisch wurden diese Fälle nicht untersucht1).
Auch andere Störungen des Nervensystems, Aphasie und Hemiplegie
bleiben zuweilen nach der Heilung der Urämie zurück. Bei einem
dreijährigen Knaben, welcher im Februar Scharlachnephritis mit
urämischen Anfällen überstanden hatte, war nach 24 stündigen Convul-
sionen vollständige Paralyse der linken Körperhälfte und des linken
Facialis eingetreten, welche noch Ende April nicht ganz verschwunden
war. Aehnliche Fälle kamen mir wiederholt vor, entbehren jedoch des
Sectionsbefundes, während hie und da die Residuen hämorrhagischer
Herde im Gehirn, in noch anderen Fällen aber gar nichts Abnormes
gefunden wurde2). Auch Ataxie, epileptiforme Zufälle und geistige
Schwäche wurden hin und wieder als Residuen beobachtet3); doch fehlt
uns bis jetzt die Kenntniss der anatomischen Veränderungen, welche
diesen Symptomen zu Grunde liegen. In drei Fällen kam es zu wirk-
lichen psychischen Störungen:
Bei einem 6jährigen Knaben mit Nephritis scarlatinosa stellten sich im un-
mittelbaren Anschluss an vorausgegangene, mehrere Stunden anhaltende urämische
Convulsionen Verwirrungs- und Erregungszustände von 1 — 2 tägiger Dauer ein, Be-
nommenheit, heitere Delirien, unmotivirtes Lachen, starrer, meist nach links gewen-
deter Blick, leichte Zuckungen der Mundwinkel. Nach dem zweiten Anfall völlige
Reconvalescenz.
Ein 7j ähriges Mädchen blieb nach dem ersten, 3—4 Stunden dauernden
urämischen Krampfanfall sofort verwirrt, delirirte, hatte Hallucinationen des Ge-
sichts und Gehörs, zeigte lebhaften Stimmungswechsel, aber vorwiegend dumpfes
Hinbrüten mit starrem Blick. Die Psychose blieb auch nach der Heilung der Ne-
phritis zurück, so dass das Kind wegen zunehmenderUnruhe undJactation der Irren-
Abtheilung übergeben wurde. Heilung ohne eingreifende Behandlung. Dauer der
Psychose ungefähr 6—7 Wochen.
') Mitunter soll Oedem der Sehnervenpapille stattgefunden haben, in anderen
Fällen, z. B. in einem von Seiberg und v. Graefe beobachteten, durchaus keine
Abnormität bemerkt worden sein (Hirsch und Virchow, Jahresber. f. 1867. II.
S. 170,
2) Jaekel, Beitr. zum Symptomencomplex d. Urämie. Dissert. Berlin, 1884.
3) Hajek, Archiv f. Kinderheilk. 10. u. 11. Heft 1880.
Nephritis. 611
Anna T., 8jährig aus gesunder Familie, hat Anfangs Mai Scharlach durch-
gemacht, danach Nephritis und am 18. urämische Krämpfe bekommen, welche
beinahe 24 Stunden dauerten. Am 26. Aufnahme in die Klinik. Sie ist soporös,
cyanotisch, fast ohnePuls, kühl, schreit aber unaufhörlich, macht Kaubewegungen,
beisst um sich, blickt wild umher. Dabei Anurie, so dass der Catheter ap-
plicirt werden muss. Entleerung von 300,0 eiweisshaltigen Urins. Nach einem
warmen Bade und Campherinjectionen erholte sie sich; Puls deutlicher, 64,
unregelmässig. T. 36,5. Besserung unter fortgesetzten Bädern mit kalten Affusionen.
Nun treten aber die psychischen Symptome mehr in den Vordergrund; grosse Apathie
mit Aufregung abwechselnd, Geschrei, Herausstrecken der Zunge, unwillkürliche Urin-
entleerung, starrer Blick, der nichts fixirt, bei normalem Augenspiegelbefund, nor-
maler Sensibilität und Reflexen, völlige Aphasie. Erst am 31. tritt mehr Ruhe ein;
sie giebt auf Befehl die rechte Hand, und am 1. Juni zeigt sich, dass der linke
Arm pareti seh und das Sehvermögen des linken Auges etwas beeinträchtigt ist.
Am 3. Juni spricht sie zum ersten Mal das Wort „Mutter" , scheint auch alles zu
verstehen, was man ihr sagt. Den 6. kann sie schon allein essen, den 9. Besserung
der Parese und des linksseitigen Sehens, Sprache deutlich, aber noch auf wenige
Worte (Adieu, Vater, Nacht) beschränkt. Den 12. im Urin kein Eiweiss mehr nach-
weisbar. Den 14. kann sie allein gehen und stehen, verwechselt noch die Personen.
Am 18. und 19. zeigt sich eine leichte Paralyse des linken Facialis, die sich dann
wieder verliert. Der geistige Zustand ist noch immer ein anomaler, der acuten
Dementia nahestehender, kindisches Benehmen, unmotivirtes Lachen und Singen, Ge-
dächtnisssschwäche. Die Parese des linken Arms besteht in geringem Grade fort. Ent-
lassung aus der Klinik am 3. August. Bei der Wiedervorführung am 28. ist sie
nur noch gedächtnisschwach und der linke Arm noch etwas schwach. Sonst alles normal.
Jedenfalls steht fest, dass die „Urämie" bei acuter Nephritis auch
trotz der hinzutretenden amaurotischen, paralytischen oder psychischen
Erscheinungen heilbar ist, und ich kann als das Resultat eigener und
fremder Beobachtung hinzufügen, dass gerade in der scarlatinösen Form
die urämischen Symptome eine günstigere Prognose als sonst gestatten.
Ich beobachtete sogar nicht selten, dass, sobald nur die Urämie glück-
lich überwunden war, die Nephritis überhaupt rascher heilte, als
es sonst zu geschehen pflegt. Freilich geschieht dies nur in einem
Theil der Fälle, während ein anderer Theil letal endet, oder nach dem
Verschwinden der urämischen Symptome fortbesteht. —
Aus der Schilderung der Nephritis scarlatinosa könnten Sie nun
schliessen, dass nichts leichter sei, als die Diagnose dieser Krankheit,
und in der That werden das vorausgegangene Scharlachfieber, die che-
mische und microscopische Beschaffenheit des Urins selbst dann, wenn
die Wassersucht vollständig fehlen sollte, keinen diagnostischen Zweifel
aufkommen lassen. Aber auch hier, wie überall in der Medicin gilt
der Satz: „Keine Regel ohne Ausnahme". Es giebt unzweifelhafte Fälle,
in welchen trotz wiederholter Untersuchung des Urins (wenigstens
39*
G12 Krankheiten der uropoetischen Organe.
mit den in der Praxis gewöhnlich benutzten Methoden) weder Eiweiss,
noch microscopische Elemente der Nephritis in demselben nachzu-
weisen sind. Das Auffinden der letzteren kann zwar durch starke harn-
saure Sedimente, welche auf dem Filtrum zurückbleiben, erschwert wer-
den, doch besteht für mich kein Zweifel, dass sie, ebenso wie das
Albumen, zeitweise ganz fehlen können und bisweilen erst in den
letzten Lebenstagen, zumal beim Eintreten urämischer Symptome,
plötzlich gefunden werden. Und doch ergiebt dann die Section alle
Zeichen einer diffusen, stark entwickelten Nephritis. Ich verfüge jetzt
mindestens über ein halbes Dutzend solcher Fälle, in welchen die Albumin-
urie entweder durchweg oder wenigstens mehrere Tage lang vermisst
wurde. Allerdings bediente ich mich fast immer nur der allgemein
üblichen Untersuchungsmethode (Kochen mit Zusatz von Essig- oder
Salpetersäure), und man könnte daher einwenden, dass eine feinere
Methode doch wohl minimale Mengen von Eiweiss nachgewiesen haben
würde. Aber selbst dann bliebe es immer unerklärlich, weshalb bei aus-
gebildeter Nephritis doch nur so kleine Spuren von Eiweiss, dass man
sie mit der gewöhnlichen Methode nicht nachweisen kann, im Urin auf-
zufinden sind. Der völlige Mangel der Albuminurie ist übrigens auch
von Litten bei der amyloiden Nierendegeneration Erwachsener1) und in
einem Falle von hämorrhagischer Scharlachnephritis beobachtet worden,
und Sie ersehen daraus, dass gerade das wichtigste diagnostische Kriterium
der Krankheit uns gänzlich im Stich lassen kann. Der von Litten
beobachtete Fall2) ist durch die Genauigkeit der Untersuchung im Leben
und nach dem Tode von besonderer Wichtigkeit:
Ida K., 21 Jahre alt, in die Universitäts-Klinik aufgenommen am 24. Mai 1879.
Vor 4 Tagen mit Fieber und Angina erkrankt. Seit gestern Scharlachexanthem über
den ganzen Körper verbreitet. T. 39,3, Ab. 39,7. Verlauf ziemlich regelmässig, nur
wurde das Fieber durch Bronchialcatarrh und leichte Pleuritis über die Norm hinaus
unterhalten. Eiweiss im Urin nie gefunden. Am 5. Juni zuerst Oedem des Ge-
sichts ohne Albuminurie. Gleichzeitig wieder gesteigerte Pharyngitis mit schwachen
Belägen und Fieber (39 "j. In den nächsten Tagen pericardiales Reiben, wiederholtes
Erbrechen, submaxillare Phlegmone. P. 50, R. 60—70. In der Nacht vom 11. zum
12. plötzlicher Tod.
Der täglich untersuchte Urin war stets frei von Eiweiss, enthielt aber hin
und wieder vereinzelte hyaline Cylinder; nur in der Nacht, in welcher die Kranke
starb, war Blut in demselben. Urinmenge dauernd normal, niemals verringert;
spec. Gew. 1012—1015. — Die Section ergab trotzdem eine intensive Nephritis
haemorrhagica. Beide Nieren 17 Ctm. lang, 9 Ctm breit, fast 5 Ctm. dick (enorm
') Berliner klin. Wochenschr. 1878. No. 22, 23.
2) Litten, Charite-Annalen. Jahrg. VII. S. 162.
Nephritis. 613
gross), ihr Gewebe von fast breiig fluctuirender Consistenz. Schon an der Oberfläche
sehr zahlreiche punktförmige Hämorrhagien. Rindensubstanz sehr breit und trübe.
Hämorrhagien auch in enormer Zahl im Nierengewebe, und zwar sowohl in den Inter-
stitien, wie in den Harrkanälchen (letztere wahrscheinlich erst kurz vor dem Tode
eingetreten), daneben vereinzelte circumscripte Entzündungsherde, besonders dicht
unter der Kapsel und um die Glomeruli herum, kernlose Zellen in einer Anzahl ge-
wundener Harnkanälchen, und starke Epithelabstossung innerhalb der Bowman'schen
Kapseln.
Litten fügt hinzu: „Es bestand somit eine sehr schwere Form der
hämorrhagischen Nephritis, ohne dass sich dieselbe intra vitam durch
irgend ein Symptom (Albuminurie, Verminderung der Harnsecretion
u. s. w.) verrathen hätte." Nur das Oedem des Gesichts und die spär-
lich auftretenden hyalinen Cylinder im Urin konnten Verdacht erregen.
Dass im Verlauf der Nephritis scarlatinosa Schwankungen des
Eiweissgehaltes vorkommen, dass heute mehr, morgen weniger Albumen
im Urin gefunden wird, dass ferner öfters, wenn man den Fall für ge-
heilt ansieht, plötzlich wieder Albumen und Blut mit oder ohne Fieber
im Urin auftreten, auch wieder Nachschübe des Oedems sich einstellen
können, wurde bereits erwähnt. Fast niemals ist man im Stande, eine
bestimmte Ursache für diese Schwankungen aufzufinden, doch beobachtete
ich oft, dass, wenn der Urin nur noch sehr wenig oder gar kein Eiweiss
mehr enthielt, nach heftigem Schreien und Toben, sowie nach starken
Körperbewegungen (Laufen, Springen) der Kinder jedesmal eine Zu-
nahme desselben, wahrscheinlich unter dem Einfluss einer vermehrten
Blutfülle der Nieren eintrat. Unerklärlich bleiben aber Fälle, wie der
Litten'sche und die folgenden, in denen wenigstens mehrere Tage hin-
durch absolut kein Albumen im Urin nachgewiesen werden konnte:
Otto S., 1 2 jährig-, aufgenommen am 22. Juli mit Oedema faciei et scroti nach
Scharlach. Kein Fieber. Urin sparsam, stark sauer, sedimentirend, enthielt
weder Eiweiss, noch nephritische Elemente, vielmehr nur amorphe harn-
saure Sedimente, welche sich beim Kochen auflösten. Auch an den beiden folgen-
den Tagen dasselbe negative Untersuchungsresultat. In der Nacht vom 24. zum
25. urämische Anfälle, am Morgen Cyanose, Sinken des Pulses, völlige Bewusst-
losigkeit. Der mühsam mit dem Katheter entleerte Urin enthielt nun Massen von
Eiweiss und zahlreiche, mit vielen Körnchen besetzte Cylinder. Tod am 27.
Section: Exquisite Nephritis, Fettleber, Oedema pulmonum, Broncho-
pneumonie.
Paul Sp., 4jährig, aufgenommen am 8. März. Nach Angabe der Mutter vor
2 Monaten Scharlach, darauf Nephritis mit leichtem Oedem der Augenlider, später
noch Purpura Simplex. Colorit wachsbleich, Haut welk, nirgends Oedem, Schleim-
häute sehr anämisch. Auf der Haut des Thorax eine Anzahl kleiner Purpuraflecke.
Stürmische Herzaction, P. 136, Herz und Lungen ohne physikalische Abnormität.
614 Krankheiten der uropoetischen Organe.
Massige Diarrhoe. Der nur in geringer Menge entleerte Urin ist War, strohgelb,
ohne Spur von Eiweiss. Während der drei folgenden Tage lebhaftes Fieber
(zwischen 39,2 und 40,2 schwankend), R. 36—40, P. 128—136, leichte Delirien,
bisweilen Erbrechen, einzelne neue Purpuraflecke im Gesicht, Urin trübe durch reich-
liche harnsaure Salze, ohne Spur von Eiweiss. Cylinder und andere Formele-
mente nicht deutlich nachweisbar. Tod am 11.
Section: Doppelseitige Nephritis haemorrhagica. Nieren stark vergrössert,
schlaff und fast breiartig weich. Oberfläche durchsetzt von dicht aneinanderliegenden
punktförmigen und linsengrossen dunklen Hämorrhagien. Auf dem Durchschnitt er-
scheint die peripherische Zone der breiten Corticalis durch zahllose kleine Hämor-
rhagien fast gleichmässig roth. Dieselbe Beschaffenheit zeigen die Columnae Bertini,
während das zwischen beiden Zonen liegende Rindengewebe gelblich-grau und durch-
scheinend ist. Die geraden Harnkanälchen mit Harnsäure gefüllt. Leber fettig ent-
artet. Chronischer Darmcatarrh.
Während hier die Albuminurie bis zum Tode fehlte, stellte sie sich
im ersten Fall erst mit dem Eintritt der urämischen Erscheinungen ein,
nachdem 3 Tage lang, und wie ich später erfuhr, auch schon vor der
Aufnahme des Knaben in die Klinik der Urin ohne positives Resultat
untersucht worden war. Und doch bewies hier der microscopische Befund
in den letzten Tagen, sowie die Section, dass die Nephritis schon längere
Zeit bestehen musste. Auch bei einem 4 1/2 jährigen Knaben war der
Urin bis zum Eintritt der urämischen Symptome eiweissfrei; erst dann
zeigte sich reichliche Albuminurie, welche 19 Tage anhielt und dann
verschwand. Diese zur Zeit unerklärbaren Fälle sind wohl geeignet, uns
in der Annahme eines Hydrops scarlatinosus ohneNierenaffection
vorsichtig zu machen. Nicht nur einzelne Fälle, sondern ganze Epi-
demien dieser Art wurden beschrieben1). Schon Legendre meinte, dass
in solchen Fällen der frühere Eiweissgehalt des Urins zur Zeit der Un-
tersuchung bereits verschwunden sein könne. Mir selbst kamen öfters
Oedeme und selbst Ascites nach Scharlach vor, bei welchen der wieder-
holt, einmal sogar eine ganze Woche lang zweimal täglich untersuchte
Urin vollständig eiweissfrei war. Einerseits aber wurde die microscopische
Untersuchung in diesen Fällen nicht mit der genügenden Consequenz
fortgeführt, andererseits nahmen dieselben sämmtlich einen glücklichen
Ausgang, und in dem einzigen letalen Falle wurde die Section verweigert.
Ueberdies kommen hier und da Oedeme nach einem schweren, sich
wochenlang hinschleppenden Scharlachfieber vor, welche mit den Nieren
überhaupt nichts zu thun haben, sondern nur als Folge von Schwäche
') Quincke (Berl. klin. Wochenschr. 1882. No. 27) beschreibt 3 Fälle „ein-
facher" Scharlaehswassersucht, welche 3 Geschwister betrafen, aber nicht ent-
scheidend sind, weil in zweien derselben der Urin Spuren von Eiweiss enthielt.
Nephritis. 615
und Anämie aufzufassen sind und unter einer tonisirenden Behandlung
bald verschwinden. Endlich können auch bei heftiger scarlatinöser Haut-
entzündung unmittelbar nach dem Erblassen der Röthe leichte
Oedeme des Gesichts und der Füsse als locale Producte der Hautent-
zündung, wie nach Erysipelas, zurückbleiben. Solche Fälle müssen hier
ebenso ausgeschlossen bleiben, wie die Oedeme des Gesichts, welche im
Verlauf des Scharlach durch Phlegmone der Unterkiefergegend oder
durch starke Rhinitis hervorgerufen werden. —
Die Dauer der scarlatinösen Nephritis beträgt auch in den gün-
stigsten Fällen fast immer zwei bis drei Wochen; eine kürzere Dauer
ist selten, wenn es auch nicht an Beispielen fehlt, wo das Eiweiss schon
nach einer Woche aus dem Urin verschwunden ist, oder wo, wie in dem
S. 608 mitgetheilten Fall, der ganze Process innerhalb weniger Tage
unter urämischen Erscheinungen verlief und glücklich endete. Weit häufiger
zieht sich die Krankheit eine Reihe von Wochen hin. So sah ich z. B.
bei einem 12jährigen Mädchen erst nach Ablauf der zehnten Woche
Oedem des Gesichts, Eiweiss und Gylinder im Urin abnehmen, aber erst
mehrere Wochen später vollständig verschwinden; ein 6jähriges Kind
mit hämorrhagischer Nephritis nach Scharlach hatte erst nach 12 Wochen
eiweissfreien Urin, und ein Sjähriges Mädchen, welches im Januar Schar-
lach überstanden hatte, zeigte noch Ende Mai wechselnden Albumengehalt
und am 2. Juni noch Trümmer körniger Cylinder im Urin. Die Gefahr
des Uebergangs in chronische Nephritis ist daher keineswegs aus-
geschlossen, obwohl ich selbst nur wenige Fälle dieser Art genau beob-
achten konnte1). Bei zwei Mädchen von 7 und 9 Jahren wurde noch ein
resp. zwei Jahre nach Ablauf der Krankheit zwar nicht täglich, aber
von Zeit zu Zeit Eiweiss im Harn (ohne Cylinder) gefunden, wobei das
Allgemeinbefinden sonst durchaus ungestört war; bei einem 8jährigen
Kinde, welches sich längere Zeit auf meiner Abtheilung befand, Hess
sich Nephritis chronica mit starkem Oedem und characteristischem Urin
auf die vor einem Jahr überstandene und nach wenigen Monaten rück-
fällig gewordene Nephritis scarlatinosa zurückführen. Eine junge Dame
von 20 Jahren, die vor 9 Jahren Scharlach-Nephritis überstanden und
seitdem nie aufgehört hat, eiweisshaltigen Urin zu entleeren, selbst wenn
sie ruhig im Bette liegt, bot ausser der blassen Gesichtsfarbe keine
krankhaften Erscheinungen dar. Jedenfalls bleibt die Niere nach über-
standener Nephritis scarlatinosa ein »vulnerables» Organ, denn wiederholt
') Vergl. auch einen Fall von Leyden (Nierenschrampfung nach Scharlach-
nephritis) in Deutsche med. Wochenschr. 1887. No, 27.
616 Krankheitender uropoetischen Organe.
habe ich noch Jahre lang nach derselben neue Schübe beobachtet, z. B.
bei einem 10jährigen Mädchen, welches vor 6 Jahren Nephritis scarla-
tinosa überstanden, ein Jahr lang völlig normalen Urin gehabt hatte,
und dann nach einer Erkältung im Seebade ein Recidiv bekam, welches
nunmehr 5 Jahre lang bei völliger Euphorie (abgesehen von grosser
Blässe) bestand; ferner bei einem 12jährigen Knaben, welcher vor
5 Jahren Scharlachnephritis mit Urämie überstanden, dann immer (?)
normalen Urin gehabt haben sollte und nun plötzlich wieder von Ne-
phritis und Urämie befallen wurde, an welcher er zu Grunde ging. —
Die Ansichten über die Behandlung sind getheilt; fast möchte
man sagen, dass jeder Arzt sich seine eigene Methode zurechtgelegt hat,
was immer ein Beweis dafür ist, dass die Naturheilkraft mehr leistet,
als unsere Kunst. Es handelt sich hier besonders um die Frage, 1) ob
wir im Stande sind, die Ausdehnung der Krankheit so in Schranken
zu halten, dass sie heilen kann, ohne die Function der Nieren in
lebensgefährlicher Weise zu beeinträchtigen; 2) ob wir Mittel besitzen,
gewissen bedenklichen Complicationen und Folgezuständen mit Erfolg zu
begegnen.
Zur Erfüllung der ersten Indication haben wir, meiner Ansicht
nach, kein directes Mittel. Völlige Ruhe und Diät sind aber uner-
lässlich.
Sobald Sie Eiweiss, und sei es nur ganz temporär, im Urin finden,
lassen Sie das Kind in's Bett legen, und eine strenge Diät, welche haupt-
sächlich aus Milch und Milchspeisen besteht, beobachten1). Diese
Diät scheint mir auch bei der mehr entwickelten Krankheit dringend
geboten zu sein. Allenfalls gestatte ich noch Bouillon, verbiete aber in
den ersten Wochen Fleischspeisen, welche ich hie und da ausdrücklich
verordnet fand, um die bei hämorrhagischer Nephritis stattfindenden
»Blutverluste möglichst rasch zu ersetzen.« Bedenken Sie wohl, dass
Sie es hier nicht mit einer einfachen Nierenblutung, sondern mit einer
Entzündung zu thun haben, welche durch Fleischdiät gefördert werden
kann. Dauert die Krankheit über zwei Wochen, so kann man weisses
Fleisch und Eier in massiger Menge gestatten. Wein ist im Allgemeinen
nicht rathsam, höchstens Rothwein mit Wasser erlaubt; nur bei vitaler
') Dass die ausschliessliche Milchdiät während der ganzen Scharlacherkrankung
auch prophylaktisch wirksam ist, also das Auftreten der Nephritis verhüten kann,
wie Jaccoud (Gaz des höp. 7. Mai 1885) annimmt, glaube ich nicht. Ebenso wenig
aber kann ich dem Vorwurfe, dass die Milohdiät zu stickstoffreich sei, beistimmen.
Nephritis. 617
Indication, wenn sich drohender Kräfteverfall bemerkbar macht, gebe
man dreist grössere Mengen. Wo nicht Diarrhoe vorhanden ist, eröffne
ich die Cur immer mit einem Purgans (F. 7), und lasse dies zwei bis
drei Tage lang fortnehmen. Wo gleichzeitig Diarrhoe besteht, rathe ich
zunächst exspeetativ zu verfahren, da ich ein paar Mal unter diesen Um-
ständen spontane Heilung eintreten sah. Nur wenn die Diarrhoe copiös
wird und schwächend wirkt, suche man sie durch die früher (S. 509)
angegebenen Mittel zu beschränken. Als Diureticum ist nur Kali aceti-
cum (F. 41) zu empfehlen, welches bei schwächlichen und anämischen
Kindern mit einem Decoct. Ohinae (F. 42) verbunden werden kann.
Dabei lasse ich Wildunger oder Biliner Wasser zu 3 — 4 Wein-
gläsern täglich trinken, um die Förtschwemmung der in den Nieren-
kanälchen angehäuften Formelemente zu erleichtern. Von diesen Mitteln
habe ich nie einen ungünstigen Einfluss auf die Nieren beobachtet, sobald
nur die Dosis des Kalisalzes nicht zu hoch gegriffen wird. Dasselbe gilt
von der Digitalis, welche ich allein oder in Verbindung mit Kali
aceticum (F. 22) sowohl in fieberhaften, wie in fieberlosen Fällen in
Gebrauch zog1).
Zur Application von 6—10 trocknen oder gar blutigen Schröpf-
köpfen auf die Nierengegend sah ich mich verhältnissmässig selten
veranlasst, nämlich nur dann, wenn die Urinentleerung äusserst sparsam
oder gar Anurie vorhanden war, stärkeres Fieber sich entwickelt
hatte, oder, was sehr selten ist, Schmerz in der Nierengegend empfun-
den wurde. Für solche Fälle empfahl man früher (Heim, Romberg)
als bestes „Diureticum" den Aderlass (von etwa einem Tassenkopf
Blut), und ich selbst erinnere mich aus der Zeit, in welcher ich Assi-
stent in der Klinik des Letzteren war, einzelner zumal mit Entzündun-
gen innerer Organe complicirter Fälle, in welchen diese Methode einen
überraschenden Erfolg zu haben schien. Vielleicht hätte ich manches
Kind gerettet, wäre ich nicht, wohl angesteckt von der Blutscheu unserer
Zeit, seit mehr als 20 Jahren ganz von dieser Methode zurückgekom-
men. Aber die meisten schweren Fälle sind wegen der bedeutenden
Anämie nicht dazu angethan, allgemeine Blutentleerungen zu indiciren,
und ich würde daher rathen, sich unter den eben erwähnten Umständen
auf den Versuch mit trocknen, bei sehr kräftigen Kindern allenfalls mit
') Ueber das in neuester Zeit mehrfach gerühmte Diuretin s. Theobroininum,
von Demme zu 0,5 bis 3,0 pro die je nach dem Alter empfohlen, habe ich keine
Erfahrung.
618 Krankheiten der uropoetischen Organe.
blutigen Schröpfköpfen zu beschränken. Ganz unbestreitbare Erfolge
habe ich indess, um offen zu sein, von diesen Applicationen niemals
beobachtet.
Einer grossen Beliebtheit erfreuen sich bei sehr vielen Aerzten
warme Bäder von mindestens 28° bis 30° R. und darauf folgende Ein-
wickelungen in wollene Decken. Auch ich habe sie sehr häufig an-
gewendet und muss ihnen, wenn sie in der That den beabsichtigten
starken Schweiss erregen, eine entschieden günstige Wirkung zu-
erkennen. Bei starkem Oedem bleibt indessen die Diaphorese gewöhn-
lich aus, oder ist wenigstens ungenügend, und selbst da, wo Hydrops
fehlte oder unbedeutend war, blieb doch eine ganze Reihe solcher Bäder
nicht selten wirkungslos. Bei Nephritis haemorrhagica beobachtete ich
sogar nach jedem Bade eine Zunahme des Blutes im Urin, so dass
ich die Bäder aussetzen und mich auf die Verordnung von warmem
Lindenblüthenthee beschränken musste. Ich möchte die Bäder daher
nur als einen Versuch betrachten, dessen Erfolg man abwarten muss,
den man aber auch in complicirten Fällen nicht scheuen sollte. Nach
meinen Erfahrungen sollte wenigstens die Complication mit Pneumonie
keine Contraindication gegen die Schwitzbäder abgeben, da ich mehrere
Fälle dieser Art gerade unter dem fortgesetzten Gebrauche derselben
heilen sah1). Minder empfehlenswerth sind hydropathische Ein-
packungen, von denen ich mehr und mehr zurückgekommen bin. Was
endlich die gerühmten subcutanen Einspritzungen von Pilocarpinum
muriaticum betrifft, so kann ich in das Lob derselben nicht ein-
stimmen. Um reichliche Schweisssecretionen zu erzielen, mussten wir die
Dosis bisweilen von 0,01 auf 0,02 erhöhen und beobachteten dann fast
immer, mitunter schon bei 0,01, wiederholtes Erbrechen, ein paar Mal
auch drohende Collapssymptome, wenn auch zuvor ein Löffel starken
Weins verabreicht war. Wiederholt war ich genöthigt von diesem Ver-
fahren, welches eine gefährliche Depression der Herzenergie in Aussicht
stellte, abzusehen. In einigen Fällen aber, wo die Einspritzungen
ohne Gefahr eine Woche und länger fortgesetzt werden konnten und
immer reichliche Diaphorese, meistens aber nur geringen Speichelfluss be-
wirkten, sah ich zwar den Hydrops sich schnell vermindern und die
Menge des Urins zunehmen, den Eiweissgehalt desselben aber nahezu
unverändert bleiben. Eine Abkürzung des Verlaufs im Ganzen glaube
ich daher durch das Pilocarpin nie erzielt zu haben, höchstens Zunahme
der Urinsecretion und rascheres Schwinden des Hydrops, womit man ja
') S. meine Arbeit über „Nephritis" in den Charite-Aniialen. XII. S. 651 .
Nephritis. 619
auch schon zufrieden sein kann, sobald nur nicht die erwähnten ungün-
stigen Nebenwirkungen auftreten, Im Allgemeinen gebe ich den Schwitz-
bädern unbedingt den Vorzug vor dem Pilocarpin.
Die bisher empfohlenen Mittel müssen mindestens 14 Tage lang
beharrlich fortgebraucht werden, und erst dann rathe ich, wenn die
Heilung nicht fortschreiten will, einen Versuch mit Adstringentien zu
machen. Ich pflege zunächst Acidum tannicum anzuwenden, und gebe
nur dann dem Ergotin den Vorzug, wenn der Urin einen stärkeren
Blutgehalt zeigt. Beide Mittel schienen mir die Wasserausscheidung aus
den Nieren keineswegs zu beschränken, eher zu fördern (F. 44 und 45).
Bleibt ein 7 — lOtägiger Gebrauch erfolglos, so gehe ich zum Liquor
ferri sesquichlorati über (F. 45), welcher besonders in der hämor-
rhagischen Form passt, aber auch zur Beseitigung der nach der Heilung
zurückbleibenden Anämie, wie jedes andere Eisenpräparat, empfohlen
werden kann. Auf eine sichere, und besonders rasche Wirkung
darf man aber bei allen diesen Mitteln nicht rechnen. Oft
genug vergingen trotz der beharrlichsten Anwendung derselben Wochen
und Monate bis zur Heilung.
Entzündliche Complicationen werden ihrer Natur nach behandelt.
Kommt es zu urämischen Erscheinungen, so entscheidet für mich der
Allgemeinzustand des Patienten die Behandlung, und zwar um so
mehr, als wir gegen diesen seinem Wesen nach uns ganz unbekannten
Zustand kein Specificum besitzen. Blutige Schröpfköpfe im Nacken,
5 bis 6 Blutegel hinter den Ohren oder an den Schläfen, deren Bisse
man nicht nachbluten lässt, ein Eisbeutel auf dem Kopf, dabei ein
starkes Purgans aus Inf. sennae comp, mit Syr. spin. cervin. (F. 7), und
wenn es ausgebrochen wurde, Klystiere von gleichen Theilen Essig und
Wasser, leisteten mir wiederholt vortreffliche Dienste, aber nur bei
kräftigen Kindern mit gespanntem hartem Pulse, die zum Theil
dunkelrothe Gesichtsfarbe und injicirte Conjunctiva zeigten. Ich kann
versichern, unter diesen Verhältnissen überraschende Resultate von dieser
Behandlung erlebt zu haben. Will man bei grosser Intensität und Dauer
der urämischen Convulsionen noch Chloroformeinathmungen, wie bei an-
deren epileptiformen Krämpfen, versuchen (S. 151), so lässt sich dagegen
nichts einwenden. Sind aber die urämischen Symptome mit Erschei-
nungen des Collapses, der Herzschwäche verbunden, d h. also mit
einem kleinen oder ganz weichen, schnellen, oder gar unregelmässigen
Pulse, kühlen Extremitäten, Blässe, Cyanose und Verfall der Gesichts-
züge, so ist jede Antiphlogose zu verwerfen, und Anwendung von Reiz-
mitteln, besonders reichliches Einflössen von Wein, subcutane Ein-
620 Kraukheiteu der uropoetischen Organe
spritzung von Campher (28—30° R.) mit nachfolgender Einwickelung in
wollene Decken zu empfehlen. Seit der Anpreisung des Pilocarpins
gegen Urämie durch Preetorius '), dessen Erfolge indess nicht sehr
ermüthigend sind, habe auch ich dasselbe wiederholt angewendet. In
3 Fällen (Pilocarpin 0,0.05 bis 0,01 bis 4 mal täglich injicirt) sah ich
zwar unter reichlicher Diaphorese, die in einem dieser Fälle erst nach
der Einspritzung von 0,07 Pilocarpin eintrat, Heilung erfolgen, die Mehr-
zahl aber ging bei dieser Behandlung, die fast immer Erbrechen be-
wirkte, zu Grunde; ich habe daher keine Ursache, dieser Methode das
Wort zu reden, die wegen ihres collabirenden Einflusses immer Bedenken
erregen muss. —
Die Nephritis tritt, wie ich schon bemerkte, fast immer als Nach-
krankheit des Scharlach auf, wenigstens in ihrer klinischen Erschei-
nung. Wenn auch bei Sectionen von Scharlachkranken, welche in der
ersten oder zweiten Woche der Krankheit unter malignen Symptomen zu
Grunde gingen, meistens trübe Schwellung der Nierenrinde oder selbst
höhere Grade von Nephritis gefunden werden, so verschwinden doch die
Symptome in dem allgemeinen furchtbaren Krankheitsbilde. Nur die
Untersuchung des Urins kann in solchen Fällen Aufschluss geben. So
fand ich bei mehreren Kindern von 6 bis 9 Jahren schon am 4. oder
5. Tage des mit „diphtherischer" Pharyngitis und typhösen Symptomen
einhergehenden Scharlach trüben, sehr sparsamen, reichlich Eiweiss und
Lymphkörperehen enthaltenden Urin und nach dem Tode intensive Ne-
phritis. Bei einem 11jährigen Mädchen entwickelte sich sogar schon am
5. Tage der Scarlatina gleichzeitig mit Bronchopneumonie starkes Oedem
und rasch zunehmender Ascites mit reichlich albuminösem Urin, wodurch
im Beginn der 2. Woche der Tod herbeigeführt wurde. In schweren
Fällen kommt es bisweilen schon in den ersten Tagen zu einer 12- bis
24stündigen Anurie, welche mit der sparsamen Entleerung eines stark
bluthaltigen Urins abschliesst. Unter diesen Umständen handelt es sich
wohl um eine von vorn herein sich geltend machende starke Nieren-
reizung durch das scarlatinöse Virus, nicht bloss um eine Exacerbation
jener „trüben Schwellung", welche im Gefolge hoher Fiebertemperaturen
auftritt (S. 595), meistens aber sich wieder zurückbildet und keineswegs
die Befürchtung, dass es zu einer nephritischen Nachkrankheit kommen
muss, rechtfertigt. Denn in vielen Fällen von Scharlach, welche im
Blüthestadium sehr hohe Temperaturen und ein paar Tage lang Albumin-
urie darboten, sah ich die Reconvalescenz ganz ungestört verlaufen.
') Jahrb. f. Kinderheilk. XV". 1880. S. 375. — Damm), Ibid. XVl. S. 369.
Nephritis. 621
In schweren Fällen, die von Anfang an mit Symptomen grosser
Herzschwäche auftreten, kann die Albuminurie auch auf eine Stauung
in den Nierenvenen zurückgeführt werden.
Paul P., 7 jährig, wurde am 24. Januar von Scharlach befallen. Schon am
26. war der Puls (140 Schi.) sehr klein, am folgenden Tage ungleich und
kaum fühlbar; Hände und Füsse kühl, Scharlachausschlag und Mundschleimhaut
cyanotisch. Urin sparsam, dunkel und albuminös. Durch excitirende Mittel
(Wein, Moschus) war der Puls schon am 28. wieder deutlicher fühlbar und gleich-
massiger, das Exanthem mehr hellroth geworden, am 29. der Puls gehoben, 120,
Ausschlag wieder von normaler Röthe, Urin reichlich und ohne Eiweiss. Die
Albuminurie könnte also, wie die Cyanose des Exanthems und der Mundschleimhaut,
als das Resultat einer venösen Stauung in den Nieren betrachtet werden, denn
alle diese Erscheinungen verschwanden gleichzeitig, als sich die normalen Circula-
tionsverhältnisse wieder herstellten. —
Die acute Nephritis ist im Kindesalter so überwiegend häufig eine
Folge der Scarlatina, dass Sie in allen Fällen zuerst an diese Krank-
heit denken müssen, mögen auch die Angehörigen sie in Abrede stellen.
Oft genug werden leichte Fälle von Scharlach mit geringer und flüch-
tiger Hautröthe ganz übersehen, und erst später, wenn sich Nephritis
ausbildet, erinnern sich die Eltern auf Befragen des Arztes, dass das
Kind vor 2 — 3 Wochen einige Tage gefiebert, über den Hals geklagt,
auch wohl „rothe Flecke" oder „etwas Friesel" gehabt habe. In diesen
Fällen geben uns die Reste der Desquamation, besonders an den
Füssen und Händen, oft noch den Beweis, dass es sich in der That um
Scharlach gehandelt hat.
Indess ist das letztere keineswegs die einzige Ursache der kind-
lichen Nephritis. Nächst ihm spielt die Diphtherie eine wichtige Rolle,
welche oft schon während ihrer Dauer, seltener in der Reconvalescenz,
nephritische Symptome hervorruft, deren Schilderung ich mir für später,
wenn von der Diphtherie die Rede sein wird, vorbehalte. Seltener
kommen die Masern als Ursache von Nephritis in Betracht. Mag auch
die trühe Schwellung, wie bei allen intensiven Infectionskrankheiten,
auch bei den Sectionen von Masernkranken vorkommen (Reimer fand
sie unter 51 Fällen 12 Mal), so gehört doch ihre klinische Mani-
festation im Verlauf oder als Nachkrankheit der Morbillen zu den Selten-
heiten1). Ich selbst konnte nur wenige Fälle sicher constatiren, die ich
vom Beginn der Masern an beobachtet hatte; einige andere sind mir
nicht zuverlässig, weil ich mich dabei auf die Aussagen der Angehörigen
') Kassowitz, Oesterr. Jahrb. f. Pädiat. 1874. I. 80.
622 Krankheiten der uropoetischen Organe.
verlassen musste, welche nicht selten Masern und Scharlach mit einander
verwechseln. Dass aber Nephritis, sogar hämorrhagische, schon in den
ersten Tagen der Masern auftreten kann, ist durch die Beobachtungen
von Malmsten bewiesen').
Dass auch die Varicellen Nephritis in ihrem Gefolge haben können,
war bis zur Veröffentlichung meiner Beobachtungen2) unbekannt. Ich
habe 6 Fälle beobachtet, in welchen 8 — 14 Tage nach dem Ausbruche
der Windpocken, der in der Regel reichlich und fieberhaft war, Oedeme
und nephritischer Harn auftraten. In fast allen Fällen erfolgte unter
diaphoretischer Behandlung (Schwitzbäder) mit gleichzeitiger Anregung
der Diurese durch Biliner Wasser oder Kali acet. binnen wenigen Wochen
Heilung; nur ein Fall verlief letal, und die Section ergab neben frischer
Nephritis leichte fettige Degeneration der Leber, Lungenödem, massige
Hypertrophie und Dilatation des linken Ventrikels. Bald nach der
ersten Publication dieser Thatsachen erhielt ich durch Herrn Dr.
Claussen in Itzehoe einen Bericht über 3 von ihm beobachtete Fälle
von Nephritis nach Varicellen, welche mit den meinigen durchaus über-
einstimmen, und seitdem hat sich die Zahl dieser Mittheilungen so ge-
steigert, dass die Existenz der Nephritis varicellosa vollkommen sicher
gestellt ist3).
Nur sehr selten sah ich Nephritis in Folge des Wechselfiebers
sich entwickeln. Bei einem 6jährigen Mädchen, welches nach drei An-
fällen von Intermittens quotidiana durch Chinin geheilt wurde, enthielt
der eine Woche später entleerte sparsame dunkelbräunliche Urin reich-
lich Albumen, hyaline Oylinder und Blutkörperchen, nahm aber unter
fortgesetztem Ohiningebrauch schon nach 8 Tagen wieder eine normale
Beschaffenheit an. Ganz ähnlich verliefen zwei andere Fälle, von denen
einer schon von C. Küster4) beschrieben ist.
') Fälle, wie der von Loeb (Archiv f. Kinderheilk. IX. S. 53) mitgeth eilte)
müssen in der Beurtheilung von Albuminurie vorsichtig machen. Es handelte sich
dabei nicht um Albumen, sondern um Propepton im Masernurin. Dasselbe habe ich
mehrfach beobachtet.
2) He noch, Nephritis nach Varicellen. Berl. klin. Wochenschr. 1884. No. 2.
3) Hoffmann, Ibid. No. 38. — Rasch, Jahrb. f. Kinderheilk. XXII. 248. —
Semtschenko, Ibid. 259. fNephritis schon am 3. Tage der V.). — Rachel, The
Arch. of pediatr. April 1884. — Vichmann, Nord. med. arkiv. XVI. No. 20. —
Högyes, Jahrb. f. Kinderheilk. XXIII. 337. — Newski, Wratsch. 1884. No. 46. —
Janssen, Berl. klin. Wochenschr. 1887. No. 48. — ünger, Wiener med. Presse.
1888. No. 41. — Hagenbach, Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. 29. 166. — Demme,
28. Jahresber. etc. S. 41.
4) Berl. klin. Wochenschr. 1880. No. 26.
Nephritis. 623
Mädchen von 4 Jahren. Endo November Masern, auf welche Otitis duplex
mit Perforation der Trommelfelle folgte. Mitte December Intermittens quotidiana
mit sehr hoher Temperatur (bis 41°), welche durch Chinin (0,3—0,4 Vormittags)
zwar gemildert wird, aber bis Ende December fortdauert. Am 27. December Urin
sparsam, von röthlicher, in's Olivengrüne schillernder Farbe, enthält Ei weiss,
Blutkörperchen und Cylinder. Nach einigen Tagen scheinbarer Besserung
am 30. December bis 1. Januar 1880 wieder stärkere Fieberanfälle, und mit
dem Eintritt derselben Urin wieder stark hämorrhagisch. An diesem Tage sah
ich das Kind zum ersten Mal. Chinin in grossen Dosen beseitigte die Fieberanfälle
schnell. Urin sofort heller, am 3. Januar schon frei von Albumen und Blut. Voll-
ständige Heilung.
Von der beiAbdominaltyphus bisweilen vorkommenden Nephritis
wird später noch die Eede sein. In der letzten grossen Epidemie der
Influenza wurde auch Nephritis als Oomplication und Nachkrankheit
beobachtet; mir selbst sind aber Fälle dieser Art bei Kindern noch nicht
begegnet. Dagegen sah ich wiederholt die Nierenaffection als Nach-
krankheit der infectiösen Parotitis1) auftreten:
Clara S., 6 Jahre alt, gesund, bekam im Abnahmestadium des Keuchhustens
Parotitis. Eine Woche nach Ablauf derselbon Oedem des Gesichts, blutiger
albuminöser Urin. Bei meiner ersten Untersuchung bestanden diese Erschei-
nungen noch fort. Abends geringes Fieber bei völliger Euphorie. Urin reichlich,
grünlich-braun, mit sparsamem, etwas bluthaltigem Sediment, enthielt ziemlich viel
Albumen, Blutkörperchen und Epithelien. Cylinder nicht aufzufinden. Nach einer
8tägigen Behandlung mit Abführmitteln, Milchdiät und Ruhe im Bett vol'ständige
Heilung. — Zwei andere Fälle betrafen merkwürdigerweise Geschwister, welche
unmittelbar nach Ablauf des Mumps von Nephritis haemorrhagica befallen wurden.
Der 4. Fall trat bei einem 5jährigen Kinde, etwa 10 Tage nach der Entwickelung
des Mumps mit heftigem Fieber und blutigem Urin auf. Sämmtliche Fälle nahmen
einen glücklichen Ausgang.
Da ich bei einem in meiner Klinik behandelten Kinde im Verlauf
eines Keuchhustens Oedem des Gesichts und der Füsse mit Albumin-
urie gesehen hatte, welches bald wieder verschwand, ausserdem aber
noch bei einem 10jährigen russischen Knaben eine seit 2 Jahren bestehende
Nephritis beobachtet hatte, deren Beginn unmittelbar nach Pertussis
stattgefunden haben sollte, so musste ich mir die Frage vorlegen, ob der
erste Fall in der That mit der Parotitis, oder nicht vielmehr mit dem
Keuchhusten in Beziehung stand. Während der letzten Jahre sind mir
l) Mettenheimer, (Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. 32. S. 383) hat die auch von
anderen Autoren beobachteten Fälle dieser Nephritis gesammelt, und einen eigenen
Fall hinzugefügt, in welchem die Nieronaffection schon während der Parotitis,
nicht erst als Nachkrankheit auftrat.
f>24 Krankheiten der uropoetischen Organe.
noch mehrere Fälle von Nephritis in der That vorgekommen, die wäh-
rend des Keuchhustens sich entwickelten und es scheint mir, dass eine
verschärfte Beobachtung die Zahl derselben bald vermehren dürfte1).
Neben dem infectiösen Elemente des Keuchhustens ist vielleicht die be-
trächtliche venöse Stauung in Betracht zu ziehen, welche während der
heftigen Hustenanfälle in allen Theilen, also auch in den Nieren Platz
greift und wohl als ein zur Gefässerweiterung und zu exsudativen Vor-
gängen disponirendes Moment gelten kann.
In Folge von Erysipelas sah ich Nephritis nur einmal, bei einem
9jährigen Mädchen, auftreten, welches 14 Tage zuvor eine Gesichtsrose
überstanden hatte. Neben geringem Oedem der Füsse bestand ein dunkel-
brauner, sparsamer, sehr albuminöser und hyaline Oylinder enthaltender
Urin, kein Fieber. Durch Purgantia, Schwitzbäder und Wildunger Wasser
erfolgte binnen 13 Tagen völlige Heilung2).
Immerhin kommen nicht wenige Fälle vor, in denen es trotz der
sorgfältigsten Nachforschung nicht gelingt, die Ursache der Nephritis
anfzufinden. Ich glaube, dass in diese Categorie auch die Fälle von
Albuminurie gehören, die bei Stomatitis aphthosa (Seitz), bei acuten
und chronischen Darmcatarrhen (Kjellberg) beobachtet wurden. Hier
sind meiner Ansicht nach Zweifel nicht ausgeschlossen, ob ein zufälliges
Zusammentreffen oder eine wirkliche Beziehung stattgefunden hat. Sicherer
sind wir in der Annahme der Erkältung als Ursache von Nephritis,
und zwar, wie ich glaube, als einer durchaus nicht seltenen.
Ich sah ein 9jähriges Mädchen nach einem Sturz ins Wasser bei
erhitztem Körper, einen 8jährigen Knaben nach völliger Durchnässung
durch einen starken Gewitterregen, weicher ihn auf dem Wege zur Schule
überrascht hatte, erkranken. Der letztere nahm in den nassen Kleidern
noch den ganzen Vormittag am Unterricht Theil, und schon vier Tage
darauf wurde Anasarca, Fieber und stark albuminöser bluthaltiger Harn
beobachtet. Ein 2jähriges Kind bekam hartnäckige Nephritis, nachdem
es während des Schlafes in einem kalten Zimmer nach Abstreifen der
Bettdecke bloss gelegen hatte, so dass es Morgens ganz kalt gefunden
wurde. In 4 Fällen gesellte sich Nephritis zu einem durch Erkältung
bedingten diffusen Bronchialcatarrh oder zu Bronchopneumonie; bei
4) Mettenheimer, Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. 32. 1891. S. 379. — Mircoli,
Aroh. per le scienze med. XIV. No. 4.
2) Ueber die in neuester Zeit von E. Pfeiffer (Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. 29)
unter dem Namen „Drüsenfieber" beschriebene Krankheit und ihre Beziehungen
zu Nephritis besitze ich bisjetzt keine ausreichenden Erfahrungen. Vergl. Heubner,
v. Starck u. Rauchfuss (Ibid. Bd. 31).
Nephritis. 625
3 Kindern trat sie, und zwar mit haemorrhagischem Charakter, im Laufe
resp. einige Wochen nach dem Ablauf einer Purpura rheumatica auf,
welche als die Folge langer Einwirkung von Regen und Kälte auf die
Kinder angesehen werden musste. Aber nur in den wenigsten Fällen
lässt sich die Erkältung auf sichere Weise constatiren; meistens bleibt
sie hypothetisch und wir thun dann wohl besser, auf eine Erklärung
der Aetiologie zu verzichten. Unter diesen Umständen hat man noch an
eine »artificielle« Nephritis zudenken, welche sich in Folge gewisser
therapeutischer Eingriffe entwickeln kann. Uass der innere Ge-
brauch starker Diuretica, wie des Terpenthins und der Oanthariden,
Albuminurie und Nephritis erzeugen kann, isl bekannt, und dasselbe
wird auch von grossen Dosen des Chlorkali behauptet, obwohl es sich
dabei mehr um Hämoglobinurie, als um Nephritis zu handeln pflegt.
Weniger beachtet wird die Thatsache, dass auch der äussere Gebrauch
solcher Medicamente eine analoge Wirkung ausüben kann. Bei einem
10jährigen epileptischen Mädchen, welches seit vier Wochen ein täglich
mit Unguent. cantharidum verbundenes Vesicator trug, fand ich im Urin
Eiweiss und hyaline Cylinder, und schon wenige Tage nach dem Weg-
lassen des Verbandes verschwanden diese abnormen Bestandtheile. Be-
sonders aber achte man auf die Fälle, in denen gegen chronische
Hautkrankheiten balsamische Mittel oder Theer in Form von Ein-
reibungen angewendet werden. Je sorgfältiger man hier den Urin unter-
sucht, um so häufiger wird man nach einiger Zeit, meistens erst nach
einigen Wochen oder noch später, Eiweiss und morphotische Elemente in
demselben nachweisen können. In mehreren Fällen von Eczema, welche
in der Klinik mit Theereinreibungen (Pix. liquid. 1 : Vaselin 10,0) be-
handelt worden waren, hatten wir Gelegenheit diese Erfahrung zu machen').
Dagegen zeigten sich Einpinselungen von Jodtinctur, welche nach der
Angabe französischer Aerzte2) bei Kindern schnell einen ähnlichen Ein-
fluss ausüben sollen, und zwar auch dann, wenn sie nur auf ganz be-
schränkten Hautpartien vorgenommen werden, in dieser Beziehung fast
immer unschuldig. Nur in einem Fall, in welchem Jodtinctur 4 Mal auf
ziemlich ausgedehnte wunde Hautstellen gepinselt wurde, entwickelte
sich nach etwa 14 Tagen starke Nephritis mit Oedem, reichlich albumi-
nösem, cylinder- und epitheliumhaltigem Urin und drohenden urämischen
') Jacubasch, Charite-Annalen. VI.
2) Bad in, De l'albuminurie conse'cutive aus applications de la teinture d'jode
chez Penfant. These. Paris, 1876.
Heu och, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 411
62f! Krankheiten der uropoetischen Organe.
Symptomen, wobei aber nicht unerwähnt bleiben darf, dass vorher eine
Behandlung mit Theereinreibungen stattgefunden hatte. Wiederholt hatte
ich auch Gelegenheit, das Auftreten nephritischer Symptome 8 bis 14 Tage
nach der Heilung der Scabies durch Einreiben von Balsam, peru-
vianum1) zu beobachten:
Emma H., öjährig, am 10. Mai unmittelbar von der Krätzstation auf meine
Abtheilung verlegt. Oedem der Augenlider, Urin sparsam, albuminös, enthält Cy-
linder, Epithelien, Blut- und zahlreiche Lymphkörperchen. Euphorie trotz massigen
Fiebers (bis 38,6). Behandlung mit Abführmitteln und Tannin. Schon am 22.
Urin normal, Oedem geschwunden.
Adolf U., 3jährig, aufgenommen am 27. Mai mit Oedema faciei et pedum,
welches etwa 2 Wochen lang besteht, nachdem das Kind eine Woche zuvor eine
Krätzkur mit Perubalsam durchgemacht hatte. Eczem an den Füssen noch sichtbar.
Fieber (Ab. 38,4 — 39,8), Unruhe, Anorexie, leichter Catarrh. Urin klar, hellgelb,
ziemlich viel Albumen und Epithelien enthallend; sehr sparsame Cylinder. Behand-
lung mit Kali aceticum, später Tannin. Vom 13. Juni an kein Fieber mehr, Oedeme
verschwunden, während der Urin abwechselnd mehr oder weniger Eiweiss zeigt, mit-
unter auch tagelang ganz frei davon ist. Vom 20. an völlige Heilung.
Mädchen von 6 Jahren, am 24. April aufgenommen, nachdem eine Woche
zuvor Scabies mit Perubalsam behandelt worden war. Oedema faciei et pedum,
Urin sparsam, etwas blutig gefärbt, enthält viel Eiweiss, Cylinder, Lymph- und
Blutkörperchen. Kein Fieber. Purgantia. Schwitzbäder. Schon am 1. Mai geheilt
entlassen.
Bei einem 7jährigen Knaben, aufgenommen am 18. März, der vor drei
Wochen auf der Klinik für Hautkrankheiten 4 Tage lang wegen Scabies mit Peru-
balsam eingerieben worden, fanden wir neben leichten Oedemen einen sehr eiweiss-
reichen und nephritische Formelemente enthaltenden Urin. Heilung unter Schwitz-
bädern; Urin erst Mitte April wieder völlig normal. — Bei einem 2jährigen Kinde
genügten 3 Einreibungen mit Perubalsam, um nach 12 Tagen Fieber (39,4), Oedem
des Gesichts und der Fassrücken und massige Albuminurie zu erzeugen. Heilung
nach wenigen Tagen bei Schwitzbädern. — Ein 4jähriges Mädchen , welches
wegen Scabies auf der dermatologischen Klinik mit Perubalsam 5 Tage lang einge-
rieben, und darauf noch mit Thiolsalbe behandelt worden war, zeigte 8 Tage darauf
einen dunkelbraunen Urin und leichtes Oedem. In meiner Klinik wurde 6 Tage
darauf Nephritis constatirt, welche durch Milchkur, Schwitzbäder, Bettruhe und Wil-
dunger Wasser binnen 3 Wochen geheilt wurde.
Auch nach der äusserlichen Anwendung von Carbolsäure in Form
von Verbänden, Umschlägen und Ausspülungen kann neben der Schwär-
zung des Urins Albuminurie und Nephritis auftreten. Mir selbst kam
bisher nur ein Fall dieser Art vor, welcher aber hinreichte, mich zur
Vorsicht bei der Anwendung dieses Mittels in der Kinderpraxis zu mahnen:
1) Litten, 1. c. S. 139.
Nephritis. 627
Agnes Seh., 6jährig, aufgenommen am 14. Juni mit Eczema chronicum des
ganzen linken Vorderarms; sonst gesund. Fomentationen des Arms mit einer
5proc. Carbolsäurelösung, welche 4 Tagelang ununterbrochen fortgesetzt wur-
den. Vom 19. an wurden nur Vaselineinreibungen, später ein Gypsverband applicirt,
um das Kratzen zu vermeiden. Am 7. luli äusserst sparsame Urinsecretion: in
24 Stunden wurde kaum ein Reagensglas voll Urin entleert, welcher reichlich Ei-
weiss, wenige rothe Blutkörperchen und hyaline, zum Theil mit Körnchen besetzte
Cylinder enthielt. Am 10. Oedem der Füsse und der Bauchhaiit, kein Fieber,
Euphorie. In den nächsten Tagen auch Oedem des Gesichts. Behandlung mit Ab-
führmitteln, dann Tannin und hydropathische Einwickelungen, nach welchen jedes-
mal starker Schweiss erfolgte. Nach zwei Wochen (den 28.) wurde der reichlicher
fliessende Urin wieder normaler, aber erst Anfangs August völlige Heilung '). —
Einige Autoren behaupten, das auch das chronische Eczem an
und für sich, ohne dass nierenreizende Einreibungen stattgefunden haben,
Nephritis im Gefolge haben könne. Schon Rilliet und Barthez theilen
einen solchen Fall mit, vorzugsweise aber sind es italienische Aerzte,
welche eine Reihe von Fällen dieser Art, besonders bei Säuglingen, ein
paar Mal mit letalem Ausgang unter Convulsionen beobachtet haben2).
Ich selbst kann diesen Connex nicht bestreiten. Bei einem 4jährigen
Knaben, der seit 14 Tagen an Eczema universale litt und mit lauen
Bädern und Höllensteinbepinselungen des Gesichts behandelt worden war,
sah ich plötzlich Nephritis entstehen, die schon nach wenigen Tagen
durch Lungenoedem und Hydrothorax tödtete. Auch in einigen anderen
Fällen von ausgebreitetem Eczem fanden wir bei der Untersuchung des
Urins Eiweiss, ohne dass eine nierenreizende Behandlung stattgefunden
hatte. Der Zusammenhang ist ganz dunkel; vielleicht handelt es sich
um die Einwanderung von Micrococcen durch die wunden Hautpartien,
also eine mykotische Nephritis, wie sie hie und da beschrieben ist3),
über die ich jedoch keine Erfahrung besitze.
Schon früher (S. 17) machte ich darauf aufmerksam, dass bei
Neugeborenen, wenigstens temporär, etwas Eiweiss im Harn gefunden
werden kann, wobei es dahin gestellt blieb, ob der Reiz des harnsauren
Infarcts der Tubuli uriniferi als Ursache anzuklagen ist. Wenn nun
auch dieser äusserst geringe Eiweissgehalt nach den ersten 10 Tagen
des Lebens zu verschwinden pflegt, so kommen doch bisweilen Fälle vor,
1) Vergl. die Experimente von Lassar in Virchow's Archiv, Bd. 77, 1879,
welche durch die mitgetheilten Fälle eine klinische Bestätigung erhalten.
2) Ferreira u. Guaita, Archivio di pediat. Mai 1888 u. VIII. fasc. 6. 1890.
— Canali n. Felici, ibid. März 1891 u. 1892.
3) Mircoli, Letzerich, Zeitschr. f. klin. Med. Bd. 13. — Loos, Jahrb. f.
Kinderheilk. Bd. 30. H. 4.
40*
628 Krankheiten der uropoetischen Organe.
in denen schon im zartesten Alter Nephritis mit schlimmen Folgen sich
entwickelt, ohne dass sich die Ursache auffinden lässt. Ich meine hier
nicht die bei den Sectionen kleiner atrophischer Kinder sehr oft zu
beobachtenden »trüben Schwellungen" der Nierenrinde, welche als Folge
der Ernährungsstörung der Epithelien zu betrachten sind, sondern
klinisch erkennbare Krankheitsbilder, wie z. B. in dem folgenden Falle:
Catharina K., 5 Wochen alt, aufgen. am 24. März 1874 wegen Intertrigo.
Massige Atrophie. Am "25. starkes Oedem des Gesichts und der Extremitäten
(T. 36,4). Normaler Stuhlgang. Urinsecretion äusserst sparsam; sowohl mit dem
Catheter, wie mittelst eines vor der Urethra angebrachten reinen Schwammes, lassen
sich nur wenige trübe Tropfen, die zu einer Untersuchung nicht zu benutzen sind,
gewinnen. Am 27. Athemnoth, Cyanose, Dämpfung im unteren Theile beider Thorax-
hälften; Tod am 29. Die Section ergab diffuse Nephritis und seröse Transsudate in
den Pleurasäcken, im Herzbeutel und im Unterleibe. —
In den verhältnissmässig wenigen Fällen von chronischer Ne-
phritis, welche mir bei Kindern vorkamen, aber weder klinisch noch
anatomisch von denen des späteren Lebensalters abwichen, blieb die
Ursache immer dunkel. Nur selten liess sich das Leiden auf eine längst
vorausgegangene scarlatinöse oder diphtherische Nephritis zurückführen ').
Mitunter litten die Kinder gleichzeitig an diffuser Dermatitis, die sich
von Intertrigo der Anusgegend aus entwickelt hatte, und mit lamellöser
Desquamation der ganzen Körperhaut verlief. Eine aetiologische Beziehung
dieses Zustandes zu Nephritis kann ich aber ebenso wenig beweisen, wie
es in Betreff des Eczems (S. 627) der Fall war. Auch der Zusammen-
hang mit Syphilis, der hie und da erwähnt wird, liess sich nie mit
voller Sicherheit constatiren; in einem verdächtigen Falle, welcher anti-
syphilitisch behandelt wurde, blieb die Cur durchaus erfolglos. Trotzdem
rathe ich mit Kücksicht auf einen von Bradley2) glücklich behandelten
Fall dieser Art, die Möglichkeit einer luetischen Grundlage im Auge zu
behalten. Bei tuberculösen Eiterungen, zumal der Knochen, kommt
bisweilen chronische Nephritis vor, und kann hier unerwartet durch
Urämie den Tod herbeiführen3). Ich zweifle aber nicht, dass manche
Fälle von chronischer Nephritis, welche bei tuberculösen, scrophulösen,
durch Malariasiechthum oder Syphilis erschöpften Kindern vorkamen,
falsch aufgefasst worden sind und der amyloi'den Degeneration der
1) Oppenheim, Ueber Schrumpfniere im Kindesalter. Inaug. - Dissert.
Halle 1891.
2) Hirsch- Virchow, Jahresber. f. 1871. II. S. 176.
3) Iscovesco, Ännales de la tuberculose. Paris 1890.
Nephritiis. 629
Nieren angehören, deren früher (S. 577) gedacht wurde. Die Diagnose
ist leicht, wenn Leber oder Milz deutlich angeschwollen sind, und eine
bedeutende Cachexie durch Lues, Knochenvereiterungen, Tuberculose
u. s. w. mit Oedem verschiedener Körpertheile und Albuminurie zu-
sammentrifft. Fehlt dieser Symptomencomplex, besonders aber die Al-
buminurie, was ja bisweilen vorkommt, so kann nur von Vermuthung,
nicht von Diagnose die Rede sein. Dass übrigens chronische Nephritis
und amyloide Degeneration gleichzeitig in der Niere vorkommen
können, ist bekannt, und auch von mir z. B. in einem Falle von tuber-
culöser Caries der Lumbaiwirbelsäule beobachtet worden. —
Ich will hier noch einige Worte über die hydropischen Erschei-
nungen hinzufügen, welche bei Kindern auftreten können, ohne dass
der Urin Eiweiss oder microscopische Zeichen von Nephritis darbietet.
Schon bei der Schilderung des Oedema neonatorum (S. 48) lernten wir
eine Reihe verschiedener Ursachen kennen, jwelche dasselbe bedingen
können. Aehnlich verhält es sich nun mit den bei älteren Kindern auf-
tretenden Oedemen. Besonders häufig sah ich Kinder in den beiden
ersten Lebensjahren von Oedem der Hand- und Fussrücken, der Unter-
schenkel, der Wangen und Augenlider befallen werden, mitunter in dem
Grade, dass erstere sich wie ein pralles Polster anfühlten. Dass nun
solchen Fällen Nephritis oder amyloide Entartung der Nieren zu Grunde
liegen kann, obwohl der Urin frei von Eiweiss, wenn auch immer spar-
sam und oft reich an harnsauren Salzen erscheint, wurde schon erwähnt.
Ich kann daher die Annahme einer Nephritis nicht sicher ausschliessen,
weil meine über das Fehlen der Albuminurie bei dieser Krankheit (S. 612)
gemachten Erfahrungen mir Bedenken einflössen. In der That fanden
wir in einem Falle, wo ausgebreitetes Oedem der Hautdecken und Ascites
bestanden, der Urin aber nie albuminös gewesen war, dennoch beide Nieren
sehr derb, die Oorticalsubstanz durch massenhafte Neubildung von Binde-
gewebe sclerosirt. Auch in der Literatur fand ich ähnliche Fälle er-
wähnt, z. B. zwei von Dickenson1) bei ganz jungen hydropischen
Kindern beobachtete, in welchen der Urin nie Eiweiss enthalten hatte,
und dennoch bei der Section sclerotische Veränderungen der Nieren ge-
funden wurden. Man wird sich also hier nicht mit dem Aussehen der
Nieren begnügen dürfen, sondern eine microscopische Untersuchung
vornehmen müssen. Deshalb kann ich auch alle Fälle, in welchen die
letztere unterlassen wurde, nicht als maassgebende betrachten, wenn auch
das macroscopische Bild der Nieren völlig normal erschien. Ich hebe
D Hirsch-Virchow, Jahresber. f. 1871. II. S
175.
630 Krankheiten der uropoetischen Organe.
dies um so mehr hervor, als bei einem dieser Kinder auch die Leber
durch Fettablagerung und interstitielle Bindegewebswucherung vergrösssert
erschien.
Ausser diesen, wie Sie sehen, noch nicht spruchreifen Oedemen
kommen bei yielen Kindern, wie bei Erwachsenen, solche vor, welche
ganz unabhängig von einer Nierenaffection durch erschöpfende Krank-
heiten bedingt werden, besonders durch Phthisis, langwierige Diarrhoe
und Dysenterie, durch hochgradige Erkrankungen des Blutes, Leuk-
ämie und Pseudoleukämie. In einem grossen Theil dieser Fälle ist
die Herzschwäche und die von dieser abhängende Stauung im
Venensystem die nächste Ursache des Oedems, welches durch „maran-
tische" Thrombosirung grösserer Venen auf einzelne Theile, z. B. eine
untere Extremität, beschränkt werden kann. Auch zahlreiche Atelek-
tasen des Lungengewebes, welche sich gerade bei erschöpften kleinen
Kindern in Folge der herabgesetzten Inspirationskraft und complicirender
Bronchialcatarrhe bilden, müssen durch die Stauungen, welche sie im
Körpervenensystem veranlassen, die Entwickelung von Oedem begünstigen.
In dieselbe Oategorie gehört der Hydrops, welcher die Krankheiten des
Herzens begleitet, bei Kindern aber selten so bedeutend wird, wie bei
Erwachsenen.
Dass auch entzündliche Krankheiten der Haut, insbesondere Ery-
sipelas, Oedem hinterlassen können, wurde bereits (S. 41) erwähnt,
und dasselbe beobachtete ich zuweilen im Gefolge von Urticaria oder
Erythema multiforme. Dabei kann die vorausgegangene Hautaffection
ganz unbeachtet geblieben sein, und erst die nachfolgende Anschwellung
der Augenlider oder anderer Theile erweckt die Besorgniss der Eltern.
Mitunter fehlt aber jedes ursächliche Moment, auf welches man das
Oedem beziehen könnte, und man pflegt dann auf den gewöhnlichen
Lückenbüsser, die Erkältung, zurückzukommen, die sich aber nur selten
so sicher nachweisen lässt, wie in dem ersten der folgenden Fälle:
Mädchen von 4 Jahren, sah vor einigen Tagen am offenen Fenster bei
strenger Kälte dem Vorbeimarsche von Militair zu. Am nächsten Morgen starkes
Oedem des Gesichts und der Fussrücken mit Schmerz in den Füssen, leichtes Fieber,
Anorexie. Alle Organe normal. Urin sparsam, mit harnsauren Sahen überladen,
frei von Eiweiss und Blut. Bettruhe und Purgans. Nach 3 Tagen Oedeme ver-
schwunden, Urin normal.
Georg Seh., 9jährig, aufgenommen am 8. October mit Oedem des Ge-
sichts, des Scrotum und der Vorhaut, welches erst 24 Stunden bestehen soll.
Vollständige Euphorie, sowohl zuvor, wie bei der Aufnahme. Ursache ganz unbe-
kannt. Urin in jeder Beziehung normal. Nach der Application eines warmen Kräuter-
kissens auf das stark gespannte Scrotum hatte sich das Oedem desselben schon am
Nephritis. 63 1
10. beträchtlich vermindert; auch das Gesicht schwoll bei stetem Aufenthalt im
Bett ohne irgend eine Medication schnell ab. Entlassung am 28. Der wiederholt
untersuchte Urin war immer normal geblieben.
Kind von 4 Jahren aufgen. am 15. November mit Oedem des Gesichts und beider
Unterschenkel. Sonst ganz gesund. Urin hell, reichlich, ohne Eiweiss. Keine Ur-
sache, nirgends Spuren von Desquamation. Schwitzbäder. Am 27. geheilt entlassen.
Zuweilen treten solche Oedeme periodisch auf, zumal in den An-
fällen von Hämoglobinurie '), aber auch ganz unabhängig von dieser.
So war es z. B. bei einem 4jährigen Mädchen, welches im Laufe einiger
Monate 3 — 4mal oedematöse Anschwellungen der Fussrücken, auch wohl
der Hände und des Gesichts darbot. Diese bestanden jedesmal etwa
eine Woche und waren mit allgemeinem Unbehagen, Verstimmung, ein-
mal auch mit Erbrechen verbunden, ohne dass die wiederholte Unter-
suchung im Urin oder in irgend einem Organ etwas Abnormes ergab.
Da die A.etiologie völlig dunkel war und die Blässe des Kindes an
Anämie denken Hess, so gaben wir Eisen und Chinin, letzteres wegen
der Möglichkeit (!) einer Malariaeinwirkung, und erzielten damit rasche
Heilung, deren Bestand ich indess nicht verbürgen kannj2).
Unter den localen Anlässen des Oedems ist noch die Compres-
sion einzelner Venen zu nennen, wie sie z. B. im folgenden Falle
stattfand.
Kind von 1 '/, Jahren, secirt am 7. Juni 1873. Während des Lebens starke
ödematöse, blasse Anschwellung vor und hinter dem rechten Ohr, wodurch dasselbe,
ähnlich wie bei cariösen Erkrankungen des Schläfenbeins, vom Kopf abgedrängt
wurde. Die Section ergab Miliartubercu'ose der serösen Häute, der Milz, Leber und
Lungen, Verkäsung der Bronchialdrüsen und Compression der rechten Vena
jugularis externa durch ein enormes Drüsenpaket. Nach dem Tode war das Oedem
alsbald verschwunden.
IL Störungen der Harnexcretion.
Meinem Princip getreu beschränke ich mich hier auf solche von
mir selbst beobachtete Störungen, welche dem Kindesalter vorzugsweise
oder ausschliesslich zukommen. Deshalb wird gerade dieser Abschnitt
am wenigsten auf Vollständigkeit Anspruch machen können. Zunächst
gedenke ich der angeborenen Hydronephrose, welche durch congenitale
Obliteration der Ureteren bedingt wird, fast immer einseitig auftritt und
nur ausnahmsweise klinisch erkennbar ist. Zu den seltensten Fällen
') Joseph, Berl. klin. Wochenschr. 1890. No. 4.
2) S. Widowitz, Jahrb. f. Kindern. Bd. 25. S. 252 und Bd. 29, S. 388.
632 Krankheiten der uropoetischen Organe.
dürfte wohl der eines 3 wöchentlichen Kindes gehören, welches mit zwei
grossen fluctuirenden, hei der Percussion matt schallenden Geschwülsten
beider Hypochondrien aufgenommen wurde. Urin fehlte seit etwa 10
Tagen vollständig, sollte aber in der ersten Zeit des Lebens gelassen
worden sein. Durch die Punction entleerte ich aus der linksseitigen
Geschwulst eine Menge hämorrhagisch-seröser Flüssigkeit, und die Section
ergab, dass es sich um eine doppelseitige Hydronephrose und narbige
Obliteration beider Ureteren an der Austrittsstelle aus dem Nierenbecken
handelte. Diese Obliteration konnte wenigstens auf der einen Seite erst
nach der Geburt erfolgt sein, weil sonst die Urinsecretion in den ersten
Lebenstagen unmöglich hätte stattfinden können. Die bei der Punction
entleerte Flüssigkeit stammte übrigens nicht aus der Hydronephrose
selbst, sondern aus einer die ganze Niere umkapselnden, mit blutigem
Serum gefüllten Cyste, in welche der Troicart hineingerathen war, wahr-
scheinlich das Product eines im Foetusleben entstandenen perirenalen
Hämatoms1). —
Recht häufig begegnen wir im Kindesalter den Concrementbüdungen
im Harnapparat. Die frühzeitigste Erscheinung dieser Art, der harn-
saure Infarct der geraden Harnkanälchen ist beim Neugeborenen
constant vorhanden, wird aber in der Regel innerhalb der ersten Lebens-
wochen ausgeschwemmt, ohne weitere Nachtheile zu hinterlassen; doch
geschieht dies bisweilen so langsam, dass man nicht selten bei Kindern
von 7 bis 8 Wochen noch Reste des Infarcts findet, welche theils im
Lumen der Tubuli, theils an den Papillen haften, auch wohl als kleine
röthliche ßröckel im Nierenbecken und im trüben Blasenurin liegen.
Der Reiz dieser kleinen Concremente kann schon frühzeitig zu Beschwerden
beim Urinlassen Anlass geben, welche anfangs unbeachtet bleiben, jeden-
falls schwer zu deuten sind, weil die Untersuchung des Urins in diesem
Alter überaus schwierig ist. Nicht selten werden Ihnen Kinder in den
ersten Lebensmonaten zugeführt, welche vor oder bei dem Urinlassen
jedesmal heftig schreien, trotz starken und oft wiederholten Drängens
immer nur wenige Tropfen entleeren und grosse Unruhe zeigen, so dass
man an dem Vorhandensein von Schmerzen nicht zweifeln kann, während
in den Intervallen das Allgemeinbefinden ungestört sein kann. Lässt
man sich die Windeln zeigen, so findet man gewöhnlich die vom Urin
durchnässten Stellen dunkler als im Normalzustande gefärbt, die Ränder
ins Röthliche spielend, mitunter auch sparsame, sandkornartige, gelbrothe
Bröckelchen. Dass der Urin unter diesen Umständen durch seine Säure
') S. ChanU-Annalen. VIII. 568.
Harnsaurer Infarct. 633
Jucken und Brennen beim Durchgang durch die Urethra erregen kann,
ist begreiflich, aber auch Röthung der Vorhautmündung oder der inneren
Fläche der Labien und ihrer Umgebung kommt vor. Dieselben Erschei-
nungen sieht man auch bei älteren Kindern, bei denen es sich schwer-
lich noch um die verspätete Excretion des harnsauren Infarcts, sondern
um neugebildete harnsaure Concremente (Gries) handelt, welche
meistens als Polgen einer verkehrten Ernährungsweise anzusehen sind.
In allen Fällen von Dysurie junger Kinder geräth man leicht in
Verlegenheit, wie man sich diese erklären soll. Mitunter handelt es
sich nur um einen einfachen Blasencatarrh mit denselben Symptomen,
wie bei Erwachsenen, stetem Urindrang, schmerzhafter Entleerung eines
trüben, sauren oder neutralen, seltener alkalischen Urins, welcher zahl-
reiche Blassnepithelien und Eiterkörperchen enthält, bei kleinen Mädchen
die äusseren Genitalien reizen und massigen Fluor erzeugen kann. So-
bald aber kleine Harnsäureconcretionen in den Windeln, bei älteren
Kindern im Urin selbst gefunden werden, steht die Diagnose ausser
Zweifel. Es kommt dann, wie bei Erwachsenen, zu einer catarrhalischen
Reizung des Nierenbeckens, welche ihrerseits wieder die Bildung von
harnsaurem Gries begünstigt, und zu Erscheinungen führen kann,
welche denen der Pyelitis calculosa des späteren Lebensalters ent-
sprechen.
Frieda R., 5 Monate alt, am 16. Januar in der Poliklinik vorgestellt. Vor
14 Tagen Erkrankung mit Erbrechen und wiederholten Zuckungen in allen Ex-
tremitäten. Elendes Aussehen. Schmerzhaftes Schreien vor und bei der Urinent-
leerung, welche trotz des heftigen Drängens nur tropfenweise erfolgt. Urin blass-
gelb, sehr trübe, enthält reichlich Albumen, keine Cylinder, aber massenhafte, das
ganze Gesichtsfeld bedeckende Eiterkörperchen, ausserdem ziemlich zahlreiche
punktförmige und stecknadelkopfgrosse, ziegelrothe, brüchige Concremente, welche
unter dem Microscop als krystallinische harnsaure Bildungen erscheinen. Weiterer
Verlauf nicht bekannt.
Schon früher (S. 175) th eilte ich Ihnen den ähnlichen Fall eines
5 Monate alten Kindes mit, welches unter starker Dysurie kleine Con-
cretionen entleerte, und dabei an reflectorischen Eclampsieanfällen und
Contracturen vieler Muskelgruppen litt. Bei längerer Dauer kann sich
der Oatarrh des Nierenbeckens allmälig durch die Ureteren auf die
Blasenschleimhaut verbreiten, und da bekanntlich Blasencatarrh die
Steinbildung begünstigt, auch zur Entstehung von Lithiasis vesicalis
Anlass geben. Im Vergleich mit dem späteren Lebensalter kommen
Blasensteine bei Kindern, und zwar schon während der ersten Lebens-
jahre, keineswegs selten vor, und es ist daher nothwendig, in edem
634 Krankheiten der uropoetisohen Organe.
Falle von chronischer Dysurie, mag sie nun mit Blasencatarrh verbunden
sein oder nicht, eine Untersuchung der Harnröhre und der Blase in der
Chloroformnarcose vorzunehmen. Die Entleerung des Urins ist dann
bisweilen vollständig gehemmt, und trotz des heftigen Drängens, wobei
nicht selten Prolapsus ani stattfindet, werden nur wenige Tropfen
entleert. Ich beobachtete sogar 36— 48stiindige Urinverhaltungen, wobei
die Blase enorm ausgedehnt, oberhalb der Symphyse palpabel war und
mit dem Catheter entleert werden musste, während zu anderen Zeiten
continuirliches Abtröpfeln des Urins aus der Urethra stattfand. In
diesem Falle war die Umgebung der Genitalien anhaltend durchnässt,
und der sich zersetzende Urin verbreitete nicht allein einen widerlichen
Geruch, sondern versetzte auch durch seinen Reiz Vorhaut, Penis und
Scrotum in einen entzündlich- oedemat Ösen Zustand. Bei älteren Kindern
finden Sie dabei den Penis ungewöhnlich lang und entwickelt, wahr-
scheinlich in Folge der vielfachen Manipulationen, welche die Kinder
beim Uriniren vornehmen, häufig auch die schon (S. 535) erwähnte Nei-
gung zum Mastdarmvorfall, welche ich als ein nicht zu unterschätzendes
Symptom der Lithiasis vesicalis in diesem Alter betrachte. Bisweilen
wird durch ein in der Urethra stecken gebliebenes Concrement völlige
Urinverhaltung mit Erythem und oedematöser Anschwellung der Geni-
talien hervorgebracht :
Alexander L., 2jährig, aufgenommen am 28. November, ziemlich gut ge-
nährt, aber blass. Seit 2 Tagen vollständige Urinverhaltung, leichte Röthung
und starkes Oedem des Penis, Scrotum und Perineum. Vorhaut wegen einer Phi-
mose nicht zurückziehbar. Unterleib aufgetrieben, hart und empfindlich, indem
die prallgefüllte Blase ein paar Finger breit die Symphyse überragt. Um den Ca-
theter einführen zu können, musste zunächst die Phimose operirt werden, wobei aus
dem Orificium ureihrae ein dasselbe gänzlich verstopfender erbsengrosser Stein von
schwefelgelber Farbe und bröcklicher Beschaffenheit mittelst einer Sonde entfernt
wurde. Der in die Blase eingeführte Catheter entleert eine Menge trüben Urins.
Das Oedem schwand unter Bleiwasserumschlägen rasch, aber in der Nacht vom 29.
zum 30. Brechdurchfall mit schnellem Collaps. Tod am 1, December. Section:
In der Blase ein fast dieselbe ausfüllender, hühnereigrosser, concentrisch ge-
schichteter, schwefelgelber Stein mit einemDefect, welcher dem aus der Urethra ent-
leerten Bruchstück entsprach. In den Kelchen der linken Niere ganz ähnliche
erbsen- bis bohnengrosse Steine; rechte Niere normal.
Es kommen aber im Kindesalter auch Dysurien vor, welche mit
Concrementbildung in den Nieren oder der Blase nichts zu thun haben.
Schon der Durchtritt eines sehr concentrirten sauren Urins durch die
Urethra, z. B. bei hochgradigem Fieber, kann Schmerzen bei der Harn-
entleerung zur Folge haben, welche sich durch Geschrei, bei älteren
Dysurie. 635
Kindern durch bestimmte Klagen kund geben. Durch einen mit harn-
sauren Salzen überladenen Harn können sogar Anfälle entstehen, die an
die Nierenkolik Erwachsener erinnern. Bei zwei Kindern von 3 bis
4 Jahren sah ich heftige, mitunter sogar von etwas Frost und Hitze
begleitete Schmerzanfälle im Unterleibe auftreten, welche mehrere
Stunden anhielten, bisweilen Tage lang hinter einander wiederkehrten
und jedesmal mit der Secretion eines trüben, mit harnsauren Salzen
überladenen und eiweisshaltigen Urins endeten, während in den oft
Monate langen Intervallen der Anfälle das Wohlbefinden ungestört und
der Urin vollständig normal war. Da während der Anfälle auch Uebel-
keit und Stuhlverstopfung stattfand, so hatte man die Diagnose zunächst
auf Darmkolik gestellt, bis endlich die Beschaffenheit des Urins Auf-
merksamkeit erregte und die Untersuchung veranlasste. Wirkliche Gries-
ausscheidungen, die bei Erwachsenen wie bei Kindern entzündliche
Processe im Nierenbecken und wohl auch im Parenchym hervorrufen
können, wurden hier nie beobachtet; um so bemerkenswerther ist das
Auftreten der Albuminurie im Schmerzanfalle, welche nur durch den
Reiz des krankhaft veränderten Urins veranlasst sein konnte. Der
längere Gebrauch der Mineralwässer von Vichy, Wildungen, Bilin oder
einer Lösung von Natron bicarbonicum (3 : 100) leistete mir hier die-
selben guten Dienste, wie es unter ähnlichen Umständen im späteren
Lebensalter der Fall zu sein pflegt.
Dass Sie in keinem Falle von Dysurie beim Kinde die Untersuchung
der äusseren Genitalien versäumen dürfen, brauche ich kaum hinzu-
zufügen. Nicht selten werden Sie dabei eine Phimose finden, welche
die Entleerung des Urins mehr oder weniger hemmt und Reste desselben
hinter der Vorhaut zurückhält, die sich hier zersetzen und einen ent-
zündlichen Zustand des Präputium, Balanitis und schmerzhafte Dysurie
hervorrufen können. Sogar einen völlig entwickelten Tripper mit hef-
tiger Dysurie beobachtete ich ein paar Mal, entweder in Folge von
Manipulationen anderer Kinder, oder selbst von Cohabitationsversuchen,
die bei drei Knaben (von 3—10 Jahren) von Dienstmädchen unternommen
waren. Das Bild entsprach vollständig dem der Erwachsenen, und auch
die Gonococcen fehlten in dem eitrigen Ausflusse, nicht1), der viele
Wochen lang zu dauern pflegte. Schon Csesi gelang es 1885 die Go-
nococcen im Trippersecret bei Knaben nachzuweisen. —
') Röna (Arch. f. Dermat. u. Syphilis 1893) beschreibt 14 Fälle von Urethritis
infectiosa bei Knaben im Alter von 15 Monaten bis zu 1 2'/2 Jahren. Bei allen fanden
sich Gonococcen. Ein paar Mal fand auch Uebertragung auf die Schwestern statt.
636 Krankheiten der uropoetisohen Organe.
Unter den angeborenen Anomalien der Urethralrnündung ver-
dient der Fall eines 7 Monate alten Knaben erwähnt zu werden, der
an der Stelle der Harnröhrenmündung nur eine schwache Furche zeigte,
während der Urin aus 3 punktförmigen Oeffnungen, welche sich neben
dieser Furche befanden, in drei dünnen Strahlen hervorspritzte. Für
solche Fälle kann nur eine operative Behandlung in Betracht kommen.
Dasselbe gilt von der bei kleinen Mädchen bisweilen vorkommenden
Adhäsion der beiden kleinen Schamlippen, welche, wie die ähnliche Ver-
wachsung der beiden Vorhautplatten bei Knaben, in der ersten Lebens-
zeit ungemein häufig ist, mitunter aber auch bis ans Ende des ersten
Jahrs und länger sich hinzieht, gewöhnlich mit dem Scalpellstiele trenn-
bar ist, nur selten eine Incision erfordert. In einzelnen Fällen schien
mir diese Adhäsion die Ursache von Dysurie zu sein, welche sich nach
der Trennung der Labien von einander alsbald verlor. In anderen ent-
deckte man bei der Untersuchung eine entzündliche Röthe des Introitus
und der Urethralrnündung mit vermehrter Schleimsecretion, welche die
Urinexcretion schmerzhaft machte. Bei einem 3jährigen Kinde war nach
dem Scharlach durch Fortkriechen einer mit Fluor albus verbundenen
Vulvitis in die Urethra und Blase ein Catarrh der ersteren entstanden
mit häufigem Harndrang, Dysurie, trübem, zahlreiche Eiterzellen und
Eiweiss enthaltendem Urin. Durch oft wiederholte Ausspülungen der
Blase wurde nach etwa 4 Wochen Heilung erzielt.
Bei weitem häufiger, als durch die bisher erwähnten Störungen,
wird Ihre Hülfe durch eine andere die Eltern beunruhigende Affection,
die Enuresis, in Anspruch genommen werden. Bei Tage ist dies
Uebel, abgesehen von den Fällen medullären Ursprungs, selten. Ganz
vereinzelt steht für mich der Fall eines 11jährigen Knaben, der seit
4 Jahren, angeblich nach Diphtherie, seinen Urin constant in die Hosen
entleerte, sobald er bei starker Kälte ausgehen musste, daher niemals
im Sommer, niemals im Bett, und nie an Sonntagen, wo er zu Hause
bleiben konnte1). Fast immer hat man es mit Enuresis nocturna zu
thun. Nicht bloss Kinder in den ersten Lebensjahren, sondern auch
solche, welche die zweite Dentition bereits überschritten haben und sich
der Pubertät nähern, leiden an diesem Uebel, über dessen Ursachen wir
so wenig wissen, dass der Zweifel, ob man es hier mit einem krank-
haften Zustande oder mit einer Angewohnheit zu thun hat, nicht ohne
Berechtigung ist. Das »Bettpissen», welches fast ebenso oft bei Mädchen
') Duron einen colossalen Milztumor sah Bobulescu (Revue mens. Mail892)
in 2 Fällen beim Laufen und Springen Enuresis eintreten.
Enuresis. 637
wie bei Knaben vorkommt, erfolgt entweder schon während der ersten
Stunden des Schlafes, oder erst später, selbst gegen Morgen, ein- oder
mehrere Mal in der Nacht, bald allnächtlich, bald mit Tage- oder selbst
Wochenlangen Pausen, welche man besonders während des Verlaufs
acuter Krankheiten zu beobachten pflegt. Schon die verschiedenen An-
sichten der Aerzte über die Natur dieses Uebels, besonders aber die
Menge und Verschiedenheit der empfohlenen Mittel bekunden, dass es
sich hier nicht immer um eine und dieselbe Ursache handeln kann. Vor
allem rathe ich, in keinem Falle die Untersuchung des Urins zu ver-
säumen, weil Fälle von Diabetes mellitus, auch von chronischer Ne-
phritis bekannt sind, welche sich zuerst durch Enuresis nocturna an-
kündigten. Mir selbst ist indess bis jetzt kein solcher Fall vorgekommen,
und ich muss daher diese Ursache der Enuresis für eine äusserst seltene
halten. Der nächste Grund des Leidens liegt entweder in einer Atonie
des bei Kindern überhaupt noch schwächer fungirenden Sphincter
vesicae oder in einem Krampf des Detrusor urinae, welcher die
im Schlafe minder kräftige Contraction des Schliessmuskels zu über-
winden vermag. Die erste Art scheint mir die seltenere zu sein, und
verbindet sich, wenn auch nicht constant, doch zeitweise mit Enuresis
diurna. Wo dies der Fall ist, liegt immer der Verdacht einer Lithiasis
vesi.'alis nahe, und die Untersuchung der Blase sollte dann nie verab-
säumt werden. Bei sonst gesunden Kindern hat in der That die Annahme
einer lediglich auf den Sphincter vesicae beschränkten Atonie immer
etwas Gezwungenes, und nur in einzelnen Fällen, wo ein erheblicher
Schwächezustand, z. B. nach einem überstandenen Typhus oder einer
anderen schweren Krankheit, oder ein materielles Leiden des Rücken-
marks vorliegt, scheint mir diese Annahme gerechtfertigt zu sein. Be-
sonders in letzterem Falle findet mitunter ein continuirliches Ab tröpfeln
des Urins statt, und nur selten gelingt es den Patienten, denselben in
der Blase zu sammeln und in einem Strahl zu entleeren. Ein charak-
teristisches Beispiel dieser Art von Enuresis, und zwar von Kindheit an,
bot ein 13 jähriger Knabe, welcher am untersten Theil der Lumbal Wirbel-
säule eine flache, teigige, etwa hühnereigrosse Geschwulst zeigte, in deren
Mitte ein Defect der Proc. spinosi deutlich fühlbar war, offenbar der
mit Fett und Granulationsgewebe ausgefüllte Sack einer Spina bifida1).
Gleichzeitig bestand unfreiwillige Defäcation, sobald der Stuhlgang nicht
') Aehnliche Fälle theilt Blake (Amer. Journ. f. Obstetr. 1878. p. 146) mit.
In dem einen derselben war die Euphorie ungestört bis auf eine herabgesetzte Func-
tionsfähigkeit der Blase und des Rectum.
638 Krankheiten der uropoetischen Organe.
ganz fest war. Nur für solche »atonische« Fälle würde die vielfach
empfohlene Behandlung mit tonisirenden Mitteln (Eisen), mit Ergotin
und Strychnin (innerlich oder subcutan) in Betracht kommen, Mittel, von
denen ich selbst aber noch keinen Erfolg gesehen habe. Auch die viel
gerühmte Elektricität, welche direct auf den Mastdarm applicirt wurde,
um von da aus reflectorisch den Sphincter vesicae anzuregen '), wirkt,
wenn überhaupt, wohl mehr durch den psychischen Eindruck, worauf
ich bald zurückkommen werde.
Anders verhält sich die gewöhnliche Enuresis nocturna, bei welcher
der Urin immer im Strahl, und zwar nur während des Schlafes oder
im halbwachen Zustande entleert wird. Hier scheint in der That ein
Reflexreiz auf den Detrusor stattzufinden, der um so kräftiger wirkt, als
der Willenseinfluss auf den Sphincter während des Schlafes herabgesetzt
ist. Daher ist es vor allem die Aufgabe des Arztes, die Stätte, von
welcher dieser Refleximpuls ausgeht, aufzufinden, und in der That gelingt
es bisweilen, congenitale Phimose, totale Verwachsung der Vorhaut mit
der Eichel, Strictur der Urethra, Reiz von Ascariden, Fissur des Mast-
darms, auch wohl Onanie oder Vulvitis aufzufinden, welche das Leiden
veranlassen, und mit deren Beseitigung auch die Enuresis aufhört.
Ebenso können Nieren- und Blasensteine, ja schon die Ueberladung des
Urins mit Lithaten oder Phosphaten einen solchen Reiz ausüben, und es
muss dann der Versuch mit einer Behandlung dieser Abnormitäten ge-
macht werden. Auch Verstopfungen der Nase und des Nasenrachenraums
durch adenoide Wucherungen werden hie und da als Anlässe beschuldigt2).
Leider wird es Ihnen aber in der Mehrzahl der Fälle nicht gelingen,
die eben erwähnten krankhaften Zustände nachzuweisen, oder durch die
Behandlung derselben die Enuresis zu heilen. Eine neuropathische An-
lage, auch eine hereditäre, ist bei diesen Kindern nicht selten vorhanden
und giebt sich durch grosse Erregbarkeit, verändertes psychisches Wesen,
Pavor nocturnus u. s. w. kund. Hier liegt die Annahme einer Hyper-
ästhesie des Collum vesicae oder der ganzen Blasenschleimhaut nahe,
ähnlich wie in vielen Fällen von Pollutionen Erwachsener, mit welchen
die Enuresis nocturna auch noch den Umstand gemein hat, dass sie
vorzugsweise in der Rückenlage erfolgt und häufig durch Traumbilder,
welche direct auf den Detrusor zu wirken scheinen, ausgelöst wird. Für
solche Fälle glaubte man den sedativen Mitteln, zumal der Belladonna
') ültzmann , Central-Zeitung f. Kinderkrankh. I. No. 22. — Oberländer,
Berliner klin. Wochenschr. 30. 1888.
2) Körner, Centralbl. f. klin. Med. 1891. No. 23.
Enuresis. (539
(Extr. beilad. 0,005 bis 0,01) Vertrauen schenken zu dürfen, welches
ich nach meinen Erfahrungen nicht theilen kann. Nur ausnahmsweise
sah ich unter dem Gebrauch derselben Besserung erfolgen, würde also
auch gegen vorsichtige Versuche mit dem in jüngster Zeit empfohlenen
Atropin (Abends zu 0,0005 bis 0,001 gegeben) nichts einzuwenden
haben. Andere empfehlen das häufige Einführen von Bougies in die
Harnröhre, die Cauterisation des Blasenhalses, um die Empfindlichkeit
desselben abzustumpfen, oder die Dehnung des hinteren Abschnitts der
Urethra '). Ich will die Möglichkeit eines Erfolgs dieser Mittel keines-
wegs!bestreiten und glaube, dass sie in hartnäckigen Fällen einen Versuch
verdienen, nur vergesse man nicht, dass dabei der psychische Eindruck,
den diese Manipulationen und der erregte Schmerz auf die kleinen
Patienten machen, mit in Betracht kommen. Fehlt es doch nicht an
Beispielen einer Heilung durch hypnotische Suggestion 2) ! Die Möglich-
keit einer Angewöhnung ist übrigens in manchen Fällen nicht aus-
zuschliessen. Den Beweis dafür lieferten mir ein paar Fälle von In-
continenz der Fäces, welche überraschend schnell geheilt wurden:
Im October 1879 wurde ein 8 jähriger Knabe in der Poliklinik vorgestellt, der
schon seit Jahren besonders aber nach einem vor Jahresfrist überstandenen Typhus
seinen Stuhlgang nicht halten konnte, sondern täglich mehrere Mal, aber nie wäh-
rendder Nacht, denselben in die Hosen entleerte. Urinexcretion normal. Allgemeinbe-
findenungestört. Die UntersuchungdesRectum ergab keine Abnormität, auch einen fest
schliessenden Sphincter ani. Nach fruchtloser Anwendung der Nux vomica wurde
Ergotin 0,1 neben dem Anus subcutan injicirt, und schon die erste Injection
hatte vollen Erfolg. Noch drei Tage darauf war die Defäcation normal, und ich em-
pfahl der Mutter, beim Wiedereintritt der Incontinenz sich sofort wieder zu mel-
den, was indess nicht geschah.
Ganz ähnlich verhielt sich eine Reihe anderer Fälle, welche auf die-
selbe Weise, aber erst nach der zweiten Injection geheilt wurden, zu
welcher indess, der Probe wegen, nur destillirtes Wassser genom-
men wurde. Durch ein paar energische Schläge auf die Nates un-
mittelbar nach der Injection 'wurde die Cur wesentlich unterstützt.
Dass hier nur der psychische Eindruck d. h. die Furcht vor dem
Einstechen der Spritze und der darauf folgenden Application von Schlä-
gen, wirkte, wird Niemand bestreiten. Ich glaube also, dass auch
manche Fälle von schneller Heilung einer Enuresis nocturna durch
schmerzhafte Eingriffe oder Faradisation in gleicher Weise zu beurthei-
') Oberländer, 1. c.
2) Guinon, De quelques troubles urinaires de l'enfance. Paris, 1889. p. 36.
640 Krankheiten der äusseren Genitalien.
len sind. Mir wenigstens gelang es, einen Fall von mehrjähriger
Enuresis diurna et nocturna durch dieselbe Methode schon nach wenigen
Tagen zu beseitigen1). Unter allen Umständen ist Beschränkung des
Trinkens vor dem Schlaf, und möglichste Vermeidung der Rückenlage
anzurathen, zu welchem Zweck man das Umbinden einer Bürste, deren
Borsten die Haut des Rückens berühren, empfiehlt. Viele Fälle heilen
nach vergeblicher Anwendung verschiedener Mittel schliesslich von
selbst, manche zu einer Zeit, wo bereits die Pubertätsentwickelung vor
sich geht.
III. Krankheiten der äusseren Genitalien.
Schon an einer früheren Stelle (S. 636) berührte ich eine Thatsache,
welche trotz der Arbeiten von Bokai und Schweigger-Seidel2)
vielen Aerzten unbekannt zu sein scheint. Ich meine die Verklebung
der inneren Platte des Präputium mit der Eichel durch ein straffes
Gewebe, welches auch da, wo keine Spur von Phimose vorhanden ist,
die Zurückschiebung der Vorhaut nur theilweise gestattet. Versucht man
dies, so stösst man bald auf ein Hinderniss und überzeugt sich, dass
die innere Platte der Vorhaut mit der Oberfläche der Glans verwachsen
ist, und zwar um so inniger und ausgedehnter, je jünger die Kinder
sind. Diese Adhäsion, welche in der ersten Zeit des Lebens als nor-
mal zu betrachten ist, kann noch bei Kindern von 4—5 Jahren, ja noch
länger bestehen, wenn sie auch mit dem zunehmenden Alter immer be-
schränkter und schlaffer wird. Die verklebende Schicht besteht aus
polyedrischen Epidermiszellen und kommt wahrscheinlich dadurch zu
Stande, dass die aus dem Rete Malpighi an die Oberfläche tretenden
Zellen nicht in normaler Weise verhornen, sondern mit Protoplasma ge-
füllt bleiben und die Verklebung der beiden Flächen vermitteln. Durch
diese partielle, aber auch im ganzen Umfange der Eichel ringförmig
stattfindende Verwachsung kann Retention von Smegma jenseits der-
selben und Balanitis bedingt werden, welche eine cystenartige, das ganze
vordere Penisende einnehmende Anschwellung des Präputium herbei-
führt. Unter diesen Umständen, welche wir öfter in der Poliklinik be-
obachteten, wird durch Lösung der Adhäsion mittelst der Sonde und
') Als in dieselbe Categorie gehörend, führe ich den Fall eines 12jähr. Knaben
an, der seit Jahren fast allnächtlich einen Finger in sein Rectum einführte und darauf
Faeces in sein Bett entleerte. Am 18. Juli kam er in die Klinik, bekam Chloral
ohne Erfolg, wurde aber schon durch die Androhung, ihn mit Elektricität und
Glüheisen zu tractiien, vollständig geheilt.
2) Virchow's Archiv, ßd. 27. Heft 2. - Jahrb. f. Kinderheilk. V. Heft 1.
Vulvitis. 641
Umschläge von Bleiwasser schnell Heilung bewirkt. Die bei weiblichen
Kindern bisweilen vorkommende Verklebung der kleinen Labien, welche
ich schon (S. 636) als Ursache von Dysurie berührte, scheint auf die-
selbe Weise zu entstehen, wie die Adhäsion der Vorhaut, aber nur dann,
wenn die kleinen Schamlippen ihrer ganzen Länge nach sich gegenseitig
berühren ').
Nicht ganz selten, (etwa 10 Mal unter 100 Neugeborenen) beob-
achtet man Kryptorchie, d. h. den Mangel eines, seltener beider
Hoden im Scrotum. Im normalen Zustande passirt der Hoden den In-
guinalkanal im 9. Monat des Fötuslebens; zuweilen geschieht dies aber
erst nach der Geburt, so dass man nicht vor dem 9. oder gar 30. Le-
benstage den Vorgang beendet sieht. Ungewöhnliche Enge des Leisten-
rings oder entzündliche Processe, welche Adhäsionen des Hodens her-
beiführen, können nun das Herabsteigen des letzteren verhindern, wobei
er entweder in der Bauchhöhle oder vor dem Annulus inguinalis fixirt
bleibt, und zwar bisweilen fürs ganze Leben, ohne dass daraus Nach-
theile für die Functionen der Genitalien erwachsen. Die Diagnose der
Kryptorchie ist leicht; Sie finden das Scrotum klein, auf einer oder gar
auf beiden Seiten leer, während der Hoden, meistens von natürlicher
Grösse, zuweilen aber durch serösen Erguss im Scheidenkanal bis zur
Grösse eines Taubeneies und darüber geschwollen, vor oder hinter dem
Leistenringe bald mehr bald weniger deutlich fühlbar, und bei loserer Fi-
xirung etwas verschiebbar ist. Im Allgemeinen soll der rechte Hoden
häufiger, als der linke, im Scrotum fehlen. Verzögert sich das Herab-
steigen ungewöhnlich lange, z. B. bis ans Ende des ersten Lebensjahrs,
so ist die Bildung eines Inguinalbruchs zu fürchten. Nur selten kommt
es bei Kryptorchie zur Einklemmung des Hodens im Leistenkanal mit
heftigen Schmerzen und consecutiver Entzündung, welche eine absolut
ruhige Lage und die Anwendung antiphlogistischer Mittel (Eisblase,
Blutegel) erheischt; gegen die Kryptorchie selbst lässt sich nichts thun.
Man vergesse übrigens nicht, dass im normalen Zustande bei straffer
Contraction des Scrotum die Testikel durch den Cremaster so hoch her-
auf gezogen werden können, dass man sie vor dem Annulus inguinalis
fühlt, und erst, wenn das Scrotum erschlafft, sich davon überzeugt, dass
Kryptorchie nicht vorliegt.
Krankheiten des Hodens kommen, abgesehen von der häufigen
Hydrocele, bei Kindern nur selten vor. Ich erinnere Sie an die früher
(S. 96) erwähnten Anschwellungen im Gefolge hereditärer Syphilis,
') Bokai, Jahrb. f. Kinderheik. 1872. S. 163.
Heiioch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. . j [
642 Krankheiten der äusseren Genitalien.
die nach meiner Erfahrung häufiger sind, als die hie und da beobach-
teten und mit denen der Erwachsenen übereinstimmenden Medullar-
sarcome und Enchondrome. Anch Tuberculose und käsige
Entartung des Hodens ist mir im Verhältniss zur enormen Frequenz
dieser Processe in anderen Theilen immerhin selten vorgekommen,
wenigstens als klinischer Befund. Die Schwellung betraf gewöhnlich
einen oder beide Nebenhoden, welche hart und höckerig erschienen, und
zog nur selten den Testikel selbst in ihren Bereich, wobei dann knotige
Tumoren von Wallnuss- bis Apfelgrösse entstanden, welche durch den
Hinzutritt einer Hydrocele noch vergrössert wurden, von Zeit zu Zeit
sich entzündeten, aufbrachen und käsigen Eiter entleerten. Fast alle
Kinder, von denen einzelne sich noch im Beginne des 2. Lebensjahrs be-
fanden, litten dabei an Tuberculose anderer Organe, Caries verschiedener
Knochen, oder chronischer Peritonitis. Die Behandlung fällt der
Chirurgie anheim, Incision und Auskratzung, Jodoformverband, sobald
Eiterung eintritt oder schon fistulöse Durchbrüche vorhanden sind.
Bei kleinen Mädchen beobachtet man häufig in den äusseren Geni-
talien ein dickes kleisterartiges Secret, welches aus desqHamirten Epi-
thelien besteht, bei Unreinlichkeit aber durch den Reiz des beigemisch-
ten Smegma einen Catarrh erzeugen kann (Epstein). Viel seltener
kommt es schon in den ersten Lebenstagen zu spärlichen oder reich-
licheren Vaginalblutungen, welche auch mit der um diese Zeit statt-
findenden Epithelabstossung zusammen zu hängen scheinen und ohne
Nachtheil ertragen werden. Von einer frühzeitigen Menstruation
ist dabei nicht die Rede, denn wenn diese auch schon im 11. — 12. Le-
bensjahre nicht gerade selten eintritt, so ist sie doch vor diesem Ter-
min, z. B. schon im 3. oder 7. Jahre l) nur ausnahmsweise beobachtet
worden. Jedenfalls hüte man sich, jede Blutung aus den Geschlechts-
theilen kleiner Mädchen als ein Zeichen frühzeitiger Menstruation aufzu-
fassen. Die Quelle derselben liegt vielmehr, wie die Untersuchung er-
giebt, oft in Papillomen der Vulva und Vagina, öder in einem poly-
penartigen Vorfall der gewulsteten Urethralschleimhaut. Aus der
Mündung derselben drängt sich dann ein dunkelrother, leicht blutender
AVulst hervor, welcher so gross werden kann, dass er die Schamspalte aus-
einander treibt. Der dabei stattfindende Urindrang wird leicht übersehen; erst
die Blutung erregt die Aufmerksamkeit der Mütter. In mehreren Fällen,
welche auf meiner Klinik bei Mädchen von 7, 10 und 12 Jahren beob-
') Oesterr. Zeitschr. f. Päd. 1877. VIII. S. 26. — Deutsche Zeitsehr. f. praot.
Med. 1878. S. 487.
Vulvitis. 643
achtet wurden, erzielten wir durch wiederholte Cauterisation der ge-
wulsteten und prolabirten Schleimhaut Heilung. Blutungen in Folge
von maligner Entartung der Vaginalportion1) sind mir selbst niemals
vorgekommen. —
Die häufigste Erkrankung der Genitalien kleiner Mädchen bildet
die Leukorrhoe. In der Regel werden die Kinder Ihnen zugeführt,
wenn bereits seit einigen Wochen ein schleimig-eiteriger Ausfluss aus den
Geschlechtstheiien bemerkt worden ist, und bei der Untersuchung sehen
Sie dann eine purulente Flüssigkeit mehr oder weniger reichlich aus den
Genitalien hervorquellen, welche an der inneren Fläche der Labien und
Oberschenkel zu dünnen Borken vertrocknet und , wie der Fluor
albus der Erwachsenen, in der Wäsche steife, grünlich gelbe Flecke
macht. Die Schleimhaut des Introitus vaginae ist dabei in verschiedenem
Grade geröthet, auch wohl leicht erodirt, die grossen und kleinen La-
bien sind nicht selten etwas angeschwollen und empfindlich. Häufig ist
Dysurie damit verbunden, und manche Kinder wollen nicht mehr gehen,
weil ihnen die dabei unvermeidliche Reibung der entzündeten Theile
Schmerzen verursacht.
Man ist geneigt, in solchen Fällen immer an den Versuch eines
Stuprum zu denken, und meine eigene Erfahrung lehrte mich leider,
dass dieser Verdacht begründet sein kann. Ich verfüge über eine Reihe
von Fällen bei 4- bis 12jährigen Kindern, welche als Opfer der Roh-
heit, Entsittlichung oder eines gewissen Aberglaubens gefallen waren,
sei es nun, dass wirklich ein gewaltsamer Versuch, den Penis einzu-
führen, oder unzüchtige Manipulationen mit den Fingern stattgefunden
hatten. Bisweilen musste ein älterer Bruder, der mit dem Kinde zusammen-
schlief, oder sogar der eigene Vater als der schuldige Theil angesehen
werden. Eine Zerreissung des Hymen2) fand dabei nur sehr selten
statt, da die Enge der Theile kein vollständiges Eindringen des Penis
gestattete. Aber trotz dieser Erfahrungen rathe ich Ihnen, mit der An-
nahme eines Stuprum recht vorsichtig zu sein, weil es oft vorkommt,
dass manche Mütter, welche diese Ursache angeben, sich selbst täuschen,
andere den Arzt hintergehen, um von diesem ein zu unlauteren Zwecken
verwendbares Attest zu erlangen. Nur in ganz unzweifelhaften Fällen
dürfen Sie auf dies Verlangen eingehen, da ausser dem gewaltsamen
Versuche des Ooitus doch noch andere Ursachen in Betracht gezogen
') Ganghofer, Prager Zeitschr. f. Heilk. IX.
2) Ueber die Form des Hymen bei Kindern, welche zu Missdeutungen Anlass
geben kann, vergl. Skrzeczka, Vierteljahrsschr. f. gerichtl. Med. 1866.
41*
644 Krankheiten der äusseren Genitalien.
werden müssen. Schon die Unreinlich keit, die Anhäufung von Sebum
zwischen den Labien kann einen Reizzustand herbeiführen, der zunächst
Vulvitis hervorruft und sich dann tiefer auf die Schleimhaut fort-
setzt; noch intensiver wirken die häufigen Manipulationen der Kinder
selbst oder ihrer Gespielen an den Genitalien, und der Reiz von
Oxyuren im Rectum, welcher zum häufigen Kratzen des Anus und seiner
Umgebung antreibt. Wo diese Anlässe fehlen, kann man auch an die
Möglichkeit einer localen Erkältung denken, welche indess nurselten sicher
nachzuweisen ist. Wiederholt beobachtete ich Fluor albus in Folge von
Scharlach, wahrscheinlich durch Uebergang der Hautentzündung von den
Labien her auf die benachbarte Schleimhaut. Ansteckung durch Tripper
oder Fluor albus anderer Personen ist zwar nicht immer mit absoluter
Sicherheit zu constatiren; doch sprechen das auch von mirwiedorholt beobach-
tete gleichzeitige Vorkommen bei mehreren Kindern derselben Familie, in
demselben Pensionat u. s. w., so wie die nachgewiesene Möglichkeit einer
Uebertragung auf die Conjunctiva des Auges, dafür, dass das infec-
tiöse Element auch bei Kindern eine wichtige Rolle spielen kann1).
In diesen Fällen scheint die Urethra vorzugsweise oder selbst primär
der Sitz der Krankheit zu sein. Man sieht dann, wie Cahen-Brach
richtig angiebt, beim Druck von unten und hinten her, einen Eitertro-
pfen aus der Urethralöffnung hervorquellen. Die bacteriologische Unter-
suchung des Secrets ergiebt hier immer den Befund von Gonococcen,
und wenn ich auf diesen Befund die Diagnose gründen darf, so muss
ich die infectiöse Leukorrhoe für die bei weitem häufigste auch im
Kindesalter erklären. In einem dieser Fälle, bei einem 8jährigen Mäd-
chen, kam es auch zu einer schmerzhaften fieberlosen Anschwellung
des linken Handgelenks, welche 7 Tage bestand und der Synovitis go-
norrhoica der Erwachsenen durchaus ähnlich war2).
Zu den bisher erwähnten Symptomen treten mitunter noch Ero-
sionen und Ulcerationen der kleinen und grossen Schamlippen, welche
') Pott, Jahrb. f. Kinderheilk. XIX. 1882. S. 71. — Hirschberg. Berliner
klin. Wochenschr. 1884. No. 33.— Widmark, Jahrb. f. Kinderheilk. XXIII. S. 210.
— E. Fränkel, Archiv f. Kinderheilk. VI. S. 372. — Cseri, Pesth. med. chir.
Presse. 1885. No. 11. — v. Dusch, Deutsche med. Wochenschr. 1888. No. 41. —
Skutsch, über Vulvo-vaginitis gonorrhoica bei kleinen Mädchen. Iuaug. Diss. Jena
1891. — Epstein, Arch. f. Dermatol. u. Syphilis. XXIII, 1891. —Cahen-Brach ,
Verhandl. d. 9. Vers, der Gesellsch. f. Kinderheik. Wiesbaden 1892, u. Deutsche
med. Wochenschr. 1892. No. 32.
2) Koplick, (New-York. med. Journ. 21. Juni 1890) und Cahen-Brach
(1 c.) beobachteten ähnliche Fälle.
Vulvitis. 645
den Verdacht einer syphilitischen Infection erregen können. In den
meisten Fällen aber, selbst da, wo ein Stuprum ausser Zweifel stand,
war der Eindruck doch nur der einer durch äussere Gewalt erzeugten
Entzündung. Nur sehr vereinzelte Fälle von wirklichen Schankern bei
11- bis 13jährigen Mädchen, welche bereits der Venus vulgivaga opferten,
machten davon eine Ausnahme. Sonst handelte es sich immer nur um
oberflächliche Substanzverluste, welche der Maceration durch das eiterige
Secret und der Reibung zugeschrieben werden mussten. Bisweilen kam
es auch zum Ausbruch vieler gruppenweise auf den gerötheten grossen
Labien beisammenstehender Herpesbläschen, die ganz wie Zoster
aussahen, aber doppelseitig auftraten und sich über das Perineum bis
zum Anus hinzogen'), selten zu Wandererysipelen, die sich über die
unteren Extremitäten verbreiteten.
Die Behandlung, welche wir in Anwendung zogen, bestand, ab-
gesehen von den seltenen syphilitischen Fällen, in absolut ruhiger Lage,
fleissigen Fomentationen mit Bleiwasser, und wo diese nicht bald wirkten,
in Einspritzungen desselben, von Tannin oder Alaun (5 : 100), Zincum
sulphuricum (1:100), Argent. nitricum (1—3:100), Chlorzink (0,5:200),
Zinc. acet. (2 : 100) oder Sublimat (1 : 1000) in die Vagina. Nicht
selten war es nöthig, den Kindern das Berühren der Genitalien durch
Einwickeln der Hände unmöglich zu machen. Trotzdem vergingen oft
viele Wochen, ja Monate, bevor das Uebel als gänzlich gehoben be-
trachtet werden konnte. Pott empfiehlt als schnell wirkendes Mittel
Jodoform (5 Th. und 1 Th. Gummi arab.) mit einem Gummigebläse
durch ein dünnes Speculum in die Scheide hineinzublasen, oder Jodoform-
bougies in der Vagina schmelzen zu lassen. Auch wir haben in der
Klinik vielfach Versuche mit Bougies (Jodoform oder Tannin (0,1 — 0,2)
mit Butyr. Cacao 1,0 zu dünnen Stäbchen geformt) vorgenommen,
konnten aber nur selten einen schnellen Heilerfolg beobachten2). Aber
nicht nur mit der Hartnäckigkeit der Affection hat man zu rechnen;
einzelne von mir beobachtete Fälle sprechen vielmehr dafür, dass auch
eine Verbreitung durch die Urethra auf die Blase (S. 636), ja sogar
auf die Schleimhaut des Uterus und durch diesen auf das Peritoneum
stattfinden kann.
In einer anderen Reihe von Fällen handelt es sich nicht bloss um
') Demme, (Jahresbericht pr. 1886. S. 31), beobachtete bei kleinen Mädchen
Tuberculose der Genitalschleimhaut mit lenticulären Geschwüren, deren Natur
durch die bacilläre Untersuchung festgestellt wurde.
2) Frühwald, Wiener med. Wochenschr. 7. 1883.
646 Krankheiten der äusseren Genitalien.
eine entzündliche Affection der Schleimhaut, sondern von vorn herein
bildet sich eine umfängliche, mehr oder weniger harte und gespannte,
geröthete Anschwellung einer grossen Schamlippe, welche gewöhn-
lich auf diese beschränkt bleibt, seltener auf die andere und sogar auf
den Mons veneris übergreift. Dabei kann die Schleimhaut des Introitus
und die äussere Haut der Schamlippen sonst intact und das Allgemein-
befinden ungestört sein; nur einmal, bei einem 3jährigen Mädchen, sah
ich gleichzeitig Urticaria auftreten. Die Ursache dieser Anschwellungen
konnte ich niemals sicher constatiren. Unter fortgesetzten Fomentationen
mit lauem Bleiwasser bildeten sie sich entweder innerhalb 8—14 Tagen
zurück, oder gingen unter zunehmender Röthe und Schmerzhaftigkeit in
Abscesse über, welche frühzeitige Incisionen erforderten.
Von diesen einfach entzündlichen Anschwellungen muss man eine
bedenklichere Art unterscheiden, welche starke Neigung zum gangrä-
nösen Zerfall der betroffenen Theile zeigt. Der Brand der Vulva
kann schon aus einer harten Infiltration des Labium bei intacter Schleim-
haut und Cutis hervorgehen, häufiger ist er die Folge einer von der
Oberfläche der Schamlippe mehr und mehr in die Tiefe dringenden und
mit diphtheritischen Auflagerungen bedeckten Ulceration. In die
erste Categorie gehört der folgende Fall:
Marie K., 2jährig, aufgenommen am 26. Februar, von blühendem Aussehen.
Seit 4 Tagen zunehmende harte Anschwellung der linken grossen Schamlippe, welche
nunmehr dunkelroth erscheint und an der inneren Fläche einen tiefdringenden grauen,
von einem völlig schwarzen Rande umgebenen Substanzverlust zeigt , welcher erst
seit V/2 Tagen bemerkt worden sein soll. Dabei lebhaftes Fieber (Ab. 40,3; Puls
160—176). Sonst alles normal. Kräftige Application des Glüheisens auf die
brandige Partie und ihre Umgebung. Schon am folgenden Tage Fieber beinahe ver-
schwunden (Mg. 36,8, Ab. 38,3; P. 116). Am 4. März Abstossung des Brandschorfs
unter Zurücklassung einer reinen Wundfläche. Völlige Heilung nach kurzer Zeit.
Die schnelle Wirkung des Glüheisens sowohl auf das Fieber, wie
auf den localen Process, spricht für eine rein örtliche, vielleicht trauma-
tische Ursache des letzteren, welche schnell eine ausgedehnte starre In-
filtration und Necrose der ganzen Schamlippe herbeiführte. Die zweite
Form beginnt sofort mit dunkler livider Röthe des Labium und der be-
nachbarten Schleimhaut, worauf die Epidermis sich zu Blasen abhebt
oder fetzenförmig abstösst, und schliesslich schmutzig graue oder blau-
rothe Ulcerationen, besonders an der inneren Fläche beider Labien zu
Stande kommen. Die letzteren sind ödematös, oder hart infiltrirt und
geschwollen. Die Geschwüre bedecken sich bald mit einer gelblich
grauen oder schwärzlich grünen bröcklichen Schicht, und greifen rasch
Vulvitis. 647
in die Tiefe, so dass nicht bloss ganze Stücke der Scharnlippe weg-
gefressen werden, sondern auch ein Uebergreifen des Brandes auf die
Schleimhaut der kleinen Labien und die Vaginalöffnung stattfinden kann.
Sie finden hier also eine völlige Analogie mit dem Noma der Wange,
welches, wie ich (S. 473) erwähnte, sowohl von der Schleimhaut, wie
von der Dicke der Wange selbst ausgehen kann. Auch die Ursachen
der Gangräna vulvae stimmen mit denen des Noma durchweg überein,
allgemeine hochgradige Cachexie verkommener Kinder, vorausgegangene
Infectionskrankheiten (besonders Masern, Scharlach und Typhus), und
gangränöse Processe in anderen Körpertheilen. Das letztere beobachtete
ich bei einem 12jährigen phthisischen Mädchen, bei welchem sich Lungen-
brand und schliesslich gangränöser Zerfall der Schamlippen entwickelte1).
Unter diesen Umständen ist natürlich von vorn herein eine schlechte
Prognose zu stellen, während in minder ungünstigen Verhältnissen die
Hoffnung nicht aufgegeben werden sollte. Wir fomentirten und ver-
banden die brandigen Partien mit Carbolsäure (2 — 3 pCt), Vinum cam-
phoratum, Chlorzink (0,3 : 150,0), in den letzten Jahren am häufigsten
mit Jodoform. Im Nothfall muss auch hier das Glüheisen applicirt
werden. Bei starker Härte und Geschwulst des Labium dürften tiefe
Incisionen zu empfehlen sein, um die Spannung zu heben und den
Uebergang in Necrose zu verhüten. Wenigstens sah ich bei einem
3jährigen Mädchen, dessen rechte, mit einem pfennigstückgrossen Ge-
schwür bedeckte Schamlippe sehr voluminös und steinhart geworden
war, nach 3 Einschnitten, welche nur Blut, aber keinen Tropfen Eiter
entleerten, die Härte rasch abnehmen und binnen wenigen Tagen ganz
verschwinden.
') Charite'-Annalen. Jahrg. I. S. 618.
648 Infectionskrankheiten.
Achter Abschnitt.
Die Infectionskrankheiten.
Die Fortschritte der bacteriologischen Forschung haben unsere Ein-
sicht in das Wesen der wichtigsten Infectionskrankheiten des Kindes-
alters, mit denen wir es hier zu thun haben, bisher nur wenig gefördert.
Wenn man auch, gestützt auf die evidenten Befunde bei Febris recurrens,
Milzbrand, Tuberculose und Diphtherie, kein Bedenken trägt, auch
Masern, Scharlach und Pocken als Producte einer specifischen Bacterien-
wirkung zu betrachten, so lässt sich ja, wenn man den Entwicklungs-
gang der Microbienlehre berücksichtigt, gewiss nichts dagegen einwenden.
Aber man darf doch nicht vergessen, dass weder die pathogenen Or-
ganismen, noch ihre Stoffwechselproducte (die sogen. Ptomaine und
Toxine), welche die eben genannten Krankheiten erzeugen sollen, bis
jetzt gefunden sind. Vielleicht liegt es nur daran, dass uns die Methode
noch unbekannt ist, deren wir zum Nachweis der betreffenden Micro-
organismen bedürfen. Vorläufig hat man keinesfalls ein Recht, von
Scharlachbacterien ') u. s. w. mit jener absoluten Sicherheit zu sprechen,
die nur durch ganz exacte Beobachtung und Experimentirung begründet
werden kann.
Dass man bei den in Rede stehenden Krankheiten in gewissen Drüsen
und in vielen anderen Organen verschiedene Formen von Bacterien, zu-
mal Streptococcen, gefunden hat, ist bekannt. Diese alle haben aber
durchaus nichts Specifisches und gehören vorzugsweise den »septischen«
Arten an. Man darf nicht übersehen, dass die in der Atmosphäre stets
massenhaft verbreiteten Keime kleinster Organismen sich auf kranken,
mit Zersetzungsproducten imprägnirten Theilen am schnellsten entwickeln
und vervielfältigen werden, und dass sie von hier aus durch den Lymph-
oder Blutstrom leicht in tiefer gelegene, selbst entfernte Theile gelangen
können. Die Läsionen der Rachen- und Nasenschleimhaut bei Scharlach
') Jamieson und Edington, British med. Journ. 11. Juni 1887. — Esche-
rich, Centralbl. f. Bacteriologie u. s. w. I. No. 13. — Behla, ibid. XIII. 1893.
No. 2.
Infectionskrankheiten. 649
und Diphtherie bieten dazu nur allzuhäufig den günstigsten Boden dar,
und ich selbst habe Fälle dieser Krankheit gesehen, in welchen die
Section in den Lungen und auf den Herzklappen Oonglomerate jener
»kleinsten Organismen« (Streptococcen) nachwies, welche wahrscheinlich
von den tief ulcerirten Tonsillen her durch den Säftestrom importirt
waren. Man kann sich also unter diesen Umständen eine combinirte
Action zweier verschiedener Infectionsträger vorstellen, von denen die
erste eine specifische, uns zum Theil noch unbekannte ist, die zweite
aber auf dem Eindringen von Microorganismen beruht, welche uns von
anderen Verhältnissen her als Träger der Sepsis bekannt sind. Die in
neuester Zeit mitgetheilten Untersuchungen über »Mischinfection« ')
sind nach dieser Richtung hin von grossem Interesse.
Durch den Nachweis dieser »secundären« oder »Mischinfection«
werden auch die Beobachtungen über das gleichzeitige Auftreten
verschiedener acuter Infectionskrankheiten in einem und dem-
selben Individuum verständlich. Am häufigsten sehen wir acute Exantheme,
besonders Masern, seltener Diphtherie, sich im Verlaufe von Keuchhusten
entwickeln und gleichzeitig mit diesem bestehen. Die Literatur hat aber
auch eine Reihe von Fällen aufzuweisen, in welchen zwei verschiedene
acute Exantheme nebeneinander in demselben Körper bestanden und ein
nicht leicht zu deutendes Krankheitsbild darstellten. Wenn auch gewiss
nicht alle Beobachtungen dieser Art vor einer strengen Kritik Stand
halten dürften, manche vielmehr auf einer Verwechselung mit recidi-
virenden Scharlach- öder Masernexanthemen oder gar mit Erythemen zu
beruhen scheinen, so bleibt doch noch immer eine Anzahl sicher con-
statirter Fälle übrig, zu denen ich auch einige von mir selbst beobach-
tete zählen darf.
Franz K., 9 Jahre alt, aufgenommen am 4. März mit Varicellen, welche
seit zwei Tagen bestehen. Der ganze Körper ist mit den charakteristischen, zum
Theil gedeihen Bläschen bedeckt, einzelne sind auch am harten Gaumen sichtbar.
T. 38,0, Ab. 39,5. Am folgenden Tage kam es noch zu einzelnen Nachschüben auf
den unteren Extremitäten, während ein Theil der Bläschen sich eiterig trübte, ein
anderer eintrocknete. Am 7. früh kein Fieber, aber Klagen über Schmerzen beim
Schlucken, Angina. Abends Ausbruch von Scarlatina mit 40,0, welche am folgen-
den Tage sich diffus entwickelte, und nun das interessante Bild einer starken Haut-
röthe darbot, auf welcher die theils eingetrockneten, theils noch mit Eiter gefüllten
') A. Fränkel und Freudenberg, Ueber Secundärinfection nach Scharlach.
Centralbl. f. klin. Med. 1885. No. 45. — Cooke, Fortschritte der Medicin. 1885.
No. 20. — Heubner, Ueber die Scharlachdiphtherie u. s. w. Leipzig, 1888. —
Lenhartz, Jahrb. f. Kinderheilk. XXVIII. S. 290.
650 Infectionskrankheiten.
Varicellen perlartig sich abhoben. Der weitere Verlauf normal. Entlassung am
13. April.
Die Ansteckung des Knaben mit Scharlach konnte hier in der Klinik
erfolgt sein, wo er 36 Stunden lang in der alten für Infectionskrank-
heiten bestimmten Abtheilung, die zum Theil mit Scharlachkranken
belegt war, gelegen hatte. Nehmen wir auch nur ein ganz kurzes In-
cubationsstadium des Scharlach von einem bis zwei Tagen an, so würde
doch die Infection mit demselben immer noch in die Zeit fallen, in
welcher der Varicellenprocess noch nicht völlig abgelaufen war und das
Fieber noch fortbestand. Bei einem 1jährigen Kinde, aufgenommen mit
beginnender Eruption von Varicellen, entwickelten sich nach 5 Tagen
Masern, so dass beide Exantheme noch neben einander sichtbar waren.
Otto W., 7 Jahre alt, aufgenommen am 31. October mit Spondylitis und einem
Congestionsabscess auf der rechten Seite der Lumbaiwirbel. Oeffnung desselben und
antiseptischer Verband. Am 29. November Ausbruch von Scharlach mit starker
Angina und hohem Fieber. Am 5. December beginnende Abschuppung, Exanthem
verblasst; am folgenden Tage unter gesteigertem Fieber rechts oben vorn und
hinten Dämpfung, unbestimmtes Athmen und Knisterrasseln. R. 48, T. 40,1. Am
7. auf dem Gesicht, den Armen und Unterschenkeln Ausbruch eines neuen fleckig-
papulösen Exanthems mit allen Charakteren der Masern; Coryza mit starkem eite-
rigem foetidem Secret, enorme Unruhe, Somnolenz, croupöser Husten und stenotische
Athmung. Tod in der Nacht. Section: Pharyngitis und Laryngitis diphtheritica,
Croup der Trachea und grossen Bronchien, fibrinöse Pneumonie des rechten Ober-
und Mittellappens.
Alexander S., 4 Jahre alt, aufgenommen am 16. Februar mit Prolapsus ani.
Am 27. unter starkem Fieber Eruption von Scharlach mit massiger Pharyngitis;
Beginn der Abschuppung im Gesicht am 4. März, Exanthem verschwunden. Am 5.
unter erneutem starkem Fieber (40,2) ein sich rasch von oben nach unten verbrei-
tendes papulöses Masernexanthem mit reichlichem Husten und catarrhalischen
Geräuschen. In den nächsten Tagen fortdauerndes hohes Fieber, Dyspnoe, R. 54,
hinten beiderseits feinblasiges Rasseln. Tod am 15. Section: Bronchitis capillaris,
Bronchopneumonia multiplex. Fettige Entartung der Leber.
Dafür, dass es sich in beiden Fällen um wirkliche Masern, nicht
etwa um ein Scharlachrecidiv handelte, sprach ausser der Form des
Exanthems auch die begleitende Affection der Athmungsorgane. Da nun
das Incubationsstadium der Masern mindestens 1 2 Tage beträgt, so musste
die Infection mit denselben entweder gleichzeitig oder selbst noch vor
derjenigen mit Scharlach erfolgt sein.
Mädchen von 5 Jahren, aufgenommen mit Masern, welche am 14.November
erschienen waren. Nach der Eruption Fortdauer des Fiebers. Während 6 Tagen
treppenförmiges Ansteigen der Temperatur bis zu 40,0 in den Abendstunden, ohne
Infectionskrankheiten. 651
dass die Untersuchung ein Localleiden ergiebt. Am 21. Milztumor fühlbar, am
22. reichliche Roseola auf Brust und Bauch. Apathie, Diarrhoe, dick belegte Zunge.
Typhus abdominalis, welcher nunmehr seinen gewöhnlichen Lauf nimmt.
Nach der bekannten Dauer der Incubationsstadien musste das Kind
fast gleichzeitig mit beiden Contagien inficirt worden sein.
Weit häufiger als diese Fälle sind diejenigen, in welchen zwei oder
mehrere acute Infectionskrankheiten nicht gleichzeitig, sondern succcesiy
nach verhältnissmässig kurzen Intervallen ein und dasselbe Individuum
befallen. Meine Abtheilung in der Charite, deren Räume bis zum Jahre
1885 keine genügende Trennung der verschiedenen Infectionskrankheiten
von einander gestatteten, lieferte ein besonders reiches Material für solche
Beobachtungen. Häufig wurden Reconvalescenten der Masern schon
nach wenigen Tagen vom Scharlach befallen und umgekehrt; Kinder, die
wegen Diphtherie und Croup tracheotomirt wurden, bekamen Scharlach
u. s. w. Bisweilen folgten sogar 3 oder 4 solcher Krankheiten rasch
auf einander.
Bertha W., 3 jährig, aufgenommen am 29. November mit Keuchhusten,^am
1. December Ausbruch der Masern, mit denen das Kind schon ausserhalb des
Krankenhauses inficirt sein musste; am 4. fieberfrei. Am 11. neues Fieber, in der
Nacht Scharlach mit nachfolgender Nephritis. Heilung. Während der ganzen Zeit
bestand der Keuchhusten unverändert fort.
Anna Th., öjährig, aufgenommen am 10. März mit Keuchhusten und
Diphtherie. Völlige Aphonie, welche Croup befürchten lässt und das Giemen der
Pertussisanfälle in einen heiseren Stridor verwandelt. Albuminurie. Vom 14. an
Besserung, Heilung am 20. — Vom 10. April an Fieber, schon am 12. reichlicher
Masernausbruch mit starkem Bronchialcatarrh und Angina. Heilung. — In den
ersten Tagen des Mai neue fieberhafte Erkrankung, Ausbildung eines lleotyphus,
welcher nach regelmässigem Verlauf binnen 3 Wochen glücklich endet.
Elise W., 8jährig, aufgenommen am 8. November mit Scharlach. Fieber
durch Coryza und Adenitis cervicalis unterhalten. Am 16. Ausbruch von Varicellen
mit Zunahme des Fiebers (Ab. 40,2). Am 18. Heiserkeit, Catarrh. Temp. Ab. 40,3.
Den 21. Temp. M. 40,2, Ab. 40,4. Am folgenden Tage Ausbruch von Masern, die
einen letalen Verlauf nahmen.
4jähriges Kind. Ausbruch von Scharlach am 5. Juni, abgeblasst am
10. Juni. Eruption von Varicellen am 12. Juni.
Mädchen von 6 Jahren, aufgenommen am 4. November mit Keuchhusten,
bekommt am 8. Scharlach mit Nephritis, am 14. Masern; geheilt. Ein anderes,
am 18. Juli 1882 mit Masern aufgenommen, ist am 20. entfiebert, am 21. T. 40,2.
Scarlatina. Ein drittes, am 21. Juni 1885 mit Typhus aufgenommen, zeigte am
28. Morbilli, an denen sie den 6. Juli stirbt.
652 Inlectionskrankheiten.
Fälle, wie der letzte, in denen die Ansteckung mit Masern, wegen
der Kürze des Spitalaufenthalts, unzweifelhaft noch im elterlichen Hause
stattgefunden hatte, kommen natürlich auch in der Privatpraxis vor.
Weit häufiger natürlich in Kinderhospitälern, wo sie sich nur dadurch
verhindern oder wenigstens erheblich beschränken lassen, dass man
Isolirhäuser baut, welche durch ihre Einrichtung gestatten, die mit
Masern, Scharlach und Diphtherie behafteten Kinder in drei ganz von
einander getrennten und mit einem besonderen Wartepersonal ver-
sehenen Räumen unterzubringen. Auch unsere Kinderklinik ist seit dem
Mai 1888 in die glückliche Lage gekommen, über eine solche Ein-
richtung zu disponiren. Seitdem haben wir eine sehr bedeutende Ab-
nahme der sogenannten »Hausinfectionen« zu verzeichnen, so dass Monate
vergehen, wo nicht eine einzige vorkommt. Ganz zu vermeiden werden
freilich solche Infectionen niemals sein, auch wenn die Isolirung noch
strenger durchgeführt wird, als es in unseren Verhältnissen möglich
wird. Wer will überhaupt mit voller Sicherheit entscheiden, ob die
fragliche Infection in der Anstalt erfolgt , oder von aussen an den Be-
suchstagen eingeschleppt ist? Ganz abgesehen davon, dass die Kinder
im Krankenhause von Infectionskrankheiten ebenso gut befallen werden
können, wie im Schoosse der Familie.
I. Das Scharlachfieber.
Die Scarlatina gehört zu den gefährlichsten und zugleich heim-
tückischsten Feinden des Kindesalters. Meine frühere Klage, dass für
die Abwehr und Bekämpfung dieses Feindes von Seiten des Staates
weit mehr geschehen müsse, als dies bis jetzt der Fall war, hat nun-
mehr durch zweckmässige polizeiliche Anordnungen im deutschen Reich
einen grossen Theil ihrer Berechtigung verloren. Aber ich halte diese
Vorschriften noch immer nicht für völlig ausreichend. Vor allem ist
jedem Kinde, in dessen Familie auch nur ein Fall dieser Krankheit
vorkommt, der Schulbesuch streng zu untersagen, um eine Verschleppung
der Krankheit in die Schulen, diese Brutstätten der Infectionskrankheiten,
möglichst zu verhüten. Man sollte daher die Eltern und den behan-
delnden Arzt nicht nur zur Anzeige jedes Scharlachfalles verpflichten,
sondern im Unterlassungsfalle mit einer Strafe belegen, eine Strenge,
welche nur derjenige missbilligen wird, der die entsetzliche Verwüstung
der Kinderwelt durch diese Krankheit nicht aus eigener Anschauung
kennt. Was hilft es die Schulen zu schliessen, wenn die Ausbreitung
der Krankheit zu einer mörderischen Epidemie schon ihre Acme erreicht
hat! Der Umstand, dass eine Menge von Fällen mehr oder weniger
Scarlatina. 653
leicht verlaufen, kann gewiss nicht gegen die empfohlene strenge Ab-
sperrung geltend gemacht werden, denn ganz abgesehen von der wechseln-
den Mortalität der verschiedenen Epidemien, lässt sich auch im einzelnen
Falle, mag er anfangs noch so leicht erscheinen, weniger wie in irgend
einer anderen Krankheit voraussagen, zu welchen Erscheinungen es über-
haupt noch kommen und wie das Ende sein wird. Sie werden aus
der folgenden Schilderung, welche auf Tausenden selbst beobachteter
Fälle beruht, bald ersehen, dass ich in keiner Weise übertreibe.
Das Scharlachfieber befällt die Kinder gewöhnlich inmitten völliger
Gesundheit. Noch am Abend gesund zu Bett gebracht, erwachen sie am
Morgen mit den Vorboten der Krankheit, oder kehren mit denselben aus
der Schule, von einem Spaziergang heim. Mit den gewöhnlichen Vor-
läufern jeder febrilen Krankheit, Verstimmung, Anorexie, Schläfrigkeit,
mehr oder weniger heftigem Kopfschmerz, verbindet sich fast immer ein-
oder mehrmaliges Erbrechen, bald auch Schmerz im Halse beim
Schlucken, der nur selten fehlt, fühlbar erhöhte Hautwärme und gestei-
gerter Durst. Die Dauer dieser Prodromalsymptome ist verschieden,
jedenfalls aber viel kürzer, als bei allen anderen Infectionskrankheiten,
da im Durchschnitt schon 24, seltener erst 36—38 Stunden nach dem
Auftreten der ersten Krankheitserscheinungen, häufig schon früher,
das Exanthem hervorbricht. Man vergleiche z. B. den folgenden Fall,
dessen Entwickelung auf der Klinik beobachtet wurde:
Kind von 2 Jahren. Abends zuvor gesund. Morgens Missmuth, Anorexie,
Schläfrigkeit. T. 38,0, P. 144. Alle Organe erscheinen normal. Mittags 12 Uhr Er-
brechen. Nachmittags 4 Uhr bereits Röthe auf Thorax und Abdomen. T. 39,7, P.
186. Pharyngitis mit punktförmigen Hämorrhagien des Velum. Diarrhoe u. s. w.
Mitunter eröffnet ein Schüttelfrost, den ich sogar schon bei
einem 2jährigen Kinde beobachtete, oder ein plötzliches ohnmacht-
ähnliches Zusammenbrechen die Scene, worauf sofort sehr hohe
Temperatur constatirt wird; weit seltener leiten ein oder mehrere epi-
leptiforme Anfälle, die ich nur ausnahmsweise gesehen habe, die Krank-
heit ein. Die Ansicht, dass je kürzer und heftiger das Prodromalstadium
auftritt, insbesondere je rapider die Temperatur in die Höhe geht, um
so schwerer der weitere Verlauf sich gestalte, halte ich nicht für ge-
rechtfertigt. Bei dieser Krankheit ist eben alles unberechenbar.
Daher muss man auch auf einen verspäteten Ausbruch des Exanthems
gefasst sein. In zwei letal verlaufenden Fällen sah ich dasselbe erst
am dritten Abend nach dem Eintritt eines hohen anhaltenden
Fiebers, welches mit Erbrechen, Benommenheit des Sensorium, Zucken
654 Infectionskrankheiten.
der Mundwinkel und Hände, Angina und Diarrhoe verbunden war, her-
vorbrechen, und zwar bei dem einen Kinde zuerst in beiden Inguinal-
falten. Einige andere Fälle von verspätetem Ausbruch verliefen in nor-
maler Weise.
Das Scharlachexanthem erscheint gewöhnlich zuerst am Halse
und auf dem Thorax, einige Stunden später auf den Armen, zumal um
die Ellenbogen herum, seltener im Gesicht, und dehnt sich im Laufe
eines Tages über den Rumpf und die unteren Extremitäten aus. Es
nimmt also nicht den regelmässig vom Gesicht nach unten fortschreiten-
den Gang, wie Masern und Pocken. In seiner Erscheinung zeigt es so
grosse Verschiedenheiten, dass eine für alle Fälle zutreffende Schilderung
unmöglich ist. Im Allgemeinen prävaliren die mittleren Grade, wobei
die Haut, aus einiger Entfernung gesehen, eine diffuse mehr oder
weniger intensive Röthe darbietet, während die nähere Betrachtung er-
giebt, dass diese Röthe aus unzähligen dicht beisammenstehenden rothen
Punkten besteht, welche durch ganz kleine blassere Hautstellen von
einander getrennt sind. Die dunkler gerötheten Punkte scheinen den
Haarbälgen zu entsprechen; wenigstens konnte ich hier, wie bei den
Masern, beobachten, dass wenn der Ausschlag das Abdomen überschritten
hatte, an den Haarwurzeln der unteren Extremitäten bereits eine dunklere
Färbung und leichte Schwellung bemerkbar war. Im Gesicht sind nur
Wangen und Stirn geröthet, oft nur sehr massig, während die Nase und
ihre nächste Umgebung, Oberlippe und Kinn, meistens blass, ins Gelb-
liche spielend erscheinen. Auch die Fusssohlen und Volarflächen der
Hände fand ich meistens frei von Exanthem. Dagegen zeigen der Unter-
leib und besonders die Haut über den Adductoren der Oberschenkel oft
eine besonders intensive Röthe. Wie bei allen acuten Exanthemen bilden
auch hier die einem Druck ausgesetzten Theile, zumal der Rücken und
die Nates, die stärkste und diffuseste Röthe dar, während diese an den
Extremitäten minder stark oder in grossen, durch hellere Partien unter-
brochenen Flatschen auftreten kann. Bei einem Kinde, welches in Folge
der Incision eines Abscesses am linken Oberschenkel eine tiefe und lange
Narbe hatte, war die Umgebung dieser Narbe am stärksten geröthet,
und diese Röthe dauerte noch mehrere Tage nach dem Erblassen des
Exanthems fort. Wahrscheinlich lag der Grund in abnormen, durch die
tiefe Narbe bedingten Spannungsverhältnissen der Haut. — Bei stärkerer
Schwellung der Haarbälge erscheint die Haut rauh. Auf Fingerdruck
schwindet die Röthe momentan, um sofort wiederzukehren. Fährt man
mit dem Fingernagel oder einem Griffel rasch über die geröthete Haut
weg, so entsteht alsbald ein entsprechender weisser Strich, welcher
Scarlatina. 655
mehrere Minuten lang deutlich sichtbar bleibt, so dass man im Stande
ist, auf dieser Haut zu schreiben und die Züge einige Zeit sichtbar zu
erhalten. Diese „raies scarlatineuses", denen in Frankreich Bedeutung
beigelegt wurde, kommen aber auch bei Urticaria, ja selbst auf gesunder
Haut vor, haben also für den Scharlach nichts Charakteristisches. Wich-
tiger ist die wechselnde Intensität des Exanthems, welches Abends in
der Regel stärker hervortritt, aber auch an verschiedenen Tagen ein
wechselndes Erblassen und Wiederaufflammen zeigen kann, das mit den
Schwankungen des Fiebers nicht immer harmonirt.
Mit dem Ausbruche des Exanthems steigt das Fieber, und
dauert ununterbrochen fort, so lange der Ausschlag auf der
Haut steht, d. h. im Durchschnitt 4—6 Tage. Fast in allen, auch
von wichtigen Complicationen freien Fällen finden wir eine hohe Oon-
tinua, deren abendliche Exacerbationen 40,0—41,0 erreichen, während
die Morgenremission höchstens einen Abfall von 1° zeigt. Nur selten
beobachtete ich während einiger Tage den sogenannten Typus inversus,
wobei die Morgentemperatur 1 — 1 1/.,° höher war als die abendliche1).
Mit dem hohen Fieber contrastirt oft die auffallend helle Farbe des
Urins, der indess bei starkem Gehalt an harnsauren Salzen auch dunkel
gefärbt sein kann. Mit dem Erblassen des Exanthems, also etwa nach 4 bis
6 Tagen, tritt eine allmälige Defervescenz ein, wobei die Abend- und
Morgentemperatur gleichmässig heruntergeht und mit dem Verschwinden
des Ausschlags am 6. — 7. Tage ihren Normalstand wieder erreicht.
Bei thermometrischer Untersuchung findet man aber sehr oft, dass selbst
nach der völligen Erblassung des Exanthems und beim Fehlen jeder
Complication die Abendtemperatur noch mehrere Tage 38—39° be-
trägt, die letzten Ausläufer des lnfectionsfiebers, wie wir sie regelmässig
beim Ileotyphus antreffen. Um diese Zeit kommt es oft zu starken,
besonders nächtlichen Schweissen, oder auch zu Eruptionen von Herpes
labialis oder nasalis. Während dieser ganzen Zeit richtet sich das All-
gemeinbefinden vorzugsweise nach dem Verhalten des Fiebers. Bei
leichteren Graden, welche die Maximaltemperatur von 40,0 in den Abend-
stunden nicht übersteigen, können die Kinder, abgesehen von Anorexie
und vermehrtem Durst, sich leidlich befinden, während bei höheren
Temperaturen fast immer grosse Unruhe oder Hang zum Schlummern
und Delirien sich bemerkbar machen. Bei einem 11jährigen Knaben
kam es am 5. Tage, obwohl die Temperatur nur 38,5 betrug, Abends
zu einem förmlichen Tobanfall, wobei er wiederholt aus dem Bette
') Charite-Annalen. III. 1878. S. 513.
656 Infectionskrankheiten.
sprang und furchtbar schrie, so dass Hände und Füsse gefesselt werden
und Chloral (10 : 200 3 Mal ein Kinderlöffel) gegeben werden musste,
worauf gegen Morgen Ruhe eintrat. Der weitere Verlauf war günstig.
Die Frequenz des Pulses entspricht zwar im Allgemeinen der Höhe
der Temperatur, doch darf man sich gerade beim Scharlach, selbst bei
älteren Kindern, durch eine Frequenz bis zu 144 Schlägen und darüber
nicht zu sehr beunruhigen lassen, wenn nur die Qualität des Pulses
eine gute bleibt, d. h. wenn die Spannung der Arterie normal ist und
die einzelnen Schläge deutlich markirt sind.
Die meisten Kinder klagen von Anfang an über Schmerz im Halse,
besonders beim Schlucken, und die Untersuchung ergiebt constant eine
lebhafte Röthe und Anschwellung der Mandeln, des Velum und der
hinteren Pharynxwand, wodurch der Isthmus faucium mehr oder weniger
verengt und das Schlucken beeinträchtigt wird (Angina s. Pharyngitis
scarlatinosa). Dabei kann die Uvula durch die geschwollenen Tonsillen
förmlich eingeklemmt, nach vorn oder hinten gedrängt werden. In
einzelnen Fällen beobachtete ich schon in den ersten Tagen auf der
gerötheten Gaumenschleimhaut kleine Blutextravasate, und die durch
Räuspern entleerten Sputa erschienen dann etwas blutig gefärbt. Häu-
figer sind die gerötheten Theile hie und da mit eiterigem Schleim be-
deckt, welcher sich leicht abstreifen lässt, oder man sieht auf den
Mandeln jene kleinen Eiterpunkte, von denen früher (S. 476) die Rede
war, und vor deren Verwechselung mit einem „diphtherischen" Belag
ich Sie nochmals warne. Die Mundschleimhaut ist fast immer durchweg
geröthet, kann auch wohl bei stärkerer Berührung bluten; die Zunge,
welche in den ersten beiden Tagen einen gelbweissen Belag mit rothen
Rändern zeigt, pflegt diesen vom dritten Tage an abzustreifen, und be-
kommt dann eine gleichmässig dunkelrothe Farbe, wobei die mehr oder
weniger prominirenden Papillen die Aehnlichkeit mit einer Himbeere
vervollständigen (Scharlachzunge). Zwar ist diese Beschaffenheit der
Zunge nicht ganz constant, aber immer doch so häufig, dass ihr eine
fast charakteristische Bedeutung für Scarlatina zukommt l). In einzelnen
Fällen waren alle prominirenden Papillen noch weisslich belegt, während
die Schleimhaut selbst schon dunkelroth erschien. Stark vermehrte
Speichelabsonderung begleitet bisweilen die Mundaffection. Mit dem
Erblassen des Exanthems verschwindet auch allmälig die Entzündung
der Mund- und Rachenschleimhaut, und nur ein paar leicht geschwollene
') Dabei ist aber festzuhalten, dass auch bei Kindern, die nicht am Scharlach
leiden, bisweilen eine ähnliche Beschaffenheit der Zunge beobachtet wird.
Scarlatina. 657
Lymphdrüsen unter den Kieferwinkeln pflegen als Folgen derselben noch
einige Zeit zurückzubleiben. Vorn Ende der ersten Woche an befindet
sich das Kind in voller Reconvalescenz, zeigt aber mitunter noch einige
Tage, wie nach anderen acuten Krankheiten, einen unregelmässigen Puls,
der nicht beunruhigen darf. Um diese Zeit beginnt nun eine Abschup-
pung der Epidermis und zwar um so früher, je intensiver die Hautröthe
war; besonders im Gesicht konnte ich sie oft schon am 4. oder 5. Tage
der Krankheit wahrnehmen. Die Epidermis stösst sich bald mehr kleien-
förmig, bald in grösseren Lamellen und Petzen los. Während am Rumpf
und an den Oberschenkeln die Desquamation oft nur wie ein Schmutz-
belag erscheint, lösen sich von den Fingern, den Hand- und Fussrändern
förmliche Lappen ab; dasselbe beobachtete ich bisweilen auf den Nates>
der Bauchhaut, den Fusssohlen, ja bei einigen Kindern wurde der äussere
Gehörgang durch abgestossene Epidermis so verstopft, dass das Gehör
darunter litt, und die angehäuften Massen durch Einspritzungen von
lauem Wasser entfernt werden mussten. In einem Falle sah ich schon
am 6. Tage nach Abstossung der Epidermis am Kreuzbein, Knie und
Ellenbogen grosse nässende Excoriationen entstehen. Ausfallen der
Haare und Nägel, oder gar Entfärbung der wiederwachsenden Haare,
welche hie und da beobachtet wurde, habe ich selbst nie gesehen. Die
Desquamation pflegt in der Regel einige Wochen zu dauern, und während
dieser Zeit wird, wie ich bereits (S. 597) erwähnte, nicht selten ein
vorübergehender Eiweissgehalt des Urins beobachtet. Nur aus-
nahmsweise kommt es zu wiederholter, und dann um so länger dauernder
Abschuppung.
Leider passt das eben entworfene Bild der Krankheit nur auf einen
Theil der Fälle, die man als normale bezeichnen kann, während Varie-
täten, sowohl der einzelnen Symptome wie des ganzen Verlaufs, so
häufig und in so mannigfaltiger Weise vorkommen, dass es kaum mög-
lich erscheint, sie in bestimmte, der Natur wirklich entsprechende
Categorien zusammenzufassen. Die Abweichungen vom normalen Ver-
laufe sind seltener günstige als ungünstige. Betrachten wir zunächst
die ersteren, so kann auch hier, wie bei allen Infectionskrankheiten, das
Fieber nur einen massigen Grad erreichen, oder wenigstens in den
Morgenstunden bedeutende, um 2 ° sinkende Remissionen machen. Unter
diesen Umständen pflegt auch das Exanthem nur blassroth, die Augina
geringfügig zu sein. In meiner Arbeit über das Scharlachfieber') sind
mehrere Fälle dieser Art mitgetheilt, in welchen die Temperatur während
') 1. c. S. 514.
Henoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 42
658 Infectionskrankheiten.
des ganzen Verlaufs Morgens 38 oder gar 37,8, Abends 38,6 oder 39°
nicht überstieg, höchstens ein- bis zweimal 40,0 erreichte, um am
nächsten Morgen wieder der niedrigen Temperatur Platz zu machen.
Unter den seitdem von mir beobachteten Fällen dieser Art wähle ich
noch die folgenden aus:
Kind von 3 Jahren mit Scharlach. Beginn am 9. April.
M.
A.
P.
9.
April
38,5
144
10.
„ 38,0
39,1
152
11.
„ 38,0
38,3
132
12.
„ 38,0
38,0
Vom 13. an Fieber und Ausschlag verschwunden.
Bei einem 13jährigen Mädchen erhob sich die Abendtemperatur nie über 38,5
(M. nur 37,6), und war schon vor dem Verschwinden des Exanthems auf 36,8 und
37,0 gesunken.
Kind von 3 l/2 Jahren mit einfachem Scharlach. Am Tage der Eruption M. T.
nur 37,5, P. 136. " Ab. 38,0. In den beiden folgenden Tagen T. 37,5 resp. 37,9.
Dann fieberlos.
In seltenen Fällen verläuft sogar nach einem lebhaften Initialfieber
die ganze Krankheit absolut fi eherlos:
Max P. , am 19. März mit einem Abscess über dem rechten Pectoralis major in
die Klinik aufgenommen. Incision und antiseptischer Verband. Am 21. und 22. ge-
ringes Fieber (38,1—38,5) bei völliger Euphorie. Am Abend des 22. plötzlich 40,2,
P. 156, starke Röthe auf den Armen, den Oberschenkeln und im Gesicht. Am folgen-
den Tage diffuses Scharlachexanthem, lebhafte Angina. T. 37,0 bis 37,6, P. 132.
Die Temperatur stieg am 24. Abends auf 37,8, sank aber dann schnell auf 37 bis
36,0, während das Exanthem verschwand. Am 2. April beginnende Abschuppung,
welche etwa 12 Tage anhielt. Keine Nachkrankheit.
Bei diesem Kinde hatte sich also das Infectionsfieber mit der voll-
endeten Eruption am Morgen des 23. März erschöpft, gerade so wie
wir es bei normal verlaufenden Masern zu sehen gewöhnt sind. Bei
einem 2jährigen Mädchen brach das Exanthem am 6. Mai mit einer
Temperatur von 40,2 hervor; Abends betrug diese nur noch 38,2, am
folgenden Morgen 37,5, Abends 38,3, worauf völlige Apyrexie eintrat.
Bei einem 4jährigen Mädchen stieg die Temperatur, trotz eines diffusen
rothen Exanthems, nur auf 37,8, am nächsten Tage auf 38,0, und fiel
dann auf den normalen Stand. Wahrscheinlich kommen solche Fälle
öfter vor, als man glaubt, werden aber, besonders im Proletariat, wegen
der ephemeren Fiebererscheinungen und des schwachen oder schnell ver-
blassenden Exanthems ganz übersehen, und erst eine später nachfolgende
Scarlatina. 659
Nephritis oder die Spuren der Desquamation bekunden, dass die Kinder
Scharlach überstanden haben. Man erfährt dann, dass die Eltern gar
keine ärztliche Hülfe nachgesucht, es nicht einmal für nöthig gehalten
haben, die Kinder im Hause zu halten.
Am seltensten kommt es vor, dass das sehr höhe (40,0 und darüber
betragende) Fieber nach wenigen Tagen plötzlich in Form einer Krise
abfällt und die Krankheit trotz des noch deutlich fortbestehenden
Exanthems nun ganz fieberlos abläuft, oder dass der Ausbruch des
Exanthems ohne Fieber vor sich geht, und dies erst nach der völligen
Entwickelung des Ausschlags eintritt:
Emma E., 2jährig, am 25. April mit Rachitis in die Klinik aufgenommen.
Am 29. wird Röthung des grössten Theils der Haut beobachtet, am stärksten
auf der Kopfhaut, dem Rücken und Abdomen. T. 37,5, P. 96. Erst gegen Abend
mit der Ausbreitung der Röthe über die unteren Extremitäten T. 38,2, P. 160;
dabei leichte Pharyngitis. In den nächsten Tagen remittirendes Fieber (Ab. bis
39,5). Am 4. Mai allgemeine Abschuppung, später noch Coryza und Adenitis sub-
maxillaris.
Auch die Beschaffenheit des Exanthems bietet nicht selten Ab-
weichungen dar, welche sich mit einem sonst normalen und günstigen
Verlaufe der Krankheit durchaus vertragen. Dahin gehört die langsame
Verbreitung des Ausschlags, der bisweilen erst am 3. oder 4. Tage die
bis dahin verschonten Extremitäten überzieht, ferner die. bereits erwähnte
nicht völlig diffuse, sondern in grossen Flatschen auftretende Röthe, oder
das Erscheinen miliarer, gelblicher oder weisser, von der rothen Haut
sich scharf abhebender Bläschen (Sc. miliaris, Scharlachfriesel), welche
entweder nur stellenweise, z. B. um die Handgelenke herum, auf-
treten, oder fast am ganzen Körper sichtbar sind. Ein paar Mal be-
obachtete ich diese miliare Form bei allen Mitgliedern einer Familie-
z. B. im December 1878 bei einer Frau und ihren drei Kindern. Die
miliaren Bläschen können hie und da grösser werden, wie beim Herpes,
oder gar varicellenartige und pemphigoide Formen annehmen, welche
letztere aber nur vereinzelt auftreten. So beobachtete ich bei einem
8jährigen Knaben mit sehr starkem Exanthem nur eine einzige mark-
stückgrosse Blase an der Beugeseite des rechten Vorderarms, während
bei einem 10 Monate alten, mit syphilitischen Condylomen behafteten
Kinde schon in den ersten Tagen des Scharlach auf Brust, Rücken und
Armen ziemlich zahlreiche grösseie und kleinere Blasen aufschössen, die
hie und da gangränöse Substanzverluste hinterliessen (Tod am 5. Tage
im Collaps). In anderen Fällen schiessen linsen- bis erbsengrosse dunkel-
rothe Knoten auf der diffus gerötheten Haut auf, welche sich nach
42*
660 Infectionskrankheiten.
einigen Tagen verflachen, oder juckende Quaddeln, wie bei Urticaria,
brechen hie und da hervor, um rasch wieder zu verschwinden. Alle
diese Formen sind nur die Producte der gesteigerten Dermatitis, und
haben an und für sich ebensowenig eine üble prognostische Bedeutung,
wie die mitunter auftretenden kleinen, höchstens linsengrossen Blut-
extravasate, welche der starken Hyperämie der Hautcapillaren ihre
Entstehung verdanken. Dagegen schien es mir, dass eine sehr unregel-
mässige Verbreitung des Exanthems, die sogen. Scarlatina variegata,
wenn auch nicht ausschliesslich, doch vorwiegend in ungünstig ver-
laufenden Fällen auftritt. Hier erscheinen neben einer mehr diffusen
Röthe einzelner Körpertheile an vielen anderen nur fleckige, durch
normale oder äusserst schwach geröthete Intervalle getrennte Eruptionen.
Kommt es unter diesen Umständen gar zum Aufschiessen papulöser
Hervorragungen, welche ich besonders auf den Händen, Vorderarmen
und Unterschenkeln beobachtete, so können dadurch Bilder entstehen,
welche eine Verwechselung mit der confluirenden Form der Masern
nahe legen. Auch diese Formen können übrigens im weiteren Verlaufe
der Krankheit sich verändern und ein mehr diffuses Ansehen bekommen.
Bei sehr starker Röthe beobachtet man bisweilen auch leichtes Oedem
der Hände, Füsse und Augenlider, ähnlich wie bei Erysipelas, wobei
die Haut hart und gespannt erscheint und nach dem Erblassen sich
runzelt. Nur in diesen hohen Graden der Dermatitis pflegen die kleinen
Patienten über Jucken der Haut oder über Brennen in den Fingerspitzen
zu klagen, während sonst das Exanthem keine Beschwerden macht. —
Von grösserer Bedeutung für die Prognose, als die Formverschieden-
heiten des Exanthems, ist das Fortbestehen des Fiebers über die
normale Periode hinaus, d. h. nach dem Verschwinden des Ausschlags.
Allerdings bleibt mitunter die Hautröthe ungewöhnlich lange, z. B. 8 bis
9 Tage sichtbar, und in diesen Fällen hat auch die Fortdauer des Fiebers
nichts Auffälliges. Auch kann, wie ich schon (S. 655) bemerkte, ein
abendliches Fieber als letzter Ausläufer der Infection noch mehrere Tage
nach dem Verschwinden des Ausschlags fortbestehen. Wo aber das
Fieber, wenn auch nur in massigem Grade und stark remittirend, das
vollständige Verschwinden des Exanthems bis in die zweite Woche
hinein und länger überdauert, da hat man immer Ursache, eine Com-
plication oder Nachkrankheit anzunehmen, deren Natur man nicht
immer sogleich feststellen kann. Meiner Erfahrung nach wird das Fieber
am häufigsten durch drei krankhafte Zustände unterhalten.
1) Fortdauer der Pharyngitis, welche dann immer den bald
zu beschreibenden „necrotischen" und ulcerösen Charakter zeigt. Dieser
Scarlatina. 661
Localprocess kann bei sonst ziemlich ungestörtem Befinden sich zwei bis
drei Wochen hinziehen und ein in den Morgenstunden stark remittirendes
Fieber unterhalten. Doch sah ich ihn bisweilen noch fortdauern, nach-
dem das Fieber bereits gänzlich erloschen war.
2) Entwickelung einer glandulären und phlegmonösen Ent-
zündung unter dem Kiefer, welche zu den häufigsten Complicationen
selbst gutartiger Scharlachfälle gehört. Schon in den ersten Tagen der
Krankheit schwellen die submaxillaren Lymphdrüsen mehr oder weniger
an, am stärksten da, wo die Angina einen necrotischen Charakter hat.
Bei manchen Kindern bilden sich diese Anschwellungen vollständig zu-
rück, während sie sich bei vielen anderen während der zweiten oder dritten
Woche bedeutend vergrössern, und in diffuse harte Infiltration des Bindege-
webes übergehen. Durch collaterales Oedem kann diese Anschwellung einen
bedeutenden Umfang erreichen, sich aufwärts bis zum Ohr, abwärts bis zum
Halse verbreiten, wo die beiderseitigen Anschwellungen unter dem Kinn bis-
weilen eonfluiren. Fast alle diese Phlegmonen gehen inEiterungüber, inder
Regel erst am Ende der zweiten oder in der dritten Woche, selbst noch später,
und so lange dieser Process dauert, pflegt auch remittirendes Fieber mit
nicht unbedeutenden Abendtemperaturen fortzubestehen. Mit der Ent-
leerung des Eiters durch Incision schwindet das Fieber schnell (ich
sah die Temperatur von 40,0 nach der Ineision sofort auf 37,8 her-
untergehen und dann normal bleiben) oder allmälig, wird aber nicht
selten durch fortdauernde Eiterung oder durch den Umstand in die
Läoge gezogen, dass die Phlegmone der anderen Seite noch längere Zeit
braucht, um incisionsreif zu werden. So können Wochen vergehen, in
welchen die Kinder durch Fieber und Eiterung beträchtlich mitgenom-
men werden.
Die submaxillaren Abscesse, welche in manchen Epidemien fast
alle Kinder treffen, können aber noch eine Quelle anderer Gefahren
werden. Wird die Incision zu lange hinausgeschoben oder ungenügend
unternommen, so kann sich der Eiter sowohl unter der Haut wie in
dem zwischen den Halsmuskeln befindlichen Bindegewebe senken, und
eine ganze Seite des Halses bis zum Larynx und zum Schlüsselbein
herab vollständig unterwühlen; ja in einzelnen Fällen sahen wir uns
genöthigt, tief unten über dem Peotoralis major Gegenöffnungen zu
machen. Die unterminirte Haut kann dabei in grosser Ausdehnung
necrotisiren, und im Grunde des Substanzverlustes sieht man dann die
Halsmuskeln wie präparirt biosliegen. In einem Falle kam es, wie die
Section ergab, zu einer Eitersenkung bis zur Spitze des rechten Pleura-
662 Infectionskrankheiten.
sacks, welche vom Eiter bespült wurde, in den folgenden zur Perfo-
ration des Pharynx:
Louise R., V/2 Jahr alt, am 6. Februar aufgenommen. Vor 14 Tagen Schar-
lach, seit 7 Tagen Phlegmone der linken, seit 4 Tagen auch der rechten Sub-
maxillargegend. Dabei Nephritis und Fieber (Abends 39,4). Bei der Incision der
linksseitigen Geschwulst entleerte sich ein äusserst stinkender Eiter, ebenso ein
paar Tage später aus der rechtsseitigen, woraus auf eine Communication der
Abscesse mit der äusseren Luft, also auf Perforation des Pharynx geschlossen
wurde. Dieselbe wurde nach dem am 13. Februar erfolgten Tode durch die Section
nachgewiesen.
Bei einem 3jährigen Mädchen war der Durchbruch in den Pharynx Ursache,
dass verschlucktes Blut in den Fäces erschien, und Getränke zum Theil aus der
äusseren lncisionswunde ausflössen.
Bei einem 4jährigen Mädchen mit malignem Scharlach ergab die Incision der
tiefdringenden Phlegmone keinen Eiter; bei der Section aber fand sich ein Durch-
bruch des Abscesses in den äusseren Gehörgang, welcher während des Lebens
als Otorrhoe imponirt hatte.
Ist auch in solchen Fällen die Heilung keineswegs ausgeschlossen,
so muss doch im günstigsten Falle die viele Wochen dauernde und von
Fieber begleitete Eiterung die kleinen Patienten in hohem Grade ent-
kräften. Viele gehen marastisch oder durch Complicationen zu Grunde,
bisweilen plötzlich durch ulceröse Arrosion der Vena jugularis, selten
der Carotis, unter erschöpfenden Blutungen aus der Abscessöffnung,
wovon ich selbst drei Beispiele erlebte. In einem Falle musste die
Vena jugularis externa unterbunden werden. Nicht minder gefährlich
ist der Uebergang der Phlegmone des submaxillaren Gewebes in eine
rapide fortschreitende, diffuse, steinharte Infiltration der gesammten
Unterkiefergegend bis zum Schildknorpel , in der Form der sogenannten
Angina Ludwig i. Ich sah diese das Gesicht entstellende starre In-
filtration, welche den Kopf fast unbeweglich macht, einmal schon am
dritten, zweimal am vierten Tage der Krankheit, häufiger erst in der
zweiten Krankheitswoche auftreten, und zwar immer begleitet von an-
deren drohenden Symptomen der Malignität, Somnolenz, leichten Delirien,
Kleinheit und hoher Frequenz des Pulses. Die Tendenz zur Eiterung ist
dabei äusserst gering, um so grösser diejenige zu einem dem Carbunkel
ähnlichen brandigen Zerfall, welcher durch die Starrheit des Infiltrats
und die Verödung der Gefässe bedingt zu werden scheint. In einem
dieser Fälle entstand schon in der Mitte der zweiten Woche ein Brand-
schorf von schwärzlicher Färbung an dem hervorragendsten Theile der
rechtsseitigen Geschwulst, während andere Kinder, bevor es noch zur Ne-
crose der Haut gekommen war, an Collaps zu Grunde gingen. Incisionen
Scarlatina. 663
in die harten Theile ergeben statt des Eiters eine derbe speckige Infil-
tration der ganzen ünterkiefergegend, höchstens ein trübes foetides Serum.
Nicht nur diese starren Infiltrationen des Halsbindegewebes, sondern
auch die zuvor geschilderten Phlegmonen können übrigens noch dadurch
das Leben gefährden, dass sie sich in die Tiefe bis in die nächste Um-
gebung des Kehlkopfes ausbreiten und eine entzündliche Infiltration des
Larynxeinganges herbeiführen, welche unter den suffocatorischen Er-
scheinungen des Oedema glottidis letal endet (S. 345). Bisweilen sah
ich ein starkes Oedem von der Phlegmone aus sich bis in die Subclavi-
culargegend erstrecken, ja selbst die eine obere Extremität bis zur Hand
ödematös werden, wobei man an Thrombose der äusseren, sogar der
inneren Vena jugularis denken muss. Die Thrombose dieser Venen,
welche inmitten der Phlegmone lagern, Zerfall der Thromben, em-
bolische Processe und Tod unter den Erscheinungen der Septicämie
habe ich unter diesen Umständen wiederholt beobachtet. Sie ersehen
daraus, mit welchen Gefahren die submaxillaren Phlegmonen, die zu den
häufigsten Complicationen des Scharlachfiebers gehören, verbunden sein
können.
In seltenen Fällen scheint sich die Entzündung vom Rachen aus
auch auf das intermusculäre Bindegewebe des Nackens und Halses
zu verbreiten. Schmerzhaftigkeit und Steifigkeit derselben mit erschwer-
ter Beweglichkeit, oder mit den Symptomen des Caput obstipum, kamen
mir bisher in 3 Fällen vor, von denen zwei unter anhaltenden warmen
Umschlägen und Mercurialeinreibungen binnen 14 Tagen allmälig heil-
ten, der dritte aber schliesslich in Eiterung überging und incidirt wer-
den musste.
11 jähriges Mädchen, am 6. Tage des Scharlach vielfache Purpurailecke,
Gelenkschmerzen, besonders im rechten Knie, Schmerzen im Nacken, sowohl spontan,
wie beim Druck und bei Bewegung des Kopfes. Fieber zwischen 39,0—40,6. Vier
trockene Schröpfköpfe im Nacken, Einreibungen mit Ung. cinereum. Nach 2 Tagen
Fieber abnehmend und schwindend. Am 10. Tage beim Abwaschen der Salbe Aus-
flass von einem Esslöffel Eiter aus einer Abscessöffuung über dem 4. Cerricalwirbel.
Schmerz sofort verschwunden. Nach einigen Tagen Eiterretention. Erweiterung der
Oeffnung in der Narcose. Jodoformverband. Heilung.
3) Als dritte, sehr häufige Quelle eines über die Norm sich
hinausziehenden Fiebers ist Otitis zu bezeichnen. Wenn auch die scar-
latinöse Hautentzündung von der Ohrmuschel aus in den äusseren Gehör-
gang eindringen und Otitis externa mit furunculösen Abscessen herbei-
führen kann, so ist doch diese viel seltener, als Otitis media, welche
vom Rachen her als Ausstrahlung der Pharyngitis durch die Tuba
664 Infectionskrankheiten.
Eustachi entsteht. Diese Form der Otitis, welche häufig doppelseitig
auftritt, trifft in manchen Epidemien mehr als die Hälfte aller Fälle,
und verläuft, zumal bei Kindern, welche ihre Schmerzen nur durch
Schreien kundgeben, oft so latent, dass nur das scheinbar unmotivirte
Fieber den erfahrenen Arzt zur Untersuchung des Ohrs veranlasst. Selbst
ältere Kinder klagen nicht immer über Schwerhörigkeit und über Ohren-
schmerzen, welche sich aber beim Druck auf den Tragus oder auf die
Gegend hinter dem Ohr kundzugeben pflegen.
Mit dem Eintritt einer eiterigen Otorrhoe aus einem oder beiden
Ohren erreichen die Schmerzen, aber nicht immer das Fieber, ihr Ende,
und die Untersuchung mit dem Ohrspiegel ergiebt Perforation des
Trommelfells, über welche man sich nicht allzusehr beunruhigen darf.
Die in den Meatus injicirte Flüssigkeit kommt dann oft aus Mund und
Nase wieder heraus Ein grosser Theil dieser Perforationen pflegt unter
einfacher Behandlung binnen wenigen Wochen wieder zu vernarben, ohne
eine merkliche Gehörsstörung zu hinterlassen. Weit seltener verläuft
der entzündliche Process so stürmisch, dass schon am Ende der zweiten
Krankheitswoche absolute Taubheit vorhanden ist, und der fötide Geruch
des reichlichen Secrets die Umgebung des Kindes verpestet. In der
Armenpraxis werden solche Otorrhöen oft vernachlässigt, aber auch
unter der besten Pilege kann die Krankheit von der Paukenhöhle aus
auf den Knochen übergreifen, und Caries des Felsenbeins herbeiführen.
Nicht selten werden Sie Kinder mit angeschwollener und von fistulösen
Oeffnungen durchbohrter Pars mastoidea, mit neurotischen Sequestern
im Meatus auditorius oder hinter demselben, und mit Paralyse des N.
facialis (S. 229) antreffen, deren Leiden auf ein vor Jahren überstandenes
Scharlachfieber zurückzuführen ist, in einzelnen Fällen sah ich Caries
des Felsenbeins, welche die Section documentirte, äusserst stürmisch,
binnen 2—3 Wochen zu Stande kommen, und, wie die hinzutretende
Paralyse des ganzen N. facialis lehrte, bis in den Fallopi'schen
Canal dringen.
Kind von 6 Jahren, am 25. Juni an Scharlach erkrankt. Rachennecrose.
Otorrhoea sinistra am 8. Juli, immer Fieber von 38,5—39°. Den 9. die Regio mast.
roth, geschwollen und schmerzhaft. Den 10. Paralyse des ganzen linken Facialis;
Uvula nach links gewendet. Tod im Collaps am 15. Section. Otitis media sinistra,
Caries des Felsenbeins mit Zerstörung des Canalis Fallopii.
An diesen Fall schliessen sich 4 andere, in denen resp. am 13.,
17., 18, einmal sogar schon am 8. Tage nach der Eruption des Schar-
Scarlatina. 665
lach Otitis mit Paralyse des Facialis eintrat, die bei der Entlassung
des Patienten noch fortbestand.
In Folge dieser Caries und der Arrosion des Sinus petrosus soll es
bisweilen zu Blutungen aus dem äusseren Ohr, welche einen letalen
Ausgang nehmen, gekommen sein. Ein paar Mal beobachtete ich auch
Abscessbildung hinter dem äusseren Ohr, deren Zusammenhang mit
Otitis interna nicht sicher nachgewiesen werden konnte und auf Peri-
ostitis des Felsenbeins bezogen werden musste.
Max K, lljährig., aufgenommen am 3. December mit Scharlach. Schon am
5. Tage Exanthem und Angina verschwunden, Euphorie. Dennoch dauert das Fieber
drei Wochen lang mit Temp. von 38,5 — 39,0 fort. Am 11. Krankheitstage
Schmerz und Anschwellung hinter dem rechten Ohr, die von Periostitis der Pars
mastoidea abzuhängen schienen, Mittelohr frei, Gehör normal. Trotz der Application
von Blutegeln Abscessbildung. Am 28. Tage Durchbruch des Eiters in den äusseren
Gehörgang. Schnelle Heilung.
Dieser Durchbruch kann bei allen in der nächsten Umgebung des
Meatus audit. externus sich bildenden Abscessen, nicht nur beim Schar-
lach, sondern auch beim Typhus und bei einfachen Phlegmonen vor-
kommen, und hatte in den von mir beobachteten Fällen niemals
dauernde Nachtheile zur Folge, wenn man nur für einen guten Eiterabfluss,
am besten durch eine Gegenöffnung an der tiefsten Stelle des Abscesses,
sorgte. —
Ausser den genannten Ursachen (Angina, Phlegmone und Otitis),
welche oft in einem und demselben Falle mit einander combinirt sind,
kann das Fieber noch durch verschiedene, zum Theil gefährliche Com-
plicationen unterhalten werden. Zunächst richte man seine Aufmerk-
samkeit auf die serösen Häute. Bei der Section schwerer Scharlach-
fälle findet man bisweilen entzündliche Erscheinungen am Pericardium
oder an der Pleura, von welchen man während des Lebens keine Ahnung
hatte, weil sie entweder latent verliefen, oder durch die überwiegenden
Symptome der Malignität, von denen bald die Rede sein wird, verdeckt
wurden. Da aber auch in Fällen von Scharlach, denen die eigentliche
Malignität abgeht, Entzündungen seröser Häute vorkommen, so ist es
die Pflicht des Arztes, sobald das Fieber andauert, die Respirations- und
Circulationsorgane wiederholt sorgfältig zu untersuchen, auch wenn
keine subjectiven Klagen dazu auffordern sollten. Man ist
bisweilen überrascht, die physikalischen Symptome von Endocarditis
zu finden, welche sich nur durch einen fortbestehenden Fieberzustand kund-
gegeben hatte. Einen geheilten Fall dieser Art habe ich bereits früher
666 Infectionskrankheiten.
(S. 452) mitgetheilt, der folgende ist durch den bestätigenden Sections-
befund noch instructiver ').
Willy R. , 10 Jahre alt, aufgenommen am 5. Mai mit diffusem Scharlachaus-
schlag, massiger Pharyngitis, hohem Fieber (39,9), Delirien, Somnolenz, häufigen
Durchfällen. Drohender Collaps. Nach 5 Tagen unerwartete Besserung bei fort-
dauernd hohem Fieber, derbe Infiltration beider Submaxillargegenden und Schmerz-
baftigkeit des linken Ellenbogengelenks, bald auch der Knie-, Schulter- und Hüft-
gelenke ohne Anschwellung. P. nie über 120. Die Incision der rechtsseitigen Hals-
phlegmone bleibt ohne Eintluss auf das Fieber. Vom 20. Mai (dem 17. Krankheits-
tage) an Steigen der Pulsfrequenz auf 144 mit Abnahme der Spannung. Am Herzen
war bisher nichts Abnonnes wahrnehmbar gewesen. Das remittirende, Abends immer
noch bis gegen 40° steigende Fieber, die fortdauernde Diarrhoe, die Druckempfind-
lichkeit des etwas gespannten Unterleibs, die Apathie und Schwäche des Kindes,
und eine percussorisch nachweisbare Vergrösserung der Milz erregten den Verdacht,
dass es sich um Ileotyphus handle. Erst am 24. Mai (also am 20. Krankheits-
tage) erschien der erste Herzton unrein, aber nicht von einem eigentlichen Ge-
räusch begleitet. Dennoch stellte ich die Diagnose auf Endocarditis scarlati-
nosa (Eisbeutel auf die Herzgegend, salicyls. Natron). In den nächsten Tagen
wurde der Herzstoss vom 2. bis 5. Intercostalrautn nach innen von der Mamma sicht-
bar, und die Dämpfung ging einen Finger breit über diese hinaus. Allmälig traten
typhöse Symptome immer mehr hervor, so dass am 28. Mai das Bild eines Ileotyphus
völlig ausgeprägt war; hohes Fieber, Delirien, Somnolenz, schwärzliche Lippen und
Zähne, Diarrhoe, Catarrh in beiden unteren Lungenlappen. Am 30. Auftreten zahl-
reicher bis linsengrosser Hämorrhagien auf der Brust und dem Unterleibe, bald
auch im Gesicht, auf den Augenlidern und der Conjunctiva bulbi. Am Herzen immer
noch Unreinheit des ersten Tons, niemals ein deutliches Nebengeräusch. Tod am
31. Mai im Collaps.
Section. Herz, besonders linkerseits, erweitert, mit leicht verdickter Wand.
Die drei Aortenklappen bis auf kleine warzige Reste zerstört, mit reichlich anhaf-
tenden Blutgerinnseln. Massenhafte Bacterienanhäufung in den Klappen und in ihrer
trüben Umgebung. Beide Tonsillen in schlaffe Eitersäcke umgewandelt. Hyperplasie
der cervicalen Lymphdrüsen. Milz um das Dreifache vergrössert, blauroth; die Aeste
der Arter. lienalis fast alle durch puriforme, hie und da noch feste Embolusmasse
verstopft. In den Nieren einzelne in Eiterung übergehende Infarcte, Rindensubstanz
trübe. Leber leicht geschwollen und getrübt.
Trotz der enormen ulcerösen Zerstörung der Aortenklappen fanden
wir hier erst am 20. Tage der Krankheit Unreinheit des ersten Tons,
niemals ein wirkliches Geräusch. Dass in solchen Fällen die Endo-
carditis übersehen und mit Typhus verwechselt werden kann, leuchtet
ein. Die typhösen Erscheinungen und das hohe Fieber scheinen durch
die begleitenden embolischen Vorgänge (hier fanden sich diese in der
Haut und Conjunctiva, in der Milz und den Nieren) bedingt zu werden,
') Charite-Annalen. VII. S. 649.
Scarlatina. 667
sind daher am ausgeprägtesten in der ulcerös-bacteritischen Form, mit
der wir es auch in unserem Falle zu thun hatten. Diese maligne Form1)
aber ist mir bei Kindern im Gefolge des Scharlachfiebers seltener be-
gegnet, als die gutartige Endocarditis, die sich nach einigen Wochen
zuriickbildete oder zu einer chronischen Klappenentartung führte.
Man hüte sich aber, jedes systolische Geräusch am Herzen bei Schar-
lach sofort als Ausdruck einer Endocarditis anzusprechen, da es auch
nur ein Symptom des hohen Fiebers sein kann und mit diesem ver-
schwindet. Ich habe dies wiederholt beobachtet, unter anderen bei einem
6jährigen Kinde, welches mit Scharlach aufgenommen wurde, bei einer
Temperatur von 39,7 ein lautes systolisches Geräusch, aber nach einer
Woche ganz reine Herztöne darbot.
Seltener als die Entzündung des Endocardium wird Pericarditis,
häufiger Pleuritis beobachtet, welche fast immer ein purulentes
Exsudat setzt. Man muss an diese Complicationen um so mehr denken
und um so sorgfältiger untersuchen, wenn im Verlaufe des Scharlach
die Synovialm embranen der Gelenke ergriffen werden, eine ziemlich
häufige Complication, für welche die Bezeichnung Synovitis scarlati-
nosa passender ist, als der alte Name „Rheumatismus scarlatinosus".
Diese Affection, welche in der That mit dem Rheumatismus gar nichts
zu schaffen hat, tritt bisweilen schon in der ersten, meistens erst in der
zweiten Krankheitswoche auf, und manifestirt sich in ihrer leichtesten
Form nur durch Schmerzen in den Gelenken ohne Anschwellung und
ohne erhebliche Störung der Bewegungen, bald nur auf einzelne Gelenke
beschränkt, bald über mehrere, besonders über Hand- und Fussgelenke
verbreitet. Am seltensten werden die Hüft- und Sternoclaviculargelenke
befallen.
Bei einem 7jährigen Mädchen bestanden die Schmerzen nur im rechten Hand-
gelenk, und zwar nur einen Tag lang (den 8. der Krankheit). — Ein 12 jähriges
Mädchen bekam am 9. Tage, nachdem das Fieber schon aufgehört hatte, plötzlich
Schmerzen in beiden Handgelenken, am folgenden Tage auch in den Fussgelenken,
besonders bei Bewegungen, welche zwei Tage dauerten und mit Fieber (38,5—39,4)
verbunden waren. — Bei einem 10jährigen Knaben traten vom 7. Tage an lebhafte
Schmerzen in den Hand-, Ellenbogen-, Knie- und Fussgelenken ohne Anschwellung
und Störung der Motilität auf (Temp. Ab. 39,0). Nachlass nach Chinin und lauen
Bädern 27°). — Bei einem 6jährigen Mädchen Schmerzen in beiden Kniegelenken
erst am 14. Tage der Krankheit, ohne Schwellung. Fieber Ab. bis 40,4. Dauer
unter allmäliger Defervcscenz etwa eine Woche. Anhaltende Application von Eis-
beuteln auf die Kniegelenke.
') Litten, Ueber septische Erkrankungen. Zeitschr. f. klin, Med. Bd. II. Heft 2.
668 Infectionskrankheiten.
Oft aber gesellt sich zu den Schmerzen Anschwellung und er-
schwerte Beweglichkeit der Gelenke, ganz ähnlich wie beim acuten
Rheumatismus, fast immer mit erhöhtem Fieber, und gewöhnlich, wenn
auch nicht immer, combinirt mit anderen ungünstigen Krankheits-
erscheinungen, mit necrotisirenden Entzündungen der Mund- und Rachen-
schleimhaut, drohendem Collaps, entzündlichen Affectionen anderer
seröser Häute, der Pleura, des Peri- und Endocardium, selbst des Peri-
toneum. Auch hier können diese Entzündungen, zumal die der Pleura
und der Herzmembranen, so latent verlaufen, dass nur die locale Unter-
suchung Aufschluss giebt, und wo diese nicht vorgenommen wurde, nach
Ablauf der acuten Periode zur grössten Ueberraschung ein pleuritisches
Exsudat oder ein Klappenfehler gefunden wird, von dessen Existenz man
keine Ahnung gehabt hat.1)
Die Synovitis selbst nimmt fast immer einen günstigen, auf wenige
Tage oder eine Woche beschränkten Verlauf, worauf die durch seröses
Exsudat bedingte Anschwellung der Gelenke sich durch Resorption wieder
zurückbildet. Selten zog sie sich länger hinaus, z. ß. in einem Falle,
wo Hydarthrus des Kniegelenks mit springender Patella Wochenlang
fortbestand. Auch die Hüft- Ellenbogen-, Finger-, ja selbst die Gelenke
der Halswirbel sah ich bei einzelnen Kranken ergriffen werden. Dauernde
Gelenkanschwellungen in Form der Arthritis deformans s. nodosa, wovon
Demme einen Fall mittheiit, habe ich als Nachkrankheit des Scharlach
nie gesehen. Am ungünstigsten gestaltet sich die Sache in den viel
selteneren Fällen, wo es zur Eiterung in den Gelenkhöhlen kommt2).
Na;h meinen Erfahrungen kommt Synovitis purulenta beim Schar-
lach auf zweifache Weise zu Stande:
1) Am seltensten durch den Uebergang der gewöhnlichen Synovitis
in Eiterung, in ähnlicher Weise, wie dies zuweilen auch bei Polyarthritis
rheumatica geschieht. Die Eiterung beschränkte sich unter diesen Umstän-
den fast immer auf einzelne Gelenke, z. B. bei einem 9jährigen Kinde
auf das Metacarpalgelenk des linken Zeigefingers mit Phlegmone des
ganzen Handrückens (Incision, Drainage, Heilung mit Schwerbeweglichkeit
des Gelenks). Auch chronisch kann die Eiterung unter diesen Umständen
werden, und so mancher Fall von Coxitis oder Gonitis suppurativa lässt
') Depasse (Revue mens. Sept. 1886. p. 403) beobachtete in einem Fall
am 23. Tage der Krankheit acute Ilydrocele (ohne Albuminurie) neben Anschwel-
lung des Handgelenks.
2) Rilliet und Barthez (1. c. 111 S. 193; haben diesen Ausgang nie beob-
achtet, was bei der Grösse ihres Materials bemerkenswert!] ist. — Vergl. auch Bo-
kai, Jahrb. f. Kinderheilk. XXUI. S. 305.
Scarlatina. 669
sich auf ein vor längerer Zeit überstandenes Scharlachfieber zurück-
führen.
Emil Sp., 10 Jahre alt. Vor einem Jahr Scharlach, im Verlauf desselben
schmerzhafte Anschwellung des rechten Kniegelenks mit Erschwerung des Gehens.
Nach mehreren Wochen Aufbruch, Entleerung von Eiter aus zwei Oeffnungen, später
auch von kleinen Knochensplittern. Bei der Aufnahme Gonitis suppurativa.
2) Auf embolischem Wege im Gefolge von Septicämie. Diese
Form zeichnet sich durch die Schwere der Symptome, hohes andauerndes
Fieber, zunehmende Prostration, bis zum Sopor sich steigernde Benommen-
heit des Sensorium aus, befällt eine ganze Reihe von Gelenken,
und endet immer mit dem Tode. Als Quelle der Septicämie findet man
in der Regel ausgedehnte, meist doppelseitige Verjauchung des submaxil-
laren Bindegewebes (S. 661), oder necrotisirende Processe in der Rachen-
höhle. In einem dieser Fälle ') war die von der Phlegmone der linken
Unterkiefer- und Halsgegend umfasste Vena jugularis in weiter Strecke
thrombosirt, ein Vorgang, welcher pyämisches Fieber mit Metastasen in
der Pleura, den Nieren, Hämorrhagien in der Haut, Milztumor und puru-
lente Synovitis in beiden Hand-, Fuss- und Ellenbogengelenken zur Folge
gehabt hatte. In allen Fällen dieser Art fand ich während des Lebens
die betreffenden Gelenke geschwollen, sehr schmerzhaft, unbeweglich,
ihre Bedeckung oedematös, ein Befund, der zuweilen erst 24 Stunden vor
dem Tode constatirt wurde. Bei der Section zeigte sich in den Gelenk-
höhlen ein Erguss von rahmigem, grünlich-gelbem Eiter, die Synovial-
membran stark getrübt, sonst aber unverändert. Sowohl in dem Eiter
wie in der Synovialmembran findet man die bekannten pyogenen und
septischen Coccen, durch deren Einspritzung in die Blutbahn (es waren
Reinculturen der aus den Membranen der „Scharlachdiphtheritis" ent-
nommenen Streptococcen) Löffler2) multiple Gelenkabscesse erzeugte,
und damit die pathogene Bedeutung jener Microorganismen für die in
Rede stehenden Vorgänge wahrscheinlich machte.
Zuweilen kommt es auch zur Bildung periarticulärer Abscesse,
welche schliesslich mit der Gelenkhöhle communiciren, wobei ich aber
nie ganz sicher war, ob sie nicht von vorn herein durch Perforation einer
bereits bestehenden Gelenkeiterung bedingt waren.
Max P., öjährig, aufgenommen am 28. Mai mit Nephritis nach einem vor
') Charite-Annalen. VII. 1882. S. 642.
2) Mittheil, aus dem Reichs-Gesundheitsamt. II. — Heubner, Berliner klin.
Wochenscbr. 1884. No. 44. — Schüller, v. Langenbeck's Archiv. XXXI. Heft 2.
670 Infectionskrankheiten.
4 Wochen entstandenen Scharlach. An beiden Füssen um die Knöchel herum fluc-
tuirende Abscesse, welche incidirt werden (antiseptischer Verband). In den
nächsten Tagen bildet sich ein grosser Abscess über dem linken Ellenbogengelenk,
welcher am 6. Juni geöffnet wird; am 10. ein neuer Abscess am rechten Fussgelenk,
in welchem deutlich Crepitation wahrnehmbar ist. Dasselbe zeigt sich später (am
24.) im linken Ellenbogengelenk, während sich ein neuer Abscess über dem rechten
bildete. Durch die anhaltende Eiterung, die Schmerzen in den betreffenden Gelenken
und das hektische Fieber bedeutende Entkräftung. Am 27. Juli wurde der Knabe
auf Wunsch der Eltern entlassen, nachdem er sich unter einer tonisirenden Behand-
lung wesentlich erholt hatte. Zustand der Gelenke ziemlich unverändert.
Franz M., 5 jährig. Vor drei Wochen Scharlach. In der 2. Woche Anschwellung
am oberen Theil des linken Humerus mit schneller Abscessbildung. Bei der
Aufnahme drei Fistelöffnungen am oberen Drittel des Arms; durch eine derselben
dringt die Sonde 7 Ctm. weit bis in's Schultergelenk, dessen Bewegungen wesentlich
beschränkt sind. Abscess in der Dicke des rechten Oberschenkels und an der rechten
Halsseite. Nephritis mit tödtlichem Ausgang.
Bei einem 1jährigen Kinde sah ich 3 Wochen nach dem Scharlachausbrach
Abscesse um Ellenbogen- und Handgelenk rechterseits entstehen, welche trotz der
Incision zur Durchbohrung des ersteren führten. Tod anPneumoniederlinkenLunge.—
Ueber die Betheiligung des Gehirns am Scharlachprocesse fehlen
mir eigene Erfahrungen. Die bedeutenden Cerebralsymptome, welche in
schweren Fällen der Krankheit auftreten und bald unsere Aufmerksam-
keit in Anspruch nehmen werden, hängen, so weit meine Beobachtung
reicht, nicht von Meningitis ab; höchstens fanden wir Hyperämie und
Oedem der Pia und der Hirnsubstanz, wie sie unter den verschiedensten
Verhältnissen beobachtet werden. Es handelte sich dabei meistens um
Stauungserscheinungen in Folge gesunkener Herzenergie, wodurch auch
Thrombosen einzelner Sinus bedingt werden können, nie aber um wirk-
lich entzündliche Producte. Dass diese im Gefolge der Scarlatina auf-
treten können, will ich im Vertrauen auf fremde Beobachtungen, be-
sonders von Reimer'), nicht bestreiten; ihre klinischen Erscheinungen
dürften aber von denen der „Malignität" kaum zu unterscheiden sein.
Nur einmal, bei einem 3 jährigen Kinde, sah ich am 5. Tage eines hoch-
febrilen Scharlach (40°) plötzlich Hemiplegia sinistra mit Aus-
schluss des N. facialis, aber mit Contractur im Ellenbogengelenk auftreten,
welche zwar nach 5 wöchentlicher Dauer noch jetzt (Febr. 1893) fort-
besteht, aber doch schon in der Rückbildung begriffen ist. Da kein
Anlass für einen embolischen Ursprung vorliegt, bleibt nur die Annahme
einer Haemorrhagie in der rechten Hemisphäre übrig.
Die Schleimhaut der Bronchien und das Lungenparenchym
') Jahrbuch f. Kinderheilk. 1876. X.
Scarlatina. 671
werden bei Scharlach häufiger entzündlich afficirt, als man gewöhnlich
annimmt. Nicht bloss Catarrhe, sondern auch mehr oder minder aus-
gedehnte Bronchopneumonien kommen in der ersten und zweiten Krank-
heitswoche vor, werden aber leicht übersehen, weil gleichzeitig eine Reihe
schwer „typhöser" Symptome sie maskirt und die Aufmerksamkeit des
Arztes in Anspruch nimmt. Bronchitis und Bronchopneumonie
fanden wir fast in allen schweren Fällen, welche zur Section kamen,
wiederholt auch schon während des Lehens1). Seltener kam die fibri-
nöse Form der Pneumonie zur Beobachtung:
Hans K., 5 Jahre alt, aufgenommen am 20. August mit Eczem, erkrankte am
29. an Scharlach. Während der ganzen ersten Woche hohes Fieber (Ab. 40,5 bis
41,6) und necrotisirende Angina. Am 7. September starker Husten uud Dyspnoe,
links hinten bis zur Spina scapulae herauf Dämpfung und Bronchialathmen. Am 11.
plötzlicher Collaps; T. 37,8, P. IG6, fadenförmig, allgemeine Cyanose, kühle Extre-
mitäten. Abends Tod. Section: Hepatisation des ganzen linken Unter-
lappens und doppelseitige fibrinöse Pleuritis.
Die Complication mit Broncho- oder Pleuropneumonie ist zwar immer
eine bedenkliche, aber keine absolut letale, da ich mehrere Fälle dieser
Art günstig verlaufen sah. Die Prognose wird hier besonders durch die
begleitenden Erscheinungen, vor allem durch den Zustand der Herzkraft
bedingt, deren Bedeutung schon für die primäre Pneumonie erheblich ist,
noch mehr aber für die mit der herzlähmenden Scarlatina complicirte.
Wir berühren hier die für die Pathologie und Prognose wichtigste Eigen-
schaft dieser vielseitigen Krankheit, welche wir mit dem Worte „Maligni-
tät" zu bezeichnen pflegen. Wie mannigfaltig auch die Manifestation
dieses bedrohlichen Zustandes sein kann, so treten uns doch in dem
Gesammtbilde desselben zwei Züge als die hervorragendsten entgegen,
die eminente Tendenz der Krankheit zu necrotisirenden Ent-
zündungen und die specifische Einwirkung des Virus auf
das Herz.
1) Die necrotisirenden Entzündungen. Ich ziehe diese Be-
zeichnung der üblichen „diphtherisch- aus dem Grunde vor, weil
gerade dieser Name der richtigen Anschauung von dem Wesen dieser
Processe sehr geschadet hat. Nach dem Vorgange von Bretonneau2)
verstehen wir unter dem Namen „Diphtheritis" eine specifische Infections-
krankheit. Die pathologische Anatomie aber brachte dadurch Verwirrung
hervor, dass sie diesen klinischen Begriff in einen anatomischen
') Siehe die von mir in denCharite-Annalen, Bd. III., S.539 mitgetheilten Fälle.
2) Traite de la diphtherie. Paris, 1826.
672 Infectionskrankheiten.
umsetzte, und mit dem Namen „ diphtherisch " alle Processe be-
zeichnete, welche sich durch Einlagerung fibrinöser Exsudate in die
Schleimhäute oder auch in die äussere Haut mit nachfolgender Necrose
charakterisiren. So kam es, dass die Aerzte, welche bereitwillig dieser
Lehre folgten, bei den verschiedensten Krankheiten, in weichen sich die
eben erwähnten Processe vorfanden, eine Complication mit »Diphthe-
ritis" annahmen, und dass diese Verwirrung auch auf das Publicum
übergriff. Ganz besonders gilt dies in Bezug auf das Scharlachfieber, in
welchem jene Processe überaus häufig, namentlich im Pharynx auf-
treten. Man spricht immer noch von „Scharlach mit Diphtheritis", ohne
sich davon Rechenschaft zu geben, ob denn die specifische Infections-
krankheit, welche wir jetzt »Diphtherie« nennen, wirklich dabei im Spiel
ist. Die »necrotisirende Entzündung«, wie ich sie nenne, kommt aber
bei ganz verschiedenen Krankheiten vor, am häufigsten bei wirklicher
Diphtherie und beim Scharlach, demnächst auch bei Variola, Dysenterie,
Pyämie, Cholera. Aber die Aehnlichkeit der anatomischen Producte
beweist noch nicht die Identität der Krankheitsprocesse. Wie das Bild
der „ Pocke" ebenso gut durch Variola, wie durch Vaccine und durch
Einreibung von Tartarus stibiatus erzeugt werden kann, wie das ana-
tomische Substrat des Croup, die Pseudomembran, ebenso gut durch
Aetzammoniak, wie durch den Einfluss der Hitze, Kälte, oder des Diph-
theriebacillus zu Stande gebracht wird — ebenso kann das von den
Anatomen als » diphtherisch« beschriebene Exsudat durch verschie-
dene Ursachen, welche wir eben namhaft machten, erzeugt werden. Man
ist daher nicht befugt, überall, wo dasselbe auftritt, von „Diphtherie"
zu sprechen, und sollte diesen Namen für die specifische Infectionskrank-
heit, welche seit Bretonneau denselben trägt, reserviren. Diese von
mir seit vielen Jahren klinisch und literarisch verfochtene Ansicht gewann
mehr und mehr Anhänger und wird nicht am wenigsten durch die That-
sache unterstützt, dass die betreffende Scharlachform keineswegs vor
einer baldigen Erkrankung an ächter Diphtherie schützt. So
sah ich unter anderen einen 2jährigen Knaben, welcher Scharlach mit
starker Pharyngitis necrotica glücklich überstanden hatte, 4 Wochen
später an wahrer Diphtherie erkranken und durch Croup zu Grunde
gehen. Fälle dieser Art, auf welche ich später zurückkommen werde,
waren in meiner Klinik durchaus nicht selten. Entscheidend für meine
Ansicht sind aber die neuesten bacteriologischen Befunde'), nach
') Lötfler, klin. Wochenschr. 1890. No. 39, 40, ferner Paltauf u. Kolisko
Bourges u. Wurtz (Progres med. 10. Mai 1890), Escherich u. Andere.
Scarlatina. 673
denen der specifische Diphtheriebacillus in den Membranen der Schar-
lachsnecrose niemals, oder nur ganz ausnahmsweise in solchen Fällen
gefunden wird, in denen man eine Complication von Scharlach mit äch-
ter Diphtherie nicht ausschliessen kann. Sonst lassen sich nur Strepto-
coccen nachweisen.
Die necrotisirende Entzündung befällt immer zuerst die Rachen-
schleimhaut, welche von Anfang an der Sitz eines entzündlichen Processes
ist. Gewöhnlich bemerkt man erst zwischen dem dritten und vierten
Tage der Krankheit, mitunter auch schon früher, auf den gerötheten
und geschwollenen Mandeln, besonders auf ihren einander zugewen-
deten Flächen, gelb- oder grauweisse Plaques von verschiedener Aus-
dehnung, und Anschwellung der entsprechenden submaxillaren Lymph-
drüsen. Anfangs ist bisweilen nur eine Mandel befallen. Oft bilden sich
auch ähnliche Streifen auf dem Rande des Gaumensegels und der Uvula,
oder strahlen von den Mandeln abwärts gegen den Zungengrund aus.
Die Schlingbeschwerden brauchen dabei nicht heftiger als sonst zu sein,
richten sich vielmehr nach dem Grade der entzündlichen Spannung und
der Anschwellung der Rachentheile. Diese leichteste Form der Rachen-
necrose sollte nicht gleich Beunruhigung hervorrufen; ich habe sie
in einer grossen Zahl von Scharlachfällen, welche sonst keine Ab-
weichungen vom normalen Verlaufe darboten, beobachtet. Nach 5 bis
6 Tagen, oft erst viel später (in der zweiten oder dritten Woche) stossen
sich die letzten Reste der Plaques, welche bis dahin immer noch ein
remittirendes Fieber (S. 661) unterhalten, aber auch fieberlos be-
stehen können, ab und hinterlassen seichte, leicht blutende Substanz-
verluste, welche nach kurzer Zeit vernarben. Häufig entwickelt sich aber
die Affection zu höheren Graden und ist dann, als der Ausdruck einer
schweren Scharlachinfection, mit anderen bedenklichen Anomalien und
Complicationen , welche das Leben ernstlich gefährden können, ver-
bunden. Nicht bloss die Mandeln und das Velum, sondern auch die
hintere Pharynxwand und der harte Gaumen bekleiden sich mit den
gefürchteten speckigen Plaques, ein zäher klebriger Schleim liegt auf der
ganzen Schleimhaut und zieht sich beim Oefmen des Mundes in dicken
Fäden von der Zunge bis zum Gaumen herauf. Starker Foetor dringt
aus dem Munde, die submaxillaren Schwellungen sind ausgedehnter und
härter als sonst. Fast immer greift dann der Process auf die Nasen-
höhle über und erzeugt jene Coryza, welche schon bei den alten
Aerzten einen bösen Ruf hatte, und sich von dem einfachen, auch beim
leichten Scharlach bisweilen auftretenden Schnupfen wesentlich unter-
scheidet. Aus den excoriirten Nasenlöchern fliesst ein jauchig-seröses,
He noch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 43
674 Infectionskrankheiten.
blutiges Secret über die macerirte Oberlippe, und die Nase mit ihrer
ganzen Umgebung bis zu den Augenlidern schwillt oft oedematös an.
Bisweilen nimmt auch die Conjunctiva, wahrscheinlich durch Ver-
mittelung der Thränenwege, Antheil, meistens in der Form einer catarrha-
lischen Entzündung mit reichlicher Secretion und Verklebung der Lid-
ränder, seltener als tiefgreifende necrotische Verschorfung mit starker
Geschwulst der Augenlider. In den schlimmsten, glücklicher Weise sehr
seltenen Fällen dieser Art kann es sogar zur necrotischen Perforation
der Cornea, mit Prolaps der Iris und vollständiger Zerstörung des Auges
kommen, was ich ein paar Mal, sogar erst Wochen nach dem Beginn
des Scharlachfiebers, erlebt habe1). Es gelingt übrigens fast niemals,
sich durch die Inspection von dem ganzen Bestände der necrotisirenden
Exsudate in der Nasenhöhle zu überzeugen, weil diese meistens ganz
oben und hinten sitzen, und die Untersuchung mit dem Spiegel sehr
schwer und unzuverlässig ist, wohl aber sah ich in vielen Fällen Tage-
lang mit dem Secret der Coryza pseudomembranöse Fetzen aus der
Nase sich entleeren, welche keinen Zweifel übrig Hessen. Diese Aus-
stossung von Fetzen, die besonders beim Ausspritzen der Nase statt-
fanden, dauerte bei einem 3jährigen Mädchen wochenlang; sie füllten
bisweilen den ganzen Boden des Glases und stellten zum Theil förmliche
Abgüsse der Choanen dar, bis sie in der 6. Woche unter Ausspritzungen
der Nase mit einer Solutio Zinci sulfurici (1 : 100) verschwanden. Unter
6 Fällen dieser Art kamen nur zwei mit dem Leben davon. Dabei
kam es nicht selten zu wiederholten, selbst erschöpfenden Blutungen
aus den ulcerösen Substanz Verlusten, welche sowohl in der Nasenhöhle,
wie in den Rachenorganen nach der Abstossung der necrotischen Schorfe
zurückgeblieben waren. Bei sehr tief in das Gewebe der Mandel dringen-
der Infiltration und entsprechender Necrose wurden auch ganze Stücke
der Tonsille brandig abgestossen, welche zunächst noch als schwarz-
braune stinkende Klumpen im Rachen flottirten. In mehreren Fällen kam
es zu einer doppelseitigen totalen Perforation des Gaumensegels durch
unregelmässige Löcher, welche meistens oberhalb der Mandeln ihren
Sitz hatten, nur selten aber zu partieller Necrose des harten Gaumens,
dessen rauhe Fläche durch die in die Substanzverluste der Schleimhaut
eingeführte Sonde gefühlt werden konnte.
Alle diese Erscheinungen können, wie wir sehen werden, genau in
derselben Weise auch bei der eigentlichen „Diphtherie" vorkommen.
') Vereiterung des Bulbus kann auch in Folge der S. 669 erwähnten
pyämischen Vorgänge zu Stande kommen.
Scarlatina. 675
In der That handelt es sich hier wie dort um eine fibrinöse Infiltration
mit reichlicherer Kernwuchemng und Zellenproduction in den tieferen
Schleimhautschichten, wodurch die Gefässe comprimirt und die Gewebs-
theile necrotisch werden. Nur der Befund der Diphtheriebacillen in dem
einen, ihr Fehlen in dem anderen Fall ist entscheidend. Aber selbst dann,
wenn sich die von Escherich in zwei Scharlachfällen dieser Art ge-
fundenen Diphtheriebacillen als constanter Befund herausgestellt hätten,
was bestimmt nicht der Fall ist, so würden mich weder dieser Umstand,
noch gewisse aus viel zu kleinen Zahlen entnommene statistische An-
gaben1) in meiner oben ausgesprochenen Meinung irre machen, dass die
»Scharlach-Diphtheritis« etwas von der ächten Diphtherie ganz ver-
schiedenes ist. Wer mit Tausenden von Scharlachfällen rechnet, und
seinen Blick auf das grosse Gänze gerichtet hält, wird mir beistimmen.
Ich will nur die eine wichtige Thatsache hier erwähnen, dass Paralysen,
welche man den »diphtherischen« an die Seite stellen könnte, nach der
scarlatinösen Pharynxnecrose nicht vorkommen. Ich selbst habe in
keinem Fall Accommodationslähmungen des Auges, ebenso wenig die
charakteristischen Lähmungen des Velum, der Nacken- oder Extremitäten-
muskeln beobachtet, denn wenn auch während des Bestehens der
Pharyngitis scarlatinosa Getränke bisweilen aus der Nase ausgestossen
werden, so ist nur die entzündliche Starrheit und Unbeweglichkeit des
Gaumensegels daran schuld, und mit der als Nachkrankheit der
eigentlichen Diphtherie auftretenden Gaumenlähmung hat dies Symptom
nichts zu schaffen. Dass aber Scharlach sich mit ächter Diphtherie
compliciren kann, habe ich selbst schon früher durch schlagende
Fälle bewiesen, und werde darauf bald zurückkommen. Jedenfalls ist
diese Oomplication im Vergleich zu der überaus häufigen »Scharlach-
necrose" eine seltene.
Ein wichtiger Unterschied liegt auch darin, dass die scarlatinöse
Rachennecrose im Gegensatz zur wirklichen Diphtherie nur geringe
Tendenz zeigt, vom Pharynx aus sich in die oberen Luftwege zu
verbreiten. Während die Aerzte mit Recht in jedem Falle von pri-
märer Rachendiphtherie sofort an die Gefahr des Croup denken, kommt
ihnen beim Scharlach dieser Gedanke kaum in den Sinn. Heiserkeit
der Stimme, die sich sogar bis zur Aphonie steigern kann, ist freilich
nichts seltenes; aber dies verdächtige Symptom verliert sich in vielen
') Z. B. von Holzinger (Zar Frage der Scharlachdiphtherie. München, 1889),
gegen welchen aber Heubner (Jahrb. fi Kinderh. Bd. 31, Heft 1 u. 2) die Dualität
siegreich vertheidigt.
43*
67(i Infectionskrankheiten.
Fällen allmälig, und hängt meistens von einem bis auf die Stimmbänder
sich verbreitenden Catarrh ab, der freilich weiter abwärts schreiten, mit
Tracheitis und Bronchopneumonie abschliessen kann. Dennoch sei man
nicht allzu sicher. Wenn Bretonneau von der scarlatinösen Pharyn-
gitis sagt: „eile n'a aucune tendance ä se propager dans les canaux
aeriferes", so geht er darin entschieden zu weit. In meiner früheren
Arbeit ') finden sich 8 Fälle von Scharlach, in welchen die Verbreitung
der Rachenaffection in den Larynx thatsächlich stattfand, und 7 Mal
durch die Section constatirt wurde. Aber in keinem der letzteren über-
schritt der Croup die Grenze der Stimmbänder, nur in einem, welcher
nicht zur Section kam, sprach die Entleerung pseudomembranöser Fetzen
aus der nach der Tracheotomie eingeführten Canüle für Croup der
Trachea. Seitdem sind mir allerdings einzelne Fälle vorgekommen, in
denen auch der untere Theil des Larynx und selbst die Trachea croupös
ergriffen waren, sie gehören aber immer zu den Ausnahmen, und
können um so weniger als Beweis für die Identität der beiden Affec-
tionen geltend gemacht werden, als gerade die Verbreitung in die
Trachea und Bronchien bei ächter Diphtherie zu den alltäglichen
Ereignissen gehört. Insbesondere Bronchitis crouposa habe ich beim
Scharlach nur ganz ausnahmsweise gefunden, und glaube, das sie dann
mehr durch Aspiration necrotischer Partikel vom Rachen her, als
durch wirkliche Propagation entstanden war. Dafür spricht wenigstens
der Fall eines 3jährigen Knaben, bei welchem die ulceröse Necrose des
Pharynx über die Ligamenta aryepiglottica sich bis zu den wahren
Stimmbändern ausdehnte, hier scharf abschnitt und die Trachea ganz
fr ei Hess. Erst in den mit schleimig - eiterigem Secret gefüllten
Bronchien fanden wir wieder fibrinöse Fetzen, und in einigen kleineren
lose Cylinder. Unter allen Umständen ist der Eintritt croupöser Sym-
ptome beim Scharlach prognostisch sehr ungünstig; nach meinen Er-
fahrungen wenigstens sind die Resultate der Tracheotomie hier noch
schlechter, als beim diphtherischen Croup. Folgende Fälle mögen als
Beispiele dienen:
Emma H., öjährig, aufgenommen am 20. Februar mit Fluor albus. Am
2. März Scarlatina mit hohem Fieber und einfacher Pharyngitis. Desquamation
beginnt schon am 5. im Gesicht. In den nächsten Tagen bei fortbestehendem massigem
Fieber (38 — 39) Heiserkeit, die sich am 8. März zu Aphonie steigert und mit
einer geräuschvollen Inspiration verbindet. Mit dem Eintritt von Dyspnoe am 10.
steigt die Temperatur auf 40,4; Ab. 40,7. Brechmittel ohne Erfolg. Am 12. wird
doppelseitige Bronchopneumonie an der Rückenfläche constatirt, welche unter
') CharitfS-Annalen. III. 1876. S. 529.
Scarlatina. 677
anhaltend hohem Fieber, schliesslich unter Collapserscheinungen am 17. März, also
am 15. Tage der Krankheit, zum Tode führt. Während des ganzen Verlaufs war im
Rachen niemals ein Belag, sondern immer nur Röthe, Schwellung und starke Schleim-
secretion sichtbar gewesen. Section: Pharyngitis diphtheritica; Laryngitis crouposa.
Doppelseitige Bronchopneumonie. Pleuritis sinistra mit serofibrinösem Exsudat.
Hyperplasie der Milz und der Mesenterialdrüson.
Helene Schw., l'/,jährig, aufgenommen am 12. Februar mit Rachitis. Aus-
bruch des Scharlach am 14. (T. 39,9—40,6) mit Angina und kleinen Eiterpunkten
auf den Mandeln. In den nächsten Tagen Bronchialcatarrh, massiges Fieber. Am
24. Heiserkeit, verdächtiger Klang des Hustens, steigendes Fieber (39,4).
Während der folgenden 1 1 Tage Entwickelung von Dyspnoe , Befand doppelseitiger
Bronchopneumonie, Stimme fast aphonisch, leichtes stenotisches Geräusch beim
Athmen; in den letzten drei Tagen zunehmender Collaps mit Abendtemp. von 40,2.
Tod am 7. Die Untersuchung des Pharynx hatte auch hier nie einen Belag constatirt.
Section: Diphtheritis des Pharynx und Oesophagus. Croup des Kehlkopfs, doppel-
seitige Bronchopneumonie. Käsige Degeneration der Bronchialdrüsen. Tuberkel in
der Milz und Leber.
In beiden Fällen war die necrotisirende Pharyngitis trotz wieder-
holter Untersuchung während des Lebens nicht erkannt worden, ein
Umstand, der auch bei der wahren Diphtherie nicht selten vorkommt,
und theils in dem verborgenen Sitze der Plaques, theils in der Unmög-
lichkeit, die Rachenhöhle solcher Kinder nach allen Richtungen hin ge-
nau zu untersuchen, seine Erklärung findet.
Martha H., 7jährig, aufgenommen am 20. März mit Scharlach, welches seit
5 Tagen besteht. Sensorium benommen, Delirien, schnarchender Athem, submaxillare
Schwellung auf beiden Seiten. Exanthem nur noch partiell sichtbar. Pharynx
geröthet, geschwollen, mit dicken graugelben Plaques und reichlichem Schleim
bedeckt. T. 39,5— 40,2. P. 144—168. Am 22. gesellt sich starke Co ryza und
Foetor oris hinzu; Uvula und Gaumenbögen zeigen schwarzbraune brandige Flecke,
hintere Pharynxwand grau belegt, beginnender Collaps. Am 23. Sopor, völ-
lige Aphonie. Tod im Collaps. Section: Pharyngitis et Laryngitis diph-
theritica ulcerosa. Diphtheritische Necrose des Oesophagus und der Pars py-
lorica des Magens. Multiple bronchopneumonische Herde. Leichte Nephritis paren-
chymatosa.
6jähriges Mädchen, aufgenommen den 2. April, mit malignem Scharlach,
T. immer 40,0 und darüber, Albuminurie, profuse Durchfälle, Somnolenz und De-
lirien, ausgedehnte Pharynxnecrose, Otorrhoe und Phlegmone colli. Am Ende der
zweiten Woche Croupsymptome. Am 14. Tracheotomie, nach welcher eine
Membran aus der Trachea entfernt wird. Tod am 19. im Collaps. Section: Am
linken Stimmbande vorn ein tiefes etwa dreieckiges erbsengrosses Ulcus, bis auf den
Knorpel dringend. Im Larynx noch starke Röthe und Wulstung. Trachea fast nor-
mal. Nephritis und Myocarditis parenehymatosa.
Selbstverständlich muss hier die Möglichkeit einer Complication
von Scharlach mit ächter Diphtherie in Betracht gezogen werden (S. 675),
ß78 Infectionskrankheiten.
sei es nun, dass letztere die Scene eröffnet und Scharlach sich hinzu-
gesellt, oder umgekehrt die Diphtherie erst später auftritt. In dem
folgenden Falle geschah dies sogar erst nach der Heilung des Scharlach.
Mädchen von 7 Jahren, aufgenommen am 4. April mit Scharlach. Aus-
gedehnte Rachennecrose, Bronchialcatarrh, Stomatitis fibrinosa, Herzschwäche. T.
40,0. Genesung unter dem Gebrauch von Decoct. Chinae mit Tinct. Valerian., Cam-
pher, Wein und Aetherinjectionen. Am 29. entfiebert; Halsorgane normal. Am
9. Mai plötzlich Croupsymptome. Pharynx diphtherisch belegt. Den 1 1 .
Tracheotomie, Anfangs Wohlbefinden; nach einigen Tagen Bronchitis und Broncho-
pneumonie, was die am 2 1 . vorgenommene Section bestätigte.
Dieser Fall ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil er uns
lehrt, dass die sogenannte „Scharlach-Diphtheritis" nicht einmal für ein
paar Wochen Schutz gegen ächte Diphtherie gewährt. Die Verschieden-
heit beider Affectionen erhält gerade durch solche Fälle eine volle Be-
stätigung.
Zwei von den mitgetheilten Fällen zeigen, dass der necrotisirende
Process beim Scharlach auch den Oesophagus und sogar die Magen-
schleimhaut befallen kann. Letzteres beobachtete ich nur zweimal,
während fibrinöse fetzige oder röhrenförmige Einlagerungen, besonders
aber longitudinale, fast bis an die Oardia reichende Ulcerationen der
Oesophagusschleimhaut öfter vorkamen. Aber allen diesen Befunden
entspricht kein bestimmtes Symptom während des Lebens, und selbst
die Theilnahme des Larynx verräth sich zuweilen nur durch verhältniss-
mässig milde Symptome, welche die Intensität der eigentlichen Croup-
erscheinungen bei weitem nicht erreichen, Heiserkeit, Aphonie, geräusch-
volles Athmen. Ja in einzelnen Fällen beherrschten die malignen
Symptome des Scharlach die ganze Scene derartig, dass wir die laryn-
gealen Zeichen gänzlich übersahen und bei der Section überrascht
waren, den Kehlkopf ergriffen zu finden. Nur einmal, bei einem 7jäh-
rigen Mädchen, bestand bei der starken Heiserkeit noch bedeutende
Empfindlichkeit des Larynx gegen Druck, welche von Perichondritis
abzuhängen schien und sich allmälig verlor.
Die dyspnoetischen Symptome, welche im Verlaufe der nekro-
tisirenden Pharyngitis auftreten, beruhen übrigens, auch wenn sie einen
stenotischen Charakter haben, durchaus nicht immer auf Erkrankung des
Larynx, sondern können auch durch enorme Anschwellung der Mandeln
und der benachbarten Rachentheile, welche den Isthmus faucium
sperrt, veranlasst werden. Eine gleichzeitig bestehende intensive Coryza
kann durch die Verengerung der Nasenhöhle diese Symptome noch er-
Scarlatina. 679
heblich steigern, und diese werden ihren höchsten Grad erreichen, wenn
serös- eiterige Infiltration der Ligamenta aryepiglottica (Oedema glot-
tidis) sich hinzugesellt. In allen solchen Fällen ist es aber absolut
unmöglich, sich über den Zustand des Larynx selbst Gewissheit zu ver-
schaffen, da bei der gewöhnlich vorhandenen Benommenheit des Senso-
rium, der Schwierigkeit den Mund zu öffnen, der enormen Anschwellung
der Mandeln und den alles verdeckenden Schleimmassen von erfolgreicher
Anwendung des Kehlkopfspiegels nicht die Rede sein kann. In mehreren
zur Section gekommenen Fällen dieser Art, in welchen die stenotischen
Symptome hochgradig waren, fanden wir neben der necrotisirenden
Pharyngitis und Coryza noch grosse Tonsillarabscesse, ein paar Mal
seitliche oder mittlere peri- und retropharyngeale Phlegmone,
während der Larynx, abgesehen von ödematöser Infiltration der Liga-
menta aryepiglottica, ganz frei war. Unstreitig ist hier die Indication
zur Tracheotomie gegeben, von welcher ich indess nur einmal, bei
einem 8jährigen Knaben in der Privatpraxis, Erfolg beobachtete. Alle
anderen Fälle gingen trotz der Tracheotomie oder auch der wiederholt
vorgenommenen Incision der Mandelabscesse in Folge der begleitenden
malignen Zustände zu Grunde.
Zu der necrotisirenden Pharyngitis gesellt sich häufig eine analoge
Affection der Mundschleimhaut (Stomatitis scarlatinosa), bei welcher
die Mundwinkel, die Lippen, meistens auch die Zunge, seltener der harte
Gaumen mit graugelben oder grauweissen Plaques inselförmig oder in
grösseren Strecken infiltrirt erscheinen. Die Stomatitis kann sich schon
am 5. Tage der Krankheit bilden, häufiger sah ich sie erst in der
2. Woche, oder noch später eintreten. Die Speichelsecretion ist ver-
mehrt, die Schmerzhaftigkeit oft so bedeutend, dass die Kinder die
Zunge nicht herausstrecken, auch nicht essen können, wodurch die schon
vorhandene Schwäche noch gesteigert wird. Aus den blutenden Rhagaden
der Mundwinkel und Lippen gehen oft graugelbe Plaques hervor, welche
sich weit über die Mund- und Zungenschleimhaut ausbreiten, und nach
ihrer necrotischen Abstossung mehr oder minder tief dringende, besonders
den Zungenrand einkerbende Substanzverluste hinterlassen. Selbst da,
wo die Geschwüre noch oberflächlich waren, sah ich ein paar Mal so
bedeutende Blutungen eintreten, dass das Leben der Kinder durch
Erschöpfung bedroht wurde. Aus der Zunge und den Lippen rieselte
das Blut besonders beim Versuch zu essen, oft aber auch spontan,
massenhaft hervor, und jeder Versuch, die dicken Blutgerinnsel von den
Lippen zu entfernen, erneuerte die Blutung. Nur durch consequente
Anwendung von Liquor ferri sesquichlorati, welcher mittelst Charpie
680 Infectionskrankheiten.
applicirt oder in die Zunge eingepinselt wurde, gelang es uns, die Blutung
zum Stillstand zu bringen. In manchen Fällen ist die Affection indess
nur so schwach entwickelt, dass sie das Bild und den Verlauf der ge-
wöhnlichen Stomatitis aphthosa (S. 463) darbietet, während in anderen
die dunkelrothe Zungen- und Gaumenschleimhaut mit weissen croup-
artigen Auflagerungen, die sich ziemlich leicht abstreifen lassen und
oberflächliche blutende Erosionen hinterlassen, bedeckt erscheint. Der
Gebrauch eines Mundwassers von Chlorkaii (5 : 200), besonders aber
täglich ein paar Mal wiederholte Pinselungen mit einer Zinksolution
(Zinc sulphur. 1 : 100) leisteten mir bei dieser Stomatitis oft gute
Dienste: nur einmal entwickelte sich in Folge derselben eine so bedeu-
tende narbige Schrumpfung der Mundöffnung, dass diese auf ein nuss-
grosses rundes Loch reducirt wurde und auf operativem Wege dilatirt
werden musste. In einem tödtlichen Fall waren durch Stomatitis ulce-
rosa des Zahnfleisches die Zähne gelockert, der Unterkiefer vielfach von
Periost entblösst und cariös.
Auch die grossen Schamlippen und die Schleimhaut der Vulva,
sowie zufällig bestehende Excoriationen der äusseren Haut z. B.
Eczeme im Gesicht, hinter den Ohren u. s. w. können sich mit fibrinösen
Auf- und Einlagerungen bedecken. Bei einem 3jährigen Kinde sah ich
im Laufe der 2. Woche des Scharlach neben Angina und Rhinitis necro-
tica auch die Labien und Nymphen anschwellen, bläulich roth werden
und sich mit missfarbigem Exsudat überziehen, bald auch ein hinter
beiden Ohren befindliches Eczem dieselbe Beschaffenheit annehmen. An-
haltende Fomentationen mit einer Mischung von Aqua satürnin. und
(2 proc.) Carbollösung erzielten binnen 6 Tagen bedeutende Besserung,
doch erlag das Kind später einer Nephritis. —
Ich bemerkte oben (S. 673), dass die Pharyngitis in den ersten
Tagen des Scharlach eine einfach entzündliche zu sein, und der necroti-
sirende Charakter erst am 3. bis 4. Tage hervorzutreten pflegt. Von
dieser Regel giebt es aber Ausnahmen, indem gleich anfangs, ja selbst
noch vor der Entwickelung des Exanthems verdächtige Plaques im
Rachen auftreten. Die Krankheit beginnt dann mit einem massigen,
bisweilen auch mit hohem Fieber (39,5—40,0) und „diphtherischer"
Angina, und erst 2—3 Tage, in einem Falle sogar 5 Tage später, er-
schien das Scharlachexanthem auf der Haut. Seit meiner früheren
Publication') hatte ich wiederholt Gelegenheit, diesen ungewöhnlichen
Beginn zu beobachten:
') 1. c. S. 525.
Scarlatina. 681
Frieda Th., 3 Jahre alt, aufgenommen am 23. December. Seit einigen Tagen
Klagen über den Hals, seit gestern Fieber. Auf beiden gerötheten und geschwol-
lenen Tonsillen ein massiger grau weisser Belag, submaxillare Drüsenschwellung.
T. 39,5. In den nächsten beiden Tagen Besserung; der Belag streift sich ganz ab.
T. 38,4. Erst am 1. Januar beginnt neues heftiges Fieber (40,5) mit starker
Röthe des Pharynx, und am 3. zeigt sich die Scharlachröthe auf der Brust. Tod
am 6. unter Collapssymptomen.
Friedrich M., 7 Jahre alt, aufgenommen am 28. December mit einem star-
ken ,, diphtherischen" Belag beider Tonsillen, der Gaumenbögen, und Anschwel-
lung unter dem rechten Kieferwinkel. T. 38,3. In den beiden nächsten Tagen völlige
Abstossung der Beläge und Fieberlosigkeit (T. 36,6—37,4). Erst am 31. wieder
Steigerung (40,3), Kopfschmerz, Angina, und am folgenden Tage Ausbruch des
Exanthems. Tod am 6. Januar durch Collaps.
In beiden Fällen liegt also ein zweitägiges Intervall zwischen
dem Auftreten der diphtherischen Pharyngitis und dem Erscheinen des
scarlatinösen Prodromalfiebers, ein Intervall, während dessen die Rachen-
affection und das Fieber auf ein Minimum herabgehen oder ganz ver-
schwinden. Man muss sich daher die Frage vorlegen, ob hier die erste
Affection mit der zweiten wirklich zusammenhing, und nicht vielmehr
ächte Diphtherie vorlag, auf welche in Folge einer Infection in der
Klinik rasch Scharlach folgte, dessen Incubationsperiode, wie wir bald
sehen werden, nur eine äusserst kurze zu sein braucht. Für diese An-
sicht spricht noch der Umstand, dass in der Familie des ersten Kindes
bereits ein Knabe kurz zuvor an Diphtherie gestorben war, dass mir
ferner kein einziger Fall dieser Art in der Privatpraxis, wohl aber
mehrere in der Klinik vorkamen, wo die Infection mit verschiedenen
Contagien früher kaum zu vermeiden war. Ein 6 jähriger Knabe z. B.,
welcher am 30. April mit Diphtherie aufgenommen wurde, erkrankte in
der Nacht vom 2. zum 3. Mai an Scharlach, welches alsbald die sep-
tische Form annahm und mit dem Tode am 6. endete. Unzweifelhaft
gehören alle Fälle, in denen erst am 7. oder 9- Tage einer diphtheri-
tischen Rachenaffection Scharlach auftritt, dieser Complication an, und
solche Fälle sind mir keineswegs selten in der Klinik vorgekommen,
besonders häufig bei Kindern, die wegen eines diphtheritischen Croup
tracheotomirt worden waren und schon wenige Tage darauf an Schar-
lach erkrankten. In solchen combinirten Fällen sieht man daher auch
Nachkrankheiten auftreten, die einerseits auf Diphtherie, andererseits
auf Scharlach bezogen werden müssen, z. B. submaxillare Abscesse
und Gelenkaffectionen , auf welehe später Gaumenlähmung folgt').
') S. einen von mir beobachteten Fall dieser Art in der Berliner klin. Wochen-
schrift. 1882. S. 599.
682 InfectionskratiVheiten.
Schliesst man diese aus der Oombination von ächter Diphtherie und
Scharlach entstandenen Mischformen aus, so wird man wohl die
Thatsache bestätigt finden, dass die Pharyngitis im Beginn des
Scharlach fast constant eine einfache, wenn auch oft recht intensive
ist, den necrotisirenden Charakter aber erst auf der Höhe der Krankheit
annimmt. —
Die Malignität des Scharlach beruht aber nicht nur in der ge-
schilderten Tendenz zu necrotischen Processen, sondern noch mehr in
der specifischen Wirkung des Virus auf das Nerven- und Circula-
tionscentrum. Bevor ich auf diese unheilvolle Eigentümlichkeit näher
eingehe, lenke ich Ihre Aufmerksamkeit auf gewisse Symptome, welche
schon in den ersten Tagen der Krankheit lebhafte, oft nicht gerecht-
fertigte Besorgnisse erregen. Gleich beim Eintritt der nur in den Morgen-
stunden etwas remittirenden hohen Continua, bei dunkelrothem und dif-
fusem Exanthem, verfallen viele Kinder in einen somnolenten Zustand,
aus dem sie in der Regel leicht zu erwecken sind. Viele deliriren
dabei mehr oder weniger, und werfen sich unruhig hin und her; andere
sind apathisch, geben auf vorgelegte Fragen keine Antwort und scheinen
ihre Umgebung nicht deutlich zu erkennen. Bedenkliche Complicationen
irgend einer Art finden nicht statt; der Urin ist frei von Ei weiss oder
enthält nur Spuren, wie bei anderen hoch febrilen Krankheiten, die
Angina ist massig, der Puls nicht allzu frequent und von guter Be-
schaffenheit. Nur die Benommenheit des Sensorium flösst also Besorg-
nisse ein und lässt einen malignen Charakter befürchten. Aber mit
dem Sinken der hohen Temperatur am 4. bis 6. Tage schwinden
auch die sensoriellen Symptome, die Unruhe macht einem ruhigen Schlafe
Platz, das Bewusstsein stellt sich rasch wieder ein, und die Krankheit
nimmt nun ihren gewöhnlichen, freilich noch immer unberechenbaren
Verlauf. Selbst bei einem 11jährigen Knaben, der am 5. Tage nach
lebhaften Delirien in der Nacht tobsüchtig wurde, wiederholt aus dem
Bette sprang, zum Fenster lief und furchtbar schrie, so dass ihm Hände
und Füsse gebunden werden mussten, trat nach Chloral (5 : 100
3 Mal '/., Kinderlöffel voll genommen) Beruhigung und bald Gene-
sung ein.
Hier liegt den scheinbar drohenden Störungen des Sensorium nur
das continuirliche hohe Fieber zu Grunde, da analoge Symptome
auch in den ersten Tagen anderer, mit hoher Continua einhergehender
Krankheiten der Kinder, z. B. bei der fibrinösen Pneumonie, nicht selten
vorkommen. In der That leistete unter diesen Verhältnissen die abküh-
lende Methode entschieden gute Dienste, besonders lauwarme Bäder
Scarlatina. 683
von 26 — 25° R., deren Dauer etwa 10 Minuten betragen darf. In
manchen Fällen Hess ich sogar zweimal täglich baden. Gleichzeitig wurde
ein Eisbeutel continuirlich auf den Kopf, und bei heftiger Pharyngitis
ein solcher auch um den Hals applicirt. Auch Chinin (0,5 bis 1,0),
Natron salicylicum. (2,0), Antipyrin (0,25 bis 0,5) in den Nach-
mittagsstunden gereicht, zeigten sich mitunter wirksam, indem sie auf
6 bis 12 Stunden die Temperatur um Ibis 2° herunterdrückten. Dagegen
sah ich alle antipyretischen Mittel fehlschlagen, wenn das hohe Fieber,
die Delirien und Somnolenz von vornherein die Verkünder wirklich
maligner Erscheinungen waren. Die Temperatur blieb dann auf derselben
Höhe oder stieg sogar noch mehr, und ich betrachte daher die Unwirk-
samkeit der Antipyrese geradezu als ein prognostisch ungünstiges Moment,
welches uns anzeigt, dass es sich um eine wahre, durch die Virulenz
der Infectionskrankheit bedingte Malignität handelt. Von dem Wesen
dieser Virulenz wissen wir freilich so gut wie nichts. Weshalb das Schar-
lachfieber in einer Reihe von Fällen überaus leicht, in einer anderen
Reihe überwiegend bösartig verläuft, ist uns ebenfalls durchaus unbekannt,
und die Berufung auf den »Genius epidemicus« kann daran nichts ändern.
Auffallend war mir dabei die gewiss auch von vielen anderen Aerzten
gemachte Beobachtung, dass wenn in einer Familie Scharlach ausbricht
und eins der Kinder an der malignen Form zu Grunde geht, sehr häufig
auch noch ein zweites und drittes Kind unter denselben Erscheinungen
hingerafft wird, und auf diese Weise ganze Familien aussterben können.
Hier handelt es sich also um besonders schwere Infectionen, wahrschein-
lich um eine »Mischinfection« , wie sie durch die (S. 649) erwähnten
Untersuchungen constatirt wurde.
Schon in vielen einfachen Scharlachfällen bekundet der hüpfende
Charakter (Pulsus celer) und die ungewöhnlich hohe Frequenz des Pulses
(150 Schläge und mehr) den erwähnten Einfluss des Virus, welchen ich
mir als einen das Vaguscentrum lähmenden vorstelle. Wenn auch andere
Infectionskrankheiten, z. B. Typhus, in ihren schweren Formen ähnliche
Collapserscheinungen aufzuweisen haben, so kommen diese doch, nächst
der Diphtherie, dem Scharlachfieber am häufigsten zu und bilden die
Hauptgefahr, welche man während des tückischen Verlaufs dieser
Krankheit stets im Auge zu behalten hat. Die bei der Section häufig
gefundenen myocarditischen Veränderungen können kaum daran Schuld
sein, weil die Erscheinungen der Herzparalyse schon zu einer Zeit auf-
treten können, in welcher eine ausgedehnte parenchymatöse und inter-
stitielle Degeneration noch nicht anzunehmen ist. Jedem Arzte kommen
bisweilen Fälle vor, in welchen bei voller Gesundheit plötzlich Erbrechen,
684 Infectionskrankheiten.
Diarrhoe, auch wohl Convulsionen, enorme Frequenz und Kleinheit des
Pulses eintreten, und ein so schneller Oollaps erfolgt, dass schon nach
8— 12 Stunden der Puls schwindet, Gesicht und Extremitäten kühl wer-
den, und unter soporösen Erscheinungen, seltener unter mehr oder minder
heftigen Convulsionen, der Tod eintritt, ohne dass ein Exanthem zum
Vorschein gekommen ist. Die Diagnose bleibt dunkel, bis nach
wenigen Tagen eins oder mehrere Geschwister des verstorbenen Kindes
am Scharlach erkranken und dadurch der Zweifel gehoben wird. Häu-
figer jedoch kommt es noch zum Ausbruch eines heftigen Fiebers und
zur Entwickelung des Exanthems, wenn auch nur zu einer partiellen
und ungleichmässigen, und der Tod erfolgt erst nach 24—48 Stunden:
Kind von 3 Jahren, am 21. Juni aufgenommen. Noch am Abend zuvor ge-
sund. In der Nacht zwei Mal Erbrechen, Morgens partielles Scharlachexanthem am
Rumpf, Pharyngitis, Sopor, Conjunctivitis. Temp. 40,5; Euls 180, sehr klein;
Resp. 72. Nachmittags Oollaps, Puls kaum fühlbar. Nachts 11 Uhr Tod. Dauer
24 Stunden.
Ebenso schnell, aber unter terminalen Zuckungen, starb ein 2 jähriges Kind,
welches anhaltend eine Temperatur von 40,2—40,5 darbot, kleine Petechien auf
Brust und Armen zeigte, schon nach 18 stündiger Dauer der Krankheit collabirte und
C Stunden später zu Grunde ging. Bei einem erst 6 Monate alten Knaben, dessen
Temperatur am ersten Tage 39,2, Ab. 40,2, am zweiten Tage 40,8 und 41,4 betrug,
erfolgte im tiefen Sopor und Collaps tödtlicher Ausgang am Abend des zweiten
Tages, bei einem 2jährigen Kinde mit anhaltenden Temperaturen von 40,0 bis 41,8
und einer Pulsfrequenz von 180 bis 192 am vierten Abend.
Diese lähmende Einwirkung auf Gehirn und Herz macht sich oft
schon in den ersten Tagen der Krankheit bemerkbar, am häufigsten bei
Kindern unter 3 Jahren. Hier findet man dann den Puls von vorn-
herein enorm schnell (170 Schi, und mehr), leicht wegdrückbar ; Hände,
Füsse und Nase zeigen eine der anhaltend hohen Körpertemperatur
(40— 41°) widersprechende Kühle, und das Exanthem bekommt in Folge
der durch die Herzschwäche bedingten venösen Stauung einen cyanotischen,
lividen Anstrich; die kleinen Kranken sind in hohem Grade hinfällig,
deliriren, versuchen das Bett zu verlassen, zeigen Zähneknirschen, auch
wohl Trismus und rigide Extremitäten, werden rasch soporös und gehen
in diesem Zustande mit immer mehr schwindendem und an Frequenz
noch zunehmendem Pulse, bisweilen auch nach wiederholten epilepti-
formen Anfällen schon innerhalb der ersten Tage zu Grunde. Alle
diese »foudroyanten« Fälle sind absolut letal. Die gepriesensten
Reizmittel prallen an der paralysirenden Wirkung des Giftes macht-
los ab.
Scarlatina. 685
Etwas günstiger gestaltet sich die Prognose, wenn nicht von vorn-
herein, sondern erst nach der völligen Entwickelung des Exanthems
innerhalb der ersten oder zweiten Krankheitswoche die Symptome der
Herzschwäche auftreten. Da sie unter diesen Umständen langsamere
Fortschritte zu machen pflegen, so werden sie in ihrem Beginn von Un-
geübten um so leichter übersehen, als eine andere Reihe von krankhaften
Erscheinungen sich in den Vordergrund drängt und die Aufmerksamkeit
des Arztes in Anspruch nimmt. Die Kinder liegen mehr oder weniger
somnolent da, zeigen vollständige Apathie, werfen sich unruhig hin und
her. Die Augen sind halb oder ganz geschlossen, die Conjunctiva inji-
cirt, das Auge lichtscheu; das Exanthem, in verschiedenen Graden ent-
wickelt, oft als Scarl. variegata (S. 651), oder morbillenähnlich auf-
tretend, oder von einer ins Kupferrothe spielenden Farbe, auch wohl von
kleinen Blutextravasaten durchsetzt. Das Gesicht ist gedunsen, besonders
die Umgebung der Nase, deren Theilnahme an der necrotisirenden Ent-
zündung (S. 673) sich durch Coryza, Schnüffeln und Schnarchen, durch
Blutung und wiederholte Ausstossung diphtheritischer Fetzen aus der
Nasenhöhle kund giebt; Zunge, Lippen und Zahnfleisch erscheinen trocken,
mit bräunlichen Borken wie im Typhus bedeckt; die Rachentheile, wenn
ihre Untersuchung überhaupt gelingt, fast immer „diphtheri tisch" und
einen starken Foetor verbreitend. Dabei kann noch Otitis und Phleg-
mone der submaxillaren Partien bestehen, der Urin die Spuren frühzei-
tiger Nephritis zeigen, und auch eine Complication mit Entzündung der
Respirationsorgane oder der serösen Membranen, zumal eiterige Synovitis
stattfinden, welche ich Ihnen (S. 667) geschildert habe. Dies in seinen
wesentlichen Zügen immer ziemlich gleiche und sehr charakteristische
Gesammtbild der Malignität kann 8 bis 10 Tage und darüber bestehen,
wobei die zuweilen eintretende grössere Freiheit des Sensorium, das
Beantworten vorgelegter Fragen mit näselnder oder lallender Sprache
nicht sofort trügerische Hoffnungen erwecken darf. Während dieser
ganzen Zeit dauert das Fieber mit Temperaturen von 39,5 bis 40° und
darüber bis zum Tode fort. Ja in einzelnen Fällen fand ich noch kurz
vor dem Tode 40,2 bis 42,5°, obwohl der Puls kaum noch zu fühlen
und die extremen Theile schon kühl wurden, während in anderen schein-
bar analogen Fällen die Temperatur vielfach schwankte und am letzten
Tage erheblich, selbst bis auf 36,5 herunterging. In einem Fälle consta-
tirten wir eine Viertelstunde nach dem Tode 43,2, nachdem kurz vor
dem Tode 40,8 gemessen worden war. Als ein beim einfachen Schar-
lach ziemlich seltenes, in malignen Fällen aber weit häufigeres Symptom
ist noch eine mehr oder minder profuse Diarrhoe zu erwähnen, welche
686 Infectionskrankheiten.
bisweilen von vornherein so plötzlich und massenhaft eintritt, dass ein
choleraartiger Verfall darauf folgt. Wiederholt beobachtete ich auch
mehr oder weniger intensiven Icterus, der indess nicht immer eine
böse Bedeutung hatte, und entweder durch einen Duodenal- und Gallen-
gangscatarrh oder durch interstitielle Hepatitis (S. 574) bedingt wird,
in schlimmen Fällen aber auch als Ausdruck der Sepsis auftritt. So
trübe und unheilverkündend auch der Gesammteindruck dieser malignen
Fälle ist, darf man doch die Hoffnung nicht aufgeben, so lange die
Zeichen des fortschreitenden Oollapses fehlen. Hier ist wieder einmal
ein Fall, in welchem der Puls seine prognostische Bedeutung in hervor-
ragender Weise bekundet. So lange derselbe ein gewisses Maass von
Frequenz, also je nach dem Alter 120 bis 140 Schi., nicht überschreitet
und dabei seine nahezu normale Spannung und Fülle bewahrt, lasse
man den Muth nicht sinken, mögen auch die übrigen Symptome noch so
schlimm erscheinen. Wird aber der Puls sehr klein, leicht wegdrückbar,
dicrot, unregelmässig und ungleich, besonders aber äusserst frequent (180
oder gar 200 und 240, wie ich es bei einem 4jährigen Knaben beob-
achtete), wird die Haut der extremen Theile kühl, das noch bestehende
Exanthem cyanotisch, der Sopor immer tiefer, tritt endlich Zähneknirschen
oder Tremor der Hände und der ausgestreckten Zunge ein, so ist die
Prognose eine letale. Man muss auf den Eintritt dieser Oollapserschei-
nungen in allen malignen, selbst in mittelschweren Fällen gefasst sein;
nicht selten erfolgt er ganz plötzlich und unerwartet, und straft die noch
Tags zuvor gestellte günstige Prognose Lügen. —
Die Sectionen, auch der bösartigsten Fälle von Scharlach, ergeben
nichts, was man als charakteristisch für diese Krankheit betrachten
könnte. Neben den vielfachen Oomplicationen, welche Sie schon während
des Lebens constatiren konnten, und auf welche ich hier nicht zurück-
komme, finden Sie jene albuminoiden und fettigen Degenerationen der
Muskelfasern des Herzens, der Leberzellen und Nierenepithelien, welche
allen schweren Infectionskrankheiten gemeinsam sind, demnächst Schwel-
lung der Milz, vieler Lymphdrüsen, der Peyer'schen Plaques, der Soli-
tärfollikel des Darms und der Mesenterialdrüsen, ein Befund, welcher auch
da oft vorkommt, wo im Leben keine Diarrhoe bestand. Die Darm-
schleimhaut bot in diesen Fällen, abgesehen von einem mehr oder minder
ausgedehnten Catarrh, keine bemerkenswerthen Veränderungen dar1).
') Acute gelbe Leberatrophie und dysenterische Veränderungen der Darm-
schleimhaut, welche Litten (I. c. S. 120 u. 128) beobachtete, kamen mir bei Kin-
dern bisher nicht vor.
Scarlatina. 687
In der Mund- und Rachenhöhle, wie im Oesophagus, fanden wir neben
den necrotischen Processen häufig Soorentwickelung. Multiple kleine
Blutextravasate in verschiedenen Organen, besonders in den Lungen,
waren nicht selten, ebenso diphtheri tische Processe im Larynx, Broncho-
pneumonie, Oedema pulmonum, Nephritis parenchymatosa, auch hämorrha-
gica, Serumanhäufung in den Hirnventrikeln. Eine charakteristische Ver-
änderung des Blutes ist mir bei den leider sehr zahlreichen Sectionen, welche
ich zu machen Gelegenheit hatte, niemals aufgefallen, und ein erheblicher
Milztumor wurde nur in einer kleinen Anzahl von Fällen constatirt. Der
Befund septischer Coccen in verschiedenen Organen und dessen Be-
deutung wurde bereits oben (S. 669) erwähnt. —
Aus der Schilderung der Krankheit, ihrer zahlreichen Varietäten
und Complicationen, werden Sie wohl erkannt haben, dass ich berechtigt
war, das Scharlachfieber als eine in ihrem Verlauf und Ausgang unbe-
rechenbare Affection zu bezeichnen, deren Prognose unter allen Um-
ständen, auch bei dem anscheinend günstigsten Verlauf, immer nur
zweifelhaft gestellt werden darf. Da aber nach dem vollständigen
Ablaufe des acuten Processes noch verschiedene Nachkrankheiten
auftreten können, welche die Gesundheit und das Leben des schon
ausser aller Gefahr scheinenden Kindes von neuem bedrohen, so rathe
ich Ihnen, den Eltern gleich im Anfänge der Krankheit mitzutheilen,
dass Sie vor dem Ende der 4. Krankheitswoche keine Garantie
für einen glücklichen Ausgang übernehmen können. Unter den Nach-
krankheiten steht in erster Reihe die Nephritis, welche ich bereits
früher (S. 596) ausführlich geschildert habe. Demnächst haben Sie die
Folgen der Otitis media, ihren Uebergang auf den Knochen, die Mit-
leidenschaft der Sinus und der Meningen, oder Paralyse des N. facialis
und bleibende Taubheit zu fürchten. In mehreren Fällen beobachtete
ich während der Reconvalescenz, meistens in der dritten Woche, die Ent-
wickelung einer Pneumonie, welche zweimal letal endete. Ueber die
im Gefolge des Scharlach bisweilen auftretende interstitielle Hepatitis
mit Schwellung und Empfindlichkeit der Leber, und mehr oder weniger
entwickeltem Icterus wurde bereits S. 574 gesprochen. Insbesondere in
den letzten Jahren ist sie mir mehrfach vorgekommen. Wiederholt sah
ich auch, wie oben erwähnt wurde, in Folge directer Infection in den
klinischen Sälen die eben vom Scharlach genesenen Kinder an ächter
Diphtherie erkranken, und durch Collaps oder Croup zu Grunde gehen-
Dagegen kam mir Gangrän der Haut oder der Schleimhäute nur selten
vor, ein paar Mal als Decubitus am Kreuzbein oder an anderen dem
Druck ausgesetzten Körperstellen, einmal als Necrose des Nasenknorpels,
088 Infectionskrankheiten.
einmal als Brand eines Bubö inguinalis in der dritten Woche der Krank-
heit mit tödtlichem Ausgang, ein paar Mal als brandige Phlegmone
des Bindegewebes am Halse, nie aber in der Form von Noma des Mundes
oder der weiblichen Genitalien, wie es von Anderen beobachtet wurde.
In der Literatur fehlt es nicht an Beispielen, in denen schon während
der ersten Krankheitswochen die Zungenspitze oder Theile der Alveolar-
fortsätze durch Brand verloren gingen. Zu den Nachkrankheiten gehör-
ten auch Abscesse am Halse, auf dem Rücken, den Händen, den
Augenlidern und in unmittelbarer Nähe der Gelenke, welche durch ihre
continuirliche Neubildung und die copiöse Eiterung schliesslich Marasmus
herbeiführten, ein paar Mal auch die in der Nähe liegenden Gelenke
perforirten (S. 669). Papulöse, eczematöse und pustulöse Eruptionen,
besonders im Gesicht und an den Ohren kamen in den ersten Wochen
und Monaten nach überstandenem Scharlach nicht selten zum Vorschein,
einmal auch ein bullöser Ausschlag auf den Extremitäten am 13. Tage,
während ich einen unter wiederholten heftigen Fieberstürmen auftreten-
den Pemphigus acutus nur einmal beobachtete und daher ungewiss
bin, ob derselbe nicht als etwas Zufälliges zu betrachten war. In ein-
zelnen Fällen entwickelte sich Fluor albus unmittelbar nach dem Schar-
lach, wahrscheinlich als Folge einer Verbreitung der Dermatitis auf die
Schleimhaut der Genitalien (S. 644). Am wenigsten hat man, wenigstens
nach meiner Erfahrung, für das Nervensystem zu fürchten. Bei
einigen Kindern beobachtete ich unmittelbar nach dem Verlassen des
Bettes einen vollkommen ataktischen Gang, welcher entweder nur ein
paar Tage, oder Wochen läng bestand. Chorea kam mir nur zweimal
während der acuten Periode des Scharlach vor, beide Male mit Gelenk-
schmerzen resp. Synovitis verbunden, nie aber als Nachkrankheit. Bei
der sehr grossen Zahl der choreakranken Kinder, welche ich zu sehen
Gelegenheit hatte, scheint mir dieser Umstand un so bemerkenswerther,
als andere Autoren (Gubler und Bouchut) gerade Chorea nach Schar-
lach beobachtet haben wollen. Nur einmal sah ich Aphasie fast ein
Jahr lang nach Scharlach fortbestehen, dann aber schwinden. Psy-
chische Störungen, die auch von anderen Autoren nach Scharlach, wie
nach Infectionskrankheiten überhaupt, beobachtet wurden, kamen nur 3 Mal
vor, 2 Mal in Verbindung mit Nephritis und Urämie, (S. 610), und 1 Mal
unabhängig von diesen, also lediglich bedingt durch die Infectionskrankheit.
Knabe von 3 Jahren, aufgenommen am 1-9. Mai mit verblassendem Schar-
lachexanthem und starker Pharynxnecrose. T. 39,6 P. 1G0, klein. Sensorium
benommen, heftiges Schreien, Jactitation, spricht unverständliche Worte
durcheinander. In den nächsten Tagen tritt die Verwirrtheit immer deutlicher
Scarlatina. 689
hervor, besonders in den Nächten bei starker Unruhe. Aber auch am Tage geberdet
er sich bei der Untersuchung wie unsinnig, sträubt sich gegen die Wärterin,
beisst um sich, zeigt einen stieren, entsetzten Blick. Bei Tage fast fieberlos,
Ab. 39,2 — 39,4. Urin ohne Biweiss. Vom 26. an zunehmender Collaps bei
völligem Schwinden des Fiebers. Wird immer stiller und theilnahmloser, verweigert
absolut die Nahrung, und muss künstlich ernährt werden (Schlundsonde und Klystiere).
Tod am 8. Juni durch Lungenoedem. Section. Oedema pulm., Bronchopneumonia
lobularis, leichter Hydrocephalus internus. Nieren normal.
Erwähnt sei schliesslich noch die Manifestation einer hämorr-
hagischen Diathese in Form von Purpura, welche ich wiederholt
als Nachkrankheit, und zwar bisher fast immer mit glücklichem Aus-
gange beobachtete. Nur in einem Fall erfolgte unter dem Bilde der
später zu beschreibenden „Purpura fulminans" der Tod, und auch in der
Literatur sind einige schnell tödtliche Fälle dieser Art verzeichnet. Mir
stehen im Ganzen 9 Fälle von Purpura nach Scharlach zur Verfügung,
welche sämmtlich in der 2. bis 4. Woche nach der Eruption sich ent-
wickelten. In keinem Fall hatte die Scarlatina eine wesentliche Ab-
weichung von ihrem normalen Verlaufe dargeboten. Bei 5 Kindern
wurden nur Blutextravasate in der Haut verschiedener Körpertheile beob-
achtet, z. B. bei einem 3jährigen Mädchen eine sehr reichliche con-
fluirende, fast symmetrisch angeordnete Purpura auf beiden Wangen und
auf der Streckseite beider Vorderarme. In den anderen Fällen fanden
gleichzeitig noch Blutungen aus Schleimhäuten, besonders aus der Nase,
statt. Bei einem dieser Kinder bildeten sich auf dem rechten Ober-
arm und der rechten Hinterbacke sehr schnell schwarzrothe ausge-
dehnte Extravasate, auf welchen mehrere mit blutigem Serum gefüllte
Blasen aufschössen. Trotz eines heftigen eclamptischen Anfalls erfolgte
binnen 14 Tagen vollständige Heilung, und auch in vier anderen
Fällen, die noch mit Nephritis complicirt waren, war der Ausgang ein
glücklicher.
Marie U., 6 Jahre alt, aufgenommen am 23. November, soll seit 3 Wochen
krank sein. Seit 3 Tagen blutet sie fast anhaltend aus der Nase, dem Munde
und den äusseren Gehörgängen, ist fast appetitlos, sehr heruntergekommen und
anämisch. Puls kaum fühlbar, Extremitäten und Gesicht kühl, allgemeines Zittern.
Die Haut der Extremitäten spärlich, Bauch und Brust aber mit zahllosen grösseren
und kleineren, zum Theil confluirten Ecchymosen bedeckt. Das rechte obere
Augenlid durch blutige Suffusion geschwollen. Geringes Oedem der Beine. Brust-
und Bauchorgane normal. Urin enthält eine massige Menge Albumen, Epithe-
lien und Cy lind er. Stuhlgang schwarz, blutig. T. 38 — 38,4. Die Anamnese er-
gab, dass das Kind Scharlach überstanden hatte, was auch durch die deutlichen
Reste der Abschuppung bewiesen wurde. Therapie: Tamponade der rechten Nasen-
höhle behufs der Blutstillung, Jnjection von Ergotin, 0,1. Vom 25.Ergotin 1,5:120
Heuocb, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. ££
690 Infectionskrankheiten.
2 stündlich 1 Kinderlöffel. Schon am nächsten Tage Entfieberung, besserer Appetit,
ein paar dünne, aber nicht blutige Stühle; allmäliges Schwinden der Ecchymosen,
keine neuen Biotungen. Nephritis fortbestehend bis zum 1. December, wo der Urin
normal erscheint und auch das Oedem geschwunden ist.
Wodurch die hämorrhagische Diathese nach Scharlach zu Stande
kommt, wissen wir nicht; vielleicht handelt es sich um moleculäre Ver-
änderungen in den Wänden der kleinen Gefässe, wodurch eine grössere
Brüchigkeit derselben bedingt wird. Bemerkenswerth ist, dass eine kurz
zuvor überstandene Purpura keine besondere Disposition begründet; denn
bei einem 10jährigen Knaben, welcher Anfangs Mai 1875 in der Klinik
an Purpura rheumatica behandelt und am 16. Mai von Scarlatina befallen
wurde, fand nach derselben kein Eecidiv der Purpura statt. —
Wenn auch seltener als bei Typhus abdominalis, kommen auch bei
Scharlach Recidive vor. Nachdem der Kranke schon mehrere Tage,
selbst Wochen vollständig entfiebert war, und die Desquamation in nor-
maler Weise eingetreten ist, bricht mit plötzlich neu auftretendem Fieber
das Exanthem entweder am ganzen Körper oder nur partiell von neuem
hervor, und die Krankheit macht ihren Verlauf zum zweiten Male durch,
wobei die Symptome sogar bedrohlicher sein können, wie im ersten
Anfall. Interessant ist dabei die während der Desquamation von
neuem auftretende Hautröthe, die ein ganz eigenthümliches Bild ge-
währt. Seit den Arbeiten von Trojanowski, Thomas und Körner1)
hat sich die Aufmerksamkeit der Aerzte mehr und mehr diesen Recidiven
zugewandt, und ich selbst hatte Gelegenheit, diese wiederholt zu beob-
achten. Ich erwähne nur die folgendeu Fälle:
Flora M., I2jährig, vor 12 Tagen an einfachem Scharlach erkrankt, seit
5 Tagen ganz fieberfrei und munter, wurde plötzlich wieder von starkem Fieber mit
leichten Delirien befallen, wozu sich Husten und rascher Athem gesellten. Am
27. Dec. 1876 (also am 12. Tage nach der ersten Eruption) fand ich 52 Resp., Ster-
tor, hinten beiderseits und links vorn rauhes Athmon mit zahlreichen feinblasigen
Rasselgeräuschen. Zunge trocken. Auf der Haut des ganzen Körpers starke Des-
quamation und darunter eine diffuse dunkle Röthe, welche am Tage zuvor
noch nicht bemerkt worden war. P. 144. In den nächsten Tagen gesellte sich dazu
starke Pharyngitis und Conjunctivitis, und am 30., während sich die bronchitischen
Symptome allmälig zurückbildeten und das Fieber sich verminderte (38,5), An-
schwellung der submaxillaren Lymphdrüsen, Prominenz der Zungenpapillen
und gelblich weisse Auflagerung auf beiden entzündeten Tonsillen. Ab. 39,5.
Am 31. erblasste das Exanthem und war am folgenden Tage ganz verschwunden.
') Jahrb. f. Kinderheilk. 1873. S. 417. Ibid. 1876. - Jeanseime, Arch.
gen. de med. Juin et Juillet 1892.
Scarlatina. 691
Auch Angina und Bronchitis nahmen ab, und am 6. Januar war die Kranke fieber-
frei. Dagegen war Otorrhoe und Schwerhörigkeit eingetreten, welche sich, ebenso
wie die Abschuppung, mehrere Wochen hinzog. Die Therapie bestand aus hydro-
pathischen Einwickelungen des Thorax und Tartar. eniet. (0,12: 120,0), später Inf.
rad. ipecac, und Kali chloricam (5: 150) zum Gurgeln.
Ein öjähriger Knabe bekam am 28. Aug. Scharlach. Am 22. Septbr., also
25 Tage später, neues Fieber (38,5), Erbrechen, allgemeine blasse Röthe und
Angina. Am 27. Schwinden des Ausschlags und des Fiebers. Erneute Desqua-
mation.
Marie S., mit Scharlach erkrankt am 11. Oct. Normaler Verlauf. Am
13. Tage plötzlich neues Fieber (39,5) und diffuses rothes Exanthem auf dem
Rumpf und den Oberschenkeln, welches nach 24 Stunden erblasst und dann ganz
verschwindet. T. 38,7 wegen Otitis und einiger noch bestehender necrotischer Pla-
ques im Rachen. Völlige Heilung.
Ein 2'/2jähriger Knabe (April 1880) bekam 4 Wochen nach dem ersten An-
fall von Scharlach ein Recidiv, welches eine linksseitige purulente Pleuritis zur
Folge hatte. Heilung nach zweimaliger Punction und Aspiration.
Knabe von 3 Jahren. Eruption am 26. Februar, aufgen. am 1. März. Vom
4.-6. fieberlos. Am 7. Recidiv. Temp. 40,2. Am 12. Haut krebsroth. Pneumonie
des rechten Unterlappens. Tod am 16.
Mädchen von 4 Jahren, am 20. April mit Scharlach aufgenommen. Am
24. fieberlos. Den 2. Mai Abschuppung. Den 9. neues Fieber, 40,5. Den 10.
Recidiv des Exanthems mitAngina. Temp. bis zum 13. immer zwischen 40 und41
schwankend. Bäder. Den 15. Exanthem verschwunden, fieberlos.
Knabe von 3 Jahren. Am 18. Mai an Scharlach erkrankt: den 20. Exan-
them erblasst, aber Temp. zwischen 39 und 40,1 noch unterhalten durch Necrose
der Mandeln und Stomatitis. Im Urin etwas Eiweiss. Den 26. neues Ex-
anthem, Somnolenz, submaxilläre Phlegmone, Oedema faciei, kleiner rascher Puls.
Tod im Collaps am 28.
Knabe von 2 Jahren. Scharlacheruption am 23. April, am 27. verschwun-
den. Kein Fieber. Den 29. Abschuppung. Den 30. Recidiv. Temp. 39,3. Den
6. Mai Bronchopneumonia duplex. Temp. 40,5. Tod am 9.
Von einer neuen Infection kann unter diesen Umständen ebenso
wenig die Rede sein, wie bei dem Typhusrecidiv. Ich kann mir nur
denken, dass das scarlatinöse Virus durch den ersten Anfall nicht voll-
ständig eliminirt worden ist, und demgemäss ein Nachschub folgen muss.
Bei geschärfter Aufmerksamkeit dürften die Recidive häufiger beobachtet
werden, als bisher; nur erwarte man nicht immer ein so prägnantes
Bild, wie in unserem ersten Fall; vielmehr können einzelne Erschei-
nungen, Fieber oder Exanthem, in so flüchtiger Weise von neuem auf-
treten, dass sie, zumal in der Armenpraxis, leicht übersehen werden.
Andererseits hüte man sich auch vor der Verwechselung einfacher Ery-
theme oder Urticaria, welche ich nach dem Ablaufe des Scharlach
44*
692 Infectionskrankheiten.
häufig auftreten sah, mit einem Recidiv, welchem immer eine erneute
Desquamation folgen muss. Jedenfalls hat man dem Recidiv keine ge-
ringere Bedeutung zuzuschreiben, als dem ersten Anfall; mehrere Fälle,
auch einige von mir selbst beobachtete, lehren, dass es durch Pneumonie
oder unter malignen Erscheinungen letal enden kann, während der erste
Anfall ganz normal verlief 'J.
Die Desquamation scheint mir auch von besonderer Wichtigkeit für
die Beurtheilung der sogenannten Scarlatina sine exanthemate, d. h.
einer Scharlacherkrankung, in welcher der Ausschlag fehlt. Dass
solche Fälle, wenn auch nicht gerade häufig, vorkommen, ist unzweifel-
haft. Sie charakterisiren sich dadurch, dass in manchen Fällen mehrere
Mitglieder an vollständigem Scharlach mit normal ausgebildetem Exan-
them erkranken, während Andere, insbesondere die Eltern und Diener-
schaft, zuweilen aber auch Kinder, mögen sie nun das Scharlaohfieber
schon überstanden haben oder nicht, nur von einer mehr oder minder
heftigen Pharyngitis mit Fieber, ungewöhnlich schnellem Pulse (Trous-
seau) und bedeutender Störung des Allgemeinbefindens befallen werden,
ohne ein Exanthem darzubieten. Dies schiiesst aber auch die nach-
folgende Desquamation aus, welche nur da zu erwarten ist, wo ihre
anatomische Bedingung, d. h. die Dermatitis, vorausgegangen war. Ein
paar Mal und zwar bei erwachsenen Personen, hatte ich Gelegenheit,
als Nachkrankheit dieser Scarlatina sine exanthemate Nephritis zu
beobachten, welche jeden Zweifel an der Natur der Krankheit aus-
schliessen musste. Dass sogar Gelenkschmerzen diese Form mitunter
begleiten, lehrt der folgende Fall:
Im Ootober 1 887 wurde ich bei zwei Kindern consultirt, von denen das ältere
an Scarlatina variegata mit necrotisirender Pharyngitis litt. Auf den Armen war
das Exanthem noch deutlich sichtbar, im Gesicht stellenweise schon Desquamation
vorhanden. Der jüngere Knabe fieberte anhaltend stark (A.b. beinahe 40,0), hatte
eine starke, aber einfache Angina, ohne Spur von Exanthem, so genau auch
täglich darauf untersucht wurde. Am 8. Tage traten unter andauerndem Fieber sehr
lebhafte Schmerzen in den Hüft-, Knie-, Ellenbogen- und Knöchelgelenken auf,
welche jede Bewegung hinderten, aber nicht mit Anschwellung verbunden waren.
Watteeinwickelung. Heilung nach wenigen Tagen. Keine Desquamation. —
Die Empfänglichkeit für das Scharlach fieber ist in allen
Stufen des Kindesalters vorhanden, am geringsten bei Kindern unter
2 Jahren. Unter 521 meiner Fälle betrafen nur 56 diese Altersperiode,
') Charite-Annalen. VII. S. 661.
Scarlatina. 693
welche jedoch die stärkste Mortalität darbietet. Das Alter zwischen
3 und 8 Jahren wird am häufigsten befallen. Im Allgemeinen entgehen
weit mehr Menschen dem Scharlach, als den Masern, welche oft noch
im erwachsenen und selbst im vorgerückten Lebensalter bei Individuen
auftreten, die als Kinder von ihnen verschont geblieben waren. Vom
Scharlach bleiben indess sehr viele Menschen während des ganzen Lebens
frei, und zwar auch solche, die sich vielfach der Ansteckung aussetzen
müssen. Ueber die Art der lnfection fehlt uns jede sichere Kenntniss.
Dass ein längerer Aufenthalt bei Scharlachkranken, also das Einathmen
der den Kranken umgebenden Luft am leichtesten die Ansteckung ver-
mittelt, steht fest; wahrscheinlich, wenn auch nicht ganz sicher gestellt,
ist die Verschleppung des Virus durch Kleidungsstücke und andere
Gegenstände, vielleicht auch durch Lebensmittel. In England wird in
dieser Beziehung besonders die Milch als Träger der lnfection mit
Scharlach, Typhus und Diphtherie beschuldigt. Ist dies richtig, so wird
auch die sorgfältigste Ueberwachung nicht im Stande sein, die Aus-
breitung dieser Krankheit zu verhindern, und ich erinnere mich in dieser
Beziehung mit besonderem Unbehagen eines Besuchs, welchen ich dem
an malignem Scharlach daniederliegenden Kinde eines Bäckers abstattete.
Hier lag das Krankenzimmer dicht neben dem Verkaufslocal , mit
welchem es durch eine vielfach geöffnete oder gar offenstehende Thür
communicirte, so dass die Imprägnirung der Backwaare mit der Infections-
luft nothwendig stattfinden musste. Man stelle sich nun die Folgen vor,
wenn in der That auf solche Weise eine Ansteckung vermittelt werden
kann! —
Die Thatsache, dass Individuen mit offenen Wunden eine ge-
steigerte Empfänglichkeit für das Scharlachcontagium besitzen, wofür
auch die bekannte Disposition der Wöchnerinnen zu dieser Krankheit
spricht, konnte ich auf meiner Klinik wiederholt bestätigen '). Kinder
mit frischen Operationswunden (Phimose, Tracheotomie, Augenoperationen
u. s. w.) wurden oft, und zwar gewöhnlich 4 — 7 Tage nach der Ope-
ration von Scharlach befallen, was mit den Beobachtungen von Hillier,
Riedinger und Koch2) im Allgemeinen übereinstimmt. Darin liegt
zugleich eine Bestätigung der Thatsache, dass dem Scharlach ein im
Verhältniss zu anderen Infectionskrankheiten (Masern, Pocken) kurzes
1) Charite-Annalen. I. S. 599.
2) Diseases of children. London, 1868. p. 289. Centralbl. f. Chirurgie. 1880.
S. 57. — Ein Beitrag zur Kenntniss des chirurgischen Scharlach. Dissert. Luzern
1892. — Treub, Centralbl. f. Chir. 1880. No. 18J.
694 Infeotionskrankheiten.
Incubationsstadium zukommt. Wenn es auch oft recht schwer, ja
unmöglich ist, den Zeitpunkt der Ansteckung genau zu bestimmen, so
ergaben mir doch wiederholte, sowohl in der Privatpraxis wie in der
Klinik gemachte Beobachtungen, dass die Incubationsperiode oft nicht
länger als 4 Tage, mitunter nur 36 - 48 Stunden dauerte, während
Trousseau, Murchison u. A. eine noch kürzere Dauer (24—8 Stunden)
beobachtet haben wollen. Der S. 649 mitgetheilte Fall, in welchem
Varicellen und Scharlach gleichzeitig bestanden, und der folgende können
als Beispiel dieser raschen Entwickelung dienen:
Knabe von 10 Jahren, am 5. Decbr. an Scharlach erkrankt, mit welchem er
nachweisbar in der Schule durch einen neben ihm sitzenden Mitschüler inficirt wor-
den war. Trotz der sofortigen Absperrung zweier jüngerer Schwestern erkrankte
die eine bereits am 8., also schon nach 3—4 Tagen, ebenfalls an Scharlach.
In welcher Periode seines Verlaufs Scharlach am leichtesten in-
ficirend wirkt, wissen wir nicht. Vorläufig müssen wir daher die ganze
Zeit der Erkrankung bis zum Ablauf der Desquamation als infections-
fähig betrachten und die erkrankten Kinder demgemäss isoliren. Die
Möglichkeit einer Ansteckung schon im Incubationsstadium bestimmte
mich zu der (S. 652) Empfehlung strengster Maassregeln in Bezug auf
den Schulbesuch ').
Ein zweimaliges Auftreten des Scharlachfiebers in einem und
demselben Individuum ist jedenfalls sehr selten, wenn man die (S. 690)
erwähnten Recidive in Abrechnung bringt. Ich selbst habe nur einen
sicheren Fall bei dem Kinde eines Collegen beobachtet, welches ein
Jahr nach dem ersten unzweifelhaften Anfall durch die Erkrankung eines
Bruders an Scharlach von neuem inficirt wurde, und die Krankheit mit
prägnanten Symptomen und schliesslich mit starker Desquamation zum
zweiten Mal durchmachte. Auch hier hüte man sich vor Verwechselungen
mit fieberhaften Erythemen, welche leicht für wiederholte Scharlach-
eruption gehalten werden können. —
Ich komme schliesslich zur Behandlung. In allen Fällen mit
normalem, von Complicationen freiem Verlauf bedarf es keiner Medica-
mente. Man isolire die Kinder von ihren Geschwistern, oder bringe die
letzteren, wo es angeht, lieber ganz aus dem Hause, um ihre Ansteckung
möglichst zu verhüten. Reine Luft und kühle Temperatur (13—14° R.)
des Krankenzimmers sind dringend zu empfehlen; es ist unglaublich, wie
l) Vergl. auch Uffelmann, Handbuch der privaten und öffentlichen Hygiene
des Kindes. Leipzig, 1881. S. 395.
Scarlatina. 695
tief das Publicum noch immer in dem alten Glauben steckt, dass die
Kinder möglichst warm gehalten werden müssen. Man öffne daher
wiederholt, wenigstens im Nebenzimmer, die Fenster, oder lasse diese,
wenigstens bei Tage, lieber ganz offen, decke die Kinder nur leicht zu,
und verdunkele das Zimmer nur in den seltenen Fällen, wo über Licht-
scheu geklagt wird. Kühles Getränk (Wasser mit Fruchtsäften), Apfel,
sinenscheiben, Milch, schleimige Suppen, Tauben- und Hühnerbrühe
bilden die Diät während der Fiebertage. Bei Stuhlverhaltung gebe man
Klystiere oder reiche einen um den anderen Tag ein leichtes Purgans,
z. B. einen Theelöffel Magnesia usta oder abführendes Brausepulver, ein
Weinglas Bitterwasser u. s. w.
Beharrt das Fieber anhaltend auf bedeutender Höhe, und treten in
Folge dessen die scheinbar malignen Symptome auf, von welchen oben
(S. 682) die Rede war, Somnolenz, Unruhe, Delirien, so bedecke man
den Kopf mit einer Eiskappe, gebe eine Dosis Chinin (0,5—1,0) oder
Antipyrin (0,25 — 0,5)') zwischen 4 und 6 Uhr Nachm., oder setze
das Kind in ein laues Bad (27—25° R.). Kühlere Bäder widerrathe
ich aus dem Grunde, weil beim Scharlach, welches schon an und für
sich zum Collaps durch Herzschwäche neigt, die Kälte mehr als bei
irgend einer anderen Krankheit unerwartet schnellen Verfall herbeiführen
kann. Dagegen sind zwei- bis dreistündlich wiederholte kühle
Waschungen des ganzen Körpers mit einem in Wasser und Essig ge-
tauchten Schwamm sehr zu empfehlen, und dabei den lebhaft fiebernden
Kindern angenehm. Will man durchaus etwas verschreiben, so eignet
sich am besten Salzsäure (F. 3).
Die antipyretische Behandlung hat aber nur da Erfolg aufzuweisen,
wo es sich in der That um scheinbar maligne, nur durch das hohe
Fieber bedingte Symptome handelt. In allen wirklich bösartigen
Fällen bleiben, wie ich schon bemerkte, alle Antipyretica ohne Erfolg.
Von grossen Dosen des Chinins, innerlich oder subcutan angewendet, sah
ich niemals eine Wirkung, und Natr. salicylicum, wie auch Antipyrin
und Antifebrin, halte ich in solchen Fällen sogar für bedenkliche, den
Collaps fördernde Mittel. Ebenso wenig hatten kühle Bäder oder hydro-
pathische Einwickelungen wesentlichen Einfluss auf die hohe Temperatur,
die dabei entweder ganz unverändert blieb, oder nur unerheblich und
auf ganz kurze Zeit herunterging, während der Puls noch kleiner, der
') Vom Antifebrin bin ich seiner nicht ungefährlichen Eigenschaften wegen
zurückgekommen. Mehr zu empfehlen ist Phecenat in.
696 Infectionskrankheiten.
allgemeine Verfall noch bedenklicher wurde2). In mehreren Fällen sah
ich während des Bades einen gefährlichen, einmal sogar letalen Collaps
eintreten. Offenbar wird hier die enorm gesteigerte Temperatur durch
einen so hohen Grad von Infection unterhalten, dass kein Antipyreticuni
dagegen aufkommen kann, und dieser Grad der Infection entscheidet
meiner Ansicht nach überhaupt über den Erfolg der ganzen Behandlung.
Es verhält sich hier gerade so, wie bei jeder anderen Vergiftung, deren
Ausgang zunächst immer von der Menge des eingeführten Giftes ab-
hängen wird. In allen schweren Scharlachfälien ist es hauptsächlich
die paralysirende Wirkung des Virus auf das Herznervensystem, deren
Bekämpfung dem Arzte obliegt. Gelingt es durch consequente Anwen-
dung kräftiger Excitantia die Herzaction so lange über Wasser zu
erhalten, bis der Organismus die sonstigen schweren Folgen der Infection
überwunden hat, so darf man noch auf einen glücklichen Ausgang
hoffen, es müssten denn ausserdem noch schwere Complicationen
(Pneumonie, Peri- oder Endocarditis, Pleuritis u. s. w.) vorhanden sein.
Ist aber der Grad der Infection so hoch, dass das Herz entweder schon
in den ersten 12 — 48 Stunden der Krankheit gelähmt wird (S. 684)
oder weiterhin Sopor, Delirien, grosse Frequenz und Kleinheit des Pulses,
Kühle der Extremitäten, cyanotische Hautfärbung stetig zunehmen, so
ist das Rüstzeug der stimulireDden Methode ebenso ohnmächtig, wie
alle „desinficirenden" und „bakterientödtenden" Mittel, von welchen ich
noch niemals einen Erfolg gesehen habe. Mit Chinin, Carbol- und
Salycilsäure, Natron benzoicum und subsulphurosum (10:120), stellte
ich in einer grossen Reihe schwerer Fälle Experimente an, welche ganz
entmuthigend ausfielen. Das schwefligsaure Natron rief überdies wieder-
holt Diarrhoe hervor und musste deshalb ausgesetzt werden. Ich habe
daher alle diese Mittel vollständig aufgegeben, und beschränke mich
nunmehr auf die Anwendung der Excitantia, die wenigstens den
palliativen Erfolg, die Belebung der sinkenden Herzthätigkeit, für sich
haben.
Unter diesen Mitteln räume ich dem Alkohol (Wein, Cognac), dem
l) Man vergleiche nur die folgende Curve, die ich aus vielen ähnlichen
auswähle:
Am 5. Tage der Krankheit 1 1 Uhr V. Temp. 40,4.
11 '/, „ „ „ 41,0, Bad 23°.
12 „ „ „ 41,1.
1 „ N. „ 40,6, Bad 22°
>> " )i >) » 40,2.
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5 55 5
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5 1) 5
5)
5 55 5
Scarlatina. 697
Kaffee in starker Dosis und dem Camp her die ersten Stellen ein.
Letzterer verdient meiner Erfahrung nach den Vorzug vor dem unter
denselben Umständen vielfach gerühmten Moschus, (0,05—0,2 2stünd-
lich) oder dem Coffeinum natrobenzoicum (0,5 bis 1,0 auf 120).
Doch sah ich auch von der beharrlichen Anwendung dieser Mittel in
einer Anzahl schwerer Fälle Erfolg, in denen allerdings die Collaps-
erscheinungen noch nicht den äussersten Grad erreicht hatten. Ich ver-
weise deshalb auf die früher l) von mir mitgetheilten Beobachtungen.
Seit dieser Zeit hat sich die Zahl der betreffenden Fälle erheblich vermehrt,
und es finden sich unter diesen einzelne, in welchen die Heilung trotz
der colossalen Pulsfrequenz von 180 und darüber noch glücklich zu
Stande kam.
Wein (Tokayer, Portwein, Champagner) muss stündlich zu 1 — 2 Kin-
derlöffeln, starker Kaffee zu einer halben Tasse mehrmals täglich, Cam-
pher zu 0,06 bis 0,2 je nach dem Alter 2 stündlich gegeben werden.
Wo das Schlucken durch die bedeutende Anschwellung der Rachentheile
verhindert wird, lasse man 2 mal täglich ein ernährendes Klystier von
Pepton, oder von einer kleinen Tasse Bouillon mit einem Eigelb und
einem Löffel Wein versetzt appliciren, und mache 3 stündlich eine bypo-
dermatische Injection von Aether sulphuricus (eine Pravaz'sche Spritze
voll) oder von Campher, sei es als Oleum camphoratum oder als Lösung
von Campher 1,0 in Aether 10,0. Diese Einspritzungen rufen an der
Injectionsstelle häufig umschriebene, gelbliche, rothumsäumte Infiltrationen
hervor, welche später durch Necrose und Eiterung ausgestossen werden.
Dem früher gerühmten Ammonium carbonicum kann ich ebenso wenig
einen besonderen Werth beilegen, wie der Valeriana, halte vielmehr
beide Mittel für sich allein zu schwach, um die bedrohte Herzkraft auf-
recht zu erhalten. Besser eignen sich noch laue Bäder (27 — 28° ß.)
mit kalten Affusionen über Nacken und Rücken, deren Einwirkung
aber genau zu überwachen ist, weil letztere bisweilen den Collaps zu be-
fördern schienen und es starker Reizmittel bedurfte, um die gesunkene
Temperatur wieder anzufachen.
Verläuft die maligne Form des Scharlach noch ohne bedrohliche
Symptome von Herzschwäche, was ja viele Tage lang der Fall sein
kann, so empfehle ich Ihnen den beharrlichen Gebrauch eines Decoct.
cort. Chinae (6,0—10,0 : 120) mit Aq. chlori (15,0), welche man bei
sinkendem Pulse mit Tinctura Valerianae (2,0—3,0) vertauschen kann.
Behufs Desinficirung der Mund-, Rachen- und Nasenhöhle mache man
') Charite-Annalen. Bd. III. S. 561.
698 Tnfectionskrankheiten.
2— 3stündlich Ausspritzungen dieser Theile mit einer Lösung von Bor-
säure (4 : 100) oder Kali hypermanganicum (0,2 : 200). Auch liess
ich mit Erfolg die Nase mit Zincum sulphur. (1,0 : 100,0) ausspritzen
oder mit einer (5 procentigen) Lösung von Chlorzink pinseln. Heubner
rühmt für schwere Fälle zweimal täglich wiederholte Injectionen einer
3 — 5 procentigen Carbolsäurelösung (l/2 Spritze voll) in die Mandeln
oder Gaumenbögen1), worüber mir eigene Erfahrungen fehlen. Aus-
spritzungen des Pharynx mit Carbolsäurelösung, selbst mit schwacher,
widerrathe ich, weil dabei zu viel verschluckt werden kann.
Die verschiedenen Complicationen Seitens der Ohren, der Respira-
tionsorgane und serösen Häute werden ihrer Natur nach behandelt. Bei
Synovitis lasse man die schmerzhaften oder geschwollenen Gelenke in
Watte einwickeln; Natron salicylicum hatte hier nur einen zweifelhaften
Erfolg. Der Versuch, die in der Submaxillargegend sich bildenden
Phlegmonen durch Bepinselung mit Jodtinctur zu vertheilen, schlägt
meistens fehl, eher pflegt dies Verfahren durch die Reizung der Haut
den Aufbruch zu befördern. Warme Cataplasmen, bei fühlbarer Fluc-
tuation dreiste Einschnitte, antiseptischer Verband, und bei tief dringen-
der Eiterung Ausspülung und Drainage kommen hier vorzugsweise in
Betracht.
In der Reconvalescenz lasse man, sobald die Desquamation beginnt,
fleissig lauwarm baden. Die früher gerühmten und noch jetzt von
Vielen angewendeten Speckeinreibungen des ganzen Körpers sind für
mich ein überwundener Standpunkt, da ich trotz derselben nicht
wagen würde, ein Kind vor der vierten oder fünften Woche ins Freie
zu schicken.
II. Die Masern.
Obwohl die Morbillen keineswegs immer eine leichte Krankheit dar-
stellen, so stehen sie doch an Ernst und Schwere der Complicationen
hinter dem Scharlachfieber erheblich zurück. Es fehlt ihnen vor allem
die Unberechenbarkeit des letzteren, die Tücke und Plötzlichkeit, mit
welcher bei diesem auch in anscheinend günstigen Fällen drohende Sym-
ptome hereinbrechen. Der erfahrene Arzt ist auf die im Verlaufe der
Masern vorkommenden ungünstigen Erscheinungen weit mehr vorbe-
reitet, und kann die Prognose mit grösserer Sicherheit stellen, als beim
Scharlach, wo dies, wie Sie sich erinnern werden, vor dem Ablaufe der
vierten Krankheitswoche nicht statthaft ist.
') Volkujann's Sammlung klin. Vorträge. No. 322. Leipzig, 1888.
Morbilli. 699
Aus Erfahrungen in Localitäten, die eine lange Reihe von Jahren
von den Masern unberührt geblieben waren, z. B. die Faröerinseln
(Panum), wissen wir, dass die Incubationsperiode, also die Zeit
zwischen der Ansteckung und dem Auftreten der Prodrome, etwa 10 Tage,
und bis zum Beginn der Eruption 13 bis 14 Tage beträgt. Diese im
Vergleich mit dem Scharlach (S. 694) lange Dauer der Incubation be-
wirkt, dass in kinderreichen Familien, wo ein Kind das andere inficirt,
ein paar Monate verstreichen können, bis Alle die Krankheit durch-
gemacht haben. Denn inficirt werden sie fast immer sämmtlich, mag
man nun die Kinder isoliren oder nicht, was für die grosse Flüchtigkeit
und Diffusion des Contagiums durch alle Wohnungsräume spricht. Des-
halb gelangen auch verhältnissmässig nur wenige Menschen über die
Kinderjahre hinaus, ohne die Masern überstanden zu haben, und auch
diese werden mit wenigen Ausnahmen noch als Erwachsene früher oder
später befallen, während das Seharlachfieber, wie schon bemerkt wurde,
eine weit grössere Zahl vollständig verschont.
Die Periode der Incubation ist in den meisten Fällen gänzlich frei
von krankhaften Erscheinungen. Die Beobachtungen von Thomas,
Rehn u. A, nach denen schon in dieser Zeit ephemere Fieber-
symptome (38,8—39°) auftreten können, sind deshalb zweifelhaft, weil
es sehr schwer sein dürfte, in solchen Fällen zu entscheiden, ob die vor-
übergehende Temperatursteigerung wirklich mit den Masern zusammen-
hängt, oder von einer anderen unbekannten Ursache herrührt:
Kind von 3 Jahren, am 5. März mit Ozaena aufgenommen. Am 12.
plötzlich Fieber (38,2, etwas Husten undDiarrhoe, am 14. wieder fieberlos. Am
28. erst beginnt das Prodromalfleber, Eruption der Masern am 1. April.
Kind von 4 Jahren mit Coxitis aufgenommen. Am 5. April allgemeines Un-
wohlsein; 37,9, am nächsten Abend 39,4. Von da an fieberlos und munter bis
zum 15. (also 10 Tage), wo das Prodromalfleber beginnt.
Der Eintritt des Prodromalstadiums giebt sich bei den meisten
Kindern durch allgemeines Krankheitsgefühl, Verlust der Laune und des
Appetits, und leichte catarrhalische Symptome kund. Die Augenlid-
ränder sind schwach geröthet und etwas geschwollen, die Augen trübe
und thränend; häufiges Niesen, auch wohl Nasenbluten, und ein kurzer
trockener Husten sind gewöhnliche Begleiter. Einige klagen auch über
Schmerz beim Schlucken, und die Untersuchung des Rachens ergiebt
eine leichte Angina tonsillaris. Diese catarrhalischen Symptome, die
während einer Masernepidemie immer verdächtig sind, können freilich so
unbedeutend sein, dass das Wohlbefinden der Kinder kaum gestört er-
700
Infectionskrankheiten.
scheint, und nur der Thermometer den drohenden Feind verräth. Der-
selbe ergiebt nämlich fast durchweg eine Temperatursteigerung, die mit-
unter nur Abends 37,8 bis 38°, in anderen Fällen schon Morgens,
besonders am ersten Tage 38 bis 39° beträgt, stets aber Schwankungen
zeigt, so dass z. B. am zweiten Tage die Temperatur wieder ganz oder
nahezu normal sein kann, und erst am dritten Tage wieder in die
Höhe geht. Unter diesen Umständen versäumen Sie nie, auch wenn
die Kinder nicht über Schmerz beim Schlucken klagen, die Rachen-
höhle zu untersuchen. Vom Ende des zweiten Tages an bemerken Sie
in den meisten Fällen, besonders bei kräftigen blutreichen Kindern, am
harten und weichen Gaumen eine diffuse, hie und da dunkler ge-
fleckte Röthe, oft aber auf der sonst noch blassen Schleimhaut mehr
oder weniger zahlreiche punkt- oder sternförmige rothe Flecke, welche
man als „Gaumenexanthem'- betrachtet, und die, wo sie deutlich sicht-
bar sind, den Ausbruch der Masern sicher in Aussicht stellen. Die
Dauer des Prodromalstadiums beträgt im Durchschnitt 3, seltener
4 bis 6 Tage, ohne dass man immer im Stande ist, den Grund
dieser Anomalien anzugeben. Man vergleiche z. B. die folgenden
Curven :
Kind von 1 '/2 Jahren.
Kind von 3 Jahren.
M.
A.
M.
A.
2. April —
39,6 Conjunctivitis.
28.
April —
39,3.
3. „ 38,1
39,4 Husten.
29.
„ 37,6
38,4 Catarrh.
4. „ 39,4
39,5.
30.
„ 39,2
39,2 Conjunctivitis
5. „ 38,3
39,8 Eruption.
31.
„ 38,6
39,8.
1.
Mai 39,8
39,8.
2.
„ 39,1
40,9 Eruption.
Kind von 4
Jahren.
K
ind von 31,
'2 Jahren.
M.
A.
M.
A.
16. Aug. —
39,3 Angina
15.
Nov. 37,6
38,1 Catarrh.
17. „ 38,3
38,2
16.
,, o9,o
39,6 Zunahme.
18. „ 37,7
38,3 Euphorie.
17.
„ 38,8
40,4
19. „ 38,1
39,4 Husten.
18.
„ 38,5
39,6
20. „ 38,4
39,6 Eruption.
19.
„ 40,3
40,2 Pneumonie.
20.
,, 39,5
40,2 Eruption.
Von diesen 4 Fällen ist es nur der letzte, in welchem der ver-
zögerte Ausbruch der Masern mit einer schon während des Pro-
dromalstadiums entwickelten Pneumonie zusammenfällt. Solche
Fälle kommen indess öfters vor, und man muss annehmen, dass eino
so frühzeitig auftretende ernste Complication den Ausbruch des Exan-
Morbilli. 701
thems zurückhält, während die Laien hier von einem „Zurücktreten"
oder „nach Iunensohlagen" desselben zu sprechen pflegen. Auch bei
schwächlichen oder kranken Kindern zieht sich das Vorläuferstadium
gern etwas länger hinaus. Die äussere Haut bietet während desselben
in der Regel keine krankhaften Erscheinungen dar; oft bemerkt man
aber schon jetzt im Gesicht, auch wohl an anderen Stellen, z. B. auf
den Oberschenkeln, kleine blassrothe Papeln, ausnahmsweise auch ein
flüchtiges Erythem:
Bei einem 3jährigen Kinde entstand am 1. März plötzlich Fieber und Husten.
T. 38,4, Ab. 40,0, Auf Gesicht und Brust eine lebhafte diffuse Röthe. Am 2.
ist dieselbe verschwunden. Bronchopneumonie, besonders im linken Unter-
lappen, und starke Diarrhoe. In der Nacht vom 3. zum 4. Ausbruch des Masern-
exanthems.
Der Beginn der Eruption wird stets, ausser bei sehr elenden, an
chronischen Krankheiten leidenden Kindern, durch bedeutende Zunahme
des Fiebers bezeichnet. Die Temperatur steigt rasch auf 39,5—41,0
und unter lebhafter Unruhe und kurzem, oft fast anhaltendem Husten,
bricht das Exanthem zuerst im Gesicht, und zwar meistens an den
Schläfen, in der Gegend vor dem Ohr und am Kinn in Gestalt Steck-
nadelkopf- bis linsengrosser, hellrother, sehr flacher Stippchen (Papeln)
hervor. Die Ausbreitung derselben über das ganze Gesicht, Hals, Brust
und weiter abwärts geschieht sehr rasch, so dass meistens schon nach
Ablauf von 24 Stunden der ganze Körper bis zu den Füssen herab vom
Ausschlage bedeckt ist, wobei die oberen Körpertheile dichter befallen
erscheinen, als die unteren Extremitäten, an welchen nur erst discrete
Stippchen bemerkbar sind. Erst am folgenden Tage pflegt das Exan-
them völlig entwickelt zu sein. Die Anfangs nur kleinen, deutlich um
die Haarwurzeln aufsprossenden Papeln nehmen während dieser Zeit
durch einen hyperämischen Hof an Umfang und Röthe zu, und bilden
nach vollendeter Eruption erbsen- bis bohnengrosse, unregelmässig ge-
ränderte, rundliche oder mehr halbmondförmige Flecke, welche beim
Druck momentan verschwinden, und deren papulöser Charakter sich
mehr durch das Gefühl, als durch das Auge wahrnehmen lässt. Nur
selten bemerkt man in der Mitte einzelner oder selbst vieler Stippchen
eine miliare Vesikel mit trübem Inhalt, eine Erscheinung, die ich keines-
wegs an reichliche Schweisse gebunden fand. In- und Extensität, sowie
Färbung des Ausschlags bieten erhebliche Verschiedenheiten dar. Bald
stehen die Flecke am ganzen Körper discret, überall durch normal ge-
färbte Hautstellen von einander getrennt, bald fliessen sie an einzelnen,
702 Infectionskrankheiten.
Theilen, namentlich auf den Wangen, dem Kinn, dem Rücken und den Nates
zu diffusen rothen oder bläulichrothen Flatschen zusammen, wobei besonders
das Gesicht durch seine Turgescenz und durch die geschwollenen, der
Lichtscheu wegen meistens geschlossenen Augenlider einen ganz ver-
änderten Anblick darbietet. Mitunter ist der Ausschlag am ganzen
Körper nur sparsam entwickelt, die einzelnen Stippchen sind klein,
blassroth und fehlen an manchen Körpertheilen gänzlich. Diese schwach
entwickelten rudimentären Formen scheinen vorzugsweise bei herunter-
gekommenen, durch chronische Krankheiten erschöpften Kindern, die
vollständig entwickelten und zum Theil confluirenden Eruptionen mehr
bei kräftigen, gesunden Kindern vorzukommen, was indess keineswegs
constant ist. Ebenso wenig übt das Hinzutreten einer ernsten Compli-
cation immer einen hemmenden Einfluss auf die Erscheinung des Exan-
thems. Vielmehr sah ich in mehreren Fällen, welche mit bedeutender
Bronchitis und Bronchopneumonie complicirt waren, den Ausschlag sehr
ausgebreitet, theilweise confluirend und von blühend rother Farbe.
Wichtiger erschien mir immer der Entwickelungsgang des Ausschlags.
Wo statt der regelmässigen Ausbreitung vom Gesicht abwärts nach den
Füssen, das Exanthem zuerst auf der Brcist oder auf dem Rücken her-
vorbricht und von hier unregelmässig ausstrahlt, da wird häufig der
Verlauf der Krankheit durch Complicationen oder durch eine bereits
vorhandene Körperschwäche ungünstig beeinflusst. Dass aber auch diese
Thatsache nicht durchweg gültig ist, vielmehr die Eruption, wie be-
Scharlach, auch in vollkommen günstigen Fällen von Masern nur
äusserst unbedeutend sein kann, beweist unter anderen der fol-
gende Fall:
Clara M. , 2jährig, aufgenommen am 5. März mit Ozaena. Am 28. Beginn
des Prodromalfiebers und Catarrhs; am 1. April viel Husten, Conjunctivitis,
einige Masernflecke auf Brust und Bauch, am 2. Eruption im Gesicht
und anderen Körpertheilen. T. 38,1, P. 132. Am 3. bereits entfiebert. Am 4.
Exanthem überall abgeblasst, nur noch im Gesicht deutlich sichtbar. Normaler
Verlauf.
Bis zur vollendeten Eruption, gewöhnlich noch etwas länger, also
etwa 36 — 40 Stunden, dauert das Fieber in ungebrochener Heftigkeit
fort, so dass die Temperatur Morgens 38,5—40,0, Abends 39,8, 40,5,
ja 41" erreicht. Doch fehlt es auch nicht an leichten Fällen, in denen
das Eruptionsfieber 38,5 überhaupt nicht überschreitet. Nur ausnahms-
weise beobachtete ich Typus inversus (Morgens 39,5, Abends 38,5).
Grosse Unruhe, Durst, heftiger Hustenreiz sind stete Begleiter. Aber
Morbilli. 703
schon ara 2. Tage nach dem Beginn der Eruption macht sich, obwohl
der Ausschlag noch in Blüthe steht, ein bedeutender Temperatur-
abfall bemerkbar, im Gegensatz zum Scharlach, bei welchem, wie Sie
sich erinnern werden, das Fieber in der Regel mindestens so lange
dauert, als das Exanthem auf der Haut sichtbar ist. Oft sah ich schon
am 2. Tage nach der Maserneruption kritischen Abfall auf 37,2 und
37,6, Abends höchstens 37,9, während in anderen uncomplicirten Fällen
Abends noch 38,8 oder selbst 39,4 erreicht wurde. Mit dem Ablauf
des 2. Tages aber sind die meisten einfachen Fälle fieberfrei, zeigen
sogar Morgens nicht selten subnormale (36—37°) Temperatur; eine
kleinere Zahl bietet bei normaler Morgentemperatur noch abendliche
Erhebungen bis 38,0 und 38,5, bisweilen sogar noch bis zum 4. Tage
dar, so dass der Abfall nicht kritisch, sondern in der Form der Lysis
erfolgt. Gewöhnlich treten um diese Zeit starke nächtliche Schweisse
mit lebhaftem Jucken auf, und die Haut zeigt dann oft zahlreiche
Sudaraina. Wo aber über den vierten Tag hinaus noch Fieber-
temperaturen, sei es Morgens oder Abends, beobachtet werden, da seien
Sie immer auf der Hut. Es handelt sich dann fast stets um eine
Complication, am häufigsten um diffusen Bronchialcatarrh oder um
Pneumonie, und eine genaue Untersuchung der Athmungsorgane ist dann
dringend geboten. Sie sehen, wie wichtig in diesem Falle die Anwen-
dung des Thermometers werden kann. Nur selten zieht sich das Fieber,
ähnlich wie bei Scharlach und Typhus, noch ein paar Tage länger hin,
ohne dass man dafür einen Grund auffinden kann. So war es z. B. bei
einem 5jährigen Knaben, der noch am 5. Tage (von der Eruption an
gerechnet) M. 38,0, Ab. 38,2, und dann noch 3 Tage lang nur Abends
erhöhte Temperatur zeigte, bei sonst völlig normalem Befinden. Noch
stärker und dauerhafter war das Fieber bei einem jungen Mädchen,
deren Masernflecke fast am ganzen Körper confluirten und dem Gesicht
ein der Variola sehr ähnliches Ansehen gaben.
Während des dritten und vierten Tages erblasst das Exanthem
gewöhnlich schnell. Man kann annehmen, dass es nach seiner vollen
Entwickelung höchstens einen Tag auf der Acme verharrt; selten zeigte
das Blüthestadium des Ausschlags eine ungewöhnliche Länge, so dass
dieser z. B. in den beiden ersten Tagen nur spärlich und blass erschien,
und erst am dritten Tage ganz unerwartet eine lebhafte Röthe und
Entwickelung darbot. Meistens zeigt das Gesicht schon am zweiten
Tage nur noch blasse Flecke, während diese am Rumpf und den Extre-
mitäten noch roth erscheinen. Mehrere Tage nach dem Erblassen bleiben
gelbliche oder gelblichgraue Flecke, welche der Haut ein marmorirtes
704 Infectionskrankheiten.
marmorirtes Ansehen geben, sichtbar und verschwinden dann spurlos,
um einer leichten kleienförmigen Abschilferung Platz zu machen,
deren Grad sich nach der Intensität des Exanthems richtet. War dies
spärlich und blass, so ist auch die Desquamation äusserst gering und
kann sogar fast ganz fehlen, während nach einem sehr entwickelten und
und theilweise confluirenden Ausschlag an den vorzugsweise befallenen
Hautstellen nicht bloss ein feiner mehlartiger Staub, sondern auch wohl
eine kleinfetzige Ablösung der Epidermis zu bemerken ist. Ganz ver-
einzelt ist ein Fall, in welchem am 6. Tage der Krankheit, als der
Ausschlag schon erblasst war, ein diffuses Erythem auf Unterarmen
und Unterschenkeln bei 38,5 T. erschien und etwa 24 Stunden fort-
bestand.
Die Erscheinungen, welche ausser dem Fieber die Eruption und das
kurze, etwa 24 stündige Blüthestadium begleiten, sind dieselben wie im
Prodromalstadium, nur bedeutend intensiver. Fälle von absoluter Euphorie,
wobei die (bis 40,0) fiebernden Kinder sogar noch zum Spielen und Essen
aufgelegt sind, kommen zwar bisweilen vor; in der Regel aber findet
man Conjunctivitis und Blepharitis, mehr oder minder starke Lichtscheu,
die ich nur selten fehlen sah, Schnupfen, Nasenbluten, häufigen kurzen
etwas rauhen Husten, Anorexie, grauweissen Belag der Zunge, deren
Papillen an der Spitze bisweilen geröthet und etwas prominirend er-
scheinen, auch wohl anginöse Beschwerden, Schmerz beim Schlucken,
Röthung und Schwellung der Rachentheile, besonders der Tonsillen. Oft
ist auch das Zahnfleisch und die gesammte Mundschleimhaut stark ge-
röthet, empfindlich, hie und da mit florartigen Fetzen von abgestossenem
Epithelium bedeckt. Manche Kinder leiden am ersten Tage der Eruption
wiederholt an Uebelkeit und Erbrechen, mehr noch an Diarrhoe,
welche sogar sehr profus sein und geringe blutige Beimischungen zeigen
kann. Bei sehr iutensivem Fieber liegen die kleinen Patienten oft an-
haltend im Halbschlummer, phantasiren zeitweise, besonders in der
Nacht, und bekommen trockne, mit dünnen bräunlichen Borken bedeckte
rissige Lippen. Ueber Hautjucken wird nicht selten geklagt. Ein 3 j äh-
riges Mädchen zeigte starkes Drängen zum Urinlassen und sehr sparsame
und schmerzhafte Harnentleerung, welche von einem Catarrh der äusseren
Genitalschleimhaut abzuhängen schien. Der Urin giebt sehr häufig die
Ehrlich 'sehe Diazoreaction, wie beim lleotyphus. Bei der Untersuchung
der Brustorgane, welche man namentlich bei verstärkten und beschleunig-
ten Athembewegungen nie versäumen sollte, hört man gewöhnlich nur
rauhes Athemgeräusch und Schnurren, später mueöses Rasseln an der
Rückenfläche, in manchen Fällen gar nichts Abnormes. Nur der durch
Morbilli. 705
einen Fingerdruck auf die Trachea hervorgerufene schmerzhafte Husten-
reiz verkündet dann den Oatarrh der Luftröhre und der grossen Bron-
chien. Die Frequenz der Respiration (30—40) entspricht der hohen
Temperatur und dem Pulse, welcher meistens auf 132— 144 in der
Minute steigt, darf also, wenn nicht Dyspnoe vorhanden ist und die
Untersuchung etwas Bedenkliches ergiebt, nicht beunruhigen. Denn
sowohl dies, wie alle anderen Symptome, gehen mit dem Abfall des
Fiebers schnell zurück, und schon am 4. oder 5. Tage (vom Beginn der
Eruption an gerechnet) können die meisten Kinder als Reconvalescenten
betrachtet werden, wobei nur noch ein geringer catarrhalischer Husten
und die nicht immer leicht nachzuweisende Abschuppung an die über-
standene Krankheit erinnern. Sehr oft sehen Sie aber die Spuren des
Exanthems in Form bläulich-rother, dem Fingerdrucke nicht weichender,
discreter oder confluirender Flecke am ganzen Körper oder nur an ein-
zelnen Theilen, z. B. am Bauche, weit über die gewöhnliche Zeit hinaus,
selbst noch 2 — 3 Wochen lang fortbestehen. Es handelt sich dabei um
kleine, durch die Intensität der Hyperämie bedingte Hautblutungen,
vielleicht nur um einen Durchtritt von Blutkörperchen durch die Wände
der überfüllten kleinen Gefässe (die sogenannten hämorrhagischen
Masern), welche den milden Verlauf der Krankheit in keiner Weise be-
einträchtigen und prognostisch ebenso wenig Bedeutung haben, wie die
aus gleicher Ursache bisweilen zu beobachtenden kleinen Blutflecke am
Gaumen und Pharynx. Mit einer eigentlichen „hämorrhagischen" Dia-
these hat diese Form der Masern durchaus nichts zu schaffen, und der
folgende Fall lehrt, dass gerade eine solche Diathese bestehen kann,
ohne dass der Masernausschlag einen hämorrhagischen Charakter anzu-
nehmen braucht:
Martha Seh., 3 Jahre alt, aufgenommen am 15. April mit Morbus macu-
losus. Am 15. Mai Beginn der Prodrome, am 18. Eruption der Masern. Vom
20. an Abblassang und Entfieberung. Am 22. Ausschlag spurlos verschwunden.
Während des ganzen Verlaufs hatte sich nirgends eine Ecchymose gebildet. —
Dieser einfache, normale Verlauf der Morbillen kann durch die
Steigerung gewisser begleitender Symptome oder durch neu hinzutretende
Complicationen erhebliche Modificationen erleiden. In erster Reihe stehen
hier die entzündlichen Afifectionen der Respirationsorgane, welche
bei den Masern etwa dieselbe Rolle spielen, wie die verschiedenen For-
men der Pharyngitis beim Scharlach. Zunächst kann von der Schleim-
haut des Larynx und der Trachea her Gefahr drohen. Schon bei
sonst normalem Verlaufe hat der Husten im Prodromal- und Eruptions-
H mi. 'di, Vorlesungen über Kinderkrauklieuen. 7. Aufl. 45
706 Infectionskrankheiten.
Stadium oft einen rauhen oder bellenden Klang, die Epiglottis und
Stimmbänder sind gerötriet und geschwollen, und bei Kindern, welche
eine Tendenz zum Pseudocroup haben, pflegen die Masern mit einem
solchen Anfall zu beginnen (S. 336). In anderen Fällen nehmen Stimme
und Husten schon in den ersten Tagen der Krankheit einen heiseren
Klang an; die Kinder klagen auch über Schmerz im Halse, welcher beim
Schlucken und beim Druck auf den Kehlkopf oder die Luftröhre zu-
nimmt. Ich rathe Ihnen, diese Symptome immer ernst zu nehmen, bei
kräftigen Kindern ohne Aufschub ein paar Blutegel an das Manubrium
sterni zu appliciren und andere antiphlogistische Mittel (S. 334) zu ver-
ordnen, weil aus dem Larynxcatarrh leicht eine heftigere Entzündung
mit fibrinösem Exsudat, mit einem Wort Croup sich bilden kann. Dass
man diese Steigerung trotz aller Vorsicht nicht immer verhüten kann,
wird durch den bereits früher (S. 347) mitgetheilten Fall veranschaulicht.
Die Complication mit Laryngitis membranacea kommt bei den Masern
überhaupt nicht selten vor, ohne dass von Diphtherie dabei die Rede
sein kann. Gerade diese Thatsache war es ja, auf die ich mich bei
der Aufrechthaltung eines rein entzündlichen Croup stützen zu dürfen
meinte (S. 347).
Paul Kr., 6jährig, aufgenommen am 22. März mit Masern und Catarrh. Am
24. entüebert. In der Nacht zum 26. Heiserkeit, Morgens Croup. Tracheotomie.
Entleerung mehrerer Fetzen. Scheinbarer Erfolg. Am folgenden Tage rascher Athem,
Dyspnoe. Tod am 28. Section. Laryngotracheitis fibrinosa. Pharynx frei.
Bronchitis purulenta in beiden Lungen.
Gustav K., öjährig, aufgenommen am 1 1 . Juni mit Masern. Am 17. Heiser-
keit, croupöser Husten und Athem, kein Belag im Pharynx. Fieber 39,6. Ab.
40,4). Am folgenden Tage Tracheotomie mit Entleerung kleiner membranöser
Fetzen. Fortdauer der Dyspnoe und des Fiebers (41,0). Tod am 19. Section.
Laryngo-tracheitis fibrinosa, Bronchopneumonia duplex, Pleuritis dextra. Pharynx
intact.
Carl R., 4jährig, aufgenommen am 8. December mit Masern, die vor 3 Tagen
ausgebrochen sind. Seit heute Anfälle von Athemnoth. Die Untersuchung ergiebt
alle Symptome des Croup, im Rachen keine Spur von Belag, nur massige Röthung.
Tracheotomie, nach derselben Inhalationen von zerstäubtem Kalkwasser durch die
Canüle. In den nächsten Tagen Erysipelas bullosum, welches von der Wunde aus-
gehend, fast bis zur rechten Mamma sich ausdehnt, bei massigem Fieber und Ver-
schwinden aller laryngealen Symptome. Vom 13. an Rückbildung des Erysipels und
des Fiebers. Vollständige Heilung. —
Noch häufiger als Larynx und Trachea werden Bronchien und
Lungen der Ausgangspunkt drohender Complicationen. Die Bronchitis
und Bronchopneumonie, welche im Gefolge der Morbillen auftreten,
Morbilli. 707
weichen in ihren klinischen und anatomischen Erscheinungen von den
früher geschilderten (S. 355) in keiner Weise ab. Wie die aus einem
gewöhnlichen Catarrh sich herausbildende, befällt auch die morbillöse
Bronchopneumonie mit Vorliebe die Unterlappen, doch habe ich auch
Fälle von grösserer Ausbreitung, bei welchen gleichzeitig der mittlere
Lappen der rechten Lunge oder ein Oberlappen mehr oder weniger er-
griffen war, oft beobachtet. Viel seltener kommt hier „fibrinöse"
Pneumonie vor. Pleuritis fibrinosa zeigt sich über den entzündeten
Lungenlappen häufig, während seröse und besonders grössere puru-
lente Exsudate in der Pleura selten sind (S. 402). Bei einem V/.,-
jähr. Kinde sah ich durch das Bersten eines kleinen bronchopneumoni-
schen Abscesses rechtsseitigen Pyopneumothorax zu Stande kommen,
wobei gleichzeitig starkes Emphysem die Haut der rechten Thorax-
hälfte bis zum Halse hinauf befallen hatte. — Auf die Bronchopneu-
monie haben Sie während des ganzen Verlaufs der Masern Ihre Auf-
merksamkeit zu richten. Wenn sie auch, wie ich bereits erwähnte,
schon im Prodromal- und Eruptionsstadium der Krankheit auftreten, und
dann bei grosser Extensität, zumal bei sinkender Herzkraft, cyano-
tische Verfärbung des Exanthems bedingen kann, so wird sie doch
am häufigsten in der Zeit der Erblassung oder erst nach dem völli-
gen Verschwinden des Exanthems beobachtet, und gerade hier liefert
Ihnen der Thermometer das beste diagnostische Kriterium. Das Wieder-
aufflammen des Fiebers, nachdem bereits ein paar Tage eine nor-
male Temperatur sich erhalten hatte, oder die Portdauer des Fiebers
nach der vollendeten Eruption oder gar Erblassung des Exanthems
müssen Sie stets veranlassen, den Thorax gründlich zu untersuchen,
auch wenn Athem oder Husten keinen bedrohlichen Character zeigen.
Finden Sie auch nur trockene oder feuchte Rhonchi, so genügen diese
doch schon, Sie in der Prognose vorsichtig zu machen, weil bereits nach
24 — 36 Stunden Dyspnoe, stöhnende Exspiration, Stertor und andere
Symptome der Bronchopneumonie vollständig entwickelt sein können.
Gerade die im Abnahmestadium auftretende Lungenentzündung ist er-
fahrungsgemäss die gefährlichste, und entschieden die häufigste Ursache
aller in Folge dieser Infectionskrankheit stattfindenden Todesfälle. Je
jünger die Kinder, um so bedenklicher pflegt der Verlauf der Broncho-
pneumonie zu sein, besonders im Säuglingsalter, wo ich ein paar Mal
heftige, selbst 24 Stunden lang sich wiederholende epileptiforme Con-
vulsionen als Einleitung derselben beobachtete. Aber auch bei älteren
Kindern, zumal bei solchen, die schon vorher an chronischem Bronchial-
46*
708 Infectionskrankheiten.
catarrh oder gar an Lungentuberculose litten, darf die Prognose nur mit
grosser Reserve gestellt werden.
Durch Oomplicationen von Seiten der Verdauungsschleimhaut
kann das Fieber ebenfalls über die normale Zeit hinaus unterhalten
werden. Bisweilen sah ich Angina tonsillaris noch in der zweiten
Woche der Masern fortbestehen oder erst jetzt sich entwickeln, welche
durch die, wenn auch nur ephemere, hohe Temperatur (bis zu 40,0),
und durch die graugelben Eiterpunkte auf den Mandeln zu Verwechse-
lung mit Diphtherie Anlass geben kann. Auf der Zunge, mitunter
auch auf anderen Theilen der Mundschleimhaut, bildet sich bisweilen,
in einzelnen Epidemien häufiger als in anderen, eine der beim Schar-
lach (S. 679) beschriebenen ganz ähnliche Form von Stomatitis,
welche durch Schmerzen und Verhinderung des Essens sehr störend wir-
ken kann.
Marie St , 1 '/4 Jahr alt, aufgenommen am 7. Mai im Abnahmestadium der
Masern, welche noch als gelblich graue Pigmentflecke sichtbar sind. Leichter Bron-
chialcatarrh. T. 39,5. P. 160. R. 40. Schleimhaut der Lippe n, Wangen und
Zunge stark gewulstet, roth, bei Berührung leicht blutend, und streckenweise mit
gelblich grauen Plaques bedeckt; starker Speichelfluss. In den folgenden Tagen
Fortdauer dieser Symptome mit hohem Fieber (bis 40,3), grosser Unruhe, Schlaflosig-
keit, Diarrhoe. Vom 10. an Besserung. Fieber remittirend, Mundschleimhaut unter
dem Gebrauch einer Pinselung mit Zinc. sulphur. (S. 680) allmälig zur Norm zurück-
kehrend. Am 25. fieberfrei. Diarrhoe durch Bismuth. nitr. 0,2 2 stündlich beseitigt.
Heilung.
Eine recht häufige Complication bildet Diarrhoe, welche schon in
den ersten Tagen der Masern auftreten kann, in manchen Epidemien
fast zu den constanten Symptomen gehört, sich oft mit heftigen
Bronchialcatarrhen, oder mit Bronchopneumonie im Abnahmestadium
combinirt, und durch ihre Intensität bedenklich werden kann. Die Aus-
leerungen werden leicht profus, erfolgen 12 — 20 mal täglich, oft begleitet
von heftiger Colik, und nehmen durch Tenesmus und blutige Beimischungen
nicht selten einen dysenterischen Character an, welcher tödtlichen
Collaps herbeiführen kann. In der That ergaben die Sectionen in solchen
Fällen einen mehr oder weniger intensiven acuten Catarrh des Colon mit
Schwellung oder Ulceration der Follikel, auch wohl Anschwellung der
Peyer'schen Plaques und der Mesenterialdrüsen. Obwohl nun viele
Fälle bei massiger Diarrhoe durchaus günstig verlaufen, ist doch diese
Tendenz der Masern zu Darmcatarrhen immer zu berücksichtigen, und
erfordert besonders Vorsicht bei der Anwendung von Abführmitteln.
Um eine vorhandene Obstructio alvi zu beseitigen, werden daher Klystiere
Morbilli. 709
oder milde Mittel (Pulv. liquir. comp., Ol. ricini) in kleinen Dosen zu
verordnen sein.
Wie beim Scharlach kann auch im Gefolge der Masern Otitis
media, Durchbruch des Trommelfells und foetide Otorrhoe eintreten,
welche das Fieber längere Zeit unterhalten und auch nach dem Ablauf
aller anderen Symptome Monate und Jahre lang zurückbleiben kann.
Ein nach den Masern fortbestehendes Fieber, ohne erkennbare Ursache,
sollte daher immer eine genaue Untersuchung der Ohren veran-
lassen. Schwere Leiden des Gehörorgans, Taubheit, Caries des Felsen-
beins lassen sich nicht selten auf eine früher überstandene und vernach-
lässigte Otitis morbillosa zurückführen, welche durchweg mit der
scarlatinösen (S. 663) übereinstimmt. Die Frequenz der letzteren ist
indess grösser, weil ihre eigentliche Ursache, die Pharyngitis, eben beim
Scharlach eine constante ist, bei den Morbillen aber seltener vorkommt,
und daraus erklärt sich auch, dass die besonders in der zweiten Woche
der Morbillen auftretenden submaxillaren Drüsenschwellungen und Abscesse
an Häufigkeit hinter den scarlatinösen weit zurückstehen.
Unter den Infectionskrankheiten ist es vorzugsweise der Keuch-
husten, welcher sich sowohl in ganzen Epidemien, wie im einzelnen
Individuum mit den Masern combinirt (S. 435). Gewöhnlich besteht
derselbe schon Wochen lang, und der Hinzutritt der Morbillen ist dann
immer ein schlimmes Ereigniss, weil die beiden Krankheiten gemeinsame
Tendenz zur Bronchopneumonie durch diese Combination wesentlich ge-
steigert wird. Wenn auch viele Fälle dieser Art günstig verlaufen, so
ist doch die Prognose immer zweifelhaft, besonders dann, wenn bereits
Bronchopneumonie in Folge der Pertussis sich ausgebildet hatte und nun
noch die Masern hinzutreten. Unter diesen Umständen sah ich das
Exanthem entweder nur spärlich zum Vorschein kommen, einen Theil
der Körperoberfläche ganz verschonen, oder sofort eine cyanotische Fär-
bung annehmen, während die schon vorhandene Dyspnoe sich enorm
steigerte, die pneumonischen Geräusche sich über die ganze hintere,
ja selbst über die vordere Fläche des Thorax ausbreiteten, und der Puls
immer kleiner und schneller wurde. Oft erfolgte schon nach 36—40
Stunden unter intensiver Cyanose der Tod durch Collaps. Dieser
schnell tödtliche Verlauf durch ausgedehnte Bronchopneumonie und Herz-
paralyse ist überhaupt bei allen Kindern zu fürchten, welche schon
längere Zeit an erschöpfenden Krankheiten, chronischer Pneumonie,
Diarrhöen, Tuberculose u. s. w. leiden, und dazu noch die Masern be-
kommen. Diese werden dann eine im wahren Sinne terminale Krank-
heit, deren Fieberverhältnisse von den normalen meistens wesentlich
710 Infectionskrankheiten.
abweichen. In vielen Fällen dieser Art, welche ich in der Klinik be-
obachtete, kam es gar nicht mehr zu dem hohen Eruptionsfieber, vielmehr
brachen sparsame Stippchen hervor," ohne dass die schon früher be-
stehende massig erhöhte Temperatur (38 — 39°) eine Steigerung erfuhr,
und selbst da, wo die primäre Krankheit, z. B. ein chronischer Darm-
catarrh, gänzlich fieberlos verlief, war der Ausbruch dieser terminalen
Masern bei sehr heruntergekommenen Kindern nur von geringer Tempe-
ratursteigerung in den Abendstunden begleitet:
Kind von 9 Monaten, durch chronische Diarrhoe sehr elend und erschöpft:
17. Dec.
38,4. Catarrh.
18. „
37,5
36,6. R. 60.
19. „
35,7
39,7. Eruption der Masern.
20. „
37,9
39,9.
21. „
36,9
39,2. Collaps und Pneumonie
22. „
38,3
38,8. Tod.
Unter gewissen Umständen tritt auch Diphtherie, d. h. die ächte,
nicht jene necrotische Entzündung der Rachenorgane, welche wir beim
Scharlach als eine gewöhnliche Erscheinung kennen lernten, als Oompli-
cation der Masern auf. In der Privatpraxis habe ich kaum einen Fall
dieser Complication beobachtet, häufig aber in der Klinik, so lange die
völlige Abschliessung der verschiedenen Infectionskrankheiten von ein-
ander noch nicht durchführbar war. Es ist begreiflich, dass nachdem
erst ein oder zwei an Masern leidende Kinder von Diphtherie befallen
waren, auch die in demselben Krankensaale liegenden anderen Masern-
kinder der Ansteckung leicht unterlagen, so dass man aus der Häufung
der Fälle nicht etwa auf einen besonderen Charakter der Krankheit,
eine Art von „Genius diphthericus" schliessen darf. Mitunter kam es
vor, dass Kinder, welche mit Rachendiphtherie aufgenommen waren, in
der Klinik von Masern befallen wurden, häufiger aber war das Umge-
kehrte der Fall. Gewöhnlich entwickelte sich die Diphtherie im Ver-
laufe der zweiten Krankheitswoche, zuweilen von vorn herein auf der
Conjunctiva, und blieb nur selten auf den Pharynx beschränkt. Die
meisten Fälle wurden durch Verbreitung auf Kehlkopf und Bronchien
tödtlich; nur ausnahmsweise hatte die Tracheotomie Erfolg. Sehr
selten trat Diphtherie und der daraus resultirende Croup schon in
einer frühen Periode, z. B. am 4. Tage, einmal sogar mit dem Masern-
ausschlage gleichzeitig auf, so dass schon am Tage der Eruption die
Tracheotomie ausgeführt werden musste, und die Sectionen ergaben, dass
es sich hier in der That um ächte Diphtherie, nicht bloss um rein ent-
Morbilli. 711
zündlichen Croup handelte. Da aber diese Kinder wegen Rachitis, Oaries
u. s. w. sich bereits Wochen lang in der Klinik befanden, so ist an-
zunehmen, dass die diphtherische Infection hier bald nach der morbil-
lösen erfolgt war, und dadurch ein fast simultanes Auftreten beider
Krankheiten bedingt wurde.
Von mehreren Autoren [Klüpfel'), Steiner2), Lö sehn er3)] werden
Fälle mitgetheilt, in welchen eine Oomplication der Masern mit acutem
Pemphigus stattfand. Einen solchen Fall hatte ich selbst zu be-
obachten Gelegenheit.
Mädchen von 4 Jahren. Octbr. 1881 Masern mit normalem Verlauf wäh-
rend der beiden ersten Tage, aber Fortbestand des Fiebers. Am 3. Tage Bildung von
Blasen am ganzen Körper, von Haselnuss- bis Thalergrösse. Am 4. Tage beide
Wangen von je einer einzigen Blase eingenommen, ebenso beide Handrücken. Inhalt
der Blasen gelbliches Serum. Zwischen den Blasen, die vielfach dicht gedrängt
standen, dunkles hämorrhagisches Masernexanthem, zum Theil confluirend. Die
Blasen schössen theilweise auf diesen Eruptionsstellen, aber auch an masernfreien
Hautpartien auf. Augenlider stark geschwollen, ebenso Lippen und Wangen, so dass
der Mund nicht zu öffnen und zu untersuchen war. T. M. 37,8, Ab. 38,5. P. klein,
drohender Collaps. wie nach ausgedehnten Verbrennungen, womit das Krankheitsbild
überhaupt Aehnlichkeit hatte. Zwischen dem 6. und 7. Tage steigendes Fieber (40,5),
Entwickelung einer Pneumonie des rechten Unterlappens. Tod am 8. Tage. Section
nicht gestattet.
Ich habe früher') die Gründe angegeben, welche mich zur Annahme
einer Complication mit Pemphigus acutus in diesen und in den ähnlichen
Fällen der Autoren bestimmten. Iu einzelnen derselben traten die Blasen
zum Theil schon vor der Eruption der Masern auf, und bildeten auch
nach dem Erblassen derselben noch Nachschübe, einmal bis zum 13. Tage.
Bemerkenswerth ist noch, dass diese Complication ein paar Mal bei
Geschwistern beobachtet wurde. Drei Fälle endeten durch Pneumonie
tödtlich. In der That sind hier alle Gefahren vorhanden, denen ein mit
ausgedehnter Verbrennung behaftetes Kind ausgesetzt ist, und zwar um
so mehr, als die Masern an und für sich schon zu Lungen- und Darm-
erkrankungen disponiren. Selbst vereinzelte oder wenigstens nur spar-
same Blasen, die ich in mehreren Fällen zwischen den Masernflecken
oder nach dem Erblassen derselben aufschiessen sah, schienen mir eine
schlimme Bedeutung zu haben; in der Regel waren sie mit blutigem
») Hirsoh-Virchow, Jahresbericht 1875. II. 157.
2) Jahrbuch f. Kinderheilk. VII. 1874. S. 350.
') Ibid. VII. S. 43.
4) Berliner klin. Wochenschr. 1882. No. 13.
7 1 2 Infectionskrankheitcn.
Serum gefüllt, gingen in mehr oder weniger tief dringende, selbst
brandige Geschwüre über, und verbanden sich mit anderen gefährlichen,
unter Collaps zum Tode führenden Symptomen. Nicht unerwähnt darf
es bleiben, dass die Masern sich in einzelnen Fällen mit Varicellen
complicirten, deren Bläschen hie und da zu grösseren Blasen confiuirten,
und dadurch den Unerfahrenen zur Diagnose eines Pemphigus verleiten
konnten. —
Am seltensten werden Complicationen der Masern mit Affectionen
des Nervensystems beobachtet. Bei kleinen Kindern in den ersten
beiden Lebensjahren treten zuweilen eclamptische Anfälle als Einleitung
des Eruptionsfiebers auf. Aeltere klagen häufig über Kopfschmerzen,
besonders in der Stirn, welche theils von Fieber, theils von dem fast
immer vorhandenen Schnupfen abhängen. Die während der Eruptioa
und Blüthe des Exanthems nicht seltene Somnolenz mit geschlossenen
Augen darf nicht beunruhigen, da sie mit der Abnahme des Fiebers
verschwindet. Ernstere nervöse Erscheinungen kommen, was auch
Rilliet und Barthez hervorheben, nur selten vor. Bei einem Kinde,
welches die Masern auf ganz normale Weise durchgemacht hatte, ent-
standen ohne Veranlassung am Ende der ersten Woche maniakalische,
tobsüchtige Anfälle mit somnolenten Intervallen, welche nach einigen
Tagen verschwanden. Auch bei einem siebenjährigen Knaben kam es
14 Tage nach den Masern zu einem psychischen Erregungszustande,
Zornwüthigkeit, Schlaflosigkeit, enormer Furchtsamkeit, so dass er die
Dunkelheit, selbst die gaserleuchteten Strassen scheute. Diese Fälle
reihen sich also der auch nach anderen fieberhaften Krankheiten bis-
weilen auftretenden transitorischen Manie, Verworrenheit oder Schwach-
sinnigkeit an (vergl. S. 688)'). Ernster gestaltete sich der folgende Fall:
Carl J., 3jährig, bekam Anfangs November die Masern, welche durchaus nor-
mal verliefen. In der Mitte der zweiten Woche nach der Eruption plötzlich Somno-
lenz, aus welcher das Kind nur schwer zu erwecken ist, starre Contraction der
Nackenmuskeln (Retroversio capitis), massiges Fieber, unregelmässiger Puls.
Behandlung mit Blutegeln am Kopf, Eisblase, Calomel und starken Mercurialein-
reibungen im Nacken. Schnelle Besserung. Der Kopf wird gerade gehalten. Sen-
sorium normal, Puls regelmässig, aber noch Unmöglichkeit zu gehen. Ohne erkenn-
bare Ursache nach einigen Tagen Recidiv. Am 1. December wieder starre Nacken-
contractur, linksseitiger Strabismus internus, bei Fieberlosigkeit und freiem Sen-
sorium. Jodkali (2 : 120). Am 7. Kopf frei beweglich, Schielen geringer, Euphorie.
Nach weiteren 8 Tagen völlige und dauernde Heilung.
') Demme, 25. Jahresber. d. Jenner'schen Kinderspitals. 1887.
Morbilli. 713
Meine Befürchtung, dass es sich hier um eine im Gefolge der Masern
sich entwickelnde Meningealtuberculose handeln könne, bestätigte sich
glücklicherweise nicht, und man muss wohl einen einfachen meningi-
ti sehen Process von massiger Intensität annehmen, wie er auch von
anderen Autoren bisweilen im Gefolge der Masern beobachtet wurde.
Ein 9jähriger Knabe zeigte beim ersten Aufstehen aus dem Bett
eine schnell vorübergehende Ataxie. Paralytische Symptome abersah
ich nur im folgenden Falle, dessen Deutung zweifelhaft sein dürfte.
Carl H , 3jährig, am 8. Januar an den Masern erkrankt, am 24. mit massiger
Pneumonie des linken Unterlappens aufgenommen. R. 48, P. S6, kein Fieber. Auf-
fallend sind blitzartige Zuckungen der Gesichtsmuskeln (Mundwinkel, selbst
der Ohren), in beiden Armen und im rechten Bein. Sensibilität intact, willkürliche
Bewegungen möglich, aber schwächer; stehen, gehen und sogar aufrecht sitzen un-
möglich, dabei zunehmende Apathie bis zur Somnolenz. Augenspiegelbefund normal.
Eisbeutel auf den Kopf, Jodkali 5 : 150. In den nächsten Wochen Zunahme der Er-
scheinungen. Am 16. Februar die unteren Extremitäten ganz unbeweglich, bei er-
haltenem Patellarreflex und normaler Sensibilität, auch die oberen Extremitäten
schwer beweglich, besonders die rechte, an welcher nur die Finger bewegt werden
können. Der constante Strom löst an den gelähmten Theilen ausgiebige Oeffnungs-
zuckungen aus. Sprache absolut aufgehoben, hört nicht auf lautes Anreden, schreit
aber viel. T. meist fieberlos, höchstens am Abend 37,8, vom 1. März an auf 38,6
und mehr steigend, dabei oft Erbrechen, auch beim Versuch der Ernährung mit
der Schlundsonde. Behandlung mit Jodkali fortgesetzt. Vom 1 1 . März an zuneh-
mende Besserung; fieberlos, geistig reger. Am 27. Arme und Beine beweglicher,
starke Gewichtszunahme, kein Erbrechen mehr. Den 26. April kann er schon spielen,
zeigt normale Theilnahme. Den 6. Juni verlässt Patient das Bett, und nachdem er
sich vollständig erholt, am 27. August das Krankenhaus.
Ob hier ein neuritischer Process oder ein entzündliches Leiden
der Centralorgane vorlag, lasse ich dahingestellt. Fälle dieser und
ähnlicher Art sind in der Literatur vielfach mitgetheilt. Man vergesse
aber nicht, dass auch ein zufälliges Zusammentreffen stattfinden kann,
woran die Masern selbst nicht Schuld sind. Gewiss gehört ein Theil
der von Thomas1) zusammengestellten Fälle in diese Categorie. Da-
gegen ist der von Bar low2) mitgetheüte Fall von diffuser Myelitis,
der schon am 11. Tage der Masern letal endete, wohl direct auf diese
zu beziehen3).
Dass auch bei diesen, wie beim Scharlach, schwere cerebrale Zu-
fälle, Somnolenz, Sopor, Delirien, Zittern, durch einen malignen Cha-
') v. Ziemssens Handb. d. spec. Path. u. Ther.II. 5—9.
2) Med. chir. Transact. Vol. 70. London 1887.
3) Allyn, Journ. de med. et chir., 10. Juin 1892. p. 424.
714 Infectionsbrankheiten.
rakter der Krankheit, d. h. durch den deletären Einfluss des Virus auf
Gehirn und Herz, hervorgerufen werden können, ist sicher: aber diese
Malignität wird eben bei den Masern selten beobachtet. Mir selbst sind
bisher nur ganz vereinzelte Fälle dieser „typhösen" oder „adyna-
mischen" Morbillen vorgekommen, welche, ähnlich der Scarlatina ma-
ligna, begleitet von Laryngitis, Bronchopneumonie, Hämorrhagien in der
äusseren Haut, sowie aus verschiedenen anderen Theilen (Mund, Nase,
Darmkanal, Nieren) verliefen und stets einen letalen Ausgang nahmen.
Das Krankheitsbild war in zwei Fällen disser Art so beschaffen, dass
man in Versuchung kommen konnte, eine Complication der Masern mit
Abdominaltyphus anzunehmen, und die Verweigerung der Section liess
diesen Zweifel ungelöst. Selbstverständlich kann durch Complication mit
Diphtherie, also durch eine „Mischinfection" der Krankheit ein sep-
tischer Charakter aufgeprägt werden, der ihr an und für sich nicht
zukam. —
Recidive in der Weise, wie ich sie beim Scharlach beschrieb,
kommen auch bei den Masern vor, doch hatte ich selbst nur dreimal
Gelegenheit, ein solches zu beobachten.
Kind von 2 Jahren, aufgenommen mit Condylomen am 24. Mai. Heilung
durch 13 Einreibungen von Ung. einer. (1,0). Am 29. Juni Ausbruch von Masern,
normaler Verlauf mit massigem Catarrh und Durchfall. Am 11. Juli von neuem
Fieber (39,6), welches am 1 2. fortdauert, am Abend des 13. auf 40,0 steigt und in
eine zweite Eruption von Masern übergeht, welche nunmehr mit einer ziemlich inten-
siven Bronchopneumonie, besonders im rechten Unterlappen, verlaufen. Am 20. Ent-
fieberung.
Knabe von 4 Jahren, Ende Januar 1885 mit Masern aufgenommen und am
12. Februar entlassen; wieder aufgenommen am 17. mit frischem, blühendem
Masernexanthem; T. 40,2; Photophobie, Schnupfen, Catarrh. Normaler Verlauf.
Mädchen von 9 Jahren. Nach dem Abblassen der Masern dreitägige Apy-
rexie. Dann plötzlich T. 39,4, Ausbruch eines neuen sehr reichlichen Masernexanthems
mit verstärktem Catarrh, Dauer 2 Tage, dann verschwindend. Heilung.
Die Nachkrankheiten der Masern sind fast alle nichts weiter,
als die einen chronischen Verlauf nehmenden Complicationen. So sehen
wir häufig Blepharitis, Blennorrhoe der Conjunctiva, Keratitis, Otitis,
viele Wochen und Monate lang sich hinziehen, während in anderen Fällen
ulceröse Processe der Larynxschleimhaut, welche sogar zu Perforationen
der Knorpel und Abscessen an der Vorderfläche des Halses führen können,
chronische Bronchopneumonie und Darmcatarrh als Nachkrankheiten
zurückbleiben. Im letzteren Falle kann es schliesslich zu Darmgeschwüren
kommen, welche bei günstigem Sitz im Rectum durch locale Mittel ge-
Morbilli. 7 1 5
heilt werden können (S. 315). Die häufigste Nachkrankheit ist ent-
schieden chronische Bronchopneumonie, deren bedenkliche Sym-
ptome und Aehnlichkeit mit Lungenphthise ich früher (S. 365) geschil-
dert habe. In der That sehen wir diese Nachkrankheit oft unter zu-
nehmender Abmagerung und Hektik nach monatelangem Verlaufe tödt-
lich enden. Die Section ergiebt dann nur in einem kleinen Theil der
Fälle die Erscheinungen der chronischen Pneumonie mit Dilatation der
Bronchien oder kleinen Lungenabscessen, welche durch die Zerstörung
der Alveolenwände und Confluenz der eitergefüllten Lungenbläschen ent-
standen sind, weit häufiger käsige Degeneration der Lunge und der
Bronchialdrüsen. Die Ansicht, dass gerade die Masern eine besondere
Tendenz haben, Tuberculose zu erzeugen, beruht, wie ich glaube, auf der
Thatsache, dass diese Krankheit, ähnlich dem Keuchhusten, durch ihre
Complication mit Bronchopneumonie, sowie durch die Hyperplasien der
Tracheal- und Bronchialdrüsen, der bacillären Infection einen besonders
günstigen Boden bereitet.
Zu den Nachkrankheiten der Masern gehören auch Affectionen der
äusseren Haut, Abscesse, Eczem, Impetigo, Ecthyma, besonders aber
Gangrän, die hier häufiger vorkommt, als nach dem Scharlachfieber.
Noma, Gangrän des Pharynx und der Lunge werden bei masern-
kranken elenden Kindern in schlechten Lebensverhältnissen nicht selten
beobachtet. Mir selbst kamen nur zwei Fälle von Noma der Wange in
Folge der Masern vor, häufiger beobachtete ich Gangrän der Haut,
besonders in Form des später zu beschreibenden Ecthyma cachecti-
cum, des subcutanen Bindegewebes, des Ohr- und Nasenknorpels,
worauf im Heilungsfalle kleine Defecte dieser Theile zurückbleiben, des
Zahnfleisches mit Ausfallen der betreffenden Zähne, des Präputiums
nach der Operation der Phimose. Fast alle diese Fälle endeten mit dem
Tode. Bei einem dreijährigen Kinde entstand in Folge eines am 8. Krank-
heitstage aufgetretenen Erysipelas faciei ein Abscess auf der Stirn,
welcher bis auf den Knochen drang und durch brandige umfangreiche
Zerstörung der Haut mit Blosslegung des Stirnbeins den Tod herbei-
führte.
Bei einem 3jährigen Mädchen, welches noch an Adenitis und Phlegmone sub-
maxillaris in Folge einer eben überstandenen Diphtherie litt, brachen am 14. Febr.
1878 die Masern hervor, und unter ihrem Einfluss wurde die inzwischen in Eiterung
übergegangene und geöffnete Phlegmone nach 10 Tagen brandig. T. immer
40,0—40,6. Gesicht stark ödematös, Zimmer durch gangränösen Geruch verpestet.
Tod durch Collaps und doppelseitige Bronchopneumonie.
Bei drei anderen Kindern bildeten sich in der dritten Woche der Masern um-
716 Infectionskrankheiten.
schriebeneNecrosen der Haut, welche aus BIasenbildung(Rupia oder Ecthyma)
hervorgingen, und runde, scharf umsäumte, wie mit einem Locheisen durchgestossene,
mit schwärzlichem Detritus bedeckte Defecte von Groschen- bis Markstückgrösse am
Hinterhaupt, in der Region der Schlüsselbeine, an der Hüfte und an anderen Uaut-
stellen zur Folge hatten. In zwei Fällen erfolgte der Tod durch Collaps und
Bronchopneumonie, nur in einem Heilung.
Kind von 3 Jahren, aufgenommen am 1. März. Am 3. Eruption der Masern.
Am 9. ist der linke Arm prall geschwollen, am Olecranon eine Blase mit blutig
serösem Inhalt vorhanden. In den nächsten Tagen Fortschreiten der Infiltration
bis zum Schlüsselbein, Schulterblatt und Brustwarze. Eine am 11. gemachte Incision
entleerte nur Blut und etwas gelbliches Serum. Am 12. neue Eruption von Blasen
mit blutigem Inhalt auf dem Rumpf und linken Arm, welche platzen und speckig
aussehende Ulcerationen hinterlassen. Am 19. ist die ganze Haut vom Ellenbogen
bis zur Schulter unterminirt. Gegenöffnung am Rücken, Ausfluss von Eiter aus der-
selben. Bindegewebe in ganzer Ausdehnung necrotisch, in abgestorbenen Fetzen
herauszuziehen. Andauerndes Fieber und Collaps. Tod am 23. Section: Doppel-
seitige Bronchopneumonie. Nephritis parenchymatosa. Hepar adiposum.
Dieser Befund (trübe Schwellung der Nierenrinde und massige
Fettleber) ist überhaupt bei den Masern, wie bei anderen Infections-
krankheiten ein häufiger, ohne indess entsprechende klinische Erschei-
nungen hervorzurufen. Es verhält sich damit ebenso, wie mit der oft
notirten Trübung des Herzfleisches und der Leberzellen. Nur in ver-
hältnissmässig seltenen Fällen kommt es auch hier, wie bereits (S. 621)
erwähnt wurde, zu einer der scarlatinösen analogen Nephritis. Die
Erfahrung lehrte mich aber, dass manche als morbillös betrachtete
Nephritis nichts weiter war, als eine verkannte scarlatinöse, mochten
nun Angehörige oder Aerzte die falsche Diagnose gestellt haben. Mir
selbst kamen bisher nur wenige Fälle von wirklicher Masernnephritis
vor, theilweise in hämorrhagischer Form. Die folgenden, welche ich
von Anfang an zu beobachten Gelegenheit hatte, kann ich verbürgen:
Carl B., 7 Jahre alt, Ende Juni Masern mit ganz normalem Verlauf. Drei
Wochen nach der Eruption Oedem des Gesichts, der Füsse und des Scrotum. Urin
albuminös, sparsam, Epithelien und Cylinder enthaltend, nach einigen Tagen
hämorrhagisch. Behandlung mit warmen Bädern, Kali acet., Wildunger Wasser.
Am 28. Juli Oedem beinahe geschwunden. Urin immer noch bluthaltig. Ergotin
1,5: 120. Vollständige Heilung nach 10 Tagen. Eisen gegen die zurückgebliebene
Anämie.
Fritz B., 3jährig, aufgenommen am 24. April mit Coxitis, erkrankt am
13. Mai an Masern, deren Reconvalescenz durch einen Laryngotrachealcatarrh ver-
zögert und durch febrile Störungen unterbrochen wird. Am 30., also in der Mitte
der zweiten Woche, enthält der Urin reichliche Mengen von Eiweiss, Epithelial -
cylinder und Lymphzellen. Leichtes Oedema faciei. Schwitzbäder. Am 6. Juni
Morbilli. 717
Status idem, am 1 1 . nur noch Spuren von Albumen und vereinzelte Cylinder und
Epithelien, am 26. völlige Heilung.
Carl S., 4jährig, am 3. October mit Keuchhusten aufgenommen, bekommt am
22. Masern; nomaler Verlauf. Am 10. November Oedem, Urin stark albuminös,
550 Cm., klar, mit reichlichen nephritischen Formelementen und zahlreichen aus-
gelaugten Blutkörperchen. Kein Fieber. Therapie. Schwitzbäder, Wildunger
Brunnen, Milchdiät Den 14. Menge desUrins 1300 Com., röthlich, wenigerEiweiss.
Den 24. nur noch Spuren davon, am 26., also nach lötägiger Dauer normal. Ge-
heilt entlassen.
Paul St. 4jährig, am 13. Febr. an den Masern erkrankt, aufgenommen am
14. Normaler Verlauf. Vom 26. an empfindliche Anschwellung der Lymphdrüsen in
der rechten Submaxillargegend mit massigem Fieber. Am 6. März Urin trübe, blut-
und eiweisshaltig, zeigt Cylinder und Blutkörperchen, sparsam. Dabei wiederholtes
Erbrechen, Oedem des Gesichts und der Füsse, Fieber, welches am 8. Abends 40,0
erreicht. Eiweissgehalt 6 pr. Mille. Therapie. Abführmittel, Schwitzbäder, Digi-
talis, Milchdiät. In den nächsten Tagen Urin blutroth, sehr zahlreiche Blutkörper-
chen enthaltend, aber reichlicher, Fieber geringer, am 20. ganz verschwunden. Um
diese Zeit wird das Kind von Diphtherie befallen, die am 25. die Tracheotomie
erfordert und am 29. tödtlich endet. Die Nephritis dauerte bis zum Tode fort und
wurde durch die Section constatirt.
Bei einem 3jährigen Kinde, welches drei Wochen nach der Masern-
eruption an Oedema pulmonum starb, ergab die Section ausser diesem
und multipler Bronchopneumonie eine charakteristische Nephritis duplex;
bei einem anderen Kinde wurde Nephritis haemorrhagica mit Vergrösse-
rung beider Nieren, zahlreichen punktförmigen Blutungen in der sehr
breiten graugelben Corticalis und fettiger Epithelentartung constatirt.
Bemerkenswerth ist, dass in den Fällen von Masern, welche sich ein
paar Wochen nach einer abgelaufenen oder noch während einer Neph-
ritis scarlatinosa entwickelten, die Einwirkung auf die letztere durchaus
verschieden war. Jedenfalls war ein ungünstiger Einfluss nicht constant
zu beobachten. Ich wiederhole hier die schon früher gegebene Warnung,
Albuminurie nicht mit Propeptonurie zu verwechseln, die bei Masern
und Scharlach öfter beobachtet wird ').
Purpura als Nachkrankheit hatte ich wiederholt Gelegenheit zu
beobachten.
Ein Sjähriges Mädchen bekam drei Wochen nach der Eruption, welche mit blu-
tiger Diarrhoe verlaufen war, plötzlich Blutungen aus Mund, Nase, Ohren und
Darm, zahlreiche Petechien auf der Haut und Suggillation der linken Conjunctiva
palpebr. Dabei bestand völlige Euphorie. Ueber den weiteren Verlauf ist mir
nichts bekannt geworden. — Ein 1 jähriges Kind bekam zwei Wochen nach der Erup-
') Loeb, Centralbl. f. klin. Med. 15. 1889. Heller, Berl. klin. Wochenschr.
1889. No. 48.
718 InfectioDskrankheiten.
tion auf Rumpf und Extremitäten zahlreiche Petechien und grössere Ecchymosen,
Nasenbluten und blutige Stühle. Die Retina blieb verschont. Hier war der Ausgang
nach 6tägigem Bestehen der Purpura ein günstiger. — Bei einem 5jährigen Kinde
bildeten sich 4 Wochen nach dem Ausbruche der Masern anf den Lippen, der Zunge,
der Gaumen- und Pharynxschleimhaut punktförmige Blutextravasate, bald auch auf
der Haut und Conjunctiva. Dabei Blutung aus dem Zahnfleisch, Anschwellung der
Wange, Faeces durch verschlucktes Blut gefärbt, foetor ex ore. Fieber schwankend,
bis 38,8, zunehmende Anämie und Schwäche. Tod im Collaps Dach 12 Tagen. Die
Section ergab multiple kleine und grössere Blutextravasate in fast allen Organen,
Herzmusoulatur, Pericardium, Lungen, Mediastinum, LaryDX und Bronchien, Dünn-
darmschleimhaut, Leber und Arachnoidea. Milz scheinbar normal. Herzmuskel
stark verfettet. — Noch jetzt (Februar 1893) wird ein 3jähriges Kind in der Poli-
klinik behandelt, welches 5 Wochen nach dem Ausbruche der Masern von aus-
gebreiteter Purpura und starken Mundblutungen befallen worden war.
Während das Scharlachfieber in grossen volkreichen Städten nie
erlischt, vielmehr während des ganzen Jahres sporadisch auftritt, und nur
zeitweise, besonders in den Herbst- und ersten Wintermonaten, epide-
mische Verbreitung erlangt, sehen wir die Masern bisweilen fast ganz
von der Scene verschwinden, und dann plötzlich wieder als Epidemie
auftauchen, weiche von einzelnen Stadtbezirken ausgehend, allmälig
auch die benachbarten überzieht und viele Monate zu dauern pflegt.
Dass ein Individuum, so gut wie von Scharlach, auch von den Masern
zweimal befallen werden kann, steht fest; doch glaube ich, dass die
Zahl dieser Fälle, besonders von den Laien, stark überschätzt wird1).
So skeptisch ich auch in dieser Beziehung bin, muss ich doch einzelne
Fälle, welche ich selbst erlebte, z. B. den folgenden gelten lassen:
Knabe von 11 Jahren, überstand im Jahre 1872 mit seinen 4 Geschwistern
zusammen die Masern (unter meiner Behandlung). Im November 1876 zweite Mor-
billenerkrankung mit den characteristischen Prodromen, heftigem am 3. Tage kriti-
sirendem Fieber, Catarrh, Photophobie u. s. w. Exanthem im Gesicht und am Rumpf
stark entwickelt, gering an den Extremitäten. Ansteckung in der Schule während
einer Masernepidemie war nachweisbar.
Solche Fälle gehören aber zu den Ausnahmen. Die meisten, von
denen man im Publicum sprechen hört, beruhen auf Verwechselung mit
anderen ähnlichen Exanthemen, welche man deshalb unter dem Namen
„falsche Masern" (Morbilli spurii) beschreibt. Dabei muss man aber
festhalten, dass dieser Name keineswegs einen bestimmten Krankheits-
') Senator, Charite-Annalen. XIV. 334.
Morbilli. 719
process bedeutet, dass vielmehr verschiedene Affectionen, welchen ein
masernähnliches, kleinfleckiges, leicht papulöses Exanthem gemeinsam
ist, in demselben zusammengefasst sind. Ich erinnere Sie nur an die
häufigen Exantheme, welche als Roseola vernalis, autumnalis, aestiva,
infantilis beschrieben werden. Ausschläge, welche nicht immer rein ma-
culös, sondern auch mit flachen centralen Erhebungen auftreten können
und oft genug für Masern gehalten werden. Das diagnostische Criterium
der letzteren liegt, wenn ich von den abnorm verlaufenden cachektischen
und terminalen Formen (S. 709) absehe, hauptsächlich in dem Verein
der charakteristischen Fiebercurve mit dem Catarrh der respi-
ratorischen und Rachenschleimhaut, eine Combination, welche jenen
Erythemen und Roseolen fehlt.
Bei dieser Gelegenheit will ich auf die unter dem Namen Röthein
(Rubeola) beschriebene Affection, über deren Existenz lebhafte Contro-
versen geführt wurden, mit einigen Worten eingehen. Während nämlich
ein Theil der Aerzte die Röthein als eine selbstständige epi- oder ende-
misch auftretende lnfectionskrankheit betrachtet, welche mit kaum be-
merkbarem, in der Regel nur einleitendem Fieber, bisweilen auch mit
leichten catarrhalischen Erscheinungen, vorzugsweise aber mit einem
aus kleinen rothen Stippchen bestehenden Ausschlag einhergeht, be-
haupten die Gegner, dass alle solche Fälle nichts weiter seien, als sehr
leichte, fast afebrile Formen von Masern oder Scharlach. Meine eigene
Erfahrung berechtigt mich nicht, in dieser Frage ein entscheidendes Ur-
theil abzugeben. Wenn ich auch bisweilen in einer Familie mehrere
Kinder an einer den „Röthein" der Autoren entsprechenden Affection
erkranken sah, auch nicht selten sporadische Fälle dieser Art beob-
achtete, so war es mir doch bisher nicht vergönnt, grössere Epi-
oder Endemien dieser Art zu beobachten, wie sie von Anderen be-
schrieben werden. An der Selbstständigkeit der Röthein hege ich
jedoch keinen Zweifel, und gebe zu, dass Fälle, wie die von v. GenserO
mitgetheilten , in denen bei drei Geschwistern nach 7 resp nach
3 und 4 Tagen auf Röthein sofort Masern erfolgten, für diese Selbst-
ständigkeit von grosser Bedeutung sind Im Allgemeinen sind die
Aerzte jetzt geneigt, die letzteren als eine eigene lnfectionskrankheit zu
betrachten 2).
1) Jahrb. f. Kinderheilk. XXVIII. S. 420.
2) Seitz (Correspbl. der Schweizer Aerzte XX. 1890) beschreibt eine
„schwere" Form der Röthein, welche ich für sehr problematisch halte. Eine voll-
ständige Zusammenstellung der Literatur der Röthein s. bei Gumplowicz, Jahrb.
f. Kinderheilk. Bd. 30. 1891. S. 266.
720 Infectionskrankheiten.
Die Empfänglichkeit für das Maserncontagium ') ist in allen
Lebensaltern vorhanden, am stärksten zwischen dem 2. und 6. Jahre,
am geringsten bei Neugeborenen und Säuglingen, welche dann aber
am meisten durch respiratorische Complicationen gefährdet sind.
Andere bestehende Krankheiten seien es acute oder chronische, ver-
leihen keinen Schutz vor der Infection mit Masern: einzelne, wie Vari-
cellen und Keuchhusten, scheinen sogar eine besondere Disposition zur
Aufnahme des Oontagiums zu begründen. In welcher Periode die
Krankheit am leichtesten ansteckt, lässt sich hier ebensowenig bestimmt
angeben, wie beim Scharlachfieber; doch ist es unzweifelhaft, dass schon
das Stad. prodromorum und eruptionis zu inficiren vermag. Während die
meisten Kinder schon beim ersten oder zweiten Contact mit einem ma-
sernkranken Individuum angesteckt werden, sehen wir einzelne einen
drei- bis vierwöchentlichen Verkehr mit den an Masern erkrankten Ge-
schwistern vertragen, bevor sie der Infection unterliegen. Eine absolute
Immunität gegen die Ansteckung, wie ich sie mehrfach bei Scharlach
gesehen, ist mir wenigstens bei den Masern noch niemals vorge-
kommen2). Ebenso wenig konnte ich selbst jemals einen sicheren Fall
von Morbilli sine exanthemate beobachten. Der von den Laien
aud auch von vielen Aerzten festgehaltene Glaube an die geringe Ge-
fährlichkeit der Masern ist allenfalls für die Privatpraxis, zumal in
günstigen Lebensverhältnissen, gerechtfertigt. In den Hospitälern stellt
sich die Sache ganz anders dar. Ich selbst sah in meiner Klinik wäh-
rend der Jahre 1882/83 von 147 Masernfällen 74, in der Epidemie von
1885/86 von 90 Fällen 36, in der von 1887/88 von 146 Fällen 49, in
der von 1888/90 von 294 Fällen 89, also etwas über 30pCt. sterben,
meistens in Folge von Bronchopneumonie, Croup, Diphtherie3) und
Tuberculose. Dabei darf man freilich nicht vergessen, dass wir im
Hospital das schlechteste Material haben, dass ein grosser Theil der
eingelieferten Kinder atrophisch, rachitisch, tuberculös ist, und dass die
erwähnte grosse Mortalität fast ganz auf Rechnung der beiden ersten
Lebensjahre kommt. In der letzten Epidemie starben von 133 Kin-
') Die Natur dieses Contagiums kennen wir ebenso wenig, wie diejenige des
scarlatinösen Infectionsstoffes. Die von Babesin (Archiv f. Kinderheilk. III. S.
134), üoehle (Centralbl. f. allgem. Path. 1892. No. 4) u. A., beschriebenen
Bacterien, Protozoen u. s. w. bedürfen weiterer Bestätigung von sachverständi-
ger Seite.
-) Damit soll aber das Vorkommen einer Immunität keineswegs in Abrede ge-
stellt werden. Vergl. Biedert, Jahrb. f. Kinderheilk. XXIV. S. 94.
3) Vergl. Pennel, Revue mens. Juni 1885. p. 279.
Morbilli. 721
dem in den beiden ersten Jahren 74, d. h. 55V3pCt., von 161 Kindern
jenseits des zweiten Jahres nur 15, d. h. etwa d3/9]>Gt.'').
Ueber die Behandlung habe ich nur wenig zu sagen, da der
Krankheitsprocess als solcher nichts weiter erfordert, als Aufenthalt im
Bett, eine Zimmerwärme von 15—16° (wärmer als beim Scharlach) bei
leichter Bedeckung und, so lange das hohe Fieber dauert, eine aus Milch,
Wassersuppen und kühlem Getränk bestehende Nahrung. Verdunkelung
des Zimmers sollte man nur in dem Maasse vornehmen, wie es den
Kindern angenehm ist, nie vollständig, wie es leider doch vielfach Sitte
oder vielmehr Unsitte ist. Eine Trennung der erkrankten Kinder von
ihren Geschwistern halte ich nicht für durchaus nothwendig, so sehr ich
auch beim Scharlach für dieselbe eintrete. Die weit geringere Gefahr
der Masern und die fast sichere Aussicht, dass die Kinder denselben auf
die Dauer doch nicht entgehen werden, spricht meiner Ansicht nach gegen
die Isolirung. Nur sehr junge, in den beiden ersten Lebensjahren
stehende, oder kranke Kinder, besonders tuberculöse, würde ich durch
gänzliche Absperrung vor der lnfection zu schützen suchen. In einfachen
Fällen bedarf man keiner Medicamente. Bei heftigem Hustenreiz kann
man Infus, rad. ipecac. mit Aq. laurocerasi (F. 16) verordnen, allen-
falls ein Blasenpflaster von der Länge eines Fingergliedes auf die Kehl-
grube appliciren. Massige Diarrhoe, die während der ersten Woche nicht
selten ist, kann unberücksichtigt bleiben; nur wenn die Ausleerungen
reichlicher werden, etwa 4 — 6 mal oder noch häufiger täglich erfolgen,
versuche man sie durch Infus, rad. ipecac. mit Opium (F. 29) oder durch
Magister. Bismuthi (F. 30) zu beschränken. Aber auch bei ganz nor-
malem Verlaufe rathe ich, die Kinder eine volle Woche im Bette zu
halten, und im Sommer drei, im Winter vier Wochen lang das Zimmer
hüten zu lassen.
Was die Behandlung der Complicationen betrifft, so kann ich auf
die früheren Mittheilungen über Croup, Bronchopneumonie und Diarrhoe
verweisen. Gerade bei Bronchopneumonia morbillosa, zumal wenn sie
mit einem Sinken der Herzenergie einhergeht, mit kleinem Pulse,
kühlen Extremitäten, Somnolenz, leichten Delirien, habe ich von der
dreisten Anwendung warmer Bäder mit kalten Affusionen, des
Camphers und der Benzoe, wiederholt vortreffliche, ganz unerwartete
Erfolge gesehen. Wo die Pneumonie schon im Eruptionsstadium in dieser
!) Für 1887 ergab die Berliner Mortalitätsstatistik eine Sterblichkeit an Masern
von 0,74, fast soviel wie für Scharlach (0,85), für 1891 sogar eine etwas
höhere.
Hm.i.'ii, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. ~i. Aull. 4b
722 iufectionskrankhoiten.
Weise auftrat, pflegte das Exanthem rasch eine cyanotische Färbung an-
zunehmen, die in Folge der Bäder wieder einer rosigen Farbe Platz
machte.
Bei Gangrän der Haut bedeckten wir die leidenden Partien mit
Jodoform oder mit Charpie, welche mit Vinum camphor., mit 2procent.
Carbol- oder mit Chlorzinklösung getränkt war, und gaben innerlich
reichlich Wein und Decoct. cort. Chinae (F. 23).
Die hie und da geltend gemachte Ansicht, dass die Masern einen
heilenden Einfluss auf gewisse chronische Krankheiten, zumal der Haut,
ausüben können, vermag ich nach meinen Erfahrungen nicht zu theilen.
Chronische Eczeme und Prurigo sah ich wenigstens auch nach Ablauf
der Morbillen unverändert fortbestehen.
Die Versuche, durch Einimpfung von Blut, Thränen, Nasenschleim
Masernkranker die Krankheit auf andere zu übertragen (Home, Katona,
Mayr), um nach Art der Vaccine dadurch einen milderen Verlauf zu er-
zielen, sind unbefriedigend ausgefallen.
111. Die Windpocken.
Die Varicellen gehören zu den wenigen Krankheiten, welche dem
Kindesalter fast ausschliesslich eigen sind. Mir wenigstens ist
bisher kein einziger sicherer Fall bei einem Erwachsenen vorge-
kommen ').
Ueber die Ansteckungsfähigkeit der Windpocken kann ke in Zweife
bestehen. Wenn auch Inoculationsversuche mit dem Inhalt der Bläschen
nur ausnahmsweise Erfolg hatten (mir selbst ist die Inoculation ebenso
wenig gelungen, wie Thomas, Hippius2; u. A.), so ergiebt doch die
tägliche Praxis, das successive Befallenwerden aller Kinder einer Familie)
und die endemische Verbreitung der Krankheit in Anstalten, welche ich
selbst in meiner Klinik wiederholt beobachtet habe, den untrüglichsten Be-
weis. Aehnlich wie bei den Masern beträgt das lncubationsstadium
13 — 14 Tage, worauf das Exanthem, in der Regel ohne prodromale Er-
scheinungen zum Vorschein kommt. Im Nov. 1890 z. B. kam ein mit
Varicellen behaftetes Kind auf meine Abtheilung, und genau 13 Tage
später erkrankten drei andere Kinder auf dieselbe Weise. Ein kurzes,
') J. Seitz (Corresp.-Bl. f. Schweizer Aerzte. Jahrg. 18. 1888) beschreibt
einige bei Erwachsenen beobachtete Fälle.
-) Central-Zeitung f. Kinderkrankh. II. 1879. S. 192.
Varicellen. 723
z. B. nur 4tägiges Incubationsstadium') habe ich selbst nie beobachtet.
Ueber Kopfschmerzen, Erbrechen und Hitze wurde nur ein paar Mal vor
dem Ausbruch geklagt, hie und da auch Conjunctivitis oder Angina be-
obachtet, welche ich indess mehr für zufällige, als mit der Varicelle in
Oonnex stehende Affectionen betrachtete. Nur bei einem 10 Monate
alten Kinde, dessen Körper mit einem copiösen Varicellenausschlag be-
deckt war, hatten während der Eruption neben heftigem Fieber 24 Stun-
den lang starke Krampfanfälle stattgefunden. In einzelnen Fällen
sah ich ein diffuses Erythem dem Ausbruche der Varicellen
mehrere Stunden vorausgehen und noch am ersten Tage derselben fort-
bestehen.
Die Eruption erfolgte ohne bestimmte Reihenfolge an verschiedenen
Körpertheilen gleichzeitig, in der Form von etwa linsengrossen, runden,
rothen Flecken, in deren Oentrum sich sofort ein stecknadelkopfgrosses
Bläschen bildet. Diese erste Periode konnte ich indess nur ausnahms-
weise beobachten, denn die Vergrösserung des Bläschens geschieht so
rasch, dass man schon nach einer Stunde überall linsen- bis erbsengrosse,
zuweilen auch grössere pemphigoide, mit durchsichtigem Serum gefüllte
und von einem schmalen rothen Rande umsäumte Bläschen antrifft.
Nur ein paar Mal bestand das Exanthem, was auch Thomas beobachtete,
aus rothen runden Flecken, die fast alle in ihrer Mitte ein miliares
Bläschen zeigten. Die Zahl der Bläschen, welche sich rasch hinterein-
ander entwickeln, ist sehr verschieden; bald stehen sie vereinzelt, bald
dicht aneinander gedrängt, besonders an Theilen, welche einer Reizung
durch Druck oder Spannung der Haut ausgesetzt sind, z. B. auf dem
Rücken, am Tuber ischii, wo ich eine handtellergrosse dichte Gruppe
zosterähnlicher Bläschen beobachtete. Daher war auch bei einem Kinde,
welches stets auf der linken Seite lag, diese bei weitem stärker als die
rechte befallen, und bei einem Knaben, welcher einen kindskopfgrossen
Congestionsabscess in der linken Schenkelbeuge hatte, war gerade die
enorm gespannte Haut des Abscesses der Sitz einer dichten Varbellen-
eruption, welche am übrigen Körper nur spärlich auftrat. Am schönsten
präsentirte sich das Exanthem bei einem Mohrenkinde, dessen schwarz-
braune Haut wie mit durchsichtigen Perlen bestreut erschien. Häufig
bilden sich auf der Mundschleimhaut, am harten Gaumen, auf der Innen-
fläche der Lippen, auf der Zunge sparsame Varicellenbläschen, die aber
wegen der raschen Epithelabstossung sofort als weissliche oder graugelbe
') Gouget, Revue mens. Mars. 1893.
46'
724 Infectionskrankheiten.
runde Erosionen erscheinen. Selbst auf der Conjunctiva bulbi und der
Genitalschleimhaut kleiner Mädchen kamen hin und wieder vereinzelte
trübe Vesikeln mit umgebender Injection der Gefässe vor. In einem
Falle bestand sogar ein förmlicher Kranz von Varicellenbläschen an der
Innenfläche der grossen Labien.
Die noch immer von Vielen getheilte Ansicht, dass die Varicellen
eine fieberlose Krankheit seien, fand ich nicht bestätigt; dieselbe rührt
aus der Privatpraxis her, wo der Thermometer bei einer so unbedeuten-
den Affection gar nicht in Anwendung kommt. Wo dies aber geschieht,
wird man fast immer während der Eruption, also am ersten Tage,
bisweilen auch noch am zweiten, einen febrilen Zustand constatiren,
welcher freilich in den meisten Fällen einen sehr massigen Grad nicht
überschreitet. In der Regel fand ich am ersten Tage 38,3 — 38,8
(Abends), während schon der zweite Tag häufig fieberlos verlief oder
nur Abends höhere Temperatur (38,5 oder noch mehr) zeigte. Nur selten
zeigt das Fieber höhere Grade und längere Dauer:
Kind von 2y2 Jahren. Varicellenausbruch am 11. Mai mit hoher Tempera
tur(40,l; 168 P.). Rücken mit diffusem Erythem überzogen. Sehr reichliche
Bläscheneruption, besonders auf Brust und Oberschenkeln. Den 12. Erythem noch
sichtbar. T. 37,8; Ab. 39,4. P. 144. Den 13. Röthe verschwunden. T. normal.
Beginnende Eintrockenung der Varicellen.
Bei einem anderen Kinde zeigte der Thermometer schon am Abend vor der
Eruption 38,6, am Abend des zweiten Tages 39,0 und noch am dritten Tage 38,9.
In einem dritten Falle, der wie der erste von Erythem begleitet war, betrug die Ini-
tialtemperatur 40,5, am zweiten Abends noch 38,3. Ein öjähriger Knabe mit sehr
reichlichem, theilweise purulentem Exanthem, auch im Munde, zeigte am I.Tage
40,1, amfolgenden Tage 39,2—39,4, am3. Tage 38,2 Abends 37,7. Nureinmal sah ich
bei einem Knaben, welcher wegen eines Maserncroup glücklich tracheotomirt war,
die während der Reconvalescenz ausbrechenden Varicellen, nach einer prodromalen
Einleitung von 38,6 (Abend vor der Eruption), mit einem febrilen Zustande, welcher
volle 4 Tage dauerte, verlaufen, und zwar in einer Höhe, welche am Abend des
zweiten und dritten Tages bis auf 40,2, 40,5, ja am vierten Abend bis auf 41.0 sich
erhob. Dieser Knabe war überhaupt zu hohem Fieber derartig disponirt, dass er
während einer unbedeutenden Gastrose drei Tage lang eine Abendtemperatur bis zu
40,0 und darüber darbot.
Die ungewöhnlich hohe Fiebertemperatur bei den Varicellen hängt
nach meiner Beobachtung meistens mit einer weit verbreiteten und dicht
stehenden Eruption zusammen, deren einzelne Efflorescenzen dann nicht
selten durch eine erythematöse Röthe miteinander verbunden sind, und
vom' zweiten oder dritten Tage an zum Theil eine purulente ümwan-
delung erleiden. Häufiger bleibt die Form etwas trüber Bläschen er-
halten, deren Eruption mit dem zweiten Tage beendet zu sein pflegt.
Varicellen. 725
Vom dritten Tage an beginnt ihre Eintrocknung durch Verdunstung des
Inhalts, die Bläschen sinken zusammen und verwandeln sich in ent-
sprechend grosse braune oder schwärzliche dünne Borken, die ihren
rothen Saum rasch verlieren, nach 8-14 Tagen abfallen und rothe
Fleckchen, aber keine Narben hinterlassen. Letzteres geschieht nur
dann, wenn die Kinder durch das heftige Jucken während der Eintrock-
nung zum Abkratzen der Efflorescenzen und Schorfe veranlasst werden
wobei dann einzelne in oberflächliche kleine Ulcerationen mit nachfol-
gender Narbenbildung übergehen, mitunter auch eethymatöse Pusteln
und Erytheme im Umkreise hervorgerufen werden. Der üebergang der
Varicellen in Gangrän wird in der Literatur hie und da erwähnt1).
Verwechselung mit Ecthyma gangränosum ist hier aber leicht
möglich, und ich selbst habe einen solchen Fall beobachtet, der mir als
„Varicella gangränosa" imponirt hatte, weil man noch am Kopf, im
Nacken, an den Lippen und an der Zunge Bläschen und kleine runde
Erosionen wahrnahm, die ganz wie Varicellen aussahen, mit welcher
Diagnose das 2jährige Kind in die Klinik gebracht worden war. Trotz-
dem halte ich den Fall nicht für einwandfrei, weil ich ihn nicht von
Anfang an beobachtet habe. Der Ausgang war übrigens unter der Be-
handlung mit Bor- und Jodoformsalbe ein glücklicher. Die Eruption ist nicht
immer mit dem zweiten Tage vollendet, vielmehr kam es oft noch zu
Nachschüben mit ganz unregelmässiger Succession, so dass z. B. zuerst
der Rücken und die unteren Körpertheile, und erst am dritten Tage
das Gesicht befallen wurde; zwischen den schon eingetrockneten schössen
auch noch frische wasserhelle Bläschen auf, und man konnte dann an
einem und demselben Körpertheile die verschiedenen Stadien des Exan-
thems gleichzeitig beobachten. Ich habe dies so häufig gesehen, dass
ich die Behauptung von Thomas-), welcher sich gegen das Vorkommen
solcher Nachschübe ausspricht, nicht theilen kann. Bei einem 13 Monate
alten Kinde sah ich sogar die neuen Eruptionen am Abend des 3. Tages
von erheblicher Fiebersteigerung (39,3) begleitet.
Ich muss hier noch einmal auf die oben erwähnte purulente
Füllung einzelner oder vieler Bläschen, welche man in einer Reihe von
Fällen beobachtet, zurückkommen. Gerade diese Fälle sind es, welche
den noch immer nicht zur Ruhe kommenden Streit über das Verhältniss
der Windpocken zur Variolagruppe unterhalten. Meiner Meinung nach
1) Demme (28. Jahresber. S. 44) berichtet zwei Fälle, von denen einer unter
Bestreichen mit Jodtinctur und Verband mit Jodoformgaze glücklich endete.
2) Archiv f. Dermat. 1869. Heft 3.
726 Infectionsluankheiten.
muss sich jeder unbefangene Beobachter entschieden auf die Seite der
Dualisten, d. h. Derjenigen stellen, welche von einem solchen Verhältniss
überhaupt nichts wissen wollen, vielmehr die Varicellen als eine ganz
selbstständige Infectionskrankheit, die mit der Variola durchaus
nichts zu schaffen hat, betrachten, und in diesem Sinne habe ich mich
bereits früher') unter Anführung bestimmter Gründe ausgesprochen.
Zunächst berufe ich mich auf die anatomische Verschiedenheit der
Efflorescenzen, welche bei der Varicella sofort vesiculös erscheinen,
während die Variola mit rothen Papeln beginnt, auf deren Spitzen
später das Bläschen sich entwickelt; ferner auf die einfächerige Be-
schaffenheit der Varicellenbläschen, welche beim Einstich ihren Inhalt
mit einem Mal entleeren und sofort collabiren, während die Variola-
bläschen multiioculär erscheinen, so dass beim Einstich immer nur der
Inhalt des getroffenen Faches entleert wird. Dies alles ist aber nicht
entscheidend, denn zwischen den normalen Varicellenbläschen findet
sich häufig eine kleinere oder grössere Zahl solcher, welche mehrfächerig
sind, eine centrale Delle zeigen und schliesslich eiterig trübe "werden,
sich also ganz wie Variola oder Varioloi's verhalten. Auch kommen Fälle
vor, in denen die Varicellen abortiv, d. h. wenigstens theilweise als
kleine rothe Papeln erscheinen, auf deren Spitze hie und da eine mini-
male Vesikel sich bildet. Die Hauptsache bleibt immer, dass die Wind-
pocken absolut keinen Schutz vor der Variola gewähren, dass diese
vielmehr schon wenige Wochen nach dem Ablauf der Varicellen auf-
treten kann und umgekehrt; dass ferner Varicellen unmittelbar nach
der gelungenen Vaccination ausbrechen, und diese wiederum kurz nach
dem Ablauf, ja noch während des Bestehens der Windpocken mit Erfolg
vorgenommen werden kann; dass bei kleinen Endemien der Varicellen
wie ich sie wiederholt in der Klinik gesehen habe, auch nicht ein ein-
ziger Fall die Charaktere der Variola und der Varioloi's darbot; dass
endlich auch die äusserlich den Varioloiden ähnlichen Fälle bei anderen
Individuen doch immer nur Varicellen erzeugen. Von zwei gut vaccinirten
Geschwistern, die gleichzeitig an Varicellen litten, bot die ältere eine
intensive, zum Theil gedellte und purulente, von starkem Fieber be-
gleitete Eruption dar, während der jüngere Bruder bei voller Euphorie
nur sparsame wasserhelle Varicellenbläschen zeigte. In einer anderen
Familie erkrankte ein dreijähriges mit Erfolg vaccinirtes Kind in hef-
tigster Weise an Varicellen, welche so reichlich hervorbrachen, und zum
Theil so deutliche Dellen und eiterigen Inhalt darboten, dass ich irre-
') Berliner klin. Wochenschr. 1874. No. 18.
Varicellen. 727
geführt worden wäre, wenn ich nicht den ersten Ausbruch der durch-
sichtigen Vesikeln selbst beobachtet hätte. Nach 14 Tagen wurde der
ältere Bruder von ganz leichten und unzweifelhaften Varicellen befallen.
Eine Verbreitung der Krankheit auf die erwachsenen Mitglieder der
Familie, die bei den Pocken gewiss einmal eingetreten sein würde, habe
ich nie gesehen, und ebenso wenig wurde bei den in der Klinik beob-
achteten Endemien jemals eine Wärterin von Variola oder Varioloi's be-
fallen. Dazu kommt, dass die mit der Flüssigkeit der Varicellenbläschen
unternommenen Impfungen, wo sie überhaupt wirksam waren, immer
nur Varicella, nie Variola erzeugten '). Gegen diese Thatsachen, welche
sich täglich wiederholen, hilft alle Sophistik, mit welcher die Anhänger
der Unität ihre Ansicht zu verfechten suchen2), nichts, und auch der
Fall Hochsingers3), der so viel Staub aufwirbelte, kann meine
Ansicht von der Grundverschiedenheit der beiden Exantheme nicht er-
schüttern.
Die Varicellen können schon ganz junge Kinder in den ersten Monaten
befallen und werden hier nicht gefährlicher als später. Bis auf die
neueste Zeit erschien die Krankheit überhaupt durchaus gefahrlos; erst
die von mir nachgewiesene Nephritis varicellosa (S. 622), aufweiche
ich hier nicht zurückkomme, änderte diese Anschauung. Eine andere
Oomplication oder Nachkrankheit kenne ich nicht4). Wohl aber können
durch Combination mit anderen Infectionskrankheiten (Scharlach, Masern,
Diphtherie), welche auch mir bisweilen vorkam, bedenkliche Folgen
entstehen. Gerade die Varicellen eignen sich am besten, das gleich-
zeitige Vorkommen zweier acuter Exantheme zu beweisen, weil ihre
charakteristische Bläschenform sich von den diffusen oder papulösfleckigen
Ausschlägen des Scharlachs und der Masern am prägnantesten abhebt.
Zweimal beobachtete ich Varicellen bei Kindern, die mit Ichthyosis be-
haftet waren, einmal bei ausgebreiteter Psoriasis, und einmal complicirt
mit Intermittens tertiana.
Von einer Behandlung ist hier kaum die Rede, doch lasse ich
die Kinder auch in den leichtesten Fällen einige Tage das Bett und eine
Woche lang das Zimmer hüten. Spätestens vom 8. Tage an hat man den
Urin auf Eiweiss zu untersuchen.
') Steiner, Wien. med. Wochenschr. No. 16. 1875. — d'Heilly et Thoinon,
Revue mens. Dec. 1885.
2) Kassowitz, Jahrb. f. Kinderheilk. 1873. Heft 2. — Ibid. Heft 4. S. 420.
3) Centralbl. f. klin. Med. 1890. No. 43.
4) Semtsohenko (Jahrb. f. Kinderheilk. XXV. S. 171) will in zwei Fällen
eiterige Pleuritis, resp. eiterige Synovitis im Gefolge von Varicellen beobachtet haben.
728 Infeotionskrankhoiten.
IV. Die Diphtherie.
Die progressive Steigerung, welche diese schon den arabischen
Aerzten bekannte, später fast vergessene und durch Bretonneau ') wie-
der an's Licht gezogene Infectionskrankheit, sowohl in Bezug auf Fre-
quenz, wie auf Malignität, in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts
erfahren hat, ist leider unbestreitbar. Nach Kalischer2) starben in
Preussen von 1875 bis 1887 im Durchschnitt jährlich etwa 45000 Men-
schen an Diphtherie (darunter 98pOt. unter 15 Jahren), an Scharlach
etwa 20000, an Masern 8—12000, am Keuchhusten 10—16000. In
den grossen Städten liessen sich diese Fortschritte der Krankheit durch
die wachsende Zahl und Schwere der in die Krankenhäuser kommenden
Fälle leicht verfolgen3). Ich erwähne nur noch, dass in Berlin nach
den Veröffentlichungen des statistischen Amts in den Jahren 1882 und
1883 unter 65 521 Todesfällen 5066, und in den Jahren 1885, 1886 und
1887 unter 96200 Sterbefällen 4948 allein durch Diphtherie und Croup
bedingt waren.
Ich lege der folgenden Schilderung 1293 in meiner Klinik beob-
achtete und journalisirte Fälle von Diphtherie zu Grunde, ausserdem noch
sehr viele andere aus meiner Privatpraxis herrührende, über welche ich
nur kurze Notizen besitze. Ausgeschlossen blieben alle Fälle von
zweifelhaften Anginen, sowie von sogenannter „Scharlachdiptheritis,"
welche ich aus den früher angegebenen Gründen von der ächten Diph-
therie absolut trenne (S. 672). Unter jenen 1293 Kindern, befinden sich
fast eben so viele Mädchen wie Knaben. Vertreten sind alle Alters-
stufen, vom 4. Monat an bis zum 14. Jahre. Die grösste Frequenz
fällt in das Alfer zwischen 1 bis 6 Jahren, worin alle Autoren überein-
stimmen.
Kann auch in diesem Alter von einer Ansteckung in den Schulen
noch nicht die Rede sein, so fehlt es an Stätten der Infection doch
keineswegs; die Spielschulen, der Verkehr der Kinder mit einander auf
den Höfen, Fluren, Treppen, in den Zimmern u. s. w. bietet diese in
Fülle dar. Dass trotzdem die Diphtherie nicht in dem Maasse an-
steckend ist, wie vielfach angenommen wird, beweisen Experimente
(Peter, Trousseau u. A.), in denen der Contact diphtherischer Pro-
') Des inflammations speciales du tissu muqueux et en particulier de la
diphtherite. Paris, 1826.
2) Verhandl. der deutschen Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege zu
Berlin. 1883. — Deutsche Med. Zeit. 1890. No. 80—83.
3) Henoch, Charite-Annalen. X. 1885. S. 498.
Diphtherie. 729
ducte mit den Schleimhäuten keine Infection zur Folge hatte'). In
meiner Klinik wurde während eines Zeitraums von 20 Jahren niemals
eine Wärterin, und nur einmal ein Assistenzarzt von Diphtherie befallen,
obwohl die Krankheit massenhaft und in ihren schwersten Formen fast
stetig vorkam. Andererseits fehlt es nicht an Beispielen von Aerzten
und namhaften Klinikern, die als Opfer ihres Berufs der diphiherischen
Infection unterlagen. Auch hier, wie bei anderen Infectionskrankheiten,
wird man daher ohne Annahme einer Prädisposition, eines günstigen
Keimbodens für den deletären Stoff, kaum auskommen2). Sind auch
Erwachsene der Infection minder ausgesetzt, als Kinder, so mahnen doch
die erwähnten Fälle von Aerzten, die durch Patienten, von Müttern, die
durch ihre Kinder angesteckt wurden, zur Vorsicht.
Ueber den Einfluss der Jahreszeiten konnte ich zu keinem
sicheren Schlüsse kommen. Meine Fälle vertheilen sich fast gleich-
massig über alle Monate. Wie das Scharlachfieber verschwindet auch
die Diphtherie in Berlin niemals vollständig; die Krankheit ist bei uns
leider endemisch geworden, zeigt aber von Zeit zu Zeit, in ganz unbe-
stimmten Intervallen, eine epidemische Steigerung. Besonders häufig
fanden wir kleine Endemien in einzelnen oder mehreren Häusern und
Strassen, welche entweder auf eine gegenseitige Infection oder auf eine
gemeinsame Ursache zurückzuführen sind. Eben dahin gehören auch die
nicht selten vorkommenden verwüstenden En- und Epidemien in be-
nachbarten Dörfern. Ueber das Wesen des inficirenden Stoffes, welcher
ohne Zweifel von einem Individuum auf das andere, sei es durch die
Luft, durch directen Contact oder inficirte Gegenstände (Instrumente,
Betten, Wäsche u. s. w.) übertragbar ist, fehlte uns bis in die neueste
Zeit sichere Kenntniss. Die früheren Untersuchungen hatten noch kein
unzweifelhaftes Ergebniss geliefert, und was man als „Diphtheriepilz"
beschrieb, schien vorzugsweise in die Klasse der den septischen Processen
zukommenden Fäulnissbacterien zu gehören. Nach übereinstimmenden
neueren Untersuchungsresultaten3) wird aber jetzt als sicher angenom-
men, dass der von Klebs und Löffler gefundene Bacillus den speeifi-
schen Uebelthäter bei der Diphtherie darstellt. Die Bacillen sind als
die Producenten der Pseudomembranen zu betrachten, in welchen sie
') Monti, Ueber Croup und Diphtheritis. 2. Aufl. 1884. S. 145 ff.
2) Für die Ansicht von Unruh (Festschr. zur Jubelfeier d. Kinderheilanstalt
in Dresden. 1884), dass Tuberculose der Gelenke und Knochen eine besondere Dispo-
sition begründe, kann ich meine Erfahrungen nicht geltend machen.
3J Eine gute Zusammenstellung aller bacteriologischen Arbeiten giebt H.
Nenmann, Archiv f. Kinderheilk. XII. S. 396.
730 Infecticmskrankbeiten.
massenhaftnachgewiesen werden können, während sie bishernur ausnahms-
weise auch in den Geweben oder Säften des Patienten gefunden wur-
den. Erst in jüngster Zeit hat Frosch1) die Bacillen in 10 Fällen im
Gehirn, in den Lungen, der Leber und Milz, den Nieren, den Cervical-
und Bronchialdrüsen, im Herzblute, in der Pericardial- und Pleuraflüssigkeit
nachgewiesen. Die allgemeine Intoxication wird, wie man annimmt,
durch ein von den Bacillen erzeugtes chemisches Gift erzeugt, welches
von Roux und Yersin durch Filtration von Culturen der Diphtherie-
bacillen gewonnen und von Brieger und Fränkel-') als ein „Toxal-
bumin" beschrieben wurde. Ich bin weit davon entfernt, die specifische
Bedeutung des Diphtheriebacillus, die von zuverlässigen Beobachtern ver-
bürgt ist, antasten zu wollen, kann aber nicht leugnen, das die vor
Kurzem erschienene Arbeit von C. Fränkel3) mir Bedenken einflösst.
Hier wird offen zugestanden, dass virulente Löffler'sche Bacillen
auch auf der Mundschleimhaut gesunder Kinder vorkommen, und dass
eine besondere „Disposition" nothwendig ist, um die Infection zu
Stande zu bringen. Also wieder das alte unbekannte Etwas, was man
längst begraben glaubte!
Mit der Erörterung anderer nur dürftig begründeter Ursachen, welche
überall geltend gemacht werden, wo es sich um Infectionskrankheiten
handelt, der Kloakenluft, des verdorbenen Wassers oder einer inficirten
Milch, will ich Sie nicht behelligen. Erwähnt sei aber, dass die Frau eines
westpreussischen Gutsbesitzers mir mittheilte, drei ihrer Kinder seien in
längeren Intervallen an Diphtherie, zum Theil tödtlich, erkrankt, und
erst das Ausräumen einer unter den Fenstern des Kinderzimmers be-
findlichen Düngergrube habe diesen Erkrankungen für immer ein Ende
gemacht. Die hie und da behauptete Uebertragung von Thieren (Hüh-
nern) auf Menschen ist mehr als zweifelhaft. — Ganz unsicher sind
auch unsere Kenntnisse von der Dauer der Incubationsperiode. Aus
einzelnen in meiner Klinik geraachten Beobachtungen möchte ich zwar
schliessen, dass dieselbe im Durchschnitt 7 Tage dauert, dach war ich
nie sicher , ob die Infection nicht schon vor der Aufnahme stattge-
funden hatte. —
In einer grossen Reihe von Fällen ist die Diagnose von vorn
herein leicht, weil die Symptome sofort auf ein Leiden der Rachenorgane
hindeuten. Aeltere Kinder klagen fast alle über den Hals, über
') Zeitschr. für Hygiene etc. XIU. 1893.
2) Berl. klin. Wochenschr. 1890. No. 1 1 u. 12.
n) Ibid. 1893. No. 11.
Diphtherie. 731
Schmerz beim Schlucken, wodurch die Aufmerksamkeit der Eltern er-
regt wird. Der hinzugerufene Arzt findet die gesammte Rachenschleim-
haut in verschiedenen Graden geröthet, die Mandeln geschwollen und,
zumal an ihren inneren, einander zugewandten Flächen, mit weissen oder
grauweissen Flecken überzogen. Diese lassen sich nur schwer oder gar
nicht mit einem Pinsel oder Spatel entfernen, wobei fast immer eine
kleine Blutung aus der blossgelegten Schleimhaut erfolgt. Eine Rachen-
diphtherie ohne Beläge, in der Form einer einfachen Angina,
kenne ich nicht. Mögen die Autoren, welche eine solche annehmen,
und sowohl Paralysen wie Nephritis als ihre Folgen beobachtet haben
wollen, nun Recht haben oder nicht, — ich selbst habe niemals so
etwas gesehen oder war wenigstens nie sicher, dass nicht irgendwo
in der Rachenhöhle ein versteckter Belag übersehen worden ist. Aus-
nahmsweise fand ich die Mandeln frei von Auflagerung, wohl aber das
Velum oder gar die hintere Pharynxwand, am seltensten die Schleimhaut
des harten Gaumens mehr oder weniger mit Belägen bedeckt. Man hüte
sich dabei, das aus der Nase über die hintere Pharynxwand herab-
fliessende Secrct für einen wirklichen Belag zu halten; ersteres lässt sich
immer leicht abstreifen oder bei älteren Kindern durch Gurgeln ent-
fernen. In der Regel fiebern die Kinder, doch erreicht die Temperatur
im Durchschnitt kaum die hohen Grade, wie bei dem Initialfieber, wel-
ches die gewöhnliche Angina „follicularis" einleitet (S. 475), schwankt
vielmehr meistens zwischen 38 und 39°, mit abendlichen Steigerungen.
Auch fehlt es nicht an Fällen, die wenigstens im Anfange ganz fieber-
los verlaufen. Fast immer fühlen sich die Kinder ungewöhnlich matt
und verstimmt, verlieren den Appetit, haben eine grau belegte Zunge,
und klagen über Kopfschmerz. Meistens fühlt man schon in den ersten Tagen
eine Anschwellung einer oder zweier unter dem Kieferwinkel gelegener
Lymphdrüsen, welche indess ebensogut bei der einfachen catarrhalischen
Angina vorhanden sein, wie bei der Diphtherie fehlen kann.
Letzteres ist durchaus nicht so selten, wie ich früher annahm, und kam
sogar in recht ernsten Fällen vor, z. B. bei zwei Geschwistern, von
welchen eins an Croup, das andere im Gollaps zu Grunde ging.
Die Unterscheidung der beginnenden Diphtherie von der catar-
rhalischen Angina ist, wie ich bereits früher (S. 476) bemerkte, nicht
immer leicht, bisweilen sogar in den ersten 24—48 Stunden geradezu
unmöglich, so dass man gut thut, mit dem entscheidenden Urtheil zu-
rückzuhalten, jedenfalls aber das verdächtige Kind von seinen Geschwistern
zu isoliren. Die gelbliche Farbe und die rundliche Form der kleinen,
circumscripten, über die rothe geschwollene Mandel zerstreuten Eiter-
732 Infectionskrankheiten.
pfröpfchen ist zwar für die betreffende Form der catarrhalischen Angina
charakteristisch, auch der Beginn der Affection auf einer Seite und
das successive Befallenwerden der anderen spricht für dieselbe. Dennoch
kommen Fälle vor, in welchen die Diphtherie in ganz ähnlicher Weise
einseitig und mit sehr kleinen Plaques beginnt und sich erst am
nächsten Tage auf die andere Mandel ausdehnt. Die Unterscheidung
wird noch schwerer, wenn bei der catarrhalischen Angina statt der er-
wähnten Eiterpfröpfchen grauweisse, länglich gestreckte Fetzen auf den
Mandeln sich bilden, welche den diphtherischen in der That täuschend
ähnlich sind, sich aber von diesen dadurch unterscheiden, dass sie der
Schleimhaut, wie ein croupöses Exsudat, locker aufliegen und aus reich-
lich abgestossenen, durch eine amorphe (fibrinöse) Masse verkitteten
Epithelien bestehen. Die Ansicht, welche auch dieser Art von Auflage-
rung immer einen speeifisch diphtherischen Charakter zuerkennt, kann
ich nicht theilen, glaube vielmehr, dass sie nur das Product einer
fibrinösen Entzündung der Schleimhaut sind, weil ich sie bisweilen
gleichzeitig oder abwechselnd mit den gelblichen Eiterpfröpfchen
bei Kindern und Erwachsenen beobachtete, welche zur catarrhalischen
Angina besonders disponirt waren, und weil ich sie auch mit Abscess-
bildung in der Mandel einhergehen sah (S. 477). Niemals nahm in
diesen Fällen die Incisionswunde, auch wenn sie mitten durch das
croupöse Exsudat hindurchging, einen diphtherischen Charakter an.
Jedenfalls vermehren diese Dinge die Schwierigkeiten der Lage, und
man wird sich dann ebenso sehr vor der übereilten Diagnose „Diphtherie"
wie vor einem absolut beruhigenden Urtheil zu hüten haben.
Was die bacteriologische Untersuchung der aus den Rachen-
theilen abgestreiften Membranen betrifft, so habe ich bereits früher
(S. 477) erwähnt, dass dieselbe durch den Befund der Diphtherie-
bacillen eine grosse Bedeutung gewinnt. Diese Untersuchung hat zwar
für den damit Vertrauten keine grossen Schwierigkeiten, dauert aber,
wenn sie einigermaassen vollständig sein soll, mindestens 24 Stunden.
Der einfache microscopische Befund der Bacillen genügt nämlich nicht,
weil diese mit den sogenannten Pseudo-Diphtheriebacillen, über deren
pathogene Bedeutung noch Zweifel schweben'), äusserlich durchaus über-
') C. Fränkel (Berl. klin. Wochenschr. 1893. No. 11) erklärt sich für die
Ansicht von Roux und Yersin, dass dieser Bacillus nichts weiter als eine abge-
schwächte, nicht virulente Form des ächten Löf fler'schen Bacillus sei, unter
Umständen auch wieder virulent werden könne, während Escher i ch entschieden
für die absolute Verschiedenheit der beiden Bacillen eintritt (Berl. klin. Wochenschr.
1893. No. 21—23).
Diphtherie. 733
einstimmen. Man hat also wenigstens noch einen Culturversuch vorzu-
nehmen, der vor 24 Stunden nicht beendet zu sein pflegt. Um ganz
sicher zu sein, soll man aber schliesslich noch einen Impfversuch an
Meerschweinchen mit den erhaltenen Culturen anstellen. Das alles
lässt sich in Kliniken gut ausführen, nicht aber in der Stadt- oder gar
Landpraxis. Der praktische Arzt wird daher nur in den wenigsten Fällen
von der bacteriologischen Methode wirklichen Nutzen haben, und die
neuesten Untersuchungen1), durch welche das Vorkommen des Diphtherie-
bacillus auch auf normaler Schleimhaut und bei scheinbar einfachen
Anginen nachgewiesen wurde, geben zu Bedenken Anlass. Sie beweisen
wenigstens, dass die Bacillen nicht immer Pseudomembranen erzeugen
uud können sogar Zweifel erregen, ob sie überhaupt ohne eine bestimmte
„Disposition" zur Erzeugung der wahren Diphtherie ausreichen. Der
Praktiker wird daher am besten thun, den schon S. 477 gegebenen
Rath zu befolgen, d. h. zweifelhafte Fälle als „diphtherische" zu
behandeln, um sich vor jedem Vorwurf sicher zu stellen. Wichtig er-
scheint immer der Befund von Eiweiss im Urin; doch hat man zu be-
denken, dass derselbe bei Diphtherie, zumal während der ersten Tage,
vollständig fehlen kann.
Bedenklich ist von vornherein, wenn nicht bloss die Mandeln, son-
dern auch der Band des Gaumensegels, die Uvula, die Winkel zwischen
dieser und dem Velum, und die absteigenden Gaumenarcaden sich stellen-
weise mit den gefürchteten weissen Plaques bedecken. Selbst unter
diesen Umständen können die Schlingbeschwerden fehlen oder sehr un-
bedeutend, das Fieber massig, die allgemeine Euphorie nur wenig gestört
sein. Oft genug sah ich Kinder mit recht ausgedehnten Belägen der
Rachentheile zu Fuss in die Poliklinik kommen, welche entweder über
gar nichts oder über „den Leib" klagten, keine Lust zum Spielen hatten
und nur deshalb der Klinik zugeführt wurden, weil die Eltern, durch
die gleiche Erkrankung oder den Tod eines anderen Kindes beunruhigt
den Hals untersucht und dabei die Krankheit entdeckt hatten. Ich kann
diese Toleranz vieler Kinder für die beginnende Diphtherie nicht genug
betonen, weil sie häufig die Ursache ist, dass die Krankheit vollständig
übersehen wird, und ich lege es Ihnen dringend ans Herz, bei jedem
Kinde, welches fiebert oder sich nur in seinem Wesen ver-
ändert zeigt, auch wenn gar keine localen Zeichen vorhanden
sind, den Rachen sorgfältig zu untersuchen. Meine Zuhörer
') C. Fränkel, Escherich, Feer (Schweizer. Correspondenzbl. XXIII.
1893) u. A.
734 Infectionskranlthoiton.
waren öfters Zeugen davon, dass diese Untersuchung eine schon stark
entwickelte Diphtherie ergab, von welcher weder die Eltern noch der
Arzt eine Ahnung gehabt hatten. Die Krankheit bleibt dann latent,
bis entweder der plötzliche Eintritt drohender Erscheinungen oder gewisse
Nachkrankheiten, besonders Lähmungen, zeigen, dass man sich eine Ver-
nachlässigung zu Schulden kommen liess. Während also selbst bei aus-
gedehnter Rachendiphtherie sowohl die localen, wie die allgemeinen
Symptome, wenigstens in den ersten Tagen, geringfügig sein können,
bietet die in vielen Fällen bemerkbare Theilnahme der Nasenschleim-
haut ein charakteristisches Symptom (Ooryza s. Rhinitis diphtherica),
welches jeden erfahrenen Arzt sofort beunruhigt, und welches ich bei
der nicht specifischen Angina in dieser Weise noch nicht beobachtet habe.
Die Kinder schnarchen ungewöhnlich während des Schlafes, athmen auch
im wachen Zustande hörbar durch die Nase, aus welcher ein dünnes
eiteriges Secret reichlich hervorquillt oder ausgepresst werden kann.
Beim Schreien und anderen exspiratorischen Acten kommt dieser Aus-
fluss besonders zum Vorschein, welcher allmälig die Naseneingänge und
Oberlippe röthet und erodirt. Die Diphtherie der Nasenhöhle hat hier
dieselbe ungünstige Bedeutung, wie der necrotisirende Process beim
Scharlachfieber (S. 673). Ich will zwar keineswegs behaupten, dass die
Coryza diphtherica immer einen schlechten Ausgang der Krankheit ver-
kündet, da ich auch manche leichteren Fälle mit einem massigen Grade
derselben verlaufen sah; im Allgemeinen aber halte ich die Theilnahme
der Nasenschleimhaut, besonders wenn sie einen höheren Grad erreicht,
für ein schlechtes Omen. Mit wenigen Ausnahmen sind beide Nasen-
höhlen gleichzeitig befallen. Häufig ist der serös-eiterige Ausfluss aus
der Nase mit Blut vermischt, und in Folge der Ablösung diphtherischer
Schorfe, welche besonders beim Ausspritzen der Nase in grösserer oder
geringerer Menge entleert werden, kommt es auch zu starken Blutungen
aus der Nase, welche die schon vorhandene Schwäche noch steigern und
deshalb immer besorguisserregend sind. Besonders bei kleinen Kindern
in den ersten Lobensmonaten, welche noch nicht sprechen können, halte
ich die Coryza für ein äusserst wichtiges Symptom, weil sie oft zuerst
den Verdacht einer Diphtherie erregte und mich zur Untersuchung des
Pharynx veranlasste; aber auch bei grösseren Kindern bestimmten mich
öfters die wiederholten Nasenblutungen und die Anschwellung der Nase
dazu, den Hals zu besichtigen und dadurch die Diphtherie zu entdecken.
Das durch die Schwellung der Mucosa bedingte Schnarchen kann be-
sonders während des Schlafes so laut werden, dass es mit dem steno-
tischen Geräusche des Croup Aehnlichkeit hat; man braucht aber dem
Diphtherie. 735
Kinde nur den Mund zu öffnen, um dasselbe zu vermindern und dadurch
der Verwechselung zu entgehen.
Die diphtherische Coryza entwickelt sich aber nicht immer vom
Rachen her; sie kann vielmehr auch die Scene eröffnen und die Einlei-
tung des ganzen Leidens bilden. Nur sehr selten bleibt dann
die Diphtherie auf die zuerst befallene Nasenschleimhaut beschränkt,
dehnt sich vielmehr meistens durch die Choanen über den Rachen aus.
Man erfährt dabei oft, dass die Kinder schon 8 — 10 Tage an einem
starken Schnupfen gelitten haben, welcher indess kaum beachtet wurde, bis
die weitere Ausbreitung oder gar schon croupöse Symptome Besorgniss erreg-
ten. Leider lässt sich diese Coryza im Beginn von einem gewöhnlichen
starken Schnupfen nur dann sicher unterscheiden, wenn man, was bisweilen
vorkommt, weissliche, bis gegen die Nasenlöcher herabreichende Exsudate
deutlich sehen kann, während die rhinoscopische Untersuchung, zumal
bei kleineren Kindern, fast unüberwindliche Schwierigkeiten darbietet.
Man achte daher besonders auf etwa vorhandenes Fieber (ich sah eine
solche Coryza mit 40,0° beginnen), Oedem der äusseren Nase, unge-
wöhnliches Schnarchen, serösblutigen Ausfluss aus der Nase, allgemeine
Apathie und blasses, hinfälliges Aussehen — ein Complex von Erschei-
nungen, welcher für die diphtherische Natur des Schnupfens spricht.
Gewissheit giebt allerdings immer erst das Herabsteigen der Krankheit
in den Rachen, oder die Ausstossung membranöser fetzen aus der Nase,
welche ich wiederholt hier, wie beim Scharlach beobachtet habe. Ein
Beispiel dieser Art theilte ich schon oben (S. 674) mit, und dasselbe
beobachtete ich bei einem 3jährigen Kinde, welches gleichzeitig an Con-
junctivitis und Otitis diphtherica litt, und bei welchem auch einige
furuneulöse Abscesse am Halse und auf der Brust sich mit diphthe-
rischen Belägen überzogen; ferner bei einem 13jährigen Mädchen mit
massiger Rachen- und Nasendiphtherie, aus dessen Nase am 14. Tage
der Krankheit ein ansehnlicher Membranfetzen herausgezogen wurde.
Viel seltener als in der Nase beginnt die Diphtherie an der Lippen-
schleimhaut in Gestalt grauweisser, den confluirenden Plaques der
Stomatitis aphthosa (S. 463) ähnlicher Einlagerungen, auf welche ich
36 bis 48 Stunden später Rachendiphtherie folgen sah. In einem Falle
dieser Art ging die Diphtherie von den Lippen auf den Zungenrand
über und wurde schon am folgenden Tage unter croupösen Symptomen
letal. Da ich diese Art der Entwickelung bisher nur in der Klinik be-
obachtet habe, so möchte ich eine hier erfolgte diphtherische Infection
bereits vorhandener Erosionen oder Rhagaden der Lippen annehmen.
Auch der Boden der Mandhöhle und das Zungenbändchen wurden in
736 Infectionskraukheiteu.
zwei Fällen, von denen der eine glücklich endete, diphtherisch afficirt.
Bei mehreren Kindern, die von der Augenabtheilung auf meine Station
verlegt wurden, hatte Conjunctivitis diphtherica, in noch an-
deren ein diphtherischer Belag bereits länger bestehender Eczcme des
Gesichts oder des Ohrs den Anfang gemacht, und wir sahen nun die
weitere Entwicklung auf der Lippen- und Rachenschleimhaut unter un-
seren Augen vor sich gehen. Zuweilen sah ich auch die Affection an
den Genitalien kleiner Mädchen beginnen und von hier aus den gan-
zen Organismus inficiren:
Clara D., 3'/2jährig, aufgenommen am 29. Juli, gut genährt, scrophulös,
mit doppelseitiger Conjunctivitis phlyctaenosa, sehr blass. Seit einigen Tagen
beide grosse Schamlippen stark geschwollen und geröthet; ihre innere
Fläche erodirt und nässenil, ebenso der Mons Veneris und die innere Fläche der
Oberschenkel. Leistendrüsen geschwollen. Kein Fieber. Vom 3. August an Fieber,
Ab. 39,3. Auf den Schamlippen bilden sich zahlreiche, scharf umschriebene, tief
dringende Geschwüre von Linsen- bis Bohnengrösse, die zum Theil confluiren und
sich mit grauweissen adhärenten Massen bedecken. Vom 7. an Diphtherie
der Lippen mit Blutung, den 10. auch der Mundwinkel, der Kinnfalte und der
rechtsseitigen Conjunctiva. Submaxillare Drüsenschwellung. Steigende Tempe-
ratur; Ab. 40,4. Am 16. auch Diphtherie der Tonsillen, der Uvula und der
linken Conjunctiva. Zerstörung beider Hornhäute und Perforation. Den 19. Tod im
Collaps. Section fehlt.
Anna M , 1 jährig, aufgenommen am 20. Juli. Seit einer Woche Diphtherie
der Genitalien, welche auf die Infection einer vorhandenen Intertrigo durch
zwei an Rachendiphtherie erkrankte Geschwister zurückzuführen war. Gut genährtes
Kind, sonst vollkommen gesund. Grosse Schamlippen stark geschwollen und ge-
röthet, mit schmutzig grauem membranösem Belag, welcher sich bis zum Anus aus-
dehnt. Röthe bis über den Mons Veneris und die Regio hypogastrica verbreitet. T.
37,8—38,0. Diarrhoe. Tod den 22. an plötzlichem Collaps. Bei der Section
alles normal, bis auf die Genitalien.
Marie 0., 4jährig, aufgenommen am 1. October. Beide Labien stark ge-
schwollen, roth, mit grauweissem Belag, sehr empfindlich. Sonst gesund, kein
Fieber. Fomentationen von Aq. plumb. 500,0 mit Acid. carbol. 5,0. Am folgenden
Tage Uebergang der Diphtherie auf die lnguinalgegend mit ausgedehntem rothem
Hof. Vom 4. an Reinigung der befallenen Theile, Abstossung der Schorfe; am 12.
völlige Heilung unter dem Gebrauch einer Salbe von Argent. nitr. 0,2, Balsam peruv.
gtt. xx. Ungt. simpl. 20,0.
Mädchen von 1 '% Jahren. Diphtheritis vulvae. Tod nach 4 Tagen unter
Collaps. Section. Die ganze Vulva bildet eine missfarbige stinkende Geschwürs-
fläche, Labien bis zum Mons Veneris mit Pseudomembranen bedeckt, rings herum
diffuse Röthe.
In anderen Fällen begann die Diphtherie in der Rachenhöhle und
befiel erst im weiteren Verlaufe die Vulva, von wo sie sich über das
Diphtherie. 737
Perineum bis an den Anus , selbst in den Mastdarm erstreckte.
Ich bemerke dabei, dass in den darauf untersuchten Fällen dieser
Art in den Pseudomembranen der Genitalien die Diphtherie-
bacillen ebenso gut nachgewiesen werden konnten, wie in denen der
Rachenhöhle.
Die angeführten Beispiele zeigen also, dass der diphtherische ln-
fectionsstoff, den wir als einen bacillären kennen gelernt haben, an
verschiedenen Stellen (Nase, Lippen, Oonjunctiva, Genitalien, äussere
Haut) in den Organismus eindringen, und auch ohne den Rachen zu er-
greifen, tödtlich werden kann. Am häufigsten aber geschieht dies durch
den Pharynx, wo der lnfectionsstoff in den Falten der Tonsillar-
schleimhaut sich einzunisten scheint, und von hier aus seine deletären
Wirkungen entfaltet. Bei sorgfältiger Untersuchung der Tonsillen sieht
man in der That, dass die Exsudate sich keineswegs nur auf der freien
Fläche befinden, sondern in alle Falten und Lacunen Ausläufer hinein-
senden, welche diese vollständig ausfüllen. Ueber die Frage, ob der ln-
fectionsstoff ohne Effect den Rachen zu passiren und zuerst im Larynx
seine Wirkungen zu entfalten vermag, wie die Gegner des rein ent-
zündlichen Croup annehmen , habe ich mich oben (S. 349) aus-
gesprochen.
So viel von den verschiedenen Arten der Entwickelung unserer
Krankheit. Ich kehre nunmehr zur Schilderung ihrer typischen Form,
der Nasen- und Rachendiphtherie zurück. Den Schrecken, welchen
diese Diagnose in der Familie verbreitet, werden Sie nur allzu häufig
kennen lernen. Wie beim Scharlach, sei man auch hier sehr vorsich-
tig in der Prognose. Beruhigung der Eltern um jeden Preis halte
ich nicht für räthlich. Denken Sie immer daran , dass auch bei
den anscheinend leichtesten Graden der Krankheit ganz unerwartet
äusserst bedenkliche Erscheinungen eintreten können, auf deren Mög-
lichkeit die Umgebung meiner Ansicht nach immer vorbereitet sein
sollte. Ueber den Verlauf der Krankheit lässt sich von vornherein gar
kein Urtheil fällen; er ist unberechenbar, und wenn ich der besseren
Schilderung wegen eine leichte, eine mittelschwere und eine schwere Form
unterscheide, so bin ich doch selbst der erste, der das Ungenügende
dieser Eintheilung zugiebt, weil die erste Form jeden Augenblick in
die zweite und dritte übergehen kann.
1. Die leichte Form. Die Beläge beschränken sich hier auf die
Mandeln, allenfalls noch auf den Rand des Velum und der Uvula. Sie
haben eine weisse Farbe und erscheinen locker aufgelagert, ähnlich
dem croupösen Exsudat. Die Nasenschleimhaut ist frei oder nur von
Henoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 47
738 Infectionskrankheiten.
leichter Coryza befallen, die subm axillaren Lymphdrüsen sind massig
geschwollen, kaum empfindlich. Fieber kann vollständig fehlen, und
wo es vorhanden ist, hebt sich die Temperatur nur selten über 38,5
oder 39° und remittirt stark in den Morgenstunden. Die Pulsfrequenz
schwankt je nach dem Alter zwischen 120 und 144, und die Qualität
des Pulses bleibt eine gute, d. h. die einzelnen Schläge sind deutlich
getrennt von einander, die Spannung der Arterienwand ist nicht ver-
mindert. Das Allgemeinbefinden braucht wenig oder gar nicht gestört
zu sein. Viele Kinder verlieren kaum den Appetit, zeigen einen massigen
grauen Belag der Zunge, laufen im Zimmer herum oder sitzen spielend
im Bette. Nach einer durchschnittlichen Dauer von 8 bis 12 Tagen,
nachdem sich die Beläge allmälig von der Schleimhaut der Mandeln ge-
löst und stückweise abgestossen haben, pflegen auch die zurückgebliebenen
oberflächlichen Substanzverluste, welche bei Berührungen leicht bluten,
sich zu überhäuten, und bald findet man als einzigen Rest nur noch
einen dunkelrothen Fleck an der erkrankten Stelle. Sie müssen aber
immer darauf vorbereitet sein, nach der Abstossung des Belags entweder
an derselben Stelle oder dicht daneben wieder neue Beläge auftreten
zu sehen, wobei auch das geschwundene Fieber wiederkehren, und der
ganze Process auf 2 — 3 Wochen verlängert werden kann. Nachschübe
dieser Art nach Pausen von 2 — 3 Tagen sind mir keineswegs selten
vorgekommen. Auch in dieser leichten Form kann der in seinem
Aeusseren normale, höchstens etwas spärliche Urin kleine Mengen Ei-
weiss enthalten, ohne dass dadurch die Prognose getrübt wird. Herpes
labialis kam mir nur ausnahmsweise vor, einmal bei einem 11 jährigen
Mädchen, wo die Bläschen in Excoriationen der Nasenlöcher mit diphtherischen
Belägen übergingen, ohne dass der günstige Verlauf dadurch gestört wurde.
2. Die mittelschwere Form. Ausser den Mandeln finden Sie
hier das Velum, die Uvula, auch wohl die hintere Pharynxwand mit
grauweissen Plaques bedeckt, welche eine speckige Beschaffenheit
zeigen, d. h. in das Gewebe der Schleimhaut tiefer infiltrirt er-
scheinen. Der Erfahrene ist im Stande, schon aus dieser äusseren Form
der Localaffection prognostische Schlüsse zu ziehen, mögen auch die
übrigen Symptome, zumal das Allgemeinbefinden, durchaus günstig er-
scheinen. In allen diesen Fällen hat man, wenn nicht den Tod, doch
schwere Symptome zu befürchten. — Nicht selten wird, wie ich schon
bemerkte, das aus den Choanen über die hintere Rachenwand fliessende
schleimig- eiterige Secret für einen diphtherischen Belag gehalten, kann
aber durch Gurgeln und Hinüberstreichen mit dem Pinsel leicht entfernt
werden, während der eigentliche Belag gerade hier fest zu haften pflegt,
Diphtherie. 739
Die Nasenhöhle ist stärker ergriffen, der Ausfluss reichlicher, graugelb-
lich, blutig, oft fötid, wie auch der Geruch aus dem Munde. Die Schwel-
lung der Rachentheile und der Nasenschleimhaut ist bedeutend, das Schnar-
chen lauter, der Isthmus faucium mehr verengt, wobei die Schling-
beschwerden heftig, aber auch sehr gering sein, ja sogar ganz fohlen
können. In manchen Fällen sah ich die Uvula bis zur Dicke eines
kleinen Fingers angeschwollen und vollständig von einem weissgrauen
Exsudat, wie mit einem Handschuhfinger, überzogen. Wenn das Fieber
auch hier fehlen oder massig bleiben kann (38—39,5), so kommen
doch bisweilen in den ersten Tagen Temperaturen von 40 bis 41° mit
heftigen Delirien und Somnolenz vor, die mitunter günstiger verlaufen,
als die fieberlosen. Ferner ist das Allgemeinbefinden stark getrübt,
die Lust zum Spielen verloren, die Apathie grösser, und Somnolenz be-
merkbar, sobald die Kinder sich selbst überlassen werden. Der Appetit
fehlt meistens, die Zunge ist dick graugelb belegt, nur selten hochroth,
mit vortretenden Papillen an der Spitze. Erbrechen findet häufig in
den ersten Tagen der Krankheit statt. Der Urin ist sparsam, enthält
meistens Eiweiss, Epithelien und blasse Cylinder. Auch hier ist dies
Symptom, wenigstens meiner Erfahrung nach, für die Prognose ohne er-
hebliche Bedeutung, da ich sehr oft Kinder mit reichlicher Albuminurie
gesund werden, andere, deren Urin durchweg frei von Eiweiss blieb oder
nur massige Mengen enthielt, zu Grunde gehen sah. Nicht selten kommt
es zu einer besorgnisserregenden Veränderung der Stimme; die Kinder
werden mehr oder weniger heiser, selbst bis zur Aphonie, be-
kommen auch wohl einen rauhen heiseren Husten, welcher an Croup
erinnert. Die Befürchtung, dass dies Symptom das Herabsteigen des
diphtherischen Processes in den Larynx verkündet, ist unter diesen Um-
ständen sehr natürlich. Man muss dann immer auf den Eintritt hef-
tiger croupöser Erscheinungen und auf die Notwendigkeit der Tracheoto-
mie vorbereitet sein. Trotzdem sah ich in einer ziemlich grossen Zahl
von Fällen diese anscheinend bedenklichen Symptome, nachdem sie viele
Tage, einmal sogar 1 '/2 Wochen lang lebhafte Besorgnisse erregt hatten,
sich allmalig wieder zurückbilden und verschwinden, und es liegt daher
nahe, in solchen Fällen nur einen Oatarrh der Schleimhaut anzuneh-
men, welcher vom Pharynx aus sich bis über die Stimmbänder aus-
breitete. Eine am 16. Juli 1878 gemachte Section lehrte mich aber,
dass auch ernstere Veränderungen im Larynx unter diesen Umständen
nicht auszuschliessen sind. Bei einem Kinde, welches im Gefolge der
Rachendiphtherie die oben erwähnten laryngealen Erscheinungen 4-5 Tage
lang, jedoch ohne Athemnoth, dargeboten, dann aber seine normale
47*
740 lnfectionskrankheiten.
Stimme wieder bekommen hatte und kaum noch hustete, fand sich nach
dem an Oollaps plötzlich erfolgten Tode die Schleimhaut des Larynx
und der Trachea hie und da mit einer dünnen, croupösen Auflagerung
bedeckt, woraus sich ergiebt, dass man nicht berechtigt ist, in allen
Fällen, in welchen eine Rückbildung der Heiserkeit und des crou-
pösen Hustenklanges erfolgt, nur an einen einfachen Catarrh zu denken .
Leider ist die laryngoscopische Untersuchung, welche hier am besten
Aufschluss geben würde, nur bei den wenigsten Kindern mit sicherem
Erfolg auszuführen, und man wird daher meistens in Zweifel darüber
bleiben, ob man es nur mit einem Catarrh, oder mit einem croupösen
Process zu thun hatte. Man vergleiche z. B. folgende Fälle:
Anna L., 3jährig, aufgenommen am 10. October mit Diphtherie des Pharynx,
welche seit 5 Tagen bestand. Am 15. Rachentheile wieder fast normal, nur die Ton-
sillen noch roth und geschwollen. Kein Fieber. Am 18. plötzlich Heiserkeit,
Athmen etwas erschwert, Inspiration stridulös, rauher Husten, T. Abends 38,9;
P. 168. Während der nächsten Tage (vom 19. — 23.) starkes Fieber mit Abendtempe-
raturen von 40,2 — 41,1 ; P. 144 — 160. Larynxsymptome fortbestehend, in der Nacht
vom 22. zum 23. sogar Anfälle von Dyspnoe, welche schon an die Tracheotomie
denken Hessen. Danach Abnahme aller Symptome unter dem Gebrauch von Tartar.
stibiatus. Vom 24. an Schwinden des Fiebers, am 29. Stimme klarer, normaler
Athem. Entlassung am 2. November.
Anna Th., öjährig, aufgenommen am 10. März mit Rachendiphtherie, welche
auf der linken Tonsille einen tiefen ulcerösen Substanzverlust hinterlassen hatte.
Dabei seit einigen Tagen Heiserkeit, stridulöse Inspiration, ohne Dyspnoe.
Am nächsten Tage totale Aphonie. Die Anfälle einer gleichzeitig bestehenden
Tussis convulsiva zeichnen sich dadurch aus, dass die giemenden Inspirationen,
welche die Hustenstösse begleiten, einen rauhen croupähnlichen Charakter haben,
so dass man schon daraus auf Theilnahme der Glottis schliessen konnte. Albumi-
nurie in massigem Grade, Fieber gering (37,8—38,6). Behandlung mit Inhalationen
von Kalkwasserspray, innerlich Eisen. Am Abend des 13. Athem ruhig, ohne Neben
geräusch, am 14. Stimme beim lauten Intoniren klangvoller. Von nun an allmälige
Besserung.
Marie B., 3' , Jahre alt, Reconvalescentin von Bronchopneumonie. Am 1. Fe-
bruar leichte Angina ohne Fieber. Den 5. Beläge auf beiden Tonsillen, Abds. Temp.
38,6. In den nächsten Tagen abendliches Fieber bis 40,1; starke graugelbe Beläge,
die sich am 9. abstossen mit abnehmendem Fieber. Dagegen macht sich nun Heiser-
keit, und am 10. croupöser Husten bemerkbar. R. 40, stridulös, mit massiger
Einziehung des Epigastrium. Am 11. Einziehung stärker, Anfälle von Dyspnoe.
Wechselnder Zustand bis zum 2. April, an welchem Tage alle respiratorischen
Symptome verschwunden und die Gefahr beseitigt scheint. Behandlung bestand in
Inhalationen von Kalkwasserspray und kleinen Dosen von Tartar. stibiatus.
Amalie R., 6jährig, aufgenommen mit Pharynxdiphtherie am 4. October. Am
6. stenotische Inspiration, R. 34, T. 39—40. Den 8. erhebliche Zunahme der
croupösen Symptome, Abends Einziehung der unteren Thoraxpartie, Crouphusten.
Diphtherie. 741
Dauer bis zum 12. in massigem Grade, dann Verschwinden aller croupösen Sym-
ptome bis zum 14., worauf dieselben am 14. und 17. von neuem eintraten, um
schliesslich einem einfachen Bronchialcatarrh Platz zu machen.
In diesen Fällen konnte kein klares laryngoscopisches Bild wegen
der Widersetzlichkeit der Kinder gewonnen werden. Da ich aber bei
einem älteren Knaben, welcher den Mund sehr weit öffnen konnte, ohne
Kehlkopfspiegel deutlich beobachtete, wie der freie Rand der Epiglottis
sich allmälig mit einem weissen diphtherischen Belag überzog, und auch
hier nach der Abstossung desselben vollständige Heilung eintrat, so
glaube ich mit Rücksicht auf den oben (S. 739) mitgetheilten Sections-
befund annehmen zu dürfen, dass auch der diphtherische Process im
Larynx, wenn er nur in gewissen Grenzen bleibt;, sich häufiger zurück-
bildet, als man im Allgemeinen glaubt.
Die Dauer der mittelschweren Diphtherie beläuft sich im Durch-
schnitt auf 14 Tage, doch zieht sie sich nicht selten in Folge wieder-
holter Nachschübe und schwer heilender Ulcerationen auf 3 bis
4 Wochen hinaus. Da nämlich das Exsudat hier tiefer in das Gewebe
der Rachenschleimhaut infiltrirt ist, so geschieht auch die Lösung und
die necrotische Abstossung desselben langsamer, und es bleiben tiefere
Ulcerationen der Mandeln und des Gaumensegels, zumal der Uvula zu-
rück, deren Vernarbung längere Zeit in Anspruch nimmt. Dieser Hei-
lungsprocess kann zwar ganz ohne Fieber verlaufen, nicht selten aber
dauert ein remittirendes Fieber Wochen lang fort und bedingt zunehmende
Schwäche und Abmagerung. Nachschübe diphtherischer Producte
(S. 738), die meistens einen neuen Aufschwung des Fiebers zur Folge
hatten, sah ich noch am 20. Tage der Krankheit auftreten.
Mädchen von 9 Jahren, aufgenommen mit Diphtherie der Mandeln und der
hinteren Rachenwand am 5 1. September. Abstossung aller Schorfe, Recidiv am 19.
auf beiden Mandeln, Dauer bis zum 8. October. Darauf Pause bis zum 18., an wel-
chem Tage der Pharynx von neuem diphtherisch erkrankt, mit Schwellung der sub-
maxillaren Lymphdrüsen. Am 26. October ist der Belag am stärksten, dabei crou-
pöse Symptome (rauher Husten und Heiserkeit). Danach Heilung, Entlassung am
9. November nach einer Dauer von 2 Monaten.
Um eine neue Infection kann es sich in solchen Fällen') nicht
handeln. Da die Bacteriologen noch 5—14 Tage nach der Abstossung
der Membranen virulente Diphtheriebacilien auf der Schleimhaut
') „Diphtherie prolongee" v. Cadet de Gassicourt, Revue mens. Jan-
vier 1883.
742 Infectionskrankheiten.
gefunden haben '), so muss man annehmen, dass diese die Recidive
hervorrufen. In der That soll nach den Beobachtungen von Loeffler
das Wiederaufflammen der Krankheit immer mit einem erneuten Auf-
treten der Bacillen verbunden gewesen sein.
Die submaxillaren Drüsenschwellungen bilden sich in der
Regel mit der Heilung der Pharynxaffection zurück, viel seltener als
beim Scharlach kam es hier zu Phlegmone und Abscessbildung, welche
Incisionen nöthig machte. Verwüstende Eitersenkungen aber, die beim
Scharlach nicht zu den Seltenheiten gehören, oder ausgedehnte, harte,
zu Gangrän neigende Infiltrationen (Angina Ludwigi) beobachtete ich hier
nur in vereinzelten Fällen.
Während der Heilungsperiode sieht man bisweilen necrotische Fetzen,
welche noch theil weise an der Schleimhaut haften, bei jeder In- und
Exspiration im Rachen flottiren, oder die Kinder expectoriren grössere
abgestossene Stücke, welche mitunter einen vollständigen Abguss der
Uvula darstellen. Ganze Stücke der infiltrirten und necrotisirten Mandel
können auf diese Weise abgestossen werden, und es kommt dann leicht
zu mehr oder weniger reichlichen Blutungen aus der Rachen- und
Nasenhöhle, welche den schon vorhandenen Schwächezustand bedenklich
steigern. In einzelnen Fällen sah ich die ganze Uvula oder wenigstens
einen Theil derselben durch Ulceration verloren gehen, und tiefe narbige
Einkerbungen des freien Velumrandes zurückbleiben, bei mehreren Kin-
dern auch vollständige erbsen- bis bohnengrosse Perforationen des
Velum auf einer oder beiden Seiten zu Stande kommen. Viel seltener
als bei Scharlach und Masern ging der Process durch die Tuba Eustachii
auf das Mittelohr über und gab zu hartnäckiger Otitis und deren
Folgen Anlass2).
In Folge der grossen Schwäche und verminderten Energie des
Herzens kann es noch in der Reconvalescenz zu Thrombose grösserer
Venen kommen:
Alice M ., 1 1 jährig. Vor 5 Wochen Diphiherie, nach welcher enorme Schwäche
mit kaum fühlbarem Pulso zurückblieb. Anfang Februar Gaumenlähmung, Galopp-
rhythmus des Herzens. Urin etwas albuminös. P. 140, äusserst klein. Vom 7. Fe-
bruar an Oedem der ganzen linken unteren Extremität bis zur Inguinal-
falte herauf, mit grosser Empfindlichkeit gegen Berührung und Bewegung. Nach
10 Tagen Verschwinden aller krankhaften Erscheinungen unter einer tonisirenden
Behandlung. —
') Heubner, Schmidt's Jahrb. Bd. 236, S. 267. — Escherich, Wien. klin.
Wochenschr. 1893. No. 7-10.
2) Moos, Histologische und bacterielle Untersuchungen über Mittelohrerkran-
kungen u. s.w. Wiesbaden 1890.
Diphtherie. 743
3) Die schwere Form. Die Gefahr der Diphtherie wird vorzugs-
weise durch drei Umstände bedingt, einmal durch ihre der Scarlatina
ähnliche virulente Einwirkung auf das Herz, zweitens durch ihre
Neigung, sich vom Rachen aus in die Luftwege fortzusetzen (diph-
therischer Croup), und drittens durch die vorwiegende Tendenz zur
Sepsis (nach dem heutigen Sprachgebrauch „Mischinfection durch sep-
tische Streptococcen"). Mit diesen Gefahren haben Sie in jedem Falle
von Diphtherie zu rechnen, selbst wenn die Krankheit zuerst in milder
Form auftritt. Es ist durchaus nichts seltenes, dass schon nach einigen
Tagen, oder erst im weiteren Verlaufe der Krankheit, die bis dahin an-
scheinend leicht verlief, der Puls plötzlich sehr frequent und klein,
selten langsam und unregelmässig wird, und ein schnell tödtlicher
Oollaps eintritt, dass ferner zu einer Zeit, in welcher die Rachen-
affection schon in der Rückbildung war und alles eine baldige Heilung
versprach, mit einem Mal croupöse Symptome sich geltend machen,
während septische Erscheinungen in der Regel schon frühzeitig aufzu-
treten pflegen.
In diesem Falle tritt die Diphtherie von vornherein in schwerer
Form auf, und bekundet dies oft durch ein mit grosser Intensität ein-
setzendes Initialfieber (40°) und eine ungewöhnliche Pulsfrequenz von
140 — 160 Schlägen. Grosse Apathie, Somnolenz, vollständige Anorexie
oft auch Erbrechen, gehen damit Hand in Hand. Unüberwindliche
Anorexie zähle ich zu den bedenklichsten Symptomen. Die Kinder ver-
weigern alle und jede Nahrung und müssen, leider meistens ohne Erfolg,
durch Klystiere (von Pepton, Bouillon oder Milch mit Eigelb oder Wein)
ernährt werden, da eine Fütterung durch die Schlundsonde durch die
Affection des Pharynx oft ausgeschlossen ist. Mit der letzteren, welche
nicht immer die höchsten Grade darzubieten braucht, hie und da so-
gar überraschend geringfügig erscheint, verbindet sich hier immer
intensive Coryza mit reichlichem, foetidem Secret, oedematöser Schwellung
der äusseren Nase, oft auch der Augenlider, und starkem Schnarchen,
wobei die Kinder mit offenem Munde athmen. Die Stimme ist näselnd,
schwer verständlich; viele sind überhaupt gar nicht zum Sprechen zu
bewegen und verfallen, kaum erweckt, wieder in Gleichgültigkeit und
Somnolenz. Aus dem Munde dringt ein äusserst foetider Geruch, und
die hie und da vorhandene Salivation erschien mir immer als ein be-
sonders ungünstiges Zeichen; die submaxillaren Lymphdrüsen sind stark
geschwollen, und nicht selten kommt es zu einer ausgedehnten an die
Ludwig'sche Angina erinnernden brettharten Infiltration des ganzen
submaxillaren Bindegewebes, seltener zu einer diffusen teigigen Anschwel-
744 lofectionskrankheiten.
lung der Parotidengcgend bis zu den Augenlidern herauf. Blutungen
aus der Nase und den geschwürigen Rachentheilen können durch zu-
nehmende Erschöpfung den tödtlichen Ausgang beschleunigen. Wieder-
holt mussten wir deshalb die Nasenhöhle tamponiren oder Injectionen
von Liquor ferri sesquichlor. in diese und die Rachenhöhle machen, um
den drohenden Collaps zu verhüten. Auch Petechien und grössere
Purpuraflecke kommen oft auf verschiedenen Theilen, selbst auf der
Conjunctiva bulbi zum Vorschein, und fast niemals ist der sparsame
Urin frei von Eiweiss und nephritischen Elementen. Anschwellungen der
Gelenke, welche von einzelnen Autoren erwähnt werden, habe ich selbst
nur ausnahmsweise beobachtet, bei einem 3 '/, jährigen Kinde, dessen
rechtes Knie- und Fussgelenk während einiger Tage geschwollen waren,
wo ich aber nicht sicher bin, ob es sich um wirkliche Diphtherie
oder um Scharlach handelte, und noch in einigen Fällen, die in der
Reconvalescenz ein paar Tage fieberlose Anschwellungen der Kniegelenke
darboten. Wiederholt wurden die Augen befallen, wobei es schliesslich
zum Durchbruch der Cornea und zur Necrose der ganzen Vorderpartie
des Bulbus kam, so dass die Linse freiliegend gefunden wurde.
In allen Schilderungen der Diphtherie ist viel von Exanthemen
die Rede, welche im Verlaufe der Krankheit, zumal in den schweren
Fällen auftreten sollen, und entweder als diffuse Erytheme oder als mehr
oder weniger reichliche Roseolen beschrieben werden. Obwohl ich auf
diese Ausschläge immer sorgfältig achtete, gelang es mir doch nur in
einer verhältnissmässig kleinen Reihe von Fällen, sie mit Sicherheit zu
constatiren, und zwar nicht bloss in der schweren, sondern auch in der
mittelschweren Form mit günstigem Ausgange. Bei einem 2jährigen
Kinde, welches an Collaps zu Grunde ging, zeigte sich erst am Todes-
tage auf dem Gesicht und den Nates eine confluirende Röthe, während
auf Bauch und Rücken stecknadelkopfgrosse Papeln aufschössen. Sonst
zeigten sich immer nur Roseolen oder Erytheme, sehr selten Papeln oder
ein Erythema urticatum, welche ein paar Tage bestanden, ohne dass
dabei eine Steigerung des Fiebers stattfand. Gerade darauf aber lege
ich einen besonderen Werth, weil ich überzeugt bin, dass viele Exan-
theme, welche man als diphtherische beschrieben hat, nichts weiter
waren, als Scharlach, dessen Eintritt dann immer mit einer cha-
rakteristischen Steigerung der Temperatur verbunden ist'). Bei drei
Kindern sah ich während des Verlaufs der Diphtherie unter Fieber-
') Damit stimmen die Beobachtungen von Gaclet de Gassicourl iiberein.
Unter 932 Diphtheriefällen waren nur 37 Fälle von Erythemen begleitet.
Diphtherie. 745
Steigerung (bis 40,0) Varicellen ausbrechen, neue Beispiele für das
gleichzeitige Bestehen zweier Infectionskrankheiten (S. 649). Alle drei
Fälle endeten glücklich.
Unter allen Symptomen der schweren Form sind aber die vom Herzen
ausgehenden ganz besonders zu fürchten. Auf die Deutung derselben
werde ich später eingehen. Das klinische Bild stellt sich als „diph-
therischer Collaps* dar. Der Puls wird immer schneller (160 und
mehr) und schwächer, oft unregelmässig und ungleich, seltener verlang-
samt. Hände, Füsse und Wangen werden kühl, die Haut und die sicht-
baren Schleimhäute etwas cyanotisch, bisweilen auch icterisch, wobei
das Fieber nicht immer sinkt, vielmehr, wie ich wiederholt beobachtete,
bis zuletzt sehr hoch (40,8) bleiben oder erst am Todestage die höchste
Temperatur erreichen kann. Doch fehlt es auch keineswegs an Fällen
dieser Art, welche ohne jede Temperatursteige rüng bis zum Ende
verlaufen, zumal wenn Larynx und Lungen frei bleiben. Einige Kinder
bekommen in diesem Zustande starkes Erbrechen, andere deliriren, die
meisten liegen ganz schlaff in einem soporösen Zustande, mit fahlgelb-
lichem Antlitz, starren oder halbgeöffneten Augen, und sind nur schwer
oder gar nicht mehr zu erwecken. Doch kamen mir vielfach auch solche
vor, die mit kalten Extremitäten und fadenförmigem Pulse bei vollem
Bewusstsein noch aufrecht sassen und mit erloschener Stimme den Eltern
zusprachen. Während der Puls gänzlich unter dem Finger schwindet,
wird auch der Herzstoss immer schwächer, nicht selten unregelmässig,
der zweite Herzton immer undeutlicher. Die Zahl der Respirationen sinkt
bisweilen auf 20 in der Minute, es müsste denn durch Complication mit
Bronchopneumonie die normale Zahl mehr oder weniger überschritten
werden. In diesem Zustande ist es kaum mehr möglich, sich einen aus-
reichenden Einblick in die Rachenhöhle zu verschaffen, doch verkündet
oft ein ungewöhnlich foetider, selbst gangränöser Geruch aus dem Munde,
dass es sich um Gangrän des Pharynx handelt. Gelingt unter diesen
Umständen noch die Untersuchung, so sieht man eine oder beide Ton-
sillen, einen Theil des Velum, selbst die hintere Pharynxwand in eine
schwärzliche, blutende, zottige Masse zerfallen, welche einen nomaähn-
lichen Gestank verbreitet. Häufig entwickelt sich als Schluss des Drama
noch Bronchopneumonie, welche indess während des Lebens kaum
zu erkennen ist. Der Husten kann dabei vollständig fehlen oder wird
übersehen; nur die frequente oberflächliche Respiration deutet auf das
Leiden der Respirationsorgane, deren genaue physikalische Untersuchung
bei dem elenden Allgemeinzustande der Patienten kaum mehr auszu-
führen, überdies auch für die Praxis ganz bedeutungslos ist. In zwe
746 Iafectionskraukheiteo.
Fällen, von denen der eine tracheotomirt war, trat schliesslich noch
Genickstarre mit Biegung des Rumpfes nach vorn ein, wofür die Section
keine Erklärung gab.
Diese Art von schwerer, septischer Diphtherie endet, so weit
meine Erfahrung reicht, fast durchweg letal, oft schon stürmisch nach
wenigen Tagen, höchstens nach einer Woche; nur da, wo diese Form
sich aus der zweiten (mittelschweren) entwickelt, können zwei bis drei
Wochen vergehen, ehe der Tod eintritt. Ich rechne indess nur diejenigen
Fälle hierher, in welchen der tödtliche Oollaps noch auf der Höhe der
Krankheit eintritt, nicht die später zu beschreibenden, die erst nach
vollendeter Heilung der Localaffection unerwartet durch Herzlähmung
tödten. Ein günstiger Ausgang der schweren Form ist mir wenigstens
nur zweimal vorgekommen, einmal bei einem Kinde, welches bei einer
Temperatur von 40,0, einem elenden kleinen Pulse von 144, lebhaften
Delirien, Kräfteverfall, doch nur eine geringe Localaffection des Rachens
darbot, das andere Mal bei einem Mädchen, welches bei sehr intensiver
Rachendiphtherie grosse Apathie, völlige Anorexie, vielfache Petechien,
Aphonie, Orouphusten und einen äusserst kleinen, sehr frequenten Puls
zeigte. In beiden Fällen, denen allerdings der septische Charakter nicht
vollständig aufgeprägt war, erfolgte zu meiner Ueberraschung allmälige
Genesung unter einer kräftigen excitirenden Therapie. Leider gehören
solche Fälle zu den Ausnahmen. —
Nicht ganz so ungünstig ist die Ausbreitung der Diphtherie vom
Rachen aus über Epiglottis, Larynx und Trachea in der Form des
Croup. Selbst bei unzweifelhafter Verbreitung bis in die mittleren
Bronchien habe ich noch Heilung beobachtet. Auch in den leichtesten
Fällen der Krankheit sind Sie vor diesem Uebergang niemals sicher;
die Erfahrung lehrt sogar, dass die leichte und mittelschwere Form mehr
zum Croup disponirt, als die eben beschriebene schwere, in welcher die
allgemeinen infectiösen Symptome prävaliren. Trotzdem sind mir auch
Fälle von höchstgradiger septischer Diphtherie, welche mit Croup endeten,
wiederholt vorgekommen; ich erwähne hier nur ein 5 jähriges Mädchen,
welches hochgradigen Croup hatte, dabei septischen Zerfall der Ra<hen-
theile und eine beiderseits bis ans Sternum reichende brettharte schmerz-
hafte Infiltration (Ludwig'sche Angina) darbot. Der Zeitpunkt, in
welchem der Uebergang der Diphtherie auf den Kehlkopf und die Luft-
röhre erfolgt, lässt sich nicht genau bestimmen; im Durchschnitt pflegen
4—6 Tage, oft auch eine und selbst 1 x/.1 Wochen zu vergehen, ehe die
Larynxsymptome bemerkbar werden. Bisweilen ist die Localaffection
im Rachen schon gänzlich geheilt, so dass man jede Gefahr vorüber
Diphtherie. 747
wähnte, und die plötzlich eintretenden Crouperscheinungen nun eine um
so schmerzlichere Enttäuschung bereiten. Bei einem 6jährigen Knaben
sah ich erst 14 Tage nach dem Beginn der Diphtherie, von welcher
nur ein paar leichte Ulcera zurückgeblieben waren, Croup eintreten,
welcher durch die Tracheotomie geheilt wurde; auch Cadet de Gassi-
court sah sich in 3 Fällen von prolongirter Diphtherie noch am 18,
23., ja am 43. Tage zur Operation genöthigt. In einzelnen Fällen wurden
die S. 739 erwähnten croupösen Symptome 1 — 2 Wochen lang mit
wechselnder Intensität, ja mit völligen Intermissionen beobachtet, und
wir glaubten schon an eine gänzliche Zurückbildung, bis es schliesslich
dennoch zum Croup und zur Tracheotomie kam. Andererseits fehlt es
nicht an Fällen, wo Croup schon am zweiten Tage der Krankheit, oder
gar noch früher als erstes Symptom der Diphtherie sich entwickelt
haben soll, doch glaube ich, dass dann wohl immer die diphtherische
Affection der Rachen- und Nasenhöhle übersehen worden ist. Mir kam
öfters Croup bei Kindern vor, welche nach Aussage der Angehörigen
vor 24 oder 36 Stunden noch vollkommen gesund gewesen sein sollten,
und dennoch ergab die Untersuchung eine diphtherische Erkrankung
der Nase und des Pharynx. Aber selbst dann, wenn man den letzteren
anscheinend normal findet, ist dies noch kein Beweis für seine Inte-
grität, welche nur durch die Section festgestellt werden kann. Oft wird
nämlich der Arzt durch den versteckten Sitz der Diphtherie irre
geführt; bei der häufig sehr schwierigen Untersuchung des Pharynx findet
er nur Röthung und Anschwellung der Rachentheile mit starker Schleim-
secretion, und glaubt nun, falls eine Stenose des Larynx vorliegt, es mit
einem primären entzündlichen Croup zu thun zu haben. Dennoch ergiebt
die Section einen diphtherischen Process, der indess auf solche Theile
beschränkt ist, welche der Inspection während des Lebens bei den meisten
Kindern unzugänglich sind, insbesondere die Fossa pyriformis zu
beiden Seiten des Zungengrundes und der Epiglottis, oder gar die hintere
Fläche des Velum, während die vordere intact ist.
Am häufigsten wird die dem Croup vorausgehende Rachendiphtherie
in den Fällen übersehen, wo letztere sich terminal im Gefolge schwerer
Krankheiten entwickelt, besonders bei Kindern mit vorgeschrittener Tuber-
culose, chronischer Pneumonie, schwerem Typhus, Masern, Meningitis
tuberculosa, Enterophthisis u. s. w. Ich selbst verhehle nicht, unter
diesen Umständen wiederholt von dem plötzlichen Auftreten eines Croup
überrascht worden zu sein, welcher erst den Anlass gab, die Rachen-
höhle genau zu untersuchen. Ebenso ergaben die Sectionen bei solchen
Kindern nicht selten Diphtherie des Pharynx, welche sich während des
748 Infeotionskrankheiten.
Lebens durch gar keine Symptome, höchstens durch Foetor oris
oder Coryza verdächtig gemacht hatte. Um diesen Ueberraschungen zu
entgehen, bliebe nur übrig, sämmtliche in der Klinik befindlichen
Kinder mindestens einmal täglich einer Racheninspection zu unterwerfen,
was indess leichter anzuordnen, als auszuführen ist. Glücklicher Weise
hat das Uebersehen dieser terminalen Diphtherie bei dem ohnehin hoffnungs-
losen Zustande der Patienten keine vitale Bedeutung.
Am seltensten kam es vor, dass die Diphtherie des Pharynx erst
nach dem Auftreten des Croup sichtbar wurde, und ich möchte auch
dann viel eher annehmen, dass sie schon längere Zeit an verborgenen
Stellen bestanden und erst allmälig sich auf andere dem Blicke zugäng-
liche Partien verbreitet hat, als dass es sich um eine Diphtheria ascen-
dens im wahren Sinne des Wortes gehandelt habe. Dahin gehört z. B.
der folgende Fall:
Carl 0., 4jährig, aufgenommen in die Klinik mit hochgradigem Croup am
26. Januar. Pharynx geröthet,viel Schleim in demselben, aber keine Be-
läge sichtbar. Tracheotomie mit gutem Erfolg. Vom 31. an Fieber mit abend-
lichen Exacerbationen von 39,5 — 40,5. Pharyngitis zunehmend, aber erst am 4. Fe-
bruar grauer Belag beider Mandeln. Von nun an Sinken des Fiebers und all-
mälige Heilung.
Ueber die Erscheinungen des diphtherischen Croup habe ich Ihnen
wenig zu sagen, da sie mit denen der primären Laryngitis pseudomem-
branosa übereinstimmen (S. 342). Heiserkeit, geräuschvolles Athmen,
rauher, von sägeartiger Inspiration unterbrochener Husten machen auch
hier den Anfang; nur selten fand ich die Stimme noch klar, während
schon croupöses Einathmen vorhanden war. Sehr verschieden gestalten
sich die Verhältnisse des Fiebers. Häufig steigt die Temperatur mit dem
Eintritt des Croup, während sie in anderen Fällen auch bei voller Ent-
wickelung desselben nahezu normal bleibt (37,9 bis 38,3). Ja in einzelnen
Fällen constatirte ich noch kurz vor der Tracheotomie 36,9 bis 37,4
ohne dass die begleitenden Erscheinungen die Annahme eines Collapses
rechtfertigten. Sehr vermehrt, zwischen 140 und 180 schwankend, ist
immer die Frequenz des Pulses, während seine Fülle und Spannung
rasch abnehmen, und der Rhythmus nicht selten unregelmässig wird. Bei
einem 7jährigen Knaben wurde der zuvor schon unregelmässige Puls bald
nach der Tracheotomie aussetzend, und nahm einige Tage später bei
sinkender Frequenz (56—80) die Charaktere des von Traube beschrie-
benen Pulsus alternans (bigeminus) an. Nach zwei ziemlich rasch auf
einander folgenden Schlägen trat immer eine Pause ein, auf welche wie-
der zwei Schläge, dann eine Pause u. s.. w. folgten, wobei aber der zweite
Diphtherie. 740
Pulsschlag constant niedriger und schwächer als der erste erschien. Die
Respiration hatte keinen Einfluss auf diese Erscheinung, welche nur drei
Tage dauerte, dann unter allmäligem Schwinden des zweiten Schlages
sich verlor und in letalen Collaps überging. Die bei der Section ge-
fundene ausgedehnte Pettentartung der Herzmusculatur kann nicht als
Ursache jenes Phänomens betrachtet werden, da diese bei Diphtherie mit
oder ohne Croup keineswegs selten ist, ohne dass während des Lebens
Pulsus bigeminus beobachtet wurde. Ich sah z. B. bei einem zehn-
jährigen Knaben, welcher im diphtherischen Collaps zu Grunde ging und
dessen Section eine umfängliche fettige Degeneration des Herzens ergab,
den Puls schliesslich sehr unregelmässig werden und dabei von 132 auf
72 herabgehen, aber von einem Pulsus bigeminus oder alternans war
dabei nicht die Rede. Den P. bigeminus fand ich noch in einem zweiten
Falle, der ohne Croup, aber mit besorgnisserregenden Schwächezuständen
verlief und schliesslich letal endete.
Die Expectoration grösserer Membranfetzen oder röhriger Gebilde
durch Husten und Würgen ist beim diphtherischen Croup in prognosti-
scher Hinsicht nicht günstiger zu beurtheilen, als beim primären (S. 351).
Ich sah ein Kind schon am dritten Tage einen vollständigen Abguss der
Trachea, einen 12jährigen Knaben eine kleine Schale voll Cylinder ex-
pectoriren, welche in ihrem Lumen der Luftröhre und den Hauptbron-
chien entsprachen, in vielen anderen Fällen feinere, aus den mittleren
Bronchien stammende röhrige Gerinnsel ausgeworfen werden — fast alle
diese Fälle endeten tödtlich, wenn auch hie und da eine kurze Erleichterung
Hoffnungen erweckt hatte. Dennoch sei man unter diesen Umständen
nicht allzu verzagt. Ein 6jähriges Kind bekam am 2. Tage nach der
Tracheotomie Orthopnoe, welche verschwand, als man nach Herausnahme
der Canüle einen pseudomembranösen Cylinder entfernt hatte, welcher
einen Abguss der Trachea und grossen Bronchien darstellte. Derselbe
Vorgang wiederholte sich am 4. Tge und dennoch genas das Kind.
Solcher Fälle könnte ich mehrere anführen, doch gehören sie immer zu
den Ausnahmen. — Noch häufiger als beim primären entwickelt sich
beim diphtherischen Croup Bronchitis und Bronchopneumonie, welche
sich, wie schon (S. 350) bemerkt wurde, vorzugsweise durch die be-
deutende Steigerung der Respirationsfrequenz und des Fiebers kundgeben,
während die physikalischen Symptome, abgesehen von einer nicht immer
zu constatirenden Dämpfung des Percussionsschalls, in der Regel durch
die laryngealen Geräusche verdeckt, wenigstens sehr undeutlich ge-
macht werden. Der Auswurf feiner oder gar dendritisch verzweigter Ge-
rinnsel deutet mit Sicherheit auf das Vorhandensein einer bis in die ent-
750 [nfectionskrankheiten.
fernteren Luftröhrenäste herabreichenden Bronchitis crouposa '). Sowohl
diese, wie besonders die in einzelnen Fällen von mir beobachtete
putride Bronchitis und circumscripte, in kleinen Herden auftretende
Gangrän der Lunge, glaube ich von der Aspiration diphtherischer oder
gangränöser Gewebsreste vorn Rachen her ableiten zu müssen, welche
entzündungserregend und inficirend auf die kleinen Bronchien und
das umgebende Parenchym einwirken. Eine Diagnose dieser putriden
Bronchitis, oder gar des circumscripten Lungenbrandes, konnte aber
in den mir vorgekommenen Fällen nicht gestellt werden, weil über-
haupt gar kein Auswurf vorhanden war, und der foetide Geruch des
Athems schon durch die Rachendiphtherie bedingt sein konnte.
Die Verbreitung der Diphtherie in die Luftwege verschlechtert die
Prognose in allen Fällen bedeutend. Während von 715 klinischen Fällen
von Rachendiphtherie 314 an Collaps, Bronchopneumonie und anderen
Complicationen zu Grunde gingen2), verloren wir von 578 Fällen, welche
in Croup übergingen, 491. Nur 87 wurden geheilt, und zwar mit Aus-
nahme von dreien sämmtlich durch die Tracheotomie. Trotz aller Ge-
fahren, welche schon in der diphtherischen Infection an und für sich
liegen, fordert also der Ausgang in Croup doch die meisten Opfer.
Derselbe fügt noch eine neue Gefahr zu der bereits bestehenden hinzu,
denn die Tendenz zum letalen Collaps dauert auch nach der Verbrei-
tung der Krankheit in die Luftwege fort, und so mancher Fall, dessen
Erstickungsgefahr auf operativem Wege beseitigt war, und in welchem
die Athmung schon längere Zeit ohne Canüle von Statten ging, endet
ganz unerwartet durch Collaps tödtlich. —
Die Sectionen der auf der Höhe der Krankheit Gestorbenen er-
gaben häufig viel ausgebreitetere und tiefer dringende Veränderungen,
als die ungenügende und mühsame Inspection während des Lebens er-
') Einige Autoren (Gerhardt, Riegel) stützen die Diagnose der croupösen
Bronchitis auf eine eigenthümliche Dyspnoe (Fehlen der inspiratorischen Einziehung
und der AthmuDgsverschiebung des Larynx, schwaches Athmen in den oberen Lungen-
theilen). Ich weiss nicht, ob diese Symptome constant sind, aber ich fand sie wenig-
stens in einem Falle, bei einem 13jährigen Mädchen, welches unter heftiger Dyspnoe
cylindrische, zum Theil dichotomisch verzweigte Gerinnsel von 3 — 4 Ctm. Länge in
solchen Massen auswarf, dass sie im Laufe von 36 Stunden ein paar Weingläser
füllten. (T. 39-40. R. 44.).
-) Auf die Ursachen dieses sehr ungünstigen Mortalitätsverhältnisses komme
ich später zurück. Die Mortalität wechselt übrigens je nach dem Charakter der
Epidemie. In der 4. Aufl. dieses Werkes (S. 726) sprach ich von 22G Todesfällen
unter 463 Fällen von Rachendiphtherio ohne Croup. Seitdem hatte ich unter 196
Kranken nur 68 Todesfälle, mitunter noch günstigere Vorhältnisse.
Diphtherie. 751
warten Hess. Schmutzig-graue, ins Braune oder Grünliche spielende
fetzige Beläge überziehen in verschiedener Ausdehnung die hintere
Rachen wand, den weichen, seltener auch den harten Gaumen, die Ton-
sillen, den hinteren Theil des Zungenrückens und der Nasenschleimhaut,
lassen sich auch bei sorgfältiger Präparation mitunter bis in die Thränen-
wege und die Tuba Eustachii verfolgen. Meistens ist das Exsudat in
die oberflächlichste Schicht der Schleimhaut dergestalt infiltrirt, dass
es nicht hautartig abgezogen, sondern nur durch Abkratzen mit dem Scalpel
entfernt werden kann, wobei dann ebenso, wie nach der spontanen Ab-
stossung, Substanzverluste zurückbleiben. Diese Infiltration zeigt sich
auch häufig in der Schleimhaut der Epiglottis und, wenn es zum Croup
gekommen war, noch in der oberen Larynxhälfte bis zu den Stimm-
bändern herab, während weiter abwärts sowohl im Kehlkopf, wie in
der Luftröhre und den Bronchien, das Exsudat der Schleimhaut nur
locker aufgelagert ist, so dass man es mit der Pincette abziehen
oder mit einem Wasserstrahl abspülen kann, worauf die blossgelegte
Schleimhaut mehr oder weniger geröthet, aber soDst intact erscheint.
Dies vielleicht von den Verschiedenheiten des Epithels (Pflaster- oder
Cylinderepithel) abhängende Verhalten des Exsudats ist indess nicht
constant; vielmehr konnten wir wiederholt die Beläge des Pharynx
und der Mandeln als eine mehr oder weniger dicke Membran ziemlich
leicht abziehen, wobei sich nur an den geschwollenen Follikeln etwas
stärkere Adhärenz zeigte. Andererseits beobachtete ich in mehreren
Fällen eine im anatomischen Sinne diphtheritische, d. h. infiltrirte
gelbliche Exsudation auf der Schleimhaut der Trachea und selbst der
Bronchien, welche sich nur durch Abkratzen mit dem Messer unter Zu-
rücklassung von Substanzverlusten entfernen liess. Sie ersehen aus dieser
Thatsache, dass bei der Diphtherie beide Exsudatformen, die infiltrirte
und die auf die freie Schleimhautfläche abgelagerte, nicht nur neben-
einander auftreten können, sondern dass auch die Art des Epithels für
die Form des Exsudats keineswegs immer ausschlaggebend ist.
Die Schleimhaut des Pharynx und der oberen Luftwege erscheint
nach Entfernung des Belags in verschiedenen Graden geröthet, cyanotisch,
ödematös; die Tonsillen sind oft durch Infiltration mit Exsudat stark
geschwollen, hie und da von kleinen, frischen oder käsigen Eiterherden
durchsetzt. Seltener beobachtete ich Abscesse im retropharyngealen
Bindegewebe. Wirklicher Brand der Rachentheile mit missfarbigem
grünlich braunem Zerfall und gangränösem Fötor kam ebenfalls nur
selten vor, viel häufiger mehr oder minder ausgebreitete, besonders die
Mandeln betreffende, oberflächliche oder tief dringende, mit einem miss-
752 Infectionskrankheiten.
farbigen Detritus bedeckte Ulcerationen, welche, aus der Abstossung der
infiltrirten und necrotisirten Schleimhautpartien entstanden, beträchtliche
Verwüstungen der Mandeln, des Velum, der Uvula und, wie ich schon
(S. 742) erwähnte, auch Perforationen des Velum auf einer oder beiden
Seiten zur Folge haben können. In vielen Fällen erstreckte sich der
diphtherische Process auch auf den Anfangstheil des Oesophagus, dessen
Schleimhaut infiltrirt, hämorrhagisch, oder mit seichten, vielfach gewun-
denen Ulcerationen bedeckt erschien. Nur selten zeigten sich ähnliche
Veränderungen auch auf der Schleimhaut des Magens, besonders in dei
Regio pylorica, und zwar in Gestalt einer blutigen Infiltration und eines
darüberliegenden missfarbigen Belags. In einem Falle ragte ein derber,
der gerötheten und geschwollenen Magenschleimhaut lose anhaftender
weisslicher Fibrinabguss noch 4 Ctm. weit ins Duodenum hinein. Hyper-
plasie der submaxillaren Lymphdrüsen ist fast constant, seltener blutig
seröse Infiltration oder Phlegmone des umgebenden Bindegewebes. In
den Fällen, wo der Process sich in die Luftwege verbreitet hatte1),
zeigten sich die schon beim Croup beschriebenen Veränderungen, In-
filtration, Ulceration und Oedem der Epiglottis und der Ligam. aryepi-
glottica, Degeneration der Larynxmuskeln, selten Necrose der Knorpel,
Belag und oberflächliche Verschwärung der Stimmbänder, membranöse,
fetzige und röhrige Exsudate im Larynx, in der Trachea und den
Bronchien, deren Schleimhaut verschiedenartig geröthet, geschwollen,
auch hämorrhagisch gefleckt erscheint, während das Lumen von eiterigem
Schleim erfüllt ist. Sowohl die Ausbreitung der Exsudate, wie ihre Dicke
ist sehr verschieden. Während sie in vielen Fällen nur fetzenartig als
dünne Beläge der Trachea aufliegen, bilden sie in anderen dicke grau-
weisse Cy linder, welche die Luftröhre auskleiden, bis tief in die
Bronchialäste herabreichen und einen vollständigen Abguss derselben
darstellen, oft aber auch nur hie und da in den Bronchien auftreten
und dann durch freie, mit Schleim gefüllte Zwischenräume von einander
getrennt sind. In mehreren Fällen fanden wir nur eine Lunge von
Bronchitis crouposa befallen, während die andere einfach catarrhalische
Processe darbot. Dass auch eine wirklich diphtherische Infiltration der
Tracheal- und Bronchialschleimhaut vorkommen kann, wurde bereits er
wähnt (S. 751). Bronchopneumonie in verschiedener Ausdehnung ist
fast constant, oft begleitet von vielfachen Atelektasen des Lungen-
') In „septischen" Fällen können während des Lebens die Symptome der
Larynxaffection bis auf Aphonie fehlen, und dennoch findet man bei der Section
Pseudomembranen im Kehlkopfe, selbst in der Trachea.
Diphtherie. 753
parenchyms, von adhäsiver Pleuritis, Oedema pulmonum, Emphysem der
Ränder und Oberlappen. Bronchitis putrida und kleine gangränöse
Herde im Parenchym fand ich nur in vereinzelten Fällen. Tracheal-
und Bronchialdrüsen sind fast immer geschwollen, auch wohl hämor-
rhagisch infiltrirt. Die Muskelsubstanz des nicht selten dilatirten
Herzens ist schlaff, röthlich-grau, trübe, und zeigt unter dem Microscop
fettige Degeneration, parenchymatöse und interstitielle myocarditische
Veränderungen, besonders am linken Ventrikel und seinen Papillarmuskeln,
während das Endocärdium, abgesehen von kleinen Ecchymosen, keine
Abnormitäten darbot. Insbesondere fanden wir die von Bouchut und
Labadie-Lagrave als fast constant angegebene Endocarditis der Klappen
in unseren Fällen nur ausnahsmweise.
Nur einmal bestand parietale Endocarditis mit aufgelagerten Thromben an der
Spitze des linken Ventrikels, von denen aus Embolie der linken Arteria fossae
Sylvii stattgefunden hatte. Solche Thromben kamen überhaupt, wohl in Folge
der Herzschwäche, sowohl im rechten wie im linken Ventrikel häufig vor, ohne dass
Endocarditis nachgewiesen werden konnte. In dem erwähnten Falle war aber das
Endocärdium in der That entzündlich verändert; ebenso bei einem 3jährigen Kinde,
welches schon am 3. Krankheitstage im Collaps mit 36° T. zu Grunde gegangen
war. Die Section ergab hier neben den gewöhnlichen diphtherischen Veränderungen
des Rachens und der Nase an der Spitze des linken Ventrikels eine halbwallnuss-
grosse Stelle, an welcher das Endo- und Myocardium äusserst mürbe und trüb , und
die Herzwand etwas vorgebuchtet erschien. Auf dem Endocärdium hafteten hier
einige grauweisse parietale Thromben, von denen aus Embolie und consocutive
Thrombose beider Arteriae iliacae erfolgt war. Beide untere Extremitäten
waren bis zur Mitte der Oberschenkel blutig suffundirt, ihre Epidermis stellenweise in
Fetzen abgelöst und die blutig imbibirte Cutis blossgelegt. —
Kleine Ecchymosen fanden sich fast immer in den verschiedensten
Theilen, im Peri- und Endocärdium, im Herzfleisch, in der Pleura, dem
Omentum, Mesenterium, Mediastinum und der Haut. Die Leber war
gewöhnlich schlaff, röthlich-gelb, fettig entartet, die Milz oft, aber nicht
immer, hyperplastisch; die Nieren zeigten fast immer „parenchymatöse"
Nephritis; Mesenterialdrüsen und Peyer'sche Plaques, selbst die soli-
tären Darmfollikel waren bisweilen massig geschwollen. In mehreren
Fällen fanden wir neben Diphtherie starken Soorbelag im Rachen und
Oesophagus, einmal auch Soor auf der Magenschleimhaut. —
Die Bestrebungen, durch das Microscop einen Einblick in die feinere
Anatomie der Krankheit zu gewinnen, haben bis jetzt zu keinem ganz
sicheren Resultat geführt. Ueber die Entwickelung und die Bestand-
teile der diphtherischen Beläge und Infiltrationen besteht unter den
Autoren keineswegs Einstimmigkeit, denn während die Meisten eine
He noch, Vorlesungen, über Kinderkrankheiten.. 7. Auti. £Q
754 InfectionskraDkheiten.
fibrinöse Exsudation mit profuser Kernwucherung in den oberflächlichen
Schleimhautschichten constatiren, betrachten Andere eine schollig-hyaline
Degeneration der Epithelien, noch Andere die sogenannte Coagulations-
necrose als die Hauptsache. Diese Streitfragen haben allerdings jetzt
nur noch eine untergeordnete Bedeutung, seitdem man den Diphtherie-
bacillus und die Streptococcen als die eigentlichen Erzeuger der Krank-
heit, resp. ihrer septischen Complicationen constatirt hat.
In Bezug auf die Deutung der Nephritis diphtherica (S. 621)
müssen wir uns vorläufig mit der Einwirkung des von den Bacillen pro-
ducirten chemischen Giftstoffes auf die Nieren zufrieden geben. Bacterien
in den Nierenkanälchen und selbst im Harn von Diphtheriekranken, wie
sie früher beschrieben wurden, konnten von Fischel1), Weigert, Für-
bringer2) nicht gefunden werden. Ein wichtiger Unterschied dieser
Nephritis von der scarlatinösen liegt darin, dass sie sich fast immer
im Blüthestadium der Diphtherie, etwa vom 4. Tage an, durch eine
mehr oder minder reichliche Albuminurie und durch nephritische Elemente
in dem meistens sparsamer werdenden Urin documentirt, und dass die
hämorrhagische Färbung desselben, die bei der Nephritis scarlatinosa
so häufig ist, hier zu den Ausnahmen gehört. Albuminurie ist bei
Diphtheriekranken überaus häufig, etwa in der Hälfte aller Fälle vor-
handen. Opalisirende Trübungen und geringe Niederschläge von Eiweiss,
zahlreiche nephritische Formelemente, finden sich oft genug in durchaus
gutartig verlaufenden Fällen; nur wo der Niederschlag ein Drittel oder
mehr der im Reagensgläschen enthaltenen Urinsäule einnimmt, glaube
ich eine ungünstigere Prognose stellen zu dürfen, weil ich dies fast
immer nur in schweren Fällen beobachtet habe. Doch kommen auch
von dieser Regel Ausnahmen vor. Immerhin pflegen sich diese Fälle,
selbst nach Ablauf der Diphtherie, noch Wochenlang hinauszuziehen
und die ohnehin langsame Reconvalescenz zu verzögern. Auffallend ist
auch unter diesen Umständen der Unterschied von der scarlatinösen
Form. Denn während bei dieser mindestens in der Hälfte der Fälle
hydropische Erscheinungen verschiedenen Grades vorkommen, sind
diese nach den übereinstimmenden Erfahrungen der Autoren bei der
diphtherischen Nephritis selten; ich selbst beobachtete Oedem des Ge-
sichts, der Füsse, des Scrotum nur in 8 Fällen, urämische Erscheinungen
') Zeitschr. f. klin. Med. VII. Heft 5.
2) Virchow's Archiv. Bd. 91. — Ueber die anatomischen Verhältnisse vergl.
noch Brault, Journ. de l'anat. et de la physiol. 6. 1880; Fischöl, 1. c. und
Heubner, Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. 30.
Diphtherie. 755
nur ausnahmsweise. Andere wollen diese wiederholt gesehen haben
(z. B. Hagenbach unter 406 Fällen von Diphtherie 6 mal, aber nur
einmal mit letalem Ausgang). Ich selbst kann den Fall eines 3jährigen
Kindes dafür anführen, welches am 13. April an Diphtherie erkrankte,
am 19. Albuminurie, Erbrechen und Verfall, am 25. Oedem des Gesichts
darbot und am 26. unter heftigen Convulsionen starb. Die Section er-
gab starke parenchymatöse Nephritis und Oedema cerebri. Auch bei
einem 8jährigen Knaben und einem 6jährigen Mädchen mit starker
diphtherischer Albuminurie traten im Verlaufe der Krankheit wiederholte
Krampfanfälle mit starrem Blick und völlig oder halb erloschenem Be-
wusstsein auf, welche jedoch einen glücklichen Ausgang nahmen1), wor-
auf auch, wie beim Scharlach (S. 611), die Nephritis ungewöhnlich
schnell zurückging.
Mitunter kam es vor, dass die Albuminurie mit dem Ablaufe der
Diphtherie schwand, und der Urin eine Woche und länger eiweissfrei
blieb, bis plötzlich die Affection wieder eintrat und dann den Eindruck
einer wirklichen Nachkrankheit, wie beim Scharlach, machte. Um
eine solche, die jedenfalls sehr selten ist, anzunehmen, dazu gehört die
Ueberzeugung, dass während der ganzen Dauer der Diphtherie der Urin
stets eiweissfrei gewesen ist. In zwei Fällen war dies sicher constatirt.
Ein 8 '/.jähriges Kind bekam Nephritis erst am 15. Tage nach Abstossung
aller Pseudomembranen, mit ungewöhnlich starker Albuminurie, die indess
nur eine Woche dauerte und allmälig schwand, während ein 6jähriges
Mädchen, welches tracheotomirt war, erst am 24. Tage Albuminurie
zeigte und unter Schwitzbädern bald genas. —
Mit der Heilung der Diphtherie und der von ihr abhängigen Nieren-
affection ist der glückliche Ausgang leider nicht verbürgt. Wie ein
Damoklesschwert schwebt über dem Reconvalescenten die Gefahr eines
plötzlichen, durch Herzschwäche bedingten Todes, welcher dann die
schon in Sicherheit gewiegten Angehörigen um so schmerzlicher trifft.
Clara R., 9jährig, im November 1873 an einer mittelschweren Diphtherie des
Pharynx leidend, wurde nach etwa 10 Tagen vollständig wieder hergestellt. Das Kind
hatte wieder guten Appetit, sah blühend aus, sass spielend im Bett und jede Gefahr
schien vorüber. Am 12. Tage nach der vollendeten Abstossung der neuro-
tischen Theile fand ich das Kind bei einem zufälligen Besuch im Bette sitzend und
spielend, von gutem Aussehen, aber zu meiner Ueberraschung mit einem Puls von
144 Schlägen, welcher auffallend klein war. Meine den Eltern mitgetheilten Be-
fürchtungen waren nur zu sehr gerechtfertigt; denn trotz aller angewandten Ana-
leptica nahm die Pulsfrequenz anhaltend zu, die Kräfte sanken schnell, die Extremi-
') Cassel, Archiv f. Kinderheilk. Bd. 11. Heft 1.
48'
756 Infectionskrankheiten.
täten wurden kühl, der Puls unfühlbar, die Respiration aussetzend, und schon am
folgenden Tage erfolgte der Tod.
Aehnliche Fälle habe ich leider oft beobachtet, und ich halte es
daher für die Pflicht des Arztes, auch in den scheinbar gutartigen
Fällen von Diphtherie die Prognose nicht absolut günstig zu stellen, ehe
nicht 4 — 6 Wochen nach der Heilung verflossen sind. Ja in einem
Falle sah ich den plötzlichen syncopalen Tod erst am Ende der sie-
benten Woche eintreten. Dasselbe gilt von den Fällen, in welchen
die Tracheotomie gemacht werden musste. Auch hier kann eine Zeit
lang alles nach Wunsch gehen, und erst, wenn die Heilung der Tracheal-
wunde bereits im Gange ist, erfolgt mit einem Mal tödtlicher Collaps.
Die Erscheinungen desselben sind nicht immer die gleichen. Bisweilen
eröffnet wiederholtes Erbrechen, seltener heftige Cardialgie die Scene,
und der Puls wird langsam, schwach und unregelmässig; häufiger wird
er sehr frequent und klein, schliesslich unfühlbar, während die extremen
Körpertheile erkalten, die Haut etwas cyanotisch, und die Herztöne, be-
sonders der zweite, immer schwächer werden, auch wohl den „galoppi-
renden" Rhythmus zeigen. Die Respiration ist dabei nicht immer
dyspnoeiisch, erreicht aber eine sehr hohe Frequenz (50—70), und die
Kinder verfallen unter Stöhnen und Wimmern in einen apathischen,
schliesslich soporösen Zustand, dessen Dauer ich von einigen Stunden
bis zu 3 Tagen schwanken sah. Der Ausgang war in diesen Fällen
durchweg ein tödtlicher, bisweilen sogar in wenigen Minuten, wenn es
auch hie und da gelang, durch starke Analeptica die Herzkraft ein paar
Tage über dem Wasser zu erhalten:
OttoT., 6jährig, aufgenommen mitDiphtherie am 15. September. Langwieriger
Verlauf. Erst am 8. October ist der Pharynx frei und das Fieber verschwunden.
Geringe Albuminurie, die vom 13. an nur noch temporär auftritt. Allgemeine
Euphorie. Am 19., also mindestens 4 Wochen nach dem Eintritt der Diphtherie,
plötzlich Collapssymptome; P. 152, sehr klein, kühle Extremitäten, grosse
Apathie und Schwäche. Von nun an wird stündlich ein grosser Esslöffel Sherry
oder Tokayer Wein gegeben, und dies Verfahren drei Tage lang bis zu einem Zu-
stande leichter Trunkenheit (Röthe der Wangen, muntere Delirien, fortwährendes
Schwatzen) fortgesetzt, wobei der Puls sich wieder hob und die Hände warm
wurden. Dennoch gewann der Collaps schliesslich die Oberhand, und unter den
früheren Erscheinungen, zu denen sich am Schluss noch das Chey ne-Stok es'sche
Phänomen gesellte, erfolgte der Tod.
Bei genauer Untersuchung wird man allerdings in den meisten Fällen
dieser Art finden, dass das Intervall zwischen der primären Erkran-
kung und dem Auftreten des diphtherischen Collapses nicht völlig un-
Diphtherie. 757
getrübt verläuft. Nicht nur Albuminurie und diphtherische Paralysen,
zumal des Gaumens, können in dieser Zwischenzeit bestehen, sondern
auch, was wichtiger ist, ungewöhnliche Frequenz, viel seltener Verlang-
samur.g, geringere Spannung des Pulses, mit wochenlangen Schwankungen,
so dass der Puls heut kaum fühlbar, unregelmässig, morgen wieder
nahezu normal ist, womit dann auch der Allgemeinzustand zu wechseln
pflegt. Grosse Schwäche, Apathie, collabirte Gesichtszüge wechseln mit
Euphorie und besserem Aussehen ab. Bedeutsam erschien mir aber
stets die fahlgelbe Hautfarbe, die in manchen Fällen wahrhaft cada-
verös wird und auf ein tiefes Leiden der- Blutmischung hinzudeuten
scheint. Unter diesen Umständen ist der tödtliche Collaps fast mit
Sicherheit zu erwarten; nur in wenigen Fällen sah ich unter der be-
harrlichen Anwendung starker Excitantia nach wochenlangen Schwan-
kungen die Kinder dennoch vollständig genesen.
Man kann wohl nicht daran zweifeln, dass die geschilderten trau-
rigen Symptome in erster Reihe durch das von den Bacillen producirte,
im Blute kreisende Toxin bedingt werden, dessen Tenacität auch ex-
perimentell festgestellt ist '). Dagegen lässt sich noch darüber streiten,
ob das Gift an und für sich durch seine lähmende Wirkung auf ,das
Nervensystem, zumal die Herznerven (Vagus), die Erscheinungen
des Collapses hervorruft, oder ob es dazu noch einer directen anatomi-
schen Veränderung des Herzmuskels bedarf, welche in Folge der In-
toxication sich entwickelt. In der That haben die in neuester Zeit nach
dieser Richtung hin angestellten Untersuchungen 2) in allen diesen Fällen
den constanten Befund fettiger Entartung, besonders aber myocardi-
tischer Processe ergeben (Rundzellen- und Kernwucherung im inter-
stitiellen Bindegewebe), denen man eine wesentliche Bedeutung nicht
absprechen kann. Ich bin daher ganz damit einverstanden, die Herz-
muskelerkrankung für die Collapssymptome m i t verantwortlich zu
machen, aber auch dem Virus an und für sich einen grossen Theil der
Schuld beizumessen. Dafür spricht auch die Thatsache, dass der Collaps
schon in den ersten Tagen der Diphtherie eintreten kann, wo eine so
bedeutende Erkrankung des Herzmuskels wohl noch nicht zu Stande ge-
') Brieger und Wassermann (Chariteannalen. Bd. XVII. 1892. S. 833)
konnten das Toxalbumin im Serum eines Patienten an Thieren erproben, nachdem
der Pharynx schon ganz normal geworden und keine Bacillen mehr nachweisbar
waren.
2) Birch-Hirschfeld, Mosler, Leyden, Unruh, bes. aber E. Romberg,
(Deutsches Archiv f. klin. Med. 1891 u. 1892), dessen überzeugende Präparate ich
in Leipzig selbst gesehen habe.
758 Infectionskrankheiten.
kommen ist, und dass ferner beim Scharlach und Typhus ganz analoge
anatomische Veränderungen gefunden wurden, während doch der Collaps
viel seltener und kaum je in dieser deletären, ich möchte sagen heim-
tückischen Weise auftritt, wie bei Diphtherie. Die von älteren Autoren
beschuldigten Gerinnungen in den Herzhöhlen oder im Stamme der
Lungenarterie sind sicher nicht Ursachen des Collapses, sondern als
Producte der Herzschwäche zu betrachten. Unter diesen Umständen
kann es also auch zu Embolien im System der Lungenarterie oder der
Aorta kommen, wofür die S. 758 angeführten Fälle Beispiele bieten.
Otto M., 9 jährig, am 3. October 1876 von mir zuerst untersucht. Vor fünf
Wochen halte er eine mittelschwere Diphtherie überstanden, auf welche Gaumen -
lähmung folgte. Diese war schon beinahe geheilt, und der Knabe seit einer Woche
wieder ausgegangen, als vor einigen Tagen plötzlich Ataxie und Parese beider
unteren Extremitäten eintrat. Stoben und Gehen absolut unmöglich, während
im Sitzen und Liegen die Beine leidlich, aber ungeschickt bewegt werden. Auch die
Kraft der Arme ist schwächer, als im Normalzustande. Gleichzeitig enorme Fre-
quenz (150 und mehr) und grosse Unregelmässigkeit des Pulses, welche
mich sofort eine drohende Vaguslähmung befürchten Hess. Untersuchung des Herzens
sonst normal. Auch der linke N. abducens paretisch, so dass das Auge nicht
nach aussen bewegt werden konnte. Unter dem Gebrauch eines Chinadecocts und
täglicher Strychnininjectionen (0,002) besserte sich die Motilität langsam, während
der Puls unverändert blieb, die Unregelmässigkeit und Ungleichheit der einzelnen
Schläge vielmehr noch zunahm. Gleichzeitig wurde derselbe immer kleiner und
schneller, und unter wiederholtem Vomitus trat am 7. Tage nach dem ersten
Auftreten der drohenden Erscheinungen Collaps ein, welchem der Knabe bei vollem
Bewusstsein rasch erlag. Section nicht gestattet. —
Bei weitem günstiger, als die eben geschilderte cardiale Nachkrank-
heit, gestaltet sich die Prognose eines anderen, noch häufigeren Folge-
übels, der diphtherischen Lähmung, auf welche man immer selbst in
ganz leichten Fällen gefasst sein muss. Ich selbst sah die Lähmung immernur
in Folge von Rachendiphtherie auftreten; Andere wollen sie auch nach Diph-
therie der Haut, z. B. der Finger, beobachtet haben. Die Ansichten über die
Bedingungen dieser Paralyse, die sich meistens erst zu einer Zeit geltend
macht, in welcher die Kranken die Infection schon überwunden zu haben
scheinen, waren sehr getheilt. Erst in neuester Zeit haben sorgfältige
Untersuchungen ergeben, dass es sich hier vorzugsweise um einen neu-
ritischen Process in den peripherischen Nerven handelt, wobei aber
analoge Veränderungen auch im Rückenmarke vorhanden sein können.
Dejerine1) fand in den vorderen Wurzeln der Spinalnerven, wie auch
') Jahrb. f. Kinderheilk. 1878. XIII. S. 132. — Arch. de physiol. normale et
pathol. 1878.
Diphtherie. 759
in vielen peripherischen Nerven Fettkörnchenbildung und Schwinden der
Achsencylinder, ausserdem Atrophie der Ganglienzellen in den Vorder-
hörnern und Vermehrung des interstitiellen Bindegewebes, also eine
„parenchymatöse Neuritis und Myelitis", und P. Meyer') sah in einem
Falle von sehr verbreiteter diphtherischer Lähmung fast in allen peri-
pherischen Nerven deutliche Zeichen einer parenchymatösen Neuritis
(Zerklüftung des Markes, Kernwucherung in der Schwann'schen Scheide,
Umwandelung in Körnchenzellen, Knötchenbildung durch Oedem und
Schwellung des Bindegewebes). Dieselben Veränderungen fanden sich
in den Wurzeln der Spinalnerven und in vielen Spinalganglien, während
im Rückenmarke selbst viele Ganglienzellen ihre Fortsätze ganz oder
zum Theil eingebüsst hatten. Diese Befunde, sowie einige schon 1862
von Oharcot und Vulpian, und 1867 von Buhl gemachte Beob-
achtungen fordern zu fortgesetzter Untersuchung des peripherischen
Nervensystems bei der diphtherischen Lähmung auf. Auch in einem
Falle von diphtherischer Herzlahmung mit plötzlichem Tode fand Gom-
bault2) zwar den Vagus, die Medulla oblongata und die Herzmuscula-
tur durchaus intact, aber, gleichwie in zwei anderen analogen Fällen,
die vorderen Wurzeln der Spinalnerven wenigstens theilweise in ähnlicher
Weise verändert, wie es von Dejerine beschrieben wurde. Daneben
können auch die Muskeln entzündliche Veränderungen (interstitielle
und fibrilläre) darbieten3), was besonders an denen des Gaumens und
Rachens leicht begreiflich ist. Wahrscheinlich handelt es sich um
die Einwirkung des von den Bacillen producirten Toxins auf das
Muskel- und Nervensystem, da nach vielfachen Untersuchungen dieser
Stoff auch bei Thieren paralytische Symptome hervorbringt, die den bei
Menschen beobachteten an die Seite zu stellen sind4).
Die diphtherische Lähmung, welche gerade nach den leichteren
Fällen der Krankheit am häufigsten aufzutreten pflegt, kündigt sich
in der Regel 2—3 Wochen nach Ablauf der Krankheit durch Paralyse
des Gaumens an. Seltener tritt sie früher auf, so in einem meiner
Fälle am 10., in einem anderen sogar sehon am 5. Krankheitstage,
worauf wenige Tage später der Tod durch Oollaps folgte. Sehr häufig
bleibt Paralyse des Gaumens das einzige Lähmungssymptom. Die
Kinder bekommen eine nasale , mehr oder weniger unverständliche
') Virchow's Archiv. Bd. 85. Heft 2.
2) Cadet de Gassicourt, 1. c. III. 349.
3) Hochhaus, Virchow's Archiv. Bd. 124. Heft 2.
4) Roux d. Yersin, Annales de l'institut Pasteur. Juin 1889. — Hanse-
mann, Virohow's Arohiv. Bd. 115. 1889.
760 Infectionskrankheiten.
Sprache, ein Theil des Getränks, welches sie geniessen, wird sofort aus
der Nase wieder ausgestossen, und erregt zuweilen Niesen. Bei der
Untersuchung des Pharynx bemerkt man, dass das Gaumensegel sowohl
beim Inspiriren, wie beim Phoniren heinahe oder gänzlich unbeweglich
ist und schlaff herabhängt, so dass es nicht im Stande ist, beim Trin-
ken die Rachen- von der Nasenhöhle abzuschliessen, und das Getränk
daher durch die Choanen in die Nase gelangt. In manchen Fällen ist
das Velum nur halbseitig gelähmt, so dass es beim Phoniren schief
verzogen wird und die Uvula nach der gesunden Seite hin gekrümmt
ist. Zuweilen fand ich die Schleimhaut auch unempfindlich gegen Be-
rührungen, z. B. mit einem Pinsel, die weder gefühlt wurden, noch eine
Reflexbewegung hervorriefen. Die Gaumenlähmung kann, wie ich wie-
derholt beobachtete, besonders in den niederen Ständen, das erste Zei-
chen sein, welches eine vorausgegangene, aber von den Eltern ganz
übersehene und spontan geheilte Rachendiphlherie verräth. Ich halte
dies Uebersehen für viel wahrscheinlicher, als die Annahme, es könne
sich in solchen Fällen um eine primäre diphtherische Lähmung, d. h.
um die erste Aeusserung der diphtherischen Infection, gehandelt haben,
in derselben Weise, wie man hie und da auch geneigt ist, eine primäre
diphtherische Nephritis ohne vorausgegangene Rachenaffection anzuneh-
men '), was ich für ganz willkürlich halte. Sehr häufig gesellen sich
Störungen des Sehvermögens, besonders Unfähigkeit, deutlich zu lesen
oder die Gegenstände in gewohnter Entfernung scharf zu erkennen,
Flimmern und Nebel vor den Augen, Diplopie, hinzu, Erscheinungen,
welche durch Accommodationsstörung in Folge von Paralyse des Muse,
tensor chorioideae hervorgebracht werden. Die Bewegungen der Pupille
sind dabei oft schwerfällig, können aber auch ganz normal sein. Besonders
pflegt das Sehen in der Nähe gestört zu werden, so dass z. B. einige
meiner kleinen Patienten beim Schreiben nicht mehr wussten, ob sie noch
immer auf derselben Zeile schrieben. Längeres Lesen, besonders das
Lesen feiner Schrift ist oft unmöglich. Die meisten dieser Kinder sind
in Folge der überstandenen Krankheit anämisch, zeigen auch wohl noch
Eiweiss im Urin. Da hier ohne Zuthun der Kunst sehr oft im Verlaufe
weniger Wochen allmälig Heilung eintritt, so darf man den Werth der
empfohlenen therapeutischen Methoden nicht überschätzen.
In einer anderen Reihe von Fällen gewinnt die Paralyse grössere
Ausdehnung, wobei aber die Gaumen- und Accommodationslähmung doch
fast immer den Anfang bildet, viel seltener entweder ganz fehlt oder
') Guidi, Revue mens. Mars 1886. p. 142.
Diphtherie. 761
bereits geheilt ist, wenn andere Körpertheile von Lähmung befallen wer-
den. Parese der Nackenmuskeln, wodurch der Kopf vornüber sank
und nur mühsam ohne Nachhülfe aufgerichtet werden konnte, kam mir
ziemlich oft vor, selbst in Fällen, wo ausser der Gaumen- und Accommoda-
tionslähmung keine andere paralytische Erscheinung bestand. Zunächst
macht sich dann Ataxie und Kraftlosigkeit der unteren Extremitäten
bemerkbar, welche das Stehen und Gehen unmöglich macht oder wenig-
stens sehr erschwert, so dass die Kranken ihre Beine nach Art der Ta-
betischen „schleudern", und besonders beim Umdrehen leicht hinfallen.
Auch Schwanken des Körpers beim Schliessen der Augen kann, wie
schon Trousseau beobachtete, vorhanden sein. Nur selten steigern
sich Parese und Ataxie zu vollständiger Lähmung, an welcher auch
die oberen Extremitäten Theil nehmen können. Ich selbst habe com-
plete Paralysen der Extremitäten oder einzelner Hirnnerven (Facialis,
Oculomotorius, Abducens), von denen hie und da die Rede ist '), nur
ausnahmsweise gesehen. Dreimal beobachtete ich Aphonia paralytica,
welche durch den faradischen Strom geheilt wurde , häufiger Läh-
mungserscheinungen der respiratorischen Muskeln, wobei die Ath-
mung sehr oberflächlich, dyspnoetisch und frequent (50—60 R.) war,
ein bestehender Husten gänzlich kraftlos und unfähig wurde, die ange-
sammelten Schleimmassen aus den Bronchien zu entleeren. Da jeder
stärkere Bronchialcatarrh unter diesen Umständen durch Suffocation letal
werden kann, so ist die Paralyse der Athemmuskeln als die bedenk-
lichste Form der diphtherischen Lähmung zu betrachten, welche in Bezug
auf Gefährlichkeit nur durch den zuvor beschriebenen Collaps überboten
wird. Die durch Gaumenlähmung bedingte Dysphagie wird nur selten
so hochgradig, um durch Erschöpfung das Leben ernstlich zu gefährden,
vielmehr werden feste Speisen meistens noch geschluckt. Lähmungen
der Sphincteren habe ich nur im letzten Stadium der Krankheit, er-
hebliche Störungen der Sensibilität aber, sei es nun Anästhesie,
Analgesie, Kältegefühl oder gar Hyperästhesie niemals deutlich beob-
achtet. Da aber gerade die Beurtheilung dieser Zustände im kind-
lichen Alter besonderen Schwierigkeiten unterliegt, bei kleinen Kindern
sogar meistens unmöglich ist, so will ich nicht in Abrede stellen, dass
die an Erwachsenen gemachten Beobachtungen dieser Art ihre Richtig-
keit haben. Hervorzuheben ist noch, dass die elektrische Erregbarkeit
und die Ernährung der gelähmten Muskeln in meinen Fällen selbst bei
') Eine fast vollständige doppelseitige Ophthalmoplegie beschreibt Uht-
hoff, Jahrb. f. Kinderheilk. XXII. S. 327.
762 Infectionskrankheiten.
längerem Bestehen der Paralyse ungestört blieben, während Andere Ab-
schwächung der elektrischen Erregbarkeit oder Entartungsreaction beob-
achtet haben. Fast constant aber war in allen Fällen auch da, wo nur
Gaumenlähmung stattfand, der Mangel der Sehnenreflexe, insbe-
sondere der patellaren, welche sich in der Regel erst nach Monaten
wieder herstellten1). Nur selten sah ich den Patellarreflex in normaler
oder sogar verstärkter Weise fortbestehen, letzteres bei einem 12 jähri-
gen Knaben, der im Anfange der 5. Krankheitswoche eine Gaumen- und
Accommodationslähmung bekam.
Ob die diphtherische Lähmung in hemiplektischer Form auftre-
ten kann, ist noch zweifelhaft. Die Autoren sind über diesen Punkt
verschiedener Meinung. Ich selbst habe bis jetzt keinen Fall gesehen,
den ich mit Sicherheit als „Hemiplegia diphtherica" im wahren Sinne des
Wortes betrachten konnte. Bei einem 8jährigen Mädchen beobachtete
ich zwar unter allmälig zunehmenden Collapssymptomen eine plötzlich
auftretende Lähmung der ganzen linken Körperhälfte, aber die Section
wies als Ursache derselben Embolie der rechten Arteria foss. Sylvii
nach, welche von Thromben im linken Herzen ausgegangen war (S. 753),
und ich bin daher wohl im Recht, wenn ich zwei ähnliche, aber geheilte
Fälle in derselben Weise deute. Auf den einen werde ich später noch
zurückkommen; in dem zweiten war 6 Wochen nach Entstehung der
Diphtherie bei vollkommenem Wohlbefinden ohne vorausgegangene Gau-
menlähmung plötzlich Hemiplegia dextra eingetreten. Auch die
wenigen in der Literatur mitgetheilten Fälle von Hemiplegie scheinen
auf dieselbe Weise, d. h. durch Embolie, einzelne auch durch Haemorrhagie
des Gehirns entstanden zu sein3).
Behandlung. Ich kann heute leider nur wiederholen, was ich
schon 1874 2) aussprach: „Nach meinen Erfahrungen leisten alle bisher
empfohlenen Mittel (und ausser den Schwefelpräparaten glaube ich sie
fast alle versucht zuhaben) absolut nichts in den schweren Fällen
der Krankheit, und darauf kommt es doch allein an, da die leichteren
1) Nach Bernhardt (Virchow's Archiv. Bd. 99.) soll der Patellarreflex nach
Diphtherie überhaupt oft verschwinden, auch wenn keine paralytischen Symptome
vorhanden sind, und zwar soll sich dieser Mangel bisweilen erst 6—8 Wochen nach
Ablauf der Krankheit bemerkbar machen und Monate lang fortdauern können. Da
mir fast alle meine Patienten um diese Zeit schon aus den Augen kamen , so kann
ich über die Constanz dieser Erscheinungen nicht endgültig urtheilen.
2) Charite-Annalen. Bd. I. S. 599.
3) Mendel, Neurol. Centralbl. 1885. S. 133. — Seiffert, ibid. 1893.
No. 4.
Diphtherie. 763
auch ohne Zuthun der Kunst heilen." Ich glaube, dass alle erfahrenen
und besonders alle kritisch denkenden Aerzte darin mit mir überein-
stimmen. Die enorme Zahl der Mittel, von denen theilweise wahre
Wunderdinge berichtet werden, das Ausposaunen von Methoden, bei deren
Anwendung fast kein Kranker mehr gestorben sein soll, erklärt sich
eben daraus, dass diese gerühmten Dinge sich in leichten, allenfalls
auch mittelschweren Fällen, oder gar bei den so häufig mit Diphtherie
verwechselten catarrhalischen und cröupösen (S. 476) Anginen bewährten.
An den wirklich seh weren Fällen prallen sie erfolglos ab, und
wenn auch solche Fälle mit diesem oder jenem Mittel erfolgreich be-
handelt sein sollen, so erinnere ich daran, dass der Begriff „schwer*
bei den verschiedenen Beobachtern eben ein sehr verschiedener ist. Sie
werden mir daher erlassen, die vielen in der Literatur aufgeführten Mittel,
von denen ich nie einen Erfolg gesehen habe, hier zu wiederholen. Ob-
wohl meine Pflicht als Vorstand einer pädiatrischen Klinik mich nöthigt,
mit neu empfohlenen Mitteln Versuche anzustellen, gestehe ich doch
offen, dass die unzähligen Misserfolge mich dieser Pflicht nur zögernd
und mit grossem Misstrauen nachkommen lassen Alte, längst vergessene
Methoden werden von jüngeren Aerzten immer wieder laut angepriesen,
und besonders das Bestreben, die schuldigen Bacterien zu vernichten,
fördert immer neue „antibacterielle" Mittel zu Tage, welche bei näherer
Prüfung doch höchstens einen günstigen localen Einfluss, oft nicht ein-
mal diesen, auszuüben im Stande sind. Und wie könnte es auch anders
sein in einer Krankheit, bei welcher die Infection des ganzen Organis-
mus die Hauptrolle spielt, und die locale Rachenaffection, wenigstens zu
der Zeit, wo wir sie in der Regel zur Behandlung bekommen,
schon nebensächlich geworden ist. Nicht in den Bacillen als solchen
liegt die Hauptgefahr, sondern in ihren Toxinen, welche in der Säfte-
masse sich verbreiten. Was soll es also helfen, wenn man die Bacillen
local zu vernichten sucht, nachdem schon der Organismus durch sie
vergiftet ist, und der schon S. 730 erwähnte Befund der Bacillen im
Blute giebt dieser Ansicht eine neue Begründung. Ich gebe daher auf
alle Localmittel sehr wenig, wenigstens was ihre Heilwirkung auf die
Diphtherie betrifft; meine Hoffnung beruht einzig und allein auf der
Entdeckung eines die deletäre Wirkung des im Blute kreisenden Toxins
vernichtenden Mittels.
Ich verdenke es gewiss keinem Arzt oder Bacteriologen, wenn er
den Muth nicht verliert, nach einem Specificum gegen die furchtbare
Krankheit zu suchen; nur ist zu verlangen, dass die Empfehlung eines
764 Infectionskrankheiten.
solchen mit sorgfältigster Kritik der Beobachtung geschieht, noch mehr
aber, dass das empfohlene Mittel nicht schädliche Nebenwirkungen
entfaltet. Ein solches Beispiel bot uns das mit unverantwortlichem
Leichtsinn angepriesene Pilocarpin, von dessen bedenklicher Wirkung
in dieser an und für sich schon zum Collaps tendirenden Krankheit ich
mich wiederholt überzeugen konnte. Aber auch mit den localen Mitteln
sei man nicht allzu waghalsig. Die grossen Dosen von Carbolsäure,
Sublimat u. s. w., wie sie jetzt wieder zum örtlichen Gebrauch empfohlen
werden '), sind doch nicht ganz ungefährlich, weniger freilich für Er-
wachsene, als für Kinder, deren mangelhafte Intelligenz und Widersetz-
lichkeit das theilweise Verschlucken der applicirten giftigen Substanzen
fast unvermeidlich macht. Ueberdies kommt noch in Betracht, dass die
im bacteriologischen Culturverfahren geprüfte Wirkung dieser Mittel auf
die Bacillen in der Kinderpraxis, wo die Schwierigkeiten der Anwendung
sehr grosse, ja unüberwindliche sein können, die Erwartungen meistens
im Stich lassen dürfte.
Von allen infectiösen Krankheiten ist es nur das Malariafieber,
gegen welches wir ein Specificum kennen. Bei Scharlach, Masern,
Pocken, Typhus, Cholera, Pest u s. w. hat man sich längst resignirt,
ein solches zu finden, und die Hoffnung, gerade in Bezug auf Diphtherie
glücklicher zu sein, muss deshalb wohl erheblich herabgestimmt werden.
Bis jetzt hat sich noch jede Hoffnung als eine trügerische
erwiesen2), und so manches Wundermittel ist schon nach kurzer Frist
der verdienten Vergessenheit anheimgefallen. Vor allem wollen wir uns
nicht selbst betrügen. Wenn ich Ihnen also dasjenige Verfahren empfehle,
welches ich selbst nach vielfachen Versuchen beibehalten habe, so ge-
schieht dies nur aus dem Grunde, weil ich es wenigstens für rationell
halte, und mehr als die Hälfte aller Fälle, und zum Theil recht ernste,
dabei genesen sah. Aber ich sage ausdrücklich „post hoc', nicht „propter
hoc". Oertlich wende ich Gargelungen, bei kleineren Kindern, die
nicht zu gurgeln verstehen, fleissige Ausspritzungen der Rachen- und
Nasenhöhle mit verdünnter oder reiner Aqua calcis, mit einer Lösung
von Kali chloricum (10 : 500), Alumen aceticum (25 : 500), Borsäure
(3 — 4 pCt.), Essigsäure (4 : 100) und bei starkem Foetor mit Kali hyper-
manganicum (etwa '/4 pCt.) an. Am bequemsten ist die Anwendung
dieser Mittel in zerstäubter Form, weil man die dünne Spitze des
Spray-Apparats auch bei widerspenstigen Kindern leicht durch die Zähne
') Loeffler, Deutsche med. Wochenschr. 1891. No. 10.
-) Vergl. Lunin, Petersb. med. Wochenschr. 1885. No. 6.
Diphtherie. 765
zwängen und dann alle Theile der Rachenhöhle gleichmässig bespülen
kann1). Je häufiger dies Verfahren in Anwendung kommt, um so besser;
im Allgemeinen sind "2 — 3stündige Intervalle zu empfehlen. Von einer
specifischen, die Krankheitserreger vernichtenden Wirkung dieser Aus-
spülungen ist dabei gewiss keine Rede; der Zweck des Verfahrens ist
eben nur die möglichst vollständige Ausspülung der zersetzten Stoffe,
die Beseitigung des Foctor und die allmälige Lockerung und Lösung
festhaftender Exsudate. Bepinselungcn der kranken Theile, mit welcher
Flüssigkeit es auch sei, sind nur da empfehlenswerth, wo sie sich ohne
Gewalt machen lassen. Bei grosser Widerspenstigkeit regen sie die
Kinder immer stark auf, und können leicht Verletzungen der Schleim-
haut herbeiführen, welche der diphtherischen Infection Vorschub leisten-
Ich begreife daher am wenigsten den Rath Letzerich's, die Beläge
mit den Fingernägeln abzukratzen, denn gerade dies Verfahren müsste
den „Bacterien" erst recht die Thore des Organismus öffnen. Aus dem-
selben Grunde habe ich auch alle Aetzungen des Pharynx, ohne welche
man früher nicht auszukommen glaubte, längst aufgegeben, und ich
wundere mich nur, dass immer wieder neue Empfehlungen dieser ver-
urteilten Methode auftauchen. Während der letzten Jahre wendete
ich vielfach Pinselungen mit Acid. aceticüm (10: 100) an, ohne jedoch
mit dieser Methode bessere Resultate in schweren Fällen zu erzielen,
als mit den anderen localen Applicationen, z B. Ol. menthac und Gly-
cerin Zä- Mit allen diesen Dingen wird man, selbst wenn sie auf die
Bacillen vernichtend wirkten, fast immer zu spät kommen, weil die In-
toxication bereits erfolgt ist. Dasselbe gilt von der Anwendung des
Pacquelin' sehen Thermokauter, den wir in einem Falle unter Chloro-
formirung versuchten. Der Verlauf war, abgesehen von einer die Incision
erfordernden submaxillaren Phlegmone, glücklich, hat aber für mich keine
Bedeutung, weil der Fall keineswegs zu den schweren gehörte. Bequemer
auszuführen ist die Galvanokaustik, welche ich, veranlasst durch
dringende Empfehlungen2) in 9 Fällen anwendete. Auch hier sind die
') Nach Harnack (Berliner klin. Wochenschr. No. 18. 1888) soll Kalkwasser
nur als Pinselung oder Ausspritzung angewendet werden, weil es in zerstäubter Form
sofort in kohlensauren Kalk umgewandelt wird, und dabei seine lösende Wirkung auf
das Mucin der Pseudomembranen verliert.
2)Bloebaum, Deutsche med. Zeitung. 1885. No. 88; 1886. No. 39. —
Hagedorn, Deutsche med. Wochenschr. 1891. No. 28. u. 29; Bloebaum, ibid.
1892. 1. Die grosse Heilungsziffer der genannten Autoren ist mir nicht zuverlässig,
weil ein grosser Theil Erwachsene betrifft, und von einer bacteriologischen
Untersuchung der Fälle nichts erwähnt wird.
766 Infectionskrankheiten.
Schwierigkeiten gross, und bei aller Sorgfalt hat man doch nie die
Garantie, dass in der That alle erkrankten Partien ausgebrannt werden.
Von unseren 9 Fällen gingen 5 (die eigentlich schweren) zu Grunde, die
4 leichten wurden geheilt. Solche Resultate waren nicht geeignet, mich
zu weiteren Versuchen mit dieser Methode anzuregen.
Bei lebhafter entzündlicher Röthe und Schwellung der Rachentheile
lasse ich einen Eisbeutel um den Hals appliciren und häufig kleine
Eisstückchen schlucken, um die Entzündung zu massigen. Zum inneren
Gebrauch verordne ich von Anfang an Decoct. Ohinae (5 — 10:120)
mit Aq. chlori (10,0 — 15,0), dabei nahrhafte Diät (Milch, Fleisch-
brühe, Eier und Wein), welche freilich durch die vollständige Anorexie
vieler Kinder oft geradezu unmöglich wird. Bei unbesiegbarem Wider-
willen muss man zu ernährenden Klystieren (Fleischsolution, Pepton,
Bouillon mit Ei und Wein) und zur Ernährung durch die Schlundsonde
seine Zuflucht nehmen.
Diese Therapie, welche die Indication der Reinlichkeit, der Anti-
phlogose und der Tonisirung gleichmässig zu erfüllen sucht, hat wenig-
stens die Gefahrlosigkeit für sich. Entschieden widerrathen muss ich
aber alle Methoden, welche die schon vorhandene Tendenz zum Gollaps
noch steigern, besonders grosse Dosen von Kali chloricum, welche
ausserdem noch gefährliche Intoxication zur Folge haben können. Er-
folglos blieb auch Chinin, salicylsaures Natron, Natron sub-
sulphurosum und das vielgerühmte „bacterienmordende" Natron
benzoieum, welches wir sowohl innerlich, wie als Streupulver, in
mindestens 25 schweren Fällen versuchten, ebenso Brom, dessen In-
halation das Weiterkriechen des Processes nicht verhinderte, Chinolin
und Oleum terebinthinae, welches wir mit Wein vermischt (einen
Kaffeelöffel voll) den widerstrebenden Kindern beibrachten1). Auch Car-
bolsäure habe ich sowohl innerlich, wie als subcutane Injeotion neben
dem Zungenbein (0,03—0,05 pro Dosi) wiederholt ohne jeden Erfolg ver-
sucht und führe Ihnen zum Beweise ihrer Unwirksamkeit noch den Fall
eines 9jährigen Knaben mit Fractur des Oberarms an, welchem nach
der Resection des Humerus am 19. Juli ein Carbolverband angelegt
wurde. Der Urin wurde schwärzlich, aber trotz dieses deutlichen
Zeichens der Resorption bekam der Knabe am 18. August Diphtherie
mit consecutiver Gaumenlähmung. Ebenso erfolglos zeigte sich der Ge-
brauch des Arsenik und der subcutanen Injectionen von Sublimat
') Siegel, Archiv f. Kinderheilk. VI. 46. — Bungeroth, Charite-Annalen.
XI. 1886. S. 587.
Diphtherie. 767
(0,015 pro die), welche ich in einigen schweren Fällen versuchte1) Auch
örtlich (0,02 : 100) wirkte Sublimat nicht schlechter und nicht besser,
als die anderen zur Desinfection des Rachens von mir angewendeten
Mittel; überdies halte ich den fortgesetzten Gebrauch desselben für nicht
unbedenklich, wenn auch die ein- bis dreistündlich wiederholten Inha-
lationen einer zerstäubten Sublimatlösung keine ernstere Intoxications-
erscheinung bedingt haben sollen2). Die von mir versuchten Einstäu-
bungen einer mit Acidum muriaticum gesäuerten Sublimatlösung hatten
in schweren Fällen ebenso wenig Erfolg, wie Gurgelungen und Pinse-
lungen einer Lösung von Jodtribromid und Jodtrichlorid. Ueber
die locale Anwendung des Jodoform3) fehlt mir eigene Erfahrung, da-
gegen habe ich Pinselungen des Rachens mit Papayotin (auch mit
Pepsin) in vielen Fällen versucht und nur da local wirksam ge-
funden, wo die Auflagerung locker, mehr croupös war, während sie in
allen ernsteren, speckig infiltrirten Fällen nichts leistete4). Man weiss
aber, dass gerade in der ersten Reihe von Fällen die Abstossung auch
spontan sehr gut vor sich zu gehen pflegt, und ich sehe daher keinen
Gruud, die Kinder mit diesen Pinselungen zu quälen. Auch das in letzter
Zeit von uns versuchte /tf-Napthylaminchlorhydrat erwies sich allen
schweren Fällen gegenüber wirkungslos.
Fast waffenlos stehen wir auch dem diphtherischen Collaps gegen-
über, mag er sich nun von vorn herein oder erst im weiteren Verlaufe
der Krankheit geltend machen. Die bewährtesten Ex citantia: Campher,
Moschus, grosse Dosen von Wein, selbst bis zur Trunkenheit gegeben,
(S. 756), Strychnin, die Application des elektrischen Stroms auf
den Vagus — alles prallte an dem übermächtigen Gegner ab. Zu der
Zeit, als ich noch gewohnt war, Eisen, zumal Liquor ferri sesqui-
chlorati oder Tinctura nervina Bestusch. in allen Fällen von
Diphtherie von Anfang an zu geben, war dieser traurige Ausgang häufig
genug. Nur ausnahmsweise sah ich zu meiner Ueberraschung einen
glücklichen Ausgang, weiss aber nicht, ob ich denselben der Naturheil-
kraft oder den angewendeten Mitteln zuschreiben soll. Jedenfalls schienen
mir grosse Dosen von Campher (bis zu 1,5 pro die subcutan ange-
wendet) neben dem inneren Gebrauch von Tinctura nervina Bestusch.
') Kaulich, Prager med. Wochenschr. 1882. No. 19, 20.
2) Stumpf, Münchener med. Wochenschr. 1887. 12. — Escherich, Wiener
klin. Wochenschr. 1893. No. 7—10.
3) Korach, Deutsche med. Wochenschr. 1882. No. 36. — frühwald (Wien,
med. Wochenschr. 7. 1883) sah davon keinen Erfolg.
4) Kohts u. Asch, Zeitschr. f. klin. Med. Bd. V.
768 Infoctionskrankheiten.
Tinct. valerian aeth. ana, 2stündl. 20—30 gtt.) am besten zu wirken. —
Unsere ganze Hoffnung beruht auf der Entdeckung eines das diphthe-
rische Toxin vernichtenden Mittels. Ob die bis jetzt vorzugsweise an
Thieren angestellten Heilungsversuche durch Injection des Blutserums
von Schafen und Hunden, welche gegen Diphtherie immunisirt sind1)
sich auch am Menschen bewähren werden, ist abzuwarten. Meine eigenen
Versuche (9 Fälle, von denen 5 geheilt wurden) können wegen der ge-
ringen Zahl und der massigen Intensität der Krankheitserscheinungen
hier nicht in Betracht kommen. Die grosse Bedeutung dieser
Behring 'sehen „Serum therapie" verkenne ich gewiss nicht, kann aber
nicht verschweigen, dass, wenn diese Methode gegen Diphtherie in
grossem Umfange erfolgreich sein soll, sie auch gegen die „septische
Mischinfection" wirksam sein müsste, denn gerade diese Combination ist
für den Arzt die trostloseste. Mit den nicht septischen Fällen werden
wir auch ohne Serumtherapie oft genug fertig.
Bis jetzt kennen wir auch kein Mittel, welches im Stande wäre,
der Ausbreitung der Diphtherie in die Respirationswege Schranken
zu setzen. Wir sind leider auf das Abwarten angewiesen, und kommen
erst mit dem Eintritt der croupösen Symptome in die Lage, an eine
Aenderung der bisher befolgten Therapie zu denken. Von der Anwen-
dung antiphlogistischer Mittel, welche beim primären Croup (S. 353) in
Betracht kommen, haben wir hier gänzlich abzusehen; sie sind nicht
nur nutzlos, sondern können auch durch ihre schwächende Wirkung ge-
fährlich werden; dasselbe gilt von den Brechmitteln, von denen ich nie
dauernden Erfolg, vielmehr oft eine beunruhigende collabirende Wirkung
beobachtet habe. Ein paar Mal glaubte ich zwar durch energische Mer-
curiaieinreibungen (1,0 Ung. einer. 2stündlich) Heilung erzielt zuhaben,
und fand mich dadurch bewogen, die Schmiercur in einer grösseren Zahl
von Fällen zu versuchen. Diese Versuche fielen aber so unglücklich aus,
dass ich jene vereinzelten Erfolge nur als glückliche Zufälle betrachten
konnte, und die Mercurialcuren vollständig aufgab. Ich kann mich da-
bei auf den Fall eines 1 '/Jährigen Knaben berufen, welcher in der
Klinik wegen Syphilis mit einer Schmiercur behandelt wurde und sogar
leichten Ptyalismus bekam, trotzdem aber am Schluss dieser Cur von
') Behring, Deutsche med. Wochenschr. 1891. No. 52; Zeitschr. f. Hygiene.
Bd. XII. 1892; die Geschichte der Diphtherie. Leipzig 1893. — Behring, Boer
u. Kossei, Deutsche med. Wochenschr. 1893. No. 17 u. 18. — Die von Klemen-
siewiez und Escherich (Centralbl. f. ßacteriol. XIII. 1893. No. 5, 6) angestell-
ten Thierversuche mit menschlichem Diphtherieserum bilden trotz ihrer geringen
Zahl einen beachtenswerthen Beitrag zu dieser Methode.
Diphtherie. 769
Rachendiphtherie befallen wurde. Dass der diphtherische Croup hie und
da spontan, also auch bei der Anwendung sehr verschiedener Mittel
heilen kann, bestreite ich keineswegs, und habe schon oben (S. 739)
darüber gesprochen. Jedenfalls aber sind diese Heilungen, zumal wenn
die croupösen Erscheinungen einen hohen Grad erreicht hatten, Ausnah-
men. Unter 578 Croupfällen sah ich nur 3 auf diese Weise günstig
enden, während 66, welche sich nicht zur Tracheotomie eigneten, ohne
Operation zu Grunde gingen, und 509 tracheotomirt werden mussten').
Die Operation ist nach meiner Ueberzeugung das einzige Mittel, von
welchem man sich noch Hülfe versprechen darf, und ich rathe Ihnen
daher, sie in allen Fällen vorzunehmen, welche sich nicht bereits in
Agone befinden oder sehr schwere Infectionssymptome darbieten. Das
zarte Alter der Kinder darf nicht abschrecken. Sind auch die Aus-
sichten für die Tracheotomie nach dem vollendeten dritten Jahre weit
günstiger als zuvor, so fehlt es doch nicht an Beispielen des Gelingens
bei Kindern im zweiten, ja selbst im ersten Lebensjahre, und auch in
meiner Klinik gelang es wiederholt, solche Kinder durch die Tracheoto-
mie zu retten. Von grosser Wichtigkeit ist es, nicht zu spät zu
operiren, wenn bereits Cyanose, Kühle der Extremitäten, äusserste
Orthopnoe vorhanden sind. Obwohl man auch unter diesen Umständen
nicht von der Operation abstehen soll, ist es doch immer gerathen, so-
fort zu operiren, wenn die localen Zeichen der Larynxstenose (anhal-
tender Stridor beim Athme, croupöser Husten, Einziehung des Jugulum
und der unteren Rippen) eingetreten sind. Man hat dabei nichts zu ver-
lieren, aber alles zu gewinnen. Selbst eine nachweisbare Pneumonie
giebt meiner Ansicht nach keine Oontraindication, da trotz derselben die
Operation wiederholt erfolgreich war. Nur die Verbindung hochgradi-
ger infectiöser Symptome mit den croupösen, also Somnolenz, Sopor,
septisches Fieber, Purpura, elender Puls, Sinken der Temperatur, colos-
sale harte Anschwellung der submaxillaren Region, geben für mich eine
Oontraindication gegen die Tracheotomie.
Man darf nie vergessen, dass die Operation nur die Larynxstenose
compensirt und die Respiration wieder möglich macht, auf die Diphtherie
selbst aber keinen Einfluss ausübt. Diese kann zwar nach der Operation
stillstehen und heilen, ebenso gut aber ihren verderblichen Fortgang
nehmen, wie in den Fällen, welche nicht in Croup übergegangen, also
auch nicht operirt worden sind. Daraus erklärt sich denn auch die
grosse Mortalität der operirten Fälle. Unter 509 Tracheotomirten brach-
') Ueber dio Intubation des Larynx vergl. S. 354.
Heuoch, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Auti. 49
770 Infectionskrankheiten.
ten wiretwal6 — 18pCt.durch,ein überaus ungünstiges Resultat, welches mit
den weit günstigeren Operationsstatistiken Anderer, die von 30 bis 45
pOt. Heilungen zu erzählen wissen, recht traurig contrastirt. Der Grund
dieser Differenz liegt, wie ich glaube, vorzugsweise darin, dass die Fehler,
welche der medicinischen Statistik überhaupt anhaften, gerade bei dieser
Gelegenheit sich besonders stark fühlbar machen. Zunächst habe ich in
meine Statistik sämmtliche Todesfälle eingerechnet, welche überhaupt bei
tracheotomirten Kindern vorkamen. Ein grosser Theil derselben wurde fast
sterbend eingebracht, und manche starben in der That schon während
oder unmittelbar nach der Operation. Ein bedeutendes Oontingent
lieferten ferner die Kinder, welche sich noch im ersten und zweiten Le-
bensjahre befanden, bei denen bekanntlich die Aussichten auf Erfolg der
Tracheotomie an und für sich schon ungünstige sind. Dazu kamen viele,
die wenige Tage nach derselben von anderen Infectionskrankheiten, am
häufigsten von Scharlach befallen wurden und an dieser Oomplication
zu Grunde gingen. Noch viel mehr erlagen der Bronchopneumonie und
Bronchitis fibrinosa, die auch ohne Tracheotomie so häufig bei Diph-
therie sich entwickelt, viele auch erst später dem diphtherischen Collaps,
der von der Operation gewiss ganz unabhängig ist. Rechnet man dazu
den meistens sehr deletären Oharacter der in unsere Klinik gebrachten
Fälle und die elende Constitution vieler den ärmsten Volksklassen an-
gehörenden Kinder, die zum grossen Theil tuberculös, rachitisch oder
anderweitig krank waren, so wird man unsere schlechten Erfolge wohl
begreiflich finden. Auch würde der Procentsatz der geheilten sich ganz
anders gestalten, wenn ich statt der Gesammtziffer mit kleineren
Gruppen rechnete; denn dabei ergaben sich je nach den verschiedenen
Zeiten Heilungsziffern von nur 11, aber auch 22 bis 28 pCt. Und noch
einmal bemerke ich, dass unsere Statistik sich nur auf den diphtheri-
schen Croup bezieht, während der primäre, entzündliche Croup ein bei
weitem günstigeres Resultat (über 60 pCt ) ergab (S. 352). In der
Privatpraxis waren die Erfolge der Tracheotomie ungleich bessere, als
in der Klinik '), und ich kann nicht leugnen, dass die früheren sehr
schlechten Localverhältnisse der klinischen Diphtherieräume einen Theil
der Schuld tragen. Wenigstens hat sich meine Hoffnung, dass unsere
neuen, nach allen Regeln der Hygiene erbauten Isolirpavillons auch
die Resultate der Tracheotomie günstig beeinflussen würden, in der That
') Dies kommt auch bei den ungewöhnlich günstigen Operationsresultaten
Ranke's in Betracht, dessen Objecto sämmtlich der poliklinischen und Privatpraxis
angehörten. Jahrb. f. Kinderheilk. XXIV. S. 225.
Diphtherie. 771
bewährt, und es gelingt jetzt bisweilen eine Reihe von 6—7 Kindern
hintereinander durch die Operation zu retten. Alle diese Verhältnisse in
der Statistik sorgfältig zu berücksichtigen, halte ich für unmöglich, und
deshalb werden die Resultate der verschiedenen Beobachter immer grosse
Abweichungen von einander darbieten.
Die Hauptursache der Mortalität nach der Tracheotomie ist, wie
unsere Sectionen ergaben, einfache oder croupöse Bronchitis und Broncho-
pneumonie, welche nicht etwa als Folge der Operation betrachtet
werden dürfen, vielmehr auch in nicht croupösen Fällen von Diphtherie
oft genug vorkommen, und auch durch Tamponade der Trachea mit
Jodoformwatte oder Pressschwamm nicht zu verhüten sind. Grosse
Frequenz und Oberflächlichkeit der Athemzüge ist daher schon vor der
Operation immer ein böses Zeichen, weil sie uns die Theilnahme der
Bronchien und Lungen verkündet, und aus demselben Grunde ist der
Auswurf röhriger oder gar verzweigter Membranen durch die Canüle
nach der Tracheotomie ein schlechtes Symptom. Fälle, in welchen
nach dem Auswurf oder der Extraction zusammenhängender, dichotomisch
verzweigter oder gar einen verästelten Baum darstellender Pseudomem-
branen dennoch Heilung erfolgte, habe ich zwar selbst beobachtet, sie
gehörten aber, wie ich schon bemerkte, zu den Ausnahmen. Die bron-
chitischen und pneumonischen Oomplicationen lassen nach der Operation
kaum eine Milderung des Zustandes aufkommen; wenn auch die Sym-
ptome der Larynxstenose schwinden, so nimmt doch die Respiration an
Frequenz noch zu (60—70 in der Minute), die Temperatur verharrt auf
39—40° und darüber, und der Tod pflegt schon nach wenigen Tagen
einzutreten.
In den meisten Fällen bringt aber die Operation eine so auffallend
günstige Veränderung hervor, dass Unerfahrene, zumal Laien, sich den
besten Hoffnungen hingeben. Leider werden diese sehr häufig nach
wenigen Tagen herb enttäuscht. Der bisher ruhige Athem wird wieder
frequent und dyspnoetisch, das Fieber steigt von Neuem, und die Unter-
suchung ergiebt, dass die gefürchtete Complication von Seiten der
Bronchien und Lungen eingetreten ist. Diese Gefahr ist durch kein
Mittel mit Sicherheit zu verhüten. Wie vielfach empfohlen wird, füllten
auch wir in vielen Fällen das Zimmer mit einem durch Dampfspray
erzeugten Nebel von Wasserdampf1), liessen fleissig Inhalationen von
zerstäubter Kochsalzlösung oder Aq. calcis durch die Oanüle machen,
und dennoch verloren wir eine grosse Zahl dieser Kinder durch croupöse
') Jacubasch, Berliner klin. Wochenschr. 1882. No. 22.
49"
772 lofectionskrankheiten.
Bronchitis und Pneumonie. Aber noch andere Gefahren können nach
der Operation das Leben bedrohen, zunächst diphtherische Infil-
tration der Incisionswunde, welche mitunter ausgedehnte necro tische
Zerstörungen der vorderen Halspartie herbeiführt, ferner Erysipelas
migrans, welches wir öfter mit starker Blasenbildung bis zum Kinn und
Epigastrium sich ausbreiten, und unter heftigem Fieber und Collaps
tödtlich enden sahen. Auch Blutungen aus der diphtherisch gewor-
denen Wunde, aus der durchschnittenen Schilddrüse, aus der durch die
Canüle ulcerirten Trachea, selbst aus der usurirten Arteria anonyma
können gefährlich und letal werden'). Zu den sehr störenden, aber nicht
seltenen Ereignissen gehört auch das Ausfliessen der Getränke aus
der Canüle, oder wenn diese schon herausgenommen ist, aus der Tracheal-
wunde, während feste Nahrungsmittel besser geschluckt werden, aber
doch leicht in die Athemwege gerathen und heftigen Husten erregen.
Die Ursache dieses Symptoms, welches die Ernährung des Operirten
wesentlich erschwert, kennen wir nicht sicher. Um eine Unfähigkeit der
Epiglottis, den Larynx während der Deglutition zu schliessen, kann es
sich kaum handeln, da Menschen mit ansehnlichen Defecten des Kehl-
deckels diesen Uebclstand nicht darzubieten brauchen. Eher scheint ein
Offenstehen der Glottis in Folge von Lähmung die Ursache derselben zu
sein. Durch die Einführung einer Obturationscanüle oder eines Tracheal-
tampons kann man hier günstig einwirken, aber auch durch ausschliess-
lich feste Nahrung (Eier, geschabtes Fleisch), durch Anwendung ernäh-
render Klystiere oder durch Ernährung mittelst der Schlundsonde
gelang es uns, die Kinder zu erhalten, da diese Störung der Deglutition
nur einige Tage, höchstens eine Woche anzuhalten pflegt. In einigen
Fällen haben wir aber die Schlundsonde 24-30 Tage ohne Unterbrechung
angewendet, um das Hineingelangen von Nahrungsstoffen in die Luftwege
möglichst zu verhüten. Denn unter diesen Umständen liegt immer die
Gefahr einer Schluckpneumonie nahe, die fast immer letal endet.
Dass aber auch bei einer Combination so erschwerender Um-
stände der Ausgang noch ein günstiger sein kann, lehrt der fol-
gende Fall:
Anna K., G jährig, am 28. Januar mit diphtherischem Croup aufgenommen.
Tracheotomie am 29. mit Entleerung mehrerer pseudomembranöser Fetzen. Wäh-
rend der folgenden Wochen (bis zum 7. Tage) Ausfliessen aller Getränke aus
der Trachealwunde mit zunehmendem Kräfteverfall (lilystiere von Milch, Eigelb und
') Zimmerlin, Jahrb. f. Kinderheilk. Bd. 19. 1882. S. 39. — Fontanek,
ibid. Bd. 33. Heft 3. 1892.
Diphtherie. 773
Bouillon, später Leube'sche Fleischklystiere). Am 7. Februar schluckte sie zuerst
ein weich gekochtes Ei, vom 18. an wieder alle Flüssigkeiten. (Seit einer Woche
täglich 2 mal 2 Tropfen Liq. ferri sesquichlor. in einem Theelöffel fein geschabten
Rindfleisches). Von Anfang an bestand Albuminurie mit Cylindern im Harn,
welche 3 Wochen lang bis zum 19. Februar dauerte. Die Trachealwunde wurde
diphtherisch, und ein schon bestehender Bronchialcatarrh complicirte sich am
16. Tage nach der Operation mit Bronchopneumonie im linken Oberlappen
(Temp. bis 38,8). Vom 18. Februar an Schwinden des Fiebers, am 2. März klang-
volle Stimme. Geheilt entlassen.
In 8 Fällen traten etwa 12—48 Stunden nach der Tracheotomie
epileptiforme Convulsionen ein, welche tödtlich endeten. Ob diese
als Initialsymptom einer Pneumonie, oder als Erscheinungen der In-
anition, oder als urämisches Symptom aufzufassen waren, will ich nicht
entscheiden; jedenfalls fand sich in der Schädelhöhle kein erklärender
Anlass. —
Bei günstigem Verlauf konnte die Oanüle in der Regel schon am
6. Tage nach der Operation entfernt werden, was natürlich immer sehr
vorsichtig unter ärztlicher Beobachtung, und nach vorausgeschickter Probe
durch einen obturirenden Pfropf geschah. Durch starke Wulstung der
Schleimhaut, zumal über den Aryknorpeln, welche das Lumen des Kehl-
kopfes beeinträchtigt, kann indess die Herausnahme der Canüle verzögert
werden. So konnten wir z. B. bei einem Knaben, welcher am 7. Januar
operirt war, erst am 31. die Röhre entfernen, weil bis dahin jeder Ver-
such dazu sofort Orthopnoe erzeugte und die Untersuchung mit dem
Spiegel immer noch bedeutende Schwellung der Mucosa ergab. Unter
diesen Umständen hat man zu bedenken, dass eine ungewöhnlich lange
in der Trachea liegende Canüle, mag sie auch noch so gut gearbeitet
sein, durch ihren Druck die Schleimhaut reizen, sogar ein Decubital-
geschwür derselben, welches in der Regel etwa 2 — 2'/2cm. unterhalb der
Wunde sich befindet, erhebliche Blutungen und schliesslich polypöse
Wucherungen zur Folge haben kann. Ist es aber erst zu diesen ge-
kommen, so kann von einem Herausnehmen der Oanüle um so weniger
die Rede sein, bis es endlich gelingt, durch den Thermokauter, durch
Aetzung oder durch Auskratzen die Wucherungen der Schleimhaut und
damit die Gefahren der Stenose zu beseitigen. Zu diesem Zweck kann
sogar eine Wiederholung der Tracheotomie erforderlich werden. Zu dicke
und besonders sehr scharfrandige Canülen sind natürlich am schädlich-
sten, besonders wenn sie nicht regelmässig herausgenommen und gereinigt
werden').
') Im Ganzen bleiben nach der Operation doch nur selten üble Folgen zurück.
774 Infectionskrankheiten.
Ich werde mich immer eines 4jährigen Knaben erinnern, welcher bereits vor
4 Wochen in der Stadt operirt worden war, und dessen Canüle nach Aussage des
Vaters seitdem anhaltend in der Wunde gelegen hatte. Als nun am 6. März 1878
die Canüle, welche viel zu dick für den vorliegenden Fall erschien, in der Klinik mit
vieler Mühe herausgenommen wurde, entleerte sich eine Menge von blutigem Eiter
aus der Trachea und dem umgebenden Bindegewebe. Nach zwei Stunden machte der
Eintritt von Orthopnoe das Einlegen einer dünneren Canüle nothwendig, welche aber
am folgenden Tage für immer entfernt werden konnte. —
In den chirurgischen Lehrbüchern werden Sie noch verschiedene
Hindernisse angegeben finden, welche sich der Entfernung der Canüle
entgegenstellen. Oft sind sie schwer zu erkennen, aber im Allgemeinen
kommt man mit Geduld schliesslich doch zum Ziel und thut daher gut,
nicht voreilig eine zweite Tracheotomie vorzunehmen. Unter den Hinder-
nissen schien mir die Furcht des Kindes vor der Entfernung der ge.
wohnten Canüle eine wesentliche Rolle zu spielen. Diese bekannte
Thatsache konnten wir wiederholt bestätigen. In solchen Fällen athmen
die Kinder nicht selten eine bis zwei Stunden nach der Herausnahme so
gut wie Gesunde; aber jeder Gemüthsaffect, sogar ein freudiger, genügt,
um sofort einen stenotischen Anfall hervorzurufen. Hier muss also ein
spastischer Affect der Glottismuskeln mit im Spiele sein. Mit der Zeit
gewöhnt sich das Kind mehr und mehr daran, durch den Kehlkopf zu
athmen und damit schwinden auch die stenotischen Anfälle. Die Freunde
der Intubation empfehlen dies Verfahren ganz besonders für die Fälle
von erschwertem „Decanulement" ; wir sind aber fast immer auch ohne
Intubation zum Ziel gekommen, wenn auch mitunter erst nach vielen
Wochen ').
Wie andere Verwundete (S. 693), zeigten auch die tracheotomirten
Kinder, welche sich in meiner Klinik befanden, eine besondere Tendenz
zur Infection mit Scharlach, welches mitunter schon 24 Stunden,
höchstens ein paar Tage nach der Operation ausbrach, und nicht selten
tödtlich verlief. Ein 6jähriger Knabe, welcher nach der Tracheotomie
Neu komm (Ueber spätere Folgezustände nach der Tracheotomie. Zürich, 1885) fand
von 79 Kindern, die er 1 bis 3 Jahre nach derselben untersuchte, 58 ganz normal;
nur 8 boten Störungen dar, die man von der Operation selbst herleiten durfte. Jenny
beobachtete nur in 2 pCt. der geheilt entlassenen Kinder stärkere functionelle Stö-
rungen (Dyspnoe, Heiserkeit) als Residuen der Operation (Zur Tracheotomie bei Diph-
therie und Croup im Kindesalter. Leipzig 1881).
') Nach Hagenbach (Correspondenzbl. d. Schweizer Aerzte XXIII. 1893) soll
auch die Retention von Bronchialsecret das ,, Decanulement" verzögern. Ein paar
Stunden nach demselben erfolgt starke Dyspnoe, welche nach Wiedereinführung der
Canüle durch die erleichterte Expectoration beseitigt wird.
Diphtherie. 775
viele membranöse Fetzen entleert hatte, machte innerhalb der nächsten
Wochen ausser dem Scharlach noch Bronchopneumonie und Nephritis
durch, entleerte aber während dieser ganzen Zeit fast täglich immer
noch Fetzen von Pseudomembranen aus der Wunde. In einem
anderen Falle wurden noch in der 5. Woche nach der Operation Mem-
branfetzen aus der Canüle, die man deshalb nicht zu entfernen wagte,
ausgeworfen. Fälle dieser Art, in welchen der croupöse Process in der
Trachea und den grossen Bronchien noch Wochenlang nach der Ope-
ration fortbesteht, sind im Ganzen selten, können aber erfahrungsgemäss
einen guten Ausgang nehmen. In der Literatur existiren Beispiele, in
welchen die Ausstossungen croupöser Fetzen und Röhren aus den Bronchien
noch 61, ja sogar 151 Tage nach der Operation fortdauerten, und den-
noch Heilung erfolgte'). —
Was endlich die Behandlung der diphtherischen Paralysen be-
trifft, so heilen die leichten, besonders die auf den Gaumen beschränkten
Fälle nicht selten spontan oder unter der Anwendung eines tonisirenden
Verfahrens (gute Diät, Eisen, frische Luft). Wo sich die Heilung ver-
zögert, da empfehle ich Ihnen die von mir seit 1874 in vielen Fällen
angewendeten subcutanen Injectionen von Strychnin, welche fast
zu derselben Zeit von A cker 2) bei Erwachsenen versucht wurden. Obwohl
schon früher (z. B. von Trousseau als Strychninsyrup) empfohlen, scheint
dies Mittel doch gerade in der Kinderpraxis Bedenken erregt zu haben.
Die zahlreichen von mir mit dieser Methode behandelten Fälle beweisen
aber, dass bei angemessener Dosirung und Vorsicht auch bei Kindern
nichts zu fürchten ist.
Zwei bereits früher von mir mitgetheilte Fälle3), von denen der eine
im Ganzen 0,012, der andere 0,02 Strychninum sulphuricum bis zur
Heilung verbrauchte, gaben durch die Schnelligkeit des Erfolgs,
welcher schon nach den ersten Injectionen bemerkbar war, den Beweis,
dass in der That das Strychnin die Heilung bewirkte oder wenigstens
bedeutend förderte, und meine seitdem gemachten Erfahrungen bestätigen
dies günstige Urtheil:
Otto H., 7 Jahre alt, am 21. Juni in der Poliklinik vorgestellt. Vor dreiWochen
Diphtherie. Seit 8 Tagen näselnde Sprache, Dysphagie, Ausstossen der Nahrung, be-
sonders der Getränke, aus Nase und Mund. Gaumensegel unbeweglich, aber sensibel.
') Cadet de Gassicourt, Revue mens. Janv. 1883. — Sänne, Traite de la
diphtherie. p. 55.
2) Deutsches Archiv f. klin. Med. Bd. XIII. Heft 4 u. 5.
3) Berliner klin. Wochenschr. 1875. No. 17.
77f> Infectionskrankheiten.
Sehen in der Nähe gestört, Flimmern vor den Augen. Kopf vornüber gehalten, mit
Mühe aufzurichten. Gang unsicher, leichte Ermüdung, Schwanken beim Augenschliessen.
Sonst gesund. Injection von Strychnin. sulphur. 0,001, später 0,002 einen um den
anderen Tag in der Nackengegend. Besserung schon am 28. deutlich bemerkbar.
Am 14. Juli nach 15 Einspritzungen alles normal.
Ida W., 8 jährig, am 16. August vorgestellt. Am 3.. Juli an Diphtherie erkrankt,
schon nach einer Woche geheilt. Seit mindestens 14 Tagen nasale Sprache, Aus-
stossen der Getränke durch die Nase, Accommodationsstörungen, Parese der unteren
Extremitäten. Innerlich Eisen. Dabei Injectionen von Strychnin (0,002 täglich). Am
31. nach 11 Einspritzungen fast völlige Heilung.
Clara Z., 4jährig, am 16. Juni vorgestellt. Vor 3 Wochen Diphtherie. Seit
etwa 10 Tagen Sprache näselnd, Flüssigkeiten aus der Nase wieder ausgestossen,
Gaumensegel unbeweglich und anästhetisch, Uvula sehr schlaff. Parese der Beine.
Strychnin. 0,001 täglich im Nacken injicirt. Schon am 22. nach 4 Injectionen Trinken
leichter. Dosis auf 0,002 gesteigert. Am 30. nach 10 Injectionen Heilung.
Anna W., 7 jährig, am 3. April vorgestellt. Vor 5 Wochen Diphtherie. Seit
3 Wochen Gaumenlähmung und Sehschwache. Eisen und Strychnineinspritzungen.
Schon am 5. Sprache etwas besser; am 7. loichte Bewegungen des Gaumensegels;
am 10. Sprache und Trinken besser. Am 22. alles normal. Eisen als Nachcur.
Kind W., 3'/2 Jahre alt. Vor 4 Wochen Diphtherie; in Folge davon Gaumen-
lähmung, grosse Schwäche und Blässe. Seit 3 Tagen plötzlich Parese der Beine,
so dass das Kind nur' schwer mit Unterstützung gehen konnte. Leichte Albumi-
nurie. Eisen und Strychnininjectionen (0,001) täglich. Nach 14 Einspritzungen
völlige Heilung.
Adolf D., 4 jährig, am 8. October in der Poliklinik vorgestellt. Vor
3 Wochen Diphtherie, seit 14 Tagen sehr erhebliche Gaumenlähmung (Sprache kaum
verständlich) und Parese der unteren Extremitäten mit ataktischem Schwan-
ken. Sonst gesund. Nach 5 Strychnininjectionen (0,002) Sprache schon viel deut-
licher, Trinken fast normal, Velum etwas bewoglich, Gang besser, nur noch grosse
Unsicherheit beim Umdrehen. Am 30. fast alle Erscheinungen verschwunden. Aus
der Cur fortgeblieben.
Elise S., 4jährig, am 17. Decbr. in die Klinik aufgenommen. Vor 6 Wochen
Diphtherie und Croup. Mit Erfolg tracheotomirt. Seit 3 Wochen Gaumen- und
jetzt auch Lähmung der unteren Extremitäten. Erstere schon beinahe ge-
heilt. Beine ganz schlaff, absolut unbeweglich, auch die Arme schwach, so dass
joder Lagewechsel nur mit fremde Hülfe möglich ist. Sensibilität normal. Strychnin
0,002 täglich injicirt. Vom 21. an, also schon nach 5 Tagen, Flexion im Knie-
gelenk möglich; am 23. konnte das Kind mit Unterstützung etwas gehen. Nach
weiteren 14 Tagen völlige Heilung.
Gustav K., 8jährig, aufgenommen am 3. October mit halbseitiger diphtheri-
tischer Gau menlähmung. Gleichzeitig bestand reichlicher, kraftloser Husten,
Dyspnoe, diffuser doppelseitiger Bronchialcatarrh, Dämpfung und klingendes Rasseln
am unteren Theil der linken Rückenfläche. Temp. Ab. 38,5. Diagnose: Broncho-
pneumonie, drohende Lähmung der respiratorischen Muskeln, Gaumenparalyse.
Thorapio: Täglich Injection von 0,002 Strychnin, später 0,004. Innerlich Campher
0,2 3 stündlich, reichlich Wein und kräftige Diät; ernährende Klystiere von Wein,
Diphtherie. 77 7
Eigelb und Bouillon wegen des erschwerten Schluckens. In den nächsten Tagen
bessere Expectoration, sonst Status idem. Vom 10. October an Besserung, Fieber
verschwindet, am I.November Aussetzen des Strychnin. Am 22. November
geheilt entlassen.
Mädchen von 6 Jahren, Diphther. Paralyse des Gaumens, Aphonie. Läh-
mung der Extens. digit. comm. beider Hände mit Flexionsstellung der Finger, Ataxio
und Zittern der Beine. Patellarreflex fehlend. Unter Strychnininjectionen nach
14 Tagen Heilung.
Mädchen von 9'/2 Jahren, erkrankt am 21. November an Diphtherie, am
25. wegen Croup tracheotomirt (Entleerung einer 21/.2 Ctm. langen Pseudomembran^.
Starke Albuminurie. Am 1. December Gaumenlähmung; am 2. Entfornung der
Canüle, den 7. grosse Seh wache, P. 52, unregelmässig, klein, Anfälle von
Ohnmächten, cadaveröse Blässe; Besserung nach Campherinjectionen, P. 104. Re-
spiration vom 10. an kurz, oberflächlich, mühsam, 52, wiederholtes Erbrechen.
Albuminurie und Dysphagie fortdauernd, letztere absolut, so dass das Kind mit
der Schlundsonde mehrmals täglich ernährt wurde. Den 18. R. 68, dyspnoetiscb,
leichtes Trachealrasseln, Untersuchung sonst normal. P. 120, klein. Lähmung der
Nackenmuskeln, Aphonie und Ataxie der unteren Extremitäten. Therapie:
3 Mal täglich Injection von Campher, und 1 Mal täglich von Strychnin 0,002, später
0,003. Vom 22. an Besserung der Respiration, die bis zum 31. auf die normale
Zahl herabgeht; Albuminurie verschwunden. Vom 1. Januar 1886 an wird noch
die „Galvanisirung des Phronicus" hinzugefügt, die Strychnininjectionen aber
täglich fortgesetzt. Während alle Symptome sich bessern, schiebt sich vom 2. bis
12. eine Hemiparese der linken Gesichts- und Körperhälfte dazwischen, welche
ich als eine embolische (S. 762) betrachten zu müssen glaubte. Mitte Februar
völlige Heilung.
Sie sehen also, dass man selbst in schweren Fällen, wie die beiden
letzten, bei drohender Athmungs- und Herzlähmung, nicht verzweifeln,
sondern consequent bei der Anwendung von Strychnin und Excitantien
(Campher, Wein) beharren soll. Unter diesen Umständen rathe ich auch
zur gleichzeitigen Anwendung der Elektricität, deren verdienter Ruf
durch die Empfehlung der Strychnineinspritzungen in keiner Weise ge-
schmälert werden soll. Bei vollständiger paralytischer Dysphagie ist
das Eingiessen von Milch, Eigelb und Bouillon durch die Schlund-
sonde, wie es im letzten Falle geschah, den ernährenden Klystieren
vorzuziehen. Nicht dringend genug kann körperliche Ruhe bei der
diphtherischen Lähmung empfohlen werden. Jede Muskelanstrengung
vermag durch Ueberreizung des geschwächten Herzmuskels bedenkliche
Zufälle herbeizuführen. Man halte deshalb die Kinder, zumal solche,
deren Paralyse über das Gaumengebiet hinausgreift, so lange als möglich
im Bett. Aus diesem Grunde sind auch Bäder nur mit Vorsicht zu
gebrauchen. Vermeidet man aber bei denselben möglichst active Be-
wegungen des Patienten, so dürften besonders kohlensaure Eisenbäder
778 Infectionskrankheiten.
(Pyrmont, Schwalbach, Cudowa) mit Erfolg zu verordnen sein1). — Dass
mit dem Augenblick der auf Diphtherie gestellten Diagnose auch die
vollständige Isolirung des Kranken eintreten muss, ist selbstverständ-
lich. Wo sie nicht im Hause möglich ist, sind die Kranken den Isolir-
stationen der Krankenhäuser zu überweisen. Mit dem Rathe Löffler's,
die Genesenen wegen der Tenacität der Bacillen mindestens vier
Wochen von der Schule fern zu halten, stimme ich vollständig
überein. Theoretisch ist auch die Empfehlung, gesunde Kinder, welche
der Ansteckung ausgesetzt sind, täglich mit desinficirenden Flüssig-
keiten gurgeln zu lassen, also eine Art von Prophylaxe, gewiss ge-
rechtfertigt. Aber die Gefahr der Infection ist ja bei uns immer vor-
handen, und die Familien, in denen das empfohlene Verfahren conse-
quent durchzuführen ist, werden daher immer in der Minorität bleiben,
ganz abgesehen davon, dass kleine Kinder überhaupt nicht zu gurgeln
verstehen.
V. Der Typhus abdominalis.
Der folgenden Schilderung lege ich 375 Fälle, von denen 325 auf
meiner klinischen Abtheilung und 50 in der Privatpraxis beob-
achtet wurden, zu Grunde. Dazu kommt noch eine grosse Reihe anderer
Fälle, von denen ich nur Notizen, aber keine vollständigen Kranken-
journale besitze.
Schon aus diesen Zahlen ersehen Sie, dass die frühere Ansicht von
der Seltenheit des Ueotyphus bei Kindern auf einem Irrthum beruhte.
Rilliet2) und Taupin3) haben das Verdienst, durch ihre Arbeiten
diesen Irrthum zerstreut zu haben. Der grösste Theil der Fälle, welche
die älteren Autoren unter dem Namen „Febris meseraica" oder „Febris
gastrica remittens" beschrieben, gehört der leichten, dem Kindesalter
vorzugsweise eigenen Form des Ueotyphus an. Die exactere anatomische
Untersuchung und besonders die Anwendung des Thermometers haben
darüber keinen Zweifel gelassen.
Allerdings bietet die pathologische Anatomie des Abdominaltyphus
bei Kindern im Grossen und Ganzen nicht die prägnanten Erscheinungen
dar, wie bei Erwachsenen. Sind auch die „parenchymatösen" Verän-
derungen der inneren Organe (des Myocardium, der Leber, Nieren u. s. w.)
und die Hyperplasien " der ?Mesenterialdrüsen dieselben, so zeigen sich
') Scholz, Ueber schwere diphtherit. Lähmungen. Berlin, 1887.
2) De la fievre typhoide chez les enfants. These. 1840.
3) Journal des connais. med. chir. Nov., Dec. 1839. Jan. 1840.
Ileotyphus. 779
doch im Darmkanal gewisse Differenzen. Schon Rilliet machte auf
die mildere Form, insbesondere auf die Seltenheit und Kleinheit
der Darmgeschwüre aufmerksam, die er von dem Vorwiegen der soge-
nannten „Plaques raolles", d. h. der durch Wucherung lymphatischer
Zellen in den Follikeln bedingten Anschwellungen der Pey er 'sehen
Drüsenhaufen ableitete, während die harten Plaques, bei welchen die
markige Infiltration nicht bloss das Driisengewebe, sondern auch die
unterliegende Schleimhaut durchsetzt, nur selten vorkommen sollten.
Gerade die letzten aber gehen in Folge tief greifender Gewebsnecrose
gern in umfangreiche Ulcerationen über, während erstere durch Ver-
fettung der neugebildeten Zellen schliesslich zur Resorption gelangen.
Ueber diese Ansicht, welche auch von anderen französischen Autoren (B a r r i e r,
Bouchut) getheilt wird, kann der Einzelne sich nur schwer ein be-
stimmtes Urtheil bilden, weil bei der im Allgemeinen gutartigen Natur
des Kindertyphus die Gelegenheit zu Sectionen sich nicht gerade häufig
darbietet, die Zusammenstellung fremder Beobachtungen aber keine zu-
verlässigen Resultate giebt. Wenn z. B. Gerhardt unter 43 zusammen-
gestellten Sectionen 29 Fälle von Geschwüren findet, so fehlt doch
gerade die wichtige Angabe über die Art und Ausdehnung derselben.
Von meinen 375 Fällen kamen nur 26 zur Section:
1) 4jähriges Mädchen. Dauer der Krankheit 11 Tage. Die Peyer'schen
Plaques gehen weit hinauf in den oberen Theil des Ileum, allerdings in sehr geringer
Grösse. Die im unteren Theile befindlichen sämmtlich stark geschwollen, wenig blut-
reich, aber ausgezeichnet markig. Minder geschwollen sind die Solitärfollikel.
Mesenterialdrüsen besonders am Ileocöcalstrang sehr gross, einzelne wie Haselnüsse
und darüber, stark geröthet, markig.
2) 3jähriges Mädchen. Dauer etwa 3 Wochen. Zahlreiche Typhus-
geschwüre im Ileum, die dazwischenliegende Schleimhaut in einem der Dysenterie
ähnlichen Zustande. Mesenterialdrüsen stark markig tumescirt.
3) 7jähriger Knabe. Dauer unbekannt , aber kurz. Massenhafte Entwick-
lung der Peyer'schen Plaques und aller Solitärfollikel, welche stark prominirend
die Ileumschleimhaut bedeckten. Keine Ulcera. Mesenterialdrüsen bedeutend ge-
schwollen.
4) 3jähriger Knabe. Heilung nach 8— lOtägiger Dauer. 3 Wochen später
Tod an diphtherischem Croup. Peyer'sche Plaques und Mesenterialdrüsen, besonders
am Ileocöcalstrang, geschwollen; keine Geschwürsnarben.
5) lOjähriges Mädchen. Dauer 4 Wochen. Recidiv. Sparsame Ulcera
ilei in sanatione. Solitärfollikel und Mesenterialdrüsen schwarz pignientirt.
6) lOjähriger Knabe. Dauer 13 Tage. Peyer'sche und Solitärfollikel sehr
stark hyperplastisch, letztere auch im Colon. Ebenso die Mesenterialdrüsen. Keine
Geschwüre.
7) 4j ähriges Mädchen. Dauer 4 Wochen. Peyer'sche Plaques und Soli-
780 Infectionskrankheiten.
tärfollikel im lleum stark geschwollen. Unmittelbar vor der Klappe hirsekorngrosse
blassgraue und gelbliche mortificirte Follikel. Mesenterialdrüsen markig mit ein-
gesprengten weissgelblichen necrotischen Herden. Keine Geschwüre.
8) 13jähriges Mädchen. Dauer 16 Tage. 10 Ctm. oberhalb der Klappe
2 markige Peyer'sche Plaques mit centralem Ulcus und fest anhaftendem gelbem
Schorf. Dann wieder dicht vor der Klappe eine Reihe confluirender diffus markiger
Schwellungen mit Uloerations- und Schorfbildung. Ein einzelnes fast reines Ulcus
im Anfang des Colon. Mesenterialdrüsen markig geschwollen.
Fall 9 und 10 betreffen Kinder, welche an einem schweren Typhus in der 3.
und 4. Woche zu Grunde gegangen waren. In beiden Fällen zeigten sich nar markige
Schwellungen und theilweise netzförmige Beschaffenheit der Peyer'schen Drüsen,
aber keine Ulcerationen.
11) 9jähriger Knabe. Dauer etwa 28 Tage. Peyer'sche und Solitärfollikel
noch massig geschwollen; keine Geschwüre.
12) 4jähriges Mädchen. Tod im Recidiv. Dauer der Krankheit etwa 22
Tage. Netzförmige Beschaffenheit vieler Plaques; keine Geschwüre.
13) 8jähriger Knabe. Tod im Beginn der 3. Woche. Kleine oberflächliche
Ulcerationen auf einzelnen Plaques.
14) 2 '/2j ähriges Mädchen. Tod im Recidiv. Dauer im Ganzen etwa
7 Wochen, des Recidivs 7 Tage. Plaques zart, nicht ulcerirt; erst kurz vor der
Klappe 2 linsengrosse, gereinigte, bis auf die Muscularis dringende Defecte mit
schmalem schieferigem Saum.
15) 6jähriges Mädchen. Dauer mindestens 3 Wochen. Plaques markig
geschwollen mit partieller Schorfbildung und einzelnen gereinigten Stellen. Ein-
zelne Follikel linsengross und ulcerirt. Im Colon ascendens einzelne typhoide
Ulcera.
IG) 4jähriger Knabe. Dauer 17 Tage. Plaques stark geschwollen, par-
tiell verschorft und ulcerirt, besonders nach der Klappe zu. Im Colon viele
necrotische Follikel.
17) öjähriger Knabe. Dauer 21 Tage. Plaques markig geschwollen, theils
rein, theils verschorft. An der Klappe Schleimhaut fast total markig mit umfäng-
lichen Ulcerationen; letztere auch im Colon ascendens, rundlich, glatt, mit
markigen Rändern.
18) 4jähriger Knabe. Dauer mindestens 3 Wochen. Darmfollikel vergrössert.
Plaques sehr wenig geschwollen, spärliche Ulcera an der Klappe.
19) 4jähriges Mädchen. Dauer 14 Tage. Plaques und Follikel markig
geschwollen. Keine Ulcera.
20) lOjähriger Knabe. Dauer 14 Tage. Ulcera ilei et coli.
21) 8jähriger Kna be. Dauer 3 Wochen. Ulcera typhosa permagna ilei.
22) u. 23) Kinder von 11 und 12 Jahren. Spärliche Ulcera an der Klappe.
24) 9jähriges Mädchen. Dauer 7 Tage. Markige Schwellung der Mesen-
terialdrüsen und der Follikel des lleum, Coecum und Colon. Darmgeschwüre ver-
einzelt, nur eins über Hanfkorngrösse dringt bis auf die Muscularis.
25) 2jähriges Mädchen. Dauer 14 Tage. Peyer'sche Haufen wenig ge-
schwollen, markig, keine Geschwüre.
lleotyphus. 781
26) 4jähriger Knabe. Dauer 10 Tage. Alle Follikel des Ileum und die
Peyer'schen Haufen enorm geschwollen, mit glasigem Durchschnitt. Keine Ge-
schwüre.
Unter diesen 26 Fällen finden wir also 14 mit Geschwürsbildung im
Darm, und zwar nach einer Krankheitsdauer, welche zwischen 7 Tagen
und 7 Wochen schwankte. Nur in Fall 2, 17, 21 und 24 waren die
Ulcerationen und der Zustand der dazwischen liegenden Schleimhaut so
beschaffen, wie man es oft bei Erwachsenen sieht. Die übrigen 11 Fälle
zeigten nur markige Schwellungen oder netzförmige Beschaffenheit der
Drüsen ohne Geschwürsbildung, und zwar nicht allein diejenigen, welche
erst kürzere Zeit (bis zu 13 Tagen) gedauert hatten, sondern auch mehrere
(Fall 7, 9, 10, 11 und 12), bei denen der Typhus sich 3 bis 4 Wochen
hingezogen hatte. Die geringere Frequenz der Geschwüre beim Kinder-
typhus wird also auch durch meine Beobachtungen bestätigt, und da, wo
Geschwüre vorhanden waren, erschienen sie meistens weniger zahl-
reich, flacher und kleiner (z. B. nur im Centrum der Plaques ent-
wickelt), als es gewöhnlich bei Erwachsenen der Fall ist. Mit dieser
Thatsache hängt auch die Seltenheit von Darmperforationen und pro-
fusen Darmblutungen beim Kindertyphus zusammen.
Die markigen Schwellungen der Darmdrüsen finden sich zwar schon
beim lleotyphus kleiner Kinder in den beiden ersten Lebensjahren,
verlieren aber hier einen grossen Theil ihrer Bedeutung, weil die Pey er-
sehen Plaques und die Solitärfollikel in diesem Alter bei Darmcatarrhen
und bei verschiedenen lnfectionskrankheiten in ähnlicher Weise an-
schwellen, ja sogar die Merkmale von Entzündung und Ulceration dar-
bieten können, ohne dass im Leben typhöse Symptome beobachtet wur-
den. Andererseits können diese Symptome in characteristischer Weise
vorhanden gewesen sein, und doch lässt die Section die erwarteten An-
schwellungen der Darmdrüsen vermissen, ergiebt vielmehr entweder gar
keine nennenswerthen Veränderungen oder nur entzündliche Erscheinun-
gen in der Schleimhaut des Dünn- oder Dickdarms (Rill i et und
Barthez's Enterite typhoide). In meiner Arbeit über Kindertyphus1)
theilte ich ein paar solcher Fälle mit, welche in der Klinik fast gleich-
zeitig bei Kindern von 6 — 7 Monaten vorkamen. Hier waren Diarrhoe,
Milztumor, Bronchialcatarrh, Otitis, Somnolenz, und vor allem die charak-
teristische Fiebercurve vorhanden, und dennoch zeigte der eine zur Section
gekommene Fall nur eine Peyer'sche Plaque von areolärer Beschaffen-
heit, unbedeutende Schwellung einzelner Mesenterialdrüsen, durchweg
') Charite-Ännalen. II. 1876. S. 542.
782 Infectionskrankheiten.
gesunde Schleimhaut und normale Milz, dahei Bronchopneumonie des
linken Unterlappens und serösen Erguss zwischen Dura und Pia mater.
In diesen Fällen, welche auch von anderen Autoren (Barrier, Bouchut)
und sogar bei Erwachsenen') beobachtet wurden, waren die klinischen
Symptome des Typhus so ausgeprägt, dass der Mangel der gewohnten
anatomischen Erscheinungen dagegen zurücktreten muss. Man darf
daher annehmen, dass die letzteren entweder nur sehr schwach ent-
wickelt zu sein brauchen oder auch wohl ganz fehlen können, ohne dass
man berechtigt ist, der Krankheit ihren typhösen Charakter abzusprechen.
Von einer bacteriologischen Diagnose durch den Befund der Typhusba-
cillen war zur Zeit jener Beobachtungen noch keine Rede.
Kinder im ersten und zweiten Lebensjahre werden vom Ileotyphus
weit seltener befallen, als ältere. Von 325 klinischen Fällen kamen
nur 9 auf dies Alter, während die grösste Frequenz (184) zwischen
dem vollendeten 5. und 10. Jahre lag, 59 das Alter zwischen
dem 3. und 5. Jahre, und 73 das 11. bis 14. Lebensjahr betrafen2).
Das Verhältniss der Geschlechter war nahezu gleich. Unter den
Jahreszeiten schienen mir besonders Sommer und Herbst eine Prä-
disposition zu begründen. Von 295 Fällen fallen 90 auf die Monate
October und November, 89 auf Juli, August und September, 20 auf
December, 20 auf März und April, während die übrigen sich auf die
Monate Januar, Februar, Mai und Juni vertheilen.
Die Contagiosität der Krankheit kann, wenn sie überhaupt anzu-
nehmen ist, nur eine geringe sein. Ich lasse die typhuskranken Kinder
nie isoliren, sondern von jeher inmitten der anderen kleinen Patienten
liegen, und doch kam eine analoge Erkrankung der in den benachbarten
Betten liegenden Kinder nur ein paar Mal vor, und zwar fast aus-
schliesslich in der Umgebung sehr kleiner Typhuskranker, welche
ihre Faeces constant ins Bett entleerten. Die sowohl in der Privat-
praxis wie in der Klinik wiederholt gemachte Erfahrung, dass in einer
Familie zwei und mehrere Kinder, und selbst die Eltern gleichzeitig
oder successiv am Typhus erkranken, erklärt sich besser aus der schäd-
lichen Einwirkung der gleichen Ursache, als aus gegenseitiger Ansteckung.
Gerade in diesen Familien- oder Hausepidemien habe ich die schwersten
Fälle beobachtet, so besonders im Juni 1881 das Aussterben einer
ganzen Familie (Mutter und drei Kinder) mit Ausnahme des Vaters, und
es liegt nahe, unter diesen Umständen eine der S. 649 bereits erwähnten
') Griesinger, Infectionskrankheiten. S. 138.
2) Montmollin (Observ. sur la fievre typhoide de l'enfance. Neuchatel, 1885)
fand unter 295 Fällen nur 15 in den beiden ersten Lebensjahren.
lleotyphus. 783
„Mischinfectionen", oder eine besonders maligne Art des Infectionsstoffes
anzunehmen, dessen bacilläre Natur jetzt ziemlich allgemein angenommen
wird. Ueber die Art und Weise, wie diese „Typhusbacillen" oder ihre
chemischen Producte in den Organismus gelangen, wissen wir nichts
Gewisses. Die auf der Kinderklinik beobachteten Typhen kamen fast
sämmtlich von aussen herein; nur ausnahmsweise entstand die Krankheit
bei einem Reconvalescenten oder bei einem Kinde, welches an einer
anderen Krankheit behandelt wurde, und zwar öfters, nachdem seit langer
Zeit kein Typhus auf der Abtheilung vorgekommen war. Das Trink-
wasser konnte hier keine Rolle spielen, weil sonst weit mehr Kinder
hätten erkranken müssen. Das Virus musste also von aussen (an den
Besuchstagen) auf irgend einem Wege eingeschleppt worden sein. Ob
die Incubationsperiode, wie man meistens annimmt, 3 — 4 Wochen dauert,
wage ich nach meinen Beobachtungen nicht zu entscheiden. Ist einmal
die Infection erfolgt, so kann der Ausbruch der Krankheit durch gewisse
Einflüsse gefördert werden, unter denen Gemüthsaffecte und starke
Erkältungen hervorzuheben sind:
Ein 12jähriger gesunder Knabe wurde auf dem Wege zur Schule von einem
Gewitterregen überrascht, der ihn bis auf die Haut durchnässte, und masste in
diesem Zustande 4 Stunden lang in der Schule sitzen. Schon am nächsten Tage
klagte er über Kopfschmerz, und nun entwickelte sich ein Typhus, welcher den
Knaben 5 Wochen laug an's Bett fesselte. — Bei einem 11jährigen Waisenknaben,
welcher seiner Aussage nach völlig gesund in der Kirche, während er eifrig mit dem
Lesen des Gesangbuchs beschäftigt war, durch den Klang der Orgel plötzlich gewalt-
sam erschüttert wurde, stellte sich sofort Schwindel und Erbrechen, und schon an
demselben Abend Fieber ein, welches sich zum Typhus entwickelte. Gewiss wäre
dieser in beiden Fällen auch ohne die angegebenen occasionellen Momente, wenn
auch vielleicht etwas später, zum Ausbruch gekommen. —
Die Gutartigkeit des Kindertyphus im Vergleich mit dem der
Erwachsenen wird von den meisten Autoren hervorgehoben, und zwar
schon zu einer Zeit, in welcher die „antipyretische" Behandlung noch
nicht in Gebrauch war. Ich zähle zwar unter 345 Fällen, welche zum
Theil recht schwere waren, 47 (also zwischen 13 und 14 pCt.) tödtliche,
was wohl Niemand als eiu sehr günstiges Verhältniss anerkennen wird.
Aber die Mortalität war je nach den verschiedenen Epidemien eine sehr
wechselnde, so dass sie in. einzelnen Jahren eine äusserst geringe,
in anderen wieder eine überraschend grosse war. Auch müssen zehn
Fälle davon in Abzug gebracht werden, welche erst in der Recon-
valescenz des Typhus anderweitigen neu hinzugetretenen oder schon
bestehenden Krankheiten erlagen. Die Sterblichkeit würde daher streng
784 Infectionskrankheiten.
genommen nur 10 '/2 pCt. betragen. In der Privatpraxis stellte sie sich
bei weitem günstiger heraus, und die oben erwähnten anatomischen
Verhältnisse, die grosse Seltenheit von Darmperforationen und copiösen
Blutungen, sind wohl als die Hauptursache dieses milden Verlaufs zu
betrachten. Selbst bei sehr langer Febris continua mit hohen Tem-
peraturen, reichlicher Diarrhoe, complicirenden Lungenaffectionen, Soor-
bildung im Munde und Rachen, drohenden Schwächezuständen von Seiten
des Herzens, sah ich nicht selten Genesung eintreten. Trotzdem muss
ich bekennen, dass die Erfahrungen der letzten 10 Jahre mein früheres
festes Vertrauen in die vielgerühmte Gutartigkeit des Kindertyphus er-
schüttert haben.
Gehen wir nun zu den klinischen Erscheinungen über, so muss
zunächst hervorgehoben werden, dass der Arzt in leichten Fällen, bei
Kindern noch mehr als bei Erwachsenen, darüber in Zweifel sein kann,
ob er es mit einem wirklichen Ileotyphus oder nur mit einem „gastri-
schen Fieber" zu thun hat, dessen Existenz und Entwickelung aus
einer von typhöser Infection ganz unabhängigen gastrischen Störung, sei
es nun ein Catarrh der Gastrointestinalschleimhaut oder ein anomaler
chemischer Vorgang, ich als unzweifelhaft betrachte. Es wird immer
Fälle geben, in welchen die Ansicht der Aerzte in dieser Beziehung
eine getheilte ist, weil nicht alle wesentlichen Züge des Typhus, Fieber,
Milztumor, Roseola, Diarrhoe, immer vorhanden zu sein brauchen, viel-
mehr theilweise fehlen können. Selbst das maasgebendste Moment,
die charakteristische Fiebere urve, welche bei Kindern dieselbe ist,
wie im späteren Lebensalter, zeigt hie und da verwirrende Abweichungen.
Ein solcher Fall betraf z. B. ein 3jähriges Mädchen '), welches mit
einem alten Herzfehler, pleuritischem Exsudat und Catarrh des Dick-
darms in der Klinik lag, und erst 11 Tage vor ihrem Tode zu fiebern
anfing, aber so regellos, dass schon im ersten Stadium die Morgen-
stunden absolut fieberfrei waren. Das Auftreten des Fiebers in einem
bereits sehr geschwächten Kinde mag den abnormen Fieberverlauf
bedingt haben; immerhin aber ersehen Sie daraus, dass der Ileotyphus
ausnahmsweise auch ohne seine charakteristische Fiebercurve verlaufen
kann2). —
Das Fieber begann nur selten plötzlich mit einem Schüttel-
') 1. c. S. 398.
2) Vergl. Fräntzel (Zeitschr. f. klin. Med. Bd. II. Heft 2), welcher Ileotyphus
mit sehr niedrigen Temperaturen oder auch ganz afebril, aber mit schweren Cerebral-
symptomen häufig letal verlaufen sah, besonders bei Patienten , welche durch Stra-
pazen und mangelhafte Ernährung erschöpft waren.
Ileotyphus. 785
frost, auf welchen Hitze, auch wohl reichlicher Schweiss folgte, und
auch dann blieb es immer zweifelhaft, ob nicht zuvor schon übersehene
Fieberbewegungen stattgefunden hatten, welche nun plötzlich unter Frost-
schauern eine rasche Steigerung erfuhren. Bei einem 11jährigen Knaben
z. B., welcher sich bereits im Abnahmestadium mit normaler Morgen-
temperatur befand, sah ich das Recidiv plötzlich mit einem heftigen
Schüttelfrost einsetzen. Fast immer trat in diesen Fällen unmittelbar
nach dem Frost rapide Temperatursteigerung ein, so dass schon in den
ersten Abenden 40,0—41,0 erreicht wurde. Mitunter wurde aber nach
dem plötzlichen steilen Ansteigen des ersten Tages am zweiten ein Ab-
sinken der Temperatur beobachtet, welche dann erst am dritten Tage
die frühere Höhe wieder erreichte oder noch überschritt. Man darf aus
diesem jähen Ansteigen der Temperatur gleich im Beginn nicht etwa
ungünstige prognostische Schlüsse ziehen; denn nur einer dieser Fälle
verlief ziemlich schwer mit einem 29 Tage dauernden Fieber, zwei en-
deten tödtlich, während 15 einen sehr günstigen und auffallend kurzen
Verlauf von 8—18 Tagen nahmen.
Viel häufiger als der plötzliche Beginn war das allmälige Steigen
der Curve in der sogenannten Treppenform, wobei die Temperatur oft
erst in der zweiten Hälfte der ersten Woche 40,0 erreichte. Hier fehlt
der initiale Schüttelfrost, es kommt höchstens zu leichten Schauern,
welche sich zur Zeit der Exacerbation, Mittags oder Abends, einstellen.
Das Fieber verläuft nun, ebenso wie bei Erwachsenen, als Continua
remittens, mit hohen Abend- und etwa 1° niedrigeren Morgentempe-
raturen, verharrt einige Zeit auf ziemlich gleicher Höhe (Acme), und geht
dann allmälig sinkend in ein intermittir endes Stadium mit normaler
Morgen-, aber noch febriler Abendtemperatur über. Mit dem Sinken der
letzteren auf die Norm erreicht das Fieber sein Ende. Um die Dauer
desselben im Ganzen bestimmen zu können, muss man den Beginn der
Krankheit wenigstens mit annähernder Sicherheit feststellen können,
was mir nur in 214 Fällen möglich war. Die Gesammtdauer des Fiebers
(Recidive werden dabei ausser Rechnung gelassen) betrug danach in
14 Fällen 7—9 Tage,
12
)>
10
18
»
11
8
)>
12
54
»
13—15
15
))
16—17
32
75
18—20
40
J)
20—23
Henocb, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl.
50
786 [ufectionskrankheiten.
16 Fällen 24 — 30 Tage,
1 „ 35 „
1 „ 42 „
2 „ 48-49 „
1 „ '0 „
Die völlige Entfieberung trat also in der grössten Zahl der Fälle
(141) zwischen dem 13. und 23. Tage der Krankheit ein. Ueber diesen
Termin hinaus zogen sich 21 Fälle, davon 2 bis zum Ende der 7. und
einer bis zum Ende der 10. Woche. Zwischen dem 7. und 12. Tage
endeten 52 Fälle. Ein Theil der letzteren (sogenannte „Abortivtyphen")
hätte wegen der kurzen Fieberdauer Zweifel darüber gestattet, ob man
sie als Typhus oder als „Febris gastrica" gelten lassen sollte, wenn
nicht der palpable Milztumor, Roseola und Diarrhoe die Diagnose sicher
gestellt hätten. Während der Dauer der Continua zeigt die Höhe
des Fiebers in den verschiedenen Fällen grosse Differenzen. Während
die Maximaltemperatur in vielen nie über 39,3 bis 39,8 hinausging, in
Ausnahmsfällen Morgens selbst 38,2 nicht überschritt, schwankte sie
Abends bei der Mehrzahl zwischen 40,0 und 40,6, und erreichte zu-
weilen 41 — 41,8. Mehr als drei Messungen täglich vorzunehmen halte
ich nicht für rathsam, weil die dabei hervortretenden Schwankungen eher
verwirren, als nützen. Als Gesammtresultat ergiebt sich, dass fast immer
die Morgentemperatur '/2— 1 ° niedriger ist, als die abendliche. Stärkere
Differenzen sind (ohne Anwendung antipyretischer Mittel!) selten und
meistens nur auf einzelne Tage beschränkt. So zeigte z. B. ein acht-
jähriger Knabe an zwei Tagen Morgens 38,2 und 38,4; Abends 40,3
und 40,2. Um die Mittagsstunde beginnt oft eine Steigerung, welche
zwischen 2 und 3 Uhr ihre Höhe zu erreichen pflegt, dann abfällt und
etwa um 5 Uhr von neuem beginnt, so dass in vielen Fällen eine Mit-
tags- und eine Abendexacerbation vorhanden ist, von denen die
erste bisweilen um ',2 — 1° höhere Temperaturen zeigt, als die zweite.
Fälle, in welchen Abend- und Morgentemperatur fast gleich hoch sind,
kommen seltener vor, sind aber immer äusserst hartnäckig. Ich beob-
achtete Kinder, welche mindestens eine Woche lang Morgens nie unter
40,1 oder 40,5, Abends immer 40,2 bis 41° zeigten, und gerade diese
widerstanden allen antipyretischen Mitteln am hartnäckigsten. Nur zehn
Mal beobachtete ich Typus in versus des Fiebers, d. h. das Ueberwie-
gen der Morgen- über die Abendtemperatur. Bei 5 Kindern bestand
dieser Typus nur ein paar Tage, bei 5 anderen 5, resp. 7, 13 und 18
Tage, stets aber im Beginn oder noch häufiger im Abnahmestadium,
nur einmal während der Acme der Krankheit.
Ileotyphus. 787
Die Dauer der Acme schwankte in der Regel zwischen 8 und 20
Tagen; am häufigsten bildete der 10., 13. und 18. Tag ihr Ende.
Seltener zeigte sich eine kürzere (5 oder 7 Tage) oder gar eine bedeu-
tend längere Dauer (35 — 44 Tage). Mit dem Aufhören der Acme nimmt
die Temperatur allmälig ab, fällt in den Morgenstunden auf 38,8 und
darunter, und pflegt auch Abends nur noch 39,5 zu erreichen. Die
Dauer dieser Periode der Continua (Stad. decrementi), welche sich
nur da genau feststellen lässt, wo man den Kranken von Anfang an
beobachten kann, betrug in mehr als der Hälfte der Fälle 2 — 4 Tage,
bisweilen sogar nur 1 Tag, während sie in anderen Fällen sich 5 bis
12 Tage lang hinzog. Sie müssen aber immer darauf gefasst sein, noch
in dieser Periode unerklärliche plötzliche Abendsteigerungen bis auf 40°
und selbst darüber zu bekommen, welche freilich nur ephemer sind und
den Verlauf der Krankheit nicht weiter beeinflussen. Bisweilen beob-
achtete ich eine solche Steigerung auf 40,0 sogar noch am letzten
Abend dieser Periode, und schon am nächsten Morgen zeigte der Thermo-
meter mit 37,3 den Beginn des intermittirenden Stadiums an,
welches dann seinen regelmässigen Gang nahm.
In diesem letzten Stadium ist die Morgentemperatur normal oder
subnormal, während Nachmittags und Abends noch Fieber stattfindet.
Die Dauer dieser Periode schwankte meistens zwischen 2 und 5 Tagen,
während sie öfter nur einen Tag, seltener eine ganze Woche nnd darüber
betrug. In manchen Fällen zog sich das intermittirende Stadium unge-
wöhnlich, selbst 2—3 Wochen lang, hinaus, und es wurden dann Be-
sorgnisse rege, dass Miliartuberculose in der Entwickelung begriffen sei.
Diese waren indess stets unbegründet. Die abendliche Steigerung erhob
sich im Allgemeinen nur bis 39,5, sehr selten und nur vorübergehend
bis 40,0, eine Erscheinung, die mir in mehreren Fällen mit Stuhl-
verhaltung zusammenzuhängen schien:
Bei einem 9jährigen Mädchen, welches nach dem Ablauf eines 14tägigen Re-
cidivs in das intermittirende Stadium getreten war, betrug die Abendtemperatur
noch etwa 38,6. Am 7. und 9. September stieg dieselbe plötzlich wieder auf 40,0
und sank nach der Entleerung enormer knolliger Faecalmassen durch ein
Klystier jedesmal sofort wieder auf 38,4.
Auch Ueberladung des Magens, übereiltes und anhaltendes Aufrecht-
sitzen im Bett, und Gemüthsaffecte können dieselbe Wirkung haben, und
daraus erklärt es sich, dass selbst in den fieberfreien Morgenstunden
dieses Stadiums, ja sogar während der ganz apyretischen Reconvalescenz-
periode, hin und wieder flüchtige Erhebungen der Temperatur vorkom-
60*
788 Infectionskrankheiten.
men könneD, welche nicht gleich Beunruhigung erregen dürfen. In Folge
der Besuchstage, an welchen den Reconvalescenten von ihren Angehöri-
gen Kuchen u. s. w. zugesteckt werden, gehört diese Erscheinung in unserer
Klinik nicht zu den Seltenheiten. In einer kleinen Reihe von Fällen
fehlte das intermittirende Stadium oder sogar das Stadium decrementi
gänzlich, oder war nur so schwach angedeutet, dass die Continua unver-
mittelt nach Art einer Krise in den fieberlosen Zustand überging.
Mehrere Curven dieses kritischen Abfalls habe ich in meiner Arbeit1)
bereits mitgetheilt, und füge denselben noch folgende hinzu, welche, wie
fast alle ähnlichen, Fälle mit raschem Verlauf und hoher Temperatur
betrafen:
Knabe von 3 Jahren. Dauer der Acme 7 Tage; Temp. Mg. 39,9—40;
Ab. 40—41,2. Diarrhoe, Somnolenz, Delirien u. s. w. Am 7. Tage Temp. 39,6;
Ab. 40,7; Puls 1 60. Am folgenden Tage Temp. Mg. 36,7; Ab. 37,5; P. 88. Von da
an fieberlos. — Bei einem 4jährigon Knaben, wo die Temperatur binnen 24 Stunden
von 38,9 bis auf 35,8 herunterging, traten Collapssy mptome ein (Erbrechen,
kaum fühlbarer Puls), welche die Anwendung starker Excitantia erforderten. Der
Puls blieb noch Tage lang ungleich und unregelmässig. — Ebenso fiel die Temperatur
bei einem 10jährigen Knaben nach 9tägigem heftigem Fieber unter Collapssymptomen
plötzlich von 38,9 auf 35,1. Auch hier mussten Reizmittel (Campher u. s. w.) an-
gewendet werden, und der Puls blieb ein paar Tage unregelmässig.
Mit dem vollständigen Erlöschen des Fiebers beginnt die Recon-
valescenz, welche, wie nach anderen hochfebrilen Krankheiten, häufig
mit subnormaler Morgen- (35 — 36,5) oder selbst Abendtemperatur
verläuft, bis allmälig in Folge gesteigerter Nahrungsaufnahme und regel-
mässiger Verdauung die normale Temperatur sich dauernd wiederher-
stellt. Ephemere Steigerungen, wie ich sie eben erwähnte, selbst Frost-
anfälle, kamen auch in dieser Periode dann und wann noch vor, ohne
indess üble Folgen zu haben.
Die Pulsfrequenz der typhösen Kinder entsprach zwar im Allge-
meinen der Höhe der Temperatur, doch wurden auch, wie bei Erwach-
senen, Ausnahmen von dieser Regel, z. B. 90, 108, 120 P. bei 40,2
und 41,2° beobachtet. Uebrigens schwankte die Pulszahl bedeutend und
erreichte selbst in glücklich verlaufenden Fällen mitunter eine Höhe
(152 — 180 Schi), welche bei älteren Individuen ein unfehlbares Criterium
des letalen Ausgangs sein würde. Selbst in der Rcconvalcscenz bestand
hohe Pulsfrequenz in Folge der durch das Fieber bedingten Herzschwäche
nicht selten noch Tage lang fort; seltener eine abnorm niedrige Zahl,
') Oharite Annalen. II. S. 561.
Ileotyphus. 789
z. B. 60, oder Unregelmässigkeit des Pulses, wie sie auch nach anderen
schweren Krankheiten, z. B. nach Pneumonie, beobachtet wird '). Die
bei Erwachsenen ziemlich häufige Dicrotie des Pulses kam mir auch bei
Kindern nicht selten vor. Wegen der Enge der Arterie ist die Qualität
des Pulses schwerer zu beurtheilen, als im späteren Alter, und besonders
bei Kindern unter 5 Jahren erscheint der Puls immer klein und leicht
zu comprimiren. Nur dann, wenn die sehr frequenten Pulsschläge auch
bei leiser Palpation schwer fühlbar sind, ineinander fliessen, besonders
aber wenn die extremen Theile kühl und cyanotisch werden, ist Collaps
durch Herzschwäche zu fürchten.
Ich komme nun zu den nervösen Erscheinungen, welche in
früheren Zeiten das Hauptinteresse beim Typhus in Anspruch zu nehmen
pflegten. Dass diese Symptome bei Kindern, selbst noch bei solchen
von 11 und 12 Jahren, an Intensität und Frequenz hinter denen der
Erwachsenen im Allgemeinen erheblich zurückbleiben, ist eine That-
sache. In einer nicht geringen Zahl von Fällen werden entweder gar
keine oder nur ganz unbedeutende nervöse Symptome beobachtet.
Manche Kinder sitzen zum Theil aufrecht im Bett, lächeln und zeigen
sogar leidlichen Appetit, während die Fiebercurve und der palpable
Milztumor an Typhus nicht zweifeln lassen. Ja ich sah Fälle, in welchen
von allen Symptomen des Typhus nur die charakteristische Fiebercurve
vorhanden, alles Andere aber (Diarrhoe, Milztumor und Roseola) absolut
fehlte, so dass man drei oder selbst vier Wochen lang immer
wieder durch den Gedanken beunruhigt wurde, es könne sich um etwas
Anderes, um Miliartuberculose oder um eine schleichende Endocarditis
handeln. Häufiger sind allerdings gewisse nervöse Symptome vorhanden,
aber doch nur in beschränktem Maasse und keineswegs der hohen
und anhaltenden Temperatur entsprechend. Kopfschmerz und Apathie
bei freiem Sensorium, leichte Somnolenz, Unruhe, massige Delirien, be-
sonders Abends und in der Nacht, Schwerhörigkeit, Hyperaesthesie der
Haut, besonders am Bauche, Schlaflosigkeit, Träume und Schwindel
kommen am häufigsten vor. Nur in einem Fall eröffnete ein kurzer
epilepti former Anfall die Scene. Schwere Nervenerscheinungen gehören
immer zu den Seltenheiten. Bei kleinen Kindern tritt an die Stelle der
') Verlangsamung, mit Unregelmässigkeit des Pulses gepaart, habe ich wäh-
rend des Verlaufs des Typhus nie beobachtet. Revilliod (Notes cliniques sur
quelques maladies des enfants. Paris, 1886. p. 35) theilt einen Fall dieser Art mit,
bei 40° Temp. immer ein zwischen 42 und 68 Schi, schwankender, etwas unregel-
mässiger Puls. Verwechselung mit Meningitis tuberculosa liegt unter diesen Um-
ständen nahe.
790 Infeotionskrankheiten.
Delirien oft ein unmotivirtes, heftiges Schreien und Toben, welches
besonders in der Nacht die Ruhe der Familie stört. Dasselbe war bei
einem 10jährigen Knaben in dem Grade der Fall, dass man ihn wieder-
holt chloroformiren musste. Die Ansicht, nach welcher die nervösen
Symptome nur durch den Einfluss der hohen Temperatur bedingt werden
sollen, ist meiner Ueberzeugung nach nicht haltbar, weil, wie ich früher1)
zeigte, die Intensität dieser Symptome keineswegs der Fieberhöhe zu
entsprechen braucht. Es müssen daher ausser der Temperatur noch
andere Ursachen, unter denen wohl die Einwirkung des typhösen
Giftes auf das Gehirn in erster Reihe steht, hier in Rechnung gebracht
werden. Je älter die erkrankten Kinder sind, um so mehr neigen sie
zu schweren nervösen Symptomen; vom 10. Jahre an habe ich lebhafte
Delirien, tiefe Benommenheit des Sensorium, Sopor, Tremor der Hände
und Zunge, Versuche, aus dem Bett zu springen, um sich zu schlagen
und zu beissen, nicht selten beobachtet, so dass man zum Festbinden
oder zur Anwendung grösserer Dosen von Chloral gezwungen war.
Bei tödtlichem Ausgang in tiefem Sopor sah ich ein paar
Mal, ähnlich wie bei Meningitis tuberculosa und bei Cholera, die Con-
junctiva bulbi sich röthen und die Cornea sich mit Schleimfetzen be-
decken, schliesslich ganz trocken und trübe, bei einem 3jährigen Mädchen
sogar perforirt werden. Hier und noch in einem anderen Falle (öjähriges
Mädchen) traten am letzten Tage des Lebens noch Zuckungen der
Extremitäten, Steifigkeit und Zittern der Glieder auf, die durch keine
Abnormität des Gehirns bei der Section erklärt wurden. Bei einem
10jährigen Mädchen, welches in der 5. Krankheitswoche einem Recidiv
erlag, trat zuerst Contractur beider Beine und des rechten Arms,
wiederholt auch Zähneknirschen auf, ohne dass die Section mehr ergab,
als eine massige Menge von Serum in den Ventrikeln und Oedem der
Pia, das man auch in Fällen von Typhus ohne die erwähnten spastischen
Symptome findet. Denselben Befund bot ein 4jähriges Mädchen dar,
welches in den letzten Tagen deutliche Nackenstarre, zumal beim
Aufrichten des Körpers, gezeigt hatte. Nackencontractur, Zähneknirschen,
Zusammenfahren bei Berührungen zeigten sich noch in einigen anderen
Fällen, welche sämmtlich mit dem Tode endeten, und deren Section im
Gehirn nichts Ungewöhnliches nachwies. Bei einem 9jährigen Knaben
endlich, welcher in der letzten Woche des Typhus anhaltend an Tris-
mus gelitten hatte, wurde die Schädelhöhle zu untersuchen verabsäumt2).
') 1. c. S. 567.
~) Vergl. Förster (Jahrb. f. Kinderheilkunde. 1863. VI. S. 114), dessen mit
lleotyphus. 791
Complication mit wirklicher Meningitis cerebrospinalis kam mir bisher
nicht vor, und ich halte alle Fälle dieser Art, welche der Section ent-
behren, für zweifelhaft. Bemerkenswerth ist noch, dass bei einem elf-
jährigen, an Chorea leidenden Mädchen die spastischen Bewegungen
durch den Typhus keine Milderung erfuhren, eher noch stärker wurden,
und erst mit der Abnahme des Fiebers sich verminderten. Ebenso wenig
hatte der Typhus auf den Geisteszustand eines 9jährigen idiotischen
Knaben irgend einen bemerkbaren Einfluss.
Unter den psychischen Störungen ist Apathie die häufigste und
oft mit leichten Delirien, besonders während der Nacht, verbunden.
Nur selten beobachtete ich heftige Delirien oder Hallucinationen; ein
Knabe glaubte stets seines Vaters Stimme zu hören. Besonders hebe
ich hervor, dass die psychischen Störungen in vielen Fällen erst dann
eintraten, wenn das Fieber abnahm, oder gar erst nach der völligen
Defervescenz, so dass man sie als Inanitionsdelirion in Folge der
Herzschwäche und Anämie des Gehirns betrachten musste.
Ein 4jähriger Knabe glaubte noch Tage lang nach der Entfieberung eine
schwarze Katze neben sich im Bett zu haben, während ein 7jähriges Mädchen erst
bei 36,5 Temp. vielfach von Hunden sprach, die auf sie eindrangen. — Ein 6jäbri-
ges Mädchen zeigte bei einer Temp. von 36,1 erschwerte Sprache, delirirte häufig,
wollte das Krankenhaus verlassen, und litt noch Wochen lang, nachdem die psychi-
schen Symptome sich schon verloren hatten, an trüber Stimmung, und Enuresis
nocturna und diurna. — Bei einem 6jährigen äusserst heruntergekommenen und blut-
leerenMädchen traten unmittelbar nach der Defervescenz wirkliche Anfälle vonTobsucht
(wüthendes Geschrei, Umsichschlagen, aus dem Bett Springen) ein, während das Kind
in den Intervallen mit starrem Blick vollkommen apathisch dalag und nur dann und
wann volles Bewusstsein zeigte. Obwohl der Gesammteindruck hier für die Annahme
einer Inanitionspsychose sprach, konnte doch eine kräftige Diät und der reichliche
Gebrauch von Wein den tödtlichen Collaps nicht verhindern. Eine andere Art von
psychischer Alteration machte sich bei einem 1 2jährigen Knaben im Stadium decre-
menti (Ende der 2. Woche) gellend. Eine hastige, fast unverständliche Sprache,
kindischer Eigensinn, anhaltendes Schreien und Toben setzten tagelang die Eltern
in Schrecken, und als in der 5. Woche ein Recidiv des Typhus eintrat, kehrte auch
einige Tage darauf derselbe psychische Zustand und zwar diesmal mit deutlichen
Symptomen von Grössenwahn wieder. Patient behandelte seine Eltern und Ge-
schwister mit Verachtung, schwatzte anhaltend unverständliches Zeug, tobte, war ab-
solut schlaflos und brach fast alles Genossene wieder aus. Puls sehr frequent und
klein, Athem rasch, Extremitäten und Nasenspitze kühl und cyanotisch. Unter diesen
Umständen versuchte ich Chloralhydrat (2,25 im Klystier), und schon nach 15 Mi-
nuten wurden Hände und Füsse warm, die Cyanose schwand, Puls und Athem waren
Trismus und Opisthotonus complicirter Fall glücklich endete. Auch Roth (Archiv
f. Kinderheilkunde. II. 375) theilt einige Fälle von spastischen Contracturen im
Verlaufe des Kindertyphus mit.
792 Infectionskrankheiten.
langsamer, der erstere kräftiger geworden. Die drei Abende hintereinander wieder-
holten Chloralklystiere hatten rasch ein Schwinden des drohenden Symptomencom-
plexes zur Folge, während Morphium und laue Bäder erfolglos geblieben waren.
Ich muss dabei bemerken, dass dieser Knabe äusserst verzogen und
reizbar war, wie denn überhaupt der durch Anlage und Erziehung be-
dingte Charakter der Kinder auch auf ihr psychisches Verhalten im
Typhus Einfluss auszuüben schien.
Wirkliche Lähmungen in Folge von Ileotyphus beobachtete ich
selten. Bei einem 9jährigen Knaben hatte sich nach demselben Parese
und Ataxie beider- unteren Extremitäten ausgebildet, welche bereits zwei
Jahre bestand und deren weiterer Verlauf unbekannt blieb. Ein elf-
jähriges Mädchen wurde im Stadium decrementi von doppelseitiger Ptosis,
Paralyse des rechten N. abducens und einer 7 Tage dauernden Aphasie
befallen, nach deren Verschwinden ein kindischer weinerlicher Gemüths-
zustand Wochenlang zurückblieb. Bei einem 11jährigen Mädchen trat
im Gefolge des Typhus Lähmung beider N. peronaei und einiger
Aeste der Tibi ales auf, welche durch beharrliche Anwendung der Elec-
tricität geheilt wurde1).
Therese H., 1 1 jährig, am 14. Sept. 1890 an Typhus erkrankt, der sie meh-
rere Wochen ans Bett fesselte, aber nicht besonders schwer verlief. Am 10. October
durfte sie zum ersten Mal aufstehen; es wurde ihr aber nach einer halben Stunde
„übel". Bei einem zweiten Versuch am 1 I . Oct. musste sie liegen bleiben, weil die
Beine gelähmt waren. Aufgenommen am 26. Nov. Allgemeinbefinden sehr gut.
Nirgends eine Abnormität, abgesehen von der Lähmung der unteren Extremi-
täten. Oberscbenkelbewegung durchaus normal; dagegen ist die active Beugung
und Streckung beider Kniegelenke sehr unvollkommen, die der Fussgelenke aber, so
wie jede Bewegung der Zehen unmöglich. Beide Füsse stehen in Plantarflexion und
schlaffer Adduction, schlottern beim Schütteln und zeigen leichtes Oedem auf dem
Fussrücken. Sehnenreflexe fehlen. Cnterschenkelmuskeln erheblich atrophirt.
Druck auf die Wadenmuskeln, sowie passive Bewegung der Fussgelenke schmerz-
haft. Sensibilität der Haut an den Unterschenkeln etwas abgeschwächt. Electrische
Erregbarkeit durch faradische Ströme, selbst für starke, erloschen, während der con-
stante Strom noch träge Zuckungen auslöste.
Ther. : Galvanische Ströme in zunehmender Stärke; schon am 12.Dec. Besse-
rung; am 5. Januar konnte Pat. schon allein stehen, sogar einige Schritte machen.
Nach dreimonatlicher Behandlung (nebst warmen Bädern und Massage) im April
völlig geheilt entlassen. Patella rreflex nur schwach angedeutet.
Die Ursache dieser doppelseitigen Peronaeuslähmung war zweifellos
Neuritis, welche, wie nach anderen Infectionskrankheiten, auch beim
Typhus durch das im Blute kreisende Toxin erzeugt wird, hier aber
') Charite-Annalen, Jahrg. 1892. S. 464.
Ileotyphus. 793
viel seltener vorkommt, als z. B. nach Diphtherie. Dass dabei gleich-
zeitig auch im Rückenmarke entzündliche degenerative Vorgänge statt-
finden können, ist möglich, nach der Analogie mit anderen Infections-
krankheiten sogar wahrscheinlich. Die Beschränkung auf die Peronaei
und einzelne Aeste der Tibiales, die völlige Freiheit der Sphincteren,
die Empfindlichkeit der Wadengegend und die vollständige rasche Heilung
lassen aber in unserem Falle den neuritischen Ursprung so gut wie sicher
erscheinen.
Vollständige Aphasie kam mir in 19 Fällen vor, während in vielen
anderen nur ein bestimmtes Wort, z. B. „ja", sonst aber gar nichts ge-
sprochen werden konnte '). Ein 3jähriger Knabe bezeichnete, als er schon
wieder zu sprechen anfing, alle Gegenstände nur mit dem Worte, welches
man ihm eben vorgesprochen hatte. Ein' 1 1 jähriges Mädchen, die völlig
aphasisch war, schrieb auf Verlangen ihren Namen und ihre Wünsche
auf. Das Sensorium kann dabei vollständig frei sein; ein lOjähriger
Knabe schrieb seinen Namen auf, und streckte, nach dem Alter gefragt,
alle 10 Finger in die Höhe, konnte aber kein Wort sprechen. Auch
die Aphasie trat immer erst im intermittirenden Stadium oder im Be-
ginn der Reconvalescenz auf, niemals auf der Höhe des Fiebers, und
pflegte 8 — 14 Tage lang zu dauern. Anfälle von Eclampsie oder ephe.
merer hoher Temperatursteigerung, wie sie als Einleitungen dieser
Aphasie hie und da beschrieben werden2), habe ich nie beobachtet
ebenso wenig Lähmung der Kehlkopfmuskeln (Glottiserweiterer), welche
in einem Falle die Tracheotomie erfordert hatte3).
In allen Fällen, welche Aphasie zur Folge hatten, war der Verlauf
des Typhus lang und schwer, oder ein stürmischer gewesen, doch ge-
nasen die Kinder sämmtlich mit Ausnahme eines 6jährigen Knaben,
welcher in einem Recidiv zu Grunde ging. Zweimal, bei einem 9jährigen
Knaben und einem 14jährigen Mädchen, beobachtete ich während der
Defervescenz eine mehrere Tage bestehende Amblyopie, welche sich
im zweiten Fall als Lähmung der Accommodation herausstellte, bei beiden
Kindern aber vollständig verschwand4). Ob diesen Sprach- und Seh-
störungen materielle Veränderungen im Gehirn zu Grunde liegen, ist
unbekannt. Man kann wohl daran denken, dass unter dem Einfluss der
Krankheit in den Gewebselementen des Gehirns ähnliche degenerative
') Bonn, Jahrb. f. Kinderheilk. XXV. S. 96.
2) Semtschenko, Jahrb. f. Kinderheilk. XVIII. S. 300.
3) Rehn, Deutsches Archiv f. klin. Med. XVIII. Heft 1.
4) Bouchut (1. c. p. 71) will Blutungen in der Retina beim Kindertyphus ge-
sehen haben.
794 Infectionskrankheiten.
Veränderungen Platz greifen, wie sie in den Muskelfasern, besonders des
Herzens, in den Zellen der Leber, der Nieren u. s. w. nachgewiesen sind,
nach deren Ausgleichung während der Reconvalcscenz auch die von
ihnen abhängigen Symptome wieder schwinden. Aber auch hämorrha-
gische und embolische Vorgänge sind nicht auszuschliessen, und schon
der S. 792 erwähnte Fall, in welchem mehrere Cerebralnerven betheiligt
waren, ist in dieser Beziehung von Interesse. Noch prägnanter ist der
folgende Fall, in welchem die Lähmung in hemiplekti scher Form
auftrat. Es handelte sich um einen 7jährigen Knaben, welcher nach
einem 14 Tage dauernden Recidiv in einen hochgradigen Schwächezustand
mit Zittern, äusserst kleinem Pulse und unwillkürlichen Ausleerungen
verfiel, und plötzlich von Hemiplegia dextra, auch des Facialis und
Abducens, befallen wurde. Unter galvanischer Behandlung besserte sich
die Lähmung schnell, so dass der Kranke nach 14 Tagen fast geheilt
entlassen werden konnte. Ich habe ihn später wiederholt in der Poli-
klinik gesehen und vollkommen gesund gefunden. Die Entwickelung
der Hemiplegie während eines Stadiums bedenklicher Herzschwäche
macht in diesem Fall einen embolischen Ursprung derselben fast
gewiss (vergl. S. 753, 762, wo von der Hemiplegie nach Diphtherie die
Rede war)').
Zu den wichtigsten Zeichen des Typhus gehören bei Kindern wie
bei Erwachsenen, Milztumor und Roseola. Was zunächst die Milz
betrifft, so kann ich die Schwierigkeiten, welche sich der Erkenntniss
ihrer Anschwellung entgegenstellen, nicht genug betonen. Namentlich
kann die Percussion der Milz durch Gasauftreibung des Colon, durch
krankhafte Zustände der linken Lunge und Pleura, und durch die Un-
ruhe vieler Kinder während der Untersuchung ganz illusorisch gemacht
werden. Nur in 187 Fällen war ich im Stande, die Exploration der
Milz mit der notwendigen Genauigkeit und Beharrlichkeit vorzunehmen,
und unter diesen fand ich die Milz 96 Mal palpabel, entweder den
Rippenrand anhaltend um 2 — 3 Ctm. überragend, oder nur während
tiefer Inspiration deutlich fühlbar, mitunter auch entschieden
schmerzhaft beim Druck. In einem Falle reichte das untere Milzende
beinahe bis an die Spina des Darmbeins. Die Schwere des Falls hatte
auf die Grösse des Tumor im Allgemeinen keinen Einfluss. In den
') deMontmollin (Observations sur la fievre typhoide de l'enfance. Neu-
chatel, 1885) berichtet von einem 8jährigen Mädchen, welches am 24. Tage eine
Embolie der linken Art. brachialis bekam, deren Symptome erst nach Monatsfrist
schwanden. — Auch marantische Thrombosen grösserer Venen, besonders der un-
teren Extremitäten, sind in der Reconvalescenz beobachtet worden.
Ileotyphus. 795
anderen Fällen konnte man die Anschwellung der Milz nur durch Per-
cussion, und zwar meistens bis zum unteren Rande der 8. oder 7. Rippe
herauf nachweisen, wobei die Percussion oder der Druck unter dem
Rippenrande bisweilen empfindlich waren. In vielen anderen Fällen aber
konnte weder durch die Palpation, noch durch die vorurtheilsfrei
ausgeführte Percussion ein Milztümor constatirt werden. Für die Be-
urtheilung der zeitlichen Verhältnisse des letzteren will ich nur die
96 Fälle benutzen, in welchen ich die Milz deutlich palpiren konnte,
weil nur diese über jedem Zweifel erhaben sind. Dabei ergab sich nun,
dass, je stürmischer und rapider die Temperaturcurve ansteigt, um so
früher auch der Milztumor erscheint, mitunter schon am 3. oder 4.
Tage, während er in der Mehrzahl der Fälle erst am 6. oder 9. Tage,
oder noch später fühlbar wurde, nachdem die Vergrösserung der Milz
nach oben und vorn schon durch die Percussion nachgewiesen worden
war. Der Tumor konnte dann meistens bis in das intermittirende
Stadium hinein, bei einem 11jährigen Mädchen eine ganze Woche, bei
einem 8jährigen Knaben noch mindestens 2 Wochen nach der voll-
ständigen Defervescenz gefühlt werden. Ein paar Mal konnte ich den
Tumor erst während eines Recidivs deutlich fühlen, nachdem im ersten
Anfall der Krankheit nur die Percussion eine Vergrösserung der Milz
ergeben hatte.
Auch die Beurtheilung der Roseola erfordert, zumal in Fällen,
welche man nicht wenigstens vom Ende der ersten Woche an beobachtet
hat, grosse Vorsicht, denn oft wird sie gänzlich übersehen oder ist schon
erblasst, wenn man das Kind in Behandlung bekommt. Ich kann je-
doch mit voller Bestimmtheit versichern, dass in 19 Fällen, welche
von Anfang bis zu Ende in der Klinik genau beobachtet wurden,
Roseola durchweg vermisst wurde. In allen anderen aber er-
schien sie in derselben Weise wie bei Erwachsenen, d. h. in Form sehr
spärlicher, blassrother, meistens schwach prominirender Stippchen von
Stecknadelkopf- bis höchstens Linsengrösse, besonders am Bauch und am
unteren Theile des Thorax, seltener auch auf dem Rücken und der inneren
Fläche der Oberschenkel. Die Zahl der Roseolen war meistens eine be-
schränkte, 5 bis 10 im Ganzen, oft noch weniger, so dass man zwei-
felhaft sein kann, oh es sich wirklich um Roseolen oder um andere zu-
fällige Efflorescenzen handelt. Nur in 14 Fällen zeigte sich eine un-
gewöhnlich copiöse, ein paar Mal fast über den ganzen Körper ver-
breitete Eruption, die mit der des Typhus exanthematicus Aehnlichkeit
hatte. Die zeitlichen Verhältnisse der Roseola stimmen mit denen
des Milztumor im Allgemeinen überein. In den Fällen, welche sich durch
796 Infectionskrankheiten.
rapides und hohes Ansteigen der Temperatur auszeichneten, erschien
auch die Roseola schon am 3. bis 5. Tage nach dem Beginn des Fie-
bers, einmal sogar fast über den ganzen Körper verbreitet, während sie
in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle erst am 7. bis 10. Tage, sehr
selten am Ende der zweiten Woche während des Stadium decrementi
zum Vorschein kam. In der Regel kamen noch einzelne Nachschübe
im Laufe der nächsten Tage, selten später vor, nachdem die ersten
Roseolen schon völlig verschwunden waren, z. ß. erst am 12. bis
18. Tage des Typhus, wobei auch die bereits, gesunkene Temperatur
wieder auf 40° und darüber stieg. Wenn auch die einzelnen Roseolen
meistens nur 2 bis 3 Tage bestanden, so blieb doch in Folge der Nach-
schübe die Eruption im Ganzen oft bis an das Ende der 2. Woche, und
selbst noch länger bis in das intermittirende Stadium hinein sichtbar,
worauf oft eine schwache gelbliche Pigmentirung noch einige Tage lang
an der Stelle der Roseolen zurückblieb. Kam es später zu einem Rezi-
div, so erfolgte während desselben in der Regel, keineswegs aber con-
stant, auch ein neuer Roseolaausbruch.
Abgesehen von dieser Eruption treten bei Kindern, so gut wie bei
Erwachsenen, häufig die bekannten Sudaminabläschen mit nachfol-
gender kleienförmiger Abschuppung auf, sobald mit dem Sinken der
Temperatur reichliche Schweisse sich einstellen. Erytheme, theils
diffuse, theils mehr beschränkte, in einzelnen Fällen in der Form des
Er. urticatum oder annulare, konnte ich nur bei 6 Kindern beobachten,
und zwar am 3., 8., 10., 17. und 18. Tage der Krankheit. Sie waren
fast immer nur 24 Stunden in Blüthe, erblassten schnell und hinter-
liessen in einem Falle bläuliche Pigmentirung, aber nie Desquamation
der Epidermis. In zwei schweren Fällen, von denen einer tödtlich endete,
bildeten sich auf dem Thorax und Rücken schlaffe Blasen, die in ober-
flächliche Geschwüre übergingen. Wirkliche Petechien zeigten sich
selten, während falsche, durch Flohstiche bedingte, in den klinischen
Fällen häufig vorkamen und bei flüchtiger Betrachtung leicht für wahre
gehalten werden konnten. Ausnahmsweise blutete auch die Nase und
das Zahnfleisch, und die Sectionen ergaben dann vielfache kleine Hä-
morrhagien in inneren Theilen, Magenschleimhaut, Pleura u. s. w.
Uebrigens begründet die Eruption wirklicher Petechien nicht gleich eine
schlechte Prognose, selbst wenn zahlreiche Nachschübe derselben statt-
finden sollten.
Martha W., 14 jährig, aufgenommen am 19. September 1874 in der 2. Woche des
lleotyphus. Ueber den ganzen Körper verbreitet eine grosse Zahl stecknadelkopf-
bis linsengrosser blauröthlicher Petechien, hie und da auch grössere Ecchy-
Ileotyphus. 797
mosen, die grösste unter dem linken Trochanter, in deren Mitte man ein groschen-
grosses festes Extravasat fühlte. Am 23. neue thalergrosse Ecchymosen auf dem
Kreuzbein, am 26. auch am rechten Oberschenkel mit centraler Härte, während schon
das Stadium decrementi des Fiebers begonnen hatte. Alle diese Blutextravasate
wurden binnen 10 Tagen vollständig resorbirt. Der Verlauf der Krankheit war im
Ganzen ein schwerer: hohes Fieber (bis 40,4), äusserst kleiner Puls, kühle Extre-
mitäten, sehr schwache Herztöne, grosse Unruhe mit Delirien, diffuser Catarrh und
Bronchopneumonie, endlich ein nach 1 1 tägigem fieberfreiem Intervall eintretendes
Recidiv, welches 12 Tage dauerte. Dennoch erfolgte schliesslich ein günstiger
Ausgang. Die Ursache der hämorrhagischen Diathese blieb unbekannt. Bemerkeus-
werth war ihr Erlöschen mit dem Schwinden des ersten Fiebersturms, da während
des Recidivs keine neuen Extravasate zum Vorschein kamen.
Selten im Vergleich mit den Erwachsenen zeigte sich bei unseren
Kindern Decubitus. Im Ganzen kamen mir höchstens 16 solcher
Fälle vor, welche nur selten einen hohen Grad erreichten. Bei Martha W.
heilte ein ziemlich tief dringender Decubitus auf dem Kreuzbein sogar
noch während des Recidivs bei anhaltend hoher Temperatur (Abends
bis 40,8). Bei einem anderen Kinde wurde ein gerade auf dem grossen
Trochanter befindlicher Naevus, bei einem dritten das Hinterhaupt Sitz
des Decubitus. Nur in 5 Fällen dieser Art erfolgte der tödtliche Aus-
gang. Auch Fanaritien, Abscesse, Furunkel und Ecthymapus-
teln kamen wiederholt, besonders in der Sacralgegend, an der Spina
ossis ilei und auf der Bauchwand vor, zweimal mit einer so tiefen bran-
digen Necrose des unterliegenden Bindegewebes, dass die Bauchmuskeln
blossgelegt wurden. Bei einem 10jährigen Knaben kam es während der
Entfieberung zu ausgedehnter Abscessbildung im rechten, später auch im
linken Oberschenkel, welche tiefe Incisionen erforderte, das Fieber Wochen-
lang unterhielt und erst am Ende des dritten Monats in Heilung über-
ging. In einem letalen Fall endlich, der in den letzten Tagen bei
40,'2 Temp. wiederholte Schüttelfröste und an der rennten unteren Ex-
tremität ausgedehnte Blutunterlaufungen und vereinzelte mit blutigem
Serum gefüllte Blasen dargeboten hatte, fand sich bei der Section eine
marantische Thrombose der rechten Vena cruralis, welche bis in ihre
Wurzeln herabreichte.
Die von Seiten der Digestionsorgane auftretenden Symptome
stimmen mit denen des späteren Lebensalters überein. Appetitlosigkeit
bis in das intermittirende Stadium hinein fehlt fast nie und bedingt bei
eigensinnigen und verwöhnten Kindern bisweilen Ausbrüche von wilder
Heftigkeit, sobald man ihnen die nothwendige Nahrung aufzwingen will.
Nur selten, in ganz leichten Fällen, äusserten die Kinder selbst das Be-
dürfniss nach Nahrung. Mit dem Eintritt der Reconvalescenz tritt fast
798 Infectionskrankheiten.
immer ein abnorm gesteigerter Hunger ein, welcher in einem Falle,
wenn er nicht sofort befriedigt wurde, Wuthanfälle mit Geschrei zur
Folge hatte.
Sehr verschieden war die Beschaffenheit der Zunge, welche nur
ausnahmsweise durchweg rein und feucht, aber auch selten so trocken,
rissig und mit schwarzbraunen Borken bedeckt erschien, wie wir sie
häufig bei Erwachsenen antreffen. In der Regel wurde in der ersten
Zeit der Krankheit ein dicker weisslicher oder graugelber Belag mit
starker Röthe der Ränder und der Spitze, oder eine rothe glatte Be-
schaffenheit der vorderen Hälfte, während die hintere stark belegt war,
beobachtet. Auf der Acme des Fiebers stiess sich der Belag oft gänz-
lich oder theilweise ab, die Oberfläche der Zunge wurde dann glänzend
roth, wie lackirt, etwas trocken und in der Mitte bräunlich, wobei die
Papillen stärker hervortraten, mitunter so stark, wie auf der Scharlach-
zunge. Ueberhaupt war das Aussehen der Zunge oft von Tag zu Tag
verschieden. Im Allgemeinen erschien mir die Tendenz zum Trocken-
werden, welche mit der Schwere der nervösen Erscheinungen, besonders
mit der Somnolenz gleichen Schritt zu halten pflegt, weniger ausge-
prägt, als bei Erwachsenen, und dasselbe gilt auch von dem fötiden
Geruch aus dem Munde, von der Trockenheit und dem fuliginösen Be-
lag der Lippen und des Zahnfleisches, der oft ganz fehlte und nur
selten den bei Erwachsenen so häufigen hohen Grad erreichte. Dagegen
zeigen die Lippen fast immer Fetzen von Epidermis, welche die Kinder
bei dem fast constant beobachteten Zupfen an den Lippen allmälig ab-
reissen. Diese Erscheinung, welche in eine Oategorie mit dem ebenso
häufig vorkommenden Bohren in der Nase und dem Reiben der Augen-
lider gehört, macht sich schon in den ersten Tagen des Ileotyphus be-
merkbar, kann sich aber auch bis in die späteren Stadien hineinziehen.
Eine charakteristische Bedeutung kommt ihr indess nicht zu, weil sie
auch im ersten Stadium der Meningitis tuberculosa (S. 299) sehr häufig
beobachtet wird. Bei einem 5jährigen Mädchen bildete sich einige
Tage vor dem Tode, anscheinend von einer Rhagade der Unterlippe
aus, eine bis zum Rande des Unterkiefers sich erstreckende harte
Infiltration und gleichzeitig eine brettharte Anschwellung der linken
Parotis.
Kleine aphthöse Plaques und oberflächliche Geschwüre an den
Zungenrändern und Mundwinkeln veranlassten manche Kinder , ihre
Finger fortwährend in den Mund zu führen. Bisweilen begleitete auch
Angina tonsillaris den Typhus; ja bei einem 10jährigen Mädchen wurde
sowohl der erste Anfall desselben, wie auch das später folgende Recidiv
Ileotyphus. 799
durch Angina eingeleitet, während die Schleimhaut des Mundes völlig
intact war. Soorbildung beobachtete ich in einigen 30 Fällen, immer nur
bei hochgradiger allgemeiner Schwäche, entweder auf der Höhe der
Krankheit oder bei schon sinkender Temperatur; meistens war nur das
Gaumengewölbe, bisweilen aber auch die ganze Mund- und Rachenhöhle
befallen. Gerade der Soor des Pharynx kann zu Verwechselungen mit
terminaler Diphtherie Anlass geben, welche durch den microscopischen
Befund der Soorpilzfäden zu vermeiden sind.
Erbrechen fand in 52 Fällen statt, meistens nur im Beginn und
in der ersten Krankheitswoche, seltener auch noch im späteren Verlaufe,
ja bis ans Ende der Krankheit sich von Zeit zu Zeit wiederholend. In
der Regel erfolgt es nach dem Genuss von Nahrungsmitteln oder Ge-
tränken, seltener spontan, setzt einige Tage ganz aus und wiederholt
sich dann ohne deutliche Ursache. Jedenfalls kommt Erbrechen häufiger
vor, als bei Erwachsenen, womit auch die Beobachtungen Anderer über-
einstimmen1). Bisweilen brachen die Kinder alles aus, was sie zu sich
nahmen, so dass man sich jeder Arznei enthalten musste. Eine be-
sonders schlimme Vorbedeutung, welche Lösch ner dem wiederholten
Erbrechen zuschreibt, möchte ich nicht anerkennen, wenn ich auch zu-
gebe, dass es vorzugsweise in schweren Fällen vorkommt. Dass ein im
Beginn der Erkrankung eintretendes Erbrechen den Verdacht von Menin-
gitis tuberculosa erregen muss, ist selbstverständlich, und man wird
deshalb um so sorgfältiger die begleitenden Symptome, zumal die Puls-
beschaffenheit und Fiebercurve zu prüfen habe.
Der Stuhlgang war unter 260 Fällen 26 mal vollkommen normal,
höchstens etwas breiiger als sonst, fehlte auch wohl an einzelnen Tagen
gänzlich; in 28 Fällen beobachtete ich während der ganzen Krankheit
Obstructio alvi, welche die wiederholte Anwendung von Klystieren,
Ol. Ricini oder Calomel nothwendig machte. Bei einem dieser Kinder
war die Verstopfung so hartnäckig, dass 0,4 Calomel (in 2 Dosen) und
2 ausleerende Klystiere gegeben werden mussten, um Stuhlgang zu be-
wirken; bei einem anderen letal gewordenen blieben auch Glycerin-
klystiere ohne Wirkung, und die Darmschlingen zeichneten sich deutlich
unter den dünnen Bauchdecken ab. Trotzdem ergab die Section gerade
hier ansehnliche Darmgeschwüre. Auf die Schwere des Falls kam es
dabei nicht an, denn wir hatten mehrere Typhen mit sehr langgezogenem
Verlauf, anhaltend hohen Temperaturen und verhältnissmässig stark ent-
') Montmollin(l. c.) beobaohtete Erbrechen in den ersten Tagen in 88 Fällen,
während der ganzen Krankheit in 13 Fällen.
800 Infectionskrankheiten.
wickelten nervösen Symptomen, welche von Anfang bis zu Ende mit
Stuhlverstopfung verliefen. Oft wurde eine anfangs vorhandene Ob-
struction später durch Diarrhoe ersetzt. Diese bestand unter 260 Fällen
206 mal, entweder von vornherein, oder häufiger erst von der Mitte der
ersten Woche oder vom Anfang der zweiten Woche an. Die Ausleerungen,
deren Zahl sehr verschieden war (meistens nur 1 — 5 Stühle täglich,
selten 10—20), zeigten in der Regel die bekannte, erbsenbrühartige
Beschaffenheit, sahen aber auch öfters grünlich oder wie Milchkaffee
aus, dauerten meistens bis in das intermittirende Stadium hinein, und
wurden erst mit der völligen Entfieberung normal. Nur selten trat Diar-
rhoe während der Reconvalescenz ohne erkennbare Ursache von neuem
auf, bei mehreren Kindern sogar mit solcher Heftigkeit, dass Collaps
drohte. Häufiger besteht während dieser Periode Neigung zur Obstruction,
auf welche man um so mehr zu achten hat, als dadurch ephemere Fieber-
anfälle bedingt werden können, die nach der Entleerung harter Scybala
durch Ol. Ricini oder reichliche Wassereingiessungen in den Dickdarm
ihr Ende erreichen (S. 787).
Nur sehr selten im Vergleich mit den Erwachsenen treten Darm-
blutungen im Typhus der Kinder auf. Alle Autoren sind darin einig
und bringen diese Thatsache mit der Seltenheit ausgebreiteter Darm-
geschwüre in diesem Alter in Zusammenhang (S. 779). Ich selbst be-
obachtete Darmblutung nur 9 mal, und zwar in 5 Fällen unbedeutend
und rasch vorübergehend, während bei einem 12jährigen Knaben die
Heftigkeit der Blutung, welche sich im Recidiv wiederholte, einen be-
unruhigenden Schwächegrad herbeiführte. Bei einem 10jährigen Mädchen
trat während des Recidivs eine unbedeutende Darmblutung ein, worauf
in den nächsten Tagen zwei sehr copiöse Hämorrhagien mit letalem
Collaps folgten. In diesem Falle war schon der häufige Abgang äusserst
faulig riechender Flatus aufgefallen, die beim Lüften der Bettdecke die
ganze Umgebung verpesteten und wohl von der Zersetzung der im Darm-
kanal stagnirenden Blutmassen herzuleiten waren. Bei einem 5jährigen
Knaben hatten die am 15. Krankheitstage erfolgenden starken Entlee-
rungen von flüssigem oder geronnenem Blut einen raschen Abfall der
Temperatur von 39,7 — 36,7 in wenigen Stunden zur Folge, der indess
nur bis zum folgenden Tage dauerte und dann der hohen Temperatur
wieder Platz machte. Der Fall endete am 20. Tage letal und ergab
bei der Autopsie ausgedehnte Ulcerationen (S. 780, Fall 17). Nur in
einem Falle, der nicht zur Section kam, wurde blutige Diarrhoe gleich-
zeitig mit Blutungen aus der Nasen-, Mund- und Pharynxschleimhaut
b eobachtet.
Ileotyphus. 801
Auffallend war mir die äusserst geringe Zahl von Fällen, in denen
Stühle und Urin unwillkürlich ins Bett entleert wurden. Fast alle
Kinder, welche über die ersten Lebensjahre hinaus waren, gaben ihre
Bedürfnisse zuvor der Wärterin kund, selbst wenn Apathie und Somno-
lenz nicht unbedeutend waren. Dieselbe Erfahrung machten Rilliet
und Barthez. Fast nur in schweren, mit tiefem Sopor einhergehenden
Fällen erfolgten unwillkürliche Ausleerungen. Um so bemerkenswerther
erschien es mir, dass manche Kinder erst im Stadium intermittens oder
in der Reconvalescenz bei ganz freiem Sensorium anfingen, Stuhl-
gang und Urin ins Bett zu entleeren, was ich nur aus Schwäche und
einer damit verbundenen Scheu vor jeder Bewegung erklären konnte.
Auch Retention des Urins kam selten vor, z B. bei einem 2'/2- und
einem 4jährigen sensoriell völlig benommenen Knaben, welchem wieder-
holt der Katheter eingeführt werden musste. Auch diese Fälle nahmen
übrigens einen glücklichen Ausgang.
Schwerer als bei Erwachsenen lässt sich bei Kindern die Empfind-
lichkeit der Ooecalgegend beurtheilen, und ich kann deshalb diesem
Symptom hier ebenso wenig Werth beilegen, als dem sogenannten „Gar-
gouillement", welches auch bei Kindern, die an gewöhnlicher Diarrhoe
leiden, durchaus nichts seltenes ist. Die Form des Unterleibs war
meistens normal oder nur massig aufgetrieben. Höhere Grade von
Meteorismus kamen selten vor, und fast niemals wurde dadurch eine
Beeinträchtigung des Diaphragma und der Athmung herbeigeführt, ein
Umstand, welcher zu der günstigeren Prognose des Kindertyphus das
Seinige beiträgt. Oolikschmerzen, besonders vor den Ausleerungen,
konnte ich mit Sicherheit nur in 19 Fällen constatiren. Um so
auffallender war es, dass bei drei Kindern diese Schmerzen erst in der
Reconvalescenz, und zwar bei zweien mit solcher Heftigkeit auftraten,
dass man an die Entwickelung einer perforativen Peritonitis denken
konnte.
Otto M., 11 Jahre alt, Recor.valesoent vom Typhus seit dem 19. October; am
9. November Nachmittags plötzlich sehr intensive, sich immer steigernde Leib-
schmerzen, die von der Regio iliaoa dextra ausstrahlend, sich auf das Hypogastrium
und die Nabelgegend verbreiteten und mit wiederholtem Erbrechen verbanden.
Unterleib gespannt und empfindlich, aber nicht aufgetrieben. Der laut klagende
Patient war fieberlos (37,6), Stuhlgang normal erfolgt. Durch 8 Tropfen Tinct. opii
und eine Eisblase Besserung; während der Nacht Ructus, am nächsten Tage
Uebelkeit und ein paar Mal Erbrechen, welches sich auch am 11. und 12. (ohne
irgend einen Diätfehler) wiederholte. Am 14. ein neuer heftiger Schmerzanfall
mit Erbrechen, der wiederum von der Ooecalgegend ausging. Von nun an ungestörte
Reconvalescenz.
Hfllioch, Vorlesungen über Kiuuerkraiikheitmi. 7. Aull. 51
802 Infectionskrankheiten.
Max B., 7 jährig, nach einem schweren Typhus seit 2 Tagen entfiebert. Am
28. December Mittags plötzlich äusserst heftige Schmerzen in der rechten Seite
des Leibes, anhaltendes Geschrei, Schweissausbruch im Gesicht. Injection von Mor-
phium (0,006) bewirkte sofort Nachlass und ruhigen Schlaf. Untersuchung des
Unterleibs ohne Resultat. Da bereits 4 Tage lang Stuhlverstopfung bestand, wurden
nach und nach 4 Esslöffel Ol. ricini gegeben, welche indess keine genügende Oeffnung
bewirkten. Erst nach einigen Klystieren am 30. erfolgte reichlicher Stuhlgang.
Während dieser Zeit war noch am 29. ein kurzer Schmerzanfall in der rechten Bauch-
seite erfolgt, der indess spontan vorüberging und nur eine grosse Empfindlichkeit
dieser Gegend hinterliess. Dieselbe verschwand nach anhaltender Application eines
Eisbeutels bis zum 31.
Von Peritonitis konnte in diesen Fällen wohl keine Rede sein, viel-
mehr handelte es sich um Colikschmerzen, die von dem Reize ange-
häufter Darmcontenta abhängen mochten. Ausser dem zweiten Falle
spricht für diese Ansicht noch ein dritter, in welchem während der
Reconvalescenz durch Verstopfung heftige Schmerzen im Laufe des Colon
transversum erregt wurden. Auch Rilliet und Barthez sprechen von
diesen Schmerzen, und führen dabei den Fall eines 11jährigen Knaben
an, welcher schon während des Typhus von den intensivsten, 36 Stun-
den mit Unterbrechungen andauernden Schmerzen im Leibe befallen
wurde.
Mir selbst kam im Juni 1884 der Fall eines 6jährigen Mädchens vor, in welchem
der Typhus mit anhaltenden Klagen über heftige Leibschmerzen begann, welche
Tage lang dauerten, wobei aber der Unterleib, abgesehen von Empfindlichkeit gegen
Druck, normal blieb. Die Temperatur stieg auf 4 1 ,0 und mit der stärkeren Ausbildung
der typhösen Symptome verschwanden die Leibschmerzen, welche den behandelnden
Arzt anfangs zur Diagnose einer Peritonitis bestimmt hatten.
Die Perforation eines Darmgeschwürs habe ich unter allen meinen
Fällen nur einmal bei einem 11jährigen Knaben, und zwar in der
fünften Woche, nachdem schon die Reconvalescenz begonnen hatte, be-
obachtet. Die Seltenheit der Perforation wird fast von allen Autoren
bestätigt, und Barrier's Angaben (2 Perforationen unter 24 Fällen)
sind nur als Spiel des Zufalls zu betrachten. Im Widerspruch damit
stehen die Angaben von Rennert1), nach welchen von 41 Perforationen
4 bei Kindern bis zum 12. Jahre vorkamen, und von Schultz-), nach
welchem bei 8 Kindern (36,4 pCt. der Verstorbenen) Perforationen vor-
kamen. Fälle von geheilter Peritonitis ex perforatione kenne ich aus
eigener Erfahrung nicht; in der Literatur fehlt es aber nicht an einzel-
') Deutsche med. Wochenschr. 1889. S. 1063.
2) Jahrb. d. Hamburger Staatskrankenanstalten. I. 1889.
lleotyphus. 803
nen Beispielen dieser Art, die freilich nicht alle vertrauenswürdig sind.
Bei einem 10 jährigen Knaben ergab die Section zwar frische Perito-
nitis, starke Injection des gesammten Bauchfells, welches, wie die
Milz, mit Eiterflocken hie und da bedeckt war und in seiner Höhle
eine trübe, bräunlich gelbe Flüssigkeit enthielt; doch konnten wir die
Perforation eines der zahlreichen Geschwüre nicht mit Sicherheit eon-
statiren.
Verhältnissmässig selten ist auch Parotidenbildung, welche ich
nur 4 mal, bei 2 Mädchen, einem 4jährigen und einem 7jährigen Knaben,
zu sehen bekam. Bei dem letzteren entwickelte sich eine linksseitige
Parotide in der 3. Woche eines äusserst schweren Typhus; hier musste,
nachdem sich der Eiter spontan in den äusseren Gehörgang entleert
hatte, eine Gegenöffnung unterhalb des Ohrs gemacht werden, welche
nach einigen Wochen Heilung herbeiführte. In 2 Fällen bildete sich die
Parotide erst einige Tage vor dem Tode, das eine Mal unter steigendem
Fieber, bei dem zweiten Kinde im Collaps (Temp. 37,8), ohne dass es
zur Eiterung kam, während im vierten Falle Paralyse sämmtlicher Ge-
sichtszweige des N. facialis und Durchbruch in den äusseren Gehörgang
erfolgte.
Ich komme nun zu den von den respiratorischen Organen aus-
gehenden Krankheitserscheinungen, unter denen, wie bei Erwachsenen,
der Bronchialcatarrh die constanteste ist. Ich mache Sie darauf auf-
merksam, dass bei dem typhösen Catarrh wegen der Muskelschwäche
tiefere Inspirationen nöthig sind, um Rhonchi hervorzurufen, während
oberflächliche Athemzüge, wie sie gerade diesen Kindern eigen sind, keine
abnormen Geräusche, sondern oft nur schwaches Vesiculärathmen zu Ge-
hör bringen. Daher kommt es, dass 'man in einer Reihe von Fällen
trotz des vorhandenen Hustens keine catarrhalischen Geräusche währ-
nimmt, bis das Kind zufällig einmal während des Auscultirens recht
tief inspirirt. Verhältnissmässig selten (26 mal) steigerte sich der
Catarrh zu einer durch die physikalische Untersuchung deutlich nach-
weisbaren bronchopneumonischen Verdichtung. Dass noch in
vielen anderen Fällen lobuläre, physikalisch nicht nachweisbare broncho-
pneumonische Herde bestanden haben mögen, kann ich dabei nicht in
Abrede stellen.
Die Bronchopneumonie trat fast immer doppelseitig in den hinteren
unteren Lungenpartien, und zwar während der Acme der Krankheit auf,
seltener erst mit dem Sinken der Temperatur oder gar im intermittiren-
den Stadium, wobei die Annahme einer Steigerung der Verdichtungs-
symptome durch hypostatische Processe nahe lag. Durch Nachschübe
51*
804 Infectionskrankheiten.
der Bronchopneumonie kann der Verlauf sehr in dia Länge gezogen, der
Kräftezustand der Kinder in beunruhigender Weise herabgesetzt werden.
Die enorme Abmagerung, das blasse Colorit, die Anorexie und das remit-
tirende Fieber, welche in diesen Fällen Wochenlang zu dauern pflegen,
sind wohl geeignet, die Befürchtung eines käsigen Zerfalls der Infiltration
oder einer hinzutretenden acuten Tuberculose zu erregen. Glücklicherweise
aber ist diese Befürchtung nicht immer gerechtfertigt, und es erfolgt
vollständige Heilung (S. 365).
Bei weitem seltener als Bronchopneumonie entwickelt sich die fibri-
nöse Form im Verlauf des Ileotyphus, wofür der folgende Fall ein
Beispiel darbietet:
Hedwig H., 13 Jahre alt, aufgenommen wegen Epilepsie, die etwa alle drei
Wochen, besonders in der Nacht, starke wiederholte Anfälle machte. Am 4. Februar
wurde sie von Fieber (39,9) befallen, und es entwickelte sich nun stürmisch ein
Ileotyphus mit einer schon am 3. Tage hervortretenden und reichlich fast über den
ganzen Körper sich verbreitenden Roseola, Delirien, Sopor, starker Diarrhoe
u. s. w. Während der lötägigen Dauer der Krankheit betrug die Temperatur auch
in den Morgenstunden fast nie unter 40,0, Abends 40,5 bis 40,7. Von Seiten der
Respirationsorgane wurde zuerst ein diffuser Catarrh, später auch eine ausgebreitete
Dampfung der rechten Rückenfläche und Bronchialathmen constatirt. Die Schwere
des Falles, der tiefe Sopor, der mehr und mehr sich geltend machende Collaps ver-
hinderten indess ein genaues Verfolgen der pneumonischen Vorgänge in den letzten
Tagen. Tod am 20. im Collaps.
Section: Gehirn normal. Epicardium und Pleura mit kleinen Ecchymosen
durchsetzt. Linke Lunge normal. Von der rechten Lunge ist nur die Spitze noch
lufthaltig. Sonst ist der Oberlappen derb grauroth hepatisirt mit eingesprengten
hämorrhagischen Partien. An der unteren Grenze befinden sich zwei etwa würfel-
förmige 2 Ccm. grosse, kirsohrothe, von einer scharfen graugelben Demarcationslinie
umgebene Herde. Auch der Unterlappen dunkelbraunroth, dur ch weg derb hepa-
tisirt. Nur am untersten Theil des Mittellappens war noch eine lufthaltige Partie
bemerkbar. Milztumor, parenchymatöse Nephritis. (In Betreff der Darmveränderungen
vergl. S. 780, Fall 8.) An der Basis des Aryknorpels ein bis in's Perichondrium
reichendes Ulcus, Epiglottis am Rande oberflächlich ulcerirt. Soor im Pharynx und
Oesophagus. Fast alle Lymphdrüsen markig geschwollen.
Wir fanden also eine fast totale Hepatisation der rechten Lunge,
und an der Grenze des Oberlappens inmitten der Verdichtung zwei
„sequestrirte" Herde, welche bei längerer Dauer des Lebens entweder
in völlige Nccrose, d. h. circumscripten Lungenbrand, oder in Lungen-
abscesse übergegangen sein würden. Die Demarcationslinie, welche sie
umgab, bewies, dass die Abtrennung derselben von dem hepatisirten
Parenchym schon begonnen hatte. Abgesehen von diesem Falle konnten
wir nur noch 3 mal fibrinöse Pneumonie durch die Section nachweisen.
Ileotyphus. 805
Nur selten wurde ein massiges purulentes Exsudat im Pleurasäcke ge-
funden, häufiger fibrinöse Pleuritis. Zu den seltenen Befunden beim
Typhus der Kinder gehört auch der ulceröse Process im Larynx,
welchen ich im Ganzen nur 4 mal zu beobachten Gelegenheit hatte.
In einem 5. Falle fanden wir keine Ulceration, sondern nur bedeutende
Schwellung der Kehlkopfschleimhaut mit entzündlicher Verdickung des
Perichondrium. Alle diese Kinder hatten bis zum Tode an starker
Heiserkeit und heiserem Husten gelitten, eins derselben (ein 4jähriger
Knabe) in den letzten 9 Tagen der Krankheit auch an zunehmenden
croupösen Symptomen, stridulösem Athmen, croupösem Husten, Ein-
ziehung der unteren Thoraxpartie. Die Section ergab nirgends eine Spur
von Diphtherie, aber die Epiglottis stark geröthet und geschwollen, sym-
metrische Geschwüre auf beiden Aryknorpeln und im Larynx. Heiserkeit
oder selbst Aphonie auf der Höhe der Krankheit kann aber auch durch
Atonie der Stimmmuskeln bedingt werden, welche daran erkannt wird,
dass eine stärkere Anstrengung des Stimmorgans dieselbe zum Theil
überwindet.
Wirklicher Lungenbrand wurde 3 mal beobachtet:
Franziska Seh., 4 jährig, aufgenommen am 7. Juli mit Ileotyphus. Anfangs
Hess sich nur ein diffuser Bronchialcatarrh constatiren. Erst am 1 3. expeotorirte Pa-
tientin beim Husten ein schaumiges, blutig tingirtes Sputum, welches grössten-
theils verschluckt wurde. Die Frequenz "der Respiration war dabei nicht erheblich
vermehrt (etwa 30 in der Minute), dieselbe auch nicht gerade dyspnoetisch. Am 17.
liess sich auf der rechten Rückenfläche von oben bis unten, besonders aber von der
Spina scapulae abwärts, Dämpfung, bronchiales Athmen und mittelblasiges klingen-
des Rasseln nachweisen; die Athmung wurde ungleich, die Exspiration stöhnend,
der Husten quälender; Sputa konnten auch jetzt nicht aufgefangen werden. Neben
diesen respiratorischen Symptomen verliefen die eigentlichen typhösen Symptome in
bekannter Weise, aber in schwerer Form. Tod am 2. August im Collaps.
Section: In der rechten Pleurahöhle reichliches missfarbiges, bräunlich graues
Exsudat. Beide Pleurablätter fibrinös belegt. Der Oberlappen der rechten Lunge
grösstentheils lederartig fest, die Pleura desselben an einer hühnereigrossen Stelle
missfarbig, darunter Fluctuation fühlbar. Beim Einschneiden dieser Stelle kommt
man in eine mit flüssigem jauchigem Inhalt und zerfallenem Lungengewebe angefüllte
Höhle, deren ganze Umgebung ringsum hepatisirt ist, nach dem Herde zu aber
weicher und missfarbiger wird. Die innerste der Höhle anliegende Parenchymschicht
ist entschieden gangränös zerfallen, stinkend. Unter- und Mittellappen der rechten
Lunge frisch roth hepatisirt. Die Veränderungen im Darmkanal siehe S. 779, Fall 7.
Milz etwas vergrössert, Nephritis parenehymatosa.
Fritz J., 9jährig, am 1 1. März mit Typhus aufgenommen. Am 4. April Oedem
der Vorhaut, Blasenbildung auf dem Penis, dessen Haut in wenigen Tagen bran-
dig wird. Tod im Collaps am 6. April. Section: Gangrän des Penis, Peyer'sche
Plaques markig geschwollen, nicht ulcerirt. Beide Unterlappen hepatisirt, im linken
806 Intectionskrankheiten.
ein taubeneigrosser, mit brandig stinkender Jauche gefüllter Herd, von missfarbiger
Pleura überspannt.
Marie T., 4jährig, aufgenommen am 23. April mit Typhus. Vor 14 Tagen
Masern. Vom 5. Mai an entfiebert, aber somnolent. Diarrhoe fortdauernd. R. 60.
Vom 8. an wieder Fieber, links hinten Dämpfung, reichliches Rasseln, Husten. Den
10. P. 200, fadenförmig. Seit längerer Zeit brandiger Decubitus auf dorn Kreuz-
bein. — Section: Linker Oberlappen leicht adhärent, derb, hepatisirt, nach der
Basis zu eine mehr als taubeneigrosse Höhle mit schmierigem, graugelbem, stinken-
dem Inhalt. Plaques netzförmig, geschwollen, roth punktirt.
In allen diesen Fällen handelte es sich um fibrinöse Pneumonien,
welche durch septischen Zerfall gangränöse Cavernen bildeten, ein Vor-
gang, dessen Anfangsstadium ich schon oben (S. 804) als „sequestrirte"
Herdbildung beschrieb. — In klinischer Beziehung hebe ich den
Mangel des gangränösen Athemgeruchs hervor (S. 421), der bei der
Unmöglichkeit, Sputa zu gewinnen, uns ausser Stand setzte, die
Diagnose des Lungenbrandes zu stellen. Im zweiten Falle können der
Brand des Penis, im dritten die vorangegangenen Masern und der
brandige Decubitus als fördernde Momente der Lungengangräu in Betracht
kommen.
Ueber Abnormitäten des Urins, insbesondere Albuminurie, finde ich
in meinen Fällen nur wenige Notizen, gebe aber zu, dass die Unter-
suchung dieses Secrets, welches bei den Kindern nur schwer oder gar
nicht aufzufangen war, nicht mit der erforderlichen Genauigkeit und
Consequenz durchgeführt werden konnte. Massige Albuminurie kam
während der Acme nicht selten zur Beobachtung , schwand aber immer
mit der Abnahme des Fiebers. Bei einem 9jährigen Mädchen aber trat
sie erst am 16. Tage nach der Entfieberung ein, begleitet von leichtem
Oedem des Gesichts und der Fussrücken, Symptome, welche binnen
9 Tagen nach einer Milchdiät, warmen Bädern und dem Gebrauch von
Kali aceticum verschwanden. In einem anderen Falle bin ich nicht
sicher, ob der reichliche Eiweissgehalt des Urins nicht von einigen
Gaben Antifebrin herrührte. Schlimme Folgen habe ich übrigens in
keinem dieser Fälle beobachtet'). Bei einem 7 jährigen Mädchen
(Privatpraxis) fiel mir die enorme Menge und blasse Farbe des Urins
im Acmestadium des Typhus auf; da derselbe indess weder Zucker,
') Nach den Beobachtungen von Geier (Jahrb. f. Kinderheilkunde. XXIX. 1)
kommt Albuminurie im Kindertyphus sehr häufig vor. meistens in der 1. oder im
Anfang der 2. Woche, und dauert gewöhnlich 1 bis 2 Wochen. Hagenbach beob-
achtete in 300 Fällen 8 Mal Albuminurie, die nicht als eine bloss febrile zu be-
trachten war.
lleotyphus. 807
noch sonst abnorme Bestandtheile enthielt, so musste wohl der stark
vermehrte Durst, welcher dem verhältnissmässig nicht hohen Fieber
keineswegs entsprach, als Ursache der Polyurie betrachtet werden.
Die Ehrlich'sche Diazoreaction fand sich mehr oder weniger in allen
Fällen, welche darauf hin untersucht wurden, und dies geschah in den
letzten Jahren durchweg. —
Von anderen Complicationen und Nachkrankheiten beobachtete ich
einmal bei einem 8jährigen Knaben ein mit Bläschenbildung einher-
gehendes Erysipelas faciei, welches sich unter starker Fiebersteigerung
auf die behaarte Kopfhaut verbreitete und nach 5 Tagen kritisch endete.
Otorrhoe in Folge von Otitis media und Perforation des Trommelfells,
meistens einseitig, kam 30 mal vor, dauerte 12—30 Tage, und ver-
schwand dann allmälig, ohne üble Folgen zu hinterlassen, stand also in
Bezug auf Frequenz und Malignität der nach Scharlach und Masern auf-
tretenden Otitis bedeutend nach. Ein Hämatom des rechten Musculus
rectus abdominis entwickelte sich in der 8. Woche eines schweren Typhus
bei einem 7jährigen Knaben unter lebhaften spontanen, aber auch durch
Druck und Bewegung hervorgerufenen Schmerzen, und bildete eine harte,
scharf umrandete, dicht unterhalb des Nabels endende Geschwulst,
welche nach einigen Wochen durch Resorption verschwand. Ebenso
günstig verlief ein zweiter Fall, der wegen eines im Typhus entstandenen
Hämatoms in die Klinik gebracht wurde. Sehr selten kommen Ent-
zündungen der Gelenke nach lleotyphus vor, und deshalb erscheint mir
der Fall eines 11jährigen Knaben bemerkenswerth, welcher 3 Wochen
nach der Entfieberung Synovitis des linken Handgelenks bekam.
Dasselbe war stark geschwollen und bei jeder Bewegung äusserst schmerz-
haft. Ein massiges Fieber (38,2; schwand nach zwei Tagen, und unter
dem Gebrauch eines Schienenverbandes und eines Eisbeutels ging auch
die Anschwellung rasch zurück, erschien aber schon nach wenigen Tagen
ohne Fieber von neuem, und wurde nun durch Jodtinctur und Gypsver-
band beseitigt. Ob man diese 3 Wochen nach Ablauf des lleotyphus
eintretende Synovitis in der That als Nachkrankheit oder als eine zu-
fällige Affection betrachten soll, ist zwar fraglich, doch kam noch ein
analoger Fall vor, welcher das rechte Kniegelenk betraf und unter
derselben Behandlung einen glücklichen Ausgang nahm.
Unter den Nachkrankheiten des Typhus wird von verschiedenen
Autoren (Griesinger) auch Wassersucht, und zwar ohne Abnor-
mitäten des Urins, erwähnt. Bei Kindern wurde sie wiederholt (von
Stoeber und von Rilliet und Barthez) beobachtet, deren Fälle stets
günstig verliefen. Mir selbst kam Hydrops in Folge von Typhus, ab-
808 Infeotionskrankheiten.
gesehen von dem S. 806 erwähnten nephritischen Fall und von einzelnen,
in welchen die Augenlider und der abhängigste Theil des Scrotura nach
der Entfieberung gedunsen erschienen, nur einmal bei einem 9jährigen
sehr heruntergekommenen Knaben vor, welcher in der 5. Woche der
Krankheit bei fortdauernder abendlicher Temperaturerhöhung (38,4 — 38,8),
Oedem der Hände und Füsse und massigen Ascites bekam, ohne dass
der Urin eine Spur von Albumen zeigte. Das Fieber hörte sofort nach
der Incision dreier grosser Abscesse unter der Kopfhaut auf, und unter
dem Gebrauch eines Chinadecocts mit Wein und kräftiger Diät ver-
schwanden mit der Besserung des Allgemeinbefindens allmälig die hydro-
pischen Symptome, so dass nach Monatsfrist vollständige Heilung erzielt
wurde. Ob man den Hydrops in solchen Fällen, wie ich glaube, als
einen asthenischen, d. h. durch Herzschwäche und venöse Stauung, oder
als einen durch parenchymatöse Veränderungen der Nieren bedingten
aufzufassen hat, steht dahin. Der Mangel der Albuminurie lässt sich
nicht gegen die letzteren geltend machen, da, wie Sie sich erinnern
werden (S. 612), diese auch ohne Albuminurie bestehen können. Ich
bemerke ausdrücklich, dass dieser Patient weder Natron salicylicum noch
Antipyrin bekommen hatte, weil bisweilen diesen Mitteln die Entstehung
von Oedemen und Transsudaten zugeschrieben wird.
Charakteristisch für Kinder erschien mir immer die im Vergleich mit
erwachsenen Patienten überraschend schnelle Wiederherstellung der
Kräfte. Wenn auch hin und wieder Fälle vorkommen, in welchen die
reconvalescenten Kinder enorm abgezehrt sind und kaum aufrecht sitzen
können, so erstaunten wir doch weit häufiger darüber, Kinder, welche
Wochenlang apathisch oder somnolent dagelegen hatten, sofort nach
dem Eintritt der Defervescenz, selbst schon im Stadium intermittens im
Bette sitzend und spielend zu finden, eine Thatsache, welcho schon von
Rilliet und Bart he z gewürdigt worden ist. Dagegen fand, wie bei
der Mehrzahl der febrilen Krankheiten, immer bedeutende Macies und
Abnahme des Körpergewichts statt, und es dauerte viele Wochen, bis
der Fettansatz und das Hautcolorit den Normalzustand wieder erreichten.
Der durch das hohe und lange Fieber bedingte Zerfall der Eiweisskörper
und der Mangel an Nahrung erklären diese die Angehörigen lebhaft be-
unruhigende Thatsache. In scheinbarem Widerspruch mit derselben steht
das während der Krankheit und der Reconvalescenz ungewöhnlich starke
Längenwachsthum, besonders der Röhrenknochen der unteren Extre-
mitäten, welches auch im Gefolge anderer Infeotionskrankheiten, aber
nie in dem Grade beobachtet wird, wie beim Typhus. Damit hängt
wohl eine Erscheinung zusammen, auf welche vor einer Reihe von Jahren
Ileotyphus. 809
Professor Köbner mich gesprächsweise aufmerksam machte, nämlich die
Bildung von Querrissen der Haut an der Streckseite der unteren
Extremitäten, zumal unterhalb der Kniescheibe. Diese Spaltungen, die
anfangs roth erscheinen, sich allmälig entfärben und schliesslich den auf
der Bauchhaut der Schwangeren wahrnehmbaren narbigen Lücken gleichen,
sind die Folgen einer besonders bei flectirten Kniegelenken übermässigen
Spannung der Haut, welche für die schnell wachsenden Knochen zu eng
geworden ist. Die Erscheinung muss aber immerhin nur selten sein,
denn obwohl ich fast nie verfehlt habe, darauf hin zu untersuchen, ist
sie mir bis jetzt nur vereinzelt vorgekommen1).
Schliesslich noch einige Worte über die Recidive des Ileotyphus.
Während Rilliet und Barthez unter 111 Fällen nur 3 Recidive be-
obachteten, bot sich mir diese Erscheinung unter 375 Fällen 44 mal dar,
und zwar befanden sich darunter 25 Fälle, in welchen weder kühle
Bäder, noch andere kalte Applicationen in Anwendung gekommen waren.
Ein Diätfehler liess sich nur 2 mal nachweisen, bei einem 5jährigen
Knaben, welcher nach dem reichlichen Genuss von Rosinenkuchen im
intermittirenden Stadium sofort wieder stärker zu fiebern begann und im
Recidiv zu Grunde ging, und bei einem 6jährigen Mädchen, welches schon
4 Tage lang vollkommen fieberfrei gewesen, dann in der Besuchsstunde
mit Weintrauben gefüttert wurde, und Diarrhoe bekam, an welche sich
das Recidiv anschloss. Dass hier der Diätfehler in der That die Ur-
sache der Recidive war, möchte ich nicht behaupten, weil in allen
übrigen Fällen ein solcher Excess mit Sicherheit ausgeschlossen werden
konnte. Vielmehr machen die Erfahrungen über die viele Monate fort-
bestehende Lebensfähigkeit der Typhusbacillen im Organismus
(z. B. im Knocheneiter und anderen Abscessen) auch die Art und Weise,
wie die Recidive zu Stande kommen, verständlich. Irgendwo, sei
es in den Plaques, der Milz oder den Lymphdrüsen, zumal in denen des
Mesenteriums, dürften noch Reste lebensfähiger Bacillen anzunehmen sein,
die wieder mobilisirt werden und eine neue Infection des Organismus
zur Folge haben.
Die Schwere des ersten Anfalls giebt keine Garantie gegen den
Eintritt eines Recidivs. Wenn auch die meisten Fälle nur die milde
Form der Krankheit dargeboten hatten, kamen doch Recidive auch nach
schweren Typhen öfters vor. In der Regel erfolgt das Recidiv erst
während der Reconvalescenz, etwa in der 3. bis 5. Krankheitswoche,
') Vergl. Auboyer, De la croissance et des rapports avec les maladies aigues
febriles Paris, 1881. — Comby, Arch. gen. fevr. 1890.
810 Infectionskrankheiten.
nach einem vollkommen fieberfreien Intervall, dessen Dauer im Durch-
schnitt 3—11 Tage, in einem Falle sogar 18 Tage betrug. Nur zwei-
mal beobachtete ich eine sehr kurze Apyrexie von 24, resp. 48 Stunden.
In einer kleineren Reihe von Fällen aber war überhaupt von einer voll-
ständigen Apyrexie noch keine Rede gewesen, vielmehr ging das Re-
cidiv in der Form einer allmälig oder auch plötzlich sich geltend ma-
chenden Exacerbation aus dem Stad. intermittens des Typhus hervor.
Nachdem bereits längere Zeit die Temperatur Morgens normal oder sub-
normal gewesen und nur Abends noch 38,5 bis 39° erreicht hatte, er>
folgte plötzlich wieder eine rasch zunehmende Steigerung, welche bis-
weilen durch einen Schüttelfrost eingeleitet wurde:
Otto M., 11 Jahre alt, aufgenommen am 13. Mai im Abnahmestadium des
Typhus. Vom 18. bis zum 25. Stad. intermittens. Temp. Mg. 36,5—37,3; Ab. 38,5.
Am 25. plötzlich Schüttelfrost, und von nun an wieder Steigerung: Mg. 38,8;
Ab. 40,0. Erst am 7. Juni wieder völlige Entfieberung.
Carl Seh., 12 Jahre alt, aufgenommen am 8. Novbr. im Stad. intermittens
eines schweren, bereits über 3 Wochen dauernden Typhus. Grosse Abmagerung und
Entkräftung. Am 9. und 11. Novbr. zwischen 2 — 3 Uhr Nachmittags Frostanfall.
Temp. Ab. 40,3 und 39,5. Während der beiden folgenden Tage völlige Defervescenz.
Am 14., 15. und 16. aber zeigt sich wieder erhöhte Abendtemperatur, während die
Morgentemperatur normal ist. Am 17. steigt auch diese von neuem, die Milz wird
palpabel und schmerzhaft, und es beginnt nun ein Recidiv, welches nach 9 Tagen
glücklich endet.
Hier war der Beginn des Recidivs ein ganz ungewöhnlicher. An
zwei aufeinander folgenden Tagen sehen wir Anfälle nach Art einer
Intermittens eintreten , worauf zwei völlig fieberfreie Tage folgen. Die
nächsten 3 Tage zeigen nur erhöhte Abendtemperatur, und erst dann
nimmt das Recidiv seinen gewöhnlichen Verlauf. — Die Erscheinungen
desselben stimmten mit denen des ersten. Anfalls durchaus überein; auch
die Roseola und der oft schon zurückgebildete Milztumor pflegten sich
von neuem einzustellen, und in einzelnen Fällen nahm die Krankheit so-
gar einen bedenklicheren Charakter an als zuvor, so dass von 44 Fällen
4 mit dem Tode endeten. Die Dauer des Recidivs betrug:
2 mal 4 Tage
6- 9 „
10-14 „
16—18 „
44
Nur einmal erfolgte 3 Wochen nach der Heilung des Recidivs ein
zweites mit einer bis 39,8 in den Abendstunden heraufgehenden Tem-
18
ii
19
ii
5
ii
Ileotypbus. 811
peratur, welches 9 Tage dauerte und durch keine Localaffection zu er-
klären war.
Schliesslich sei bemerkt, dass chronische Exantheme (Eczem und
Prurigo) ein paar Mal während des Typhus verschwanden, bald nach
der Heilung aber wieder zum Vorschein kamen. In einem Falle traten
unmittelbar nach der Entfieberung Varicellen, in einigen anderen
während der Reconvalescenz Scarlatina oder Morbillen auf. Die
schlimmste Complication bildete Diphtherie, welche in mehreren Fällen
den Tod herbeiführte und 2 mal die leider erfolglose Tracheotomie
erforderte.
Es bleibt mir noch übrig, Ihnen meine Erfahrungen über die The-
rapie des Kindertyphus mitzutheilen. Da man vorläufig nicht im Stande
ist, das Krankheitsgift, welches wir jetzt in den Typhusbacillen und ihren
Producten zu suchen haben, direct zu bekämpfen, so legen viele noch
immer das Hauptgewicht auf die Behandlung des Fiebers. Man sollte
aber bei dieser „Antipyrese" nie vergessen, dass wir nicht die Krank-
heit an und für sich, sondern das kranke Individuum zu behandeln
haben, und dass das erbarmungslose Festhalten an einer bestimmten
Methode zur Schablonenhaftigkeit und gewiss nicht immer zum Heil des
Kranken führt. Dies gilt besonders von der Kaltwasserbehandlung,
welche nach meiner Erfahrung von Kindern im Allgemeinen lange nicht
so gut vertragen wird, als von den kräftiger organisirten Erwachsenen.
Zunächst besitzen wir kein Mittel, welches uns die Toleranz des be-
treffenden Kindes in Bezug auf diese Behandlung vor dem Beginn der-
selben nachweisen könnte. Am wenigsten sollte man sich hier auf das
Aussehen des Kindes verlassen, welches zu ganz falschen Schlüssen ver-
leiten kann. Anscheinend schwächliche, zarte Kinder sah ich die wieder-
holte Anwendung kühler Bäder sehr gut vertiagen, während ein
12jähriger Knabe von überaus kräftigem Körperbau und bisher in-
tacter Gesundheit schon nach dem zweiten Bade von 20° R. dergestalt
collabirte, dass es einer ganzen Flasche Tokayerweins binnen 36 Stun-
den bedurfte, um die kühlen Hände und Füsse wieder zu erwärmen und
dem kleinen Pulse seine normale Beschaffenheit wiederzugeben. In an-
deren Fällen erfolgte Collaps schon nach dem ersten Bade, oder selbst
nachdem das Kind ein paar Stunden auf einer Wassermatratze gelegen
hatte. Will man also den Eintritt dieser Collapssymptome, welche im
Typhus gewiss zu fürchten sind, vermeiden, so hat man das erste Bad
immer nur als Experiment anzusehen, von dessen Ausfall die weitere
812 Infectionskrankheiten.
Behandlung abhängen wird. Die übliche Methode, vor und nach dem
Bade ein paar Löffel Wein zu geben, ist keineswegs ausreichend, um in
ungeeigneten Fällen eine schlechte Wirkung zu verhüten. Dazu kommt
noch die sich immer von neuem aufdrängende Erfahrung, dass die kühlen
Bäder während der Acme des Fiebers, so lange nur sehr geringe
Morgenremissionen stattfinden, einen nur unbedeutenden, höchstens auf
einige Stunden beschränkten Temperaturabfall erzielen. Dann aber von
neuem, und bei jeder Steigerung über 39,5 immer wieder zu baden, wie
es die Fanatiker der Kaltwasserbehandlung vorschreiben, dazu konnte
ich mich der mitgetheilten Bedenken wegen nicht entschliessen, und so
kam ich denn nach und nach dahin, die Anwendung der Bäder beim
Kindertyphus noch weit mehr einzuschränken, als ich es früher
gewohnt war. Nur bei hoher, in den Abendstunden 40,0 und darüber
erreichender Temperatur lasse ich überhaupt baden, und beschränke
mich auf höchstens 2 Bäder in 24 Stunden, deren Temperatur im Durch-
schnitt 25 bis 26° R. beträgt und nie unter 22° sinken darf. Diese
Bäder wirken bei vielen Kindern schon dadurch günstig, dass sie ein
unter diesen Umständen durch kein anderes Mittel zu erzielendes Wohl-
behagen bewirken und etwa vorhandene schwere Nervensymptome tem-
porär mildern. Die Dauer des einzelnen Bades darf 5 bis 8 Minuten
nicht überschreiten. Treten Symptome von Collaps nach dem Bade ein,
welche im Bette nicht bald der Euphorie Platz machen (Zittern, Kälte
der Hände und Füsse, kleiner Puls, verfallenes Aussehen), so sehe ich
darin eine Contraindication gegen die weitere Fortsetzung der Bäder.
In leichteren Fällen mit minder hoher Temperatur und grösseren Mor-
genremissionen lasse ich überhaupt gar nicht mehr baden, sondern
nur Eisbeutel auf den Kopf, allenfalls auch auf den Unterleib appliciren,
welche in der Regel gut vertragen, aber sofort entfernt werden, wenn
die Kinder sich über Kälte beklagen. Bei grosser Unruhe mag man zu-
nächst lauwarme Bäder von 26° R. versuchen, von denen ich oft einen
calmirenden Erfolg sah. In leichteren Fällen bedarf es durchaus keiner
stärkeren Antipyrese, auch nicht durch Arzneimittel. Milde flüssige
Diät (Milch, Fleischbrühe) und je nach dem Alter 4 — 5 Thee- oder
Kinderlöffel guten Weins reichen vollkommen aus, und nur wo ein Re-
cept durchaus verschrieben werden muss, also in der Privatpraxis, möge
man Salzsäure (1 : 120) zweistündlich nehmen lassen. —
In ernsteren, hochfieberhaften Fällen versuchte ich früher häufig,
die kühlen Bäder durch Chinin in grossen Dosen (0,5 bis 1,0), ein
paar Stunden vor der Abendexacerbation gegeben, zu ersetzen, und wen-
dete dies Mittel auch in Verbindung mit Bädern an. Je nach der anti-
Ileotyphus. 813
pyretischen WirkuDg wurde die Chinindosis täglich oder einen Tag um
den andern wiederholt. Weder das Ausbrechen des Chinin, was selbst
dann vorkam, wenn es in einem halben Weinglase Limonade gereicht
wurde, noch das häufig danach eintretende Ohrenklingen hielt uns von
dem weiteren Gebrauch des Mittels ab. Leider aber gilt vom Chinin
dasselbe wie von den kühlen Bädern. Während der Acme, zumal
schwerer Fälle, ist die antipyretische Wirkung dieses Mittels gering
oder wenigstens schnell vorübergehend. Erst wenn die Morgentempera-
tur anfängt, etwas zu sinken, tritt die Wirkung entschieden hervor,
und es gelingt dann in der That oft durch eine starke Dosis Chinin
die nächste Morgentemperatur auf den normalen oder selbst subnormalen
Grad zurückzuführen, ja sogar auf 24—36 Stunden einen erheblichen
Temperaturabfall zu bewirken. Dem vielfach gerühmten Natron sali-
cylicum kann ich im Kindertyphus nicht das Wort reden. Obwohl
ich seine antipyretische Wirkung nach eigenen Erfahrungen anerkenne,
bin ich doch durch das nach grösseren Dosen wiederholt eintretende Er-
brechen, besonders aber durch einen bedrohlichen Collaps, welchen ich
ein paar Mal beobachtete, von dem Gebrauch desselben mehr und mehr
zurückgekommen. Bald nach dem Einnehmen von 1,0—2,0 dieses Mittels
sank hier die Temperatur um 2 — 3° C, und unter copiösem Schweiss-
ausbruch erfolgte ein so beunruhigendes Sinken des Pulses, Kühlwerden
der Extremitäten und Verfall der Gesichtszüge, dass wir zur Anwendung
starker Reizmittel (Wein und Moschus) genöthigt wurden, was bei der
Anwendung grosser Chinindosen niemals vorgekommen ist. Dagegen
bedienten wir uns in den letzten Jahren des Antipyrins mit so gutem,
fast von allen üblen Nebenwirkungen freiem Erfolge, dass ich diesem
Mittel jetzt vor allen anderen Antipyreticis den Vorzug gebe. Nach
einer Dosis von 0,25 -0,3, bei älteren Kindern höchstens 0,5, ging die
Temperatur rasch und auf die Dauer von 5 — 6 Stunden um 2—3"
herab. Oft kamen wir mit einer, höchstens mit zwei bis drei Dosen
in 24 Stunden aus '). Nur dreimal kamen ernstere Collapserscheinungen
vor, welche Reizmittel erforderten. Auch mit dem Antifebrin und
Phenacetin (0,1 — 0,3, je nach dem Alter) wurden viele Versuche auf
der Klinik angestellt. Einen Vorzug vor dem Antipyrin möchte ich
diesen Mitteln nicht einräumen, und ich habe ersteres wegen seiner von
Anderen beobachteten toxischen Wirkungen verlassen. Immer wird man
') Bungeroth, Charite'-Afanalen. XI. 1886. S. 599. — Moncorvo (Del'aati-
pyrine. Paris, 1886) geht bis zur Dosis von 3,0 pro die. — Fereira, Contributions
ä l'e'tude clinique des applications de l'antipyrine. Rio, 1885.
814 Infectionskrankheiten.
aber daran denken müssen, dass alle diese Mittel nur temporär die
Temperatur herabsetzen, dadurch das Allgemeinbefinden günstiger gestalten,
auf den Verlauf der Krankheit im Allgemeinen aber gar keinen Einfluss
ausüben.
Wo die Diarrhoe so copiös war, um ein besonderes Eingreifen zu
erfordern, da zeigte sich Magister. Bismuthi (0,1 — 0,3 zweistündlich)
(F. 30) oder Acid. tannicum (1,0—1,5:120,0 mit Extraot. nuc. vomic.
0,1 oder Tinct. nue. vomic. 1,0) (F. 33) in der Regel erfolgreich.
Darmblutungen suchten wir durch Liq. ferri sesquichlorati (1 ■ 120) und
Eisfomentationen des Unterleibs, Stuhlverstopfung durch Oalomel, Ricinus-
öl, oder durch eine Wasserinjection in den Darm zu bekämpfen. Den
Bronchialcatarrh konnten wir meistens unberücksichtigt lassen.
Nur wo er sehr diffus auftrat oder in Bronchopneumonie ausartete, wurde
ein Decoct Senegae mit Liq. ammon. anis. (F. 20) oder Acid. benzoic.
mit Campher (F. 21) als stiroulirendes Expectorans gegeben. Zur
Anwendung von trockenen Schröpfköpfen oder fliegenden Vesicantien
kam es nur in einzelnen Fällen von ausgedehnterer pneumonischer
Verdichtung.
Sobald Collapssymptome sich bemerkbar machten, suchten wir durch
grosse Gaben von Tokayer oder Portwein (stündlich einen Kinderlöffel
voll), durch Moschus, Campher (F. 14), subcutane Injection von Campher
und Aether sulphuricus, denselben entgegenzuwirken. In drohenden
Fällen stiegen wir auf 6 — 8 Injectionen täglich, und verbanden damit
Kamillenbäder von 27 ° R. mit kalten Affusionen am Schlüsse und den
inneren Gebrauch eines Decoct cort. Chinae (5—10,0 auf 120,0) mit
Tinctur. Valerianae (3,0). Bei grosser Unruhe und Schlaflosigkeit
wurde Chloralhydrat (1,0 — 2,0 innerlich oder in Klystierform) mit Vor-
theil in Gehrauch gezogen, während Morphium, innerlich oder subcutan
applicirt (0,005-0,01) minder sicher zu wirken schien. In allen Fällen,
wo sich das Fieber bis in die 2. Woche hineinzog, gaben wir consequent
ein Decoct. cort. Chinae (F. 23), auch mit Tinct. Valerianae versetzt,
bis zur Reconvalesceuz. Vor allem aber sorgen Sie dafür, dass die
flüssige Diät noch eine volle Woche nach der gänzlichen Ent-
fieberung beibehalten wird. Milch, Brühe und Wein müssen während
dieser Zeit als Nahrung ausreichen.
Weder Typhus exanthematicus, noch Febris recurrens bieten
im Kindesalter Eigentümlichkeiten dar, welche eine besondere Schilde-
rung rechtfertigen dürften. Die früher in meiner Klinik vorgekommenen
Fälle von Recurrens, 19 an der Zahl (seit dem Jahre 1873 sind nur
Ileotyphus. 815
vereinzelte Fälle hinzugekommen), wurden von Dr. Weissenberg (Jahrb.
f. Kinderheilk. N. F. Bd. VII. 1874. S. 1) zusammengestellt, und den
sich speciell dafür interessirenden Leser darf ich auf diese sorgfältig aus-
geführte Arbeit verweisen.
AHch das Wechsel fieber weicht bei Kindern, welche das 2. oder
3. Jahr überschritten haben, in keiner Weise von dem der Erwachsenen
ab. Nur zeigen die ersten Lebensjahre die Eigentümlichkeit, dass das
Froststadium entweder durch einen convulsivischen Anfall ersetzt
wird, oder, was viel häufiger ist, gänzlich fehlt, allenfalls durch kühle
Beschaffenheit der Hände und Füsse und leichte Cyanose angedeutet ist-
Auch der Schweiss fehlt sehr häufig. Da nun der Typus hier oft der
quotidiane ist, so kann das Fehlen des Froststadiums, der unvermittelte
Eintritt der Hitze und das Ausbleiben des Seh weisses leicht zur falschen
Annahme eines remittirenden Fiebers verleiten, und erst der Milztumor
und der Erfolg des Chinin verrathen die wahre Natur der Krankheit.
Seit mehr als 25 Jahren hat übrigens die Zahl der Intermittensfälle
sowohl bei Erwachsenen, wie bei Kindern, in Berlin in dem Grade zu-
genommen, dass ich das Ungenügende meines Beobachtungsmaterials
ausdrücklich betonen muss. Einige Fälle von typischen Neurosen
(Eclampsie, Torticollis) habe ich bereits früher mitgetheilt. Dagegen
sind mir Fälle intermittirender Pneumonien, Diarrhoen, Dysenterien u. s. w.,
wie sie von Aerzten in Malariagegenden beobachtet wurden (Moncorvo,
Filatow ') gar nicht vorgekommen. Ich bemerke nur noch, dass ich
Chinin (muriaticum oder sulphuricum) auch Kindern zunächst immer in
grossen Dosen (0,3 — 0,5 am besten in einem halben Weinglaso stark
versüsster Citronenlimonade) ein paar Stunden vor dem zu erwartenden
Anfall gebe, und nach dem Wegbleiben desselben das Mittel in kleine-
ren Gaben (0,03—0,06 zweistündlich, mit Zucker oder Chocolade 1,0
versetzt) noch wenigstens 5—6 Tage fortbrauchen lasse. Aber selbst
dann wird man es häufig mit Recidiven zu thun bekommen, welche sich
nicht immer durch erneute Einwirkung der Malaria erklären lassen. Die
hypodermatische Anwendung des Chinin hat zwar den Vortheil, dass
man mit einer geringeren Dosis auskommt und die Kinder sich nicht
gegen das Einnehmen des sehr bitteren Mittels sträuben, aber mit wenigen
Ausnahmen waren die von mir versuchten Injectionen so schmerzhaft
und reizend, dass ich nur im Nothfall, wenn der innere Gebrauch durch-
aus nicht statthaft ist, dazu rathen würde.
Ich will bei dieser Gelegenheit einiger Fälle gedenken, die mir hier
') Pädiatr. Arbeiten. Festschr. Berlin 1890.
8 1 6 Infectionskrankheiten.
in Berlin, und zwar in verschiedenen Stadttheilen vorkamen, und obwohl
sie kaum anders als durch eine Art von Malaria entstanden aufgefasst
werden konnten, doch dem Chinin hartnäckig Widerstand leisteten-
Es handelte sich um Kinder von 5 — 12 Jahren, nur eins hatte das zweite
Jahr noch nicht überschritten. Bei allen fanden tägliche Fieberanfälle
von stundenlanger Dauer, gewöhnlich Nachmittags oder gegen Abend,
statt, welche entweder sofort mit Hitze einsetzten oder nur durch eine
schwach angedeutete, sehr kurze Kälte eingeleitet wurden. Die Tempe-
ratur stieg in diesen Anfällen bis 39,5 und darüber, und war auch in
der .fieberfreien" Zeit nicht immer absolut normal. Abgesehen von
diesen Anfällen befanden sich die Kinder wohl, wurden aber nach
wochenlanger Dauer der Krankheit welk, blass und schwach. Trotz der
genauesten und wiederholten Untersuchung aller Organe Hess sich nicht
der geringste Grund für das Fieber, nicht einmal Anschwellung der Milz
nachweisen; auch die Untersuchung des Blutes auf Malariaprotozoen,
welche in einem dieser Fälle von berufenster Seite vorgenommen wurde,
ergab ein negatives Resultat. Ebenso wenig Hess sich Leukämie oder
Melanämie constatiren. Der Verdacht einer noch verborgenen wichtigen
Krankheit, z. B einer schleichenden Endocarditis, besonders aber einer
sich entwickelnden Miliartuberculose, machte sich um so stärker geltend,
als die anhaltende Anwendung des Chinin in grossen und kleinen Dosen
absolut erfolglos blieb. Da nun die Aifection sich viele Wochen ganz
in derselben Weise hinzog, am Herzen nichts Abnormes constatirt wer-
den konnte, auch die Idee einer Miliartuberculose aufgegeben werden
rausste, so entfernte ich, die Annahme einer dauernden Malaria-
wirküng festhaltend, die Kinder aus Berlin, und sah nach diesem
Wohnungswechsel schnelle Heilung erfolgen. Um eine „Intermittens-
malaria" kann es sich bei diesen Kindern kaum gehandelt haben, weil
diese dem Chinin wohl nicht in solcher Weise Trotz geboten hätte. Die
Quelle der Malaria aber, welche vielleicht in der Wohnung lag, lässt
sich um so weniger bestimmen, als kein anderes Familienmitglied ähn-
liche Erscheinungen darbot oder zu irgend einer Zeit an denselben ge-
litten hatte. Dennoch warne ich vor übereilter Annahme einer „Malaria-
infection" in ähnlichen Fällen, da ich nach sehr langer und von absolut
freien Intervallen unterbrochener Dauer der Fieberanfälle solche
Kinder schliesslich doch an Tuberculose oder an multiplen Lympho-
sarcomen zu Grunde gehen sah.
Constitutionelle Krankheiten. 817
Neunter Abschnitt.
Constitutionelle Krankheiten.
I. Der Rheumatismus.
Der acute Gelenkrheumatismus (Polyarthritis acuta rheuma-
tica), welcher jetzt von Vielen den Infectionskrankheiten zugezählt wird,
kommt im Kindesalter keineswegs selte.n vor, unterscheidet sich aber
von dem der Erwachsenen durch eine im Allgemeinen mildere Er-
scheinungsform. Sowohl die Localaffection, wie das begleitende Fieber
pflegen eine geringere Iatensität darzubieten. In der Regel ist die
Zahl der ergriffenen Gelenke kleiner, die Anschwellung und Schmerz-
haftigkeit geringer, und die Temperatur übersteigt im Durchschnitt nicht
39 bis 39,5. Auch die copiösen Schweisse und die Eruptionen der Su-
damina, welche bei Erwachsenen fast nie fehlen, sah ich bei Kindern
nur selten spontan, sondern gewöhnlich erst nach der Anwendung von
Salicylsäure eintreten. Am häufigsten wurden die Fuss- und Kniegelenke,
demnächst die Gelenke der oberen Extremitäten, auch die der Finger-
phalangen uud der Metacarpalknochen befallen, wobei Finger und Hand-
rücken bisweilen eine leichte ödematöse Anschwellung zeigten. Nur
selten sah ich die Hüftgelenke schmerzhaft und unbeweglich werden.
Bei einem 5jährigen Mädchen schwollen fast gleichzeitig beide Fuss- und
Handgelenke und das rechte Kniegelenk an, und die bedeckende Haut
zeigte eine Röthe, welche sonst immer fehlte, höchstens über den ge-
schwollenen Fingergelenken bisweilen beobachtet wurde. Das Ueber-
springen der Affection von einem Gelenk auf das andere, sowie das
Zurückspringen auf ein bereits frei gewordenes Gelenk kam wiederholt
vor, wodurch der Verlauf der Krankheit, welcher gewöhnlich 8 — 10 Tage
betrug, wie bei Erwachsenen auf 2 — 4 Wochen ausgedehnt wurde. Da-
bei wurden aber die späteren Nachschübe der Gelenkaffection immer
schwächer und kürzer, ebenso das begleitende Fieber, welches im wei-
teren Verlaufe nur massige Temperatursteigerungen (38,2) und dazwi-
schen vollständige Intermissionen in den Morgenstunden zeigte, Einzelne
Kinder klagten auch über Schmerzen im Leibe mit Druckempfindlichkeit
HenocJi, Vorlesungen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 52
818 Constitutionelle Krankheiten.
des Abdomen; bei anderen fand gleichzeitig Angina tonsillaris mit
massigen Schlingbeschwerden statt.
Die meisten Fälle von acutem Rheumatismus, welche mir bei Kin-
dern vorkamen, betrafen das Alter zwischen 9 und 13 Jahren. Weit
seltener sah ich jüngere Kinder von 5 — 8 Jahren, oder gar noch kleinere
befallen werden, wovon ich bereits früher ') ein paar Fälle mittheilte.
Der eine betraf ein erst 10 Monate altes Kind, bei welchem die Er-
scheinungen der acuten rheumatischen Polyarthritis (Fieber, schmerz-
hafte Anschwellung und Unbeweglichkeit des rechten Hand- und Ellen-
bogen-, sowie des linken Fuss- und Kniegelenks) mit Bronchopneu-
monie, wahrscheinlich auch mit linksseitiger Pleuritis complicirt waren.
Nach einer Dauer von 4—5 Wochen konnte bei passiver Bewegung des
rechten Ellenbogengelenks noch längere Zeit eine Art ven Orepitation
(Rauhigkeit der Gelenkfiächen) wahrgenommen werden, und noch während
der Abnahme der Gelenkaffection bildete sich Härte und Contractur
der Adductoren des Oberschenkels aus, welche erst nach drei Wo-
chen langsam verschwand und wahrscheinlich als die Folge einer Myositis
rheumatica zu betrachten war2).
Die Complication mit Pneumonie und Pleuritis, welche bereits
in einem früher (S. 453) mitgetheilten Falle erwähnt wurde, steht an
Frequenz weit hinter der Endocarditis zurück, mag diese nun für
sich allein oder mit Pericarditis verbunden auftreten. Ja nach dem,
was ich selbst gesehen, möchte ich annehmen, dass diese Complication
bei Kindern noch häufiger vorkommt , als bei Erwachsenen. Selbst in
Fällen, wo nur ein Gelenk, z. B. das Knie, ergriffen war, wurde Endo-
carditis beobachtet. Indem ich Sie auf meine früheren Mittheilungen
über diese Oomplicationen (S. 446) verweise, will ich hier nur darauf
zurückkommen, dass alle localen Symptome, zumal stechende Schmerzen
in der Herzgegend, welche beim Druck und Percutiren zunehmen und
sogar schlafraubend werden können, ferner Dyspnoe, Unregelmässigkeit
des Pulses und gesteigertes Fieber nur in dem kleinsten Theil der Fälle
!) Beiträge zur Kinderheilk. N. F. S. 241.
2) Verschiedene in der Literatur mitgetheilte Fälle von acutem Rheumatismus
bei Kindern in den ersten Wochen und Monaten des Lebens halten vor einer
strengen Kritik nicht Stand, scheinen vielmehr auf einer Verwechselung mit Syphilis
der Epiphysen oder mit multipler Periostitis der Gelenkenden zu beruhen. Sicher ist
aber ein Fall von ßasch (Prager med. Wochenschr. No. 46. 1884), welcher einen
13 Wochen alten Knaben betrifft. Infection Neugeborener durch die an Rheuma-
tismus erkrankte Mutter will Schäfer (Berliner klin. Wochenschr. 1885. No. 5)
beobachtet haben.
Rheumatismus. 81i)
vorhanden sind. Häufiger verläuft die Endocarditis, selbst eine leichte
Pericarditis, latent, und nur die locale Untersuchung lässt sie er-
kennen. Wiederholt hatte ich auch Gelegenheit, bei Kindern mit alten
Klappenfehlern unter dem Einfluss eines neuen Gelenkrheumatismus eine
frische Entzündung an der erkrankten Klappe (Endocarditis recurrens) zu
beobachten, wofür ausser den früher (S. 448) mitgetheilten, noch der
folgende Fall als ein Beispiel anzuführen ist:
Martha Schm,, 11 Jahre alt. Vor einem Jahre acuter Gelenkrheumatismus,
nach dessen Ablauf in der Poliklinik Insufficienz der Mitralis constatirt wurde.
Am 4. Juni von neuem mit rheumatischer Schwellung beider Fussgelenke auf-
genommen. T. 39,6; P. 140, klein. Dyspnoe, R. 40. Natr. salicyl. 2,0. Unter
Fortdauer des Fiebers (38,2 bis 39,4) entstanden in den nächsten Tagen heftige
Schmerzen in der Herzgegend, während die Gelenkaffection der Fiisse sich zurück-
bildete und auf kein anderes Gelenk überging. Die Schmerzen waren schlafraubend,
Druck und Percussion der Herzgegend sehr empfindlich, R. 52—68; P. 144. Das
systolische Geräusch an der Spitze bedeutend stärker, am 8. auch deutliches peri-
cardiales Reiben , welches beiden Tönen nachschleppte , auch nach hergestellter
Euphorie am 12. noch hörbar war und erst am 23. verschwand. In Folge einer
antiphlogistischen Behandlung (6 blutige Schröpfköpfe, Eisbeutel, Calomel [0,03],
graue Salbe, Vesicator) Heilung der frischen Peri-Endocarditis. Nachschübe der
Schmerzen zwischen dem 24. und 29. erforderten wiederum die Application des Eis-
beutels. Am 14. Juli mit dem alten Herzleiden entlassen. Dämpfung den rechten
Sternalrand um 1 Ctm. überschreitend.
Auf die Beziehungen des acuten Rheumatismus zur Chorea, von
denen (S. 192) bereits die Rede war, brauche ich hier nicht zurückzu-
kommen. Ich füge nur hinzu, dass der sogenannte Rheumatismus cere-
bralis, wie er bisweilen bei Erwachsenen und von einigen Autoren
(Picot, Roger) auch bei Kindern beobachtet wurde, mir bis jetzt nur in
einem Falle vorgekommen ist, in welchem gleichzeitig heftige Chorea
auftrat, und der Tod an Pericarditis erfolgte. Ob, wie Roger annimmt,
alle Fälle von Rheumatismus cerebralis bei Kindern mit Chorea verbun-
den sind, wage ich daher nicht zu beurtheilen.
Unter den Muskeln, welche bei Kindern vom Rheumatismus be-
fallen werden, stehen die Hals- und Nackenmuskeln obenan. Zwar
dürfen Sie nicht jede Nackensteifigkeit oder jedes Caput obstipum eines
Kindes sofort als eine rheumatische Affection betrachten, müssen viel-
mehr immer daran denken, dass auch ernstere Leiden, besonders Spondy-
litis der Cervicalwirbel oder meningitische Zustände dies Symptom er-
zeugen können1). Immerhin aber kommen nicht selten Fälle von Ca-
') Vergl. auch den Fall von intermittirendem Caput obstipum S. 176 und
eine Beobachtung von rein spastischer Contractur der Halsmuskeln in meinen Beitr.
zur Kinderheilk. S. 24.
52*
820 Constitutionelle Krankheiten.
put obstipum bei Kindern vor, in welchen eine anhaltende Contractur
der seitlichen Halsmuskeln mit Bestimmtheit auf Erkältung zurückzu-
führen oder wenigstens keine andere Ursache aufzufinden ist, und der
Gebrauch des Jodkali, warmer Gataplasmen und Frictionen, der Massage
oder des electrischen Stroms bald Heilung bewirkt. Bei zwei Kindern
im Alter von 12 und 15 Monaton complicirte sich die rheumatische
Contractur der Hals- und Nackenruuskeln mit Bronchopneumonie, und es
fehlt in der Literatur (Picot) auch nicht an Beispielen, in welchen ein
Caput obstipum, so gut wie der acute Gelenkrheumatismus, Chorea zur
Folge hatte. Seltener wurden andere Muskelgruppen von schmerzhaften
rheumatischen Contracturen befallen, z. B. die Adductoren des Ober-
schenkels, wie in den S. 449 und 818 mitgetheilten Fällen. Selbst bei
kleinen Kindern, welche noch nicht sprechen können, beobachtete ich ein
paar Mal Erscheinungen , die ich nicht anders als durch Muskelrheuma
bedingt erklären kann. Die Kinder, welche bis dahin vollkommen ge-
sund waren, wollten plötzlich eine untere oder obere Extremität nicht
mehr gebrauchen. Druck und passive Bewegung derselben waren schmerz-
haft, erregten sofort heftiges Geschrei, und bisweilen zeigten sich auch
leichte Oedeme des Hand- und Fussrückens. Die Gelenke selbst blieben
dabei ganz frei, doch sprang das Leiden zuweilen von einer Muskelpartie
schnell auf die andere über, machte auch wohl freie Intervalle und trat
dann plötzlich von neuem auf. Durch Ruhe im Bett und Watte-
cinwickelung der betreffenden Theile erfolgte bald Heilung dieser Affec-
tion, die, wenn sie eine untere Extremität befiel, zuerst den Verdacht
einer Coxitis erweckte. Mitunter wird auch das Periost in heftiger
Weise befallen. Bei zwei Mädchen im Alter von 10 und 12 Jahren,
welche mit nackten Füssen auf dem kalten Fussboden gegangen waren,
wurde das Periost des Os femoris der Sitz so gewaltiger Schmerzen, dass
jeder Bewegungsversuch und Druck auf den geschwollenen Knochen un-
erträglich war, und da auch Fieber sich hinzugesellte, die Befürchtung
einer acuten Osteomyelitis nahe lag. In beiden Fällen aber brachte das
Jodkali schon nach wenigen Tagen Erleichterung und bald auch Heilung
zu Stande.
Nach dem Ablauf des acuten Rheumatismus, zumal des articulären,
behalten die Kinder eine grosse Tendenz zu Recidiven, welche sich
mehrere Jahre hintereinander wiederholen können, die schon bestehenden
Klappenfehler steigern, und nicht selten auch Recidivc der Chorea im
Gefolge haben. Häufig sah ich noch Wochen und Monate lang nach
der Heilung der acuten Affection vage Gelenkschmerzen von Zeit zu
Zeit wiederkehren, welche mit leichtem Oedem der Umgebung verbun-
Rheumatismus. 821
den sein können, oder es kommt auch zu schwachen fieberhaften Nach-
schüben. Nur einmal, bei einem 19jährigen Mädchen, bildete sich
im Kniegelenk ein Hydarthros , welcher längere Behandlung er-
forderte :
Marie N., aufgenommen am 12. October, zeigte die Symptome einer starken
Flüssigkeitsanhäufung im linken Kniegelenk, starke Anschwellung, verstrichene Con-
touren, tanzende Patella. Vor 14 Tagen waren heftige Schmerzen im linken Bein
mit Anschwellung des Fussgelenks and von Fieber begleitet, eingetreten. Einige
Tage darauf auch Schmerz und Unbeweglichkeit im Hüftgelenk. Dann plötzliches
Verschwinden der Schmerzen aus den bisher befallenen Theilen, und dafür Schmerz
und Anschwellung im linken Knie, welche seitdem noch zugenommen hatten. Sonst
völlige Euphorie, kein Fieber. Therapie: Anhaltendos Liegen im Bett, Eisblase
auf das Knie. Vom 19. an, nachdem der Schmerz ganz aufgehört hatte, Aufpinse-
lung von Jodtinctur, welche eine ungewöhnlich starke Hautentzündung mit Blasen-
bildung hervorrief. Am 27. November vollkommen geheilt entlassen. —
Viel seltener als dem acuten, begegnen wir bei Kindern dem chro-
nischen Rheumatismus, dessen exquisite Formen man in der That
nur ausnahmsweise beobachtet. Jene permanenten Veränderungen der
Gelenke und sehnigen Apparate, wie wir sie bei Erwachsenen in der
Form der „Arthritis deformans" so häufig antreffen, kamen mir im
Kindesalter nur vereinzelt (im Ganzen 5 mal) vor.
Knabe von 14 Jahren, in der Poliklinik vorgestellt. Seit 6 Jahren heftige
reissendc Schmerzen an Händen und Füssen. Rheumatismus acutus soll nicht vor-
ausgegangen sein. An der linken Hand fast vollständige Ankylose und knotige
Anschwellung der Gelenke zwischen den ersten und zweiten Phalangen des Daumens,
des Zeige- und Mittelfingers; rechts dieselben, etwas weniger entwickelten Verände-
rungen am Zeige-, Mittel- und Ringfinger. Anschwellung und Empfindlichkeit einiger
Metacarpalknocben. Am linken Fuss ähnliche Alterationen der Gelenke der grossen
und 4. Zehe. Palpitationen und Dyspnoe ohne abnorme Untersuchungsresultate.
Weiterer Verlaufunbekannt. Ganz ähnlich verhielten sich der zweite, eine 13jährige
Russin betreffende Fall, welchen ich nur einmal in meiner Sprechstunde zu sehen
bekam, und drei andere klinische Fälle. Eine Theilnahme des Herzens wurde in allen
vermisst ').
Der Seltenheit dieses „Rheumatismus nodosus" gegenüber sieht
man nun viel häufiger bei Kindern nach einem oder wiederholten An-
fällen von acutem Gelenkrheumatismus schmerzhafte Anschwellungen
und Steifigkeit verschiedener Gelenke zurückbleiben, welche Monate
und Jahre lang den bewährtesten Mitteln Trotz bieten:
') S. P. Wagner, Ueber Rheumat. chron. eto. bei Kindern. Münchener med.
Wochenschr. 1888. No. 12 u. 13.
822 Constitutionelle Krankheiten.
Bei einem 7jährigen Knaben, welcher im Frühjahr acuten Gelenkrheuma-
tismus, vorzugsweise der Fussgelenke, überstanden hatte, waren diese noch im Oc-
tober so unbeweglich, dass man eine Paraplegie angenommen hatte. Die Unter-
suchung ergab indess, dass von einer solchen nicht die Rede war, vielmehr handelte
es sich um permanente massige Schwellung und grosse Empfindlichkeit der
Malleoli, besonders aber des Periosts beider Calcanei und der Plantaraponeurose,
welche denKnaben verhinderte, die Sohle fest auf den Boden zu setzen. Heilung durch
Monate lang fortgesetzten Gebrauch von Jodkali.
Helene G., 12 Jahre alt, hatte vor Jahresfrist an acutem Gelenkrheumatismus
gelitten, und klagte seitdem anhaltend über Schmerzen in beiden Hand- und Fuss-
gelenken. Bei der Aufnahme in der Klinik (17. März) fanden wir beide Fuss- und
Kniegelenke, beide Ellenbogen- und Schultergelenke, sowie Hand- und die Finger-
gelenke linkerseits geschwollen, schmerzhaft und schwer beweglich. Fieber fehlte
durchaus. Therapie: Jodkali und warme Bäder. Schnelle Besserung. Patient ver-
lässt am 3. April das Bett und klagt nur noch über Steifigkeit der Fussgelenke beim
Gehen. Anfangs Mai von neuem schmerzhafte Anschwellung der Hand- und Fuss-
gelenke, die mit abwechselnder Besserung und Verschlimmerung, bisweilen auch von
leichten Fieberbewegungen begleitet, viele Monate lang fortbestanden und trotz der
consequenten Anwendung von Jodkali, Bädern und Aufpinselungen noch im März des
folgenden Jahres nur theilweise beseitigt waren. Lange Zeit waren die betreffenden
Gelenke so gut wie anky lotisch, und erst eine beharrlich ausgeführte Massage
hatte nach einigen Monaten erhebliche Besserung der Beweglichkeit, zumal der
Handgelenke herbeigeführt. Bei der Entlassung war die Affection nur theilweise
geheilt.
Bei dieser Patientin zeigte sich auch eine Erscheinung, auf welche
Meynet1), später Rehn2) und Hirschsprung3) die Aufmerksamkeit
gelenkt haben. Ich selbst beobachtete den ersten Fall dieser Art schon
im Jahre 1876.
Anna M., 14 Jahre alt, erschien am 31. Januar 1876 in meiner Sprechstunde.
Innerhalb der beiden letzten Jahre zwei Anfälle von acutem Gelenkrheumatis-
mus. Insuffizienz der Mitralklappe mit bedeutender Hypertrophie und Dilatation des
Herzens. Etwa 6 bis 8 Wochen nach den erwähnten Anfällen entstanden jedesmal
erbsen- bis taubeneigrosse „Exostosen", zuerst an den Proc. styloidei beider
Ulnae, dann am Rande der Kniescheiben. Anfangs rundlich, weich und em-
pfindlich, wurden sie allmälig fest, unempfindlich und zugespitzt. Die
Zahl derselben war sehr erheblich; in der letzten Zeit hatte sich auch ein ähnlicher
Knoten in der linken Aponeurosis palmaris gebildet.
Dieselben knötchenförmigen Neubildungen fanden sich nun auch bei
Helene G. (s. oben) am 10. Juli an beiden Ellenbogen oberhalb des
') Lyon medical. 1 875. No. 49.
-) Gerhardt' s Handb. d. Kinderkrankh. 1878.
3) Jahrb. f. Kinderkrankh. Bd. XVI. Heft 3. u. 4.
Rheumatismus. 823
Olecranon, auf der Dorsalfläche beider Handgelenke nach innen vom
Proc styloid. ulnae, am rechten Sternoclaviculargelenk da, wo die
Aponeurose des Sternomastoidcus auf das Manubrium sterni übergeht.
Die Knötchen, von der Grösse einer kleinen Erbse, waren leicht verschieb-
bar und wenig empfindlich. Unter der Behandlung mit Natron salicyli-
cum schwanden bis zum 6. August die Fieberbewegungen, und wir
konnten nun constatiren, dass auch das Knötchen am rechten Ellenbogen
vollständig verschwunden war. Allmälig wurden auch die übrigen
Knötchen kleiner und flacher, und verschwanden im Verlaufe des Herbstes
spurlos, waren auch bis zur Entlassung der Kranken nicht wieder sicht-
bar geworden. Bei einem 9jährigen Knaben mit Insuffizienz der Mitral-
klappe, die sich nach einem vor 5 Monaten überstandenen Gelenkrheu-
matismus entwickelt hatte, fanden wir ebenfalls an beiden Ellenbogen,
am Olecranon, mehrfache bohnengrosse feste, etwas bewegliche Knötchen
mit glatter Oberfläche. Besonders wichtig ist aber wegen der anatomi-
schen Untersuchung der folgende Fall ').
Auguste W., 12jährig, aufgenommen am 4. April. Untersuchung ergiebt
Insuffizienz der Mitralis mit Hypertrophie des rechten Ventrikels. In anamnestischer
Hinsicht war nichts zu ermitteln. An einzelnen Gelenken, zumal an den Sehnen -
Insertionen fühlt man kleine, diffuse, elastische Verdickungen, welche
nicht empfindlich sind, so besonders an beiden Kniegelenken im Ansatz des Muse,
quadrieeps an dem oberen Rande der Patella, und an beiden Handgelenken oberhalb
des Proc. styloid. ulnae. Am 19. April unter leichtem Fieber lebhafte Schmerzen
in beiden Handgelenken, welche bedeutend geschwollen und unbeweglich wurden;
dabei Kopfschmerz, Schwindel, vermehrte Herzaction, Stiche in der Herzgegend,
leichtes Oedem des Gesichts und der Unterschenkel. Am 29. Mai, als Pat. das Bett
wieder verlassen konnte, hatten sich die diffusen Verdickungen an den Kniegelenken zu
halberbsengrossen resistenten Knötchen umgebildet; ganz ähnliche
konnten nunmehr an beiden Malleoli externi, am rechten Ellenbogen oberhalb des
Olecranon, an beiden Spinae ilei sup. post., endlich am rechten Schultergelenk un-
terhalb des Ansatzes der Clavicula gefühlt werden. Dieselben waren nur wenig em-
pfindlich und etwas verschiebbar. Nach dem am 7. Juli unter den Erscheinungen
allgemeiner Wassersucht erfolgten Tode, ergab die von Prof. Grawitz ausgeführte
Section (ausser dem Herzleiden und seinen Folgen) an den Stellen, wo man die
Knötchen gefühlt hatte, ovale Tumoren von etwa Kirschkerngrösse und ziemlich der-
ber Consistenz. Sie sassen auf den Aponeurosen der Sehnen und bestanden, wie
das Microscop zeigte, hauptsächlich aus fibrösem Gewebe mit faserknorpeligen
Einsprengungen. Nicht alle Knötchen hatten übrigens die gleiche Structur. In den
einen prävalirte das Binde-, in den anderen das knorpelige Gewebe, und das Knöt-
chen an der Clavicula war sogar durch eingesprengte Kalkmasse knochenhart
geworden. Die an der Patella fühlbar gewesenen Knötchen waren spurlos ver-
schwunden.
') G. Mayer, Berliner klin. Wochenschr. 1882. No. 31.
824 Constitutionelle Krankheiten.
Genau dieselbe Beschaffenheit zeigte ein erbsengrosses, über dem
Olecranon sitzendes Knötchen aus der Leiche eines 11jährigen, an Endo-
earditis verrucosa und Herzhypertrophie in Folge von acutem Gelenk-
rheumatismus gestorbenen Mädchens, und auch in einem Falle von
Hirschsprung ergab die anatomische Untersuchung der Knötchen eine
Bindegewebsneubildung. Man muss sie daher als das Product eines
durch den acuten Rheumatismus der Gelenke in den Aponeurosen und
Sehnen angefachten Entzündungsprocesses ansehen. Durch eine regressive
Metamorphose (Verfettung) können diese Producte, wie meine Fälle und
ein anderer von Hirschsprung lehren, zur Resorption und zum Ver-
schwinden gebracht werden, während andererseits durch Verkalkung
knochenartige Bildungen entstehen können. Aber nicht bloss die Muskel-
sehnen und Aponeurosen können die Keimstätte dieser entzündlichen
Producte werden; vielmehr scheint auch das Periost und Perichon-
drium dieselben produciren zu können. Der in meinem letzten Fall an
der Clavicula befindliche Knoten war fest mit dieser verbunden und als
eine wahre Exostose anzusehen, ebenso ein am Capitulum der rechten
Ulna festhaftender harter erbsengrosser Auswuchs. In diese Categorie
gehört auch der von Ebert') und Virchow2) mitgetheilte Fall eines
zehnjährigen Knaben, bei welchem sich in Folge wiederholter An-
fälle von acutem Gelenkrheumatismus an den Gelenkenden vieler
Röhrenknochen, aber auch an anderen Theilen des Skeletts zahlreiche
Hyper- und Exostosen gebildet hatten. Bemerkenswerth ist, dass alle
diese Dinge bis jetzt nur bei Kindern vom dritten bis zum vierzehnten
Lebensjahre beobachtet wurden. Fortgesetzte Untersuchungen müssen
ergeben, ob sie auch bei Erwachsenen in Folge der Polyarthritis rheu-
matica vorkommen3).
Von diesen „rheumatischen Fibromen und Osteomen" hat man eine
andere Art multipler Exostosen zu unterscheiden, welche nicht ganz
selten bei Kindern vorkommt, und für welche sich entweder gar keine
Ursache oder eine hereditäre Disposition nachweisen lässt, ähnlich wie
bei den in neuester Zeit viel erwähnten Neurofibromen der Haut.
lOjähriger Knabe, am 21. Novbr. 1880 vorgestellt, gesund. Seit dein dritten
Lebensjahre Bildung vielfacher unempfindlicher, runder oder kegelförmiger Exostosen
') Deutsche Klinik. 1862. No. 9.
2) Die krankhaften Geschwülste. Bd. II. S. 83.
3) Ein von Scheele (Deutsche med. Wochenschr. No. 41. 1885) mitgetheilter
Fall spricht dafür, dass diese Knötchenbildungen auch bei fieberlosem Rheuma-
tismus der Sehnen (in Verbindung mit Chorea) auftreten können. — Money, Lan-
cet, 1883. No. 13.
Rheumatismus. 825
an den Epiphysen des rechten Radius, der linken Ulna, der 9. linken Rippe, an der
Spina beider Schulterblätter und am inneren Condylus der rechten Tibia. Keine
Heredität.
7j ähriger Knabe, am 10. Januar 1882 vorgestellt. Seit dem zweiten Jahre
Exostosen an mehreren Rippenepiphysen, in den letzten Jahren auch an beiden
Ulnae und am unteren Theil des linken Fomur. Letztere konnten wegen ihrer Grösse
und hakenförmigen Gestalt leicht durch die Hosen gefühlt werden. Bei der Gross-
mutter sollen ebenfalls kleine Exostosen vorhanden gewesen sein. Auch ein 7j äh-
riges Mädchen (vorgestellt am 7. Februar 1874) zeigte, wie sein Vater, an ver-
schiedenen Knochen, besonders an den Epiphysen, zahlreiche, auf beiden Seiten
ziemlich symmetrische Exostosen.
Am merkwürdigsten war der Fall eines Knaben, welcher, ohne dass sich eine
hereditäre Anlage nachweisen liess, zahllose Exostosen fast an allen Knochen dar-
bot, sonst aber völlig gesund war und nunmehr zu einem kräftigen Mann heran-
gewachsen ist. Hier ging die Bildung und das Wachsthum mehrerer Exostosen
wiederholt unter meinen Augen vor sich, war aber mit dem Alter der Pubertät völlig
abgeschlossen.
Mit dieser Exostosenbildung verbindet sich bisweilen Ossification
der Sehnen und Muskeln, welche so hohe Grade erreichen kann,
dass ein grosser Theil des Muskel- und Sehnensystems in starre Knochen-
masse verwandelt, und fast jede Bewegung des Körpers unmöglich ge-
macht wird (Myositis ossificans). Gerade zu der Zeit, als ich die
Direction der Kinderklinik in der Charite übernahm, befand sich in
derselben ein 12 jähriges Mädchen, dessen Krankengeschichte leider ab-
handen gekommen ist, die aber eins der merkwürdigsten Beispiele dieser
fast allgemeinen Muskel- und Sehnenverknöcherung darbot und bei
welcher, so viel ich mich erinnere, ein Zusammenhang mit Rheumatismus
nicht nachzuweisen war. In einzelnen Fällen [Skinner]1) soll jede
Contusion unter Fieber und Schmerz eine solche Knochenbildung in den
Muskeln zu Stande gebracht haben.
In Betreff der Behandlung des Rheumatismus habe ich wenig
hinzuzufügen. In den acuten Fällen bedienten wir uns, wie bei
Erwachsenen und mit demselben günstigen Erfolg, entweder 'der Sali-
cylsäure 0,2 bis 0,3 zweistündlich in Oblaten, häufiger des Natron
salicylicum (5 : 120, zweistündlich einen Kinderlöffel), oder des Anti-
pyrins (0,3 bis 0,5), in chronischen Fällen vorzugsweise des Kali hydro-
jodicum2).
') Bouchut, Maladies des enfants. p. 903.
2) Auf gewisse Veränderungen der äusseren Haut, welche bisweilen im Ge-
folge rheumatischer Affeclionen auftreten, werde ich bei der Betrachtung der Pur-
pura zurückkommen.
826 Constitutionelle Krankheiten.
II. Die Anämie.
Mehr als alle anderen Krankheiten des Kindesalters hat die „Anämie"
in den letzten Jahren die Pädiatriker beschäftigt. Ueber die Zahl und
Beschaffenheit der weissen und rothen Blutkörperchen, über die Ab-
nahme des Hämoglobulins, der Blutdichte und des specifischen Gewichts
ist eine grosse Menge mühsamer und zum Theil werthvoller Unter-
suchungen veröffentlicht worden '). Aber diese Arbeiten, so dankenswerth
sie auch in wissenschaftlicher Beziehung sind, haben doch bis jetzt kein
Resultat ergeben, dem für die Diagnose oder gar für die Therapie ein
besonderer Werth beizumessen wäre. Sie stellen eben nur „einen Wechsel
auf die Zukunft" dar, und es würde dem für diese Vorlesungen festge-
haltenen Princip nicht entsprechen, wenn ich hier auf diese zum Theil
noch zweifelhaften und sich widersprechenden Ergebnisse mühsamer und
äusserst schwieriger Forschungen näher eingehen wollte.
Meiner Ansicht nach entspricht das von v. Jaksch entworfene
Krankheitsbild der „Anämia splenica infantilis", abgesehen von
dem genauer formulirten Blutbefunde, im Allgemeinen demjenigen,
welches ich bei Gelegenheit der Milztumoren geschildert habe (S. 585J.
Dass zwischen diesen Formen einerseits, den leukämischen und pseudo-
leukämischen andererseits Uebergänge, mitunter sogar überraschend
schnelle, vorkommen, weiss jeder Arzt aus Erfahrung. Blasse, dem
weissen Wachse ähnliche Hautfarbe, Oedeme, kleine Blutext ravasate in
der Haut, auch in der Retina, den Schleimhäuten und in inneren Or-
ganen, Hyperplasien der Milz, Leber und vieler Lymphdrüsen, sowohl
äusserer wie innerer, das sind die allgemeinen Züge dieses Krankheits-
zustandes, dessen chronischer, auf Monate oder selbst Jahre ausgedehnter
Verlauf wohl ausnahmslos zum Tode führt. Aber ich halte es bis jetzt
für nutzlos, die in solchen Fällen ermittelten Blutanomalien als Grund-
lage für die Aufstellung verschiedener Krankheitsgruppen, denen man
besondere Namen beilegt, zu verwerthen. Für die Praxis wird es ge-
nügen, wenn ich auf die Schilderung der Milztumoren (S. 584), und auf
die der Leukämie und Pseudoleukämie verweise, die mit den ''gleichen
Zuständen Erwachsener fast durchweg übereinstimmen und deshalb hier
nicht in Betracht zu kommen brauchen.
1) Ich nenne in erster Reihe die Namen von Jaksch, Luzel, Maragliano,
Schiff, Fischl, Silbermann, Loos, Heubner, Escherich, Weiss, Gundo-
bin. Monti und Berggrün (die chronische Anämie im Kindesalter. Leipzig ] 892),
geben neben vielen eigenen Untersuchungen auch eine vollständige Uebersicht der
betreffenden Literatur.
Anämie. 827
Dasselbe gilt von der sogenannten Anämia perniciosa, jener
dunkelen Krankheitsgruppe, deren Zusammenfassung in einen Rahmen
nur durch die Latenz ihrer Actiologie berechtigt war. Dass Fälle, welche
in diese Categorie gehören, auch bei Kindern vorkommen, ist sicher; ich
selbst sah zwei Geschwister unter den Symptomen der perniciösen Anämie
zu Grunde gehen, ohne die Ursache entdecken zu können. Auch hier
ist der Zukunft noch vieles vorbehalten. Vorläufig hat man den schon
von Erwachsenen her bekannten Einfluss gewisser Helminthen, insbe-
sondere Botryocephalus latus und Ancylostomum duodenale, wenigstens
des letzteren, auch für das kindliche Alter constatirt1).
Was wir Aerzte gewöhnlich Anämie nennen, die blasse Farbe der
Haut und Schleimhäute, die hauptsächlich auf der Abnahme der rothen
Blutkörperchen und des Hämoglobulins beruht, und die geringere Energie
aller vitalen Functionen, das beobachten wir im Kindesalter ungemein
häufig bei Tuberculose, Lues hereditaria, Rachitis, nach schweren In-
fectionskrankheiten und Säfteverlusten aller Art, insbesondere Diarrhoen
und langwierigen Nephritiden.
Aber auch solche, die in Folge mangelhafter Ernährung atrophisch
werden, in überfüllten Wohnräumen oder in feuchter Kellerluft leben,
zeigen in ihrem Aeusseren die Züge der Verarmung des Blutes. Von
allen diesen Fällen, in welchen die Anämie nur eine secundäre Bedeu-
tung hat, soll hier nicht weiter die Rede sein, vielmehr nur von der-
jenigen Form, welche sich bei sonst gesunden Kindern entwickelt und
im Allgemeinen dieselben Erscheinungen darbietet, wie die Chlorose
der Pubertätsjahre. Man beobachtet diese Art der Anämie durchaus
nicht selten schon bei 8 — 10jährigen Kindern, fast ebenso häufig bei
Knaben wie bei Mädchen. Jeder Arzt kennt diese Fälle, welche ihm
von den besorgten Eltern mit der Angabe vorgestellt werden, dass den
Kindern weiter nichts fehle, als die gesunde Farbe. Das „grüne" Aus-
sehen (ein beliebter Berliner Ausdruck) erweckt lebhafte Befürchtungen,
und dennoch ergiebt die ärztliche Untersuchung fast aller dieser Kinder
nichts, was diese rechtfertigen könnte. Auch stimmt die gelblich blasse
Farbe der äusseren Haut nicht immer mit einer gleichen Entfärbung
der sichtbaren Schleimhäute überein, welche dabei noch leidlich geröthet
erscheinen können. Alle diese Kinder zeigen eine in diesem Alter un-
gewöhnliche Schlaffheit, leichte Ermüdung, geistige Verstimmung oder
erhöhte nervöse Reizbarkeit, oft auch Daniederliegen des Appetits, be-
sonders Widerwillen gegen Fleischspeisen, während die bekannte Pica
l) Arslan, Revue mens. Dec. 1892.
828 Constitutionelle Krankheitem
der Chlorotischen hier nur seilen vorkommt. Ueber schmerzhafte
Empfindungen in der Magengegend oder in den Intercostalräumen wird
häufig geklagt, ohne dass sich materielle Ursachen dieser Klagen nach-
weisen lassen. Das anämische Venengeräusch am Halse ist häufig, aber
nicht constant vorhanden, und verhält sich in jeder Beziehung wie bei
Chlorotischen, d. h. es zeigt sich vorzugsweise oder ausschliesslich auf
der rechten Seite des Halses, steigert sich erheblich durch Drehung
desselben nach der linkeu Seite und durch den Druck des Stethoscops,
und wird bisweilen auch am obersten Theile des rechten Sternalrandes
im Verlauf der Vena jugularis communis als ein dumpf aus der Tiefe
herauftönendes Rauschen gehört. Eine diagnostische Bedeutung hat dieses
Geräusch für mich nur dann, wenn es auch bei völlig gerader Haltung
des Kopfes hörbar ist, da die Drehung nach links auch bei gesunden
Menschen durch den Muskeldruck ein analoges Geräusch erzeugen kann.
Abnorme Geräusche am Herzen selbst konnte ich nie wahrnehmen,
sobald ich nur die Vorsicht gebrauchte, das Stethoscop leise aufzu-
setzen; denn jeder stärkere Druck desselben auf die Rippenknorpel
kann allerdings sofort den ersten Ton unrein oder geräuschartig machen,
und zwar, wie mir schien, bei anämischen noch leichter, als bei gesunden
Kindern.
Die Theilnahme des Nervensystems giebt sich hier sehr oft durch
Anfälle von Kopfschmerzen, seltener durch Schwindel oder Flimmern
vor den Augen kund, wovon schon oben bei der Schilderung der Migräne
und ihrer Beziehungen zu übermässiger Geistesarbeit die Rede war
(S. 326). Dass aber auf solcher Grundlage auch ernstere Neurosen
(Chorea, Hysterie, kataleptische Zustände) sich ausbilden können, wurde
bereits wiederholt hervorgehoben.
Fast alle diese Kinder hatten, ehe sie in meine Behandlung kamen,
schon viel Eisen ohne nachhaltigen Nutzen verbraucht, weil die meiner
Ansicht nach häufigste Ursache des Leidens, der anhaltende Aufenthalt
in der verdorbenen Atmosphäre der grossen Stadt, besonders in den über-
füllten Schulzimmern, und die geistige Ueberanstrengung sich nur selten
beseitigen lässt. Gegen diese Quellen der kindlichen Anämie gilt es zu
kämpfen, und der jetzt in verschiedenen Städten in's Werk gesetzte Plan,
auch den unbemittelten Kindern während der Schulferien einen Land-
aufenthalt zu verschaffen, ist als ein Versuch, das Uebel zu lindern, in
hohem Grade dankenswerth. Am meisten empfiehlt es sich da, wo die
Verhältnisse es gestatten, die betreffenden Kinder gänzlich aus der Stadt
zu entfernen und in ländlichen, luftig gelegenen Pensionaten oder
Gymnasien ausbilden zu lassen, da mit dem üblichen mehrwöchentlichen
Anämie. 829
Ferienaufenthalt an der See oder im Gebirge in der Regel nur wenig
erreicht wird. Macht der höhere Grad der Anämie eine Brunnen- oder
Badecur nothwendig, so eignen sich zu diesem Zweck am besten die
Eisenquellen von Elster, Franzensbad (zumal bei dyspeptischer Compli-
cation), Pyrmont, Driburg, Schwalbach u. s. w., wo es aber auf die
Kosten der Reise nicht ankommt, besonders Tarasp oder St. Moritz im
Engadin, welche wegen ihrer hohen Gebirgslage für schlaffe Naturen zu
empfehlen sind. Ich kann Ihnen aus wiederholter eigener Erfahrung
diese Curorte schon für Kinder vom 7. — 8. Jahre an empfehlen. Die
freie Lige von St. Moritz, welche den Sonnenstrahlen überall freien Zu-
tritt gewährt, ist den lichtbedürftigen anämischen Kindern zuträglicher,
als manche „waldesduftige" Bergregionen, welche als schattenspendende
Sommerfrischen aufgesucht werden. Aus diesem Grunde ist auch der
Aufenthalt an sonnigen, hochgelegenen Orten ohne gleichzeitige Brunnen-
cur zu empfehlen, z. B. Krumhübel und Schreiberhau im Riesengebirge,
die Appenzeller Curorte Heiden, Gais u. A. Dagegen halte ich den von
Vielen gerühmten Aufenthalt an der Seeküste immer für einen zweifel-
haften Versuch. Während er in einem Theil der Fälle einen entschieden
günstigen Einfluss übt, bleibt er bei vielen anderen erfolglos oder
wirkt, besonders wenn man die ängstlichen Kinder mit Strenge ins Bad
treibt, sogar nachtheilig, und ich ziehe deshalb immer einen hochge-
legenen, der Sonne zugänglichen Gebirgsort vor. Auch die vielge-
brauchten kalten Abreibungen werden von manchen Kindern ebensowenig
vertragen, wie kalte See- oder Flussbäder, und ich glaube, dass diese
allgemein verbreitete Verordnung mehr auf Tradition und dem Streben,
doch irgend etwas zu thun, beruht, als auf der Beobachtung wirklicher
Erfolge.
Auch für den inneren Gebrauch des Eisens in der Heimath eignen
sich die natürlichen oder künstlichen Mineralwässer (Spa, Schwalbach,
Pyrmont u. s. w.) mehr, als die Eisenpräparate, weil sie nur sehr ge-
ringe Dosen des Eisens enthalten und leichter verdaulich sind. Die
schwärzliche Farbe, welche der Stuhlgang oft während des Eisengebrauchs
annimmt, bekundet immer, dass ein Theil des genommenen Metalls nicht
resorbirt, sondern als Schwefeleisen wieder aus dem Darmkanal entleert
wird, und enthält daher die Aufforderung, die Dosis zu vermindern. Ob
Sie unter den künstlichen Präparaten Ferrum reductum, lacticum, dialy-
satum, peptonatum, oder die Eisentincturen wählen, scheint mir ziemlich
gleichgültig zu sein; die Hauptsache bleibt immer die kleine Dosis (0,03
bis höchstens 0,05 der festen Präparate, 8—12 gtt. der Tincturen 2—3
Mal täglich) und der Monate lang fortgesetzte Gebrauch. Um die Zähne
830 Constitutionelle Krankheiten.
vor dem Schwarzwerden zu bewahren, giebt man die genannten Mittel
am besten in Pillenform, welche indess nur bei älteren Kindern anwend-
bar ist. In einer Reihe von Fällen, welche dem Eisen hartnäckig wider-
standen, oder wo dasselbe nicht vertragen wurde, habe ich vom Arse-
nik (als Solut. Fowleri, F. 11) günstige Erfolge gesehen, und rathe
daher, sobald nur der Zustand des Magens es gestattet, einen Versuch
mit diesem Mittel zu machen. Auch die arsenikhaltigen Eisenwässer
von Roncegno und Levico 3—4 Essl. täglich) sind in dieser Beziehung
zu empfehlen.
III. Purpura.
Unter diesem Namen werden verschiedene, ihrem Wesen nach
dunkle Zustände zusammengefasst, welche die Eigenschaft mit
einander gemein haben, Blutungen in der Haut, den serösen und
Schleimhäuten, selbst im Parenchym der Organe hervorzubringen. Diese
Blutungen erfolgen meistens spontan ohne äussere Veranlassung, nicht,
wie bei der angeborenen hämorrhagischen Diathese, der sogenannten
Bluterkrankheit, hauptsächlich nach Verletzungen der Haut oder
Schleimhäute.
Dass man gerade bei Kindern, zumal in der Armen- und Hospital-
praxis, recht sorgfältig untersuchen muss, um nicht Flohstiche, deren
Residuen in der Form kleiner, oft über den ganzen Körper verbreiteter
Petechien erscheinen, mit wirklichen Purpuraflecken zu verwechseln,
wurde schon früher erwähnt. Insbesondere bei Infectionskrankheiten
(Typhus, Scharlach) war ich oft in Zweifel, ob die bei der Aufnahme
der Kinder sichtbaren Blutflecke von Flohstichen herrührten, oder der
Krankheit selbst angehörten, da, wie Sie sich erinnern werden, auch
wirkliche Petechien und grössere Hämorrhagien der Haut im Gefolge
von infectiösen Processen, Endocarditis oder septischen Vorgängen auf-
treten können. Deshalb versäumen Sie bei Purpura nie, das Herz zu
untersuchen, besonders wenn Fieber vorhanden ist. In einem Fall von
Endocarditis nach Scharlach, welcher nicht einmal deutliche Afterge-
räusche, sondern nur einen unreinen ersten Herzton darbot, stellte ich
besonders auf Grund einer ausgedehnten Purpura die Diagnose, welche
durch die Section bestätigt wurde.
An dieser Stelle soll indess nur von den Blutungen die Rede sein,
welche unabhängig von einem fieberhaften Allgemeinleiden oder von
Endocarditis, als selbstständige Erkrankung auftreten. Sie werden,
wenn sie die Haut allein betreffen, als Purpura simplcx, wenn sie
mit Schleimhautblutungen verbunden sind, als Purpura haemorrha-
Purpura. 831
gica oder Morbus maculosus beschrieben. Leider wissen wir von dem
Wesen der krankhaften Zustände und selbst von den anatomischen Be-
dingungen der vielfachen Hämorrhagien sehr wenig. Die alte Ansicht,
dass es sich hier um eine „Entmischung« des Blutes handle, lässt sich
weder durch die chemische, noch durch die microscopische Untersuchung
desselben beweisen. In mehreren, allerdings leichten und schnell hei-
lenden Fällen von Morbus maculosus, welche ich daraufhin untersuchte,
erschienen die rothen Blutkörperchen gross, prall gefüllt, und in Bezug
auf ihre Farbe und Anzahl in keiner Weise verändert. Kleine Formen
(Microcythen) waren nur hie und da sichtbar, und die Zahl der weissen
Körperchen nicht bedeutender, als im Normalzustande. Ebenso wenig
hat sich die frühere Anschauung von einer Abnahme oder verminderten
Gerinnbarkeit des Faserstoffs bestätigt, und es lag daher nahe, statt
des normal befundenen Blutes die festen Theile, d. h. die kleinen Ge-
fässe verantwortlich zu machen. Da die Blutungen sowohl durch Ruptur
der Gefässe, wie auch durch erleichtertes Auswandern der rothen Blut-
körperchen aus den Gefässwänden zu Stande kommen können, so dachte
man an eine abnorme Brüchigkeit der letzteren, und in der That wur-
den von verschiedenen Forschern (Hayem, Straganow u. A.) micro-
scopische Veränderungen der kleinen Arterien und Capillargefässe be-
schrieben, welche ein solches Resultat herbeizuführen wohl im Stande
wären. Auch die Untersuchungen von Kogerer') ergaben endarteritische
Veränderungen, besonders in den grösseren Arterien des Stratum reticu-
latum der Haut, Verdickung, hyaline Degeneration und Verfettung ihrer
Wände mit Verengerung des Lumen, Wucherung des Endothels und
Thrombenbildung. Ich glaube aber, dass diese Degenerationen doch nur
in schweren, tödtlich verlaufenden Fällen von Purpura in Betracht zu
ziehen sind. Bedenkt man nämlich, wie plötzlich diese oft entsteht
und wie rasch sie wieder verschwinden kann, so erscheint hier die
Annahme einer erheblichen Structurveränderung der Gefässwände, welche
dann ebenso schnell sich wieder zurückbilden müsste, kaum statthaft,
und schon daraus ergiebt sich, dass es sich hier um verschiedene
Zustände handeln muss, die unter dem gemeinschaftlichen Namen
»Purpura" oder „Morbus maculosus" zusammengefasst werden, und nur
die Form der „ hämorrhagischen Diathese " mit einander gemein
haben. Die schwere, selbst letal endende Form mag mit jenen Verän-
derungen der kleinen Gefässe einhergehen; in anderen leichten, bald hei-
lenden Fällen könnte man auch an eine vasomotorische Neurose denken,
l) Zeitschr. f. klin. Med. Bd. X. Heft o.
832 Constitutionelle Krankheiten.
welche durch paralytische Dilatation der kleinsten Gefässe Stauung des
Blutes, Ruptur der Gefässwände oder Auswanderung rother Körperchen
zur Folge hat Das Hinzugesellen leichter Oedeme in einer Reihe von
Fällen lässt sich für diese Hypothese geltend machen.
Die einfache Purpura, bei welcher Blutungen aus den Schleim-
häuten fehlen, kommt oft bei schlecht genährten, in dumpfigen Kellern
lebenden anämischen und rachitischen Kindern vor. Häufiger erscheint
sie in Verbindung mit Leukämie, Pseudöleukämie und Milztu-
moren (S. 586). Die Blutflecke sind hier fast immer nur ver-
einzelt, höchstens linsengross. Reichlicher und intensiver ist eine
andere Form, bei welcher Kinder, die gleichzeitig über Schmerzen in den
Gliedern, besonders in verschiedenen Gelenken klagen, auch wohl An-
schwellungen derselben darbieten, oder einige Tage zuvor an diesen Sym-
ptomen gelitten hatten (die sogen. Purpura oder Peliosis rheumatica).
Besonders auf den Unterschenkeln und Füssen, oft aber auch auf dem
Bauch und den Armen, sieht man dann viele kleine und grössere, düs-
terrothe oder bläuliche rundliche Flecke erscheinen. Bei einem 4jährigen
Knaben sah ich sie auch auf demScrotum auftreten. Sie bleiben beim Finger-
druck unverändert, und zeigen hie und da im Centrum eine papulöse
oder diffuse, durch Fibringerinnung bedingte Härte und Prominenz. Ab-
gesehen von den erwähnten spontanen Schmerzen ist auch Druck auf die
Tibia, die Knöchel, die Sohlen, und die Bewegung der Gelenke nicht
selten empfindlich, so dass dadurch das Gehen mehr oder weniger er-
schwert werden kann. Bisweilen gesellen sich zu den Purpuraflecken
auch quaddelartige Efflorescenzen (Erythema nodosum), in deren Mitte
ein bläuliches Blutextravasat sieht- und fühlbar ist, und nicht selten
beobachtete ich leichtes Oedem der Fussrücken und der Knöchel, wobei
der Urin in der Regel kein oder nur Spuren von Eiweiss enthielt. Bei
einem 7jährigen Knaben, welcher Blutflecke auch auf den Armen und im
Gesichte zeigte, wurden Augenlider, Wangen und Nasenflügel ödematös,
bei einem anderen zeigte sich Oedem der Ellenbogengegend, des rechten
Handrückens, der Fussrücken und Augenlider. Nach einigen Tagen
pflegen die Flecke zu erblassen, bilden sich indess bald von neuem, so-
bald Schmerzen oder Gelenkschwellungcn sich wieder einstellen, aber
auch ohne die letzteren, sobald die kleinen Patienten die horizontale
Lage verlassen und wieder zu gehen anfangen, so dass mehrere
Wochen verlaufen können, ehe diese Nachschübe, mit welchen auch die
Oedeme jedesmal wieder erscheinen können, aufhören und die Heilung
vollendet ist. In den meisten von mir beobachteten Fällen verlief die
Affection fieberlos, nur selten mit leichten unregelmässigen Temperatur-
Purpura. 833
erhebungen, selbst bis 38,9 in den Abendstunden, mit geringer oder gar
keiner Störung des Allgemeinbefindens, und endete immer mit vollständi-
ger Heilung, abgesehen von einzelnen Fällen, in welchen ein endocar-
diales Geräusch bestand, welches nach der Heilung der Purpura zurück-
blieb. Bei einem 11jährigen Mädchen, welches, abgesehen von Ano-
rexie, vollkommen gesund erschien, fiel der für das Lebensalter sehr
langsame Puls von 68 Schlägen in der Minute auf, deren Aufeinander-
folge auch nicht ganz regelmässig war, während die Untersuchung des
Herzens nichts Abnormes darbot. Nur einmal, bei einem 1 '/Jährigen
Kinde, traten, nachdem ein paar Tage lang Schmerzen in den Beinen
bestanden hatten, mit den Purpuraflecken gleichzeitig erbsengrosse pem-
phigoide Blasen mit serös - blutigem Inhalt an beiden Füssen und leich-
tes Oedem derselben auf. Nach etwa 4 Wochen war alles verschwun-
den, aber 5 Monate später erfolgte ein neuer Ausbruch von Purpura an
den unteren Extremitäten1).
Von ungewöhnlicher Dauer war der Fall eines 9jährigen russischen Knaben,
der seit Jahren an hämorrhagischer Diathese (Nasenbluten, Purpuraflecken) litt, und
seit 4 Jahren oft multiple schmerzhafte Gelenkanschwellungen, die zum Theil bläu-
lich schimmerten und scheinbar fluctuirten, darbot. Das linke Ellenbogengelenk war
theil weise ankylotisch geworden. Nordseebäder (Wyk auf Föhr) sollten dem anä-
mischen Patienten am besten bekommen sein. Der weitere Verlauf blieb mir un-
bekannt.
Ein complicirteres Krankheitsbild kann dadurch zu Stande kommen,
dass sich zu den hier erwähnten Symptomen, Purpura und Geienk-
anschwellungen, noch eine Reihe von abdominalen Erscheinungen,
nämlich Erbrechen, Darmblutung und Oolik hinzugesellen, eine
Form, welche ich zuerst im Jahre 1868 beobachtet und später bo-
schrieben habe2). Der erste Fall dieser Art betraf
Einen 15jährigen kräftigen Knaben, welcher in Folge von Indigestion einen
Gastroduodenalcatarrh mit leichtem Icterus bekommen hatte. Einige Tage darauf
Schmerzhaftigkeit in den Fingergelenken beider Hände ohne Anschwellung.
Ein paar Tage später ausgedehnte Purpuraflecke auf den Oberschenkeln, bald
darauf heftige Colik, Erbrechen und schwarze Stühle. Die Leibschmerzen
waren mitunter äusserst heftig, schlafraubend ; die Gegend des Colon transversum
empfindlich und aufgetrieben. Massiges Fieber (38,6 nicht überschreitend). Nach
5 Tagen Schwinden der genannten Symptome, aber schon 3 Tage später ein Reci-
') Einen stürmischen, hochfebrilen Fall beschreibt Hertzka (Archiv f. Kinder-
heilk. XIV. S. 199).
2) Ueber eine eigentümliche Form von Purpura. Berliner klin. Wochenschr.
1874. No. 51.
He noch, Vorlesungen über Kiuderkraukhtiterj. 7. Auü, 53
834 Constitutionelle Krankheiteu.
div mit genau denselben Erscheinungen. Reconvalescenz nach einer Woche. Inner-
halb der nächsten Wochen noch 3 Recidiye, immer mit bluthaltigen Stühlen, welche
entweder schwarz oder orangefarbig, und mit mehr oder minder bedeutenden Blut-
klumpen vermischt erschienen. Im Ganzen fanden innerhalb 7 Wochen fünf solcher
Anfälle statt. Schliesslich völlige Heilung. Am besten schien Opium zu wirken.
Im März 1869 kam mir der zweite Fall vor. Ein 4jähriger Knabe litt an
,, dysenterischen" Symptomen, Colik, Tenesmus, sparsamen bluthaltigen
Stühlen. Gleichzeitig grossfleckige Purpura an beiden Ellenbogen und Ober-
schenkeln. Nach 3 Tagen beim Gebrauch von Ricinusöl und Calomel Besserung,
aber neue Purpuraflecke am Scrotum und Präputium. Einige Tage darauf von neuem
Diarrhoe mit Blutstreifen und heftiger Colik, dann Verstopfung, neue Nachschübe
der Purpura. Dauer im Ganzen 3 Wochen.
Der dritte Fall (März 1873) betraf ein 12jähriges gesundes Mädchen. Seit
einer Woche „rheumatische" Schmerzen in den Gliedern, bald auch Schmerz-
haftigkeit und Anschwellung der Hand- und Fussgelenke mit leichtem Fieber.
Herz intact. Wenige Tage später ausgedehnte Purpura auf dem Bauch und den
unteren Extremitäten. Dabei sehr heftige schlafraubende Coliken, wiederholtes
Erbrechen und Diarrhoe mit reichlichem Blutgehalt. Nach 5 Tagen Schwinden
aller Symptome. Dann wieder ein Recidiv. Binnen vier Wochen erfolgten vier solcher
Anfälle; schliesslich völlige Heilung. Therapie indifferent.
Der vierte Fall betraf ein 1 1 jähriges gesundes Mädchen, welches schon im
Sommer 1872 an rheumatischen Schmerzen in beiden Fussgelenken und in dor rechten
Hüfte gelitten hatte. Im Juli 1873, also etwa ein Jahr später, wiederum Schmerzen
in den Hand- und Fussgelenken, doch ohne Anschwellung; gleich darauf Pur-
pura auf den Unterextremitäten, massiges Fieber, Anorexie, Erbrechen, Colik
und feste, aber stark mit Blut vermischte Stühle. Urin normal. Innerhalb 5 Wochen
erfolgten drei solcher Anfälle mit 8 — 9tägigen Intervallen. Der letzte Anfall fieberlos.
Ein auf den Bauch applicirter Eisbeutel wirkte scheinbar günstig; auch die Purpura
erblasste. Plötzlich wieder Schmerzen im linken Arm und im rechten Ellenbogen-
gelenk, und in der darauf folgenden Nacht (vom 23. — 24. Juli) sehr heftige Colik-
schmerzen, grünes Erbrechen und vier starke orangefarbige, mit reichlichen
Blutcoagulis vermischte Stühle. Dabei kein Fieber, reine Zunge. Eisbeutel auf
den Leib, Eismilch als Nahrung, Emulsio amygdalina. Am 25. noch ein schwarzer
Stuhl. Bis zum 30. völlige Euphorie, worauf noch ein Nachschub der Purpura, und
nun eine Pause bis zum September eintrat. In diesem Monat erfolgte ein neuer,
ganz analoger heftiger Anfall, mit welchem aber die Krankheit schloss. Das Herz
bot, abgesehen von Arrhythmie und einer zuweilen auffallenden Verlangsamung des
Pulses (bis auf 60 Schi.) nichts Krankhaftes dar.
Einen fünften Fall hatte ich am 17. Januar 1880 Gelegenheit zu sehen. Der-
selbe betraf einen 7jährigen Knaben, welcher schon beinahe 9 Wochen lang an mehr-
fachen, aber immer schwächer werdenden Anfällen dieser Krankheit gelitten hatte.
Dieselben bestanden in heftigen Coliksohmerzen, mit Empfindlichkeit der rechten
Seite des Colon transversum, blutigen Stühlen, Purpuraflecken auf den Vorderarmen
und rheumatoiden Gliederschmerzen, aber ohne Anschwellung der Gelenke und ohne
Fieber. Hände und Füsse wurden bisweilen ödematös. Urin normal. Ergotin und
Eisen ohne Erfolg gebraucht. Allmälige Heilung bei indifferenter Therapie.
Der sechste Fall betrifft einen 8jährigen Knaben (Ende Mai 1883). Vor
Purpura. 835
einem Jahre starke fieberhafte Erkrankung (bis 41° Teinp.), die für Typhus er-
klärt wurde. Am 5. Tage derselben Purpura und Erythemflecke, Blutung aus dem
Zahnfleisch und Anschwellung vieler Gelenke. Heilung nach 8 Wochen. Dabei
hatte häufig Erbrechen stattgefunden; Stuhlgang war nicht untersucht worden.
Am 19. Mai 1883 ein zweiter Anfall ähnlicher Art mit starker Colik; bei der
Vorstellung noch zahlreiche Purpuraflecke auf dem Rücken, den Nates und Ober-
schenkeln sichtbar. Weiterer Verlauf unbekannt.
Die Uebereinstimmung aller dieser Fälle, deren Zahl sich in den
letzten Jahren um vier (Mädchen von 7—12 Jahren) vermehrt hat,
liegt am Tage. Stets findet sich Purpura combinirt mit Colik, Empfind-
lichkeit des Colon, Erbrechen, Darmblutung und, mit Ausnahme des
zweiten Falls, auch mit rheumatoiden Schmerzen, während die An-
schwellungen der Gelenke minder constaDt sind. Bei einem 5jährigen
Mädchen, welches am 10. Jan. 1882 in der Poliklinik vorgestellt wurde,
bestanden seit zwei Monaten Anfälle von Purpura mit Anschwellung,
Schmerzhaftigkeit und Unbeweglichkeit mehrerer Gelenke, häufig auch
mit heftigen Coliken und grosser Empfindlichkeit des Unterleibs gegen
Druck, während blutige Stühle nicht beobachtet wurden. Ebenso ver-
hielt sich ein im Sommer 1887 von mir behandeltes Mädchen. Man
sieht also, dass aus der Kette der betreffenden Symptome auch ein
oder das andere Glied einmal fehlen kann. Charakteristisch ist aber
für alle das Auftreten dieser Erscheinungen in Schüben, mit einem
mehrtägigen, wöchentlichen, ja selbst einjährigen Intervall, wodurch die
Dauer der Krankheit erheblich verlängert wird. Fieber war nicht con-
stant, und hielt sich meistens auf einer massigen Stufe. Dass die be-
schriebenen Symptome in einem inneren Zusammenhange mit einander
stehen, wird wohl Niemand leugnen wollen; diesen Zusammenhang aber
zu erklären, bin ich hier ebenso wenig im Stande, wie bei der gewöhn-
lichen Purpura rheumatica. Der Gedanke an embolische, von Endo-
carditis ausgehende Vorgänge liegt nahe, und mag auch in manchen
Fällen, wo anomale Geräusche am Herzen bestehen, gerechtfertigt sein1);
in meinen Fällen aber fehlten diese durchweg, und der günstige Ausgang
wäre bei so multiplen Embolien in den Haut- und Darmgefässen kaum
denkbar. Da meine Patienten, mit Ausnahme von zweien, die nicht zur Sec-
tion kamen, geheilt wurden, so muss ich es dahingestellt sein lassen, ob
es sich hier um Blutaustritte auf der Magen- und Darmschleimhaut, oder
um die (S. 831) erwähnten endarteritischen Vorgänge handelt, wie sie
') Baerwindt, Deutsche med. Woohenschr. 1889. No. 48. — v. Dusch,
Ibidem. S. 918. — Derselbe und Hoche, Pädiatr. Arbeiten. Festschr. Berlin 1890.
53
*
836 Constitutionelle Krankheiten.
schon von Zimmermann1) in dem Fall eines Erwachsenen beschrieben
wurden, Verengerung der kleinen Darmarterien durch Zellen- und Kern-
wucherung der Tunica adventitia und media, und daraus hervorgehende
multiple Necrose der Darmschleimhaut2). Trotz des günstigen Ausgangs
fast aller meiner Fälle möchte ich doch die Prognose nicht absolut
günstig stellen. Bei drei Patienten gesellte sich nämlich acute Neph-
ritis hinzu, bei zweien, von denen einer durch Hydrops zu Grunde ging,
noch während des Bestehens der oben geschilderten Krankheitserschei-
nungen, im dritten Falle nach dem Verschwinden der primären Sym-
ptome mit Ausgang in vollständige Genesung3). Ueberhaupt rathe ich
bei Purpura, in welcher Form sie auch auftreten möge, die Untersuchung
des Urins nicht zu versäumen, weil ich auch in scheinbar einfachen
Fällen Nephritis beobachtet habe.
Knabe von 10 Jahren, aufgenommen am 14. Januar. 1891. Seit 14 Tagen
Bronchialcatarrh. Sehr anämisch. Auf Ellbogen- und Kniegelenken, sowie auf den
Nates Purpnraflecke, Gesicht leicht oedematös, im Urin Biweiss (3°/oo)>
viele lothe Blutkörperchen, leicht granulirte Cylinder und Leucocythen. Menge
600,0; spec. Gewicht 1015. Gelenke, Herz und Lungen normal. T. 38,5. In den
nächsten Tagen fieberlos, aber weitere Ausbreitung der Purpura bei völliger Euphorie.
Digestionsorgane ganz normal, abgesehen von massigen Klagen über Leibschmerzen.
Am 24. Jan. Purpura sehr ausgebreitet, dann abnehmend, ab und zu noch kleinere
Schübe bildend. Am 1. Febr. Urin heller, l,5°/0o Eiweiss; am 12. nur l°/00.
Stete Abnahme. Am 25. März geheilt entlassen. Augenhintergrund stets ohne Blut-
flecke. Behandlung. Zuerst Extr. secal cornut. aq.; später Liq. ferri ses-
quichlor.
Dass man unter diesen Umständen auch an vorausgegangene Scarla-
tina denken muss, ergiebt sich aus den S. 689 über die nach dieser
Krankheit auftretende Purpura gemachten Mittheilungen.
Therapeutisch schien die Application eines Eisbeutels auf den
Unterleib, Eismilch zur Nahrung, und eine Mandel- und Oelemulsion,
welcher ich bei heftigen Schmerzen Extr. Opii (0,05:120,0) zusetzte,
am besten zu wirken. Strenge Ruhe im Bett ist hier, wie bei der ge-
wöhnlichen Purpura rheumatica, erforderlich. In vielen Fällen der
letzteren glaube ich durch Jodkali (1 bis 3:120) gute Erfolge erzielt
zu haben. —
') Arch. d. Heilk. 1874. Heft 2.
2) Vergl. Scheby-Buch, Deutsches Arch. f. klin. Med. 1874. Heft 4 u. 5,
und besonders Silbermann, Pädiatr. Arbeiten. Festschr. Berlin 1890.
3) Moussous (Revuo mens. etc. fevr. 1891) beschreibt zwei analoge Fälle mit
Nephritis.
Purpura. 837
Von den bisher erörterten Formen unterscheidet sich nun diejenige,
für welche ich den Namen Purpura haemorrhagica oder Morbus
maculosus reservire, durch den Mangel der Schmerzen, der Ge-
lenkschwellung und der eben geschilderten intestinalen Symptome. Wir
beobachten hier nur Purpura und Blutungen, welche sich in den meisten
Fällen auf Zahnfleisch und Nase beschränken. Dass der Urin fast
immer Blut oder Eiweiss enthalten soll, wie hie und da behauptet
wird, davon konnte ich mich in meinen Fällen nicht überzeugen; viel-
mehr fand dies verhältnissmässig selten statt. Häufig sieht man auf der
Schleimhaut der Lippen und Wangen, in den Alveolen verloren gegangener
Zähne, auf der Zunge, den Gaumenbögen, kleine Blutextravasate,
welche nicht bloss locker aufliegen, sondern in die oberflächliche Schicht
infiltrirt sind, so dass nach der Ausstossung ein flacher Substanzverlust
sichtbar werden kann. Fast bei allen von mir beobachteten Kindern
begann die Krankheit plötzlich inmitten völliger Euphorie ohne alle
Vorboten. Stürmisch entwickeln sich Blutflecke von dunkelrother, hie
und da ins Braunrothe oder Bläuliche schimmernder Farbe, von Hirse-,
Linsen- und Groschengrösse und darüber, welche sich ohne regelmässige
Succession über die ganze Fläche der Haut verbreiten, so dass diese
schon nach 24 — 36 Stunden wie ein Leopardenfell gefleckt erscheinen kann.
Hie und da fanden sich auch streifenförmige oder flächenartig ausge-
breitete Hämorrhagien, z. B. bei einem 7jährigen Knaben ein die ganze
linke Inguinalgegend einnehmendes Extravasat, welches an einer Stelle
einen harten taubeneigrossen Fibrinknoten fühlen liess , bei einem
10jährigen Mädchen ein handtellergrosses Extravasat in der rechten
Hüftgegend. Auf Druck schwinden die Flecke niemals, doch zeigt sich
mitunter um einen centralen Gerinnungsknoten ein rother Hof, dessen
äusserster hyperämischer Rand beim Druck momentan erblasst. Ist
Mundblutung vorhanden, so kann durch die zwischen den Zähnen haf-
tenden Coagula das Kauen erschwert werden. Stärkere Berührungen des
Zahnfleisches rufen ebenso leicht Blutungen hervor, wie Quetschungen
der Haut, ja schon das Kratzen derselben mit dem Fingernagel schnell
einen Blutfleck oder einen rothen Streif,- welcher auf Druck nicht
schwindet, zu erzeugen pflegen. Kleine Nadelstiche, welche wir behufs
der Blutuntersuchung machten, bluteten sehr stark, Injectionsstiche mit
der Pravaz'schen Spritze bewirkten fast immer eine ziemlich umfang-
reiche Blutinfiltration der Haut und des unterliegenden Bindegewebes,
welche nur langsam unter allmäliger Verfärbung schwand. In einem
meiner Fälle erfolgten auch wiederholt Blutungen aus einem Eczem der
Wange. Dabei war das Allgemeinbefinden meistens so ungestört, dass
838 Constitutionelle Krankheiten.
die Kinder am liebsten das Bett verlassen hätten. Einen Milztumor
konnten wir nur selten mit Sicherheit constatiren, niemals Abnormitäten
des Herzens oder Blutungen im Augenhintergrunde. In der Regel er-
schöpfte sich die Eruption der Blutflecke mit dem ersten Schub; seltener
traten reichliche Nachschübe ein und verlängerten den Verlauf, welcher
bis zum völligen Erblassen aller Flecke im Durchschnitt 10 — 14 Tage
zu dauern pflegte. Fieber wurde in meinen Fällen niemals beobachtet,
vielmehr blieb die Temperatur nicht selten unter dem Normalstande
(36,9 bis 37,2).
Bedenkliche Zufälle traten während des ganzen Verlaufs der Krank-
heit nur ausnahmsweise ein, z. B. bei einem 5 jährigen Knaben zweimal
eine so profuse Nasenblutung, dass die Tamponade der Nasenhöhle vor-
genommen werden musste, bei einem 11jährigen Mädchen nach der Ex-
traction eines Zahns eine 36 Stunden dauernde Blutung aus der be-
treffenden Zahnlücke. Die Gefahr der Erschöpfung durch stets wieder-
kehrende profuse Blutung liegt daher ziemlich fern, und charakterisirt
die schwere Form des Morbus maculosüs, welche bei weitem seltener,
als die eben beschriebene vorkommt. Die nicht plötzliche, vielmehr fast
immer allmälige Entwickelung, die vielfachen Nachschübe, der chro-
nische Verlauf, die mehr und mehr sich geltend machende Anämie
unterscheiden diese Form wesentlich von der gewöhnlicher, welche einen
acuten Verlauf zu nehmen pflegt; dazu kommen nun die profusen, stets sich
erneuernden Blutungen aus den verschiedensten Theilen, Nase, Mund,
Magen, Darmkanal, Nieren, äusserem Gehörgang, Lungen. Diese zum
Glück seltenen Fälle können nach einem Monate oder Jahre langen Ver-
lauf entweder durch Erschöpfung unter Hinzutritt von Anasarca und
Hydrops der Körperhöhlen, oder plötzlich durch Bluterguss in ein lebens-
wichtiges Organ, zumal ins Gehirn, tödtlich enden (S. 254). Während
dieses langen Verlaufs treten bisweilen längere Pausen scheinbaren
Wohlbefindens ein. So sah ich ein 12jähriges anämisches Mädchen drei
Sommer hintereinander an Purpura, Nasenbluten, hin und wieder auch
an Hämoptysis leiden, während sie im Winter gänzlich frei davon war.
Bei einem 13jährigen Knaben, welcher seit zwei Jahren an Morbus ma-
culosüs litt und sich durch Blutflecke in der Gaumenschleimhaut und
Uvula auszeichnete, vergingen bisweilen einige Monate, ohne dass Blut-
flecke und andere Hämorrhagien sich bemerkbar machten. Solche
Pausen können zu trügerischen Hoffnungen verleiten, welche durch das
plötzliche Wiederauftreten der Purpura und der Blutungen Lügen gestraft
werden. Während in der acuten Form, wie icli schon bemerkte, die
Eruption gewöhnlich mit einem Schub beendet ist, sieht man in der
Purpura. 839
chronischen Form wegen der stets sich wiederholenden Nachschübe Flecke
von ganz verschiedener Färbung auf der Haut stehen. Frische, hell- oder
dunkelrothe sind mit älteren bläulich grünen und gelben vermischt, und
dazwischen sieht man an vielen Stellen blasse Pigmentflecke als letzte
Spuren des resorbirten Hämatins.
Ueber die Ursachen des Morbus maculosus konnte ich in keinem
meiner Fälle in's Klare kommen. Die meisten Kinder befanden sich in
dem Alter zwischen 8 und 14 Jahren (nur eins derselben, welches Pur-
puraflecke im Gesicht, Blutbrechen und schwarze Stühle darbot, war
noch nicht ganz 2 Jahre alt), und erschienen sonst vollkommen gesund.
Weder ungesunde Wohnung, noch Mangel an Nahrung oder schlechte
Beschaffenheit derselben Hess sich als Ursache nachweisen. Von voraus-
gegangenen Krankheiten kann ich nur Scharlach und Masern be-
schuldigen, von deren Beziehung zum Morbus maculosus bereits früher
(S. 689 und 717) die Rede war1).
Die Behandlung der acuten, leichteren Form kann nach meinen
neueren Erfahrungen eine rein exspectative sein. Von dem Glauben
an die Wirksamkeit des Ergotin in dieser Krankheit2) bin ich zurück-
gekommen, seitdem ich in der Klinik eine Reihe von Fällen bei ruhiger
Lage im Bett ohne jede Arznei in kurzer Zeit heilen, andererseits
in schweren chronischen Fällen das Ergotin, obwohl wochenlang conse-
quent gebraucht, wirkungslos bleiben sah. Wollen Sie übrigens das
Mittel versuchen, so dürfen Sie es nur innerlich geben (F. 44), da die
subcutanen Injectionen hier fast immer bedeutende Blutinfiltrationen,
sogar mit Ausgang in Eiterung, zur Folge hatten. Der von Shand3)
mitgetheilte Fall einer durch den Inductionsstrom bewirkten Heilung von
Purpura haemorrhagica steht bis jetzt vereinzelt da; dieser Therapie lag
wohl derselbe Ideengang zu Grunde, welcher mich zur Anwendung des
Ergotin bestimmte. In der chronischen Form sind die Eisenpräparate
') Die Befunde Petrone's (Riv. clin. di Bologna 1883), nach denen die Pur-
pura Folge einer Micrococoen-Infection sein soll, sind zwar von Hryntschak
(Arch. f. Kinderheilk. 1884. S. 461) nicht bestätigt worden, doch wollen Gui-
mard (These. Paris 1889) und Kolb (Arb. aus dem K. Gesundheitsamte. VII.
1891) constant einen specifischen Bacillus, der auch bei der Thierimpfung Pur-
pura erzeugt, gefunden haben. — Ob die beiden Fälle von S. Simon (Revue mens.
No. 1885), in denen Morb. maculosus als Vorläufer des Diabetes mellitus auftrat,
mehr als Zufälligkeiten sind, lasse ich dahingestellt. Jedenfalls verdient diese An-
gabe Beachtung, da auch Gerhardt nach einer mir gewordenen mündlichen Mit-
theilung ähnliche Beobachtungen gemacht hat.
2) Beitr. zur Kinderheilk. N. F. S. 405.
3) Lancet, 19. Juli 1879.
840 Constitutionelle Krankheiten.
besonders Liquor ferri sesquichlorati (F. 45) und der Aufenthalt
in reiner Land- oder Bergluft, aber nur in mittleren Höhen, zu empfehlen ;
allenfalls ist auch eine Kaltwassercur zu versuchen, die mir in zwei
Fällen dieser Art wenigstens temporär gute Dienste leistete. Gegen die
einzelnen Blutungen ist, wenn sie bedenklich werden, je nach derLoca-
lität einzuschreiten, bei Epistaxis durch Tamponade, bei Magen- und
Darmblutung durch Eisbeutel und Liquor ferri u. s. w. —
In den letzten Jahren sind mir zwei Fälle von sehr ausgedehnten,
rapide zum Tode führenden Hautblutungen vorgekommen, welche
ich mit dem Namen »Purpura fulminans" bezeichnet habe.1) Ein
dritter Fall wurde mir von Herrn Dr. Michaelis mitgetheilt, ein vierter
ist von Charron2) veröffentlicht worden. Alle diese Fälle haben das
Gemeinsame, dass Blutungen aus Schleimhäuten absolut fehlen, dass
aber mit enormer Schnelligkeit ausgedehnte Ecchymosen zu Stande
kommen, welche binnen wenigen Stunden ganze Extremitäten blau- und
schwarzroth färben, und eine ziemlich derbe Blutinfiltration der Cutis
darstellen. Auch zur Bildung blutig seröser Blasen auf der Haut kam
es in zwei Fällen, niemals aber zu Gangrän, nicht einmal zu einem
fötiden Geruch. Der Verlauf ist enorm schnell; kaum 24 Stunden ver-
gingen von der ersten Bildung der Blutflecke an bis zum Tode; die
längste Dauer betrug 4 Tage. Dabei fehlte jede Complication, und die
Sectionen ergaben mit Ausnahme allgemeiner Anämie ein durchaus
negatives Resultat, insbesondere keine Spur von embolischen oder
thrombosirenden Processen. Ebenso unklar ist die Aetiologie. Der eine
meiner Fälle entwickelte sich zwei Tage nach der vollständigen Krise
einer Pneumonie, der andere l'/2 Wochen nach einem ganz leichten
Scharlach. Für die beiden anderen Fälle fehlt jeder aetiologische Halt.3)
Trotz der in einigen Fällen constatirten Beziehung zu den Infections-
krankheiten möchte ich diese Form vorläufig von den anderen Formen
der Purpura trennen und zwar nicht nur wegen ihres „fulminanten"
letalen Verlaufs, sondern auch auf Grund des Mangels aller inneren und
Schleimhautblutungen. Aus der kurzen Schilderung des ersten von mir
') Ueber Purpura fulminans. Berliner klin. Wochenschr. 1887. S. 8.
'-') Observations relatives ä la pediatrie. Bruxelles, 1886. p. 27.
3) Zwei analoge Fälle wurden seitdem von Ström und Arctander ("Jahrb.
f. Kinderheilk. XXVII. S. 180) publicirt. Der erste war ebenfalls eine Folge des
Scharlach. Sectionen fehlen. Nach der Angabe von Herve (Revue mens. etc.
Avril 1888. p. 170) sind schon früher in der Union med. du Nord-Est drei ganz ähn-
liche Fälle von Guelliot veröffentlicht worden.
Scrophulose. 841
beobachteten Falles wird man am besten die Eigentümlichkeit der
Affection erkennen.
Knabe von 5 Jahren, aufgenommen am 14. Nov. 1885 mit fibrinöser Pneu-
monie. Krise am 22. Seitdem volle Euphorie. In der Nacht zum 24. plötzlich
Schmerzen im linken Bein, gegen Morgen Purpuraflecke auf Brust und Oberschenkel,
eine Stunde später auch auf den Armen und Unterschenkeln. Um 11 Uhr Vorm. er-
schien die ganze untere und seitliche Partie des linken Oberschenkels schwarzblau,
am Abend auch die linke Wade und das rechte Knie. Dabei T.38,8; R. 36; P. 120.
In keinem Organ etwas Anomales zu finden. In der Nacht vom 24. zum 25. war
auch das ganze rechte Bein mit Ausnahme des Fusses schwarzblau geworden. Nun-
mehr grosse Apathie und Schwäche. Wegen Schmerzen Morphiuminjectionen. Urin
blieb stets normal. Morgens 2 Uhr Tod im Collaps. Section absolut negativ.
Ganz ähnlich verliefen die anderen Fälle.
IV. Die Scrophulose.
Sehr charakteristisch ist zwar das Krankheitsbild, welches wir
mit dem Namen „Scrophulose" bezeichnen, aber noch immer fehlt uns
eine befriedigende Kenntniss der Verhältnisse, welche diesem klinischen
Bilde zu Grunde liegen. Wenn viele Aerzte auch heute noch geneigt
sind, an einer dyskrasischen Grundlage des Leidens festzuhalten, obwohl
die Untersuchungen des Blutes bis jetzt keine wesentlichen Abnormitäten
ergeben haben, so beruht dies wohl nur auf der Beobachtung des
gleichzeitigen oder successiven Erkrankens einer ganzen Reihe von
Geweben und Organen, welches den Schluss gestattet, dass wir es hier
nicht mit einfachen Localaffectionen, sondern vielmehr mit einer die
normalen Nutritionsverhältnisse aller Theile auf gleiche Weise beein-
trächtigenden Krankheitsursache zu thun haben. Ob diese aber in einer
Anomalie des Blutes oder der Gewebselemente, oder beider zugleich, zu
suchen ist, wissen wir nicht, und ich halte es daher für gerathen, vor-
läufig den klinischen Standpunkt, als den für den Arzt allein maass-
gebenden festzuhalten. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, bedeutet
die Scrophulose für mich nichts weiter, als das gleichzeitige oder suc-
cessive Auftreten mehr- oder vielfacher chronischer Entzündungen
in verschiedenen Geweben, mit auffallend grosser Tendenz zu
Hyperplasien der benachbarten, aber auch entfernterer Lymph-
drüsen, welche gern mit käsiger Degeneration und Abscessbildung in
ihrer Umgebung abschliessen.
Die Ausgänge der scrophulösen Entzündung sind, an und für sich
betrachtet, dieselben, wie die jeder anderen Entzündung. Man sieht
hier wie dort Eiterung, Ulceration, Verhärtung u. s. w. erfolgen; nur
in einzelnen Erscheinungen, wie in der Beschaffenheit des Eiters, in der
842 Constitutionelle Krankheiten.
Gestaltung der Geschwüre und ihrer Narben, geben sich bei der scrophu-
lösen Entzündung gewisse Differenzen kund, die aber keineswegs charak-
teristisch genug sind, um auf eine wahrhaft pathognomonische Bedeutung
Anspruch machen zu können. Um so mehr fand man sich bewogen,
diese Bedeutung einem Krankheitsproducte zuzusprechen, welches häufig
in den hyperplastischen Lymphdrüsen bei Scrophulösen gefunden und
als „käsige Degeneration" bezeichnet wird. Sie wissen nun, dass
diese Substanz, das Product eines necrobiotischen Zerfalls der Gewebs-
zellen, vorzugsweise in verschiedenen Organen tuberculöser Individuen
vorkommt, und, wenn auch nicht immer, so doch sehr häufig Tuberkel-
bacillen in verschiedener Anzahl enthält. Es ist daher begreiflich,
dass der alte Streit über die Beziehung der Scrophulose zu Tuberculose
noch keineswegs abgeschlossen ist, vielmehr durch den Befund der Ba-
cillen neue Nahrung erhalten hat. Man ist vielfach dahin gekommen,
beide Krankheiten für vollkommen identisch, d. h. als Producte der
bacillären Invasion zu betrachten. Diese Anschauung verträgt sich aber,
wie ich glaube, durchaus nicht mit den klinischen Thatsachen.
Wer frei von Vorurtheilen viele kranke Kinder beobachtet, der wird sich
bald davon überzeugen, dass die Krankheitserscheinungen der Scrophulose
von denen der Tuberculose doch ausserordentlich verschieden sind, dass
aber in der That ein Theil dieser Kranken schliesslich an einer käsigen
Pneumonie oder an allgemeiner Miliartuberculose, zumal an tuberculöser
Meningitis zu Grunde geht. In dieser Thatsache sehe ich nur den Be-
weis dafür, dass die Scrophulose eine grosse Disposition zu tuber-
culösen Erkrankungen begründet, sie beweist aber keineswegs die
Identität beider Processe; sie beruht vielmehr meiner Ansicht nach
darauf, dass die auf irgend einem Wege in den Organismus eingedrun-
genen Tuberkelbacillen in den zum Zerfall neigenden Producten der
scrophulösen Entzündungen, zumal in den Drüsen und Knochen, einen
besonders günstigen Keimboden finden, auf dem sie sich weiter ent.
wickeln, und von welchen aus dann später eine mehr oder weniger
allgemeine tuberculose Infection des Organismus erfolgen kann. Ich
muss diese Anschauung, die im Widerspruch mit der bacteriologischen
und chirurgischen steht, aber auf den Erfahrungen einer langen
ärztlichen Laufbahn begründet ist, festhalten, und freue mich in
neuester Zeit in Hutchinson einen Vertheidiger derselben gefunden zu
haben. —
Das klinische Bild der Scrophulose ist in seiner Gesammtheit
ein charakteristisches; seine einzelnen Züge aber bieten je nach den In-
dividuen, nach der Zahl und Art der befallenen Gewebe und Organe,
Scrophulose. 843
und nach den Lebensverhältnissen, in welchen sich die kleinen Patienten
befinden, mannigfache Verschiedenheiten dar.
Wenn auch Fälle vorkommen, wo Individuen mit deutlichen Zeichen
der Scrophulose noch vollkommen blühend und wohl genährt aussehen,
so gehören diese doch zu den Seltenheiten, und betreffen fast immer
Kinder, bei denen sich die Krankheit eben erst entwickelt oder in ihrer
leichtesten Form auftritt. Früher oder später macht sich Schlaffheit
der Haut und Muskeln, häufig Entfärbung der Haut geltend, wobei
aber das Fett aus dem subcutanen Bindegewebe nicht zu schwinden
braucht, ja sogar in grösserer Menge, als sonst geschah, abgelagert
werden kann. Die Blässe der Haut, insbesondere des Gesichts, der Aus-
druck der Verarmung des Blutes an rothen Körperchen, kann hier um
so weniger als etwas Charakteristisches gelten, als in einer gewissen
Reihe von Fällen die Wangen auch schön roth gefärbt erscheinen. Die
älteren Aerzte nahmen hieraus Veranlassung, einen zweifachen Habitus
scrophulosus unter dem Namen des erethischen und des torpiden
zu unterscheiden, indem sie dem ersten dunkle Haare und Augen, einen
blühenden Teint der feinen Haut, überhaupt ein angenehmes und auf
geistige Regsamkeit deutendes Aeussere zuschrieben, während sich der
torpide Habitus durch blonde Haare, blassblaue Augen, dicke Nase und
Oberlippe, fahle Farbe des aufgedunsenen Gesichts und stumpfen Aus-
druck kund geben sollte. In dieser Unterscheidung liegt unleugbar
manches Wahre, wenn auch zahlreiche Uebergänge der einen Form in
die andere stattfinden; jedenfalls ist der sogen, torpide Habitus über-
wiegend häufig, am ausgeprägtesten in den Fällen, wo die durch einen
scharfen Nasenausfluss geröthete und exeoriirte, oft durch Hyperplasie
der Lippendrüsen und entzündliche Infiltration des Bindegewebes stark
verdickte Oberlippe rüsselartig über der Unterlippe hervorragt, und die
entzündeten Augenlider sich krampfhaft vor den einfallenden Lichtstrahlen
zusammenziehen.
In vielen Fällen erscheint als erstes Zeichen der Scrophulose An-
schwellung der Lymphdrüsen am Halse, in den Inguinalfalten, in den
Achselhöhlen. Insbesondere fühlt oder sieht man unter dem Kiefer, an
den Seitentheiien des Halses, im obersten Theile des Nackens Gruppen
rundlicher, unter der Haut verschiebbarer Drüsen von Erbsen- bis Hasel-
nussgrösse, bisweilen zu grösseren Packeten vom Umfang eines Hühner-
eies und darüber vereinigt, schmerzlos oder mehr oder weniger, zumal
gegen äusseren Druck, empfindlich. Man hat indess zu bedenken, dass
gerade die Anschwellung der Cervical-, Occipital- und Auriculardrüsen
nicht selten auch ganz unabhängig von Scrophulose auftritt, z. ß. in
844 Constitutionelle Krankheiten.
Folge von Dentitionsreizung, von bereits bestehenden eczematösen Aus-
schlägen im Gesicht, an den Ohren, auf dem behaarten Kopfe, selbst
von anscheinend leichten Verletzungen, wie ich z. B. nach dem Stechen
der Ohrlöcher bei kleinen Mädchen alsbald Drüsenanschwellungen am
Halse zu Stande kommen sah. Ich glaube nicht, dass man berechtigt
ist, in solchen Fällen ohne Weiteres eine scrophulöse Basis anzunehmen,
wenn nicht noch andere entscheidendere Symptome sich anschliessen
sollten '). Die Anschwellungen der Drüsen können nun viele Monate,
selbst Jahre lang, meistens mit anderen scrophulösen Erscheinungen ver-
bunden, bestehen bleiben, auch wohl allmälig sich wieder zurückbilden.
In den meisten Fällen aber geben sie zu wiederholten Entzündungen des
umgebenden Bindegewebes, zumal am Halse, mit ausgedehnten harten
und schmerzhaften Infiltrationen Anlass, welche schliesslich sich röthen,
fluctuiren und entweder von selbst aufbrechen oder künstlich geöffnet
werden. Diese Tendenz der hyperplastischen Drüsenelemente zur „Hin-
fälligkeit", zur Necrobiose (Verkäsung) und Eiterung ist, wie Virchow
mit Recht hervorhebt, ein wesentlicher Zug in dem Bilde der Scrophulöse,
und unterscheidet sie von den leukämischen und pseudoleukämischen
Lymphomen, welche bis ans Lebensende unverändert fortzubestehen
pflegen. Nach der Entleerung des Abscesseiters erfolgt nur selten
schnelle Vernarbung; weit häufiger schliesst sich die Oeffnung ober-
flächlich, und neue Eiter- und Jaucheansammelungen in der Tiefe er-
fordern wiederholte Incisionen. Oft bilden sich aus den aufgebrochenen
oder künstlich geöffneten Abscessen mehr oder weniger umfängliche^
von rothen infiltrirten Hautsträngen brückenartig überspannte Geschwüre
mit unterminirten Rändern, in deren Grunde die erkrankten Drüsen
zu Tage liegen können. Solche Ulcerationen heilen sehr schwer,
meistens erst nach der Exstirpation der betreffenden Drüsen, und hinter-
lassen unter allen Umständen strangartige, denen der Verbrennungen sehr
ähnliche Narben.
Nächst den Lymphdrüsen sehen wir sehr häufig die äussere Haut
und das subcutane Bindegewebe ergriffen, letzteres in der Form bis
wallnussgrosser, an verschiedenen Körpertheilen fühlbarer, umschriebener
') Auch leukämische und pseudoleukämische Hyperplasien der Lymph-
drüsen kommen bei Kindern nicht selten vor, und stimmen mit den bei Erwachsenen
vorkommenden durchaus überein. Einen exquisiten Fall von Pseudoleukämie mit einer
enormen Zahl von Lymphomen, welcher in meiner Klinik bis zum Tode beobachtet
wurde, habe ich schon in den Charite-Aunalen, Bd. VI, Jahrg. 1880, mitgetheilt,
seitdem aber eine ziemlich grosse Zahl solcher Fälle beobachtet, die aber nichts für
das Kindesalter Charakteristisches darboten.
Scrophulose. 845
Infiltrationen, welche fast immer früher oder später in Suppuration
übergehen und sich dann ähnlich wie die eben beschriebenen Drüsen-
abscesse verhalten. Diese Abscesse erfordern in der Regel eine unge-
wöhnlich lange Zeit zu ihrer Entwickelung, die auch häufig ohne
wesentliche entzündliche Erscheinungen vor sich geht (sogenannte kalte
Abscesse). Unter anderen beobachtete ich bei einem 10 Monate alten,
zugleich mit Osteomyelitis am 4. linken Metacarpalknochen behafteten
Kinde, neben vielen anderen Abscessen auch einen sehr grossen auf der
linken Patella, welcher bereits 3 Monate bestand, ohne dass die über-
liegende Haut anomal gefärbt war. Um mich vor einer Verwechselung
mit Hydrops bursae mucosae zu wahren, machte ich eine Probepunction,
welche Eiter ergab. — Die Affection der äusseren Haut zeigt sich in
Gestalt mannigfacher chronischer Exantheme, deren Erscheinungen mit
denen der nicht scrophulösen Ausschlagsformen übereinstimmen. Am
häufigsten beobachtet man Eczema impetigiaosum im Gesicht, seltener
an anderen Körpertheilen, und Ecthyma auf dem Rücken, den Hinter-
backen und Oberschenkeln, letzteres nicht selten mit Hinterlassung mehr
oder minder tief eindringender, schwer heilbarer, scharf umrandeter
Ulcerationen. Auch Eczem des äusseren Ohrs, des behaarten Kopfes,
untermischt mit Erythemflecken, mit rothen Papeln auf den Wangen,
zeigt sich häufig. Am seltensten sind die verschiedenen Formen des
Lupus, welcher in der Regel an der Nase, seltener an den Wangen und
Lippen seinen Sitz hat. Die befallenen Theile erscheinen hart durch
infiltrirtes Exsudat, mit kleineren oder grösseren rothen oder lividen
Knoten besetzt, welche entweder anhaltend desquamiren (L. exfoliativus),
oder zu tiefen jauchigen Geschwüren zerfallen, die immer mehr in die
Tiefe greifen und selbst die Knorpel und Knochen nicht verschonen, so
dass nach einem meistens auf Jahre ausgedehnten Verlauf mit abwech-
selnder Besserung und Verschlimmerung selbst im güustigsten Fall
grosse Substanzverluste mit strahligen und tiefen Narben zurückbleiben.
Besonders langwierig ist der L. serpiginosus, bei welchem immer ein
Theil der Geschwüre vernarbt, während die Ränder sich mit neuen
Knötchen infiltriren und ulcerös zerfallen. Gerade diese Form ist mir
bei scrophulösen Kindern auf dem Handrücken und den Fingern wieder-
holt vorgekommen, wobei das Fortkriechen der Verschwärung nach einer
Richtung hin, während die zuerst befallenen Stellen bereits strahlenförmig
vernarbt waren, recht deutlich hervortrat.
Die verdickte Oberlippe, welche häufig durch scharfes, aus der
Nase fliessendes Secret geröthet und wund erscheint, sowie die auf der
Gesichtshaut haftenden gelben oder grünlich-braunen Eczemborken, welche
846 Constitutionelle Krankheiten.
mit rothen Papeln, Bläschen und Pusteln vermischt sind, geben dem Antlitz
einen charakteristischen Ausdruck, welcher oft noch durch entzündliche
Schwellung und Röthung der Augenlider, die bei jedem einfallenden
Lichtstrahl fest zusammengekniffen werden, verstärkt wird. In vielen
Fällen dringt die eczematöse Entzündung von der Ohrmuschel aus weiter
nach innen und erzeugt einen serös-purulenten Ausfluss aus dem äusseren
Gehörgange.
Unter den Schleimhäuten, in denen sich der scrophulöse Krank-
heitsprocess ebenfalls in der Form chronischer Entzündungen localisirt,
sehen wir vorzugsweise häu6g die Nasenschleimhaut und die Con-
junctiva des Auges ergriffen. Chronische Rhinitis mit Röthung und
Excoriationen der Nase, Ausfluss eines serös-purulenten Secrets, oft auch
Anschwellung und Verdickung der äusseren Nase, deren Eingänge von
gelbgrünen Borken vertrockneten Eiters verstopft sind und das Athem-
holen erschweren, gehören zu den gewöhnlichen Erscheinungen; nicht
minder Conjunctivitis mit Bildung von Phlyktänen am Hornhautrande,
starkem Thränenfluss und enormer Photophobie, welche das Oeffnen der
Augen häufig nur in der Dämmerung gestattet und die Kinder zwingt,
bei Tage das Antlitz in den Kissen zu verbergen oder mit den Händen
zu bedecken. Die Meibom 'sehen Drüsen nehmen an der Entzündung
Theil und begründen das unter dem Namen Blepharadenitis bekannte
Krankheitsbild, wobei die Augenlider geröthet, angeschwollen und exeoriirt
erscheinen, und Nachts durch das Drüsensecret mit einander verklebt
werden. Als Residuen dieses chronischen Entzündungsprocesses werden
Chalazien und Ausfallen der Cilien mit callöser Verdickung der Augen-
lidränder (Tylosis) beobachtet. Zu den häufigsten Erscheinungen gehört
ferner eine meistens doppelseitige, fötide, serös-purulente Otorrhoe,
welche auch da, wo kein Eczem des äusseren Ohrs besteht, durch
chronische Entzündung des Meatus auditorius, zumal des Ueberzugs des
Trommelfells bedingt werden kann, in anderen Fällen aber durch Otitis
media, Caries des Felsenbeins, oder durch die Ruptur von Drüsen-
abscessen vor oder hinter dem Ohr in den Meatus auditorius veranlasst
wird. In allen Fällen, wo diese Entzündungen einen chronischen, auf
Jahre ausgedehnten Verlauf nehmen, kann schliesslich ein Uebergang
derselben auf die der erkrankten Schleimhaut unmittelbar anliegenden
Gebilde erfolgen. So sehen wir die Rhinitis nicht selten von der
Schleimhaut auf das Perichondrium und die Nasenknorpel, auf das Periost,
die Muscheln und Nasenbeine sich fortsetzen, Röthung, Anschwellung
und Schmerzhaft] gkeit der äusseren Nase und Ausfluss eines stinkenden,
blutigen, mit necrotischen Knochenstückchen vermischten Eiters, allmälige
Scrophulose. 847
ulceröse Zerstörung der knorpeligen Scheidewand und der Nasenflügel
herbeiführen, worauf selbst nach völliger Heilung mehr oder minder be-
trächtliche Deformitäten der Nase zurückbleiben. Ja in manchen Fällen
beobachtet man einerseits Fortpflanzung der Krankheit auf das Siebbein
und durch dieses hindurch auf die Hirnhäute mit Entwickelung einer
letalen Meningitis, andererseits allmälige cariöse Durchbohrung des harten
Gaumens von der Nasenhöhle aus, wodurch eine mehr oder minder weite
Communication der letzteren mit der Mundhöhle begründet wird. In
gleicher Weise kann die Entzündung des Meatus auditorius langsam auf
das Trommelfell und nach dessen Perforation, welche durch den Ohr-
spiegel erkannt wird, auf die Schleimhaut der Paukenhöhle und deren
knöcherne Wände, schliesslich selbst auf die Pars petrosa und die spon-
giöse Substanz des Processus mastoideus übergehen. Die Folgen dieser
Ausbreitung sind: fötide, blutigjauchige Otorrhoe, vermischt mit necro-
tischen Knochenstücken, oder wie ich wiederholt beobachtete, sogar mit
Ausstossung der aus ihren Verbindungen gelösten Gehörknöchelchen, zu-
mal des Hammers; seltener profuse Blutungen aus dem Ohr, wodurch
in einem Fall schwarzes Erbrechen (Erguss von Blut durch die Tuba
in den Rachen und Verschlucken desselben) bedingt wurde; Taubheit,
Anschwellung und Empfindlichkeit des Zitzenfortsatzes und des Schläfen-
beins, schliesslich Röthung der überliegenden Haut, Dislocation der Auri-
cula, deren Muschel nach vorne gerichtet wird, und Bildung fistulöser
Oeffnungen, die ins Innere des cariösen Warzenfortsatzes führen. Ja
der Process kann sich noch weiter ausbreiten, einerseits das Labyrinth
und den Fallopischen Canal zerstören, mit consecutiver Paralyse des be-
treffenden Nerv, facialis (S. 228), andererseits Entzündung und Throm-
bose des dem cariösen Felsenbein anliegenden Sinus petrosus bedingen,
und unter meningitischen oder pyämischen Erscheinungen zum Tode
führen. Auch das Auge wird durch die scrophulose Entzündung nicht
selten gefährdet, indem ein Uebergang auf die Hornhaut (Keratitis),
mitunter sogar unerwartet schnell erfolgt; unter heftigen Erscheinungen
(Lichtscheu, Thränen) entsteht eine mehr oder minder ausgebreitete und
intensive, ins Graugrüne spielende Trübung derselben, die oft von einem
mit der Conjunctiva zusammenhängenden Gefässkranze umsäumt ist. Unter
ungünstigen Verhältnissen erfolgt leicht Ulceration der Cornea, welche
zum Durchbruch derselben, Staphylombildung und Atrophie des Auges
führen kann. Selbst in den günstigsten Fällen, wo es nicht zum Durch-
bruch kommt, pflegen mehr oder minder ausgedehnte, das Sehvermögen
häufig beeinträchtigende Trübungen lange Zeit oder für immer zurück-
zubleiben.
848 Constitutionelle Krankheiten.
Ob noch andere Schleimhäute, als die eben erwähnten, dem Ein-
flüsse der Scrophulose unterliegen, scheint mir zweifelhaft zu sein. Meine
eigene Erfahrung spricht wenigstens dafür, dass scrophulose Kinder nicht
häufiger als andere von Bronchialcatarrhen, Bronchopneumonien, Diar-
rhöen befallen werden. Dagegen lässt sich nicht in Abrede stellen, dass
diese Affectionen bei scrophulösen Kindern besonders hartnäckig sind,
eine Tendenz zum chronischen Verlauf zeigen und vorzugsweise dadurch
bedenklich werden können, dass sie noch leichter als sonst secundäre
Hyperplasien der Bronchial- resp. der Mesenterialdrüsen nach
sich ziehen, welche gern verkäsen und durch Aufnahme und Züchtung
von Tuberkelbacillen der Ausgangspunkt von Miliartuberculose werden.
Dass ein Catarrh der Vaginalschleimhaut (Fluor albus) auch ein
Zeichen von Scrophulose sei, wie man oft behaupten hört, kann ich
nicht zugeben. Wenigstens befanden sich unter der grossen Zahl von
Kindern, welche ich an Vulvitis und Vaginalcatarrhen zu behandeln
hatte, verhältnissmässig nur wenige Scrophulose, und selbst bei diesen
Hess sich die Affection der Genitalien meistens auf andere Ursachen
(Stuprum, Onanie, Infection) zurückführen. Dagegen scheint mir die
Neigung scrophulöser Kinder zu Anginen unzweifelhaft zu sein, wahr-
scheinlich in Folge der hier sehr häufigen Hyperplasie der Gaümen-
und Kachentonsillen, von welcher an einer früheren Stelle (S. 479)
die Rede war. Der nasale Klang der Sprache, die begleitende Schwer-
hörigkeit und das Offenhalten des Mundes geben diesen Fällen etwas
Charakteristisches, welches den Erfahrenen sofort zur Untersuchung der
Mandeln auffordert.
Neben den Lymphdrüsen, der äusseren Haut und den Schleimhäu-
ten sehen wir auch das Knochensystem sehr häufig von der scro-
phulösen Entzündung befallen werden, und zwar am frühzeitigsten die
Phalangen der Finger und Zehen, die Metacarpal- und Metatarsalknochen
(Spina ventosa oder Paedarthrocace). An einer oder der anderen
Phalanx, nicht selten an mehreren zugleich, beobachtet man eine lang-
sam sich vergrössernde, harte, anfangs unempfindliche und normal ge-
färbte Anschwellung olivenförmiger Gestalt, welche viele Monate lang in
diesem Zustande verharren kann, bis endlich die überkleidende Haut mit
dem Knochen verwächst, sich röthet und von einer oder mehreren fistu-
lösen Oeffnungen durchbrochen wird, aus denen dünnes eiteriges Secret
hervorsickert; in ähnlicher Weise können die Mittelhand- und Mittelfuss-
knochen allein, oder zugleich mit den Phalangen befallen werden. Die
Entzündung hat hier ihren Sitz ursprünglich im Inneren des Knochens
und im Marke selbst (Osteomyelitis), welches schliesslich mitsammt den
Scrophulose. 84!)
umgebenden Knochenschichten eiterig schmilzt, während von dem an der
Entzündung theilnehmenden Periost neue Knochenlamellen auf der Rinde
abgesetzt, aber durch den von innen her andringenden Schmelzungs- und
Resorptionsprocess immer wieder zerstört werden. Dieselben Erschei-
nungen können sich an den langen Röhrenknochen der oberen und unteren
Extremitäten zeigen, während in anderen Fällen die Wirbel (Spondy-
litis) oder die Gelenke, vorzugsweise die Ellenbogen-, Hüft- und Knie-
gelenke befallen werden. Diese Entzündungen, auf deren Symptome ich
hier nicht speciell eingehen kann, bilden insofern bedenkliche Conse-
quenzen der Scrophulose, als sie einerseits durch ihre Ausgänge in Ei-
terung, durch Hektik und amyloide Degeneration vieler Organe nach
jahrelangem Verlauf schliesslich letal werden, andererseits selbst in gün-
stigen Fällen Ankylosen und Deformitäten der Gelenke und dauernde
Störungen der Bewegung hinterlassen können, während die Spondylitis
entweder durch Ausbreitung auf die Rückenmarkshäute und das Mark
selbst Paralysen der Rumpfglieder mit ihren Folgen, Decubitus u. s. w.
herbeiführt, oder durch plötzliche Luxation der erkrankten Wirbel und
Compression der Medulla spinalis das Leben bedroht, oder endlich durch
fortdauernde Eiterung, Bildung sogenannter Congestionsprocesse und Hektik
zum tödtlichen Ausgange führt. Eine ausführliche Schilderung dieser
Wirbelkrankheit, welche häufig auch ganz unabhängig von der Scrophulose
bei Kindern und selbst bei Erwachsenen auftritt und in allen Werken
über Chirurgie beschrieben ist, werden Sie mir erlassen. Nur so viel sei
bemerkt, dass sowohl die Spondylitis, wie die oben erwähnten Gelenk-
entzündungen von den Eltern der Kinder in der Regel auf traumatische
Ursachen, einen Fall, Stoss u. dgl. m. bezogen werden. Ohne die nach-
theiligen Einflüsse dieser Traumen leugnen zu wollen, glaube ich doch,
dass das Knochenleiden oft schon vorher latent bestand, und die äussere
Einwirkung höchstens seinen Verlauf beschleunigte, während in anderen
Fällen jeder traumatische Einfluss mit Sicherheit ausgeschlossen werden
kann. Unter allen diesen Affectionen des Knochensystems giebt die
Spina ventosa und die scrophulose Caries der Röhrenknochen immer
noch die günstigste Prognose, indem hier, freilich erst nach jahrelangem
Verlauf, vollständige Elimination der necrotischen Knochentheilc und
Vernarbung mit trichterförmiger Einziehung der überliegenden Haut er-
folgt, während die seltener vorkommende analoge Aifection des Brust-
beins und der Rippen durch Uebergang auf Mediastinum und Pleura
(S. 399) lebensgefährlich werden kann. Schliesslich sei noch erwähnt,
dass auch die Schädelknochen, insbesondere das Schläfenbein, bisweilen
von der chronischen Entzündung befallen werden, und zwar das letztere
Henoch, Vurlosuugen über Kinderkrankheiten. 7. Aufl. 54
850 Coustitutionelle Krankheiten.
ganz unabhängig von der (S. 847) beschriebenen Otitis externa, aber mit
denselben unheilvollen Ausgängen.
In der Auffassung der eben erwähnten Knochenaffection weiche
ich insofern von derjenigen der meisten neueren Chirurgen ab, als
diese, gestützt auf den, wenn auch fast immer nur spärlichen Befund
von Tuberkelbacillen in dem erkrankten Knochengewebe, alle diese Zu-
stände ohne Weiteres als tuberculöse bezeichnen, d. h. sie primär durch
die Wirkung der Bacillen entstehen lassen. Ich bestreite keineswegs,
dass es eine solche primäre Knochentuberculose giebt, glaube aber, dass
in den so häufigen Fällen, wo das Knochenleiden mit anderen scrophu-
lösen Erscheinungen combinirt auftritt, ein chronisch entzündlicher Pro-
cess in den Knochen als das Primäre zu betrachten ist, dessen Producte
der Ansiedelung von Tuberkelbacillen einen besonders günstigen Boden
gewähren, in derselben Weise, wie wir es bei den Bronchopneumonien
nach Masern und Keuchhusten in den Lungen und Bronchialdrüsen, so
häufig beobachten (S. 715). Gerade im Kindesalter kann das mächtige
Knochenwachsthum, zumal an den Epiphysen, unter dem Ein-
flüsse noch unbekannter Verbältnisse, die auch in anderen Geweben chro-
nische Entzündungen hervorrufen, leicht höhere Grade von Hyperämie
und deren Folgen bedingen, ohne dass von vorn herein Tuberkelba-
cillen vorhanden zu sein brauchen. Ich erinnere nur an die früher
(S. 89) erwähnten syphilitischen Knochenaffectionen, die doch auch
durch einen noch unbekannten dyskrasischen Reiz veranlasst werden.
Von diesem Standpunkte aus würden auch die unzweifelhaften Fälle, in
denen gerade in solchen Knochenpartien, welche von traumatischen
Einwirkungen getroffen wurden, mit der Zeit käsige Veränderungen sich
entwickelten, z. B. nach Fracturen, ihre Erklärung finden.
Der Grad der Scrophulose und ihre Ausdehnung auf eine kleinere
oder grössere Reihe von Organen bieten in den verschiedenen Fällen
grosse Differenzen dar. Bald besteht das ganze Leiden ausschliesslich in
Anschwellung der Halsdrüsen, Blepharadenitis und Kopfausschlägen,
bald in Otorrhoe, Rhinitis, Spina ventosa oder anderen Oombinationen. Eine
lange Reihe von Jahren kann vergehen, bis mit dem Vorrücken des Alters
unter zweckmässiger Pflege und Behandlung die genannten Aflectionen
endlich heilen, während in vielen Fällen, leider auch trotz der grössten
Sorgfalt, welche auf die betreffenden Kinder verwendet wird, das Be-
fallenwerden der grösseren Röhrenknochen, der Wirbel und Gelenke dem
Leben Gefahr droht, oder endlich die Entwickelung von acuter Tuberculöse,
Phthisis pulmonalis, Peritonitis oder Meningitis tuberculosa den letalen
Ausgang herbeiführt. Es handelt sich dann meiner Ansicht nach um
Scrophulose. 851
eine „Mischform'-, d. h. um die Infection eines scrophulösen Indi-
vidums mit Tuberkelbacillen, die eben in den Entzündungsproducten
eine günstige Keimstätte finden. Daraus ergiebt sich auch die Prog-
nose. So lange die Krankheit nur chronische Entzündungen in den
Weichtheilen (Drüsen, Schleimhäuten, Hautdecken) hervorruft, ist für
das Leben nichts zu fürchten, mögen auch bis zur endlichen Heilung
viele Jahre vergehen. Bedenklicher gestaltet sich die Prognose, sobald
Knochen und Gelenke ergriffen werden, am schlechtesten, wenn bereits Sym-
ptome von Tuberculose oder amyloiderDegeneration derOrgane auftreten. —
Von der Aetiologie der Scrophulose wissen wir kaum mehr, wie
von ihrem eigentlichen Wesen. Dass die Krankheit erblich sein kann,
wird wohl Niemand bezweifeln, der sich die Mühe gab, in den betreffen-
den Familien eine sorgfältige Anamnese aufzunehmen. Freilich wird man
dies Moment in einer grossen Zahl von Fällen vermissen, und man
hilft sich dann mit allerlei Hypothesen, wie mit dem zu hohen, oder
zu jugendlichen, oder ungleichen Alter der Eltern, mit dyskrasischen
Krankheiten derselben, wie Hydrargyrose, Syphilis u. s. w. Dass solche
Eltern schwächliche Kinder erzeugen werden, lässt sich freilich nicht
bestreiten, und insofern schwächliche Kinder gewiss leichter scrophulös,
d. h. eher von chronischen Entzündungen verschiedener Gewebe befallen
werden als kräftige, mag jene Annahme eine Berechtigung in sich
tragen. Dasselbe gilt von der Mangelhaftigkeit der Lebensbedin-
gungen, unter welchen das Kind aufwächst. Schlechte Ernährung, un-
gesunde , eingesperrte Luft in feuchten, dumpfen Räumen, die dem
Lichte wenig zugänglich sind, hemmen gewiss die normale Entwickelung
des Organismus, begründen mangelhafte Blutbeschaffenheit und demge-
mäss Mangel an Resistenz, aus welchen schliesslich Scrophulose hervor-
gehen kann. Das Vorwiegen dieser Krankheit in den grossen Städten
und in den armen Volksschichten findet in diesen Umständen eine ge-
nügende Erklärung.
Wo einmal die Disposition zur Scrophulose besteht, da kann diese,
auch wenn sie sich bis dahin fast durch keine oder nur höchst unbe-
deutende Zeichen kundgab, unter dem Einfluss einer acuten Erkrankung
plötzlich hervortreten. Zu diesen Erkrankungen gehören erfahrungs-
gemäss vorzugsweise Keuchhusten, Masern, Pocken, selbst die Vaccine,
nach deren Ablauf man sehr häufig Drüsenanschwellungen, Ausschläge
und Schleimhautentzündungen auftreten sieht, an welchen die betreffen-
den Kinder früher niemals gelitten hatten. Dies ist eine unbestreitbare
Thatsache, welche jedem Arzte bekannt, aber noch unerklärt ist. Viele
Fälle von sogen. Syphilis vaccinalis beruhen zweifellos auf einer Ver-
54*
852 Coustitutionelle Krankheiten.
wechselung dieser nach der Impfung hervorbrechenden scrophulösen
Affectionen mit wirklicher Lues (S. 104).
Die Hauptbedingung einer erfolgreichen Therapie bleibt die Be-
schaffung möglichst günstiger Lebensverhältnisse. Einathmen
reiner Luft in gesunden, lichten und wohlgelüfteten Wohnungen, Fern-
halten der Kälte und Feuchtigkeit, nahrhafte Kost, Genuss frischer Land-,
Berg- oder Seeluft, gymnastische Uebungen und sorgfältige Hautcultur
durch Bäder sind hier mehr werth, als alle gerühmten Antiscrophulosa,
und zur Heilung der milden Formen für sich allein schon ausreichend.
Die Erfüllung dieser Bedingungen ist aber leider nur in der Minderzahl
der Fälle möglich; in der Armen- und Hospitalpraxis stösst man hier
auf eine nicht zu beseitigende Ungunst der Verhältnisse, und kann sich
daher über die schlechten Heüresultate unter solchen Umständen nicht
wundern. Daher sind alle Bestrebungen, welche dahin zielen, den Kin-
dern der Armen und den Scrophulösen die Wohlthat jener „Luftbäder"
zu verschaffen, mit Freude zu begrüssen, ganz besonders die Einrichtung
von Kinderstationen an der Seeküste, mit denen uns viele andere Na-
tionen bereits vorangegangen sind. Auch in Deutschland hat man jetzt
eine Reihe von Instituten dieser Art, sowohl an der Nordsee- wie an
der Ostseeküste ins Leben gerufen, welchen man die lebhafteste Theil-
nahme zuwenden sollte (Norderney, Gr. Müritz u. a.).
Unter den Arzneimitteln, welche man gewöhnlich als „antiscrophulöse^
bezeichnet1) steht meiner Erfahrung nach das Jod obenan, welches ich
am liebsten in Verbindung mit Eisen als Syrup. ferri jodati (10 bis
25 gtt. 3—4 mal täglich), oder in Verbindung mit Jodkali (nach der
Empfehlung von Lugol) verordne (F. 46). Das Mittel muss Monate
lang, wenn es keine Digestionsstörungen verursacht, fortgebraucht
werden, wird aber durch die Gegenwart oder den Verdacht einer be-
stehenden Tuberculose der Lungen contraindicirt. Erscheinungen des
sogen. „Jodismus", wie sie öfters beschrieben wurden, sind mir bisher
nicht vorgekommen, höchstens kam es zu einem starken Schnupfen oder
zu Erythemen im Gesicht und an anderen Stellen der Haut. Auch die
gerühmten Soolbäder verdienen ihren Ruf wegen ihres mächtigen
Einflusses auf den Stoffwechsel; nur verspreche man sich keine rasche
Wirkung von denselben, und bereite die Eltern darauf vor, dass nur
lange fortgesetzte und wiederholte Badecuren erfolgreich sein können.
Auch lasse man nicht zu anhaltend baden, entweder einen um den
') Das von Sommerbrodt (Berl. klin. Wochenschr. 1892. No. 26) empfohlene
Croosot habe ich noch nicht versucht.
Scrophulose. 853
anderen Tag, oder zwar täglich, aber nach 3—4 Bädern einen Tag aus-
setzen, weil viele Kinder durch die Bäder ernstlich angegriffen werden.
Die sehr geringen Mengen von Jod oder Brom, welche gewisse Sool-
quellen, z. B. Kreuznach, Hall und andere enthalten, kommen bei der
Wirkung kaum in Betracht, während die Menge des Ohlornatrium und
des in der Mutterlauge vorherrschenden Chlorcalcium von grösserer Be-
deutung ist. Ausser den beiden oben erwähnten Soolbädern sind Oeyn-
hausen und Nauheim, welche sich durch starken Kohlensäuregehalt aus-
zeichnen, ferner Kosen, Suiza, Wittekind, Frankenhausen, Harzburg,
Salzungen, Arnstadt, Reichenhall, Ischl, Kissingen, Pyrmont (Verbindung
mit Eisenquellen), Rheinfelden, Bex, Königsdorff-Jastrzemb, Soden bei
Aschaffenburg, Diirkheim, Rothenfelde u. s. w. zu nennen. Auch Berlin
ist durch die Erbohrung einer Quelle von etwa 26'/, pro Mille Salz-
gehalt nunmehr in die Reihe der Soolbadeorte eingetreten. Einzig in
seiner Art ist Colberg, indem es die Wirkungen eines Soolbades mit
denen der Seebäder und der Seeluft vereinigt, welche letztere, wie ich
schon erwähnte, als ein bedeutender Heilfactor in der Behandlung der
Scrophulose zu betrachten ist. Ueberhaupt spielt die frische Luft bei
allen diesen Curen eine Hauptrolle, und die Wirkung der künstlichen,
zu Hause gebrauchten Soolbäder muss schon aus diesem Grunde hinter
derjenigen der natürlichen zurückstehen. Nur wo die letzteren der
Verhältnisse wegen nicht zu haben sind, muss man sich mit künst-
lichen Soolbädern begnügen, zu denen man je nach dem Alter 1 bis
5 Pfund Kochsalz (Seesalz, Stassfurter Stein- oder ein Badesalz), auch
mit einem Zusatz von 1 — 2 Pfund Kreuznacher oder einer anderen Mutter-
lauge benutzt.
Dass die Spuren von Jod, die sich im Oleum jecoris finden, eine
specifische Wirkung ausüben, ist nicht anzunehmen. Das vielfach ge-
priesene Mittel wirkt wohl mehr als Nutriens und in der Weise wie
fette Nahrungsmittel überhaupt, und hat, wie Buchheim nachwies, vor
anderen fetten Oelen den wesentlichen Vorzug eines grossen Gehalts an
freien Fettsäuren. Vorzugsweise sind es die dunkleren Sorten des Thrans,
welche sich dieses Vorzugs (etwa 5 pCt.) erfreuen, während die helleren,
in neuester Zeit vielfach angepriesenen, viel weniger enthalten. Diese
freien Fettsäuren sind es nun, welche, in den Darm gelangt, sofort ver-
seift werden, das übrige Fett emulgiren und die Resorption desselben
begünstigen '). In Bezug auf directe Wirkung steht der Thran meiner
') Vergl. v. Mering (Therapeut. Monatshefte, 1888, Februar), welcher als
Ersatzmittel für den dunklen Lebertbran eine Mischung von Olivenöl mit Oelsäure
854 Constitutionellc Krankheiton.
Erfahrung nach dem Jod erheblich nach, und möchte ich nur noch vor
zu starken, die Verdauung leicht störenden Dosen desselben warnen.
Zwei bis drei Kinderlöffel täglich sind vollkommen ausreichend. Die
von manchen Aerzten beliebten Einreibungen mit Loberthran in die
Haut halte ich wegen des widrigen Geruchs und der Unreinlichkeit für
verwerflich. Ebenso wenig konnte ich von anderen früher gerühmten
Mitteln, den Plummer'schen Pulvern, dem Aethiops, den Wallnuss-
blättern, dem Eichelkaffee u. s. w. eine günstige Wirkung beobachten.
Man verliert mit der Anwendung derselben nur Zeit. Für die Scrophu-
lose im Allgemeinen bleibt daher die Verbesserung der Lebensbedin-
gungen, der Gebrauch des Jods oder des Jodeisens und der oben er-
wähnten Bäder die einzige Methode, von der man sich wirklichen Erfolg
versprechen darf.
Neben diesem im Grossen und Ganzen festzuhaltenden Heilplan
können durch die einzelnen Localaffectionen, Augenentzündungen, Er-
krankungen der Knochen, der Gelenke, der Haut und Schleimhäute,
noch eine Reihe von Indicationen Platz greifen, auf welche ich hier
nicht näher eingeho, da sie grösstentheils in das Gebiet der Chirurgie
und der Ophthalmiatrik hineinfallen. Nur möchte ich nicht unerwähnt
lassen, dass bei Paedarthrocace das Auskratzen der kranken Knochen
mit dem scharfen Löffel den Verlauf zwar abkürzt und daher der ein-
fach exspectativen Behandlung, welche sich viele Jahre hinzieht, vorzu-
ziehen ist. Dennoch erwarte ich von diesem Verfahren nicht allzuviel;
wenigstens fehlt es in unserer Klinik nicht an Fällen, welche auch der
immer wiederholten Auslöffelung Jahre lang Trotz boten. Ueber die
mehrfach empfohlene Schmiercur mit Kaliseife, welche besonders
scrophulöse Drüsenanschwellungen auffallend schnell zurückbilden soll '),
fehlen mir ausreichende eigene Erfahrungen; jedenfalls ist, wenn die
Einpinsclungen mit Jodtinctur oder Jodoformcollodium erfolglos bleiben,
die Behandlung mit Schmierseife (1 — 2 Löffel täglich in verschiedene
(5— 6pCt) unter dem Namen „Lipanin" empfiehlt. Die mit diesem Präparat an-
gestellten klinischen Versuche sind in der That befriedigend ausgefallen. Die Dosis
wird auf 3 Thee- bis zu 3 EsslölTel täglich je nach dem Alter normirt (Ilauser,
Zeitschr. f. klin. Med. XIV. Heft 5 u. 6 u. XX. Heft 3). Haus er empfiehlt auch diäte-
tisch eine aus Cacaobulter und freier Oelsäure bestehende Kraftchocolade, die
mit Milch oder Wasser gekocht wird. Die vielfachen, auch in meiuer Klinik ange-
stellten erfolgreichen Versuche mit dem Lipanin lassen sich gegen die von Sal-
kowsky (Therap. Monatsbl. Mai 1888; gegen das Lipanin erhobenen Bedenken
geltend machen.
') Kappesser, Klingelhoef fer , Kormann u. A.
Rachitis. 355
Körpertheile eingerieben) zu versuchen, ehe man zur Radicalcur, d. h.
zur Exstirpation der verhärteten Drüsen schreitet. —
V. Die Rachitis.
Die „englische Krankheit«, wie die Rachitis nach der Nationalität
ihres ersten bedeutenden Autors Glisson genannt wird, während die
noch immer populäre Bezeichnung „doppelte Glieder" von der
charakteristischen Anschwellung der Epiphysen hergenommen ist, kommt
am häufigsten bei Kindern im zweiten und dritten Lebensjahre zur
Beobachtung; ich sage ausdrücklich zur Beobachtung, weil die Krankheit
um diese Zeit ihre grösste Entwickelung zu erreichen pflegt, und von
vielen Eltern, zumal in den niederen Ständen, erst nach dem Eintritt
sehr augenfälliger Erscheinungen ärztliche Hülfe nachgesucht wird. Dass
die ersten Symptome der Rachitis aber viel früher, schon in den
ersten sechs Monaten des Lebens, besonders an den Schädelknochen
und an den Rippen auftreten können, ist eine Thatsache, welche ich
selbst sehr häufig constatirt habe. Viele Eltern werden erst dadurch
aufmerksam gemacht, dass die Kinder, welche schon zu laufen ange-
fangen, dies wieder verlernen, oder überhaupt nie im Stande waren, zu
gehen und allein auf den Füssen zu stehen. Weit seltener können die
Kinder sich selbstständig oder an der Hand der Mutter bewegen, und
zeigen dann einen watschelnden Gang, welchen man mit dem einer Ente
vergleichen kann. Bei der Untersuchung fällt sofort die im Verhältniss
zum übrigen Körper bedeutende Grösse des Kopfes auf, die breite,
im Profil mächtig prominirende Stirn (Frons quadrata), die stark nach
aussen geneigten Scheitelbeine. Nicht selten verläuft die Sutura sagit-
talis, bisweilen auch die coronalis, gleichsam in einem Thal, welches
von den verdickten Scheitelbeinen hügelartig begrenzt wird. Die vordere
Fontanelle, die im normalen Zustande meistens im 15. bis 18. Lebens-
monate vollständig ossificirt, ist bei Rachitischen mit wenigen Aus-
nahmen noch bis weit ins 2. und 3. Lebensjahr hinein mehr oder minder
weit offen, ihre Knochenränder sind leicht eindrückbar, die Nähte, be-
sonders die Sutura longitudinalis, oft aber auch die Lambda- und Coro-
nal-, am seltensten ein Theil der Stirnnaht noch klaffend, mit weichen
nachgiebigen Rändern. In manchen Fällen findet man auch die beiden
hinteren Fontanellen noch häutig. Diese Erscheinungen, besonders aber
das Volumen des Kopfes, werden von den Laien oft als Zeichen eines
Wasserkopfes betrachtet, wogegen sich sofort die gute Haltung des
Kopfes und die völlige Integrität der psychischen Functionen, die oft
sogar ungewöhnlich rege sind, geltend machen lässt (S. 279). Nur in
856 Constitutionelle Krankheiten.
einer kleinen Zahl von Fällen beobachtete ich, dass die Kinder erst
ungewöhnlich spät anfingen, sprechen zu lernen. Die Zahnentwicke-
lung ist fast immer retardirt; solche Kinder bekommen oft erst im
2. Jahre den ersten Zahn, die einzelnen Gruppen brechen unregelmässig
und in ungewöhnlich langen Intervallen hervor. Die Zähne werden bei
Vielen bald nach ihrem Erscheinen in Folge mangelhafter Schmelz-
bekleidung gelb, streifig, schwärzlich, und bröckeln endlich bis auf den
Kieferrand ab; mitunter fand ich nur die Zähne des Oberkiefers, und
zwar schon die neu hervorbrechenden auf diese Weise verdorben, während
die unteren intact blieben; in anderen Fällen waren alle Zähne ebenso
schön und wohlerhalten wie bei den gesundesten Kindern. Von grossem
Interesse sind die Formveränderungen der Kiefer, auf welche Fleisch-
mann1) die Aufmerksamkeit gelenkt hat. Schon vor und innerhalb der
ersten Dentition nimmt der Unterkiefer statt seiner normalen bogen-
förmigen Krümmung eine polygonale Form an, „indem von der Gegend
der Eckzähne an die beiden Seiton des Kiefers eine Annäherung, eine
Contraction erfahren haben, während in Folge mangelhafter Ablagerung
von Kalksalzen an der vorderen Lamelle des Kiefer- Mitteltheils das
Wachsthum daselbst und somit d;e Wölbung ausgeblieben ist". Die
Schneidezähne stehen daher in einer ziemlich geraden Linie neben ein-
ander, und von den Eckzähnen an wenden sich die Seitentheile des
Kiefers nicht bogenförmig, sondern geradlinig und etwas divergirend rück-
wärts. Gleichzeitig ist der untere Kieferrand etwas nach aussen, der
Alveolarrand mehr nach einwärts gestürzt, so dass die Backen- und bis-
weilen auch die Schneidezähne nicht vertical, sondern convergent nach
innen stehen. Minder auffallend sind die Form Veränderungen des Ober-
kiefers, unter denen die Verlängerung der Längsachse vorzugsweise
Erwähnung verdient, sowie gewisse Asymmetrien in den beiden Kiefer-
hälften und abnorme Knochenwucherungen an einzelnen Stellen ihrer
inneren oder äusseren Oberfläche-). Sehr charakteristische Zeichen bietet
ferner die Untersuchung des Thorax. Die Schlüsselbeine sind häufig
stark gekrümmt oder an einer Stelle spitzwinkelig geknickt; die Rippen
zeigen an der Stelle, wo der knöcherne Theil mit dem knorpeligen sich
verbindet, eine mehr oder weniger hervortretende knotige Auftreibung,
welche bei näherer Untersuchung meistens aus zwei durch eine Furche
geschiedene Anschwellungen (einer am knöchernen, und einer am knor-
') Klinik der Pädiatrik. Bd. II. Wien, 1877. S. 168.
2) Baginsky, Prakt. Beitr. zur Kinderheilkunde. Th. II. Rachitis. —Herz,
Archiv f. Kinderheilk. VII. 36.
Rachitis. 857
peligen Stücke) besteht. Auf diese Weise bildet sich auf jeder Seite
des Thorax, auch auf der inneren, der Pleura zugewendeten Fläche, eine
von oben und innen nach unten und aussen verlaufende Reihe knotiger
Erhabenheiten, welche man mit dem Namen des „rachitischen Rosen-
kranzes" zu bezeichnen pflegt, und die bei mageren Kindern deutlich
sichtbar ist, bei stärkerem Fettpolster aber nur gefühlt werden kann.
Dazu gesellt sich häufig Abflachung der Seitenflächen der Brust, welche
bei höheren Graden der Krankheit in wirkliche Concavität derselben
ausartet: die zwischen dem Angulus costarum und den eben beschriebenen
Auftreibungen der Epiphysen liegenden Theile der 2. bis 8. Rippe sind
stark einwärts gegen die Thoraxhöhle zu gebogen, und die untersten
Rippen bilden einen nach aussen umgebogenen Rand, eine Erscheinung,
welche im Verein mit dem ungewöhnlich prominirenden Brustbein die
Abflachung und Concavität der Seitenflächen noch auffallender macht
(Pectus carinatum, Hühnerbrust). Dazu kommen zuweilen Asymmetrien
der beiden Brusthälften, Knickungen und unvollkommene Achsendrehungen
der Rippen zu Stande, deren äussere Fläche dann mehr nach innen ge-
wendet ist. Die Angabe der Eltern, dass das Kind kurzathmig sei,
findet man in hochgradigen Fällen immer bestätigt; die Respiration
geht schneller und oberflächlicher als bei gesunden Kindern von statten,
und man bemerkt, dass die abgeflachten oder gar concaven Seitenpartien
des Thorax bei jeder Inspiration noch mehr nach innen gezogen werden,
während gleichzeitig durch Einziehung des Epigastrium die inspiratorische
Action des Zwerchfells ungewöhnlich stark hervortritt. Bronchialcatarrhe
sind häufige Begleiter, wobei mehr oder minder ausgedehnte Rassel-
geräusche, besonders an der Rückenfläche, und eine etwas stöhnende
Exspiration des Kindes hörbar werden. Mit dem engen verbildeten
Thorax contrastirt der auffallend gewölbte, von gaserfüllten Darmschlingen
meteoristisch ausgedehnte Unterleib, dessen obere Partie durch die in
Folge der Thoraxenge herabgedrückte Leber und Milz mehr als sonst
gefüllt wird. Die Functionen der Digestionsapparate sind oft ganz un-
gestört; nur in einem Theil der Fälle giebt sich Verdauungsstörung, be-
sonders Neigung zu Durchfällen kund. Zu den wichtigsten Erscheinungen
aber gehören die an den Knochen der oberen und unteren Extre-
mitäten wahrnehmbaren. Die Epiphysen des Radius und der Ulna,
besonders des ersteren, bieten eine mehr oder minder auffallende Ver-
dickung und Verbreiterung dar, so dass in hochgradigen Fällen, zumal
bei mageren Kindern, die Hand durch eine Furche wie abgeschnürt vom
Arm erscheint1), während die Diaphysen der Vorderarmknochen oft eine
Daher die französische Bezeichnung: „Enfants noues".
858 Constitutionelle Krankheiten.
nach der Streckseite hin convexe Krümmung oder gar eine stark her-
vortretende Knickung zeigen. Noch deutlicher erscheint gewöhnlich die
Krümmung der Tibia, deren Knöchelepiphyse, wie die der Fibula, eben-
falls verdickt ist. Die nach innen concave Curvatur ist in der Regel
im untersten Dritttheil des Knochens am entschiedensten ausgeprägt,
bisweilen in dem Grade, dass dadurch der Anschein eines Pes varüs
entsteht. Nicht selten beobachtet man auch Krümmungen und Knickungen
der Oberarm- und Oberschenkelknochen, und starke Anschwellung der
Epiphysen, welche die Knie- und Ellenbogengelenke begrenzen. Selbst
die Schulterblätter und Darmbeine bieten dem aufmerksamen Untersucher
mitunter mehr oder minder beträchtliche Verdickungen ihrer Ränder dar.
Sehr • häufig erscheint endlich eine Krümmung der Wirbelsäule, sei es
nun Scoliose oder Kyphose, am häufigsten des Dorsaltheils, mit compen-
sirender Lordose der Portio lumbalis. Diese kyphotische Krümmung
unterscheidet sich von der durch Spondylitis bedingten vorzugsweise
durch den grösseren Bogen, welchen sie beschreibt, und durch Abnahme
oder gänzliches Verschwinden in der Bauchlage des Kindes, zumal wenn
gleichzeitig eine massige Extension der Wirbelsäule vorgenommen wird.
Alle diese Veränderungen bieten in Bezug auf Grad und Ausdehnung
grosse Verschiedenheiten dar. Auch sieht man sehr häufig einen Theil
derselben gänzlich fehlen, so dass nur ein unvollständiges Bild der
Rachitis zu Stande kommt. Am constantesten, fast nie fehlend, fand
ich die Epiphysenschwellung an den Rippen, die auch immer zu den
frühzeitigsten Symptomen gehört, schon im 3. bis 5. Lebensmonate
bemerkbar sein kann. Nicht selten vermisste ich aber die Zeichen der
Schädelrachitis; der Kopfumfang ist dann nicht vergrössert, die Fonta-
nellen und Nähte sind zur richtigen Zeit geschlossen, und selbst die
Zahnentwickelung kann auf normale Weise vor sich gehen. Unter anderen
beobachtete ich ein 9 Monate altes Mädchen, welches trotz der Rachitis
schon im 6. Monat die ersten Zähne bekommen und bei der Unter-
suchung bereits 6 Zähne aufzuweisen hatte. Dasselbe fand ich bei
anderen erst 7 — 10 Monat alten Kindern, und Sie ersehen daraus, dass
in einzelnen Fällen die Dentition trotz der Rachitis sogar mit anomaler
Rapidität von Statten gehen kann. In der Regel hat aber in solchen
Fällen die Zahnentwickelung vor dem Ausbruche der Rachitis statt-
gefunden, nach welchem fast immer eine anomal lange Pause einzutreten
pflegt. Zuweilen prävalirt die Epiphysenschwellung und die Knickung
der Extremitätenknochen, während Thorax und Schädel nur wenig be-
fallen sind Trotzdem sah ich einige Kinder dieser Art schon im Alter
von 15—16 Monaten ebenso gut stehen und gehen, wie gesunde Kinder.
Rachitis. 859
Die characteristische Deformation des Thorax werden Sie am häufigsten
und am stärksten ausgebildet immer bei sehr jungen, schlecht genährten
und vielfach von Bronchialcatarrh heimgesuchten Kindern finden, während
gut genährte kräftige Individuen dieselbe entweder gar nicht oder nur
in geringem Maasse darzubieten pflegen. Auf die Ursache aller dieser
Varietäten werde ich bald zurückkommen.
Auch abgesehen von diesen localen Differenzen ist das Gesammtbild,
welches die rachitischen Kinder darbieten, sehr verschieden. Während
ich bei einem, allerdings kleineren Theile mit nur geringer Entwickelung
der charakteristischen Knochensymptome, das Allgemeinbefinden ungestört,
das Aussehen blähend fand, verrieth der bei weitem grössere Theil
durch anämisches Colorit, Abmagerung, Welkheit der Haut und Muscu-
latur, fühlbare Anschwellungen der Lymphdrüsen am Halse, im Nacken,
in den Inguinal- und Axillargruben eine tiefere Erkrankung des Organis-
mus. In einzelnen Fällen beobachtete ich Purpuraflecke auf der wachs-
bleichen Haut, oder scorbutische Beschaffenheit des Zahnfleisches. Die
Leber ragte bisweilen mehr als bei gesunden Kindern desselben Alters
unter dem Rippenbogen hervor, während ich eine palpable An-
schwellung der Milz seltener als andere Autoren constatiren konnte.
Auch bei den zahlreichen Sectionen in der Klinik fanden wir die Milz
nur verhältnissmässig selten hyperplastisch, und ich möchte besonders
das Zusammentreffen sehr grosser Milztumoren mit Rachitis mehr als
ein zufälliges bezeichnen, was ja bei der ausserordentlichen Frequenz
der Rachitis, zumal in den niederen Ständen, nichts Auffallendes hat.
Die Urinabsonderung bot, oberflächlich untersucht, keine Abweichungen
vom Normalzustande dar; auf die chemische Analyse, welche sehr ver-
schiedene Resultate ergab, werde ich bald zurückkommen. Die Schweiss-
secretion ist in den meisten Fällen vermehrt und besonders am Kopfe
finden so profuse Schweisse statt, dass das Kissen am Morgen durch-
nässt erscheint. Bei vielen Kindern bilden sich in Folge dieser
Schweisse Sudamina und rothe feinblasige Eczeme. Nur ein Theil der
Kinder zeigte Misslaunigkeit und Unruhe, und schien, wenn man die er-
griffenen Knochen comprimirte oder das Kind unter den Achseln in die
Höhe hob, durch lebhaftes Schreien schmerzhafte Empfindungen zu be-
kunden.
Einen acuten, von Fieber begleiteten Verlauf der Rachitis, wie er
hie und da beschrieben wird, konnte ich bis jetzt nicht beobachten.
Derselbe muss also, da die Zahl meiner Fälle viele Tausende beträgt,
wenn er überhaupt vorkommt, zu den Ausnahmen gehören. Wo wirk-
liche Fieberbewegungen stattfanden, konnte ich immer eine Compli-
860 Constitutionelle Krankheiten.
cation, besonders mit Bronchiali'atarrhen, nachweisen. Die Rachitis selbst
zeigte durchweg einen chronischen Verlauf, und ich stimme daher
Friedleben und Fürst') bei, welche das Vorkommen einer „acuten''
Rachitis überhaupt in Abrede stellen. Auch die Annahme des letzteren,
dass allenfalls ein acutes Initialstadium vorkomme, halte ich für nicht
bewiesen. Man hüte sich wohl, eine multiple Periostitis oder Osteo-
myelitis, die bei stürmischem Knöchenwachsthum, besonders an den
Epiphysen, in seltenen Fällen auftreten und sogar mit Eiterung enden
können, ohne Weiteres als acute Rachitis anzusprechen. Manche Fälle
dieser Art mögen, wie auch der eben genannte Autor hervorhebt, nach
dem Schwinden der acuten Symptome in Rachitis übergehen, während
dies in anderen Fällen nicht geschieht.
Bei dieser Gelegenheit will ich einer AfTection gedenken, die
zwar eine gewisse Aehnlichkeit mit Rachitis darbietet, aber sicher nicht
mit derselben identisch ist. Ich meine die in neuester Zeit unter dem
Namen „Barlow'sche" Krankheit oder „Scorbut" der Kinder beschrie-
bene Form2). Das Alter der von denselben befallenen Kinder stimmt
mit dem der Rachitischen übereiu, und es ist auch nicht ausgeschlossen,
dass gleichzeitig rachitische Symptome bestehen. Diese können aber
auch vollständig fehlen. Charakteristisch ist zunächst eine schwammige,
zu Blutungen neigende Beschaffenheit des Zahnfleisches (mögen nun
schon Zähne vorhanden sein oder nicht), zumal in der Gegend der
Schneidezähne. Dazu kommt eine mehr oder weniger bedeutende Em-
pfindlichkeit der unteren Extremitäten, ganz besonders der Ober-
schenkelknochen, so dass die Kinder beim Betasten heftig schreien, die
unteren Extremitäten, mitunter auch nur die eine, kaum bewegen, und
am liebsten ausgestreckt, unbeweglich im Bette liegen. Nur selten wer-
den die oberen Extremitäten befallen. In den meisten Fällen aber wurde
eine cylindrische, schmerzhafte Anschwellung der Diaphyse des Fe-
mur, gewöhnlich einseitig, beobachtet, welche durch subperiosteale Blu-
tung bedingt zu sein schien, vielleicht auch durch eine Fractur des
Knochens, welche hie und da auch an den Epiphysen der Unterschenkel-
knochen constatirt wurde. Blutungen unter dem Periost des Stirnbeins,
') Jahrb. f. Kinderheilk. XVIII. 1882. S. 192.
2) Früher schon von Barlow, Cheadle, Möller, Bohn u. Förster be-
schrieben, hat diese AfTection in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit der Pä-
diatriker in höherem Grade erregt, so dass jetzt schon eine ganze Reihe von Fällen
vorliegt. Vergl. Rehn, Berl. klin. Wochenschr. 1889. No. 1. — Pott, Miinchener
med. Wochenschr. 1891. No. 46. — Heubner, Jahrb. f. Kinderheilk. 1892. Bd.
34. S. 361. — Northrup, Transact. of the americ. pediatr. Soc. III. p. 102.
Rachitis. yg[
in der Haut, im Bindegewebe der Augenlider, selbst im retrobulbären
Raum mit Hervordrängung des Bulbus, Haematurie und Oedem wur-
den von einzelnen Beobachtern erwähnt. Dabei leidet das Allgemeinbe-
finden durch Anorexie, Schlaflosigkeit und Anämie, bisweilen auch durch
temporäre Fieberbewegungen; trotz alledem aber ist der Ausgang nach
monatelanger Dauer unter zweckmässiger Behandlung ein günstiger, und
zwar soll eine passende Diät, Milch, Fleisch, und besonders Fruchtsaft
(z. B. Apfelsinensaft), frische Landluft zur Heilung ausreichen.
Mir selbst stehen nur 3 Fälle dieser Art aus der consultativen Praxis zu
Gebot, die in der That, wie mir berichtet wurde, auf diese Weise geheilt
wurden, wobei ich aber bemerke, dass ich Apfelsinensaft (3-4 Kinder-
löffel täglich) nur in einem derselben versuchte. Ob man es hier mit
wirklichem Scorbut, oder, wie Einige wollen, mit einer Mischung aus
Scorbut und Rachitis , oder mit einer eigenartigen noch dunkeln
Affection zu thun hat, lässt sich vorläufig nicht entscheiden. —
Die Zeitdauer der Rachitis zu bestimmen, ist immer sehr schwer,
ja unmöglich. Fast niemals bietet sich uns nämlich die günstige Ge-
legenheit, den ganzen Verlauf der Krankheit von Anfang bis zu Ende
zu verfolgen, und die Angaben der Eltern, welche uns ihre rachitischen
Kinder meistens erst in einem vorgerückten Stadium übergeben, sind ge-
wöhnlich so unsicher, dass wir uns nie ein Urtheil über den Zeitpunkt,
wann eigentlich die Krankheit begonnen hat, bilden können. So viel
steht aber fest, dass auch in den günstigsten Fällen immer viele Monate,
oft auch einige Jahre vergehen, bevor man den Krankheitsprocess als
abgelaufen betrachten kann. Die erste günstige Erscheinung ist der
Versuch der Kinder, auf ihren Füssen zu stehen und sich selbstständig
von der Stelle zu bewegen, d. h. die wiedergewonnene oder überhaupt
zum ersten Mal erlangte Kraft und Festigkeit der Musculatur und des
Knochensystems der Wirbelsäule und der unteren Extremitäten. Gleich-
zeitig macht sich eine rasch fortschreitende Ossification der noch offenen
Fontanellen und Nähte, sowie ein beschleunigterer Zahndurchbruch be-
merkbar, während das bis dahin zurückgebliebene Längenwachsthum des
Körpers merklich zunimmt, das Aussehen sich mehr und mehr ver-
bessert, und auch die Deformität der Wirbelsäule und des Thorax, wenn
sie nicht zu hohen Graden gediehen war, allmälig sich ausgleicht.
Schliesslich bleiben als Residuen der Krankheit nur noch Curvaturen
und Infractionen der Röhrenknochen, besonders in Form der Säbel-
oder X-Beine (Genu valgum) , Krümmungen der Wirbelsäule und Ver-
dickungen der Epiphysen zurück , die oft noch nach Jahren be-
merkbar sind, aber durch das zunehmende Wachsthum der Knochen
862 Constitutionelle Krankheiten.
in die Länge und Breite sich mehr und mehr ausgleichen. Oft
wird auch durch die Hemmung des Kieferwachsthums (S. 856) die nor-
male Position der bleibenden Zähne ungünstig beeinflusst, und bei der
zweiten Dentition ergeben sich dann mehrfache Anomalien, winkelige
oder dachziegelartige Stellungen der Zähne, Hervorbrechen derselben in
doppelter Reihe u. s. w. Nur in hochgradigen Fällen lassen sich die Re-
siduen, selbst die Verdickung der Schädelknochen, auch noch zur Zeit
der Pubertät und darüber hinaus erkennen, und gerade in dieser Lebens-
periode kann aus einem rachitischen Residuum, nämlich dem deformirten
Becken, welches in der Kindheit keine Rolle spielt, grosse Gefahr in
Bezug auf Schwangerschaft und Geburt erwachsen. Im Allgemeinen
wird durch die rachitische Knochenerkrankung der Beckeneingang und
der ganze Beckenraum von vorn nach hinten verengt, indem das Pro-
montorium und die obere Kreuz beinhälfte unter gleichzeitiger lordotischer
Krümmung der Lendenwirbel nach vorn gedrängt, und der in Folge me-
chanischen Druckes höher gestellten Symphysis pubis genähert erscheinen.
Eine genauere Schilderung dieser Deformität und ihres Zustandekommens
würde wegen ihres geringen pädiatrischen Interesses hier nicht an der
Stelle sein1). Das Interesse der Beckenverbildung liegt eben nur in den
beträchtlichen Geburtshindernissen , welche durch Verkürzung der Con-
jugata entstehen und in hochgradigen Fällen bedenkliche operative
Eingriffe indiciren können. Unter diesen Verhältnissen finden wir
oft noch andere bedeutende Deformitäten, besonders der Wirbelsäule
(Kypho-Scoliose) und des Thorax, welche unheilbare Verkrüppelung
begründen.
Während nun die Rachitis überwiegend häufig die in der Natur des
Leidens begründeten Heilungsvorgänge bis zur völligen Genesung des
Patienten durchläuft, sehen wir doch in einer Reihe von Fällen diesen
günstigen Verlauf durch Complicationen aufgehalten oder gar in den
entgegengesetzten verkehrt. Die bereits erwähnte Disposition zu Ca-
tarrhen der Luftwege wird diesen Kindern vorzugsweise verderblich, in-
dem einerseits durch die stete Wiederkehr derselben die an sich schon
mangelhafte Hämatopoese und die aus derselben resultirende Schwäche
gesteigert werden, andererseits bei der durch die Thoraxverbildung be-
dingten Enge des Brustraums diffuse Catarrhe, catarrhalische
Pneumonien, welche bei gesunden Kindern glücklich vorübergegangen
wären, hier leicht einen letalen Verlauf nehmen. Die Raumbeengung
der Lungen, die Schwäche der inspiratorischen Muskeln und die Schleim-
') Vergl. Ritter y. Rittershain, Die Pathologie und Therapie der Rachitis.
Berlin, 1863. S. 181.
Rachitis. 863
Überfüllung der Bronchien bringen hier oft ausgedehnte Atelectasen
des Lungengewebes zu Stande, welche den tödtlichen Verlauf der Com-
plication beschleunigen (S. 337). Ein grosser Theil Rachitischer geht
auf diese Weise zu Grunde. Sehr häufig beobachtet man auch Anfälle
von Spasmus glottidis und Eclampsie, zu denen, wie Sie sich er-
innern werden, diese Kinder weit mehr als gesunde disponirt sind
(S. 154 u. 168). Die schlimmste Complication bildet aber die Tuber-
culose, welche einen grossen Theil rachitischer, in elenden Verhält-
nissen lebender Kinder hinrafft.
Ich muss bei dieser Gelegenheit auf einige für die Beurtheilung der
physikalischen Untersuchungsresultate wichtige Momente zurückkommen,
welche, wenn sie unbeachtet bleiben, zu diagnostischen Irrthümern ver-
leiten können. Schon früher (S. 5) sprach ich von dem Einflüsse, wel-
chen Muskelcontractionen auf den Schall der unterliegenden Thoraxpartie
haben können; insbesondere bei Kindern, die sich während der Unter-
suchung sträuben und vielfach hin und her bewegen, erscheint nicht selten
auf einer Seite der Rückenfläche eine Dämpfung, welche bei ruhiger Lage
mit gleichmässiger Spannung der beiderseitigen Muskelgruppeu bald
wieder verschwindet. Bei Rachitischen aber, wo häufig eine Krümmung
der Wirbelsäule stattfindet, können, zumal bei sehr entwickelter Scoliose,
solche Schalldämpfungen, wenn auch nur in massigem Grade, permanent
bestehen und gewinnen also unter diesen Umständen nur dann Bedeutung,
wenn gleichzeitig auch die Auscultation an der betreffenden Stelle
Lungenverdichtung ergiebt. Ebenso kann an der Vorderfläche des linken
Thorax bei hohen Graden rachitischer Thoraxverbildung eine umfäng-
lichere Herzdämpfung erscheinen, als im normalen Zustande, wobei auch
der Impuls des Herzens über die gewöhnlichen Grenzen hinaus fühlbar
zu sein pflegt, Erscheinungen, welche nicht sofort auf Hypertrophie des
Organs zu beziehen sind, sondern einfach durch Verschiebung des
Herzens und mangelhafte Ausdehnung der Lungen entstehen. Rilliet
und Barth ez wollen auch den Charakter des Athemgeräusches in der
Rachitis dem bronchialen ähnlich gefunden haben, und leiten dies von
der massigen Compression her, welche die Lunge von Seiten der ein-
wärts gedrängten Thoraxwand erleiden soll. Auch mir ist der „unbe-
stimmte" Charakter desAthmens häufig aufgefallen, doch haben die ge-
nannten Autoren bei der Deutung desselben, wie ich glaube, die so
häufig in der Rachitis vorkommenden Bronchialcatarrhe und Atelectasen
zu wenig berücksichtigt. —
Die anatomischen Veränderungen, welche die Rachitis charakte-
risiren, betreffen ausschliesslich die Knochen. Dieselben zeigen im All-
864 Constitutionelle Krankheiten.
gemeinen dunkle Röthe, die besonders stark an den platten Schädel-
knochen hervortritt; ihre scharfen Kanten und Ecken sind abgestumpft
und abgerundet, die Röhrenknochen verkürzt, walzenförmig gerundet, an
den Epiphysen kolbig verdickt, in ihrer Länge verschiedenartig gekrümmt
und geknickt. Ihre Consistenz ist bedeutend vermindert, so dass man
ohne Mühe Ein- und Durchschnitte durch das Knochengewebe machen,
ja die Diaphysen mitunter, als wären sie aus Wachs geformt, biegen
kann. Das Periosteum ist verdickt und hyperämisch, schwer ablösbar
vom Knochen, wobei nicht selten Knochenfragmente an demselben haften
bleiben. Die Consistenz Verminderung zeigt sich am deutlichsten an den
Schädelknochen, die beim Durchsägen zugleich einen hohen Grad von
Hyperämie und zumal an der vorderen Partie (Stirnbein und einem Theile
der Ossa parietalia) beträchtliche Verdickung darbieten, woraus sich die
an den Tubera frontalia und parietalia während des Lebens bemerkbaren
Prominenzen erklären. Unter der verdickten Beinhaut lagern fein poröse,
bimsteinartige, spongoide Schichten, die an den Diaphysen der Röhren-
knochen nach innen zu mit compacteren Schichten abwechseln, und zwar
so, dass im Inneren nahe der Markhöhle die letzteren immer fester und
den spongoiden Schichten der normalen Knochensubstanz immer ähnlicher
werden ').
Um diese Erscheinungen zu verstehen, hat man sich zunächst des
Wachsthumsverhältnisses des normalen Knochens zu erinnern2), welches
bekanntlich nach zwei Richtungen hin, in die Länge und in die Dicke,
ersteres von den knorpeligen Epiphysen, letzteres vom Periost aus
erfolgt :
a) Wachsthum in die Länge. Der Hyalinknorpel der Epiphysen
der Röhrenknochen geht mit zwei Schichten, einer 1—2 Mm. breiten
bläulichen und einer mattgelblichen, '/3 — '/2 Mm. breiten, in die spongiöse,
von Markräumen durchzogene und mit einem sehr gefässreichen Mark
gefüllte Substanz des frisch gebildeten Knochens über. In der ersten,
der sogenannten Wucherungsschicht, findet man massenhaft entwickelte
und in Längsreihen geordnete grössere Knorpelzellen, während in der
zweiten Schicht die Verkalkung in der Weise stattfindet, dass sich Kalk-
krumen in die Intercellularsubstanz, welche die Knorpelzellen umgiebt,
ablagern und dieselbe undurchsichtig machen. In derselben Schicht geschieht
') Virchow, dessen Arohiv. Bd. V.
2) Vergl. Ritter, a. a. 0. S. 27 u. s. w. — Rehn, Gerhardt's Handbuch
der Kinderkrankh. III. S. 54. 1878. — Kassowitz, Die normale Ossification und
die Erkrankungen des Knochensystems bei Rachitis und hereditärer Syphilis. Wien,
1879-1882.
Rachitis. 865
dann auch die Bildung von Markräumen und wahrer Knochensubstanz.
Bei Rachitis findet nun einerseits eine anomale Wucherung der erwähnten
Knorpelschichten mit bedeutender Verbreiterung statt, andererseits geht
die Verkalkung der zweiten Schicht ganz unregelmässig und mangelhaft
vor sich, und die Markraumbildung erstreckt sich von dieser aus bis in
den wuchernden Knorpel hinein, wobei statt der normalen geradlinigen
Begrenzung ein zackiges Ineinandergreifen der Knorpel- und spongiösen
Knochenschichten stattfindet. Aus diesen Vorgängen erklärt sich die
Verdickung der Epiphysen und die Verkümmerung des Längen-
wachsthums der Knochen, welches ein Zurückbleiben der Kinder im
Wachsthum überhaupt bedingt, und bei vielen noch im späteren Lebens-
alter bemerkbar ist.
b) Wachsthum in die Dicke. Im normalen Zustande hängt das
sehr dicke und gefässreiche Periost durch ein netzartiges faseriges Ge-
webe mit kernhaltigen Zellen fest mit dem Knochen zusammen, welcher
dadurch wächst, dass die erwähnten Zellen unter Sclerosirung der Grund-
substanz in sternförmige Knochenzellen auswachsen. Zwischen den La-
mellen dieser neuen Knochenbildung bleiben mit einander communicirende,
rundliche oder längliche Räume übrig, gefüllt mit einem weichen röth-
lichen Mark, in welchen sich endlich aus den Markzellen neue, mit
denen des Periosts und der inneren Knochentheile anastomosirende Ge-
fässe bilden. Dieser Process dauert so lange, als der Röhrenknochen
überhaupt noch in die Dicke wächst, wobei im Inneren durch Verflüssi-
gung der Knochenmasse und Resorption eine mit Mark erfüllte grosse
Höhle sich bildet. Bei Rachitis sind nun das Periost und seine zelli-
gen Elemente bedeutend gewuchert, die neugebildeten spongiösen Knochen-
lamellen und Balkennetze aber mangelhaft ossificirt, mit fehlender oder
sehr verminderter Kalkablagerung. Gleich unter dem verdickten Periost
erscheinen hyperämische markraumhaltige Balkennet'ze, dann eine Schicht
compacter Substanz, dann wieder spongiöse Balkennetze u. s. w., wobei
aber die normale Resorption von der Markhöhle aus fortdauert und somit
die Rindenschicht immer dünner werden muss. Ganz ähnliche Verhält-
nisse zeigen sich an den platten Knochen des Schädels, den Schulter-
blättern und Darmbeinen. — Die Heilung der Krankheit erfolgt zu-
nächst durch Stillstand der Knorpelwucherung, auf welchen rasche Ver-
kalkung und Verknöcherung der neugebildeten Schichten folgt, die noch
fester als im normalen Zustande werden (die sogenannte Eburnation
oder Sclerose). In Folge davon fand ich bei einem 7jährigen Knaben
an der Stelle der grossen Fontanelle eine zweimarkstückgrosse uhrglas-
Henocb, Vorlesungen über Kiuüerkraukheiieu. 7. Aufl. 55
866 Constitutionelle Krankheiten.
förmige Periostose, welche den stark hervorragenden Tubera des Stirn-
beins entsprach.
Zu diesen physikalischen Veränderungen des Knochensystems ge-
sellen sich nun auch chemische')- Alle Untersuchungen ergaben über-
einstimmend eine mehr oder minder beträchtliche Abnahme der Kalk-
salze in den rachitischen Knochen, mit Verminderung des speeifischen
Gewichts derselben, vorzugsweise in den oberhalb des Zwerchfells gelege-
nen Skelettheilen, mit relativer Zunahme des Wassergehaltes der knorpe-
ligen Theile und der organischen Grundlage. Hand in Hand damit geht
die relative Abnahme des gesammten Körpergewichts, weiches erst später
im Heilungsstadium wieder zunimmt.
Aus diesen anatomischen und chemischen Alterationen erklären sich
nun einige Hauptsymptome der Rachitis:
1) das gehemmte Längenwachsthum des Körpers, theils durch
die Beeinträchtigung der normalen Knochenbildung von den Epiphysen
her, theils durch die Nachgiebigkeit der unteren Röhrenknochen, welche
den Druck des Körpers zu tragen haben;
2) die Krümmungen,'Knickungen und Fracturen der Knochen,
welche meistens durch Druck und andere traumatische Einwirkungen,
denen die an Kalksalzen armen Knochen ausgesetzt sind, bedingt
werden. Die Knickungen (Infractionen) betreffen immer die inneren
festeren Schichten der Röhrenknochen, während die äusseren noch weich
gebliebenen mit dem verdickten Periost nur nachgeben, so dass die
Knickung etwa dem Bruch einer Weidenruthe oder eines Federkiels ent-
spricht. Obwohl dadurch auch bei einem vollständigen Bruch der inneren
Schichten die Wahrnehmung einer Crepitation oder einer Verschiebung
der Bruchenden erschwert wird, habe ich doch in einzelnen Fällen erstere
deutlich fühlen können. Schon der Druck der Körperschwere auf die
unteren Extremitäten bedingt Cur vatur und Knickung der letzteren, meistens
mit der Convexität nach aussen (Säbelbeine), während Compression der
Rippen und Schlüsselbeine, sogar schon das Aufheben der Kinder durch
Umfassen des Thorax, Fracturen dieser Knochen herbeiführen kann.
Jeder Fall auf den Boden, selbst das Umdrehen im Bett hat leicht ähn-
liche Folgen, und so findet man denn nicht selten mehr oder minder
spitzwinkelige, meistens schon durch Callusbildung verheilte Infractionen
der Schlüsselbeine, Rippen, Vorderarmknochen, Oberschenkel u. s. w.,
vereinzelt oder multipel, in welchem Falle Bilder bejammernswerther
') Friedleben, Jahrb. f. Kindeiheilk. III. "Wien, 1860. — Baginsky, Prakt.
Beitr. zur Kinderheilk. II. Tübingen, 1882. S. 80.
Rachitis. 867
Verkrüppelung zu Stande kommen. In einem dieser Fälle ( l'/4 jähriger
Knabe) fanden wir viele Rippen gerade an den Ansatzstellen der Knor-
pel fracturirt, und die Heilung durch reichlichen fibrösen Callus in der
Art zu Stande gekommen, dass die Epiphysen fast auf der äusseren
Fläche der Diaphysen aufsassen. Dass auch starke Muskelcontrac-
tionen Knickungen und Fracturen herbeiführen können, wird behauptet.
Unter anderen Fällen erinnere ich mich eines 7 Monate alten, stark
rachitischen Kindes, welches nach sehr heftigen, einen ganzen Tag lang
sich wiederholenden Oonvulsionen Fracturen beider Radii zeigte; man
kann aber in solchen Fällen andere traumatische Einwirkungen, beson-
ders ein gewaltsames Anfassen, wohl nie mit Sicherheit ausschliessen.
Nach Kassowitz') soll der nach Fracturen sich bildende Callus lange
Zeit knorpelig und beweglich bleiben, und erst nach der Heilung der
Rachitis ossificiren.
Wahrscheinlich hat Fleischmann Recht, wenn er auch die Form-
veränderung der Kiefer von Oontracturen der Muse, mylohyoidei und
Masseter herleitet, die auf den kalkarmen Knochen wirken. Dagegen ist
die charakteristische Deformität des Thorax nicht die Folge einer ver-
einzelten Ursache, z. B. der vielbeschuldigten Paralyse oder Atrophie
der Inspirationsmuskeln (Serrati, Intercostales u. s. w.), sondern viel-
mehr, wie Ritter richtig bemerkt1), eiue Folge des „Zusammenwirkens
einer ganzen Reihe von Momenten", unter denen der Druck der äusseren
Atmosphäre, die Contractioneu des Diaphragma und die Weichheit der
Thoraxknochen besonders hervorzuheben sind. Schon bei gesunden Kin-
dern bemerkt man, wie bei sehr kräftigen und rasch aufeinander folgen-
den Contractionen des Zwerchfells, z. B. beim Schluchzen, die am meisten
nachgiebigen Stellen des Thoraxgerüstes, d. h. die vordersten Theile der
Rippen, im Beginn jeder Inspiration deutlich einwärts gezogen werden.
Die grosse Nachgiebigkeit der genannten Rippentheile beim Kinde, im
Verein mit der verhältnissmässig schwachen und unvollständigen Inspira-
tion, ist Schuld an dieser Erscheinung, indem in Folge der letzteren die
in die Lungen einströmende Luftmenge nicht ausreicht, dem von aussen
einwirkenden atmosphärischen Drucke das Gleichgewicht zu halten, so
dass dieser jene nachgiebigen Theile einwärts drängt. Diese Erscheinung,
welche auch bei Hypertrophie der Mandeln sehr kleiner Kinder (S. 480)
wahrgenommen wird und hier eine ähnliche Deformität des Thorax her-
vorbringen kann, muss bei rachitischen Kindern, wo der letztere abnorm
t) Jahrb. f. Kinderheilk. XX11. 1884. S. 79.
2) I.e. S. 167.
55 '
868 Constitutionelle Krankheiten.
erweicht und die inspiratorischen Muskeln schwächer als sonst agiren,
um so mehr hervortreten, was mit der Zeit ein permanentes Ein-
sinken der betreffenden Seitenpartie des Thorax mit entsprechender Vor-
drängung des Sternum und seiner Knorpelanhänge zur Folge hat. Auch
die gürtelförmige Einschnürung, welche etwa 3 Querfinger unter der
Brustwarze rings um die vordere Fläche des rachitischen Thorax läuft,
und unterhalb welcher die über der Leber, dem Magen und der Milz
liegenden Rippen saumartig nach aussen umgebogen und vorgedrängt
erscheinen, muss theils dem nach abwärts gerichteten concentrischen
Zuge der Zwerchfellsinsertionen, theils ebenfalls dem atmosphärischen
Drucke zugeschrieben werden l).
Dass die Volumszunahme des Kopfes, zumal das Vorspringen der
Stirn und der Tubera parietalia, durch periostitische Auflagerungen be-
dingt und dadurch bisweilen Verwechselungen mit Hydrocephalus hervor-
gerufen werden, erwähnte ich bereits. Zwar werden von verschiedenen
Autoren Fälle von „Hypertrophie des Gehirns" bei Rachitis beschrieben;
mir selbst aber ist bisher eben so wenig ein sicherer Fall dieser Art
vorgekommen, als ich mich von der Häufigkeit hydrocephalischer Compli-
cationen, wie sie z. B. von Ritter angegeben wird, überzeugen konnte2).
Die ätiologischen Verhältnisse der Rachitis sind uns ebenso wenig
klar, wie diejenigen der Scrophulose. Die Verbreitung der Krankheit in
grossen Städten, zumal des nördlichen und mittleren Europa, ist eine
enorme, und wenn Ritter unter den in Prag von ihm poliklinisch be-
handelten Kindern 31 pCt. rachitische fand, so möchte ich dieses Ver-
hältniss nach den in meiner Poliklinik gemachten Erfahrungen für Ber-
lin noch für zu gering halten3). Das überwiegend häufige Vorkommen
der Krankheit bei Kindern armer Leute ergiebt von vorn herein, dass
ungünstige Lebensverhältnisse, unzweckmässige Ernährung, Mangel an
Pflege und Reinlichkeit, Einathmen verdorbener Luft in engen, über-
füllten und noch dazu oft feuchten Räumen, eine wesentliche Rolle bei
>) Ritter, 1. c. S. 170 und Rehn, 1. c. S. 66.
2) Auf die Deformitäten der Gelenke bei Rachitis ist in neuester Zeit
besonders Kassowitz näher eingegangen (Jahrb. f. Kinderheifk. XXII, XXIII und
XXIV). Ueber die Berechtigung der von ihm ausgesprochenen Ansichten maasse ich
mir kein Urtheil an. Erwähnt sei hier, dass er das verspätete Gehen, Stehen und
Sitzen der Rachitischen auf einen entzündlichen Zustand der Gelenkbänder zurück-
führt, der eine auffallende Schlaffheit der Gelenke, zumal des Knies, aber auch der
Fingergelenke, begründen soll.
3) Im Süden, zumal in der heissen Zone, kommt die Krankheit nur selten vor;
aber auch in Hochthälern, z. B. in Davos, wird sie vermisst (Volland, Jahrbuch f.
Kinderheilk. XII. S. 118).
Rachitis. 869
der Erzeugung der Rachitis spielen. Darauf mag wohl auch ihr häufigeres
Auftreten im Winter und Frühjahr beruhen, nachdem die Kinder lange
nicht an die Luft gekommen sind. Die überwiegende Mehrzahl der
rachitischen Kinder sind sogenannte Päppelkinder, welche statt der
Mutter- oder Ammenmilch künstliche Nahrung, insbesondere viel Mehl-
brei u. dgl. m. bekommen haben, und in Folge von Ueberfütterung viel-
fachen Dyspepsien und Diarrhöen unterworfen gewesen sind. Ebenso
kann auch eine unzureichende Beschaffenheit der Muttermilch, meist
bedingt durch die ärmlichen Verhältnisse der Säugenden, den Grund zu
Rachitis legen, wie denn z. B. Friedleben die Milch von zwei Müttern
rachitischer Kinder bedeutend ärmer an Proteinsubstanzen und Kohle-
hydraten, als die normale Frauenmilch fand, und Pfeiffer1), wenn
auch durchaus nicht constant, die Menge der Kalksalze und der Phos-
phorsäure als veimindert angiebt. Oft genug sieht man aber auch Kin-
der aus höheren Ständen unter den günstigsten Lebensverhältnissen
bei anscheinend vortrefflicher Brustnahrung rachitisch werden. Wenn ich
auch zugeben will, dass Ritter's und Pfeiffer's Annahme einer erb-
lichen Disposition, zumal von mütterlicher Seite, für manche Fälle
dieser Art gerechtfertigt sein mag, so kann ich doch nach meinen Er-
fahrungen der Heredität im Allgemeinen nicht den Einfluss zuschreiben,
welchen diese Autoren ihr vindiciren. Auch über den Einfluss anderer
Krankheiten der Eltern oder der Kinder selbst wissen wir so gut wie
nichts. Wenn auch viele Rachitische von früh an mit dyspeptischen
Diarrhöen oder mit Bronchialcatarrhen zu kämpfen hatten, so fehlte
doch dies Moment, auf welches von Manchen Werth gelegt wird, bei sehr
vielen anderen, deren Anamnese ich so genau als möglich aufnahm. Ueber
die Ansicht von Parrot, dass die Rachitis immer durch hereditäre
Syphilis erzeugt werde, brauche ich kein Wort zu verlieren; dieselbe
hat schon auf dem internationalen medicinischen Congress zu London
(August 1882) ihre gebührende Abfertigung gefunden. Mir ist es unbe-
greiflich, dass ein so verdienstvoller Forscher, wie Parrot, sich zu so
unbedachten Theorien hinreissen lassen konnte, noch mehr aber, dass er
Dinge, wie die von mir S. 15 erwähnte Beschaffenheit der Zunge, die
so unendlich oft bei ganz gesunden Kindern vorkommt, als Zeichen der
Lues betrachtet. Dann ist es freilich kein Wunder, wenn man Syphilis
in allen Ecken sieht. Dagegen lässt es sich nicht leugnen, dass die
Lues hereditaria nach ihrer Heilung Rachitis zur Folge haben kann,
was ich sogar bei einem in den allergüustigsten Verhältnissen lebenden
1) Jahrb. f. Kinderheilk. XXIV. S. 248.
$70 Constitutionelle Krankheiten.
Kinde beobachtete. Die Lues wirkt hier eben, wie jeder andere
schwächende, die Ernährungsverhältnisse störende Einfluss, durchaus aber
nicht als etwas Specifisches. Selbstverständlich dürfen die von der Lues
herrührenden Schwellungen der Epiphysen und sonstige Knochenverände-
rungen (S. 92) nicht mit rachitischen verwechselt werden, was bei sorg-
fältiger Beachtung der zeitlichen Verhältnisse und der begleitenden Er-
scheinungen leicht zu vermeiden ist.
Giebt es eine fötale Rachitis? Gewichtige Autoritäten (Vir-
chow) haben sich für die Existenz derselben ausgesprochen, wenn auch
solche Fälle zu den grössten Seltenheiten gerechnet werden '). Ich
selbst sah zwei Kinder, welche mit multiplen Verbiegungen und Infrac-
tionen des Skeletts zur Welt kamen. In beiden Fällen war das Schädel-
gewölbe fast durchweg weich und eindrückbar, die Nase eingedrückt,
die Physiognomie kretinartig, und die Haut bildete an den Oberarmen
und Oberschenkeln dicke, durch Querfalten getrennte Wülste 2). Dereine
Fall entzog sich der weiteren Beobachtung; der andere, welcher ein
'i0 Tage altes Mädchen betraf, kam zur Section. Dabei fand sich all-
gemeine Oraniotabes, so dass nur Knochenkerne von Funfzigpfennig- bis
Zweimarkstückgrösse an den Tubera occipitalia und frontalia vorhanden
waren, dazwischen häutige von dünnen Knochenleisten durchzogene
Schädeldecken. Die Rippen und Extremitätenknochen zeigten multiple
bereits geheilte Fracturen. Die microscopische Untersuchung der Knochen
soll, wie in manchem anderen Falle dieser Art, der Rachitis sehr ähn-
liche Veränderungen ergeben haben. Dagegen will Kaufmann3) diese
Fälle ganz von der Rachitis getrennt wissen; er findet hier nur ein nor-
males ungeordnetes, lebhaftes Wachsthum des Knorpelgewebes, wobei
allerdings Erweichung und Fracturen vorkommen können (Chondro-
dystrophia foetalis). Wenn nun auch die Frage der foetalen Rachitis
noch nicht abgeschlossen erscheint, so muss man doch zugeben, dass
die Krankheit sich oft sehr frühzeitig entwickelt, und dann wohl den
Namen einer congenitalen verdient, weil die Knochenaffection schon
zu einer Zeit auftritt, in welcher äussere Einflüsse kaum in Rechnung
gebracht werden können4). Hier zeigt sich schon in den ersten Mo-
') Vergl. Winkler, Arch. f. Gynäkol. II. S. 101 und Fischer, Ibidem. VII.
Heft 1. — ßode, Virchow's Arohiv. Bd. 93. S. 420. — Ibidem. Bd. 94. Heft 1.
2) Ganz ähnliche, zum Theil mit Makroglossie verbundene Erscheinungen be-
schreibt Baginsky (Pädiatr. Arbeiten. Festschr. Berlin, 1890.)
3) E. Kaufmann, Ueber die sogen, foetale Rachitis. Berlin 1892.
4) Schwarz (Jahrb. f. Kinderheilk. XXVII. S. 454) fand in Wien unter 500
Neugeborenen 75,8 püt., welche bereits Zeichen von Rachitis an den Schädel-
Rachitis. 871
naten des Lebens die charakteristische Epiphysenschwellung an den
Rippen und die sehr mangelhafte Ossifikation der Schädelknochen, wäh-
rend bei späterer Entwicklung, z. B. erst im Anfange des zweiten
Jahres, der Kopf ganz frei bleiben kann, und nur Thorax, Extremitäten
und Wirbelsäule rachitische Erscheinungen darbieten. Später als im
Beginn des zweiten Lebensjahres sah ich die Krankheit sich nicht mehr
entwickeln; vielmehr besteht sie fast in allen Fällen, welche später in
Behandlung kommen, schon weit länger, kommt aber den Eltern erst
dann zum Bewusstsein, wenn die Kinder nicht zur gewöhnlichen Zeit
stehen und gehen lernen. Ein Fall von Rachitis tarda, wie Kasso-
witz1) beschreibt, der also der sogenannten Syphilis tarda entsprechen
würde, ist mir wenigstens bis jetzt nicht vorgekommen.
Bei dieser Gelegenheit will ich auf die Veränderung der Schädel-
knochen, welche Elsässer2) unter dem Namen „Oraniotabes, weicher
Hinterkopf" beschrieb, näher eingehen. Die Sehädelknochen, besonders
das Hinterhauptsbein, lassen sich hier leicht durchsägen, selbst durch-
schneiden. Die Knochensubstanz ist weich, succulent, blutreich, biegsam,
an vielen Stellen rauh und porös. Ihre erdigen Bestandtheile sind ver-
mindert. Die Auflockerung des Gewebes ist am stärksten gegen die
Fontanellen und Nähte hin entwickelt, während die Ränder selbst wieder
compacter erscheinen. Das Periosteum ist dick, blutreich, schwer ab-
ziehbar. Im Hinterhauptsbein, aber auch in den Scheitelbeinen, besonders
längs der Sutura lambdoidea, zeigen sich Eindrücke und Gruben, welche
den Gyris des Gehirns entsprechen, stark verdünnt und wie ein Karten-
blatt eindrückbar sind, bisweilen aber auch nach dem gänzlichen Schwunde
der betreffenden Knochensubstanz unregelmässige, ovale oder eckige,
selbst haselnussgrosse Löcher darstellen, in welchen Pericranium und
Dura einander berühren. Diese Erscheinungen finden sich bisweilen
schon bei Kindern in den ersten Monaten des Lebens, meistens aber
erst im 2. Trimester bis gegen den 8. oder höchstens den 13. Monat.
Nur in einem Falle soll das Hinterhauptsbein noch bis in das dritte
Jahr hinein eindrückbar gewesen sein. Elsässer, welcher die Oranio-
tabes als Rachitisform des Säuglings betrachtet, nimmt an, dass die
rachitisch erweichten Scheitel- und Hinterhauptsknochen durch den Druck
der Gehirnwindungen an den gedrückten Stellen, zumal am Occiput
knochon oder Rippen darboten; Quisling ia Christiaaia (A.rch. f. Kinderheilk. IX.)
unter 200 Neugeborenen 23 solcher Kinder.
') Allgem. Wiener med. Zeit. 1885. No. 18.
2) Der weiche Hinterkopf u. s. w. Stuttgart u. Tübingen. 1843.
872 Constitutionelle Krankheiten.
wegen der steten Rückenlage allmälig resorbirt, verdünnt und endlich
durchlöchert werden. In der That 'findet man bei vielen Kindern im
1. Lebensjahre bei der sorgfältigen Betastung des Kopfes im Hinter-
hauptsbein nahe der Lambdanaht nachgiebige, eindrückbare, wie ein
Kartenblatt knitternde Stellen. Aber in einem Theil dieser Fälle sah
ich mit dem allgemeinen Fortschreiten der zurückgebliebenen Ossi-
fication des Schädels auch Ausfüllung und Gonsolidirung der ver-
dünnten Stellen erfolgen, ohne dass irgend ein anderes rachitisches
Symptom sich hinzugesellte. Man kann daher, wie ich glaube, diese
Oraniotabes, wo sie für sich allein auftritt, nicht immer ohne weiteres
für ein Zeichen von Rachitis betrachten, muss vielmehr Friedleben
und Ritter darin beistimmen, dass sie auch ohne weitere krankhafte
Veränderungen noch innerhalb der Grenzen der physiologischen Ent-
wicklung vorkommen kann. Nach den Untersuchungen des Ersteren
enthalten die hinteren Schädeltheile aller Kinder im 2. Trimester des
Lebens, besonders aber diejenigen der künstlich ernährten, etwa 3 pCt.
weniger Erdsalze, als die vorderen, und sind deshalb weicher, dünner
und eindrückbarer. Anhaltende Rückenlage mag unter diesen Umständen
durch den Druck, welchen das Hinterhaupt erleidet, die Knochen-
resorption befördern '). Trotzdem lässt sich nicht leugnen, dass in der
sehr grossen Mehrzahl solcher Fälle allerdings anderweitige rachi-
tische Erscheinungen am Skelett gleichzeitig bestehen oder sich später
hinzugesellen. Ueber die von Elsässer behauptete Beziehung der
„Oraniotabes" zum Spasmus glottidis habe ich mich schon oben (S. 169)
ausgesprochen. —
Gestatten Sie mir nun noch einige Worte über die Pathogenese
der Rachitis. Die sorgfältigsten anatomischen, experimentellen und
chemischen Untersuchungen haben das Dunkel, welches dieselbe uragiebt,
noch keineswegs gelichtet, und die Ansichten der Autoren, welche sich
mit dieser Krankheit viel beschäftigt haben, differiren so erheblich von
einander, dass es bis jetzt unmöglich ist, sich ein sicheres Urtheil zu
bilden. Die Untersuchung des Blutes ergab durchaus keine wesentlichen
Veränderungen, denn eine geringe Abnahme der röthen, oder eine Zu-
nahme der weissen Körperchen kann nicht als etwas charakteristisches
betrachtet werden. Aber auch die Resultate der Harnanalysen zeigen
so wesentliche Verschiedenheiten, dass man nicht weiss, welchem Autor
man Recht geben soll. Während frühere Untersuchungen eine mehr oder
minder bedeutende Zunahme der Erdphosphate im rachitischen Harn
') Vergl. Parrot, Revue mensuelle. Oct. 1879.
Rachitis. 873
gefunden haben wollten, sprechen sich fast alle neueren Autoren gegen
die Vermehrung des Kalkgehaltes aus. Seemann1) fand sogar eine
beträchtliche Verminderung des Kalkes im Vergleich mit dem Harn
gesunder Kinder, während Baginsky2) keinen Unterschied in der Kalk-
ausscheidung zwischen Gesunden und Rachitischen constatiren konnte.
Ist dies richtig, so ergiebt sich schon daraus, dass der mangelhafte
Kalkgehalt der rachitischen Knochen nicht etwa, wie man früher an-
nahm, durch eine die Kalksalze lösende Säure (Milchsäure) bedingt sein
kann, in welchem Falle die Ausfuhr des Kalkes durch den Urin vermehrt
sein müsste, sondern lediglich durch verminderte Zufuhr von Kalk.
Da nun aber sowohl die Frauen-, wie die Kuhmilch, zumal letztere,
meistens ausreichende Mengen von Kalk enthalten, welche Seemann
sogar in der Milch zweier Mütter, deren Kinder deutliche Spuren von
Rachitis zeigten, nachwies, so kann der Grund des Kalkdefects im
Knochen nicht die Folge einer mangelhaften Kalkzufuhr durch die
Nahrungsmittel sein; vielmehr kann es sich hier nur um eine ver-
minderte Aufnahme der Kalksalze von Seiten der Digestions-
organe handeln, und dafür spricht auch der Umstand, dass die Faeces
dieser Kinder nach den Untersuchungen von Petersen3) und Ba-
ginsky mehr Kalk enthalten, als diejenigen gesunder Kinder von
gleichem Alter.
So weit stehen wir auf einem fast sicheren Boden. Alles aber,
was darüber hinausgeht, ist hypothetisch. Die Frage, weshalb die
Kalksalze von den Verdauungsorganen nicht in genügender Menge auf-
genommen und assimilirt werden, harrt noch ihrer Erledigung; denn
wenn es richtig ist, dass die Kalksalze der Kuhmilch nur zu 25 pCt.,
die der Frauenmilch aber zu 78 pOt verdaut werden (Uffelmann4)
und die nicht verdauten Reste mit den Fettsäuren im Darm unlösliche
Verbindungen eingehen, so muss man sich doch immer daran erinnern,
dass auch an der Mutter- oder Ammenbrust genährte Kinder oft genug
rachitisch werden. Die Theorie von Seemann und Zander3), dass es
sich um mangelhafte Bildung von Salzsäure im Magen handele, wodurch
die eingeführten Kalksalze nicht in genügender Menge zur Lösung und
Resorption kommen sollen, bleibt trotz ihrer gefälligen Begründung doch
') Zar Pathogenese und Aetiologie der Rachitis. Virchow's Arch. Bd. 67. 1879.
2) Ueber den Stoffwechsel in der Rachitis. Veröffentlichungen der Gesellschaft
für Heilkunde. Pädiatrische Section. Berlin, 1879.
3) Rehn, 1. c. S. 91.
4) Arch. f. klin. Med. 1881. S. 472.
s) Virchow's Arch. Bd. 83. S. 377.
874 Constitutionelle Krankheiten.
immer nur eine Hypothese, gegen welche ernstliche Bedenken geltend
gemacht worden sind '). Ob überhaupt die mangelhafte Kalkzufuhr zu
den Knochen für sich allein hinreicht, die für Rachitis charakteristischen
Verhältnisse der Knorpel und Knochen hervorzurufen, wie Roloff und
Seemann behaupten, ob zu dieser verminderten Kalkzufuhr noch eine
relativ zu grosse Bildung von Milchsäure oder anderen organischen
Säuren kommen muss, oder ob die Knochenaffecte erst durch einen
constitutionellen, auf die osteogenen Gewebe wirkenden Reiz hervor-
gerufen werden, wie Wegner2; nach seinen Versuchen annimmt, ist noch
eine offene Frage. Das anatomische Bild der Krankheit scheint aller-
dings die Anschauung zu rechtfertigen, dass es sich um einen irritativen
oder entzündlichen Process an den Wachsthumsstellen der Knochen,
Epiphysen und Periost, handelt, und mit besonderer Energie ist für diese
Anschauung Kassowitz3) eingetreten, der geradezu eine in Folge der
enormen Vascularisation eintretende mächtige Plasmaströmung auf die
Kalkbildung hindernd und einschmelzend wirken lässt. Die von Pommer4)
gegen diese „entzündliche" Theorie erhobenen Bedenken mögen nun be-
gründet sein, oder nicht, so scheint mir doch seine Hypothese von dem
ursprünglichen Sitz der Affection im Centralnervensystem weit mehr
in der Luft zu schweben. Ebenso wenig finde ich für die Ansicht von
Oppenheimer3), nach welcher es sich um eine Malariainfection handeln
soll, in meinen Beobachtungen auch nur die geringste Stütze. Da nun
auch der Streit um die Beziehungen der Rachitis zur Osteomalacie,
so wie über das Vorkommen einer besonderen infantilen Form der letz-
teren noch immer seiner Erledigung6) harrt, so wird man am besten
thun, vorläufig auf Erklärungen zu verzichten und weitere Untersuchungen
ahzuwarten. Erwähnt sei noch der unserer Zeit entsprechende Befund
von Eitercoccen in den Knochen1), deren Bedeutung fraglich ist.
Unter diesen Umständen waren wir bisher nicht in der Lage, der
Behandlung eine wahrhaft wissenschaftliche Grundlage zu geben; erst
Kassowitz hat, wie wir gleich sehen werden, mit seiner Empfehlung des
Phosphors, einen Versuch dazu gemacht, dessen Resultate freilich nicht
') Baginsky, Virchow's Archiv. Bd. 87.
2) Ibid. Bd 55.
3) Die Pathogenese der Rachitis. Wien, 1885.
4) Untersuchungen über Osteomalacie und Rachitis. Loipzig, 1885.
3) Oppenheimer, Archiv f. klin. Med. XXX. Heft 1 u. 2.
6) Rehn, Jahrb. f. Kinderheilk. XIX. 1882. Heft 3. — Kassowitz, Ibid.
430. — Pommer, 1. c.
7) Mircoli, Giornale della r. Acad. di med. 1892. No. 2.
Kachitis. 875
gleichmässig befriedigend ausgefallen sind. Zunächst sei bemerkt, dass
ich selbst mit der durch alte Erfahrungen bewährten Praxis noch immer
gut ausgekommen bin. Dass sowohl für die Prophylaxe, wie für die
eigentliche Therapie zweckmässige Diät und andere hygienische Maass-
regeln besonders wichtig sind, ist selbstverständlich, und man kann nur
bedauern, dass diese nur in den verhältnissmässig selteneren Fällen
ausführbar sind, wo die Krankheit sich bei Kindern wohlhabender Leute
zeigt. In der unendlich grösseren Zahl der Fälle scheitern die hygie-
nischen Anordnungen an der Ungunst der Verhältnisse. Nahrhafte, leicht
verdauliche Kost (Milch, Bouillon, Eier, Wein, später Fleisch), Genuss
der frischen Land- oder Seeluft, Aufenthalt in trockenen sonnigen Räumen,
sorgfältige Hautcultur durch lauwarme Bäder, alle diese nicht nur
prophylaktisch, sondern auch für die Cur der schon entwickelten Krank-
heit bedeutungsvollen Momente bleiben oft nur fromme Wünsche. Ganz
widersinnig scheint mir das Verbot der Milch, welches sich auf einigen
unzuverlässigen Versuchen über den schädlichen Einfiuss der Milchsäure
gründet und uns eines für den Säugling vorzugsweise geeigneten Nahrungs-
mittels berauben würde. Trotz der Ungunst der äusseren Verhältnisse
kommt aber doch in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle die Heilung
der Rachitis zu Stande, wenn nicht etwa Tuberculose oder eine andere
Complication dazwischen tritt oder die allgemeine Cachexie einen zu
hohen Grad erreicht hat. Ich beginne die Cur in der Regel mit leichten
Eisenpräparaten, zumal der Tinctura ferri chlorati, zu 8—10 gtt.
3 mal täglich; sollte dieselbe, wie ich bisweilen beobachtete, Diarrhoe
erzeugen, so ersetze ich sie durch Ferrum lacticum, reductum (0,03 bis
0,05 2 mal täglich), oder ein anderes Eisenpräparat (Ferrum dialysatum,
peptonatum u. s. w.). Selbstverständlich müssen die Verdauungsorgane,
um das Eisen zu vertragen, sich im guten Zustande befinden. Sollte
daher Anorexie, Zungenbelag, Verstopfung oder Diarrhoe vorhanden sein,
so müssen zuvor Salzsäure, dann leichte Amara, besonders Tinctura rhei
vinosa (10 — 12 gtt. 4 mal täglich) gegeben werden, welche letzteren
man auch mit dem Eisen combiniren kann Einen um den anderen Tag
lasse man das Kind ein lauwarmes Bad mit Zusatz von Salz (S. 852)
oder Malzabkochung, oder von einem Aufguss aromatischer Kräuter
(Kamillen, Kalmus etwa eine Handvoll) nehmen, und sowohl im Bade,
wie auch sonst mehrmals täglich die unteren Extremitäten mit Flanell
reiben und kneten, um die schlaffe Musculatur anzuregen. Gegen die
profusen Seh weisse am Hinterhaupt mache man fleissig kalte Waschungen
desselben und wo erweichte Stellen im Os oeeipitis vorhanden sind,
suche man nach Elsässer's Vorschlag durch Lagerung des Kopfes in
876 Constitutione^ Krankheiten.
ein mit einem Loch versehenes Rosshaarkissen die betreffende Partie
möglichst gegen Druck zu schützen. Um aber Krümmungen der Wirbel-
säule und Infractionen der unteren Extremitäten möglichst zu verhüten,
lasse man kleine rachitische Kinder nicht ohne Stütze aufrecht sitzen,
sondern auf einer harten Matratze liegen, in einem mit derselben ver-
sehenen Kinderwagen spazieren fahren und nur mit grosser Vorsicht Steh-
und Gehversuche machen.
In einer sehr grossen Zahl von Fällen kam ich mit dieser Behand-
lung binnen wenigen Monaten zum Ziel; nicht selten sah ich sogar schon
nach einigen Wochen die Kinder Versuche machen, sich auf ihre Füsse
zu stellen und Bewegungen vorzunehmen. In einer anderen Reihe von
Fällen hingegen, wo die Cur bei dieser Behandlung keine Fortschritte
machte, konnte ich mich von der vielfach gerühmten Wirkung des
Leberthrans in der That überzeugen. Ich gebe denselben immer nur
in der kühleren und kalten Jahreszeit, vorzugsweise bei mageren Kindern,
und niemals mehr als 2 Kinderlöffel täglich, entweder für sich allein,
oder auch in Verbindung mit Eisenpräparaten. Von der Anwendung der
Kalksalze, welche nach dem über die Pathogenese Gesagten (S. 873)
von vorn herein Misstrauen erwecken muss, habe ich nie einen Erfolg
gesehen und dieselbe daher längst aufgegeben. Trotz der neuen Empfeh-
lung Cantani's1) muss ich bei diesem Urtheil stehen bleiben. Was
den Gebrauch des Phosphors betrifft, welcher von Kassowitz2) mit
grossen Lobpreisungen eingeführt und durch Hinweisung auf die Wegner -
schen Experimente wissenschaftlich begründet wurde, so will ich zugeben,
dass die sehr kleinen Dosen, welche der Autor anwendet (0,0005 — 0,001
täglich in Leberthran oder Ol. Oliv.) fast niemals nachtheilig
wirken, aber die zahlreichen in meiner Poliklinik3) und auch mehrere
auf meiner Abtheilung angestellte Versuche ergaben wenigstens keinen
Vorzug dieser Methode vor der von mir oben empfohlenen. Da sich
aber eine ansehnliche Zahl bewährter Autoren für die günstige Wirkung
der Phosphortherapic ausgesprochen hat, habe ich keine Veranlassung,
dieselbe zu widerrathen, sobald sie nur in der von ihrem Urheber an-
') Spec. Pathol. u. Ther. der Stoffwechselkrankheiten. Bd. IV. Uebersetzt von
Fränkel. Leipzig, 1884.
2) Zeitschr. f. klin. Med. Bd. VII. Heft 2. Phosphor 0,01 : Ol. Oliv. 100,0,
oder Phosphor 0,01 mit Lipanin 30, Sacch. alb und Pulv. Gummi arab. ana 15,
Aq. dest. 40,0 f. Emulsio, täglich ein Theelöffel; oder Phosphor 0,2:01. Oliv. 100,0.
Von dieser Mischung 5,0 zu 95,0 Leberthran. (Kassowitz, Wiener med. Wochen-
schrift. 1889. No. 28 ff.).
3) Schwechten, Berliner klin. Wochenschr. 1884. No. 52.
Rachitis. 877
geordneten vorsichtigen Weise vorgenommen wird. In dem noch immer
hin und her wogenden Streite muss ich mich aber auf die Seite derer
stellen, welche den Phosphor nicht als Specificum gegen Rachitis
anerkennen.
Die Deformitäten der Glieder, welche durch Curvaturen und In-
fractionen der Knochen bedingt werden, erfordern in den leichteren Gra-
den keine besondere Behandlung, da sie sich nach erfolgter Heilung
mit der Zunahme des Wachsthums und der Körperfülle mehr und mehr
ausgleichen und dem Auge entziehen. Ueberhaupt möchte aber, trotz
mancher gegentheiligen Behauptung, keine orthopädische Behandlung und
kein Schienenverband im Stande sein, bereits consolidirte Knickungen
und die daraus entspringenden Deformitäten zu beseitigen; nur im
frischeren Zustande, wo der Knochen noch weich und biegsam ist, lässt
sich von diesem Verfahren (Redressement) etwas erwarten. Wohl aber
müssen Verbände und Stiefeichen, die mit passenden Apparaten versehen
sind, oft da in Anwendung kommen, wo in Folge einer stärkeren Krüm-
mung des unteren Theils der Tibia die Kinder, wie beim Pes varus, mit
dem äusseren oder inneren Fussrande auftreten. Ebensowenig kann
Orthopädie und Gymnastik entbehrt werden, wo es sich um rachitische
Krümmungen der Wirbelsäule handelt. Um die Deformität des Thorax
zu vermindern oder ganz zu beseitigen, sind in unserer Zeit Einathniun-
gen comprimirter Luft und „pneumatische Wannen" (Hauke u. A.)
empfohlen worden, in deren luftverdünntem Raum die Kinder täglich
einige Zeit belassen werden. Ich selbst habe dies Verfahren noch nicht
in Gebrauch gezogen, doch fordern einzelne Erfolge zur Fortsetzung der
Versuche auf).
Die Therapie der consolidirten Knickungen der Extremitäten, des
Genu valgum u. s. w., fällt in das Gebiet der Chirurgie, welche hier
durch dreiste Eingriffe, Wiederbrechen der geheilten Knickungen, Gyps-
verband, Osteotomie u. s. w., grosse Erfolge aufzuweisen hat.
') Kaulich, Prager med. Wochenschr. No. 2. 1880. — v. Laszewski, Zur
pneuniat. Therapie im Kindesalter. Dissertation. Halle, 1886. — Ungar, Therap.
Monatshefte. Januar 1889. — Füth, Jahrb. f. Kinderheilk. XXX. 260.
878 Krankheiten der Haut.
Zehnter Abschnitt.
Krankheiten der Haut.
Die äussere Haut wird im Kindesalter überaus häufig der Sitz
krankhafter Zustände. Da sie aber sowohl in anatomischer, wie in kli-
nischer Beziehung mit denen des späteren Lebensalters fast durchweg
übereinstimmen, so kann ich mich hier auf die Betrachtung derjenigen
Affectionen beschränken, welche bei Kindern überwiegend häufig beob-
achtet werden, oder sich durch gewisse Eigenthümlicbkeiton auszeichnen.
Zunächst muss ich eine Frage berühren, welche von jeher die Aerzte
wegen ihrer eminenten praktischen Bedeutung beschäftigt und die wider-
sprechendsten Beantwortungen gefunden hat. Ich meine die Metasta-
sen der Hautkrankheiten. Unter diesem Namen verstanden die alten
Aerzte das rasche Verschwinden einer Hautaffection und die darauf fol-
gende Entwickelung einer inneren oder äusseren Krankheit, welche man
von dem Zurückweichen des , Krankheitsstoffes" von der Hautoberfläche
nach innen abhängig machte und dadurch heilen wollte, dass man die
versiegte Absonderung auf der Haut wieder hervorzurufen versuchte.
Unsere Zeit will von diesen Metastasen nichts mehr wissen; insbesondere
sprach sich He bra mit Entschiedenheit gegen dieselben aus und fürchtete
demgemäss von der raschen Unterdrückung der Hautleiden durchaus keine
Nachtheile für den Gesammtorganismus. In der That ist in diesem Ge-
biete früher vieles falsch gedeutet worden: man übersah z. B., dass nicht
selten die Sache sich gerade umgekehrt verhält, dass nämlich die Haut-
krankheit verschwinden kann, weil eine innere Krankheit sich ausbildet.
So trocknen chronische Kopfausschläge ein, wenn Meningitis sich ent-
wickelt, ebenso wie dabei die Nasenschleimhaut trocken wird, eine
Otorrhoe versiegt und Drüsenanschwellungen sich schnell zurückbilden
können. Dies alles sind unbestreitbare Thatsachen. Andererseits ergab
die Beobachtung, dass von eiternden Kopfausschlägen aus die entzünd-
liche Reizung sich durch Phlebitis oder Thrombose der kleinen Haut-
und Knochenvenen bis in's Innere des Schädels fortsetzen und hier zu
gefährlichen Erscheinungen Anlass geben kann. Trotz alledem hat die
Lehre von den Metastasen auch heut noch ihre Anhänger. In der That
Intertrigo. 879
hat man zu bedenken, dass Hospitalbeobachtungen hier lange nicht den
Werth beanspruchen können, welcher ihnen sonst zukommt, weil die
kleinen Patienten nach der Heilung ihrer Ausschläge aus den Kliniken
entlassen werden und das spätere Schicksal der Meisten dem Arzte
völlig unbekannt bleibt. Ich halte daher die Privatpraxis für die Lö-
sung dieser Frage für bei weitem geeigneter, und kann nicht leugnen,
dass ein paar vorurtheilsfrei beobachtete Fälle, in welchen auf die
künstliche Suppression eines chronischen Kopfausschlags fast unmittel-
bar eine intensive exsudative Pleuritis, Bronchitis oder Diarrhoe folgte,
mit dem spontanen Wiedererscheinen des Ausschlags aber sofort auffallende
Besserung eintrat '), mich in der absoluten Negirung der Metastasen vor-
sichtiger gemacht haben. Dazu kamen später noch zwei, ganz junge
Kinder betreffende Fälle, in welchen 8—10 Tage nach der raschen Hei-
lung eines Eczema capitis et faciei Oonvulsionen mit letalem Ausgang
eintraten. Ich weiss sehr wohl, dass diese vereinzelten Beobach-
tungen keineswegs entscheidend sind, dass sie vielmehr nur das Resultat
eines Zufalls sein können; trotzdem machten sie auf mich einen tiefen
Eindruck, und regten das längst verschwundene Bedenken wieder an, ob
nicht durch plötzliches Versiegen einer längere Zeit bestehenden, ausge-
dehnten eiterigen oder serös-purulenten Absonderung plötzlich Hyperämie
mit ihren Folgen in anderen Theilen entstehen könne. Diese Mög-
lichkeit glaube ich bei der Behandlung solcher Exantheme nicht aus
den Augen verlieren zu dürfen, und werde bei der Therapie des Eczems
darauf zurückkommen.
I. Erythem und Intertrigo.
Unter den Hautkrankheiten, welche das Kindesalter, besonders die
ersten Lebensjahre darbieten, ist das Erythem eine der häufigsten.
Dasselbe charakterisirt sich durch eine kleinere oder grössere Zahl auf
den verschiedensten Hautstellen, auch im Gesicht, zum Vorschein kom-
mender rother Flecken von verschiedener Grösse und Form; die kleineren,
linsen- bis erbsengrossen, von rundlicher Gestalt, werden auch wohl als
Roseola, die grösseren, unregelmässig geformten und über grössere
Flächen ausgedehnten speciell als Erythem bezeichnet. Zuweilen geht
die Hyperämie mit einer geringen Exsudation einher, wodurch die rothe
Hautstelle, sei es in ihrer Totalität oder an einzelnen Stellen, zumal an
den Rändern infiltrirt und etwas erhaben erscheint. So entstanden viele
Varietäten unter dem Namen des Erythema nodosum, papulosum, mar-
') Berliner klin. Wochenschr. 1864. No. 5.
880 Krankheiten der Haut.
ginatum, annulare, welche mit den bei Erwachsenen vorkommenden For-
men übereinstimmen, auch bisweilen in Verbindung mit kleinen Blut-
extravasaten oder mit urticariaartigen Quaddeln auftreten (E. urticatum).
Der Ausbruch des Exanthems erfolgt mitunter, aber keineswegs immer,
mit fieberhaften Erscheinungen (allgemeinem Unwohlsein, Anorexie,
Pulsbeschleunigung und erhöhter Temperatur), welche indess mit der
vollendeten Eruption in der Eegel ihr Ende erreichen. Der Ausschlag
besteht dann bei völligem Wohlbefinden noch mehrere Tage fort, worauf
er allmälig erblasst und endlich spurlos oder mit geringer Desquama-
tion verschwindet. Diese bisweilen stark juckenden und daher zum Kratzen
reizenden Ausschläge kommen besonders in den Frühjahrsmonaten vom
März bis Mai häufig bei Kindern vor. Ueber die Ursachen konnte ich
fast nie in's Klare kommen; nur ein paar Mal, z. B. bei einem 10 Mo-
nate alten, seit zwei Wochen entwöhnten Kinde, trat ein mit starkem
Jucken einhergehendes Erythema papulatum und nodosum im Gefolge
eines durch Diätfehler entstandenen Brechdurchfalls auf. Besonders
häufig beobachtete ich bei Kindern Erythema nodosum, meistens be-
schränkt auf die unteren Extremitäten, in Form grösserer, an ihrer Spitze
gerötheter Knoten, welche nach 2 — 3 Tagen verschwanden und einer
bläulichen oder bräunlichen Pigmentirung (Resten von Blutfarbstoff) Platz
machten. Zuweilen war dieser Ausschlag von massigem Fieber, Oedem
der Augenlider, der Hand- und Fussrücken, öfters auch von rheumatoiden
Schmerzen in den Fuss-, Knie-, selbst Handgelenken begleitet. Leichte
Desquamation wurde wiederholt beobachtet.
Das Erythem kann, wenn es fieberhaft auftritt, mit Masern, und
in mehr diffuser Form auch mit Scharlach verwechselt werden. Das
massige Fieber, der Mangel der charakteristischen Angina und der rasche
Verlauf ohne darauf folgende lamellöse Desquamation sind ausreichend,
es von Scharlach zu unterscheiden; dennoch erinnere man sich, dass
bisweilen Fälle von sehr leichter Scarlatina (S. 657) vorkommen, in
welchen die Diagnose keineswegs leicht ist und erst nach dem Eintritt
der charakteristischen Abschuppung mit Sicherheit gestellt werden kann.
Mancher Fall von wiederholtem Auftreten der Masern oder des Scharlach
bei einem und demselben Kinde mag in einer Verwechselung mit Ery-
them begründet sein, denn gerade im Eeconvalescenzstadium dieser In-
fectionskrankheiten sah ich wiederholt solche Erytheme auftreten, theils
in diffuser Form, theils mit Urticaria vermischt, mehr oder weniger über
den Körper verbreitet, und bisweilen von hohem Fieber (bis 40,0) be-
gleitet. Aber schon nach 24—36 Stunden pflegt der Ausschlag und mit
ihm das Fieber verschwunden zu sein. Contagiosität ist den Roseola-
Intertrigo. 881
und Erythemformen nicht eigen; wohl aber sind sie einer gewissen epi-
demischen Verbreitung fähig. Eine Behandlung ist fast niemals
nöthig; nur bei fieberhaften Prodromen halte man die Kinder im Bette.
Da ernstere Symptome irgend einer Art bei den von mir beobachteten
Ausschlägen dieser Form nie vorhanden waren, bedurfte es auch keiner
weiteren Therapie.
Abgesehen von den hierher gehörigen Ausschlägen, welche als Be-
gleiter allgemeiner fieberhafter Krankheiten, des Rheumatismus, des
Malariafiebers, des Typhus, der Pyämie, der Diphtherie, oder in Folge
arzneilicher Einflüsse (Chinin, Antipyrin, Chloral u. s. w.) sowohl
bei Kindern wie bei Erwachsenen vorkommen, sehen wir oft in der Um-
gebung wunder oder geschwüriger Hautstellen Erytheme auftreten,
z. B. um die Vaccinepusteln herum, wobei der ganze Arm sich röthen
und anschwellen kann, oder wie ich öfters beobachtete, in der Umge-
bung ezcematöser Hautpartien, Erytheme, welche sich von dem unter
gleichen Umständen auftretenden Erysipelas durch ihre mehr fleckige
Form, durch den Mangel der Tendenz zum Weiterwandern und des Fie-
bers unterscheiden. Einfache Fomentationen mit Bleiwasser reichen fast
immer zur Beseitigung dieser Erytheme aus, die eben nur als reine Haut-
entzündungen, nicht als infectiöse Erkrankungen, wie Erysipelas, zu be-
trachten sind.
Diesen Zuständen reihen sich die entzündlichen Affectionen der Haut
an, welche durch directe Reizung derselben (Druck, chemische Reize)
zu Stande kommen und unter dem Namen Intertrigo beschrieben wer-
den. Bei sehr vielen Kindern im Säuglingsalter, besonders solchen, welche
nicht gehörig gepflegt werden, sehen wir am Anus, an den Genitalien,
der inneren Schenkelfläche, in Folge des Contacts mit Urin und Excre-
menten mehr oder weniger ausgebreitete, heller oder dunkler geröthete
Erytheme auftreten, oft auch an den Fersen und an der hinteren
Fläche der Ober- und Unterschenkel, welche sich bei der Rückenlage
stets mit durchnässten Windeln in Contact befinden, oder auch an Stellen,
wo Hautfalten sich gegenseitig berühren, wie in den Inguinalgegenden,
am Halse, am oberen Theil der Brust, unter den Achseln, im Nacken,
hinter den Ohren, in den Ellenbogenbeugen. Bei manchen Kindern, auch
bei gut gepflegten, besteht eine entschiedene Tendenz zu Intertrigo,
welche sich dann, und zwar um so eher wenn die gehörige Reinlichkeit
verabsäumt wird, über grosse Strecken der Haut, z. B. über die
ganze untere Körperhälfte, mitunter auch über den Rücken, den Bauch,
ja über den ganzen Körper verbreitet. Dabei sieht man bisweilen kleine
Eczembläschen oder dunkelrothe Papeln hie und da auf der gerötheten
Hcuoch, Vorlesungen über Kiuderkrankheiten. 7. Aull, 56
882 Kankheiten der Haut.
Haut aufschiessen, und die letztere oft eine feuchte glänzende und kleb-
rige Beschaffenheit annehmen, indem das Erythem sich zu Dermatitis
steigert, und die Epidermis durch seröse Exsudation erweicht und ma-
cerirt wird, so dass ein grosser Theil des Körpers dunkelroth glänzend,
wie geschunden aussehen kann. Dasselbe geschieht auch nicht selten
bei der auf die oben genannten Hautfalten beschränkten Intertrigo, und
es können hier nach Abstossung der Epidermis gelblichgraue, unregel-
mässige, mehr oder weniger tief dringende Ulcerationen inmitten der
gerötheten Haut zu Stande kommen, die beim Sitz um den Anus und
die Genitalien leicht zur irrigen Annahme von Syphilis führen. Dem-
selben Irrthum ist der Unerfahrene in solchen Fällen ausgesetzt, wo die
um den Anus und auf den Nates entwickelte Intertrigo mit grösseren
Papeln vermischt auftritt, deren abgestumpfte, ihrer Epidermis beraubte
Spitzen als rothe oder gelbröthliche Excoriationen erscheinen, und in der
That eine gewisse Aehnlichkeit mit exulcerirten breiten Condylomen dar-
bieten können. In einzelnen Fällen sah ich die Hautentzündung tiefer
eindringen, und besonders am Halse Phlegmone und Abscessbildung
zur Folge haben. Alle diese Intertrigoformen kommen zwar auch bei
Kindern wohlhabender Familien bisweilen vor, ungleich häufiger aber bei
den atrophischen verwahrlosten Kindern der Armen. Mangel der Rein-
lichkeit, Aufenthalt in überfüllten dumpfen Räumen, unzureichende oder
unzweckmässige Nahrung, Kälte u. s. w. vereinigen sich hier, um einen
Zustand zu schaffen , welchen man passend mit dem Namen der
Cachexia pauperum bezeichnet. Bei solchen Kindern sehen wir die
Intertrigoformen am häufigsten sich über einen grossen Theil des Körpers
verbreiten. Durch ein unter die Epidermis gesetztes seröses Exsudat
kann die letztere abgehoben werden, und bildet dann nur noch Fetzen
und Lappen auf der rothen, feucht glänzenden Cutis, ähnlich wie bai
umfangreichen Verbrennungen, während in anderen Fällen die rothe, aber
trockene Haut mit massenhaft abgestossenen graugelblichen Lamellen,
welche aus Epidermis und Sebum bestehen, überall bedeckt erscheint.
Diese Fälle können, ebenso wie ausgedehnte Verbrennungen, durch
Combination mit Pneumonie oder Diarrhoe einen tödtlichen Ausgang
nehmen.
Die Behandlung der Intertrigo erfordert vor allem die grösste
Reinlichkeit, häufigen Wechsel der Wäsche, Abwaschungen der Geni-
talien und der Umgebung des Anus nach jeder Urin- und Kothentleerung,
sehr häufiges Bepudern der gerötheten Partien mit einem Puder von
gleichen Theilen Zinc. oxydat. alb. und Amylum, und Entfernung der
sich berührenden gerötheten Hautfalten von einander durch dazwischen
Lichen-Strophulus. 883
gelegte, mit einem Unguent. Zinci oder saturnin. bestrichene Charpie
oder Leinwand. Ich benutze zu diesen Salben statt der gewöhnlichen
Fette, welche leicht ranzig werden und dann noch mehr reizen, immer
reines Vaselin oder Lanolin, welches auch ohne Zusatz eingerieben
werden kann. Warme Bäder wirken leicht reizend; man lasse daher
höchstens mit 26° und einem Zusatz von Kleie, Leim oder Bolus alba
(50 bis 100,0) baden. Bei sehr ausgedehnter Intertrigo leisteten mir
Bäder mit Sublimat (1,0), auch wo keine Lues zu Grunde lag, bis-
weilen gute Dienste, während bei hartnäckiger auf den Anus und die
Genitalien beschränkter Intertrigo tägliche Bepinselungen mit einer Lö-
sung von Argent. nitricum (1:50) oder Sublimat (0,05:100') guten Er-
folg hatten.
IL Lichen-Strophulus und Prurigo.
A. Lichen-Strophulus. Diese im Kindesalter ungemein häufig
vorkommende Hautaffection charakterisirt sich durch zahlreiche, an ver-
schiedenen Hautstellen, im Gesicht, auf dem Rücken, den Extremitäten
aufschiessende discrete, seltener auf einer leicht gerötheten, etwas infil-
trirten Basis gruppenförmig beisammenstehende, hell- oder dunkelrothe,
zum Theil von einem Haar durchbohrte Knötchen, bald von so geringer
Grösse, dass sie durch das Gefühl besser als durch das Auge wahr-
genommen werden, bald umfangreicher, selbst den Durchmesser einer
halben Erbse erreichend. Meistens, aber nicht immer, findet dabei leb-
haftes Jucken statt, wobei die Papeln von den Kindern blutig gekratzt
werden. Ist der Ausschlag nur spärlich, so wird das Allgemeinbefinden
nicht wesentlich gestört, während bei reichlicher oder gar über den
grössten Theil des Körpers ausgebreiteter Eruption durch das Jucken
Schlaflosigkeit und grosse Unruhe entstehen können. Ein Theil der
Papeln schwindet unter allmäliger Erblassung durch Resorption; andere
zeigen auf ihrer Spitze ein unscheinbares Bläschen oder ein Eiterpünkt-
chen, welches eintrocknet und schliesslich dünne Schüppchen auf den
sich verkleinernden Papeln zurücklässt. Nachschübe kommen häufig
vor, so dass der Ausschlag mit abwechselnder Besserung und Ver-
schlimmerung Wochen und Monate fortbestehen kann, bis endlich Heilung
erfolgt.
In der Periode der ersten Dentition werden diese papulösen Aus-
schläge am häufigsten beobachtet und daher von Vielen als Folgen der
Zahnreizung, d. h. einer von den Zahnnerven aus reflectorisch angeregten
!) Wertheiuiber, Berliner klin. Wochenschr. 1878. No. 15.
56"
884 Krankheiten der Haut.
Angioneurose betrachtet. Die Bezeichnung „Strophulus" gilt namentlich
für diese Formen. Unter den örtlichen Reizen, welche diese Haut-
affection veranlassen können, hebe ich den Einfluss der Sonnenstrahlen
und der Hitze hervor, welche neben einem Bläschenausschlag (Eczema
solare) nicht selten auch eine Fülle äusserst kleiner rother Papeln im
Nacken, auf dem Rücken, der Brust und im Gesicht hervorrufen. In
sehr vielen Fällen bleibt aber die Ursache dieser Ausschläge durchaus
unbekannt; eine Beziehung zu krankhaften Zuständen innerer Organe
lässt sich nicht nachweisen, und die Annahme einer scrophulösen
Grundlage entbehrt fast immer der Begründung. Der Umstand, dass
man diese Eruptionen bei armen Kindern ira Allgemeinen häufiger als in
den bemittelten Ständen beobachtet, spricht dafür, dass auch hier un-
günstige hygienische Verhältnisse, zumal mangelhafte Hautcultur, nicht
ohne Einfluss sind.
Die Behandlung des Lichen-Strophulus beschränkt sich bei hef-
tigem Jucken auf lauwarme Bäder mit einem Zusatz von Kleie oder
Seife. Auch 2 mal täglich wiederholte Waschungen mit einer (1 — 2 pCt.)
Carbolsäurelösung sind als reizmildernd zu empfehlen. Innere Mittel
haben, soweit meine Erfahrung reicht, keinen Einfluss auf das Hautleiden,
und ihre Anwendung ist um so nutzloser, als das letztere in den meisten
Fällen nach einer gewissen Zeit von selbst schwindet. Bei weitem un-
günstiger in Bezug auf die Heilung verhält sich
B. Prurigo, deren von Hebra treffend entworfenes Bild ich sehr
häufig schon bei Kindern in den ersten Lebensjahren zu beobachten
Gelegenheit hatte. Damit stimmt auch die Ansicht des eben genannten
Autors überein, dass weitaus die meisten Fälle von Prurigo sich bis
auf das Kindesalter zurückführen lassen. Die Erscheinungen weichen
von den bei Erwachsenen beobachteten in keiner Weise ab; auch bei
Kindern finden wir die theils blassen, theils mit einem durch Aufkratzen
entstandenen dunklen Blutpunkte bedeckten Prurigopapeln vorzugsweise
auf den Streckseiten der Extremitäten, während die Beugeseiten frei
oder nur wenig befallen sind, gleichzeitig aber auch auf dem Bauch,
dem Rücken, der Brust. Das anhaltende heftige Jucken reizt die Kinder
zum Kratzen, und diesem mechanischen Insult müssen wir die
weiteren Hautveränderungen zuschreiben, welche sich allmälig im
Verlauf der Prurigo entwickeln, eczematöse Ausschläge, Rauhheit und
Verdickung der Haut, Veränderungen, welche das ursprüngliche einfach
papulöse Bild wesentlich modificiren können. Auch die von Hebra
hervorgehobene ungewöhnlich starke Schwellung der Lymphdrüsen in
der Inguinalgegend und über den Adductoren der Oberschenkel
Eczema. 885
vermisste ich bei Kindern fast niemals. Das Allgemeinbefinden ist dabei
ungestört, nur kann die Störung der nächtlichen Ruhe schliesslich das
gute Aussehen beeinträchtigen, und zwar um so mehr, als Prurigo
immer ein sehr chronisches Uebel darstellt, Jahre lang mit geringen
Unterbrechungen fortdauert, und der Heilung fast immer hartnäckig
widersteht.
Bei einigen an Prurigo leidenden Kindern beobachtete ich gleich-
zeitig oder als Vorläufer dieses Hautleidens den Ausbruch kleiner Pem-
phigus blasen, welche einmal in ziemlich bedeutender Menge der
Prurigo vorausgingen, in anderen Fällen nur spärlich von Zeit zu Zeit
zwischen den Papeln aufschössen. Auch bei einem alten Manne, welchen
ich im Sommer an einem acuten Pemphigus von enormer Ausbreitung
und achtwöchentlicher Dauer behandelt hatte, sah ich während des
Herbstes und des darauf folgenden Winters stark juckende Prurigopapeln,
an denen er früher nie gelitten hatte, an verschiedenen Körperstellen
hervorbrechen.
Die Aetiologie war in allen Fällen dunkel. Weder erbliche
Anlage, noch tuberculöse Basis, auf welche Hebra Werth legt, Hess
sich mit Sicherheit nachweisen. In der Behandlung hatte ich ebenso
wenig Glück, wie Andere, denn nur in einem einzigen Falle, welcher
einen 9jährigen Knaben betraf, erzielten wir eine mehrjährige Heilung,
während die ebenfalls an Prurigo leidende Schwester immer wieder mit
Recidiven in die Klinik kam. Tägliche Abreibungen des Körpers mit
Sapo viridis im lauen Bade, später die in derselben Weise zur Anwen-
dung kommende Vleminx'sche Lösung von Kalkschwefel (F. 47),
schienen in diesem Falle heilsam gewesen zu sein, während dieselben
Mittel in anderen Fällen ebenso wenig leisteten, wie der innere Gebrauch
des Arseniks.
Schliesslich mache ich Sie darauf aufmerksam, dass veraltete
Scabies bei oberflächlicher Untersuchung, wenn man nicht sofort
deutliche Milbengänge entdeckt, mit Prurigo verwechselt werden kann.
An diese Möglichkeit haben Sie immer zu denken, und zwar nicht bloss
in der Armenpraxis. Wiederholt beobachtete ich Scabies bei Kindern
aus guten Familien, und zwar schon im ersten Lebensjahr und unter
Umständen, welche jede Möglichkeit einer lnfection auszuschliessen
schienen wo daher die Demonstration eines Acarus nicht geringen
Schrecken erregte.
III. Eczema und Impetigo.
Unter allen Hautaffectionen des Kindesalters nehmen in Bezug auf
Häufigkeit die vesiculösen und pustulösen Formen die erste Stelle ein.
886 Krankheiten der Haut.
Durch eiterige Umwandelung des Vesikelinhalts geht das Eczem in Im-
petigo über, dessen Pusteln zugleich grösser werden und nach dem Zer-
platzen durch Vertrocknung dickere honiggelbe Borken zu bilden pflegen.
Sehr häufig sieht man Bläschen, Pusteln und deren Residuen mit ein-
ander vermischt auf einer und derselben Hautstelle (Eczema impe-
tiginosum).
Schon während des Säuglingsalters, ja nicht selten bereits wenige
Wochen nach der Geburt, tritt der Ausschlag, vorzugsweise im Gesicht,
sehr häufig auf, und ist hierunter dem Namen „Milchschorf, Crusta
lactea" auch den Laien wohlbekannt. In der exquisiten Form desselben
sieht man Stirn, Wangen, Nase, Oberlippe und Kinn mit einer mehr
oder minder zusammenhängenden, oder durch Intervalle einer rothen,
exeoriirten Haut hie und da unterbrochenen Borke von grünlich- oder
schwarzbrauner Farbe wie mit einer Maske bedeckt, aus welcher die
Augen des Kindes klar herausschauen. An einzelnen Stellen ist die
Borke heruntergekratzt, und das aus der exeoriirten Haut aussickernde
Blut zu dunklen Schorfen geronnen. Bei genauerer Untersuchung ent-
deckt man bisweilen noch im Umkreise der Borke oder auf den von
derselben frei gebliebenen Hautstellen kleine, auf rother Fläche einzeln
oder gruppenförmig beisammenstehende Bläschen und kleine Pusteln,
deren vertrocknetes Secret die Borke bildete. Abgesehen von dem
lästigen Jucken befinden sich die meisten dieser Kinder vollkommen
wohl und haben sogar ein blühendes, wohlgenährtes Aussehen; doch
pflegen die benachbarten Lymphdrüsen unter dem Kieferwinkel und dem
Kinn durch Vermittelung der Lymphgefässe leicht anzuschwellen. Die
Dauer des Ausschlags ist sehr verschieden. In der Regel besteht er
mit abwechselnder Besserung und Verschlimmerung mindestens 6 bis
8 Wochen, oft auch viele Monate und selbst Jahre lang zur grössten
Beunruhigung der besorgten Eltern fort. Während des Bestehens einer
acuten Krankheit, z. B. einer Pneumonie oder stärkerer Säfteverluste,
zumal profuser Diarrhoe, sieht man den Ausschlag nicht selten ab-
trocknen, aber nach der Heilung jener intercurrenten Krankheiten von
neuem zum Vorschein kommen. Die Heilung erfolgt endlich durch
Erlöschen der eczematösen Eruption und des von der wunden Ober-
fläche abgesonderten serösen Secrets, worauf die überliegenden Borken
vertrocknen, abfallen und eine rothe Haut ohne Spur von Narben hinter-
lassen. '
In einer Reihe von Fällen dieser Art verbreitet sich das Eczem
des Gesichts über die behaarte Kopfhaut, das äussere Ohr, in das
Innere der Ohrmuschel und in den Eingang der Nase, erstreckt sich auch
Eczema. 887
wohl bis auf das untere Augenlid, und giebt dann leicht zu Entzündung
der Conjunctiva palpebralis Anlass, welche auch auf die Cornea über-
gehen kann.
Die Ursachen der Orusta lactea sind dunkel. Die Annahme einer
„scrophulösen" Constitution ist meistens willkürlich, doch steht fest,
dass die Affection in manchen Familien erblich ist, so dass fast alle
Kinder derselben, sogar durch Generationen hindurch, während des
Säuglingsalters an Eczema faciei leiden. Auch der Ernährung, zumal
der zu fetten Milch einer dem zarten Alter des Kindes nicht mehr
angemessenen Amme, wird das Hautleiden zugeschrieben, wofür aber
der Beweis, d. h. die Heilung durch Ammenwechsel, nur ausnahmsweise
beizubringen ist. Darin, dass sehr viele an Gesichtseczem leidende
Kinder ungewöhnlich fett sind, muss ich Bonn1) beistimmen, und in
solchen Fällen ist eine Veränderung in der Nutrition gewiss anzurathen.
Dyspepiische Zustände in Folge fehlerhafter Ernährung, besonders Ueber-
fütterung, werden ebenfalls angeschuldigt, weil dabei deletäre Stoffe ins
Blut gelangen und den Ausschlag verursachen sollen. Obwohl auch
hier stricte Beweise schwer beizubringen sind, wird man die Möglichkeit
dieser Entstehungsweise doch therapeutisch zu berücksichtigen haben.
Die Beziehung zur Dentition wurde schon oben (S. 143) erwähnt.
Ich habe mit Sicherheit beobachtet, dass jeder Durchbruch einer Zahn-
gruppe von einem Wiederausbruch des schon geheilten Eczems auf den
Wangen begleitet war, welches nach vollendeter Zahneruption wieder
verschwand.
Auch jenseits des Säuglingsalters kommt Eczem häufig vor, pflegt
aber dann das äussere Ohr, die Ohrmuschel, die Gegend hinter den
Ohren und besonders die behaarte Kopfhaut stärker als das Gesicht zu
befallen. Das Eczema capitis bildet oft ausgedehnte, zusammen-
hängende, die ganze Kopfhaut bedeckende, grünlichbraune oder graugrüne,
die Haare verfilzende, ziemlich feuchte Borken, aus deren Spalten das
unter ihnen angehäufte purulent-seröse, oft sehr fötide Secret hervor-
sickert. Bisweilen wimmeln diese Borken von Läusen. In anderen
Fällen ist die Affection beschränkter, die Kopfhaut ist nur stellenweise
mit den geschilderten Borken bedeckt2), welche entweder eine münzen-
') Jahrb. f. Kinderheilk. XX. 1886. 45.
2) Man verwechsele damit nicht die unter dem Namen „Gneis" bekannte
schuppige Decke, die sich häufig auf der Kopfhaut kleiner Kinder, besonders in
der Gegend der grossen Fontanelle, als ein mehr oder weniger dicker, gelblicher
oder bräunlicher Ueberzug findet. Dieselbe ist das erstarrte Product einer ver-
mehrten Thätigkeit der Talgdrüsen (Seborrhoe), vermischt mit abgestossenen Epi-
888 Krankheiten der Haut.
artige, oder ganz unregelmässige Form und eine trockene mörtelartige
Consistenz zeigen. Man sieht dann abgelöste, durch das Wachsthum der
Haare emporgehobene Klümpchen in den Haaren hängen, wie Perlen,
die an einem Faden aufgereiht sind (Tinea granulata). Entfernt man
die Borken durch Fomente auf schonende Weise, so erscheint die Kopf-
haut roth, wund und mit Secret bedeckt. Bläschen und Pusteln bilden
sich oft im Umkreise der Borken, besonders dann, wenn die Krankheit,
was oft geschieht, auf bereits geheilten Hautstellen von neuem ausbricht.
Durch das heftige Jucken werden die Kinder zum Kratzen gereizt,
welches die entzündliche Irritation unterhält. Die benachbarten Drüsen
hinter den Ohren, am Hinterkopf, unter den Kiefern, am Halse schwellen
an, und das unter den Borken stagnirende, sich zersetzende Secret ver-
breitet in vielen Fällen einen widerlichen Geruch. Nicht selten greift
auch die Hautentzündung von der Oberfläche aus in die Tiefe. In
mehreren Fällen sah ich inmitten der eczematösen Partien derbe Infil-
trationen der Haut, welche schliesslich in Abscesse übergingen, entstehen ;
ja ein paar Mal bildete sich eine umfangreiche Eileransammelung unter
dem Pericranium des Scheitelbeins, nach deren Eröffnung die Sonde bis
auf den Knochen drang, und an deren Rändern der bekannte Knochen-
ring, wie beim Cephalhämatom gefühlt wurde (S. 43). In anderen
Fällen entwickelte sich von dem Eczema capitis aus ein Erysipel,
welches über Nacken und Gesicht wanderte und von starkem Fieber
begleitet war (S. 33).
Die Dauer des Eczema capitis ist meistens eine sehr lange. Nicht
selten zieht es sich mit mehr oder minder langen Unterbrechungen Jahre
lang, selbst bis zur Pubertätsperiode hin, zumal bei armen, der gehörigen
Reinlichkeit entbehrenden Kindern. Die Haare werden dabei gewöhnlich
krankhaft verändert, glanzlos, dünn, fallen aus, wachsen aber nach der
Heilung der Krankheit wieder. Sobald diese erfolgt, hört die Secretion
der wunden Flächen auf, die trocken werdenden Borken lösen sich ab,
und auf der gerötheten Haut bilden sich noch längere Zeit hindurch
kleine gelbliche trockene Schüppchen.
Das Auftreten des Eczems am Rumpf und an den Extremitäten
ilermisschollen. Dieser (Jeberzug bleibt oft Monate lang liegen und bildet sich zu-
weilen von neuem, nachdem er schon entfernt worden war. Als einfaches Mittel
empfehlen sich Einreibungen mit frischer Butter oder Eigelb, und darauf
Waschungen mit Seifenwasser. Uebrigens bann durch den localen Reiz, welchen die
immer mehr sich anhäufenden Sebum- und Epidermislamellen auf die Kopfhaut aus-
üben, schliesslich auch Eczema capitis erzeugt werden, dessen serös eiterige Abson-
derung und Borken mit den Producten der Seborrhoe sich vermischen.
Eczema. 889
beobachtet man nicht selten bei denselben Kindern, welche an Eczema
faciei und capitis leiden. Doch können Gesicht und Kopf auch völlig
verschont bleiben, besonders bei älteren Kindern im Alter der zweiten
Zahnung. Zuweilen bestand der Ausschlag schon von frühester Kindheit
an, z B. bei einem 6jährigen Mädchen, welches seit ihrem 7. Lebens-
monat ununterbrochen an einem über den grössten Theil des Körpers
verbreiteten Eczem litt. Vorzugsweise befallen fand ich in diesen chronischen
Fällen die Beugeseiten der Ellenbogen- und Kniegelenke, die inneren
Flächen der Oberschenkel und die Wadengegend. Sitzt das Eczem an
den Fingerspitzen, zumal dicht an den Nagelbetten, so können nicht
bloss die betreffenden Nägel abgestossen werden, sondern auch die neu
producirten Nägel krallenförmig degeneriren und durch das Herein-
wachsen der hypertrophischen Hautpapillen beim unvorsichtigen Durch-
schneiden bluten. —
Der Verlauf der geschilderten Ausschläge, an welchen Theilen sie
auch ihren Sitz haben mögen, ist zwar in der Regel chronisch, auf
viele Monate und Jahre ausgedehnt; doch kommen auch acute Erup-
tionen dieser Art, die nur wenige Wochen dauern, bei sonst gesunden
Kindern nicht selten vor. Ich beobachtete diese wiederholt am Ober-
arm und in der entsprechenden Achselhöhle, aber auch an den unteren
Extremitäten und im Gesicht, besonders am Kinn, ohne andere krank-
hafte Erscheinungen, zumal ohne Fieber. Bei einem 14jährigen Knaben
erfolgte seit 10 Jahren regelmässig in jedem Frühling ein Eczemausbruch
auf beiden Wangen und Ohren, welcher etwa 4 — 6 Wochen bestand und
dann vollständig verschwand. Bei einem 11jährigen gesunden Mädchen
war es seit einem Jahre schon 6 — 7 mal zum Ausbruch eines acuten
Eczems gekommen, welches nach vorausgegangenen brennenden Schmerzen
immer an derselben Stelle, nämlich in der rechten Schläfengegend, her-
vorbrach, sich zuweilen bis zum Unterkiefer ausdehnte und 3 bis
4 Tage zu dauern pflegte, ohne dass die Untersuchung eine locale Ur-
sache aufzufinden im Stande war. Mitunter kam es im Verlauf eines
chronischen Eczema faciei plötzlich zu einem neuen acuten Aus-
bruch auf der schon lange bestehenden wunden Hautpartie und in
ihrer Umgebung, wobei die Augenlider und das ganze Gesicht stark
anschwollen, und die neu im Gesicht hervorbrechenden Bläschen zu
grossen Pusteln anwuchsen, welche theilweise, wie die Variola-
pusteln, eine centrale Delle zeigten und mit einander confluirten. Ich
möchte Sie gerade auf diese Fälle besonders aufmerksam machen, weil
ich Irrthümern in der Auffassung des Exanthems wiederholt begegnete.
In mehreren Fällen dieser Art war mit voller Bestimmtheit, sogar von
890 Krankheiten der Haut.
Dermatologen, die Diagnose „Variola" gestellt worden, obwohl die
völlige Integrität aller übrigen Körpertheile (nur an einzelnen Punkten
waren mitunter noch ein paar ähnliche Pusteln erschienen), der gänzliche
Mangel des Fiebers und die allgemeine Euphorie von vornherein dagegen
sprachen. In der That zeigte der weitere Verlauf, dass von Variola
gar nicht die Rede sein konnte. Diese acuten Steigerungen chronischer
Eczeme wurden gewöhnlich durch heftiges, Blutungen erregendes Kratzen
der Kinder hervorgerufen.
Ich muss bei den Blutungen, welche aus dem Eczema faciei
erfolgen können, noch etwas länger verweilen, weil sie nicht immer
durch traumatische Eingriffe bedingt sind. In drei Fällen, welche
sämmtlich Kinder im Alter von 3 bis 4 Monaten betrafen, wurden diese
Hämorrhagien erschöpfend und endeten mit dem Tode. Hier schien es sich
in der That um eine hämorrhagische Diathese zu handeln, welche sich
indess nur bei einem dieser Kinder durch gleichzeitige geringe Blutungen
aus dem Magen und Darmkanal kund gab, während in den beiden an-
deren Fällen keine anderweitigeBlutung stattfand. Vielmehr schien das eine
Kind vollkommen gesund zu sein, während das andere an Rachitis und
Spasmus glottidis litt, und ein elendes anämisches Aussehen darbot. In
allen diesen Fällen rieselte das Blut fast anhaltend, ohne dass gekratzt
wurde, aus den eczematösen Flächen und Rissen, und gerann zu weichen
schwarzen Borken, welche durch das nachfliessende Blut bald wieder
abgespült wurden. Alle Styptica, auch Ergotin, blieben fruchtlos, und
die Kinder gingen nach einigen Wochen an zunehmender Schwäche zu
Grunde. Nach diesen Erfahrungen möchte ich die spontanen Blu-
tungen aus einem Eczema faciei , welche sich ohne deutliche Ur-
sache (Kratzen) wiederholen, niemals für ein unbedenkliches Symptom
betrachten.
Von der Aetiologie des Eczems im Allgemeinen wissen wir sehr
wenig. Nur in verhältnissmässig seltenen Fällen können wir die Ursache
mit Sicherheit angeben. Zu diesen gehört besonders das acute Eczema
aestivum (solare, sudorale), welches die Schweisse der Rachitischen
(S. 859) begleiten kann, vorzugsweise aber in der Sommerhitze bei
sehr vielen Kindern, schon bei Säuglingen, auf dem Rücken, der Brust,
dem Halse, besonders aber auf der Stirn und den Schläfen, in Form
dicht gedrängter, äusserst kleiner, auf gerötheter Fläche sitzender Bläs-
chen und Knötchen zum Vorschein kommt. Mitunter kommen auch
grössere Papeln und selbst Pusteln dazwischen vor; bei einem 3 jährigen
Mädchen beobachtete ich gleichzeitig starkes Erythem und Oedem der
linken Augenlider und Stirnhälfte, bei einem anderen Kinde sogar Blasen-
Eczema. 891
bildung, wie beim Erysipelas. In anderen Fällen sind traumatische
Einflüsse ätiologisch bedeutsam:
Kind von 2 Monaten, vorgestellt am 13. Nov. 1879. In Folge der Extraction
mit der Zange war eine Quetschung und Erosion der Stirn erfolgt, gegen welche
laue Fomente angewendet waren. Zwei Wochen später bildete sich auf und neben
den contusionirten Stellen ein Eczem bis zum Scheitel herauf mit starkem Oedem
der Augenlider. Bei mehreren kleinen Kindern gab das Stechen der Ohrlöcher
Anlass zur Entwickelung eines Eczems, welches entweder auf das äussere Ohr be-
schränkt blieb oder sich über Nacken und Rücken ausbreitete. Auf ähnliche Weise
können bekanntlich auch andere Ausschläge, zumal Psoriasis, zu Stande kommen.
So sab ich bei einem 5jährigen, zuvor ganz gesunden Mädchen fast unmittelbar
nach der Vernarbung einer umfangreichen Brandwunde auf den Nates von dieser
Stelle aus Psoriasis sich entwickeln, welche sich später über den ganzen Körper
ausbreitete.
Sehr häufig werden Sie die Vaccination als Ursache des Eczems
beschuldigen hören. Unmittelbar oder bald nach derselben soll nach
Aussage der Mutter der Ausschlag im Gesicht oder an anderen Körper-
theilen zum Vorschein gekommen sein. Wenn ich auch glaube, dass
viele Fälle dieser Art nur auf Zufälligkeiten beruhen, so will ich doch
die Möglichkeit eines Connexes um so weniger in Abrede stellen, als
andere acute Exantheme, besonders Masern, aber auch Scharlach,
Varicellen und Pocken öfters Eczem und Impetigo im Gefolge haben.
Bei einem 5jährigen, früher gesunden Knaben, entwickelte sich unmittel-
bar nach dem Scharlach Eczem beider Oberschenkel, welches Monate
lang bestand, und ähnliche Fälle kamen mir wiederholt vur. Dagegen
entbehrt die häufige Annahme einer scrophulösen Basis in vielen
Fällen der Begründung. Nur da, wo noch andere scrophulöse Symptome
vorhanden sind, ist sie gerechtfertigt. Die begleitenden secundären An-
schwellungen der benachbarten Drüsen sind für sich allein nicht aus-
reichend.
Dass Eczema impetiginosum contagiös werden könne, wird be-
hauptet, und von Hebra u. A. ist auch ein Faden pilz beschrieben wor-
den, welcher die Ansteckung vermitteln soll. Mir selbst kamen einige
Fälle bei Geschwistern vor, unter denen besonders der eines kleinen
Kindes bemerkenswerth ist, welches sein Gesichts- und Kopfeczem nach
einigen Wochen auf die ältere Schwester übertrug, welche das Kind trug
und dabei den Kopf desselben stets an ihre Wange lehnte1).
l) Die Befürchtung, dass die Eczeme günstige Eingangspforten für die Inva-
sion der Tuberkelbacillen werden könnten, scheint nach den Untersuchungen von
Demme (21. Jahresber. d. Jenner'schen Kinderspitals; kaum gerechtfertigt zu sein,
892 Krankheiten der Haut.
Bei dem Drängen der meisten Mütter, den zumal das Gesicht ent-
stellenden Ausschlag so schnell als möglich zu heilen, haben Sie sich
immer die Frage vorzulegen, ob eine solche radicale Behandlung auch
wohl statthaft sei. Was mich betrifft, so habe ich es mir mit Rück-
sicht auf die (S. 878) erwähnten Erfahrungen zur Pflicht gemacht, chro-
nisshe Eczeme, welche schon viele Monate oder gar Jahre, zumal im Ge-
sicht und auf dem Kopfe bestehen, nicht mit einem Mal, sondern all-
mälig zu beseitigen, indem ich einen Theil der erkrankten Haut nach
dem anderen local behandelte, ein Verfahren, zu welchem man in vielen
Fällen auch durch die grosse Ausdehnung der Affection gezwungen wird.
Zunächst entferne man die Borken durch Einreiben mit Vaselin, frischem
Oel oder Fomentationen von lauem Wasser auf dem Kopf, am besten
durch letztere, welche mit einer Kappe von Wachstaffet oder Gutta-
perchapapier bedeckt werden. Nach der Ablösung der Borken wird
die nunmehr blossgelegte rothe und nässende Haut mit Seifenwasser
(Sapo viridis) täglich einmal gewaschen, und dann jedesmal frisch mit
Unguent. Hebrae verbunden, welches 12 Stunden darauf liegen
bleibt. Nur bei starker Entzündung lasse ich zunächst Fomentationen
mit Blei wasser machen. Das Schwierigste dabei ist, den Salben verband
bei kleinen Kindern auf dem Gesicht zu befestigen und das Kratzen
zu verhüten. Weder die Application einer auf der inneren Fläche mit
der Salbe bestrichenen Leinwandmaske, noch die Um Wickelung der
Hände und Finger mit Watte und Leinen reichen zu diesem Zweck aus,
und wir waren meistens genöthigt, die betreffenden Theile durch fest
angelegte Bandagen zu schützen, welche im Gesicht nur Augen, Nase und
Mund frei Hessen, oder die Ellenbogengelenke mit einfachen Pappschienen
zu umgeben, welche es den Kindern unmöglich machen, die Hände bis
an das Gesicht zu erheben. Statt der Hebra'schen Bleisalbe benutzten
wir auch mit Vortheil Salben von Acidum salicylicum (F. 48), Tannin
(F. 49), Borsäure (F. 50), oder Zink, seltener und nur bei local
beschränkten Eczemen eine Salbe von Hydrargyr. praecip. alb. oder
rubr. (0,5:15,0 Vaselin). Theersalben von Anfang an anzuwenden,
ist nicht rathsam, weil sie leicht zu reizend wirken und die Entzündung
steigern; dagegen sind sie nach vorgängiger Behandlung mit den zuvor
erwähnten Salben empfehlenswerth, um die Heilung zu consolidiren. Wir
benutzten meistens Ol. cadinum, welches als Liniment (L Th. auf 3 bis
2 Th. Olivenöl) täglich nach vorausgegangener Abseifung auf die kranken
Unter 17 Fällen will D. nur 1 Mal einen positiven Befund erhalten haben. Ueber
die Beziehung zur Nephritis vergl. S. 627.
Eczema. 893
Hautstellen aufgetragen wurde. Bei der Application der Theersalben
auf ausgedehnte Flächen haben Sie immer an die Möglichkeit einer
reizenden Wirkung auf die Nieren (S. 625) zu denken und daher den
Urin sorgfältig zu untersuchen, dessen schwärzliche Färbung oder gar
Eiweissgehalt die Unterbrechung der Cur erfordert. — In den letzten
Jahren bedienten wir uns gewöhnlich und mit Erfolg der von Bur-
chardt1) empfohlenen Behandlung, besonders bei Eczema faciei et ca-
pitis. Die kranken Stellen wurden mit einer 2— 3proc. Lösung von
Argent. nitricum 1 bis 2 Mal täglich, später nur einen Tag um den
anderen gepinselt, ein etwas schmerzhaftes Verfahren, welches auch oft
kleine Blutungen hervorruft. Sehr bald hört die Secretion und Borken-
bildung auf, und die geschwärzten Partien werden dann mit einer aus
Ol. cadin. und Flor. Zinci bestehenden Salbe verbunden. In der Klinik
wurde diese Salbe oft schon von vorn herein unmittelbar nach dem
Bepinseln mit der Höllensteinlösung, nachdem diese mit Watte abge-
tupft war, dick aufgestrichen (F. 51).
Die Dauer der Behandlung ist selbstverständlich eine sehr ver-
schiedene. Während manche Eczeme, und selbst sehr lange bestehende,
schon nach wenigen Wochen heilen, erfordern andere eine Monate lang
fortgesetzte Cur bis zur Heilung, und selbst dann sehen wir häufig ohne
erkennbare Ursache Recidive des Hautleidens eintreten. Insbesondere
kehren die Gesichtseczeme, so lange die Dentition dauert, oft wieder,
und schwinden erst spontan, wenn diese vollendet ist. — In sehr
hartnäckigen Fällen leistete mir Arsenik in Form der Solut. Fowleri
oder des Acid. arsenicosum (F. 11 u. IIa) öfter gute Dienste, zunächst,
wie es schien, durch Linderung des Juckens und Kratzens. Selbst kleine
Kinder von 2 bis 3 Jahren vertrugen das Mittel in kleinen Dosen und
etwa eine halbe Stunde nach dem Essen gegeben, vortrefflich. Bei
scrophulöser Diathese sah ich guten Erfolg von der Anwendung des
Syrup. ferri jodati, oder der (F. 46) empfohlenen Mischung von Jod mit
Jodkali. Dagegen kann ich in das Lob der vielgerühmten Soolbäder
nicht unbedingt einstimmen, weil sie nicht selten die Ausschläge durch
starke Hautreizung verschlimmerten. Weit eher möchte ich laue (26° R.)
Seifen- oder Schwefelbäder empfehlen, welche letztere Sie durch einen
Zusatz von 50 — 100,0 Kali sulphurat. pr. baln. zum Bade bereiten
können.
•) Monatsbefte f. prakt. Dermatol. IV. No. 2. 1885.
894 Krankheiten der Haut.
IV. Ecthyma und Rupia.
Häufig beobachtet man bei Kindern, entweder mit Eczem combinirt
oder auch für sich allein, grosse eitergefüllte, mit einem rothen Saum
umgebene, einzeln oder gruppenweise stehende Pusteln. Dieselben sitzen
mit Vorliebe auf den Nates, den Ober- und Unterschenkeln, können die
Grösse einer Erbse erreichen, und vertrocknen zu einem schwarzbraunen
Schorf, nach dessen Abstossung ein rother Fleck ohne Narbe zurück-
bleibt. Ecthyma findet sich oft bei scrophulösen, aber auch bei ganz
gesunden Kindern, welche unreinlich gehalten werden, scheint auch durch
den Reiz von Ungeziefer (besonders Kleiderläusen) zu Stande zu
kommen, so dass man in allen Fällen auf diese Ursache sein Augen-
merk richten sollte. Die Behandlung stimmt sonst mit der des Eczems
überein.
Ecthyma tritt aber häufig auch als Ausdruck einer Cachexie bei
elenden, schlecht genährten, durch Noth oder Krankheit (besonders all-
gemeine Tuberculose, Typhus, Masern, Scharlach) erschöpften Kindern
auf, und bekommt dann eine schlimme Bedeutung. In der Regel bildet
hier die sogenannte Cachexia pauperum die Grundlage, welche ledig-
lich durch die elenden Lebensverhältnisse erzeugt wird, und sich durch
hochgradige Anämie, Abmagerung, Schwäche und Tendenz zu chronischen
Entzündungen verschiedener Gewebe kundgiebt. Auch die Haut nimmt
hier nicht selten in der Form des Ecthyma oder der Rupia cachec-
tica Theil, welche sich mit einander combiniren können. Der Unter-
schied beider Formen liegt überhaupt mehr in der Grösse der Epi-
dermiserhebungen, als in ihrem Oontentum, da auch die schlaffen Rupia-
blasen, welche den Umfang eines halben Markstücks und darüber er-
reichen können, mit einem trüben, eiterartigen, dem der Ecthymapusteln
ähnlichen Inhalt gefüllt sein können. Unter diesen Umständen bilden
sich nun aus den erwähnten Pusteln und Blasen leicht tiefdringende
Ulcerationen, welche ich besonders am Sero tum und in dessen Um-
gebung, aber auch auf dem Rücken, als mehr oder weniger zahlreiche
erbsen- bis groschengrosse, runde, scharf geränderte, wie mit einem Loch-
eisen herausgestossene Substanzverluste beobachtete. Mit der Besserung
des Allgemeinbefindens können diese Geschwüre allmälig unter Zurück-
lassung entsprechender Narben heilen, während sie im entgegengesetzten
Falle sich mehr und mehr vergrössern, vertiefen und vervielfachen.
Am schlimmsten aber ist der unter denselben Verhältnissen bisweilen
Ecthyma. 895
vorkommende Uebergang des Ecthyma und der Rupia in Brand1). Beide
Vorgänge glaube ich Ihnen am besten durch die Mittheilung der folgen-
den klinischen Fälle veranschaulichen zu können:
Johann B., l'/4 Jahr alt, aufgenommen am 11. März 1879, sehr atrophisch
und anämisch, zeigt eine Menge von Hautgeschwüren, die nach Aussage der Eltern
aus „Eiterpusteln" hervorgegangen sind. Sitz derselben ist fast nur die Umgebung
der Genitalien, Scrotum, Mons pubis, Inguinalgegend und Oberschenkel, vereinzelt
auch die Nates. Linsen- bis groschengrosse Geschwüre stellen scharf abgerundete,
bis in den Papillarkörper der Cutis dringende Defecte dar, mit gelblich grauem
Grunde und etwas unterminirten Rändern. Mehrere derselben sind zu grösseren
Substanzverlusten confluirt. In den nächsten Tagen auch ähnliche Ulcera hinter dem
rechten Ohr, welche confluiren und das äussere Ohr durch einen tief dringenden
ulcerösen Spalt fast vom Schädel ablösen. Tod im Collaps am 21. März. Section:
Bronchopneumonia duplex, käsige Degeneration der Bronchialdrüsen, chronischer
Darmcatarrh.
Clara P., 2l/2jährig, aufgenommen am 2. April 1879, ziemlich wohlgenährt.
Am rechten Bein mehrere runde Hautdefecte, worunter drei von der Grösse eines
Markstücks, mit gelblich speckigem Grunde und rothem scharf abgeschnittenem
Rande. Dieselben sollen aus Eiterbläschen mit dunkelrothem Saum vor 14 Tagen
entstanden sein (Ecthyma) : ähnliche frische Pusteln sind auch hie und da am Körper
zu sehen. Gleichzeitig starke Coryza, doppelseitige Otorrhoe, Eczema auriculae,
Drüsenschwellungen. Vom 6. an neue Pusteleruptionen auf dem linken Bein, dem
Rücken und den Nates, welche platzen und schnell in Ulcerationon übergehen. Die
letzteren fliessen vom 16. an besonders auf dem Rücken theilweise zusammen und
bilden grosse Hautdefecte, welche einen schwarzbraunen schorfigen Belag zeigen und
einen entschieden brandigen Geruch haben. Allmälig werden der ganze Rücken,
die Bauchhaut, zum Theil auch die Extremitäten von diesen gangränösen, tief ein-
dringenden Ulcerationen zerfressen. Fast überall sieht man kleine und grosse
schwarze, theils runde, theils durch Confluenz entstandene buchtige, roth umran-
dete Defecte. Fortschreitende Abmagerung und Entkräftung, unregelmässiges Fieber,
welches am 26. und 27. Abends 40,8 erreicht, Husten und Diarrhoe. Untersuchung
des Thorax wegen des ausgebreiteten Hautleidens nicht möglich. Tod am 5. Mai.
Section: Neben dem multiplen Hautbrande fand sich chronische fibrinöse Pleu-
ritis, doppelseitige Bronchopneumonie, umschriebener Lungenbrand im linken
Unterlappen, Tuberculose der rechten Lunge, des Bauchfells, der inneren Genitalien
(Salpingitis, Perisalpingitis et Perioophoritis tuberculosa).
In diesem Fall gab die weit verbreitete Tuberculose zu der Cachexie
Anlass, in deren Gefolge Ecthyma cachecticum und der aus diesen sich
entwickelnde multiple Hautbrand sich bildete. Die bei der Section
gefundene Lungengangrän ist wahrscheinlich als embolische (S. 422) auf-
') Nach Eichhoff (^Deutsche med. Wochenschr. No. 47. 1884) soll diesen
brandigen Ulcerationen die Einwirkung einer Pilzform (Trichophyton tonsurans) zu
Grunde liegen (?).
896 Krankheiten der Haut.
zufassen. Trotz der sorgfältigsten Behandlung mit Roborantien, ort-
licher Anwendung des Chlorzinks, des Tanninbleis, des Campherweins,
Carbolöls und vielstündigen Sitzens im warmen aromatischen Bade wurde
nicht der geringste Erfolg erzielt. Günstig verlief der folgende, in der
Privatpraxis beobachtete Fall:
Ein 8 Monate altes, an der Brust genährtes, völlig gesundes, aber blasses
Mädchen. Anfang Mai 1883 Beginn mit einem haselnussgrossen furunculösen Abscess
am Perineum. Nach der Abheilung entstanden im Umkreise zahlreiche, mit klarem
serösem Inhalt gefüllte erbsen- bis haselnussgrosse Blasen am Perineum, den La-
bien, den Nates, in den Inguinalfalten und an der inneren Fläche der Oberschenkel.
Die Blasen verwandelten sich schnell in trockene schwarze Brandschorfe, welche
zum Theil confluirten und gewundene Figuren bildeten. Umgebung leicht infiltrirt
und geröthet. Dabei T. bis 39°, schmerzhaftes Wimmern, Unruhe aber guter Appetit.
Behandlung mit Fomenten von Kamillenthee und Bleiwasser, Aq. carbolica, innerlich
Ohinatinctur, Wein. Nach der Abstossung der Schorfe bleiben Substanzverluste
zurück, die gerade so aussehen, als wären sie mit einem Locheisen in die Haut
geschlagen. Heilung nach drei Wochen.
Die Aetiologie der Rupia gangraenosa ist in diesem, ein gesundes
Kind betreffenden Falle absolut dunkel.
V. Abscesse des subcutanen Gewebes.
Die Tendenz zu Abscedirungen des Bindegewebes ist besonders in
den ersten Jahren des Kindesalters eine sehr ausgesprochene. Ich meine
hier nicht die isolirten, auf eine einzelne Stelle beschränkten Phlegmonen,
welche entweder durch traumatische Einwirkungen, oder durch den Reiz
benachbarter Hautentzündungen (Eczema impetiginodes), oder von Hyper-
plasien der Lymphdrüsen her, besonders unter dem Kieferwinkel, zu
Stande kommen, sondern multiple Abscesse, welche sich an vielen
Stellen des Körpers gleichzeitig oder successiv ohne erkennbare Ursache
entwickeln und gewöhnlich als der Ausdruck einer „Diathese" betrachtet
werden, ohne dass man im Stande ist, über die Art derselben etwas
Näheres anzugeben. Nur soviel steht fest, dass die in Rede stehenden
Infiltrationen und Abscesse, wenn sie auch bei gesunden Kindern hie
und da vorkommen, doch mit Vorliebe solche betreffen, welche hoch-
gradig atrophisch oder gar tuberculös sind. Je jünger die Kinder
um so häufiger trifft man die Abscesse. Schon in den ersten Monaten
des Lebens sieht man multiple, an den verschiedensten Stellen des
Körpers sich bildende Infiltrationen von Erbsen- bis Wallnuss- und
Hühnereigrösse, welche binnen wenigen Tagen roth werden fluetuiren
aufbrechen und nach ihrer Heilung bläulich pigmentirte Narben hinter-
Abscesse. 897
lassen. Die immer sich wiederholenden Eiterungen trägen zur Steigerung
der schon bestehenden Atrophie und Schwäche erheblich bei, gehen auch
bisweilen in tiefdringende Ulcerationen über, welche, wie ich mehrfach
beobachtete, die Muskeln biossiegen und ausgedehnte Necrosen der Haut
und des Bindegewebes zur Folge haben können. Solche tiefdringende
Gangrän der Haut, die bisweilen handgrosse Flächen einnahm, ist mir
besonders am Halse (auch in Folge von Intertrigo) und am Thorax
wiederholt vorgekommen, und nahm fast immer einen tödtlichen Verlauf.
Dasselbe gilt von den im perinealen Bindegewebe sich entwickelnden
Abscessen, welche sich rings um den Anus ausbreiten, in den Mastdarm
durchbrechen und ausgedehnte Necrose herbeiführen können.
Während im Eiter der erwähnten Abscesse Tuberkelbacillen kaum
jemals gefunden wurden1), fanden Escherich2) und Longard3) con-
stant die pyogenen Staphylococcen, und behaupten wohl nicht mit Un-
recht, dass durch das Eindringen derselben in die Schweiss- und Talg-
drüsen zunächst eine Folliculitis, und von dieser aus Abscessbildung er-
zeugt wird. Damit hätten wir festeren Boden gewonnen, als die bisher
präsumirte eiterige „Diathese". Jedenfalls ist der Rath dieser Autoren,
die grösste Reinlichkeit in Bezug auf die Windeln, in denen man die
Coccen ebenfalls gefunden hat, zu beobachten, in hohem Grade gerecht-
fertigt. Nächstdem dürften Sublimatbäder in der ersten Reihe der ärzt-
lichen Verordnungen stehen.
Eine andere Art von Abscessen findet sich häufig bei scrophulösen
Kindern oder solchen, die an Affectionen des Knochensystems leiden. In
der Umgebung der Fussknöchel, auf dem Fuss und Handrücken, über
den Rippen, auf dem Kopf u. s. w. findet man häufig von normal ge-
färbter Haut bedeckte Abscesse, welche viele Wochen bestehen können,
bevor sie sich röthen, und nach deren Oeffnung die eingeführte Sonde
auf den cariösen Knochen dringt. Ein paar Mal beobachtete ich
colossale Abscesse auf dem Kopfe, wobei der Eiter zwischen Knochen und
Pericranium sich angesammelt und schliesslich das letztere und die
äussere Haut durchbrochen hatte. In diesen Fällen konnte man ganz ähn-
lich wie bei Cephalhämatom (S. 33) einen wallartigen Knochenring fühlen,
welcher den Abscess umgrenzte, und auch hier durch periostale Auflage-
rung an der Grenze des Abscesses, wo Knochen und Perirranium sich
berühren zu Stande gekommen war. Man darf indess mit einem solchen
>) Ziesler, Jahrb. f. Kinderheilk. XXIII. S. 79.
2) Münchener med. Wochenschr. No. 51, 52. 1886.
3) Archiv f. Kinderheilk. VIII. S. 369.
Hen och, Vorlesungen Sber Kiiideikiniikheiien. 7. Aufl. 57
898 Krankheiten der Haut.
Knochenring die bei kleinen Kindern oft leistenartig vorspringenden
Schädelnäthe nicht verwechseln, wie es mir selbst in einem Falle von
abnormer Abscessbildung am Hinterhaupte mit der Sutura lambdoidea
ergangen ist. Häufig ist auch die Gegend hinter dem Ohr Sitz umfang-
reicher Abscesse, welche die Ohrmuschel vom Kopf abdrängen, so dass sie
gerade nach vorn gerichtet ist. Wird die Oeffnung des Abscesses ver-
schoben, so bricht derselbe gern in den Meatus audit. externus durch,
und nachdem eine tiefe Incision gemacht ist, ergiebt oft die bis auf den
Knochen dringende Sonde, dass man es mit Oaries des Felsenbeins oder
des Process. mastoideus zu thun hat.
Mit besonderer Sorgfalt mögen Sie aber alle Abscesse untersuchen,
welche an irgend einer Stelle des Rückens, auf den Nates, den Inguinal-
gegenden und an der Innenfläche der Oberschenkel sich bilden, weil diese
häufig als Senkungsabscesse, welche von Wirbelcaries ausgehen, be-
funden werden.
Receptformeln.
Die Nummern der Formeln (F. 1 u. s. w.) entsprechen den gleichen
im Text vorkommenden Bezeichnungen.
P. 1. Hydrargyr. oxydul. nigr. 0,01
Saoch. alb. 0,5
M. f. ö. d. tal. dos. 10
2 mal täglich 1 Pulver.
F. 2. Calomel 0,005—0,01
Sacch. alb. 0,5
M. f. ö. d. tal. dos. 10
2 mal täglich 1 Pulver.
F. 3. Acidi hydrochlorati 0,5—1,0
Äq. dest. 100,0
Gm. arab. 1,0
Syrup. alth. 20,0
(Tinctur. thebaic. gtt. 2—4).
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 4. Creosoti gtt. 2—4
Aq. dest. 35,0
Syrup. alth. 15,0
MDS. 2stündl. 1 Theel.
F. 5. Pepsini 1,0
Acid. hydrochlor. 0,5
Aq. dest. 120,0
Sacch. alb. 10,0
MDS. 4 mal tägl. 1 Kinderl.
F. 6. Pulv. rad. ipecac. 1,0—2,0
Tartar. stibiat. 0,03—0,05
Aq. dest. 30,0
Oxymel scillit. 15,0
MDs. Alle 10 Min. 1 Kinderl.
bis zur Wirkung.
Pulv. rad. ipecac. 0,5—1,0
Tartar. emet. 0,01
M. f. ö. d. tal. dos. 3
S. Alle 10 Min. 1 Pulver bis
zur Wirkung.
F. 7. Calomel 0,03-0,05
Sacch. alb. 0,5
M. f. ö. d. tal. dos. No. X.
S. 2stündl. 1 Pulver.
Infus. Sennae compos.
Syrup. Spinae cervin. aa 25,0
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 8. Kali bromati 3,0
Aq. dest. 100,0
Syrup. simpl. 20,0
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 9. Hydrat. Chlorali 1,0-2,0
Aq. dest. 100,0
Syrup. cort. aur. 20,0
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
Hydrat, chlorali 0,3—0,5
Aq. dest. 50,0
MS .Zum Klystier.
F. 10. Morphii acet. s. muriat. 0,01— 0,03
Aq. dest. 35,0
Syrup. alth. 15,0
MDS. 2-3 mal tägl. 1 Theel.
57*
lJ00
F. 11. Solut. arsen. Fowl. 2,0
Aq. dest. 8,0
MDs. 3mal tägl. 10—15 gtt.
F. IIa. Acidi arsenicosi 0,01
Mucil. Gm. arab. 0,5
Palv. rad. liquir. 2,0
M. f. massa e. q. form, pilul. XX.
Consp. d. s. tägl. 1—2 Pillen.
F. 12. Ferri lactici s. reducti 0,03—0,05
Sacch. alb. 0,5
MDS. 2— 3 mal tägl. 1 Pulver.
Tinot. ferri chlorati 10,0
DS. 3 mal tägl. 8—12 gtt.
Tinct. ferri chlorati s. pomati 7,5
Tirict. rhei vinos. 2,5
MDS. 3 mal 12—20 gtt.
F. 13. Kali hydrojodici 1 ,0-2,0
Aq. dest. 100,0
Aq. menth. piper. 20,0
MDS. 3— 4mal tägl. 1 Kinderl.
F. 14. Camphorae tritae 0,05—0,2
Sacch. alb. 0,5
M. f. ö. d. tal. dos. No. 10
2stündl. 1 Pulver.
Camphorae 0,6—1,0
Aether sulph. 10,0
MS. Eine Pravaz'sche Spritze
voll zu injiciren.
F. 15. Ammou. muriat. 1,0—2,0
Aq. dest. 100,0
Tart. emet. 0,5
Syrup. liquirit. 20,0
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 16. Inf. rad. ipecac. (0,2-0,5) 100,0
Natr. nitrici 2,0
Aq. laurocer. 1,5
Syrup. alth. 20,0
MDS. 2stündl. 1 Kindorl.
Receptformeln.
F. 17.
Calomel 0,01—0,03
Pulv. rad. ipecac. 0,01
Sacch. alb. 0,5
M. f. ö. d. tal. dos. 10
2stündl. 1 Pulver.
F. 18. Tartar. stibiat. 0.05—0,1
Aq. dest. 100,0
Syrup. simpl. 20,0
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 19. Vini stibiati
Oxymel scillit. aa 10,0
MDS. Alle 10 Min. 1 Theel.
bis zur Wirkung.
F. 20. Decoct. rad. Senegae s. Polygalae
amarae (5,0) 100,0
Liquor ammon. anisat. 1 ,5
Syrup. alth. 20,0
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 21. Camphorae tritae 0,03—0,05
Acid. benzoic. 0,05
Sacch. alb. 0,5
M. f. ö. d. tal. dos. 10 in chart.
cerat. S.
2stündl. 1 Pulver.
F. 22. Inf. hb. digital. (0,3-0,5) 100,0
Nalr. nitr. s. Kali nitr. s. Kali
acetici 2,0 — 3,0
Syrup. simpl. 20,0
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 23. Decoct. cort. Chinae reg. (5,0 bis
10,0) 100,0
Syrup. cort. aur. 20,0
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 24. Extr. Chinae frigide par. 2,0—3,0
Aq. fior. aurant. 100,0
Syr. flor. aurant. 10,0
MDS. 4 mal tägl. 1 Kindorl.
F. 25. Calomel 0,015
Pulv. hb. digital. 0,01
Sacch. alb. 0,5
MDS. 2stündl 1 Kinderl.
Receptformeln.
901
F. 26. Kali chlorici 3,0
Aq. dest. 100,0
Syrup. simp. 20,0
MDS. 2stÜDdl. 1 Kinderl.
F. 27. Deooct. cort. Chinae regiae (5,0
bis 10,0) 100,0
Kali chlorici 3,0 s. Aq. chlori 15,0
Syrup. simpl. 20,0
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 28. Electuar. e Senna 25,0
Aq. dest. 100,0
Acid. tartar. 1,2
Sacch. alb. 10,0
MDS.2stdl.umgesch. 1 Kinderl.
F. 29. Inf. rad. ipecac. (0,2) 100,0
Mucil. Gm. arab.
Syrup. sympl. aa 10,0
Tinct. thebaic. gtt. 2—4 s. Extr.
Opii 0,02-0,03
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 30. Magister. Bismuthi 0,1-0,5
Pulv. gumm. 0.5
M. f. ö. d. tal. dos. 10
2stündl. 1 Pulver.
F. 31. Dec. rad. Colombo (5,0-8,0)100,0
Syrup. alth. 20,0
Tinct. thebaic. gtt. 4
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 32. Dec. cort. Cascar. (5,0—8,0) 100,0
Syrup. alth. 20,0
Tinc. thebaic. gtt. 4
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 33. Acidi tannici
Tinct. nuc. vomicar. aa 1,0
Aq. dest. 100,0
Syrup. alth. 20,0
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 34. Argent. nitrici 0,05—0,1
Aq. dest. 100,0
Mucil. Gm. arab. 20,0
MD. in vitr. nigr. S.
2— 3stündl. 1 Kinderl.
F. 35. Plumbi acetici 0,015
Pulv. gummosi 0,5
Mfö. d. tal dos. 10
3 mal tägl. 1 Pulver.
F. 36. Ol. ricini 30,0
Gm. arab. 1,0
f. 1. a. Emulsio c.
Aq. dest. 75,0
Syr. emuls. 15,0
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 37. Extr. nuc. vomic. spirit. 0,06
Aq. dest. 30,0
Syrup. alth. 15,0
MDS. 3 mal tägl. 1 Theel.
F. 38. Extr. secal. cornuti aquos. 1,0
Glycerini
Aq. dest. aa 5
MS. Eine Pravaz'sche Spritze
voll zu injiciren.
F. 39. Infus, rad. rhei (5,0-8,0) 100,0
Kali tartar. 5,0
Syrup. simpl. 20,0
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 40. Chinin, sulphur. s. muriat.
Ferri reducti aa 0,05
Sacch. alb. 0,5
M. f. ö. d. tal. dos. 10.
2— 3mal tägl. 1 Pulver.
F. 41. Kali acet. 2,0-3,0
s. Liquor Kali acet. (5,0—8,0)
Aq. dest. 100,0
Syrup. simpl. 20,0
MDS. 2stiindl. 1 Kinderl.
F. 42. Dec. cort. Chinae (5,0-8,0) 100,0
Kali acetici 3,0
Syrup. cort. aurant. 20,0
MDS. 2stündl. 1 Kinderl.
F. 43. Acidi tannici 0,05
Sacch. albi 0,5
M. f. ö. d. tal. dos. 10
2stündl. 1 Pulver.
90'2
Recoptformeln.
F. 44. Extr. seoal. cornut. aq. 1,0
Aq. dest. 100,0
Syrup. simpl. 20,0
MDS. 2stündl. 1 KiDderl.
F. 45. Liquor ferri sesquichlorati 1 ,0
Aq. dest. 100,0
Syrup. simpl. 20,0
MDS. 4 mal tägl. 1 Kinderl.
F. 46. Jodi puri 0,03-0,05
Kali hydrojod. 1,0
Aq. destillat. 100,0
Syrup. simp. s.
Aq. menth. pip, 20,0
MS. 3— 4 mal tägl. 1 Kinderl.
F. 47. Sulph. citrin, 80,0
Calc. vivae 40,0
Coq. c. Aq. fervid. 800,0
ad reman. 500,0
Cola et filtra
S. Zum Einreiben.
F. 48. Acid. salioyl. 2,5—5,0
Spirit. Vini
Glycerini puri q. s. ad solut.
Vaselini puri 30,0
M. f. üngt. S. Zum Verband.
F. 49. Acidi tannici 2,0
Vaselini 30,0
M. f. Ungt. S. Zum Verband.
F. 50. Acidi borici 2,5—5,0
Vaselini 50,0
M. f. üngt. S. Zum Verband.
F. 51. Zinci oxydati albi 25,0
Ol. cadini 15,0
Vaselin. 25,0
Lanolin. 75,0
M. F. Ungt. S. Zum Verband.
Register.
A.
Abortus bei Lues 107.
Abseesse des Bindegewebes 42, 142, 797,
845, 896, der Mandeln 478; — bei
Scharlach 661, 669.
Adenitis scarlatinosa 661.
Adhäsion der Schamlippen 636 ; — der
Vorhaut 640.
Albuminurie 17, 350, 477, 595,^12, 635,
657. 806.
Algor progressivus 17.
Amaurose 322, 608.
Amblyopie bei Typhus 793.
Anämie 327, 826"
Aneurysma der Lungenarterie 412.
Angina 160, 475 ; — erouposa 477 ; — folli-
cularis 475, 731, — Ludwigi 662, 743.
— parotidea 480.
Anurie 598, 601.
Aphasie 157, 207. 254, 610: — bei Typhus
793.
Aphonia syphilitica 88.
Aphthen des Gaumens 56.
Apoplexie 252.
Ascariden 535, 538.
Ascaris lumbrieoides 540.
Ascites 98, 557, 808.
Asthma 368, 369; — bronchiale 369: —
dyspeptieum 491: — hystericum 209.
Ataxie 220.
Atelectase der Lungen 336, 361.
Athrepsie s. Atrophia.
Atresia ani 523.
Atrophia 63, 102, 119, 407; — cerebri 257;
— mesenterica 559; — partielle 243.
Auseultatiou 6, 10.
B.
Bacterien in d. Faeoes 19.
Bandwurm 547.
Bauchhöhle, Tumoren der*. 557, 589.
Biedert's Rahmgemenge 77.
Bilirubin 22.
Blasenstein 633.
Blasencatarrh 633.
Blutbreehen 59; — hysterisches 216.
Blutungen bei Eczem 871.
Bräune s. Croup.
Brechdurchfall 497.
Bronchialcroup 351, 738, Drüsen, Tuber-
culose der 413, 843. Catarrh 355.
Bronchiectasie 391.
Bronchitis 355; — reeidiva 367; — pu-
trida 422, 750.
Bronchopneumonia 68, 355, 431, 745. 803,
— morbillosa 707, 715.
Brucheinklemmung 523.
Brustdrüsen, Entzündung der 37.
c.
Caput obstipum 37, 176, 322, 819.
Cardialgie 215, 494.
Caries des Felsenbeins 228, 273, 323. 418,
664, 849; — der Rippen 399, 454, —
des Siebbeins 272; — der Wirbelsäule
248, 399.
Cephalhämatom 32.
Cerebrale Lähmung 273.
Chloroform 4, gegen Convulsionen 151.
Cholera 497.
Chorea 182, 452, 819; — electrica 199;
— hysterica 186, 214; — magna 180, 211.
Chorioidea, Tuberculose der 311.
Colicaflatulenta 1 16,326 ; —beiTyphus SOI.
Colitis 513.
Condylome 87, 112.
Contractura ani 521.
Contracturen, idiopathische 174; syphili-
tische 99.
Convulsionen 30, 149, 205, 255, 258, 378,475.
Coryza 130; — syphilitica 85, 131; —
diphtheriea 133, 734; — scarlatinosa 673.
Craniotabes 168, 870.
Croup 336, 346; —bei Diphtherie 346, 740,
746; — bei Masern 347, 706; — bei
Scharlach 676.
Crusta lactea 886.
Cryptorchie 159, 641.
Cyanose 441.
904
Register.
D.
Dactylitis syphilitica 91.
Darmblutung 60, 525, 531, 800, 833; -
einschiebung 524; — geschwüre 507,
517, 565, 570, 780; - - Catarrh 120,
505; — svphilis 88, 578.
Dentition 9, 142, 155, 179, 294, 467, 883.
Diabetes 67, 839.
Diarrhoe 3, 19, 66; — ablaetatorum 118,
catarrhalis 505 ; morbillosa 709 ; —
scarlatinosa 685.
Diphtherie 82, 331, 343, 346, 436, 463, 476,
621, 671, 675, 681, 728; — Collaps bei
der 745, 755; — des Darms, 512, 515;
der Genitalien 736; — Exantheme bei der
744; — morbillöse 710; — Paralysen
beider 758, 761, 775; — searlatinöse
671; — septische 743.
Duodenalgeschwür 60.
Ductus Botalli 440.
Dysenterie 513; — chronische 516, 571.
Dyspepsia 71, 114, 121; — gastrica 116,
'157. 489; intestinalis 116.
Dysurie 633.
E
Eclampsie 30, 149, 167, 231.
Ecthyma 894; -- caehecticum 725, 895.
Eczema 44, 87, 627, 885; — acutum 889.
impetiginosum 886; — solare 890.
Embolie 194, 256, 753.
Encephalitis 251, 275; •*- interstitialis 30.
Encephalocele 34.
Endocarditis 194, 447, 455: — recurrens
443, 448, 753, 818; — scarlatinosa 452,
665.
Enteritis 159, 506, 512.
Enterophthisis 570.
Entozoen 537.
Enuresis 636.
Epilepsie 161, 204, 224.
Epithelperlen 15.
Erbrechen der Säuglinge 66, 115; — ner-
vöses 497.
Ernährung 70; — künstliehe 73, 117, 123.
Erysipel as 43, 333, 624; — neonatorum
39, 49.
Erythema 694, 796, 832, 879.
Exantheme, scrophulöse 845; - syphili-
tische 113.
Exostosen, multiple 213, 824.
F
Paeces L8, 'iii.
Febris recurrens 814.
Fettdiarrhoe 120.
Fettherz 364, 459
Fettleber 581.
Fibrome rheumatische 822.
Fiebercurve, typhöse 785.
Fissura ani 521.
Fluor albus 326, 643, 848.
Fontanellen 12.
Foramen ovale 440.
G.
Gährungsdyspepsie 118, 496.
Gallengänge, Obliteration der 25, 101.
Gangrän bei Masern 715; — der Haut 687,
895, 897.
Gastromalaeie 122.
Gaumenaphthen 56; — geschwüre 57; —
knötchen 14.
Gehirn, Abscess des 273 ; — Atrophie des
275; — Geschwülste des 269; — Guni-
mata des 101, 272; — Hämorrhagie
des 252; — Hyperämie des 291; —
Sklero* des 279; — Tuberkel des 257,
308.
Gelenkleiden bei Scharlach 196, 453, 667;
— bei Syphilis 95 ; — mit Purpura 833 ;
— scrophulöses 849.
Geschrei 9, 19.
Glottisoedem 345, 602.
Gneis 887.
Gries 635.
H.
Habitus scrophulosus 843.
Hämatom der Bauchdecken 590; — des
Eectus 807; — des Sternomastoideus 35.
Hämoptysis 390, 412.
Hämorrhagie des Gehirns 252, 275.
Hämorrhagische Diathese 102, 418, 689,
831.
Hämorrhoiden 530.
Harngries 633.
Harnsäureinfarct 632.
Hautspalten nach Typhus 809.
Helminthiasis 158, 328, 524. 537.
Hemicranie 326.
Herz 15, 16.
Herzaneurysma 458.
Herzfehler 194; — angeborene 442.
Hinterkopf, weicher s. Craniotabes.
Hirnblasegeräusch 12.
Hoden, Syphilis der 96; — Krankheiten
der 487, 641.
Hydarthros 821.
Hydrooephaloid 295, 500.
Hydroeephalus acutus 290, 298; — chro-
nicus 267, 279; — externus 285.
Register.
905
Hydronephrose 631.
Hydrops scarlatinosus 614: — typhosus
807.
Hyperaesthesie, hysterisclie 213, 214.
Hypertrophie des Herzens 459, 606; —
'der Muskeln 250; — der Tonsillen 478,
S4S
Hysterie 202, 218, 327, 495.
Icterus 93, 581; — neonatorum 21.
Ileotyphus s. Typhus.
Ileus 522, 555.'
Impetigo 885.
Incontinentia faecalis 639.
Infektionskrankheiten , gleichzeitiges Auf-
treten der 649.
Intermittens 160, 254, 390, 815.
Intertrigo 85, 879, 881.
Intussusception 524.
Intubation des Larynx 354.
K.
Keratitis, scrophulöse 847.
Keuchhusten 171, 253, 336, 424, 623, 709.
Kiefer, Rachitis der 856.
Kinderlähmung 232.
Kindermehle 76.
Klappenhämatom 445.
Knochenleiden, rachitisches 864 ; — syphi-
litisches 89, 94, 113; — scrophulöses
S48.
Kopf 11.
Kopfschmerz 326, 828.
Kopfblasen 11.
Krise bei Typhus 788.
Kuhmilch 73, 127.
L.
Lachkrämpfe 182.
Lähmungen, cerebrale 251, 271; — diph-
therische 758, 761, 775; — periphe-
rische 226, 230, 242; — spinale 232; —
typhöse 792; — syphilitische 92.
Laparotomie 530, 559, 563.
Laryngitis 340; — submueosa 345.
Laryngoscop 9.
Larynxstenose 341.
Lebonsscliwäche 3, 31.
Leber, Abscesse der 543, 575 ; — Amyloid-
entartung 577; — Cirrhose 566, 573;
— Echinococcus 576; — Fettentartung
581; — Sarcom 576; -- Syphilis 97,
458, 575, 57*.
Leukämie 586, 844.
Liebig'sche Suppe 77.
Lichen-Strophulus 883.
Lithiasis 633; — vesicnlis 535, 633.
Lues s. Syphilis.
Lungen, Abscesse der 364, 386; — Ate-
lektase 49, 336, 361; — Brand 401.
421, 750, 805; — Entzündung 355,
374, 3S8; — Schrumpfung 391; —
Tuberculose 406.
Lungenarterie, Stenose der 444.
Lupus 845.
Lymphdrüsen, scrophulöse 843 ; — sy-
' politische 89, 113.
M.
Magen, Erweiterung des 119, 495; — ge-
schwüre 60, 488; -- Soor des 80; -
Spülung des 119, 123, 126, 161, 497.
Malaria 816.
Masern s. Morbilli.
Mastitis 37.
Mastdarm, Polyp des 159, 530: — Vor-
fall des 533"
Mediastinitis 455.
Melaena neonatorum 29.
Meningitis morbillosa 712; - purulenta
315; — scarlatinosa 670; — tubereu-
losa 297, 409, 417, 567.
Meningocele 34; — spuria 35.
Menstruation, frühzeitige 642.
Mesenterialdrüsen, Tuberculose der 559,
848.
Metastasen der Hautkrankheiten 878.
Migräne 326, 828.
Milch 72, 75; — condensirte 76.
Milchkoth 19.
Milchsecretion der Neugeborenen 38.
Miliartuberculose, acute 416.
Milztumor 99, 584, 826, 859, typhöser
794.
Morbilli 336, 347, 435, 698; — haemor-
rhagici 705; — spurii 718.
Morbus maculosus 254, 837.
Mortalität 2.
Mumps 480.
Mundbrand s. Noma.
Mundhöhle 9, 14, 483.
Myelitis, interstitialis 30.
Myocarditis 49, 457, 458, 757.
Myositis 36, 101, 663, 825.
N.
Nase, Entzündung der 328, vergl. Coryza.
Nephritis 18, 49, 512, 595, 836;— artificieUe
625; — chronica 614; — diplitherica
621, 754; — haemorrhagica 600, 612;
906
Register.
— morbillosa 621, 716; — searlati-
nosa 596; — syphilitica 628; — nach
Erkältung 62-1: — nach Intermittens
622; — nach Parotitis 482, 623; nach
Varicellen 022. 727: — ohne Albumi-
nurie 612.
Nestle's Mehl 76.
Neuralgien 215, 326.
Nickkrampf 177.
Nieren, amylo'ide Degeneration der 628;
— Entzündung der 595; — Sarcom
592.
Noma 469, 705: des Ohr 474.
Nystagmus 179, 180.
0.
Obstructio alvi 519.
Ordern 41, 630; — der Neugeborenen 47;
— periodisches 631.
Oedema glottidis 345. 602.
Oesophagus. Geschwür des 62: — Stenose
des 4s4.
Onanie 181, 219, 328.
Onychie 87.
Osteomyelitis, scrophulöse 848.
Ostitis.' multiple 848.
Otitis 273. 324.807: — scarlatiuosa 663;
morbillosa 709.
Otorrhoe, scrophulöse 846.
Oxyuris vermieularis 538,
P.
Pachymeningitis 256, 286, 323.
Paedarthrocace 91, 848.
Paralysen s. Lähmungen: — hysterische
208, 218: — des N. facialis 139, 226.
241, 664; — des Plexus braehialis 230.
Parotitis 480, 803.
l'ayor nocturnus 224. 4iü.
Pemphigus neonatorum 51: — syphiliti-
cus 55, S6 ; — bei Prurigo 885; — bei
Scharlach 688, bei Masern 701.
Percussion 5.
Pericarditis 397. 451. 454. 667, 818.
Periostitis alveolaris 145.
Peritonitis acuta 550, 607; -- chronica
.i.i.i;
tuberculosa 561.
Perityphlitis 550.
Pharyngitis s. Angina.
Phimose 221, 635.
Pleuritis 159, 381, 392, 658; - putrida
400; — tuberculosa 416.
Pneumonia 159; — catarrhalis 355; —
cerebratis :'>7s: — chronica 388; —
fibrinosa 374; — migrans 380; — scar-
latinosa 670; t\ phosa S04.
Polyp des Mastdarms 530.
Polyurie 68, 807.
Prurigo 884.
Prolapsus ani 533, 634.
Pseudocroup 132. 333. 369, 706.
Pseudohypertrophie der MuskelD m ■
Pseudoleukäniie 586, 844.
Pseudoparalysen 92.
Psychosen 203, 610, 688, <12; - bei
Typhus 791. . on_ , .
Puls 7, 8; — bei Meningitis 300; — Dei
Nephritis 604.
Punetion des Kopfes 288; — des Thorax
402. r , .
Purpura 177. 254. 419, 830: — fulminans
840; — hämorrhagica 837; — morbillosa
717: — rheumatica 625, 832; — scar-
latinosa 689.
Pyelitis 633.
R.
Rachenbräune s. Diphtherie.
Rachencroup 477.
Rachenhöhle 9.
Rachitis 91. 146, 154. 168, 280, 337, 577.
587, 855: — acute 859: — congenitale
870.
Reeidive bei Scharlach 690. 694: — bei
Typhus 810; — bei Lues 102: — bei
Chorea 189.
Respiration 7, 8, 9, 11.
Retropharyngealabscess 134. 679.
Rheumatismus 192, 446, 817; — acutus
817; — muscularis 819; — chronica
821: — searlatinosus 667.
Rhinitis 273, 324,331: — scrophulöse 43.
333, 846; — pseudomembranöse -"'32.
734: — siehe Coryza.
Rippen. Caries der 399.
Röthein 719.
Rose 39.
Roseola typhosa 795: — syphilitica 85.
Ruhr 513.
Rupia eaehectica 56. 895.
Salzbäder 852. 874.
Sarcom des Gehirns 269: — der Nieren
592: — des Unterleibs 590.
Scabies 626.
Scarlatina 229, 331, 452, 644, 652: — ma-
ligna 671, 682; — sine exanthemate 692.
Schädelknoohen, Krankheiten der 252, 296,
322.
Schädelnähte 13, 267. 288.
Scharlach, Angina bei dems. 656; — Croup
bei dems. 676; — Diphtheritis 488, 671,
681; — Exanthem.654,659; — Fieber655;
— Recidiv 690, 694; — Zunge 656.
Register.
907
Sclrwänruichen 78, 4ßg
Sclerenia 45.
Sclerodcrndo 51.
Sclerose des Gehirns 278, — der Nieren
629; — des Rückenmarkes 246.
Seorbut 860.
Scrophulose 841.
Seborrhoea capitis 887.
Selbstverdauung' des Magens 1 22.
Simulation 212. 217.
Sinus, Thrombose der 296.
Soor 78, 799.
Soorpilz 79.
Spasmus glottidis 154, 165; — nutans
177, 212.
Speichel 14.
Speien der Säuglinge 115.
Spinalparalyse, spastische 246, 278.
Spondylitis 141, 246, 849.
Status" gastricus 489, 784.
Stenosen des Darms 516, 522, 570; —
des Oesophagus 484.
Sternomastoideus, Haeniatoni des 35.
Stimmkrämpfe 207.
Stimmritzen krampt 154, 165.
Stomaeace 466, 472.
Stomatitis 146, 463; — aphthosa 147,
463; — diphtherica 714i — morbillosa
708; — scarlatinosa 679 ; — simplex
462; — ulcerosa 465, 466, 472.
Strophulus 883.
Stuhlverstopfung' 519.
Stuprum 111, 643.
Subglossitis 483.
Surrogate der Milch 75.
Synechie des Pericardium 456.
Synovitis scarlatinosa 196, 453, 667; —
typhosa 807.
Syphilis 3, 57, 84, 869; — adnata 104;
hereditaria 84; — tarda 103, 111, 575;
— vaccinalis 104.
T.
Taenia 547.
Taubheit 322, 482.
Tetanie 168.
Thermometrie 16.
Thorax. Deformität des 433, 856, 867.
Thrombose der Sinus 296; — der Vena
eava inf. 566; der Vena pulm. 257.
Thymus 171; bei Lues 99.
Trachei'tis s. Laryngitis.
Tracheotomie 45, 354, 769.
Tremor 176.
Tripper 635, 644.
Trismus neonatorum 26.
Tuberculose 3, 66, 406, 455, 842, 850; -
der Chorioidea 311; — des Gehirns 2.">7.
308; — des Hodens 642; — des Unter-
leibs 559, 570.
Tussis convulsiva 424.
Typhus abdominalis 82, 423. 77:):
exanthematicus 814.
ü.
Untersuchung 3.
Urämie 160, 605, 607.
Urethra, Atresio der 636; — Polyp der
642.
Urin 17, 599.
Urticaria 630.
Vaccination 45, 881, 891.
Vaginalblutung 642.
Varicellen 722.
Veitstanz 182.
Verhärtung des Zellgewebes S. Sclerem.
Vulva, Abscesse der 646 ; — Brand der
646; — Diphtherie der 646, 736; —
Entzündung der 643; — Geschwüre
der 644; — Herpes der 645.
w.
Wärme 17.
Wechselfieber s. Intermittens.
Windpocken s. Varicellen.
Wucherungen, adenoide 479.
Wurmabscesse 542.
z.
Zähne 114, 143, 147, 155, 856.
Zahnfleisch, Scaritication des 147.
Zunge 15. 83; — Aspiration der 133, 170.
Zungenbändchen, Geschwüre des 146, 428.
Gedruckt bei L. Schumacher in Berlin.
taa.%
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